- Wochenabschnitte
- Bemidbar
- Balak
בָּלָק
Balak
Bil'am, Segnungen und Prophezeiungen
- Wochenabschnitt
- 40 von 54
- Verse
- Bemidbar 22,2–25,9
- Teile
- 9
- Lesezeit
- 1 Std. 47 Min.
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Balak ist der Wochenabschnitt über Bil'am und den Versuch, Israel zu verfluchen, der sich in Segnungen verwandelt. Im Stenogramm von Alex Blend werden die Geschichte der Eselin, die Prophezeiungen und die Bedeutungen der Namen Jaakow und Israel betrachtet. Der Text des Buches Bemidbar auf Hebräisch wird von einer Transliteration, einer ÜbersetzungIm Original heißt es, der Text werde von einer russischen Übersetzung begleitet. Da sich das auf diese Seite selbst bezieht, steht hier neutral „einer Übersetzung“. und der religiösen Auslegung des Autors begleitet.
Darf ich vorstellen: Bil'am
Bemidbar 22,2–20
Mit Gottes Hilfe beginnen wir, ihr und ich, das Studium des Wochenabschnitts Balak und werden ab Vers 2 von Kapitel 22 des Buches Bemidbar lesen. Der Wochenabschnitt Balak unterscheidet sich von allen anderen Wochenabschnitten. Wir haben Wochenabschnitte gelesen, die aus verschiedenen Geschichten bestanden, von Thema zu Thema sprangen, und wir mussten eine gemeinsame Handlungslinie suchen. In unserem Wochenabschnitt ist die Erzählung mehr oder weniger geschlossen, und die ganze Handlung ist einheitlich und verständlich. Eine weitere Besonderheit des Wochenabschnitts ist, dass sich alles gleichsam hinter den Kulissen abspielt (wenn man mit den Augen Israels schaut). Im Lager Israels folgen Tage auf Tage, alles geht seinen Gang. Der Morgen beginnt wie gewöhnlich: Einer ist aufgestanden und hat Frühsport gemacht, einer ist aufgestanden und ist Man sammeln gegangen, und einer ist aufgestanden und ist Holz sammeln gegangen. Nichts kündigt Unheil an, niemand fürchtet Unheil. Doch es schläft nicht und schlummert nicht der Hüter Israels: Der Höchste lässt die Rettung Israels heranwachsen, selbst dann, wenn Israel um nichts besorgt ist. Genau davon, was hinter den Kulissen geschieht, lesen wir in unserem Wochenabschnitt. Und darin liegt auch für uns eine Lehre: Sehr oft wirkt der Höchste ebenso verborgen in unserem Leben. Wir können uns nicht einmal vorstellen, vor wie vielen Gefahren und Schwierigkeiten der Höchste uns bewahrt, sodass wir nicht einmal wissen, dass sie uns bedrohten. Also, lasst uns anfangen zu lesen.
וַיַּרְא בָּלָק בֶּן־צִפּוֹר אֵת כָּל־אֲשֶׁר־עָשָׂה יִשְׂרָאֵל לָאֱמֹרִי׃
wajár balák ben-zippór et kol-ascher-assá jisraél la'emorí
2 Und Balak ben Zippor sah alles, was Israel mit den Emoritern getan hatte.
Lasst uns beim Namen Balak ben Zippor innehalten. Der Name Balak stammt von der alten Wurzel bet-lámed-kuf und bedeutet der Öffnende, der Auftuende. Möglicherweise konnte man so einen Erstgeborenen nennen – der aufbricht, der den Mutterschoß öffnet. Zippór – das ist Vogel. Der Midrasch legt aus, dass dieser König irgendeinen ungewöhnlichen Star hatte, oder einen Wiedehopf, oder irgendeinen anderen sprechenden Vogel, der ihm Aufklärungsdaten zutrug, so eine Art märchenhafter goldener Hahn. Aber höchstwahrscheinlich ist es nach dem Pschat (dem einfachen Sinn) ein Mensch, der einfach so einen Namen hat, Balak ben Zippor. Und er sah alles, was zwischen Israel und den Emoritern geschehen war, sah den vollständigen Sieg Israels über dieses Volk. Die Emoriter waren auch nicht „irgendwer“, sie waren eine solide, ernsthafte Großmacht. Israel hat sie vollständig zerschlagen, und danach auch den König von Baschan. Und das jagte den umliegenden Völkern natürlich Angst ein.
וַיָּגָר מוֹאָב מִפְּנֵי הָעָם מְאֹד כִּי רַב־הוּא וַיָּקָץ מוֹאָב מִפְּנֵי בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
wajágor mo'áw mippené ha'ám me'ód ki raw-hú wajákoz mo'áw mippené bené jisraél
3 Und Moaw fürchtete sich sehr vor dem Volk, denn es ist zahlreich, und verhasst wurden die Söhne Israels in den Augen Moaws.
Natürlich macht das Auftauchen einer neuen einflussreichen Kraft in der Region Angst, einer Kraft, die mit wer weiß welchen Waffen, aus wer weiß welchen Motiven handelt. Offensichtlich hat der Geheimdienst gemeldet, dass Israel keine schwere Ausrüstung hat, dass sie weder Rammböcke noch Speere noch Kanonen noch Flugzeuge noch Hubschrauber haben, weder Waffen aus der Gegenwart noch Waffen aus der Zukunft. Und sie konnten nicht nur ein Land zerschlagen – vielleicht durch ihre große Zahl, vielleicht durch ihren Patriotismus. Und das ist natürlich beängstigend. Und es ist beängstigend, daran zu denken, beängstigend, mit dem Gedanken zu leben, dass neben dir eine so unverständliche und bedrohliche Kraft wirkt. Selbstverständlich wird das Angst machen, und das wird nicht wenig an den Nerven zerren, und darum wurden die Israeliten Moaw lästig, zuwider.
וַיֹּאמֶר מוֹאָב אֶל־זִקְנֵי מִדְיָן עַתָּה יְלַחֲכוּ הַקָּהָל אֶת־כָּל־סְבִיבֹתֵינוּ כִּלְחֹךְ הַשּׁוֹר אֵת יֶרֶק הַשָּׂדֶה וּבָלָק בֶּן־צִפּוֹר מֶלֶךְ לְמוֹאָב בָּעֵת הַהִוא׃
wajomer mo'áw el-sikné midján attá jelachachú hakkahál et-kol-sewiwoténu kilchóch haschór et jérek hassadé uwalák ben-zippór mélech lemo'áw ba'ét hahí
4 Und die Moawiter wandten sich an die midjanitischen Ältesten: „Jetzt wird dieses Gesindel unsere ganze Umgebung auffressen, wie die Ochsen alles Grün des Feldes abfressen.“ Zu jener Zeit aber war Balak ben Zippor König Moaws.
Dass sich die Moawiter an die Midjaniter wandten, ist an sich interessant, denn das waren zwei verfeindete Länder. Einige Kommentatoren sagen, dass sie sich nicht aus Liebe zueinander, sondern aus Angst vor Israel zusammengeschlossen haben. Andere sagen, dass sich gerade in diesem Moment die politische Lage so entwickelt hatte, dass diese Länder sich in einer gewissen politischen Konföderation befanden.
Es gibt also einen König in Moaw, er heißt Balak ben Zippor. Es gibt eine zugespitzte politische Lage, in der irgendwelche Kräfte außer dem König tuscheln, untereinander Verhandlungen darüber führen, dass man etwas tun muss: Dieses Volk wird die ganze Umgebung kahl fressen, wie ein Ochse ein Feld kahl frisst! Wir wissen, dass Israel eine solche Weisung hat: mit Moaw keinen Krieg zu führen. Aber wie soll man nicht fürchten, dass Israel, wenn es Kampfhandlungen beginnt, unter diesem Vorwand still und leise hier einen Wagen, da ein Pferd, dort noch etwas anderes requirieren wird. In jenen Zeiten wurde ebenfalls Requirierung praktiziert, wenn eine vorrückende Armee das Eigentum des Volkes jenes Landes, durch das sie zog, gewaltsam wegnahm oder zu irgendeinem Spottpreis kaufte: alles für die Front, alles für den Sieg. Natürlich ist das beängstigend. Und höchstwahrscheinlich kamen solche Gespräche auf: „Und Balak? Und was macht Balak?“ Balak muss nicht nur dafür sorgen, die Lage mit diesen Israeliten, die durch die Umgebung ziehen, irgendwie zu wenden. Balak muss außerdem irgendwie seine politische Stellung stärken, festigen. Und Balak tut Folgendes.
וַיִּשְׁלַח מַלְאָכִים אֶל־בִּלְעָם בֶּן־בְּעוֹר פְּתוֹרָה אֲשֶׁר עַל־הַנָּהָר אֶרֶץ בְּנֵי־עַמּוֹ לִקְרֹא־לוֹ לֵאמֹר הִנֵּה עַם יָצָא מִמִּצְרַיִם הִנֵּה כִסָּה אֶת־עֵין הָאָרֶץ וְהוּא יֹשֵׁב מִמֻּלִי׃
wajischlách mal'achím el-bil'ám ben-be'ór petóra aschér al-hannahár érez bene-ammó likro-ló lemór hinné am jazá mimmizrájim hinné chissá et-én ha'árez wehú joschew mimmulí
5 Und er sandte Gesandte zu Bil'am, dem Sohn Be'ors, nach Ptor, das am Fluss liegt, in das Land seines Volkes, um ihn zu rufen und ihm zu sagen: „Siehe, ein Volk, das aus Ägypten ausgezogen ist, und siehe, es hat die ganze Umgebung bedeckt (so weit der Blick reicht), und es sitzt hier, vor mir.
Bil'am ben Be'or ist, damit ihr es wisst, eine weithin bekannte Persönlichkeit, und das keineswegs nur in engen Kreisen, obwohl es für diese Erzählung, die wir jetzt lesen, keine lebenden Zeugen gab, keiner der Beteiligten dieser Geschichte hat sie aufgeschrieben, der Höchste hat sie Israel offenbart. Die Persönlichkeit Bil'ams ben Be'or (Bil'am Be'orowitsch) ist uns aus einem alten Denkmal bekannt. Im Jahr 1967 wurde bei Ausgrabungen in Tell Deir Alla, in Jordanien, ein gewisses Bauwerk entdeckt, das irgendwann, vor langer, langer Zeit, lange davor, durch ein Erdbeben zerstört worden war. Und an der Wand dieses Bauwerks war eine Inschrift, eine sehr alte Inschrift, die von einem Menschen erzählte, der Bil'am ben Be'or hieß. So wird sie rekonstruiert: „Inschrift Bil'ams, des Sohnes Be'ors, eines Menschen, der ein Seher der Götter war. Siehe, die Götter kamen nachts zu ihm und redeten mit ihm. Und nach diesen Worten sagten sie Bil'am, dem Sohn Be'ors, dass die letzten Tage kommen: Die Flamme, das Feuer der Strafe ist erschienen. Und Bil'am stand am nächsten Tag auf und war einige Tage in Trauer, konnte weder schlafen noch essen und weinte sehr. Und alle seine Leute kamen zu ihm und sagten zu Bil'am, dem Sohn Be'ors: ‚Was isst du nichts, warum weinst du?‘ Und er sagte zu ihnen: ‚Setzt euch, ich werde euch ein großes Unheil zeigen.‘“ Na ja, und so weiter. Dort folgt eine lange und sehr traurige Geschichte über eine Prophezeiung, die Bil'am ben Be'or empfangen hat. Der Inhalt der Inschrift ist für uns wahrscheinlich nicht sehr interessant, aber das Zeugnis selbst, dass Bil'am ben Be'or existiert hat und ein sehr bekannter Mensch war, so bekannt, dass er Menschen versammelte und über das Ende der Welt prophezeien konnte, das ist für uns ziemlich wichtig. Das heißt, eine in der Region sehr bekannte, sehr einflussreiche Persönlichkeit. Und sein Besuch bei Balak konnte Balak selbst sehr stark stützen – so wie es vielleicht dem Präsidenten eines kleinen Landes helfen würde, wenn das Oberhaupt irgendeiner großen Supermacht käme, neben ihm stünde und ihm einfach auf die Schulter klopfte. Eine populäre Persönlichkeit, deren Unterstützung Kraft verleiht.
Balak sendet also Gesandte zu Bil'am ben Be'or nach Ptor. Und Ptor liegt ziemlich weit entfernt, sogar am Ufer des Euphrat: aschér al-hannahár (das am Fluss liegt) – der Fluss ist eben der Euphrat.
Dieser Ausdruck, likro-ló (ihn zu rufen), scheint ein völlig gewöhnlicher Ausdruck zu sein. Jeschua sagte (Mt 22,14): „Viele sind gerufen, aber wenige auserwählt.“ Es gibt so ein Wort – gerufen. Das sind Menschen der Berufung, die man zu Versammlungen, zu Konferenzen ruft, Menschen als Schmuckstücke, Stars aller Ereignisse. In diesem Fall ist likro-ló derjenige, der zur politischen Unterstützung Balaks selbst gerufen wird, seines persönlichen politischen Status.
וְעַתָּה לְכָה־נָּא אָרָה־לִּי אֶת־הָעָם הַזֶּה כִּי־עָצוּם הוּא מִמֶּנִּי אוּלַי אוּכַל נַכֶּה־בּוֹ וַאֲגָרְשֶׁנּוּ מִן־הָאָרֶץ כִּי יָדַעְתִּי אֵת אֲשֶׁר־תְּבָרֵךְ מְבֹרָךְ וַאֲשֶׁר תָּאֹר יוּאָר׃
we'attá lecha-ná ara-lí et-ha'am hassé ki-azúm hu mimménni uláj uchál nakke-bó wa'agareschénnu min-ha'arez ki jadá'ti et ascher-tewaréch meworách wa'aschér ta'ór ju'ár
6 Nun aber, geh und verfluche dieses Volk, denn es ist stärker als ich. Vielleicht kann ich es dann schlagen und es aus dem Land vertreiben. Denn ich weiß, wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der wird verflucht sein.“
Die Kommentatoren machen auf eine Besonderheit dieser Sprache aufmerksam. Der, den du segnest, der ist gesegnet – das heißt, der Mensch ist bereits gesegnet, nicht du segnest ihn, es gibt keine Macht zu segnen. Bil'am sah, dass ein Mensch die Gunst Gottes hat, und segnete einen solchen Menschen, aus eigener Macht konnte er niemanden segnen. Aber wen du verfluchst, der wird verflucht sein – die Macht zu verfluchen gibt es, der Fluch hat Kraft. Ein sehr kluger politischer Schachzug. Israel führte im Laufe seiner ganzen Geschichte zahlreiche Kriege. Diese Kriege fanden natürlich sowohl in der geistigen als auch in der physischen Welt statt. Aber das Volk siegte dadurch, dass die Wurzel des Sieges Israels gerade in der geistigen Welt lag, seine Kraft ist keine physische Kraft, darin liegt der Unterschied. Und Balak versteht das möglicherweise gut. Und er versteht, dass, wenn die Wurzel geistig ist, auch die Gegenwirkung geistig sein muss. Und vielleicht erweist sich Bil'am als stärker als Der, Der hinter Israel steht, und kann das Volk verfluchen und damit Israel von dieser geistigen Unterstützung trennen, die es ihm ermöglicht zu siegen. Das ist es, wozu Balak braucht, dass Bil'am Israel verflucht. Wenn Bil'am Israel von der geistigen Steckdose trennt, dann kann Balak es möglicherweise besiegen. Balak organisiert also eine Delegation zum einflussreichsten Spezialisten jener Zeit, Bil'am ben Be'or.
וַיֵּלְכוּ זִקְנֵי מוֹאָב וְזִקְנֵי מִדְיָן וּקְסָמִים בְּיָדָם וַיָּבֹאוּ אֶל־בִּלְעָם וַיְדַבְּרוּ אֵלָיו דִּבְרֵי בָלָק׃
wajelechú siknéj mo'áw wesiknéj midján uksamím bejadám wajawóu el-bil'ám wajdabberú eláw diwré walák
7 Und es gingen die Ältesten Moaws und die Ältesten Midjans, und allerlei Zubehör, das zur Zauberei nötig ist – mit ihnen. Und sie kamen zu Bil'am und gaben ihm die Reden Balaks wieder.
Allerlei Zubehör, das zur Zauberei nötig ist, mit ihnen – das ist so die wahrscheinlichste Übersetzung des Textes. Damit Bil'am nicht sagen konnte: „Meine Kristallkugel ist gerade in Reparatur“, oder: „An meinem Pendel ist das Kettchen gerissen“, oder: „Das Pulver aus Krötenaugen ist ausgegangen.“ Und wir haben es gerade mitgebracht! Ganz zufällig haben wir im Gebüsch eine Dose mit Pulver aus Krötenaugen! Und dann kann Bil'am sich nicht herauswinden. Na ja, und außerdem liebt jeder Meister die Werkzeuge, die er bei der Arbeit benutzt, und wie die Geige für den Geiger, wie das Messer für den Metzger, so ist Pulver aus Krötenaugen das beste Geschenk für einen schwarzen Zauberer.
וַיֹּאמֶר אֲלֵיהֶם לִינוּ פֹה הַלַּיְלָה וַהֲשִׁבֹתִי אֶתְכֶם דָּבָר כַּאֲשֶׁר יְדַבֵּר יְהוָה אֵלָי וַיֵּשְׁבוּ שָׂרֵי־מוֹאָב עִם־בִּלְעָם׃
wajomer alehém línu fo hallájla wahaschiwotí etchém dawár ka'aschér jedabbér adonáj eláj wajeschewú sare-mo'áw im-bil'ám
8 Er sagte zu ihnen: „Übernachtet hier die Nacht, ich werde euch ein Wort zur Antwort geben, wie mir der HERR sagen wird.“ Und die Fürsten Moaws blieben bei Bil'am.
Bil'am sagt also: „Leute, ich gehe nicht einfach so, das passt mir nicht. Ich höre mir an, was der HERR mir sagen will.“ In Wirklichkeit ist Bil'am, wie wir später sehen werden, doch bereit zu gehen, aber er will (das sehen viele Kommentatoren, und viele Midraschim weisen darauf hin) gerecht erscheinen, das ist ihm wichtig. Er steht tatsächlich in einer persönlichen Beziehung zum Höchsten. Gott spricht mit Bil'am, und Bil'am weiß tatsächlich vieles. Wir werden in 24,16 lesen, dass er jodéja dá'at eljón (den Ratschluss des Höchsten kennt), die himmlischen Gesetze kennt, aber das spiegelt sich nicht sehr gut in seinen moralischen Eigenschaften wider: Obwohl er all das weiß, ändert er sich nicht sehr. Ja, er hat prophetische Kraft, er hat Wissen über Gott und hat irgendwelche, in moderner Sprache gesagt, prophetischen oder überprophetischen Fähigkeiten.
Die Weisen streiten darüber, ob er ein Zauberer oder einfach ein Magier war. Der Midrasch merkt an, dass Israel keinen Propheten hatte wie Mosche. Es gibt Kommentatoren, die auf der Grundlage dieses Midrasch sagen: „Israel hatte keinen, aber die Völker der Welt hatten einen, und das ist Bil'am.“ Andere sagen, dass Bil'am ein Zauberer war, auf der Grundlage dessen, was im Buch Jehoschua ben Nun (13,22) geschrieben steht: „Und Bil'am ben Be'or, den Hexenmeister (kossém), töteten die Söhne Israels …“ Das Wort kossém bedeutet Magier, Hexenmeister, im modernen Hebräisch – Zauberkünstler. Das heißt, man tötete Bil'am, der ein Zauberer war, aber eine solche Gnade hatte, dass der Höchste mit ihm verkehrte. Aber Bil'am nutzte diese Gnade weder zu seinem eigenen Wohl noch zum Wohl anderer.
וַיָּבֹא אֱלֹהִים אֶל־בִּלְעָם וַיֹּאמֶר מִי הָאֲנָשִׁים הָאֵלֶּה עִמָּךְ׃
wajawó elohim el-bil'ám wajomer mi ha'anaschím ha'élle immách
9 Und Gott kam zu Bil'am und sagte: „Was sind das für Leute bei dir?“
Einige Kommentatoren sagen, dass gerade hier bei Bil'am ein Zweifel aufkommt. Aha, dann ist dieser Gott also gar nicht so ein Allwissender, wenn Er fragt, was das für Leute sind. Andere Kommentatoren sagen, dass der Höchste gewöhnlich den Bösewichten solche halbrhetorischen Fragen stellt. Und die Bösewichte antworten auf solche Fragen: Dafür sind sie ja Bösewichte, dass sie nicht verstehen, was eine rhetorische Frage ist. Insbesondere sagte Kajin auf die Frage des Höchsten: „Wo ist Abel, dein Bruder?“: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ Und hier stellt der Höchste wieder eine rhetorische Frage, und Bil'am antwortet.
וַיֹּאמֶר בִּלְעָם אֶל־הָאֱלֹהִים בָּלָק בֶּן־צִפֹּר מֶלֶךְ מוֹאָב שָׁלַח אֵלָי׃
wajomer bil'ám el-ha'elohím balák ben-zippór mélech mo'áw schalách eláj
10 Und Bil'am antwortete Gott: „Es ist Balak Zipporowitsch, der moawitische König, der sie zu mir gesandt hat.
Auch Bil'am hebt zwei Ziele hervor. Einerseits das Erste, wozu Balak sie zu mir gesandt hat: eine solche Unterstützung von Bil'am zu bekommen – das ist das persönliche Ziel Balaks, selbst wenn Bil'am einfach nur kommt. Das wird in der russischen Übersetzung vielleicht nicht sehr erfasst, aber im hebräischen Text wird es ständig betont.
הִנֵּה הָעָם הַיֹּצֵא מִמִּצְרַיִם וַיְכַס אֶת־עֵין הָאָרֶץ עַתָּה לְכָה קָבָה־לִּי אֹתוֹ אוּלַי אוּכַל לְהִלָּחֶם בּוֹ וְגֵרַשְׁתִּיו׃
hinne ha'ám hajozé mimmizrájim wajchás et-én ha'árez attá lechá kawa-lí otó uláj uchál lehilláchem bo wegeraschtíw
11 Siehe, jenes Volk, das aus Ägypten ausgezogen ist und das ganze sichtbare Land bedeckt hat, nun geh und verfluche es mir, vielleicht kann ich mit ihm Krieg führen und werde es vertreiben.
Das ist andererseits ein weiteres Ziel Balaks. Lasst uns Vers 5 mit unserem, Vers 11, vergleichen, also die Version Balaks und die Version Bil'ams, die er dem Höchsten nacherzählt. Als Balak die Fürsten zu Bil'am sendet, sagt er (in Vers 5) hinné am jazá mimmizrájim (siehe, ein Volk, das aus Ägypten ausgezogen ist), das heißt, am jazá wird ohne bestimmten Artikel gebraucht – irgend so ein Völkchen, ein Völklein. Bil'am aber spricht, als er dem Höchsten erzählt, von dem Volk schon mit bestimmtem Artikel, ha'ám hajozé mimmizrájim. Bil'am versteht, dass für den Höchsten das Volk, das aus Ägypten ausgezogen ist, ein besonderes Volk ist. Außerdem gibt Bil'am die Worte Balaks und hat das ganze sichtbare Land bedeckt ein wenig anders wieder. Balak wiederholt das Wort zweimal, hinne … hinne (siehe … siehe): siehe, ein Volk, das aus Ägypten ausgezogen ist, und siehe, es hat die ganze Umgebung bedeckt, und durch diese doppelte Wiederholung ergab sich, dass Balak panischer sprach, als Bil'am es wiedergibt (wiederum lässt die russische Übersetzung das aus). Wenn also bei Balak die Lage zugespitzt wurde, so gibt Bil'am hier eine abgemilderte Version wieder. Bil'am windet sich ständig, wenn er ein und dasselbe wiedergibt, versucht ständig, es den einen wie den anderen recht zu machen. Weiter. Balak nahm an, dass er das Volk schlagen und aus dem Land vertreiben könne. In Bil'ams Wiedergabe klingt das abgemilderter: kann ich mit ihm Krieg führen und werde es vertreiben. Bil'am versucht also, dem Höchsten wiederzugeben, was das für ein Volk ist, glättet aber ein wenig die Kanten, mildert ein wenig die Umstände ab, da er versteht, dass möglicherweise der Zorn Gottes folgen wird.
וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים אֶל־בִּלְעָם לֹא תֵלֵךְ עִמָּהֶם לֹא תָאֹר אֶת־הָעָם כִּי בָרוּךְ הוּא׃
wajomer elohím el-bil'ám lo teléch immahem lo ta'ór et-ha'ám ki warúch hu
12 Und Gott sagte zu Bil'am: „Du wirst nicht gehen (oder geh nicht) mit ihnen, und verfluche das Volk nicht, denn es ist gesegnet.“
Der Höchste antwortet Bil'am mit einem eindeutigen „Nein“, und Bil'am gehorcht in diesem Fall dem Höchsten. Hier können wir uns eine völlig berechtigte Frage stellen – warum versucht der Höchste, Bil'am aufzuhalten? Er ist doch der Gebieter der Welt, der König des Universums, der Oberste Richter und kann durchaus alles aufhalten, was Bil'am sagt, seinen Fluch als ungültig betrachten und den Vermerk „ablehnen“ auf jede Depesche setzen, die Bil'am an das Himmlische Gericht zu schicken versucht. Warum hält der Höchste Bil'am dennoch auf – gleichgültig, wer er ist: ob Prophet, ob Zauberer, Falschprophet oder Scharlatan? Warum ist es wichtig, dass der Fluch nicht ausgesprochen wird? Erstens, weil schon die Tatsache, dass man Israel verfluchen kann, zu einem schlechten Zeugnis für die umliegenden Völker werden kann. Sie könnten denken, dass der Schutz dieses Volkes nicht so stark ist, wenn Bil'am einfach hergeht – und den Mund aufmacht und über dieses Volk alles sagt, was ihm einfällt, ohne jemanden zu fürchten. Zweitens, wenn das Volk Israel verflucht ist, könnten die Völker der Welt den Atem anhalten, den Atem lange, lange anhalten. Und wenn der Höchste irgendwann das Volk Israel für Sünden bestraft oder irgendein Unglück im Volk Israel wegen seines Abfalls von Ihm geschieht, dann werden Zeugen kommen, Historiker oder einfach Leute „guten“ Angedenkens, und sagen: „A-ha! Da ist er, der Fluch Bil'ams hat gewirkt! Bil'am hat es so gemacht, dass dieses Unheil über das Volk hereingebrochen ist!“ Außerdem hätte der Fluch, wenn er gelungen wäre, die Feinde zusammengeschweißt, hätte die Feinde Israels gestärkt. Natürlich kann der Höchste jede Kraft zunichtemachen, aber wozu den Feinden Gelegenheit geben, sich zu stärken? Und schließlich, wenn das Volk verflucht ist, dann werden auch nach vielen Jahrhunderten diejenigen, die sich daran erinnern, dass dieses Volk verflucht ist, möglicherweise einfach Bedenken haben, sich mit diesem Volk anzufreunden und mit ihm zu verkehren. Darum ist es sehr wichtig, dass dieser Magier sein eigenes Unvermögen bescheinigt und das Volk Israel nicht verfluchen kann. Auch passt zum Beispiel nicht die Variante mit einem Herzinfarkt, der Bil'am unterwegs hätte ereilen können, sodass Bil'am das Volk aus diesem Grund nicht verflucht hätte. Aber dann könnte man sagen, dass das ein Zufall war, ein Zusammentreffen von Umständen oder die Machenschaften jüdischer Schädlingsärzte, die sich in Bil'ams Umgebung eingeschlichen hatten. Nein, dem Höchsten ist wichtig, dass der Fluch nicht erklingt, damit alle sehen, dass Bil'am, umgeben von Ehre und Ehrbezeigungen, die Lieferung der Ware nicht gewährleisten kann, die „Fluch über das Volk Israel“ heißt. Möglicherweise spricht der Höchste deshalb mit ihm und zieht so einen „Anti-Mosché“, einen „Anti-Propheten“ unter den Heiden groß, um zu zeigen, dass ein starker Prophet, der mit Gott verkehrt (so nehmen es alle wahr), Israel dennoch nicht verfluchen kann.
וַיָּקָם בִּלְעָם בַּבֹּקֶר וַיֹּאמֶר אֶל־שָׂרֵי בָלָק לְכוּ אֶל־אַרְצְכֶם כִּי מֵאֵן יְהוָה לְתִתִּי לַהֲלֹךְ עִמָּכֶם׃
wajakóm bil'ám babbóker wajomer el-saré walák lechú el-arzechém ki me'én adonáj letittí lahalóch immachém
13 Und Bil'am stand am Morgen auf und sagte zu den Fürsten Balaks: „Geht in euer Land, denn der HERR verbietet mir, mit euch zu gehen.“
Wir sehen, dass der Höchste sich Bil'am sowohl als Elohím, als auch als Adonáj offenbarte. Hier sagt Bil'am wieder der HERR.
וַיָּקוּמוּ שָׂרֵי מוֹאָב וַיָּבֹאוּ אֶל־בָּלָק וַיֹּאמְרוּ מֵאֵן בִּלְעָם הֲלֹךְ עִמָּנוּ׃
wajakúmuIn der russischen Umschrift beginnt das erste Wort mit „wo-“. Der hebräische Text hat „wa-“, daher steht hier wajakúmu. saré mo'áw wajawóu el-balák wajomerú me'én bil'ám halóch immánu
14 Und die moawitischen Fürsten standen auf, und sie kamen zu Balak und sagten: „Bil'am weigert sich, mit uns zu gehen.“
Aber Balak gibt nicht so leicht auf.
וַיֹּסֶף עוֹד בָּלָק שְׁלֹחַ שָׂרִים רַבִּים וְנִכְבָּדִים מֵאֵלֶּה׃
wajossef od balák schelóach sarím rabbím wenichbadím me'élle
15 Und Balak entschloss sich noch einmal und sandte eine größere Anzahl von Obersten, und angesehenere als jene.
Balak beschloss, noch einen Versuch zu machen und eine ehrwürdigere Delegation zu Bil'am zu senden.
וַיָּבֹאוּ אֶל־בִּלְעָם וַיֹּאמְרוּ לוֹ כֹּה אָמַר בָּלָק בֶּן־צִפּוֹר אַל־נָא תִמָּנַע מֵהֲלֹךְ אֵלָי׃
wajawóu el-bil'ám wajomeru lo ko amár balák ben-zippór al-ná timmaná mehalóch eláj
16 Und sie kamen zu Bil'am und sagten zu ihm: „So hat Balak ben Zippor gesagt: Weigere dich nicht, zu mir zu kommen,
כִּי־כַבֵּד אֲכַבֶּדְךָ מְאֹד וְכֹל אֲשֶׁר־תֹּאמַר אֵלַי אֶעֱשֶׂה וּלְכָה־נָּא קָבָה־לִּי אֵת הָעָם הַזֶּה׃
ki-chabbéd achabbédcha me'ód wechól ascher-tomár eláj e'essé ulcha-ná kawá li et ha'ám hassé
17 Denn mit großer Ehre werde ich dich ehren, alles, was du mir sagst, werde ich tun! Geh doch und verfluche mir dieses Volk!“
Was tut Bil'am, der die Antwort doch anscheinend schon kennt?
וַיַּעַן בִּלְעָם וַיֹּאמֶר אֶל־עַבְדֵי בָלָק אִם־יִתֶּן־לִי בָלָק מְלֹא בֵיתוֹ כֶּסֶף וְזָהָב לֹא אוּכַל לַעֲבֹר אֶת־פִּי יְהוָה אֱלֹהָי לַעֲשׂוֹת קְטַנָּה אוֹ גְדוֹלָה׃
wajá'an bil'ám wajomer el-awdé walák im-jitten-lí walák meló wetó késsefIn der russischen Umschrift endet das Wort für „Silber“ auf w. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: késsef. wesaháw lo uchál la'awór et-pí adonáj eloháj la'assót ketanná o gedolá
18 Und Bil'am antwortete und sagte zu den Knechten Balaks: „Selbst wenn Balak mir ein Haus voll Silber und Gold gibt, werde ich den Befehl des Mundes des HERRN, meines Gottes, nicht übertreten, im Kleinen oder im Großen.
Da ist, so scheint es, eine schöne und eines Gerechten würdige Antwort, die Bil'am seinen Gästen gibt. Und sehr lehrreich: Seht, Bil'am glaubt so sehr an den HERRN, dass er um keinen Preis, für keine Schmuckstücke, selbst nicht für ein Haus voll (und Balak hat wahrscheinlich ein ziemlich großes Haus) Silber und Gold – um nichts in der Welt einwilligen wird, vom Wort des Höchsten abzuweichen. Nur wissen wir, dass Bil'am hier nicht sehr aufrichtig ist. Wir wissen das aus Bil'ams weiteren Taten, wir wissen das aus dem Brief des Kefa, aus dem Brief Jehudas. Aus allen jüdischen Quellen wissen wir, dass diese Erklärung Bil'ams nur zur Schau ist. In der Mischna, im Traktat Awot (5,19), gibt es ein interessantes Fragment, das unsere Geschichte betrifft. Die Mischna sagt Folgendes: „Wer die drei folgenden Eigenschaften besitzt, gehört zu den Schülern unseres Stammvaters Awraham, und [wer] drei Eigenschaften [besitzt, die noch weiter unten aufgezählt sind], gehört zu den Schülern des Bösewichts Bil'am. Ein gutes Auge, ein demütiger Geist und Bescheidenheit der Wünsche sind den Schülern unseres Stammvaters Awraham eigen. Ein böses Auge, Hochmut des Geistes und Zügellosigkeit der Wünsche sind den Schülern des Bösewichts Bil'am eigen.“ Nun, es ist scheinbar verständlich, wie Awraham positive Eigenschaften lehrt. Aber die hier aufgezählten negativen Eigenschaften: das böse Auge, der Hochmut, die Zügellosigkeit der Wünsche – wer wird das lernen wollen, wer muss das lernen? Jeder Bösewicht kann das auch selbst, ganz ohne Lehrer. Der chassidische Lehrer, der Admor Sfat Emet, sagt dazu Folgendes: Bil'am verstand es, diese Eigenschaften als Heiligkeit zu tarnen, er verstand es, mit falscher Heiligkeit diese seine Bedürfnisse zu befriedigen, und wenn die Leute sagten: „Seht, wie bedeutend er ist! Und wie bescheiden er obendrein ist!“, dann brachte ihm diese Bescheidenheit zusätzlich Ehre und die Freude des Ruhms ein. Das ist in Wahrheit eine sehr große Versuchung für jeden Menschen, wenn ein Mensch, indem er sich selbst betrügt, indem er andere betrügt, heilig erscheint. Und er gewöhnt sich so sehr daran, andere zu betrügen und sich als heilig hinzustellen, er übt diese schauspielerische Heiligkeit so sehr ein, dass es da schon schwer ist, zu bereuen. Denn der Mensch beginnt zu denken: „Habe ich bereut, oder spiele ich die Reue nur?“ Das ist wirklich eine sehr ernste Falle für den Menschen. Die Weisen, die Chassidim, alle, die ein geistliches Leben führen, haben das bemerkt. Zur Schau gestellte Heiligkeit ist ein Fangeisen, und Bil'am treibt sich hier wirklich selbst in das Fangeisen, weil er sowohl gute Beziehungen zum Höchsten haben will (so wie er sich das vorstellt) als auch in den Augen der Umgebung gerecht aussehen und Geld dazuverdienen und sich auf Kosten des Volkes Israel mit Ruhm PR verschaffen und gute Beziehungen zu Balak herstellen, indem er tut, worum Balak bittet.
וְעַתָּה שְׁבוּ נָא בָזֶה גַּם־אַתֶּם הַלָּיְלָה וְאֵדְעָה מַה־יֹּסֵף יְהוָה דַּבֵּר עִמִּי׃
we'attá schewú na wasé gam-attém hallájla we'ede'á ma-josséf adonáj dabbér immí
19 Nun, gut, auch ihr übernachtet hier, und ich werde erfahren, was der HERR weiter mit mir reden wird.“
וַיָּבֹא אֱלֹהִים אֶל־בִּלְעָם לַיְלָה וַיֹּאמֶר לוֹ אִם־לִקְרֹא לְךָ בָּאוּ הָאֲנָשִׁים קוּם לֵךְ אִתָּם וְאַךְ אֶת־הַדָּבָר אֲשֶׁר־אֲדַבֵּר אֵלֶיךָ אֹתוֹ תַעֲשֶׂה׃
wajawó elohím el-bil'ám lájla wajomer lo im-likró lechá báu ha'anaschím kum lech ittám we'ách et-haddawár ascher-adabbér elécha otó ta'assé
20 Und Gott kam in der Nacht zu Bil'am und sagte zu ihm: „Wenn diese Leute gekommen sind, dich zu rufen, steh auf und geh mit ihnen, aber das, was Ich dir sage, das wirst du tun.“
Ein Esel auf einem Esel, ein Blinder auf einem Blinden
Bemidbar 22,21–41
Mit Gottes Hilfe setzen wir, ihr und ich, das Studium des Wochenabschnitts Balak fort und werden ab Vers 21 von Kapitel 22 des Buches Bemidbar lesen. Letztes Mal haben wir, ihr und ich, Bil'am kennengelernt, ihn ein wenig näher kennengelernt und sind dabei stehen geblieben, dass Bil'am nachts im Traum (oder in einer Vision) die zweite Offenbarung vom Höchsten erhielt, in der der Höchste ihm scheinbar erlaubte, mit den Leuten Balaks zu gehen.
וַיָּקָם בִּלְעָם בַּבֹּקֶר וַיַּחֲבֹשׁ אֶת־אֲתֹנוֹ וַיֵּלֶךְ עִם־שָׂרֵי מוֹאָב׃
wajákamIn der russischen Umschrift steht im ersten Wort („und er stand auf“) ein o statt eines a. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: wajákam. bil'ám babbóker wajachawósch et-atonó wajélech im-saré mo'áw
21 Und Bil'am stand am Morgen auf und sattelte seine Eselin und ging mit den moawitischen Anführern.
Seht, was für eine Ähnlichkeit mit dem, was mit Awraham geschieht. Diese Parallele, die wir im Traktat Awot de-Rabbi Natan lesen, entsteht keineswegs aus dem Nichts. Lasst uns schauen: Als Awraham den Befehl des Höchsten hört, hinzugehen und Jizchak als Opfer darzubringen, steht er am Morgen auf, sattelt den Esel und geht mit zwei Begleitern (Raschi sagt uns, dass das Elieser und Jischmael sind). Und hier sattelt Genosse Bil'am ebenfalls die Eselin und geht sogleich mit zwei jungen Männern (wir werden von ihnen in Vers 22 lesen), es gibt da eine solche offensichtliche Ähnlichkeit mit dem Stammvater Awraham.
Also, Bil'am erhielt vom Höchsten die Erlaubnis, mit den moawitischen Anführern zu gehen, sattelte die Eselin und ging.
וַיִּחַר־אַף אֱלֹהִים כִּי־הוֹלֵךְ הוּא וַיִּתְיַצֵּב מַלְאַךְ יְהוָה בַּדֶּרֶךְ לְשָׂטָן לוֹ וְהוּא רֹכֵב עַל־אֲתֹנוֹ וּשְׁנֵי נְעָרָיו עִמּוֹ׃
wajichar-áf elohím ki-holéch hu wajit'jazzéw mal'ách adonáj baddérech lesatán lo wehú rochéw al-atonó uschné ne'aráw immó
22 Und der Höchste entbrannte im Zorn, dass er ging. Und der Engel des HERRN stellte sich auf den Weg, um (wenn man wörtlich übersetzt – ihm zu satánen) ihm ein Hindernis zu sein, er aber reitet so vor sich hin auf der Eselin, und zwei junge Männer mit ihm.
Nicht ganz verständlich, ja? Der Höchste hat ihm in Vers 20 gesagt: „Wenn sie gekommen sind, dich zu rufen, dann geh.“ Und als Bil'am ging, wurde der Höchste zornig. Worin besteht der Sinn der Erlaubnis des Höchsten, und warum wurde der Höchste denn zornig? Die erste Antwort gibt Rabbi Schlomo Jizchaki, der eine Erklärung aus dem Talmud anführt, aus dem Traktat Makkot, Blatt 10, wo gesagt ist: „Den Menschen führt man auf dem Weg, auf dem er gehen will.“ Das heißt, der Höchste erzieht den Menschen, arbeitet mit ihm durch den Weg, den der Mensch selbst für sich wählt. Im Buch des Propheten Jeschajahu (48,17) lesen wir: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt, nützlich zu sein, der dich auf dem Weg leitet, auf dem du gehst.“ Das heißt, der Mensch hat den Weg gewählt, auf dem er gehen und lernen will. Auf diesem Weg – ob er durch die Wüste führt, durch die Steppe oder durch einen Apfelgarten – lehrt der Höchste den Menschen. Dort, im Talmud, wird noch eine Quelle angeführt, aus Mischle (3,34): „Wenn Er über die Spötter spottet, so gibt Er den Demütigen Gnade.“ Willst du den Weg eines Komikers gehen oder den Weg der Demut – entsprechend wird man mit dir umgehen. Darum sagte der Höchste das erste Mal zu Bil'am: „Ich will nicht, dass du gehst.“ Bil'am zeigt so etwas fast Kindliches: „Aber ich will! Na, vielleicht darf ich doch? Vielleicht kann ich etwas verdienen, ob ein bisschen Geld, ob Ehre?“ Und da sagt der Höchste zu ihm: „Gut, geh. Willst du diesen Weg gehen? Geh. Ich werde mit dir fertig. Ich werde die nötigen Ergebnisse erreichen, sowohl mit dir als auch mit dem Volk und mit der ganzen Situation, wenn du diesen Weg gehst.“ Das ist das Prinzip des freien Willens, und genau diese Position führt Rabbi Schlomo Jizchaki in seinem Kommentar an.
Aber wenn wir vom freien Willen und von der Erlaubnis sprechen, warum hat der Höchste das nicht beim ersten Mal gesagt? Warum nicht schon beim ersten Mal Bil'am erlauben zu gehen? Ein mögliches Verständnis, das andere Kommentatoren vorschlagen, ist folgendes: Der Höchste sagte zu Bil'am: „Wenn es nur zur Unterstützung Balaks ist, dann geh, aber du wirst tun, was Ich dir sage.“ Das heißt, wenn es für persönliche Ziele Balaks ist (womit wir diese Geschichte begonnen haben), wenn sie einfach gekommen sind, dich zu rufen, dann geh mit ihnen, aber verfluche Mein Volk nicht. Er aber ging mit der Absicht, das Volk zu verfluchen, und darum wurde der Höchste zornig auf Bil'am.
Und weiter wieder eine interessante Wendung der Handlung. Wir haben davon gesprochen, dass Israel nicht weiß, was geschieht, nicht weiß, dass diese ganze Geschichte gegen es angezettelt wird, aber der Höchste wirkt zur Rettung Israels. Hier reitet Bil'am ebenfalls so vor sich hin auf der Eselin, singt Lieder und weiß nicht und sieht nicht, dass der Engel schon auf seinem Weg steht.
וַתֵּרֶא הָאָתוֹן אֶת־מַלְאַךְ יְהוָה נִצָּב בַּדֶּרֶךְ וְחַרְבּוֹ שְׁלוּפָה בְּיָדוֹ וַתֵּט הָאָתוֹן מִן־הַדֶּרֶךְ וַתֵּלֶךְ בַּשָּׂדֶה וַיַּךְ בִּלְעָם אֶת־הָאָתוֹן לְהַטֹּתָהּ הַדָּרֶךְ׃
wattére ha'atón et-mal'ách adonáj nizzáw baddérech wecharbó schelufá bejadó wattét ha'atón min-haddérech wattélech bassadé wajách bil'ám et-ha'atón lehattotá haddárech
23 Und die Eselin sah den Engel Gottes, der auf dem Weg stand, mit gezücktem Schwert in seiner Hand, und die Eselin wich vom Weg ab und ging ins Feld. Und Bil'am schlug die Eselin, um sie auf den Weg zurückzubringen.
Die Eselin sah, Bil'am aber sah nicht und reitet seelenruhig weiter. Es gibt dazu eine interessante Parallele aus dem Midrasch (wir kehren wieder zu Awraham zurück), als Awraham den Berg von Weitem sah. Der Midrasch sagt, dass Awraham eine Wolke sah, eine gewisse besondere Wolke, die über dem Berg war, und die jungen Männer, die neben ihm standen, also Elieser und Jischmael, fragte: „Seht ihr die Wolke?“ Sie sagten: „Nein.“ Awraham sagte zu ihnen: „Ihr seht die Wolke nicht, und der Esel sieht die Wolke nicht, deshalb bleibt ihr zusammen mit dem Esel, und ich gehe.“ Der Midrasch ist natürlich später geschrieben als der Text der Tora, aber er enthüllt eine gewisse Facette dessen, was in unserer Geschichte geschieht. Dieser allsehende Bil'am, der weiß, was oben geschieht, kann den Engel Gottes nicht sehen, der Esel aber sieht ihn. Eine erstaunliche Schande für einen Propheten vom Rang Bil'ams, und auch einfach für einen Hinterhof-Hellseher ist es eine Schande. Möglicherweise sagt dieses Bild viel über den Charakter Bil'ams selbst aus, wie auch die Tatsache, dass Bil'am mehr für seine Flüche bekannt ist als für seine Segnungen (nach dem Zeugnis Balaks selbst). Wie auch die Tatsache, dass Bil'am in diesem Fall den Engel Gottes nicht sehen kann, die Intonation in den Worten des Höchsten nicht erkennt und den Willen des Höchsten nicht bis zum Ende versteht. Ein Mensch, der prophetisches Wissen besitzt oder etwas weiß, was andere nicht wissen, geht ebenfalls auf irgendeinem Weg, und auf diesem Weg wird auch er geführt. Sowohl in der Prophetie als auch im „Überwissen“ kann man irgendeine Richtung wählen. Man kann das Wort des Höchsten studieren (lassen wir die Prophetie beiseite), man kann die Tora, die Schrift studieren, um mit dem Finger auf diese und jene zu zeigen, zu verurteilen, Schuldige zu suchen und zu finden, Menschen ihrer Sünden zu überführen, darin die Ursachen von Krankheiten und Flüchen zu finden oder Gründe zu finden, um Menschen zu verfluchen. Man kann aber dieselbe Schrift auch dazu benutzen, zu heilen, zum Guten zu lenken und etwas zu tun, um diese Welt zu verbessern, den Willen Gottes zu erfüllen. Sogar wenn man die Schrift studiert, kann man mit eben dieser Schrift den Willen Gottes übertreten.
Es gibt so eine Anekdote, die von Lehrern erzählt. Es gibt sie in verschiedenen Varianten, weil, wie gewöhnlich, wenn eine solche Geschichte weitergegeben wird, sich die Zeit der Ereignisse und irgendwelche Details ändern können, aber der Grundrahmen bleibt. Es war einmal ein Mädchen, das man mit einem anscheinend anständigen jungen Mann verheiratete. Sie lebten vier Monate zusammen in der Ehe (unklar, ob es glückliche Monate waren oder nicht), und der Mann verschwand. Manche sagen, er hinterließ einen Zettel: „Such mich nicht.“ Manche sagen, er ging einfach hinaus und verschwand. Andere sagen, er reiste in ferne Länder und kehrte nicht zurück. Verschwunden. Was tun? Na, weh der Frau, sie ist weder geschieden noch verheiratet noch Witwe (auf Hebräisch heißt das aguná, wörtlich die Gebundene, und auf Russisch kann man wohl sagen: Strohwitwe). Es vergehen fünf Jahre. Ein Mann taucht auf und sagt: „Ich bin dein Mann“, und er weiß alles über sie, bis in die kleinsten Einzelheiten. Und auch die Einrichtung des Hauses, wie sie war, als er es verließ, kennt er bis in die kleinsten Einzelheiten, und er erkennt alles wieder, erzählt ihr von allem. Und anscheinend ist er es, da ist er, der Mann, er ist zurückgekehrt, und er sieht ihm sogar irgendwie ähnlich, aber aus irgendeinem Grund sagt das Frauenherz: „Nein, das ist nicht mein Mann.“ Sie stürzte zum Vater, der Vater stürzte zum Rabbiner, und der Rabbiner sagte: „Lass uns diesen Mann prüfen.“ Und wie beschlossen sie, ihn zu prüfen? Am Freitag, vor dem Schabbatgebet, gehen der Schwiegervater (oder der Schwiegervater in Anführungszeichen, wir wissen es noch nicht) und der Schwiegersohn in die Synagoge. Der Schwiegervater sagt zu ihm: „Geh du zu unseren Plätzen, ich komme gleich.“ Und da – so ein Pech! – weiß der Schwiegersohn nicht, wo ihre Plätze in der Synagoge sind. Und es beginnt eine Untersuchung. Nach einigem körperlichen Druck gesteht der junge Mann, dass er einfach beschlossen hatte, sich als der Ehemann auszugeben, der Mann dieser Frau aber in Wirklichkeit umgekommen ist. Lange Zeit hatten sie zusammen auf irgendeinem Schiff gedient, und der Mann prahlte mit seiner schönen Frau, und dieser Mensch fragte ihn über alles bis in alle Einzelheiten aus. Er bekam Zugang zu allen Informationen, erfuhr alles, was möglich war, sogar über irgendwelche Besonderheiten ihres Körpers, über irgendwelche Muttermale, über irgendwelche Rundungen: Da der Mann kein sehr bescheidener Mensch war, hatte er das alles mit ihm geteilt. Das heißt, dieser Mensch hatte nach allem gefragt – nach der Küche, nach dem Körper, nach dem Haus –, aber es kam ihm nicht in den Sinn, nach dem zu fragen, was den Dienst betrifft, nach dem, was die Heiligkeit betrifft.
So etwas kann auch uns passieren, wenn wir die Schrift studieren, wenn wir Offenbarungen suchen. Und wir können sagen: „Ich will verstehen, wie ich finanziell Erfolg haben könnte.“ Das ist natürlich gut, finanziell Erfolg zu haben, dafür einen Segen zu bekommen ist eine gute Sache, aber dabei kann der Wunsch, dem Höchsten zu dienen, auch gar nicht erst entstehen. Im dritten Brief des Jochanan, im 2. Vers, steht eine solche Verheißung geschrieben: „Ich bete, dass du gesund bist und in allem gedeihst, so wie deine Seele gedeiht.“ Aber wenn wir nur das Gedeihen des Körpers wollen, ohne das Gedeihen der Seele, dann ist das nicht richtig. Oder wir können sagen: „Ich will mithilfe der Bibel herausfinden, wie ich eine gute Frau finde. Ich finde mir ein Mädchen, werde ihr mithilfe der Bibel das Gehirn waschen, ihr Gehirn wird sich ändern, ich heirate sie, werde ihr Haupt sein, aber auch mir wird Christus das Haupt sein. Na, dann werden wir aber leben!“ Das ist schon ein ganz bestimmter Weg, und die Frage ist, ob es auf diesem Weg einen Dienst für den Höchsten gibt.
Bil'am hat also tatsächlich den Namen Gottes benutzt, wusste tatsächlich, wer gesegnet ist, und er konnte segnen, und er konnte tatsächlich auch verfluchen, aber gerade zu solchen Menschen kann am Ende gesagt werden: „Geht weg, Ich habe euch nie gekannt, ihr, die ihr Gesetzlosigkeit übt.“ Wir sehen das an seinem selektiven Sehen, wenn er den Engel Gottes nicht sehen kann – er, der chosé (Seher, Wahrsager), sieht den Engel Gottes nicht und wird ihn nicht sehen, bis der Höchste ihm die Augen öffnet.
Unterdessen kehrte die Eselin auf den früheren Weg zurück.
וַיַּעֲמֹד מַלְאַךְ יְהוָה בְּמִשְׁעוֹל הַכְּרָמִים גָּדֵר מִזֶּה וְגָדֵר מִזֶּה׃
waja'amód mal'ách adonáj bemisch'ól hakkeramím gadér missé wegadér missé
24 Und da stellte sich der Engel in einen schmalen Übergang (Durchgang) zwischen den Weinbergen – auf der einen Seite ein Zaun, und auf der anderen Seite ein Zaun.
Zum zweiten Mal erscheint der Engel, zum zweiten Mal hindert er die Eselin am Durchkommen.
וַתֵּרֶא הָאָתוֹן אֶת־מַלְאַךְ יְהוָה וַתִּלָּחֵץ אֶל־הַקִּיר וַתִּלְחַץ אֶת־רֶגֶל בִּלְעָם אֶל־הַקִּיר וַיֹּסֶף לְהַכֹּתָהּ׃
wattére ha'atón et-mal'ách adonáj wattillachéz el-hakkír wattilcház et-régel bil'ám el-hakkír wajossef lehakkotá
25 Und die Eselin sah den Engel des HERRN und drückte sich an die Wand und drückte Bil'ams Fuß an die Wand, und er schlug sie noch einmal.
Die Midraschim erzählen (wie könnte man an einer solchen Einzelheit vorbeigehen), dass Bil'am davon für sein ganzes Leben hinkend wurde. Zum zweiten Mal erscheint der Engel auf dem Weg, zum zweiten Mal weicht die Eselin vom Weg ab, versucht, den Engel zu umgehen, und zum zweiten Mal schlägt Bil'am sie.
מַלְאַךְ־יְהוָה עֲבוֹר וַיַּעֲמֹד בְּמָקוֹם צָר אֲשֶׁר אֵין־דֶּרֶךְ לִנְטוֹת יָמִין וּשְׂמֹאול׃
wajossef mal'ach-adonáj awór waja'amód bemakóm zar aschér en-dérech lintót jamín usmól
26 Und der Engel des HERRN fuhr fort und stellte sich an eine sehr enge Stelle, dort, wo man ihn weder rechts noch links umgehen kann.
וַתֵּרֶא הָאָתוֹן אֶת־מַלְאַךְ יְהוָה וַתִּרְבַּץ תַּחַת בִּלְעָם וַיִּחַר־אַף בִּלְעָם וַיַּךְ אֶת־הָאָתוֹן בַּמַּקֵּל׃
wattére ha'atón et-mal'ách adonáj wattirbáz táchat bil'ám wajichar-áf bil'ám wajách et-ha'atón bammakkél
27 Und die Eselin sah den Engel des HERRN und legte sich unter Bil'am nieder, und Bil'am wurde zornig und schlug die Eselin zum dritten Mal mit dem Stock.
Zum dritten Mal stellt sich der Engel in den Weg, und wieder, zum dritten Mal, handelt die Eselin entsprechend, und zum dritten Mal schlägt Bil'am die Eselin. Und da geschieht ein Wunder!
וַיִּפְתַּח יְהוָה אֶת־פִּי הָאָתוֹן וַתֹּאמֶר לְבִלְעָם מֶה־עָשִׂיתִי לְךָ כִּי הִכִּיתַנִי זֶה שָׁלֹשׁ רְגָלִים׃
wajiftách adonáj et-pí ha'atón wattómer lewil'ám me-assíti lechá ki hikkitáni se schalósch regalím
28 Und der HERR öffnete den Mund der Eselin, und sie sagte zu Bil'am: „Was habe ich dir getan, dass du mich schon zum dritten Mal schlägst?“
Und wieder können wir eine bestimmte Parallele zu Awraham sehen, aus derselben Mischna im Traktat Awot, die von zehn Wesenheiten spricht, die vor dem Anbruch des Schabbat in den ersten Tagen der Schöpfung erschaffen wurden. Unter ihnen sind auch das Lamm, das sich mit den Hörnern in den Zweigen verfangen hatte, und der Mund der Eselin (natürlich nicht der Kiefer der Eselin, nicht ihr Sprechapparat, den sie nicht hat, sondern die Möglichkeit zu sprechen selbst). Das heißt, wenn man das aus der Sprache der Mystik in eine einfachere Sprache übersetzt: Vor dem Schabbat hatte der Höchste im Plan der Schöpfung bestimmte Punkte, Orte der Begegnung mit dem Universum, und das waren unter anderem auch das Lamm und Bil'ams Eselin. Und das bringt uns zu dem zurück, was wir schon gesagt haben: Awraham ging seinen Weg, und für ihn ist auf diesem Weg im Voraus ein Lamm vorgesehen. Bil'am ging seinen Weg, ließ den Esel nicht zurück, wie Awraham es tat, sondern ging unter der Führung des Esels, und auf seinem Weg ist ein sprechender Esel bereitet.
Sehr viele Menschen ritten in jenen Zeiten auf Eseln, auf Eselinnen. Esel sind das verbreitetste, billigste, zugänglichste Transportmittel. Man muss sagen, dass die Esel Pech gehabt haben – sie sind keine sehr geachteten Tiere, und dumme Menschen beschimpft man als Esel, und die Haltung gegenüber Eseln ist geringschätzig, und man schlägt sie ziemlich oft. Aber dass Esel sprechen – das kommt natürlich in Märchen und Zeichentrickfilmen vor, im Alltag aber waren Esel keine redseligen Gesellen. Und hier sehen wir, dass ein Wunder geschah und die Eselin mit Bil'am zu sprechen begann. Und man könnte eine erstaunte Reaktion erwarten: „Na so was, die Eselin hat gesprochen!“, oder: „Warum hast du denn vorher geschwiegen?“, oder: „Du kannst also sprechen?!“ Aber Bil'am reagiert so, als ob nichts Besonderes geschehen wäre, und antwortet der Eselin einfach auf ihre Frage.
וַיֹּאמֶר בִּלְעָם לָאָתוֹן כִּי הִתְעַלַּלְתְּ בִּי לוּ יֶשׁ־חֶרֶב בְּיָדִי כִּי עַתָּה הֲרַגְתִּיךְ׃
wajomer bil'ám la'atón ki hit'allált bi lu jesch-chérew bejadí ki attá haragtích
29 Und Bil'am sagte zu der Eselin: „Du hast mich ja verhöhnt! Wenn ich ein Schwert in den Händen hätte, würde ich dich jetzt gleich hier auf der Stelle umbringen!“
Die sprechende Eselin, so sagt der Midrasch, lachte an dieser Stelle. Tatsächlich, es ist lächerlich: Der große Seher, Illusionist, Magier und Zauberer, der im Begriff ist, ein ganzes Volk zu verfluchen, kann ohne Schwert nicht mit einer einfachen Eselin fertigwerden. Schäm dich, Genosse! Was für eine ungeheuerliche Unprofessionalität!
Trotzdem bleibt die Frage: Warum hat sich Bil'am nicht gewundert, dass die Eselin mit ihm zu sprechen begann? Ich denke, die ganze Sache ist die, dass Bil'am sich vorstellen konnte, er sehe eine solche Vision, eine Offenbarung, dass die Eselin nicht in Wirklichkeit mit ihm spricht. Die Realität eines Menschen, der sich mit solchen Dingen beschäftigt, ist oft verschoben, und mit ihm sprechen nicht nur Esel, sondern auch Steine, Affen und Fische. Deshalb hat er sich nicht gewundert, sondern fing einfach an, mit der Eselin zu streiten, und ihr obendrein noch mit einer Blankwaffe zu drohen. Na, und die Eselin ist, genau genommen, auch nicht sehr erstaunt und setzt das Gespräch mit ihm fort.
וַתֹּאמֶר הָאָתוֹן אֶל־בִּלְעָם הֲלוֹא אָנֹכִי אֲתֹנְךָ אֲשֶׁר־רָכַבְתָּ עָלַי מֵעוֹדְךָ עַד־הַיּוֹם הַזֶּה הַהַסְכֵּן הִסְכַּנְתִּי לַעֲשׂוֹת לְךָ כֹּה וַיֹּאמֶר לֹא׃
wattómer ha'atón el-bil'ám haló anochí atonechá ascher-racháwta aláj me'odécha ad-hajom hassé hahaskén hiskánti la'asót lechá ko wajomer lo
30 Und die Eselin sagte zu Bil'am: „Ich bin doch deine Eselin, und du bist seit jeher bis auf diesen Tag auf mir geritten! War es etwa meine Gewohnheit, so mit dir umzugehen?“ Und sagte: „Nein.“
Nun, seht ihr, eine gewisse Ehrlichkeit hat Bil'am, er ist sogar zu der Eselin ehrlich: „Nein, so etwas gab es nicht.“ Und als wenigstens irgendein Wort der Wahrheit gesagt worden war, lesen wir in Vers 31:
וַיְגַל יְהוָה אֶת־עֵינֵי בִלְעָם וַיַּרְא אֶת־מַלְאַךְ יְהוָה נִצָּב בַּדֶּרֶךְ וְחַרְבּוֹ שְׁלֻפָה בְּיָדוֹ וַיִּקֹּד וַיִּשְׁתַּחוּ לְאַפָּיו׃
wajgál adonáj et-ené wil'ám wajár et-mal'ách adonáj nizzáw baddérech wecharbó schelufá bejadó wajikkód wajischtáchu le'appáw
31 Und der HERR öffnete Bil'am die Augen (jenem allsehenden, allwissenden Bil'am), und er sah den Engel des HERRN, der ihm im Weg stand, mit gezücktem Schwert in der Hand, und verneigte sich und warf sich nieder aufs Angesicht.
Vor allem ist Bil'am wahrscheinlich sehr erschrocken, aber er reagiert richtig, wie es sich gehört – er verneigt sich und wirft sich nieder aufs Angesicht.
וַיֹּאמֶר אֵלָיו מַלְאַךְ יְהוָה עַל־מָה הִכִּיתָ אֶת־אֲתֹנְךָ זֶה שָׁלוֹשׁ רְגָלִים הִנֵּה אָנֹכִי יָצָאתִי לְשָׂטָן כִּי־יָרַט הַדֶּרֶךְ לְנֶגְדִּי׃
wajomer eláw mal'ách adonáj al-má hikkíta et-atonechá se schalósch regalím hinné anochí jazáti lessatán ki-jarát haddérech lenegdí
32 Und der Engel des HERRN sagte zu ihm: „Wofür schlägst du deine Eselin drei Mal? Siehe, ich bin ausgezogen, um dir entgegenzutreten, denn du bist von Meinem Weg abgewichen.
Beachtet, der Engel beginnt damit, dass er für das liebe Vieh eintritt, und sagt: „Bil'am, weshalb quält Ihr das liebe Vieh? Wofür schlägst du sie drei Mal?“ Wenn man sich an die Parallele zu Awraham erinnert, dem ebenfalls ein Engel erscheint, so sagt der Engel ihm im Voraus: „Erhebe deine Hand nicht gegen den Knaben, rühre deinen Sohn nicht an!“ Und weiter: „Denn Ich weiß, dass du Mir treu bist, denn Ich weiß, dass du deinen Sohn nicht verschont hast.“ Hier – ebenfalls der Engel des HERRN, er hält Bil'am ebenfalls auf und sagt: „Denn du bist von Meinem Weg abgewichen.“ Es ergibt sich, dass Bil'am eben jener Esel ist, der umhergeht und vom Weg abkommt und der versucht, den Höchsten irgendwie zu umgehen, so wie die Eselin versuchte, um den Engel herumzukommen. Aber um den Höchsten kommt man nicht herum, weder auf einer Eselin noch auf einer krummen Ziege, und Er sendet einen Engel, und der Engel greift in Bil'ams Schicksal ein. Die Eselin als Gleichnis für Bil'am, um ihm zu zeigen, dass er selbst im Großen und Ganzen ein Esel ist und sich nicht zu viel herausnehmen soll. Die Eselin, die sich zwischen dem einen Herrn, Bil'am, der auf ihr sitzt, und dem anderen, für ihn unsichtbaren Herrn, dem Engel des HERRN, der vor ihr steht, befindet, demonstriert Bil'am gleichsam, dass man doch dem unsichtbaren Herrn gehorchen muss. Das versteht sogar ein Esel! Deshalb sagt der Engel auch zu Bil'am: „Wofür schlägst du die Eselin? Schlag dich selbst, denn du bist es doch, der von Meinem Weg abgewichen ist.“
Es gibt so ein interessantes Gleichnis. Als Jeschua auf einem Esel in Jerusalem einzog und ihn Volksmengen begrüßten, dachte der Esel, man begrüße ihn, und freute sich und war begeistert: „Endlich hat man mich erkannt und gewürdigt!“ Wir handeln manchmal ebenso, wenn wir irgendeine gute Tat im Namen des Höchsten tun. Wir treten im Grunde als Esel auf oder als Kurier, der eine Pizza bringt. Und obwohl nicht er sie gebacken hat, nicht er sie bezahlt hat, bekommt er manchmal Trinkgeld und Dank, und es kommt der Gedanke auf: „Bin ich nicht toll, was für eine gute Pizza ich geliefert habe.“ Wenn wir so denken, geraten wir in die Lage des Esels Jeschuas. Wenn du dem Höchsten dienst, dann musst du daran denken, dass du ein Kurier bist, du bist Sein Eselchen, sonst kannst du dich unter der Herrschaft eines Esels wiederfinden. Hier gibt es viele Parallelen, denn in jedem von uns ist ein Bil'am, in jedem von uns ist eine Eselin, na, und von unserem Stammvater (awínu) Awraham ist, hoffe ich, auch etwas da. Und diese ganze Geschichte mit der Eselin ist ein lehrreiches, anschauliches Gleichnis für Bil'am und für uns eine Unterweisung.
Und weiter erzählt der Engel Bil'am, was in Wirklichkeit gewesen war, er lässt ihn ein wenig hinter die Kulissen des Geschehens blicken.
וַתִּרְאַנִי הָאָתוֹן וַתֵּט לְפָנַי זֶה שָׁלֹשׁ רְגָלִים אוּלַי נָטְתָה מִפָּנַי כִּי עַתָּה גַּם־אֹתְכָה הָרַגְתִּי וְאוֹתָהּ הֶחֱיֵיתִי׃
wattir'áni ha'atón wattét lefanáj se schalósch regalím uláj natetá mippanáj ki attá gam-otechá harágti we'otá hechejéti
33 Und die Eselin sah mich und wich (ging zur Seite) drei Mal vor mir aus; wenn sie nicht vor mir zur Seite gegangen wäre, hätte ich dich getötet, sie aber am Leben gelassen.“
Der Höchste begnadigte Bil'am und lehrte ihn durch die Eselin etwas. Die Eselin nahm gewissermaßen den Schlag anstelle Bil'ams auf sich. Und der Engel sagte: „Ich hätte dich getötet, wenn diese Eselin nicht gewesen wäre. Sag der Eselin danke.“ Ich denke, sehr oft geschieht es auch in unserem Leben so, dass wir uns gegen etwas sträuben und wie Bil'am den Esel schlagen, der uns im Grunde rettet. Es kommt uns vor: Was trägt der uns denn irgendwohin, wo wir nicht hinwollen?! So ein Esel! Aber manchmal stellte sich im Leben heraus, dass der einzige Esel, dem ich begegnet bin, ich selbst war. Und wieder ist das ein Gleichnis über die Unterordnung des Menschen unter den Höchsten und darüber, Wer in dieser Zusammenarbeit der Wichtigste ist, ein Gleichnis sowohl für Bil'am als auch für uns, das wir hier von verschiedenen Seiten betrachten. Bil'am, das muss man sagen, erkennt seine Schuld, ihr Maß, ihren Grad und ihre Tiefe.
וַיֹּאמֶר בִּלְעָם אֶל־מַלְאַךְ יְהוָה חָטָאתִי כִּי לֹא יָדַעְתִּי כִּי אַתָּה נִצָּב לִקְרָאתִי בַּדָּרֶךְ וְעַתָּה אִם־רַע בְּעֵינֶיךָ אָשׁוּבָה לִּי׃
wajomer bil'ám el-mal'ách adonáj chatáti ki lo jadá'ti ki attá nizzáw likratí baddárech we'attá im-rá be'enécha aschúwa li
34 Und Bil'am sagte zum Engel des HERRN: „Ich habe gesündigt, denn ich wusste nicht, dass du vor mir auf dem Weg stehst. Jetzt, wenn ich nicht dorthin gehen soll, so kehre ich sofort nach Hause zurück (wenn ich etwas Schlechtes getan habe, so bereue ich sofort, ich habe alles verstanden).“
וַיֹּאמֶר מַלְאַךְ יְהוָה אֶל־בִּלְעָם לֵךְ עִם־הָאֲנָשִׁים וְאֶפֶס אֶת־הַדָּבָר אֲשֶׁר־אֲדַבֵּר אֵלֶיךָ אֹתוֹ תְדַבֵּר וַיֵּלֶךְ בִּלְעָם עִם־שָׂרֵי בָלָק׃
wajomer mal'ách adonáj el-bil'ám lech im-ha'anaschím we'éfes et-haddawár ascher-adabbér elécha otó tedabbér wajélech bil'ám im-saré walák
35 Und der Engel des HERRN sagte zu Bil'am: „Geh mit diesen Leuten, und nur das, was ich dir sage, das sprich.“ Und Bil'am ging mit den Fürsten Balaks.
Bil'am ging, schon vollständig für die Seite des Höchsten angeworben, das heißt, nachdem er endgültig auf die Seite des unsichtbaren Herrn übergegangen war.
וַיִּשְׁמַע בָּלָק כִּי בָא בִלְעָם וַיֵּצֵא לִקְרָאתוֹ אֶל־עִיר מוֹאָב אֲשֶׁר עַל־גְּבוּל אַרְנֹן אֲשֶׁר בִּקְצֵה הַגְּבוּל׃
wajischmá balák ki-wá wil'ám wajezé likrató el-ír mo'áw aschér al-gewúl arnón aschér bikzé haggewúl
36 Und Balak hörte, dass Bil'am gekommen war, und ging ihm weit entgegen (bis vor das Dorf hinaus, sozusagen, ging er Bil'am empfangen) in die moawitische Stadt an der äußersten Grenze des Arnon.
וַיֹּאמֶר בָּלָק אֶל־בִּלְעָם הֲלֹא שָׁלֹחַ שָׁלַחְתִּי אֵלֶיךָ לִקְרֹא־לָךְ לָמָּה לֹא־הָלַכְתָּ אֵלָי הַאֻמְנָם לֹא אוּכַל כַּבְּדֶךָ׃
wajomer balák el-bil'ám haló schalóach schaláchti elécha likro-lách lámma lo-haláchta eláj ha'umnám lo uchál kabbedécha
37 Und Balak sagte zu Bil'am: „Ich habe doch Leute zu dir gesandt, um dich zu rufen. Warum bist du nicht zu mir gekommen? Werde ich dich etwa nicht ehren?“
Balak kehrt wieder zu demselben Gedanken zurück, mit dem wir begonnen haben: „Ich wollte nach dir schicken, auch für meine persönlichen Zwecke.“
וַיֹּאמֶר בִּלְעָם אֶל־בָּלָק הִנֵּה־בָאתִי אֵלֶיךָ עַתָּה הֲיָכוֹל אוּכַל דַּבֵּר מְאוּמָה הַדָּבָר אֲשֶׁר יָשִׂים אֱלֹהִים בְּפִי אֹתוֹ אֲדַבֵּר׃
wajomer bil'ám el-balák hinne-wáti elécha attá hajachól uchál dabbér me'úma haddawár aschér jassím elohím befí otó adabbér
38 Und Bil'am antwortete Balak: „Siehe, ich bin zu dir gekommen. Aber jetzt, werde ich etwa irgendetwas sagen können? Das, was der HERR mir in den Mund legt, das werde ich reden.“
וַיֵּלֶךְ בִּלְעָם עִם־בָּלָק וַיָּבֹאוּ קִרְיַת חֻצוֹת׃
wajélech bil'ám im-balák wajawóu kir'ját chuzót
39 Und Bil'am ging mit Balak, und sie kamen in eine große Stadt.
Manche Übersetzer übersetzen Kirjat-Chuzot als Namen einer Stadt. Aber wenn man diesen Namen zerlegt, dann ist kirját – das ist Stadt, chuzót – das sind Plätze, große Höfe, große Prospekte, das heißt, Kirját chuzót ist eine große Metropole. Sie kamen offenbar in die Hauptstadt, so muss man das verstehen.
וַיִּזְבַּח בָּלָק בָּקָר וָצֹאן וַיְשַׁלַּח לְבִלְעָם וְלַשָּׂרִים אֲשֶׁר אִתּוֹ׃
wajisbách balák bakár wazón wajschallách lewil'ám welassarím aschér ittó
40 Und Balak schlachtete Groß- und Kleinvieh und sandte an Bil'am und an die Fürsten, die bei ihm waren.
Für einen Menschen ist es natürlich, Gäste mit schmackhafter Fleischspeise, mit frischem Fleisch zu bewirten – das ist klassische orientalische Gastfreundschaft. Hier geht weiter alles wie gewöhnlich, und am Ende unseres Kapitels beginnt eine neue Geschichte, wahrscheinlich die interessanteste.
וַיְהִי בַבֹּקֶר וַיִּקַּח בָּלָק אֶת־בִּלְעָם וַיַּעֲלֵהוּ בָּמוֹת בָּעַל וַיַּרְא מִשָּׁם קְצֵה הָעָם׃
wajhí wabbóker wajikkách balák et-bil'ám waja'aléhu bamót bá'al wajár mischám kezé ha'ám
41 Und es war am Morgen, und Balak nahm Bil'am (na, es wäre Zeit, sich an die Arbeit zu machen) und führte ihn hinauf auf die Höhen Ba'als, und er sah von dort den Rand des Volkes.
Von dort werden wir den alleräußersten Rand des Lagers Israels sehen. Das ist der Anfang einer neuen Geschichte, aber es ist auch das Ende unseres 22. Kapitels.
Kannst du Gott an Sturheit übertreffen?
Bemidbar 23,1–30
Mit Gottes Hilfe setzen wir, ihr und ich, das Studium des Wochenabschnitts Balak fort und werden ab Vers 1 von Kapitel 23 des Buches Bemidbar lesen. Ich erinnere an den kurzen Inhalt, an die Vorgeschichte. Das Volk Israel bewegt sich in Richtung des verheißenen Landes, in Richtung des Landes Israel, und nähert sich den Grenzen Moaws. Israeliten gibt es rings um Moaw unzählig viele, sodass sie den ganzen überschaubaren Raum ausfüllen. Davon spricht Balak, er ist sehr besorgt und beunruhigt. Und er versteht, dass Israel einige siegreiche Schlachten geschlagen hat, dass es irgendeine besondere Kraft gibt, die Israel beschützt, und dass Moaw einfach so nicht genug Kraft haben wird, mit Israel Krieg zu führen – besonders nachdem Israel die Emoriter geschlagen hat. Und darum denkt sich Balak einen, wie ihm scheint, genialen Schachzug aus und bestellt sich von weit her, von den Ufern des Euphrat, aus dem dreimalneunten Königreich, dem dreimalzehnten Staat, einen großen Propheten, Hellseher und Zauberer namens Bil'am. Nach langen Verhandlungen trifft Bil'am in Moaw ein, man empfängt ihn feierlich, bewirtet ihn mit einem reichlichen Abendessen, wovon wir am Ende von Kapitel 22 gelesen haben. Aber auf jeden Abend folgt ein Morgen, und am Morgen muss Bil'am an die Ausführung dessen gehen, wozu man ihn eigentlich gerufen hat.
וַיֹּאמֶר בִּלְעָם אֶל־בָּלָק בְּנֵה־לִי בָזֶה שִׁבְעָה מִזְבְּחֹת וְהָכֵן לִי בָּזֶה שִׁבְעָה פָרִים וְשִׁבְעָה אֵילִים׃
wajomer bil'ám el-balák bene-lí wasé schiw'á misbechót wehachén li basé schiw'á farím weschiw'á elím
1 Und Bil'am sprach zu Balak: „Baue mir hier sieben Altäre und bereite mir auf ihnen sieben Stiere und sieben Lämmer.“
Nun, natürlich wissen wir (angefangen mit dem Buch Bereschit, wo es sieben Schöpfungstage gibt), dass die Zahl sieben eine wichtige Zahl ist, die eine große symbolische Bedeutung hat. Aber hier werden wir uns etwas tiefer in die Arithmetik vertiefen, denn uns erwartet noch eine gewisse Überraschung. Also, Bil'am gibt Balak die Anweisung, sieben Altäre zu bauen.
וַיַּעַשׂ בָּלָק כַּאֲשֶׁר דִּבֶּר בִּלְעָם וַיַּעַל בָּלָק וּבִלְעָם פָּר וָאַיִל בַּמִּזְבֵּחַ׃
wajá'as balák ka'aschér dibbér bil'ám wajá'al balák uwil'ám par wa'ájil bammisbéach
2 Und Balak tat, wie Bil'am geredet hatte, und auf jedem der Altäre brachten Bil'am und Balak gemeinsam (in einer Art Zusammenarbeit) einen Stier und ein Lamm als Opfer dar.
וַיֹּאמֶר בִּלְעָם לְבָלָק הִתְיַצֵּב עַל־עֹלָתֶךָ וְאֵלְכָה אוּלַי יִקָּרֵה יְהוָה לִקְרָאתִי וּדְבַר מַה־יַּרְאֵנִי וְהִגַּדְתִּי לָךְ וַיֵּלֶךְ שֶׁפִי׃
wajomer bil'ám lewalák hit'jazzéw al-olatécha we'elechá uláj jikkaré adonáj likratí udwár ma-jar'éni wehiggádti lach wajélech schéfi
3 Und Bil'am sprach zu Balak: „Bleib bei deinen Ganzopfern stehen, ich aber werde gehen. Vielleicht wird der HERR mir erscheinen, und was Er mir zeigen wird, werde ich dir sagen.“ Und er ging allein.
Das Wort schéfi kann man als zerschlagen, übersetzen, das heißt er ging zerschlagen, so übersetzen es einige Kommentatoren. Andere sagen, dass das Wort schéfi Hügel bedeutet, und dann begann Bil'am, auf den Hügel hinaufzusteigen. Die meisten Kommentatoren sagen, dass das Wort schéfi allein bedeutet, das heißt bleib du hier stehen, und ich gehe allein. Ibn Esra, ein bekannter Kommentator und großer Kenner des Hebräischen, erlaubt sich hier einen Scherz und sagt: „Viele übersetzen das Wort schéfi als das Wort einsam, einsamer, und dieses Wort selbst ist einsam, denn nirgendwo sonst in der Schrift kommt es vor.“ Wir begegnen dem Wort schéfi nirgendwo sonst, darum ist es auch schwer, es zu übersetzen. Ibn Esra selbst neigt dazu, den ganzen Satz als und er ging auf den Hügel zu übersetzen. Ich denke, dass es hier wichtig ist, ihn als und er ging allein zu verstehen.
Worum geht es überhaupt in dem ganzen Vers? Balak ist nicht einfach irgendein Mensch, Balak ist der König Moaws. Und als König Moaws repräsentiert er das ganze moawitische Volk. Wenn er neben den Altären steht, symbolisiert das die Opferbereitschaft des ganzen moawitischen Volkes. Und vor ihm her, in seinem Namen, als Gesandter des Volkes Moaw, geht Bil'am. Darum geht er allein. Also, Balak blieb bei den Altären, und Bil'am ging voraus in Erwartung der Offenbarung des Höchsten.
וַיִּקָּר אֱלֹהִים אֶל־בִּלְעָם וַיֹּאמֶר אֵלָיו אֶת־שִׁבְעַת הַמִּזְבְּחֹת עָרַכְתִּי וָאַעַל פָּר וָאַיִל בַּמִּזְבֵּחַ׃
wajikkár elohím el-bil'ám wajomer eláw et-schiw'át hammisbechót aráchti wa'á'al par wa'ájil bammisbéach
4 Und der HERR erschien Bil'am, und Bil'am sagt zu Ihm: „Ich habe sieben Altäre für Dich bereitet und auf einem der Altäre eigenhändig einen Stier und ein Lamm hinaufgebracht.“
Das Wort wajikkár (statt wajikrá) ist kurz geschrieben, als würde die letzte Silbe verschluckt. Die Kommentatoren weisen darauf hin, dass darin eine gewisse Unvollkommenheit der Offenbarung liegt, als ob der Höchste, als er Bil'am erschien, mit ihm unzufrieden ist. Auch Bil'am spürt offenbar, dass der Höchste sich nicht mit strahlendem Gesicht an ihn wendet, und sagt darum: „Ähh… und ich habe Dir dort ein Opfer dargebracht.“ Andere Kommentatoren sagen: „Israel hat Dir nur einen Altar gebaut (gemeint ist im Hof des Mischkan), sieh, ich habe Dir sieben Altäre gebaut, ich gebe mehr.“
וַיָּשֶׂם יְהוָה דָּבָר בְּפִי בִלְעָם וַיֹּאמֶר שׁוּב אֶל־בָּלָק וְכֹה תְדַבֵּר׃
wajássem adonáj dawár befí wil'ám wajomer schuw el-balák wechó tedabbér
5 Und der HERR legte ein Wort in den Mund Bil'ams und sprach zu ihm: „Kehre zu Balak zurück, und so wirst du es ihm sagen.“
וַיָּשָׁב אֵלָיו וְהִנֵּה נִצָּב עַל־עֹלָתוֹ הוּא וְכָל־שָׂרֵי מוֹאָב׃
wajáschow eláw wehinné nizzáw al-olató hu wechol-saré mo'áw
6 Und er kehrte zu ihm zurück, und siehe, er steht bei seinen Ganzopfern, er und alle moawitischen Fürsten.
Alle warten ungeduldig, stehen aber demütig bei den Altären und warten, was Bil'am denn sagen wird.
וַיִּשָּׂא מְשָׁלוֹ וַיֹּאמַר מִן־אֲרָם יַנְחֵנִי בָלָק מֶלֶךְ־מוֹאָב מֵהַרְרֵי־קֶדֶם לְכָה אָרָה־לִּי יַעֲקֹב וּלְכָה זֹעֲמָה יִשְׂרָאֵל׃
wajissá meschaló wajomár min-arám janchéni walák melech-mo'áw meharere-kédem lechá ara-lí jaaków ulchá so'amá jisrael
7 Und er begann ein Gleichnis und sprach: „Aus Aram hat mich Balak gerufen, der moawitische König, von den fernen Bergen: Geh und verfluche mir Jaakow, geh und rufe Zorn über Israel herbei!“
Das Wort meschaló übersetzt man gewöhnlich als Gleichnis. Man kann es hier als kunstvolle Rede. übersetzen. Im Buch Ijow begegnen wir diesem Wort in ähnlicher Bedeutung. Von den fernen Bergen – das ist eine Metapher, man kann es übersetzen als aus dem dreimalneunten Königreich oder von jenseits des Meeres, aus fernen Landen.
Lasst uns auf das achten, was wir vorher nicht getan haben – auf das Wort ara-lí (verfluche mir). Es gibt mehrere Wörter, die in der Tora für den Fluch vorkommen. Im Buch Dewarim (23,6), wo an den Fluch Bil'ams erinnert werden wird, wird gesagt werden, dass der Höchste die klalá (den Fluch) verwandelte in brachá (Segen). Das Wort klalá in der Bedeutung Fluch stammt vom Wort kál – leicht, gewichtslos, verächtlich, nichts wert. Klalá redet einem Menschen ein, dass er unwürdig ist, nichts wert, erbärmlich, armselig, verwaist, aus ihm wird nichts werden, man braucht es gar nicht erst zu versuchen.
Das zweite Wort in derselben Bedeutung verfluche mir, das in diesem Kapitel und im vorhergehenden Kapitel vorkommt, ist das Wort kawa-lí, von der Wurzel nun-kuf-bet; das Verb linków bedeutet ein Loch schlagen, durchlöchern. Das ist, wenn im Menschen wie in einem Gefäß gleichsam ein Loch entsteht: Was man auch in ihn hineingießt – alles wird herauslaufen, ein Leck in der Bordwand eines Schiffes.
Und das dritte Wort, das hier verwendet wird, in unserem Vers, ist das Wort ara-lí – wohl das erstaunlichste von allen verwendeten Wörtern, denn seine Wurzel ist dieselbe wie die des Wortes or (Licht). Aber Licht ist doch gewöhnlich ein Segen? Richtig. Aber es ist schwer, in die Sonne zu schauen – sie blendet, und wenn man euch nachts mit einer Taschenlampe in die Augen geleuchtet hat, dann hilft euch das überhaupt nicht zu sehen: Eine zu große Menge Licht kann blenden. Genauso wie ein zu großer Überfluss einen Menschen zugrunde richten kann. Wenn ein Drogenabhängiger oder ein Alkoholiker viel Geld hat, kann er der Versuchung erliegen und sterben. Wenn ein Mensch in einer leitenden Stellung Zugang zu viel Geld bekommt, kann auch er der Versuchung erliegen. Wenn ein Mensch übermäßig schön, übermäßig redegewandt, übermäßig geachtet ist, Aufmerksamkeit genießt, dann kann ein Übermaß an Aufmerksamkeit den Menschen verführen. Ebenso kann auch Kraft einen Menschen verführen. Jedes Ding im Übermaß kann sich in einen Fluch verwandeln, wenn der Mensch es nicht fasst. Das Wort ara-lí bedeutet eben Fluch durch Überfluss, durch übermäßigen Besitz von etwas, das zu besitzen dem Menschen nicht gegeben ist, mit dem er nicht fertigwerden kann.
Also, Bil'am beginnt seine Rede an Balak. Und weiter erklärt er, warum es ihm nicht gelingt, das zu tun, was man von ihm erwartet.
מָה אֶקֹּב לֹא קַבֹּה אֵל וּמָה אֶזְעֹם לֹא זָעַם יְהוָה׃
ma ekków lo kabbó el umá es'óm lo sa'ám adonáj
8 Was soll ich denn verfluchen (durchlöchern), wenn der HERR nicht verflucht hat? Und was wird mein Zorn wert sein, wenn der HERR nicht zornig auf sie ist?
Das heißt: „Ich kann um sie herum so viele zornige Tänze tanzen, wie ich will, aber wenn der HERR keinen Zorn gegen sie hat, dann wirkt das auf sie überhaupt nicht.“ Aber nicht nur, dass Bil'am sich weigert, das Volk zu verfluchen, er segnet es auch noch vor dem ganzen Ministerkabinett Moaws und völlig unerwartet für Balak selbst.
כִּי־מֵרֹאשׁ צֻרִים אֶרְאֶנּוּ וּמִגְּבָעוֹת אֲשׁוּרֶנּוּ הֶן־עָם לְבָדָד יִשְׁכֹּן וּבַגּוֹיִם לֹא יִתְחַשָּׁב׃
ki-merósch zurím er'énnu umiggewa'ót aschurénnu hen-ám lewadád jischkón uwaggojím lo jitchascháw
9 Denn, siehe, ich habe von den allerhöchsten Bergen geschaut, von den allerhöchsten Felsen: Siehe, das Volk lebt abgesondert und wird nicht zu den Heiden gezählt.
Man kann das so verstehen: In die tiefsten Tiefen, in die tiefsten Tiefen ihrer Geschichte bin ich bis zur Wurzel vorgedrungen und habe versucht, darin zu graben. So hat es der Höchste eingerichtet, dass der schönste Segen für Israel aus dem Mund eines Heiden gesprochen ist, des Magiers Bil'am.
Im Mittelalter hat man diese Stelle so kommentiert: „Wir leben hier – in Deutschland, in Frankreich, in Polen. Aber weder Deutschland noch Frankreich noch Polen beeinflussen uns. Wir leben in unserem kulturellen theologischen Ghetto, kein galút wird uns beeinflussen, nichts wird uns zwingen, sie nachzuahmen – wir sind nicht wie sie.“ Aber das ist höchstwahrscheinlich nicht das, was Bil'am hier gemeint hat. Was aber hat Bil'am gemeint? Das kann man verstehen, wenn man sich auf den Kommentar Ibn Esras stützt, der sagt: „Wenn den Völkern die Erbteile zugeteilt werden, bekommt das Volk Israel sein Erbteil nach einem anderen Programm.“ Wie im Buch Dewarim (32,8–9) geschrieben steht: „Als der Höchste den Völkern die Erbteile gab und die Menschen trennte, setzte Er die Grenzen der Völker nach der Zahl der Söhne Israels fest, denn Gottes Teil ist Sein Volk, Jaakow ist das Gebiet Seines Erbteils.“
מִי מָנָה עֲפַר יַעֲקֹב וּמִסְפָּר אֶת־רֹבַע יִשְׂרָאֵל תָּמֹת נַפְשִׁי מוֹת יְשָׁרִים וּתְהִי אַחֲרִיתִי כָּמֹהוּ׃
mi maná afár jaaków umispár et-rówa jisraél tamót nafschí mot jescharím uthí acharití kamóhu
10 Wer kann Israel mit dem Staub vermischen? Und wer kann Israel zu Schmutz machen? Ja, möge meine Seele sterben, wie die Gerechten sterben, und mein Ende soll so sein wie ihres.“
Das heißt: „Wer kann Israel so verfluchen, dass es zu Staub wird? Ich hätte sogar gern einen solchen Tod, wie sie ihn haben werden. Ich hätte gern Anteil, hätte gern einen Teil an ihrer Bestimmung, ich wäre gern ein Teil dieses Volkes.“ In Odessa sagt man: „So soll ich leben!“ Bil'am aber sagt: „So soll ich sterben wie sie!“ Na, natürlich gefällt Balak dieser Stand der Dinge nicht.
וַיֹּאמֶר בָּלָק אֶל־בִּלְעָם מֶה עָשִׂיתָ לִי לָקֹב אֹיְבַי לְקַחְתִּיךָ וְהִנֵּה בֵּרַכְתָּ בָרֵךְ׃
wajomer balák el-bil'ám me assíta li laków ojewáj lekachtícha wehinné beráchta waréch
11 Und Balak sprach zu Bil'am: „Was hast du mir angetan? Ich habe dich geholt, um meine Feinde zu verfluchen. Du aber segnest sie mit Segen!“
וַיַּעַן וַיֹּאמַר הֲלֹא אֵת אֲשֶׁר יָשִׂים יְהוָה בְּפִי אֹתוֹ אֶשְׁמֹר לְדַבֵּר׃
wajá'an wajomár haló et aschér jassím adonáj befí otó eschmór ledabbér
12 Und Bil'am antwortete ihm und sprach: „Was kann ich denn dafür? Ich rede überhaupt nur das, was mir der HERR in den Mund legt.“
Mit anderen Worten: „Entschuldige, ich bin ein unfreier Mensch: Was der HERR mir in den Mund legt, das sage ich auch. Du hast mich gerufen, du hast beschlossen, dich auf diese Sache einzulassen. Was wirfst du mir vor? Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich das sagen werde, was Gott mir sagt.“ Hier warnt Bil'am ehrlich und sagt: „Entschuldigt, ich werde das sagen, was Gott sagt. Wenn du denkst, Gott irgendwie zu überreden, na, dann lass es uns versuchen, gut. Aber von mir aus werde ich nichts sagen.“ In einem Apokryph (4. Buch der Makkabäer, Kap. 10) wird diese Geschichte mit Bil'am beschrieben, der sagt: „Ich liebe natürlich das Geld. Aber ich fürchte den Höchsten mehr, als ich das Geld liebe.“ In diesem Stadium hat Bil'am schon vieles für sich verstanden und sagte darum: „Entschuldige, Balak. Wenn wir uns da mit Ihm irgendwie einigen und Er das Volk verflucht – dann verfluche ich es eben, mir macht das nichts aus. Aber ich werde nur das sagen, was mir der Höchste gesagt hat.“
וַיֹּאמֶר אֵלָיו בָּלָק לְךָ־נָּא )לְכָה( אִתִּי אֶל־מָקוֹם אַחֵר אֲשֶׁר תִּרְאֶנּוּ מִשָּׁם אֶפֶס קָצֵהוּ תִרְאֶה וְכֻלּוֹ לֹא תִרְאֶה וְקָבְנוֹ־לִי מִשָּׁם׃
wajomer eláw balák lecha-ná ittí el-makóm achér aschér tir'énnu mischám éfes kazéhu tir'é wechulló lo tir'é wekowno-lí mischám
13 Und Balak sprach zu ihm: „Komm mit mir an einen anderen Ort, dort wirst du seinen Rand sehen, ganz aber wirst du es nicht sehen. Und verfluche es mir von dort!“
Das heißt, es kann so sein, dass, wenn du das ganze Volk siehst, klar ist, dass der Höchste das ganze Volk, das gesamte Volk liebt und segnet. Aber vielleicht, wenn du den Rand des Volkes siehst, irgendwelche Außenseiter, wirst du irgendeinen Splitter im Auge finden können, irgendein Stäubchen, dann wirst du dieses Volk doch verfluchen können, und darum – lass uns an einen anderen Ort gehen. Balak verliert die Hoffnung nicht.
וַיִּקָּחֵהוּ שְׂדֵה צֹפִים אֶל־רֹאשׁ הַפִּסְגָּה וַיִּבֶן שִׁבְעָה מִזְבְּחֹת וַיַּעַל פָּר וָאַיִל בַּמִּזְבֵּחַ׃
wajikkachéhu sedé zofím el-rósch happisgá wajíwen schiw'á misbechót wajá'al par wa'ájil bammisbéach
14 Er nahm ihn auf das Feld der Beobachter, auf die Spitze des Gipfels, und baute wieder sieben Altäre, und auf jedem der Altäre brachte er wieder einen Stier und ein Lamm als Opfer dar.
Feld der Beobachter – das ist offenbar so ein Ort, wo sich Astrologen und Astronomen versammelten und die Sterne beobachteten, das heißt irgendeine sehr bequeme Aussichtsplattform.
Das ist das zweite Mal, dass Bil'am und Balak vierzehn Tiere als Opfer darbringen.
וַיֹּאמֶר אֶל־בָּלָק הִתְיַצֵּב כֹּה עַל־עֹלָתֶךָ וְאָנֹכִי אִקָּרֶה כֹּה׃
wajomer el-balák hit'jazzéw ko al-olatécha we'anochí ikkáre ko
15 Und Balak sprach zu ihm: „Bleib hier stehen, bei deinen Ganzopfern, ich aber werde zur Offenbarung rufen.“
וַיִּקָּר יְהוָה אֶל־בִּלְעָם וַיָּשֶׂם דָּבָר בְּפִיו וַיֹּאמֶר שׁוּב אֶל־בָּלָק וְכֹה תְדַבֵּר׃
wajikkár adonáj el-bil'ám wajássem dawár befíw wajomer schuw el-balák wechó tedabbér
16 Und wieder erschien der HERR Bil'am und legte ein Wort in seinen Mund und sprach: „Kehre zu Balak zurück und rede so.“
וַיָּבֹא אֵלָיו וְהִנּוֹ נִצָּב עַל־עֹלָתוֹ וְשָׂרֵי מוֹאָב אִתּוֹ וַיֹּאמֶר לוֹ בָּלָק מַה־דִּבֶּר יְהוָה׃
wajawó eláw wehinnó nizzáw al-olató wesaré mo'áw ittó wajomer lo balák ma-dibbér adonáj
17 Und er kam zu ihm, und wieder steht jener bei seinen Ganzopfern, und mit ihm die moawitischen Minister. Und Balak fragte ihn: „Was hat der HERR gesagt?“
וַיִּשָּׂא מְשָׁלוֹ וַיֹּאמַר קוּם בָּלָק וּשֲׁמָע הַאֲזִינָה עָדַי בְּנוֹ צִפֹּר׃
wajissá meschaló wajomár kum balák uschamá ha'asína adáj benó zippór
18 Und er begann seine Rede und sprach: „Steh auf, Balak, und höre mein Zeugnis, ben Zippor!
לֹא אִישׁ אֵל וִיכַזֵּב וּבֶן־אָדָם וְיִתְנֶחָם הַהוּא אָמַר וְלֹא יַעֲשֶׂה וְדִבֶּר וְלֹא יְקִימֶנָּה׃
lo isch el wichasséw uwen-adám wejitnechám hahú amár weló ja'assé wedibbér weló jekiménna
19 Der Höchste ist nicht ein Mensch, dass Er Seine Meinung ändern müsste, und nicht ein Mensch ist Er, dass Er bereuen müsste. Sollte Er es nicht tun, wenn Er es gesagt hat, und Sein Wort nicht erfüllen?
הִנֵּה בָרֵךְ לָקָחְתִּי וּבֵרֵךְ וְלֹא אֲשִׁיבֶנָּה׃
hinné waréch lakáchti uweréch weló aschiwénna
20 Er hat mich gerufen zu segnen (ich habe die Pflicht auf mich genommen zu segnen), und ich kann mich dem nicht entziehen, ich kann nur segnen.
לֹא־הִבִּיט אָוֶן בְּיַעֲקֹב וְלֹא־רָאָה עָמָל בְּיִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהָיו עִמּוֹ וּתְרוּעַת מֶלֶךְ בּוֹ׃
lo-hibbít áwen bejaaków welo-ra'á amál bejisraél adonáj eloháw immó utru'át mélech bo
21 Ich habe in Jaakow keine Falschheit erblickt, und Gottlosigkeit habe ich in Israel nicht erblickt. Mit ihm ist der HERR, sein Gott, und die Trompeten blasen, rühmen seinen König.
Es erklingen ständige feierliche Trompetensignale im Volk Israel, ein ständiges freudiges Trompeten über die Gegenwart des Königs.
אֵל מוֹצִיאָם מִמִּצְרָיִם כְּתוֹעֲפֹת רְאֵם לוֹ׃
el mozi'ám mimmizrájim keto'afót re'ém lo
22 Der HERR hat sie aus Ägypten herausgeführt, wie ein Bergbock über die Gipfel der Berge springt.
Das heißt in Sprüngen von Gipfel zu Gipfel, mit großer Geschwindigkeit, ungestüm hat der Höchste sie aus Ägypten herausgeführt.
כִּי לֹא־נַחַשׁ בְּיַעֲקֹב וְלֹא־קֶסֶם בְּיִשְׂרָאֵל כָּעֵת יֵאָמֵר לְיַעֲקֹב וּלְיִשְׂרָאֵל מַה־פָּעַל אֵל׃
ki lo-náchasch bejaaków welo-késsem bejisraél ka'ét je'amér lejaaków uljisraél ma-pa'ál el
23 Denn es gibt keine Wahrsagerei in Jaakow und keine Zauberei in Israel, und zu seiner Zeit wird Jaakow und Israel offenbart werden, was der Höchste bereitet.
Was ist das für ein seltsamer Satz? Was für einen seltsamen Gedanken spricht Bil'am aus? Er spricht davon, dass man Israel durch Zauberei nicht verstehen kann, dass man nicht aus dem Kaffeesatz, aus der Kristallkugel oder aus dem Apfel, der über das Tellerchen rollt, die Zukunft Israels erkennen kann. Und Israel selbst beschäftigt sich nicht damit. Und niemandem ist das gegeben. Zu seiner Zeit wird offenbart werden, wozu Israel bestimmt ist.
הֶן־עָם כְּלָבִיא יָקוּם וְכַאֲרִי יִתְנַשָּׂא לֹא יִשְׁכַּב עַד־יֹאכַל טֶרֶף וְדַם־חֲלָלִים יִשְׁתֶּה׃
hen-ám kelawí jakúm wecha'arí jitnassá lo jischkáw ad-jochal téref wedam-chalalím jischté
24 Siehe, das Volk wird aufstehen wie ein Löwe, und wie ein Löwe wird es sich erheben, und es wird sich nicht niederlegen, bis es von der Beute gegessen und das Blut ihrer Opfer getrunken hat.“
Im Hebräischen gibt es mehrere Wörter zur Bezeichnung des Löwen und noch mehr zur Bezeichnung der Löwenjungen, so hat es sich historisch ergeben. In diesem Fall im ersten Teil des Verses kelawí jakúm – wie ein Löwe (lawí) wird es aufstehen. Im zweiten Teil des Verses wecha'arí jitnassá – und wie ein Löwe (arje) wird es sich erheben. Das heißt, derselbe Ausdruck ist auf zwei verschiedene Weisen gesagt. Selbstverständlich geht es nicht darum, dass das Volk Israel Blut trinken wird. Das ist ein Gleichnis, das Israel mit einem Löwen vergleicht.
וַיֹּאמֶר בָּלָק אֶל־בִּלְעָם גַּם־קֹב לֹא תִקֳּבֶנּוּ גַּם־בָּרֵךְ לֹא תְבָרֲכֶנּוּ׃
wajomer balák el-bil'ám gam-ków lo tikkowénnu gam-baréch lo tewarechénnu
25 Und Balak sprach zu Bil'am: „Wenn du es schon nicht verfluchst, dann segne es wenigstens nicht!“
וַיַּעַן בִּלְעָם וַיֹּאמֶר אֶל־בָּלָק הֲלֹא דִּבַּרְתִּי אֵלֶיךָ לֵאמֹר כֹּל אֲשֶׁר־יְדַבֵּר יְהוָה אֹתוֹ אֶעֱשֶׂה׃
wajá'an bil'ám wajomer el-balák haló dibbárti elécha lemór kol ascher-jedabbér adonáj otó e'essé
26 Und Bil'am sprach zu Balak: „Ich habe dich doch gewarnt, ich habe es doch gesagt, indem ich sprach: Alles, was der HERR sagen wird, das werde ich tun.“
Bil'am sagt: „Schweigen kann ich auch nicht, wenn du mich schon gerufen hast, wenn du mich schon in diese Sache hineingezogen hast – dann nimm es in Empfang und quittiere. Ich werde das tun, was mir der Höchste gesagt hat, und wir kommen nirgendwohin davon.“ Aber Balak gibt keine Ruhe: Die Mäuschen weinten, stachen sich, aßen aber weiter den Kaktus.
וַיֹּאמֶר בָּלָק אֶל־בִּלְעָם לְכָה־נָּא אֶקָּחֲךָ אֶל־מָקוֹם אַחֵר אוּלַי יִישַׁר בְּעֵינֵי הָאֱלֹהִים וְקַבֹּתוֹ לִי מִשָּׁם׃
wajomer balák el-bil'ám lecha-ná ekkachachá el-makóm achér uláj jischár be'ené ha'elohím wekabbóto li mischám
27 Und Balak sprach zu Bil'am: „Ich werde dich noch an einen anderen Ort mitnehmen! Vielleicht wird er für den HERRN passend sein, und du wirst es (das Volk) mir von dort verfluchen.“
Vielleicht gibt es irgendeinen solchen Blickwinkel, vielleicht kann man irgendwie mithilfe eines Hackerprogramms die Schlüsselchen zum Höchsten finden, und unter diesem Winkel klappt es, unter diesem Winkel wirst du das Volk verfluchen können.
וַיִּקַּח בָּלָק אֶת־בִּלְעָם רֹאשׁ הַפְּעוֹר הַנִּשְׁקָף עַל־פְּנֵי הַיְשִׁימֹן׃
wajikkách balák et-bil'ám rosch happe'ór hannischkáf al-pené hajschimón
28 Und Balak nahm Bil'am auf den Gipfel des Berges Pe'or, der auf die Wüste schaut.
וַיֹּאמֶר בִּלְעָם אֶל־בָּלָק בְּנֵה־לִי בָזֶה שִׁבְעָה מִזְבְּחֹת וְהָכֵן לִי בָּזֶה שִׁבְעָה פָרִים וְשִׁבְעָה אֵילִים׃
wajomer bil'ám el-balák bene-lí wasé schiw'á misbechót wehachén li basé schiw'á farím weschiw'á elím
29 Und Bil'am sprach zu Balak: „Baue mir hier sieben Altäre, und hier bereite mir auch sieben Stiere und sieben Lämmer.“
וַיַּעַשׂ בָּלָק כַּאֲשֶׁר אָמַר בִּלְעָם וַיַּעַל פָּר וָאַיִל בַּמִּזְבֵּחַ׃
wajá'as balák ka'aschér amár bil'ám wajá'al par wa'ájil bammisbéach
30 Und Balak tat, wie Bil'am gesagt hatte, und brachte einen Stier und ein Lamm auf den Altar hinauf.
Zum dritten Mal bauen Balak und Bil'am sieben Altäre und bringen auf ihnen vierzehn Opfer dar. Insgesamt, dreimal vierzehn – zweiundvierzig Opfer bringen Balak und Bil'am dar. Die Zahl zweiundvierzig kommt in der Schrift oft vor. Dreimal vierzehn – das ist das Geschlechtsregister Jeschuas von Adam an im Evangelium nach Matthäus (1,7). Dreimal vierzehn – das ist die Anzahl der Opfer, die die Freunde Ijows darbrachten (Buch Ijow, 42,8), je sieben Jungstiere und sieben Widder von jedem. Zweiundvierzig Lagerplätze der Söhne Israels in der Wüste sind in Kapitel 33 unseres Buches Bemidbar beschrieben. Und so ist auch hier bei uns die Zahl zweiundvierzig versteckt, in Vers 30 von Kapitel 23.
Segnungen und Prophezeiungen
Bemidbar 24,1–25,9
Mit Gottes Hilfe setzen wir, ihr und ich, das Studium des Wochenabschnitts Balak fort und werden Kapitel 24 des Buches Bemidbar lesen. Wir sind dabei stehen geblieben, dass Bil'am sich nach zwei misslungenen Versuchen, das Volk zu verfluchen, zu einem dritten Versuch entschließt und zum dritten Mal König Balak bittet, vierzehn Opfer vorzubereiten.
וַיַּרְא בִּלְעָם כִּי טוֹב בְּעֵינֵי יְהוָה לְבָרֵךְ אֶת־יִשְׂרָאֵל וְלֹא־הָלַךְ כְּפַעַם־בְּפַעַם לִקְרַאת נְחָשִׁים וַיָּשֶׁת אֶל־הַמִּדְבָּר פָּנָיו׃
wajár bil'ám ki tow be'ené adonáj lewaréch et-jisraél welo-halách kefa'am-befá'am likrát nechaschím wajáschet el-hammidbár panáw
1 Und Bil'am sah (verstand), dass es gut ist in den Augen des Höchsten – das Volk Israels zu segnen, und er folgte nicht mehr, wie er es gewöhnlich tat, seinen Wahrsagepraktiken, sondern wandte sein Gesicht der Wüste zu.
Bil'am verstand, dass sein Verhalten für ihn selbst in den Augen des Höchsten gut sein wird, wenn er das Volk Israels segnen wird. Der Höchste will von ihm einen Segen für das Volk Israels, und Bil'am hat das endlich verstanden, er hat sich damit abgefunden und versucht nicht mehr, den Höchsten irgendwie im Streit zu übertrumpfen, er unterwirft sich darin dem Höchsten. Und um etwas zu erfahren, die Lage zu verstehen, braucht Bil'am nicht mehr das Äpfelchen, das über das Tellerchen rollt, oder die Kristallkugel, oder das Pendel, oder den Rauch des Räucherns. Keinerlei magische Dinge benutzt er, sondern er schaut nur mit seinem, vielleicht übernatürlichen, Sehvermögen auf die Wüste, die mit dem Volk Israel gefüllt ist.
וַיִּשָּׂא בִלְעָם אֶת־עֵינָיו וַיַּרְא אֶת־יִשְׂרָאֵל שֹׁכֵן לִשְׁבָטָיו וַתְּהִי עָלָיו רוּחַ אֱלֹהִים׃
wajissá wil'ám et-enáw wajár et-jisraél schochén lischwatáw wattehí aláw rúach elohím
2 Und Bil'am erhob seine Augen und sah Israel, gelagert nach seinen Stämmen, und der Geist des HERRN kam auf ihn herab.
Wir wissen, dass der Ausdruck wajissá et-enáw (und er erhob die Augen) vorkommt, wenn ein Übergang auf irgendeine prophetische Stufe geschieht. Bil'am hat es abgelehnt, irgendwelche Kenntnisse aus den Quellen seiner Magie zu erhalten, mithilfe von Trance oder noch auf irgendeine andere unbekannte Weise, er begann mit menschlichem Blick zu schauen und stieg auf die prophetische Stufe empor. Diesmal wird er dessen gewürdigt, dass der Geist des Höchsten auf ihn herabkommt, und gerade durch den Geist Gottes wird er jetzt seine Rede sprechen.
וַיִּשָּׂא מְשָׁלוֹ וַיֹּאמַר נְאֻם בִּלְעָם בְּנוֹ בְעֹר וּנְאֻם הַגֶּבֶר שְׁתֻם הָעָיִן׃
wajissá meschaló wajomár ne'úm bil'ám benó we'ór un'úm haggéwer schetúm ha'ájin
3 Und er begann seine Rede und sprach: „Siehe, der Ausspruch Bil'ams ben Be'or, siehe, der Ausspruch des Menschen mit dem ausgerissenen Auge (mit dem klaffenden Auge, mit dem offenen Auge).
Die Wortverbindung schetúm ha'ájin kommt im Text sehr selten vor. Und jedes Mal, wenn eine solche Situation entsteht, ist es schwer zu verstehen, worum es geht, und man muss irgendwelche Parallelquellen suchen, aber Parallelquellen gibt es fast keine. Und wir versuchen, es über irgendwelche anderen Sprachen zu erraten, über etwas Verwandtes, und es ergeben sich zwei Varianten: Die erste Variante ist ausgerissenes Auge, offene Augenhöhle, klaffendes Auge, wie man es gewöhnlich übersetzt; die zweite Variante ist übermäßig geöffnetes Auge, wie man es heute in der Sprache des New Age sagen würde – das geöffnete dritte Auge, das heißt ein Mensch, der mit übernatürlichem Sehvermögen sieht. So spricht Bil'am von sich selbst, und höchstwahrscheinlich passt gerade die zweite Variante am besten, denn kaum wird ein Mensch, wenn er seine Rede beginnt, sagen: „Hört mich an, denn ich bin einäugig.“ Allerdings hat sich die Vorstellung vom einäugigen Propheten auch in Literatur und Folklore festgesetzt, sie ist zum Sprichwort geworden. Im Talmud gibt es ein Sprichwort, dessen Sinn verständlich ist: „In der Straße der Blinden nennt man auch den Einäugigen einen Propheten.“ Also, um den Einäugigen zu bezeichnen, wird gerade dieser Ausdruck verwendet, schetúm ha'ájin. Aber höchstwahrscheinlich hatte dieser Ausdruck zur Zeit Mosches, zu der Zeit, als die Tora gegeben wurde, doch die Bedeutung geöffnetes, aufgerissenes Auge. Das ist ein Teil davon, wie Bil'am sich, indem er von seiner Autorität spricht, vorstellt, wie er ankündigt, wer jetzt sprechen wird.
נְאֻם שֹׁמֵעַ אִמְרֵי־אֵל אֲשֶׁר מַחֲזֵה שַׁדַּי יֶחֱזֶה נֹפֵל וּגְלוּי עֵינָיִם׃
ne'úm schomé'a imre-él aschér machasé schaddáj jechesé nofél uglúj enájim
4 Das ist die Rede dessen, der den göttlichen Ausspruch hört, der die Vision Schaddajs sieht, niederfällt und mit offenen Augen bleibt.
Interessant ist, dass Bil'am hier den Namen Schaddaj nennt. Dieser Name wird im Buch Bereschit verwendet, die Stammväter sprechen ihn sehr oft aus. Dieser Name kommt viele Male im Buch Ijow vor, das ungefähr in dieselben Zeiten gehört. Dass Bil'am diesen Namen verwendet, spricht dafür, dass er mit einer alten Überlieferung vertraut ist. Was bedeutet der Ausdruck fällt nieder und bleibt mit offenen Augen? Das bedeutet, dass sich ihm Visionen öffnen und im Traum erscheinen. Mit dem Zeugnis von der Vision Schaddajs beginnt die Rede Bil'ams, das heißt, bevor ein Mensch darüber spricht, warum man ihn anhören muss, stellt er sich vor, wer er eigentlich ist. In diesem Fall sagt Bil'am: „Jetzt wird ein großer Prophet zu euch sprechen, der die Vision sieht, den Ausspruch hört, ein Prophet mit dem klaffenden Auge.“ Erinnert ihr euch, wie Paulus sich vorstellte: „Ich, Paulus, Knecht von Jeschua Maschiach“? Hier aber ist es eine Vorstellung, die bei den Zuhörern Aufregung erzeugen soll: Na so was, eine solche Autorität, Bil'am selbst wird jetzt sprechen! Was wird der große Bil'am wohl sagen?
מַה־טֹּבוּ אֹהָלֶיךָ יַעֲקֹב מִשְׁכְּנֹתֶיךָ יִשְׂרָאֵל׃
ma-tówu ohalécha jaaków mischkenotécha jisraél
5 Wie schön sind deine Zelte, Jaakow, deine Wohnungen, Israel.
Die Kommentatoren sagen, dass Bil'am von oben schaute und sah, dass die Zelte in Israel so angeordnet sind, dass ein Eingang nicht gegenüber einem Eingang liegt, damit man aus einem Zelt nicht sieht, was in einem anderen Zelt vor sich geht – so wie die Fenster von Häusern nicht einander gegenüberliegen sollen, um keine Versuchung zu schaffen, um nicht versehentlich das Privatleben anderer Menschen offenzulegen. Der Talmud erörtert diese Frage, erörtert, ob das heimliche Beobachten eines Menschen ihm Schaden zufügt. Es ist klar: Wenn ich einem Menschen die Nähmaschine kaputt gemacht habe, dann habe ich ihm Schaden zugefügt. Wenn ich ihm Körperverletzungen zugefügt habe, dann habe ich ihm Schaden zugefügt (und noch andere zahlreiche Fälle). Aber wenn ich dastand und durchs Fenster zugeschaut habe, wie er einen Hering schneidet, habe ich ihm damit Schaden zugefügt? Der Talmud sagt: Ja, Schaden zugefügt. Jeder Mensch hat ein Recht auf Privatleben, selbst wenn er nichts Verwerfliches oder Unanständiges tut, sondern einfach seiner alltäglichen Arbeit nachgeht, sein alltägliches Leben lebt, und es gibt keinen Grund, ihn heimlich zu beobachten. Und die Kommentatoren sagen: „Die Zelte Israels standen so, dass sie einander nicht gegenüberstanden, damit das Volk einander nicht heimlich beobachtete, nicht danach strebte, in fremdes Privatleben einzudringen“, nicht nur auf der Ebene der Fenster, nicht nur auf der Ebene der Türen. Wiederum sagen die Kommentatoren: „Na, Bil'am konnte dieses Wunder der Architektur doch nicht aus einer so riesigen Entfernung sehen.“ Aber an der Luft, die Israel atmete, daran, wie Bil'am das Lager sah, daran, wie die Stadt aussah, verstand er, dass es in der Stadt diese Zänkereien nicht gibt, dass Israel diese Eigenschaft hat – die Nichteinmischung in das Privatleben. Wie man sagt, ist das eine der Varianten, warum Bil'am so von den Zelten Israels begeistert war. Bil'am weiß, wie Nomaden leben, und Zelte hatte er verschiedene gesehen.
Andere Kommentatoren sagen, dass ohalécha und mischkenotécha – Bezeichnungen des Heiligtums sind. Bil'am ist davon begeistert, dass in Israel der Höchste wohnt, dass das zu jenem Zeitpunkt die unter den anderen Völkern bekannte Adresse ist, unter der der Höchste in dieser Welt gemeldet ist.
כִּנְחָלִים נִטָּיוּ כְּגַנֹּת עֲלֵי נָהָר כַּאֲהָלִים נָטַע יְהוָה כַּאֲרָזִים עֲלֵי־מָיִם׃
kinchalím nittáju kegannót alé nahár ka'ahalím natá adonáj ka'arasím ale-májim
6 Wie ausgepflanzte Palmen, wie ein Garten, der am Ufer eines Flusses wächst, wie Aloe, gepflanzt vom HERRN, wie Zedern am Wasser.
Hier gibt es eine ganze Reihe pflanzlicher Elemente, verschiedene Arten schöner Bäume von unterschiedlicher Höhe und unterschiedlichem Nutzen. Eine interessante Bemerkung: wie Zedern am Wasser. Die Sache ist nämlich die, dass die Zeder gewöhnlich keine Wasserströme braucht, sie strebt nicht danach, an Wasserströmen zu wachsen, und höchstwahrscheinlich ist unter der Bezeichnung éres (Plural arasím) hier irgendein anderer, nicht fruchttragender hoher Baum gemeint, man muss das nicht unbedingt als Zeder verstehen.
יִזַּל־מַיִם מִדָּלְיָו וְזַרְעוֹ בְּמַיִם רַבִּים וְיָרֹם מֵאֲגַג מַלְכּוֹ וְתִנַּשֵּׂא מַלְכֻתוֹ׃
jissal-májim middalejáw wesar'ó bemájim rabbím wejaróm me'agág malkó wetinnassé malchutó
7 Und es triefen von Wasser seine Zweige (seine Zweige weinen davon, dass sie mit Feuchtigkeit gesättigt sind), und sein Same ist an vielen Wassern (sehr fruchtbar ist dieses Volk, sehr erfolgreich), und sein König wird höher erhoben sein als Agag, und sein Königreich wird erhoben sein.
Nun, wir wissen, dass Agag der König der Amalekiter ist, der viel später herrschen wird, zur Zeit Scha'uls. Und die Kommentatoren sehen darin möglicherweise eine Prophezeiung, in der von Scha'ul gesprochen wird, so kann man das verstehen. Hier spricht Bil'am unter der Einwirkung des Geistes Gottes eine Prophezeiung. Andererseits kann man das Wort agág nicht als Eigennamen verstehen, sondern als Amt: König, Pharao, Padischah, Pascha, Sultan, Bey oder eben zum Beispiel agág. Und dann geht es darum, dass der König Israels höher stehen wird als der agág (dem Amt nach). Aber höchstwahrscheinlich geht es tatsächlich um eine Prophezeiung, das passt durchaus zu dem, was mit Scha'ul geschah, der Agag besiegen konnte und dessen Königreich erhöht wurde.
אֵל מוֹצִיאוֹ מִמִּצְרַיִם כְּתוֹעֲפֹת רְאֵם לוֹ יֹאכַל גּוֹיִם צָרָיו וְעַצְמֹתֵיהֶם יְגָרֵם וְחִצָּיו יִמְחָץ׃
el mozió mimmizrájim keto'afót re'ém lo jochál gojím zaráw we'azmotehém jegarém wechizzáw jimcház
8 Der HERR führte ihn ungestüm aus Ägypten heraus, und selbst der Büffel wird nicht mit ihm fertig, er wird alle seine Feinde besiegen und ihre Knochen zerbeißen (zerschmettern, sie vollständig vernichten), und wer versucht, ihn zu unterdrücken, der wird selbst unterdrückt werden.
כָּרַע שָׁכַב כַּאֲרִי וּכְלָבִיא מִי יְקִימֶנּוּ מְבָרֲכֶיךָ בָרוּךְ וְאֹרְרֶיךָ אָרוּר׃
kará schacháw ka'arí uchlawí mi jekiménnu mewarechécha warúch we'orerécha arúr
9 Er legte sich nieder und lagerte sich wie ein Löwe und wie eine Löwin. Wer wird ihn denn aufrichten? Wer dich segnet, wird gesegnet sein, und wer dich verflucht, wird verflucht sein.“
Das heißt, wie ein Löwe oder eine Löwin, die müde sind, nachdem sie sich an der Beute satt gefressen, alle ihre Feinde totgebissen und sich gelassen, behäbig ins Gras gelegt haben und ausruhen, sodass Hasen, Kaninchen und Wölfe ruhig daneben herumspringen können. Das berührt die Löwen nicht, eine ruhige, phlegmatische Gleichgültigkeit senkt sich auf den satten Löwen herab – und wer wird ihn aufrichten? Das ist die Prophezeiung Bil'ams über das Volk Israel, das nach seinen Siegen friedlich, ruhig, sicher in seinem Land leben wird.
Wer dich segnet, wird gesegnet sein, und wer dich verflucht, wird verflucht sein – das ist ein allgemeines Prinzip, das der Höchste nicht nur einmal in Bezug auf Israel sagt, aber in diesem Fall hat das eine besondere Bedeutung. Bil'am ist eingeladen, um zu verfluchen, daneben befindet sich Balak, der unter die Kategorie des Verfluchenden fällt, und das heißt, er wird selbst verflucht sein, und Bil'am segnet hier nicht nur Israel, sondern verflucht auch Balak. Und Balak konnte nicht anders, als das zu verstehen, und das konnte Balak nur rasend machen.
וַיִּחַר־אַף בָּלָק אֶל־בִּלְעָם וַיִּסְפֹּק אֶת־כַּפָּיו וַיֹּאמֶר בָּלָק אֶל־בִּלְעָם לָקֹב אֹיְבַי קְרָאתִיךָ וְהִנֵּה בֵּרַכְתָּ בָרֵךְ זֶה שָׁלֹשׁ פְּעָמִים׃
wajichar-áf balák el-bil'ám wajispók et-kappáw wajomer balák el-bil'ám laków ojewáj keratícha wehinné beráchta waréch se schalósch pe'amím
10 Und Balak wurde zornig auf Bil'am und schlug die Hände zusammen, und Balak sprach zu Bil'am: „Ich habe dich gerufen, damit du meine Feinde verfluchst, du aber hast sie ja mit Segen gesegnet, nun schon dreimal.
Er klatschte in die Hände, vielleicht schlug er sich mit den Handflächen auf die Knie – so eine Geste, die nicht Applaus bedeutet, sondern Enttäuschung.
וְעַתָּה בְּרַח־לְךָ אֶל־מְקוֹמֶךָ אָמַרְתִּי כַּבֵּד אֲכַבֶּדְךָ וְהִנֵּה מְנָעֲךָ יְהוָה מִכָּבוֹד׃
we'attá berach-lechá el-mekomécha amárti kabbéd achabbedchá wehinné mena'achá adonáj mikkawód
11 Jetzt aber lauf weg an deinen Ort. Ich hatte ja gedacht, dass ich dir große Achtung erweisen, dir mit großer Ehre vergelten werde, und siehe, der HERR hat dich dieser Ehre beraubt.“
Nun, Bil'am muss nicht erst in die Tasche greifen, um nach einem Wort zu suchen, zum Glück liegt es ihm schon lange auf den Lippen.
וַיֹּאמֶר בִּלְעָם אֶל־בָּלָק הֲלֹא גַּם אֶל־מַלְאָכֶיךָ אֲשֶׁר־שָׁלַחְתָּ אֵלַי דִּבַּרְתִּי לֵאמֹר׃
wajomer bil'ám el-balák haló gam el-mal'achécha ascher-schaláchta eláj dibbárti lemór
12 Und Bil'am sprach zu Balak: „Selbst zu den Gesandten, die du zu mir geschickt hast, habe ich ja zu ihnen gesagt, ich habe doch gesagt:
אִם־יִתֶּן־לִי בָלָק מְלֹא בֵיתוֹ כֶּסֶף וְזָהָב לֹא אוּכַל לַעֲבֹר אֶת־פִּי יְהוָה לַעֲשׂוֹת טוֹבָה אוֹ רָעָה מִלִּבִּי אֲשֶׁר־יְדַבֵּר יְהוָה אֹתוֹ אֲדַבֵּר׃
im-jitten-lí walák meló wetó késsef wesaháw lo uchál la'awór et-pí adonáj la'assót towá o ra'á millibbí ascher-jedabbér adonáj otó adabbér
13 „Selbst wenn Balak mir sein Haus voll Silber und Gold gäbe, könnte ich nicht brechen, was der Mund des HERRN sagt, um Gutes oder Böses aus meinem eigenen Herzen zu tun. Was der HERR reden wird, das werde ich auch reden.
Bil'am sagt: „Was wirfst du mir vor? Ich habe dich doch gewarnt, dass ich im Modus eines Relaissenders arbeite: Was der HERR sagt, das werde ich auch sagen, und für kein Geld der Welt werde ich mich auf etwas anderes einlassen.“ Natürlich hatte Bil'am die Hoffnung, dass der Höchste Israel verfluchen würde, deshalb hat er sich ja darauf eingelassen. Aber er hatte doch im Voraus gewarnt, dass das System ausfallen kann.
וְעַתָּה הִנְנִי הוֹלֵךְ לְעַמִּי לְכָה אִיעָצְךָ אֲשֶׁר יַעֲשֶׂה הָעָם הַזֶּה לְעַמְּךָ בְּאַחֲרִית הַיָּמִים׃
we'attá hinení holéch le'ammí lechá i'azechá aschér ja'assé ha'ám hassé le'ammechá be'acharít hajamím
14 Und jetzt gehe ich zu meinem Volk. Komm, ich werde dir raten, was dieses Volk deinem Volk am Ende der Zeiten tun wird.“
Die Kommentatoren halten bei zwei Wörtern inne, lechá i'azechá (komm, ich werde dir raten), und sagen, dass es um den Rat geht, Israel als Versuchung Mädchen aus den Nachbarvölkern unterzuschieben, Israel einfach durch Unzucht zu verführen. Darauf gibt es einen Hinweis in unserem Buch (31,16), wo Mosche sagt, dass diese jungen Damen auf das Wort Bil'ams hin am Horizont Israels aufgetaucht sind. Hier aber lesen wir den einfachen Sinn.
וַיִּשָּׂא מְשָׁלוֹ וַיֹּאמַר נְאֻם בִּלְעָם בְּנוֹ בְעֹר וּנְאֻם הַגֶּבֶר שְׁתֻם הָעָיִן׃
wajissá meschaló wajomár ne'úm bil'ám benó we'ór un'úm haggéwer schetúm ha'ájin
15 Und er begann seine Rede und sprach: „Das ist der Ausspruch Bil'ams ben Be'or, das ist der Ausspruch des Mannes mit dem klaffenden Auge,
נְאֻם שֹׁמֵעַ אִמְרֵי־אֵל וְיֹדֵעַ דַּעַת עֶלְיוֹן מַחֲזֵה שַׁדַּי יֶחֱזֶה נֹפֵל וּגְלוּי עֵינָיִם׃
ne'úm schoméja imre-él wejodéja dá'at eljón machasé schaddáj jechesé nofél uglúj enájim
16 Das sind die Worte dessen, der den Ausspruch des HERRN hört, und der, der den Ratschluss des Höchsten kennt, sieht die Vision Schaddajs und fällt nieder mit offenen Augen.“
Vielleicht hat Bil'am, nachdem er verstanden hatte, dass es im Ratschluss des Höchsten liegt, das Volk Israel zu segnen, seinem Titel eine neue Beschreibung hinzugefügt. Andere Kommentatoren sagen, dass Bil'am eine solche schädliche Eigenschaft hatte: Er wusste, wann der Höchste zürnt, und verstand es, diese Momente abzupassen. Er kannte gleichsam die biologische Uhr Gottes (wenn man annimmt, dass Er eine hat). Aber das scheint ein zu einfaches Schema zu sein, und höchstwahrscheinlich kann man annehmen, dass Bil'am sich jetzt schon die Erfahrung des unmittelbaren Umgangs mit dem Höchsten zugeschrieben hat, aufgrund eben dieses Falls, als der Geist Gottes auf ihn herabkam.
Und Bil'am wiederholt erneut, dass er die Vision Schaddajs sieht und mit offenen Augen niederfällt. Das ist seine traditionelle Eingangsformel, die traditionelle Einleitung zu seinen Gleichnissen. Wir lesen das schon zum zweiten Mal.
אֶרְאֶנּוּ וְלֹא עַתָּה אֲשׁוּרֶנּוּ וְלֹא קָרוֹב דָּרַךְ כּוֹכָב מִיַּעֲקֹב וְקָם שֵׁבֶט מִיִּשְׂרָאֵל וּמָחַץ פַּאֲתֵי מוֹאָב וְקַרְקַר כָּל־בְּנֵי־שֵׁת׃
er'énnu weló attá aschurénnu weló karów darách kocháw mijaaków wekám schéwet mijisraél umacház pa'até mo'áw wekarkár kol-bene-schét
17 Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich schaue ihn, aber nicht nahe: Siehe, ein Stern ist aufgegangen aus Jaakow, und ein Stamm wird sich erheben aus Israel und wird die Ränder Moaws zerquetschen, niederdrücken, und wird alle Söhne Schets zerbeißen (zertrümmern, zerstoßen) (ein Hinweis auf einen siegreichen Krieg).
Ein interessantes Wort ist darách: lidróch bedeutet treten, lehidaréch – gespannt sein wie der Hahn einer Waffe. Hier wird es gebraucht im Sinn von nach oben steigen. Zugleich hat dieses Wort dieselbe Wurzel wie das Wort dérech (Weg). Das heißt, der Stern aus Jaakow kann aufgehen, er kann aber auch zum Leitstern werden, beginnen, den Weg zu weisen. Die Kommentatoren sehen darin vor allem einen Hinweis auf David und natürlich einen Hinweis auf den Maschiach (das eine schließt das andere nicht aus). Ibn Esra sagt, dass dies eine Prophezeiung gerade über David ist, über den Maschiach brauche man hier nicht zu sprechen, wir haben genug Stellen über den Maschiach. Aber es kann durchaus sein, dass es um ein allgemeines Prinzip des Handelns des Höchsten geht. Und da der Maschiach der Sohn Davids ist, kann auch seine Offenbarung eine Parallele zur Offenbarung Davids sein. Deshalb kann man sagen, dass es einen Stern gibt, der aus Jaakow aufgehen wird, den Stern Jaakows, der ein Leitstern sein wird.
וְהָיָה אֱדוֹם יְרֵשָׁה וְהָיָה יְרֵשָׁה שֵׂעִיר אֹיְבָיו וְיִשְׂרָאֵל עֹשֶׂה חָיִל׃
wehajá edóm jereschá wehajá jereschá se'ír ojewáw wejisraél ósse chájil
18 Und Edom wird untertan sein, und Se'ir wird seinen Feinden untertan sein, Israel aber wird einen siegreichen Krieg führen.
וְיֵרְדְּ מִיַּעֲקֹב וְהֶאֱבִיד שָׂרִיד מֵעִיר׃
wejérd mijaaków wehe'ewíd saríd me'ír
19 Und es wird ein Mensch aus den Nachkommen Jaakows sein, und er wird sogar den Rest in dieser Stadt vernichten.
Offenbar geht es um David, das ist das, was zu seiner Zeit geschah, ebenso wie das, dass David die Ränder Moaws zerschmetterte. Danach schaltet Bil'am seinen prophetischen Blick um, schaltet die Kanäle um.
וַיַּרְא אֶת־עֲמָלֵק וַיִּשָּׂא מְשָׁלוֹ וַיֹּאמַר רֵאשִׁית גּוֹיִם עֲמָלֵק וְאַחֲרִיתוֹ עֲדֵי אֹבֵד׃
wajár et-amalék wajissá meschaló wajomár reschít gojím amalék we'acharitó adé owéd
20 Und er sah Amalek, und er sagte ihnen sein Gleichnis und sprach: „Der Erstgeborene unter den Heiden ist Amalek, und sein Ende ist der Untergang.“
Was bedeutet: Der Erstgeborene unter den Heiden ist Amalek? Wie kam es, dass er der Erstgeborene ist? Er ist der Wegbereiter des Angriffs auf Israel. Als es noch niemandem in den Sinn kam, Israel anzugreifen, hatte Amalek sich schon dazu entschlossen. Die Kommentatoren bringen das Beispiel mit einer heißen Mikwe, mit irgendeinem heißen Becken. Weil es heiß ist, steigt Dampf daraus auf, und niemand wagt es, hineinzusteigen. Und siehe, da kommt so ein Amalek, springt munter in dieses heiße Becken – und alle verstehen, dass es gar nicht so schlimm ist.
וַיַּרְא אֶת־הַקֵּינִי וַיִּשָּׂא מְשָׁלוֹ וַיֹּאמַר אֵיתָן מוֹשָׁבֶךָ וְשִׂים בַּסֶּלַע קִנֶּךָ׃
wajár et-hakkení wajissá meschaló wajomár etán moschawécha wesím basséla kinnécha
21 Und er sah den Keniter, und er sagte sein Gleichnis und sprach zu ihnen: „Mache deine Siedlung stark und baue dein Nest im Felsen.
Vielleicht geht es nicht um einen Felsen, sondern um die Stadt Sela, die im Süden liegt, und in ihr muss man eine Wohnstätte bauen.
כִּי אִם־יִהְיֶה לְבָעֵר קָיִן עַד־מָה אַשּׁוּר תִּשְׁבֶּךָּ׃
ki im-jihjé lewá'er kájin ad-má aschúr tischbékka
22 Denn wenn Kajin verwüstet wird, wird dieses ganze Gebiet verwüstet sein, wohin werden die Assyrer dich denn verschleppen?“
Diesen Ausdruck kann man ungefähr übersetzen als „Na, weiter als nach Sibirien verbannt man einen sowieso nicht“. Selbst wenn man dich irgendwohin in die Gefangenschaft verschleppt, dann nicht weit und nicht für lange, denn weiter geht es einfach nicht mehr. Wir sehen hier, dass die Prophezeiung Bil'ams nicht nur mit Israel zu tun hat. Das ist eine große Prophezeiung für die ganze Region: Der Höchste sagt, was sich mit dem Eintritt des Volkes Israel in diese Region, in dieses Gebiet, verändern wird, ohne absolut alles an das Schicksal Israels zu knüpfen. Durch Bil'am spricht der Höchste zu den Völkern über ihre Zukunft.
וַיִּשָּׂא מְשָׁלוֹ וַיֹּאמַר אוֹי מִי יִחְיֶה מִשֻּׂמוֹ אֵל׃
wajissá meschaló wajomár oj mi jichjé missumó el
23 Und noch ein Gleichnis sagte er und sprach: „O, wer wird leben, wer wird am Leben bleiben, wenn der HERR es so einrichtet?
וְצִים מִיַּד כִּתִּים וְעִנּוּ אַשּׁוּר וְעִנּוּ־עֵבֶר וְגַם־הוּא עֲדֵי אֹבֵד׃
wezím mijád kittím we'innú aschúr we'innu-éwer wegam-hú adé owéd
24 Eine Flotte wird aus Kittim kommen, und sie werden Aschur unterdrücken, festhalten, und sie werden das ganze Küstengebiet am anderen Ufer des Euphrat (Ewer) bedrängen, aber auch sie selbst werden untergehen.“
Hier prophezeit Bil'am den Fall Aschurs nach dem Angriff einer Flotte, die von einer der Inseln des Mittelmeers kommen wird. Das ist der Fall Aschurs und der ganzen Region jenseits des Euphrat, das, was Bil'am Ewer (das andere Ufer) nennt. Das heißt, es wird einen großen Krieg geben, praktisch auf dem ganzen Gebiet des Landes Israel, aber auch Kittim wird untergehen. Damit beendete Bil'am seine Prophezeiung, seine prophetische Ansprache an Balak.
וַיָּקָם בִּלְעָם וַיֵּלֶךְ וַיָּשָׁב לִמְקֹמוֹ וְגַם־בָּלָק הָלַךְ לְדַרְכּוֹ׃
wajákom bil'ám wajélech wajáschow limkomó wegam-balák halách ledarkó
25 Und Bil'am stand auf und ging und kehrte an seinen Ort zurück, und auch Balak ging seines Weges.
Damit endet Kapitel 24 des Buches Bemidbar, und es schien, alles läuft gut, alles, was geschehen sollte, ist geschehen. Wir haben davon gesprochen, dass all das hinter den Kulissen geschieht, all das weiß Israel nicht und sieht es nicht, und in Israel geht alles seinen gewohnten Gang. Niemand weiß davon, dass der Höchste Seinen Plan verwirklicht, nur uns enthüllt die Tora das ein wenig (durch Mosche), niemand aus dem Volk war Zeuge dieser Geschichte.
Lesen wir weiter Kapitel 25, ab Vers 1.
וַיֵּשֶׁב יִשְׂרָאֵל בַּשִּׁטִּים וַיָּחֶל הָעָם לִזְנוֹת אֶל־בְּנוֹת מוֹאָב׃
wajéschew jisraél baschittím wajáchel ha'am lisnót el-benót mo'áw
1 Und Israel wohnte in Schittim, und das Volk begann, Unzucht zu treiben mit den Töchtern Moaws.
Natürlich gab es, solange man durch die Wüste zog, ein solches Problem nicht. Aber nun hat sich das Volk neben anderen Völkern niedergelassen, ist an einen Ort gelangt, wo man Ausländerinnen kennenlernen kann, und begann, sie kennenzulernen, und das führte zur Unzucht.
וַתִּקְרֶאןָ לָעָם לְזִבְחֵי אֱלֹהֵיהֶן וַיֹּאכַל הָעָם וַיִּשְׁתַּחֲוּוּ לֵאלֹהֵיהֶן׃
wattikréna la'ám lesiwché elohehén wajochal ha'ám wajischtachawúIn der russischen Umschrift sind in diesem Wort zwei Laute vertauscht. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: wajischtachawú. lelohehen
2 Und sie riefen das Volk, mit ihnen Opfer darzubringen, und das Volk speiste mit ihnen und betete ihre Götter an.
Das kulturelle Leben Moaws war offenbar trotz allem nicht sehr reich: Wohin geht man abends mit einem Mädchen? Die Kinos hatten noch nicht geöffnet, Theater gibt es keine, und in den Bibliotheken hatte sich niemand angemeldet. Deshalb luden die Mädchen das Volk nach den romantischen Abendessen zur Opferung für ihre Götter ein: „Führst du mich heute in unseren Götzentempel aus? – Na, natürlich führe ich dich aus, Liebling.“
וַיִּצָּמֶד יִשְׂרָאֵל לְבַעַל פְּעוֹר וַיִּחַר־אַף יְהוָה בְּיִשְׂרָאֵל׃
wajizzámed jisraél lewá'al peór wajichar-af adonáj bejisraél
3 Und Israel hängte sich an Ba'al-Pe'or, und der HERR wurde zornig über Israel.
In altsemitischen Texten bedeutet das Verb lehizzamed (in Bezug auf irgendeinen Gott) einen Bund schließen mit einem Gott. Das heißt, viele der Israeliten zerrissen den Bund mit dem Höchsten und traten in einen Bund mit dem gehörnten moawitischen Gott mit dem Beinamen Ba'al-Pe'or. Ba'al – Herr, Herrscher, Pe'or – Grube, Grab. Das heißt, das ist so ein Gott des Todes, ein Gott der Begräbnisse, sein ganzer Kult ist mit dem Kult des Todes verbunden. Und an diesen Genossen hängte sich das Volk Israel durch die moawitischen Mädchen und brach den Bund mit dem Höchsten.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה קַח אֶת־כָּל־רָאשֵׁי הָעָם וְהוֹקַע אוֹתָם לַיהוָה נֶגֶד הַשָּׁמֶשׁ וְיָשֹׁב חֲרוֹן אַף־יְהוָה מִיִּשְׂרָאֵל׃
wajomer adonáj el-mosché kach et-kol-rasché ha'ám wehoká otám ladonáj néged haschámesch wejaschów charón af-adonáj mijisraél
4 Und der HERR sprach zu Mosche: „Nimm alle Söhne des Volkes, alle Anführer des Volkes, und hänge sie dem HERRN auf vor der Sonne, und es wird sich legen, es wird sich abwenden der Zorn des Höchsten von Israel.“
Der HERR sagt zu Mosche: „Führe alle Anführer hinaus und hänge sie auf, stelle sie vor ganz Israel an den Pranger.“ Mosche handelt anders, wie wir weiter sehen werden. Das Wort lehokia (anprangern, brandmarken) bedeutet hier an einem Kreuz aufhängen, aufhängen oder öffentlich der Schande preisgeben. Im Brief an die Kolosser (2,15) lesen wir über den Maschiach: „Nachdem Er den Obrigkeiten und Gewalten die Kräfte genommen hatte, gab Er sie machtvoll der Schande preis und triumphierte über sie durch Sich selbst.“ Das heißt, diese Obrigkeiten (aber nicht mehr die Obrigkeiten des Volkes, sondern die Obrigkeiten im geistlichen Sinn) wurden doch noch aufgehängt, der Schande preisgegeben, und der Maschiach triumphierte über sie. Diese Berichtigung vollendet der Maschiach, der die Sünde des Götzendienstes besiegt und das Streben nach einem Bund mit fremden Göttern, das Abweichen nach rechts und nach links – all das, wofür gewisse geistliche Mächte die Verantwortung tragen, die das Volk Israel durch die Sünde versklavt haben. Gerade sie besiegt der Maschiach, im Gebot des Höchsten wird über den Maschiach gesagt: „Er führte alle Obrigkeiten hinaus und hängte sie zur Schande auf“, das heißt, bestrafte alle, die für den Hang des Volkes zur Sünde verantwortlich waren.
Inzwischen aber tut Mosche als Antwort auf das Gebot des Höchsten nicht das, was der Höchste ihm zu tun geboten hat, er handelt anders. Mosche gebietet den Richtern, sich diejenigen vorzunehmen, die diese Unzucht anzetteln.
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה אֶל־שֹׁפְטֵי יִשְׂרָאֵל הִרְגוּ אִישׁ אֲנָשָׁיו הַנִּצְמָדִים לְבַעַל פְּעוֹר׃
wajomer mosché el-schofeté jisraél hirgú isch anascháw hannizmadím lewá'al peór
5 Und Mosche sprach zu den Richtern Israels: „Jeder soll seine Untergebenen töten, die an Ba'al-Pe'or gebunden sind.“
Mosche gebietet den Richtern, sich ihre Untergebenen vorzunehmen. Er ist nicht bereit, die Anführer zur Schande aufzuhängen. Aber in Wirklichkeit wird auch dieses Gebot Mosches nicht ausgeführt, oder vielleicht kommt es nicht mehr dazu, ausgeführt zu werden, weil die Ereignisse ihm zuvorkommen.
וְהִנֵּה אִישׁ מִבְּנֵי יִשְׂרָאֵל בָּא וַיַּקְרֵב אֶל־אֶחָיו אֶת־הַמִּדְיָנִית לְעֵינֵי מֹשֶׁה וּלְעֵינֵי כָּל־עֲדַת בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל וְהֵמָּה בֹכִים פֶּתַח אֹהֶל מוֹעֵד׃
wehinné isch mibbené jisraél ba wajakréw el-echáw et-hammidjanít le'ené mosché ul'ené kol-adát bene-jisraél wehémma wochím pétach óhel mo'éd
6 Und siehe, es kam einer aus Israel und brachte zu seinen Brüdern eine Midjaniterin vor den Augen Mosches und vor den Augen ganz Israels, sie aber weinten am Eingang des Zeltes der Begegnung.
Vor dem ganzen ehrbaren Volk ging ein gewisser Israelit mit einer Midjaniterin in das Zelt und sagte: „Das ist mein Mädchen, jetzt lebe ich mit ihr, und siehe, ich achte nicht auf all eure Anstrengungen, ich bin kein Rassist, ihr aber seid alle religiöse Fanatiker.“ Das geschah vor den Augen der ganzen Gemeinde, die ganze Gemeinde weinte, und niemand wagte irgendeine Handlung, aber es gab einen Mann namens Pinchas.
וַיַּרְא פִּינְחָס בֶּן־אֶלְעָזָר בֶּן־אַהֲרֹן הַכֹּהֵן וַיָּקָם מִתּוֹךְ הָעֵדָה וַיִּקַּח רֹמַח בְּיָדוֹ׃
wajár pinechás ben-el'asár ben-aharón hakkohén wajákom mittóch ha'edá wajikkách rómach bejadó
7 Und das sah Pinchas, ben Elasar, ben Aharon, der Kohen, und er stand auf aus der Gemeinde, und in seiner Hand ein Speer.
וַיָּבֹא אַחַר אִישׁ־יִשְׂרָאֵל אֶל־הַקֻּבָּהוַיִּדְקֹר אֶת־שְׁנֵיהֶם אֵת אִישׁ יִשְׂרָאֵל וְאֶת־הָאִשָּׁה אֶל־קֳבָתָהּ וַתֵּעָצַר הַמַּגֵּפָה מֵעַל בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
wajawó achár isch-jisraél el-hakkubbá wajidkór et-schenehém et isch jisraél we'et-ha'ischá el-kowatá watte'azár hammaggefá me'ál bené jisraél
8 Und er ging dem Israeliten nach in die Nische, und er durchbohrte sie beide, sowohl den Israeliten als auch die Frau, mitten in ihren Leib (Magen). Und die Seuche unter den Söhnen Israels hörte auf.
Das Wort hakkubbá (Nische) wird sowohl zur Bezeichnung eines Ortes für intime Beziehungen verwendet als auch für allerlei unanständige öffentliche Häuser.
וַיִּהְיוּ הַמֵּתִים בַּמַּגֵּפָה אַרְבָּעָה וְעֶשְׂרִים אָלֶף׃
wajihjú hammetím bammaggefá arba'á wesrím álef
9 Und der an dieser Epidemie Gestorbenen waren vierundzwanzigtausend Menschen.
Also, es gibt eine solche Situation, dass das Volk Israel den Segen Bil'ams erhalten hat. Das Volk hat von diesem Segen nie erfahren, aber der Segen wirkt. Wenn im Geist eines Menschen das Gefühl aufkommt, dass er vollkommen, gerecht, erhaben und erwählt ist, kann ihn das dazu bewegen, dass er es riskieren könnte zu sündigen, in dem Gedanken, dass ihm die Sünde vergeben wird, dass ihm alles erlaubt ist oder dass ihm mehr erlaubt ist als anderen. So kann sich der Segen für den Menschen in seine Kehrseite verwandeln, Gott bewahre. Die Kommentatoren sprechen davon, dass der Segen ein großes Licht war, und Israel wurde mit diesem Licht nicht fertig, obwohl es weder sah noch verstand, was hinter den Kulissen geschah. Israel wurde, nachdem es den Segen erhalten hatte, möglicherweise anziehend in den Augen der Midjaniterinnen, die diese ganze Geschichte kannten, und siehe, wozu das geführt hat. Nicht alle Weisen, nicht alle Lehrer billigen die Tat des Pinchas, nicht immer ist es möglich, so zu handeln. Was mit Pinchas weiter geschah, werden wir, ihr und ich, erfahren, wenn wir den nächsten Wochenabschnitt studieren, den Abschnitt Pinchas.
Jede Laune für euer Geld
Im Zentrum unseres Wochenabschnitts stehen zwei Hauptfiguren: der König Moaws Balak und der Prophet Bil'am ben Be'or. Balak, der König Moaws, sieht die politischen Ereignisse, die um ihn herum geschehen, und das erschreckt ihn sehr stark. Wenn die Tora Balak vorstellt, nennt sie ihn einfach: Balak ben Zippor. Was ist hier das Besondere? Gewöhnlich, wenn in der Schrift ein König auftritt, nennt man ihn König. Richtig wäre es, zu schreiben: Balak – König Moaws. Aber Balak ist erschrocken, fassungslos, das heißt, er befindet sich in einem solchen Zustand, dass er gar kein König ist, sondern einfach ein Sohn Zippors. Und der erschrockene Balak wendet sich an den Propheten um Hilfe, bittet Bil'am, gegen Geld das Volk Israel zu verfluchen. Wir können diesen Menschen genauer betrachten, den Propheten, der Bil'am heißt. Als Archäologen im Jahr 1967 Ausgrabungen durchführten, fanden sie einige Steintafeln, einige Steine, die die Taten Bil'ams rühmen. Und solche Tafeln fand man sowohl in der judäischen Wüste als auch im äußersten Norden, an der Grenze der Golanhöhen. Das heißt, dieser Mensch war nicht einfach irgendein kleiner Prophet, ein örtlicher Schamane, sondern war für die damalige Zeit weithin bekannt. Wir sehen in der Tora auch, dass er kein falscher Prophet ist, zu ihm kommt, ihm erscheint der Höchste Selbst. Das heißt, das ist ein Prophet, der Gemeinschaft mit dem Gott Israels hat. Die jüdische Tradition sagt, dass es in Israel keinen Propheten wie Mosche gab. In Israel gab es keinen, aber unter den Völkern der Welt gab es einen, und das ist eben Bil'am. Und nun wendet sich König Balak an Bil'am mit der Bitte, hinzugehen und das Volk Israel zu verfluchen. Bil'am weigert sich zunächst. Er sagt zu den Gesandten des Königs: „Selbst wenn Balak mir sein Haus voll Silber und Gold gibt, werde ich trotzdem nicht gehen, wenn der HERR es mir nicht sagt. Darum bleibt über Nacht, in der Nacht werde ich hören und tun, was der HERR mir sagen wird.“ Und letzten Endes willigt Bil'am doch ein. Was ist der Grund, was hat ihn dazu gebracht einzuwilligen? Man kann sagen, dass in das Land Israel ein ganzes Volk von Propheten einzieht, ein Volk, das lebendige Gemeinschaft mit Gott hat. Und wer wird Bil'am vor diesem Hintergrund jetzt sein? Seine ganze Besonderheit, sein ganzer Ruhm – all das wird nichts wert sein, wenn das Volk Gottes in das Land einzieht. Und darum ist es für Bil'am wichtig, dass das Volk Israel strauchelt.
Es stellt sich die Frage: Erkennt Bil'am, der alle Ereignisse gesehen hat, die mit Israel geschehen waren, und verstand, dass das Volk gesegnet ist, erkennt er denn wirklich nicht, wie gefährlich es ist, hinzugehen und ein solches Volk zu verfluchen? Dennoch lässt er sich darauf ein, und wir können versuchen zu verstehen, wie er selbst das Geschehen einschätzt. Da zieht ein Volk, das unter dem Schutz des Höchsten steht und das schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Höchsten ist, zieht aus dem zerschlagenen Ägypten, befreit aus jedem Haus der Knechtschaft. Die Kommentatoren sagen, dass Bil'am vielleicht dachte, das Volk habe diesen ganzen Weg zurückgelegt, um in seine Hände gegeben zu werden, und sahen darin einen Fehler, der einem gläubigen Menschen oft unterläuft. Wenn ein Mensch irgendwelche Offenbarungen empfängt und Gemeinschaft mit dem Höchsten hat, kann er anfangen, die eigene Wichtigkeit in den Augen des Höchsten zu sehen, kann anfangen zu denken, dass der Höchste ihm gleichsam sogar dient und tut, was der Mensch Ihm sagt. Und er versucht, diese Offenbarungen sowohl dazu zu benutzen, irgendeinen Ruhm und Ehre zu erlangen, als auch dazu, einfach Geld zu verdienen. Und in dieser Hinsicht führt ihn die Offenbarung des Höchsten, die er empfängt, in die Irre. Es scheint ihm: Wenn es Offenbarung gibt, dann hat er Frieden und ein richtiges Verhältnis zu Gott. Im zweiten Brief des Kefa (2,15) heißt es: „Nachdem sie den geraden Weg verlassen hatten, verirrten sie (die Propheten) sich und gingen auf dem Weg Bil'ams ben Be'or, der den ungerechten Lohn liebte.“ Das heißt, die Gemeinschaft mit dem Höchsten wurde für Bil'am zu einem Mittel des Gelderwerbs.
Wenn wir die Erzählung von Bil'am lesen, können wir sehen, dass Bil'am nicht einfach irgendeine historische Persönlichkeit ist. Bil'am ist eine Art geistliche Krankheit, wenn ein Mensch, der Gemeinschaft mit Gott hat, Ihn in seinen eigenen Dienst stellt und nicht umgekehrt sich selbst in den Dienst Gottes. Und so, angesteckt von dieser Krankheit, steht Bil'am auf und macht sich auf den Weg, reitet los, um Israel zu verfluchen. Und der HERR tut für ihn ein Wunder. Und nicht nur für ihn, sondern auch für die midjanitischen und moawitischen Priester, die ihn begleiten: Die Eselin beginnt zu sprechen. Und die Kommentatoren stellen sich die Frage: „Wozu war hier ein Wunder nötig? Warum nicht irgendeine direkte Offenbarung geben oder noch etwas anderes?“ Und die Antwort, die sie geben, hängt mit dem Verständnis der Traditionen jener Zeit zusammen. Sehr oft inszenierten Herrscher Angriffe irgendwelcher Feinde und schufen dadurch erfundene Siege, um ihren Ruf zu verbessern. Darum konnte schon damals die Meinung aufkommen, dass diese Juden den König Balak eigens bestochen hätten, um sich ein gutes Renommee, einen guten Ruf zu verschaffen. Und dafür wurde vor allen Priestern ein solches Wunder offenbart.
Und es gab noch einen Aspekt, schon für Bil'am: Ihm wurde gezeigt, wer hier wirklich Prophet ist. Die prophetische Rede wird dem Menschen vom Höchsten gegeben, und der Höchste kann auch eine Eselin zum Propheten machen. Das war eine Warnung für Bil'am, dass er sich nicht überheben darf, dass er in den Augen des Höchsten keinerlei Bedeutung hat. Aber Bil'am verstand gar nichts, setzte seinen Weg fort und war bereit, den Fluch auszusprechen.
Die Tora sagt, dass der Höchste seinen Fluch nicht hörte. Es gibt eine sehr interessante Stelle im Buch Dewarim (23,6): „Aber der HERR, dein Gott, wollte nicht auf Bil'am hören, und der HERR, dein Gott, verwandelte für dich den Fluch in Segen …“ Wann hätte der Höchste den Fluch hören können? Hier müssen wir noch eine Besonderheit des Propheten verstehen. Der Umgang mit dem Höchsten wird dem Propheten dazu gegeben, dass er sein Volk lehrt. Und bei Bil'am war es genauso. Ursprünglich war die Gabe der Prophetie mit seinem Amt als Lehrer verbunden, er sollte das Volk lehren. Als ein Mensch, der als Lehrer eingesetzt ist, eingesetzt, zu binden und zu lösen, konnte er Zurechtweisung aussprechen und sogar eine Strafe verkünden. Das gilt für den Fall, dass er vor Gott steht. Aber Bil'am liebte den Lohn, und weil er den Lohn liebte, wollte der Höchste seinen Fluch nicht hören, Bil'am konnte ihn einfach nicht sagen. Wie funktioniert Prophetie? Der Prophet verkündet ein Urteil, und der Höchste kann zu diesem Urteil „Amen“ sagen. Aber Bil'am ist von seinem Amt abgewichen, ist vom Rang des Propheten abgewichen, und darum wollte der Höchste ihn nicht hören. Vergesst nicht, dass der Höchste das Gebet Bil'ams nicht beantwortet hat, als er bat, den Tod eines Gerechten zu sterben (23,10), das heißt, Bil'am hatte kein gutes Ende (31,8).
Und was gibt uns das als gläubigen Menschen? Das ist Stoff zum Nachdenken darüber, ob wir vor dem Höchsten stehen, selbst wenn wir die Gabe der Prophetie haben. Diese Frage bleibt trotzdem bestehen, es kann sich trotzdem herausstellen, dass wir nicht vor dem Höchsten stehen. Wir denken, dass wir mit Ihm in guten Beziehungen sind, dienen Ihm aber in Wirklichkeit nicht, und es ist nötig, sich darin ständig zu prüfen.
Jaakow und Israel
In diesem Gespräch werden wir über eine der Facetten sprechen, die uns der Wochenabschnitt Balak ein wenig eröffnet. Die Geschichte, bei der wir verweilen werden, steht in Kapitel 22 unseres Buches, ab Vers 21.
Bil'am, ein weithin bekannter (nicht nur in engen Kreisen, sondern überall) Zauberer und Verflucher, ein Mensch, mit dem der Höchste Umgang hat, reitet auf einem Esel, um das Volk Israel zu verfluchen. Unterwegs stößt er auf einen Engel, den er nicht sieht, aber die Eselin sieht ihn. Die Eselin weicht das erste Mal vom Weg ab, Bil'am schlägt sie. Das zweite Mal drückt sie sich an die Wand, Bil'am schlägt sie wieder. Das dritte Mal legt sie sich hin, und Bil'am schlägt sie schon sehr heftig. Und da tut sich der Mund der Eselin auf. Dann öffnet der HERR Bil'am die Augen, und auch er sieht den Engel. Und die erste Frage, die der Engel Bil'am stellt: „Warum schlägst du deine Eselin dreimal?“
Jeder Mensch, der auf einem Esel reitet – was soll man machen –, schlägt den Esel. So lenken alle Völker Esel: Menschen, die auf Eseln reiten, schlagen ihre Esel. Was ist der Vorwurf an Bil'am? Der Vorwurf an Bil'am besteht darin, dass er als ein Mensch, der sich einen nennt, der mit Gott Umgang hat, einen Zauberer, Magier oder etwas Ähnliches, auf die Ereignisse achten muss, die um ihn herum geschehen. Er hätte darauf achten und verstehen müssen, dass die Eselin sich nicht ohne Grund so verhält. Rabbi Lewi-Jizchak aus Berditschew sagt in seinem Kommentar: „Der Mensch muss auf die Ereignisse achten, die in seinem Leben geschehen.“ Bil'am aber hat nicht darauf geachtet.
Wir kennen andere Beispiele. Mosche, der den Busch sah, der nicht verbrannte, trat heran, um zu sehen, warum dieser Busch brennt und nicht verbrennt. Er ist daran interessiert, es sich anzusehen, daran interessiert, zu verstehen, was um ihn herum geschieht. Oder als Josef geht, um seine Brüder zu suchen, begegnet er auf dem Weg einem Menschen. Die Kommentatoren sagen, dass es ein Engel war. Ja, vielleicht war es nicht im buchstäblichen Sinn ein Engel, aber es war ein Gesandter des Höchsten, irgendein Mensch, der in seiner Situation nötig wurde und wirklich die Rolle eines Engels spielte. Und dann, viel später, wird Josef sagen: „Brüder, seid nicht traurig, dass man mich verkauft hat, Gott hat mich gesandt.“ In den Ereignissen, die ihm widerfahren, sieht Josef die Hand Gottes. Bil'am aber sieht sie nicht.
Darum richtet sich eigentlich auch die Ansprache an ihn: „Du, Bil'am, hast anscheinend eine prophetische Gabe. Aber in Wirklichkeit hast du diese Gabe, weil Ich, der Höchste, sie dir gegeben habe, und Ich kann sie dir wegnehmen und dem Esel geben. Und dann wird der Esel den Engel sehen, du aber nicht. Der Esel wird verstehen, was geschieht, du aber nicht. Du hast diese Gabe nur durch Meine Gnade, das ist Meine Gabe, nicht deine. Im Grunde aber unterscheidest du dich in nichts von einem Esel.“
Kehren wir noch einmal zum Gedanken Rabbi Lewi-Jizchaks zurück, dass ein Mensch, der mit dem Höchsten Umgang hat, den Höchsten in den Ereignissen sehen muss, die um ihn herum geschehen. Und er sagt auch, dass ein Gerechter ein Mensch ist, der aufmerksam auf sich achtet. Nicht immer muss man das wörtlich nehmen. Im Alltag kann es so kommen, dass du dein Hemd ständig auf links anziehst und es ständig umziehen musst. Oder du willst einen Geldschein aus der Tasche ziehen, und heraus kommt ein anderer. Wenn das ständig passiert, dann muss man darauf achten und verstehen, was der Höchste dir damit sagen will.
In Fortsetzung dieses Gedankens lasst uns einen Teil des Segens lesen, mit dem Bil'am gegen seinen Willen das Volk Israel segnet. Das ist Kapitel 23 unseres Buches. Es gibt verschiedene Übersetzungen, ich gebe die klassische. Bil'am sagt (23,23): „Denn es gibt keine Wahrsagerei (náchasch) in Jaakow und keine Zauberei (késem) in Israel, zu seiner Zeit wird Jaakow und Israel offenbart werden, was Gott bereitet.“ Was ist das für ein seltsamer Satz? Es ist klar, dass es um verschiedene Arten von Magie geht, die Israel nicht praktiziert, da es schlicht vor dem HERRN ist. Es gibt solche Fälle, in denen viele religiöse Familien nicht einmal im Ultraschall das Geschlecht des künftigen Kindes nachsehen lassen, obwohl das, wie es scheint, keine Magie ist, keine Vorhersage, aber sie sagen: „Wir werden nicht fragen. Wen der Höchste gibt, der wird es sein.“ Es gibt einen solchen Ansatz. Wir prüfen nicht nach, wir erkunden nicht, wir versuchen nicht, irgendwie wahrzusagen.
Mejschloach, Raw Leiner, gibt ein interessantes Verständnis dieses Verses, er eröffnet eine interessante Facette. Das Wort náchasch (Wahrsagerei, Zauberkunst) kann man so verstehen, dass es vom Wort nachúsch (beharrlich, starrsinnig, stur) herkommt. Wenn ein Mensch mit dem Kopf durch die Wand auf irgendein Ziel zugeht und sagt: „Und ich mache das trotzdem“, ohne auf irgendwelche begleitenden Ereignisse zu achten. Das ist für uns das Beispiel Bil'ams, der reitet und die Eselin schlägt und sagt: „Was biegst du vom Weg ab, ich muss ankommen!“
Das ist es, was wir beobachten: Obwohl Jaakow den Namen Israel erhalten hat, wird er in der Tora immer wieder Jaakow genannt. Man nimmt an, dass Israel zwei Zustände hat. Wenn er sich in einem gewissen schwachen Zustand befindet, wenn ihm der Wille Gottes nicht vollständig offenbart ist, nennt man ihn Jaakow (darum sagen die ProphetenIm russischen Original steht hier „die Laster sagen oft“, offensichtlich ein Schreibfehler für „die Propheten“ (vgl. Amos 7,2: „Jaakow ist so klein“). Übersetzt wurde daher „die Propheten“. oft, dass Jaakow einem leidtut, er ist so klein). Jaakow befindet sich nicht im Zustand nachúsch (Beharrlichkeit, Starrsinn). Wenn ein Mensch sich im Zustand Jaakow befindet, kennt er den Willen Gottes nicht genau, versucht ihn zu verstehen, und dann muss er aufmerksam auf die Ereignisse hören, nicht etwas mit dem Kopf durch die Wand tun, um jeden Preis. Es gibt Fälle, in denen die Schrift das eindeutig verbietet, alle möglichen Arten verbietet, auf die Wirklichkeit einzuwirken. Zum Beispiel: Der Mann hat die Familie verlassen, und wir nehmen und machen einen Liebeszauber, wir holen ihn auf magische Weise zurück. Wir ziehen auf magische Weise (und es ist nicht wichtig, ob das funktioniert oder nicht, wichtig ist die Hinwendung dazu selbst) einen Geldkanal heran, auf magische Weise machen wir noch etwas anderes. Irgendeine Magie, die versucht, die Wirklichkeit unter den eigenen Willen zu beugen, ist verboten.
Also, wir wissen nicht, worin der Wille Gottes besteht, wenn wir uns im Zustand Jaakow befinden. Es gibt Situationen, in denen uns unklar ist, ob man etwas tun muss, ob es richtig ist, irgendwie zu handeln, mit einem Menschen zu reden oder nicht, irgendwohin zu fahren oder nicht. Und dann muss man auf die Umstände hören. Zum Beispiel kann ich mich nicht entscheiden, ob ich nach Tel Aviv fahren soll oder nicht, und sage mir: „Wenn ich jetzt zur Haltestelle gehe und ein Bus da ist, dann fahre ich; wenn nicht – dann fahre ich nicht.“ Oder ich habe darüber nachgedacht, ob ich mit diesem Menschen reden soll oder nicht reden, ihm etwas sagen oder nicht sagen? Und plötzlich kommt er zu mir und spricht mich auf das Thema an, über das ich reden wollte. Und ich verstehe, dass ich jetzt mit ihm reden muss, das wird jetzt richtig sein.
Israel – das ist derselbe Jaakow, aber im Zustand des Bewusstseins des Willens Gottes, wenn wir genau verstehen, dass das, was wir tun, der Wille Gottes ist. Ein Mensch gründet irgendeinen Hilfsfonds, ein Mensch betreibt irgendeine Wohltätigkeit, und er ist sich bewusst, dass er nicht im Zustand Jaakow ist, sondern im Zustand Israel. Aber es gibt Widerstand. Wenn ein Mensch versteht, dass er das tut, was Gott will, entsteht Widerstand. Warum gibt es Widerstand? Die Ziele sind gut, die Mittel sind gut. Warum gelingt es nicht? Manchmal geschieht das, weil der Höchste uns etwas lehren will. Es gibt so ein klassisches Beispiel. Die Mutter steht mit einer Rassel da und wartet, dass das Kind zu ihr krabbelt. Es krabbelt, es gelingt ihm nicht. Aber die Mutter will ihm die Rassel geben, die Mutter will, dass es zu ihr krabbelt, dass es etwas lernt, dass es sich vielleicht auf die Beine stellt, irgendwie laufen lernt. Vielleicht, wenn das eine Auseinandersetzung mit der Bürokratie ist, muss man sich der Bürokratie entgegenstellen. Das heißt, es gibt Situationen, in denen man sich wie ein Löwe stürzen und seine Aufgabe erfüllen muss.
Das heißt, ich wiederhole noch einmal den Gedanken von Raw Mejschloach: „Es gibt zwei Zustände. Jaakow – das ist der Zustand, wenn wir den Willen Gottes nicht kennen. Dann muss man schauen, wie sich die Umstände fügen, ob die Umstände dem förderlich sein werden, dass wir etwas tun. Es gibt den Zustand Israel, wenn wir den Willen Gottes verstehen, wenn wir wissen, dass man handeln muss, man muss sich wie ein Löwe stürzen, sich den Umständen entgegenstellen und vorangehen.“
Also, was muss man denn tun? Man muss im Zustand ka'ét (jetzt, nun, in der gegenwärtigen Zeit). sein. Man muss schauen, was jetzt für eine Zeit ist, in welchem Zustand ich jetzt bin, was jetzt für eine Situation ist, und seine Handlungen abwägen: ob ich mich jetzt stürze, ob ich mich jetzt in Bewegung setze, ob ich jetzt vorangehen werde, oder ob ich jetzt abwarten muss, wie sich die Umstände fügen. Aber nur nicht in dem Fall, wenn das der Tora widerspricht, wenn das verboten ist. Das heißt, ich kann nicht sagen: „Wenn jetzt die koschere Wurst billiger ist als die nicht koschere, dann kaufe ich die koschere. Wenn nicht, dann kaufe ich die, die billiger ist.“ Hier ist klar, worin der Wille Gottes besteht. Aber wenn es in irgendeiner Situation einen Zweifel gibt, ein Hin und Her, dann muss man genau auf die Umstände schauen. Man muss verstehen, dass unser Gefühl der Gerechtigkeit, unser Gefühl, Bil'am oder Mosche oder ein Prophet zu sein, versagen kann, und es kann sich herausstellen, dass wir diese Gabe verloren haben, darauf muss man achten. Und manchmal muss man nicht die Eselin schlagen, sondern in die andere Richtung abbiegen. Wenn wir aber genau wissen, was wir tun werden, dann müssen wir vorangehen, trotz der Umstände.
Rabbi Mejschloach hat auch noch einen anderen Kommentar, den er ebenfalls hierauf bezieht. Der Höchste gibt das Gebot, sich keine gegossene Maske (keine gegossenen Götter) zu machen. Gegossene Maske – das ist eine aus Metall gegossene Form für ein Bildnis, zum Beispiel irgendeiner Gottheit. Eine Bemerkung in Klammern: Einige Kommentatoren sagen, dass diese Maske der Zorn ist. Der Zorn verzerrt das menschliche Gesicht so, dass es einer Maske ähnlich wird, nach der Art „geht auseinander, fürchtet euch vor mir und lauft vor mir davon“. Rabbi Mejschloach formuliert dieses Gebot für andere Umstände um: „Schaffe dir keine bürokratischen Regeln, die man nicht umgehen kann.“ Das heißt, manchmal ist es logischer und richtiger zu sagen, dass es Raum für einen Kompromiss gibt, dass es die Möglichkeit gibt, von den Regeln abzuweichen oder etwas zu ändern. Zum Beispiel hat sich ein Mensch vorgenommen, ein Gespräch zu halten, über irgendein Thema zu sprechen. Er kommt in die Klasse, und die Klasse ist ganz aufgewühlt von irgendeinem anderen Thema oder irgendeinem Ereignis. Oder ein Mensch fuhr im Auto, bereitete irgendeine Lektion vor und hörte plötzlich irgendeine wichtige Nachricht. Und man kann das ursprüngliche Vorhaben ändern.
Es gibt eine Menge Situationen, die Menschen widerfahren, die gerade erst beginnen, die Gebote auf sich zu nehmen. Sie stoßen bei den Eltern oder der Familie auf Unverständnis oder Ablehnung dessen. Und wenn die strenge Halacha sagt, dass man unter keinen Umständen so und so handeln darf, dann gibt es in dem Fall, wenn ein Mensch gerade erst den Weg der Teschuwá betritt, eine gewisse Flexibilität. Man darf nicht sagen, dass das bei uns nicht üblich ist, dass man das bei uns nicht so macht, dass wir es niemals und unter keinen Umständen so machen werden, denn genau das wird die gegossene Maske sein. Man soll seine Tradition, seine festen Gewohnheiten, seine Ansichten nicht in eine gegossene Maske verwandeln. Hör genau auf die Umstände, hör genau auf die Welt. Wenn du die ganze Zeit denkst, dass du im Zustand Israel bist, mach daraus keine gegossene Maske, du kannst dich im Zustand Jaakow wiederfinden. Manchmal muss man den gefassten Plan ändern, von irgendeiner Tradition abweichen und genau auf die Welt hören. Und Rambam spricht davon, und Maimonides sagt: „Der Mensch muss jedes Ereignis in seiner Welt, in seiner Umgebung, in seinem Leben als Ausdruck göttlicher Anteilnahme sehen.“ Etwas ist geschehen – wir schauen aufmerksam auf das, was geschehen ist, warum es so geschehen ist. Man muss deswegen nicht in eine psychische Krankheit verfallen, man muss nicht den gesunden Menschenverstand verlieren, aber es lohnt sich, bestimmte Ereignisse zu beobachten, die ständig in deinem Leben geschehen.
Solche Gedanken wollte ich teilen.
Wie ein Fluch wirkt
Lasst uns am Beispiel unseres Wochenabschnitts Balak darüber sprechen, wie ein Fluch eigentlich wirkt. Aber zuerst ein wenig Vorgeschichte. Der moawitische König namens Balak ben Zippor beschloss, weil er sich vor dem bevorstehenden Zusammenstoß mit dem Volk Israel fürchtete, sich um Hilfe an die Zauberei zu wenden. Da er ein sehr gründlicher und ziemlich reicher Mensch war, wendet er sich an den bekanntesten, angesehensten Fachmann seiner Zeit auf dem Gebiet der Zauberei, nicht einfach an einen Zauberer, sondern an einen Menschen, mit dem der Höchste Umgang hat, einen Menschen namens Bil'am. Die Tora erzählt eine lange, an Wendungen reiche Geschichte davon, wie Bil'am an den Ort gelangte, wie er versuchte, das Volk Israel zu verfluchen, und wie ihm das nicht gelang. Und in Vers 8 von Kapitel 23 lesen wir den Aufschrei der Seele dieses Profis: „Wie soll ich denn verfluchen, wenn Gott nicht verflucht hat? Wie soll ich Zorn herbeiführen, wenn der HERR nicht zürnt?“
Und es stellt sich die Frage: Wenn man nur den verfluchen kann, den Gott verflucht hat, wozu braucht man dann überhaupt den Fluch? Wozu braucht man dann überhaupt Bil'am, wenn er nur den verfluchen kann, der ohnehin verflucht ist? Wir werden versuchen, das zu verstehen, indem wir uns dem Kommentar von Chajim ben Atar zuwenden, der mehr unter dem Namen seines Buches Or haChajim (Licht des Lebens) bekannt ist.
Aber zuerst muss man verstehen, wie die Langmut Gottes wirkt. Wir wissen, dass die Welt nach dem Prinzip von Lohn und Strafe gebaut ist. Der Gerechte erhält Lohn für seine guten Taten, erhält Hilfe bei seinen guten Taten, und obwohl das nicht immer offensichtlich ist, glauben wir, dass es so ist. Den Gerechten kann man nicht verfluchen, man kann nicht den verfluchen, den Gott nicht verflucht hat. Der Frevler erhält für seine bösen Taten Strafe. Hier lohnt es sich wieder hinzuzufügen, dass auch das nicht immer offensichtlich ist, und viele hat das Gedeihen der Frevler verwirrt, aber es ist so. Warum kann ein Frevler eine Zeit lang gedeihen? Wir wissen, dass Gott langmütig ist. Und nicht nur langmütig, Er hat noch eine solche Eigenschaft wie Rachamím – erziehende, behütende Liebe. Sogar gegenüber einem Menschen, der eine Sünde begangen hat. Der HERR sorgt dafür, dass er sich von seiner Sünde abwendet, dass er die Möglichkeit hat, Buße zu tun, auf den wahren Weg zurückzukehren.
Was geschieht, wenn der HERR gegenüber einem Frevler Langmut erweist? Wenn der Frevler eine Sünde begeht, wird seine Sünde gleichsam zu einem eigenen Wesen, das ihn oben anklagt und sagt: „Der und der hat mich geschaffen.“ Dieses Wesen ist zugleich ein Teil des Frevlers selbst, es lebt in ihm. Das ist eine der Facetten dessen, was vom Höchsten nosé awón (der die Sünde trägt) genannt wirdDer russische Satz lässt offen, ob der Höchste selbst dies so nennt oder ob der Höchste so genannt wird. Die Übersetzung behält diese Mehrdeutigkeit bei.. Wir sind von unseren Taten umgeben, wie in ein Gewand kleiden wir uns in unsere Taten. Aber der HERR, der allem Lebendigen Leben gibt, gibt in Seiner Gnade auch diesem zerstörerischen sündigen Wesen Leben, das der Frevler hervorgebracht hat, um dem Frevler die Möglichkeit zu geben zu leben. Sonst würden die Sünden ihn mit ihrer Masse erdrücken. Wenn ein Fluch ertönt, wenn ein Mensch verflucht wird, steigt dieser Fluch nach oben, steigt vor den Höchsten (wenn er verdient ist, natürlich). Er unterbricht oder verkürzt den Prozess der Langmut, und in irgendeinem Moment kommt es zur Ausgießung des Zorns, von dem Bil'am spricht. Das ist eben ein Moment, wie David in Tehillim (30,6) sagt: „Denn für einen Augenblick ist Sein Zorn.“ Das heißt, die Langmut ist ein Prozess, der Fluch ist ein Ereignis.
Und Chajim ben Atar erklärt in wenigen Worten, wie der Fluch wirkt. Gott sagt zu all diesen Wesen: „Geht und nährt euch bei dem, der euch geschaffen hat. Wer euch geschaffen hat, wer euch hervorgebracht hat, eben dieser Sünder soll euch auch ernähren.“ Und sie kommen zu ihm, und sie fressen seine Seele, fressen sein Leben, denn ein eigenständiges Leben hat er ja nicht, er ist keine Quelle des Lebens. Und so wirkt der Fluch im Menschen, zerstört sein Leben und tötet ihn möglicherweise. Im Grunde ist der Fluch eine Unterbrechung, eine Verkürzung der Langmut Gottes gegenüber dem Menschen, eine Ausgießung des Zornes Gottes über den Menschen. Alles, was der HERR auf Sich trug, alle eigenen bösen Taten des Menschen prasseln von oben auf ihn herab, und unter diesem Schutthaufen wird der Mensch zerstört und kommt vielleicht sogar um. So ergießt sich der Zorn Gottes. Das ist natürlich nur eine der Sichtweisen, das ist wieder ein paar Holzscheite für das Feuerchen des Nachdenkens.
Die Tora in 5 Minuten
Es gibt so einen bekannten Witz, dass Ampeln der einzige Ort auf der Erde sind, an dem die Schallgeschwindigkeit größer ist als die Lichtgeschwindigkeit. Kaum hast du das grüne Licht gesehen, das für dich aufgeleuchtet ist, da hörst du schon das Signal von hinten, und man drängt dich, vorwärtszufahren. Wenn wir das mit den Augen des Menschen betrachten, der sich hinter uns befindet (wir finden uns oft an seiner Stelle wieder), dann kann es uns so scheinen, dass jemand vor uns trödelt, dass wir wegen irgendeines Tollpatschs im Leben nicht vorankommen, dass es irgendwelche Hindernisse gibt, die uns aufhalten, sonst hätten wir es geschafft, sonst würden wir vorwärtskommen, und darum drückt jeder von uns auf seine Hupe. Dann, wenn wir genauer hinschauen, anhalten, uns ausgehupt haben, können wir sehen, dass da irgendein Großvater ist, der noch über die Straße geht, oder jemand, der fährt und dabei die Verkehrsregeln verletzt, der die Ursache dafür ist, dass der Vordere aufgehalten wird. Und dann verstehen wir, dass wir gehupt und uns geärgert haben, einfach nur deshalb, weil wir nicht alles gesehen haben, was geschah.
Eine ähnliche Geschichte ist in unserem Wochenabschnitt einem scharfsichtigen Menschen geschehen, einem Seher namens Bil'am. Wir lesen davon in Kapitel 22 des Buches Bemidbar, Vers 21 bis 34.
Bil'am fing, in heutiger Sprache gesagt, an, auf seine Hupe zu drücken, nachdem die Eselin das erste Mal vom Weg abgewichen war, als sie den Engel des HERRN sah. Und als sie Bil'ams Fuß einklemmte, da tut es ihm schon weh, stellt euch vor, wie er auf seine Hupe drückt! Und Bil'am ist so sehr mit seiner Hupe beschäftigt, dass er nicht einmal darauf achtet, dass die Eselin mit ihm zu reden begonnen hat.
Dann geschieht etwas Erstaunliches. Bil'am gesteht, dass er gesündigt hat, und sagt: „Die Ursache meiner Sünde war, dass ich nicht alles gesehen habe.“ Es scheint, da ist eine gute Lektion für Bil'am – schau auf das ganze Bild, lerne, du kannst sündigen, wenn du nicht alles siehst, wenn du nur einen Teil des Bildes siehst. Indem er die Sünde gesteht, nimmt Bil'am diese Lektion auf, aber er setzt den Weg fort und hat vor, Israel zu verfluchen.
Weiter (23,13) lesen wir: „Und Balak sagte zu ihm: „Geh doch, bitte, mit mir an einen anderen Ort, von dem aus du es (Israel) sehen wirst, aber nur sein Ende wirst du sehen, das Ganze aber wirst du nicht sehen. Und verfluche es mir von dort aus!“
Das heißt: „Vielleicht wirst du irgendeinen nicht besten Teil von ihm sehen, und es wird dir gelingen, dich an etwas festzuhaken, um es zu verfluchen.“ Das ist bequem für Bil'am. Er schließt bewusst seine Augen, um nicht alles zu sehen, um zu verfluchen und nicht zu segnen. Und erst als er ganz Israel sieht, als er von der Höhe herabschaut und das ganze Lager Israels sieht, segnet er Israel.
Das ist es, was in unserem Leben ziemlich oft geschieht. Wir drücken ständig auf die Hupe unserer Klagen, sagen, dass mit uns nicht das Richtige geschieht und nicht so, wie es soll. Vielleicht geschieht das deshalb, weil wir den Engel nicht sehen – vielleicht nicht mit einem Schwert, aber einen Schutzengel, der dasteht und uns beschützt. Alle Ereignisse unseres Wochenabschnitts Balak geschehen gleichsam hinter der Bühne, das Volk Israel nimmt an ihnen nicht teil. Das ist eine Rettung des Volkes Israel, von der das Volk Israel nicht einmal weiß, und eine Lektion für uns. Vielleicht sehen wir die Reihe von Rettungen in unserem Leben nicht, und es lohnt sich für uns, die Situation neu zu betrachten, unser Leben aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Das wird uns helfen, damit aufzuhören, auf die Hupe zu drücken, und anzufangen, den Höchsten zu preisen für das Gute, das es in unserem Leben schon gibt, dafür, dass wir immerhin im Auto sitzen, noch ein kleines bisschen – und wir fahren vorwärts.
Balak: weiterlernen
Lest auch den Wochenabschnitt Chukat, das Gespräch über Segen und Flüche und die Wochenabschnitte der Tora.