- Wochenabschnitte
- Bereschit
- Lech Lecha
לֶךְ־לְךָ
Lech Lecha
der Weg Awrahams und der Bund
- Wochenabschnitt
- 3 von 54
- Verse
- Bereschit 12,1–17,27
- Teile
- 10
- Lesezeit
- 2 Std. 43 Min.
- Hörfassung
- 4 Std. 14 Min.
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Lech lecha ist der Wochenabschnitt über den Weg Awrahams und den Bund mit dem Höchsten. Im Stenogramm behandelt Alex Blend den Ruf, aus der gewohnten Welt hinauszugehen, die Beziehung zu Lot, das Leben Saras und die Verheißung der Geburt Jizchaks. Hier sind der Text auf Hebräisch, die Transliteration, die Übersetzung und die Kommentare zusammengestellt.
Lech lecha: dein Auftritt, AwramIm Russischen steht eine Wendung aus dem Theater („Ihr Auftritt“), die wörtlich zugleich „euer Hinausgehen“ heißt und so auf Awrams Auszug anspielt. Im Deutschen lässt sich das Doppelspiel nur als „dein Auftritt“ andeuten.
Bereschit 11,31.32 – 12,1–20
Der Abschnitt Lech lecha beginnt mit dem 12. Kapitel des Buches Bereschit, aber wir beginnen mit dem Lesen am Ende des 11. Kapitels, Noach, um uns die Vorgeschichte ein wenig ins Gedächtnis zu rufen. Wir lesen die Geschichte davon, wie Terach, der Vater Awrams, zusammen mit seiner Familie aus Ur-Kasdim auszog.
וַיִּקַּח תֶּרַח אֶת־אַבְרָם בְּנוֹ וְאֶת־לוֹט בֶּן־הָרָן בֶּן־בְּנוֹ וְאֵת שָׂרַי כַּלָּתוֹ אֵשֶׁת אַבְרָם בְּנוֹ וַיֵּצְאוּ אִתָּם מֵאוּר כַּשְׂדִּים לָלֶכֶת אַרְצָה כְּנַעַן וַיָּבֹאוּ עַד־חָרָן וַיֵּשְׁבוּ שָׁם׃
wajikkách térach et-awrám benó we'et-lót ben-haránDie russische Umschrift setzt hier einen Ch-Laut. Der Name von Lots Vater beginnt im Hebräischen aber mit He, daher „ben-harán“; die Stadt Charan weiter hinten wird dagegen mit Chet geschrieben. ben-benó we'ét saráj kallató éschet awrám benó wajezeú ittám meúr-kasdim laléchet árza kená'an wajawóu ad-charán wajéschewu scham
31 Und Terach nahm Awram, seinen Sohn, und Lot, den Sohn Harans, den Sohn seines Sohnes (seinen Enkel), und Saraj, seine Schwiegertochter, die Frau Awrams, seines Sohnes, und sie zogen zusammen mit ihnen aus Ur-Kasdim aus, um in das Land Kanaan zu gehen, und sie kamen nach Charan und ließen sich dort nieder.
Ur-Kasdim. Es gibt Kommentatoren, die den Namen dieses Ortes erörtern und sagen, dass das eigentlich kein geografischer Ort sei, sondern irgendein Ereignis, irgendein Zusammentreffen von Umständen. Aber die sehr frühen Targumim (für diejenigen, die es nicht wissen: Targumim sind Übersetzungen der Schrift ins Aramäische, die in jenen Zeiten angefertigt wurden, als Aramäisch die gesprochene Sprache war, in der Zeit des Zweiten Tempels und etwas später) haben den Text nicht einfach übersetzt, sondern irgendwelche Kommentare hinzugefügt, irgendwelche Auffassungen, die es damals gab. Und natürlich, wenn wir die ursprüngliche Bedeutung verstehen und sie mit späten Kommentaren vergleichen wollen, können wir uns an die aramäischen Übersetzungen wenden, die die allerallerfrühesten Auslegungen sind (das ist fast das I.–II. Jahrhundert). Und genau diese Targumim übersetzen es als Namen eines Ortes.
Es ist bekannt, dass es eine solche Stadt tatsächlich gab. Das ist ein Ort, an dem man die Sonne anbetete.
אוֹר (ur) – das ist Licht, Sonne und das ist eine Stadt der Sonnenanbetung. Von dort zog die Familie Terachs aus, und aus irgendeinem Grund beschlossen sie, nach Kanaan aufzubrechen. Warum beschlossen sie, nach Kanaan aufzubrechen? Manche sagen: „Terach lebte so vor sich hin in der Stadt Ur-Kasdim und dachte: ‚Hier läuft es nicht für mich, hier habe ich kein Glück. Ein Sohn ist mir gestorben, der andere Sohn hat zu spät geheiratet, seine Frau ist unfruchtbar, er hat keine Kinder, und was erwartet mich hier noch. Ich versuche mal, meinen Wohnort zu wechseln, damit sich vielleicht mein Leben ändert.‘“
Die jüdischen Weisen sagten, dass derjenige, der seinen Wohnort wechselt, auch sein Schicksal wechselt. In dem Sinn, den sie in das Wort Schicksal legen, ändert er für sich die Tagesordnung.
Andere Kommentatoren sagen, dass Awram in Wirklichkeit ein Reisender war. Er war lange vorher (fünf Jahre vorher) im Land Kanaan gewesen (und wir werden darüber sprechen, wenn wir über den Bund zwischen den zerteilten Körpern sprechen, warum man von fünf Jahren früher spricht). Und gerade Awram war der Initiator. Er kam und erzählte von diesem Land: „Lasst uns in das kanaanäische Land gehen. Das ist so ein wunderbares Land!“
Wieder andere sagen, dass die Geschichte davon, wie Awram, als Rebell und erster Atheist, mit der umliegenden Bevölkerung oder mit den Herrschern strittDer erste Satz ist schon im Russischen unvollständig, ihm fehlt die Aussage. Die Übersetzung gibt ihn bewusst so wieder. (es gibt verschiedene Geschichten und verschiedene Überlieferungen). Es gibt zum Beispiel die Geschichte, wie Awram alle Götzen im Laden Terachs zerschlug, der ein „Götzenmacher“ war. Oder die Geschichte, wie Awram den König verärgerte und man ihn in einen Feuerofen warf. Nach diesen Geschichten war Awram ein Rebell und Dissident, er verdarb die Beziehungen zur Obrigkeit und zum Volk. Und Terach beschloss, Awram sozusagen aus der Gefahrenzone ins kanaanäische Land wegzubringen, das Provinz ist, ein abgelegener Winkel, und dort lässt sich alles leichter überstehen. Und deshalb heißt es: וַיֵּצְאוּ אִתָּם (wajezeú ittám) – und sie zogen zusammen mit ihnen aus …, weil möglicherweise Awram der Initiator von alldem war. Terach und Awram fliehen, und alle anderen schließen sich ihnen an. Warum steht in diesem Fall geschrieben: wajikkách térach – und Terach nahm … Das ist ein Zeichen der Achtung gegenüber Terach als Familienoberhaupt. So erklären das die Kommentatoren, die sagen, dass Awram der Initiator von allem war. Bis Kanaan kamen sie nicht. Sie hielten in einer großen Stadt an, die Charan heißt. Tatsächlich eine für die damaligen Zeiten große Stadt. Im Unterschied zu Ur-Kasdim, wo man die Sonne anbetete, betete man in Charan den Mond an. Also, die Familie übersiedelt nach Charan und lässt sich dort nieder. Auf welches Detail sollte man noch achten? In der Liste derer, die mit Terach aus Ur-Kasdim auszogen, fehlt Nachor, ein weiterer Sohn Terachs. Zugleich flieht später, wenn Jaakow aus dem Vaterhaus fliehen wird, er gerade zu Nachor nach Charan (wir wissen, dass Nachor in Charan lebt). Die Kommentatoren erklären das damit, dass Nachor auch früher umgezogen sein konnte, und dann hielt die Familie einfach bei Nachor an, so wie viele aus der Provinz in die Hauptstadt ziehen, oder Nachor zog später um. Aus irgendwelchen Gründen schloss sich Nachor zu jenem Zeitpunkt Terach nicht an, aber er zieht später um. Das steht eigentlich zu nichts im Widerspruch.
וַיִּהְיוּ יְמֵי־תֶרַח חָמֵשׁ שָׁנִים וּמָאתַיִם שָׁנָה וַיָּמָת תֶּרַח בְּחָרָן׃ ס
wajihjú jeme-térach chamésch schaním umatájim schaná wajámatDie russische Umschrift weicht hier vom Hebräischen ab (etwa „wajamot“). Diese Wörter folgen im Deutschen der hebräischen Aussprache: „wajihjú“ und „wajámat“. térach becharán
32 Terach lebte zweihundertfünf Jahre und starb in Charan.
Wir sprachen über das chronologische Problem: Es ergibt sich, dass Awram vor dem Tod Terachs auszog. Damit können wir beginnen, unseren Wochenabschnitt zu lesen. Die Ereignisse geschehen entweder in Charan, wohin die Familie schon übersiedelt war, oder dieser Ruf erging schon in Ur-Kasdim, und auf diesen Ruf hin ging Awram, aber er ging nicht sofort, und der Höchste musste ihn, sagen wir mal, anstupsen und sich ein zweites Mal an ihn wenden. Auch darüber gibt es einen Streit, auch im Tanach (es werden ebenfalls zwei verschiedene Meinungen erwähnt). Also:
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־אַבְרָם לֶךְ־לְךָ מֵאַרְצְךָ וּמִמּוֹלַדְתְּךָ וּמִבֵּית אָבִיךָ אֶל־הָאָרֶץ אֲשֶׁר אַרְאֶךָּ׃
wajómer adonáj el-awrám lech-lechá me'arzechá umimmoladtechá umibbét awícha el-ha'árez aschér ar'ékka
1 Und der HERR sprach zu Awram: „Geh für dich aus deiner Gegend, aus dem Haus deines Vaters, von allem, was dir gewohnt ist! du kannst in das Land weggehen, das ich dir zeigen werde
Lech lechá – das ist eine Wortverbindung, die vieler verschiedener Übersetzungen und Auslegungen gewürdigt wurde. Wenn man auf den Pschat schaut, auf den einfachen Sinn: „Geh für dich!“, das heißt, geh und achte auf niemanden und auf nichts. Und die Hauptbotschaft ist: Geh!
Wir haben Angst, etwas zu tun, irgendwohin zu streben, zu versuchen, in etwas Erfolg zu haben, zu versuchen, etwas zu tun. Und viele sagen: „Lehn dich nicht aus dem Fenster! Bleib schön ruhig für dich sitzen!“ Sonst ist das Stolz, Ausdruck irgendwelcher Ambitionen. Der Höchste sagt hier (und mit diesen Worten beginnt die jüdische Geschichte): „Lech lecha (Geh für dich)! Geh für dich aus deiner Gegend, aus dem Haus deines Vaters, von allem, was dir gewohnt ist! Du kannst in das Land weggehen, das ich dir zeigen werde. Geh du, Ich werde dir zeigen, was für dich bestimmt ist. Lech lecha! Geh für dich! Gleich dich nicht an, schau nicht auf alle! Geh! Zieh hinaus!“
Die Kommentatoren streiten: „Na, wozu musste Awram irgendwohin weggehen.“ Auch hier hätte man sagen können: „Gut, du lebst in der Stadt Mogiljow, wozu musst du nach Brasilien fahren, um zu predigen. Predige bei dir in Mogiljow, bei dir in Rio de Janeiro. Und wo du auch lebst, predige dort. Wo man geboren ist, da wird man auch gebraucht. Wozu Awram hin und her schleppen.“ Die Kommentatoren sagen, dass das einem Gefäß mit Wohlgerüchen gleicht, das über die Erde gehen muss, und überall muss von ihm Räucherwerk aufsteigen, von ihm muss ein süßer Duft ausgehen. Außerdem muss der Höchste Awram prüfen, um seinen Lohn zu mehren. Durch ihn werden viele Wunder gewirkt und viele Zeugnisse gegeben werden. Es ist besser, dass Awram umherzieht. Eine Kerze stellt man nicht unter ein Gefäß. Eine Kerze muss leuchten. Das ist ein Teil des Segens. Geh du für dich, aber du wirst Mir Zeuge sein.
וְאֶעֶשְׂךָ לְגוֹי גָּדוֹל וַאֲבָרֶכְךָ וַאֲגַדְּלָה שְׁמֶךָ וֶהְיֵה בְּרָכָה׃
we'e'éscha legój gadól wa'awarechechá wa'agaddelá schemécha wehjé berachá
2 Ich werde dich zu einem großen Volk machen, Ich werde dich segnen, und es wird ein Segen sein.
Wenn wir einen Segen sprechen, sprechen wir vom Anschluss an die Quelle: „Ich werde dich zu einer Quelle des Segens machen, zu einer Quelle des Überflusses. Nicht nur du selbst wirst Überfluss empfangen, sondern auch durch dich wird Überfluss fließen. Du wirst wie ein angeschlossener Schlauch Segnungen über die ganze Welt ausgießen.“ Und dadurch:
וַאֲגַדְּלָה שְׁמֶךָ וֶהְיֵה בְּרָכָה
wa'agaddelá schemécha wehjé berachá
Ich werde deinen Namen groß machen, dich berühmt machen, das heißt, deinen Namen überall bekannt machen, und er wird ein Segen sein.
Manche Kommentatoren sagen, dass hier gemeint ist, dass der Name Awram selbst gesegnet sein wird und jeder Mensch sagen wird: „Gott gebe, dass mein Sohn wie Awram sei.“ Und auch das funktioniert so, aber der Höchste spricht nicht nur davon, sondern davon, dass Awram tatsächlich ein Segen sein wird. Geistlicher und materieller Überfluss wird durch ihn kommen.
וַאֲבָרֲכָה מְבָרְכֶיךָ וּמְקַלֶּלְךָ אָאֹר
wa'awarechá mewarechécha umkallelchá a'ór …
3 Ich werde die segnen, die dich segnen, und die, die dich geringachten, dich verfluchen werden, werden verflucht…
Das Wort Klala (Fluch) bedeutet in diesem Fall das Gewicht nehmen, die Würde nehmen. Das Wort kawod (Würde und Ehre) ist mit der Wurzel kowed (Schwere) verbunden. Und in der russischen Sprache das Wort uwaschenije (Achtung) – waga (Gewicht). Das Wort Klala, dagegen, kommt vom Wort kalil (schwerelos), das heißt wer dich deiner Würde berauben wird, wird verflucht sein.
וְנִבְרְכוּ בְךָ כֹּל מִשְׁפְּחֹת הָאֲדָמָה׃
weniwrechu wecha kol mischpechot ha'adama
… Und durch dich werden alle Familien der Erde gesegnet werden“.
Alle Völker werden durch dich Segen empfangen. Als Vater vieler Völker wirst du ein Segen für alle Völker sein. Eine solche Verheißung gab der Höchste Awram.
Im zweiten Vers sollte man auf den Ausdruck achten: Ich werde dich zu einem großen Volk machen. Das heißt, du bist noch nicht bereit, ein großes Volk zu sein, Ich werde Arbeit in dir verrichten, werde dich durch irgendwelche Prüfungen führen, durch irgendwelche Ereignisse, durch die du zu einem großen Volk wirst.
Als Jaakow nach Ägypten hinabzieht, sagt der Höchste zu ihm: asemecha – Ich werde dich dort zu einem großen Volk setzen. Jaakow ist schon bereit. Über Awram heißt es noch: we'e'escha – Ich werde dich zu einem großen Volk machen. Es wird irgendeine Arbeit geben, es wird irgendeine Verwandlung in Awram geben, die sich erst noch vollziehen wird.
וַיֵּלֶךְ אַבְרָם כַּאֲשֶׁר דִּבֶּר אֵלָיו יְהוָה וַיֵּלֶךְ אִתּוֹ לוֹט וְאַבְרָם בֶּן־חָמֵשׁ שָׁנִים וְשִׁבְעִים שָׁנָה בְּצֵאתוֹ מֵחָרָן׃
wajélech awrám ka'aschér dibbér eláw adonáj wajélech ittó lot we'awrám benchamésch schaním weschiw'ím schaná bezetó mecharán
4 Und Awram ging, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und mit ihm ging Lot. und Awram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Charan auszieht.
Also, Awram, Lot und Saraj ziehen natürlich aus Charan aus. Stellt euch vor, ein Mensch lebt und empfängt eine Offenbarung: „Geh, Ich werde dir sagen, wohin!“ Da geht er aus dem Haus. Wie spürt er, wohin er gehen soll? Wie hat Awram verstanden, in welche Richtung er überhaupt gehen soll? Man kann nach Norden gehen, nach Süden, nach Westen, nach Osten. Wie hat Awram verstanden, dass es gerade nach Kanaan geht? Und die Kommentatoren kehren zu jener Vermutung zurück (über die wir gesprochen haben), dass Awram möglicherweise in Kanaan gewesen war. Andere Kommentatoren sagen, dass Awram durch Ruach haKodesch, das heißt durch den Heiligen Geist, schon spürte, wohin er gehen musste. Wieder andere sagen: „Nun, geografisch gibt es von Charan nach Kanaan nur eine ernsthafte Straße. Deshalb ging Awram mit dem Gedanken, dass der Höchste ihn schon lenkt. Und seine scheinbar zufällige Wahl ist nicht zufällig.“
וַיִּקַּח אַבְרָם אֶת־שָׂרַי אִשְׁתּוֹ וְאֶת־לוֹט בֶּן־אָחִיו וְאֶת־כָּל־רְכוּשָׁם אֲשֶׁר רָכָשׁוּ וְאֶת־הַנֶּפֶשׁ אֲשֶׁר־עָשׂוּ בְחָרָן וַיֵּצְאוּ לָלֶכֶת אַרְצָה כְּנַעַן וַיָּבֹאוּ אַרְצָה כְּנָעַן׃
wajikkách awrám et-saráj ischtó we'et-lót ben-achíw we'et-kol-rechuschám aschér racháschu we'et-hannéfesch ascher-asú wecharán wajezeú laléchet árza kená'an wajawóu árza kená'an
5 Und Awram nahm Saraj, seine Frau, und Lot, seinen Neffen, und den ganzen Besitz, den sie erworben hatten, und die Seelen, die sie in Charan gemacht hatten. Und sie zogen aus, um in das kanaanäische Land zu gehen, und kamen in das kanaanäische Land.
Zu diesem Ausdruck וְאֶת־הַנֶּפֶשׁ אֲשֶׁר־עָשׂוּ בְחָרָן (we'et-hannéfesch ascher-asú wecharán) und die Seelen, die sie in Charan gemacht hatten) gibt es viele verschiedene Kommentare. Manche sagen, dass das die Predigt des Monotheismus ist. Awram hatte schon in Charan so eine kleine Gemeinde von Awramisten zusammengebracht, und zusammen mit ihr zieht er aus. Aber andere Kommentatoren sagen: „Nein, das sind Sklaven und Sklavinnen, Diener. Alles, was sie in Charan gemacht hatten, nahmen sie mit, sowohl den Besitz als auch die Sklaven.“
Lasst uns zu dem zurückkehren, was wir ganz am Anfang gelesen haben. Terach zieht aus, nimmt Awram, Lot, Sara mit sich, und sie ziehen ebenfalls aus Ur-Kasdim aus. Hier steht geschrieben:לָלֶכֶת אַרְצָה כְּנַעַן (laléchet árza kená'an) – in das kanaanäische Land zu gehen. Aber sie kommen nirgendwohin, sie kommen nach Charan. Sie zogen in das Land Kanaan aus, kamen aber nicht an. Und dieses Mal zog Awram aus und kam an. Man kann hier sagen: Na, das ist, weil er auf Gottes Wort hin auszog. Aber nicht nur das. Die Tora teilt uns ja zu irgendeinem Zweck irgendwelche Details mit. Zum Beispiel die Tatsache, dass Awram den Besitz und die Sklaven nahm, Terach aber nichts dergleichen nahm, er zog mit leichtem Gepäck aus. Möglicherweise trieb Terach das Materielle an, Terach hatte nichts mitzunehmen. Awram zog aus und nahm den Besitz, der in Charan gemacht worden war. In Ur-Kasdim hatten sie offenbar nichts gemacht. Awram zog aus einem Zustand irgendeines Wohlergehens aus, aus wirtschaftlichem Wohlstand, denn er hatte irgendeinen Besitz. Deshalb zog er aus und gelangte durch Gottes Segen ans Ziel. Er hatte keine wirtschaftlichen Motive. Es gab kein Motiv, irgendwohin zu gehen, etwas zu verändern und etwas zu verdienen. Es gab nur das Motiv, dem Höchsten zu dienen, alles andere hatte er, er hatte schon sein Auskommen.
וַיַּעֲבֹר אַבְרָם בָּאָרֶץ עַד מְקוֹם שְׁכֶם עַד אֵלוֹן מוֹרֶה וְהַכְּנַעֲנִי אָז בָּאָרֶץ׃
waja'awór awrám ba'árez ad mekóm schechém ad elón moré wehakkena'aní as ba'árez
6 Und Awram zog durch das Land bis zum Ort Sch'chem, bis zur Eiche der Unterweisungen, und die Kanaaniter waren damals im Land.
Was ist der Ort Sch'chem? Möglicherweise der Ort, wo die Stadt Sch'chem ist. Das bedeutet, dass Awram von derselben Seite hereinkam, von der später der Stammvater Jaakow hereinkommen wird. Jaakow wird, wenn er in das Land Israel zurückkehrt, den Weg Awrams wiederholen. Er wird gleich von der Seite Sch'chems hereinkommen, von der Seite Gilads.
Bis zur Eiche der Unterweisungen. Das ist so ein besonderer Ort in der Geschichte. Offenbar war das bei den Heiden so ein Ort der Kraft. Eine Eiche, unter der Orakel sitzen, Wahrsager, und deshalb heißt sie Elon More – Geist der WeisungenIm Russischen steht „Geist der Weisungen“, vermutlich ein Tippfehler für „Eiche der Weisungen“, denn beide Wörter unterscheiden sich dort nur in einem Buchstaben. Der Wortlaut wurde beibehalten.. Und an genau diesen Ort kommt Awram. Und die Kanaaniter waren damals im Land. Das heißt, das Land ist nicht leer, es ist von den Nachkommen Kanaans bewohnt.
Kanaan ist ein Nachkomme Chams. Ein Volk, das mit dem Fluch Noachs verflucht ist. Und hier erfüllt der Höchste Seine Verheißung und offenbart Awram den Punkt seiner Bestimmung.
וַיֵּרָא יְהוָה אֶל־אַבְרָם וַיֹּאמֶר לְזַרְעֲךָ אֶתֵּן אֶת־הָאָרֶץ הַזֹּאת וַיִּבֶן שָׁם מִזְבֵּחַ לַיהוָה הַנִּרְאֶה אֵלָיו׃
wajerá adonáj el-awrám wajómer lesar'achá ettén et-ha'árez hassót wajíwen scham misbéjach ladonáj hannir'é eláw
7 Und der HERR erschien Awram und sprach: „dieses Land da werde Ich deinem Samen zum Erbe geben“. Und Awram baute dort einen Altar für Gott, Der sich ihm offenbart hatte.
Wenn man uns sagt: „Lass dich hier nieder“, was machen die Menschen? Einer pflanzt Kartoffeln, einer beginnt ein Haus zu bauen, einer stellt ein kleines Badehaus auf, einer baut eine Schule. Awram baute als Erstes, als man ihm sagte, wo er leben wird, wo sein Same leben wird, dort einen Altar für den HERRN, der sich ihm offenbart hatte. Und das wird zur Lebensweise Awrams werden, im Grunde zum Leitmotiv seines ganzen Weges.
וַיַּעְתֵּק מִשָּׁם הָהָרָה מִקֶּדֶם לְבֵית־אֵל וַיֵּט אָהֳלֹה בֵּית־אֵל מִיָּם וְהָעַי מִקֶּדֶם וַיִּבֶן־שָׁם מִזְבֵּחַ לַיהוָה וַיִּקְרָא בְּשֵׁם יְהוָה׃
8 Und er zog von dort weiter in Richtung der Berge, östlich von Bejt el, und schlug sein Zelt auf, sodass Bejt el im Westen, von der Seite des Meeres im OstenDer Vers ist im Russischen lückenhaft wiedergegeben: Aj und der Bau des Altars fehlen. Die Übersetzung folgt dem Wortlaut, ohne die Lücken zu füllen., und dort rief er den Namen des HERRN an.
Selbstverständlich heißt dieser Ort noch nicht Bejt El. Bejt El wird ihn später Jaakow nennen. In jenem Moment heißt dieser Ort Lus. Aber Awram geht wieder gleichsam durch die Vorgeschichte. Genauso wie er an den Ort Sch'chem kommt, kommt er nach Bejt El. Uns wird gezeigt, dass Awram schon reist, schon irgendwelche Wegmarken setzt, wo später irgendwelche historischen Ereignisse geschehen werden.
Die Kommentatoren sagen, dass Awram die Probleme vorhersah, die es in Ai geben wird, wenn das Volk in das Land Israel zurückkehren wird, und dafür betete, es dem Volk zu erleichtern, dafür, dass diese Probleme geringer sein würden. Man kann einfach sagen: Awram baut überall Altäre, wo er ist, und wendet sich an den Höchsten.
וַיִּסַּע אַבְרָם הָלוֹךְ וְנָסוֹעַ הַנֶּגְבָּה׃ פ
wajissá awrám halóch wenasóa hannégba
9 Und Awram setzte seine Reise fort.
Awram geht seine Besitzungen ab, besichtigt das Land, das ihm der Höchste gegeben hat. Er sitzt nicht auf der Stelle und bewegt sich weiter nach Süden, in Richtung Negew.
וַיְהִי רָעָב בָּאָרֶץ וַיֵּרֶד אַבְרָם מִצְרַיְמָה לָגוּר שָׁם כִּי־כָבֵד הָרָעָב בָּאָרֶץ׃
wajhí ra'áw ba'árez wajéred awrám mizrájma lagúr scham ki-chawéd hara'áw ba'árez
10 Und es war Hunger im Land, und Awram zog hinab nach Ägypten, um dort eine Weile zu leben, denn schwer war der Hunger im Land geworden.
Also, Awram ging nach Ägypten. Und während er unterwegs ist, sprechen wir mit euch über die Methoden, das Leben der Patriarchen zu studieren. Es gibt einen Ansatz, der sagt, dass die Patriarchen sündlos sind. Wir dürfen bei ihnen niemals Fehler sehen, sie irren nicht, sie sündigen nicht, das ist unmöglich. Ein anderer Ansatz sagt, dass alle Patriarchen auch Menschen sind. Vielleicht besser als wir, gerechter als wir, aber Menschen. Sie machen Fehler, sündigen, können umkehren (Teschuwa tun), und gerade deshalb können wir von ihnen lernen. Ich teile den zweiten Ansatz und werde deshalb Meinungen von Kommentatoren anführen, die Dinge sagen, die gegenüber dem Stammvater Awram nicht sehr schmeichelhaft sind. Natürlich muss man daran denken, wo ich bin und wo er ist, seine Würde wird ihm nicht genommen. Aber wir besprechen seine Taten, sein Leben. Und das ist das Leben eines Menschen.
Kehren wir zu Awram zurück, der nach Ägypten hinabzieht. Es gibt Kommentatoren, die sagen, dass wir aus dieser Tat Awrams (wenn er nach Ägypten hinabzieht) eine Lehre ziehen können: Wenn Hunger ist, wenn es eng wird, können wir das Heilige Land verlassen. Es ist schwer, einen Menschen zu verurteilen, der Hunger durchlebt, besonders wenn er sieht, wie seine Nächsten, seine Kinder, seine geliebten Menschen hungern. Es ist verständlich, dass Hunger, Armut einen Menschen zu verschiedenen Taten treiben kann.
Andere Kommentatoren sagen: „Nein, im Gegenteil. Awram hat gesündigt. Und dass Awram nach Ägypten hinabzog, und die ganze folgende Geschichte, das ist ein großes Problem Awrams, und gerade deswegen wird das Volk später gezwungen sein, in Ägypten zu weilen.“ „Diese sündige Tat Awrams“, erklärt Ramban, „wird dazu führen, dass das ganze Volk gezwungen sein wird, in den Galut zu geraten.“ Und die guten Taten, die Awram tut, zum Beispiel, dass er Gäste aufnimmt, werden dem ganzen Volk zum Verdienst gereichen. Aber auch die Sünden Awrams werden dem Volk zur Anklage sein, das gezwungen sein wird, sie zu berichtigen. Man kann sagen: In Awram sind alle nach Ägypten hinabgezogen. Also, wir lesen weiter die Fortsetzung der Geschichte. Macht euch bereit, jetzt wird es traurig.
וַיְהִי כַּאֲשֶׁר הִקְרִיב לָבוֹא מִצְרָיְמָה וַיֹּאמֶר אֶל־שָׂרַי אִשְׁתּוֹ הִנֵּה־נָא יָדַעְתִּי כִּי אִשָּׁה יְפַת־מַרְאֶה אָתְּ׃
wajhí ka'aschér hikríw lawó mizrájma wajómer el-saráj ischtó hinne-ná jadáti ki ischá jefat-mar'é att
11 Und es geschah, als er sich Ägypten näherte, da sprach er zu Saraj, seiner Frau: „Siehe, ich weiß jetzt, dass du eine Frau von schönem Aussehen bist!
„Siehe, ich weiß jetzt, dass du eine Frau von schönem Aussehen bist!“ Wie viel Spielraum gibt es hier für verschiedene Kommentatoren und Auffassungen. Die einen sagen, dass Awram so bescheiden war, dass er Sara überhaupt nicht ins Gesicht sah und die ganze Zeit die Augen niederschlug. Aber es gibt ein Gesetz, es gibt eine Regel, nach der ein Mensch nicht das Recht hat, eine Frau zu heiraten, ohne ihr Gesicht gesehen zu haben, damit sie ihm nicht unangenehm ist. Andere sagen: „Na, Awram achtete nicht auf andere Frauen (sah nicht hin), und da verglich er plötzlich und sah: ‚Oh, was für eine Schönheit meine Frau ist!‘“ Aber am wahrscheinlichsten ist ein anderes Verständnis. Awram sagt: „Ich weiß, dass du, meine Frau, eine schöne Frau bist. Jetzt, da ich weiß, dass du, meine Frau, eine Schönheit bist, werden wir Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen.“
וְהָיָה כִּי־יִרְאוּ אֹתָךְ הַמִּצְרִים וְאָמְרוּ אִשְׁתּוֹ זֹאת וְהָרְגוּ אֹתִי וְאֹתָךְ יְחַיּוּ׃
wehajá ki-jir'ú otách hammizrím we'amerú ischtó sot weharegú otí we'otách jechajú
12 Und nun, wenn dich die Ägypter sehen und sagen: „Das ist seine Frau! Und sie werden mich TÖTEN, dich aber am Leben lassen.
Jedes Volk hat irgendwelche eigenen sittlichen Prinzipien. Sogar die Heiden haben sie. Die Ägypter, wie die Tora sagt, wie die Überlieferung sagt, achteten die Ehe. Deshalb nein-nein-nein, Gott bewahre, die Frau des Nächsten oder die Frau des Fernen zu nehmen. Eine verheiratete Frau ist sogar dem Pharao verboten. Aber man kann sie leicht zur Witwe machen. Man kann ihren Mann töten, dann wird sie frei sein, und man wird sie heiraten können. Das heißt, die Werte der Ehe behandelten sie mit Achtung, die Werte des Lebens aber mit weniger Achtung. Und Awram sagt: „Hier werden sie mich töten, damit du aufhörst, meine Frau zu sein, und meine Witwe wirst, und dann werden sie dich wegnehmen.“
אִמְרִי־נָא אֲחֹתִי אָתְּ לְמַעַן יִיטַב־לִי בַעֲבוּרֵךְ וְחָיְתָה נַפְשִׁי בִּגְלָלֵךְ׃
imri-ná achóti att lemá'an jitaw-lí wa'awuréch wechajetá nafschí biglaléch
13 Sag doch, dass du meine Schwester bist, damit es mir um deinetwillen gut geht, und meine Seele wird am Leben sein dank dir.“
Hier gehen die Kommentatoren wieder in ihren Meinungen auseinander. Rabbi Lewi Ben Gerschom sagt: „Da kann man nichts machen, ein weiser Mensch darf sich nicht von Sentimentalitäten leiten lassen. Natürlich tut es einem leid um Sara, dass sie am Hof des Pharao landen kann. Und es scheint nicht gut, unethisch, die Frau so herzugeben. Aber so handelt ein weiser Mensch. Es gibt Zeiten, da ist einem nicht nach Berechnungen, nicht nach Ethik und nicht nach schönem Benehmen. Man muss einfach die eigene Haut retten.“ „Wer ist wichtig? Awram ist wichtig. Er ist der Stammvater, in ihm werden sie gesegnet werden. Und Saraj? Na, da kann man nichts machen. Schade natürlich um die kleine Sara, aber so ist ihr Los als Frau.“
Ramban sagt wieder: „Mit einer großen Sünde hat unser Stammvater Awraham gesündigt. So macht man das nicht. Und deswegen wird das Volk in Sklaverei sein. So geht man nicht mit Frauen um. Er hätte sich auf den Höchsten verlassen müssen, dass der Höchste ihn erretten wird.“
Andere Kommentatoren sagen: „Awram ist einfach in Panik und trifft eine falsche Entscheidung, er schätzt die Situation falsch ein.“
Chiskuni meint, Awrams Fehler bestand darin, dass er Sara bat: „Sag, dass du meine Schwester bist und eine verheiratete Frau, du hast einen Mann, aber der ist irgendwo dort, weit weg in Kanaan, ihn kann man nicht töten.“ Das ist es, was Awram wollte. So sagt Chiskuni, und so erklärt er diese Situation. Das ist natürlich eine sehr schöne Erklärung, die vieles an seinen Platz rückt. Awram wollte es, aber er hat sich verrechnet.
Noch ein Kommentar spricht über Awrams Fehlkalkulation, dass jener damit rechnete: Er ist der Bruder und wird endlos um den Brautpreis feilschen, um irgendeine Summe, die er für Saraj bekommen will. Er wird die Verhandlungen in die Länge ziehen, und bis dahin wird auch der Hunger in Israel zu Ende sein, und man wird in Ruhe fliehen können.
All diese Erklärungen entstehen, weil wir Awram irgendwie rechtfertigen wollen. Es sitzt eben innen der Wunsch zu sagen: Na, Awram wird doch wohl würdig handeln.
Es gibt Kommentatoren, die Vergleiche mit Königin Ester oder mit Ja'el anführen, die sich ebenfalls mit Heiden einließen, um das Volk Israel zu retten. Diese Kommentatoren sagen, dass es Ja'el und Ester doch erlaubt ist, um Israel zu retten, wir beschuldigen sie nicht. Wir beschuldigen Ester nicht dafür, dass sie mit Achaschwerosch war, und Ja'el nicht dafür, dass sie mit Sisra war. Und genauso darf man Sara nicht beschuldigen, denn Awram ist zu jenem Zeitpunkt kol Jisrael, das heißt, ganz Israel ist in Awram konzentriert. Gibt es Awram nicht, wird es später auch Israel nicht geben.
Es gibt Kommentatoren, die versuchen, das Geschehen mithilfe von Mystik und Magie zu erklären. So erzählt man über Ester, dass sie ihren bösen Trieb absondern und aus ihm eine eigenartige Doppelgängerin machen konnte. Diese Doppelgängerin der Königin Ester, ihre genaue Kopie, eine Teufelin in ihrer Gestalt, ging zu Achaschwerosch und schlief mit ihm. Und nicht, Gott bewahre, Königin Ester, dieser Version zufolge. Und eine ähnliche Geschichte geschah mit Ja'el. Und auch mit Sara, sagt man, geschah etwas Ähnliches. In Wirklichkeit hat Awram nach dieser Version nicht Sara hergegeben, sondern so eine Doppelgängerin haben sie dem Pharao untergeschoben. Diese Version existiert. Ich kann sie erwähnen. Zustimmen kann ich ihr leider nicht, weil sie für mich nicht sehr in die Schrift passt.
Und Kommentator um Kommentator, jeder vom Standpunkt seiner Ethik aus, aus seinen Ansichten heraus – alle versuchen, Awram zu rechtfertigen. Wer rechtfertigt Awram nicht? Zum Beispiel der schon erwähnte Ramban. Ebenso Abarbanel, ein mittelalterlicher Kommentator, der zur Zeit der Vertreibung der Juden aus Spanien lebte. Er war Finanzminister am Hof der Königin. Er schrieb: „Awram handelte so, wie edle Männer nicht handeln. Das ist eine unedle Tat Awrams.“ Na, was kann ich sagen? Ich stimme im Großen und Ganzen Abarbanel und Ramban zu, aber jeder ist natürlich frei, sich hier seine Position zu wählen.
וַיְהִי כְּבוֹא אַבְרָם מִצְרָיְמָה וַיִּרְאוּ הַמִּצְרִים אֶת־הָאִשָּׁה כִּי־יָפָה הִוא מְאֹד׃
wajhí kewó awrám mizrájma wajir'ú hammizrím et-ha'ischá ki-jafá hi me'ód
14 Und es geschah, als Awram nach Ägypten kam, da sahen die Ägypter die Frau, dass sie sehr schön ist.
וַיִּרְאוּ אֹתָהּ שָׂרֵי פַרְעֹה וַיְהַלְלוּ אֹתָהּ אֶל־פַּרְעֹה וַתֻּקַּח הָאִשָּׁה בֵּית פַּרְעֹה׃
wajir'ú otá saré par'ó wajhalelú otá el-par'ó wattukkách ha'ischá bet par'ó
15 Und die Würdenträger des Pharao sahen sie, und sie erzählten in allen Einzelheiten, priesen sie vor dem Pharao, und diese Frau wurde in das Haus des Pharao genommen.
Beachtet, dass hier der Name Saraj nicht erwähnt wird (man nennt sie die Frau, diese Frau, diese Frau…). Höchstwahrscheinlich, weil die Erzählung gleichsam mit den Augen der Ägypter erfolgt. Sie sahen, sie nahmen… Möglicherweise auch, weil die Tora uns zeigen will, dass Saraj selbst als Mensch daran keinerlei Anteil nimmt. Absolut willenlos, sie zeigt nichts, beweist nichts, prunkt mit nichts. Alles geschieht von selbst, und für alle ist sie einfach eine Frau.
וּלְאַבְרָם הֵיטִיב בַּעֲבוּרָהּ וַיְהִי־לוֹ צֹאן־וּבָקָר וַחֲמֹרִים וַעֲבָדִים וּשְׁפָחֹת וַאֲתֹנֹת וּגְמַלִּים׃
ul'awrám hetíw ba'awurá wajhi-ló zon-uwakár wachamorím wa'awadímDer russischen Umschrift fehlt hier ein Vokal. Geschrieben ist nach dem Hebräischen „wa'awadím“ (und Knechte). uschfachót wa'atonót ugmallím
16 Und dem Awram tat er Gutes für sie: und er hatte Kleinvieh und Großvieh und Esel, und Sklaven, und Sklavinnen, und Eselinnen, und Kamele.
Wenn man annimmt, dass Awram vorhatte, lange zu feilschen, dann hat der Pharao ihm offenbar ein Angebot gemacht, das man schwer ablehnen kann, und irgendeine unbestreitbar große Summe gezahlt. Und wenn Awram damit rechnete zu sagen, dass Sara irgendwo einen Mann hat, dann hat man ihn offenbar nicht richtig verstanden. Oder es gab bei Awram keine solche Absicht. Und Awram als Bruder kann seine Schwester verheiraten. Und wenn ein Bruder die Schwester verheiratet, bekommt er für sie auch den Brautpreis (das Geld, das für die Braut fällig ist, Brautpreis oder Kalym, wie man es auch nennt).
Der Pharao zahlte sehr teuer, um, nach seinem Verständnis, diese Frau ehrlich zu sich zu nehmen. Was geschieht aus der Sicht des Pharao? Nach Ägypten ist eine schöne Frau gekommen, ihr Bruder verheiratet sie. Der Pharao hat dem Bruder großzügig gezahlt.
וַיְנַגַּע יְהוָה אֶת־פַּרְעֹה נְגָעִים גְּדֹלִים וְאֶת־בֵּיתוֹ עַל־דְּבַר שָׂרַי אֵשֶׁת אַבְרָם׃
wajnaggá adonáj et-par'o nega'ím gedolím we'et-betó al-dewár saráj éschet awrám
17 Und der Höchste plagte den Pharao mit großen Plagen, und sein Haus, wegen Saraj, der Frau Awrams.
Das kann man verstehen als wegen Saraj, der Frau Awrams. Man kann es aber auch so verstehen: wegen der Worte, wegen irgendeiner Rede Sarajs, der Frau Awrams. Das heißt, Saraj betete, und der Pharao wurde mit Plagen geschlagen. Die dritte Variante des Verständnisses: auf das Wort Sarajs, der Frau Awrams. Das heißt, sie warnte den Pharao: „Dir wird das und das und das geschehen …“. Deshalb verstand der Pharao, als es geschah, dass es wegen Saraj war.
וַיִּקְרָא פַרְעֹה לְאַבְרָם וַיֹּאמֶר מַה־זֹּאת עָשִׂיתָ לִּי לָמָּה לֹא־הִגַּדְתָּ לִּי כִּי אִשְׁתְּךָ הִוא׃
wajikrá far'ó le'awrám wajómer ma-sót assíta li lámma lo-higgádta li ki ischtechá hi
18 Und der Pharao rief Awram und sprach zu ihm: „Was hast du mir da angetan? Warum hast du mir nicht gesagt, dass sie deine Frau ist?
So oder so, wir sehen, der Pharao erriet, wofür ihm diese Strafe galt. Möglicherweise, weil Sara ihn gewarnt hatte. Vielleicht hat er sich mit seinen Priestern beraten. Sie verstanden manchmal auch einiges. Vielleicht hat er irgendeine Offenbarung empfangen, oder seine Intuition war entwickelt. So oder so, er erriet es. Sogar für den Pharao ist das schrecklich und furchtbar: nicht zu sagen, dass das deine Frau ist. „Wie konntest du so handeln?“ – macht der Pharao Awram Vorwürfe. Und Awram hat hier offenbar nichts zu antworten. Später wird er einem anderen Menschen antworten. Dem Pharao aber antwortet Awram nichts.
לָמָה אָמַרְתָּ אֲחֹתִי הִוא וָאֶקַּח אֹתָהּ לִי לְאִשָּׁה וְעַתָּה הִנֵּה אִשְׁתְּךָ קַח וָלֵךְ׃
lamá amárta achóti hi wa'ekkách otá li le'ischá we'attá hinné ischtechá kach waléch
19 Warum hast du gesagt: ‚Sie ist meine Schwester‘? ich habe sie mir zur Frau genommen! Jetzt aber, siehe, deine Frau, nimm und geh!“
Die Kommentatoren halten hier inne und beginnen mit Entsetzen zu kommentieren: „Nahm sie sich zur Frau… bedeutet nicht, er ging ein zu ihr. Das bedeutet nicht, dass er sie berührt hat, sondern bedeutet, dass er sie sich nur zur Frau genommen hat und vorhatte, zu ihr einzugehen.“ Und hier kann man das irgendwie begründen, denn ein solcher Ausdruck kann tatsächlich bedeuten: hatte nur vor, sie zur Frau zu nehmen.
Und außerdem heißt es, dass Gott all diese Plagen und Schläge dazu machte, dass der Pharao Sara nicht berührte. Aber wenn man den einfachen Text liest, kann man sehen, dass der Pharao sie als Frau nahm.
Alles beginnt mit lech lecha (geh für dich), und in der Fortsetzung kann dann dieses hier erklingen: kach waléch (nimm und geh). Der Pharao spricht zu Awram mit Verachtung. Ihm ist völlig unverständlich, wie man so handeln kann.
וַיְצַו עָלָיו פַּרְעֹה אֲנָשִׁים וַיְשַׁלְּחוּ אֹתוֹ וְאֶת־אִשְׁתּוֹ וְאֶת־כָּל־אֲשֶׁר־לוֹ׃
wajzáw aláw par'ó anaschím wajschallechú otó we'et-ischtó we'et-kol-ascher-ló
20 Und der Pharao stellte Leute zu ihm, und sie geleiteten sie …
Das Verb wajschallechú kann man verstehen als schickten weg, geleiteten, und man kann es verstehen als jagten fort, warfen hinaus. Man kann es sanft verstehen, man kann es grob verstehen. Hier sieht man, dass der Pharao schon nicht mehr sagt: „Geh für dich!“ Awram geht hier nicht selbst, man geleitet ihn oder, gröber, man schafft ihn aus Ägypten fort.
Ich bin sicher, dass bei jedem, der diese Geschichte über Awram liest, eigene Gedanken entstehen, und sie können nicht gleich sein. Unsere Haltung zu Awram und seiner Tat kann auch nicht gleich sein. Ich liebe die Geschichte über Vater Awram sehr, und es fällt mir sehr schwer, diese Tat anzunehmen. Aber jeder hat seine eigene Haltung. Wenn ich ein wenig Holz in das kleine Feuer eures Denkens geworfen habe, dann ist das wunderbar.
Wir lesen davon, wie Awram aus Ägypten in das Land Israel zurückkehrt.
וַיַּעַל אַבְרָם מִמִּצְרַיִם
wajá'al awrám mimmizrájim...
1 Und Awram zog hinauf aus Ägypten …
Immer, wenn es um die Rückkehr in das Land geht, um den Umzug in das Land Israel, sagen wir: „Und er zog hinauf…“ Innerhalb Israels, wenn wir von der Ankunft in Jerusalem sprechen, sagen wir: „Er zog hinauf.“ In Jerusalem, wenn wir vom Tempel sprechen, sagen wir: „Er zog hinauf.“ So sagt man auch: „Zwei zogen hinauf in den Tempel.“ In den Tempel zieht man hinauf. Gemeint ist nicht nur die Geografie des Aufstiegs, es geht nicht nur auf einen Berg, es ist im geistlichen Sinn gemeint. Also, Awram zog hinauf aus Ägypten.
הוּא וְאִשְׁתּוֹ וְכָל־אֲשֶׁר־לוֹ וְלוֹט עִמּוֹ הַנֶּגְבָּה׃…
hu we'ischtó wechol-ascher-ló welót immó hannegbá
… er und seine Frau und alles, was er hat, und Lot mit ihm in den Negev.
Natürlich, wenn ein Mensch aus Ägypten in das Land Israel geht, kommt er zuerst durch den Negev. Beachtet die Wortfolge im Satz: zuerst Awram, dann der Besitz, dann Lot. In Bereschit (12,5) haben wir gelesen:
…und Awram nahm Saraj, seine Frau, und Lot, den Sohn seines Bruders, und den ganzen Besitz, den sie erworben hatten.
Lot wird in diesem Fall auf der Seite von Awram und Saraj aufgezählt, vor dem Besitz. Und in dem Vers, den wir gerade gelesen haben, trennt der Besitz Awram und Lot. Und Besitz hat Awram nicht wenig.
וְאַבְרָם כָּבֵד מְאֹד בַּמִּקְנֶה בַּכֶּסֶף וּבַזָּהָב׃
we'awrám kawéd me'ód bammikné bakkéssef uwassaháw
2 Awram ist sehr schwer, er hat sehr viel Vieh, Silber und Gold.
Das Wortכָּבֵד (kawéd) – schwer. Awram hat sehr viel Vieh (hier wird ein allgemeines Wort sowohl für Kleinvieh als auch für Großvieh verwendet), Silber und Gold. Awram ist reich sowohl an Besitz als auch an Edelmetallen.
וַיֵּלֶךְ לְמַסָּעָיו מִנֶּגֶב וְעַד־בֵּית־אֵל עַד־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר־הָיָה שָׁם אָהֳלֹה (אָהֳלוֹ) בַּתְּחִלָּה בֵּין בֵּית־אֵל וּבֵין הָעָי׃
wajélech lemassa'áw minnégew we'ad-bet-él ad-hammakóm ascher-haja scham aholo battechillá ben bet-él uwén ha'aj
3 Und er zog auf seiner Reise vom Negev bis Bejtel, bis zu dem Ort, wo von Anfang an sein Zelt war, zwischen Bejt El und Aj.
Wir erinnern uns, dass Awram sein Zelt (wir haben darüber im letzten Kapitel gelesen) zwischen Bejt El und Aj aufgeschlagen hatte. Und Awram kehrt eben dorthin zurück, an den Ort, wo er den Altar gebaut hatte, wo er dem Höchsten Opfer dargebracht hatte.
אֶל־מְקוֹם הַמִּזְבֵּחַ אֲשֶׁר־עָשָׂה שָׁם בָּרִאשֹׁנָה וַיִּקְרָא שָׁם אַבְרָם בְּשֵׁם יְהוָה׃
el-mekóm hammisbéach ascher-ássa scham barischoná wajikrá scham awrám beschém adonáj
4 Zum Ort des Altars, den er dort von Anfang an gebaut hatte. Und Awram rief dort den Namen des HERRN an.
Das heißt, Awram kehrt aus Ägypten zurück. Er kehrt wohlbehalten zurück. Er hat den Hunger wohlbehalten überstanden, Ägypten wohlbehalten überstanden. Und das Erste, was er tut, ist: Er kehrt zu dem Ort zurück, wo er gewesen war, zum Ort der Anbetung des Höchsten. Er schlägt dort das Zelt auf und ruft wieder den Namen des Höchsten an.
וְגַם־לְלוֹט הַהֹלֵךְ אֶת־אַבְרָם הָיָה צֹאן־וּבָקָר וְאֹהָלִים׃
wegam-lelót haholéch et-awrám hajá zon-uwakár we'ohalím
5 Und auch Lot, der mit Awram geht, hatte Kleinvieh und Großvieh und Zelte.
Höchstwahrscheinlich, als Awram in Ägypten war, kann man annehmen, dass Lot ja auch ein Verwandter Saras ist, auch ihm hat man etwas geschenkt. Auch er hat Besitz. Er kehrt aus Ägypten nicht mit leeren Händen zurück. Aber das, was er hat, ist nicht vergleichbar mit dem, was Awram hat. Er hat Kleinvieh und Großvieh und Zelte.
Warum zählt die Tora hier Zelte auf? Seit wann sind denn Zelte Besitz geworden? Das ist doch keine Immobilie oder so etwas, die man zählen kann. Na, Zelte sind halt Zelte. Alle haben Zelte. Weil, wenn wir sehen, dass Awram ein Zelt als Ort der Anbetung des Höchsten aufschlägt, für ihn ist das Zelt potenziell ein Tempel, ein Ort des Dienstes für den Höchsten, dann ist für Lot das Zelt ein Teil des Besitzes. Und auch darin zeigt sich der Unterschied zwischen Lot und Awram.
Awram ist erstens viel reicher als Lot, denn Lot hat weder Silber noch Gold. Zweitens hat Lot (von der Tora fein bemerkt) eine Haltung zum Besitz. Und die Zelte sind nur ein Einzelfall davon, nur ein gutes Beispiel.
Und noch ein wichtiger Unterschied: Wir sehen nirgends, dass Lot irgendwelche Opfer dargebracht oder irgendwelche Gebete zum Höchsten emporgesandt hätte.
Also, wie man in der heutigen Sprache sagen würde, eine große chamúla, ein großer Clan, eine große Nomadenfamilie kehrt aus Ägypten in das Land Israel zurück.
וְלֹא־נָשָׂא אֹתָם הָאָרֶץ לָשֶׁבֶת יַחְדָּו כִּי־הָיָה רְכוּשָׁם רָב וְלֹא יָכְלוּ לָשֶׁבֶת יַחְדָּו׃
welo-nassá otám ha'árez laschéwet jachdáw ki-hajá rechuschám raw weló jachelú laschéwet jachdáw
6 Und das Land konnte sie nicht tragen, wenn sie zusammen sind, denn sie hatten viel Besitz, und sie konnten nicht zusammen sesshaft leben.
Das Land konnte sie nicht tragen, weil sie viel Besitz hatten. Das Land ist nicht unbewohnt, das Land ist besiedelt, und Platz für Weiden gibt es nicht gerade viel. Außerdem sind diese Orte keine Auwiesen, wo man das Vieh ruhig hinaustreiben und weiden lassen könnte. Diese Orte sind manchmal schwer zugänglich. Tatsächlich ist es für zwei große Clans mit großen Herden schwer, auf einem kleinen Gebiet zurechtzukommen.
וַיְהִי־רִיב בֵּין רֹעֵי מִקְנֵה־אַבְרָם וּבֵין רֹעֵי מִקְנֵה־לוֹט וְהַכְּנַעֲנִי וְהַפְּרִזִּי אָז יֹשֵׁב בָּאָרֶץ׃
wajhi-ríw ben ro'é mikne-awrám uwén ro'é mikne-lot wehakkena'aní wehapperisí as joschew ba'árez
7 Und es gab Streit zwischen den Hirten des Viehs Awrams und den Hirten des Viehs Lots, und die Kanaaniter und die Perisiter wohnten damals im Land.
Wozu dieser Zusatz? Die Kommentatoren und die Midraschim sagen, dass Lot sein Vieh weidete und unabsichtlich auf die Felder der Kanaaniter und Perisiter geriet. Wenn Awram das Vieh hinausführte, ging das Vieh mit solchen Maulkörben, um nicht von fremden Feldern zu fressen oder nicht auf fremden Feldern zu weiden. Wenn die Kanaaniter, die Perisiter sagten: „Was macht ihr da? Das ist unser Land!“, antwortete Lot: „Uns aber hat der Höchste versprochen, dass das alles unser Land sein wird.“ Und, wie der Midrasch sagt, griff der Höchste ein und sprach: „Das wird es, wenn ich diese Völker vertreibe. Doch solange es nicht so ist, musst du mit ihnen in guter Nachbarschaft leben, Lot.“ Das ist es, was Lot nicht verstand. Es gibt eine solche Auslegung.
Eine einfachere Auslegung, näher am einfachen Sinn der Tora, besteht darin, dass jenes Land von den Kanaanitern und Perisitern besiedelt war und es deswegen keine Weiden gab.
וַיֹּאמֶר אַבְרָם אֶל־לוֹט אַל־נָא תְהִי מְרִיבָה בֵּינִי וּבֵינֶיךָ וּבֵין רֹעַי וּבֵין רֹעֶיךָ כִּי־אֲנָשִׁים אַחִים אֲנָחְנוּ׃
wajomer awrám el-lót al-ná tehí meriwá bení uwenécha uwén ro'áj uwén ro'écha ki'anaschím achím anáchnu
8 Und Awram sprach zu Lot: „Es soll kein Zwist zwischen uns sein, zwischen mir und zwischen dir, zwischen meinen Hirten und zwischen deinen Hirten, denn wir sind Brüder.
אַל־נָא תְהִי מְרִיבָה (al-ná tehí meriwá) – … es soll keine Konfrontation sein …, מַחֲלוֹקֶת (riw) – das ist ein Streit, מְרִיבָה (meriwa) – das ist etwas, das sich lange hinzieht, irgendein Zank, der über Generationen zu einer Trennung wird.
Wieder sagen einige Kommentatoren, dass Awram sagte: „Wir gleichen uns wie zwei Wassertropfen, und die Hirten verwechseln uns, darum trennen wir uns.“ Aber nirgends ist von einem solchen Wunder die Rede. Lot ist einfach Awrams Neffe.
Awram sagt hier: „Wir sind doch Brüder, lass uns brüderlich teilen.“
Warum sollten sie nicht, statt von Zank und Streit zu reden, sich am Abend zusammensetzen, die Hirten rufen, mit ihnen Aufklärungsarbeit leisten und ihnen erklären, dass man nicht zanken muss. Oder diese Hirten entlassen und andere nehmen. Und die Antwort liegt wahrscheinlich vor allem in Awrams Worten zwischen mir und dir. Dieser Streit ist vor allem zwischen mir und dir, und erst dann zwischen den Hirten. Gerade Lot und Awram haben unterschiedliche Ansichten über das Leben, unterschiedliche Ansichten über den Besitz. Das schlägt sich nur in den Beziehungen zwischen den Hirten nieder, Awram sieht das und sagt genau so: „…zwischen mir und zwischen dir, zwischen meinen Hirten und zwischen deinen Hirten“. Hier kommt man mit der Entlassung der Hirten nicht davon, hier ist das Problem ideologisch.
Und Awram gibt hier nach und sagt:
הֲלֹא כָל־הָאָרֶץ לְפָנֶיךָ הִפָּרֶד נָא מֵעָלָי אִם־הַשְּׂמֹאל וְאֵימִנָה וְאִם־הַיָּמִין וְאַשְׂמְאִילָה׃
haló chol-ha'árez lefanécha hippáred na me'aláj im-hassemól we'emína we'im-hajamín we'asme'íla
9 Siehe, das ganze Land liegt vor dir, trenne dich von mir: und wenn du nach links gehst (wenn du nach Norden gehst), gehe ich nach rechts, und wenn du nach rechts gehst, gehe ich nach links.“
Das heißt, sie trennten sich. Hier kann man wahrscheinlich eine kleine Erklärung zum alten System der Orientierung im Raum geben. Der Mensch orientierte sich einst nach den Stellungen des Körpers: kedem – das ist Osten, vorwärts; achor – das ist Westen, rückwärts; smol – links, Norden; tejman – rechts, Süden.
Das Volk ist nomadisch, und es muss umherziehen. Zwei Familien müssen auf irgendeine Weise umherziehen, aber doch im Takt. Und Awram sagt: „Du nach links, ich nach rechts. Du nach rechts, ich nach links. Du nach Norden, ich nach Süden. Du nach Süden, ich nach Norden.“
Awram schlägt vor, das heilige Land zu teilen. Er denkt, wenn schon die Verheißung des Höchsten lautete: „Dir und deinem Samen werde Ich dieses Land geben“, Lot ist beinahe wie Same, er ist der Neffe, und einigen Versionen zufolge, die gar nicht so weit von der möglichen Wahrheit entfernt sind: Lot wurde von Sara und Awram adoptiert, gerade aus diesem Grund geht er mit ihnen.
Lot wählt, wie wir sehen, aus zwei Varianten eine dritte Variante.
וַיִּשָּׂא־לוֹט אֶת־עֵינָיו וַיַּרְא אֶת־כָּל־כִּכַּר הַיַּרְדֵּן כִּי כֻלָּהּ מַשְׁקֶה לִפְנֵי שַׁחֵת יְהוָה אֶת־סְדֹם וְאֶת־עֲמֹרָה כְּגַן־יְהוָה כְּאֶרֶץ מִצְרַיִם בֹּאֲכָה צֹעַר׃
wajissa-lót et-enáw wajár et-kol-kikkár hajardén ki chullá maschké lifné schachét adonáj et-sedóm we'ét-amorá kegan-adonáj ke'érez mizrájim bo'achá zó'ar
10 Und Lot erhob seine Augen und sah die ganze Umgebung des Jordan, dass sie ganz vortrefflich bewässert ist, denn das geschah, bevor der Höchste Sedom und Amora vernichtete, wie der Garten des HERRN, wie das Land Mizrajim, bis Zoar.
Die Tora macht diese Bemerkung, weil der Leser der Tora zur Zeit der Gabe der Tora weiß, wie alles in jenen Gegenden aussieht. Und die Tora erinnert daran, dass es sich ja noch vor der Zerstörung von Sedom und Amora zutrug, von denen die Tora uns noch nicht einmal erzählt hat. Und in jenen Zeiten war es ein blühendes grünes Land. Und dieser Lot, der seine Augen aufgesperrt hat, sieht dieses Land, und es erscheint ihm: wie der Garten des HERRN (für Lot ist das teilweise Mythologie) bis ganz nach Zoar.
Lot sah ein riesiges Gebiet mit hervorragender Wasserversorgung, hervorragend für Vieh und für Ackerbau. Aber beachtet, Lot vergleicht es mit Ägypten, in dem er gerade gewesen war. Wenn für Awram der Besuch in Ägypten etwas Traumatisches ist, das war keine wunderbare touristische Reise. Dann hat Lot Nostalgie nach Ägypten: „Da ist es, das Land, das wie Ägypten ist“, und deshalb wählt Lot, dorthin zu ziehen. Hier ist das Motiv seiner Tat – ich will nach Ägypten oder jedenfalls, ich will leben wie in Ägypten.
וַיִּבְחַר־לוֹ לוֹט אֵת כָּל־כִּכַּר הַיַּרְדֵּן וַיִּסַּע לוֹט מִקֶּדֶם וַיִּפָּרְדוּ אִישׁ מֵעַל אָחִיו׃
wajiwchar-ló lot et kol-kikkár hajarden wajissá lot mikkédem wajipparedú isch me'ál achíw
11 Und Lot wählte sich die ganze Jordangegend, und Lot ging von Osten; und sie trennten sich, Bruder von Bruder.
Eine interessante Bemerkung kann man hier sehen. Die Tora beschreibt: „Und Lot ging von Osten…“ Aber wenn man es geografisch betrachtet, dann nein, nicht von Osten ging er. Er musste tatsächlich nach Osten gehen, um dort zu landen, wo er landete. Was bedeutet also mikkédem? Lot ging von seiner Vergangenheit weg, von dem, was kodem war – von dem, was früher war.
Aber hier machen wir noch einen Exkurs und sprechen über die Orientierung in der Zeit. Das, was kodem war – was vorne ist, das ist das, was schon war. Das, was der Mensch vor sich sieht, das, was ihm bevorsteht, das wird acharej sein – das, was hinten ist. So steht der Mensch mit dem Gesicht zu seiner Vergangenheit und mit dem Rücken zu seiner Zukunft. Vorne die Vergangenheit und hinten die Zukunft, weil der Mensch es so sieht. Und das ist die Orientierung, die in der Tora angeführt wird. An dieser konkreten Stelle kann man es so verstehen.
Lot ging weg, brach mit seiner Vergangenheit. Und da trennten sich die Brüder. Isch – ein Mensch trennte sich von seinem Bruder. Awram aber blieb dort wohnen, wo er wohnte.
אַבְרָם יָשַׁב בְּאֶרֶץ־כְּנָעַן וְלוֹט יָשַׁב בְּעָרֵי הַכִּכָּר וַיֶּאֱהַל עַד־סְדֹם׃
awrám jascháw be'erez-kena'án welót jascháw be'aré hakkikkár waje'ehál ad-sedóm
12 Awram wohnt im Land Kanaan, Lot aber wohnt in den Städten der Jordangegend, und seine Zelte bis Sedom.
Das heißt, Lot zog allmählich umher, zog umher, bewegte sich durch diese Jordangegend, bis er nach Sedom kam. Das war ein Prozess. Zuerst geht Lot von seinem Bruder Awram weg, geht von der Vergangenheit weg, und ganz allmählich, Schritt für Schritt, zieht er umher, bis er in Sedom ankommt.
וְאַנְשֵׁי סְדֹם רָעִים וְחַטָּאִים לַיהוָה מְאֹד׃
we'ansché sedóm ra'ím wechatta'ím ladonáj me'ód
13 Die Leute von Sedom aber sind böse und sündigen sehr gegen den HERRN.
Wir werden auf diese Frage noch zurückkommen. Lot ging von Awram weg, von dem, der den HERRN verkündete, und „zeltete sich hin“, zog umher bis zu den Leuten, die böse sind und gegen den HERRN sündigen.
In diesem Moment offenbart sich der HERR dem Awram und sagt ihm wieder:
וַיהוָה אָמַר אֶל־אַבְרָם אַחֲרֵי הִפָּרֶד־לוֹט מֵעִמּוֹ
wadonáj amár el-awrám acharé hippared-lót me'immó
14 Der HERR aber sprach zu Awram, nachdem Lot sich von ihm getrennt hatte:
Manche Kommentatoren sagen hier Folgendes: „Solange Awram in Ägypten war und solange dieser Lot (als er schon unrein geworden war, an den Besitz gebunden) im Lager Awrams war, redete der Höchste nicht mit ihm. Als Lot sich trennte, da wendet sich der Höchste wieder an ihn. Deshalb sagt die Tora hier: nachdem sich Lot von ihm getrennt hatte.“
Andere Kommentatoren sagen, dass Awram vielleicht hoffte, dass durch Lot sein Same das Land erben werde, und deshalb sehr betrübt war, als Lot sich trennte, oder er dachte: „Wenn ich Lot nicht ordentlich erziehen konnte, wie werde ich dann meine Kinder erziehen …“
So oder so, Awram brauchte Trost. Und der Höchste kommt, um Awram zu trösten.
שָׂא נָא עֵינֶיךָ וּרְאֵה מִן־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר־אַתָּה שָׁם צָפֹנָה וָנֶגְבָּה וָקֵדְמָה וָיָמָּה׃
sa-ná enécha ur'é min-hammakóm ascher-attá scham zafóna wanégba wakédma wajámma
„Heb deine Augen auf und sieh von dem Ort, wo du dich befindest, nach Norden und nach Süden, nach Osten und nach Westen.
Auch du, heb deine Augen auf, wie Lot seine Augen aufhob, und sieh von dem Ort, wo du dich befindest, nach Norden und nach Süden, nach Osten und nach Westen.
כִּי אֶת־כָּל־הָאָרֶץ אֲשֶׁר־אַתָּה רֹאֶה לְךָ אֶתְּנֶנָּה וּלְזַרְעֲךָ עַד־עוֹלָם׃
ki et-kol-ha'árez ascher-attá ro'é lechá ettenénna ulsar'achá ad-olám
15 Denn das ganze Land, das du siehst, dir werde Ich es geben und deinem Samen auf ewig.
Das ist auch die Antwort auf Awrams so kühnes Angebot an Lot, das Land zu teilen. Er hätte ja auf diese Weise ohne Jerusalem bleiben können, wenn Lot, Gott bewahre, das Stück mit Jerusalem genommen hätte.
וְשַׂמְתִּי אֶת־זַרְעֲךָ כַּעֲפַר הָאָרֶץ אֲשֶׁר אִם־יוּכַל אִישׁ לִמְנוֹת אֶת־עֲפַר הָאָרֶץ גַּם־זַרְעֲךָ יִמָּנֶה׃
wesamtí et-sar'achá ka'afár ha'árez aschér im-juchál isch limnót et-afár ha'árez gam-sar'achá jimmané
16 Und Ich werde deinen Samen mehren wie den Staub der Erde; wenn ein Mensch den Staub der Erde zählen kann, so wird auch dein Same gezählt werden.
Wenn du fürchtest, dass du ohne Samen bleibst, weil Lot weggegangen ist, dann wisse, dass Ich dir eine Verheißung gebe: Dein Same wird sein wie der Staub der Erde. Niemand wird deine Nachkommen zählen können. Eine solche Verheißung gibt der Höchste dem Awram.
Manche Kommentatoren und Ausleger wundern sich, warum ein solcher Vergleich – der Staub der Erde? An einer anderen Stelle wird mit den Sternen des Himmels verglichen. Die Kommentatoren erklären, dass das Volk Israel selbst im Zustand Lots, im Zustand der Bindung an den Besitz, einer gewissen Versunkenheit im Materiellen, in der Entfernung vom Höchsten, wachsen und sich zahlenmäßig mehren wird. An Qualität wird es wie der Staub der Erde sein, aber es wird zahlreich sein.
Der Höchste wird das Volk Israel leiten, wird es zur Berichtigung führen, auch wenn es sich in einem sozusagen gefallenen Zustand befinden wird. Deshalb kann Awram sich auf den Höchsten als Erzieher verlassen. Sogar durch den Staub wird der Höchste das Volk hindurchführen. Und eben auf diesen Kummer (wenn ich Lot nicht erziehen konnte, wie soll ich dann die Söhne erziehen) sagt der Höchste: „Verlass dich auf Mich.“ Umso mehr im erhabenen Zustand des Volkes. Wenn es an das Himmlische, Erhabene denkt, sich auf den Dienst für den Höchsten konzentriert, wird es sich ebenfalls vermehren und ebenfalls wie die Sterne des Himmels sein. Weder das eine noch das andere kann man zählen.
Weiter gebietet der Höchste dem Awram und sagt:
קוּם הִתְהַלֵּךְ בָּאָרֶץ לְאָרְכָּהּ וּלְרָחְבָּהּ כִּי לְךָ אֶתְּנֶנָּה׃
kum hithalléch ba'árez le'orká ulrochbá ki lechá ettenénna
17 Steh auf, geh durch dieses Land der Länge und der Breite nach, denn Ich werde es dir geben.
Auch Lot geht, bewegt sich durch das Land, durch jenes Tal, das er gewählt hat, und geht, wohin er geht. Der Höchste gebietet Awram: „Auch du, geh durch dieses Land wie ein Herr, denn Ich gebe es dir.“ Was Lot gewählt hat, hat er gewählt. Und Awram erfüllt das Gebot des Höchsten:
וַיֶּאֱהַל אַבְרָם וַיָּבֹא וַיֵּשֶׁב בְּאֵלֹנֵי מַמְרֵא אֲשֶׁר בְּחֶבְרוֹן וַיִּבֶן־שָׁם מִזְבֵּחַ לַיהוָה׃ פ
waje'ehál awrám wajawó wajéschew be'eloné mamré aschér bechewrón wajiwen-schám misbéjach ladonáj
18 Und Awram schlug Zelte auf, und kam und ließ sich nieder in Elone Mamre, das in Chewron ist, und baute dort einen Altar dem HERRN.
Lot kam, wohin er kam. Einen Altar baute er nicht, weil er zu schlechten, bösen, dem HERRN feindlichen Leuten geraten war.
Auch Awram kam, wohin er kam. Er kam nach Chewron, an einen Ort, der für lange Zeit zum Zentrum jüdischen Lebens werden wird. Und was macht Awram dort? Er baut dem Höchsten einen Altar (wir wissen nicht, was Lot in Sedom macht).
Das ist die Geschichte der Trennung von Awram und Lot. Die Geschichte, wie ein Mensch aus der Gemeinde des Höchsten weggeht, sich von dem trennt, der dem Höchsten dient, und ganz allmählich bis nach Sedom gelangt. Das ist die Geschichte Lots. Wir werden noch auf ihn zurückkommen, er ist kein ganz verlorener Kamerad. Der Name Lot bedeutet in Nebel gehüllt, im Dunst verborgen, unverständlich, trüb, aber nicht im schlechten Sinn des Wortes, sondern in dem Sinn, dass sich das Wesen nicht sofort offenbart.
Im vorigen Kapitel haben wir davon gelesen, wie Awram und Lot sich trennten. Lot ging in die Jordangegend und zog, allmählich umherziehend, in die Stadt Sedom, wo sehr unschöne Leute wohnen (wie die Tora bezeugt). Awram ging durch sein ganzes Land, das der Höchste ihm geschenkt hatte (der Höchste bestätigte ihm noch einmal die Verheißung). Und am Ende lässt sich Awram in der Gegend der Stadt Chewron nieder. Und genau in diesem Moment beginnen wir, das vierzehnte Kapitel zu lesen:
וַיְהִי בִּימֵי אַמְרָפֶל מֶלֶךְ־שִׁנְעָר אַרְיוֹךְ מֶלֶךְ אֶלָּסָר כְּדָרְלָעֹמֶר מֶלֶךְ עֵילָם וְתִדְעָל מֶלֶךְ גּוֹיִם׃
wajhí bimé amrafél melech-schin'ár arjóch mélech ellassár kedorla'ómer mélech elám wetid'ál mélech gojím
1 Und es geschah in den Tagen Amrafels, des Königs von Schinar, Arjochs, des Königs von Elasar, KDORLAOMERS, DES KÖNIGS VON EJLAM, UND
TIDALS, DES KÖNIGS EINER VIELZAHL VON VÖLKERN.
Schinár – das ist der alte Name Babylons. Amrafel ist, wie viele annehmen, kein anderer als Hammurabi, der Urheber der bekannten Gesetze, der große babylonische König, der im Alter tatsächlich auszog und die ganze Region eroberte, sich unterwarf. Ein großer König eines großen Landes. Das ist wichtig.
Arjoch ist ein Vertreter der Hurriter, eines protoarmenischen Volkes, das ungefähr im nördlichen Mesopotamien lebte, wie man sagt, eines der Vorfahren der heutigen Armenier.
Kedorlaomer – dieser Name ist in Israel zu so einem Gattungsbegriff geworden. Wenn man sagen will, dass jemand irgendeinen alten, uralten Namen hat, sagt man: Kedorlaómer. Ein Beispiel für einen alten, verschnörkelten Namen.
In der Tat, seit man die alten iranischen Tafeln in Susa gefunden hat, in eben jener Hauptstadt Schuschan, wo später die Ereignisse der Megillat Ester geschehen werden, genau dort, in Elam, von dort stammt Kedorlaómer. Und dieser Name bedeutet Knecht des Omer, eines örtlichen elamischen Götzen.
Tidal wird hier König vieler Völker genannt. Das ist Tudhalija, der hethitische König, aus der Zentraltürkei. Tatsächlich ein Ort, dicht besiedelt von verschiedenen Völkern und Stämmen.
Stellt euch die Macht dieses Heeres vor. Hier sind Babylon und die Hurriter und Elam und Kleinasien, die Türkei. Ein riesiges Heer versammelt sich. Und wozu haben sie sich versammelt:
עָשׂוּ מִלְחָמָה אֶת־בֶּרַע מֶלֶךְ סְדֹם...
asú milchamá et-berá mélech sedóm
2 Und sie führten Krieg mit Bera, dem König von Sedom …
Der Name Bera klingt auf Hebräisch be ra – auf böse Art, auf schlechte Art, auf schlechtem Weg. Und das ist der König von Sedom
וְאֶת־בִּרְשַׁע מֶלֶךְ עֲמֹרָה...
we'et-birschá mélech amorá
…und mit Birscha, dem König von Amora,
Der König von Amora, er ist fast ein Namensvetter des Königs von Sedom. Er heißt Birescha, vom Wort rascha – Frevler, rescha – Frevel, auf frevlerischem Weg.
שִׁנְאָב מֶלֶךְ אַדְמָה...
schin'áw mélech admá
... Schinaw, dem König von ADMA, …
Das ist der König noch einer Stadt, er heißt Schinaw. Wie kann man das übersetzen? Die Midraschim deuten gern die Namen guter Menschen im guten Sinn, die von schlechten – im schlechten Sinn. Der Name Schinaw wird gedeutet als den Vater hassend (sone aw) oder vom Vater gehasst, und auch vom Wort scho'ew – saugend, der, der sich mit Geld „vollpumpt“, sich mit Besitz „vollpumpt“. Wenn man sich dennoch der ursprünglichen Bedeutung zuwendet, dann ist Schinaw höchstwahrscheinlich der Gott Schin, das heißt der Mondgott gilt als mein Vater.
וְשֶׁמְאֵבֶר מֶלֶךְ צְבֹיִים (צְבוֹיִים)
weschem'éwer mélech zewojím
Schem'ewer, dem König von Zewojim,
Und der letzte der Könige, die mit Namen genannt werden, ist Schemewer, der König von Zewojim. Schemewer ist, wie man es nennt, ein theophorer Name, ein Name, der den Namen eines Gottes in sich enthält, obwohl dieser nicht genannt wird. Genannt ist er einfach mit dem Namen Schem. Schem'ewer – das bedeutet mein Götze – er ist ein Held, heldenhaft.
וּמֶלֶךְ בֶּלַע הִיא־צֹעַר׃
umélech béla hi-zó'ar
…und dem König Bela, der Zo'ar genannt wird.
Und der fünfte dieser fünf Könige, die von den vieren angegriffen wurden, – Bela, der auch Zo'ar genannt wird. Die Kommentatoren sagen, weil es ein so unbedeutender König einer völlig abgelegenen Stadt war, sei auch der Name dieses Königs nicht erhalten geblieben. Die Tora nennt ihn nicht beim Namen.
Also, diese vier Könige griffen die fünf Könige an. Es scheint ein ungleicher Kampf zu sein, wenn man nicht die ganze Ironie spürt. Kedorlaomer hat ein riesiges Heer gesammelt, um gegen diese fünf Könige zu ziehen. Im Grunde gegen ein abgelegenes, fernes Gebiet.
כָּל־אֵלֶּה חָבְרוּ אֶל־עֵמֶק הַשִּׂדִּים הוּא יָם הַמֶּלַח׃
kol-élle chawerú el-émek hassiddím hu jam hammélach
3 Sie alle drängten sich im Tal Schidim zusammen, das ist das Tote Meer.
Sie alle drängten sich im Tal Schidim zusammen (übersetzt als Teufelstal oder Tal der Teufel, der Dämonen), das hu jam hammélach (Meer des Salzes) ist – das ist der Name des Toten Meeres.
שְׁתֵּים עֶשְׂרֵה שָׁנָה עָבְדוּ אֶת־כְּדָרְלָעֹמֶר וּשְׁלֹשׁ־עֶשְׂרֵה שָׁנָה מָרָדוּ׃
schetém esré schaná awedú et-kedorla'ómer uschlosch-esré schaná marádu
4 Zwölf Jahre dienten diese fünf Städte Kedorla'omer, und im dreizehnten Jahr erhoben sie sich (empörten sich).
Das heißt, zwölf Jahre zahlten sie ihm irgendeinen Tribut, irgendwelche Steuern, irgendeine Abgabe. Im dreizehnten Jahr hatten sie es satt, das zu zahlen. Eigentlich war genau das der Grund für den Krieg. Nach einem Jahr erfuhr er, dass sie aufgehört hatten, ihm zu zahlen.
וּבְאַרְבַּע עֶשְׂרֵה שָׁנָה בָּא כְדָרְלָעֹמֶר וְהַמְּלָכִים אֲשֶׁר אִתּוֹ וַיַּכּוּ אֶת־רְפָאִים בְּעַשְׁתְּרֹת קַרְנַיִם וְאֶת־הַזּוּזִים בְּהָם וְאֵת הָאֵימִים בְּשָׁוֵה קִרְיָתָיִם׃
uw'arbá esré schaná ba kedorla'ómer wehammelachím aschér ittó wajakkú et-refa'ím be'aschterót karnájim we'et-hassusím beham we'ét ha'emím beschawé kirjatajim
5 Und im vierzehnten Jahr kam Kedorla'omer und die Könige, die mit ihm sind, und sie schlugen die Refa'im in Ascherot-Karnajim, und unter ihnen die Susim in Am, und die Emim an dem Ort, der Schawe-Kirjatajim heißt.
Diesmal steht Kedorla'omer an erster Stelle, weil er hier eben der Wichtigste ist, hier ist er der Leiter der KampagneIm Russischen steht wörtlich „Leiter des Unternehmens“. Gemeint ist nach dem Zusammenhang wohl der Feldzug; beide Wörter unterscheiden sich im Russischen nur in einem Buchstaben..
Wen sie noch schlugen:
וְאֶת־הַחֹרִי בְּהַרְרָם שֵׂעִיר עַד אֵיל פָּארָן אֲשֶׁר עַל־הַמִּדְבָּר׃
we'et-hachorí beharerám se'ír ad el parán aschér al-hammidbár
6 Und die Choriter auf den Bergen Se'irs bis El-Paran, das in der Wüste ist.
Lasst uns versuchen zu verstehen, was geschieht. Vier Könige beginnen eine Militärkampagne gegen fünf abgelegene Provinzstädte. Die Kampagne ist höchstwahrscheinlich demonstrativ, um es der ganzen Welt vorzuführen, damit sie sehen und sich fürchten, wie gefährlich es ist, den Herren keine Steuer zu zahlen. Dafür hätte das eine Heer Kedorla'omers gereicht, das sind fünf kleine abgelegene Provinzstädte. Dennoch geht Kedorla'omer, offenbar für Geld oder wegen irgendwelcher eigener königlicher Angelegenheiten, ein Bündnis mit noch drei Königen ein, großen Imperien, bewegt sich mit dieser ganzen Kohorte, und greift die Refa'im und die Achurejer an, und zieht vorerst noch nicht in Richtung der fünf Städte.
Wer sind die Refa'im und die Achurejer? Überhaupt, um wen geht es? Das zu verstehen hilft uns das zweite Kapitel des Buches Dewarim. Mosche erzählt vom Plan der Einnahme des Landes und gewährt ein wenig Einblick in die Geschichte. Im Buch Dewarim (2,9–11) lesen wir:
Und der HERR sprach zu mir: „Befeinde Moaw nicht und fange keinen Krieg mit ihm an, denn Ich werde dir von seinem Land keinen Besitz geben, da Ich den Söhnen Lots Ar zum Besitz gegeben habe. Die Emim wohnten früher dort, ein großes und zahlreiches Volk, wie Riesen. Die Refa'im galten als Riesen, und die Moawiter nannten sie Emim.“
Das Wort emim bedeutet die Schrecklichen, die Furchtbaren. Also, eines der Völker, die man schlug, eine der Unterarten der Refa'im, sind die Emim, sie sind auch Refa'im, und Refa'im sind Riesen. Das heißt, irgendein hochgewachsenes Riesenvolk, das die Moawiter Emim nennen. Gerade sie griffen die fünf Könige an.
Es gab auch noch die Sesim:
…Und du näherst dich den Söhnen Ammons. Befeinde sie nicht und reize sie nicht, denn Ich werde dir nichts von den Söhnen Ammons zum Besitz geben. Da Ich es den Söhnen Lots zum Besitz gegeben habe. Als Land der Refa'im gilt es, die Refa'im wohnten früher darin, aber die Ammoniter nennen sie Samsumim. (Dewarim 2,19–20)
Samsumim – das sind genau jene Sesim (abgekürzt), von denen in unserem Kapitel die Rede ist. Was bedeutet Sesim oder Samsumim? Das sind die, die tun, was sie sich ausdenken. Die, die genug Kraft haben, um zu tun, was sie sich ausdenken werden. Darin liegt eine gewisse Analogie zu dem, was der Höchste über die Erbauer des Turms von Babylon sagt. Ein starkes, großes, mächtiges Volk.
Und sie sind ein großes, zahlreiches und hohes Volk, wie Riesen, aber der HERR vertilgte sie vor ihrem Angesicht, und jene beerbten IhnIm Russischen steht zweimal großgeschrieben „beerbten Ihn“, gemeint ist wohl „beerbten sie“. Der Wortlaut wurde beibehalten. und ließen sich an ihrer Stelle nieder. Wie Er es für die Söhne Esaws tat, die auf Se'ir wohnen, vor denen er die Choreer vertilgte, und sie beerbten Ihn und ließen sich an ihrer Stelle nieder bis zum heutigen Tag. (Dewarim 2,21–22)
Also, hier erzählt der HERR sowohl von den Emim als auch von den Samsumim und von den Choreern und von den Refa'im als von starken, hochgewachsenen Völkern, als von mächtigen und starken Heeren. Das sind schon keine abgelegenen Provinzstädtchen mehr.
Und nicht einfach so erwähnt das Buch Dewarim, dass mit Hilfe des Höchsten, durch Seine Wunder diese Völker, diese Heere niedergeworfen wurden und andere Völker ihren Platz einnahmen. Der Höchste sagt: „Ich bin es, der geholfen hat, sie zu besiegen.“ Das geschah offenbar auf irgendeine wunderbare Weise, denn die Völker waren sehr stark.
Man kann fragen: „Also, die Könige begannen eine Militärkampagne gegen fünf kleine Städte. Wozu sind sie dann vor der Hauptschlacht losgezogen, um ihre Kräfte zu erschöpfen und große, ernsthafte Nachbarvölker anzugreifen?“ Offenbar, weil die Völker sie nicht so einfach durchziehen ließen. Wenn man auf die Karte schaut, dann haben die Könige einen ordentlichen Umweg gemacht, eine Schleife gezogen und sich von der anderen Seite dem Tal Schedim genähert. Warum hinderten die Nachbarvölker sie plötzlich am Durchziehen? Die einfachste Vermutung ist, dass die fünf Städte sich mit diesen starken Völkern in der Nachbarschaft verständigt hatten. Wozu sollen wir tatsächlich einem Menschen mit dem zweifelhaften Namen Kedorla'omer Tribut zahlen, der irgendwo weit weg ist, wenn man sich irgendwo in der Nähe einigen und den Nachbarvölkern Tribut zahlen kann, die den Tribut nahmen und Schirmherrschaft und Schutz über die fünf Städte übernahmen. Genau deshalb musste man höchstwahrscheinlich mit ihnen Krieg führen.
Nach diesem Krieg, nach dieser Schlacht:
וַיָּשֻׁבוּ וַיָּבֹאוּ אֶל־עֵין מִשְׁפָּט הִוא קָדֵשׁ וַיַּכּוּ אֶת־כָּל־שְׂדֵה הָעֲמָלֵקִי וְגַם אֶת־הָאֱמֹרִי הַיֹּשֵׁב בְּחַצְצֹן תָּמָר׃
wajaschúwu wajawóu el-en mischpát hi kadésch wajakkú et-kol-sedé ha'amalekí wegám et-ha'emorí hajoschéw bechazezón tamár
7 Und sie kehrten zurück nach En-Mischpat, das ist Kadesch, und schlugen alle Felder der AmAlekiter und der Emoriter, derer, die in ChaZezon TAmar wohnten.
El-én mischpát wird wörtlich übersetzt als Quelle des Gerichts, Brunnen, an dem man sich versammelt, um irgendwelche Gerichtsverfahren abzuhalten, ein Ort öffentlicher Zusammenkünfte. Und derselbe Ort heißt kadesch – geheiligt.
Amalekiter gibt es natürlich noch nicht einmal in Planung. Amalek ist ein Nachkomme Esaws, bei dem noch nicht einmal der Vater geboren ist. Aber die Tora teilt uns eine Geografie mit, die den Lesern der Tora verständlich ist, damit wir ungefähr verstehen, wo das Ganze eigentlich geschieht.
Und die Emoriter, die ebenfalls als sehr starkes Volk erscheinen, das in Cheschbon wohnt (im zweiten Kapitel von Dewarim). Und hier ist über den Wohnort der Emoriter gesagt: die, die in Chazezon-Tamar wohnten.
Also, die große Militärkampagne zog eine Schleife und rückte an Sedom heran, nachdem sie praktisch alle mutmaßlichen Verbündeten der fünf Könige unterworfen hatte. Erst dann:
וַיֵּצֵא מֶלֶךְ־סְדֹם וּמֶלֶךְ עֲמֹרָה וּמֶלֶךְ אַדְמָה וּמֶלֶךְ צְבֹיִים (צְבוֹיִם) וּמֶלֶךְ בֶּלַע הִוא־צֹעַר וַיַּעַרְכוּ אִתָּם מִלְחָמָה בְּעֵמֶק הַשִּׂדִּים׃
wajezé melech-sedóm umélech amorá umélech admá umélech zewoím umélech béla hi-zo'ár waja'archú ittám milchamá be'émek hassiddim
8 Und es zogen aus der König von Sedom, der König von Amora, der König von Adma, der König von Zewoim, der König von Bela, das ist Zo'ar, und entfalteten gegen sie eine Militärkampagne im Tal Sidim.
אֵת כְּדָרְלָעֹמֶר מֶלֶךְ עֵילָם וְתִדְעָל מֶלֶךְ גּוֹיִם וְאַמְרָפֶל מֶלֶךְ שִׁנְעָר וְאַרְיוֹךְ מֶלֶךְ אֶלָּסָר אַרְבָּעָה מְלָכִים אֶת־הַחֲמִשָּׁה׃
et kedorla'ómer mélech elám wetid'ál mélech gojím we'amrafel mélech schin'ár we'arjóch mélech ellassár arba'á melachím et-hachamischá
9 Gegen Kedorla'omer, den König von Elam, mit Tidal, dem König von Gojim, mit Amrafel, dem König von Schinar, mit Arjoch, dem König von Elassar – vier Könige gegen fünf.
Gegen Kedorla'omer, den König von Elam … Wieder steht er hier an erster Stelle. Ganz am Anfang stand Amrafel (Hammurapi) an erster Stelle, weil er das größte Heer hat. Hier steht ganz am Anfang Kedorla'omer, weil er hier der Wichtigste ist und um seinetwillen die ganze Kampagne stattfindet.
Also, sie kämpften mit Kedorla'omer, dem König von Elam, mit Tid'al, dem König von Gojim, mit Amrafel, dem König von Schinar, mit Arjoch, dem König von Elassar. Vier Könige gegen fünf.
וְעֵמֶק הַשִׂדִּים בֶּאֱרֹת בֶּאֱרֹת חֵמָר וַיָּנֻסוּ מֶלֶךְ־סְדֹם וַעֲמֹרָה וַיִּפְּלוּ־שָׁמָּה וְהַנִּשְׁאָרִים הֶרָה נָּסוּ׃
we'émek hassiddím be'erót be'erót chemár wajanúsu melech-sedóm wa'amorá wajippelu-schámma wehannisch'arím héra násu
10 Das Tal Sidim aber ist voller Brunnen mit Teer. Und die Könige von Sedom und Amora flohen und fielen dort hinein, und die, die überlebten, entkamen in die Berge.
Der Midrasch sagt, dass die Könige von Sedom und Amora in eine Grube mit Teer fielen. Der König von Amora kam eben dort umIm Russischen heißt es, dass der König von Amora genau dort umkam, nicht, dass er ebenfalls umkam. Die Übersetzung wurde entsprechend berichtigt., und den König von Sedom zog ein Engel heraus, oder er kroch auf irgendeine Weise selbst heraus, darüber wissen wir nichts, aber mit ihm werden wir uns noch wiedersehen.
Also, vier Könige zerschlugen die fünf Städte der Jordangegend.
וַיִּקְחוּ אֶת־כָּל־רְכֻשׁ סְדֹם וַעֲמֹרָה וְאֶת־כָּל־אָכְלָם וַיֵּלֵכוּ׃
wajikchú et-kol-rechúsch sedóm wa'amorá we'et-kol-ochlám wajeléchu
11 Und sie nahmen die ganze Habe Sedoms und Amoras und alle ihre Lebensmittelvorräte, und gingen.
וַיִּקְחוּ אֶת־לוֹט וְאֶת־רְכֻשׁוֹ בֶּן־אֲחִי אַבְרָם וַיֵּלֵכוּ וְהוּא יֹשֵׁב בִּסְדֹם׃
wajikchú et-lót we'et-rechuschó ben-achí awrám wajeléchu wehú joschew bisdóm
12 Und sie nahmen Lot und seine Habe, den Neffen Awrams, und gingen, er aber wohnte in Sedom.
Das heißt, sie nahmen nicht nur die Nahrungsvorräte mit, sondern sie nahmen auch alle diejenigen mit, die man in die Sklaverei pressen konnte, die nützlich waren, die man nicht umsonst durchfüttern würde, die arbeiten konnten (Arbeitskräfte). Ein solches Pogrom richteten sie in Sedom an. Viele Kommentatoren sagen, dass das eine Art Warnung an Sedom war, zur Vernunft zu kommen.
וַיָּבֹא הַפָּלִיט וַיַּגֵּד לְאַבְרָם הָעִבְרִי וְהוּא שֹׁכֵן בְּאֵלֹנֵי מַמְרֵא הָאֱמֹרִי אֲחִי אֶשְׁכֹּל וַאֲחִי עָנֵר וְהֵם בַּעֲלֵי בְרִית־אַבְרָם׃
wajawó happalít wajaggéd le'awrám ha'iwrí wehú schochén be'eloné mamré ha'emorí achí eschkól wa'achí anér wehem ba'aléDie russische Umschrift liest hier „ba'aljó“. Das Hebräische lautet „ba'alé“ (Verbündete), dem folgt die Übersetzung. werit-awrám
13 Und es kam ein Überlebender und sagte es Awram, dem Hebräer (dem Nachkommen Ewers), er aber wohnt in Elone-Mamre. Emori, der der Bruder Eschkols und der Bruder Aners ist, und sie sind Verbündete Awrams.
Ha'iwrí übersetzen viele, besonders gelehrte Bibelwissenschaftler, und versuchen, es mit dem Stamm der Habiru und so weiter zu verbinden. Es gibt viele verschiedene gelehrte Ansichten dazu. Aber man kann es einfach nach dem Pschat übersetzen, nach dem einfachen Sinn der Schrift, dass ein Hebräer ein Nachkomme Ewers ist.
Elone Mamre – das ist eines der Viertel jenes Chewron.
Die Bedeutung des Namens Emori – das ist der, der spricht und für seine Worte einsteht. Eschkol – das ist eine Weintraube. Irgendein Mensch, der viele Früchte hat. Heute sagt man über einen Menschen, der in vielen Bereichen tätig ist, er sei ein eschkolot, ein Mensch der Trauben. Eschkol – Traube, natürlich ein Symbol der Fruchtbarkeit.
Aner – der Name des dritten Bruders bedeutet Bettler des Gottes Ram. Es gibt einen Gott, der Ram heißt (wieder irgendein örtliches chewronisches Götzchen), und bei ihm ein geistig Armer, sein nichtiger Diener Aner. „Ramzuliebnarr“ – so kann man es übersetzen. Das sind die Namen der drei Brüder, der Nachbarn Awrams.
Und sie, die Verbündeten, wörtlich Inhaber des Bundes mit Awram; Ba'alé brit – eine für den Nahen Osten ziemlich bekannte Wendung, in der Tora wird sie nur hier gebraucht. Aber dennoch ist allen klar, dass das Menschen sind, mit denen Awram einen Vertrag über gegenseitige Hilfe geschlossen hat. Das erste Militärbündnis, so eine Art „Awrams NATO“.
וַיִּשְׁמַע אַבְרָם כִּי נִשְׁבָּה אָחִיו
wajischmá awrám ki nischbá achíw
14 Und Awram erfuhr, dass sein Bruder gefangen genommen worden war,
Ein Neffe kann Bruder genannt werden.
וַיָּרֶק אֶת־חֲנִיכָיו יְלִידֵי בֵיתוֹ
wajárek et-chanicháw jelidé wetó
… und er bewaffnete seine Zöglinge, die in seinem Haus geboren waren …
Chanich wird heute gewöhnlich einfach als Zögling übersetzt, jemand, der bei einem Gruppenleiter erzogen wird, den man erzieht. In der frühen nahöstlichen Terminologie lässt sich die Idee verfolgen, dass chanichim – das sind solche Gardisten, Menschen, die für Arbeit und Verteidigung erzogen sind, professionelle KriegerIm Russischen steht „professionelle Kriege“, offensichtlich ein Tippfehler für das fast gleich geschriebene Wort für „Krieger“.. Dennoch muss man eine solche Behauptung mit großer Vorsicht aufstellen.
Er nahm also die Zöglinge, die in seinem Haus geboren waren.
שְׁמֹנָה עָשָׂר וּשְׁלֹשׁ מֵאוֹת
Schemóna assár uschlósch meót
… dreihundertachtzehn…
Man muss sagen (wir werden später davon erfahren), dass Emori, Eschkol und Aner ebenfalls mit ihm ziehen. Das ist, wie ein israelischer Verteidigungsminister sagte, eine kleine, aber kluge Armee.
וַיִּרְדֹּף עַד־דָּן׃
Wajirdóf ad-Dán
… und verfolgte sie bis Dan.
Awram jagte ihnen nicht bis Dan nach, trieb sie nicht mit Peitschen bis Dan, sondern schlich sich leise, pirschte sich hinter ihnen her bis Dan, bis zu den Golanhöhen, fast bis in den äußersten Norden des heutigen Israel. In jenen Jahren hieß dieser Ort Lajisch, aber die Tora erzählt ihren Zeitgenossen und verwendet deshalb die aktuellen Namen für das Israel der Zeit der Gabe der Tora.
וַיֵּחָלֵק עֲלֵיהֶם לַיְלָה הוּא וַעֲבָדָיו וַיַּכֵּם וַיִּרְדְּפֵם עַד־חוֹבָה אֲשֶׁר מִשְּׂמֹאל לְדַמָּשֶׂק׃
wajechalék alehém lájla hu wa'awadáw wajakkém wajirdefém ad-chowá aschér missemól ledammássek
15 Und, nachdem er die Kräfte in Teile geteilt hatte, überfiel er sie in der Nacht, er und seine Knechte, und schlug sie und jagte sie bis Chuwa, das nördlich von Damasek liegt.
Das heißt, Awram wandte militärische Taktik an. Erstens wählte er die Nacht für den Angriff, zweitens teilte er irgendwie seine kleine Armee in Teile. Und schlug sie und jagte sie bis Chuwa, das nördlich von Damasek liegt, das heißt, weit über Damasek hinaus jagte er sie.
וַיָּשֶׁב אֵת כָּל־הָרְכֻשׁ וְגַם אֶת־לוֹט אָחִיו וּרְכֻשׁוֹ הֵשִׁיב וְגַם אֶת־הַנָּשִׁים וְאֶת־הָעָם׃
wajaschéw et kol-harechúsch wegám et-Lót achíw urchuschó heschíw wegám et-hannaschím we'et-ha'ám
16 Und er brachte alles Gut zurück, und das Gut Lots, seines Bruders, und die Frauen, und das Volk.
Awram kehrt mit einem Sieg zurück, mit einer riesigen Menge an Trophäen. Das ist eine triumphale Rückkehr.
וַיֵּצֵא מֶלֶךְ־סְדֹם לִקְרָאתוֹ אַחֲרֵי שׁוּבוֹ מֵהַכּוֹת אֶת־כְּדָר־לָעֹמֶר וְאֶת־הַמְּלָכִים אֲשֶׁר אִתּוֹ אֶל־עֵמֶק שָׁוֵה הוּא עֵמֶק הַמֶּלֶךְ׃
wajezé melech-sedóm likrató acharé schuwó mehakkót et-kedorla'ómer we'et-hammelachím aschér ittó el-emék schawé hu émek hammélech
17 Und der König von Sedom ging ihm entgegen, nachdem er vom Schlagen Kedorlaomers und der Könige, die mit ihm waren, zurückgekehrt war, nachdem er in das Königstal zurückgekehrt war.
Awram geht einen etwas anderen Weg. Der König von Sedom geht ihm entgegen (wahrscheinlich, nachdem er sich vom Teer abgewaschen hatte, ging er Awram entgegen). Aber die Begegnung findet vorerst noch nicht statt. Awram wird dem Menschen noch nicht begegnen, der Bera (auf böse Weise) heißt. Denn ihm kam völlig unerwartet noch ein Mensch entgegen:
וּמַלְכִּי־צֶדֶק מֶלֶךְ שָׁלֵם הוֹצִיא לֶחֶם וָיָיִן וְהוּא כֹהֵן לְאֵל עֶלְיוֹן׃
uMalki-Zédek mélech Schalém hozí léchem wajájin wehú chohén le'él eljón
18 Umalki-Zedek (König des Rechts, König der Gerechtigkeit), der König von Schalem, brachte Brot und Wein heraus, er aber ist Priester des höchsten Gottes.
Wie viel ist schon alles über Malkizedek gesagt worden. Ich habe viel über ihn gesprochen. Es gibt in den Lektionen über Jom Kippur etwas über ihn, und im Brief an die Hebräer. Manche identifizieren ihn mit Schem, dem Sohn Noachs. Eines der Bücher Chanochs sagt, dass Malkizedek Ner ist, der ältere Bruder Noachs, ein Kohen, der vor der Sintflut vom Engel Michael in den Himmel genommen wurde. Es gibt noch viele andere Parallelen. Wieder erwähne ich den Brief an die Hebräer. Sowohl über die Person als auch über Malkizedek selbst kann man reden, und reden, und reden. Aber jetzt konzentrieren wir uns mehr auf den Pschat, auf den einfachen Sinn der Tora. Deshalb möchte ich über jenes Wortspiel sprechen, das die Tora hier zeigt.
Es gibt den König Bera, den König auf böse Weise, der auf Awram wartet. Es gibt Malkizedek, den König der Gerechtigkeit, der ihm entgegenging, um ihn zu segnen. Er ist außerdem Priester des höchsten Gottes. Ein Priester repräsentiert immer auch den Höchsten. Im Priester offenbart sich, so oder so, der Höchste selbst. Darüber ist viel gesagt worden, und der Brief an die Hebräer spricht darüber, und im Psalm wird dieses besondere Priestertum erwähnt. Aber wir lesen jetzt den Pschat, und vorerst ist das, was wir sehen können, gerade wenn wir den Pschat lesen, dies: Es gibt einen König, der Bera heißt, den König des Bösen und der Bosheit in Amora. Und es gibt einen König, der Malkizedek heißt, König der Gerechtigkeit, er ist außerdem König von Schalem, (möglicherweise Jerusalem). Möglicherweise ist hier auch die erste Begegnung Awrams mit Jerusalem. Auch das ist sehr wichtig.
Also ging ihm der König von Schalem entgegen:
וַיְבָרְכֵהוּ וַיֹּאמַר בָּרוּךְ אַבְרָם לְאֵל עֶלְיוֹן קֹנֵה שָׁמַיִם וָאָרֶץ׃
wajwrechéhu wajomár barúch Awrám le'él eljón koné schamájim wa'árez
19 Und er segnete ihn und sprach: „Gesegnet ist Awram vor Gott, dem Höchsten, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.
וּבָרוּךְ אֵל עֶלְיוֹן אֲשֶׁר־מִגֵּן צָרֶיךָ בְּיָדֶךָ וַיִּתֶּן־לוֹ מַעֲשֵׂר מִכֹּל׃
uwarúch el eljón ascher-miggén zarécha bejadécha wajitten-ló ma'asser mikkól
20 Und gesegnet ist der höchste Gott, Der deine Feinde in deine Hand ausgeliefert (übergeben) hat.“ Und er gab ihm den Zehnten von allem.
Diese vier Wörter bereiten den Kommentatoren Schwierigkeiten. Jeder legt das, so seltsam es auch ist, entsprechend seinem Glauben aus, entsprechend seinen Überzeugungen. Die einen sagen, dass hier geschrieben steht: Awram gab Malkizedek den Zehnten (das ist verständlich, Malkizedek ist Kohen). Andere sagen, dass Malkizedek falsch gesegnet hat: zuerst segnete er Awram und erst danach den Höchsten. Wegen dieser falschen Setzung der Prioritäten wurde Malkizedek das Priestertum im selben Moment weggenommen und Awram übergeben. Und dann gab schon Malkizedek Awram als Kohen den Zehnten. Nur ist unklar, wovon. Vom Brot und Wein, das er hatte. Jeder Kommentator versteht es kraft seines Glaubens, kraft seines Wunsches zu verstehen.
Für mich ist der Sinn einfach: Wenn Malkizedek Kohen genannt wird, dann gibt Awram ihm den Zehnten von allen Trophäen, die er in diesem Krieg erobert hat. Awram gibt Malkizedek den Zehnten. Er gab dem König von Sedom nichts von seiner ganzen Beute, von all seinen Trophäen, Awram gibt dem gerechten König, schließt sich dadurch dem Priestertum der Gerechtigkeit an, entrichtet Tribut, zeigt, Wer die Quelle seines Sieges ist. Er gibt Malkizedek den Zehnten von allem. Und wieder erscheint auf der Bühne (das Standbild wird ausgeschaltet) der König von Sedom:
וַיֹּאמֶר מֶלֶךְ־סְדֹם אֶל־אַבְרָם תֶּן־לִי הַנֶּפֶשׁ וְהָרְכֻשׁ קַח־לָךְ׃
wajómer melech-Sedóm el-Awrám ten-lí hannéfesch weharechúsch kach-láchDie russische Umschrift hat hier einen Tippfehler. Nach dem Hebräischen heißt es „kach-lách“ (nimm für dich).
21 Der König von Sedom sagte zu Awram: „Gib mir die Seelen (die Menschen), und das Gut nimm dir.“
Awram hat alles erbeutet. Das ist im Grunde seine Trophäe. Es ist nicht gesagt, dass er dem König von Sedom überhaupt etwas zurückgeben muss. Der König von Sedom ist hier der Verlierer, aber er versucht, großmütig zu sein. Es ist außerdem sehr bequem, mit Gut zu bezahlen, das größtenteils das Gut deiner Untertanen ist. Wie heißt der König von Sedom? Bera – „auf böse Weise“.
Wird Awram, der gerade den Zehnten gegeben hat, um sich der Gerechtigkeit anzuschließen, sich auf Kosten dessen bereichern wollen, der alles auf böse Weise bekommen hat. Das ist es, was Awram sagt:
וַיֹּאמֶר אַבְרָם אֶל־מֶלֶךְ סְדֹם הֲרִימֹתִי יָדִי אֶל־יְהוָה אֵל עֶלְיוֹן קֹנֵה שָׁמַיִם וָאָרֶץ׃
wajómer Awrám el-mélech Sedóm harimóti jadí el-Adonáj el eljón koné schamájim wa'árez
22 Und Awram sprach zum König von Sedom: „Ich habe meine Hand zum HERRN erhoben, dem höchsten Gott, der der Gestalter der Erde und des Himmels ist
Die Hand erheben (wir haben schon mehrfach darüber gesprochen) – das bedeutet schwören. Und wie lautet Awrams Schwur:
אִם־מִחוּט וְעַד שְׂרוֹךְ־נַעַל וְאִם־אֶקַּח מִכָּל־אֲשֶׁר־לָךְ
im-michút we'ád seroch-ná'al we'im-ekkách mikkol-ascher-lách
23 … Dass von der Nadel bis zum Schnürsenkel der Schuhe, wenn ich von alledem nehme, was du hast
Ein Schwur hat gewöhnlich eine Bedingung. Wenn ich etwas tue, dann soll das und das sein. Oder umgekehrt. Wenn Du, HERR, mir etwas tust, dann tue ich das und das, und es wird das und das sein. Wenn es keine Bedingung gibt, wenn wir sagen „Wenn du tust …“, – das ist wie ein leeres Formular, das Awram dem Höchsten gibt. In diesem Fall sagt er: „Wenn ich etwas von ihm nehme, dann ist hier ein leeres Formular, ich bin bereit zu unterschreiben, meine Unterschrift steht schon da, dass du mit mir tust, was Du willst, mich bestrafst, wie es beliebt, wenn ich etwas von seinem Gut nehme.“ Warum hat Awram einen solchen Ekel oder eine solche Gewissenhaftigkeit gegenüber dem Gut des Königs von Sedom, das sind doch seine rechtmäßigen Trophäen?
וְלֹא תֹאמַר אֲנִי הֶעֱשַׁרְתִּי אֶת־אַבְרָם׃
Weló tomár aní he'eschárti et-Awrám
…Und du wirst nicht sagen, du wirst nicht sagen können: Ich habe Awram reich gemacht.
Das Wort he'eschárti (habe reich gemacht) hat dieselbe Wurzel wie das Wort ma'asser (Zehnter). Awram hat gerade den Zehnten gegeben. Wie die Weisen sagen: Gib den Zehnten, um reich zu werden. Awram hat gerade dem König der Gerechtigkeit den Zehnten gegeben. Man kann es so verstehen: Er hat den König der Gerechtigkeit reich gemacht. Er will nicht vom Bösen reich werden. Damit niemand sagen kann: „Das Böse hat Awram reich gemacht.“ Das ist für Awram wichtig. Etwas vom Gut Sedoms nehmen, etwas von Bera nehmen – das bedeutet für Awram, den Segen Malkizedeks zu verlieren. Entweder das Böse oder die Gerechtigkeit – die Wahl ist für Awram einfach.
Nun, damit endet das Gespräch aber nicht, und Awram fügt hinzu:
בִּלְעָדַי רַק אֲשֶׁר אָכְלוּ הַנְּעָרִים וְחֵלֶק הָאֲנָשִׁים אֲשֶׁר הָלְכוּ אִתִּי עָנֵר אֶשְׁכֹּל וּמַמְרֵא הֵם יִקְחוּ חֶלְקָם׃ ס
bil'adáj rak aschér achelú hanne'arím wechélek ha'anaschím aschér halechú ittí Anér Eschkól uMamré hem jikchú chelkám
24 Außer dem, was für die jungen Männer ausgegeben wurde (Kriegskosten), auch der Anteil der Leute, die mit mir waren, der drei oben erwähnten Brüder: Aner, Eschkol, Mamre, die mit Awram in diesen Kampf zogen, sie werden ihren Teil nehmen.
Awram ist gerecht. Er hält sich vom Bösen fern, aber das sind seine Prinzipien. Er ist nicht auf jemandes Kosten gerecht. Er ist auf seine eigenen Kosten gerecht. Und das ist im Grunde eine Lektion für uns alle: Wollt ihr gerecht sein – seid gerecht auf eure eigenen Kosten. Zwingt niemanden, gerecht zu sein oder Siegel eurer Gerechtigkeit zu sein, wenn sie dazu nicht bereit sind.
Das ist also dieses erstaunliche und, man kann sagen, epochale vierzehnte Kapitel. Die Geschichte vom Sieg im allerallerersten oder Nullten Weltkrieg.
Im vorigen Kapitel haben wir von dem erstaunlichen siegreichen Feldzug gelesen, den Awram führte, als er den Sieg über vier sehr große imperiale Armeen errang. Danach, so scheint es, lebe und freue dich, aber Awram hat natürlich Angst. Angst vielleicht deshalb, weil er fürchtet (und es ist logisch, das zu fürchten), dass die Armeen jener Länder größere Kräfte sammeln und ihn angreifen werden. Selbst wenn er sie ständig besiegen wird und es ein unaufhörlicher siegreicher Krieg sein wird, möchte man doch trotzdem in Frieden leben. Wie man sagt: Wir können es wiederholen, aber wir wollen es nicht wiederholen.
Die Kommentatoren sprechen noch von einer weiteren Angst: Awram fürchtet, dass die „Bank seiner Verdienste oben“ gar nicht so groß ist und dass er seinen ganzen „Kredit“ beim Höchsten, was seinen Schutz betrifft, aufgebraucht hat, als er sich in diesen Krieg eingemischt hat, den der Höchste ihm nicht einmal geboten hatte. Vielleicht quälen Awram noch irgendwelche anderen Ängste und Zweifel. Der Höchste offenbart sich ihm und tröstet ihn:
אַחַר הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה הָיָה דְבַר־יְהוָה אֶל־אַבְרָם בַּמַּחֲזֶה לֵאמֹר אַל־תִּירָא אַבְרָם אָנֹכִי מָגֵן לָךְ שְׂכָרְךָ הַרְבֵּה מְאֹד׃
achár haddewarím ha'élle hája dewar-adonáj el-awrám bammachasé lemór al-tirá awrám anochí magén lach secharechá harbé me'ód
1 Nach diesen Ereignissen erging das Wort des HERRN an Awram in einer Vision, es sprach: „Fürchte dich nicht, Awram, Ich bin dir ein Schild. Groß ist dein Lohn.“
Hier neutralisiert der Höchste gleich zwei Ängste Awrams. „Vor allem bin Ich dein Schild, ich werde dich beschützen, fürchte dich nicht. Zweitens ist dein Lohn sehr groß.“ Was antwortet Awram darauf?
וַיֹּאמֶר אַבְרָם אֲדֹנָי יֱהוִה מַה־תִּתֶּן־לִי וְאָנֹכִי הוֹלֵךְ עֲרִירִי וּבֶן־מֶשֶׁק בֵּיתִי הוּא דַּמֶּשֶׂק אֱלִיעֶזֶר׃
2 Und Awram sprach: „Herr HERR!Im Russischen steht wörtlich „Herr HERR“, Anrede und Gottesname nebeneinander wie im Hebräischen; das wurde beibehalten. Den Ort Damesek schreibt der Autor in hebräischer Form statt „Damaskus“. Was wirst Du mir geben? Ich werde einsam gehen (in Einsamkeit gehen); und mein Verwalter, er ist Elieser aus Damesek, er wird mich beerben.“
Das Wort holéch heißt hier nicht nur ‚ich gehe‘, sondern das Wort lalechet (weggehen, fortgehen) wird gebraucht im Sinne von ich werde sterben. „Ich werde in Einsamkeit sterben.“
וַיֹּאמֶר אַבְרָם הֵן לִי לֹא נָתַתָּה זָרַע וְהִנֵּה בֶן־בֵּיתִי יוֹרֵשׁ אֹתִי׃
wajómer awrám hen li lo natátta sára wehinné wen-betí jorésch otí
3 Und Awram sprach: „Siehe, Du hast mir ja keinen Samen gegeben, und siehe, dieser Elieser, der Einzige, den ich habe, er wird mich beerben.“
Nach den Bräuchen jener Länder und jener Orte war es tatsächlich üblich, dass ein Sklave (der Oberste der Sklaven) seinen Herrn beerben kann, wenn dieser keine anderen Erben hat. Warum wird er hier nach seinem Amt genannt? Nicht einfach der Sklave Elieser, sondern uwen-méschek.
Es gibt Kommentatoren, die gern Fehler in der Tora finden. Bibelwissenschaftler, die sagen: Dieses Wort damméssek – Damaskus, und meschek werden gleich geschrieben, so eine Wiederholung ist da entstanden. Man kann sagen, dass uwen-méschek ein Mensch ist, der mehr der Wirtschaft ergeben ist als dem Awram.Gemeint ist: Er ist mehr der Wirtschaft ergeben als dem Awram, nicht: mehr, als Awram es ist. Die Übersetzung wurde entsprechend berichtigt. Natürlich ist er Awram ergeben, er ist Awram ein treuer Diener, er ist ein gerechter Diener, aber nicht als Erbe.
Ihr wisst, wie es ist, wenn ein Mensch, sagen wir, einen Gärtner anstellt. Und da führt der Gärtner die Gäste durch den Garten, zeigt und sagt: „Hier wachsen bei uns Rosen, und hier wachsen bei mir Tulpen, und hier, schaut, was für eine Orchidee ich gezogen habe.“ Und er spricht von der Wirtschaft wie von seiner eigenen. Aber das ist die Wirtschaft des Herrn. Das ist einerseits eine gute Eigenschaft. Andererseits muss es eine Trennung geben. Und Awram sagt: „Ja, er ist ein ergebener Sklave. Er ist nicht der Sohn, und er sorgt sich um meine Wirtschaft, um meinen ganzen Besitz. Aber ich will nicht, dass er mich beerbt.“ Wie kann man diese Worte Awrams verstehen? Warum hat Awram plötzlich davon zu sprechen begonnen? Das ist das kindliche Gefühl der Gegenwart des Vaters, des guten und liebenden Gottes, der sagt: „Ich bin dir Schutz, groß ist dein Lohn. Schau, Awram, wie Ich dich liebe!“
Wahrscheinlich hatte jeder von uns im Umgang mit dem Höchsten schon einmal ein solches Gefühl, wenn du Ihn als guten Vater spürst und man zu Ihm auf den Schoß klettern, Ihn umarmen und um etwas ganz, ganz Kindliches bitten kann, um etwas ganz, ganz Einfaches.
Man kann einen solchen sehr kindlichen Zeichentrick-Vergleich anführen. Im Buch „Lillebror und Karlsson vom Dach“ sagt Lillebror zu seiner Mama: „Wenn ich so teuer bin, ihr würdet euch doch von mir nicht einmal für 100 000 Millionen Kronen trennen. Wenn ich so teuer bin, dann darf ich bitte jetzt ein paar Kronen für einen Welpen haben.“
Awram spricht sehr kindlich mit dem Höchsten: „Wenn ich so viel von allem habe, wenn ich dort einen so großen Kredit habe, hab Mitleid mit mir. Mach, dass mein Samen mich beerbt, dass nicht dieser Elieser aus Damesek mein Erbe ist, denn das freut mich nicht. Kein Reichtum freut mich, wenn ich ihn nicht den Kindern hinterlassen kann.“
וְהִנֵּה דְבַר־יְהוָה אֵלָיו לֵאמֹר לֹא יִירָשְׁךָ זֶה כִּי־אִם אֲשֶׁר יֵצֵא מִמֵּעֶיךָ הוּא יִירָשֶׁךָ׃
wehinné dewar-adonáj eláw lemór lo jiraschechá se ki'ím aschér jezé mimme'écha hu jiraschechá
4 Und siehe, das Wort des HERRN erging an ihn, es sprach: „dieser wird dich nicht beerben, sondern der, der aus deinen Gedärmen hervorgehen wird, aus deinem Leib, der wird dich beerben.“
Selbstverständlich ist das eine Metapher, und Kinder gehen nicht aus den Gedärmen der Eltern hervor. Der Sohn deiner Eingeweide – das ist deine Nachkommenschaft. Die biblischen Metaphern sind manchmal sehr scharf und farbig.
וַיּוֹצֵא אֹתוֹ הַחוּצָה וַיֹּאמֶר הַבֶּט־נָא הַשָּׁמַיְמָה וּסְפֹר הַכּוֹכָבִים אִם־תּוּכַל לִסְפֹּר אֹתָם וַיֹּאמֶר לוֹ כֹּה יִהְיֶה זַרְעֶךָ׃
wajozé otó hachuza wajómer habbet-ná haschamájma usfór hakkochawím im-tuchál lispór otám wajómer lo ko jihjé sar'écha
5 Und ging mit ihm hinaus nach draußen, und sprach zu ihm: „Schau bitte auf die Himmel und zähle die Sterne. Kannst du sie zählen?“ Und sprach zu ihm: „So wird dein Samen sein.“
Erinnert euch, dass der Höchste den Samen zuerst verglichen und gesagt hat: kiafar arez – wie der Staub der Erde. Hier ist der erhabene Zustand des Samens, der mit den Sternen des Himmels verglichen wird.
Der sechste Vers ist ein sehr wichtiger Vers, sehr viel wird auf diesem Vers aufgebaut:
וְהֶאֱמִן בַּיהוָה וַיַּחְשְׁבֶהָ לּוֹ צְדָקָה׃
wehe'emín badonáj wajachschewéha lo zedaká
6 Und er glaubte an Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit gezählt (wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet, so übersetzt man das gewöhnlich).
Um besser zu verstehen, was das bedeutet, damit es keine leeren Worte sind, wenden wir uns hin und schauen, wo das noch verwendet wird. Im Psalm (105,31) (106 in der Synodalübersetzung) wird von Pinchas erzählt:
stand Pinchas auf und betete, und die Epidemie hörte auf; und das wurde ihm als Gerechtigkeit gezählt von Generation zu Generation, auf ewig.
Es ergibt sich, dass Gerechtigkeit nicht nur die Gerechtigkeit eines Menschen sein kann, sondern sie wird irgendwie von Generation zu Generation auf ewig weitergegeben.
Eine andere Stelle, an der wir dem Wort zdaká begegnen, ist das zweite Buch Schmu'el (19,29):
denn das ganze Haus meines Vaters war des Todes schuldig vor meinem Herrn, dem König. Du aber hast deinen Knecht unter die gesetzt, die an deinem Tisch sitzen. Welches Recht habe ich noch, wo habe ich noch eine Zdaka, mich beim König zu beklagen?
Und in Nechemja (2,20) lesen wir:
Ich gab Antworten und sagte ihnen: „Der Gott des Himmels, Er wird es uns gelingen lassen, und wir, Seine Knechte, werden bauen, ihr aber habt keinen Teil und kein Recht, und kein Gedenken in Jerusalem
Das ist das Gespräch Nechemjas mit den Samaritanern, hier spricht er vom Recht.
Dass Awram dem Höchsten geglaubt hat, gab ihm ein Recht, gab ihm die Möglichkeit, irgendwelche Rechte zu erhalten. Und aus dem Aramäischen wird zdaká übersetzt als gab ihm irgendwelche Rechte. Übrigens, sich vor Gericht zu rechtfertigen – das heißt auch, irgendwelche Rechte zu erhalten. Und wenn man sich stark hinreißen lässt, kann man auch das Wort Rechtfertigung als Recht-Fertigung verstehen, obwohl das natürlich ein Midrasch ist. Worum es geht, werden wir im Weiteren verstehen:
וַיֹּאמֶר אֵלָיו אֲנִי יְהוָה אֲשֶׁר הוֹצֵאתִיךָ מֵאוּר כַּשְׂדִּים לָתֶת לְךָ אֶת־הָאָרֶץ הַזֹּאת לְרִשְׁתָּהּ׃
wajómer eláw aní adonáj aschér hozetícha me'ur kasdím látet lechá et-ha'árezDie russische Umschrift setzt hier einen Ch-Laut, das Hebräische hat jedoch He. Daher „ha'árez“ (das Land). hassót lerischtá
7 Und sprach zu ihm: „Ich bin der HERR, der dich aus Ur Kasdim herausgeführt hat, um dir dieses Land zu geben zu seinem Erbe.“
Man kann sagen, dass der Höchste hier (wenn man in menschlicher Sprache spricht) den Abschluss eines Bündnisses mit Awram verkündet. Man könnte sagen, Er macht dem Volk Israel einen Antrag: „Ich will mit dir einen Bund schließen.“
Was antwortet Awram?
וַיֹּאמַר אֲדֹנָי יֱהוִה בַּמָּה אֵדַע כִּי אִירָשֶׁנָּה׃
wajomár adonáj elohím bammá edá ki iraschénna
8 Und sprach: „Adonaj, Adonaj, wie werde ich erkennen, dass ich es erben werde?“
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Frage Awrams zu verstehen: „Wie werde ich erkennen, dass ich es erben werde?“.
Manche sehen darin eine Schwäche Awrams. Es kommt vor, dass ein Mensch, nachdem er etwas Würdiges gesagt hat, sofort Schwäche zeigt. Erinnert euch, als Petrus zuerst sagte: „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes, Du bist der Maschiach.“ Und buchstäblich ein paar Verse später sagt zu demselben Petrus, den der Maschiach gelobt hatte, er (Jeschua) zu ihm: „Geh weg von mir, Satan!“
Manche sagen, dass Awram hier von jener Gerechtigkeit abgewichen ist, und er fragt: „Wie werde ich erkennen, dass ich es erben werde.“ Und die Kommentatoren sagen über diese vier Wörter: bammá edá ki iraschénna (Wie werde ich erkennen, dass ich es erben werde?) – die Strafe für Israel für jedes dieser vier Wörter sind hundert Jahre Aufenthalt in Ägypten, gemäß diesen Kommentaren.
Andere Kommentatoren sehen das in positivem Sinn. Awram sorgt sich und sagt: „Ich habe die Zdaka erhalten, ich bin jetzt vor dem Höchsten durch meinen Glauben gerechtfertigt. Wie werde ich erkennen, dass auch meine Kinder ihren Glauben bewahren können?“ Jeder gläubige Mensch hat eine solche Sorge: „Wie werde ich erkennen, dass auch meine Kinder gläubig sein werden?“
Diese Frage Awrams hat auch noch einen juristischen, sozialen Aspekt. Wenn wir ein Haus kaufen, oder ein Auto, oder etwas Teures, gibt man uns ein Dokument über den Besitz. Wenn wir eine Tasse oder einen Fernseher kaufen, dann gibt man uns dafür vielleicht keine Dokumente, aber wertvolle Dinge erfordern eine Dokumentation, das ist ein Zeugnis für uns und ein Zeugnis für andere, wenn jemand fragt. Wenn Mann und Frau die Ehe schließen (in einen Bund treten), tauschen auch sie Ringe und vollziehen irgendeine Zeremonie, bei der allen klar wird, dass dieses Mädchen die Frau dieses Menschen geworden ist. Sie hat ein weißes Kleid angezogen, einen Ring, ist in die Öffentlichkeit getreten und hat allen bezeugt, dass sie tatsächlich die gesetzliche Ehefrau ist und nicht eine Lebensgefährtin. Man kann diese Frage so verstehen, und die Ereignisse werden sich gerade als Antwort auf diese Frage entwickeln. Und das antwortet der Höchste Awram:
וַיֹּאמֶר אֵלָיו קְחָה לִי עֶגְלָה מְשֻׁלֶּשֶׁת וְעֵז מְשֻׁלֶּשֶׁת וְאַיִל מְשֻׁלָּשׁ וְתֹר וְגוֹזָל׃
wajómer eláw kechá li eglá meschulléschet we'és meschulléschet we'ájil meschullásch wetór wegosál
9 Und sprach zu ihm: „Nimm Mir eine dreijährige Färse, eine dreijährige Ziege und einen dreijährigen Widder, eine Taube und eine Turteltaube.“
Die vier Arten von Opfern hier entsprechen den vier Opfern, die in der Tora erwähnt werden, wo man ebenfalls Jungstiere und Färsen und Widder und Ziegenböcke und Tauben darbringt. Vier Arten von Tieren zum Opfer. Die Kommentatoren finden Parallelen und sagen: „Diese vier Arten von Opfern sind dazu da, die Lage in den künftigen Kriegen zwischen den vier Reichen zu wenden, die Israel angreifen werden.“ Andere sagen: „Das ist gerade die Sühne für jene vier Wörter, die Awram gesagt hat.“ Und es gibt verschiedene Meinungen, aber man kann es so sagen: Das sind alle Arten von Opfern, die es zu jenem Zeitpunkt gibt, von jeder Art ein Tier. Damit niemand sagt: Aber auf dieser Ebene, aber hier ist noch etwas nicht zustande gekommen.
וַיִּקַּח־לוֹ אֶת־כָּל־אֵלֶּה וַיְבַתֵּר אֹתָם בַּתָּוֶךְ וַיִּתֵּן אִישׁ־בִּתְרוֹ לִקְרַאת רֵעֵהוּ וְאֶת־הַצִפֹּר לֹא בָתָר׃
wajikkach-ló et-kol-élle wajwattér otám battáwech wajittén isch-bitró likrát re'éhu we'et-hazippór lo watár
10 Und nahm Ihm alle diese, und er zerlegte sie in zwei Teile, und legte sie in Hälften aus, eine gegenüber der anderen, den Vogel aber zerteilte er nicht.
Die Tora verwendet hier für die Taube und für die Turteltaube eine gemeinsame Bezeichnung. Denn zwei Turteltauben sind ein einziges Opfer, deshalb wird das Paar hier als eines gezählt.
Warum hat er den Vogel nicht zerschnitten? Auf diese Frage antwortet uns vielleicht das Buch Wajikra. Im ersten Kapitel, im siebzehnten Vers, wird die Ordnung beschrieben, wie ein Vogel als Opfer dargebracht wird: Er soll die Flügel des Vogels einknicken, ihn aber nicht in Teile zerteilen, sondern auf dem Altar verbrennen. Das ist ein Ganzopfer, sein Wohlgeruch ist dem HERRN angenehm.
Das Vogelopfer hat einen besonderen Status, aber der Vogel wird nicht zerlegt (das wird im Gebot der Tora im Buch Wajikra kommen). Und Awram kennt hier offenbar schon die Gesetze des Opfers.
So bereitete Awram alles vor, was für das Opfer nötig ist, das ist ein sehr schwieriges Verfahren. Stellt euch vor, dass man auch heute, wenn man zum Beispiel einen Stier oder eine Färse zerlegen muss, sie in einen Schlachthof bringt, zu riesigen Sägen, die sie anheben und zersägen. Selbst mit modernen Technologien ist das kein schneller Prozess, er ist mit einer gewissen Logistik verbunden. Und Awram muss sich ordentlich abgemüht, ordentlich abgearbeitet haben, um diese Körper zu zerschneiden, zu zerteilen.
Awram legte alles aus und bereitete alles vor. Was mag er gedacht haben, während er das tat? Das ist keine einfache Arbeit, der Höchste hat ihm geboten, das zu tun. Was erwartete er davon?
Um diese Frage zu beantworten, wenden wir uns der Archäologie zu. In der Stadt Alalach (das ist das heutige Zentrum der Türkei) wurden viele Tafeln und historische Dokumente gefunden. Und dort gibt es einige Geschichten. Zum Beispiel die Geschichte davon, wie König Abbael I. Ländereien an seinen Bruder Jarim Lim übergab. Und die Geschichte davon, wie der kleine König von Kitik namens Bargaja Ländereien an Metiel, den König von Arpad, übergab. In all diesen Fällen, wenn Land übergeben wurde, wurde eine Schenkung geschlossen, die durch einen Bund zwischen zerteilten Körpern beurkundet wurde. Der Gebende sagte, dass er dieses Land nicht wegnehmen werde, dass er dieses Land freigebe und es als Geschenk übergebe, er legte sich Flüche auf, die damit verbunden waren, dass er nicht versuchen werde, dieses Land zurückzuholen. Wir können in einem der gefundenen Dokumente lesen, dass, wenn Metiel zwischen den zerteilten Körpern hindurchgeht, über ihn gesagt wird: „Wie dieses Kalb zerteilt ist, so soll Metiel zerteilt werden und seine VornehmenDas russische Wort an dieser Stelle kann „wissen, kennen“ oder „der Adel“ bedeuten. Im Zusammenhang des Fluchs ist der Adel gemeint, daher „seine Vornehmen“., wenn er diesen Bund bricht.“
Dasselbe sagt Jirmejahu zu denen, die die Sklaven freilassen wollten: „Wie jenes Kalb, das ihr zerteilt habt, so werdet auch ihr zerteilt werden.“
Das heißt, das ist ein offizielles Zeugnis, das der Höchste Awram gibt, allen umliegenden Völkern verständlich, darüber, dass es kein mündlicher Bund ist, dass Awram nicht nur mit Worten irgendein Land, irgendeine Wohnung übergeben wurde, sondern ihm wurde das Land zum Eigentum übergeben, juristisch beglaubigt. Das ist keine Ehe ohne Trauschein, das ist eine offizielle Eheschließung, ein offizieller Bundesschluss zwischen dem Höchsten und Awram, der ein Zeugnis für Awram und alle Völker sein kann.
Der elfte Vers erzählt uns ein unerwartetes Detail:
וַיֵּרֶד הָעַיִט עַל־הַפְּגָרִים וַיַּשֵּׁב אֹתָם אַבְרָם׃
wajéred ha'ájit al-happegarím wajaschéw otám Awrám
11 Raubvögel stürzten sich auf diese Körper, und Awram verscheuchte sie.
Wozu wird uns das erzählt? Vielleicht ist das so ein literarisches Mittel, um beim Leser die Spannung zu steigern? Aber das ist bei der Tora nicht der Fall.
Manche Ausleger sagen, dass diese Raubvögel ein Symbol des Maschiach sind, ein Symbol des kommenden Gerichts, dem alle Übertreter des Gesetzes in den Zeiten des Maschiach übergeben werden. Und Awram verscheucht diese Vögel, das heißt, er bittet den Höchsten durch diese symbolische Geste, die Tage des Gerichts hinauszuschieben, damit möglichst viele Menschen zur Rettung kommen und den Höchsten erkennen können.
Wir aber versuchen, das mit den Augen eines Menschen aus der Epoche Awrams zu verstehen, soweit das möglich ist.
In Sumer lebte einmal ein König, der Ienatum hieß. Er lebte ungefähr zu jener Zeit. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er ein starker Eroberer war (oder vielleicht zeichnete er sich auch nicht dadurch aus, sondern war, wie auch andere sumerische Könige, ein Eroberer). Mit denen, die er besiegte, schloss er einen Vasallenfrieden. Manchmal hatte dieser Ienatum seine eigenen „Fotoreporter“, und sie haben den Friedensschluss festgehalten, selbstverständlich auf Reliefs und nicht auf Fotografien.
Wir sehen durch die zerteilten, verstreuten Körper all die uns bekannten Bilder, aber auf einigen Reliefs sehen wir Vögel, die sich auf die Leichen stürzen, und das wird als Teil des Vertrags erklärt. „Wenn ich von diesem Vertrag abweiche, dann sollen die Vögel herbeifliegen und meinen Leichnam zerpicken.“ Und so ist das Erscheinen der Vögel in der Vision Awrams schon der Anfang der Offenbarung des Höchsten an ihn.
Wozu muss man einen solchen Bund schließen? Das ist wie ein Zeugnis für Awram. Man kann sagen: Der Höchste hat Awram einen Antrag gemacht. Das ist nicht der Vorschlag, eine Weile zusammenzuleben und zu sehen, was daraus wird. Der Höchste bietet Awram keine Ehe ohne Trauschein an, sondern schließt mit ihm einen Bund so, dass auch die anderen Völker verstehen: Siehe, ein Bund ist geschlossen. Und der Bund ist zwischen zerteilten Körpern geschlossen, damit es sowohl Awram als auch den anderen klar ist – das ist ein Bund, das sind ernsthafte Verpflichtungen. Awram glaubte dem Höchsten, und das wurde sein Verdienst, durch das er endlich das Verheißene erhielt.
Wir werden weiter sehen, dass der Höchste hier sagt: „Siehe, Ich gebe dir jetzt das Versprochene. Und bei der Übergabe dieses Verheißenen übergibt der Höchste es zusammen mit dem Kaufbrief, mit einem offiziellen Dokument, mit dem Abschluss eines Bundes zum Zeugnis für alle, gemäß dem, wie das damals in der ganzen Welt klar und verständlich war. Der Bund wird mit dem bereits würdigen Awram geschlossen. Würdig, weil er geglaubt hat.
Wir lesen also im zwölften Vers:
וַיְהִי הַשֶּׁמֶשׁ לָבוֹא וְתַרְדֵּמָה נָפְלָה עַל־אַבְרָם וְהִנֵּה אֵימָה חֲשֵׁכָה גְדֹלָה נֹפֶלֶת עָלָיו׃
wajhí haschémesch lawó wetardemá nafelá al-Awrám wehinné emá chaschechá gedolá nofélet aláw
12 Die Sonne begann unterzugehen, und ein Schlaf überfiel Awram, und siehe, Schrecken und Finsternis überfallen ihn.
Die Sonne begann unterzugehen (oder sich dem Sonnenuntergang zuzuneigen). Auf Hebräisch sagt man die Sonne kam, das heißt, die Sonne kam dorthin, wohin sie seit dem Morgen ging.
וַיֹּאמֶר לְאַבְרָם יָדֹעַ תֵּדַע כִּי־גֵר יִהְיֶה זַרְעֲךָ בְּאֶרֶץ לֹא לָהֶם וַעֲבָדוּם וְעִנּוּ אֹתָם אַרְבַּע מֵאוֹת שָׁנָה׃
wajómer le'Awrám jadóa tedá ki-gér jihjé sar'achá be'érez lo lahém wa'awadúm we'innú otám arbá me'ót schaná
13 Und der HERR sprach zu Awram: „Mit Wissen wirst du erkennen, dass dein Samen ein Fremdling sein wird in einem Land, das ihnen nicht gehört; und man wird sie versklaven und sie quälen vierhundert Jahre.
Wir wissen (wir haben das Buch Bereschit gelesen), dass es um das Exil nach Ägypten geht. Und wir haben auch im zwölften Kapitel des Buches Schemot gelesen, dass das Exil vierhundertdreißig Jahre dauerte. Woher kommt dieser Unterschied von dreißig Jahren? Warum hier vierhundert und dort vierhundertdreißig? Und viele sagen, dass der Höchste hier einfach gerundet hat. Aber die Tora hat ja keine Angst vor unrunden Zahlen. Daraus schließen viele, dass der Bund mit Awram dreißig Jahre vor der Geburt Jizchaks geschlossen wurde, als Awram siebzig Jahre alt war. Das heißt, noch bevor Awram aus Ur Kasdim auszog und irgendwo, irgendwie durch das Land Israel reiste, bat er den Höchsten um dieses Land, betete für dieses Land, und der Höchste versprach es ihm. Und jetzt beschreibt die Tora das.
Es gibt eine solche Version, sie ist vielleicht schön und stimmt mit der Arithmetik überein, aber sie passt meiner Ansicht nach nicht ins Gesamtbild. Und ich denke, dass man diese vierhundert Jahre anders verstehen kann.
וְגַם אֶת־הַגּוֹי אֲשֶׁר יַעֲבֹדוּ דָּן אָנֹכִי וְאַחֲרֵי־כֵן יֵצְאוּ בִּרְכֻשׁ גָּדוֹל׃
wegám et-haggój aschér ja'awódu dan anóchi we'achare-chén jezeú birchúsch gadól
14 Aber das Volk, dem sie dienen werden, werde Ich richten, und danach werden sie mit großem Besitz ausziehen.
Was bedeutet das? Der Höchste sagt zu Awram: „Du fürchtest, dass deine Kinder aus diesem Land weggehen werden. Und Ich sage dir: ‚Ja, sie werden aus diesem Land weggehen. Nicht einfach weggehen, nicht nach Amerika umziehen, um ihr Geschäft auszubauen, nein. Sie werden weggehen und in die Sklaverei geraten, und vielleicht wird das Volk sie nicht so behandeln, wie du deinen Sklaven Elieser behandelst. Im Gegenteil, man wird sie quälen, man wird sie versklaven. Trotzdem werde Ich sie zurückbringen.‘“
וְאַתָּה תָּבוֹא אֶל־אֲבֹתֶיךָ בְּשָׁלוֹם תִּקָּבֵר בְּשֵׂיבָה טוֹבָה׃
we'attá tawó el-awotécha beschalóm tikkawér bessewá towá
15 Du aber wirst in Frieden zu deinen Vätern gehen, in gutem grauem Haar wirst du begraben werden.
„Das, wovor du dich gefürchtet hast, dass du allein weggehen wirst. Nein. Du wirst in Frieden weggehen, alles wird bei dir gut sein.“
וְדוֹר רְבִיעִי יָשׁוּבוּ הֵנָּה כִּי לֹא־שָׁלֵם עֲוֹן הָאֱמֹרִי עַד־הֵנָּה׃
wedór rewi'í jaschúwu hénna ki lo-schalém awón ha'emorí ad-hénna
16 Und ihre vierte Generation wird hierher zurückkehren, denn der Kelch der Sünden dieser Völker ist noch nicht übervoll.“
Die Kommentatoren streiten sogar über die Übersetzung selbst. Manche sagen: „Hier geht es nicht um die Emoriter, hier geht es um eine Aussage. Eben diese vier Wörter wie werde ich erkennen, dass ich erben werde werden dazu führen, dass vier Generationen im Exil sein werden, und die vierte wird zurückkehren, wenn der Kelch der Rede (emor) übervoll wird, dessen, was du gesagt hast.“ Andere sagen, dass die Emoriter eine gemeinsame Bezeichnung für alle Völker sind, die dort in Kanaan leben. Höchstwahrscheinlich ist gerade die zweite Version die zutreffendste: der Kelch der Sünden dieser Völker ist noch nicht übervoll.
וַיְהִי הַשֶּׁמֶשׁ בָּאָה וַעֲלָטָה הָיָה וְהִנֵּה תַנּוּר עָשָׁן וְלַפִּיד אֵשׁ אֲשֶׁר עָבַר בֵּין הַגְּזָרִים הָאֵלֶּה׃
wajhí haschémesch bá'a wa'alatá hajá wehinné tannúr aschán welappíd esch aschér awár ben haggesarím ha'élle
17 Und siehe, die Sonne war ganz untergegangen, Finsternis bedeckte alles. Und siehe, ein rauchender Ofen und eine feurige Fackel, die zwischen diesen Teilen hindurchging.
Was ist der rauchende Ofen und die feurige Fackel? Fährt Gott auf einem Ofen? In Jeschajahu (31,9) wird vom Ofen Gottes gesprochen:
und seine Kraft wird vor Furcht vergehen, und seine Fürsten werden vor dem Banner erschrecken, das Wort des HERRN, dessen Feuer in Zion ist und Sein Ofen in Jeruschalajim.
Das heißt, der Höchste hat einen Ofen in Jeruschalajim. Das ist ein Bild für die Bestrafung der Sünder.
Was für eine Fackel? Von der Fackel lesen wir im 62. Kapitel des Buches des Propheten Jeschajahu:
um Zions willen werde ich nicht schweigen und um Jeruschalajims willen werde ich nicht ruhen, bis Seine Gerechtigkeit hervorgeht wie ein Glanz und Seine Rettung wie eine brennende Fackel.
Strafe – der Ofen, Rettung – die Fackel. Beide Seiten: Gericht und Rechtfertigung, Gnade und Gericht – gingen beim Schließen des Bundes hindurchDer russische Satz ist an dieser Stelle grammatisch unklar. Die Übersetzung bleibt nah am Wortlaut..
Ab dem achtzehnten Vers lesen wir von einem sehr wichtigen Ereignis:
בַּיּוֹם הַהוּא כָּרַת יְהוָה אֶת־אַבְרָם בְּרִית לֵאמֹר לְזַרְעֲךָ נָתַתִּי אֶת־הָאָרֶץ הַזֹּאת
bajóm hahú karát adonáj et-awrám berít lemór lesar'achá natátti et-ha'árez hassót
18 An diesem Tag schloss der HERR mit Awram einen Bund und sprach: „Deinem Samen habe Ich dieses Land gegeben,
Wenn der Höchste in den vorigen Kapiteln „Ich werde geben!“ sagte, so schließt der Höchste hier, nachdem Awram den Sieg errungen hat, nach der Darbringung der Zehnten, nachdem er seinen Glauben bezeugt hat und gewürdigt wurde, einen Bund. Warum vergleiche ich das mit der Ehe? Weil auch die Ehe ein Bund ist. Der Höchste sagt: „Das ist keine Ehe ohne Trauschein. Wir schließen den Bund vor dem ganzen ehrbaren Volk, Ich habe dir (schon in der Vergangenheitsform) jetzt dieses Land gegeben.“
מִנְּהַר מִצְרַיִם עַד־הַנָּהָר הַגָּדֹל נְהַר־פְּרָת׃
… Minnehár mizrájim ad-hannahár haggadól nehar-perát
… vom Ägyptischen Bach bis zum Großen Fluss, dem Fluss Prat.
Das heißt, das Verheißene erhielt Awram durch den Glauben. Durch den Glauben wurde er würdig, erhielt er das Recht, das Verheißene zu erlangen. Und als der Höchste Awram herausführte, erinnern wir uns, wie Er sagte: „Ich werde dich zum Vater vieler Völker machen“, das heißt: „Ich werde dich so verändern, dass du Vater vieler Völker sein kannst. Ich werde dich auf das Erben dieses Landes vorbereiten.“ Und das Zeugnis dieser Veränderung ist, als Awram dem Höchsten seinen Glauben bezeugte. Der Glaube gab ihm das Recht auf die Erfüllung der Verheißungen. Das ist seine bestandene Prüfung.
Und weiter werden die Länder der Völker aufgezählt, die der Höchste gegeben hat:
אֶת־הַקֵּינִי וְאֶת־הַקְּנִזִּי וְאֵת הַקַּדְמֹנִי׃
et-hakkení we'et-hakkenissí we'ét hakkadmoní
19 Den Keniter und den Kenisiter und den Kadmoniter.
וְאֶת־הַחִתִּ וְאֶת־הַפְּרִזִּי וְאֶת־הָרְפָאִים׃
we'et-hachittí we'et-happerissí we'et-harefa'ím
20 Und den Chittiter und den Perisiter und die Refaim.
וְאֶת־הָאֱמֹרִי וְאֶת־הַכְּנַעֲנִי וְאֶת־הַגִּרְגָּשִׁי וְאֶת־הַיְבוּסִי׃ ס
we'et-ha'emorí we'et-hakkena'aní we'et-haggirgaschí we'et-hajwussí
21 Und den Emoriter und den Kanaaniter und den Girgaschiter und den Jebusiter.
„Die Länder dieser Völker gebe Ich dir, und sie alle werden vertrieben werden. Und obwohl es heute de facto noch nicht geschehen ist, verspreche Ich dir: Jetzt ist es dein Land. Es wird nicht dein sein, es ist schon jetzt dein.“
Das ist ein epochales Ereignis in der jüdischen Geschichte.
Im vorigen Kapitel haben wir von vielen wichtigen historischen Ereignissen gelesen. Der Höchste schloss mit Awram den Bund zwischen den zerteilten Körpern. Der Höchste eröffnete Awram ein Stück weit, dass seine Nachkommen vierhundert Jahre lang Verbannte in einem fremden Land sein werden und in der vierten Generation in das kanaanäische Land zurückkehren werden. Der Höchste sagte zum ersten Mal zu Awram: „Siehe, Ich habe dir dieses Land gegeben.“ Zum ersten Mal, weil davon gesprochen wird, dass das Land Awram schon gegeben ist.
In unserem 16. Kapitel kehren wir in das Haus Awrams zurück, und die Tora wird uns wieder zeigen, was bei Awram und Saraj in der Familie geschieht. Wir werden ab dem ersten Vers lesen:
וְשָׂרַי אֵשֶׁת אַבְרָם לֹא יָלְדָה לוֹ וְלָהּ שִׁפְחָה מִצְרִית וּשְׁמָהּ הָגָר׃
weSaráj éschet Awrám lo jaledá lo welá schifchá mizrít uschmá Hagar
1 Und Saraj, die Frau Awrams, gebar ihm nicht, aber Saraj hat eine ägyptische Sklavin, und ihr Name ist Hagar.
Manche sagen, dass das nicht einfach eine Sklavin ist, das ist die Tochter des Pharaos selbst. Als Saraj im Haus des Pharaos war, sah er sich ihre Manieren an, wie sie lebt, sah sich dann auch ihren Mann an und urteilte (so sagen die Midraschim): „Soll meine Tochter lieber Sklavin in diesem Haus sein, als dass sie Prinzessin in meinem ist. Dort wird man sie besser erziehen.“ Und gemäß diesen Midraschim ist Hagar nicht einfach Hagar, die Magd, sie ist eine ägyptische Prinzessin.
Aber das einfachere Verständnis ist folgendes. Als Awram und Saraj aus dem Haus des Pharaos auszogen, beschenkte er sie mit vielen Geschenken. Unter anderem erhielt auch Saraj diese Sklavin als Geschenk. Und das ist einfach eine Sklavin namens Hagar.
וַתֹּאמֶר שָׂרַי אֶל־אַבְרָם הִנֵּה־נָא עֲצָרַנִי יְהוָה מִלֶּדֶת
wattómer Saráj el-Awrám hinne-ná azaráni Adonáj millédet
2 Und Saraj sprach zu Awram: „siehe, der HERR hat mich davon abgehalten, zu gebären
Ich gebäre nicht, und das ist keine Verwünschung, keine Zauberei und nichts Medizinisches, das ist Gottes Wille, offenbar, dass ich unfruchtbar sein soll. Zehn Jahre leben Awram und Saraj in Kanaan, das ist eine lange Zeit für den Versuch, schwanger zu werden. Awram und Saraj haben das Buch Bereschit nicht gelesen, sie wissen nicht, wie alles enden wird. Sie sind Menschen, die dem HERRN treu sind, treu Seinen Verheißungen so, wie sie sie verstehen. Und für Saraj war es durchaus vernünftig zu urteilen: „Vielleicht hat Gott entschieden, dass ich unfruchtbar bin, vielleicht soll ich ein Kind von der Sklavin bekommen, vielleicht soll Awram Samen von jemand anderem haben.“ Und Saraj sagt zu Awram:
בֹּא־נָא אֶל־שִׁפְחָתִי אוּלַי אִבָּנֶה מִמֵּנָּה
bo-ná el-schifchatí uláj ibbané mimménna
… geh ein zu meiner Sklavin, vielleicht werde ich durch sie aufgebaut.“
Das Verb ibbané kann man übersetzen: ich werde durch sie aufgebaut oder ich werde durch sie besohnt. „Vielleicht, wenn sie gebiert, werde auch ich gebären. Ihre Geburt ist ein Segen. Ihre Schwangerschaft wird zum Segen meiner Schwangerschaft führen.“ Höchstwahrscheinlich ist hier die erste Bedeutung gemeint: ich werde durch sie aufgebaut. Sie wird einen Sohn gebären, und das wird mein Sohn sein.
וַיִּשְׁמַע אַבְרָם לְקוֹל שָׂרָי׃
Wajischmá Awrám lekól Saráj
… und Awram hörte auf die Stimme Saras.
Und auch hier gibt es zwei verschiedene Verständnisse. Die einen sagen, dass Awram dachte: „Ja, wahrscheinlich hat Gott so entschieden, dass du unfruchtbar bist und man das Kind irgendwie anders gebären muss.“
Andere Kommentatoren meinen, dass Awram hier gar nicht an die Verheißung dachte. Er hörte den ganzen Schmerz und die Bitterkeit in Saras Stimme und hörte deshalb auf ihre Stimme (die Intonation, indem er in die Stimme hineinhorchte), erschrak und willigte ein.
וַתִּקַּח שָׂרַי אֵשֶׁת־אַבְרָם אֶת־הָגָר הַמִּצְרִית שִׁפְחָתָהּ מִקֵּץ עֶשֶׂר שָׁנִים לְשֶׁבֶת אַבְרָם בְּאֶרֶץ כְּנָעַן וַתִּתֵּן אֹתָהּ לְאַבְרָם אִישָׁהּ לוֹ לְאִשָּׁה׃
3 Und Saraj, die Frau Awrams, nahm Hagar, die Ägypterin, ihre Sklavin, nach zehn Jahren von Awrams Leben im kanaanäischen Land, und gab sie Awram, ihrem Mann, zur Frau.
וַיָּבֹא אֶל־הָגָר וַתַּהַר וַתֵּרֶא כִּי הָרָתָה וַתֵּקַל גְּבִרְתָּהּ בְּעֵינֶיהָ׃
wajawó el-hagar wattáhar wattére ki haráta wattekál gewirtá be'enéha
4 Und er ging ein zu Hagar, und sie wurde schwanger; und sie sah, dass sie schwanger geworden war, und die Herrin wurde verächtlich in ihren Augen.
Lasst uns versuchen zu verstehen, was in dieser Geschichte überhaupt geschieht. Warum hat Sara eine solche Idee? Warum hört Awram auf sie? Und was geschieht weiter?
Awram und Saraj leben vor der Gabe der Tora, aber das bedeutet nicht, dass es ringsum keine Gesetze gibt, keine irgendwelchen Bräuche und Traditionen. Wir haben im vierzehnten Kapitel von Bereschit den König Hammurapi erwähnt (ein babylonischer König, zu einer gewissen Zeit Eroberer der ganzen Region). Unter anderem ist er auch noch Gesetzgeber. Er hat einige der ältesten Gesetze im Nahen Osten aufgestellt, die die Lebensordnung irgendwie regelten. Unter anderem betrafen die Gesetze auch unsere Situation.
Ich werde einen Auszug aus diesen Gesetzen vorlesen, und wir werden versuchen zu verstehen, was sie mit uns zu tun haben. Ich lese die Paragraphen 144–146 (die Gesetze Hammurapis sind im Netz zugänglich, und man kann sie nachlesen).
144. Wenn ein Mann eine unfruchtbare Frau zur Frau genommen hat und sie ihrem Mann eine Sklavin gegeben hat und ihn Söhne haben ließ, und dieser Mann will sich eine Nebenfrau nehmen außer seiner Frau und außer ihrer Sklavin, so soll man es ihm nicht erlauben, er kann sich keine Nebenfrau nehmen.
Wenn Saraj ihre Sklavin Awram zur Frau gibt, wird klar, dass Awram niemanden mehr zur Frau nehmen kann. Das ist, wenn man sich Saraj einfach als Frau vorstellt, auch noch eine Sorge um den Erhalt der Familie. Zehn Jahre lebt Awram mit Saraj, zehn Jahre ist Saraj unfruchtbar. Und da sie nicht einfach in der Bibel steht, sondern eine reale Frau ist, ein realer Mensch, hat sie möglicherweise allerlei verschiedene Zweifel darüber, woher ihre Unfruchtbarkeit kommt, darüber, wie Awram Kinder bekommen soll und wie sie ihre Familie erhalten kann.
145. Wenn ein Mann eine unfruchtbare Frau zur Frau genommen hat und sie ihn keinen Sohn haben ließ, und er will sich eine Nebenfrau nehmen, so kann dieser Mann sich eine Nebenfrau nehmen und sie in sein Haus bringen. Aber diese Nebenfrau soll sich der unfruchtbaren Frau nicht gleichstellen.
Das ist gleichsam die Fortsetzung des vorigen Paragraphen. Wenn Saraj nicht gebiert und sie keine Sklavin hat oder ihre Sklavin auch nicht gebiert, dann kann Awram nach den Gesetzen jener Zeit eine Nebenfrau bringen, und sie wird ihm gebären. Hier macht das Gesetz sofort einen Vorbehalt: aber diese Nebenfrau wird ihrer Herrin nicht gleich sein. Wozu ist ein solcher Vorbehalt nötig? Es ist klar, dass eine Frau, die schwanger wird und gebären kann, sich über ihre Herrin erheben kann. Das ist es, was wir in unserem Fall lesen. Als Hagar begriff, dass sie schwanger geworden war, begann sie, sich über ihre Herrin zu erheben. Was tun in einem solchen Fall? Und davon handelt der nächste Paragraph des Gesetzes Hammurapis.
146. Wenn ein Mann eine unfruchtbare Frau zur Frau genommen hat und sie ihrem Mann eine Sklavin gegeben hat, und diese hat Söhne geboren, und danach hat diese Sklavin begonnen, sich ihrer Herrin gleichzustellen, und nachdem sie Söhne geboren hat, soll die Herrin sie nicht für Silber verkaufen.
Das ist buchstäblich das, was zwischen Saraj und Hagar geschieht. Hier gibt es einen sozialen Schutz der Sklavin. Man darf sie nicht verkaufen und die Kinder behalten. Man darf sie nicht von ihren Söhnen trennen. Was darf man denn? Die Herrin kann der Sklavin Sklavenzeichen auferlegen und sie zu den Sklavinnen zählen. Was kann die Herrin tun? Sie kann zu ihr sagen: „Meine Schöne, du denkst, du bist die Frau des Herrn? Ihm bist du Frau, aber mir bist du Sklavin. Darum geh an die schmutzigsten Arbeiten, wie eine gewöhnliche Sklavin. Geh, spül das Geschirr, räum den Hof auf, weißle die Decke. Du wirst alles tun, was ich sage. Du bist eine Sklavin.“
Das sind die Gesetze jener Zeit, die damals existierten. Es gibt auch die Gesetze von Nusi. Auf den Tafeln von Nusi ist eine Geschichte gefunden worden, dass ein Mann seine Tochter GiljamnagaDer Name ist so wiedergegeben, wie er im Russischen steht. In der Fachliteratur heißt die Frau aus den Tafeln von Nusi meist Gilimninu. verheiratet. Und er verlangt vom künftigen Ehemann, dass dieser keine zweite Frau nimmt. Und falls seine Tochter sich als unfruchtbar erweist, so hat er ihr für diesen Fall eine Sklavin zum Geschenk gegeben. Wir sehen, in der ganzen Region gibt es solche Gesetze. Allen ist dieses Problem bekannt, dass eine so schwanger gewordene Sklavin beginnen kann, ihre Herrin zu missachten. Eine für jene Zeiten alltägliche Situation. Natürlich sind wir weit von der Sklaverei entfernt, und uns kommt das alles schrecklich vor. Und das Verhältnis, wenn eine Frau ihrem Mann eine andere Frau gibt, kommt uns auch schrecklich vor. So macht man es schon lange nicht mehr, seit der Zeit der Gabe der Tora. Denn die Tora hat verboten, dass eine kanaanäische Sklavin, während sie Sklavin bleibt, Ehefrau wird. Man muss sie zuerst freilassen. Und das ist eine andere Geschichte. Aber wir lesen in der Tora auch von Lea und von Rachel, dass sie ihre Sklavinnen Jaakow als Nebenfrauen gaben, das heißt, in jenen Zeiten, in jener Region war das eine bekannte Geschichte.
Schlomo spricht im Buch Mischle von einer ähnlichen Situation:
Unter dreien erbebt die Erde, vier kann sie nicht tragen: einen Sklaven, wenn er König wird; einen Schurken, wenn er sich an Brot satt isst; eine verhasste Frau, die verheiratet wird, und eine Sklavin, wenn sie den Platz ihrer Herrin erbt.
Diese vier Erscheinungen nennt Schlomo unerträglich für die Erde. Die Erde kann so etwas nicht ertragen. Und es ist verständlich, wie bitter Saraj von dieser ganzen Situation ist.
וַתֹּאמֶר שָׂרַי אֶל־אַבְרָם חֲמָסִי עָלֶיךָ אָנֹכִי נָתַתִּי שִׁפְחָתִי בְּחֵיקֶךָ וַתֵּרֶא כִּי הָרָתָה וָאֵקַל בְּעֵינֶיהָ יִשְׁפֹּט יְהוָה בֵּינִי וּבֵינֶיךָ׃
wattómer saráj el-awrám chamassí alécha anochí natátti schifchatí bechekécha wattére ki haráta wa'ekál be'enéha jischpót adonáj bení uwenécha
5 Und Saraj sprach zu Awram: „Meine Kränkung über dich, ich habe dir die Sklavin an deine Brust gegeben, und sie sah, dass sie schwanger geworden war, und ich wurde verachtet in ihren Augen. Der HERR richte zwischen mir und dir!“
Es ist nicht ganz verständlich, warum Saraj, die eigentlich die ganze Suppe eingebrockt hat, jetzt kommt und zu Awram solche Worte sagt. Vielleicht gibt es hier, wie die Kommentatoren sagen, einen rein weiblichen Zweifel. Vielleicht hat Awram Hagar nachts etwas zugeflüstert, ihr so etwas gesagt, dass sie sich erlaubte, sich zu erheben. Vielleicht wirft Awram liebende Blicke auf ihr wachsendes Bäuchlein, und Saraj ist natürlich, als Frau, eifersüchtig und begreift, dass das Hagar in ihrer Erhebung, ihrer Missachtung Sarajs ermutigt.
Einige Kommentatoren sagen, dass Awram Saraj zurückhielt. Als Hagar sich zur Schau stellte, Stolz und Erhebung zeigte, sagte Awram: „Hab Geduld, Saralein, sie ist doch immerhin die Mama meines künftigen Sohnes.“ Und Saraj hatte das alles satt, sie kam und sagte: „Meine Kränkung über dich, schaff Ordnung im Haus, weise wenigstens diese Hagar in die Schranken, die sich über mich erhebt. Warum sagst du ihr nichts? Gott richte zwischen mir und dir.“
Das sind Worte der Kränkung. „Fürchtest du Gott etwa nicht? Wir haben das alles doch mit dem Verständnis von Gottes Willen begonnen. Fürchtest du Gott etwa nicht?“ Einige Kommentatoren sehen darin einen sehr kühnen Satz und sagen, dass Sara hundertsiebenundzwanzig Jahre lebte. Das ist für jene Zeiten ein verhältnismäßig geringes Alter, und man hat ihr wegen dieses Satzes das Leben verkürzt. Wenn du zu jemandem sagst: „Der HERR richte!“, dann trittst du selbst auch vor Gericht und kannst selbst auch verurteilt werden. Und die Kommentatoren führen Saraj als Beispiel an.
Ich denke (man möchte es zur Rechtfertigung Sarajs sagen), dass das Worte der Kränkung sind, Worte des Kummers. Was antwortet Awram?
וַיֹּאמֶר אַבְרָם אֶל־שָׂרַי הִנֵּה שִׁפְחָתֵךְ בְּיָדֵךְ עֲשִׂי־לָהּ הַטּוֹב בְּעֵינָיִךְ וַתְּעַנֶּהָ שָׂרַי וַתִּבְרַח מִפָּנֶיהָ׃
wajómer awrám el-saráj hinné schifchatéch bejadéch assi-lá hattów be'enájich watte'annéhaDie russische Umschrift hat hier einen überzähligen Buchstaben. Nach dem Hebräischen heißt es „watte'annéha“ (und sie bedrückte sie). saráj wattiwrách mippanéha
6 Und Awram sprach zu Saraj: „Siehe, deine Sklavin ist in deinen Händen, tu mit ihr das, was in deinen Augen gut ist.“ Und Saraj begann, ihr schwere Arbeiten aufzuerlegen, und Hagar floh vor ihrem Angesicht.
„Tu mit ihr, was du willst. Ich beanspruche nicht, dass sie meine Frau ist. Ich bestätige, dass sie deine Sklavin ist, und du kannst mit ihr verfahren wie eine Herrin.“ Und Saraj begann, ihr schwere Arbeiten aufzuerlegen.
Dieses Verb watte'annéhaWie im Vers zuvor folgt die Umschrift dem Hebräischen; die russische Schreibung hat hier einen überzähligen Buchstaben. kann man übersetzen als quälen, peinigen. Aber in vielen Fällen, an vielen Stellen, zum Beispiel im ersten Kapitel des Buches Schemot, kann man dieses Verb verstehen als mit schwerer Arbeit anstrengen. Wir haben in den Gesetzen gelesen, dass die Herrin genau so verfahren kann, wenn die Sklavin das Verständnis dafür verliert, wer sie ist, um sie an ihren Platz zu stellen. Saraj begann, ihr schwere Arbeiten aufzuerlegen, und das kann natürlich eine überhebliche schwangere Frau stark kränken. Außerdem kann die Arbeitgeberin, die Sklavenhalterin, sehr grausam sein.
Hagar kann mit der Kränkung nicht fertigwerden, mit der Bitterkeit, mit dieser Bedrückung, dass man sie offenbar ständig zwingt, etwas zu tun, und sie flieht in die Wüste.
וַיִּמְצָאָהּ מַלְאַךְ יְהוָה עַל־עֵין הַמַּיִם בַּמִּדְבָּר עַל־הָעַיִן בְּדֶרֶךְ שׁוּר׃
wajimza'á mal'ách adonáj al-én hammájim bammidbár al-ha'ájin bedérech schur
7 Und der Engel des HERRN fand sie an der Quelle der Wasser, in der Wüste, am Quell, auf dem Weg nach Schur.
Das Wort én kann man mit Auge übersetzen. Überhaupt sind Quelle und Auge in der Bedeutung nahe Wörter. Also, der Engel findet sie am Quell, und dieser Quell wird auch noch Auge genannt (das wird uns später nützlich sein).
וַיֹּאמַר הָגָר שִׁפְחַת שָׂרַי אֵי־מִזֶּה בָאת וְאָנָה תֵלֵכִי וַתֹּאמֶר מִפְּנֵי שָׂרַי גְּבִרְתִּי אָנֹכִי בֹּרַחַת׃
wajomár hagar schifchát saráj e-missé wat we'ána teléchi wattómer mippené saráj gewirtí anochí boráchat
8 Und der Engel sprach zu ihr: „Hagar, Sklavin Sarajs, woher kommst du und wohin wirst du gehen?“ Und sie sprach: „ich fliehe vor Saraj, meiner Herrin.“
Das heißt, der Engel nennt sie sofort nach ihrem Status. Nicht Hagar eschet awrám – Hagar, Frau Awrams, wie ganz am Anfang Saraj genannt wird, sondern Hagar – Sklavin Sarajs. Ich spreche dich in diesem Status an. Hier erkennt auch Hagar an, dass Saraj ihre Herrin ist.
וַיֹּאמֶר לָהּ מַלְאַךְ יְהוָה שׁוּבִי אֶל־גְּבִרְתֵּךְ וְהִתְעַנִּי תַּחַת יָדֶיהָ׃
wajómer la mal'ách adonáj schúwi el-gewirtéch wehit'anní táchat jadéha
9 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: „Kehr zurück zu deiner Herrin und quäle dich unter ihrer Hand.“
Das heißt, kehr zu Saraj zurück und demütige dich, ertrage es, dass sie dich erniedrigen wird.
וַיֹּאמֶר לָהּ מַלְאַךְ יְהוָה
wajómer la mal'ách adonáj …
10 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr:
Beachtet, beide Verse beginnen mit den Worten und der Engel des HERRN sprach zu ihr. Warum nicht aus seinen Worten ein einziges Zitat bilden? Warum wiederholt es sich zweimal? Weil eine Antwort erwartet wird. Das heißt, nachdem der Engel gesagt hatte „Kehr zurück zu Saraj …“, hätte eine Antwort Hagars folgen sollen. Aber vielleicht sitzt sie da, weint, schweigt und sagt nichts. Darum tritt der Engel erneut in das Gespräch ein. Das ist die darstellende Kunst der Tora bei der Beschreibung eines Gesprächs.
Also, der Engel des HERRN sagt zu Hagar:
הַרְבָּה אַרְבֶּה אֶת־זַרְעֵךְ וְלֹא יִסָּפֵר מֵרֹב׃
harbá arbé et-sar'éch weló jissafér merów
„ich werde deinen Samen viel, viel mehren. und so, dass die Menge nicht gezählt werden kann.“
Offenbar antwortet Hagar immer noch nicht. Das ist nicht, weil sie so frech ist. Stellt euch vor, vielleicht sitzt sie da und weint bitterlich, weil sie ein Mensch ist. Eine schwangere Sklavin, die man gezwungen hat, irgendeine Beziehung mit dem Herrn einzugehen. Und sie wollte eine Beziehung, und ist in die Klemme geraten. Ihr ist einfach bitter zumute, und sie möchte weinen.
וַיֹּאמֶר לָהּ מַלְאַךְ יְהוָה הִנָּךְ הָרָה וְיֹלַדְתְּ בֵּן וְקָרָאת שְׁמוֹ יִשְׁמָעֵאל כִּי־שָׁמַע יְהוָה אֶל־עָנְיֵךְ׃
wajómer la mal'ách adonáj hinnách hará wejoládt ben wekarát schemó jischma'él ki-schamá adonáj el-onjéch
11 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: „Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären, und du wirst ihn mit dem Namen Jischmael nennen, denn der HERR hat von deiner Bedrängnis (von deiner Versklavung) gehört.
Das klingt ein wenig seltsam. Der Engel sagt zu Hagar ungefähr so: Gott hat dein Schreien darüber gehört, wie du in der Versklavung bei Saraj leidest, und hat zu dir gesagt: „Kehr zu Saraj zurück und lass dich dort versklaven, und wenn dir ein Sohn geboren wird, wirst du ihn voller Dankbarkeit Gott hat gehört nennen.“ Wo ist hier denn der Trost? Wo ist hier denn der Gott, der gehört hat, wenn Er gehört und gesagt hat: „Na, dann muss es eben so sein“?
Und in den folgenden Worten des Engels liegt eben der Trost für Hagar:
וְהוּא יִהְיֶה פֶּרֶא אָדָם
wehú jihjé pére adám …
12 Und er wird ein Wildmensch sein…
Pere bedeutet wild, aber eine weitere Bedeutung ist Wildesel. Das ist eine solche Art von Eseln, die durch die Wüste zieht und sich weder domestizieren noch abrichten lässt. Das heißt, er wird ein Mensch sein, den niemand versklaven oder bändigen kann.
יָדוֹ בַכֹּל וְיַד כֹּל בּוֹ
jadó wakkól wejád kol bo
… seine Hand auf allem (er wird in alles verwickelt sein, wird an allem teilhaben, und alles wird durch ihn geschehen).
Das ist eine sehr vielschichtige, vielseitige Prophetie, aber im Grunde ist sie ein Trost für Hagar über das Schicksal, über die Aussichten ihrer Nachkommen, die sowohl Freiheit als auch Macht und Kraft erlangen werden – alles, was Hagar vielleicht für sich und für ihren Sohn will.
וְעַל־פְּנֵי כָל־אֶחָיו יִשְׁכֹּן׃
we'al-pené chol-echáw jischkón
…und vor all seinen Brüdern wird er leben.
Man nimmt an, dass die Nachkommen Jischmaels Händler sind, diejenigen, die mit Handel beschäftigt sind, diejenigen, die sich mit Karawanen befassen, und deshalb sind sie zerstreut. Das ganze Handelsnetz gehört in geistlicher Hinsicht Jischmael, die ganze Kaufmannschaft.
Es geht hier darum, dass du dich jetzt unter die Hand deiner Herrin versklaven lässt, dein Sohn aber ein Mensch sein wird, den niemand versklaven kann, denn er ist pére adám, und sein Name wird Jischmael sein, denn gehört hat, der HERR, von deinem Leiden.
Es gibt einen interessanten Midrasch in der Midraschsammlung Pirkej de Rabbi Elieser im 32. Abschnitt. Warum wird sein Name Jischmael genannt? Warum enthält dieser Name ein Verb in der Zukunftsform – Gott wird hören, und nicht in der Vergangenheit – Gott hat gehört? Weil Gott in der Zukunft das Schreien des Volkes Israel hören wird wegen dessen, was die Nachkommen Jischmaels tun werden. Der Midrasch sagt, dass die Nachkommen Jischmaels in Zukunft Israel bedrängen werden, wie Saraj Hagar bedrängte. Wozu wird das sein? Damit das Volk Israel zum Höchsten umkehrt. Gemäß diesen Midraschim ist Jischmael das Werkzeug des Höchsten für die Umkehr Israels. In der Zukunft werden die Nachkommen Jischmaels Israel bedrängen. Und hier verweist der Midrasch auf den Psalm (55,20): „Gott wird hören und sie demütigen, der von alters her Thronende.“ Jischmael wörtlich „wird sie demütigen, wird sie versklaven“, wiederum dasselbe Verb, mit dem gesagt wird, dass Saraj Hagar bedrängte, und dass Gott die Bedrängnis Hagars hörte. Und daraus der Schluss: Jischmael hat eine Bestimmung, er wird die Geißel des Höchsten zur Demütigung des Volkes Israel sein. Das ist Vergeltung Maß für Maß, nach Meinung dieser Midraschim, dafür, dass Saraj Hagar bedrängte.
Also, worin besteht denn der Trost für Hagar? Warum sagt der Höchste: „Ich habe gehört, und jetzt kehr zurück und lass dich versklaven“? Die erste Möglichkeit des Verständnisses: Ich habe gehört, und dein Sohn, deine Nachkommenschaft werden frei und durch nichts gebunden sein. Die Freiheit, die du willst, wirst du durch deine Kinder in deiner Nachkommenschaft bekommen.
Das zweite Verständnis, und das ist mehr ein Midrasch für uns, für Israel. Es war natürlich kein Trost für Hagar, dass Jischmael die Geißel des Höchsten ist, und die geistlichen Nachkommen Jischmaels, nicht dem Blut nach, diejenigen, die Israel bedrängen, vergelten gleichsam Maß für Maß das, was Saraj getan hat. Wieder, das ist gemäß jener Meinung, dass Saraj nicht gut mit Hagar umgegangen ist. Vielen wird es natürlich schwerfallen, diese Meinung zu fassen und anzunehmen, aber stellt euch vor, dass die Menschen, die eine solche Vermutung geäußert haben, überhaupt Ideen geäußert haben, die uns nicht gefallen, ebenfalls treue Diener des Höchsten sind, sie verstehen mit ihrem Verstand, mit ihrem Glauben, aber nicht so wie wir. Denkt immer daran, wenn ihr etwas hört, womit ihr nicht einverstanden seid und was euch empört.
Und viele Kommentatoren, zum Beispiel Raw David Kimchi, sagt, dass das ein großer Fehler, eine große Sünde vonseiten Sarajs war, obwohl Hagar sich schlecht benommen hatte. Es war eine Sünde vonseiten Sarajs, sie zu bedrängen, und vonseiten Awrams, das zuzulassen, und sie werden dafür bestraft werden. Aber andererseits sagen solche Kommentatoren wie Rabbenu Chananel, dass Awram und Saraj alles richtig gemacht haben.
Wir brauchen uns nicht zu fürchten, irgendwelche Fehler oder Verfehlungen in den Taten der Stammväter zu sehen. Wenn über solche Fehler und solche Verfehlungen etwas gesagt ist, dann müssen wir daraus lernen, denn ohne Sünde, ohne irgendeinen Fehler gibt es auch keine Teschuwa, keine Berichtigung. Deshalb kann man das so verstehen, wie es sich eröffnet.
Also, der Engel gab Hagar eine Prophetie in Bezug auf ihren Sohn.
וַתִּקְרָא שֵׁם־יְהוָה הַדֹּבֵר אֵלֶיהָ אַתָּה אֵל רֳאִי כִּי אָמְרָה הֲגַם הֲלֹם רָאִיתִי אַחֲרֵי רֹאִי׃
wattikrá schem-Adonáj haddowér eléha attá El-Ro'í ki amerá hagám halóm ra'íti acharé ro'í
13 Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist der Gott, der mich sieht. Und sie sprach: „Ich, auch hier, und sogar auf dieser Stufe, sogar in der Wüste, sogar verlassen und vor meiner Herrin geflohen, überzeuge mich trotzdem, dass Er mich sieht.“
Das ist ein sehr wichtiges Verständnis für das Begreifen der Begegnung des Menschen mit Gott, Hagar gibt Gott hier einen Namen entsprechend dem, wie sie Sein Wesen auf ihrer geistlichen Stufe verstanden hat.
Vom Anfang der Schöpfung an wurde die Finsternis erschaffen, dann das Licht. In der Finsternis sprach der Höchste: „Es werde Licht!“ Es ist gesagt: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen.“ Zuerst die Finsternis, dann das Licht. Zuerst ist Gott unsichtbar, unoffenbart. Und dann, wenn es um das Gebot gehen wird, dreimal vor dem Angesicht des Höchsten zu erscheinen, dort sich vor dem Angesicht zu zeigen und Sein Angesicht zu sehen. Das heißt, die allmähliche Offenbarung des Angesichts des Höchsten in dieser Welt. Hier, bei der ersten Begegnung, sagt Hagar: „Du bist der Gott, der mich sieht. Ich, auch hier, und sogar auf dieser Stufe, sogar in der Wüste, sogar verlassen und vor meiner Herrin geflohen, überzeuge mich trotzdem, dass Er mich sieht.“
עַל־כֵּן קָרָא לַבְּאֵר בְּאֵר לַחַי רֹאִי הִנֵּה בֵין־קָדֵשׁ וּבֵין בָּרֶד׃
al-kén kará labbe'ér be'ér lacháj ro'í hinné wen-Kadésch uwén Báred
14 Darum wurde der Brunnen genannt: des Lebendigen, von mir Gesehenen. Und dieser Brunnen ist zwischen Kadesch und Bared.
In Bezug auf den Brunnen steht geschrieben er nannte, nicht sie nannte. Möglicherweise wird der Brunnen so genannt, und das ist ein unpersönlicher Ausdruck. Möglicherweise aber geht es um Awram, und Hagar kam zu ihm, kehrte zurück, und schon Awram nannte den Brunnen be'ér lacháj ro'í (Brunnen des lebendigen Sehenden). Diejenigen, die in Israel leben, können sich diesen Brunnen ansehen. Er ist zu Fuß von der Stadt Jerucham aus erreichbar.
וַתֵּלֶד הָגָר לְאַבְרָם בֵּן וַיִּקְרָא אַבְרָם שֶׁם־בְּנוֹ אֲשֶׁר־יָלְדָה הָגָר יִשְׁמָעֵאל׃
wattéled Hagar le'Awrám ben wajikrá Awrám schem-benó ascher-jaledá Hagar Jischma'él
15 Und Hagar gebar Awram einen Sohn, und Awram nannte den Namen des Sohnes, den ihm HAGAR gebar, Jischmael.
Der Engel hatte vorhergesagt, dass Hagar ihn so nennen wird. Hier lesen wir, dass Awram ihn so nannte. Und die Kommentatoren sagen, dass sich das Awram durch den Heiligen Geist so offenbart hat, oder Hagar hat ihm diese ganze Geschichte erzählt, und Awram nannte den Brunnen so und nannte den Sohn so gemäß der Verheißung, die Hagar gegeben worden war.
וְאַבְרָם בֶּן־שְׁמֹנִים שָׁנָה וְשֵׁשׁ שָׁנִים בְּלֶדֶת־הָגָר אֶת־יִשְׁמָעֵאל לְאַבְרָם׃ ס
we'Awrám ben-schemoním schaná weschésch schaním beledet-Hagar et-Jischma'él le'Awrám
16 Awram war sechsundachtzig Jahre alt, als Hagar dem Awram Jischmael gebar.
So eine ziemlich zwiespältige Geschichte hat sich im Haus Awrams zugetragen.
וַיְהִי אַבְרָם בֶּן־תִּשְׁעִים שָׁנָה וְתֵשַׁע שָׁנִים וַיֵּרָא יְהוָה אֶל־אַבְרָם וַיֹּאמֶר אֵלָיו אֲנִי־אֵל שַׁדַּי
wajhí awrám ben-tisch'ím schaná wetéscha schaním wajerá adonáj el-awrám wajómer eláw ani-él schaddáj …
1 Und Awram war neunzig Jahre und neun Jahre alt, und der HERR erschien Awram und sprach zu ihm: Ich bin Gott Schaddaj, …
Man muss innehalten und verstehen, was das für ein Name ist – Schaddaj. Manche verstehen es so: „Ich bin Gott, der allem Grenzen setzt“. Schaddaj – Der, der allem sein Maß sagt. Man kann es genau in derselben Bedeutung verstehen: der Grenzen setzt, aber vom Wort sade – Feld oder etwas Abgemessenes, das, worauf die Feldraine stehen – „Ich bin Gott, der die Raine setzt“. Dieser Name hat auch die Bedeutung: schadad – schützen, behüten, „Ich bin Gott, der dich behütet“. Man kann es auch verstehen als stattlicher Gott. Das Wort schad – die weibliche Brust, „Ich bin Gott, der nährt“, im buchstäblichen Sinn, so wie man einen Säugling nährt, das ganze Universum. Und weiter sagt der Höchste:
הִתְהַלֵּךְ לְפָנַי וֶהְיֵה תָמִים׃
hithalléch lefanáj wehjé tamím
…wandle vor Mir und sei einfach.
Das Wort תָמִים (tamím) kann man übersetzen als vollkommen, untadelig, man kann es aber auch umgekehrt übersetzen: „sei einfach, wandle vor mir in Einfachheit“, das heißt, manchmal dem Höchsten vertrauend, ohne zu versuchen zu verstehen, was sein wird. Ohne ständig nachfragen zu wollen: „Papa, wohin gehen wir denn? Und was werden wir dort machen?“ Der Höchste will, dass man in Einfachheit, im Vertrauen vor Ihm wandelt. Manche Gläubige verstehen dieses Gebot auf der Ebene, dass eine schwangere Frau, eine Familienmutter, wenn sie zum Ultraschall geht, nicht fragt, welches Geschlecht das Kind haben wird, um anzunehmen, was kommt. Bis zu einem solchen Grad wird diese Einfachheit angenommen (das ist einfach als Beispiel).
Also sagt der Höchste: „Wandle vor Mir in Einfachheit“ oder „Wandle vor Mir und sei vollkommen“.
וְאֶתְּנָה בְרִיתִי בֵּינִי וּבֵינֶךָ וְאַרְבֶּה אוֹתְךָ בִּמְאֹד מְאֹד׃
we'ettená weritíDie russische Umschrift hat hier einen falschen Vokal. Nach dem Hebräischen heißt es „werití“ (meinen Bund). bení uwenécha we'arbé otechá bim'ód me'ód
2 Ich werde einen Bund geben zwischen Mir und dir und werde dich sehr, sehr mehren.
Es gibt schon einen Bund zwischen Awram und dem Höchsten. Und wenn der Höchste sagt „Ich werde einen Bund geben“, können wir erwarten, dass der Höchste etwas zu diesem Bund hinzufügt.
וַיִּפֹּל אַבְרָם עַל־פָּנָיו וַיְדַבֵּר אִתּוֹ אֱלֹהִים לֵאמֹר׃
wajippól awrám al-panáw wajdabbér ittó elohím lemór
3 Und Awram fiel auf sein Angesicht, und Gott redete mit ihm und sprach:
אֲנִי הִנֵּה בְרִיתִי אִתָּךְ וְהָיִיתָ לְאַב הֲמוֹן גּוֹיִם׃
aní hinné werití ittách wehajíta le'áw hamón gojím
4 „Ich, siehe, Mein Bund ist mit dir, und du wirst ein Vater vieler Völker sein.
וְלֹא־יִקָּרֵא עוֹד אֶת־שִׁמְךָ אַבְרָם וְהָיָה שִׁמְךָ אַבְרָהָם כִּי אַב־הֲמוֹן גּוֹיִם נְתַתִּיךָ׃
welo-jikkaré od et-schimchá awrám wehajá schímcha awrahám ki aw-hamón gojím netattícha
5 Und dein Name soll nicht mehr Awram genannt werden, sondern dein Name wird Awrahám sein, denn Ich habe dich zum Vater vieler Völker gemacht
Worin besteht das Wesen der Namensänderung? Wenn wir den Namen Awram betrachten, besteht er aus zwei Teilen: Aw (Vater) und ram (erhaben). Wenn man diesen Namen heidnisch versteht (Terach war ein Heide), kann man übersetzen: mein Vater Ram, (das ist einer der Götter des Zweistromlands), oder mein Vater wird erhöht werden, oder ich werde meinen Vater erhöhen und verherrlichen.
Worin liegt der Unterschied zwischen den Namen Awram und Awrahám? Wenn man es einfach übersetztIm Russischen heißt es „wenn man es einfach ins Russische übersetzt“. Im Deutschen ist das allgemein formuliert., kann man sagen: Vater, der hooohe. Dieses ה (He) dehnt gleichsam, vergrößert die Bedeutung der Höhe und verändert um eine Größenordnung die Höhe der Ebene, auf der sich Awram befindet. Und er wird schon zum Vater vieler Völker. Aus irgendeinem Familienvater wird er zu einem Vater im Weltmaßstab.
וְהִפְרֵתִי אֹתְךָ בִּמְאֹד מְאֹד
wehifretí otécha bim'ód me'ód
6 Und ich werde dich sehr, sehr fruchtbar machen,
Wir haben davon gesprochen, dass, wenn der Höchste vom Mehren spricht, Er die Menge meint. Wenn Er vom Fruchtbarmachen spricht (von ‚fruchtbar werden lassen‘), meint Er die Qualität. Das heißt, dein Glaube, deine Taten werden sich nicht einfach fortpflanzen, sondern werden Früchte tragen.
וּנְתַתִּיךָ לְגוֹיִם וּמְלָכִים מִמְּךָ יֵצֵאוּ׃
untattícha legojím umlachím mimmechá jezéu
…und Ich habe dich über die Völker gesetzt, und Könige werden aus dir hervorgehen.
Das heißt, der Weg Awrams, eben jenes lech lecha, mit dem wir den Wochenabschnitt begonnen haben, hat ein sehr erhabenes Ende: Der Höchste verheißt eine qualitative Veränderung der Nachkommenschaft Awraháms und ihre quantitative Mehrung.
וַהֲקִמֹתִי אֶת־בְּרִיתִי בֵּינִי וּבֵינֶךָ וּבֵין זַרְעֲךָ אַחֲרֶיךָ לְדֹרֹתָם לִבְרִית עוֹלָם לִהְיוֹת לְךָ לֵאלֹהִים וּלְזַרְעֲךָ אַחֲרֶיךָ׃
wahakimotí et-berití bení uwenécha uwén sar'achá acharécha ledorotám liwrít olámDie russische Umschrift hat hier zwei Tippfehler, bei „berití“ und bei „olám“. Beide Wörter folgen dem Hebräischen. lihjót lécha lelohím ulsar'achá acharécha
7 Ich werde Meinen Bund aufrichten zwischen Mir und zwischen dir und zwischen deinem Samen nach dir in ihre Generationen zu einem ewigen Bund: dir Gott zu sein und deinem Samen nach dir.
Das ist das Neue, das der Höchste Awraham sagt. Wenn der Höchste Awraham zuvor das Land gegeben und das Land verheißen und gesagt hat, dass es ihm schon gegeben ist, das Potenzial schon da ist, so sagt der Höchste hier: „Ich werde deinem Volk Gott sein“.
Was bedeutet das für uns? Als die Israeliten aus Ägypten ziehen, durch den Sinai ins Land Israel gehen, plötzlich, unerwartet, ein Halt und die Gabe der Tora. Und man hätte sagen können: „Wartet, wartet! Von einer Tora war überhaupt keine Rede. Was für eine Tora? Der Höchste hat uns das Land verheißen! Du, Mosche, hast uns herausgeführt, damit wir in das Land gehen. Plötzlich irgendeine Tora, unverständliche Gebote: Koche das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter, und ein Haufen anderer…“ Und der Höchste spricht hier von eben diesem Bund: „Ich werde dir und deinem Samen Gott sein“. Gott in der Bedeutung Elohim, in der Bedeutung Richter, der Gesetze festlegt. Und deshalb:
וְנָתַתִּי לְךָ וּלְזַרְעֲךָ אַחֲרֶיךָ אֵת אֶרֶץ מְגֻרֶיךָ אֵת כָּל־אֶרֶץ כְּנַעַן לַאֲחֻזַּת עוֹלָם וְהָיִיתִי לָהֶם לֵאלֹהִים׃
wenatattí lechá ulsar'achá acharécha et érez megurécha et kol-érez kená'an la'achussát olám wehajíti lahém lelohím
8 Und Ich werde dir und deinem Samen nach dir das Land geben, in dem du als Fremdling wohnst, das ganze kanaanäische Land zum ewigen Besitz. Ich werde ihnen Gott sein“.
וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים אֶל־אַבְרָהָם וְאַתָּה אֶת־בְּרִיתִי תִשְׁמֹר אַתָּה וְזַרְעֲךָ אַחֲרֶיךָ לְדֹרֹתָם׃
wajómer elohím el-awrahám we'attá et-berití tischmór attá wesar'achá acharécha ledorotám
9 Und Gott sprach zu Awraham: „Du aber bewahre meinen Bund, du und dein Samen nach dir in die Generation.
זֹאת בְּרִיתִי אֲשֶׁר תִּשְׁמְרוּ בֵּינִי וּבֵינֵיכֶם וּבֵין זַרְעֲךָ אַחֲרֶיךָ הִמּוֹל לָכֶם כָּל־זָכָר׃
sot berití aschér tischmerú bení uwenechém uwén sar'achá acharécha himmól lachém kol-sachár
10 Das ist der Bund, den ihr bewahren werdet zwischen Mir und euch und zwischen deinem Samen nach dir: Beschnitten werden soll bei euch jeder Männliche.
וּנְמַלְתֶּם אֵת בְּשַׂר עָרְלַתְכֶם
unmaltém et bessár orlatchém
11 Und ihr werdet das Fleisch eurer Unbeschnittenheit beschneiden …
Das heißt, wir lesen in der Tora weiter, dass es ein unbeschnittenes Herz oder unbeschnittene Ohren gibt, verschiedene Organe können eine Unbeschnittenheit haben. Aber diese Unbeschnittenheit des Herzens oder der Ohren ist nicht materiell. Der materielle Ausdruck der Unbeschnittenheit aber ist dort, wo man die Beschneidung der Vorhaut am männlichen Geschlechtsorgan vornimmt. Und wenn wir sie beschneiden, geschieht eine Berichtigung des ganzen Fleisches. Das Symbol, jene Stelle, an der sich die Unbeschnittenheit im Körper hält, sagt der Höchste Awraham zu entfernen. Und dadurch wird, wie viele es verstehen, der Status tamim (vollkommen) erreicht.
וְהָיָה לְאוֹת בְּרִית בֵּינִי וּבֵינֵיכֶם׃
wehajá le'ót berít bení uwenechém
… und es wird ein Zeichen des Bundes sein zwischen Mir und euch.
Es gibt mehrere Zeichen des Bundes in der Tora: der Regenbogen – das Zeichen des Bundes mit den Söhnen Noachs, die Beschneidung – das Zeichen des Bundes mit den Söhnen Awrahams, der Schabbat (Sabbat) – das Zeichen des Bundes mit den Söhnen Israels. So sagt der Höchste: „Zwischen Mir und den Söhnen Israels ist das ein ewiger Bund“.
Der Höchste fährt fort:
וּבֶן־שְׁמֹנַת יָמִים יִמּוֹל לָכֶם כָּל־זָכָר לְדֹרֹתֵיכֶם יְלִיד בָּיִת וּמִקְנַת־כֶּסֶף מִכֹּל בֶּן־נֵכָר אֲשֶׁר לֹא מִזַּרְעֲךָ הוּא׃
uwen-schemonát jamím jimmól lachém kol-sachár ledorotechém jelíd bájit umiknat-késsef mikkól ben-nechár aschér lo missar'achá hu
12 Und am achten Tag soll bei euch jeder Männliche beschnitten werden in euren Generationen, der im Haus geborene Sklave, der von euren Sklaven geboren wurde, wenn ihr ihn für Geld von jemandem gekauft habt, der nicht aus eurem Volk ist (der nicht von deinem Samen ist).
Wir erinnern uns, dass sieben Tage die Zeit der Reinigung der Frau nach der Geburt eines Jungen sind. Und nach dieser Reinigung konnte die Frau Teil dieses Ritus sein. Am achten Tag beschneidet man die Jungen.
Es gibt noch viele verschiedene Gründe und verschiedene Erklärungen. Das Gebot ist – zu beschneiden, wenn die Tora sagt: „Am achten Tag soll jeder Junge beschnitten werden“. Natürlich kann der Junge sich nicht selbst beschneiden, und wir lesen, dass das die Väter oder in manchen Fällen die Mütter taten, wie zum Beispiel Zippora. Wir lesen auch, dass in einem bestimmten Moment der Geschichte im ersten Buch der Makkabäer (1,63) davon erzählt wird, dass schon Mohels (Menschen, die die Beschneidung beruflich durchführen) aufgekommen waren. Davor beschnitten die Väter ihre Kinder mit Steinmessern. Wir lesen das im Buch Jehoschua bin Nun, wir lesen das in der Geschichte mit Zippora. Und es gab Menschen, die sich selbst beschnitten. Möglicherweise hat Awraham sich selbst beschnitten, vielleicht hat ihm jemand geholfen. Das heißt, die Beschneidung wurde zu einem untrennbaren Teil der jüdischen Geschichte, zu einem untrennbaren Teil der jüdischen Identifikation. Das betrifft sogar säkulare Juden.
הִמּוֹל יִמּוֹל יְלִיד בֵּיתְךָ וּמִקְנַת כַּסְפֶּךָ וְהָיְתָה בְרִיתִי בִּבְשַׂרְכֶם לִבְרִית עוֹלָם׃
himmól jimmól jelíd betechá umiknát kaspécha wehajetá werití biwsarchém liwrít olám
13 Mit Beschneidung beschneide den in deinem Haus Geborenen und den für dein Geld Gekauften, und das wird ein Bund am Fleisch sein, ein ewiger Bund.
Das heißt, jeder Jude hat am Fleisch ein Zeugnis darüber, dass er im Bund mit dem Höchsten steht. Wie eine Frau einen Ehering hat, der den anderen zeigt: Seht, ich stehe in einem Bund, so ist auch die Beschneidung ein Zeugnis dafür, dass der Mensch in Bundesbeziehungen mit dem Höchsten steht.
וְעָרֵל זָכָר אֲשֶׁר לֹא־יִמּוֹל אֶת־בְּשַׂר עָרְלָתוֹ וְנִכְרְתָה הַנֶּפֶשׁ הַהִוא מֵעַמֶּיהָ אֶת־בְּרִיתִי הֵפַר׃ ס
we'arél sachár aschér lo-jimmól et-bessár orlató wenichretá hannéfesch hahí me'amméha et-berití hefár
14 Ein unbeschnittener Männlicher aber, der das Fleisch seiner Unbeschnittenheit nicht beschneidet, diese Seele wird von ihrem Volk abgeschnitten werden, wird aufhören, Teil des Volkes Israel zu sein, mit dem der Höchste im Bund stehtIm Russischen bezieht sich das „mit dem“ grammatisch auf die Seele, nicht auf das Volk. Übersetzt ist nach dem Sinn: der Bund besteht mit dem Volk Israel., denn er hat Meinen Bund gebrochen.
Entsprechend wird sie aus den Bundesbeziehungen mit dem Höchsten herausfallen, denn er hat Meinen Bund gebrochen.
וְעָרֵל זָכָר אֲשֶׁר לֹא־יִמּוֹל אֶת־בְּשַׂר עָרְלָתוֹ וְנִכְרְתָה הַנֶּפֶשׁ הַהִוא מֵעַמֶּיהָ אֶת־בְּרִיתִי הֵפַר׃ ס
wajómer elohím el-awrahám saráj ischtechá lo-tikrá et-schemá saráj ki sará schemá
15 Und Gott sprach zu Awraham: „Saraj, deine Frau, nenne nicht Saraj, denn ihr Name ist Sara“.
Den Namen Saraj kann man unterschiedlich übersetzen: zur Herrschaft geneigt; die ein Potenzial der Kraft hat; die, die zu herrschen fähig ist, fähig zu lenken. Sara ist die, die regiert. Dasselbe, aber schon mit verwirklichtem Potenzial. Und hier ändert der Höchste den Namen Saras nicht ganz, Er bezeugt, dass sich Saras Name verändert hat. Er sagt nicht: „Sara wird jetzt Sara heißen, sie war Saraj“. Der Höchste sagt: „Nenne sie nicht Saraj, denn ihr wahrer Name ist Sara“. Denn dieses Potenzial ist in ihr schon offenbart, sie ist schon Sara, sie wird nicht umbenannt, sondern ihr Name, ihr inneres Wesen hat sich schon verändert.
וּבֵרַכְתִּי אֹתָהּ וְגַם נָתַתִּי מִמֶּנָּה לְךָ בֵּן וּבֵרַכְתִּיהָ וְהָיְתָה לְגוֹיִם מַלְכֵי עַמִּים מִמֶּנָּה יִהְיוּ׃
uwerachtí otá wegám natátti mimménna lechá ben uwerachtíha wehajetáDie russische Umschrift beginnt dieses Wort mit „wa-“. Das Hebräische hat „we-“, daher „wehajetá“. legojím malché ammím mimménna jihju
16 „Ich werde sie segnen und dir von ihr einen Sohn geben, Ich werde sie segnen, und sie wird zu Völkern werden, sie wird die Stammmutter von Völkern sein, und Könige der Völker werden aus ihr hervorgehen.“
Im Grunde teilt sie den Segen Awrahams. Der Höchste sagt hier zweimal: וּבֵרַכְתִּי אֹתָהּ – Uwerachtí otá Und Ich habe sie gesegnet. Das erste Mal wird der Segen Saras darin bestehen, dass sie Mutter wird. Es gibt so ein Wunder im Volk Israel, dass unsere Stammmütter Sara, Riwka, Rachel, Lea lange nicht gebären. Man kann sagen, dass das für irgendwelche Sünden ist (jemand würde anfangen, das zu überprüfen), aber für uns bedeutet das, dass die Geburt eines Kindes durch den Segen des Höchsten eine übernatürliche Geburt ist. Der Sohn Saras wird nicht mehr der Enkel Terachs sein, das ist der Sohn Saras, das ist der Anfang einer neuen Abstammungslinie.
Und der Höchste sagt hier: „Ich werde sie zuerst segnen, und sie wird dir einen Sohn gebären.“ Das ist der erste Segen. Und es ist gut, wenn uns Kinder geboren werden, das ist ein Segen. Wenn unsere Kinder unseren Weg fortsetzen, ist das ein doppelter Segen, und hier sagt der Höchste: „Ich werde auch sie segnen, denn sie wird gebären, und ihr Same wird gedeihen.“
Wie kann man das in die Begriffe übersetzen, von denen wir gesprochen haben? „Ich werde sie mehren und sie fruchtbar machen. Sie wird viele Kinder haben, und es werden gute Kinder sein.“
וַיִּפֹּל אַבְרָהָם עַל־פָּנָיו וַיִּצְחָק
wajippól awrahám al-panáw wajizchák
17 Und Awram fiel auf sein Angesicht und lachte: …
Wajizchák – das ist der Name des künftigen Sohnes Awrahams. Die einen Kommentatoren sagen: „Wajizchák – und er lachte vor Freude, endlich erhält er das Zeugnis, dass er einen Sohn haben wird, und zwar von Sara, und das wird so eine Freude, so ein Wunder in seinem Leben sein.“ Andere sagen, dass er lachte, weil, na, wie soll so etwas möglich sein.
Und Awraham selbst spricht im Herzen, wie die Tora es uns ein Stück weit enthüllt:
וַיֹּאמֶר בְּלִבּוֹ הַלְּבֶן מֵאָה־שָׁנָה יִוָּלֵד וְאִם־שָׂרָה הֲבַת־תִּשְׁעִים שָׁנָה תֵּלֵד׃
wajómer belibbó hallewén me'a-schaná jiwwaléd we'im-sará hawat-tisch'ím schaná teléd
… „Kann ETWA einem grauhaarigen hundertjährigen Greis ein Sohn geboren werden, wird vielleicht die neunzigjährige Sara gebären?“
Daran, dass hier wajizchák geschrieben steht, können wir sagen: Das Verb zchák wird nicht im Sinn von Freude und Fröhlichkeit verwendet. Es ist immer eine Reaktion auf etwas Absurdes, auf etwas, das eher ein ironisches Schmunzeln hervorruft. Und das, was Awraham hier sagt, und die Tatsache, dass die Tora sagt: „Awraham sprach belibbo“, was sich immer auf einen Zustand irgendeines Unglaubens bezieht, meistens auf Frevler. Wenn ein Mensch zweifelt, wendet er sich an sein Herz wie an eine Autorität, folgt seinem Herzen, anstatt, wie ein Gerechter, zu seinem Herzen zu sprechen. Das bedeutet nicht, dass Awraham hier ein Frevler ist, sondern es bedeutet, dass Awraham (der Vater der Gläubigen) hier an dem zweifelt, was der Höchste sagt: „Wird etwa ein hundertjähriger Greis zeugen? Wird etwa die neunzigjährige Sara gebären?“
וַיֹּאמֶר אַבְרָהָם אֶל־הָאֱלֹהִים לוּ יִשְׁמָעֵאל יִחְיֶה לְפָנֶיךָ׃
wajómer awrahám el-ha'elohím lu jischma'él jichjé lefanécha
18 Und Awraham sprach zu Gott: „Wenn doch wenigstens Jischmael vor Dir am Leben wäre!“
Wovon spricht Awraham hier? Er denkt vielleicht: „Das ist ein zu großes Wunder für mich, dass ein Hundertjähriger zeugt, dass eine Neunzigjährige gebiert. Wenn doch Jischmael am Leben wäre und vor Dir wäre.“ Das heißt: „Gäbest Du doch, dass Jischmael gerecht wäre, dass er vor Dir wandelte.“ Bei vielen von uns gläubigen Menschen (ich kann das von mir selbst sagen) gibt es einen solchen Zustand, dass es uns scheint: „Wir wagen es jetzt, Gott um zu viel zu bitten, wir bemühen Ihn zu sehr mit unserer Bitte.“ Tatsächlich denken wir, weil wir das Maß der Macht des Höchsten manchmal nicht verstehen, nicht erfassen: „Das ist schwer für Ihn zu tun. Bitten wir Ihn um etwas Leichteres.“ Wenn man von außen auf Awraham schaut, kann man auf alle mögliche Weise über ihn reden, aber wenn man in sich selbst hineinschaut, kann man ein solches Verhalten sehen.
וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים אֲבָל שָׂרָה אִשְׁתְּךָ יֹלֶדֶת לְךָ בֵּן וְקָרָאתָ אֶת־שְׁמוֹ יִצְחָק וַהֲקִמֹתִי אֶת־בְּרִיתִי אִתּוֹ לִבְרִית עוֹלָם לְזַרְעוֹ אַחֲרָיו׃
wajómer elohím awál sará ischtechá jolédet lécha ben wekaráta et-schemó jizchák wahakimotí et-beritíDie russische Umschrift hat hier einen falschen Vokal. Nach dem Hebräischen heißt es „berití“ (meinen Bund). ittó liwrít olám lesar'ó acharáw
19 Und Gott sprach: „Und dennoch wird Sara, deine Frau, dir einen Sohn gebären, und du wirst ihn mit dem Namen Jizchak nennen, und mit ihm werde Ich einen ewigen Bund schließen und mit seinem Samen nach ihm.
Also sagt der Höchste zu Awraham: „Dennoch wird Sara dir einen Sohn gebären, und du wirst ihn mit dem Namen Jizchak nennen.“ Der Höchste selbst hat ihm diesen Namen gegeben. Was bedeutet er? Der einfachste Sinn ist er wird lachen. Und die Kommentatoren sagen: „Nun, möglicherweise hat Sara damals im Zelt gelacht, und Awraham hat jetzt hier gelacht.“ Ist denn dieser Name Jizchak etwa eine Erinnerung an eine Sünde?
Andere sagen: „Zchok – Lachen. Warum Lachen? Ist das eine Reaktion auf Absurdität? Lachen kann eine Reaktion auf ein Wunder sein. Zechok – er ging über die Grenzen des Gesetzes hinaus, das heißt etwas, das geschieht, das dem gesunden Menschenverstand widerspricht und ihm nicht entspricht und darum wunderbar und erstaunlich ist.“
Man kann den Namen Jizchak auch als jiza chok (ein neues Gesetz ging hervor) verstehen. Das heißt, Jizchak ist nicht die Verletzung des Gesetzes, sondern die Erfüllung des Gesetzes. Jizchak kam nicht, um das Gesetz zu verletzen, sondern um das Gesetz zu erfüllen. Jizchak – jiza chok (ein Gesetz ging hervor).
Manche Kommentatoren zerlegen den Namen Jizchak als Abkürzung (gestützt auf die Gematria): Jud – die zehn Gebote, Zadi – das ist neunzig (das Alter Saras), Chet – das ist acht (die Tage der Beschneidung) und Kuf – das ist hundert (das Alter Awrahams). Natürlich ist das ein später Kommentar.
Was bedeutet Jizchak? Jizchak ist ein Hinweis auf die ganze jüdische Geschichte, in der das, was geschieht, sich erfüllt, anfangs absurd und unmöglich schien. Viele Ereignisse in der jüdischen Geschichte schienen absurd, waren aber letzten Endes die Grundlage für zahlreiche Wunder, die in der jüdischen Geschichte geschehen sind. Im zwanzigsten Vers fährt der Höchste fort:
וּלְיִשְׁמָעֵאל שְׁמַעְתִּיךָ הִנֵּה בֵּרַכְתִּי אֹתוֹ וְהִפְרֵיתִי אֹתוֹ וְהִרְבֵּיתִי אֹתוֹ בִּמְאֹד מְאֹד שְׁנֵים־עָשָׂר נְשִׂיאִם יוֹלִיד וּנְתַתִּיו לְגוֹי גָּדוֹל׃
uljischma'él schematícha hinné beráchti otó wehifretí otó wehirbetí otó bim'ód me'ód schenem-assár nesi'ím jolíd untattíw legój gadól
20 Und über Jischmael habe Ich dich gehört. Ich habe ihn gesegnet, Ich werde ihn fruchtbar machen und ihn mehren, und der Zahl nach wird er sehr, sehr zunehmen, und zwölf Herrscher wird er hervorbringen, und Ich werde ihn zu einem großen Volk machen.
Und über Jischmael habe Ich dich gehört – hier gibt es ein gewisses Wortspiel: Jischmael – das ist Gott wird hören. Und über den, über den Gott hören wird, habe ich dich gehört.
Und Ich werde ihn mehren – Und der Zahl nach wird er sehr, sehr zunehmen! Ein sehr ähnlicher Segen, fast derselbe, wie er Jizchak gegeben wird.
Und zwölf Herrscher wird er hervorbringen. Wenn Esaw arufim (Heerführer) hervorbringt und Jaakow später die Stämme Israels hervorbringen wird, die ihre eigenen Herrscher haben werden, so ist in Bezug auf Jischmael gesagt, dass er Herrscher zeugen wird, aber keine Stämme. Sie werden kein einheitliches Ganzes bilden. Und Ich werde ihn zu einem großen Volk machen. Was wird es bei Jischmael nicht geben, was ist Jischmael nicht verheißen? Jischmael ist kein Bund verheißen. Der Höchste sagt im einundzwanzigsten Vers:
וְאֶת־בְּרִיתִי אָקִים אֶת־יִצְחָק אֲשֶׁר תֵּלֵד לְךָ שָׂרָה לַמּוֹעֵד הַזֶּה בַּשָּׁנָה הָאַחֶרֶת׃
we'et-berití akím et-jizchák aschér teléd lechá sará lammo'éd hassé baschaná ha'achéret
21 Meinen Bund aber werde Ich mit Jizchak schließen, den Sara dir um ebendiese Zeit im anderen Jahr gebären wird.“
וַיְכַל לְדַבֵּר אִתּוֹ וַיַּעַל אֱלֹהִים מֵעַל אַבְרָהָם׃
wajchál ledabbér ittó wajá'al elohím me'ál awrahám
22 Und Er hörte auf, mit ihm zu reden, und der HERR stieg auf von Awraham.
Wir begegnen oft dieser Wendung wajá'al elohím – und der HERR stieg auf. Offenbar endet so der Umgang mit dem Höchsten, wenn Er sich offenbart.
וַיִּקַּח אַבְרָהָם אֶת־יִשְׁמָעֵאל בְּנוֹ וְאֵת כָּל־יְלִידֵי בֵיתוֹ וְאֵת כָּל־מִקְנַת כַּסְפּוֹ כָּל־זָכָר בְּאַנְשֵׁי בֵּית אַבְרָהָם וַיָּמָל אֶת־בְּשַׂר עָרְלָתָם בְּעֶצֶם הַיּוֹם הַזֶּה כַּאֲשֶׁר דִּבֶּר אִתּוֹ אֱלֹהִים׃
wajikkách awrahám et-jischma'él benó we'ét kol-jelidé wetó we'ét kol-miknát kaspó kol-sachár be'ansché bet awrahám wajámol et-bessár orlatám be'ézem hajóm hassé ka'aschér dibbér ittó elohím
23 Und Awraham nahm Jischmael, seinen Sohn, und alle in seinem Haus Geborenen und alle für sein Geld Gekauften, alle Männlichen unter den Leuten des Hauses Awrahams, und beschnitt das Fleisch ihrer Unbeschnittenheit, in der Mitte dieses Tages, an ebendemselben Tag, als Gott mit ihm geredet hatte.
Das heißt, am selben Tag versammelt Awraham alle und beschneidet sie. Und ein sehr interessantes Detail. Der Höchste sagt: „Am achten Tag soll jeder beschnitten werden.“ Und daraus hat man eine solche Bestimmung gemacht, dass die Beschneidung nur am Tag gemacht wird, in der Nacht wird keine Beschneidung gemacht. Awraham eilt hier mit der Erfüllung des Gebots und beschneidet alle Männlichen in seinem Haus.
Wirtschaftlich richtig wäre es gewesen, die Leute in Gruppen aufzuteilen, damit jemand arbeitet, um nicht die ganze Produktion, die ganze Wirtschaft anzuhalten. Das ist sehr mutig. Abgesehen davon, dass es eine Operation ist, die die Manneskraft beeinträchtigen kann (keine so einfache Operation, und man braucht Glauben, um einer solchen Operation im Erwachsenenalter zuzustimmen), ist es auch ein Anvertrauen seiner Wirtschaft an den Höchsten, von allem, was Awraham hat. Und Vertrauen auf den Höchsten in Bezug auf den Schutz, denn man kann seine Hilflosigkeit ausnutzen. Das ist in vielerlei Hinsicht eine Tat des Glaubens.
וְאַבְרָהָם בֶּן־תִּשְׁעִים וָתֵשַׁע שָׁנָה בְּהִמֹּלוֹ בְּשַׂר עָרְלָתוֹ׃
we'awrahám ben-tisch'ím watéscha schaná behimmoló bessár orlató
24 Awraham war neunundneunzig Jahre alt, als er das Fleisch seiner Unbeschnittenheit beschnitt.
וְיִשְׁמָעֵאל בְּנוֹ בֶּן־שְׁלֹשׁ עֶשְׂרֵה שָׁנָה בְּהִמֹּלוֹ אֵת בְּשַׂר עָרְלָתוֹ׃
wejischma'él benó ben-schelósch esré schaná behimmoló et bessár orlató
25 Jischmael aber, sein Sohn, im Alter von dreizehn Jahren, als er die Beschneidung vollzog.
Möglicherweise wird hier gezeigt: vom Jüngsten bis zum Ältesten. Möglicherweise auch anders. Hier sagt die Tora, dass es irgendwelche Schwierigkeiten für einen neunundneunzigjährigen Greis gibt (es ist nicht so einfach, sich mit neunundneunzig Jahren dazu zu entschließen). Aber auch Schwierigkeiten anderer Art hat ein dreizehnjähriger Junge. Jeder überwindet irgendwelche eigenen Probleme, indem er im Glauben die Beschneidung vollzieht.
בְּעֶצֶם הַיּוֹם הַזֶּה נִמּוֹל אַבְרָהָם וְיִשְׁמָעֵאל בְּנוֹ׃
be'ézem hajom hassé nimmól awrahám wejischma'él benó
26 An ebendemselben Tag (wiederholt die Tora) wurde Awraham beschnitten und Jischmael, sein Sohn.
וְכָל־אַנְשֵׁי בֵיתוֹ יְלִיד בָּיִת וּמִקְנַת־כֶּסֶף מֵאֵת בֶּן־נֵכָר נִמֹּלוּ אִתּוֹ׃
wechol-ansché wejtóDie russische Umschrift liest hier „weto“. Das Hebräische lautet „wejtó“ (seines Hauses), dem folgt die Übersetzung. jelíd bájit umiknat-késsef me'ét ben-nechár nimmólu ittó
27 Und alle, die in seinem Haus geboren waren, und die für Geld Gekauften, von den Fremden, wurden mit ihm beschnitten.
Was ist das Erstaunliche an unserem Wochenabschnitt? Er schließt gleichsam ab, was ganz am Anfang gesagt wurde, lech lecha – geh! Ich werde dich machen… Hier beendet Awraham die Grundausbildung, beendet diesen Vorbereitungskurs, der aus Awram Awraham gemacht hat. Und hier sehen wir, dass der Höchste mit Awraham nicht einfach einen Bund darüber schließt, dass er irgendein Geschenk bekommt – Land für sich und seine Nachkommenschaft. Hier sagt der Höchste zu Awraham: „Diese Beziehung ist für ewig!“ Nicht einfach: „Ich habe das Land versprochen, Ich habe das Land gegeben, na, dann lebt darauf, damit ist unsere Beziehung beendet.“ Der Höchste sagt: „Nein, diese Beziehung wird ewig sein, denn Ich werde deinem Volk Gott sein, und dir werde Ich Gott sein, und deinem Samen nach dir.“ Das ist das Wichtigste am Bund, denn gerade dadurch können wir in Bundesbeziehungen mit dem Höchsten stehen. Das ist der Anfang des Bundes, der sowohl der Bund als auch die Verheißung des Maschiach ist, alles, was auch uns verheißen ist.
Ganz am Anfang des 12. Kapitels des Buches Bereschit lesen wir, wie der Höchste sich an Awram wendet:
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל-אַבְרָם לֶךְ-לְך:
WAJÓMER ADONÁJ EL-AWRÁM LECH-LECHÁ
1 UND GOTT SPRACH ZU AWRAM: „GEH FÜR DICH…
Geh um deiner selbst willen, das brauchst du, das ist nötig für deine Entwicklung, um deiner selbst willen geh.
מֵאַרְצְךָ וּמִמּוֹלַדְתְּךָ וּמִבֵּית אָבִיךָ אֶל-הָאָרֶץ אֲשֶׁר אַרְאֶךָּ:
ME'ARZECHÁ UMIMMOLADTECHÁ UMIBBÉJTDer russischen Umschrift fehlt hier das Ende des Wortes. Nach dem Hebräischen heißt es „umibbéjt“ (und aus dem Haus). AWÍCHA EL-HA'ÁREZ ASCHÉR AR'ÉKKA
AUS DEINEM LAND, AUS DEINER HEIMAT, AUS DEM HAUS DEINES VATERS IN DAS LAND, DAS ICH DIR ZEIGEN WERDE“.
Auf den ersten Blick sagt der Höchste zu Awram: „Geh du, und Ich werde dir zeigen.“ Es gibt keine Adresse, die man ins Navi eingeben und dann seinen Anweisungen folgen könnte, wann und wohin man abbiegen und worauf man sich vorbereiten soll. Es ist gut, dem Navi zu folgen, aber anscheinend ist hier davon nicht die Rede. Aber jeder Vers der Tora hat viele verschiedene Lesarten, und jeder Mensch liest die Tora mit seinen eigenen Augen. Fast nie gibt es eine einzig richtige Lesart der Tora. Einer der bekanntesten chassidischen Lehrer, Raw Mordechaj Josef Leiner, der im 19. Jahrhundert in der Stadt Izbica lebte, unweit von Lublin in Polen, gibt eine völlig unerwartete Lesart dieses Verses. Er sagt: „Aschér ar'ékka – Das, was Ich dir zeigen werde, oder das, was dir von Mir gezeigt werden wird, – das ist der Name des Landes.“
Die Besonderheit der Existenz des gläubigen Menschen Awraham und der Kinder Awrahams liegt in der ständigen Aufmerksamkeit, in der ständigen Suche nach dem Angesicht des Höchsten. Und was sagt hier der Höchste zu Awraham? „Geh du für deine Entwicklung, damit du ein besserer Awraham wirst (damals noch Awram, später dann Awraham), beginne du deine Entwicklung, und Ich werde dir zeigen, Ich werde ständig dein Horizont sein, den du sehen wirst. Ich rufe dich in das Land der Horizonte, in das Land, wo ein 99-jähriger Greis einen Sohn bekommen kann, in das Land, wo es kein Altern gibt, weil es ständig irgendeinen neuen Horizont gibt, in das Land, wo es niemals eine abgeschlossene Entwicklung gibt, wo es einen Horizont geben wird und wo das Wesen der Existenz selbst das Streben zu einem neuen Horizont ist, das Streben nach vorn.“ Laufen mit leichtem Gepäck als Lebensweise, zu der der Höchste aufruft. Er sagt: „Geh in das Land, das ein Weg ist, in das Land, das Ich dir zeigen werde. Ich werde ständig vor dir sein, du wirst ständig zu Mir gehen.“ Das ist ein Land-Weg, ein Land, wo es keinen irgendwie beständigen, statischen Zustand gibt. Ein Land, in dem der Mensch sich dynamisch entwickeln kann. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, so sagt man gewöhnlich über ein anderes Land, aber über jenes Land sagt man das und meint dabei die materielle Entwicklung, die Finanzen. Die Finanzen haben ihre Grenze. Der Höchste ruft den Menschen zur Vollkommenheit, zur grenzenlosen Vollkommenheit. Diese ständige Selbstvervollkommnung ist eben der Name des Landes, in das der Höchste Awraham ruft und in das er jeden von uns als Söhne Awrahams ruft. Mit der Tora muss man sich bewegen, in der Tora muss man sich bewegen, man muss sich ständig entwickeln, verändern, wachsen und sich nach dem Höchsten strecken wie eine Blume, wie eine Pflanze sich nach der Sonne streckt, selbst wachsen, man selbst sein.
Es heißt lech lecha (geh für dich), es heißt nicht lech li (geh für mich). Nein, der Höchste sagt: „Geh, wachse selbst, entwickle dich. Aber entwickle dich durch das Potenzial, das Ich dir gebe, durch die Kräfte, die Ich dir gebe, durch die Entwicklung, die in dich hineingelegt ist. Entwickle die Talente, die Fähigkeiten, das Licht, das nur du in die Welt bringen kannst.“ Wenn im Jahr 1948 nach der Erschaffung der Welt Awraham und sein Licht in der Welt gebraucht wurden, dann kam Awraham, um dieses Licht zu bringen. Und je mehr von diesem Licht, desto besser. Davon spricht der Höchste. In dieses Land der ewigen Jugend, der ewigen Entwicklung, des ewigen Potenzials ruft der Höchste Awraham. Awram, der dann, danach auch zu Awraham wird. Und in dieses Land ruft Er jeden von uns.
Im 22. Kapitel des Buches Bereschit sagt der Höchste nun schon zu Awraham, er solle seinen einzigen Sohn, den er liebt, Jizchak, nehmen und ihn als Ganzopfer darbringen. Und wohin er mit ihm gehen soll, sagt der Höchste:
עַל אַחַד הֶהָרִים אֲשֶׁר אֹמַר אֵלֶיךָ:
AL ACHÁD HEHARIM ASCHÉR OMÁR ELÉCHA
2 „...AUF EINEM DER BERGE, VON DEM ICH DIR SAGEN WERDE“.
Hier heißt es schon nicht mehr Ich werde dir zeigen, sondern Ich werde dir sagen. Wir sehen nicht, dass der Höchste irgendwo weiter zu Awraham gesagt hätte: „Schau, hier ist dieser Berg.“ Das ist nicht geschehen. Wovon spricht hier die Tora zu uns? Wenn wir denselben Ansatz anwenden, den Raw Leiner anwendet, dann kann man sagen: „Ich werde dir sagen, Ich werde dir ein neues Verständnis dessen geben, was geschieht.“ Awraham, der geht, um seinen Sohn als Opfer darzubringen, hört das, was der Höchste ihm durch einen Engel sagt: „Erhebe deine Hand nicht gegen den Jüngling.“ Das ist es, was der HERR sagt. Manchmal, wenn wir gehen, hören wir die Stimme des Höchsten, und diese Stimme täuscht uns nicht. Wir gehen, und es scheint uns, dass wir irgendeine Aufgabe haben, irgendein bestimmtes Ziel, und der Höchste gibt uns plötzlich, unerwartet ein neues Verständnis und sagt uns, dass das Ziel ja ganz woanders lag. Erstaunlich ist, dass Awraham nicht sagt: „Ach, wie schade. Es wäre großartig gewesen, sich auf eine solche Ebene des Glaubens und des Heldentums zu erheben, dieses Gebot nicht zu versäumen, sich auf diese Ebene zu erheben, auf eine solche Ebene, um seinen Sohn doch noch als Opfer darzubringen. Wie heldenhaft, wie pathetisch wäre es gewesen, das zu tun.“ Awraham sagt das nicht. Awraham hat das Verständnis, das der Höchste gibt, als der Höchste ihm sagt: „Halt ein!“ Einerseits, ja, folgt Awraham dem Höchsten, andererseits gibt es die Bereitschaft, plötzlich, unerwartet zu erkennen, dass das, was geschieht, kein ganzheitliches Verständnis war, und nun offenbart der Höchste das volle Verständnis, gibt ein neues Verständnis. Der Höchste sagt etwas, das einen zwingt, ganz anders auf das zu schauen, was wir gerade getan haben, auf das, was uns wichtig und nötig und eine Heldentat des Glaubens zu sein schien. Und das ist unbedingt eine Heldentat des Glaubens – mit seinem Sohn zu diesem Berg zu gehen, und plötzlich hören wir, dass etwas völlig anderes wichtig ist. Und die Fähigkeit, diese Stimme zu hören, auch das ist jener Zustand, zu dem der Höchste uns ruft.
Was sind unsere Kinder? Ich sage die Wahrheit, ich bin mir überhaupt nicht sicher, dass ich meine Kinder hingeführt hätte, um sie als Ganzopfer darzubringen. Gott sei Dank, dass Er mich nicht dazu ruft. Aber es gibt doch irgendwelche Pläne von uns, unsere Ideen, unsere Visionen, unsere Wünsche, etwas zu tun, aufzubauen, einzurichten, uns in jemandes Leben einzumischen oder irgendwie unser eigenes Leben zu verändern, irgendein gewaltiger Berg von Plänen, auf die zu verzichten uns schwerfällt, und hier gibt es noch den Zustand aschér omár elécha (was Ich dir sagen werde). Dann kann man hören, dass man bei dem, was uns grandios, erhaben und heldenhaft erscheint, innehalten muss. Man muss seinen Blick auf die Vergangenheit neu formatieren, auch das ist ein Teil des Umgangs mit dem Höchsten, und dieser Zustand der Bereitschaft, Ihn zu sehen, und der Fähigkeit, Ihn zu hören, ist ein Teil der Suche nach Seinem Angesicht, das Beobachten Seines Angesichts.
Es ist sehr wichtig, sich zu erinnern: Alles beginnt mit dem Satz lech lecha. Das ist das, was du brauchst. Man muss sein Glück, sein Potenzial nicht als Opfer darbringen – im Gegenteil, man muss es entwickeln. Gerade du musst zum Höchsten hin wachsen, nichts darf dabei zerbrechen. Und zugleich muss man innehalten und schauen: Vielleicht lohnt es sich, einen Zweig in eine andere Richtung zu treiben? Diese zwei Zustände des Sehens und des Hörens sind für jeden Bewohner jenes Landes notwendig, in das der Höchste uns ruft.
Eine solche Lesart ist eine der Varianten und erhebt in keiner Weise den Anspruch, die einzig richtige Lesart zu sein. Ich schlage einfach vor, die Beziehung zum Höchsten unter diesem Winkel, von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten.
Heute wird das Thema unseres Gesprächs die Bünde sein. Wir versuchen zu verstehen, was das Neue Testament ist, was das Alte TestamentIm Russischen bedeutet dasselbe Wort „Testament“ und „Bund“; übersetzt ist mit den üblichen Namen der beiden Teile der Bibel. In diesem Vortrag über die Bünde schwingt aber auch „Neuer Bund“ und „Alter Bund“ mit. ist, wann und wo und mit wem diese Bünde geschlossen wurden und wie viele Bünde es überhaupt gab. Wir versuchen zu verstehen, wann der Bund mit den Heiden geschlossen wurde, und vieles andere.
Zunächst wollen wir versuchen zu verstehen, was das Wort brit bedeutet. Wir finden keine Erklärung dieses Wortes, weder im Tanach noch im Talmud, bis hin zum frühen Mittelalter, als ein Mensch auftritt, der bis heute einer der größten Fachleute für das biblische Hebräisch bleibt, einer der größten jüdischen Grammatiker und Ausleger der Tora – Ibn Esra. Das ist ein Mensch mit einem sehr schweren Schicksal, ein großer Reisender und Wanderer, aber, wie ich schon gesagt habe, seine wichtigste Eigenschaft – er ist der erste Systematisierer des Hebräischen. Und man kann sagen, dass er auch heute noch der maßgeblichste Fachmann für die Bedeutung dieses oder jenes biblischen Wortes ist. Und wenn Ibn Esra das Wort brit betrachtet, sagt er, dass es zwei mögliche Herkünfte haben kann. Die erste Möglichkeit: vom Wort lewarer – wählen. Damit wir uns erinnern: Als Goljat sich vor dem jüdischen Volk aufspielt, sagt er: „Wählt euch einen Mann, dass er mit mir kämpfe.“ Das Wort wählt – bru hat nach der Vermutung Ibn Esras dieselbe Wurzel wie das Wort brit, das heißt, das Wort brit stammt vom Wort lewarer – wählen, erwählen. Nicht im Sinn von Auserwähltheit, sondern im Sinn der Wahl einer gewissen Qualität. Auserwähltheit ist vorhanden, hat aber zweitrangige Bedeutung.
Die zweite Möglichkeit, ebenfalls von Ibn Esra vorgeschlagen, ist die Herkunft vom Wort lewater – zerteilen, Grenzen festlegen. Wir erinnern uns, dass Awraham den Bund mit dem Höchsten bei den zerteilten Körpern der Tiere schloss, bei zerteilten Opfern, und das Wort zerteilt (mewutarDer Satz bricht schon im Russischen an dieser Stelle ab. Die Übersetzung gibt das Bruchstück wörtlich wieder.). Der Wechsel von Konsonanten in semitischen Wurzeln ist eine übliche und durchaus bekannte Erscheinung, deshalb kann die Wurzel batar (zerteilen, trennen) die Wurzel für das Wort brit sein. Worin liegt hier das Wesentliche? Das ist die Bezeichnung einer Grenze, die Verteilung der Pflichten zwischen den Parteien. Und über diese Möglichkeit werden wir noch sprechen.
Eine andere Möglichkeit des Verständnisses gibt Nachmanides zwei Jahrhunderte später. Er meint, dass das Wort brit durch nichts bedingte Verheißungen bezeichnet, das heißt Versprechen, die trotz allem erfüllt werden.
Und ich denke, dass das Wort brit, wie es bei biblischen Wörtern oft der Fall ist, alle drei Möglichkeiten des Verständnisses in sich enthält.
In Bezug auf die Grenze können wir sagen, dass es ein interessantes Verb gibt, das ständig mit dem Wort brit verbunden ist: In einer Übersetzung lesen wirIm Russischen heißt es „im russischen Text lesen wir“. Im Deutschen ist das allgemein formuliert, da auch deutsche Bibeln „einen Bund schließen“ sagen. „Ich werde einen Bund schließen“, und im Hebräischen lesen wir likrot brit, das Verb likrot – abschneiden, aushauen, abtrennen. Bekannt ist zum Beispiel ein Satz aus dem Tanach, wo der Höchste sagt: „Ich hasse Scheidungen.“ Auf Hebräisch: „Ani sane kritot“ – „Ich hasse Abtrennungen, Abschneidungen“. Eine der schrecklichsten Strafen, die die Tora gibt, ist Karet („abgeschnitten wird die Seele vom Volk“). Und hier sagt Gott wörtlich: „Ich werde einen Bund abschneiden.“ Und hier kann man die Festlegung einer konkreten Grenze sehen.
Also ist brit, einerseits, – die Erwählung des einen durch den anderen und die völlige Hingabe des einen an den anderen, und andererseits ist es die Verteilung der Pflichten, die Verteilung des Gebiets, der Aufgaben zwischen zwei Wesenheiten, zwischen zwei Verbündeten, zwischen denen, die in diesen Bund eintreten.
Legen wir vorerst die Bedeutungen des Begriffs brit beiseite und erinnern wir uns, wo dieses Wort zum ersten Mal erwähnt wurde. Es wird im Bund mit Noach erwähnt, und darin liegt eine gewisse Merkwürdigkeit. Sogar mehrere Merkwürdigkeiten. Erstens wird das Wort brit (Bund) schon erwähnt, bevor die Sintflut kam. Und wieder führt uns teilweise die Synodalübersetzung in die Irre. Das Buch Bereschit (6,18): „Aber mit dir werde Ich Meinen Bund aufstellen, und du wirst in die Arche gehen, du und deine Söhne und deine Frau und die Frauen deiner Söhne mit dir.“ Die ganze Familie, das ganze Haus Noachs. Wiederum, beachtet, dass der Bund mit Noach geschlossen wird, unter dem Bund aber zusammen mit Noach auch sein ganzes Haus gerettet wird. Erinnert ihr euch: „Du wirst gerettet werden, du und dein ganzes Haus“? Darauf kommen wir auch noch zurück. Jetzt möchte ich eure Aufmerksamkeit auf das Wort jekimóti lenken, übersetzt als werde aufstellen, in Wirklichkeit steht aus Sicht des Hebräischen im Original: „Ich werde Meinen Bund wiederherstellen (auferwecken), und du wirst in die Arche gehen, du und deine Söhne.“ Gott spricht von der Auferweckung des Bundes. Versuchen wir weiter zu verstehen, welchen Bund Gott auferwecken, wiederherstellen will, denn das ist im Grunde der älteste der „neuen“ Bünde.
Beim Propheten Jirmejahu (33,25.26) lesen wir von noch einem Bund, den wir bis dahin nicht kannten: „So spricht der HERR: ‚Wenn Ich Meinen Bund über Tag und Nacht und die Satzungen des Himmels und der Erde nicht festgesetzt habe, so werde Ich auch das Geschlecht Jaakows und Davids, meines Knechtes, verwerfen, sodass nicht mehr Herrscher aus seinem Geschlecht für das Geschlecht Awrahams, Jizchaks und Jaakows genommen werden, denn Ich werde die Gefangenen zurückbringen und mich ihrer erbarmen.‘“ Und im selben Kapitel lesen wir: „So spricht der HERR: ‚Wenn ihr Meinen Bund mit dem Tag und mit Meiner Nacht zerstören könnt, sodass Tag und Nacht nicht zu ihrer Zeit hervorkommen, dann kann auch Mein Bund mit Meinem Knecht David zerstört werden, sodass er keinen Sohn hat, der auf seinem Thron herrscht, und auch mit den Leviten und Priestern, Meinen Dienern.‘“ Der Höchste erwähnt hier einen Bund, aber das ist nicht ein Bund über Tag und Nacht, wie in der Synodalübersetzung, das ist ein Bund mit Tag und Nacht. Mit dem Tag und mit der Nacht hat Gott einen Bund geschlossen, mit der Weltordnung auf der Erde, mit der Zeit hat Gott einen Bund geschlossen, Gott hat auf der Erde bestimmte Zeiten festgesetzt. Wir wissen, dass seit dem Tag, an dem der Höchste die Himmelslichter erschuf, das heißt das Heer des Himmels zu erschaffen begann, Er diese Himmelslichter zum Zeichen für Tag und Nacht gab. Zuerst nannte Gott das Licht Tag und die Finsternis Nacht, und dann teilte Er jedem von ihnen seine Zeit zu, als das Projekt „Erde“ gestartet wurde. Denn wenn wir lesen „es war Abend und es war Morgen“, entsteht die Frage: Wo war Abend und wo war Morgen? Jetzt gibt es das nicht, dass auf der Erde überall Abend oder überall Morgen ist, irgendwo ist Abend, irgendwo Morgen, weil die Erde rund ist, die Sonne sie nicht ganz beleuchtet, und es gibt Zeitzonen, weil die Sonne die Erde unter verschiedenem Winkel beleuchtet. Und das ist eine Festsetzung des Höchsten, der Höchste hat uns diese Planeten zu Zeichen gegeben, so sagt Er. Und hier sagt der Höchste, dass mit diesem ganzen Weltgebäude, mit dieser ganzen Weltordnung ein Bund festgesetzt wurde.
Von noch einem Bund lesen wir beim Propheten Hoschea, im 6. Kapitel: „Sie aber haben wie Adam den Bund gebrochen…“ Es gab irgendeinen Bund mit Adam. Wir sehen schon 2 Bünde, die möglicherweise vor Noach geschlossen wurden, und einen dieser Bünde versucht der Höchste wiederherzustellen. Schauen wir, was der Höchste zu Adam sagte, und erinnern wir uns zunächst, dass der Höchste, als die Erschaffung Adams geplant wurde, sagte: „Lasst uns den Menschen erschaffen, und er soll herrschen..., und über die ganze Erde.“ Der Höchste stellte den Menschen über die Erde. In Bereschit (1,28) lesen wir: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: ‚Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und besitzt sie und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen.‘“ Wir wissen, dass Adam, als er nicht im Zustand des Sündenfalls war, als er im Eden war, keine Tiere töten musste, zwischen ihm und den Tieren war völliger Frieden, er selbst fürchtete die Tiere auch nicht. Wir haben auch im Gespräch über den Wochenabschnitt Ki Tissa davon gesprochen, dass im Allerheiligsten im Tempel dieser Zustand des Eden wiederhergestellt wurde, weil dort nie Tieropfer dargebracht wurden, im Allerheiligsten gab es nur das Räucherwerk. Psalm 115 (in der Synodalübersetzung 113) sagt: „Die Himmel – dem HERRN, die Erde aber den Menschen übergeben.“ Was bedeutet das? Er hat uns diese Erde nicht geschenkt, denn es ist gesagt, dass dem HERRN die Erde gehört und alles, was auf ihr ist, sie gehört dem HERRN, aber Er hat dem Menschen gegeben, auf ihr zu dienen, so steht es auch geschrieben, dass Gott Adam in den Garten setzte, um dort zu dienen und ihn zu bewahren. Vor wem musste man den Garten bewachen? Wer konnte den Garten angreifen? Bewachen – im Sinn von diesen Garten erhalten, pflegen usw. Das Wort leawod – arbeiten, es ist, wie wir schon gesagt haben, verwandt mit jener Arbeit, die im Tempel verrichtet wurde. Das Handeln der Priester im Tempel heißt ebenfalls Arbeit. Die Aufgabe Adams war, die Erde zu erheben, die Erde mit Göttlichem zu füllen. Adam selbst stellte seiner Natur nach ebenfalls ein Stück Erde dar, wie die Schrift es beschreibt. Der Höchste machte ihn aus Erde, in die der Höchste Atem aus Seinem Innersten einhauchte, und da wurde Adam zu einem lebendigen Menschen. Adam sollte die Erde auf die göttliche Ebene erheben. Wir lesen, dass der erste Altar, den der Höchste uns beschreibt, aus Erde war, nicht aus Steinen, sondern eben aus Erde. Die Idee des Altars ist, die Erde zu erheben, das Materielle zu erheben, die physische Welt auf die geistliche Ebene, auf die göttliche Ebene zu erheben. Und dazu war der erste Adam berufen. Deshalb erklang, als Adam fiel: „Du bist Staub und zum Staub wirst du zurückkehren. Verflucht ist die Erde um deinetwillen.“ Die Erde erwies sich als verflucht, weil Adam sie nicht erheben konnte, und Adam wird vertrieben. Bleibt nicht im Bund, wie Hoschea sagt, und wird aus dem Paradies auf die Erde vertrieben, und während 10 Generationen schweigt der Höchste bis Noach.
Noach geht hinein aufgrund der Verheißung, dass Gott mit ihm den Bund wiederherstellen wird. Und als Noach seine Fahrt in der Arche beendet, als er wie ein Seemann an Land zurückkehrt, baut er einen Altar, und das sagt der Höchste zu ihm: „Das ist das Zeichen des Bundes, den Ich setze zwischen Mir und zwischen euch und zwischen jeder lebendigen Seele, die mit euch ist, in Generationen für immer.“ Mit wem ist der Bund geschlossen? Mit der Menschheit und mit allen Tieren, mit der ganzen Tierwelt ist der Bund für immer geschlossen. Und von welchem Zeichen des Bundes spricht der Höchste? „Ich setze Meinen Regenbogen, damit er ein Zeichen des Bundes sei zwischen Mir und zwischen der Erde.“ Das heißt, der Bund ist zwischen Gott und der Erde geschlossen. Aber wartet, eben noch sagte der Höchste zwischen euch und jeder Seele, und jetzt hören wir der Erde? Weil durch die Rettung Noachs die Rettung der ganzen Erde kommt, so wie durch den Fluch Adams der Fluch der ganzen Erde kam. Weiter sagt der Höchste: „Und es wird sein, wenn Ich eine Wolke über die Erde bringe, dann wird der Regenbogen in der Wolke erscheinen, und Ich werde an Meinen Bund denken, der zwischen Mir und zwischen euch und zwischen jeder lebendigen Seele in allem Fleisch ist. Und das Wasser wird nicht mehr zur Flut werden, um alles Fleisch zu vertilgen.“
So stellt Gott in Noach den Bund wieder her, Er erwählt den Regenbogen zum Zeichen des Bundes. Sehen wir uns an, was ein Regenbogen ist. Vom physikalischen Standpunkt aus entsteht ein Regenbogen, wann immer er auftritt, immer durch das Spiel des Lichts auf Wassertropfen. Gewöhnlich sind das Regentropfen, selten sind das winzige Nebeltröpfchen. Aus den allerkleinsten Tropfen bilden sich die Wolken, und in diesen allerkleinsten Tropfen kann der Regenbogen noch nicht erscheinen, er erscheint in großen Tropfen. Und wenn euch jemand sagt, er habe einen Regenbogen gesehen, als es schneite, dann war das wohl schon tauender Schnee, der wie Tropfen ist. Also, stellt euch vor, wie sich die Erde mit Wolken überzieht. Die Wolken sind das Potenzial des Regens, das Potenzial der Flut. Wenn sich der Himmel mit Wolken überzieht, und wenn die Tropfen schon zu entstehen beginnen und groß werden, und wenn schon der erste Regen gefallen ist, beginnt der Regenbogen sichtbar zu werden. Der Regenbogen ist die Brechung des Lichts durch Wassertropfen.
Womit ist der Regenbogen vergleichbar? Der Regenbogen gleicht der Herrlichkeit Gottes. Davon spricht der Prophet Jecheskel im 1. Kapitel, Vers 28: „Wie der Regenbogen und die Wolken zur Zeit des Regens aussehen, so sah dieser Glanz aus.“ Der Glanz hatte ein Aussehen, das dem Regenbogen glich. In der Offenbarung, im 4. Kapitel, lesen wir, dass der, der auf dem Thron sitzt, und die Engel einen Heiligenschein in Gestalt eines Regenbogens haben, das ist ein Symbol der Herrlichkeit Gottes. Deshalb sagt Gott im 9. Kapitel von Bereschit: „Ich setze Meinen Regenbogen in die Wolken.“ Es gibt zwei Namen Gottes, die in den ersten Kapiteln des Buches Bereschit verwendet werden: den Namen Elohim, der Gericht bedeutet, und den Vier-Buchstaben-Namen, den wir nicht aussprechen, das Tetragrammaton. Der Vier-Buchstaben-Name bedeutet Gnade, und hier, in diesem Kapitel, sehen wir, dass Gott vom Namen Gericht spricht. Wenn sich das Gericht zeigt, die Wolken sich sammeln und die Flut heranreift, hält Gott Sein Gericht zurück, weil Er den Regenbogen sieht, die Offenbarung Seiner Herrlichkeit durch die Wolken sieht.
Und wie können wir den Regenbogen sehen? Der Regenbogen zeigt sich, wenn der Mensch ihn unter einem Winkel von 42° sieht; wenn der Blickwinkel auf den Regenbogen kleiner wird, sinkt der Regenbogen unter den Horizont, und man kann ihn nicht sehen. Genau 42°. So erstaunlich es ist, 42 ist eine magische Zahl in Bezug auf die Erlösung. Wir sehen, dass es 42 Lagerplätze gibt, die Israel auf dem Weg aus Ägypten ins Land Israel durchlaufen hat. Wir sehen auch 42 Generationen von Awraham bis Jeschua, wovon Matthäus spricht: dreimal 14. Wir kennen auch die Geschichte davon, dass Awraham in den Midraschim mit dem neuen, neugeborenen, ersten Mond verglichen wird, dann erscheint David wie der Vollmond, dann wieder ein Abnehmen des Mondes bis zum Abstieg nach Babylon und das Aufgehen des Mondes des Maschiach, des großen Mondes, der niemals untergehen wird. Das ist derselbe Midrasch, er sagt: dreimal 14; vom Neumond bis zum Vollmond sind es 14 Tage, und dreimal 14, das sind dieselben 42. Die Zahl 42 ist fest mit der Rettung verbunden, und das ist so eine merkwürdige physikalische Tatsache.
In Noach wird der erste Bund wiederhergestellt, den der Höchste eben mit Adam geschlossen hat. Es heißt: „Aus einem Blut hat der HERR alle Geschlechter der Erde hervorgebracht.“ Und Paulus sagt, dass durch die Sünde eines Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und die ganze Menschheit getroffen hat. Adam stand für die ganze Menschheit, so wie Noach für die ganze Erde stand.
Nach Noach vergehen noch 10 Generationen, und Awraham erscheint. Awraham zieht aus Ur aus, geht in das Land Israel, und der Höchste sagt zu ihm: „Ich werde dich zum Vater vieler Völker machen.“ Nicht einsetzen, nicht bestimmen, sondern Ich werde dich machen, das heißt, der Höchste hat verheißen, dass an Awraham eine bestimmte Arbeit vollzogen werden wird, die ihn in einen neuen Menschen verwandelt. Und Awraham als neuer Mensch, so steht es auch geschrieben, bria chadascha, neue Schöpfung, dasselbe, was Paulus sagt, dass, wer im Maschiach ist, eine neue Kreatur ist.
Worin liegt der Unterschied, wozu waren diese 10 Generationen von Noach bis Awraham nötig? Über Noach heißt es: Noach ithalech et-HaSchem, er ging mit Gott, man kann sagen, dass er um Gott herumging, Gott umwarb. Noach verstand, dass Gott die Quelle des Lebens ist, und wollte das für sich nutzen. Er verstand, dass es für ihn vorteilhaft ist, wenn er das Leben eines Gerechten führt; er diente Gott, kann man sagen, aus Furcht, aus rationalen Erwägungen. Über Awraham aber heißt es, dass er ithalech lifne Adonaj, er ging vor Gott, das heißt, er liebte Gott und war Sein Verkünder, er war schon kein Diener um des Vorteils willen mehr, er hatte zum ersten Mal Glauben und selbstlose Liebe. Und diese selbstlose Liebe zum Höchsten ist die Haupteigenschaft Awrahams, die alle Gläubigen erben. Wenn Jeschua sagt: „ihr werdet Liebe untereinander haben“, ist das vor allem die Liebe zum Höchsten, die die Liebe zum Nächsten hervorbringt. Ohne das geht es nicht. Die ersten fünf Gebote der Tafeln geben die Gebote der Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Höchsten, die zweiten fünf Gebote die zwischen Mensch und Mensch. In den ersten fünf steht der Name des Höchsten, in den zweiten fünf wird Sein Name nicht erwähnt. Wenn nach jedem Gebot von den ersten fünf Ich bin der HERR geschrieben steht, so gibt es das in den zweiten fünf nicht. Warum?
Übrigens, warum sprechen wir den Vier-Buchstaben-Namen nicht aus? Man sagt mir: „Warum sagst du nicht zum Beispiel, wie die Zeugen Jehovas sagen – Jehova, warum sprichst du den Namen nicht so aus?“ Stellt euch vor, euer geliebter Vater hat euch euer Porträt geschicktIm Russischen steht tatsächlich „euer Porträt“, obwohl der Gedankengang eher an ein Bild des Vaters denken lässt. Der Wortlaut wurde beibehalten., vielleicht 2 Porträts oder 3, und ihr habt es im Schlafzimmer aufgehängt, und im Wohnzimmer, und im Kinderzimmer. Ihr werdet euer Porträt nicht in der Toilette (Gott bewahre) oder im Stall aufhängen. Das Porträt muss an einem reinen Ort hängen, und der Höchste, obwohl Er die Gebote „stiehl nicht“, „brich nicht die Ehe“ gibt, will damit nicht einmal Seinen Namen verbinden. Und wenn wir den Namen aussprechen, müssen wir in einem Zustand entsprechender Reinheit sein. Die menschliche Bescheidenheit und Demut sagen: „Ich bin nicht würdig, jetzt den Heiligen Namen auszusprechen. Ich werde ihn nicht aussprechen.“
Aber kehren wir zu Awraham zurück. Awraham wurde die erste, neue Schöpfung, der Vater eines neuen Volkes, der Höchste will einen neuen Stamm erschaffen. Aber wir wissen, dass Awraham sieben Kinder hatte, die Söhne der Nebenfrau schickte er weg, und im Mittelpunkt der Erzählung der Schrift stehen Jischmael und Jizchak. Jizchak erhält das Erbe, dann ist auch bei Jizchak nicht alles in Ordnung, es gibt keinen Frieden zwischen den Kindern: Jaakow flieht vor Esaw, Esaw bleibt im Land, sehr schwierige Beziehungen. Es geschieht eine allmähliche Auslese, bei der ein Teil der Menschen über die Grenzen des Landes Israel hinausgeht; das bedeutet nicht, dass sie aus dem göttlichen Plan herausfallen. Stellt euch ein Land vor, dieselbe Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs, als es Menschen gibt, die bei Stalingrad kämpfen, und es gibt Menschen, die die Grenze zu Japan bewachen, die Grenze zur Mongolei bewachen, sich an verhältnismäßig friedlichen Orten befinden und nicht an der Front, aber auch sie sind Teil der Armee. Bis zur Zeit hatten sich die Nachkommen Adams so vermehrtDieser Satz ist schon im Russischen unklar formuliert. Die Übersetzung folgt dem Wortlaut, ohne ihn zu glätten., dass Israel das einzige Volk war, das dem Höchsten diente, weil der Höchste den Bau begann, die Verwirklichung jenes Bundes begann, der mit Adam geschlossen worden war, diesen Bund wiederherstellte. Denn der Bund Gottes ist unverbrüchlich, und wenn der Höchste Adam verheißen hat, Adam gesegnet hat, dass er herrschen soll, dann wird er herrschen, selbst wenn er den Bund bricht. Jirmejahu sagt im 31. Kapitel: „Ihr habt den Bund gebrochen, aber Ich war euch treu.“ Seht euch den richtigen Text an: Ich war dem Bund treu, Ich habe den Bund bewahrt. Der Höchste bewahrt den Bund. Und mit Awraham beginnt das Warten auf die Wiederherstellung jenes Bundes, der wiederhergestellt werden muss, des Bundes mit Adam.
Die Leute fragen: „Wo und wann ist der Bund mit den Heiden aufgerichtet worden?“ Einen solchen Bund gibt es nicht, aber das bedeutet nicht, dass man euch alle verjagen wird, wer kein Jude ist, der kommt in die Hölle. Gott bewahre! Gott ist nicht nur der Gott Israels! Gott will, dass jeder Stamm vor ihm das Angesicht neigtDas russische Wort an diesen Stellen bedeutet sowohl „Knie“ als auch „Stamm“. Wo es um das Angesicht und um die Aufzählung der Völker geht, steht „Stamm“, beim Beugen „Knie“.. Darin liegt das besondere Schaffen des Schöpfers, dessen Mitschöpfer zu sein wir berufen sind. Dass jeder Volksstamm von Polynesien bis zu den Seldschuken im Norden, jeder Volksstamm vor ihm das Knie beugt, so wie er ist, in all der riesigen Vielfalt. Gott will nicht, dass alle Hüte und Schläfenlocken anlegen, Gott will eine vielfältige Anbetung für Sich: jeder Stamm, jedes Volk, jede Sprache. Und als das Wunder von Pfingsten geschah, hat Gott es nicht so gemacht, dass alle Hebräisch verstanden, Gott hat es nicht so gemacht, dass sich plötzlich allen die heilige Sprache öffnete, Gott gab den Aposteln die Möglichkeit, zu jedem in seiner Sprache zu reden. Und Awraham wird Vater vieler Völker genannt. Nicht eines Volkes. Und Gott stellt durch Awraham, durch Noach den Bund mit der ganzen Welt wieder her, deshalb ist der Same Awrahams, von dem der HERR spricht, – Jeschua. Alle, die in den Leib Jeschuas eingegangen sind, sind aus dem Leib Adams herausgegangen. Sie sind Nachkommen Awrahams, denn Awraham ist der Erste, der begann, Gott in sich zu tragen, nicht mit Gott draußen zu wandeln, sondern Gott in sich zu tragen. Noach hatte Gott, aber auf einer Speicherkarte, auf einer externen Festplatte, man konnte Ihn heranholen, wenn es nötig war, und das war Gerechtigkeit, das war schon ein Schritt nach vorn. Bei Adam war Gott in die DNA eingeschrieben, Gott war auf der genetischen Ebene, und Adam ist ein völlig anderer Mensch. Und Gott erwartet von uns gerade die Wiederherstellung. Deshalb sagt Gott: „Mein Tempel – ein Tempel des Gebets für alle Völker“, alle Völker werden dorthin kommen, es gibt kein Volk, das nicht dorthin kommen kann.
Jetzt bleibt die Frage: Was ist denn der neue Bund, und mit wem ist er geschlossen? Wir wissen, dass Jeschua nach dem Evangelium nach Lukas sagt: „Seht, der Kelch des neuen Bundes – mein Blut, das für euch vergossen wird.“ Der Kelch des neuen Bundes? Wann beginnt dieser neue Bund zu wirken? Wann wird er für uns aktuell, ist er verkündet worden, sind wir in ihn eingetreten? Petrus erzählt im 1. Brief, im 3. Kapitel davon, dass sich einst zur Zeit Noachs 8 Seelen vor der Flut retteten, so rettet auch jetzt die Taufe (nicht: hat gerettet!) uns. Wir sind berufen, wir befinden uns jetzt alle in der Arche, die auf das Schließen des Bundes zufährt, die auf den Ort zufährt, an dem wir aus dieser Arche aussteigen, durch diese geistliche Flut hindurchgehen, durch diese Wassertaufe. Und wir sind auf dieser Arche unter dem Schutz des Höchsten, weil wir dem Höchsten dienen. Das Schließen des Bundes aber wird sein, wenn die Arche ans Ziel gelangt, und leben wird, wer diese Arche besteigt, wenn der Bund wiederhergestellt wird, den Gott mit der Erde und dem Himmel geschlossen hat, der Bund, den Gott mit Adam geschlossen hat, der Bund, den Gott mit Noach geschlossen hat, der Bund, den Gott mit Awraham geschlossen hat, der Bund, den Gott mit Israel, mit Aharon geschlossen hat. Die jüdischen Quellen sagen, dass Gott mit jedem einzelnen Menschen einen Bund geschlossen hat, als Israel auf dem Berg Gerisim stand, wir lesen das im Buch Dewarim, Kapitel 27 und 28. Flüche, ja, aber der Kommentar sagt, dass mit jedem Fluch ein Segen erklang, das ist natürlich. Und jeder dieser Segen und Flüche ist ein Bund, für jeden Punkt ein eigener Bund. Ein eigener Bund mit dem ganzen Volk und mit jedem Menschen im Einzelnen. Die einen sagen, es seien 48 Bünde geschlossen worden, andere sagen, es seien mehr als 500 Tausend Bünde geschlossen worden, weil jeder Mensch in diesen Bund eingetreten ist, mit jedem persönlich wurde der Bund geschlossen. Aber der Bund ist eine Fahrkarte für die Arche Noachs, die ihre Fahrt noch vor sich hat.
Wir wissen, dass die Sünde schon besiegt ist, wir wissen, dass der Sieg schon vollbracht ist, und diesen Sieg müssen wir auf die Erde bringen, dem dienen wir, damit dieses Evangelium allen Völkern gepredigt wird, damit alle Völker zu Jüngern werden, genauso wie Noach alles Fleisch in die Arche nahm, so geschieht es auch jetzt. Damit es eine neue Erde gibt, einen neuen Himmel, damit es so ist, wie es im Paradies war und wie es im Allerheiligsten war: Es war Frieden zwischen den Tieren, damit der Löwe Stroh fressen kann und unsere Kinder mit Schlangen spielen können, damit die Tiere miteinander in Frieden leben. Über all das haben wir schon im Wochenabschnitt Ki Tissa gesprochen. Das ist das Wesen dessen, was der neue Bund ist.
Dann stellt sich natürlich die Frage: Warum sagt Gott denn durch den Propheten Jirmejahu, dass Er einen neuen Bund mit dem Haus Israel und mit dem Haus Jehuda schließen wird? Aus demselben Grund, aus dem Er sagt, dass Er mit Noach einen Bund schließen wird, und in diesen Bund tritt die ganze Welt ein, jedes lebende Geschöpf. Zuerst die ganze Familie Noachs, und dann auch die ganze Welt. Gott schloss einen Bund mit Adam, und in ihn trat die ganze Menschheit ein. Und weil es dem jüdischen Volk, dem Haus Israel und dem Haus Jehuda, gegeben wurde, Träger des Bildes Gottes zu werden, wird auch mit ihnen der Bund geschlossen werden, als mit denen, die für die ganze Menschheit einstehen. Stellt euch vor, dass irgendein Land, Russland oder die USA, mit jemandem einen Vertrag schließt. Sie bitten nicht jeden Menschen, diesen Vertrag zu unterschreiben, sondern Verträge werden vor allem auf der Ebene zweier Präsidenten, zweier Minister, zweier Könige geschlossen, je nach der Ordnung des Landes, und die Verantwortung dafür trägt das ganze Land. Im guten wie im schlechten Sinn. Wir sehen, wie für die Verbrechen des Pharao sogar die Erstgeborenen der Sklavin in der Grube umkamen. Ihr werdet fragen: „Und die Sklavin in der Grube, was hat denn sie damit zu tun?“ Damit, dass sie eine Untertanin des Pharao ist.
Wir aber, ihr und ich, werden im Unterschied zu jener Sklavin, Gott sei Dank, Untertanen von Maschiach Jeschua und treten in seine Untertanenschaft ein, in sein Haus, in seinen Leib, und müssen noch weitere Menschen dort hineinführen. Was aber das Haus Israel und das Haus Jehuda betrifft, so sollen wir nach Jirmejahu am Ende der Tage die Wiederherstellung des Bundes sowohl mit dem Haus Israel als auch mit dem Haus Jehuda sehen. Wir lesen auch die Beschreibung des Tempels bei Jecheskel, und vieles andere kann man sich noch vorstellen – das ist Eschatologie, das ist die Lehre von der Zukunft. Von ihr lässt es sich schön und gut träumen, aber die Arbeit, die Erde ist uns hier und jetzt gegeben, und auf ihr müssen wir arbeiten. Und im Plan Gottes ist die Wiederherstellung Israels und Jehudas, und wir werden sehen, wie diese Wiederherstellung ein großes Gut für die Welt sein wird, wovon Paulus im Brief an die Römer spricht. Wir werden ihre Wiederherstellung sehen im Vorfeld dessen, dass unsere Arche an den Ort gelangt, wo man sozusagen parken, am Anleger anlegen kann. Das wird das wichtigste Zeichen dafür sein, dass die Zeit kommt. Und dann werden sich alle Prophezeiungen erfüllen, die Israel betreffen. Auch jetzt bewahrt Israel die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott, ihm ist die Schrift anvertraut, und das ist außerordentlich wichtig, Gott lässt nicht ab, beendet nicht die Wirkung seines Bundes, und der Bund wirkt, aber Gott wird diesen Bund nur erneuern, auferwecken, genauso wie Er den Bund mit Noach auferweckt. Wir sehen das.
Wir haben jetzt nicht über Israel gesprochen, sondern über die Heiden, deshalb ist Israel überhaupt ein eigenes Gespräch, und vielleicht sollte man an einer eigenen Stelle darüber sprechen, aber so oder so hat die ganze Menschheit potenziell Anteil am neuen Volk Gottes, in dessen Mitte Israel sein wird. Nichts ist gekommen, um Israel zu ersetzen, wir haben heute gelesen: Der Bund mit Israel wird nicht zerstört werden, solange Himmel und Erde nicht zerstört sind. Israel wird wiederhergestellt werden, an seinen Platz zurückkehren, und es wird jene ursprüngliche Weltordnung aufgerichtet werden, die sein soll. Aber der Bund mit den Heiden ist schon mit Adam geschlossen, mit Noach wiederholt, ein drittes Mal mit Awraham wiederholt und ein viertes Mal mit Israel, das wie Noach für die Familie, für die Erde, für die ganze Menschheit einsteht.
Gebe Gott uns, dem zu dienen, was der Höchste von uns verlangt, im irdischen Tempel zu dienen, mehr Jünger zu machen, mehr Menschen zum Höchsten zu führen und ihm treue Knechte zu sein.
Mit dem Wochenabschnitt Lech lecha beginnt die Tora die Erzählung von der Geschichte des Volkes Israel. Genauer gesagt beginnt alles mit einem, wie es scheint, unbedeutenden Ereignis:
Und der HERR sprach zu Awraham: „Zieh aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft, aus dem Haus deines Vaters in das Land, das Ich dir zeigen werde.
Genau dieses Wort zieh (lech lecha) wurde zum Namen unseres Wochenabschnitts, aber durch eine Besonderheit der Übersetzung hat es sich so ergeben, dass es auf Hebräisch 2 Wörter sind und nicht eines. Das erste Wort lech bedeutet tatsächlich geh, und von diesem Wort ist der Tanach geradezu voll. „Wenn ihr auf Meinen Wegen gehen werdet“ oder „Wohl dem Menschen, der nicht in den Rat der Gottlosen gegangen ist“. Offenbar ist die ganze Beziehung zum Höchsten mit dem Gehen verbunden. Awraham ging vor dem Höchsten, Noach und Chanoch gingen mit dem Höchsten. Das Leben wird dem Gehen gleichgesetzt, leben – das heißt gehen, sich in irgendeine Richtung bewegen. Das zweite Wort in der Wortverbindung lech lecha bedeutet dir – geh zu dir, zu dir selbst. Wenn wir zwei Teile zusammenkleben oder verbinden wollen, müssen wir ihre Oberflächen von allem Unrat, Fett, Dreck säubern, damit sie gut aneinander haften. Und der Mensch geht durch sein Leben, und Awraham ist in unserem Fall kein junger Mensch mehr, an ihm ist vieles angeklebt, hängen geblieben, es sind irgendwelche Gewohnheiten entstanden, es anderen recht zu machen, es sind irgendwelche Handlungen entstanden, ausgehend von „und was werden die über uns denken“, und sogar Glaubensvorstellungen, die unter dem Einfluss anderer entstanden sind.
Jeder von uns hat etwas, das nicht wir sind, das an uns hängen geblieben ist, uns unterdrückt, uns hindert, uns zu entwickeln. Und vor allem ist der Ruf des Höchsten lech lecha – das ist geh zu dir, geh zur Offenbarung deiner selbst, dann erst werde Ich mit deiner Seele arbeiten können. Ich werde dich zu einem großen Volk machen. Wenn du selbst rein bist, umgeschmolzen, gereinigt, dann werde Ich mit dir arbeiten können. Wie Rebbe Suscha von Annopol sagte: „Mich wird niemand jemals fragen, warum ich nicht Awraham oder Mosche war. Man wird mich fragen, warum ich nicht Suscha war.“
Mich wird man niemals fragen, warum ich niemals Mosche war oder warum ich nicht David war, man kann mich fragen, warum ich nicht Alex war, und meine Aufgabe ist es, so sehr wie möglich Alex zu werden, das heißt, das zu verwirklichen, was der Höchste in mich gelegt hat, gerade meine Eigenschaften, und alles von mir zu entfernen, was sich jemandem zuliebe gezeigt hat, aus dem Wunsch heraus, vor jemandem im Recht, gerecht zu erscheinen, gerecht und nicht glücklich. Wenn ich anderen zuliebe leben will, opfere ich mein Glück, ich wähle ständig zwischen Gerechtigkeit und Glück, und auch ihr wählt ständig, im Recht zu sein oder glücklich zu sein. Nicht gerecht, sondern im Recht! In den Augen der Gesellschaft würdig aussehen oder glücklich aussehen.
Der Höchste will, dass ich glücklich bin, und Er hat alles in mich gelegt, was nötig ist, damit ich glücklich bin. Nicht alles, was nötig ist, damit ich anderen genehm bin und anderen gefalle. Und eben in diesem Zustand des Glücks, der Gereinigtheit, der Reinheit, in diesem Zustand kann ich dem Höchsten folgen. Wie der Rebbe von Zanz sagte: „In meiner Jugend wollte ich die Welt verändern, dann – das Land, dann – die Familie. Und dann habe ich verstanden: Gebe Gott, dass ich mich selbst verändere.“
In unserem Gehen hinter dem Höchsten her, ganz am Anfang des Weges, ganz am Anfang der jüdischen Geschichte, sagt der Höchste: „Geh zu dir selbst.“ Manchmal hören wir von der Reue (auf Hebräisch Teschuwa – Rückkehr). Rückkehr nicht irgendwohin, wo du nicht warst, man kann nicht dorthin zurückkehren, wo man nicht war, Rückkehr ist die Rückkehr zu sich selbst, zu jener Schablone, nach der du geformt bist, zu genau jenem glücklichen MenschenDer russische Ausdruck kann „genau jener glückliche Mensch“ oder „der glücklichste Mensch“ bedeuten. Gewählt wurde die erste Lesart., als den Gott dich erschaffen hat, zu jenem Werkzeug für das Glück, das Gott in dich gelegt hat. Damit beginnt das erste Gebot in der jüdischen Geschichte.
Im 13. Kapitel des Buches Bereschit lesen wir davon, wie Lot sich einen Wohnort wählt:
וַיִּשָּׂא-לוֹט אֶת-עֵינָיו וַיַּרְא אֶת-כָּל-כִּכַּר הַיַּרְדֵּן כִּי כֻלָּהּ מַשְׁקֶה לִפְנֵי שַׁחֵת יְהוָה אֶת-סְדֹם וְאֶת-עֲמֹרָה כְּגַן-יְהוָה כְּאֶרֶץ מִצְרַיִם בֹּאֲכָה צֹעַר:
WAJISSA-LÓT ET-EJNÁWDer russischen Umschrift fehlt hier das J. Nach dem Hebräischen heißt es „ejnáw“ (seine Augen). WAJÁR ET-KOL-KIKKÁR HAJARDÉN KI CHULLÁ
MASCHKÉ LIFNÉJDer russischen Umschrift fehlt hier das auslautende J. Nach dem Hebräischen heißt es „lifnéj“ (vor). SCHACHÉT ADONÁJ ET-SEDÓM WE'ET-AMORÁ KEGAN-ADONÁJ KE'ÉREZ MIZRÁJIM BO'ACHÁ ZÓ'AR
10 UND LOT ERHOB SEINE AUGEN UND SAH DIE GANZE HOCHEBENE DES JORDAN, DIE GANZ GLEICHSAM GETRÄNKT WAR: BEVOR DER HÖCHSTE SEDOM UND AMORA VERNICHTETE, GLICH SIE DEM GARTEN DES HERRN, WIE DAS ÄGYPTISCHE LAND, BIS NACH ZOAR REICHEND.
Wir sehen also, dass die Tora uns hier eine erstaunliche Sache sagt, dass es eine bestimmte Ähnlichkeit zwischen dem Paradiesgarten (Gan Eden), Sedom und Amora und dem ägyptischen Land gibt. Drei scheinbar so verschiedene Orte haben eine gewisse Ähnlichkeit. Und die Tora sagt uns hier, worin die Ähnlichkeit besteht: ganz getränkt – maschke. Maschke bedeutet Flüssigkeit, Feuchtigkeit. Wir lesen im Buch Bereschit, dass ein Strom aus Eden hervorgeht, leaschkod – zu tränken den Garten. Und dieses Wort leaschkod ist von derselben Wurzel wie maschke – Getränktheit. Sowohl im Paradiesgarten als auch in Sedom und im ägyptischen Land ist die Getränktheit des Bodens fraglos, der Überfluss fraglos. Dort kann es an nichts Mangel geben, und das ist es, was diese drei völlig verschiedenen Gegenden verbindet.
Im Paradiesgarten bestand eine völlig natürliche, naturgegebene Verbindung zwischen Mensch und Gott. Diese Verbindung war vor dem Fall Teil der Natur des Menschen, deshalb war auch der Überfluss des Bodens Teil der Natur, Teil der Schöpfung. Nachdem geschehen war, was geschehen war, gab es im kanaanäischen Land, das ganz und gar vom Regen abhängt, so ein kleines Stückchen Paradiesgarten, die Orte, die Sedom und Amora hießen, und jenes ganze Hochland. Das kanaanäische Land hängt vom Regen ab.
Also, letzte Woche hat das Volk Israel angefangen, um Regen zu beten. Warum letzte Woche? Weil es seinerzeit Pilger gab, die zum Fest Sukkot nach Jerusalem kamen, und es war nötig, dass sie sich weit genug entfernt hatten, damit der Regen sie nicht unterwegs überraschte, und dann konnte man anfangen, um Regen zu beten. Natürlich betet das Volk um Regen, aber nicht alle brauchen Regen, nicht alle lieben Regen, Regen ist angenehm für die Landwirtschaft. Es ist schön, wenn du zu Hause sitzt und aus dem Fenster auf diesen kleinen Regen schaust. Es gibt sogar so ein Kinderliedchen: „Regen, Regen, hör schon auf zu tropfen.“ Wir beten einerseits um Regen, und andererseits macht er die Kleidung nass, er ist nass, er ist kalt, er ist unangenehm. Dieser Regen und das Gebet um ihn sind Ausdruck des ständigen Bedürfnisses nach Wiederherstellung der Gemeinschaft mit dem Höchsten, der Notwendigkeit, im eigenen Herzen Brennstoff für die Gemeinschaft mit dem Höchsten zu erzeugen, damit dieser Regen auf die Erde herabkommt, damit dieser Regen da ist. Das ist die Besonderheit des Landes Kanaan: In ihm muss man ständig die Beziehung zu Gott aufrechterhalten, damit der Boden seine Früchte gibt.
Was geschah in Sedom? Sedom war wirklich ein Kelch des Überflusses, es gab dort an nichts Mangel. Der Prophet Jecheskel sagt, dass man wegen dieses Müßiggangs in der Stadt die Armen nicht bemerkte, es gab keine Fürsorge für die Armen und Bettler. Wenn eine Gesellschaft an Überfluss und Wohlstand in sich selbst glaubt, aber nicht bereit ist, die Bettler, die Bedürftigen, die Kranken zu bemerken, wenn die Gesellschaft sich für vollkommen hält, dann, wenn sich da plötzlich jemand eingeschlichen hat, ein Bettler, ein Unpassender, dann wird er schon zum Feind dieser Gesellschaft. So etwas gab es in sozialistischen Systemen, als man nicht bereit war, einen Menschen anzunehmen, dem etwas fehlt, der mit etwas unzufrieden ist: Alle mussten ausnahmslos glücklich sein. Und das war das Problem Sedoms, dort wurde das Glück so sehr zum Gemeingut, so sehr zu einem notwendigen Element des gesellschaftlichen Lebens, dass derjenige, der arm war, derjenige, der ein Bettler war, zum Feind wurde, die Grundfeste dieses allgemeinen Wohlstands selbst untergrub. Das ist es, was eigentlich, wie der Prophet Jecheskel sagt, Sedom auch den Untergang brachte.
In Ägypten ist es eine völlig andere Variante. Eine höhere Stufe dieser Verderbnis durch Glück. Dort gibt es den Nil, der, indem er sich ausbreitet, eigentlich dem ganzen ägyptischen Land den Überfluss gibt, und es gibt den Pharao, der sagt: „Mir gehört der Nil, der Nil ist mein, und ich habe ihn gemacht.“ Dort gibt es nicht nur eine Wohlstandsgesellschaft, über die gesagt ist: „Du hast dir mit einer Bewegung des Fußes die Bewässerung der Felder geöffnet“ (man musste einfach nur den Schieber wegschieben, und das Wasser floss auf die Felder). Dort gab es außerdem noch den Pharao, der zum Gott erklärt worden war und von dem man glaubte, dass gerade er die Quelle dieses Wohlstands sei. So etwas gibt es auch in vielen Ländern, in vielen Diktaturen, wo der Diktator zu jemandem ausgerufen wird, der dem Volk das Glück sichert, ihm Wohlstand gibt und dank dem das Volk gedeiht. Deshalb segnet Jaakow den Pharao. Worin besteht das Wesen des Segens des Pharao durch Jaakow? Darin, offenzulegen, dass auch der Pharao selbst des Segens bedarf, dass es irgendeine höhere Quelle für Segen und Wohlstand gibt.
Sehr oft gerät eine Gemeinschaft von Gläubigen in solche „paradiesischen“ Situationen. Oft glauben die Leute und sagen: „Wir sind doch gläubige Menschen, wir sind gerettet. Und den Maschiach haben wir, und der Heilige Geist ist auf uns, bei uns kann es keine Krankheiten, keine Traurigkeit, keine Schwermut, kein Ausbrennen, keine Depression, keine Kränkungen geben – nichts davon kann es bei uns geben.“ Wer von all dem angesteckt ist, der ist, wie der Bettler in Sedom, – sofort unser Feind, uns entgegengesetzt und Gott entgegengesetzt“. Und es kommt vor, dass auch der materielle Wohlstand zu einem ebensolchen Wert wird. Und es wird gesagt: „In unserer Gemeinde ein armer Mensch? Das ist doch, weil er ein Sünder ist, weil er ein Feind Gottes ist. Das ist, weil er nicht Teil von uns ist, in Wirklichkeit, er ist fremd, er ist nicht von hier. Bei uns gedeiht alles. Regen? Was für ein Regen? Nein, von Regen haben wir nichts gehört.“ Und es scheint, dass wir schon das Paradies auf Erden gebaut haben, es scheint, dass wir im Paradies sind, aber es kann sich herausstellen, dass das nur dem Paradies ähnlich ist, in Wirklichkeit aber ist es Sedom. Und es kann sich herausstellen, dass es Ägypten ist, wo irgendein Diener verkündet hat, dass seine Vision, seine Offenbarungen den Boden für das Gedeihen der ganzen Gemeinde geben, und nur wer mit ihm ist, gedeiht. Und wenn du nicht gedeihst, dann bist du sein Feind.
Die Tora zeigt uns hier, zeigt mit einer kleinen Bemerkung, dass es Orte gibt, die dem Paradies sehr ähnlich sind, aber sie sind in Wirklichkeit nicht das Paradies, sie sind Ägypten – eine Quelle der Unreinheit; sie sind Sedom – eine Quelle der Verdorbenheit und der Verbitterung gegeneinander. Trotz all dieses Überflusses herrscht hier Abwesenheit von Liebe, Feindseligkeit. Und trotz der Zufriedenheit mit allem, trotz des Müßiggangs herrscht hier Unaufmerksamkeit gegenüber den Armen und Bettlern, fehlende Fürsorge für den anderen. Der Mensch hat so sehr von allem genug, dass er keine Zeit, keine Lust, keine Kraft und auch keine Notwendigkeit hat, auf den anderen zu schauen, fremdes Unglück, fremden Kummer wahrzunehmen. Und wenn es jemandem bitter ist, dann ist er nicht einer von uns und er ist fremd. In einem solchen „Paradies“ kann sich ein völlig aufrichtiger gläubiger Mensch wiederfinden. In ein solches „Paradies“ kann sich eine Gemeinde aufrichtig gläubiger Menschen verwandeln. Vielleicht bewahrt davor die Notwendigkeit, um Regen zu beten. Das ist es, worauf es sich lohnt zu achten und was man sich merken sollte.
Lest auch: Noach, Wajera, Bünde und Wochenabschnitte der Tora.