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- Wajikra
- Kedoschim
קְדֹשִׁים
Kedoschim
Heiligkeit und Liebe zum Nächsten
- Wochenabschnitt
- 30 von 54
- Verse
- Wajikra 19,1–20,27
- Teile
- 5
- Lesezeit
- 1 Std. 27 Min.
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Kedoschim ist ein Wochenabschnitt über die Heiligkeit im Alltag und in den Beziehungen zu den Nächsten. Im Stenogramm des Gesprächs von Alex Blend werden die Kapitel 19–20 des Buches Wajikra besprochen: die Ehrung der Eltern, das Halten des Sabbats, die Hilfe für die Armen, Gerechtigkeit und das Gebot der Liebe zum Nächsten. Das Material umfasst den hebräischen Text, eine Transliteration, eine ÜbersetzungIm Original ist hier von einer „russischen Übersetzung“ die Rede. Da diese Seite deutsch ist, steht hier neutral „eine Übersetzung“. und die religiöse Auslegung des Autors.
Rezepte der Heiligkeit
Wajikra 19,1–16
Wir beginnen, den Wochenabschnitt zu studieren, der Kedoschim (Heilige) heißt. Er ist dem gewidmet, wie man die Heiligkeit bewahrt, wie man in Heiligkeit lebt. Und wir beginnen mit Vers 1 von Kapitel 19 zu lesen.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché lemór
1 Und der HERR redete mit Mosche und sprach:
דַּבֵּר אֶל־כָּל־עֲדַת בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל וְאָמַרְתָּ אֲלֵהֶם קְדֹשִׁים תִּהְיוּ כִּי קָדוֹשׁ אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
dabbér el-kol-adát bene-jisraél we'amartá alehém kedoschím tihjú ki kadósch aní adonáj elohechém
2 „Rede mit der ganzen Gemeinde der Söhne Israels und sage ihnen: Seid heilig, denn heilig bin Ich, der HERR, euer Gott!
Der Höchste sagt: „Ich bin euer HERR. Ich will unter euch wohnen. Ich will in diesem Volk herrschen, und damit ihr an Mir anhaften könnt, müsst ihr nach Heiligkeit streben.“ Wenn ein Mensch im Zustand der Unreinheit versucht, am Höchsten anzuhaften, beschmutzt er Ihn gleichsam, entweiht Ihn. Alle wissen, dass man zwei Oberflächen, bevor man sie zusammenklebt, abschleift. In unserem Fall muss man nur eine Oberfläche abschleifen – uns, denn der HERR ist ohnehin heilig. Damit Er in uns wohnt, in unseren Herzen, müssen wir nach Heiligkeit streben, an uns werden bestimmte Anforderungen gestellt. Um sie wird es eigentlich auch gehen.
אִישׁ אִמּוֹ וְאָבִיו תִּירָאוּ וְאֶת־שַׁבְּתֹתַי תִּשְׁמֹרוּ אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
isch immó we'awíw tiráu we'et-schabbetotáj tischmóru aní adonáj elohechém
3 Jeder Mensch fürchte, erzittere vor seiner Mutter und seinem Vater, und Meine Sabbate haltet: Ich bin der HERR, euer Gott.
Im Zehnwort (in den Zehn Geboten) lesen wir: „Der Mensch soll Vater und Mutter ehren.“ Hier ist es ein wenig anders und in einer anderen Reihenfolge: Mutter und Vater fürchten. Tatsächlich fällt der mühsamste Teil der Pflege des Kindes auf die Mutter, sie pflegt den Menschen von frühester Kindheit an, deshalb fällt es leichter, der Mutter Achtung zu erweisen, und sie flößt weniger Furcht ein. Und das Gebot setzt den Akzent dort, wo es uns scheint, dass man durchschlüpfen kann: Die Mutter muss man fürchten. Und den Vater muss man achten, ehren, obwohl es uns so scheinen mag, dass er sich an unserer Erziehung eigentlich nicht unmittelbar selbst beteiligt hat.
Im Zehnwort lesen wir, dass das Gebot über das Halten des Schabbats neben dem Gebot über die Ehrung der Eltern steht. Und hier sehen wir dasselbe, sehen, dass es einen Zusammenhang gibt. Da die Eltern unsere vorige Generation sind, heißt seine Eltern ehren die Vergangenheit ehren. Wenn wir auch unsere Kinder in Ehrfurcht vor uns erziehen, bauen wir das Leben unseres Volkes in der Zeit auf. Und der Schabbat ist für die Zählung der Zeit sehr wichtig. Wir leben von Schabbat zu Schabbat, wir bewegen uns aus der Vergangenheit in die Zukunft. Und diese Ablösung eines Schabbats durch den anderen ähnelt in gewisser Weise der Ablösung der Generationen. Indem wir dem Lauf der Zeit mit Achtung begegnen, achten wir die Eltern und lehren die Kinder, uns zu achten.
אַל־תִּפְנוּ אֶל־הָאֱלִילִים וֵאלֹהֵי מַסֵּכָה לֹא תַעֲשׂוּ לָכֶם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
al-tifnú el-ha'elilím welohé massechá lo ta'asú lachém aní adonáj elohechém
4 Wendet euch nicht an Göttlein, und gegossene Götter macht euch nicht, Ich bin der HERR, euer Gott!
Das Wort elíl kann die Verkleinerungsform des Wortes el (Gott) sein, also Göttlein. Es kann aber auch von der Wurzel chet-lamed-lamed stammen, die die Bedeutung leeren, den Inhalt herausnehmen hat: Zum Beispiel bedeutet das Wort chalál leere Hülle, etwas innen Leeres. Das heißt, man kann übersetzen: Wendet euch nicht an leere Hüllen.
Was bedeutet und gegossene Götter macht nicht, und noch dazu euch (welohé massechá lo taasú)? Wir haben über dieses Gebot im Buch Schemot gelesen, in Kapitel 34. Dort steht es vor dem Gebot über die ungesäuerten Brote: „(17) Gegossene Götter mache dir nicht. (18) Das Fest der ungesäuerten Brote halte…“ Was ist das für ein Gebot? Außer dass es einen einfachen Sinn hat – man darf sich keine Göttlein gießen, aus Blei, aus Silber und woraus auch immer wir sie gießen wollten –, hat es auch einen anderen Sinn, und es gibt viele Kommentare dazu.
Das Wort massách bedeutet auch im modernen Hebräisch Vorhang, Behang oder Schirm. Und die chassidischen Lehrer, beginnend mit dem Kommentar zur Tora Or haChajim (Licht des Lebens), sagen, dass elohé massechá der Vorhang (Schirm) ist, der uns den Höchsten verdeckt, der das Empfinden des Göttlichen abstumpft, unser Gefühl für Heiligkeit abstumpft; ein Vorhang, den wir zwischen uns und Gott aufgehängt haben. Zum Beispiel hat ein Mensch eine Arbeit angenommen, ist in eine Gesellschaft geraten, in der unflätige Sprache üblich ist, so reden alle um ihn herum. Anfangs empört ihn das sehr stark, aber allmählich gewöhnt er sich daran. Selbst wenn er sich nicht selbst damit ansteckt, dringt diese Gefühllosigkeit in ihn ein, und die Empörung, die in ihm war, hat sich verschlossen. Sein Gehör, seine Empfindsamkeit für die umgebende Wirklichkeit stumpfen ab, weil er sich schon an etwas gewöhnt hat. Man kann die Geschichte von Rabbi Josef-Schlomo Kahanman erzählen, der Anfang der 30er-Jahre nach Tel Aviv kam. Und das erste Mal, als er am Schabbat spazieren ging, sah er einen Juden, der ging und rauchte. Sein Herz füllte sich mit Bitterkeit, er brach in Tränen aus: „Wie kann es sein, dass ein Jude am Schabbat rauchen kann?!“ Es vergingen einige Monate, Rabbi Kahanman gewöhnte sich allmählich an das Leben im Land Israel. Eines Tages ging er wiederum am Schabbat spazieren und bemerkte wieder einen Menschen, der ging und rauchte. Wieder brach er in Tränen aus und sagte: „Ich weine nicht mehr, weil dieser Mensch raucht. Ich weine, weil ich mich daran gewöhnt habe, weil ich nicht mehr darüber weine, dass ich einen Juden sehe, der den Schabbat bricht. Für mich ist es gewohnt geworden, dass ein Jude den Schabbat brechen kann!“ Manche Dinge können uns auch in unseren eigenen Taten zur Gewohnheit werden. Wenn wir uns daran gewöhnt haben („alle machen es so“, „alle leben so“), können wir uns ein kleines Schirmchen machen, das irgendeine göttliche Energie filtert, irgendwelche kleinen Strahlen des Göttlichen filtert, was uns erlaubt, uns damit abzufinden, ruhig damit zu leben.
Ein weiteres Verständnis der Wendung elohé massechá gibt ein Weiser aus der Epoche der Tannaim (taná heißt auf Aramäisch Lehrer) namens Rabbi Jossi. Er versteht das Wort massechá als Maske – mache dir keine Maske Gottes. Ein Mensch kann manchmal zürnen oder sich in einem gewissen gerechten Zorn empören. Nein, wir zürnen nicht, wenn sich jemand in der Schlange im Supermarkt vor uns vorgedrängelt hat. Wir zürnen nicht, wenn jemand unser Auto geschnitten hat. Aber da sehen wir beim Gottesdienst ein Mädchen, das nicht bescheiden genug gekleidet ist, oder wir sehen, dass jemand flüstert, während der Lehrer spricht, oder, noch schlimmer, während wir sprechen. Da werden wir von gerechtem Zorn erfüllt. Und Rabbi Jossi sagt: „In diesem Moment ist der Mensch sehr schwer zu korrigieren. Der Mensch im Zorn bläht seine Nasenlöcher auf (Zorn ist in der Tora überhaupt mit den Nasenlöchern verbunden), und durch diese aufgeblähten Nasenlöcher geht die Heiligkeit aus dem Menschen hinaus. Und dort, wo die Heiligkeit hinausgegangen ist, erfüllt den Menschen Unreinheit. Sein Gesicht verzerrt sich. Und der Mensch selbst (so sagen wir ja auch) verändert sich im Gesicht, auf ihm erscheint eine Maske. Der Mensch hat sich eine Maske aufgesetzt, hat sich selbst zu Gott erklärt, hat den Platz Gottes eingenommen und zürnt dort, wo Gott zürnen müsste und nicht er selbst.“ Warum verbindet die Tora im Buch Schemot dies mit den ungesäuerten Broten, mit der Mazza? Die ungesäuerten Brote sind wie das Fehlen des eigenen Stolzes, das Fehlen irgendeines eigenen jézer-hará (bösen Triebes). Du zürnst darüber, dass jemand während des Lernens flüstert? Du zürnst darüber, dass ein Mädchen ihr Haar nicht genug mit einem Kopftuch bedeckt hat? Prüfe, ob das wirklich Gottes Zorn ist.
Das dritte Verständnis gibt der chassidische Lehrer Rabbi David Oppenheim, der im 17. Jahrhundert lebte und sagt: „Es geht darum, selbst nicht gegossen zu werden, selbst nicht unbeweglich zu werden unter dem Einfluss des Götzen.“ Das beginnt mit einfachen Abhängigkeiten, wenn wir ohne etwas nicht leben können, ohne etwas nicht auskommen, wenn dieses Etwas uns teurer wird als alles andere. Und das ist eine Art Götze. So etwas kann Kaffee werden, eine Zigarette – ja alles Mögliche. Raw Rosenthal erzählte, wie seine Frau ihm das Zigarettenrauchen abgewöhnte. Überhaupt war das ein Mensch, der wirklich ins Lernen vertieft war, und den ganzen Tag, von morgens bis abends, widmete er dem Studium der Tora, er bemühte sich, sich nicht von der Tora loszureißen. Die Frau kümmerte sich um den ganzen Haushalt. Wenn er Menschen empfing, wenn er Unterricht gab, tat die Frau alles, was nötig war, unter anderem kaufte sie ihm Zigaretten. Eines Tages griff er nach der Zigarettenschachtel und fand sie nicht. Die Frau war nicht zu Hause, und Raw Rosenthal ging selbst hinunter in den kleinen Laden am Haus, entfernte sich nicht weit vom Hauseingang, kaufte sich Zigaretten. Seine Frau kam und sagte: „Ist dein Verlangen zu rauchen wirklich so stark, dass es deine Leidenschaft für das Lernen überwunden hat? Es wird für dich keine Zigaretten mehr geben, in Ewigkeit nicht!“ Und er erkannte, dass sie recht hatte, und hörte auf zu rauchen.
Man erzählt auch vom Kaiser Napoleon. Man sagt, dass auch Napoleon gern rauchte. Und einmal lag er in seinem Zelt, draußen herrschte nasskalter Frost, und er wollte hinausgehen, um zu rauchen, aber er war zu faul. Und er sagte: „Na also, ich bin der Kaiser von Frankreich, ich bin Napoleon, nicht irgendwer, sollte ich etwa nicht die Kraft aufbringen, nach draußen zu gehen, um zu rauchen?“ Er kroch aus dem Zelt, drehte sich eine Zigarette (ich weiß nicht, wie man das damals machte) und dachte plötzlich: „Da bin ich, Kaiser Napoleon, und ich bin so sehr ans Rauchen gebunden, dass ich in diese widerliche, ekelhafte Kälte hinausgekrochen bin, um dort zu rauchen?!“, warf die Zigarette weg und kehrte ins Zelt zurück. Das ist höchstwahrscheinlich eine Anekdote, aber es ist noch ein Beispiel dafür, wie eine Abhängigkeit uns steuern kann, und es ist dasselbe Verständnis – nicht von etwas abhängig zu sein.
Dasselbe Verständnis kann man auch auf unsere Meinungen, unsere Ansichten, unsere Positionen anwenden. Manchmal zeigen wir eine gewisse Hartnäckigkeit: so oder gar nicht, nur so wird es sein, oder nur so wollen wir es machen. Für uns wird das zu einem Wert, und selbst wenn man uns sagt, dass wir falsch handeln, wollen wir trotzdem auf unsere Weise handeln und beschuldigen den, der uns das sagt, dass er uns betrügt. In den Kapiteln 43–44 des Buches Jirmejahu gibt es eine Geschichte von Menschen, die zu ihm kamen und sagten: „Wir wissen, dass du ein Prophet bist. Wir werden so handeln, wie du sagst! Sollen wir nach Ägypten hinabziehen oder nicht hinabziehen?“ Und als Jirmejahu ihnen sagte, was er wirklich denkt, antworteten sie: „A-a-a, dazu stiftet dich Baruch ben Nerija an!“ Auf jeden Fall fanden sie ein Schlupfloch, um auf ihre Weise zu handeln. Und manchmal ist es für einen Menschen sehr schwer zu sagen: „Ich habe mich geirrt, ich lag falsch, das, wofür ich gekämpft habe, ist nicht richtig.“ Oft kämpft ein Mensch weiter für irgendeine Idee, zeigt Sturheit, Aufdringlichkeit, Druck, Beharrlichkeit. Und wenn ein Mensch zu sehr beharrt, muss man prüfen, ob er zur Herrlichkeit Gottes beharrt oder ob dort schon längst sein eigenes „Ich“ alles lenkt. Das ist das tiefe Verständnis der Wendung, das tiefe Verständnis des Gebots – mache dir keine gegossenen Götter.
וְכִי תִזְבְּחוּ זֶבַח שְׁלָמִים לַיהוָה לִרְצֹנְכֶם תִּזְבָּחֻהוּ׃
wechí tisbechú séwach schelamím ladonáj lirzonechém tisbachúhu
5 Wenn ihr dem HERRN ein Friedensopfer darbringen werdet, nach eurem Willen (eurem Willen entsprechend) bringt es dar.
Man muss auf niemanden Eindruck machen. Die Menschen heute, da wir keine Friedensopfer haben, veranstalten große Hochzeiten, Feste, Gelage mit und ohne Anlass. Sie laden eine Menge Leute ein, um sich zu zeigen, um sich keine Blöße zu geben. Oft kommt es vor, dass ich zu einem Menschen auf die Hochzeit komme, und der Mensch sagt zu mir: „Ich habe mich wegen dieser Hochzeit so sehr verschuldet, damit die künftige Schwiegermutter nicht schlecht denkt, damit niemand etwas Schlechtes sagt.“ Das Friedensopfer ist auch ein Fest, auch ein Gelage, eine Sause, wenn ein Mensch das Opfer schlachtet und andere einlädt, um mit ihm diese Freude zu teilen, um mit ihm die Liebe zum Höchsten zu teilen. Genau das soll das Ziel sein. Man muss kein Fest veranstalten, um sein „Ego“ zu befriedigen, um irgendwie seine Würde, seinen Reichtum zu zeigen. Und der Höchste sagt: „Ich brauche das nicht, erstens. Zweitens, wenn ihr Mir ein Friedensopfer darbringt, bringt es dar (wenn ihr wollt, dass es angenommen wird) genau dann, wenn ihr ein Opfer darbringen wollt, wenn ihr euch mit Mir vereinen, euch Mir anschließen wollt. Ihr müsst das nicht aus gesellschaftlichem Zwang tun, wenn jemand zu euch kommt und sagt: ‚Wasja, Chaim, Kostja, Mordechai! Du hast schon lange irgendwie kein Friedensopfer mehr dargebracht. Los, bring eins dar, wir haben schon lange nicht mehr auf deinem Fest gefeiert!‘“
בְּיוֹם זִבְחֲכֶם יֵאָכֵל וּמִמָּחֳרָת וְהַנּוֹתָר עַד־יוֹם הַשְּׁלִישִׁי בָּאֵשׁ יִשָּׂרֵף׃
bejom siwchachém je'achél umimmachorát wehannotár ad-jom haschelischí ba'ésch jissaréf
6 Am Tag, an dem ihr das Opfer darbringt, werdet ihr davon essen, und am folgenden Tag, und das, was bis zum dritten Tag übrig bleibt, wird im Feuer verbrannt werden.
Wir haben schon über dieses Gesetz des Friedensopfers gesprochen (in den Wochenabschnitten Wajikra und Zaw). Wenn ein Mensch ein Opfer schlachtet, um mit anderen zu teilen, dann teile auch mit anderen, spare nicht, schneide es nicht in Stückchen, du musst es nicht in die Tiefkühltruhe legen und einfrieren. Freue dich hier und jetzt. Das zeigt sich übrigens auch im gewöhnlichen menschlichen Leben. Wir sehen, dass bei den Leuten im Schrank Service stehen, die sie an irgendeinem schönen, wunderbaren Tag zu benutzen planen. Bei den Mädchen hängen im Schrank Kleider, die sie zu irgendeinem wunderbaren Fest anziehen werden. Und oft, wenn die Menschen in die andere Welt gehen, nach 120 Jahren, tragen die Kinder diese Service hinaus und putzen in diesem Haus die Fenster mit einem Lappen, einem ehemaligen Kleid, das man am Festtag hätte anziehen sollen. Der Höchste sagt: „Freut euch jetzt! Wenn ihr Mein Geschenk habt, ein menschliches Geschenk, freut euch jetzt, verschiebt eure Opfer nicht auf den dritten Tag.“
וְאִם הֵאָכֹל יֵאָכֵל בַּיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי פִּגּוּל הוּא לֹא יֵרָצֶה׃
we'ím he'achól je'achél bajom haschelischí piggúl hu lo jerazé
7 Und wenn es am dritten Tag gegessen wird, dann ist das Gammelfleisch, und es wird nicht angenommen werden.
Wenn ihr so mit diesem Opfer umgeht, dann wird euch das nicht als Opfer angerechnet, ihr habt einfach ein bisschen verdorbenes Fleisch gegessen.
וְאֹכְלָיו עֲוֹנוֹ יִשָּׂא כִּי־אֶת־קֹדֶשׁ יְהוָה חִלֵּל וְנִכְרְתָה הַנֶּפֶשׁ הַהִוא מֵעַמֶּיהָ׃
we'ocheláw awonó jissá ki-et-kódesch adonáj chillél wenichretá hannéfesch hahí me'amméha
8 Und wer davon essen wird, wird seine Sünde tragen, denn er hat das Heilige des HERRN entehrt (es zunichte gemacht, kann man sagen, Missachtung gegenüber dem Heiligen Gottes gezeigt), und diese Seele wird ausgerottet werden aus ihrem Volk.
וּבְקֻצְרְכֶם אֶת־קְצִיר אַרְצְכֶם לֹא תְכַלֶּה פְּאַת שָׂדְךָ לִקְצֹר וְלֶקֶט קְצִירְךָ לֹא תְלַקֵּט׃
uwkuzrechém et-kezír arzechém lo techallé pe'át sadechá likzór weléket kezirechá lo telakkét
9 Und wenn ihr die Ernte in eurem Land schneiden werdet, mähe das Feld nicht bis zum äußersten Rand ab, und die Reste deiner Ernte mähe nicht nach.
Das heißt, geh nicht ein zweites Mal hindurch, suche nicht, spüre nicht die ungemähten Ähren auf, lass sie liegen. Interessant ist, dass man einen Menschen, wenn er den gijúr durchläuft, und sogar schon nach dem Gericht, wenn er in die míkwa eintaucht, einige Gebote lehren muss. Und unter den anderen Geboten sagt man ihm unbedingt das Gebot peá (das Gebot über den Rand des Feldes), die Gebote über den Zehnten, die Gebote darüber, dass er Teil des Volkes wird, dass er ein Mensch-Volk ist, der mit den Armen teilen muss. Das wird als wesentliche Gebote herausgehoben, die das Wesen des Menschen betreffen, der nicht allein für sich so heilig ist, sondern Teil des Volkes Gottes ist, das nach Heiligkeit strebt, in dem alle Brüder sind, und der Mensch muss mit den Brüdern teilen. Das ist oft sehr schwer anzunehmen.
וְכַרְמְךָ לֹא תְעוֹלֵל וּפֶרֶט כַּרְמְךָ לֹא תְלַקֵּט לֶעָנִי וְלַגֵּר תַּעֲזֹב אֹתָם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
wecharmécha lo teolél uféret karmechá lo telakkét le'aní welaggér ta'asów otám aní adonáj elohechém
10 Und leere deinen Weinberg nicht aus, die letzten Trauben lies nicht auf, lass sie dem Armen und dem Fremdling, Ich bin der HERR, euer Gott.
לֹא תִּגְנֹבוּ וְלֹא־תְכַחֲשׁוּ וְלֹא־תְשַׁקְּרוּ אִישׁ בַּעֲמִיתוֹ׃
lo tignówu welo-techachaschú welo-teschakkerú isch ba'amitó
11 Bestehlt nicht (stehlt nicht), leugnet nicht (sagt euch nicht los) und betrügt euren Nächsten nicht.
Wenn du etwas als Pfand genommen hast oder irgendeinen Lohn schuldig geblieben bist, sag nicht, dass du es nicht genommen hast, lo-techachaschú – sage dich nicht los von deinen Verpflichtungen gegenüber dem Menschen. Und sag nicht: „Ich habe es dir schon gegeben“, oder, wie ein falscher Zeuge: „Und ich weiß, dass er es schon gegeben hat“, das heißt lo-teschakkerú, betrügt nicht.
וְלֹא־תִשָּׁבְעוּ בִשְׁמִי לַשָּׁקֶר וְחִלַּלְתָּ אֶת־שֵׁם אֱלֹהֶיךָ אֲנִי יְהוָה׃
welo-tischaweú wischmí lascháker wechillaltá et-schém elohécha aní adonáj
12 Und schwört nicht bei Meinem Namen auf Lügenhaftes, damit entehrst du den Namen des HERRN, Ich bin der HERR.
Ein Mensch kann nicht nur mit einem Schwur falsches Zeugnis ablegen, sondern auch noch, Gott bewahre, diesem Schwur den Namen des HERRN beifügen. In den letzten zwei Versen kann man eine Kette von Taten sehen, die eine auf die andere folgen. Zuerst hat der Mensch gestohlen, etwas genommen, dann leugnet er es, sagt sich davon los. Und es kommt so weit, dass er falsch beim Namen Gottes schwört. Und der Krieg gegen Menschen, gegen fremdes Eigentum verwandelt sich schon in eine Entehrung des Namens des Höchsten. Es gibt bestimmte Regeln im Umgang miteinander. Es scheint doch: Das ist mein Feld, warum muss ich den Armen davon geben? Aber man muss nicht nur sein Gut teilen: Erst recht darf man nicht fremdes Gut nehmen, stehlen, als Pfand wegnehmen und dergleichen.
לֹא־תַעֲשֹׁק אֶת־רֵעֲךָ וְלֹא תִגְזֹל לֹא־תָלִין פְּעֻלַּת שָׂכִיר אִתְּךָ עַד־בֹּקֶר׃
lo-ta'aschók et-re'achá weló tigsól lo-talín pe'ullát sachír ittechá ad-bóker
13 Kränke nicht (bedrücke nicht) deinen Nächsten, und raube nicht, und den Lohn des gedungenen Arbeiters behalte nicht bei dir bis zum Morgen.
Gemeint ist eine Situation, in der ein Mensch in eine gewisse Abhängigkeit von dir gerät. Du kannst zu ihm sagen: „Arbeite für mich zum niedrigsten Preis“, oder ihn zwingen, etwas für einen Spottpreis zu verkaufen, damit er überlebt. Oder umgekehrt, wenn für jemanden etwas lebensnotwendig wird, ist ein Mensch versucht, den Preis für diese Ware zu überhöhen. Wenn jemand ein Medikament braucht und es für ihn unentbehrlich ist, kann man den Preis dafür anheben, und auch das ist Bedrückung. Man kann zu einem Menschen sagen: „Ich habe mit dir 1000 Schekel vereinbart, aber ich gebe dir 750, dir reicht auch das!“ Hier aber ist gesagt bedrücke deinen Nächsten nicht, das zu tun ist verboten. Es scheint doch, es gibt ein Geschäft, ich will kaufen, er will verkaufen. Aber wenn ich verstehe, dass er gezwungen ist zu verkaufen, wenn ich verstehe, dass er gezwungen ist, eine Arbeit anzunehmen, irgendeinen Vertrag zu unterschreiben, habe ich nicht das Recht, ihn zu bedrücken. Er ist mein Nächster, und ich muss für ihn Sorge tragen. Ich kann mich nicht so sehr lieben, dass ich den Nächsten missachte.
Das Gebot lo-tigsól (raube nicht, nimm nicht gewaltsam weg) betrifft auch das, dass man einem Menschen die Zeit wegnehmen kann. Das heißt, man kann zu einem Menschen sagen: „Sitz vor meinem Büro und warte auf mich, bis ich komme, vom Morgen bis zum Mittag.“ Das ist Diebstahl von Zeit, das ist auch Raub. Man kann einem Menschen den Schlaf wegnehmen: wenn ich mitten in der Nacht etwas gebraucht habe und meinen Angestellten anrufe und irgendwelche Berichte von ihm verlange. Oder ich benehme mich einfach laut und störe meinen Nächsten beim Schlafen, dann ist das auch Raub, Diebstahl des Schlafes. Außerdem kann man einem Menschen das richtige Verständnis stehlen. Wenn ich ihm sage: „Dieses Präparat hilft“, oder: „Jetzt laufen in Frankreich alle so herum“, und so weiter, stehle ich dem Menschen das richtige Verständnis, stehle dem Menschen dáat, seine Vorstellung von der Welt. Und auch das ist verboten.
Das Gebot über den Lohn des gedungenen Arbeiters ist auch ein wichtiges Gebot. Bis heute gibt es in vielen Ländern Menschen, die vom täglichen Verdienst leben. Diese Menschen sind in eine solche Situation geraten, dass sie einen ganzen Monat aus verschiedenen Gründen nicht zur Arbeit gegangen sind, und sie essen entweder ihre Vorräte auf (die, die irgendwelche Vorräte anlegen konnten), oder bitten ihre Nächsten um Hilfe. Für einen Menschen, der Tagelöhner ist, ist es sehr schwer zurechtzukommen, wenn man ihm den Lohn zurückhält, deshalb muss man den Lohn bis zum Morgen auszahlen.
לֹא־תְקַלֵּל חֵרֵשׁ וְלִפְנֵי עִוֵּר לֹא תִתֵּן מִכְשֹׁל וְיָרֵאתָ מֵּאֱלֹהֶיךָ אֲנִי יְהוָה׃
lo-tekallél cherésch welifné iwwér lo tittén michschól wejaréta me'elohécha aní adonáj
14 Verfluche nicht den Tauben und stelle kein Hindernis vor den Blinden, fürchte deinen Gott, Ich bin der HERR.
Nutze nicht die menschlichen Schwächen aus, um dich über ihn lustig zu machen. Wenn ein Mensch hört, wirst du ihm nicht das sagen, was du dir erlauben kannst, wenn der Mensch nicht hört. So etwas darf nicht sein. Der Taube wird es nicht hören, der Blinde wird es nicht bemerken, aber Gott sieht alles, Ihn muss man fürchten. Dieses Gebot, stelle kein Hindernis vor den Blinden, muss man als nachsichtigen Umgang mit den Schwächen anderer Menschen verstehen. Wenn irgendeine Frau oder irgendein Mensch zu euch kommt, um das Haus zu putzen, lasst kein mit Geld vollgestopftes Portemonnaie vor ihren Augen liegen, um sie nicht in Versuchung zu bringen: Führt den Menschen nicht in Versuchung, unabsichtlich oder absichtlich. Wenn ein Mensch irgendeine Diät macht, versucht, sich von etwas zu enthalten, kauft ihm keine lecker riechenden Lebensmittel, die ihn in Versuchung führen werden. Und erst recht soll man einem Menschen nicht heimlich die Lebensmittel ins Essen mischen, auf die er verzichtet hat. Ich kenne so etwas, dass, wenn ein Mensch auf Schweinefleisch verzichtet und etwas für Gott nicht isst, die gläubigen Brüder manchmal so eine Versuchung haben, ihm eben dieses Schweinefleisch irgendwie ins Essen zu mischen. Das Gebot gilt nicht nur gegenüber dem Schwachen und nicht nur gegenüber dem Blinden, nicht nur um den Blinden kümmert sich der HERR.
לֹא־תַעֲשׂוּ עָוֶל בַּמִּשְׁפָּט לֹא־תִשָּׂא פְנֵי־דָל וְלֹא תֶהְדַּר פְּנֵי גָדוֹל בְּצֶדֶק תִּשְׁפֹּט עֲמִיתֶךָ׃
lo-ta'asú áwel bammischpát lo-tissá fene-dál weló tehdár pené gadól bezédek tischpót amitécha
15 Tut kein Unrecht im Gericht, missachte den Armen nicht und katzbuckle nicht vor dem Vornehmen, gerecht richte deinen Nächsten.
Man kann den Armen missachten und sagen: „Er ist ein Armer, warum soll ich ihn richtig richten? Was soll ich mich denn mit seiner Sache befassen?“ Man kann umgekehrt das Gericht zugunsten des Reichen entscheiden, weil er reich ist, weil das gute und nützliche Verbindungen sind. In vielen Ländern ist das Gericht bis heute so. Der Höchste sagt: „Richte deine Nächsten gerecht. Welchem und wie vornehmen Menschen du auch zu gefallen versuchen magst, wie hoch auch seine Stellung in der Gesellschaft sein mag, es lohnt sich für dich nicht, seinetwegen mit Mir zu streiten. Über Mir ist niemand, und Ich trete von der Höhe Meiner Stellung als euer HERR und euer Gott für die Armen ein. Ich bin für ein gerechtes Gericht, Ich bin die höchste Gerechtigkeit, streitet nicht mit Mir.“
לֹא־תֵלֵךְ רָכִיל בְּעַמֶּיךָ לֹא תַעֲמֹד עַל־דַּם רֵעֶךָ אֲנִי יְהוָה׃
lo-teléch rachíl be'ammécha lo ta'amód al-dám re'écha aní adonáj
16 Es soll kein Klatschträger in deinem Volk umhergehen, und steh nicht ruhig auf dem Blut deines Nächsten, Ich bin der HERR.
Das Wort rachíl (Klatschträger) verbindet man mit Seehändlern, Kaufleuten, die außer Waren (sie hatten wohl gute und verschiedene Waren) Gerüchte herumtrugen: „Was hört man? Ihr seid aus Odessa? Und was hört man dort? Ihr seid aus dem Land Israel? Und was ist dort, und wie?“ Und außer den erstaunlichen Geschichten von großen Abenteuern, die die Kaufleute natürlich erzählten, trugen sie Klatsch und üble Nachrede über verschiedene Leute herum. Außerdem kann ein Mensch irgendwelche Gerüchte sammeln, irgendwelche Geschichten („Und wisst ihr schon, Mamykin wird abgesetztDas Verb im Original kann sowohl „wird abgesetzt“ als auch „wird gefilmt“ bedeuten. Übersetzt ist die Bedeutung, die zum Zusammenhang mit Klatsch am besten passt. …“) und sie als Ware anbieten. Es gibt eine Gesellschaft, die verlangt: „Frischen Klatsch, frischen Klatsch, wir wollen den allerfrischesten Klatsch!“ Und Klatsch, üble Nachrede, Verleumdungen werden zur Ware, und das Volk läuft zusammen, um sie anzuhören. Damit kann man Aufmerksamkeit erregen und obenauf sein, indem man üble Nachrede verbreitet. Der Höchste sagt: „Das wird es nicht geben!“ Ich kenne eine Geschichte, als ein Mensch zu einem Rabbiner kam und sagt: „Mir tut das Bein sehr weh, es tut sehr stark weh, und irgendein Schmerz in den Muskeln. Keine Ärzte können helfen, zu wem ich auch gegangen bin!“ Und der Rabbiner sagte ihm: „Prüfe, vielleicht bist du auf irgendeine Weise mit Klatsch sündig? Prüfe dich selbst, denn es steht geschrieben: Es soll kein Klatschträger in deinem Volk umhergehen.“ Der Mensch dachte nach und sagte: „Diese Sünde habe ich.“ Ich kann nicht sagen, dass er Buße tat und sofort geheilt wurde, ich kenne sein weiteres Schicksal nicht, aber diesen Teil der Geschichte habe ich beobachtet.
Was bedeutet es, auf dem Blut seines Nächsten zu stehen? Hier ist Folgendes gemeint: Wenn du an einem Menschen vorbeigehst, der in Not geraten ist, der geschlagen wird, an einem Mädchen, das belästigt wird, an einem Kind, dem Unrecht getan wird, dann greif ein, um deinen Nächsten zu schützen, geh nicht ruhig vorbei, nimm das nicht ruhig hin, schütze! Das ist ein sehr wichtiges Gebot.
Wir kennen das neutestamentliche Gebot, dem Bösen nicht zu widerstehen, und wiederholen es gern, vielleicht halten wir es sogar gern. Ich habe schon mehr als einmal die Geschichte erzählt, über die mir christliche Brüder geschrieben haben: „Wir sind mit den Schwestern in ein Sommerlager gefahren. Wir haben die Zelte aufgestellt und uns gerade eingerichtet, als irgendwelche Dorfrowdys kamen und anfingen, uns zu belästigen, die Schwestern, und sie sogar zu vergewaltigen begannen, und wir standen daneben und beteten. Dann lachten die Rowdys über uns und sagten: ‚Bringt eure Mädchen noch einmal her!‘ – und gingen weg. Und die Schwestern sind danach im Glauben gestrauchelt. Wie kann man sie zum Glauben zurückbringen?“ Mit einer solchen Frage kam ein Brief in die Redaktion. Die Tora sagt: „Steh nicht ruhig auf dem Blut deines Nächsten. Wenn man dir Unrecht tut, dann kannst du das irgendwo ertragen, kannst die andere Wange hinhalten. Wenn man deiner Schwester Unrecht tut, wenn jemand gar nicht deine Schwester, sondern eine dir völlig unbekannte Frau vergewaltigt, bist du verpflichtet einzuschreiten, steh nicht auf dem Blut deines Nächsten.“
Wir sagen oft, dass Heiligkeit Absonderung ist, ein Heiliger ist ein Abgesonderter. Aber hier, im ganzen Kapitel, sehen wir, dass der Heilige sich um diese Welt kümmert, sich um die Bettler kümmert, sich um die Schwachen kümmert, sich um ein gerechtes Gericht kümmert. Wovon ist er abgesondert? Von seiner Gier, von seinen eigenen eigennützigen Interessen. Er lebt für die Heiligung des Namens des Höchsten in dieser Welt, und für diesen Dienst ist er abgesondert, darin liegt seine Heiligkeit.
Geduld und Duldsamkeit
Wajikra 19,17–37
Wir bewegen uns durch den Wochenabschnitt Kedoschim und werden ab Vers 17 von Kapitel 19 lesen. Wir lesen weiter die Gesetze und Anordnungen, die der Höchste zur Bewahrung unserer Reinheit und unserer Gerechtigkeit gibt, unseres Strebens nach Heiligkeit.
לֹא־תִשְׂנָא אֶת־אָחִיךָ בִּלְבָבֶךָ הוֹכֵחַ תּוֹכִיחַ אֶת־עֲמִיתֶךָ וְלֹא־תִשָּׂא עָלָיו חֵטְא׃
lo-tisná et-achícha bilwawécha hochéach tochíach et-amitécha welo-tissá aláw chet
17 Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, mit Ermahnung ermahne deinen Nächsten, und du wirst seinetwegen keine Sünde tragen.
Das Wort sin'á (Hass) klingt auf Hebräisch nicht so stark und so scharf wie in der russischen Sprache. Zum Beispiel lesen wir: „Ein Mensch wird zwei Frauen haben, die eine wird er lieben und die andere hassen.“ Hier ist das Wort Hass nicht ganz in dem für das russische Ohr gewohnten Verständnis, hier bedeutet es weniger lieben. So eine leichte (oder starke) Missachtung, aber durchaus nicht unbedingt Hass, jedenfalls bedeutet dieses Wort nicht immer gerade Hass. So kann man hasse nicht verstehen als bewahre nicht irgendeinen Groll, irgendeine Missachtung.
Außerdem kannst du, indem du deinen Bruder ermahnst, ihn erstens vom Bösen abbringen, ihm helfen, abzuweichen, sich vom Bösen fernzuhalten, nicht Mittäter an seiner Sünde zu sein. Zweitens wird auf dir nicht die Sünde des Hasses ihm gegenüber liegen, das ist auch wichtig. Und drittens wirst du möglicherweise nicht unter den Folgen seiner Sünde leiden. Die Tradition sagt: „Oj (wehe) dem Bösewicht und oj (wehe) dem Nachbarn des Bösewichts!“ Wenn dein Nachbar zum Bösewicht wird, wird es dir auch schlecht ergehen, und auch du kannst in eine ganze Reihe unangenehmer Situationen geraten, und bis zur Sünde wird es nicht weit sein. Deshalb ist der beste Weg, keinen Groll gegen den Nächsten zu hegen, sich um seine Besserung zu kümmern: er steht ja nicht vor dir, sondern vor dem Höchsten. Und unsere Aufgabe besteht darin, den Menschen vor den Höchsten zu stellen, den Menschen mit dem Höchsten zu versöhnen. Die Friedensstifter im Evangelium nach Matthäus sind vor allem diejenigen, die Frieden zwischen dem Menschen und Gott stiften, das sind nicht immer die Blauhelme der UNO.
לֹא־תִקֹּם וְלֹא־תִטֹּר אֶת־בְּנֵי עַמֶּךָ וְאָהַבְתָּ לְרֵעֲךָ כָּמוֹךָ אֲנִי יְהוָה׃
lo-tikkóm welo-tittór et-bené ammécha we'ahawtá lere'achá kamócha aní adonáj
18 Räche dich nicht und sei nicht nachtragend gegenüber deinem Nächsten, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst, Ich bin der HERR.
Eine sehr gute Erklärung gibt es im allerklassischsten Kommentar von Rabbi Schlomo Jizchaki (Raschi). Raschi sagt: „Was bedeutet: Räche dich nicht? Wenn du zu einem Menschen gekommen bist und ihm sagst: ‚Leih mir eine Axt!‘, und er dir antwortet: ‚Nein! Ich leihe sie dir nicht!‘ Ein paar Tage vergehen, er kommt zu dir und sagt: ‚Leih mir einen Hammer!‘, und du sagst ihm: ‚Du hast mir die Axt nicht geliehen, also leihe ich dir den Hammer auch nicht!‘ – das ist Rache. Wenn du ihm aber sagst: ‚Du hast mir damals die Axt nicht geliehen, aber ich bin nicht so wie du, ich leihe dir den Hammer. Denk nur daran, dass du es warst, der mir damals nicht geliehen hat!‘ – das ist Nachtragen“.
Ein Mensch kann sich unter dem Einfluss der Umstände verändern. Aber wir erinnern uns oft an irgendein Bild eines Menschen, vielleicht kein sehr gutes, obwohl der Mensch selbst sich schon verändert haben könnte. Und es kommt heraus, dass wir nicht mit dem Menschen selbst umgehen, sondern mit seinem Bild, das sich uns eingeprägt hat. Genauso wie man einen Vorhang zwischen uns und Gott machen kann, kann dasselbe auch in unserem Umgang mit einem Menschen geschehen. Wir können sagen: „Ich habe ihm Böses angetan, er wird mir niemals vergeben!“, oder: „Er wird sich niemals bessern!“, „Er wird irgendetwas niemals tun, er ist so und so, und das ist unveränderlich.“ Wir bewahren gleichsam eine Bibliothek der bösen Taten dieses Menschen, legen ein Archiv seiner bösen Taten an. Auch das soll man nicht tun. Wir müssen unseren Verstand ständig erneuern, ständig davon überzeugt sein, dass dieser Mensch sich sowohl zum Guten als auch zum Schlechten verändern kann. Deshalb soll man nicht nachtragend sein und seine bösen Taten nicht als ewiges Etikett ihm gegenüber aufbewahren.
Das Gebot liebe deinen Nächsten wie dich selbst ist ein erstaunliches Gebot. Es ist erstaunlich in seiner Einfachheit und Verständlichkeit. Das ist wahrscheinlich das bekannteste Gebot in der Tora, und es ist am schwersten zu erfüllen, weil es sehr schwer ist, den Nächsten zu lieben. Wenn man abstrakt spricht, dann kann man das ganze Volk, die ganze Menschheit lieben. Den Nächsten zu lieben ist schwer. Jeschua sagte, dass dieses Gebot eines der zwei wichtigsten Gebote ist: liebe deinen Gott und liebe deinen Nächsten. Wenn du deinen Nächsten liebst, wenn du ihn wahrhaft liebst, dann wirst du nichts von dem tun, was ihm Schaden zufügt. Du wirst ihn nicht verleumden, du wirst seine Frau nicht begehren, du wirst ihn nicht bedrücken. Du wirst ihm den Rand deines Feldes lassen, wenn er arm ist. Du wirst ihm helfen, wenn er in Not ist. Absolut alle Gebote zwischen Mensch und Mensch laufen darauf hinaus, dass du deinen Nächsten einfach lieben musst. Das ist nicht immer möglich oder nicht immer einfach. Manchmal tritt der Nächste vor dich in Gestalt eines betrunkenen, übel riechenden Menschen, oder in Gestalt eines schreienden, auf dich wütenden Menschen, oder in Gestalt eines bösen Vorgesetzten, oder in Gestalt einer zänkischen Nachbarin, und es ist sehr schwer, solche Menschen zu lieben. Du musst erstens lernen, hinter ihnen den Höchsten zu sehen, Der sie dir geschickt hat, und zweitens in ihnen Kinder des Höchsten zu sehen, die der Höchste erdacht, für das Reich vorgesehen hat. Jeden Menschen kann man versuchen, so anzusehen: Wie wird er im Reich sein, wie hat der Höchste ihn erdacht, welche Talente hat Er ihm gegeben, wie könnte er sein, wenn er die beste Variante seiner selbst in dieser Welt wäre, so wie Gott es auch wollte? Das ist auch für uns wichtig – mit jedem Tag die beste Variante unserer selbst zu werden, die beste Version unserer selbst. Ich muss jeden Tag der beste Alex werden, auch unser Nächster kann besser werden, das ist wichtig: nicht noch eine Version des besten Alex, Chaim oder Rabbi Akiwa, sondern die beste Version seiner selbst. Von Chaim wird niemand fragen, warum er nicht Mosche war. Von Chaim wird man fragen, warum er nicht Chaim war. Und wir können ihm helfen, die beste Version von Chaim zu werden. Der HERR sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich bin der HERR, ihr beide seid Mein Geschöpf. Ich bin dein HERR, Ich bin sein HERR, ihr beide seid Mein. Und wenn du Mich liebst, wirst du auch ihn lieben.“ Jeschua gibt dieses Gebot auf einer höheren Ebene: „Liebt einander, wie Ich euch geliebt habe – sogar mehr als euch selbst!“ Das ist eine sehr hohe Messlatte: Wenn ein Mensch wirklich von Liebe zum Nächsten überfließt, kann er sich in dieser Liebe auflösen und sich selbst vergessen.
Es gibt eine Geschichte über Rabbi Menachem Mendel aus Amischonow, einen der chassidischen Rebben, der sich während des Ersten Weltkriegs in Warschau befand. Zu ihm kam eine Frau um Hilfe, deren Kind verschwunden war: Aus irgendeinem Grund war es ihr aus dem Korb gefallen, als sie durch die Stadt lief. Sie war in schrecklicher Verwirrung und weinte so, in der Umnachtung ihres Verstandes, als sie sich an den Rabbi wandte, als ob er ihr das Kind weggenommen hätte. Und Rabbi Menachem wurde von solchem Mitleid mit ihr erfüllt, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Als man den Arzt zu ihm rief, sagte der Arzt zu ihm: „Es steht doch geschrieben, Rabbi: wie dich selbst, nicht mehr. Sie dürfen sie nicht mehr lieben als sich selbst. Sie dürfen sich und Ihre Gesundheit nicht wegen dieser Frau in Gefahr bringen!“ Der Rabbi konnte nur die Hände heben, als wollte er sagen: „Ich gebe auf. Ich kann nichts dagegen tun.“ Die Liebe ergreift, überflutet und verletzt die Grenzen. Wenn wir wirklich lieben, kann es auch mehr sein als sich selbst. Die Tora sagt: „Beginne damit, dass du den Nächsten lieben wirst wie dich selbst, damit er für dich in dieser Welt genauso wichtig wird wie du selbst.“ Das ist eine sehr schwierige Aufgabe und eine sehr hohe Messlatte.
Da ich die Gespräche über die Tora nicht erst seit einem Jahr halte, muss ich natürlich nicht zum ersten Mal über das Gebot weahawtá lereachá kamócha (liebe deinen Nächsten wie dich selbst) sprechen. Es ist immer sehr beängstigend, über dieses Gebot zu sprechen, weil alles, was man auch sagt, eine gewöhnliche Banalität sein wird. Dieses Gebot hat keine Theorie, es ist ausschließlich praktisch, und seine Befolgung kann man nur am Beispiel des eigenen Lebens zeigen. Und alle Überlegungen sind nur ein Gesang zur Musik dieses Gebots, eine Spiegelung der Erfüllung dieses Gebots in uns. Erstaunlich ist, dass es sich in jedem von uns ganz anders spiegeln kann, weil Gott jedem Seine Liebe auf verschiedene Weise offenbart.
אֶת־חֻקֹּתַי תִּשְׁמֹרוּ בְּהֶמְתְּךָ לֹא־תַרְבִּיעַ כִּלְאַיִם שָׂדְךָ לֹא־תִזְרַע כִּלְאָיִם וּבֶגֶד כִּלְאַיִם שַׁעַטְנֵז לֹא יַעֲלֶה עָלֶיךָ׃
et-chukkotáj tischmóru behemtécha lo-tarbíja kil'ájim sadechá lo-tisrá kil'ájim uwéged kil'ájim scha'atnés lo ja'alé alécha
19 Meine Gesetze haltet; vermische nicht zwei Arten deines Viehs, und dein Feld besäe nicht mit zwei Getreidearten, und kein Kleid soll auf dir sein, gewebt aus Leinen und Wolle.
Das Wort chok (Gesetz, Regel) bedeutet die Vertikale, die Verbindung zwischen Mensch und Gott. Sowohl in Bezug auf die Tiere als auch in Bezug auf das Feld gibt es die Anordnung, nicht zwei Arten von Tieren zu vermischen, wodurch man ihnen Leiden zufügt und den Lauf der Dinge in der Natur verändert, oder zwei Arten von Getreide, indem man sie zwingt, zusammen zu wachsen, das heißt, der Natur keine Gewalt anzutun. Und was ist mit der Kleidung? Bei Ausgrabungen in der Judäischen Wüste wurden Stückchen von Kleidung gefunden, die eben scha'atnés (aus zwei Arten von Fäden gewebt), hier – aus Wolle und Leinen. Wir wissen nicht, ob das jüdische Kleidung ist oder nicht. Viele Kleidungsstückchen, die im Land Israel gefunden wurden, die sind tatsächlich scha'atnés: Bei ihnen ist die Kette aus Leinen und der Schuss aus Wolle. Vom technischen Standpunkt aus, wie die Meister erklären (ich bin kein Fachmann, aber so sagen die Fachleute), ist es auf diese Weise tatsächlich bequemer, Kleidung herzustellen, aber das ist für alle verboten außer für die Kohanim, vielleicht weil der Kohen kraft seines Dienstes in sich die schwer vereinbare Natur von Erde und Himmel vereint, er kann solche Kleidung haben. Ein einfacher Mensch, der in der einfachen, realen Welt lebt, braucht solche Kleidung nicht, deshalb ist ihm solche Kleidung verboten.
וְאִישׁ כִּי־יִשְׁכַּב אֶת־אִשָּׁה שִׁכְבַת־זֶרַע וְהִוא שִׁפְחָה נֶחֱרֶפֶת לְאִישׁ וְהָפְדֵּה לֹא נִפְדָּתָה אוֹ חֻפְשָׁה לֹא נִתַּן־לָהּ בִּקֹּרֶת תִּהְיֶה לֹא יוּמְתוּ כִּי־לֹא חֻפָּשָׁה׃
we'ísch ki-jischkáw et-ischá schichwat-séra wehí schifchá necheréfet le'ísch wehofdé lo nifdáta o chufschá lo nittan-lá bikkóret tihjé lo jumetú ki-ló chuppáscha
20 Wenn ein Mensch sich zu einer Frau legt mit Erguss des Samens, und sie ist eine Sklavin, einem Mann verlobt, und für sie ist noch kein Lösegeld gezahlt, oder die Freiheit (der Freibrief) ist ihr nicht gegeben, so wird bestraft werden (mit Peitschenhieben geschlagen) der, der das getan hat; sie sollen nicht getötet werden, denn sie ist nicht frei.
Hier geht es um eine sehr komplizierte rechtliche Situation, sehr wenig angenehm und wenig verständlich im 21. Jahrhundert. Eine Sklavin, eine Nichtjüdin, gehört nicht sich selbst, sie gehört einem anderen Menschen, sie ist Besitz. Und als seinen Besitz hat dieser ihr Herr sie bestimmt, sie irgendeiner dritten Person verlobt – vielleicht einem jüdischen Sklaven, vielleicht aber einem freien Juden. In dem Moment, in dem der Herr ihr den Freibrief ausstellt oder ihr möglicher Mann das Lösegeld für sie gibt, wird sie nach dem Gesetz Jüdin (ich werde nicht auf die Schwierigkeiten dieses Gesetzes eingehen). In unserem Vers befindet sich diese Frau in einem gewissen halben Zustand: Sie ist verlobt, aber das Lösegeld für sie ist nicht gezahlt, und den Freibrief hat ihr der Herr nicht gegeben. Und in einem solchen Status ist sie durch nichts geschützt, niemand könnte für sie eintreten. Außer der Tora: Die Tora sagt, dass der, der so etwas getan hat, mit der Peitsche geschlagen wird.
Hier ist ein schwer verständliches Wort gebraucht: bikkóret. Der Talmud deutet dieses Wort als Peitsche aus Ochsenhaut, mit der man schlägt. Das heißt, ein Mensch, der eine verlobte Sklavin verführt oder vergewaltigt hat, wird mit Peitschenhieben geschlagen. Das ist nicht die Strafe, die er für eine freie Frau trägt, was uns empören mag. Aber wir müssen daran denken, dass die Tora einer Gesellschaft gegeben wurde, in der die Sitten sich stark von unseren unterschieden, in der die Frau praktisch rechtlos war und die Sklavin völlig rechtlos. Die Tora spricht viel über die Sklaverei, sogar über den Verkauf von Kindern in die Sklaverei, und über vieles andere, was uns heute völlig fremd ist (das Beispiel mit den zwei Frauen, von denen er die eine liebt und die andere hasst). Aber die Tora ist einer Gesellschaft von Sündern gegeben, einer unvollkommenen Gesellschaft, zum Hineinwachsen gegeben. Gerade dank der Gabe der Tora begann die Gesellschaft in der Gerechtigkeit zu wachsen, und deshalb hat die Menschheit auf einer gewissen Stufe die Sklaverei hinter sich gelassen.
Also, außer dass der Mensch bestraft wird, muss er ein Opfer darbringen.
וְהֵבִיא אֶת־אֲשָׁמוֹ לַיהוָה אֶל־פֶּתַח אֹהֶל מוֹעֵד אֵיל אָשָׁם׃
wehewí et-aschamó ladonáj el-pétach óhel mo'éd el aschám
21 Er muss dem HERRN ein Schuldopfer darbringen an den Eingang des Zeltes der Begegnung, ein Lamm der Schuld.
וְכִפֶּר עָלָיו הַכֹּהֵן בְּאֵיל הָאָשָׁם לִפְנֵי יְהוָה עַל־חַטָּאתוֹ אֲשֶׁר חָטָא וְנִסְלַח לוֹ מֵחַטָּאתוֹ אֲשֶׁר חָטָא׃
wechippér aláw hakkohén be'él ha'aschám lifné adonáj al-chattató aschér chatá wenislách lo mechattató aschér chatá
22 Und der Kohen wird für ihn sühnen mit dem Lamm der Schuld vor dem HERRN für die Sünde, mit der er gesündigt hat, und es wird ihm die Sünde vergeben werden, mit der er gesündigt hat.
וְכִי־תָבֹאוּ אֶל־הָאָרֶץ וּנְטַעְתֶּם כָּל־עֵץ מַאֲכָל וַעֲרַלְתֶּם עָרְלָתוֹ אֶת־פִּרְיוֹ שָׁלֹשׁ שָׁנִים יִהְיֶה לָכֶם עֲרֵלִים לֹא יֵאָכֵל׃
wechi-tawóu el-ha'árez unta'tém kol-éz ma'achál wa'araltém orlató et-pirjo schalósch schaním jihjé lachém arelím lo je'achél
23 Wenn du in das Land kommst und ihr jeden Baum pflanzt, der essbare Frucht bringt, so werden seine Früchte nicht beschnitten sein mit Unbeschnittenheit drei Jahre lang; sie werden für euch verschlossen (unrein) sein.
Hier wird das Wort orlá (Unbeschnittenheit, Vorhaut) verwendet: wa'araltém orlató, nicht beschnitten mit Unbeschnittenheit oder gleichsam verschlossen mit Verschlossenheit. Wie das unbeschnittene Fleisch bedeckt, genauso wird eine gewisse Unbeschnittenheit die Früchte bedecken, und sie werden unzugänglich sein, verboten, bis die Pflanze ihre Kraft gewonnen hat. Im Land Israel darf man drei Jahre lang nicht von der Pflanze essen, nachdem sie gepflanzt ist.
וּבַשָּׁנָה הָרְבִיעִת יִהְיֶה כָּל־פִּרְיוֹ קֹדֶשׁ הִלּוּלִים לַיהוָה׃
uwaschaná harewi'ít jihjé kol-pirjo kódesch hillulím ladonáj
24 Und im vierten Jahr werden alle seine Früchte dem HERRN geweiht sein.
Man muss nicht versuchen, sofort die Früchte von dem zu essen, was du gepflanzt hast, sei bereit, drei Jahre zu warten. Im vierten Jahr ist es zu früh, sich zu freuen: Weihe die ganze Ernte dem HERRN, und erst dann wird dir dieser Baum gesegnet sein.
וּבַשָּׁנָה הַחֲמִישִׁת תֹּאכְלוּ אֶת־פִּרְיוֹ לְהוֹסִיף לָכֶם תְּבוּאָתוֹ אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
uwaschaná hachamischít tochelú et-pirjo lehossíf lachém tewu'ató aní adonáj elohechém
25 Und im fünften Jahr esst seine Früchte, damit sich euch sein Ertrag mehre, damit ihr Segen empfangt, Ich bin der HERR, euer Gott.
Man möchte natürlich mit dem gepflanzten Apfelbaum, mit der gepflanzten Palme, mit dem gepflanzten Olivenbaum so früh wie möglich anfangen zu verdienen. Der HERR sagt: „Eilt nicht, eilt nicht! Auch der Vogel, der noch lebende Beute zerreißt, ist nicht koscher. Man muss warten können, eilt nicht mit den Bäumen.“
לֹא תֹאכְלוּ עַל־הַדָּם לֹא תְנַחֲשׁוּ וְלֹא תְעוֹנֵנוּ׃
lo tochelú al-haddám lo tenachaschú weló te'onénu
26 Esst nicht auf dem Blut, und sagt nicht vorher, und wahrsagt nicht.
Drei Gebote, und, wie man sagt, findet das Überflüssige. Zwei Gebote haben mit Vorhersagen zu tun, aber was hat hier das Gebot nicht auf dem Blut essen zu suchen? Es gab bei den heidnischen Völkern eine solche Tradition: Dämonen, Teufel und allerlei Unreines auf das Blut herbeizurufen. Das ist eine Art Magie, die in Mesopotamien verbreitet war, verbunden mit der Beschwörung der unreinen Macht, die an der Mahlzeit teilnimmt – nicht so wie beim Opfer schelamím, wenn an der Mahlzeit der Höchste teilnimmt. Außerdem ist es das Verbot, Fleisch zu essen bis zu dem Moment, in dem der Altar besprengt ist. Und dann ähnelt das dem, was über die Früchte der Bäume gesagt ist. Wir essen die Früchte nicht, bevor wir sie in den Tempel gebracht haben, und wir essen das Fleisch nicht, bevor der Altar mit dem Blut des Opfers besprengt ist, das heißt esst nicht, ohne das Blut abgegeben zu haben, und zugleich esst nicht auf dem Blut, wenn die Erde das Blut noch nicht aufgesogen hat. Genau das ruft die Empörung König Scha'uls hervor (erstes Buch Schmu'el, 14,31–35), genau deshalb baut er seinen ersten Altar, damit das Volk nicht gegen den HERRN sündigt.
Worin besteht der Unterschied zwischen den Begriffen wahrsagen und vorhersagen? Das Verb lenachésch (lo tenachaschú, sagt nicht vorher) bedeutet Wahrsagen mit Hilfe irgendwelcher zusätzlicher Elemente und Erscheinungen, wenn der Magier oder Zauberer Öl ins Wasser gießt und schaut, wie das Öl zerfließt, oder es ist Blei, oder es ist Wachs, oder es ist Kaffeesatz (Fehlendes ergänzen, Überflüssiges streichen). Das Verb te'onénu bedeutet wahrsagen nach der Wirklichkeit, die in der Natur schon vorhanden ist – aus der Hand, aus den Sternen, aus den Nieren eines Widders und dergleichen, kurz, Antworten in der Niere eines Widders zu suchen, im Flug der Vögel und in allerlei ähnlichen Dingen. Das alles ist verboten zu tun.
Das Wahrsagen hat sich sehr dort entwickelt, wo die Menschen glaubten, dass jeder Mensch ein ihm im Voraus vorherbestimmtes Schicksal hat; jedem Menschen ist vorherbestimmt, irgendwo ganz konkret hinzufallen, und er kann, wenn er rechtzeitig gewarnt wird, dort Stroh ausbreiten. Die Grundlage unseres Glaubens aber besteht darin, dass unsere Schicksale der Höchste lenkt. Er regiert das Universum in Echtzeit, und bei Ihm gibt es so etwas nicht, dass Er alles endgültig, im Voraus entschieden hätte und man das auf keine Weise ändern könnte. Wenn wir unsere Zukunft zum Besseren verändern wollen, wenden wir uns unmittelbar an Den, Der der Herr unserer Zukunft ist. Deshalb glauben wir nicht an das Schicksal und glauben nicht an Vorhersagen der Zukunft, wir müssen nicht versuchen, irgendwelchen bedingten, zwischengeschalteten Revierpolizisten und Inspektoren vor Ort Schmiergeld zu geben oder sie zu bestechen.
לֹא תַקִּפוּ פְּאַת רֹאשְׁכֶם וְלֹא תַשְׁחִית אֵת פְּאַת זְקָנֶךָ׃
lo takkífu pe'át roschechém weló taschchít et pe'át sekanécha
27 Rundet das Haar an eurem Kopf nicht ab, und verdirb nicht den Rand deines Bartes.
Gewöhnlich wird das verstanden als schneidet das Haar an den Schläfen nicht ab. Das Wort pe'ót, das hier verwendet wird, ist der Plural vom Wort pe'á (Rand), und in der aschkenasischen Aussprache werden das eben die péjes sein, das heißt genau jene jüdischen Pejes, die Ränder des Kopfes, die man nicht abschneiden darf. Ein solches Verständnis gibt es heute. Wir wissen nicht genau, von welcher Einschränkung der Frisur die Tora hier spricht, aber ich wiederhole, dass es im heutigen Verständnis die péjes sind.
Das Verb lehaschchít (verderben) meint mit dem Messer abschneiden oder Stücke herausreißen, deshalb entstand mit der Erfindung der Rasiermesser die Möglichkeit, den Bart abzurasieren. Das ist kein juristisches Schlupfloch. Glaubt mir, die Menschen, die den Bart rasierten, waren bereit, für das Halten der kaschrút oder des Schabbats zu sterben, waren bereit, für ihren Glauben zu sterben, aber sie verstanden, dass man manches doch tun darf. Wiederum muss man darauf gefasst sein, dass es Menschen gibt, die auf einer höheren Stufe der Heiligkeit stehen als wir und ein höheres Verständnis der Sprache haben als wir, aber manches anders machen als wir.
וְשֶׂרֶט לָנֶפֶשׁ לֹא תִתְּנוּ בִּבְשַׂרְכֶם וּכְתֹבֶת קַעֲקַע לֹא תִתְּנוּ בָּכֶם אֲנִי יְהוָה׃
wesséret lanéfesch lo tittenú biwsarchém uchtówet ka'aká lo tittenú bachém aní adonáj
28 Und Narben macht nicht an eurem Fleisch, und tätowierte Inschriften macht nicht an euch. Ich bin der HERR.
Unter Narben sind Schnitte, Einschnitte, Einbrennen und anderes gemeint, unter Tätowierung ist das Einstechen von Tinte unter die Haut auf Dauer gemeint. Wozu wurde das gemacht? Das konnte sein wie ein Bündnisschluss mit irgendeinem Wesen, mit irgendeinem Geschöpf, einem Dämon, einem Götzen, einem Göttlein; oder wie ein Brandmal der Sklaverei für irgendeinen Herrn, die Unterwerfung unter irgendeinen König, das heißt das Brandmal des Eigentümers; oder es wurde gemacht zum Zeichen der Erinnerung an irgendwelche Vorfahren, an jemanden von den Verstorbenen, der, wie man rechnete, den beschützen würde, der nach seinem Namen benannt ist (die Gefängnistätowierung „Ich vergesse die leibliche Mutter nicht“ hat sich fast bis in unsere Zeiten erhalten). Und der Kern war, dass die Menschen Schutz, Beistand bei den Vorfahren suchten, bei den Geistern, bei wem auch immer, und deren Namen oder Symbole auf sich stachen. Und da Israel einen König und Herrn hat, Dessen Name schon über dem Volk ausgerufen ist, gibt es überhaupt keine Notwendigkeit, weder für Narben noch für Tätowierungen, weder für Verbindungen mit Verstorbenen noch für die Weihe an irgendwelche Geister noch für irgendetwas Ähnliches.
אַל־תְּחַלֵּל אֶת־בִּתְּךָ לְהַזְנוֹתָהּ וְלֹא־תִזְנֶה הָאָרֶץ וּמָלְאָה הָאָרֶץ זִמָּה׃
al-techallél et-bittechá lehasnotá welo-tisné ha'árez umale'á ha'árez simmá
29 Entehre deine Tochter nicht, indem du sie zur Hurerei erniedrigst, und das Land wird nicht der Unzucht verfallen, und es wird sich nicht mit dem Gräuel der Unzucht füllen.
Das Wort simmá bedeutet Wollust, abscheuliche Unzucht. Wovon ist hier die Rede? Im einfachsten Sinn ist in diesem Gebot verboten, die Tochter als Prostituierte, als Hure zu verkaufen. Für uns, Bewohner des XXI. Jahrhunderts, ist das gewissermaßen selbstverständlich, aber es gibt noch Länder, zum Beispiel Thailand, wo das eine verbreitete Erscheinung ist, dass ein Vater mit seiner Tochter handelt.
Es gibt auch andere Ebenen dieses Gebots. Zum Beispiel sagen die Eltern: „Heirate ihn, er ist reich, er kann dich versorgen!“ Und viele Mädchen werden so erzogen, dass man einen Menschen finden muss, der reich ist, der sie versorgen wird. Dafür bereitet sie nicht nur sich selbst vor, sondern sogar die Vorstellung von sich. Wenn man ein gewöhnliches Mädchen fragt: „Wer bist du? Erzähl von dir“, wird sie entweder von ihrem Beruf sprechen: „Ich bin Designerin, ich bin Marketingfachfrau, ich bin Verkäuferin, Maniküristin…“, oder sie wird irgendwelche ihrer inneren Eigenschaften offenbaren, die in dieser Welt verwirklicht sind. Also ist der Schutz davor, in die Hurerei abzugleiten, der innere Gehalt. Denn die Tora hat am Anfang des Verses gesagt: al-techallél (entweihe nicht), wir haben bei Vers 4 von Kapitel 19 gesagt, dass die Wurzel dieses Wortes die Bedeutung leeren, des inneren Gehalts berauben hat.
Tatsächlich hat die Frau eine große Gabe, und diese Gabe ist die Schönheit. Es ist nötig, es ist erlaubt, es ist wunderbar, schön zu sein, die Frau soll schön sein, Gott Selbst hat sie schön erschaffen. Über die Frau ist (bei der Erschaffung) gesagt, dass Gott sie gestaltet hat, das ist das Erste in der Welt, was eigens gestaltet wurde. Die Frau ist das kunstvollste Werk des Höchsten, und deshalb ist klar, dass ihr Streben nach Schönheit in ihrer Natur angelegt ist. Aber durch die Schönheit, wie durch einen Filter, wie durch farbiges Glas, soll sich das innere Licht offenbaren, durch die äußere Schönheit soll die innere Welt hindurchleuchten. Sonst wird die Frau leer sein, und das ist gerade der sichere Weg dorthin, wohin zu gehen die Tora verbietet. Möge das Innere ebenso schön sein wie das Äußere, zuerst möge das Innere schön sein. Dann kann die Tochter sich mit ihrem künftigen Mann vor allem auf der geistigen Ebene verbinden, dann auf der seelischen und erst dann auf der körperlichen. Sie werden ein Fleisch werden und in Liebe zueinander leben und nicht nur die körperlichen Bedürfnisse befriedigen, damit es das nicht gibt, was snút (Hurerei) genannt wird.
Wir hören oft: „Er schenkt dir Geschenke, Kleider, Schmuck, und du liebst ihn nicht? Na, was brauchst du denn noch? Was hast du denn gewollt? Warum spielst du dich so auf?“ So sagen die Freundinnen, so sagen die Bekannten, und es kommt vor, Gott bewahre, dass auch die Eltern so sagen. Und am Ende ist die Frau gezwungen, mit dem Mann für die Wohnung, für das Essen, für das Kleid zu leben. Das ist derselbe snút, dieselbe Unzucht. Deshalb, liebe Eltern, liebe Väter, behütet eure Töchter und lehrt sie, ihre Seele zu lieben, bevor sie den Körper lieben. Wie der Maschiach sagte: „Was nützt es, wenn du die ganze Welt gewinnst, deine Seele aber verlierst?“ Lehrt die Töchter, dass die Seele das Wichtigste ist und erst dann der Körper. Dann gibt es eine gute Chance, dass das Mädchen sich nicht verliert, nicht einfach zu einem Körper wird und der Körper nicht zu einem Werkzeug des Gelderwerbs wird. Und möge sie nicht nur reich, sondern vor allem glücklich sein, und noch davor gerecht und rein.
Viele Male habe ich diese Geschichte erzählt und werde sie noch einmal erzählen. In jungen Jahren wollte ich heiraten, und der Rabbiner fragte mich: „Was, suchst du das schönste Mädchen der Welt?“ Ich sagte: „Na, warum denn nicht?“ Er antwortete mir: „Das wird dir nicht gelingen. Mit der schönsten Frau der Welt bin ich seit mehr als zwanzig Jahren verheiratet!“ Liebe Mädchen! Eure Schönheit wird sich in den Augen eures Mannes entfalten, und für ihn werdet ihr das schönste Mädchen der Welt sein, dafür ist er ja euer Mann und ihr seine Frau. All das sage ich mit riesengroßer, riesengroßer Liebe und Wärme.
אֶת־שַׁבְּתֹתַי תִּשְׁמֹרוּ וּמִקְדָּשִׁי תִּירָאוּ אֲנִי יְהוָה׃
et-schabbetotáj tischmóru umikdaschí tiráu aní adonáj
30 Meine Sabbate haltet und Meine Heiligkeit fürchtet. Ich bin der HERR.
Interessant, ja? Interessant, warum gerade hier dieser Vers steht? Die Sabbate sind nicht nur unsere wöchentlichen Sabbate, das sind auch die Sabbate der Jahre, das sind die siebten Jahre, die Jahre der Schmitá, wenn es verboten ist, das Feld zu besäen (wir sprechen von der Zeit, als das Volk schon in das Land gekommen ist). Wieder: Worum geht es? Wir können natürlich aus unserem Besitz alles herauspressen, was möglich ist: „Wie, wir sollen im siebten Jahr nicht säen? Sollen wir etwa Verlust machen? Wie, wir sollen am Schabbat unseren Laden nicht öffnen? Alle werden handeln, und wir sollen in der Synagoge hin und her schaukeln? Nein, so geht das nicht. Wir öffnen den Laden, besäen das Feld, die Früchte essen wir sofort, und die Tochter bringen wir bei irgendjemandem unter, der reicher ist.“ Und der Höchste sagt: „Fürchtet Meine Heiligkeit, Ich bin der HERR! Mit all euren schlauen Zügen und Abkürzungen des Weges – fürchtet euch! Wenn ihr nicht glaubt, wenn kein Vertrauen da ist, dann fürchtet wenigstens Meine Heiligkeit. Ihr müsst daran denken, dass ihr in das Heilige Land kommt, das nach besonderen Gesetzen besteht, darum fürchtet Meine Heiligkeit, haltet meine Sabbate, lebt in Meiner Zeit!“
אַל־תִּפְנוּ אֶל־הָאֹבֹת וְאֶל־הַיִּדְּעֹנִים אַל־תְּבַקְשׁוּ לְטָמְאָה בָהֶם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
al-tifnú el-ha'owót we'el-hajidde'oním al-tewakschú letom'á wahém aní adonáj elohechém
31 Geht nicht zu den Totenbeschwörern und zu den Medien, befragt sie nicht, um euch durch sie zu verunreinigen, Ich bin der HERR, euer Gott.
Der Unterschied zwischen owót und jidde'oním besteht darin, dass die owót den Geist eines Verstorbenen herbeirufen, die jidde'oním aber behaupten, dass der Geist des Verstorbenen in sie einzieht, sie können ihn hören und reden im Namen des Verstorbenen wie irgendwelche Orakel. Es gibt einen Streit darüber, ob tatsächlich die Seele des Verstorbenen aufsteigt oder ob irgendein Geist aufsteigt. Und dieser Streit ist endlos, und überprüfen können wir es auf keine Weise. Sehr viele junge Leute sind davon begeistert, trotz des Verbots. Ein Bekannter von mir sagte: „Ich glaube vielleicht noch, dass diese drei jungen Mädchen irgendwie den Geist Einsteins herbeirufen konnten. Aber dass Einstein drei Stunden lang mit ihnen über irgendetwas reden wird, das zu glauben fällt mir schon sehr schwer!“ Und eben diese langen Gespräche über nichts mit den Seelen Verstorbener bringen auf den Gedanken, dass das ein Streich irgendwelcher kleinen Dämonen ist, die kommen, um sich über Halbwüchsige lustig zu machen, die sich mit Magie vergnügen. Obwohl ich das alles mit Humor sage, ist das Verbot dennoch sehr ernst, und man kann in sehr unangenehme Situationen geraten, man kann sich sehr großer Gefahr aussetzen, wenn man sich gedankenlos damit beschäftigt.
מִפְּנֵי שֵׂיבָה תָּקוּם וְהָדַרְתָּ פְּנֵי זָקֵן וְיָרֵאתָ מֵּאֱלֹהֶיךָ אֲנִי יְהוָה׃
mippené sewá takúm wehadartá pené sakén wejaréta me'elohécha aní adonáj
32 Vor dem grauen Haar steh auf und begegne dem Angesicht des Greises mit Achtung, und fürchte deinen Gott, Ich bin der HERR.
Es ist unwichtig, dass die Menschen so ein Sprichwort haben: „Manchmal kommt einfach das Alter, aber die Weisheit kommt nicht.“ Das ist unwichtig, das ist nicht deine Sache. Du sollst den Alten achten. Überlass ihm den Platz im Bus: Vielleicht ist er auch kein weiser Mensch, sondern einfach weißbärtig, überlass ihn ihm trotzdem, wende ihm trotzdem ein freundliches Gesicht zu, erweise ihm Achtung, egal wie er ist. Hier können wir denken, dass der Alte ein schutzloser Bettler ist, und warum sollten wir ihm besondere Achtung erweisen? Aber der HERR sagt: „Fürchte Gott! Nicht den Alten – Mich, Gott, fürchte, und aus Gottesfurcht erweise ihm Achtung.“
וְכִי־יָגוּר אִתְּךָ גֵּר בְּאַרְצְכֶם לֹא תוֹנוּ אֹתוֹ׃
wechi-jagúr ittechá ger be'arzechém lo tonú otó
33 Wenn bei euch ein Fremdling in eurem Land wohnen wird, bedränge ihn nicht.
כְּאֶזְרָח מִכֶּם יִהְיֶה לָכֶם הַגֵּר הַגָּר אִתְּכֶם וְאָהַבְתָּ לוֹ כָּמוֹךָ כִּי־גֵרִים הֱיִיתֶם בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
ke'esrách mikkém jihjé lachém haggér haggár ittechém we'ahawtá lo kamócha ki-gerím hejitém be'érez mizrájim aní adonáj elohechém
34 Wie ein Bürger (wie einer, der euch gleich ist) soll euch der Fremdling sein, der bei euch wohnt, und liebe ihn wie dich selbst, denn auch ihr selbst wart Fremdlinge im Land Ägypten, Ich bin der HERR, euer Gott.
Man darf nicht sagen: „Kommen die alle hierher! Israel ist nicht aus Gummi, es gibt nicht für alle Platz! Kehr zurück, woher du gekommen bist!“ Nein, liebe ihn wie dich selbst, und dass Israel nicht aus Gummi ist, das ist nicht deine Sache.
Und das, was mit euch geschehen ist, als ihr Fremdlinge im Land Ägypten wart, kann auch mit anderen geschehen, mit den besten, den anständigsten Menschen; denkt daran und bedrängt den Fremdling nicht.
לֹא־תַעֲשׂוּ עָוֶל בַּמִּשְׁפָּט בַּמִּדָּה בַּמִּשְׁקָל וּבַמְּשׂוּרָה׃
lo-ta'asú áwel bammischpát bammiddá bammischkál uwammesurá
35 Tut kein Unrecht im Gericht mit Maßen, Messgefäßen und Waagen.
מֹאזְנֵי צֶדֶק אַבְנֵי־צֶדֶק אֵיפַת צֶדֶק וְהִין צֶדֶק יִהְיֶה לָכֶם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם אֲשֶׁר־הוֹצֵאתִי אֶתְכֶם מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
mósene zédek awne-zédek efát zédek wehín zédek jihjé lachém aní adonáj elohechém ascher-hozéti etchém me'érez mizrájim
36 Zuverlässige Waagen, zuverlässige Steine, eine richtige Efa und ein richtiges Hin soll bei dir sein. Ich bin der HERR, euer Gott, Der euch aus dem Land Ägypten herausgeführt hat.
Noch eine Anordnung. Zuverlässige Steine – das sind Gewichte mit richtigem Gewicht; Efa – ein Raummaß für schüttbare Stoffe; Hin – ein Raummaß für flüssige Stoffe. Da es in jenen Zeiten kein Papiergeld, kein Eisengeld, kein Kupfergeld und keine Kreditkarten gab, wurde vieles nach Maßen verkauft oder getauscht. Und Waagen, Messgefäße, Maße – all das hatte eine außerordentlich wichtige Bedeutung. Der Höchste sagt: „Ehrliche und zuverlässige Messgefäße für alle Arten von Waren sollt ihr haben!“ Wir wissen aus den Ausgrabungen am Tempelberg, dass viele Messgefäße gefunden wurden, Gewichtchen mit einem Siegel mit der Genehmigung des Kohen dafür, dass dies ein ordentliches Gewicht ist: Es gab irgendeine Inspektion, die das prüfte. Der Höchste sagt: „Der Handel soll ehrlich sein, die Waagen richtig eingestellt, die Maße richtig geeicht, alles soll ehrlich sein!“
וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־כָּל־חֻקֹּתַי וְאֶת־כָּל־מִשְׁפָּטַי וַעֲשִׂיתֶם אֹתָם אֲנִי יְהוָה׃
uschmartém et-kol-chukkotáj we'et-kol-mischpatáj wa'assitém otám aní adonáj
37 Und haltet alle Meine Satzungen (chukkotáj – vertikale Gesetze) und alle Meine Rechtssprüche (mischpatáj – horizontale Gesetze), und tut sie, Ich bin der HERR“.
Verbrechen und Strafe
Wajikra 20,1–27
Mit Gottes Hilfe beenden wir miteinander das Studium des Wochenabschnitts Kedoschim. Das Kapitel, das wir lesen werden, ist der Beschreibung der Sünden und der Strafen für sie gewidmet. Die meisten der Verbote, von denen hier die Rede ist, wurden schon früher als Warnung erwähnt, in diesem Kapitel aber lesen wir nicht nur die Aufzählung der Verbrechen selbst, sondern auch die Strafen für sie, eine Art Strafgesetzbuch.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché lemór
1 Und der HERR redete mit Mosche und sprach:
וְאֶל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל תֹּאמַר אִישׁ אִישׁ מִבְּנֵי יִשְׂרָאֵל וּמִן־הַגֵּר הַגָּר בְּיִשְׂרָאֵל אֲשֶׁר יִתֵּן מִזַּרְעוֹ לַמֹּלֶךְ מוֹת יוּמָת עַם הָאָרֶץ יִרְגְּמֻהוּ בָאָבֶן׃
we'el-bené jisraél tomár isch isch mibbené jisraél umin-haggér haggár bejisraél aschér jittén missar'ó lammólech mot jumát am ha'árez jirgemúhu wa'áwen
2 „Sage den Söhnen Israels: Jeder Mensch von den Söhnen Israels und von dem Fremden, der in Israel wohnt, der von seinem Samen (seine Söhne oder seine Enkel) dem Molech gibt, wird des Todes sterben; das Volk des Landes wird ihn steinigen.
Das ganze Volk muss das Gesetz über Verbrechen und Strafen kennen. In diesem Fall ist das ganze Volk gewarnt vor der Verantwortung, die für ein konkretes Verbrechen entsteht, und darüber, welche Maßnahmen man gegen die Leute ringsum ergreifen muss, wenn diese Leute ringsum ein Verbrechen begehen: Der Mensch ist für seinen Nächsten verantwortlich.
Das Wort lirgóm von der Wurzel resch-gímel-mem bedeutet eben Steinigung und bezieht sich nur auf die Hinrichtung, ein solches besonderes Verb wird hier verwendet. Das Volk des Landes, eben die Nachbarn, die Leute ringsum, einfache Menschen, können einen Menschen bestrafen, der Kinder dem Molech darbringt. Wir sind dafür verantwortlich, dass unser Land nicht durch Unreinheit verunreinigt wird. Deshalb müssen wir, wenn jemand auf ihm anderen Göttern dient, Maßnahmen ergreifen, so gebietet es die Tora. Selbstverständlich vollziehen wir heute kein Bewerfen mit Steinen, aber eine gewisse Arbeit müssen wir leisten: Man muss immer daran denken, dass wir eine Verantwortung dafür haben, was unser Nachbar tut.
וַאֲנִי אֶתֵּן אֶת־פָּנַי בָּאִישׁ הַהוּא וְהִכְרַתִּי אֹתוֹ מִקֶּרֶב עַמּוֹ כִּי מִזַּרְעוֹ נָתַן לַמֹּלֶךְ לְמַעַן טַמֵּא אֶת־מִקְדָּשִׁי וּלְחַלֵּל אֶת־שֵׁם קָדְשִׁי׃
wa'aní ettén et-panáj ba'ísch hahú wehichrattí otó mikkérew ammó ki missar'ó natán lammólech lemá'an tammé et-mikdaschí ulchallél et-schém kodschí
3 Und Ich werde Mein Angesicht gegen diesen Menschen richten und ihn abschneiden (abhauen) aus seinem Volk, weil er von seinem Samen dem Molech gegeben hat, wissend, dass er damit Mein Heiligtum verunreinigt und Meinen heiligen Namen entehrt.
Jeder von uns, der eine Beziehung zum Höchsten hat, ist mit dem Namen des Volkes Gottes benannt, Mann Gottes. Wenn wir uns an andere Götter wenden, entehren wir damit unseren Gott. Denn wenn wir so etwas tun, bezeugen wir, dass uns Seine Macht, Seine Teilnahme an unserem Leben nicht genügt. Wir wenden uns von Ihm ab, wenden uns anderen Göttern zu, anderen Quellen. Und wenn ein Mensch sich vom Höchsten abwendet, was geschieht dann? Der HERR sagt: „Ich werde ihm Mein Angesicht zuwenden – nicht so, um Frieden zu geben, wie im Segen der Kohanim (Bemidbar 6,22), Ich werde das Angesicht mit Zorn zuwenden. Mein Auge wird an dem hängen bleiben, der Mich nicht ansieht, der sich an andere Götter wendet. Deshalb ergreift Maßnahmen gegen ihn, wie es im vorigen Vers vorgeschrieben ist!“
וְאִם הַעְלֵם יַעְלִימוּ עַם הָאָרֶץ אֶת־עֵינֵיהֶם מִן־הָאִישׁ הַהוּא בְּתִתּוֹ מִזַּרְעוֹ לַמֹּלֶךְ לְבִלְתִּי הָמִית אֹתוֹ׃
we'ím ha'lém ja'límu am ha'árez et-enehém min-ha'ísch hahú betittó missar'ó lammólech lewiltí hamít otó
4 Und wenn die Bewohner jenes Landes ihre Augen vor diesem Menschen verbergen, wenn er von seinem Samen dem Molech gibt, um ihn nicht zu töten,
Nun, wer hat schon Lust, sich damit einzulassen? Es ist angenehm, Veteranen Auszeichnungen zu überreichen, es ist angenehm, Frauen Blumen zu schenken, es ist unangenehm, einen Übeltäter zu steinigen. Und außerdem sind wir humane, friedliche Menschen, jemanden zu bestrafen liegt uns überhaupt nicht. Und der Höchste sagt: „Wenn ihr eure Augen vor ihm verhüllt, verbergt, so tut, als hättet ihr nichts bemerkt …
וְשַׂמְתִּי אֲנִי אֶת־פָּנַי בָּאִישׁ הַהוּא וּבְמִשְׁפַּחְתּוֹ וְהִכְרַתִּי אֹתוֹ וְאֵת כָּל־הַזֹּנִים אַחֲרָיו לִזְנוֹת אַחֲרֵי הַמֹּלֶךְ מִקֶּרֶב עַמָּם׃
wessamtí aní et-panáj ba'ísch hahú uwmischpachtó wehichrattí otó we'ét kol-hassoním acharáw lisnót acharé hammólech mikkérew ammám
5 So werde Ich dennoch Mein Angesicht gegen diesen Menschen richten und gegen seine ganze Familie (gegen seine ganze Sippe), und Ich werde ihn ausrotten und alle, die hinter ihm her huren, die hinter dem Molech her huren, aus der Zahl ihres Volkes.
„… Ich werde nicht nur ihn ausrotten, Ich werde eine Generalsäuberung durchführen. Wenn ihr euch nicht selbst darum kümmert, werde Ich das persönlich übernehmen. Aber Ich schieße gebündelt, und Ich werde dann keine punktuelle Reinigung mehr machen, sondern einen Großputz.“
וְהַנֶּפֶשׁ אֲשֶׁר תִּפְנֶה אֶל־הָאֹבֹת וְאֶל־הַיִּדְּעֹנִים לִזְנוֹת אַחֲרֵיהֶם וְנָתַתִּי אֶת־פָּנַי בַּנֶּפֶשׁ הַהִוא וְהִכְרַתִּי אֹתוֹ מִקֶּרֶב עַמּוֹ׃
wehannéfesch aschér tifné el-ha'owót we'el-hajidde'oním lisnót acharehém wenatattí et-panáj bannéfesch hahí wehichrattí otó mikkérew ammó
6 Und die Seele, die sich wenden wird an die Seher und Vorhersager, um hinter ihnen her zu huren, gegen diese Seele werde Ich Mein Angesicht wenden, und Ich werde ihn aus seinem Volk ausrotten.
Wiederum, wenn ein Mensch sich, wie hier geschrieben steht, an die Seher und Wahrsager tifné (wendet), das heißt sich vom Höchsten abwendet, aufhört, vom Höchsten Gnade und Schicksal zu erwarten, sondern alles vom Leben durch Vorhersager und Seher nehmen will, dann wird er gerade das Angesicht des Höchsten sehen, der Höchste wird ihm das Angesicht zuwenden. Wer sich abwendet, zur Seite schaut, andere Götter zu sehen versucht, irgendwelche Abkürzungen, Seher und Vorhersager, der wird dem Höchsten in die Augen blicken und aus der Zahl des Volkes ausgerottet werden. Man wird ihm sagen, aus dem Glied zu treten, und ins Glied wird er niemals zurückkehren.
וְהִתְקַדִּשְׁתֶּם וִהְיִיתֶם קְדֹשִׁים כִּי אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
wehitkaddischtém wihjitém kedoschím ki aní adonáj elohechém
7 Und heiligt euch, und seid heilig, denn Ich bin der HERR, euer Gott.
וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־חֻקֹּתַי וַעֲשִׂיתֶם אֹתָם אֲנִי יְהוָה מְקַדִּשְׁכֶם׃
uschmartém et-chukkotáj wa'assitém otám aní adonáj mekaddischchém
8 Und haltet Meine Gesetze und tut sie, Ich bin der HERR, der euch heiligt.
כִּי־אִישׁ אִישׁ אֲשֶׁר יְקַלֵּל אֶת־אָבִיו וְאֶת־אִמּוֹ מוֹת יוּמָת אָבִיו וְאִמּוֹ קִלֵּל דָּמָיו בּוֹ׃
ki-ísch isch aschér jekallél et-awíw we'et-immó mot jumát awíw we'immó killél damáw bo
9 Jeder Mensch, der seinen Vater und seine Mutter verfluchen wird, wird des Todes sterben: Er hat seinen Vater und seine Mutter verflucht, sein Blut ist auf ihm.
Das heißt, der Mensch wird selbst an seinem Tod schuld sein. Obwohl unser Kapitel weiterhin den verbotenen Verbindungen innerhalb der Familie gewidmet sein wird, beginnt es damit, dass es keine normale Familie geben wird, wenn es keine Achtung vor den Eltern gibt. Das ist der Anfang von allem. Sie haben uns unter Mitwirkung des Höchsten geboren, waren Mitarbeiter des Höchsten, als wir empfangen und geboren wurden. Und wer Vater und Mutter verflucht, verflucht in gewissem Maß auch den Höchsten. Aber außerdem lehnt er sich gegen die Ordnung der Welt auf, gegen die Ordnung der Familie. Wenn es keine Ehrerbietung gegenüber den Eltern gibt, dann hat es keinen Sinn, von irgendwelchen anderen Familienwerten zu sprechen. Unter dem Verfluchen von Vater und Mutter sind jegliche Flüche gemeint, Beleidigungen von ihnen, sie in ein schlechtes Licht zu stellen und so weiter, unabhängig davon, ob sie leben oder schon nicht mehr.
וְאִישׁ אֲשֶׁר יִנְאַף אֶת־אֵשֶׁת אִישׁ אֲשֶׁר יִנְאַף אֶת־אֵשֶׁת רֵעֵהוּ מוֹת־יוּמַת הַנֹּאֵף וְהַנֹּאָפֶת׃
we'ísch aschér jin'áf et-éschet isch aschér jin'áf et-éschet re'éhu mot-jumát hanno'éf wehanno'áfet
10 Ein Mensch, der Ehebruch treiben wird mit einer Verheirateten, der Ehebruch treiben wird mit der Frau seines Nächsten, wird des Todes sterben, sowohl der Ehebrecher als auch die Ehebrecherin.
Das ist ein wichtiger Unterschied des jüdischen Gesetzes zu den Gesetzen, die in jenen Zeiten bestanden. Das jüdische Gesetz stattet die Frau mit einem eigenständigen Willen aus. Das ist eine große Gnade gegenüber der Frau, aber zugleich auch eine große Verantwortung. Wenn nach den Gesetzen Hammurapis eine Frau ihren Mann betrogen hatte, konnte er sagen: „Ich verzeihe ihr, richtet sie bitte nicht hin!“, und ihr wurde verziehen und sie wurde freigelassen, hingerichtet wurde nur der Ehebrecher. Nach dem jüdischen Gesetz ist die Frau selbst voll für ihre Taten verantwortlich. Das ist eine Gnade ihr gegenüber, aber in diesem Fall kommt es ihr teuer zu stehen. Der Mann kann nicht für sie eintreten, weil sie, wie jeder Mensch, selbst vor Gott steht und für das verantwortlich ist, was sie getan hat.
וְאִישׁ אֲשֶׁר יִשְׁכַּב אֶת־אֵשֶׁת אָבִיו עֶרְוַת אָבִיו גִּלָּה מוֹת־יוּמְתוּ שְׁנֵיהֶם דְּמֵיהֶם בָּם׃
we'ísch aschér jischkáw et-éschetIn der russischen Umschriftzeile endet das Wort für „Frau“ versehentlich auf w statt auf t. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: éschet. awíw erwát awíw gillá mot-jumetú schenehém demehém bam
11 Ein Mensch, der sich zur Frau seines Vaters legen wird, hat die Blöße seines Vaters aufgedeckt: Sie werden beide des Todes sterben (er und die Ehefrau, die Frau des Vaters), ihr Blut ist auf ihnen.
Hier ist von der Situation die Rede, wenn der Vater sich von der Frau hat scheiden lassen oder wenn sie verwitwet ist. In jedem dieser Fälle werden sowohl die Frau als auch der, der sich zu ihr gelegt hat, für Ehebruch mit dem Tod bestraft. Selbst wenn sie geschieden ist und ein anderer Mensch sie nach den Gesetzen der Tora heiraten könnte, so kann doch der Sohn die Witwe des Vaters nicht heiraten, die vom Vater Geschiedene und so weiter. Und die Strafe für sie ist der Tod. Das hängt mit der Achtung vor dem Vater zusammen: Wer die Blöße der Frau des Vaters aufdeckt, deckt die väterliche Blöße auf, und das darf nicht sein.
וְאִישׁ אֲשֶׁר יִשְׁכַּב אֶת־כַּלָּתוֹ מוֹת יוּמְתוּ שְׁנֵיהֶם תֶּבֶל עָשׂוּ דְּמֵיהֶם בָּם׃
we'ísch aschér jischkáw et-kallató mot jumetú schenehém téwel asú demehém bam
12 Und ebenso ein Mensch, der sich zu seiner Schwiegertochter legen wird (der vom Sohn Geschiedenen oder zur Witwe des Sohnes, na und erst recht zu der, die mit dem Sohn verheiratet ist), sie beide werden des Todes sterben, Abscheuliches haben sie getan – ihr Blut ist auf ihnen.
Das Wort téwel bedeutet Vermischung, ein Zusammenwerfen auf einen Haufen, ein Verwandeln in einen Brei, in ein Chaos.
וְאִישׁ אֲשֶׁר יִשְׁכַּב אֶת־זָכָר מִשְׁכְּבֵי אִשָּׁה תּוֹעֵבָה עָשׂוּ שְׁנֵיהֶם מוֹת יוּמָתוּ דְּמֵיהֶם בָּם׃
we'ísch aschér jischkáw et-sachár mischkewé ischá to'ewá asú schenehém mot jumátu demehém bam
13 Ein Mensch, der sich zu einem Mann legen wird, wie man bei einer Frau liegt, eine Abscheulichkeit haben beide getan, sie werden des Todes sterben, und ihr Blut ist auf ihnen.
Hier muss man, denke ich, nichts kommentieren. Wir haben schon viele Male über die homosexuelle Verbindung gesprochen. Ich wiederhole: Das ist ein eindeutiges, klares, deutliches Verbot, das sich nicht auf irgendwelche Stellungen, auf irgendwelche Erniedrigungen und so weiter beschränkt. Jede geschlechtliche Verbindung zwischen zwei Männern ist von der Tora verboten, und die Strafe dafür ist der Tod.
וְאִישׁ אֲשֶׁר יִקַּח אֶת־אִשָּׁה וְאֶת־אִמָּהּ זִמָּה הִוא בָּאֵשׁ יִשְׂרְפוּ אֹתוֹ וְאֶתְהֶן וְלֹא־תִהְיֶה זִמָּה בְּתוֹכְכֶם׃
we'ísch aschér jikkách et-ischá we'et-immá simmá hi ba'ésch jisrefú otó we'ethén welo-tihjé simmá betochechém
14 Ein Mensch, der eine Frau nehmen wird und ihre Mutter – das ist eine Abscheulichkeit der Unzucht, mit Feuer wird man ihn und sie verbrennen, damit keine unzüchtige Abscheulichkeit unter euch sei.
Die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen ist die schrecklichste Strafe von allen Strafen, die vorgesehen sind. Seinerzeit verurteilte, wie wir im Buch Bereschit gelesen haben, Jehuda Tamar zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Im Wochenabschnitt Emor werden wir das Gesetz über die Tochter eines Kohen lesen, die im Haus ihres Vaters Unzucht trieb und verbrannt werden wird. Und auch hier wird eine solche Strafe angewandt. Das ist die außerordentliche Maßnahme unter allen außerordentlichen Maßnahmen, die schrecklichste Hinrichtung, die überhaupt an Menschen vollzogen wird.
וְאִישׁ אֲשֶׁר יִתֵּן שְׁכָבְתּוֹ בִּבְהֵמָה מוֹת יוּמָת וְאֶת־הַבְּהֵמָה תַּהֲרֹגוּ׃
we'ísch aschér jittén schechowtó biwhemá mot jumát we'et-habbehemá taharogú
15 Und ein Mensch, der sich zu einem Vieh legen wird, wird des Todes sterben, und das Vieh tötet.
Auch hier hat es wohl keinen Sinn, viel zu erklären. Leider ist diese Sünde noch nicht ganz aus dieser Welt verschwunden. Bis heute gibt es Völker und Gemeinden, in denen das Zusammenleben mit dem Vieh weit verbreitet ist und von der Gesellschaft nicht verurteilt wird, oder alle (wie im 4. Vers gesagt wurde) verbergen die Augen vor dieser Sünde.
וְאִשָּׁה אֲשֶׁר תִּקְרַב אֶל־כָּל־בְּהֵמָה לְרִבְעָה אֹתָהּ וְהָרַגְתָּ אֶת־הָאִשָּׁה וְאֶת־הַבְּהֵמָה מוֹת יוּמָתוּ דְּמֵיהֶם בָּם׃
we'ischá aschér tikráw el-kol-behemá leriw'á otá weharagtá et-ha'ischá we'et-habbehemá mot jumátu demehém bam
16 Eine Frau, die sich irgendeinem Vieh nähert, um sich mit ihm hinzulegen, töte diese Frau und dieses Vieh, des Todes sollen sie sterben, ihr Blut ist auf ihnen.
Hier und noch an einigen Stellen der Tora können wir sehen, dass das Vieh in gewissem Maß für seine Taten verantwortlich ist. Man könnte meinen: Was hat hier das Vieh damit zu tun? Eine Frau ist zu irgendeinem Tier gegangen (ich will nicht einmal davon erzählen, was zwischen ihnen geschehen ist), und wofür soll man denn das Vieh bestrafen? Aber wie der stößige Stier bestraft wird, weil es in der Natur der Dinge liegt, dass der Mensch das Tier tötet, um es zu essen, das Vieh aber den Menschen nicht töten darf, so auch hier: Da in diesem Tier etwas ist, das ihm erlaubt, seine tierische Natur zu verletzen, wird das Tier mit dem Tod bestraft. Und man kann sagen, dass sein Blut auf ihm ist, es ist für etwas verantwortlich. Das Tier ist kein absolut stumpfes Geschöpf, das nur aus Reflexen existiert, sondern ist, wie wir sehen, für sich verantwortlich, und das kommt es teuer zu stehen.
וְאִישׁ אֲשֶׁר־יִקַּח אֶת־אֲחֹתוֹ בַּת־אָבִיו אוֹ בַת־אִמּוֹ וְרָאָה אֶת־עֶרְוָתָהּ וְהִיא־תִרְאֶה אֶת־עֶרְוָתוֹ חֶסֶד הוּא וְנִכְרְתוּ לְעֵינֵי בְּנֵי עַמָּם עֶרְוַת אֲחֹתוֹ גִּלָּה עֲוֹנוֹ יִשָּׂא׃
we'ísch ascher-jikkách et-achotó bat-awíw o wat-immó wera'á et-erwatá wehí tir'é et-erwató chéssed hu wenichretú le'ené bené ammám erwát achotó gillá awonó jissá
17 Ein Mensch, der seine Schwester nimmt, die Tochter seines Vaters oder die Tochter seiner Mutter, und er sah ihre Blöße, und sie sah seine Blöße, vor dem ganzen ehrbaren Volk werden sie vernichtet werden: Die Blöße seiner Schwester hat er aufgedeckt, seine Sünde wird er tragen.
Das Wort chéssed, das allen oder vielen wahrscheinlich in der Bedeutung Gnade bekannt ist, wird in diesem Fall in einem völlig anderen Sinn gebraucht. Hier ist dieses Wort akkadischen Ursprungs und bedeutet Scham, Schande, Schmach, ebenso auch in den aramäischen Übersetzungen: kálno (Scham, Schande). In dieser Bedeutung muss man es auch auffassen.
Der Höchste wird das Verborgene offenbar machen. Mit Vernichtung vor dem ganzen Volk werden die Schuldigen an dieser Sünde bestraft, wenn allen offensichtlich sein wird, wofür sie bestraft sind; niemand wird sagen können, dass dies durch ein Zusammentreffen von Umständen geschehen ist. Hier kann man ein wichtiges Detail bemerken, wenn man aufmerksam liest. Geschrieben steht so: „Er sah ihre Blöße, sie sah seine Blöße.“ Denn es kommt oft vor, dass, wenn Bruder und Schwester zusammen in einem Haus leben, er sie heimlich mit Gewalt nehmen kann. In diesem Fall unterliegt sie nicht der Strafe. Nur wenn auch sie seine Blöße sah , das heißt auch sie selbst diese Beziehung wollte, nur in diesem Fall wird sie zusammen mit ihm bestraft.
וְאִישׁ אֲשֶׁר־יִשְׁכַּב אֶת־אִשָּׁה דָּוָה וְגִלָּה אֶת־עֶרְוָתָהּ אֶת־מְקֹרָהּ הֶעֱרָה וְהִיא גִּלְּתָה אֶת־מְקוֹר דָּמֶיהָ וְנִכְרְתוּ שְׁנֵיהֶם מִקֶּרֶב עַמָּם׃
we'ísch ascher-jischkáw et-ischá dawá wegillá et-erwatá et-mekorá he'erá wehí gilletá et-mekór daméha wenichretú schenehém mikkérew ammám
18 Ein Mensch, der sich zu einer Frau legt während ihres Ausflusses, und er hat ihre Blöße aufgedeckt (ihren Ausfluss), und sie war einverstanden, die Quelle ihres Blutes aufzudecken, sie beide werden von ihrem Volk abgeschnitten werden.
Das heißt, der Mensch hat nicht einfach ihre Blöße aufgedeckt, sondern die Blöße der Blöße. Selbst eine Frau, die sich ihrer Blöße vor dem Mann nicht schämt, sich irgendwelcher intimen Teile ihres Körpers vor dem Mann nicht schämt, schämt sich doch ihrer Ausflüsse und verbirgt das. Hier aber hat der Mensch die Blöße der Blöße der Frau aufgedeckt.
וְעֶרְוַת אֲחוֹת אִמְּךָ וַאֲחוֹת אָבִיךָ לֹא תְגַלֵּה כִּי אֶת־שְׁאֵרוֹ הֶעֱרָה עֲוֹנָם יִשָּׂאוּ׃
we'erwát achót immechá wa'achót awícha lo tegallé ki et-sche'eró he'erá awonám jissáu
19 Die Blöße der Schwester deiner Mutter und der Schwester deines Vaters decke nicht auf, denn das ist sein Fleisch in ihrer Blöße, die Strafe werden sie tragen.
וְאִישׁ אֲשֶׁר יִשְׁכַּב אֶת־דֹּדָתוֹ עֶרְוַת דֹּדוֹ גִּלָּה חֶטְאָם יִשָּׂאוּ עֲרִירִים יָמֻתוּ׃
we'ísch aschér jischkáw et-dodató erwát dodó gillá chet'ám jissáu arirím jamútu
20 Ein Mensch, der sich zu seiner Tante legt, hat die Blöße des Onkels aufgedeckt, ihre Sünde werden sie tragen, einsam werden sie sterben.
In diesem Fall ist die Tante nicht die Schwester des Vaters, sondern die Frau des Onkels, die Frau des Bruders des Vaters. Hier lesen wir einsam werden sie sterben, und im nächsten Vers werden wir eine andere Strafe lesen – einsam werden sie sein. Und der Midrasch deutet den Unterschied: einsam werden sie sterben bedeutet, dass sie keine Kinder haben werden, und einsam werden sie sein – wenn sie auch Kinder hatten, so werden sie sie begraben: Als Strafe werden sie ihre Kinder überleben und sie begraben.
וְאִישׁ אֲשֶׁר יִקַּח אֶת־אֵשֶׁת אָחִיו נִדָּה הִוא עֶרְוַת אָחִיו גִּלָּה עֲרִירִים יִהְיוּ׃
we'ísch aschér jikkách et-éschet achíw niddá hi erwát achíw gillá arirím jihjú
21 Ein Mensch, wenn er die Frau seines Bruders nimmt, unzulässig ist das (unzulässig ist für ihn die Nähe mit ihr), die Blöße seines Bruders hat er aufgedeckt, einsam werden sie sein.
Diese Regel hat eine einzige Ausnahme. Es gibt ein Gebot: Wenn zwei Brüder zusammen lebten und der ältere Bruder gestorben ist, so muss der jüngere zu seiner Witwe eingehen, um dem älteren Bruder Samen wiederherzustellen. Eingehen bedeutet nicht, sie zur Frau zu nehmen, sondern zu ihr in der Rolle seines Bruders einzugehen. Vom Standpunkt des Erbes aus ist das für den jüngeren verlustreich, weil seine Kinder das Erbe mit ihren Kindern teilen müssen, sie werden die Erben des verstorbenen älteren Bruders sein. Und dennoch muss er, um das Erbteil wiederherzustellen, zu der Witwe seines Bruders eingehen.
וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־כָּל־חֻקֹּתַי וְאֶת־כָּל־מִשְׁפָּטַי וַעֲשִׂיתֶם אֹתָם וְלֹא־תָקִיא אֶתְכֶם הָאָרֶץ אֲשֶׁר אֲנִי מֵבִיא אֶתְכֶם שָׁמָּה לָשֶׁבֶת בָּהּ׃
uschmartém et-kol-chukkotáj we'et-kol-mischpatáj wa'assitém otám welo-takí etchém ha'árez aschér aní mewí etchém schámma laschéwet ba
22 Und bewahrt alle Meine Gesetze und alle Meine Rechtssprüche (wieder sehen wir die Vertikale und die Horizontale), und haltet sie, und das Land wird euch nicht ausspeien, in das Ich euch bringe, damit ihr dort wohnt.
וְלֹא תֵלְכוּ בְּחֻקֹּת הַגּוֹי אֲשֶׁר־אֲנִי מְשַׁלֵּחַ מִפְּנֵיכֶם כִּי אֶת־כָּל־אֵלֶּה עָשׂוּ וָאָקֻץ בָּם׃
weló telechú bechukkót haggój ascher-aní meschalléach mippenechém ki et-kol-élle asú wa'akúz bam
23 Und ihr sollt nicht nach den Gesetzen des Volkes gehen, das Ich vor euch vertreibe, denn all das haben sie getan, und Ich habe sie verabscheut.
וָאֹמַר לָכֶם אַתֶּם תִּירְשׁוּ אֶת־אַדְמָתָם וַאֲנִי אֶתְּנֶנָּה לָכֶם לָרֶשֶׁת אֹתָהּ אֶרֶץ זָבַת חָלָב וּדְבָשׁ אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם אֲשֶׁר־הִבְדַּלְתִּי אֶתְכֶם מִן־הָעַמִּים׃
wa'omár lachém attém tireschú et-admatám wa'aní ettenénna lachém laréschet otá érez sawát chaláw udwásch aní adonáj elohechém ascher-hiwdálti etchém min-ha'ammím
24 Und Ich sage euch: Ihr werdet ihr Land erben, und Ich werde es euch zu erben geben, ein Land, das von Milch und Honig fließt, Ich bin der HERR, euer Gott, Der euch von den Völkern abgesondert hat.
Ich erinnere daran, dass ein Land, das von Milch und Honig fließt, ein Bild ist, das ein Land bezeichnet, das zur Bearbeitung bereit ist, ein Land, das nur darauf wartet, dass man anfängt, es zu bebauen. Aber ihr sollt nicht leben wie andere Völker, sollt euch kein Beispiel an ihnen nehmen und nicht unter ihren Einfluss geraten, weil der HERR euch abgesondert hat.
וְהִבְדַּלְתֶּם בֵּין־הַבְּהֵמָה הַטְּהֹרָה לַטְּמֵאָה וּבֵין־הָעוֹף הַטָּמֵא לַטָּהֹר וְלֹא־תְשַׁקְּצוּ אֶת־נַפְשֹׁתֵיכֶם בַּבְּהֵמָה וּבָעוֹף וּבְכֹל אֲשֶׁר תִּרְמֹשׂ הָאֲדָמָה אֲשֶׁר־הִבְדַּלְתִּי לָכֶם לְטַמֵּא׃
wehiwdaltém ben-habbehemá hattehorá latteme'á uwen-ha'óf hattamé lattahór welo-teschakkezú et-nafschotechém babbehemá uwa'óf uwchól aschér tirmós ha'adamá ascher-hiwdálti lachém letammé
25 Und sondert auch ihr das reine Vieh vom unreinen ab und den unreinen Vogel vom reinen, und verunreinigt eure Seelen nicht durch Vieh oder Vogel und durch alles, wovon die Erde wimmelt, das Ich euch als unrein bestimmt habe (als Verunreinigendes).
Verunreinigt euch nicht durch das, was Ich für euch als verunreinigend bezeichnet habe, bewahrt eure Reinheit.
וִהְיִיתֶם לִי קְדֹשִׁים כִּי קָדוֹשׁ אֲנִי יְהוָה וָאַבְדִּל אֶתְכֶם מִן־הָעַמִּים לִהְיוֹת לִי׃
wihjítem li kedoschím ki kadósch aní adonáj wa'awdíl etchém min-ha'ammím lihjot li
26 Und ihr werdet Mir heilig sein, denn Ich bin heilig, und Ich werde euch von allen Völkern absondern, um für Mich zu sein.
Das ist der Beginn der Absonderung, der Beginn des Weges zur Heiligkeit. Wählt die Heiligkeit, werdet heilig, und ihr werdet für Mich abgesondert sein.
וְאִישׁ אוֹ־אִשָּׁה כִּי־יִהְיֶה בָהֶם אוֹב אוֹ יִדְּעֹנִי מוֹת יוּמָתוּ בָּאֶבֶן יִרְגְּמוּ אֹתָם דְּמֵיהֶם בָּם׃
we'ísch o-ischá ki-jihjé wahém ow o jidde'oní mot jumátu ba'éwen jirgemú otám demehém bam
27 Ein Mann oder eine Frau, wenn unter ihnen ein Wahrsager oder ein Zeichendeuter sein wird (wenn jemand sich durch ein Fädchen mit anderen Völkern, mit anderen Göttern verbinden wird), des Todes sollen sie sterben: Mit Steinen soll man sie bewerfen – ihr Blut ist auf ihnen.“
Warum ist die Frau hier gesondert erwähnt? Weil dieses Handwerk unter den Frauen sehr stark verbreitet war. Und bis heute beschäftigen sich mit allerlei Esoterik mehr Frauen als Männer, obwohl eine gewisse Gleichberechtigung erreicht ist.
Der Höchste hat das Volk Israel von den anderen Völkern abgesondert, und man muss diese Abgesondertheit bewahren, diese Trennung. Manchmal ist es nötig, harte Maßnahmen gegenüber denen zu ergreifen, die versuchen, diese Trennung zu zerstören. Natürlich praktizieren wir jetzt keine Todesstrafe, wir steinigen niemanden, wir sind sehr weit davon entfernt. Wir alle sind humane, offene, liberale Menschen, wir sind offen für die moderne Welt, und das ist gut – man muss diese Welt aufmerksam betrachten können, mit ihr zusammenwirken, das alles ist gut und richtig. Und dennoch muss man verstehen, wie ernst der Höchste es nimmt, dass in unser Leben nicht die Gesetze anderer Völker eindringen, dass wir nach Gottes Gesetzen leben und nicht unter irgendeinen fremden Einfluss geraten, den Einfluss fremder Gesetze, was sehr leicht geschehen kann, wenn wir uns nicht bemühen und nicht darauf achten.
Wie sich selbst
Ich möchte über eines der wichtigsten Gebote der Tora nachdenken. Wer das Glück hatte, in einen jüdischen Kindergarten zu gehen (oder wen es dahin verschlagen hat, in einen jüdischen Kindergarten gehen zu müssen), erinnert sich sicher, wie die Erzieherin singt und die Kinder ihr nachsprechen: „Rabbi Akiwa sagte: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ – das ist der Hauptgrundsatz der Tora.“ Uns wird von Kindheit an beigebracht, dass dies der allerwichtigste Grundsatz der Tora ist. Und nicht nur Rabbi Akiwa, auch Jeschua bekräftigt, dass einer der wichtigsten Grundsätze der Tora lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Auf Russisch wird dieses Gebot in sechs Wörtern formuliert. Auf Hebräisch noch einfacher, in drei Wörtern: we'ahawtá lere'achá kamócha. Man sollte meinen: Was könnte einfacher sein, was verständlicher, was vertrauter, doch im Leben gelingt das bei Weitem nicht immer, und es bleiben Fragen: Wie realistisch ist es überhaupt, den Nächsten zu lieben, ist das überhaupt möglich? Inwieweit ist es möglich, zu gebieten oder zu befehlen – mir, euch, ihm –, jemanden zu lieben? Wie kann man befehlen zu lieben? Und selbst wenn es möglich ist, mir zu befehlen, jemanden zu lieben, wie kann man dann das Maß dieser Liebe bestimmen? Wie kann man nicht nur befehlen zu lieben, sondern auch befehlen, so zu lieben, wie ich mich selbst liebe?
Dieses Gebot steht im 19. Kapitel unseres Buches, im 18. Vers. Lasst uns lesen.
לֹא־תִקֹּם וְלֹא־תִטֹּר אֶת־בְּנֵי עַמֶּךָ וְאָהַבְתָּ לְרֵעֲךָ כָּמוֹךָ אֲנִי יְהוָה׃
lo-tikkóm welo-tittór et-bené ammécha we'ahawtá lere'achá kamócha aní adonáj
18 Räche dich nicht und sei nicht nachtragend gegenüber deinem Nächsten, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst, Ich bin der HERR.
Es stellt sich noch eine Frage: Warum endet der Vers mit den Worten Ich bin der HERR? Das Gebot, das Jeschua gibt, klingt anders, auf neue Weise: Liebt einander, wie Ich euch geliebt habe. Was bedeutet das, und warum ist das ein neues Gebot? Und noch viele, viele Fragen bleiben, auf die wir zu antworten versuchen werden.
Also, wie kann man einem Menschen befehlen zu lieben? Wenn wir uns das ganze 19. Kapitel des Buches Wajikra ansehen, sehen wir, dass es mit einfacheren und verständlicheren Geboten beginnt. Zum Beispiel:
אִישׁ אִמּוֹ וְאָבִיו תִּירָאוּ
isch immó we'awíw tirá'u…
3 Jeder Mensch soll seine Mutter und seinen Vater fürchten…
Dann folgen die Gebote über das Feld, über den Weinberg, über die Sorge um die Armen. Auch das ist verständlich. Weiter lesen wir:
לֹא תִּגְנֹבוּ וְלֹא־תְכַחֲשׁוּ וְלֹא־תְשַׁקְּרוּ אִישׁ בַּעֲמִיתוֹ׃
lo tignówu welo-techachaschú welo-teschakkerú isch ba'amitó
11 Bestehlt nicht, leugnet nicht ab und betrügt nicht euren Nächsten.
Auch das ist verständlich. Verständlich, wenn auch schon schwieriger: Es ist schwer, die ganze Zeit wahrhaftig zu sein, es ist schwer, niemals zu lügen. Der Talmud erzählt eine Geschichte von einem Menschen namens Rawa, der sich bis zu einem bestimmten Moment für sehr wahrhaftig hielt: „Ich hielt mich einst für einen wahrhaftigen Menschen. Ich dachte, dass ich wahrhaftig bin, bis ich einem anderen Menschen begegnete, der Raw Tawot hieß. Und er sagte mir: ‚Für kein Geld, nicht einmal für die größten Schätze der Welt, werde ich jemals lügen. Denn einmal kam es so, dass ich in einer Stadt lebte, die Kuschta (Wahrheit) heißt. In dieser Stadt log niemand jemals. So war die Sitte bei den Menschen, dass es Lüge, selbst in Kleinigkeiten, bei den Bewohnern dieser Stadt nicht gab.‘ Raw Tawot ließ sich in dieser Stadt nieder. Er war ein recht wahrhaftiger Mensch, und man nahm ihn auf. Er heiratete eine Bewohnerin jener Stadt und lebte dort lange und glücklich, bis eines Tages eine Nachbarin zu einer nicht sehr günstigen Zeit bei ihnen vorbeischaute: Die Frau dieses guten Mannes war damals mit irgendwelchen persönlichen Dingen beschäftigt. Und statt zu sagen: ‚Sie ist gerade beschäftigt, sie kann jetzt nicht zu euch herauskommen‘, sagte er: ‚Sie ist nicht zu Hause‘ – und seine Frau starb. Denn ein langes Leben wurde durch Ehrlichkeit gesichert. Die Bewohner der Stadt sagten ihm: ‚Entschuldige, Freund, du hast bei uns keinen Platz. Du hältst das Maß an Wahrheit nicht aus, das nötig ist, um hier zu leben.‘ Und sie jagten ihn aus dieser Stadt hinaus.“ Einerseits ist es schwer, das ganze Leben lang die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sagen. Obwohl andererseits natürlich die Wahrheit zu sagen leicht und angenehm ist. Diese Geschichte ist eine Anekdote, ein Gleichnis, aber in ihr liegt ein Hinweis: Die Wahrheit zu sagen ist schwer, besonders in Kleinigkeiten. Wir betrügen sehr oft in Kleinigkeiten. Aber es gibt das Gebot, nicht zu betrügen, selbst nicht um des persönlichen Vorteils willen, selbst nicht, um durch Betrug am Nächsten Gewinn zu erzielen.
לֹא־תַעֲשֹׁק אֶת־רֵעֲךָ וְלֹא תִגְזֹל לֹא־תָלִין פְּעֻלַּת שָׂכִיר אִתְּךָ עַד־בֹּקֶר׃
lo-ta'aschók et-re'achá weló tigsól lo-talín pe'ullát sachír ittechá ad-bóker
13 Beute deinen Nächsten nicht aus, und handle nicht räuberisch, und behalte den Lohn des Tagelöhners nicht bei dir bis zum Morgen.
Wovon ist hier die Rede? Manchmal sehen wir einen Menschen, der in Not ist, in einer schwierigen Lage. Und wir können ihm sagen: „Weißt du was? Ich tue dir etwas Gutes, ich stelle dich ein!“ Wir können ihn einstellen und ihn zwingen, bei uns für ein paar Groschen zu arbeiten, für das Essen, für irgendetwas anderes. Das nennt man einen Menschen ausbeuten, das heißt, seine Armut ausnutzend, ihn zu zwingen, zu einem Preis zu arbeiten, der unter dem liegt, der ihm zusteht. Entsprechend darf man auch nicht räuberisch handeln. Man darf von einem Menschen nicht einen höheren Preis für etwas nehmen, das er braucht, nur weil er es sehr braucht. Und man darf den Lohn des Arbeiters nicht zurückhalten: Nicht jeder Mensch hat etwas, wovon er zu Abend essen kann, wenn man ihm tagsüber nicht bezahlt hat, so kommt es auch in unserer Zeit vor. Das ist es, was uns die Tora lehrt. Und das sind Dinge, die uns durchaus verständlich sind, auch wenn es nicht immer einfach ist. Es ist nicht immer einfach, einem Menschen für seine Arbeit oder für eine Sache, die er verkauft, so viel zu zahlen, wie es tatsächlich wert ist. Manchmal können wir irgendeine Schwäche von ihm ausnutzen, irgendeine Not von ihm. Die Tora lehrt uns, allmählich im Gebot zu wachsen. Und weiter lesen wir:
לֹא־תְקַלֵּל חֵרֵשׁ וְלִפְנֵי עִוֵּר לֹא תִתֵּן מִכְשֹׁל וְיָרֵאתָ מֵּאֱלֹהֶיךָ אֲנִי יְהוָה׃
lo-tekallél cherésch welifné iwwér lo tittén michschól wejaréta me'elohécha aní adonáj
14 Lästere nicht über den Tauben, und vor einen Blinden lege kein Hindernis, und fürchte deinen Allmächtigen, Ich bin der HERR.
Wenn jemand nicht hört (nicht unbedingt, dass er taub ist), dann dürfen wir nicht hinter seinem Rücken über ihn lästern. Wenn jemand blind ist, dann muss man ihm keinen Stock in den Weg halten, um zu sehen, wie er fällt. Das bedeutet einen Menschen nicht verführen und deinen Gott fürchten. Wir verführen einen Menschen, wenn wir seine Schwächen ausnutzen, um irgendeinen Vorteil daraus zu ziehen, oder seine Schwächen einfach missachten, sogar ohne Vorteil für uns selbst. Der Blinde ist gefallen, und wir haben gelacht: „Ha-ha, wie lustig.“ Wir haben hinter dem Rücken des Tauben geredet: „So ein Dummkopf, er hört nichts, stocktaub.“ Lustig, erfreulich? Dann fürchtest du Gott nicht.
Und weiter lesen wir eine ganze Reihe verschiedener Gebote: tut kein Unrecht im Gericht, geh nicht als Klatschträger umher in deinem Volk, bleib nicht gleichgültig gegenüber dem Blut deines Nächsten (das heißt, tritt für ihn ein, wenn deinem Nächsten Unrecht getan wird), sei deinem Bruder nicht feind in deinem Herzen… Und erst dann lesen wir das, womit wir unser Gespräch begonnen haben, das, was im 18. Vers geschrieben steht: „Räche dich nicht und bewahre keinen Groll, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst, Ich bin der HERR“. Das heißt, der Höchste baut eine bestimmte Leiter, auf der wir, indem wir hinaufsteigen, von einem Gebot zum anderen gehen und sie lernen, wachsen und eine Eigenschaft nach der anderen erwerben. Und so steigen wir auf jene Stufe, auf der wir, nachdem wir all das erfüllt, all das verwirklicht haben, sagen können: „Wir lernen, den Nächsten zu lieben wie uns selbst.“ Das heißt, das erste Verständnis ist so, dass das schwer ist, dass das eine sehr hohe Latte ist – den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Aber zu dieser Latte führt eine kleine Leiter der Gebote, auf der man hinaufsteigen kann.
Der Baal Schem Tow, der Begründer des Chassidismus, las diesen Vers anders. Hier ist in Klammern anzumerken, dass es, da es im Hebräischen keine Satzzeichen gibt, für die meisten Verse der Tora verschiedene Lesarten gibt. Und der Baal Schem Tow sah eine andere Lesart, die er für richtig hielt. (Möglicherweise spricht auch Jeschua von einer anderen Lesart dieses Gebots.) Der Baal Schem Tow las so: we'ahawtá lere'écha kamócha aní adonáj – „Wie du deinen Nächsten lieben wirst, so werde auch Ich, dein HERR, dich lieben“. In Tehillim 121, im 5. Vers, lesen wir: „adonáj schomrécha (der HERR ist dein Hüter), adonáj zilchá (der HERR ist dein Schatten) aljád jiminécha (zu deiner Rechten).
Was ist ein Schatten? Ein Schatten ist das, was dem Menschen folgt. Der HERR spiegelt in Seiner Haltung zu dir deine Haltung zu den Menschen. Wenn du willst, dass der Höchste dich liebt, wenn du willst, dass Seine Liebe zu dir sich offenbart, dann offenbare deine Liebe zu den Menschen. Je mehr du die Menschen lieben wirst, desto mehr wird der Höchste dich lieben. All diese Gebote lehren dich, die Menschen zu lieben, damit die Liebe des Höchsten zu dir sich offenbart. Das ist, wie wir gesagt haben, das Verständnis des Baal Schem Tow.
Es gibt noch ein Verständnis. Der Jerusalemer Talmud (Traktat Nedarim) bringt das Beispiel eines Metzgers, der Fleisch schneidet. In der rechten Hand hat er ein Messer, mit der linken Hand hält er ein Stück Fleisch und schneidet es. Und eine zufällige, unvorsichtige Bewegung der Hand mit dem Messer – und er hat sich in einen Finger der linken Hand geschnitten. Aber die linke Hand wird nicht anfangen, die rechte anzugreifen, wie es auch sei; selbst wenn die rechte Hand der linken Schaden zugefügt hat, wird die linke der rechten nicht böse sein. Warum wird sie nicht böse sein, warum wird sie sich nicht rächen? Weil es das Bewusstsein gibt, dass das ein Körper ist.
Hier kann man einen kleinen Exkurs machen und über ein anderes sehr wichtiges Gebot sprechen, über das Gebot der Liebe zum Höchsten. In der Tora, im Buch Dewarim, wird dieses Gebot dreimal wiederholt, auf drei verschiedenen Stufen der Heiligkeit. Das erste Mal heißt es: „Denk daran, was der Höchste dir getan hat, wie Er dich aus Ägypten herausgeführt hat, wie Er dich geführt hat, wie Er dich großgezogen hat.“ Wenn du an alles denkst, was der Höchste für dich getan hat, an diese ganze Leiter, auf der Er dich im Leben hinaufgehoben hat, wirst du Ihn lieben. Das ist vergleichbar mit der ersten Erklärung, als wir sagten, dass der Höchste uns zu dieser Stufe der Heiligkeit hinführt wie auf einer Leiter. Wenn wir an alle Seine Taten in unserem Leben denken, an alle Seine Lektionen, dann lieben wir Ihn, und wir lieben entsprechend auch den Nächsten, nach demselben Prinzip. Das ist der zweite Fall, in dem die Tora von der Liebe zum Höchsten spricht: „Wenn du den Höchsten lieben wirst, wird Er dir zur rechten Zeit Regen geben und für dich sorgen.“ Darüber haben wir auch gesprochen: „Wenn du willst, dass der Höchste dich liebt, wenn du willst, dass sich die Liebe des Höchsten in deinem Leben zeigt, dann zeige Liebe zum Nächsten.“ Die dritte Variante, die erhabenste der Varianten der Liebe zum Höchsten: „Schmá jisraél adonáj elohénu adonáj echád – Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, Gott ist einer!“, und deshalb liebst du Gott. Du liebst Gott, weil du ein Teilnehmer bist, ein Teil eines einzigen riesigen Orchesters des Weltalls, weil du in dieses Orchester eingebunden bist. Und genauso liebst du den Nächsten, weil er mit dir eine Stimme in diesem Orchester spielt, weil er ein Teil derselben Melodie des Weltalls ist wie du.
Obwohl das Gebot der Liebe zum Nächsten nicht dreimal gegeben ist, entsprechen diese drei Facetten seines Verständnisses den drei Stufen der Liebe zum Höchsten. Jeder Mensch liebt auf seiner Stufe den Höchsten, vielleicht für das, was der Höchste für ihn getan hat, und für das, was der Höchste ihn gelehrt hat. Vielleicht deshalb, damit der Höchste etwas für ihn tut, oder vielleicht aus dem Bewusstsein der Größe des Plans, der Einheit des Plans und aus dem Bewusstsein seiner Rolle, aus dem Bewusstsein des Glücks, dass der Mensch zu diesem Plan zugelassen ist, jeder auf seiner Stufe.
Und in der Liebe zum Nächsten gibt es genau dieselben drei Stufen des Verständnisses. Ich kann den Nächsten lieben für seine Sozialität, sagen wir so, für seine Sorge um mich, für all die Gebote, die um mich herum erfüllt werden: für die im Weinberg zurückgelassenen Trauben, für den zurückgelassenen Rand des Feldes, für die zdaká, die man mir geben wird, und so weiter. Auf einer höheren Stufe kann man sagen: „Ich kann den Nächsten lieben, um der Liebe des Höchsten gewürdigt zu werden. Ich will, dass der Höchste mich liebt, damit es mir gut geht durch die Liebe des Höchsten. Wenn Er will, dass ich den Nächsten liebe, nun gut, dann werde ich den Nächsten lieben, damit auch ich geliebt werde, damit auch mir die Liebe des Höchsten erwiesen wird.“ Und auf der höchsten Stufe kann ich den Nächsten einfach deshalb lieben, weil ich verstehe: Wie der HERR einer ist, so sind auch wir alle, Seine Schöpfung, alle Menschen, Teil eines einzigen großen Körpers. Und es ist natürlich dumm, wenn die rechte Hand der linken Hand böse ist. Und diese drei Stufen sind drei verschiedene Facetten, verschiedene Grade des Verständnisses jedes Menschen auf seiner Stufe. Und es ist nicht gesagt, dass ich jeden Tag ein und dieselbe Stufe habe. Das war ein kurzes Ziehen einer Parallele zwischen dem Gebot der Liebe zum Nächsten und der Liebe zum Höchsten. Damit endet der Exkurs, und wir kehren zu unserem Thema zurück, zum Gebot über die Liebe zum Nächsten.
Noch ein Verständnis bringt Chagaj Chofer ein, ein heutiger Lehrer und Aktivist. Und er sagt so: „Jeder Mensch liebt sich irgendwo in der Tiefe der Seele selbst. Ein Alkoholiker, der trinkt, trinkt, damit es ihm gut geht, das ist sein Ausdruck der Liebe zu sich selbst. Sogar ein Selbstmörder, Gott bewahre, der sich töten will, auch er liebt sich selbst: Er tut das, was für ihn gut ist. Das Verständnis dessen, was für ihn gut ist, bildet sich bei ihm aus seiner seelischen Krankheit, unter dem Einfluss seines jézer hará (des bösen Triebes)“. Wie können wir ihm helfen, wenn wir selbst zum Beispiel einen Hang zum Alkoholismus oder zum Selbstmord haben, Gott bewahre? Wir werden es nicht können. Deshalb müssen wir, um Liebe zum Nächsten zu zeigen, um dem Nächsten zu dienen, uns von dem reinigen, was uns schadet: von schlechten Abhängigkeiten, von der Sklaverei der Sünde, von schlechten Gedanken. Das heißt, wir selbst müssen die geistliche Gesundheit bewahren, uns selbst lieben und für uns selbst sorgen, um den anderen zu lieben, ohne das wird es nicht gehen. Wenn ich mich selbst nicht liebe, wenn ich Gedanken an Selbstmord habe, Hass auf mich selbst, keinen Frieden mit mir selbst, wie kann ich dann Liebe zu einem anderen Menschen zeigen? Wie kann ich ihm helfen? Meine Liebe zum Nächsten ist eine Projektion meiner Liebe zu mir selbst: Ich soll ja mit ihm so umgehen, wie ich will, dass man mit mir umgeht.
Rabbi Jehuda Fetaja aus Bagdad bringt ein Beispiel aus dem Buch Mischle (27,19), wo geschrieben steht: „Wie im Wasser – Gesicht zu Gesicht, so das Herz des Menschen – zum Menschen.“ Wenn du willst, dass er dich liebt, liebe ihn, oder: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wenn du deine Liebe zu einem Menschen offenbarst, dann wird auch er seine Liebe zu dir offenbaren. Wie in einem Spiegel, wie das Spiegelbild eines Menschen im Wasser, so wirst du dich in anderen Menschen spiegeln. Natürlich klingt das schön, aber (das kann ich als Anmerkung sagen) es funktioniert leider nicht immer; vielleicht hat das in Bagdad vor hundert Jahren funktioniert.
Die Rabbiner erzählen ein solches modernes Gleichnis von einem Menschen, der aus Israel nach Amerika ging, um das amerikanische Glück zu suchen. Ob lang, ob kurz, er wurde sehr reich, kam groß heraus, baute sich ein Haus wie ein Schloss, irgendwo dort, im amerikanischen Monte Carlo. Einige Jahre später kam sein leiblicher Bruder mit einem kleinen Rucksack über der Schulter nach Amerika und rechnete damit, dass er einen Bruder in Amerika hat, der ihm helfen wird, Fuß zu fassen. Er klopfte, der örtliche Security-Mann öffnete, schaute und sagte: „Was bist du gekommen? Hier wird Bettlern nichts gegeben, geh weg!“ Er sagte: „Gehen Sie, sagen Sie dem Hausherrn, dass sein Bruder zu ihm gekommen ist.“ Aber der Besitzer der Villa war kein guter Mensch: Offenbar war er nicht in den jüdischen Kindergarten gegangen oder hatte vergessen, wovon er zusammen mit der Erzieherin gesungen hatte. Er antwortete: „Ich habe aber keine Brüder!“ Und sein armer Bruder ging seiner Wege. Ob er in Amerika Fuß fasste, ob er mit leeren Händen zurückkehrte, darüber schweigt die Geschichte. Es verging einige Zeit, und der reiche Mann schreibt dem Vater einen Brief: „Papa, ich brauche dringend einige Dokumente von zu Hause, bitte mach mir Kopien davon und schick sie mir!“ Keine Antwort. Nach einigen Tagen schreibt er wieder: „Schick sie bitte, dringend!“ Keine Antwort. Er beschloss anzurufen. Und der Vater sagt zu ihm: „Hör zu, ich habe einen Sohn. Und das ist mein leiblicher Sohn, ich weiß von ihm, dass er mein leiblicher Sohn ist. Wenn er dir kein Bruder ist, dann bist du mir also überhaupt kein Sohn. Und wenn du mir kein Sohn bist, was für Dokumente, was willst du von mir? Ich verstehe das überhaupt nicht!“ Wenn du nicht annimmst, dass dein Nächster dir ein Bruder ist, dass er ein Teil von dir ist (wie der Metzger mit seinen Händen oder, wie wir gesagt haben, nach dem Prinzip adonáj elohénu adonáj echád: der HERR ist unser Gott, Gott ist einer), wenn du diese Einheit nicht spürst, dann ist auch der Höchste dir nicht der HERR. Du bleibst ohne Seinen Segen, Gott bewahre.
Solche Facetten des Verständnisses dieses Gebots kann man aufdecken. Es gibt natürlich viele davon. Viele Rabbiner, viel Tinte und viele Federn sind für die Auslegung dieses Gebots verbraucht worden. Und man kann sie nicht alle erfassen, und alle Bücher der Welt würden sie nicht fassen. Und ich habe das nur in groben Zügen, nur ein wenig berührt.
Jeschua sagt: „Ein neues Gebot gebe Ich euch: Liebt einander, wie Ich euch geliebt habe!“ Wir lesen diese Worte im Evangelium nach Jochanan (13,34). Was auf Aramäisch gesagt wurde, lesen wir auf Griechisch, das muss man immer berücksichtigen. Wie auch immer die Führung des Geistes war und wie sorgfältig die Worte auch gewählt wurden, eine Übersetzung ist eine Übersetzung. Versuchen wir, diese Worte nach Möglichkeit im historischen und sprachlichen Kontext zu verstehen.
Wir haben Beispiele gebracht, dass dieser Vers (19,18) unterschiedlich gelesen werden kann. Und möglicherweise schlägt Jeschua hier eine neue Lesart dieses Verses vor und entsprechend ein neues Verständnis des Gebots we'ahawtá lere'achá kamócha aní adonáj: Liebe deinen Nächsten, wie Ich, der HERR, dich liebe. Mit derselben Liebe, mit der Ich dich liebe, mit demselben Licht, das Ich in dir eröffne, handle so, dass der, der dich sieht, den Vater sieht: Liebe deinen Nächsten, wie Ich dich liebe. Und Jeschua spricht hier nicht von sich aus, sondern liest dieses Gebot einfach neu. Es kann tatsächlich so gelesen werden. (Hier möchte ich daran erinnern, dass wir versuchen, etwas zu rekonstruieren, etwas zu verstehen, und das mit Furcht und Zittern tun müssen, mit der Befürchtung, dass wir uns irren können, mit dem Bewusstsein, dass wir uns irren können. Und nichts von dem, was hier gesagt ist, von dem, was wir hier vermuten, kann als absolute Wahrheit aufgefasst werden, und es ist schrecklich, daran zu denken, dass es als absolute Wahrheit aufgefasst werden wird. Denkt bitte daran).
Die zweite Variante des Verständnisses des Gebots, das Jeschua gibt: „Nehmt euch ein Beispiel an Mir, Ich bin das Beispiel dafür, wie man einander lieben soll. Ihr sagt, dass das unmöglich ist, es scheint euch unmöglich. Ich habe euch gezeigt, wie. Jetzt tu wie Ich.“ Dieses „tu wie Ich“ klingt wieder in drei Worten auf Russisch, aber es ist eine Schule fürs ganze Leben: wie man lernt, dem Höchsten aufs Äußerste zu dienen in jener Sendung zu jedem konkreten Menschen, zu dem du gesandt bist, zu jedem Menschen, dem du begegnest. Ich spreche wieder von meinem Verständnis und von meiner Auslegung des Gebots und sage das nicht aus der Position eines Menschen, der schon alles gemeistert, alles gelernt hat und jetzt Memoiren schreibt: „Wie ich lieben lernte“. Ich spreche davon aus der Position eines Menschen, der auf diesen Weg blickt, wie einer, der am Fuß des Berges steht, auf den Berg blickt. Mir ist es bis zu dieser Stufe noch sehr weit. Aber ich spreche von dem, wozu wir berufen sind, von jener Latte, die Jeschua vor uns legt, von jenen Höhen, zu denen Er uns ruft.
Wenn man diese beiden Varianten des Verständnisses der Gebote gegenüberstellt, dann kann man sie auch verbinden. Um zu lernen, den Nächsten so zu lieben, wie der HERR dich liebt, muss man bei Jeschua lernen, den Nächsten so zu lieben, wie Er uns liebt, bei Ihm diese Liebe lernen, denn Er sagt über Sich: „Wer Mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen!“ Wenn wir uns Jochanan zuwenden, aus seinen Briefen lesen, dann werden wir sehen, dass sich durch sie ständig der Gedanke zieht, dass wir einander so lieben sollen, wie Gott uns liebt, mit Gottes Liebe. Johannes spricht ständig davon. Wenn Gott uns geliebt hat, dann sollen auch wir einander lieben: „Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist von Gott, und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und kennt Gott“ (1. Brief des Jochanan, 4,7). Noch ein Zitat, wiederum aus Jochanan, aus demselben Brief (2,7–9): „Geliebte! Ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr von Anfang an gehört habt. Doch zugleich schreibe ich euch auch ein neues Gebot, was wahr ist, sowohl in Ihm als auch in euch: denn die Finsternis vergeht und das wahre Licht leuchtet schon. Wer sagt, dass er im Licht ist, aber seinen Bruder hasst, der ist noch in der Finsternis.“ Hier zieht Jochanan eine Parallele zwischen der Liebe und dem Licht. Das Licht, von dem bei Jochanan die Rede ist, gleich vom Anfang seines Evangeliums an: „Im Anfang war das Wort… Alles ist durch Ihn entstanden …in Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ – das ist das anfängliche Licht, von dem der Höchste sagte: „Es werde Licht! – jehi ór“. Das Licht, das vor der Erschaffung der Himmelskörper war, jenes besondere Licht, das nach jüdischer Tradition der Höchste bis auf Weiteres bei Sich verborgen hat, um es in der kommenden Welt zu offenbaren. Wenn es sich offenbart, dann offenbart sich mit ihm in aller Fülle, in all ihrer Vollkommenheit die göttliche Liebe. Durch den Maschiach, Der das Licht der Welt ist, Der der Welt den Vater zeigt, offenbart sich auch die Liebe des Vaters. Wer mit dem Maschiach ist, der ist Träger dieses Lichts und soll als Zeugnis, als Siegel dieses Lichts nicht ein helles Gesicht tragen, nicht ein schickes Sakko, nicht eine „Rolex“-Uhr, nicht einen frommen Gesichtsausdruck, sondern die Liebe zum Nächsten. Worte aus dem Evangelium nach Jochanan (13,35): „Daran werden alle erkennen, dass ihr Meine Schüler seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ – das ist die Unterschrift, das Siegel, das ist das allerwichtigste bestimmende Merkmal. Nicht an der Dogmatik, nicht an fröhlichen Tänzen, nicht an traurigen Liedern, nicht daran, dass ihr irgendein Dogma über den Menschen stellt, sondern „daran, dass ihr Liebe untereinander habt, daran werden sie erkennen, dass ihr Meine Schüler seid“.
Ganz am Ende lohnt es sich, zum Anfang zurückzukehren und an Rabbi Akiwa zu erinnern und an das Liedchen, das wir aus dem Kindergarten kennen. Rabbi Akiwa sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist der allerwichtigste Grundsatz in der Tora.“ Über Rabbi Akiwa erzählt man, dass Tausende seiner Schüler einer nach dem anderen starben, weil es zwischen ihnen keine gegenseitige Achtung gab, weil es zwischen ihnen keine Liebe gab. Und die Weisen fragen: „Wie kann das sein? Rabbi Akiwa verkündete das als den wichtigsten Grundsatz in der Tora, und seine Schüler starben, weil sie dem nicht entsprechen konnten?!“ Und die Weisen antworten: „Gerade deshalb verkündete Rabbi Akiwa das als den wichtigsten Grundsatz der Tora, das war das Schwerste für seine Schüler, und das Schwerste ist das Wichtigste.“ Jeschua sagt, dass schon die Schüler, nicht die diplomierten Fachleute, nicht die, die ein Diplom von Seiner Schule erhalten und die Schule mit der Goldmedaille abgeschlossen haben, Liebe untereinander haben werden. Schon wir auf unserer Stufe sollen danach streben, Liebe untereinander zu haben, das wird uns auszeichnen, daran wird man uns erkennen. Bis jetzt gelingt es nicht, diesem Kriterium zu entsprechen, das ist bitter zuzugeben, aber so ist es. Aber lasst uns nicht verzagen, sondern beharrlich versuchen, das zu lernen. Liebt die Nächsten mehr als Dogmen, mehr als die eigene Gerechtigkeit, liebt die Nächsten, weil sie euch Brüder sind, weil ihr Teil eines Körpers seid, weil ihr Teil einer Welt seid, weil Gott sie liebt. Nun, wenn es aus diesen Gründen nicht gelingt, dann liebt die Nächsten wenigstens deshalb, weil Gott euch nicht lieben wird, wenn ihr sie nicht liebt. Das Streben nach Gerechtigkeit führt zu dieser Liebe. Wenn die Gerechtigkeit nicht zu dieser Liebe führt, dann ist eine solche Gerechtigkeit nichts wert. Lasst uns versuchen, ein solches Zeugnis zu sein, dass der, der uns gesehen hat, den Vater gesehen hat; dass der, der uns begegnet ist, von der Begegnung mit uns weggeht und sich mehr geliebt, mehr gebraucht fühlt und den Höchsten mehr erkannt hat. Lasst es uns versuchen! Ich weiß, dass das schwer ist, aber lasst uns beharrlich versuchen. Das sind solche Gedanken, die ich teilen wollte.
Kedoschim: weiterlesen
Lest auch das Stenogramm des Wochenabschnitts Achare Mot, das Gespräch über das Gebet und die Wochenabschnitte der Tora.