- Wochenabschnitte
- Bereschit
- Wajera
וַיֵּרָא
Wajera
Awraham, Gastfreundschaft und Glaube
- Wochenabschnitt
- 4 von 54
- Verse
- Bereschit 18,1–22,24
- Teile
- 8
- Lesezeit
- 1 Std. 42 Min.
- Hörfassung
- 2 Std. 41 Min.
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Wajera ist der Wochenabschnitt über die Gäste Awrahams, über Gastfreundschaft und Glauben. Alex Blend behandelt die Verheißung der Geburt Jizchaks, das Gespräch über Sedom, die Geschichte Lots und das Schicksal Jischmaels. Das Stenogramm verbindet den Text der Tora auf Hebräisch, die Transliteration, die Übersetzung und die Kommentare des Autors über Zweifel und Vertrauen in den Höchsten.
Wajera: Awraham hat Gäste
Bereschit 18,1–15
Der Wochenabschnitt Wajera enthält viele interessante Geschichten. Er beginnt mit dem 18. Kapitel des Buches Bereschit, mit einer sehr interessanten Geschichte darüber, wie der Höchste Awraham die frohe Botschaft von der Geburt Jizchaks verkündet. Wir werden heute diesen Abschnitt lesen.
וַיֵּרָא אֵלָיו יְהוָה בְּאֵלֹנֵי מַמְרֵא וְהוּא יֹשֵׁב פֶּתַח־הָאֹהֶל כְּחֹם הַיּוֹם׃
wajerá eláw adonáj be'eloné mamré wehú joschew petach-ha'óhel kechóm hajom
1 Und der HERR erschien ihm im Eichenhain Mamre, und er sitzt am Eingang des Zeltes in der Hitze des Tages.
וַיִּשָּׂא עֵינָיו וַיַּרְא וְהִנֵּה שְׁלֹשָׁה אֲנָשִׁים נִצָּבִים עָלָיו וַיַּרְא וַיָּרָץ לִקְרָאתָם מִפֶּתַח הָאֹהֶל וַיִּשְׁתַּחוּ אָרְצָה׃
wajissá enáw wajár wehinné scheloschá anaschím nizzawím aláw wajár wajároz likratám mippétach ha'óhel wajischtáchu árza
2 Und er erhob die Augen und sah: Siehe, drei Menschen stehen bei ihm; und er sah und lief zu ihnen vom Eingang des Zeltes und verneigte sich vor ihnen bis zur Erde.
וַיֹּאמַר אֲדֹנָי אִם־נָא מָצָאתִי חֵן בְּעֵינֶיךָ אַל־נָא תַעֲבֹר מֵעַל עַבְדֶּךָ׃
wajomár Adonáj im-ná mazáti chen be'enécha al-ná ta'awór me'ál awdécha
3 und sprach: „HERR! Wenn ich Gnade gefunden habe in deinen Augen, geh nicht vorüber an deinem Knecht.
יֻקַּח־נָא מְעַט־מַיִם וְרַחֲצוּ רַגְלֵיכֶם וְהִשָּׁעֲנוּ תַּחַת הָעֵץ׃
jukkach-ná me'at-májim werachazú raglechém wehischa'anú táchat há'ez
4 Nehmt ein wenig Wasser und wascht eure Füße und lehnt euch an, ruht euch unter dem Baum aus.
וְאֶקְחָה פַת־לֶחֶם וְסַעֲדוּ לִבְּכֶם אַחַר תַּעֲבֹרוּ כִּי־עַל־כֵּן עֲבַרְתֶּם עַל־עַבְדְּכֶם וַיֹּאמְרוּ כֵּן תַּעֲשֶׂה כַּאֲשֶׁר דִּבַּרְתָּ׃
we'ekchá fat-léchem wesa'adú libbechém achár ta'awóru ki-al-kén awartém al-awdechém wajomerú ken ta'assé ka'aschér dibbárta
5 Und ich werde Brot nehmen (fat-lechem – das ist ein kleines Brot), und stärkt euer Herz, und danach geht ihr weiter. und darum seid ihr an eurem Knecht vorübergegangen“. und sie antworteten ihm: „ja, tu so, wie du sagst“.
Awraham sieht drei, die ihm entgegenkommen oder neben ihm stehen (aus dem Text ist das nicht besonders klar), läuft zu ihnen hin, verneigt sich, lädt sie nach Hause ein. Sie willigen ein, bei ihm einzukehren. Scheinbar ist alles klar. Alles, und doch nicht alles. Erstens, was einem Menschen ins Auge fällt, der die vorhergehenden Kapitel des Buches Bereschit gelesen hat, – das Fehlen einer Erwähnung Awrahams in diesen Versen. Wie schreibt die Tora gewöhnlich? Awraham stand auf, zum Beispiel, und der Höchste erschien Awraham im Eichenhain Mamre. Und Awraham sitzt am Eingang des Zeltes, in der Hitze des Tages. Und Awraham erhob die Augen und sah, siehe, drei stehen usw. So haben wir es in allen vorhergehenden Kapiteln gelesen. So spricht die Tora gewöhnlich. Hier in diesen Versen wird der Name Awrahams nicht erwähnt. Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass, wenn ein Mensch sich in der Gegenwart Gottes befindet, wenn Gott sich offenbart, der Mensch im Stehen vor dem Höchsten sich auflöst. Awraham ist vom göttlichen Erleben ganz aufgesogen. Es bleibt nur der Körper. Awraham selbst ist nicht da. Deshalb – und er stand auf, und er sah, und er lief ohne Erwähnung Awrahams. Wann erscheint Awraham? Er erscheint im 6. Vers: wajmahér awrahám und Awraham eilte ins Zelt zu Sara, als er sich schon von diesen dreien entfernt hatte.
Was ist die Natur dieser Vision? Darüber gibt es einen Streit. Es gibt die, die sagen, dass ihm Engel erschienen sind, der HERR in Begleitung von zwei Engeln. Das ist der sich aufdrängende einfache Sinn. Rabbi Lewí ben Gerschóm, der im XIII. Jahrhundert lebte, sagt, da geschrieben steht „er sah drei Menschen“ (so steht es im 2. Vers), seien eben Menschen gekommen, Propheten seien gekommen, die kamen, um ihm die frohe Botschaft zu verkünden. Es gibt auch die Meinung des Buches Sohar, dass er, so seltsam es ist, Awraham, Jizchak und Jaakow sah. Das heißt, es ist eine solche prophetische Vision, in der Awraham sich auf eine erhabene göttliche Stufe erhebt: Er ist nicht mehr Awraham, er ist die ganze jüdische Geschichte. Und er ist eben in diesem mit Gott vereinten Zustand. Vielleicht ist darüber gesagt: „Awraham sah diesen Tag und freute sich.“ Vielleicht beginnt eben dieses Erleben, die Verheißung des Sohnes, damit. Auf jeden Fall ist es interessant, welche Natur diese Vision hat.
Maimonides (Rambam) sagt, dass das alles, alles, was hier bis zur Vernichtung Sedoms beschrieben ist, das alles Awraham träumt. Es geschieht, Gott vernichtet tatsächlich Sedom und Amora, aber Awraham träumt es. Weshalb wir auch in den folgenden Kapiteln lesen, dass Awraham aufwachte, und zwar an dem Ort aufwachte, wo er vor dem HERRN gestanden hatte, hinschaute, unten aufsteigenden Rauch sah. Und es steht geschrieben: „Und als der HERR Sedom und Amora vernichtete, gedachte Er Lots und führte um Awrahams willen heraus und rettete Lot.“ Wir werden darauf noch zurückkommen. Der Rambam schließt auf dieser Grundlage (und man kann es so verstehen), dass das alles eine Vision ist. Sedom, und das Lachen Saras, und das Gespräch Lots mit den Engeln – das alles ist der Traum Awrahams.
Andere Kommentatoren denken nicht so. Es gibt einen Streit, aber da wir diesen Streit nicht entscheiden können, lassen wir beide Meinungen gelten. Wir verstehen vorerst auch nicht, wer diese drei Menschen sind, die zu Awraham gekommen sind. Aufhorchen lässt, dass im 3. Vers das Wort אֲדֹנָי (Adonaj) mit Kamaz gebraucht wird, das ist so ein besonderes kleines Vokalzeichen unter dem Buchstaben נ (Nun), das auf eine Anrede an Gott hinweist. Obwohl wir gewöhnlich sagen, dass sowohl „der HERR“ als auch „der Herr“ auf Hebräisch Adonaj heißt, gibt es doch einen gewissen Unterschied. Adonaj mit Kamaz אֲדֹנָי – das ist Gott. Adonaj mit Patach – das ist der Herr, obwohl es in der aschkenasischen Aussprache gleich ausgesprochen wird. Dennoch hat Awraham in diesen Menschen schon etwas Göttliches erkannt.
Awraham hat die Menschen also eingeladen hereinzukommen. Sie sagten ihm nicht „danke“, „danke, dass du uns einlädst“, „toll“, wie wir heute reagieren würden. Sie sagen ihm „ja, tu so, wie du gesagt hast“. Warum so? Weil nach den damaligen Zeiten sie es sind, die ihm eine Gnade erweisen, indem sie in sein Zelt kommen. Das ist eine große Ehre, die sie ihm erweisen. Deshalb sagen sie einfach: ken ta'assé ka'aschér dibbárta – ja, tu so, wie du sagst.
Im nächsten Kapitel, wenn wir über Lot sprechen, werden wir eine völlig andere Antwort hören, praktisch von denselben Kameraden. Awraham freute sich sehr über die positive Antwort. Wir lesen weiter:
וַיְמַהֵר אַבְרָהָם הָאֹהֱלָה ל־שָׂרָה וַיֹּאמֶר מַהֲרִי שְׁלֹשׁ סְאִים קֶמַח סֹלֶת לוּשִׁי וַעֲשִׂי עֻגוֹת׃
wajmahér awrahám ha'óhela el-sará wajomer maharí schelósch se'ím kémach sólet lúschi wa'assí ugot
6 Und Awraham eilte ins Zelt zu Sara und sagte zu ihr: „Mach, beeil dich, nimm drei Maß Grießmehl (drei Maß gutes Grießmehl), knete sie und mach Gebäck.“
Im modernen Hebräisch ist uga ein Kuchen, aber hier sind höchstwahrscheinlich einfach Brote gemeint. Damit wir eine Vorstellung vom Ausmaß haben: drei Maß – das sind ungefähr 24 Liter Mehl (nach manchen 21, nach manchen 24). In diesem Fall ist die Menge viel größer, als für drei Personen nötig ist. Vielleicht, weil Awraham ein Festmahl veranstaltet, an dem nicht nur diese drei teilnehmen werden, sondern auch die Knechte. Und diese drei, die drei Gäste, bekommen die besten Stücke vom Tisch.
וְאֶל־הַבָּקָר רָץ אַבְרָהָם וַיִּקַּח בֶּן־בָּקָר רַךְ וָטוֹב
we'el-habbakár raz awrahám wajikkách ben-bakár rach watów
7 Und zu den Jungstieren lief Awraham und nahm ein Kalb, zart und gut,
Manche Kommentatoren, insbesondere Rabbi Schlomo Jizchaki, sagen, dass er drei nahm. Ein Kalb, ein zweites zartes und ein drittes gutes. Warum? Weil Raschi zu erklären versucht, womit Awraham die Engel speiste. Und womit kann man königlich speisen? Na, Sülze hat er ihnen ja nicht gemacht. Er servierte ihnen, nach Raschis Meinung, Zunge mit Senf. Und um drei Zungen zu servieren, muss man entsprechend drei Jungstiere schlachten. Aber der einfache Sinn sagt hier, meiner Ansicht nach – ein Kalb, zart und gut, ein einziges. Er wählte ein besseres Kalb aus.
וַיִּתֵּן אֶל־הַנַּעַר וַיְמַהֵר לַעֲשׂוֹת אֹתוֹ׃
wajittén el-hanna'ár wajmahér la'assót otó
und gab es dem Knecht, und damit der Knecht sich beeilte, es zu machen.
Zum ersten Mal überträgt Awraham hier dem Knecht etwas. Obwohl wir wissen, dass Awraham ein sehr reicher Mensch ist, er hat viel Besitz, bemüht er sich, alles selbst zu tun.
וַיִּקַּח חֶמְאָה וְחָלָב וּבֶן־הַבָּקָר אֲשֶׁר עָשָׂה וַיִּתֵּן לִפְנֵיהֶם וְהוּא־עֹמֵד עֲלֵיהֶם תַּחַת הָעֵץ וַיֹּאכֵלוּ׃
wajikkách chem'á wechaláw uwen-habbakár aschér assá wajittén lifnehém wehú oméd alehém táchat ha'éz wajochélu
8 Und er nahm Butter und Milch und das Kalb, das er gemacht hatte, und er setzte es ihnen vor, und er stand über ihnen (bediente sie) unter dem Baum, und sie aßen.
Natürlich entsteht bei vielen sofort die Frage, wie Awraham denn Fleisch mit Milch servieren konnte? Bei Juden ist das nicht üblich. Wenn man vom praktischen Standpunkt aus überlegt, dann braucht man, um ein Kalb zuzubereiten, viel mehr Zeit, als um Butter und Milch zu servieren. Sara machte schnell Fladen. Sie wurden mit Butter und Milch serviert, bis das Fleisch serviert wird. Ein orientalisches Festmahl dauert lange, niemand hat es irgendwohin eilig. Die Leser achten auch darauf, dass Awraham anscheinend Brot angeboten und Sara gebeten hat, Brot zu machen. Aber das Brot wird nicht serviert. Und auch darauf sind viele verschiedene Theorien und Kommentare aufgebaut. Die Kommentatoren sagen, dass bei Sara, während sie den Teig knetete, die Monatsblutung einsetzte. Awraham aß nur Reines. Und deshalb servierten sie das Brot nicht. Viele andere Erklärungen. Die einfachste Erklärung ist, dass das Brot beim Festmahl zweitrangig ist. Wenn wir sagen, dass wir bei jemandem zu Gast waren und etwas gegessen haben, dann fragt ihr: „Und das Brot?“ Na ja, Brot gab es dort auch. Die Tora beschreibt das Brot nicht, weil das Brot dort selbstverständlich ist.
Die Gäste sitzen also und essen. Und sie stellen ihm eine Frage.
וַיֹּאמְרוּ אֵלָיו אַיֵּה שָׂרָה אִשְׁתֶּךָ
wajomerú eláw ajé sará ischtécha
9 Und sie sagten zu ihm: „Wo ist deine Frau Sara?“
Wieder, achtet darauf. Erstens sagten sie nicht zu Awraham, sondern sagten zu ihm. Er ist wieder in ihrer Gegenwart.
וַיֹּאמֶר הִנֵּה בָאֹהֶל׃
wajomer hinné wa'óhel
und er antwortete ihnen: „Siehe, sie ist im Zelt.“
Es steht geschrieben – und sie fragten ihn. Frage: Haben sie zu dritt gefragt, im Chor gefragt? Nein, es steht im Plural geschrieben. Damit es nicht so aussieht, als ob ein Mensch, irgendein Mensch sich nach Saras Gesundheit erkundigt, sich nach der Frau erkundigt. Das ist nach den Traditionen jener Zeit unhöflich.
וַיֹּאמֶר
wajomer
10 und da sagt der Oberste:
Zuerst sprachen sie gleichsam im Namen vieler, und dann sagt Er
שׁוֹב אָשׁוּב אֵלֶיךָ כָּעֵת חַיָּה וְהִנֵּה־בֵן לְשָׂרָה אִשְׁתֶּךָ וְשָׂרָה שֹׁמַעַת פֶּתַח הָאֹהֶל וְהוּא אַחֲרָיו׃
schow aschúw elécha ka'ét chajá wehinne-wén lesará ischtécha wesará schomá'at pétach ha'óhel wehu acharáw
„ich werde zu dir zurückkehren um diese Zeit. und siehe, Sara, deine Frau, wird einen Sohn haben.“ und Sara hört hinter dem Eingang des Zeltes.
Die letzten zwei Wörter – und er hinter ihm (wehu acharáw). Es ist nicht sehr klar, worum es geht. „Er hinter ihm“, vielleicht ist er – der Eingang des Zeltes hinter Awraham? Obwohl das nicht offensichtlich ist. Andere Kommentatoren sehen darin Jischmael. Wehu – und Jischmael steht hinter dem Eingang des Zeltes, oder hinter Awraham.
Warum kann es wichtig sein, dass Jischmael das hört, dass Jischmael hier anwesend ist? Weil sich mit der Geburt Jizchaks, wenn Sara einen Sohn gebiert, der Status Jischmaels von Grund auf ändern wird. Jischmael war der Erbe im Haus Awrahams. Wenn Sara ein Sohn geboren wird, verliert er alles. Für ihn ist das ein riesiger Schock, für ihn ist das überhaupt keine frohe Botschaft. Und weiter lesen wir:
וְאַבְרָהָם וְשָׂרָה זְקֵנִים בָּאִים בַּיָּמִים חָדַל לִהְיוֹת לְשָׂרָה אֹרַח כַּנָּשִׁים׃
we'awrahám wesará sekením ba'ím bajamím chadál lihjot lesará órach kannaschím
11 Awraham und Sara sind alt, in die Tage gekommen. Und bei Sara war vorüber, was gewöhnlich bei den Frauen geschieht
Das heißt, bei Sara hatte der Monatszyklus aufgehört. Sie sind schon alt. Awraham ist an die 100 Jahre, Sara etwas jünger. Im 12. Vers lesen wir:
וַתִּצְחַק שָׂרָה בְּקִרְבָּהּ לֵאמֹר אַחֲרֵי בְלֹתִי הָיְתָה־לִּי עֶדְנָה
wattizchák sará Bekirbá Lemór acharé welotí haeta-lí edná
12 Und Sara lachte In sich, indem sie sagte: „nachdem bei mir die Wechseljahre waren
haeta-li edna werde ich Glück haben, werde ich einen Orgasmus haben, kann man mit einem modernen Wort übersetzen.
וַאדֹנִי זָקֵן׃
wadoní sakén
Und mein Herr ist alt“.
Sara lachte innerlich – das ist so ein komplizierter Ausdruck, vielleicht ging ein Kitzeln durch sie hindurch, ging ein Lachen durch sie hindurch, etwas geschah in ihrem Körper, sie spürte etwas. Und sie sagte so etwas. Plötzlich spürte sie ein gewisses Kitzeln der Jugend in sich. Möglicherweise, sagt man, kam die Seele Jizchaks in dieser Zeit heran.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־אַבְרָהָם
wajomer adonáj el-awrahám
13 Und da sagt der HERR zu Awraham:
Hier begegnen wir zum ersten Mal sowohl dem HERRN als auch Awraham, wenn der Name Awrahams erwähnt wird, weil es um Sara geht, hier wird nun Sara davorstehenIm Russischen heißt es wörtlich, Sara werde hier nun „davorstehen“, also vor jemandem stehen oder gegenwärtig sein, ohne dass gesagt wird, vor wem. Wir haben das wörtlich übernommen..
לָמָּה זֶּה צָחֲקָה שָׂרָה לֵאמֹר הַאַף אֻמְנָם אֵלֵד וַאֲנִי זָקַנְתִּי׃
lámma se zachaká sará lemor ha'áf umnám eléd wa'aní sakanti
„warum hat Sara denn gelacht, indem sie sagte: ‚werde ich gebären?‘ Bin ich etwa alt geworden?
Man kann die Worte Saras als ich bin alt übersetzen. Aber hier sagt der HERR: „Sara hat im Prinzip zwei Argumente gegeben, warum sie keine Kinder haben kann: weil sie alt ist, weil ihr Mann alt ist“.
Hier sagt der HERR: „Bin Ich denn alt geworden?“ Und ihre Worte adoní sakén (mein HERR ist alt/ mein Herr ist alt) versteht Er als mein HERR ist alt. Er deutet es um. Das ist so ein Wortspiel. Und Er sagt: Warum hat Sara so gesagt? Bin Ich, der HERR, denn alt geworden?“
הֲיִפָּלֵא מֵיְהוָה דָּבָר לַמּוֹעֵד אָשׁוּב אֵלֶיךָ כָּעֵת חַיָּה וּלְשָׂרָה בֵן׃
hajippalé me'adonáj dawár lammo'éd aschúw elécha ka'ét chajá ulsará wen
14 Ist denn etwas zu schwer für den HERRN? Ich werde zu dir zurückkehren um dieselbe Zeit, Und Sara wird einen Sohn haben“.
תְּכַחֵשׁ שָׂרָה לֵאמֹר לֹא צָחַקְתִּי כִּי יָרֵאָה וַיֹּאמֶר לֹא כִּי צָחָקְתְּ׃
wattechachésch sará Lemór lo zachákti ki jaré'a wajomer lo ki zachákt
15 Und Sara begann zu leugnen, Indem sie sagte: „ich habe nicht gelacht“. denn sie fürchtete sich. und sprach zu ihr: „Nein, du hast gelacht“.
Was ist das, auf den ersten Blick, für ein Kindergarten-Gezänk zwischen Gott und Sara? Im Kindergarten fragt man so: „Wer hat gelacht“. „Ich habe nicht gelacht“. „Nein, du hast gelacht“. Dabei sind es scheinbar erwachsene Leute und ein Gott, der nicht alt geworden ist. Die Kommentatoren sagen hier, dass der Höchste mit einer Frau Umgang hat (eines der wenigen Beispiele im Tanach), Umgang hat und mit ihr in Einfachheit spricht. Wenn der Höchste zu den Männern mit Anweisungen kommt, streng „steh auf“, „nimm“, „tu“. Dann kann der Höchste mit einer Frau plaudern. Der Talmud sagt: „Niemals wollte der Höchste mit einer Frau plaudern, außer mit dieser Gerechten“. Dieses freundschaftliche Gespräch ist ein Ausdruck der Liebe Gottes zu Sara. Was lehrt Er sie? Dass es Wunder in der Welt gibt, weil Er nicht alt geworden ist. Man kann fragen: Glaubte Sara etwa nicht an Wunder? Wusste sie nicht, dass Gott der Allmächtige ist? Seit den Zeiten der Sintflut gab es über viele Generationen hinweg keine Wunder, es geschah nichts Wunderbares. Ein Wunder war das, und ist übrigens ein Wunder das, dass Gott diese Welt nach Naturgesetzen lenkt, dass es bestimmte Regeln gibt, nach denen diese Welt existiert. Aber hier sagt der Höchste im Grunde zu Sara: „Ich bin nicht alt geworden. Alle Wunder, die ich getan habe, sind keine Kunststücke Meiner Jugend. Ich habe die Kraft, Wunder zu tun, nicht verloren. Ich bin noch jung, Ich bin noch ein Gott, der sich sehen lassen kann! Das ist der Umgang Gottes mit einer Frau in Liebe, in einer für die Frau verständlichen Sprache. Gott lehrt sie, dass Er wunderbar ist, dass Er Wunder wirken kann und dass Seine Liebe auch wunderbar ist.
Damit endet eigentlich unsere Episode, die frohe Botschaft der Verkündigung an Awraham über die Geburt Jizchaks.
Letztes Mal haben wir die Geschichte von der frohen Botschaft an Awraham gelesen, wir haben bis zum 15. Vers unseres Kapitels gelesen. Und mit dem 16. Vers beginnt eine andere Geschichte.
וַיָּקֻמוּ מִשָּׁם הָאֲנָשִׁים וַיַּשְׁקִפוּ עַל־פְּנֵי סְדֹם
Wajakúmu mischám ha'anaschím wajaschkífu al-pené Sedóm
16 Und diese Menschen standen von dort auf (Die Gäste Awrahams stehen auf) und begannen, auf Sedom zu schauen.
Für das Wort schauen gibt es im Hebräischen sehr viele verschiedene Wörter. Das Wort leaskif bedeutet drohend schauen, mit Verdacht beobachten, genau hinsehen auf Sedom.
וְאַבְרָהָם הֹלֵךְ עִמָּם לְשַׁלְּחָם׃
We'awrahám holéch immám leschallechám
Awraham geht mit ihnen, um sie wegzuschicken.
Das Wort lischlóach bedeutet im modernen Hebräisch wegschicken, im Hebräisch der Tora bedeutet es entweder begleiten oder vertreiben. In unserem Fall natürlich das Erste.
וַיהוָֹה אָמָר
Wadonáj amár
17 Und der HERR sagt:
Hier sagt der HERR, gibt den Gedanken Gottes wieder, der HERR spricht bei Sich Selbst.
הַמְכַסֶּה אֲנִי מֵאַבְרָהָם
hamechassé aní me'awrahám
„Verberge ich vor Awraham
Das Wort lichassot heißt nicht im Geheimen verbergen, sondern verbergen, um nicht zu betrüben, verbergen, um einen Menschen nicht zu enttäuschen; zudecken.
הַמְכַסֶּה אֲנִי מֵאַבְרָהָם אֲשֶׁר אֲנִי עֹשֶׂה׃
hamechassé aní me'awrahám aschér aní ossé
werde ich vor Awraham verbergen, was ich tue?
וְאַבְרָהָם הָיוֹ יִהְיֶה לְגוֹי גָּדוֹל וְעָצוּם וְנִבְרְכוּ בוֹ כֹּל גּוֹיֵי הָאָרֶץ׃
We'awrahám hajo Jihjé legój gadól we'azúm weniwrechu-wó kol gojé ha'árez
18 Denn Awraham Wird zu einem großen und starken Volk werden, Und durch ihn werden gesegnet werden Alle Völker der Erde.
Das Wort bracha (oder Segen), wenn wir es verstehen, verwirrt uns sein russischer Kontext ein wenig: Segen – ein gutes Wort. Oder das ist ja eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen benedikzion (benediction) – gut ausgesprochen. Das Wort bracha – das ist sich verbinden. Awraham wird alle Völker der Erde zu einem verbinden. Vor kurzem hat man mich gefragt, woher weißt du, dass das, was in Israel geschieht, ein Indikator für die ganze Welt ist. Awraham verbindet alle Völker zu einem. Der Grad der Gesegnetheit aller kommt durch Awraham. Awraham wie ein Netz, das alles vereint.
כִּי יְדַעְתִּיו לְמַעַן אֲשֶׁר יְצַוֶּה אֶת־בָּנָיו
ki jeda'tíw lemá'an Aschér jezawwé et-banáw we'et-betó
19 Denn ich habe ihn dazu bestimmt, Dass er seinen Söhnen und seinem Haus gebiete
Was bedeutet seinen Söhnen und seinem Haus? Unter dem Wort Haus ist oft der weibliche Teil gemeint; wenn bejto ohne das Wort bnej, bejto gesagt wird, hat es die Bedeutung – die Frauen seines Hauses
וְאֶת־בֵּיתוֹ אַחֲרָיו וְשָׁמְרוּ דֶּרֶךְ יְהוָה לַעֲשׂוֹת צְדָקָה וּמִשְׁפָּט לְמַעַן הָבִיא יְהוָה עַל־אַבְרָהָם אֵת אֲשֶׁר־דִּבֶּר עָלָיו׃
acharáw weschamerú dérech adonáj la'asót zdaká umischpát lemá'an hawí adonáj al-awrahám et aschér-dibbér aláw
nach ihm, und sie werden den Weg des HERRN bewahren, Barmherzigkeit und Gericht zu üben“.
Damit der HERR Awraham gebe, was Er verheißen hat. Das heißt, der HERR sagt: „Ich habe Awraham doch dazu bestimmt, dass er sein ganzes Haus, alle seine Nachkommen anleitet, Barmherzigkeit und Gericht zu üben. Ohne das wird er seine Bestimmung nicht erfüllen“. Mit der Barmherzigkeit ist bei Awraham alles gut. Er ist die Barmherzigkeit selbst. Er nimmt Gäste auf, er sorgt für alle. Er sagt fast nie „nein“. Er kommt allen entgegen. Aber mit dem Gericht steht es bei Awraham noch nicht gut. Er hat sich noch nicht auf die Ebene des Gerichts erhoben. Und der HERR sagt: „Werde Ich es etwa vor ihm verbergen?“ So verbirgt man manchmal vor Kindern den Tod der Eltern oder irgendwelche tragischen Ereignisse. Der HERR sagt zu Awraham: „Man muss erwachsen werden. Ich werde es nicht vor ihm verbergen“. Und der HERR beginnt mit Awraham ein Gespräch.
Und im 20. Vers sagt er:
וַיֹּאמֶר יְהוָה זַעֲקַת סְדֹם וַעֲמֹרָה כִּי־רָבָּה וְחַטָּאתָם כִּי כָבְדָה מְאֹד׃
Wajomer Adonáj sa'akát sedóm wa'amorá Ki-rabbá wechattatám ki chawedá me'ód
20 Und der HERR sprach: „Das Schreien und Wehklagen Sedoms und Amoras ist groß, Und ihre Sünde ist sehr schwer.
אֵרֲדָה־נָּא וְאֶרְאֶה הַכְּצַעֲקָתָהּ הַבָּאָה אֵלַי עָשׂוּ כָּלָה וְאִם־לֹא אֵדָעָה׃
erada-ná we'er'é hakkeza'akatá habbá'a eláj assu kalá we'im-lo edá'a
21 Ich will doch hinabsteigen und sehen, ob alles so ist, wie sie schreien. Wenn das Schreien, das zu mir gelangt ist, so groß ist, Wenn sie das getan haben, werde ich sie vernichten. Und wenn nicht, dann werden wir sehen, mal schauen.
Natürlich muss dieser Vers die Kommentatoren in Verlegenheit bringen. Übersetzen wir ihn noch einmal:
erada-ná we'er'é hakkeza'akatá habbá'a eláj assu kalá we'im-lo edá'a
ich will hinabsteigen und sehen, ob das wirklich so ist, wie das Schreien, das zu Mir gelangt. wenn sie das getan haben, dann werde ich sie vernichten. wenn nicht, dann werde ich wissen, was zu tun ist.
Die Kommentatoren sagen, wie kann das sein, dass Gott, der die Herzen sieht und alles weiß, nicht weiß, was sein wird. Und die einen sagen: „Ja, tatsächlich, Gott kann nicht wissen, was der Mensch wählen wird. Er weiß, wie Er mit dem Menschen verfahren wird, je nach dessen Wahl, aber die Wahl des Menschen kennt Er nicht“. Es gibt solche Kommentatoren. Das ist sehr schockierend, und es ist sehr beängstigend, so etwas zu glauben. Andere sagen: „Gott spricht doch mit Awraham, Er erklärt Awraham das Gericht, lehrt Awraham das menschliche Gericht. Und deshalb ist es in der Sprache der Menschen gesagt“. Dritte sagen: „Der Höchste steht auf der WahrheitIm Russischen heißt es wörtlich, der Höchste sei „auf der Wahrheit“; die genaue Bedeutung ist offen, vielleicht ist gemeint, dass Er nach dem Recht handelt. Wir haben den Wortlaut beibehalten., Er verhält sich auf der Erde entsprechend dem irdischen Gericht und handelt nach dem Zeugnis“. In jedem Fall ist dieser Satz sehr rätselhaft, und bei weitem nicht alles in der Schrift können wir verstehen.
וַיִּפְנוּ מִשָּׁם הָאֲנָשִׁים וַיֵּלְכוּ סְדֹמָה וְאַבְרָהָם עוֹדֶנּוּ עֹמֵד לִפְנֵי יְהוָה
wajifnú mischám ha'anaschím wajelechú sedóma we'awrahám odénnu oméd lifné adonáj
22 Und die Menschen wandten sich von dort ab. Awraham steht noch vor dem HERRN.
Also, zwei von dreien gingen nach Sedom, und Awraham steht vor dem HERRN, der eigentlich mit ihm das Gespräch begonnen hat.
וַיִּגַּשׁ אַבְרָהָם
wajiggásch awrahám
23 Und Awraham trat heran
Wir haben gelesen, dass er vor Ihm steht. Was bedeutet waigasch? Das Wort herantreten – begann eine Annäherung; mit einem Anlauf. Awraham begann, gegenüber dem Höchsten zu argumentieren.
וַיִּגַּשׁ אַבְרָהָם וַיֹּאמַר הַאַף תִּסְפֶּה צַדִּיק עִם־רָשָׁע׃
wajiggásch awrahám wajomár ha'áf tispe zaddík im-raschá
und Awraham trat heran und sprach: „Du willst etwa den Gerechten zusammen mit dem Frevler verderben?
Auf den ersten Blick: Um wen sorgt sich Awraham? Um die Gerechten? Du wirst doch den Gerechten nicht zusammen mit dem Frevler verderben? Aber Awraham fährt fort.
אוּלַי יֵשׁ חֲמִשִּׁים צַדִּיקִם בְּתוֹךְ הָעִיר הַאַף תִּסְפֶּה וְלֹא־תִשָּׂא לַמָּקוֹם לְמַעַן חֲמִשִּׁים הַצַּדִּיקִם אֲשֶׁר בְּקִרְבָּהּ׃
uláj jesch chamischím zaddikím betóch ha'ír ha'áf tispé welo-tissá lammakóm lemá'an chamischím hazzaddikím aschér bekirbá
24 Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt, und du wirst sie tatsächlich vernichten und dem Ort nicht vergeben um der fünfzig Gerechten willen, die in ihm sind
Achtet darauf, Awraham vermeidet es feinfühlig, Sedom zu erwähnen. Um, sagen wir, den Herrscher nicht zu erzürnen. Er verhält sich wie ein Mensch, der mit einem König spricht. Er sagt: „Vielleicht findest du in der Stadt fünfzig Gerechte und vernichtest den Ort nicht, um der fünfzig Gerechten willen.“ Er spricht nicht von der Vernichtung der Gerechten, er spricht von der Rettung der Frevler um des Verdienstes der fünfzig Gerechten willen, die es in der Stadt gibt. Und weiter sagt er:
חָלִלָה לְּךָ מֵעֲשֹׂת כַּדָּבָר הַזֶּה
Chalíla lechá me'assót kaddawár hassé
25 Gott bewahre Dich,
Zu Gott kann man so sprechen, so zu handelnDer Satz ist schon im Russischen ungewöhnlich gebaut; das angehängte „so zu handeln“ greift wohl die Worte des Verses „so etwas zu tun“ auf. Wir haben ihn wörtlich wiedergegeben..
לְהָמִית צַדִּיק עִם־רָשָׁע הָיָה כַצַּדִּיק כָּרָשָׁע חָלִלָה לָּךְ הֲשֹׁפֵט כָּל־הָאָרֶץ לֹא יַעֲשֶׂה מִשְׁפָּט׃
lehamít zaddík im-raschá wehajá chazzaddík karaschá chalíla lach haschofét kol-ha'árez lo ja'assé mischpát
um den Gerechten mit dem Frevler zu töten Und um den Gerechten und den Frevler zu verderben. Wird der Gebieter der Welt etwa nicht Gericht üben?
Einerseits stellt Awraham es als Sorge um die Gerechten dar, und andererseits will Awraham die Frevler retten. Überhaupt lohnt es sich zu verstehen, warum Awraham das sagt. Vielleicht, weil (damit haben wir begonnen) Awraham – ganz Chessed ist, er ist ein Humanist, er ist gegen die Todesstrafe für Terroristen und gegen die Todesstrafe überhaupt. Er ist dagegen, jemandem nein zu sagen. Er ist für die Annahme des Gleichen und für die Annahme des Schwachen. Und für Barmherzigkeit gegenüber den Frevlern.
Aber man kann das auch unter einem anderen Blickwinkel betrachten. Wir haben im 14. Kapitel gelesen, dass Awraham seinerzeit praktisch die ganze Bevölkerung, die ganze arbeitsfähige Bevölkerung Sedoms eroberte, sie den fünf Königen abrang. Und im Gespräch mit dem König von Sedom (der König von Sedom sagte zu ihm: „Gib mir nur die Seelen, und alles Übrige nimm dir“) erinnern wir uns, dass Awraham antwortete: „Ich werde nichts von dir nehmen.“ Aber wir erinnern uns, dass diese Seelen bei Awraham waren, für einen gewissen Moment waren sie ihm anvertraut (wenn wir diese Seelen sagen, sprechen wir von Knechten). Aber die Knechte, sie waren ja in vielem auch Schüler, denn oft bezahlten die Schüler für den Unterricht damit, dass sie dienten. Und natürlich unterrichtete Awraham seine Knechte. Das heißt, diese Menschen, alle Frevler von Sedom, waren vielleicht einmal in der Gewalt Awrahams. Awraham hätte im Prinzip auch König von Sedom werden können. Deshalb sorgt er sich, da er in vielem seine Verantwortung spürt. Daher hat er auch die Sorge um die Frevler.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אִם־אֶמְצָא בִסְדֹם חֲמִשִּׁים צַדִּיקִם בְּתוֹךְ הָעִיר לְכָל־הַמָּקוֹם בַּעֲבוּרָם׃
wajomer adonáj im-emzá wisdóm chamischím zaddikím betóch ha'ír wenasáti lechol-hammakóm ba'awurám
26 Und der HERR sprach: „wenn ich in Sedom fünfzig Gerechte in der Stadt finde, werde Ich um ihretwillen die ganze Stadt begnadigen.“
וַיַּעַן אַבְרָהָם וַיֹּאמַר הִנֵּה־נָא הוֹאַלְתִּי לְדַבֵּר אֶל־אֲדֹנָי וְאָנֹכִי עָפָר וָאֵפֶר׃
wajá'an awrahám wajomár hinne-ná ho'álti ledabbér el-adonáj we'anochí afár wa'éfer
27 und Awraham antwortete und sprach: „vergib, dass ich gewagt habe, zu meinem Herrn zu reden, Ich aber bin Staub und Asche.
אוּלַי יַחְסְרוּן חֲמִשִּׁים הַצַּדִּיקִם חֲמִשָּׁה
uláj jachserun chamischím hazzaddikím chamischá
28 Vielleicht werden bis zu den fünfzig fünf Gerechte fehlen?
Vielleicht, lass uns eine statistische Fehlertoleranz von fünf Gerechten machen, von zehn Prozent.
הֲתַשְׁחִית בַּחֲמִשָּׁה אֶת־כָּל־הָעִיר וַיֹּאמֶר לֹא אַשְׁחִית אִם־אֶמְצָא שָׁם אַרְבָּעִים וַחֲמִשָּׁה׃
hataschchít bachamischá et-kol-ha'ír wajomer lo aschchít im-emzá scham arba'ím wachamischá
wegen der fünf Fehlenden wirst Du die ganze Stadt vernichten?“ und antwortete, Und sprach: „selbst wenn es dort fünfundvierzig sind, werde Ich diese Stadt nicht vernichten.“
Natürlich faszinieren Zahlen den Leser und den Kommentator immer. Das Wort fünfzig. Scheinbar so ein verständliches Wort, fünfzig ist auch in Afrika fünfzig, so eine runde, schöne Zahl. Aber das Wort fünfzig ist die Gematria des Wortes מי (mi) – wer. Wir haben gesagt, als wir das Buch Kohelet betrachteten, dass das Wort mi (wer) das bedeutet, was den Schöpfer vermittelt, das, was den Schöpfer in sich trägt. Das Wort מה (ma) – was, das, was zum Schöpfer strebt. Und außerdem ist das Wort mi, oder fünfzig nach der Gematria, auch הָאָדָם (ha'adam) – the man, der erste Mensch.
Fünfundvierzig ist nach der Gematria einfach Adam, einfach Mensch. Das heißt, ich suche einen Menschen in Sedom, wirst du dort einen Menschen finden.
Der Name Lot. Übrigens muss man hier innehalten, wir werden diese Analyse noch machen, wenn wir weiter sprechen. Aber erwähnen wir hier einfach in Klammern, dass der Name Lot (לֹֽוט) nach der Gematria ebenfalls fünfundvierzig ist. Lamed ל ist 30, Waw ו ist 6, Tet ט ist 9. Einerseits bedeutet der Name Lot verborgen, unverständlich, der, der verlangt, dass man sich mit ihm befasst, dass man ihn betrachtet. Das Wort lot – im Nebel zerfließend. Andererseits bedeutet dieser Name auch verflucht, das Wort lita bedeutet Fluch. Und nun, ob das Adam vor dem Sündenfall ist oder Adam, der unter dem Fluch steht, das ist ebenfalls eine Frage in Bezug auf Lot. Damit beginnt Awraham eigentlich, im 29. Vers fährt er fort:
וַיֹּסֶף עוֹד לְדַבֵּר אֵלָיו וַיֹּאמַר אוּלַי יִמָּצְאוּן שָׁם אַרְבָּעִים וַיֹּאמֶר לֹא אֶעֱשֶׂה בַּעֲבוּר הָאַרְבָּעִים׃
wajossef od ledabbér eláw wajomár uláj jimmaze'ún scham arba'ím wajomer lo e'essé ba'awúr ha'arba'ím
29 Und er fuhr fort, mit Ihm zu reden, und sprach: „und wenn vierzig?“ Und sprach: „ich werde nicht vertilgen um der vierzig willen.“
וַיֹּאמֶר אַל־נָא יִחַר לַאדֹנָי וַאֲדַבֵּרָה
wajomer al-ná jíchar ladonáj wa'adabbéra
30.Und er sprach: „zürne nicht, HERR,
Und er spielt wirklich, wie man sagt, mit dem Feuer.
אוּלַי יִמָּצְאוּן שָׁם שְׁלֹשִׁים וַיֹּאמֶר לֹא אֶעֱשֶׂה אִם־אֶמְצָא שָׁם שְׁלֹשִׁים׃
uláj jimmaze'ún scham scheloschím wajomer lo e'essé im-emzá scham scheloschím
Umgekehrt, vielleicht finden sich dort dreißig?“ Und sprach: „auch wegen dreißig werde ich nicht vertilgen.“
Awraham setzt das Feilschen auf der Aussichtsplattform fort, von der aus Sedom zu sehen ist. Awraham schaut auf die Stadt, vielleicht sieht er irgendein Gewimmel. Vielleicht sieht er einfach die Stadt dort im Nebel. Und die Stadt tut ihm leid.
וַיֹּאמֶר הִנֵּה־נָא הוֹאַלְתִּי לְדַבֵּר אֶל־אֲדֹנָי אוּלַי יִמָּצְאוּן שָׁם עֶשְׂרִים וַיֹּאמֶר לֹא אַשְׁחִית בַּעֲבוּר הָעֶשְׂרִים׃
Wajomer hinne-na ho'álti ledabbér el-adonáj uláj jimmaze'ún scham esrím wajomer lo aschchít ba'awúr ha'esrím
31 Und er sprach: „Siehe, ich habe mich entschlossen, zum HERRN zu reden. Vielleicht finden sich dort zwanzig?“ Und er sprach: „ich werde nicht vertilgen um dieser zwanzig willen“
Die letzte Bitte Awrahams – vielleicht finden sich dort zehn. Und da sagt der HERR: „Auch wegen zehn werde ich nicht vertilgen.“
וַיֹּאמֶר אַל־נָא יִחַר לַאדֹנָי וַאֲדַבְּרָה אַךְ־הַפַּעַם אוּלַי יִמָּצְאוּן שָׁם עֲשָׂרָה וַיֹּאמֶר לֹא אַשְׁחִית בַּעֲבוּר הָעֲשָׂרָה׃
Wajomer al-na jíchar ladonaj wa'adabberá ach-happá'am ulaj jimmaze'ún scham assará wajomer lo aschchít ba'awúr ha'assará
32 Und er sprach: „der HERR möge nicht zürnen, und ich werde nur noch dieses Mal reden: wenn sich dort zehn finden?“ Und er sprach: „ich werde nicht vertilgen um dieser zehn willen“
וַיֵּלֶךְ יְהוָה כַּאֲשֶׁר כִּלָּה לְדַבֵּר אֶל־אַבְרָהָם וְאַבְרָהָם שָׁב לִמְקֹמוֹ׃
Wajélech adonaj Ka'aschér killá ledabbér el-awrahám we'awrahám schaw limkomó
33 Und der HERR ging fort, Als versiegt war (das Wort kila – versiegt, zu Ende gegangen, vom Wort kol) das Reden mit Awraham.
Der HERR hat dieses Gespräch begonnen, und der HERR hat das Gespräch mit Awraham beendet. Nicht Awraham hörte auf zu reden, sondern der HERR beendete irgendeine seiner Lektionen für Awraham. Warum haben sie bei zehn Gerechten aufgehört? Ein Gerechter ist ein Mensch, der gerecht lebt, nach der Berichtigung der Welt strebt und dementsprechend andere zu Gerechten macht. Awraham selbst ist der, der um sich herum Gerechte macht. Wenn ein Mensch stark ist und Einfluss ausüben kann, dann beginnt er, wenn er sich in Sedom befindet, wenn er sich an irgendeinem Ort befindet, wo es keine Gerechten gibt, eine Gemeinde heiliger Menschen aufzubauen, wie Awraham es tut. Und dann hat er Früchte, und dann wird es mehr als zehn Gerechte geben. Wenn ein schwacher Mensch unter Einfluss gerät, wählt er besser einen Ort, wo gerechte Menschen leben (als einen Ort, wo Frevler leben), um unter den Einfluss der Gerechten zu geraten, und dann wird auch er gerecht leben können.
Aber dann die Frage: Warum hat er einen Ort gewählt, an dem es keine zehn Gerechten gibt? Zehn ist so ein Minimum, das auf dich einwirken kann, um dich gerechter zu machen. Und das ist das Minimum, sagen wir, das schöpferische Minimum eines Gerechten. Wenn er fähig ist, die Welt zu verändern, dann ist er fähig, zehn Gerechte um sich herum zu schaffen. Im Grunde gibt es keinen Ort, an dem sich nicht zehn Gerechte bilden können. Und wenn es ihn gibt, dann haben Gerechte dort nichts zu tun. Und das ist das Maß der Gnade des Höchsten gegenüber einem Ort. Das heißt, wie geschieht das Gericht des Höchsten, wie begnadigt der Höchste? Es gibt ein gewisses Maß, es gibt eine gewisse Rationalität in meiner Begnadigung. Bei all deiner Liebe, bei all deiner Verantwortung für Sedom liegt eine Verantwortung auf den Gerechten, die dort leben. Und das ist sehr wichtig. Und deshalb steht geschrieben, dass der HERR beendete (nicht abbrach, sondern eben beendete), sein Gespräch mit Awraham zu Ende führte. Er hat Awraham in diesem Gespräch etwas gelehrt. Überhaupt wird dieses ganze Kapitel davon handeln, wie Awraham das Maß des Gerichts lernt und wie der HERR aus Awraham einen Anführer, einen Leader, einen Leiter macht, einen Menschen, der allem entsprechen wird, wozu er berufen ist.
Wir werden die Geschichte darüber lesen, was mit den Engeln in Sedom als Gästen bei Lot geschah.
וַיָּבֹאוּ שְׁנֵי הַמַּלְאָכִים סְדֹמָה
wajawóu schené hammal'achím sedóma
1 Und es kamen zwei Engel nach Sedom
Man kann auf eine interessante grammatische Form achten: Wenn nach dem Namen einer Stadt der kleine Buchstabe ה (hej) gesetzt wird, kann er eine Richtung bedeuten. Sedom – der Name der Stadt, Sedoma – das ist nach Sedom. Jeruschalajim – das ist der Name der Stadt, Jeruschalajima – das ist nach Jerusalem. So eine Endung, die auf eine Richtung hinweist. Außer bei den Namen von Städten wirkt er (der kleine Buchstabe ה) auch beim Wort bájt – Haus, habájta – nach Hause.
Es kamen also zwei Engel nach Sedom.
בָּעֶרֶב וְלוֹט יֹשֵׁב בְּשַׁעַר־סְדֹם
ba'érew welót joschew bescha'ar-sedóm
am Abend. und Lot sitzt im Tor Sedoms.
Das Tor der Stadt. Wir wissen aus der alten Geschichte, dass im Tor der Stadt Gericht gehalten wird, alle Begegnungen, aller wesentliche Umgang, im Tor der Stadt sitzen vornehme Leute. Lot, obwohl er ein Fremder in Sedom ist, wir wissen, dass sein Onkel dem König von Sedom sehr gut geholfen hat. Eigentlich hat sich Awraham um Lots willen in diese ganze Geschichte eingemischt, und offenbar wurde Lot zu einer gewissen Autorität in Sedom. Und so sitzt er am Tor der Stadt.
וַיַּרְא־לוֹט וַיָּקָם לִקְרָאתָם וַיִּשְׁתַּחוּ אַפַּיִם אָרְצָה׃
wajar-lót wajákom likratám wajischtáchu appájim árza
und Lot sieht, und er sprang ihnen entgegen, stand ihnen entgegen auf und verneigte sich vor ihnen bis zur Erde.
Sehr ähnlich dem, was Awraham getan hat. Ähnlich, aber nicht ganz.
וַיֹּאמֶר הִנֶּה נָּא־אֲדֹנַי
wajomer hinné na-adonáj
2 Und er sagte: „siehe, meine Herren,
Wir haben gesagt, als wir die Geschichte mit Awraham besprachen, dass in der Erzählung über Awraham das Wort Adonaj mit Hilfe von Kamaz vokalisiert ist. Hier ist es mit Patach vokalisiert. Adonaj mit Kamaz – das ist der HERR, Adonaj mit Patach – das sind die Herren. Also: Herren.
סוּרוּ נָא אֶל־בֵּית עַבְדְּכֶם וְלִינוּ וְרַחֲצוּ רַגְלֵיכֶם וְהִשְׁכַּמְתֶּם הֲלַכְתֶּם לְדַרְכְּכֶם וַיֹּאמְרוּ לֹּא כִּי בָרְחוֹב נָלִין׃
súru na el-bét awdechém welínu werachazú raglechém wehischkamtém wahalachtém ledarkechém wajomerú lo ki warechów nalín
tretet ein in das Haus eures Knechtes, und übernachtet, und wascht eure Füße. und ihr werdet aufstehen, und ihr werdet euren Weg gehen. und sie sagten zu ihm: „nein, Wir werden lieber auf der Straße übernachten“.
Man muss, wie immer, auf unbedeutende Details achten. Vor allem bietet Lot ihnen nicht an, sich zu stärken. Er bietet ihnen kein Essen an. Wenn Awraham sagt: Wascht ihr zuerst die Füße, und dann setzt ihr euch und esst, so bietet Lot ihnen an, die Füße vor dem Weggehen zu waschen. Warum entsteht plötzlich ein solcher Unterschied. Die Kommentatoren sagen, dass in jenen Zeiten viele der vorbeiziehenden Götzendiener den Staub oder den Schmutz an den Füßen anbeteten. Und Awraham, der sich von jedem Götzendienst fernhält, will selbstverständlich bei sich keinen Götzenschmutz sehen. Und deshalb besteht er darauf, dass die Gäste zuerst die Füße waschen. Lot ist in dieser Frage weniger penibel, deshalb bietet er an, die Füße vor dem Weggehen zu waschen, aber auch das ist trotzdem seltsam. Erstens, wer hat denn jemals wirklich den Schmutz an den Füßen angebetet. Zweitens, selbst wenn du ihn anbetest oder es dir egal ist, warum nicht die Gäste einladen, die Füße zu waschen und mit gewaschenen Füßen schlafen zu gehen. Worum geht es überhaupt bei der Geschichte mit der Fußwaschung? Bekannt ist, dass Götzendienst die Anbetung heidnischer Götter ist, die keinen Plan haben, und im Großen und Ganzen sind die heidnischen Götter kommerzielle Götter. Ihre Beziehung ist „nimm und gib“, auf kommerzieller Ebene, Gnade gibt es bei ihnen nicht. Und von ihnen kann man nur etwas erhandeln. Aus Gnade oder aus Liebe etwas zu bekommen, das ist nicht ihre Art.
In einer Welt, in der es ein solches System, eine solche Sicht auf das Göttliche gibt, existiert die Vorstellung, dass der Mensch auch unter Menschen nichts aus Gnade bekommen kann. Deshalb sind schmutzige Füße ein Symbol der schwieligen Hand des Proletariers, der sich mit ehrlicher Arbeit seinen Lebensunterhalt verdient. Schmutzige Füße sind ein Zeugnis dafür, dass der Mensch sein Brot nicht umsonst essen wird. Das ist ein Gegenstand des Stolzes eines Menschen, der kein Weichling ist, der mit seiner Arbeit verdient. Und dementsprechend gibt es in der Welt Sedoms Achtung davor. Deshalb bietet Lot zuerst an zu übernachten und dann die Füße zu waschen. Man darf einem Menschen nicht seinen Orden an der Brust nehmen.
Was ist überhaupt die Stadt Sedom? Wir haben im 13. Kapitel gelesen: Als Awraham Lot vorschlägt, sich zu trennen, schaut Awraham von oben auf Sedom. Und statt einen Teil des Heiligen Landes zu nehmen, wie Awraham es ihm vorgeschlagen hatte, geht Lot vom heiligen Land weg, trennt sich, weil er auf Sedom schaut und sieht, dass es bewässert ist wie der Garten des HERRN und wie das Land Ägypten. Sedom ist das Paradies auf Erden, das ist eine Stadt, in der reiche Leute leben, eine Stadt des Überflusses. Die Midraschim sind voll von Geschichten darüber, dass es in Sedom verboten war, Zedaka zu geben. Eine Stadt des Überflusses, eine Stadt, in der alle schon die Vollkommenheit erreicht haben. Das ist eine vollkommene Gesellschaft, sie empfindet sich vollkommen als auserwählte sedomitische Elitegemeinschaft. Deshalb können in ihr nur Fremde um Gnade bitten. Und Fremde aus der unvollkommenen Welt werden dort nicht willkommen geheißen. Eine der Komponenten, übrigens, der unvollkommenen Welt istIm Russischen steht an beiden Stellen „unvollkommene Welt“, obwohl vom Zusammenhang her beim Unwillen, Kinder zu haben, eher die vollkommene Welt Sedoms gemeint sein könnte. Wir haben den Wortlaut beibehalten. der Unwille, Kinder zu haben. Wenn eine Gesellschaft einen gewissen Überfluss erreicht, denkt der Mensch: Ich bin ohnehin vollkommen, wozu brauche ich Kinder, wozu soll ich kopieren, was nicht mehr besser sein kann als ich. Und statt der Anziehung zum Gegensätzlichen, statt des Wunsches, mit dem anderen Geschlecht zusammen zu sein, etwas anderes zu machen, sich irgendwie zu verbessern, entsteht die Anziehung zum Gleichen. Daher auch die homosexuellen Ideen, die wir bald sehen werden. Die Engel sind also nicht sehr erfreut über Lots Angebot und sagen zu ihm: „Wir werden auf der Straße übernachten.“
וַיִּפְצַר־בָּם מְאֹד וַיָּסֻרוּ אֵלָיו וַיָּבֹאוּ אֶל־בֵּיתוֹ וַיַּעַשׂ לָהֶם מִשְׁתֶּה וּמַצּוֹת אָפָה וַיֹּאכֵלוּ׃
wajifzar-bám me'ód wajassúru eláw wajawóu el-betó wajá'as lahém mischté umazzót afá wajochélu
3 Und er begann, sie stark und sehr lange zu überreden. und sie kamen zu ihm, und sie kamen in sein Haus, und er machte ihnen ein Festmahl, und er backte ihnen Mazza, und sie aßen.
Als sie das Wort Mazza sehen, sagen die Kommentatoren sofort: Das ist Pessach. Nun, es mag absurd erscheinen, wie kann es Pessach sein, Jaakow ist doch noch nicht geboren, ihm sind noch keine Söhne geboren, es gibt noch keinen Abstieg Israels nach Ägypten. Geschweige denn die Rückkehr aus Ägypten. Aber der jüdische Ansatz besteht darin, dass Pessach nicht deshalb gefeiert wird, weil an jenem Tag etwas geschehen ist, sondern dieser Tag war von Anfang an für die Erlösung bestimmt. Von Anfang an ist dieser Tag der Tag der Ge'ula, und alle Daten der Erlösung ziehen sich wie ein rotes Band durch diesen Tag. Im Großen und Ganzen sehen wir auch im Neuen Testament, dass die Erlösung zu Pessach geschieht.
Obwohl Lot sie anfangs nicht zum Essen eingeladen hatte, hat er ihnen also doch ein Festmahl bereitet, Mazza gebacken, und sie aßen.
טֶרֶם יִשְׁכָּבוּ וְאַנְשֵׁי הָעִיר אַנְשֵׁי סְדֹם נָסַבּוּ עַל־הַבַּיִת מִנַּעַר וְעַד־זָקֵן כָּל־הָעָם מִקָּצֶה׃
térem jischkáwu we'ansché ha'ír ansché sedóm nassábbu al-habbájit minná'ar we'ad-sakén kol-ha'ám mikkazé
4 Sie hatten sich noch nicht hingelegt, da kamen die Leute der Stadt, die Leute Sedoms, und umringten das Haus, drängten sich beim Haus. vom Jüngling bis zum Greis versammelte sich das ganze Volk.
Man kann auf Folgendes achten (wer mit dem Hebräischen vertraut ist, für wen Hebräisch keine fremde Sprache ist). Wajawóu (und sie kamen) und weiter wajawóu al-bajt und weschacháwu (und sie legten sich nieder). Diese Wörter (jedes dieser Wörter) können auch in sexuellem Kontext verwendet werden. Wir können sehen, dass der Kontext Sedoms, die ganze Atmosphäre Sedoms von Unzucht durchdrungen ist; obwohl noch nichts ausgesprochen ist, deuten schon sehr viele Wörter auf das Bevorstehende hin.
וַיִּקְרְאוּ אֶל־לוֹט וַיֹּאמְרוּ לוֹ אַיֵּה הָאֲנָשִׁים אֲשֶׁר־בָּאוּ אֵלֶיךָ הַלָּיְלָה הוֹצִיאֵם אֵלֵינוּ וְנֵדְעָה אֹתָם׃
wajikre'ú el-lót wajomeru lo ajé ha'anaschím ascher-báu elécha hallájla hozi'ém elénu wenede'á otám
5 Und sie begannen, Lot zuzurufen, und begannen, zu ihm zu sagen: „wo sind die Menschen, die in dieser Nacht zu dir gekommen sind? führe sie zu uns heraus, und wir werden sie erkennen“.
Man muss sagen: Obwohl Homosexualität (oder Päderastie) in der Gesellschaft Sedoms möglicherweise eine verbreitete Erscheinung war, geht es hier nicht so sehr um den Geschlechtsakt als Befriedigung, sondern vielmehr als Erniedrigung der Menschen, als Nötigung. Das ist Vergewaltigung, eigentlich Versklavung und Demonstration der eigenen Macht. Wenn Lot diese Menschen bei sich aufgenommen, sie unter seinen Schutz gestellt hat, dann muss man ihm dieses Recht wegnehmen. Fremde Menschen können in Sedom keinen Schutz erhalten. Es geht hier nicht nur, nicht ausschließlich um menschliche Begierde. Lot verhält sich mutig. Wir lesen:
וַיֵּצֵא אֲלֵהֶם לוֹט הַפֶּתְחָה וְהַדֶּלֶת סָגַר אַחֲרָיו׃
wajezé alehém lot happétcha wehaddélet sagár acharáw
6.Und Lot ging zu ihnen hinaus, ging vor die Tür hinaus und schloss die Tür hinter sich.
Sie stehen sehr dicht am Haus, Lot zwängte sich hindurch und schloss die Tür hinter sich
וַיֹּאמַר אַל־נָא אַחַי תָּרֵעוּ׃
wajomár al-ná acháj taré'u
7 Und er sagte: „werdet nicht schlechter, meine Brüder, tut nichts Böses, begeht nicht das Böse.
Lot tritt völlig unerwartet in der Rolle eines Predigers auf. Das ist wahrscheinlich sehr wichtig zu bemerken, als Trost für viele Gläubige, deren Kinder irgendwo weit weg gelandet sind, in Sedom. Lot ist teilweise der erste missratene Pfannkuchen der pädagogischen Erfahrung Awrahams. Wir haben gesagt, dass der Name Lot im Nebel verborgen bedeutet, noch eine Bedeutung ist verflucht. Es ist unklar, was mit ihm ist. Aber im nötigen Augenblick offenbart sich in Lot Awraham in seiner ganzen Fülle. Er ist stark, in ihm ist etwas von Awraham, in ihm ist eine gewisse Kraft. Mag er verwirrt sein, mag er weiterhin zögern, aber ein gewisser Mut ist in ihm. Er versteht, was ihm durch das droht, was er tut. Und weiter sagt er etwas Schreckliches. Überhaupt ist es schrecklich, das zu lesen.
הִנֵּה־נָא לִי שְׁתֵּי בָנוֹת אֲשֶׁר לֹא־יָדְעוּ אִישׁ אוֹצִיאָה־נָּא אֶתְהֶן אֲלֵיכֶם וַעֲשׂוּ לָהֶן כַּטּוֹב בְּעֵינֵיכֶם
hinne-ná li scheté wanót aschér lo-jade'ú isch ozi'a-ná ethén alechém wa'asú lahén kattów be'enechém
8 Siehe doch, ich habe zwei Töchter, die keinen Mann erkannt haben. ich werde sie zu euch herausführen, und ihr werdet ihnen tun, wie es gut ist in euren Augen,
„Tut diesen Menschen nichts Böses, sondern tut meinen Töchtern, wie es gut ist in euren Augen.“ Schreckliche Ironie in den Worten Lots.
רַק לָאֲנָשִׁים הָאֵל אַל־תַּעֲשׂוּ דָבָר כִּי־עַל־כֵּן בָּאוּ בְּצֵל קֹרָתִי׃
rak la'anaschímIn der russischen Umschrift sind in diesem Wort die Vokale vertauscht. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: la'anaschím. ha'él al-ta'asú dawár ki-al-kén báu bezél koratí
nur diesen Menschen tut nichts, denn deshalb sind sie unter mein Dach gekommen“.
Es klingt entsetzlich. Für Lot gibt es den Begriff chasud, den Begriff der Schirmherrschaft: Wenn er für jemanden Verantwortung übernommen hat, wird er dafür kämpfen. Awraham selbst ist für ihn gegen fünf Könige ausgezogen. Und für Lot ist es eine Schande, ein absoluter Zusammenbruch, wenn seine Gäste Schaden nehmen. Und er missachtet seine Töchter, faktisch ist er bereit, seine Töchter der Vergewaltigung preiszugeben. Die Strafe dafür, wir werden es später sehen, wird sein, dass seine eigenen Töchter ihn selbst vergewaltigen werden. Es wird dafür eine schreckliche Vergeltung geben. Aber in jenem Moment versucht Lot, als eine gewisse unvollkommene, verdorbene Version Awrahams, wie ein gastfreundlicher Hausherr zu handeln. Aber die Bewohner Sedoms sagen zu ihm: „Hau ab! Geh weg von hier!“ Sehr grobe Ausdrücke.
וַיֹּאמְרוּ גֶּשׁ־הָלְאָה וַיֹּאמְרוּ הָאֶחָד בָּא־לָגוּר וַיִּשְׁפֹּט שָׁפוֹט עַתָּה נָרַע לְךָ מֵהֶם וַיִּפְצְרוּ בָאִישׁ בְּלוֹט מְאֹד וַיִּגְּשׁוּ לִשְׁבֹּר הַדָּלֶת׃
wajomerú gesch-hál'a Wajomerú ha'echád ba-lagúr wajischpót schafót attá nará lechá mehém wajifzerú wa'ísch belót me'ód wajiggeschú lischbór haddálet
9 Und sie sagten: „los, verschwinde! Hau ab von hier!“. Und sie sagten: „einer ist hierhergekommen, um sich einzunisten, und wird sich hinsetzen und wird uns richten. jetzt werden wir mit dir noch Schlimmeres tun, als wir mit ihm wollten“. und sie redeten sehr heftig auf den Mann Lot ein. sie kamen, um die Türen aufzubrechen.
Unverständlich, ja? Die einen Leute sagten so: „Verschwinde von hier! Hau ab von hier! Du wirst uns keine Vorschriften machen. Du wirst uns nicht richten.“ Andere begannen, ihm zuzureden: „Liefere die Fremden lieber im Guten in unsere Hände aus.“ Und die Dritten begannen, die Türen aufzubrechen. Die Leute teilten sich auf, aber im Großen und Ganzen ist keiner von ihnen weiß und flauschig.
וַיִּשְׁלְחוּ הָאֲנָשִׁים אֶת־יָדָם
wajischlechú ha'anaschím et-jadám
10 Die Menschen, die bei Lot im Haus waren, streckten ihre Hände aus
Warum werden sie hier nicht mit dem Wort malachim (Engel) bezeichnet? Hier steht das Wort anaschim. Im Moment sind sie für die Sedomiter einfach Menschen.
וַיָּבִיאוּ אֶת־לוֹט אֲלֵיהֶם הַבָּיְתָה וְאֶת־הַדֶּלֶת סָגָרוּ׃
wajawí'u et-lót alehém habbájta we'et-haddélet sagáru
und sie zogen Lot zu sich ins Haus, Und sie konnten die Tür schließen.
וְאֶת־הָאֲנָשִׁים אֲשֶׁר־פֶּתַח הַבַּיִת הִכּוּ בַּסַּנְוֵרִים
we'et-ha'anaschím ascher-pétach habbájit hikkú bassanwerím
11 Und die Menschen, die am Eingang des Hauses standen, schlugen sie mit Blendung
Das Wort sanwer bedeutet nicht nur geblendet. Wie die Kommentatoren sagen: sane or – das Licht hassend, das ist ein Mensch, den das Licht reizt. Aber draußen ist Nacht. Das ist ein Mensch, der aus dem Konzept gebracht ist, verwirrt, der die Orientierung verloren hat. Man kann sagen, sie schlugen sie mit Desorientierung.
מִקָּטֹן וְעַד־גָּדוֹל וַיִּלְאוּ לִמְצֹא הַפָּתַח׃
mikkatón we'ad-gadól wajil'ú limzó happátach
vom Kleinen bis zum Großen, Und sie konnten die Tür nicht finden.
Wenn wir uns vorstellen, dass es eine große Menschenmenge war, dann hätten sie, selbst geblendet, selbst völlig blind, als riesige Menge, die das Haus umringte, die Tür ertastet. Warum konnten sie sie nicht finden? Weil es nicht ganz Blindheit ist. Es ist Desorientierung. Andere Kommentatoren sagen, dass diese Leute so selbstverliebt waren, so auf sich selbst fixiert waren, so wenig aufeinander abgestimmt handelten. Und wir sehen, dass sie sich in verschiedenen Gruppen verschieden verhalten. Dass sie sich einfach nicht aufeinander verlassen, einander nicht vertrauen. Deshalb können sie die Tür nicht finden. Mir liegt das erste Verständnis näher, dass es nicht um Blendung geht, nicht so sehr um Blendung als vielmehr um Desorientierung. Und sie haben einfach die Möglichkeit verloren, etwas zu finden.
וַיֹּאמְרוּ הָאֲנָשִׁים אֶל־לוֹט עֹד מִי־לְךָ פֹה חָתָן וּבָנֶיךָ וּבְנֹתֶיךָ וְכֹל אֲשֶׁר־לְךָ בָּעִיר הוֹצֵא מִן־הַמָּקוֹם׃
wajomerú ha'anaschím el-lót od mi-lechá fo chatán uwanécha uwnotécha wechól ascher-lechá ba'ír hozé min-hammakóm
12 Und die Menschen sagten zu Lot: „hast du hier Schwiegersöhne oder Söhne oder Töchter? alle, die du in der Stadt hast, hol heraus aus diesem Ort,
כִּי־מַשְׁחִתִים אֲנַחְנוּ אֶת־הַמָּקוֹם הַזֶּה י־גָדְלָה צַעֲקָתָם אֶת־פְּנֵי יְהוָה
ki-maschchitím anáchnu et-hammakóm hassé ki-gadelá za'akatám et-pené adonáj
13 Denn wir vernichten, verderben diesen Ort, denn groß ist sein Geschrei vor dem HERRN
Wir haben im vorigen Kapitel gelesen, dass der Höchste prüfen wollte, ob das Geschrei so groß ist, ob das Wehklagen so groß ist, und „…deshalb vernichten wir die Stadt“.
וַיְשַׁלְּחֵנוּ יְהוָה לְשַׁחֲתָהּ׃
wajschallechénu adonáj leschachatá
und der HERR hat uns gesandt, ihn zu vernichten.
Jetzt haben wir die Vollmacht, diese Stadt zu vernichten.
וַיֵּצֵא לוֹט וַיְדַבֵּר אֶל־חֲתָנָיו לֹקְחֵי בְנֹתָיו
wajezé lot wajdabbér el-chatanáw lokeché wenotáw
14 Und Lot ging hinaus und redete mit den Bräutigamen, die seine Töchter nahmen:
Es tauchen einige Fragen auf. Hatte Lot mindestens vier Töchter? Hat er außerdem noch Schwiegersöhne, die seine Töchter genommen haben? Schwiegersöhne im Plural, also sind es mindestens zwei. Vielleicht hat er nicht zwei Töchter, sondern vier, nur sind zwei verheiratet? Die zweite Version: dass seine Töchter verlobt waren. Die zweite Version ist hier wahrscheinlicher. Wir werden das weiter unten klären, wenn wir über die Töchter Lots sprechen. Noch eine unverständliche Sache: Wie konnte es geschehen, dass nach all den Ereignissen, wenn ums Haus herum wer weiß wer umherirrt, wenn auch in desorientiertem Zustand, aber draußen ist es dunkel, die ganze Stadt ist geblendet. Unklar ist, ob auch die Bräutigame und die ganze Familie geblendet sind. Unklar ist, wohin Lot da gegangen ist, wohin Lot hinausgegangen ist und mit wem er gesprochen hat. Wer hat ihn allein durch das nächtliche Sodom spazieren lassen? Ein sehr merkwürdiger und gefährlicher Spaziergang. Viele Kommentatoren legen aus, dass Lot einen großen Hof hatte (im heutigen Hebräisch heißt das chmúla – mehrere Teile der Familie mit Sklaven, möglicherweise mit irgendwelchen Dienern, mit Hausverwaltern, mit ihrem ganzen Haushalt). Lot ist kein armer Mensch, er lebt nicht in einer Hütte. Möglicherweise ging er in das Nachbarhaus auf dem Hof und sprach dort mit den Schwiegersöhnen oder mit den potenziellen Schwiegersöhnen. Er ist wohl kaum tatsächlich nach all den Ereignissen in Sedom spazieren gegangen. So oder so steht geschrieben, dass sie ihn auslachten. Er sagte ihnen:
וַיֹּאמֶר קוּמוּ צְּאוּ מִן־הַמָּקוֹם הַזֶּה כִּי־מַשְׁחִית יְהוָה אֶת־הָעִיר וַיְהִי כִמְצַחֵק בְּעֵינֵי חֲתָנָיו׃
wajomer kúmu ze'ú min-hammakóm hassé ki-maschchít adonáj et-ha'ír wajhí chimzachék be'ené chatanáw
„steht auf, geht hinaus aus diesem Ort, denn der HERR verdirbt die Stadt“. Und er sah aus wie ein Clown in den Augen seiner Schwiegersöhne.
Nun, natürlich, nachts kommt jemand und sagt solche Dinge. Das wirkt lächerlich. Unklar ist wiederum, ob seine Schwiegersöhne Zeugen all dieser Ereignisse waren, die geschehen waren, Teilnehmer dieser Ereignisse oder Opfer dieser Ereignisse. Aber jedenfalls glaubten sie nicht, dass der HERR diese Stadt vernichten kann. Warum? Weil Sedom eine wirtschaftlich blühende Stadt ist, und das heißt, wiederum vom heidnischen Standpunkt aus, eine gesegnete Stadt; wenn die Götter die Stadt segnen, warum sollten sie sie zerstören. Und den HERRN kannten sie vielleicht einfach gar nicht als den einen Gott Israels.
וּכְמוֹ הַשַּׁחַר עָלָה וַיָּאִיצוּ הַמַּלְאָכִים בְּלוֹט לֵאמֹר קוּם קַח אֶת־אִשְׁתְּךָ וְאֶת־שְׁתֵּי בְנֹתֶיךָ הַנִּמְצָאֹת פֶּן־תִּסָּפֶה בַּעֲוֹן הָעִיר׃
uchmó hascháchar alá waja'ízu hammal'achím belót Lemór kum kach et-ischtechá we'et-scheté wenotécha hannimza'ót pen-tissafé ba'awón ha'ír
15 Und als die Morgenröte geboren wurde, begannen die Engel Lot anzutreiben (das Wort lea'iz – antreiben und drängen), indem sie sagten: „steh auf, nimm deine Frau und deine zwei Töchter, die hier sind, damit du nicht umkommst für die Sünden der Stadt“.
Zwei Töchter, die sich hier befinden. Wiederum gibt es noch zwei, die sich nicht hier befinden. Wie soll man das alles überhaupt verstehen? Wir werden im nächsten Kapitel, wenn wir über die Töchter Lots sprechen, das alles auseinandernehmen. Vorerst ist uns das nicht verständlich.
וַיִּתְמַהְמָהּ
wajitmahmá
16 Und er zögerte
Lot zögert. Vielleicht packt er die Koffer. Vielleicht druckst er herum, er weiß nicht, was sein wird.
וַיַּחֲזִקוּ הָאֲנָשִׁים בְּיָדוֹ וּבְיַד־אִשְׁתּוֹ וּבְיַד שְׁתֵּי בְנֹתָיו בְּחֶמְלַת יְהוָה עָלָיו
wajachasíku ha'anaschím bejádo uw'jad-ischtó uw'jád scheté wenotáw bechemlát adonáj aláw
und sie nahmen ihn an den Händen und seine Frau an der Hand. sie nahmen sie alle an den Händen aus Gnade, aus Mitleid.
Das Wort chemla – das ist Mitleid, Rührung, so kann man sich eines verprügelten Kätzchens erbarmen.
וַיֹּצִאֻהוּ וַיַּנִּחֻהוּ מִחוּץ לָעִיר׃
wajozi'úhu wajannichúhu michúz la'ír
Und sie zogen ihn heraus und stellten ihn außerhalb der Stadt hin.
Einfach: Warum brachten sie ihn nicht sofort an irgendeinen Ort? Weil eigentlich auch Lot irgendwelche Prüfungen durchführtIm Russischen heißt es wörtlich, auch Lot führe „irgendwelche Prüfungen durch“. Ob Lot selbst prüft oder geprüft wird, bleibt offen; die Übersetzung folgt dem Wortlaut.. Ringsum gibt es keine Zauberei, es gibt Erziehung.
וַיְהִי כְהוֹצִיאָם אֹתָם הַחוּצָה וַיֹּאמֶר הִמָּלֵט עַל־נַפְשֶׁךָ אַל־תַּבִּיט אַחֲרֶיךָ וְאַל־תַּעֲמֹד בְּכָל־הַכִּכָּר הָהָרָה הִמָּלֵט פֶּן־תִּסָּפֶה׃
wajhí chehozi'ám otám hachúza Wajomer himmalét al-nafschécha al-tabbít acharécha we'al-ta'amód bechol-hakkikkár hahára himmalét pen-tissafé
17 Und es geschah, als sie sie hinausgezogen hatten, und sie sagten zu ihm: „lauf, rette deine Seele, und schau nicht zurück, und lauf, rette dich, damit du nicht umkommst“.
וַיֹּאמֶר לוֹט אֲלֵהֶם אַל־נָא אֲדֹנָי׃
wajomer lot alehém al-ná adonáj
18 Und Lot sagte zu ihnen: „bitte, nicht doch.
Hier steht übrigens das Wort Adonaj schon mit Kamaz, das heißt der HERR. „HERR, bitte, nicht doch!“ – sagt Lot.
הִנֵּה־נָא מָצָא עַבְדְּךָ חֵן בְּעֵינֶיךָ וַתַּגְדֵּל חַסְדְּךָ אֲשֶׁר עָשִׂיתָ עִמָּדִי לְהַחֲיוֹת אֶת־נַפְשִׁי וְאָנֹכִי לֹא אוּכַל לְהִמָּלֵט הָהָרָה פֶּן־תִּדְבָּקַנִי הָרָעָה וָמַתִּי׃
hinne-ná mazá awdechá chen be'énecha wattagdél chasdechá aschér assíta immadí lehachajot et-nafschí we'anochí lo uchál lehimmalét hahára pen-tidbakáni hara'á wamátti
19 Wenn dein Knecht schon Gnade gefunden hat in deinen Augen, so füge noch zu der Gnade hinzu, die du mir erwiesen hast, um meine Seele zu beleben, denn ich werde nicht auf den Berg laufen können, wie du von mir verlangst, Damit mich dieses Böse nicht einholt, nicht an mir kleben bleibt und ich nicht sterbe.
הִנֵּה־נָא הָעִיר הַזֹּאת קְרֹבָה לָנוּס שָׁמָּה וְהִיא מִצְעָר אִמָּלְטָה נָּא שָׁמָּה הֲלֹא מִצְעָר הִוא וּתְחִי נַפְשִׁי׃
hinne-ná ha'ír hassót kerowá lanús schámma wehí miz'ár immaletá na schámma haló miz'ár hi utchí nafschí
20 Siehe doch! da ist eine Stadt, in die man schnell fliehen kann, und diese Stadt heißt Miz'ár (Miz'ár – Bedauern, Ort der Trauer). ich werde dorthin fliehen und in dieser Stadt gerettet werden“.
וַיֹּאמֶר אֵלָיו הִנֵּה נָשָׂאתִי פָנֶיךָ גַּם לַדָּבָר הַזֶּה לְבִלְתִּי הָפְכִּי אֶת־הָעִיר אֲשֶׁר דִּבַּרְתָּ׃
wajomer eláw hinné nassáti fanécha gam laddawár hassé lewiltí hofkí et-ha'ír aschér dibbárta
21 Und er sagte zu ihm: „gut, ich werde dir auch darin helfen, ich werde diese Stadt nicht vernichten.
Wir sehen hier ein Wunder, denn der Engel war gesandt worden, die Städte zu vernichten, er hatte die Aufgaben, fünf Städte zu vernichten, Lot zu retten. Hier trifft der Engel auf Lots Bitte eine operative Entscheidung, der Engel hat, wie wir sehen, einen gewissen Handlungsspielraum bei der Ausführung göttlicher Aufgaben. Und ich werde diese Stadt auf Lots Bitte nicht vernichten.
מַהֵר הִמָּלֵט שָׁמָּה כִּי לֹא אוּכַל לַעֲשׂוֹת דָּבָר עַד־בֹּאֲךָ שָׁמָּה עַל־כֵּן קָרָא שֵׁם־הָעִיר צוֹעַר׃
mahér himmalét schámma ki lo uchál la'asót dawár ad-bo'achá schámma al-kén kará schem-ha'ír zó'ar
22 Lauf schnell dorthin, denn ich werde nichts tun können, bis du hinkommst“. und darum nannte er diese Stadt Zó'ar.
Wenn Miz'ár der Ort des Kummers ist, dann ist das Wort Zó'ar der Ort der Verjüngung, der Erfrischung.
הַשֶּׁמֶשׁ יָצָא עַל־הָאָרֶץ וְלוֹט בָּא צֹעֲרָה׃
haschémesch jazá al-ha'árez welót ba zó'ara
23 Als die Sonne sich erhob, begann der Sonnenaufgang. Und Lot kam nach Zo'ar
Wir sehen, dass Lot außerhalb der Stadt stand, die Sonne ging auf, Lot kam im Morgengrauen nach Zó'ar. Wenn man annimmt, dass tatsächlich gerade Pessach ist, dann ging Lot etwa eine Stunde zwanzig nach Zó'ar. Zo'ar liegt etwas höher als Sedom, man kann sich umdrehen und hinschauen, obwohl es Lot verboten wurde.
וַיהוָה הִמְטִיר עַל־סְדֹם וְעַל־עֲמֹרָה גָּפְרִית וָאֵשׁ מֵאֵת יְהוָה מִן־הַשָּׁמָיִם׃
wadonáj himtír al-sedóm we'al-amorá gofrít Wa'ésch me'ét adonáj min-haschamájim
24 Und der HERR ließ auf Sedom und auf Amora Schwefel regnen Und Feuer vom HERRN vom Himmel.
וַיַּהֲפֹךְ אֶת־הֶעָרִים הָאֵל וְאֵת כָּל־הַכִּכָּר וְאֵת כָּל־יֹשְׁבֵי הֶעָרִים וְצֶמַח הָאֲדָמָה׃
wajahafóch et-he'arím ha'él we'ét kol-hakkikkár we'ét kol-joschewé he'arím wezémach ha'adamá
25 Und der HERR kehrte diese Städte um, und dieses ganze Plateau, und alle Bewohner der Stadt, und alle Pflanzen.
Wenn vorher nur von Sedom die Rede war, woher tauchen jetzt noch Städte auf? Warum bittet Lot, Zo'ar nicht zu vernichten? Woher weiß er das, es geht doch nur um Sedom? Woher kommen überhaupt andere Städte? Wir können sagen, dass das eine Megalopolis ist. Man kann sagen, wie New York und Brooklyn, wie Moskau und Chimki. Vielleicht. Ich bin nicht stark in Geografie, aber ungefähr so. Das ist eine Megalopolis, die aus mehreren Städten besteht. Deshalb tauchen hier mehrere Städte auf.
וַתַּבֵּט אִשְׁתּוֹ מֵאַחֲרָיו וַתְּהִי נְצִיב מֶלַח׃
wattabbét ischtó me'acharáw wattehí nezíw mélach
26 Seine Frau aber blickte sich um und verwandelte sich in eine Salzsäule.
Salz ist ein Konservierungsmittel, das, was das Alte bewahrt, was keine Fäulnis zulässt, aber auch keine Erneuerung zulässt, nicht zulässt, von einer Form in eine andere überzugehen. Mit all diesem Salz bedeckte sich die ganze Fläche. Alles, was faulte, was der Fäulnis unterlag, bedeckte sich mit Salz, das keinen Tod gibt, aber auch kein Leben gibt, wie wir wissen. Und die Frau Lots verwandelte sich in eine Salzsäule. Und wenn man auf der Schnellstraße 90 fährt, kann man so einen Felsen sehen, der an die Frau Lots erinnert. Jedenfalls zeigt man ihn so. Möglicherweise war dieser Ort zur Zeit der Gabe der Tora höchstwahrscheinlich auch dort. So oder so, die Frau Lots verwandelte sich in eine Salzsäule. So ist also die Symbolik des Salzes. Und wir schließen das Studium der Geschichte der Engel in Sedom ab.
Wir werden eine unangenehme Geschichte lesen, die sich zwischen Lot und seinen Töchtern nach der wundersamen Rettung Lots aus Sedom zugetragen hat. Diese Geschichte ist so unangenehm und, ich scheue mich nicht, es zu sagen, abstoßend, dass die erste Frage, die bei mir aufkommt, wenn ich diese Geschichte lese, lautet: Wozu erzählt man mir das alles überhaupt? Man kann sagen, dass den Töchtern Lots später Nachkommen geboren wurden – die Ammoniter, die Moawiter. Man muss nicht auf diese Einzelheiten eingehen. Wenn in meinem realen Leben jemand anfinge, mir so etwas über jemanden zu erzählen, würde ich den Menschen unterbrechen und ihn möglicherweise sogar für ein Klatschmaul oder einen Verleumder halten. Aber der Höchste, der uns die Tora gegeben hat, steht weder im Verdacht, dass Er ein Klatschmaul ist, noch dass Er ein Verleumder ist. Diese Geschichte ist aufgeschrieben, um uns etwas zu lehren, um uns etwas Nützliches zu erzählen. Und deshalb wollen wir uns bemühen, sie aufmerksam noch einmal zu lesen, und versuchen zu verstehen, was sie uns lehrt.
וַיַּשְׁכֵּם אַבְרָהָם בַּבֹּקֶר אֶל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר־עָמַד שָׁם אֶת־פְּנֵי יְהוָה׃
wajaschkém awrahám babbóker el-hammakóm ascher-ámad scham et-pené adonáj
27 und Awraham machte sich früh am Morgen auf zu dem Ort, wo er vor Gott gestanden hatte,
וַיַּשְׁקֵף עַל־פְּנֵי סְדֹם וַעֲמֹרָה וְעַל־כָּל־פְּנֵי אֶרֶץ הַכִּכָּר וַיַּרְא וְהִנֵּה עָלָה קִיטֹר הָאָרֶץ כְּקִיטֹר הַכִּבְשָׁן׃
wajaschkéf al-pené sedóm wa'amorá we'ál kol-pené érez hakkikkár wajár wehinné alá kitór ha'árez kekitór hakkiwschán
28 und blickte auf Sedom und Amora und auf das ganze umliegende Land und sah: Siehe, Rauch stieg von der Erde auf wie der Rauch eines Schmelzofens.
וַיְהִי בְּשַׁחֵת אֱלֹהִים אֶת־עָרֵי הַכִּכָּר וַיִּזְכֹּר אֱלֹהִים אֶת־אַבְרָהָם וַיְשַׁלַּח אֶת־לוֹט מִתּוֹךְ הַהֲפֵכָה בַּהֲפֹךְ אֶת־הֶעָרִים אֲשֶׁר־יָשַׁב בָּהֵן לוֹט׃
wajhí beschachét elohím et-aré hakkikkár wajiskór elohím et-awrahám wajschallách et-lót mittóch hahafechá bahafóch et-he'arím ascher-jascháw bahén lot
29 Und es geschah, als der Allmächtige die Städte jenes Tales vernichtete, gedachte der Allmächtige Awrahams und schickte Lot aus dem Ort des Verderbens hinaus, bei der Zerstörung der Städte, in denen Lot wohnte.
Beginnen wir ganz von vorn. Und unsere Geschichte beginnt in Kapitel 19, Vers 30.
וַיַּעַל לוֹט מִצּוֹעַר וַיֵּשֶׁב בָּהָר, וּשְׁתֵּי בְנֹתָיו עִמּוֹ
wajál lot mizzó'ar wajéschew bahár uschté wenotáw immó
30 Und Lot zog hinauf aus Zoar, und er ließ sich auf dem Berg nieder und zwei Töchter mit ihm.
Wir erinnern uns, dass die Engel Lot überredeten, in die Berge zu fliehen. Lot feilschte mit ihnen und bat, ihm die Stadt Zoar zu lassen, die am Fuß des Berges liegt, weiter werde er nicht laufen können. Hier sehen wir eine erstaunliche Sache. Lot blieb doch nicht in Zoar stehen, er beschloss, sich weiter in die von den Engeln angegebene Richtung zu bewegen. Aber bis zum Gipfel des Berges lief er doch auch nicht. Er blieb auf der Mitte des Berges stehen. Was in Zoar geschah, wissen wir nicht. Aus dem weiteren Bericht können wir sehen, dass Lot und die Töchter meinten, dass niemand mehr auf der Welt übrig geblieben sei. Es ist vernünftig anzunehmen, dass, nachdem der Höchste die umliegenden Städte mit einem Regen aus Schwefel und Feuer „fertig bewässert“ hatte, die Bewohner Zoars sich in Angst in ihren Häusern hinter hohen Flechtzäunen einschlossen. Und als Lot dorthin gelaufen kam, fand er diese Stadt völlig menschenleer und wagte deshalb nicht, dort zu bleiben, und lief weiter. So steht es auch geschrieben:
כִּי יָרֵא לָשֶׁבֶת בְּצוֹעַר וַיֵּשֶׁב בַּמְּעָרָה הוּא וּשְׁתֵּי בְנֹתָיו׃
ki jaré laschéwet bezó'ar wajéschew bamme'ará hu uschté wenotáw
denn er fürchtete sich, in Zoar zu bleiben. und er ließ sich in einer Höhle nieder, Er und seine zwei Töchter.
Ja, bis zum Gipfel des Berges liefen sie auch nicht. Lot lief nicht so wenig, wie er selbst geplant hatte, und kam nicht so weit heran, wie die Engel es von ihm wollten. Er blieb in der Mitte stehen. So einer ist eben dieser Lot. Also, Lot und seine zwei Töchter finden sich in der Höhle wieder und denken möglicherweise, dass niemand mehr auf der Welt übrig geblieben ist.
וַתֹּאמֶר הַבְּכִירָה אֶל־הַצְּעִירָה
wattómer habbechirá el-hazze'irá
31 Und die ältere Tochter sagte zur jüngeren:
Und wir wissen, dass die Familie Lots eine orientalische ist und die Hierarchie dort orientalisch ist. Die Autorität der älteren Tochter ist nun mal eine Autorität. Und so ergreift die ältere Tochter die Initiative und sagt zur jüngeren Folgendes.
אָבִינוּ זָקֵן וְאִישׁ אֵין בָּאָרֶץ לָבוֹא עָלֵינוּ כְּדֶרֶךְ כָּל־הָאָרֶץ׃
awínu sakén we'ísch en ba'árez lawó alénu kedérech kol-ha'árez
„Unser Vater ist alt, und es gibt keinen Mann auf der Erde, um zu uns einzugehen, wie es auf der ganzen Erde üblich ist.
Auf den ersten Blick sagt sie möglicherweise: „Niemand wird uns heiraten.“ Aber die Kommentatoren, die Kenner der hebräischen Sprache, achten auf die Form des Wortes עָלֵינוּ – alénu. Gewöhnlich, wenn man davon spricht, dass ein Mann zu einer Frau eingeht, – wenn die ältere Schwester das gemeint hätte, hätte sie élejn gesagt. In der Form, in der diese Präposition hier gebraucht wird, wird sie nur im Fall der Leviratsehe gebraucht. Die Leviratsehe, ich erinnere daran, ist, wenn der jüngere Bruder die Witwe des verstorbenen älteren Bruders heiratet, um den Samen des älteren Bruders wiederherzustellen. Wir haben letztes Mal gesagt, dass die Töchter Lots möglicherweise verlobt sind, sie haben Bräutigame, die sie noch nicht genommen haben, sie haben sich schon verlobt, aber sie wurden noch nicht zu Frauen genommen. Und hier sagt die ältere Tochter: „Wir sollten uns doch Samen wiederherstellen.“
לְכָה נַשְׁקֶה אֶת־אָבִינוּ יַיִן וְנִשְׁכְּבָה עִמּוֹ וּנְחַיֶּה מֵאָבִינוּ זָרַע׃
lechá naschké et-awínu jájin wenischkewá immó unchajé me'awínu sára
32 Komm, lass uns unserem Vater Wein zu trinken geben und bei ihm liegen. beleben wir den Samen unseres Vaters.
Zunächst, wenn wir auf die Erwähnung von Wein stoßen, entsteht die Frage: Woher konnten die Mädchen in der Höhle Wein nehmen? Es gibt zwei Ansätze, die Herkunft des Weines zu erklären. Der erste ist ganz rational. In jenen Zeiten wurden Höhlen als Lager benutzt. Dort ist es in der Hitze kühl, dort kann man bequem Lebensmittel aufbewahren. Und möglicherweise hat jemand von den Bewohnern Sedoms oder der umliegenden Städte in der Höhle seinen Wein in Krügchen aufbewahrt, und diese Krügchen fanden sich ganz zufällig. Keine so erstaunliche Sache. Die zweite Erklärung ist gerade erstaunlich und ganz messianisch. Sie beruft sich auf das Buch des Propheten Jo'el, der sagt: „Und es wird geschehen an jenem Tag, die Berge werden von Wein triefen, und die Hügel werden von Milch fließen“ (Jo'el 3,18). Diese Kommentatoren sagen, dass das messianische Zeitalter in der Höhle Lots gleichsam vorab gezeigt wurde. Und wir werden auf dieses Thema noch zurückkommen. Das heißt, in ihnen war schon eine gewisse Promo, eine gewisse Vorankündigung des messianischen Zeitalters. So oder so, auf wundersame Weise oder auf weniger wundersame Weise hatten sie Wein, und das heißt, es gab die Möglichkeit zu sagen: Aber da hat doch der HERR vorgesorgt, hier ist Wein, und das heißt, Er will es, das heißt, es ist ein Zeichen, dass wir so handeln sollen. Und man muss darauf achten, dass die ältere Tochter nicht sagt wir werden Söhne gebären, und wir werden Kinder haben, sondern nichajé – beleben wir den Samen, bringen wir lebendige Nachkommenschaft hervor.
Zwei Töchter und der alte Vater blieben allein in dieser Welt zurück. Und die Töchter wollen vielleicht, wollen ganz und gar nicht diejenigen sein, die nach dem Tod des Vaters das Licht ausschalten, wenn sie aus dieser Welt gehen, und sagen, wie schön diese Welt war. Sie wollen nicht, dass die ganze Menschheit bei ihnen aufhört. Und andererseits, wenn sie die Einzigen sind, die übrig geblieben sind, dann sind sie Auserwählte, dann sind sie die Besten der Besten, die erlesenen Auserwählten des Menschengeschlechts, um die Nachkommenschaft fortzusetzen. Und das ist wichtig. Und deshalb sagt sie „und beleben wir uns Samen“. Der Midrasch Tanchuma sagt, dass sie wollte, dass durch den Vater Samen von einem anderen Ort kommt, dass es der Samen des Maschiach sei. Der Midrasch Tanchuma hebt hervor, dass hier in diesem Moment, wenn auch durch eine so schreckliche und abstoßende Handlung, der Höchste schon plant, den Maschiach hervorzubringen. Wir werden später sehen, dass beide Töchter Lots im Stammbaum des Maschiach vorkommen. Die eine ist Rut, die Moawiterin, die zweite die künftige Frau Schlomos. Und beide sind im Stammbaum des Maschiach. Na, das werden wir noch sehen.
Da sie die Nachkommenschaft wiederherstellen wollen, wollen sie auch das Ziel der ganzen Menschheit wiederherstellen, das heißt den Maschiach. So sehen das die Midraschim. Und obwohl uns das, was geschieht, widerwärtig erscheint, liegt im Gedanken der älteren Schwester selbst irgendein Plan, etwas, das damit verbunden ist, was im Namen des Himmels geschieht.
וַתַּשְׁקֶיןָ אֶת־אֲבִיהֶן יַיִן בַּלַּיְלָה הוּא
wattaschkéna et-awihén jájin ballájla hu
33 Und sie gaben ihrem Vater in jener Nacht Wein zu trinken,
Noch eine Frage, die es wert ist, gestellt zu werden. Wenn sie wirklich dachten, dass sie nun allein in dieser Welt übrig geblieben sind und keinen Ausweg haben, außer auf diesem schrecklichen Weg zu handeln, warum sollten sie das nicht Lot sagen? Ihm sagen: Na, so und so, Vater, wir drei sind hier übrig geblieben, da ist nichts zu machen, lass uns so handeln. Und die Kommentatoren versuchen zu erklären, warum sie es nicht so gemacht haben. Die einen sagen, dass sie fürchteten, dass er nur eine von ihnen auswählen würde. Andere meinen, dass sie fürchteten, dass er einfach in einer Depression ist. Es gibt Kommentatoren, sagen wir so, eher messianischer Prägung, die sagen, dass überhaupt das Gebot der Leviratsehe, wenn ein Mensch den Samen nicht für sich selbst wiederherstellt, ein sehr schwieriges Gebot ist: Es ist schwer, zu einer Frau einzugehen, zu einer Ehefrau, die einem nicht gefällt, ohne eigenes Verlangen. Und damit es also rein, ohne menschliches Verlangen geschieht, sagen diese Kommentatoren, dafür gaben sie ihm Wein zu trinken. Oft sagt das, was ein Kommentator sagt, mehr über den Kommentator selbst als über den Text. Aber solche Varianten gibt es. Diese Frage kann sich jeder selbst stellen und selbst beantworten.
Also, sie gaben dem Vater in derselben Nacht Wein zu trinken.
וַתָּבֹא הַבְּכִירָה וַתִּשְׁכַּב אֶת־אָבִיהָ
wattawó habbechirá wattischkáw et-awíha
und die Ältere kam und legte ihren Vater nieder
Man kann es so übersetzen. Gewöhnlich gebraucht ein Mann einen solchen Ausdruck in Bezug auf eine Frau. Wenn man wörtlich liest, sieht man hier eine Vergewaltigung. Sie bemächtigte sich ihres Vaters.
וְלֹא־יָדַע בְּשִׁכְבָהּ וּבְקוּמָהּ׃
welo-jadá beschichwá uwkumá
Und er wusste nicht, wann sie sich hinlegte und wann sie aufstand.
וַיְהִי מִמָּחֳרָת וַתֹּאמֶר הַבְּכִירָה אֶל־הַצְּעִירָה הֵן־שָׁכַבְתִּי אֶמֶשׁ אֶת־אָבִי נַשְׁקֶנּוּ יַיִן גַּם־הַלַּיְלָה וּבֹאִי שִׁכְבִי עִמּוֹ
wajhí mimmachorát wattómer habbechirá el-hazze'irá hen-schacháwti émesch et-awí naschkénnu jájin gam-hallájla uwó'i schichwí immó
34 Und es war am nächsten Tag, und wieder sagt die Ältere zur Jüngeren: „Siehe, ich habe am Abend den Vater niedergelegt; lass uns ihm auch in dieser Nacht zu trinken geben, und geh, leg dich zu ihm,
Noch einmal wollen wir auf die Terminologie achten. Sie sagt: „Ich habe ihn geschlafen, ich habe ihn niedergelegt. Du aber leg dich zu ihm.“
וּנְחַיֶּה מֵאָבִינוּ זָרַע׃
unchajé me'awínu sára
Und wir werden vom Vater Samen erhalten.“
Die jüngere Tochter hatte nicht so viel Eifer und nicht so viel Lust, den Plan der Älteren auszuführen. Nicht mit reinem Herzen, nicht mit ganzer Seele geht sie darauf ein. Wir werden das sofort sehen.
וַתַּשְׁקֶיןָ גַּם בַּלַּיְלָה הַהוּא אֶת־אֲבִיהֶן יָיִן וַתָּקָם הַצְּעִירָה
wattaschkéna gam ballájla hahú et-awihén jájin wattákom hazze'irá
35 Und in derselben Nacht gaben sie auch dem Vater Wein zu trinken, und die Junge stand auf,
Letztes Mal haben wir bezüglich der Älteren nicht gelesen, dass sie aufstand. Es ist klar, dass sie auch aufstand. Wenn die Tora den Ausdruck „aufstehen und tun“ gebraucht, dann ist das gleichsam: hat es genommen und getan. Ich habe mich lange überredet, aber dann habe ich es genommen und getan, habe meine Kräfte gesammelt und es getan. Und auch die Junge nahm es und ging und legte sich zu ihm. Sie hat ihn nicht gelegen, hat ihn nicht niedergelegt, sondern sich zu ihm gelegt. Hier gibt es nicht diesen Drang, den die Ältere hat. Sie fügt sich, kann man sagen, widerwillig
וַתִּשְׁכַּב עִמּוֹ וְלֹא־יָדַע בְּשִׁכְבָהּ וּבְקֻמָהּ׃
wattischkáw immó welo-jadá beschichwá uwkumá
Und sie legte sich zu ihm, und auch er wusste nicht, als sie sich hinlegte und als sie aufstand.
Ein solches Ereignis geschah.
וַתַּהֲרֶיןָ שְׁתֵּי בְנוֹת־לוֹט מֵאֲבִיהֶן׃
wattaharéna scheté wenot-lót me'awihén
36 Und beide Töchter Lots empfingen von ihrem Vater.
Natürlich dauerte die Schwangerschaft neun Monate, wie gewöhnlich. In dieser Zeit erfuhren die voreiligen Töchter höchstwahrscheinlich, dass die Welt nicht zerstört ist, dass es noch Menschen in dieser Welt gibt. Sie gingen schwanger umher, sie verstanden, was sie getan hatten und wie sie sich geirrt hatten. Aber das Ergebnis unterscheidet sich trotzdem stark.
וַתֵּלֶד הַבְּכִירָה בֵּן וַתִּקְרָא שְׁמוֹ מוֹאָב הוּא אֲבִי־מוֹאָב עַד־הַיּוֹם׃
wattéled habbechirá ben wattikrá schemó mo'áw hu awi-mo'áw ad-hajóm
37 Und die Ältere gebar einen Sohn und nannte ihren Sohn Moaw (Was bedeutet: von meinem Vater). Und er ist der Vater der Moawiter.
Das heißt, die ältere Tochter, wie wir sehen, stand einfach auf, ging und legte sich zu ihrem Vater. Für sie ist das irgendein alltägliches Ereignis. Sie hat sich nicht überwunden. Sondern sie wollte es und tat es. Und sie nennt ihren Sohn genauso stolz, man kann sagen, verwegen „vom Vater Geborener“.
וְהַצְּעִירָה גַם־הִוא יָלְדָה בֵּן וַתִּקְרָא שְׁמוֹ בֶּן־עַמִּי הוּא אֲבִי בְנֵי־עַמּוֹן עַד־הַיּוֹם׃
wehazze'irá gam-hí jáleda ben wattikrá schemó ben-ammí hu awí wene-ammón ad-hajóm
38 Und die Jüngere gebar auch einen Sohn und nannte ihn (bescheidener nannte sie ihn) „Sohn meines Volkes“. Und er ist der Vater der Ammoniter bis zum heutigen Tag.
Damit endet eigentlich das Kapitel. Wir wissen, dass die Tora nicht immer über irgendwelche Handlungen sagt, ob sie gut oder schlecht sind. Hier sehen wir ein fast trockenes Protokoll der Ereignisse. Wir können verstehen, dass die Töchter, da, die Töchter, irgendetwas wollten sie, es war etwas Gutes in ihrem Wunsch. Irgendwie kann man sie verstehen. Obwohl wir im Buch Dewarim lesen, dass es den Ammonitern und Moawitern verboten ist, in die Versammlung des Höchsten einzutreten, ist dort ein anderes Motiv angegeben. Aber nichtsdestoweniger werden diese zwei Völker gleich nach den unehelich geborenen Kindern erwähnt. Es gibt eine bestimmte Verbindung mit den unehelich geborenen Kindern. Wie kam es dazu, dass tatsächlich der Höchste zuließ, auf wundersame Weise, dass dort Wein war? Der Höchste ließ all diese Ereignisse zu. Und wie kam es dazu, dass beide Mädchen Söhne gebaren, die letztlich im Stammbaum des Maschiach sind?
Als Mosche dafür betet, dass er einen Nachfolger hat, bittet er den Höchsten, dass es ein Mensch sei, ascher ruach bo (in dem Geist ist). Und die Kommentatoren sagen: in dem Geist ist, der auf den Geist jedes Menschen antwortet. Ein solcher Geist, der mitschwingen kann, mit demselben Ton auf jeden Menschen antworten kann. Er versteht jeden Menschen. Im Idealfall ist das der Maschiach, der in sich alle Seelen vereint. Und er weiß – wie über den Maschiach gesagt ist –, er ist in allem versuchtDas russische Wort kann sowohl „in allem versucht“ als auch „in allem erfahren“ bedeuten. Wir haben „versucht“ gewählt, weil es an die bekannte Aussage über den Maschiach anklingt.. Und damit ein solcher Maschiach geboren wird, damit er sich in der Welt offenbart, sagt der jüdische Kommentator Maharal, muss man die Extreme verbinden. Und was sind Extreme für Israel? Welche Völker sind die Antithese Israels? Jene Völker, jene zwei Völker, aus denen es verboten ist, sogar Gerim, Proselyten, aufzunehmen. Das sind die Moawiter und die Ammoniter, das direkte Gegenteil. Ihre Geburt ist das direkte Gegenteil von allem, was Awraham gelehrt wurde, der ein Kind von seiner eigenen Frau erwartet. Viele Jahre wartet er auf die Verheißungen. Diese zwei Extreme haben sich verbunden. Und sie haben sich verbunden, damit der Maschiach hervorgeht. Wenn der Höchste im Psalm sagt: „Ich habe David gefunden, meinen Knecht“, sagen die Kommentatoren: in Sedom gefunden. Dort, genau dort keimte der Maschiach auf. Das ist das, was die Töchter betrifft.
Und was kann man über Lot selbst sagen? Die Kommentatoren sagen, dass, wer vor Begierde nach Unzucht brennt, mit seinem eigenen Fleisch Unzucht treiben wird. Wer Unzucht treibt, wird unweigerlich bis zum Inzest herabsinken. Wenn Lot zuerst daran denken konnte, dass jemand seine Töchter vergewaltigen kann, zuließ, dass die Volksmenge seine Töchter vergewaltigt, so ist er dahin gekommen, dass seine Töchter ihn selbst vergewaltigten. Im Buch Mischle (18,1) steht geschrieben: „Nach Launen sucht der Abgesonderte (nach Begierde sucht der Abgesonderte, kann man verstehen), er erhebt sich gegen alles Vernünftige.“ Eine ziemlich schwierige Übersetzung. Aber eine solche Übersetzung wird dem Sinn nach richtig sein. Der Abgesonderte – das ist Lot, sagen die Kommentatoren. Awraham schlug ihm vor: „Sondere dich von mir ab.“ Und Lot wurde zum Abgesonderten. Begierde sucht der Abgesonderte. Worum geht es hier? Wir erinnern uns, dass Awraham Lot das ganze Land Israel anbot, er sagte: „Du gehst nach links, und ich – nach rechts. Du – nach rechts, ich – nach links.“ Gerade das Land Israel bot er ihm an zu teilen. Aber Lot wählte, aus dem Land hinauszugehen. Und die Kommentatoren sagen, obwohl er auf den ersten Blick dem Reichtum und dem Wohlstand, einem gemütlichen Land nachging, trieb ihn dennoch die Begierde. Und die Kommentatoren sagen, wir wissen nicht, ob Lot die Töchter begehrte oder die Töchter Lot begehrten, aber aus Mischle folgt, dass es Lot war, der seine Töchter begehrte.
Und worin liegt der Sinn der Fortsetzung dieses Verses – er erhebt sich gegen alles Vernünftige? Erhebt sich ist im männlichen Geschlecht in der Einzahl geschrieben. Es ist gesagt, dass es der Mann ist, der sich erhebt, und nicht die Frauen, die sich erheben. Das heißt, Lot hatte Begierde nach seinen Töchtern, eine geheime, verborgene, die Töchter aber hatten keine. Man kann sagen: Wie das? Was sagst du überhaupt? Gerade Lot wusste doch nichts. Und ich sage, wie auch die Kommentatoren sagen: Nichts geschieht dem Menschen zufällig. Wenn der HERR zuließ, dass Lot auf diese Weise seine Nachkommenschaft erhielt, dann hat Lot es irgendwo verdient, dass die Nachkommenschaft ihm gerade auf diese Weise zukam. Würdiges tut der HERR durch würdige Menschen, Unwürdiges durch unwürdige. Wäre Lot vielleicht ein etwas anderer Mensch gewesen, hätte er sich zu seinen Töchtern etwas anders verhalten, dann wäre er vielleicht auch nicht gerade in eine solche Situation geraten.
Wir verabschieden uns jetzt in diesem Abschnitt von Lot. Deshalb kann man ein gewisses Fazit ziehen. Worin besteht denn nun doch die Gerechtigkeit Lots? Seine Taten sind solche, dass einem die Haare zu Berge stehen. Man wundert sich, wie man überhaupt einen solchen Menschen für gerecht halten kann. In den Psalmen lesen wir, dass David viele Male sagt: „Richte mich nach meiner Gerechtigkeit.“ Auf seiner Ebene, auf seiner menschlichen Ebene, dort, wo er anfing, können all seine Anläufe, all seine Anstrengungen ihm als Gerechtigkeit angerechnet werden. Das heißt nicht, dass er ein Heiliger ist. Gerecht und heilig ist nicht ein und dasselbe. Das bedeutet, dass der Mensch versuchte, sich zu bewegen, in Richtung Gerechtigkeit ging. Er fiel. Vielleicht lief er manchmal zurück. Aber dennoch ging er, bewegte sich in Richtung Gerechtigkeit. Und nur damit kann man erklären, warum Lot doch unter den Gerechten genannt wird.
So eine traurige, betrübliche Geschichte. Es gibt praktisch zu keiner einzigen Frage eine einheitliche Meinung. Ich versuche hier niemanden zu rechtfertigen. Ich versuche hier niemanden zu verurteilen. Ich versuche einfach, es noch einmal zu lesen, die Motive zu verstehen. Und ich denke, das Falscheste wird sein, irgendein einzig richtiges Verständnis zu haben: wie es war, wer was gedacht hat und woran schuld ist. Die Tat an sich, die Geschichte an sich, ich wiederhole es, ist widerwärtig. Wie Menschen in sie hineingezogen wurden, wie Menschen in ihr gelandet sind – das ist eine andere Frage. Aber das Wichtigste für uns ist, dass der Höchste aus diesem Kehricht, aus diesen menschlichen Stürzen den Maschiach erschafft.
Es gibt einen Midrasch, der ein vorgestelltes Gespräch des Höchsten mit Ijow wiedergibt. Der Höchste fragt ihn:
– Was wirst du mit einem Menschen tun, der mit seinen zwei Töchtern geschlafen hat?
– Er wird verbrannt werden.
– Und was wirst du mit einem Menschen tun, der mit seiner Schwiegertochter geschlafen hat? (Das ist eine Anspielung auf Jehuda).
– Er wird verbrannt werden.
– Du verbrennst Menschen, – sagt der Höchste zu Ijow, – und Ich erschaffe daraus das Licht des Maschiach.
Zum Abschluss möchte ich eine Anekdote erzählen, oder eine Geschichte, oder eine Erinnerung. Nehmt es auf, wie ihr wollt. Die Geschichte wurde von Mosche Feinstein erzählt, einem der angesehensten Rabbiner des 20. Jahrhunderts, den man bedingt den Rabbiner der Vereinigten Staaten nennen kann. Einst lebte er in der Sowjetunion, das war im fernen Jahr 21. Er selbst hat davon erzählt. Das ist seine Erinnerung. Und da ist die Frage des Vertrauens zu ihm. Man lud ihn in das Haus eines Menschen ein, dessen Zunge sehr stark angeschwollen war. Und sie war im Kehlkopf so angeschwollen, dass der Mensch keuchend sprach. Und er bat darum, sich mit Mosche Feinstein zu treffen. Als Raw Feinstein zu ihm kam, sagte der Mensch: „Geht alle hinaus von hier. Ich will nur mit Raw Mosche sprechen.“ Und er erzählte ihm: „Vor einigen Wochen war der Wochenabschnitt Wajera, und dort ist die Geschichte von den zwei Töchtern Lots. Und ich hielt über sie eine Predigt, und so bin ich über sie hergezogen. Und so habe ich auf sie eingedroschen, und so habe ich sie heruntergeputzt. Und überhaupt, so viel habe ich über sie geredet. Und in der Nacht sah ich im Traum zwei alte Frauen, die sagten: ‚Warum sagst du solches über uns? Dafür wirst du eine Strafe tragen. Und wegen deiner Zunge wirst du sterben.‘“ Eine so schreckliche Geschichte erzählt Mosche Feinstein. Vorwort zum 8. Kapitel seiner Briefe. Und er sagt, dass der Mensch, nachdem er das erzählt hatte, sich zur Wand drehte und starb. So eine Geschichte. Wenn ihr wollt – eine Erinnerung, wenn ihr wollt – eine Anekdote. Wenn ihr wollt – glaubt es, wenn ihr wollt – nicht. Damit werde ich die Besprechung wohl auch beenden.
Wir werden heute über Lot sprechen, über seine Töchter und über alles, was damit zusammenhängt.
Also, Lot hatte vier Töchter. So sagt es der Talmud. Zwei Töchter waren verheiratet, und sie kamen zusammen mit ihren Männern um. Von den anderen zwei Töchtern heißt es, dass sie keinen Mann erkannt hatten. Der Ausdruck die keinen Mann erkannt hatten bedeutet, dass diese zwei Töchter verlobt, aber unverheiratet waren. Welche Tradition gab es in alter Zeit? Zuerst gab es die Verlobung, und nach der Verlobung blieb das Mädchen im Haus des Vaters, bereitete die Mitgift vor, sammelte alles Nötige. Ihr Bräutigam löste in dieser Zeit die Wohnungsfrage. Diese ganze Zeit war das Mädchen wie eine Ehefrau, eine verheiratete Frau. Das heißt, sie gehörte dem Bräutigam, war ihm aber als Frau verboten und befand sich in Verwahrung, wie ein Pfand im Haus des Vaters. Genau diesen Status hatten die Töchter Lots. Wir wissen das daraus, dass der Ausdruck die keinen Mann erkannt hat selbst traditionell so ausgelegt wird. Wir sehen eine Bestätigung dafür auch im Evangelium nach Lukas, als Mirjam, ebenfalls eine verlobte Jungfrau, auf ihren Status hinweisend sagt: „Ich kenne keinen Mann.“
Also, Lot hat zwei verlobte Töchter, die mit dem Untergang Sedoms den Status von Witwen erhalten. Lot flieht aus dem verbrennenden Sedom. Zuerst flieht er in die Stadt Zoar, die nicht weit entfernt liegt, etwas oberhalb von Sedom. Aber er fürchtet sich, lange dort zu bleiben, und flieht, um mit den Töchtern in einer Höhle zu leben.
In der Höhle leben drei Menschen: Lot und seine zwei Töchter. Und die Töchter überlegen auf Frauenart untereinander und sagen: „Es gibt keinen, der über uns kommen könnte“ (oder die wörtliche Übersetzung des Textes – zu uns eingehen, wie man es gewöhnlich übersetzt). Aber sie sagen: „Über uns kommen.“ Wieder werden wir hier eine Parallele zum Evangelium nach Lukas sehen, denn das Evangelium des Lukas sagt: „Der Engel verkündigt Maria die frohe Botschaft und sagt zu ihr: ‚Der Heilige Geist wird über dich kommen‘.“ Über uns kommen – das ist ein Ausdruck, der im Buch Dewarim mit der Leviratsehe verbunden wird.
Was ist die Leviratsehe? Wenn es einen verheirateten älteren Bruder gibt und er stirbt, ohne Kinder zu hinterlassen, ist sein jüngerer Bruder, wenn sie an einem Ort wohnen, verpflichtet, zu seiner Frau einzugehen und ihm Samen wiederherzustellen. Das ist ein Gebot. Und so überlegen die Töchter Lots untereinander, dass sie verwitwet sind, Brüder sind auch keine übrig geblieben, und niemand kann ihnen Samen wiederherstellen. Und sie entschließen sich zu einem verzweifelten Schritt: ihren Vater betrunken zu machen und sich zu ihm zu legen, um Samen vom Vater hervorzubringen, wiederherzustellen. Der Midrasch sagt zu dieser Frage, dass sie, genauer die ältere Tochter, als sie diese Idee vorbrachte, Samen von einem anderen Ort nahm. Von welchem anderen Ort? Der der König Messias ist. Das heißt die Wiederherstellung des Geschlechts, die Rettung der Menschheit, im Großen und Ganzen. Denn die Töchter Lots denken möglicherweise, dass alles ringsum umgekommen ist, dass auch Zoar, das kein Gott weiß wie frommes Städtchen war, ebenfalls die göttliche Strafe getroffen hat. Sie beschließen, die Menschheit zu retten. Etwas zu tun, sich selbst zu opfern für die Rettung der Menschheit.
Wir schweifen hier für eine Minute ab und schauen in das Buch Wajikra. Das 20. Kapitel sagt: „Wenn jemand sich zu seiner Schwester legt (das wird mit dem hebräischen Wort Chessed) bezeichnet, muss ein solcher Mensch preisgegeben werden, er ist dem Tod verfallen.“ Dass er dem Tod verfallen ist, das ist uns im Großen und Ganzen verständlich, aber was bedeutet das hier gebrauchte Wort Chessed? Das Wort Chessed wird gewöhnlich in der Übersetzung Gnade, Güte gebraucht. Was für ein Chessed kann das hier denn sein, wenn ein Bruder zu seiner Schwester eingeht? Und die Kommentatoren haben über viele Jahre natürlich viele verschiedene mögliche Versionen von Antworten auf diese Frage gefunden. Einige sagten, dass das Wort Chessed in der aramäischen Sprache Schande, Scham und dergleichen bedeutet. Und hier wird aus irgendeinem Grund plötzlich im hebräischen Text gerade der aramäische Begriff gebraucht. Andere sagten: In der Morgenröte der Menschheit, als Adam drei Söhne hatte, wen heiratete Kajin? Wo nahm er sich eine Frau? Die Antwort auf diese Frage ist, dass es zu jener Zeit aus Güte, aus Chessed, aus Gnade den Menschen erlaubt war, ihre Schwestern zu heiraten. Zusammen mit Kajin wurde eine Schwester geboren, wie auch zusammen mit Abel, und jeder von ihnen konnte seine Schwester heiraten. Und wozu wurde ein solcher Chessed gegeben? Damit die Menschheit ihr Geschlecht fortsetzen konnte.
Der Sohar bezieht diesen Vers auf die Kinder Lots und sagt, dass die Töchter Lots die Idee der Selbstaufopferung bei der Empfängnis selbst in die Welt gesetzt haben.
Eine Empfängnis, die nicht aus der Lust des Fleisches, nicht aus dem Wollen des Fleisches ist, sondern ein Streben nach Vermehrung, nach Erhaltung und Wiederherstellung der Menschheit. Eine Empfängnis, eine Vereinigung, die nicht um des Vergnügens willen ist. Man kann sagen, dass der Autor des Buches Sohar in den Töchtern Lots ein Urbild der unbefleckten Empfängnis sieht. Und, wie wir schon im Midrasch sehen, ist das außerdem noch mit dem König Maschiach verbunden. Wir sehen auch, dass beide Töchter zu Stammmüttern des Maschiach wurden.
Wir wissen, dass die Moawiterin Rut in den Stammbaum des Maschiach eingegangen ist. Wir wissen auch, dass die Ammoniterin Naama die Mutter Rechawams wurde, der ebenfalls Teil des Stammbaums des Maschiach ist. Die Moawiterin Rut schloss sich, obwohl sie arm war und den niedrigsten gesellschaftlichen Status hatte, dem Volk Israel an. Die Ammoniterin Naama wird im Tanach nur ein einziges Mal erwähnt, und es ist ziemlich schwierig, auf der Grundlage des Tanach irgendwie über sie zu urteilen. Aber es gibt eine Erwähnung von ihr in der Tradition des Midrasch, der sagt, dass König Schlomo für eine gewisse Zeit seinen Thron verlassen musste und umherirrte. Und es geschah so, dass er Diener des ammonitischen Königs wurde, der eine Tochter Naama hatte, die es vermochte, in dem Menschen, der die königliche Gestalt verloren hatte, eben jene königliche Gestalt zu erkennen, die in ihm die Gestalt eines Königs sah, ihn liebgewann und ihn heiratete. Als Antwort darauf jagte ihr Vater, der ammonitische König, sie in die Wüste, um sie nicht zu töten. Eine sehr lange märchenhafte Geschichte, die vom Midrasch erzählt wird. Letztendlich fing Schlomo einen großen Fisch, gab ihn Naama zum Ausnehmen, und dort fand man eben jenen königlichen Ring, wegen dessen Verlust Schlomo umhergeirrt war. Und in jedem Fall können und müssen wir diesen Midrasch natürlich als märchenhafte folkloristische Tradition betrachten. Aber man kann einen gewissen Grad an Gewissheit haben, dass diese Tradition im II. Jahrhundert, im I. Jahrhundert, in der Epoche des zweiten Tempels bekannt war und den Autoren des Evangeliums und zweifellos Mirjam selbst bekannt war, denn Frauen fühlten sich immer stärker zur Folklore hingezogen. Und die Idee selbst, dass es eine gewisse Fähigkeit gibt, das Königtum dort zu erkennen, wo es verborgen ist.
Also, auch Naama folgte um des Königtums willen dem im Grunde bettelarmen Schlomo. Ihre Nähe war keine Nähe, die auf irgendeiner fleischlichen Verliebtheit beruhte, sondern auf Naamas Hingezogensein zum Königtum.
Nun, man kann auch über Rut viel sagen, dass Rut seinerzeit ebenfalls auf einem nicht ganz so einfachen Weg zu Boas kam. Aber auch darin gibt es eine Manifestation des Heiligen Geistes.
Wir werden versuchen, auch noch andere Beispiele anzuführen. Wir sehen, dass es im Stammbaum des Maschiach eine Frau namens Tamar gibt. Was sagt die Tora über sie? Sie war mit Er verheiratet, und Er starb, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Tradition sagt, dass Er sich der gewöhnlichen geschlechtlichen Nähe mit Tamar enthielt, das heißt, er versuchte, auf verschiedene, sagen wir so, nicht standardmäßige Weisen einzugehen, weil sie so schön war und er fürchtete, dass diese Schönheit verloren gehen würde. Wieder kann man das betrachten, wie man will, als Folklore, aber man muss berücksichtigen, dass es solche Folklore gibt.
Dann war Onan ihr Mann, und über Onan heißt es, dass er den Samen auf die Erde vergoss, bevor er zu Tamar ging. Und danach sollte Schela kommen, der heranwachsen und der dritte Mann Tamars werden sollte. Aber Jehuda zögerte und zögerte damit. Und da entschließt sich Tamar zu einem verzweifelten Schritt. Sie setzt sich an eine Wegkreuzung, das Gesicht so bedeckt, dass sie wie eine Hure aussieht, und in diesem Aufzug tritt sie vor Jehuda, der zu einem Fest gefahren war.
Beim Leser kann der Eindruck entstehen, dass Jehuda so ein ganzer Kerl ist, so ein Macho, der ganz bestimmt nicht an einer Hure vorbeifährt. Nun, es hat sich irgendwie so ergeben, dass sie als Hure gekleidet ist, da muss man unbedingt zu ihr hinfahren. Achtet darauf, was für ein Gespräch wiedergegeben wird. Er sagt: „Ich schicke dir ein Lamm.“ „Und was gibst du mir als Pfand?“, fragt Tamar. Jehuda gibt ihr den Ring und andere Zeichen des Königtums.
Jetzt stellt euch vor. Eine Hure sitzt an einer Wegkreuzung. Heute sitzt sie da, morgen nicht. Wie kann man ihr das Parteibuch geben, den Dienstausweis eines Geheimdienstmitarbeiters, die Krone, den Siegelring, den Reichsapfel, das Zepter, etwas, das wirklich einen mit nichts vereinbaren Wert besitzt, zumindest einen mit dem Wert eines kleinen Tieres unvereinbaren? Und wie konnte Tamar das überhaupt erbitten? Der Midrasch sagt, dass hier der Heilige Geist Tamar überschattete. Überhaupt geschieht diese ganze Handlung Tamars nach Meinung der Midraschim, als der Heilige Geist über sie kam. Tamar will Jehuda nicht als Mann, sie hat kein irgendwie geartetes Streben nach Jehuda, keine irgendwie geartete Begierde nach Jehuda. Sie will das Geschlecht fortsetzen, sie hat genau diesen Wunsch. Und entsprechend gehen wir zu Jehuda, wieder sagt die Auslegung: „Ein Engel zwang Jehuda, vom Weg abzubiegen, stieß ihn zu Tamar“, um Christi willen, um es in einfachem Russisch zu sagenIm Russischen steht eine Redewendung, die umgangssprachlich „um Himmels willen, aus reiner Gnade“ bedeutet, wörtlich aber „um Christi willen“ lautet. Wegen des Anklangs an den Messias haben wir sie wörtlich übersetzt..
Warum erbat Tamar die Zeichen des Königtums? Hier zeigte sich der Einfluss des Heiligen Geistes. Ihre Nähe, ihre Vereinigung mit Jehuda war nicht um der Begierde willen, sondern um des Königtums willen, um den Maschiach erstehen zu lassen.
Die Midraschim sagen, dass es Lot gibt, der mit der Aufgabe nicht fertig wurde, weil er nicht einfach um der Wiederherstellung des Geschlechts willen mit den Töchtern sein konnte. Und möglicherweise hat er diesen ganzen Auszug in die Höhle um irgendetwas Unreinen willen angezettelt. Und es gibt die Töchter, die gerade Reinheit wollten, die die Fortsetzung des Geschlechts wollten.
Es gibt Tamar, die das Geschlecht fortsetzen will, sich dem Geschlecht anschließen will.
Es gibt noch eine Frau, Rachaw, von der gesagt ist, dass der Heilige Geist sie heimsuchte, sobald Israel aus Ägypten ausgezogen war. Das heißt, sie lebte in Erwartung der Ankunft Israels. Ihre Entscheidung wurde ebenfalls auf der Grundlage der Führung durch den Heiligen Geist getroffen. Später ging auch sie in den Stammbaum des Maschiach ein. Das ist eine Frau, die höchstwahrscheinlich, obwohl der Text des Buches Jehoschua nicht eindeutig ist, eine Hure war. Der Talmud und die Tradition sprechen viel von ihrer märchenhaften Schönheit. Als Hure war sie möglicherweise all dessen überdrüssig geworden, wessen eine Hure überdrüssig werden kann. Und ihr Streben, in Israel einzutreten und wiederherzustellenAuch im Russischen endet die Wendung mit „einzutreten und wiederherzustellen“, ohne zu sagen, was wiederhergestellt werden soll. Wir haben das so belassen., war ebenfalls auf der Grundlage der Führung durch den Heiligen Geist.
Und über noch eine Frau können wir nicht umhin zu sprechen. Im Buch Schoftim gibt es die Geschichte von Ja'el, die wusste, dass es den König Sisra gibt, der Israel angreift. Sie lockte ihn ins Zelt, gab ihm Milch zu trinken, deckte ihn mit einer Decke zu, dann nahm sie einen Zeltpflock und stieß ihn Sisra in die Schläfe. Aus dem Text folgt so etwas nicht ausdrücklich, aber dennoch enthält der Text einen mehr als feinen Hinweis darauf, dass Ja'el, um Sisra einzuschläfern, um seine Wachsamkeit einzuschläfern, Sisra verführte. Unsere Lehrer seligen Andenkens erörtern mit dem ihnen eigenen Sinn für Humor und einer gewissen Verwegenheit, was und wie es geschah. Aber die meisten Meinungen stimmen darin überein, dass ja, dass dort zwischen Ja'el und Sisra etwas geschehen ist. Und selbstverständlich geschah das nicht zum Vergnügen, nicht zum eigenen Genuss ging Ja'el hinaus und ließ sich überhaupt auf diese ganze Sache ein. Ja'el ging nicht in den Stammbaum des Maschiach ein, sie ist im Stammbaum nicht vorhanden.
Und warum können wir heute dennoch über sie sprechen? Über sie spricht die Prophetin Dwora in ihrem berühmten Lied: „Gesegnet sei Ja'el unter den Frauen!“ Das ist für uns sehr wichtig, weil es hier eine gewisse Parallele zu dem gibt, was der Engel sagt, als er zu Mirjam kommt. Welche Frauen sind gemeint? Selbstverständlich fragt der Talmud das über Ja'el und nicht über Mirjam. Welche Frauen sind gemeint? Jene Frauen, die in den Zelten saßen: Sara, Riwka, Rachel und Lea. Das heißt, Ja'el, die überhaupt nicht einmal eine Israelitin ist, durch ihre Opferbereitschaft ... Man könnte meinen, in der Kirche, sagen wir, hätte man einen für so etwas auch davonjagen können, weil das Hurerei, Ehebruch, Unzucht ist, und man kann noch viele scharfe, beißende Synonyme gebrauchen. Aber Dwora spricht im Heiligen Geist (Ruach haKodesch), der Heilige Geist ist in ihr gegenwärtig. Sie sagt: „Sie ist gesegnet unter den Frauen.“
Wir sehen, es gibt im Lauf der Geschichte wie Lichtblitze solche Wegmarken, Versuche heranzureichen, möglicherweise, wie der Midrasch sagte, mit dem wir begonnen haben, an den Samen des Königs Maschiach heranzureichen. Eine solche Stufe der Selbstaufopferung zu erreichen, eine solche Stufe des Dienstes für den Höchsten während der Vereinigung mit einem Mann, wenn das Begehren des Fleisches gar nicht mehr da sein wird, wenn es vollständig und ausschließlich Dienst sein wird. Und Schritt für Schritt entwickelt sich im Lauf der Geschichte diese Idee überall dort, wo es irgendeine solche Selbstaufopferung von Seiten der Frau gibt.
Wir sehen, dass es eine gewisse Verbindung mit Mirjam gibt. Wir sehen eine Parallele zu ich kenne keinen Mann, wir sehen eine Parallele zu gesegnet bist du unter den Frauen. Sogar die erste Anrede des Engels an Mirjam ist mit dem Wort Chessed verbunden. Freue dich – das ist, kann man sagen, das Wort chassada. Und wir haben gesagt, dass Chessed Opferbereitschaft ist, das wird als Hingabe seiner selbst für die Fortsetzung des Geschlechts verstanden, für den Segen der ganzen Menschheit.
Im Lauf der ganzen Geschichte sehen wir, dass genau diese Parallelen immer dort vorhanden sind, wo es die Opferbereitschaft einer Frau gibt, wenn sie gibt, sich hingibt nicht aus Leidenschaft, nicht aus Liebe, nicht wegen eines Ausrutschers, nicht aus Berechnung, sondern zum Dienst an der Menschheit.
Wir wissen, die Tora sagt es, dass der Moawiter und der Ammoniter nicht in das Volk Israel eintreten werden. Die Tora verbietet, Proselyten aus diesen beiden Völkern aufzunehmen. Das ist eine erstaunliche Sache. Warum? Weil sie, als Israel zog, durch ihre Länder hindurchzog, nicht grüßten, kein Brot herausbrachten usw. Wir sehen, dass es Völker gibt, die ein viel größeres Verbrechen an Israel begangen haben. Zum Beispiel kann man aus den Amalekitern Gerim machen, aus den Ägyptern, die Israel viele Jahre in Sklaverei hielten, aus den Assyrern, aus den Griechen, aus den Römern, aus den Deutschen. Was sagt die Tora eigentlich über diese beiden Völker? Was ist so schlimm? Wenn wir schon davon sprechen, kann man das Beispiel der moawitischen Töchter anführen, die Israel in der Geschichte der Eroberung des Landes verführten. Vielleicht, lasst sie uns doch dafür schon bestrafen. Und wenn man die Geschichte mit den Töchtern bedenkt, wenn man überhaupt das ganze Geflecht der Beziehungen bedenkt, ist unverständlich, warum die Tora sagt: „Der Moawiter wird nicht eintreten, der Ammoniter wird nicht eintreten“? Aber Rut ist eingetreten, wie wir wissen. Und die Kommentatoren sagen: „Na ja, also hat die Tora den Moawiter gemeint, aber nicht die Moawiterin, den Ammoniter, aber nicht die Ammoniterin.“ Eine sehr interessante Erklärung, weil wir gewöhnlich gemäß der Grammatik der hebräischen Sprache auffassen, dass es, wenn etwas in der männlichen Form gesagt ist, eine verallgemeinernde Wendung ist. Das heißt, wenn wir Syrer sagen, meinen wir auch die Syrerinnen, wenn wir Chinesen sagen, meinen wir auch die Chinesinnen. Warum macht die Tora hier plötzlich eine Ausnahme? Und es gibt im Talmud selbst hier sehr viele Einwände gegen diese These.
Es gibt Kommentatoren, die eine andere Erklärung geben. In den Moawitern und in den Ammonitern gibt es zwei Arten von Blut, zwei Geister kämpfen ständig in ihnen. Der eine ist der Geist der Töchter, die der Wiederherstellung der Menschheit dienen wollen, die gerade Chessed tun wollen, gerade Gnade, Frömmigkeit. Der andere ist der Geist Lots, der, sagen wir so, andere Absichten hatte, sich einfach betrank, und es zog ihn zu den Frauen. Vielleicht hatte er, wie wiederum einige Midraschim sagen, absichtlich irgendwelche Pläne in dieser Hinsicht.
So oder so, diese zwei Geister kämpfen. Und in der Tora sind sie in dieser Erklärung gleichsam so dargestellt, wie wenn ein Mensch geht und einen Dienst erweist, Gnade erweist. Wenn die Barmherzigkeit (Chessed) in ihm offenbar wird, dann ist das die Ammoniterin und die Moawiterin. Wenn sie nicht offenbar wird, dann ist das der Geist Lots.
Das spiegelt gleichsam in einer gewissen verdichteten Form die ganze Geschichte der unbefleckten Empfängnis wider. Die unbefleckte Empfängnis geschah zwischen Mann und Frau, wenn es eine Frau gab wie Ja'el, wie die Töchter Lots, wie Rut, wie Na'ama, wie Tamar, wie Rachaw. Man kann sich auch noch an eine solche folkloristische Persönlichkeit erinnern wie die Mutter Davids – Nazewet bat Ada'el, die David ebenfalls, sagen wir so, auf sehr ungewöhnliche Weise empfing, und diese Beschuldigung des Ehebruchs blieb an ihr haften, obwohl sie wiederum reinen Chessed hatte. Aber wir werden uns jetzt nicht in diese Geschichte hineinbegeben.
Im ganzen Lauf der Geschichte näherte sich der Samen des Maschiach gleichsam, wurde herabgeführt, stieg herab. Oder die Menschheit (der weibliche Teil der Menschheit) stieg zu Ihm auf und überwand dabei diesen männlichen Widerstand. Aber sehr oft wagten Frauen durch Chessed etwas, das später Anlass zu ihrer Verurteilung sein konnte, im Blick auf den Samen des Königs Maschiach.
Das ist sehr gut. Parallelen dazu sind im Gespräch des Engels mit Mirjam zu sehen. Vor allem spricht der Engel sie als Begnadete (chassuda) an. Chessed ist genau jene Verbindung, die einerseits sogar verboten sein kann, aber sie ist zur Wiederherstellung der Menschheit gegeben. Ich sage, Gott bewahre, nicht, dass Mirjam irgendeine verbotene Verbindung eingegangen ist, aber sie wurde in eine Situation gestellt, in der, wie im Lauf der ganzen Geschichte, das, was sie tut, als etwas Lasterhaftes erscheinen konnte. Und wir wissen, dass die jüdische Reaktion auf die christliche Geschichte genau so war, dass irgendein römischer Soldat beschuldigt wurde. In einigen Versionen wird Mirjam einfach als ein solches Mädchen von leichtem Lebenswandel betrachtet. Diese Situation ist Teil des Plans des Höchsten. Daher das Wort Begnadete als Hinweis sowohl auf beinahe Blutschande als auch auf die göttliche Gnade. Weiter sagt der Engel ihr, dass sie gesegnet ist unter den Frauen, auch das verweist uns auf Ja'el (Schoftim 5). „Ich kenne keinen Mann“ – eine Parallele zu den Töchtern Lots. Und ebenso wie „der Heilige Geist wird kommen“. Und letztlich soll sie den König Maschiach gebären, endlich jenen Samen von einem anderen Ort auf die Erde herabführen. „Der Heilige Geist wird über dich kommen“, wir haben gesagt, dass das ein Hinweis auf die Leviratsehe ist, auf die Wiederherstellung des verlorenen Samens. Aber Mirjam ist keine Witwe, sie hat einen Bräutigam, man kann sagen, einen künftigen Mann, schon beinahe einen Mann, der durch nichts eingeschränkt ist, die Eheschließung mit ihr vollenden und zu ihr eingehen kann, und das wird später auch geschehen.
Was bedeutet hier also „Der Heilige Geist wird über dich kommen“? Wir wissen, dass David selbst ständig darüber betete, dass er durch die Salbung den Heiligen Geist empfangen hatte, und gerade das wurde zum Zeugnis und zur Gerechtigkeit und zur Rechtfertigung seiner Mutter in allem, was dort geschehen war. Und höchstwahrscheinlich ist das, was bei der vollkommensten, der unbeflecktesten unter den unbefleckten Empfängnissen mit dieser Mirjam geschieht, dass Gott in Mirjam den Samen Davids wiederherstellt, sich, kann man sagen, Josef von allem Menschlichen reinigt, von allem Angelagerten, und in Mirjam den Samen Josefs als des Sohnes Davids in seiner Vollkommenheit wiederherstellt. Zu jener Zeit wusste man das schon, und heute glauben die Juden so, dass ein Engel den Samen des Mannes nimmt, ihn hinauf in die oberen Welten trägt, und dort stattet der HERR ihn aus, kann man sagen, legt so geistliche DNA in ihn hinein, und so steigt er in die Welt herab. Ich weiß nicht, ob von Josef Samen genommen wurde, ob es real einen Samenerguss bei ihm gab, darüber können wir nicht sprechen, das ist ein Geheimnis, und es ist sogar irgendwie ein bisschen unheimlich, sich in diese Geschichte hineinzubegeben. Wir können sagen, dass es durchaus so gewesen sein konnte, dass der gereinigte, umgeschmolzene, vollkommene Samen in den Schoß der Vollkommenen gelegt wurde, der Gesegneten unter den Frauen, derjenigen, deren Opferbereitschaft absolut war. Und auf diese Weise vollzog sich die unbefleckte Empfängnis. Das, wozu der Weg mit den Töchtern Lots begann, endete 200 Kilometer weiter nördlich, in der Stadt Nazeret, sehr viele Jahre später.
Wir werden über einen Menschen sprechen, über den man nicht sehr gern spricht. Jedenfalls spricht man nicht gern Gutes über ihn. Dieser Mensch ist Jischmael, der Sohn Awrahams.
Wir lesen in Kapitel 16 des Buches Bereschit von der Geburt Jischmaels, davon, dass Sara zu Awraham sagte: „Geh ein zu meiner Magd, zu Hagar, der Ägypterin. Sie wird mir einen Sohn gebären, und vielleicht werde ich durch sie aufgebaut werden.“ Man kann das so verstehen: „Vielleicht werde, wenn sie schwanger wird, auch ich schwanger.“ Aber höchstwahrscheinlich – und das sehen wir später auch bei der Familie Jaakows – gebären die Mägde für ihre Herrinnen, und der Sohn Hagars konnte durchaus der Sohn Saras sein.
Also, als Awraham 86 Jahre alt war, kam Jischmael zur Welt. Es ist klar, dass Awraham Jischmael sehr liebte. In Kapitel 17 lesen wir, als der Höchste Awraham erscheint und ihm die Verheißung gibt, dass er noch einen Sohn haben wird, und zwar einen Sohn von Sara, in Bereschit 17,17 steht geschrieben: „Und Awraham fiel auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: Soll einem Hundertjährigen ein Kind geboren werden, und soll Sara, die Neunzigjährige, gebären?! Und Awraham sprach: ‚Gott, o wenn doch wenigstens Jischmael vor Dir am Leben wäre.‘“
Es ist doch eigentlich eine frohe Botschaft, gute Nachrichten, die Gott Awraham sagt, das sind gute Nachrichten nicht nur für Awraham, sondern auch für Sara. Man hat ihm doch gesagt, dass Sara gebären wird! Wenn Awraham einen Sohn hat, worum sollte er sich, so scheint es, sorgen, er hat ja schon Jischmael, und man kann sagen: „Wenigstens Jischmael möge vor Dir am Leben sein.“ Warum sorgt sich Awraham hier nicht um Sara? Warum denkt er nicht an Sara? Höchstwahrscheinlich, weil Sara Jischmael als Sohn gebracht hat. Er ist ihr Sohn. Und Awraham spricht hier nicht nur in seinem eigenen Namen, sondern im Namen Saras. „Wir haben schon ein Kind, wir haben schon Jischmael. Segne ihn!“
Also können wir höchstwahrscheinlich sehen, dass ganz am Anfang der Lebensgeschichte Jischmaels sowohl Awraham als auch Sara ihn lieben, und auch für Sara ist er wie ein Sohn, obwohl ihre Beziehung zu seiner Mama, zu Hagar, viel komplizierter ist.
In Kapitel 21 lesen wir vom Wunder der Geburt Jizchaks. Awraham ist zu diesem Zeitpunkt 100 Jahre alt, und das heißt, Jischmael ist 14 Jahre alt. Die Verheißung des Höchsten erfüllt sich: Sara gebiert einen Sohn. Der 14-jährige Jischmael, der der Erstgeborene war, der geliebte, lang ersehnte Sohn, wird in den Hintergrund gedrängt, und in den Vordergrund tritt der leibliche Sohn – Jizchak. Wenn es früher Saras Sohn Jischmael war, dann ist es jetzt der Sohn Hagars, der Ägypterin.
Alles hat sich im Leben des jungen Jünglings umgekehrt. Höchstwahrscheinlich weckte das in ihm keine guten Gefühle gegenüber Jizchak. Eigentlich beginnt damit die Geschichte in Bereschit 21,9:
וַתֵּרֶא שָׂרָה אֶת-בֶּן-הָגָר הַמִּצְרִית אֲשֶׁר-יָלְדָה לְאַבְרָהָם מְצַחֵק׃
wattére sará et-ben-hagár hammizrít ascher-jaledá le'awrahám mezachék
9 Und Sara sah den Sohn Hagars, der Ägypterin, den sie Awraham geboren hatte, spottend.
Spottend, offenbar entweder darüber, dass sie da im Alter geboren hat, oder darüber, dass Jizchak so klein und lustig ist. Wie alt ist Jizchak zu dieser Zeit? Wir lesen in Vers 8, dass Jizchak von der Brust entwöhnt wird. Nach damaligen Zeiten ist er 2–3 Jahre alt. Jischmael ist entsprechend 16–17 Jahre alt.
Eine sehr ernste Krise hat Jischmael durchlebt. Er hat das Buch Bereschit nicht gelesen. Versucht, ihn als einen Jugendlichen anzusehen, der so etwas durchgemacht hat. Ich rede schon gar nicht davon, dass er von seiner wirklichen Mutter weggenommen ist, die vielleicht an die ägyptischen Götter glaubte. Und der liebevolle, gute Awraham erzählt ihm von seinem Gott, und in was für inneren Konflikten sich dieser Junge befindet. Aber selbst wenn man das beiseitelegt, stellt euch einfach das Maß an Eifersucht und Auflehnung vor, das im Herzen eines 16–17-jährigen Jugendlichen entstehen konnte, wenn er auf so etwas stößt.
Also, Sara sah, dass der Sohn Hagars, der Ägypterin, spottet.
וַתֹּאמֶר לְאַבְרָהָם גָּרֵשׁ הָאָמָה הַזֹּאת וְאֶת-בְּנָהּ כִּי לֹא יִירַשׁ בֶּן-הָאָמָה הַזֹּאת עִם-בְּנִי עִם-יִצְחָק׃
wattómer le'awraham garésch ha'amá hassót we'et-bená ki lo jirásch ben-ha'amá hassót im-bení im-jizchák
10 Und sie sagte zu Awraham: „Vertreibe diese Magd und ihren Sohn, denn der Sohn dieser Magd (jetzt ist er schon – der Sohn dieser Magd). wird nicht mit meinem Sohn erben, mit Jizchak.
וַיֵּרַע הַדָּבָר מְאֹד בְּעֵינֵי אַבְרָהָם עַל אוֹדֹת בְּנוֹ׃
wajéra haddawár me'ód be'ené awrahám al odót benó
11 Und es wurde Awraham sehr schlecht (das alles sah sehr schlecht aus) in seinen Augen im Hinblick auf den Sohn.
Awraham sah darin ein großes, großes Problem. Auch ein moralisches Problem. Und dennoch war Jischmael für ihn ein geliebter Sohn. Awraham liebte Jischmael.
וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים אֶל-אַבְרָהָם אַל-יֵרַע בְּעֵינֶיךָ עַל-הַנַּעַר וְעַל-אֲמָתֶךָ כֹּל אֲשֶׁר תֹּאמַר אֵלֶיךָ שָׂרָה שְׁמַע בְּקֹלָהּ כִּי בְיִצְחָק יִקָּרֵא לְךָ זָרַע׃
wajomer elohím el-awrahám al-jerá be'enécha al-hanná'ar we'al-amatécha kol aschér tomár elécha sará schemá bekolá ki wejizchák jikkaré lechá sára
12 Und Gott sagte zu Awraham: „Es sei nicht schlecht in deinen Augen alles, was mit diesem Knaben und mit deiner Magd zusammenhängt. Alles, was Sara dir sagt, höre auf ihre Stimme, denn in Jizchak wird dir Samen genannt werden.
וְגַם אֶת-בֶּן-הָאָמָה לְגוֹי אֲשִׂימֶנּוּ כִּי זַרְעֲךָ הוּא׃
wegám et-ben-ha'amá legój assiménnu ki sar'achá hu
13 Aber auch den Sohn der Magd werde ich zu einem großen Volk machen, denn auch er ist dein Samen.
Wenn Gott spricht, tut Awraham es!
וַיַּשְׁכֵּם אַבְרָהָם בַּבֹּקֶר וַיִּקַּח-לֶחֶם וְחֵמַת מַיִם וַיִּתֵּן אֶל-הָגָר שָׂם עַל-שִׁכְמָהּ וְאֶת-הַיֶּלֶד וַיְשַׁלְּחֶהָ
wajaschkém awrahám babbóker wajikkach-léchem wechémat májim wajittén el-hagár sam al-schichmá we'et-hajéled wajschallechéha
14 Und Awraham erwachte früh am Morgen, und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser, und gab es Hagar, legte es ihr auf die Schulter, und den Jungen, und schickte sie fort…
Wenn wir vorher über diesen Jüngling als über einen Jüngling gelesen haben, so lesen wir jetzt über ihn als über einen Jungen. Wenn Sara gebeten hatte, die Magd zu vertreiben, das heißt, dass von ihr hier keine Spur mehr sei, so hat Awraham sie geschickt. Was ist der Unterschied, wenn ein Mensch jemanden wegschickt oder jemanden vertreibt? Wenn ich jemanden wegschicke, habe ich das Ziel, dass dieser Jemand dort ist. Ich will, dass er dort ist. Ich habe eine gewisse Sorge um sein weiteres Leben. Wenn ich jemanden von hier vertreibe, ist meine Aufgabe einfach, dass von ihm hier keine Spur mehr ist, dass er mir hier nicht vor den Augen herumsteht. Awraham vertreibt die Magd nicht, sondern schickt die Magd fort. Er schickt sie fort, weil, was ihm der Höchste gesagt hat: „Ich habe auch in Bezug auf diesen Jüngling einen Plan.“ Und Awraham schickt diesen Jüngling in die Hände des Höchsten. Nur wird dieser Jüngling jetzt jeled (Junge), genannt, und aus irgendeinem Grund hat man ihn auf die Schulter Hagars gelegt? Einen 16–17-jährigen Jungen – versuch mal, den hinzulegen. Raschi kommentiert und sagt: „Sara hat Jischmael mit dem bösen Blick belegt. Er wurde schwach, er bekam Fieber, und deshalb nahm Hagar auch noch den 17-jährigen Jüngling zusammen mit dem Wasserschlauch und trug ihn auf sich.“ Andere Kommentatoren sagen, dass Jischmael sich wehrte, deshalb band Awraham ihn und legte ihn wie einen Kartoffelsack wiederum auf die Schultern Hagars. Das alles erklärt nicht, warum wir hier statt na'ar (Jüngling) jeled (Junge) lesen. Aber auf diese Fragen antworten wir später.
וַתֵּלֶךְ וַתֵּתַע בְּמִדְבַּר בְּאֵר שָׁבַע׃
wattélech wattéta bemidbár be'ér scháwa
…und sie ging, und sie verirrte sich in der Wüste Be'er Schewa.
וַיִּכְלוּ הַמַּיִם מִן-הַחֵמֶת
wajichlu hammájim min-hachémet
15 Und das Wasser im Schlauch ging zu Ende…
In der Wüste ohne Wasser – das ist im Großen und Ganzen ein schneller Tod.
וַתַּשְׁלֵךְ אֶת-הַיֶּלֶד תַּחַת אַחַד הַשִּׂיחִם׃
wattaschléch et-hajéled táchat achád hassichím
…und sie warf den Jungen unter einen der Sträucher (warf den Jungen von sich ab unter einen der Sträucher).
Wieder den Jungen und warf ab. Hier sehen wir keinen 17-jährigen Burschen. Hier ist ein Junge.
וַתֵּלֶךְ וַתֵּשֶׁב לָהּ מִנֶּגֶד הַרְחֵק כִּמְטַחֲוֵי קֶשֶׁת
wattélech wattéschew la minnéged harchék kimtachawé késchet
16 Und sie ging, und setzte sich gegenüber, in der Entfernung eines Pfeilschusses…
Wieder ein Detail, auf das es sich lohnt zu achten. Nirgendwo sonst führt die Tora ein solches Maß an – in der Entfernung eines Pfeilschusses. Wie viel ist das – die Entfernung eines Pfeilschusses? Ein moderner Bogen schießt 100 Meter weit, und wenn man den Pfeil im Winkel von 45 Grad abschießt, dann sogar noch höher, bis zu 220 Metern. Nicht wichtig. Die Tora sagt: „Das ist die Entfernung!“ Nicht fünf Minuten zu Fuß, nicht eine Minute zu Fuß, nicht in Schritten. Auch nicht, wie die Eskimos im Norden sagen: „Wie oft du schwitzen wirst, während du läufst.“
כִּי אָמְרָה אַל-אֶרְאֶה בְּמוֹת הַיָּלֶד וַתֵּשֶׁב מִנֶּגֶד וַתִּשָּׂא אֶת-קֹלָהּ וַתֵּבְךְּ׃
ki amerá al-er'é bemót hajáled wattéschew minnéged wattissá et-kolá wattéwk
…denn sie sagte: „Ich werde nicht Zeugin dessen sein, wie dieser Junge stirbt, ich will ihn nicht sehen.“ Und sie setzte sich gegenüber, und erhob ihre Stimme, und weinte.
Man kann Hagar verstehen, wie es auch sei. Sie ist eine Magd, eine unfreie Frau. In einem schönen oder nicht ganz so schönen Moment sagte man ihr: „Gebäre Awraham einen Sohn! Awraham wird zu dir eingehen und einen Sohn zeugen.“ Sie gebar einen Sohn. Niemand hat sie in dieser ganzen Geschichte gefragt. Und Schritt für Schritt verstrickt sie sich immer mehr und mehr. Wie auch immer sie gewesen sein mag, jetzt sitzt sie in der Wüste und weint, weil ihr der Junge stirbt. Sie erhob ihre Stimme und heulte los.
וַיִּשְׁמַע אֱלֹהִים אֶת-קוֹל הַנַּעַר
wajischmá elohím et-kól hanná'ar
17 Und Gott hörte die Stimme des Jünglings…
Der Junge wird wieder zum Jüngling. Dabei weinte Hagar, aber Gott hörte die Stimme des Jünglings.
וַיִּקְרָא מַלְאַךְ אֱלֹהִים אֶל-הָגָר מִן-הַשָּׁמַיִם וַיֹּאמֶר לָהּ מַה-לָּךְ הָגָר אַל-תִּירְאִי כִּי-שָׁמַע אֱלֹהִים אֶל-קוֹל הַנַּעַר בַּאֲשֶׁר הוּא-שָׁם׃
wajikrá mal'ách elohím el-hagár min-haschamájim wajomer la ma-lách hagár al-tire'í ki-schamá elohím el-kól hanná'ar ba'aschér hu-schám
…Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel zu und sagte zu ihr: „Was ist dir, Hagar? Was ist mit dir, Hagar? Fürchte dich nicht, denn Gott hat die Stimme des Jünglings dort gehört (der sich dort befindet).
קוּמִי שְׂאִי אֶת-הַנַּעַר וְהַחֲזִיקִי אֶת-יָדֵךְ בּוֹ כִּי-לְגוֹי גָּדוֹל אֲשִׂימֶנּוּ׃
kúmi se'í et-hanná'ar wehachasíki et-jadéch bo ki-legój gadól assiménnu
18 Steh auf, schlepp den Jüngling, halte ihn fest in den Händen, denn ich werde ihn zu einem großen Volk machen.“
Selbst wenn Gott uns befiehlt, jemanden zu vertreiben, oder uns erlaubt, jemanden zu vertreiben, bedeutet das nicht, dass er diesem Jemand keinen Engel schicken wird.
וַיִּפְקַח אֱלֹהִים אֶת-עֵינֶיהָ וַתֵּרֶא בְּאֵר מָיִם וַתֵּלֶךְ וַתְּמַלֵּא אֶת-הַחֵמֶת מַיִם וַתַּשְׁקְ אֶת-הַנָּעַר׃
wajifkách elohím et-enéha wattére be'ér májim wattélech wattemallé et-hachémet májim wattáschk et-hanná'ar
19 Und Gott öffnete ihre Augen, und sie sah einen Brunnen mit Wasser, und sie ging, und füllte den Schlauch mit Wasser, und gab dem Jüngling zu trinken.
וַיְהִי אֱלֹהִים אֶת-הַנַּעַר וַיִּגְדָּל וַיֵּשֶׁב בַּמִּדְבָּר וַיְהִי רֹבֶה קַשָּׁת׃
wajhí elohím et-hanná'ar wajigdál wajéschew bammidbár wajhí rowé kaschát
20 Und Gott war mit diesem Jüngling, und er wuchs heran, und er lebte in der Wüste, und er wurde ein Bogenschütze.
וַיֵּשֶׁב בְּמִדְבַּר פָּארָן וַתִּקַּח-לוֹ אִמּוֹ אִשָּׁה מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wajéschew bemidbár parán wattikkach-ló immó ischá me'érez mizrájim
21 und er lebte in der Wüste Paran, und die Mama nahm ihm eine Frau aus dem Land Ägypten.
Was fehlt in dieser ganzen Geschichte? Wo wird der Junge vom Jüngling abgelöst? Nirgends steht geschrieben, dass das Jischmael ist. So sehr steht nirgends geschrieben, dass das Jischmael ist, nirgends wird erwähnt, dass das Jischmael ist, direkt wird es nicht erwähnt, dass einige Kommentatoren sagen: „Na ja, im Großen und Ganzen war Hagar ein junges Mädchen, möglicherweise eine stattliche. Einige Überlieferungen sagen, dass sie aus dem Haus des Pharao selbst stammte. Jedenfalls hat der Pharao sie möglicherweise Sara zum Geschenk gegeben, ob sie nun seine Tochter oder seine Sklavin war, und dort hielt man keine schlechte Ware. Hagar ist ein junges, schönes Mädchen, und möglicherweise hat Awraham, wie es bei den Nebenfrauen Jaakows war, von ihr noch weitere Kinder gezeugt. Zumal die Tora auch weiterhin die Söhne der Nebenfrauen erwähnt.“ Man kann einen solchen Kommentar natürlich annehmen, aber es ist ein bisschen schwierig, ihn anzunehmen, weil die Tora nirgends sagt, dass Awraham noch weitere Kinder von Hagar hatte.
Trotzdem ist unverständlich, warum der Name dieses Jünglings nirgends genannt wird? Warum ist er mal Jüngling, mal Junge? Warum sagt die Tora, dass Hagar sich einen Schuss weit von ihm entfernt hinsetzte?
Lasst uns versuchen, das alles so zu verstehen. Es lebte ein Jüngling, der Jischmael heißt. Wir wissen, wie er lebte, wir haben schon darüber gesprochen. Der geliebte Erstgeborene Awrahams, der lang ersehnte Erstgeborene Awrahams, offenbar auch von Sara geliebt. In einem schönen Moment ändert sich alles, und es ändert sich möglicherweise auch das Verhalten Jischmaels. Man jagt ihn fort. In diesem Moment haben Vater und Mutter, Sara und Awraham, ihn verlassen. David sagt etwas Ähnliches. Im 27. Psalm sagt er: „Vater und Mutter haben mich verlassen. Gott hat mich zu sich genommen.“ Und hier lesen wir etwas Ähnliches. In diesem Moment, als Hagar ihn auf sich trägt, ist er tatsächlich ein jeled (Junge), der noch weder einen Namen hat (seinen Namen erwähnt niemand), noch ein Schicksal, noch im Grunde Eltern, weil Sara und Awraham ihn verlassen haben.
Aber Gott nimmt ihn zu sich, wie er Awraham die Verheißung gegeben hat. Gott hat Awraham versprochen, dass das doch der Same Awrahams ist und er ein großes Volk sein wird. Und als Hagar schon völlig verloren ist, hört Gott schon nicht mehr die Stimme des Jungen, sondern die Stimme des Jünglings. Sie, Hagar, sieht einen Brunnen. Das ist nicht einfach ein Brunnen, das ist ein Symbol. Wasser ist Leben. Und sie gibt dem Jungen zu trinken. Und wenn wir von Anfang an gelesen hätten, hätten wir von Sara gelesen. Dort heißt es, dass Sara sich freut, auflebt, indem sie Jizchak an der Brust nährt. Hier nicht mit der Brust, sondern mit Wasser. Der Brunnen des Höchsten, der Höchste „speist“ wie ein Vater Jischmael und erweckt ihn beinahe von den Toten.
Warum können wir sagen, dass das doch Jischmael ist? Weil wir in Vers 17 lesen:
כִּי-שָׁמַע אֱלֹהִים אֶל-קוֹל הַנַּעַר בַּאֲשֶׁר הוּא-שָׁם׃
ki-schamá elohím el-kól hanná'ar ba'aschér hu-schám.
Schama El – Gott hat gehört, das ist die Übersetzung des Namens Jischmael. In diesem Moment, als Gott seine Stimme hört, verwirklicht sich prophetisch sein Name, und er wird gleichsam neu geboren als Jischmael, zu Jischmael wird derjenige, den Gott gehört hat, für den Gott gesorgt hat.
Was ist nun mit dem Pfeil? Warum setzte sich Hagar einen Pfeilschuss weit entfernt hin? Warum vermerkt und bemerkt die Tora das? Wir werden später lesen, dass Jischmael ein Bogenschütze wurde. Er versucht gleichsam, wenn man in der Sprache der Psychologie spricht, die Entfernung „zu Ende zu schießen“, in der sich seine leibliche Mutter von ihm hingesetzt hat. Und auch die leibliche Mutter hat ihn verlassen. Sie verließ ihn in Schussweite, als hätte sie ihn abgeschossen. Und sein ganzes weiteres Leben, seine ganze weitere Biografie lang versucht Jischmael, diese Schussweite bis zur Mutter zu überwinden, indem er vom Bogenschießen lebt.
Die Überlieferung und der Midrasch sagen, dass Jizchak dafür sorgte, Jischmael und Awraham zu versöhnen. Als Riwka kommt, wird erzählt, dass Jizchak von genau jenem Brunnen kam, an dem Jischmael lebt, – Be'er Lachaj Ro'i. Und außerdem sehen wir, dass bei der Beerdigung Awrahams Jischmael anwesend ist, obwohl man ihn fortgejagt hatte. Und eine gewisse geistliche Arbeit, eine innere Arbeit hat sich in Jischmael vollzogen.
Der Kern der Erzählung ist, dass Jischmael, von allen verlassen, selbst von uns verlassen, zurückgelassen, scheinbar außerhalb von Gottes Plan, außerhalb der Vorsehung, außerhalb aller möglichen Stammbäume, obwohl sein Stammbaum in der Tora noch kommen wird. Aber er ist die letzte Gestalt, über die wir sprechen, (vielleicht noch weniger – über Esaw), weil wir Jischmael nicht lieben. Zumal es Araber gibt, mit denen wir Krieg führen, die sich plötzlich zu Nachkommen Jischmaels erklärt haben. Wir lieben sie alle nicht, und Jischmael lieben wir auch nicht.
Aber Gott hat für ihn gesorgt. Und das ist direkt gesagt. Gott war mit diesem Jüngling, Gott hat ihn gerettet. Darin liegen gleich mehrere Lehren.
Wenn wir jemanden fortschicken, den wir nicht in unserer Nähe sehen wollen, nicht in unserer Nähe sehen können, können wir verstehen, dass Gott für ihn sorgen wird. Wir sind nicht Gott. Zu Awraham sagte der Höchste: „Schick ihn fort! Schick ihn fort, sende ihn weg! Hör auf Sara. Ich werde für ihn sorgen, denn er ist dein Same. Ich werde ihn nicht verlassen. Ich habe deine Gebete für ihn gehört.“
Das kann für uns auch etwas anderes bedeuten. Wenn wir fühlen, dass wir so daliegen am Brunnen, dürstend nach Wasser, sterbend vor Durst, wenn wir fühlen, dass wir vertrieben sind und wir es sind, die durch die Wüste gehen und sich verirrt haben, und es uns scheint, dass alles schon zu Ende ist, ist in Wirklichkeit noch nichts zu Ende. Alles fängt erst an. Und der Name Jischmael kann sich noch verwirklichen und vollständig realisieren. So ist sie, diese einfache und schwierige Geschichte mit Jischmael, mit dem Jungen, den man nicht liebt.
Als eine schwangere Frau namens Hagar vor der Unterdrückung durch ihre Herrin floh und sich in der Wüste wiederfand, wandte sich ein Engel an sie. Stellen wir uns die Situation vor, in der sich Hagar in jenem Moment befand. Sie wurde schwanger, im Großen und Ganzen auf Initiative Saras, und infolgedessen begann die Hausherrin, sie ganz anders zu behandeln, offenbar sie zu schweren Arbeiten zu zwingen, wer weiß, vielleicht auch die Hand zu erheben und die Stimme zu erheben. Wir wissen das alles nicht, aber Hagar wurde der Boden unter den Füßen so heiß, dass sie beschloss, vor ihrer Herrin in die Wüste zu fliehen, wo ihr der unmittelbare Tod drohte. Offenbar war es besser so, als die Unterdrückung durch Sara zu ertragen. Und da, in dieser Situation, wendet sich ein Engel vom Himmel an sie und sagt zu ihr: „Kehre zu deiner Hausherrin zurück. Kehre zu deiner Hausherrin zurück, auch wenn sie nicht gütiger, nicht freundlicher werden wird, und nach der Flucht dich vielleicht im Gegenteil noch schlechter behandeln, dich noch mehr bedrängen wird. Ich verspreche dir keinerlei Gnade vonseiten der Hausherrin, aber du kehre zu ihr zurück, und du wirst einen Sohn gebären, und dein Sohn wird ein großer Mensch sein.“ Na, und noch viele Verheißungen zusammen damit, und es wird geboten, diesen Sohn mit dem Namen Jischmael zu nennen, was Gott hat gehört bedeutet, im Großen und Ganzen ein Name, der einen solchen direkten, bedingungslosen Glauben symbolisiert. Und wiederum muss man Hagar Anerkennung zollen. Was für ein Akt des Glaubens das ist – aufzustehen, sich zu erheben und zu ihrer bedrückenden, verhassten, zuwider gewordenen Herrin zurückzukehren, nach der Verheißung des Engels. Das heißt, Hagar nimmt mit vollem Glauben auf, was ihr durch den Engel gesagt wird.
In Bereschit (17,17) lesen wir davon, wie der Höchste Awraham verkündet, dass ihm ein Sohn geboren wird: „Und Awraham fiel auf sein Angesicht und lachte.“ Viele übersetzen das gern mit freute sich. Nein, dort steht eben lachte. Ein Lachen, das Zweifel ausdrückt. Und Awraham bestätigt das im Weiteren eigentlich mit seiner Rede und sagt: „Wenn nur Jischmael vor Dir am Leben bliebe! Wie denn auch! In meinen Jahren noch gebären?“
So wurden zwei Söhne geboren. Der Name des einen – Jischmael – bedeutet im Großen und Ganzen bedingungslosen Glauben, der Name des zweiten – Jizchak – Erinnerung teils an jenes Lachen, mit dem Awraham lachte, teils, wie Sara sagte: „Da wird ja jeder, der es hört, lachen“, – weil eine solche Geschichte Zweifel und ein spöttisches Lächeln hervorruft.
Wir sehen, wie kontrastreich im Verhältnis zum Namen sich Awraham zu seinen Söhnen verhält. Als Awraham Jischmael vertreibt, von dem wir gesagt haben, dass sein Name bedingungslosen Glauben bedeutet, ist Awraham sehr betrübt, es ist ihm schwer ums Herz, davon spricht die Tora, er zweifelt stark an dem, was er tut. Awraham vertreibt Hagar und Jischmael schweren Herzens, er ist voller Zweifel an seinen Handlungen. Als aber der Höchste aufruft, Jizchak als Opfer darzubringen, da hat Awraham keine Zweifel, und er handelt ganz und gar mit einem Handeln des Glaubens und führt Jizchak, ohne irgendwelche Fragen zu stellen, ohne irgendwelche Zweifel erkennen zu lassen, zum Ort des Altars.
So sind auch in unserem Leben zwei Werkzeuge nötig, ständig nötig – völliger bedingungsloser Glaube und Zweifel. Und jedes hat natürlich seinen Platz. Manchmal kommt es vor, dass völlige Unterordnung, bedingungslose Unterordnung schlimmer wird als Anarchie, zum Totalitarismus führt, zum Brechen seiner selbst, zum Fehlen von Gedanken. Der Mensch muss denken, muss nachdenken, muss zweifeln, um zu leben. Sowohl Zweifel als auch Glaube müssen in einer vernünftigen Mischung in unserem Leben vorhanden sein.
Wenn alles ringsum klar, verständlich, fein säuberlich geordnet und scheinbar alles vor Augen ist, gerade dann muss man die Kraft des Zweifels einschalten und überprüfen: Ist denn alles so, wie es scheint?
Wenn draußen unruhige Zeiten sind, wenn es schwer ist und wenn man sich an nichts festhalten kann, dann ist es höchste Zeit, das Werkzeug des Glaubens einzuschalten, aber wir denken daran, dass wir, ihr und ich, Nachkommen Jizchaks sind. Wir kommen doch von der Seite der Zweifelnden. Und unser Lebensweg ist oft übervoll von Zweifeln. Das ganze Judentum ist voller Zweifel, Fragen, Antworten auf diese Fragen und neuer Fragen, die gestellt werden. Das Judentum ist im Grunde eine Beziehung zu Gott auf der Grundlage von Fragen und Antworten, von Zweifeln und dem Auflösen von Zweifeln. Der Talmud sagt, dass es keine größere Freude gibt als das Auflösen von Zweifeln. Aber manchmal lohnt es sich natürlich, innezuhalten und daran zu zweifeln, ob es sich lohnt zu zweifeln, und nachzudenken: „Vielleicht ist es jetzt genug mit dem Zweifeln.“ Auch das ist durchaus angebracht.
Das also sind die Gedanken, vielleicht ein bisschen verworren, aber wahrscheinlich nützlich, die im Zusammenhang mit dem Wochenabschnitt Wajera aufgekommen sind.
Einst, in den Zeiten meiner Jugend, war es üblich, dass die Oberstufenschüler Erste-Hilfe-Kurse absolvierten, beim sogenannten Magen David Adom (Roter Magen David) – so nennt man in Israel den Rettungsdienst. Es war natürlich interessant, sich den Alltag derer anzusehen, die beim Rettungsdienst arbeiten, ihre tägliche Arbeit, na und natürlich das Allerwichtigste – das Leisten von Erster Hilfe zu lernen und nicht nur das. Ein junger Ausbilder erzählte davon, wie man richtig handelt, wenn sich irgendein Vorfall mit einer großen Zahl von Verletzten ereignet. Der Rettungswagen trifft am Ort eines Anschlags oder eines Unfalls ein (leider geschehen Anschläge in Israel nach wie vor häufig) und sieht, wie es eben auch genannt wird, eine große Zahl von Verletzten. Gott bewahre, das Bild zu sehen, das sich den Sanitätern und Ärzten bietet, wenn sie aus dem Wagen steigen. Und da entsteht die Frage: Wen soll man zuerst packen, um wen soll man sich zuerst kümmern, denn die Zeit läuft in Minuten, in Sekunden, und wenn man dem Aufmerksamkeit schenkt, der weniger Aufmerksamkeit braucht, kann man jemanden übersehen, der in dieser Zeit, Gott bewahre, sterben kann? Wirklich, das ist eine Frage von Leben und Tod. Der Sanitäter sagte: „Wer von den Verletzten am meisten schreit, der braucht deine Hilfe am wenigsten, das ist eine allgemeine Regel.“ Warum ist das so? Weil, wenn ein Mensch schreit, das bedeutet, dass er einen Puls hat, dass er Atem hat, um laut zu schreien, gut zu atmen, und er ist sicher bei Bewusstsein. Das bedeutet, dass er warten kann, bis wir jemand anderem helfen, der vielleicht leise stöhnt oder bewusstlos ist oder sich in irgendeiner anderen kritischen Lage befindet. Das heißt, wenn wir nicht sofort bestimmen können, wem wir helfen sollen, dann können wir in den meisten Fällen sofort bestimmen, wem man ein kleines bisschen später helfen kann.
Diese Regel kann man ins Leben hinaustragen und in Fragen der Wohltätigkeit und in Fragen irgendwelcher Gerichtsstreitigkeiten anwenden. Längst nicht immer hat der recht, der lauter schreit. Obwohl sich leider in der Gesellschaft ein solches Verständnis herausgebildet hat, eine solche Herangehensweise, der natürliche Wunsch des Menschen, sich auf die Seite dessen zu stellen, der mehr schreit.
In unserem Wochenabschnitt lesen wir die Geschichte von Hagar, die Awraham zum zweiten Mal hinausjagt, und wir lesen im 21. Kapitel des Buches Bereschit:
Und es war kein Wasser mehr im Schlauch, und sie warf das Kind unter einen der Sträucher, und ging und setzte sich in der Ferne nieder, auf Bogenschussweite. Denn sie sagte: „Ich will den Tod des Kindes nicht sehen.“ Und sie setzte sich abseits und erhob ihre Stimme und weinte (das heißt, Hagar erhob die Stimme, schrie, heulte, brüllte).
Und was lesen wir im folgenden, 17. Vers?
Und Gott hörte die Stimme des Knaben
Der Knabe wimmerte wahrscheinlich auch, weinte, aber sicher nicht so laut wie Hagar, aber der HERR antwortet, die Not ist ihnen gemeinsam, aber der HERR antwortet in diesem Fall gerade auf die Stimme des Jungen, nicht auf die Stimme Hagars.
Wenn wir irgendeine Barmherzigkeit tun oder ein Almosen geben oder irgendeine Wohltätigkeit üben, muss unser Ohr so musikalisch sein, dass es nicht nur die Lautstärke hört, sondern auch irgendwelche Halbtöne, irgendwelche Intonationen. Den hören können, der nicht lauter als alle schreien kann, der vielleicht nicht schöner als alle reden kann. Den erkennen können, der wirklich Hilfe braucht – das ist eigentlich ein Ausdruck der Gabe der Hilfeleistung.
Wie erkennt man, wem genau man helfen muss, wenn unsere Mittel begrenzt sind, aber Menschen kommen? Die einen schreien, die anderen schweigen, und zu verstehen, wer wirklich Not leidet, ist schwer. Man muss ein anderes Gehör einschalten, ein Gehör aus einer anderen Welt, um unsere Hilfe richtig zu lenken, um die nötige Handlung richtig zu wählen, nicht nur im Bereich der Wohltätigkeit, sondern auch im Bereich des Gerichts, der Gerichtsstreitigkeiten, in vielen, in vielen Bereichen im Leben und in der Ordnung der Dinge, die von uns verlangt werden.
Und in vielen anderen Fällen ist diese Art des Hörens (das Hinhören über die Lautstärke der Stimme hinaus, die Fähigkeit, von der Lautstärke der Stimme abzusehen) eine sehr wichtige Fähigkeit.
Lest weiter: Lech lecha, Chaje Sara, Bünde und Wochenabschnitte der Tora.