1. Wochenabschnitte
  2. Dewarim
  3. Re'e

רְאֵה

Re'e

Wahl, Heiligkeit und Hilfe für die Armen

Illustration: alexblend.com
Wochenabschnitt
47 von 54
Verse
Dewarim 11,26–16,17
Teile
11
Lesezeit
2 Std. 30 Min.

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Re'e, im Text des Gesprächs auch R'e, ist der Wochenabschnitt über die Wahl zwischen Segen und Fluch. Alex Blend betrachtet die Heiligkeit, die Gefahr falscher Lehre, die Zehnten, die Hilfe für die Armen und die Festfreude. Das Stenogramm enthält den hebräischen Text des Buches Dewarim, eine Transliteration, eine ÜbersetzungIm Original nennt die Beschreibung an dieser Stelle eine russische Übersetzung. Da diese Seite die deutsche Fassung zeigt, steht hier neutral „eine Übersetzung“. und die religiöse Auslegung des Autors.

Organoleptik des Geistes

Dewarim 11,26–32

Mit Gottes Hilfe beginnen wir, ihr und ich, den Wochenabschnitt Re'e zu studieren und werden ab Vers 26 von Kapitel 11 des Buches Dewarim lesen.

רְאֵה אָנֹכִי נֹתֵן לִפְנֵיכֶם הַיּוֹם בְּרָכָה וּקְלָלָה׃

re'é anochí notén lifnechém hajom berachá uklalá

26 Sieh, ich gebe (lege) vor euch heute Segen und Fluch.

Der erste Wochenabschnitt unseres Buches hieß genauso wie das ganze Buch – Dewarim (Reden), vom Verb ledabbér (sprechen), das heißt, es ist das Reden. Dann lasen wir die Abschnitte Waetchanan (Schma, Jisraél!) und Ekew (Wenn ihr hören werdet …), in denen sehr viel vom Hören, gesprochen wurde, vom Verb lischmóa (hören, zuhören). Sehr selten spricht die Tora vom Sehen, und siehe, in unserem Vers begegnen wir dem Wort re'e – sieh, vom Verb lir'ót (sehen).

Im Judentum, in der Tradition, ist man der Ansicht, dass das Hören höher steht als das Sehen. Warum ist das so? Ein Bild kann man nicht auswendig lernen. Es scheint, wenn wir schauen, dann sehen wir alles in allen Einzelheiten, als würden wir uns gleichsam dessen bemächtigen, worauf wir schauen, und wir vergessen, dass wir nur teilweise sehen. Das scheint so sehr so, dass die Menschen der Antike irrtümlich glaubten, aus dem Auge trete ein kleiner Strahl aus, berühre die Gegenstände und werde zurückgeworfen. Natürlich ist das ein irriger Glaube, aber uns allen ist das Gefühl vertraut, dass uns jemand ansieht. Es gibt so einen abergläubischen Begriff – der böse Blick. Es scheint, dass jemand einen verhexen kann, dass er etwas, wenn er es gesehen hat, verderben kann. Und obwohl das Aberglaube ist, fühlen sich viele Menschen tatsächlich unwohl, wenn jemand sie ansieht, das ist eine Tatsache der Psychologie. Und es scheint, dass das Sehen irgendwie einen angreifenden Charakter hat. Es gibt den falschen Eindruck, dass du, wenn du etwas gesehen hast, gleichsam sofort alles gesehen hast. In Wirklichkeit siehst du einzelne Bilder, aber sie fügen sich bei dir nicht zu einem einheitlichen Bild zusammen, obwohl es, um zu sehen, genügt, nur für einen Augenblick die Augen zu öffnen, zu blinzeln (daher kommt im Russischen auch das Wort für „Augenblick“).

Wenn ich sage: „Zeigt mir die fünfte Symphonie von Beethoven“, dann kann man mir die Partitur zeigen, aber ich werde nichts daraus verstehen. Um die Symphonie zu verstehen, werde ich mich mit Geduld wappnen und zuhören müssen. Und um etwas zu hören, braucht es Demut, Geduld, man muss Zeit aufwenden: Das Gehörte erschließt sich nicht sofort. Wenn ich etwas höre (und ich höre die ganze Zeit etwas, jeder von uns hört die ganze Zeit etwas), fügen sich die Klänge zu einem einheitlichen Ganzen zusammen. Wir sehen in den Klängen nicht die vielen Bilder, aber gerade durch das Hören kann man die Einheit der Welt viel leichter, viel besser verstehen. Deshalb bedeckt jeder gläubige Jude viermal am Tag die Augen mit den Händen und betet das Gebet Schma Jisraél: „Höre, Israel, der HERR, unser Gott, – Gott ist einer.“ Die Einheit Gottes, die ganze Symphonie des Weltalls als ein einheitliches Ganzes zu verstehen, ist auf der Ebene des Gehörs möglich. Die Wahrnehmung über das Gehör ist eine demütigere Wahrnehmung, und zugleich, so seltsam es auch ist, eine tiefere Wahrnehmung, obwohl man auch sagt: Lieber einmal sehen als hundertmal hören.

Ich weiß, dass man es so sagen kann: Psychologen teilen die Menschen nach der Art ein, wie sie Information aufnehmen. Sagen wir, es gibt die, die leichter über das Gehör aufnehmen (auditive Typen), und die, die leichter über das Sehen aufnehmen (visuelle Typen). Aber wir sprechen jetzt über die Wahrnehmung geistlicher Information, darüber, was nicht einfach mit Information geschieht, sondern mit ihrer Wahrnehmung in der geistlichen Welt, deshalb ist der Ansatz etwas anders. Mit fleischlichen Augen werden wir die ganze Zeit Formen sehen, wir werden die ganze Zeit Trennung sehen, aber wenn wir die Augen schließen, zu hören beginnen, dann werden wir diese Einheit Gottes hören, und diese Einheit Gottes annehmen, und die Augen öffnen, und dann (wie gesagt ist: „Und die Augen werden aufgetan werden“) werden wir etwas auf einer völlig anderen Ebene sehen können.

Sehr oft begegnen wir in der Tora und in den Schriften dem Ausdruck: und er hob die Augen auf und sah, wenn das gewöhnliche Sehen auf die Ebene des prophetischen Sehens übergeht. Und am Ende sehen wir, wie sich ergibt, drei Stufen in der Organoleptik der geistlichen Welt. Auf der ersten Stufe – das leibliche, physische Sehen, das Sehen mit ungereinigten Augen, dann – die Stufe des Gehörs, des Hörens, und weiter – das Schauen, jenes Schauen, das dem prophetischen verwandt ist, mit erhobenen Augen. Gerade an dieses Schauen wendet sich hier Mosche: „Öffne die Augen, hebe die Augen auf und sieh, heute gebe ich euch Segen und Fluch.“

Und hier entsteht wieder eine Schwierigkeit, diesmal eine Schwierigkeit grammatischer Art. Lesen wir noch einmal: „Sieh, heute gebe ich euch Segen und Fluch.“ Man hätte schreiben können: seht, heute gebe ich euch, oder schreiben: sieh, heute gebe ich dir. Warum dennoch sieh (re'e), heute gebe ich euch (lifnechém)? Man kann es so sagen: Gewöhnlich ist sieh eine Anrede an jeden Menschen einzeln, vor euch, euch – das kann eine Anrede an das ganze Volk sein. Aber die Kommentatoren sagen: „Re'e (sieh) ist eine Anrede an ganz Israel, an das Volk als einen einzigen Leib, ein einziges Ganzes, zu dem das Volk vor dem Einzug in das Land wird, lifnechém aber ist schon eine Anrede an Einzelpersonen.“ Das heißt, das Allgemeine ist hier re'e (sieh), und das Besondere ist hier lifnechém (euch). Das sind neue Regeln, die im Land Israel gelten werden: zuerst das Allgemeine, das ganze Volk als Ganzes, und dann das Besondere, die Anrede an jeden aus dem Volk. Erscheint das nicht wunderbar?

Mosche sagt also: „Ich lege heute vor euch (gebe vor euch) Segen und Fluch.“ Segen – das ist das Angeschlossensein (im wörtlichen Sinn) an die Quelle des Lebens, wie das Einstecken eines Elektrogeräts in die Steckdose. Wir haben oft über dieses Wort Fluch (klalá) gesprochen, dass es Leichtheit, Schwerelosigkeit, Verlust jeder Bedeutung, Verlust jedes inneren Wesens ist. Das ist die Wahl, die dem Menschen gegeben wird. Und erst nachdem man alles gehört hat, was schon gehört wurde, kann man es verstehen, nur im Land Israel. Warum kann man das nur im Land Israel verstehen? Weil vorher die Wüste war, vorher besondere Bedingungen waren, da war das Man, das vom Himmel fiel, da waren Kleider, die nicht verschlissen, und alles Gehörte erschloss sich nicht in vollem Maß. Mosche sagt: „Im Land Israel wird das in vollem Maß erschlossen werden.“

Worin besteht der Segen und der Fluch, oder wann wird Segen und Fluch sein? In Vers 27 lesen wir:

אֶת־הַבְּרָכָה אֲשֶׁר תִּשְׁמְעוּ אֶל־מִצְוֹת יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּה אֶתְכֶם הַיּוֹם׃

et-haberachá aschér tischme'ú el-mizwót adonáj elohechém aschér anochí mezawwé etchém hajom

27 Der Segen besteht darin, dass ihr auf die Gebote des HERRN, eures Gottes, hören werdet, die ich euch heute gebiete;

Und was ist mit dem Fluch? In Vers 28 lesen wir:

וְהַקְּלָלָה אִם־לֹא תִשְׁמְעוּ אֶל־מִצְוֹת יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם וְסַרְתֶּם מִן־הַדֶּרֶךְ אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּה אֶתְכֶם הַיּוֹם לָלֶכֶת אַחֲרֵי אֱלֹהִים אֲחֵרִים אֲשֶׁר לֹא־יְדַעְתֶּם׃

wehakkelalá im-ló tischme'ú el-mizwót adonáj elohechém wesartém min-haddérech aschér anochí mezawwé etchém hajom laléchet acharé elohím acherím aschér lo-jeda'tém

28 Der Fluch aber – wenn ihr nicht auf die Gebote des HERRN, eures Gottes, hören werdet und von dem Weg abweicht, auf dem ich euch heute zu gehen gebiete, hinter anderen Göttern her, die ihr nicht gekannt habt.

Wieder hätte man so schreiben können: Der Segen wird bei euch sein, wenn ihr auf die Stimme des HERRN, eures Gottes, hören werdet. Und in Vers 28 lesen wir: „Der Fluch – wenn ihr nicht hört …“ Der Fluch wird sein, wenn, der Segen aber darin, dass … Der Höchste segnet das Volk damit, dem Volk eine Veranlagung zum Halten dieser Gebote zu geben, Unterstützung dafür, diese Gebote zu halten. Der Segen wird darin bestehen, dass ihr auf die Stimme des HERRN, eures Gottes, hören werdet, eurer Natur nach hören werdet, durch jene Gnade (Gnade – Gutes geben), durch das Hineinlegen von Gutem in das Volk, das es dazu geneigt machen wird, die Stimme zu hören, und darin liegt der Segen. Der Fluch aber – wenn ihr nicht hören werdet, wenn ihr irgendeine Anstrengung macht, eure Natur ändert und nicht auf die Stimme eures Gottes hört. Eurer Natur nach, so wie Ich euch jetzt mache, durch das, was die Tora mit euch macht, seid ihr dazu geneigt, die Gebote zu halten, die Stimme zu hören. Darum kann man es so sagen, dass die Gerechtigkeit nicht daraus geboren wird, dass die Menschen die Gebote halten, der Segen kommt nicht dafür, dass die Menschen die Gebote halten. Nein. Die Gerechtigkeit ist der Segen. Die Gerechtigkeit, die Fähigkeit, dem Höchsten zu glauben, den Glauben an den Höchsten und den Wunsch, auf Seine Stimme zu hören, legt der Höchste hier in das Volk hinein. Und als Ergebnis dieser Gerechtigkeit, als Ergebnis dieser dem Volk gegebenen Gnade – wird das Volk auf die Stimme des HERRN, Gottes, hören und auf die Gebote hören, die Mosche gebietet. Zuerst die Gerechtigkeit, die Gnade, als Folge das Halten der Gebote.

Einer der Lehrer, die im 1. Jahrhundert lebten, Rabbi Chananja ben Akaschja, sagte: „Der HERR wollte Israel gerechter machen und gab ihm darum mehr Tora und mehr Gebote, wie es bei Jeschajahu in Kapitel 42, in Vers 21 geschrieben steht: Der HERR wollte um Seiner Gerechtigkeit willen die Tora groß machen und verherrlichen“. Das heißt, der HERR gab mehr Gebote, um den Menschen mit größerer Gnade, größerer Gerechtigkeit zu ihrem Halten auszustatten, und aus dieser größeren Gerechtigkeit – die Fähigkeit, mehr Gebote zu halten, aufmerksamer auf die Stimme Gottes zu hören. Aber um diese Gerechtigkeit zu bewahren, muss man verstehen, dass es nicht deine Gerechtigkeit ist, man muss sich ständig mit geöffnetem geistlichem Sehen befinden, denn man kann Ursache und Folge vertauschen und eine Gerechtigkeit suchen, die eine Folge des Haltens der Gebote sein wird, und das ist ein sehr gefährlicher Schritt.

Es entsteht eine ernste Frage. Ist die Wahl wirklich so: auf die Gebote des HERRN hören oder hinter anderen Göttern hergehen? Wenn ein Mensch plötzlich, weil er einen Fehler gemacht oder dem Appetit oder einer Leidenschaft nachgegeben hat, sich Pasta mit Garnelen gekauft hat, ist er dann sofort ein Götzendiener geworden? Natürlich ist es eine Sünde, dass ein Mensch isst, was der Höchste zu essen verboten hat, aber von da ist es ein langer Weg bis zum Götzendienst. Und hier lehrt uns die Tora, dass du, wenn du diesen Weg betrittst, ihn auch bis zum Ende gehen wirst. Der böse Trieb kommt nicht zum Menschen und sagt ihm nicht sofort: „He! Lass uns hingehen und uns vor der Statue Dagons niederwerfen!“ Er kommt zum Menschen mit irgendwelchen kleinen Versuchungen. Bei jedem sind diese Versuchungen auf seiner Ebene, jeder Mensch steht auf seiner Ebene, er hat eine Stufe nach oben und eine Stufe nach unten. Für den einen ist die Stufe nach oben, statt um sieben Uhr morgens um fünf Uhr morgens zum Gebet aufzustehen. Für den anderen ist die Stufe nach oben, auf Drogen zu verzichten oder auf ein räuberisches Leben zu verzichten. Jeder auf seiner Ebene, aber es gibt einen Weg nach oben, es gibt einen Weg nach unten. Und hier lehrt uns die Tora: Wenn du nicht auf die Stimme des Höchsten hörst, dann wirst du als Folge unweigerlich dahin kommen, dass du andere Götter anbeten wirst.

Also: Dir sind Segen und Fluch vorgelegt. Der Segen ist schon in dich hineingelegt, er ist dir schon gegeben, er besteht darin, dass du auf die Stimme hören wirst. Aber dieser Segen, diese Gnade nimmt dir nicht die Freiheit der Wahl, deshalb weichst du vielleicht vom Halten der Gebote ab, hörst auf, auf die Stimme des HERRN zu hören, und dann wird der Fluch über dich kommen.

Es gibt so eine chassidische Geschichte von einem Menschen, zu dem der Unreine kam. Nun, natürlich kam er nicht in Gestalt eines gehörnten Teufels zu ihm, sondern er kam zu ihm in Gestalt irgendeines Menschen, der zu ihm sagte: „Vermiete mir dein Haus.“ Und der Mensch, der Hausherr, sagte zu ihm: „Unreiner, ich gebe dir mein Haus nicht.“ – „Ich bezahle dir viel“, sagte er. Aber jener sagte: „Nein, das ist mein Haus.“ – „Gib mir nur ein Zimmer.“ – „Auch ein Zimmer gebe ich dir nicht.“ Da sagte er: „Nun, lass mich nur einen kleinen Nagel in jene Wand schlagen, die Wand deines Hauses, und vermiete mir diesen kleinen Nagel, und ich bezahle dir dafür wie für deine ganze Hütte.“ Darauf ging der Mensch ein. Und da kam der Mieter und schlug einen kleinen Nagel ein, dann kam er und hängte an diesen kleinen Nagel irgendeinen stinkenden Sack, und von diesem Sack ging ein solcher Gestank aus, dass er das ganze Haus vertrieb. Das Märchen ist ziemlich primitiv, aber es beschreibt Vorgänge, die mit einem Menschen geschehen können, der sich verliert, aufhört, die Stimme zu hören, es zeigt, dass man so bis zur Anbetung anderer Götter gelangen kann.

וְהָיָה כִּי יְבִיאֲךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ אֶל־הָאָרֶץ אֲשֶׁר־אַתָּה בָא־שָׁמָּה לְרִשְׁתָּהּ וְנָתַתָּה אֶת־הַבְּרָכָה עַל־הַר גְּרִזִים וְאֶת־הַקְּלָלָה עַל־הַר עֵיבָל׃

wehajá ki jewi'ácha adonáj elohécha el-ha'arez ascher-attá wa-schámma lerischtá wenatattá et-haberachá al-hár gerisím we'et-hakkelalá al-hár ewál

29 Und es wird sein, wenn der HERR, dein Gott, dich in das Land bringt, in das du kommst, um es zu erben, sollst du den Segen auf dem Berg Gerisim geben (oder den Segen auf den Berg Gerisim geben), den Fluch aber – auf den Berg Ewal –

Im Hebräischen gibt es zwei Wörter, die, wenn sie vorkommen, auf die emotionale Färbung der Ereignisse hinweisen. Jedes Mal, wenn wajehí, geschrieben steht, bedeutet das etwas Trauriges. Jedes Mal, wenn wehajá geschrieben steht, bedeutet das irgendein freudiges Ereignis.

Wo befinden sich diese Berge?

הֲלֹא־הֵמָּה בְּעֵבֶר הַיַּרְדֵּן אַחֲרֵי דֶּרֶךְ מְבוֹא הַשֶּׁמֶשׁ בְּאֶרֶץ הַכְּנַעֲנִי הַיֹּשֵׁב בָּעֲרָבָה מוּל הַגִּלְגָּל אֵצֶל אֵלוֹנֵי מֹרֶה׃

halo-hémma be'éwer hajardén acharé dérech mewó haschémesch be'érez hakkena'aní hajoschéw ba'arawá mul haggilgál ézel eloné moré

30 Sie sind jenseits des Jordan, am Weg der Sonne, im Land der Kanaaniter, die in der Arawa wohnen, gegenüber von Gilgal, bei Elon-More.

Von Elon-More wissen wir (aus dem Buch Bereschit), dass es ein Ort bei der Stadt Sch'chem ist. Natürlich bleibt die Frage: Warum nicht „bei der Stadt Sch'chem“ schreiben? Wir haben davon gesprochen, dass es zwei Verheißungen in Bezug auf die Grenzen des Heiligen Landes gibt. Es gibt das, was der Höchste zu Awraham sagte: „Das ganze Land Kanaan werde Ich dir geben“, und es gibt: „… vom Meer bis zum Fluss Prat“, zwei Arten von Grenzen des Landes. Wenn das Volk auf seinem vollen Gebiet lebt – dann ist es ein Volk, das eine Mission gegenüber den Heiden hat. Wenn das Volk nur im Land Kanaan lebt – dann ist es ein Volk, das seine Mission gegenüber den Heiden jetzt noch nicht offenbart.

Wenn wir uns das Gebiet von Kanaan ansehen, dann ist Sch'chem genau seine Mitte. Und tatsächlich gibt es bei der Stadt Sch'chem den Berg Ewal und den Berg Gerisim, und die Erwähnung von Elon-More weist auf Sch'chem hin. Aber auch bei Jericho gibt es Orte, die Ewal und Gerisim heißen, und Jericho liegt neben dem Ort, der Gilgal genannt wird. Und wenn wir von Israel vom Meer bis zum Fluss Prat sprechen, dann wird nicht mehr Sch'chem, sondern Jericho der geometrische Mittelpunkt dieses Landes sein; allerdings gibt es dort keine Berge. Es ergibt sich, dass Mosche hier gleichsam absichtlich keinen direkten Hinweis gibt. Man kann es als Hinweis auf Sch'chem verstehen, die Mitte des Landes Kanaan, und man kann es als Hinweis auf Jericho und Gilgal verstehen, die Mitte des großen Landes Israel.

Die Tannaim (die Weisen des 1.–2. Jahrhunderts) streiten im Talmud darüber, wo sich diese beiden Berge befanden. Und die meisten Meinungen sagen, dass sie sich bei Jericho befinden, nur ein Weiser, derjenige, der gewöhnlich gerade mit den Samariern stritt, sagt: „Darin stimme ich den Samariern zu, das sind die Berge, die bei der Stadt Sch'chem sind, Gerisim und Ewal.“ Und vom historischen Standpunkt aus hat er natürlich recht. Genau dort befinden sich die Berge Gerisim und Ewal, und das ist aus dem Hinweis zu sehen, den es auf Elon-More gibt. Vermutlich wurde der Altar, den Jehoschua ben Nun dort gebaut hat, von israelischen Archäologen gefunden. Leider ist die Lage um ihn herum beklagenswert wegen dessen, was mit der sogenannten „palästinensischen Autonomie“ geschieht. Die Samaritaner, das Volk, das in Sch'chem lebt, in Samaria, in Schomron (nach dem Namen dieser Gegend heißen sie auch Samaritaner), haben ihren eigenen Text der Tora, sie haben ihn ein klein wenig korrigiert. Und darin steht in Vers 30 nach den Worten ézel eloné moré (bei Elon-More) geschrieben: jesch sch'chém – das ist Sch'chem.

Also: Die Gegend von Sch'chem ist der geometrische Mittelpunkt des Landes Kanaan; es gibt den Berg Ewal, es gibt den Berg Gerisim. Wie wird das aussehen? Das Volk, wir erinnern uns, wird sich auf zwei Berge stellen, und unten, im Tal zwischen den zwei Bergen, werden die Leviten stehen. Wie die Kommentatoren sagen, werden sie sich, wenn sie den Fluch sprechen, zum Berg Ewal wenden, wenn sie den Segen sprechen, werden sie sich zum Berg Gerisim wenden. Und die Stämme, die auf den Bergen stehen, werden antworten: „Amen!“

Warum der Segen zum Berg Gerisim (oder auf den Berg Gerisim), der Fluch aber – auf den Berg Ewal, und nicht umgekehrt? Einen sehr interessanten Kommentar gibt Raw Hirsch. Er sagt: „Zwei Berge stehen nebeneinander, zwei Berge, die gleichermaßen Regen bekommen, und Licht, und alles Übrige, zwei Berge, die sich buchstäblich nebeneinander befinden. Der Berg Gerisim ist grün, dort wachsen Oliven. Daneben der Berg Ewal, er ist öde, und Pflanzenwuchs gibt es dort viel weniger. Wie zwei Menschen, die in der physischen Welt gleich viel bekommen, aber der eine ist gesegnet und der andere verflucht.“ Ein solches Bild eröffnet Raw Hirsch in diesen Bergen.

Wenn wir dieses Ereignis betrachten, kann man sagen, dass es eine Gabe der Tora umgekehrt ist. Als der Höchste dem Volk Israel die Tora gab, erklang die Stimme des Höchsten vom Berg, von oben, das Volk stand unten. Hier erklingt die Stimme des Menschen von unten, das Volk steht oben. Und man kann sagen: Wenn dort die Gabe der Tora vom Himmel war, dann ist hier die Gabe der Tora von der Erde, aus dem Land Israel, eine Gabe der Tora, aber schon mit menschlicher Stimme.

כִּי אַתֶּם עֹבְרִים אֶת־הַיַּרְדֵּן לָבֹא לָרֶשֶׁת אֶת־הָאָרֶץ אֲשֶׁר־יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם נֹתֵן לָכֶם וִירִשְׁתֶּם אֹתָהּ וִישַׁבְתֶּם־בָּהּ׃

ki attém owerím et-hajardén lawó laréschet et-haárez

ascher-adonáj elohechém notén lachém wirischtém otá wischawtem-bá

31 Denn ihr zieht über den Jordan, um hinzugehen, das Land zu erben, das der HERR, euer Gott, euch gibt, und ihr werdet es erben und werdet darin wohnen.

וּשְׁמַרְתֶּם לַעֲשׂוֹת אֵת כָּל־הַחֻקִּים וְאֶת־הַמִּשְׁפָּטִים אֲשֶׁר אָנֹכִי נֹתֵן לִפְנֵיכֶם הַיּוֹם׃

uschmartém la'asót et kol-hachukkím we'et-hammischpatím aschér anochí notén lifnechém hajom

32 So bewahrt denn, alle Gesetze und Satzungen zu halten, die ich heute vor euch gebe.

Wir haben schon über die Gesetze (chukkím) und über die Satzungen, Rechte (mischpatím) im Buch Wajikra gesprochen. Und hier kann man schon auf neue Weise auf das Wort bewahrt im Sinne von behütet, bemüht euch schauen. Das ist in euch schon hineingelegt, bewahrt es nur, ihr habt es schon. Man kann nicht bewahren, was man nicht hat. Bewahrt es, weil es euch gegeben ist, weil es in euch hineingelegt ist. Bewahrt diesen Zustand, und dann werdet ihr die Gebote und Gesetze halten können.

Wir haben gesehen, dass es drei Ebenen der geistlichen Organoleptik gibt: das einfache fleischliche Sehen, das Hören und das Sehen mit erhobenen Augen – das prophetische Sehen, das sagt, dass der Höchste jedem Menschen Segen und Fluch anbietet (an anderer Stelle werden wir noch Leben und Tod lesen). Wir haben gesehen, dass der Segen des Höchsten darin besteht, dass er schon in den Menschen hineingelegt ist, dieser aber den Fluch wählen kann. Wir haben gesehen, wie dieses neue Sehen im Land Israel durch eine eigentümliche Gabe der Tora von der Erde aus bezeugt werden wird.

Geografie der Heiligkeit

Dewarim 12,1–19

Mit Gottes Hilfe setzen wir, ihr und ich, das Studium des Wochenabschnitts Re'e fort und werden ab Vers 1 von Kapitel 12 des Buches Dewarim lesen.

אֵלֶּה הַחֻקִּים וְהַמִּשְׁפָּטִים אֲשֶׁר תִּשְׁמְרוּן לַעֲשׂוֹת בָּאָרֶץ אֲשֶׁר נָתַן יְהוָה אֱלֹהֵי אֲבֹתֶיךָ לְךָ לְרִשְׁתָּהּ כָּל־הַיָּמִים אֲשֶׁר־אַתֶּם חַיִּים עַל־הָאֲדָמָה׃

élle hachukkím wehammischpatím aschér tischmerún la'asót ba'árez aschér natán adonáj elohé awotécha lechá lerischtá kol-hajamím ascher-attém chajím al-ha'adamá

1 Das sind die Gesetze und Rechte, die ihr euch bemühen werdet zu halten in dem Land, das der HERR, der Gott deiner Väter, dir gegeben hat, damit du es in Besitz nimmst alle Tage, die ihr auf der Erde lebt.

Hier könnte man eine vollständige Liste der Gebote der Tora erwarten, denn im neuen Land, im Land, das der HERR uns gegeben hat, müssen wir alle Gebote halten, alles, was uns betrifft. Aber Mosche gibt ganz konkrete Anweisungen, wie man sich in geistlicher Hinsicht am neuen Ort einlebt, wie man dieses Land zu seinem eigenen macht.

אַבֵּד תְּאַבְּדוּן אֶת־כָּל־הַמְּקֹמוֹת אֲשֶׁר עָבְדוּ־שָׁם הַגּוֹיִם אֲשֶׁר אַתֶּם יֹרְשִׁים אֹתָם אֶת־אֱלֹהֵיהֶם עַל־הֶהָרִים הָרָמִים וְעַל־הַגְּבָעוֹת וְתַחַת כָּל־עֵץ רַעֲנָן׃

abbéd te'abbedún et-kol-hammekomót aschér awedu-schám haggojím aschér attém joreschím otám et-elohehém al-heharím haramím we'al-haggewaót wetáchat kol-éz ra'anán

2 Mit Verlust lasst verloren gehen (macht, dass sie verloren gehen, dass sie verschwinden) alle Orte, an denen die Heiden, deren Land ihr erbt, ihren Göttern dienten, auf den hohen Bergen und auf den Hügeln und unter jedem grünenden Baum.

Ein sehr interessantes Gebot. Wie kann man Orte vernichten? Es ist klar, dass man Bauten, Statuen, Tempel, Gruben vernichten kann – alles Mögliche. Aber wie kann man Orte vernichten? Es gibt manche Orte, wo heidnische Tempel gebaut werden, sich Götzen befinden oder wo einfach ein heidnischer Dienst stattfindet, der sehr schön aussehen und den Geist bezaubern kann. Tatsächlich gibt es in der Natur sehr viele schöne, atemberaubende Orte, Gott sei Dank, der große Schöpfer hat die Natur so geschaffen. Und sehr oft sahen die Heiden hinter dieser Schönheit den Höchsten. Und natürlich ist das richtig. Tatsächlich offenbart sich in all dieser Schönheit der Höchste, wie Er sich in einer Blume offenbart, wie Er sich in hohen Bergen und Wasserfällen offenbart. Aber genauso offenbart Er sich auch im Grashüpfer und in der Ameise und im Aufbau des Darms eines Affen. So ergibt es sich, dass man die Schönheit der Natur, diese atemberaubenden Ausblicke, irrtümlich als Heiligkeit wahrnehmen und gerade dort anfangen kann anzubeten. So ist es sehr oft geschehen. Sehr oft wurde irgendein alter schöner Baum oder ein hoher Felsen, der durch sein Aussehen an etwas erinnert, oder irgendein Ort, von dem sich ein atemberaubender, schöner Ausblick öffnet, zu einem Ort der Anbetung. Auf diese Weise bestimmte der Mensch irgendeinen Ort für sich als heilig, weihte ihn seinen Göttern. Und hier sagt der HERR: „Wähle dir den Ort nicht auf der Grundlage irgendwelcher ästhetischer Prinzipien.“

Wir befinden uns, ich erinnere daran, im Wochenabschnitt Re'e (sieh). Hinter der Schönheit, hinter dem komplizierten Aufbau von etwas, das uns vielleicht nicht würdig und schön erscheint, Gott zu schauen und zu sehen – das ist richtig, das ist die Offenbarung des Höchsten in der Schönheit. Aber wir können diesen Ort nicht heilig machen. Man kann schöne Götzen sehen, schöne Gebäude, schöne Kunstwerke, die heidnischen Göttern geweiht sind, auch das hängt mit dem Sehen zusammen. Und das kann bei uns die Illusion erzeugen, dass genau diese Schönheit, dass sie das Heilige ist. Tatsächlich bemühten sich die Heiden oft, für ihre Götter echte Kunstwerke zu schaffen. Ein Mensch, der an sie glaubte, bemühte sich, den Göttern keinen Pfusch anzubieten. Und mögen wir auch nicht an sie glauben, so können wir doch auf diese Schönheit hereinfallen, unser Sehen kann uns täuschen. Deshalb warnt uns gerade der Wochenabschnitt Re'e davor, angefangen bei der Natur, die wir zum Gegenstand der Anbetung machen können, indem wir sagen: „Nun, das ist ein schöner Ort, er kann gar nicht anders als heilig sein!“ So kann man sich täuschen. Man kann sagen: „Sie haben hier den falschen Gott angebetet, aber der Ort selbst, der ist heilig, das ist (wie man heute zu sagen pflegt) ein Ort der Kraft, ein Ort der Heiligkeit.“ Und das ist eine optische Täuschung des Sehens, angefangen bei der Natur, wie wir gesagt haben, bis hin zu den Kunstwerken alter Meister, all dessen, was den Götzen geweiht ist, ob es uns nun ästhetisch erscheint oder nicht. Deshalb muss man im Anschluss an die Anweisung, diese Orte auszulöschen, das heißt, ihnen jene scheinbare Heiligkeit zu nehmen, die uns vorschweben kann, weil die Heiden dort ihre Götter angebetet haben, außerdem auch eine praktische Handlung vollziehen, die wiederum wiederholt wird.

וְנִתַּצְתֶּם אֶת־מִזְבְּחֹתָם וְשִׁבַּרְתֶּם אֶת־מַצֵּבֹתָם וַאֲשֵׁרֵיהֶם תִּשְׂרְפוּן בָּאֵשׁ וּפְסִילֵי אֱלֹהֵיהֶם תְּגַדֵּעוּן וְאִבַּדְתֶּם אֶת־שְׁמָם מִן־הַמָּקוֹם הַהוּא׃

wenittaztém et-misbechotám weschibbartém et-mazzewotám wa'ascherehém tisrefún ba'ésch ufsilé elohehém tegaddeún we'ibbadtém et-schemám min-hammakóm hahú

3 Zerstört ihre Altäre, und ihre Stelen zerbrecht, und alle ihre heiligen Bäume verbrennt mit Feuer, und die Statuen ihrer Götter schneidet an der Wurzel ab, und ihr werdet ihren Namen von diesen Orten auslöschen.

Das heißt, sogar den Namen des Gottes, der an diesem Ort angebetet wurde, muss man auslöschen. Sehr oft benannte man eine Stadt oder einen Ort der Anbetung nach dem Namen eines Gottes. Zum Beispiel gibt es in Russland bis heute die Stadt Kostroma (nach dem Namen einer mythologischen Gestalt, der Verkörperung des Frühlings und der Fruchtbarkeit). All die Vorstellungen von Heiligkeit, die es in diesem Land gab, erben wir nicht, wir erben das Land. Und manches kann uns schön erscheinen – zweifellos gibt es im Land Israel wunderschöne Orte mit herrlicher Aussicht, gibt es Orte mit wunderbarer Natur, wo man seit alters irgendwelche Götter angebetet hat. Aber wir dürfen uns nicht selbst täuschen, müssen verstehen, dass das alles eine Illusion ist, dass uns das alles nur so scheint.

In Vers 4 lesen wir eine ziemlich seltsame Anordnung:

לֹא־תַעֲשׂוּן כֵּן לַיהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃

lo-ta'asún ken ladonáj elohechém

4 Tut nicht so für den HERRN, euren Gott.

Was bedeutet das? Wem kann es scheinen, dass wir irgendwelche Altäre, die unserem Gott geweiht sind, zerstören können? Es gibt ein solches Verständnis, das Gesetz sagt, dass jeder, der einen Stein aus einem Altar herausnimmt, der Gott geweiht ist, dieses Gebot übertritt. Aber es gibt auch ein anderes Verständnis dieses Gebots. Wir dürfen nicht sagen: „Was für ein herrlicher Ort, wie offenbart sich hier die Heiligkeit des Schöpfers! Lasst uns hier einen Altar für den HERRN, unseren Gott, aufstellen. Seht ihr, was für einen schönen Ort Er geschaffen hat! Lasst uns selbst den Ort für die Anbetung Gottes wählen, nach irgendwelchen ästhetischen Kriterien von uns – mögen sie verschieden sein, und mögen dem einen verschneite Gipfel ästhetisch erscheinen und dem anderen die Felsen am Toten Meer.“ Aber hier sagt Mosche: „Wendet solche Kriterien nicht für die Wahl des Ortes der Anbetung des HERRN, eures Gottes, an.“

כִּי אִם־אֶל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם מִכָּל־שִׁבְטֵיכֶם לָשׂוּם אֶת־שְׁמוֹ שָׁם לְשִׁכְנוֹ תִדְרְשׁוּ וּבָאתָ שָׁמָּה׃

ki im-el-hammakóm ascher-jiwchár adonáj elohechém mikkol-schiwtechém lasúm et-schemó scham leschichnó tidreschú uwáta schámma

5 Sondern an den Ort, den der HERR, euer Gott, aus allen Stämmen wählen wird, um dort Seinen Namen wohnen zu lassen, nur an diesen Ort wendet euch und dorthin kommt.

Wir können nicht sagen, wie es bis heute bei vielen Völkern üblich ist: „Hier bauen wir einen Tempel für den HERRN, unseren Gott, wir wählen einen schöneren Ort oder wir wählen irgendeinen Ort, zu dem es einen leichten Zugang gibt, an der zentralen Kreuzung bauen wir einen Ort der Anbetung, auf dem Hauptplatz der Stadt bauen wir einen Ort der Anbetung.“ Nein. Der Höchste sagt: „Dort, wo Ich erwählen werde“, und Mosche sagt: „Dort, wo Gott erwählen wird, dort wird der Ort des Tempels sein.“ Der Höchste macht den Ort vom Himmel her heilig. Ja, in der Natur, auf der Erde wird es einen heiligen Ort geben, aber seine Heiligung wird vom Himmel her sein und nicht von der Erde. Das ist kein Wettbewerb um den schönsten Ort, um den höchsten Ort. Und das Kriterium, nach dem er geheiligt werden wird, wird ein himmlisches Kriterium sein, diesen Ort wird der Höchste wählen.

וַהֲבֵאתֶם שָׁמָּה עֹלֹתֵיכֶם וְזִבְחֵיכֶם וְאֵת מַעְשְׂרֹתֵיכֶם וְאֵת תְּרוּמַת יֶדְכֶם וְנִדְרֵיכֶם וְנִדְבֹתֵיכֶם וּבְכֹרֹת בְּקַרְכֶם וְצֹאנְכֶם׃

wahawetém schámma olotechém wesiwchechém we'ét ma'serotechém we'ét terumát jedchém wenidrechém wenidwotechém uwchorót bekarchém wezonechém

6 Und dorthin werdet ihr eure Ganzopfer bringen und eure Opfer und eure Zehnten und das Hebopfer eurer Hände und eure Gelübde und eure freiwilligen Opfer und die Erstgeborenen eures Großviehs und eures Kleinviehs.

וַאֲכַלְתֶּם־שָׁם לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם וּשְׂמַחְתֶּם בְּכֹל מִשְׁלַח יֶדְכֶם אַתֶּם וּבָתֵּיכֶם אֲשֶׁר בֵּרַכְךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ׃

wa'achaltem-schám lifné adonáj elohechém usmachtém bechól mischlách jedchém attém uwattechém aschér berachechá adonáj elohecha

7 Und dort werdet ihr vor dem HERRN, eurem Gott, essen und werdet euch an allem Werk eurer Hände freuen, ihr und eure Häuser, wie dich der HERR, dein Gott, gesegnet hat.

In Vers 8 lesen wir etwas noch Erstaunlicheres:

לֹא תַעֲשׂוּן כְּכֹל אֲשֶׁר אֲנַחְנוּ עֹשִׂים פֹּה הַיּוֹם אִישׁ כָּל־הַיָּשָׁר בְּעֵינָיו׃

lo ta'asún kechól aschér anáchnu ossím po hajom isch kol-hajaschár be'enáw

8 Tut nicht nach allem, was wir heute tun, jeder Mensch, wie es recht ist in seinen Augen.

Das heißt, wenn ihr in das Land Israel kommt, tut nicht so, wie wir heute tun. Man kann es so verstehen, dass Mosche hier sagt, dass zu seiner Zeit, in jener Zeit, von der er spricht, jeder so handelte, wie es recht war in seinen Augen. Aber das widerspricht dem Buch Wajikra, in dem geschrieben steht, dass man Opfer nur zum Zelt der Begegnung bringen muss und dass man außerhalb davon keine Opfer darbringen darf. Wie kann Mosche hier so etwas sagen? Und es sieht so aus, als sage Mosche, dass es hier jetzt richtig ist, das zu tun, dort aber, im Land Israel, wird es nicht richtig sein. Wie kann man das verstehen?

Viele Kommentatoren haben verschiedene Möglichkeiten des Verständnisses vorgeschlagen. Ich neige zu der Ansicht, neige dazu, denen zuzustimmen, die sagen, dass die Stämme, als sie ihre Erbteile jenseits des Jordan erhielten, dort, um sich festzusetzen, Altäre für Gott bauten. Diese Altäre festigten ihren Besitz dieses Landes. Solange das Volk das Land nicht vollständig besaß, durfte man Altäre außerhalb des Heiligtums aufstellen. Eine Bestätigung dafür kann auch die Zeit der Richter sein: Im ganzen Buch Schoftim lesen wir, dass trotz des Verbots allenthalben Opfer auf den Höhen dargebracht werden. Sehr, sehr lange, bis zur Herrschaft von Chiskijahu und Joschijahu, lesen wir, dass niemand diese Höhen ausrotten konnte. Mehr noch, wir lesen, dass der Prophet Elijahu, als er mit den Propheten des Ba'al streitet, einen Altar auf dem Berg Karmel errichtet, praktisch auf einer Höhe. Und der Höchste antwortet auf sein Gebet. Nachdem der Engel zu Manoach und seiner Frau kommt, um die Geburt Schimschons anzukündigen, bringt auch Manoach ein Opfer auf einem Altar außerhalb des Heiligtums dar.

Wie kann man das verstehen? Lesen wir noch einmal Vers 5, in dem geschrieben steht, dass der HERR einen Ort aus allen euren Stämmen erwählen wird, um dort Seinen Namen wohnen zu lassen. Höchstwahrscheinlich gab es eine solche Auslegung, dass man, solange nicht alle Stämme zu einem einheitlichen Staat vereint sind, Opfer auf den Höhen darbringen darf. Wenn wir einen Vertreter des Stammes Naftali oder Gad gefragt hätten: „Habt ihr etwa das Buch Dewarim nicht gelesen, wie könnt ihr das tun? Seht, Dewarim 12,8 sagt, nicht so zu handeln“, dann hätten sie uns höchstwahrscheinlich geantwortet, dass das aus allen Stämmen Israels ist. Ist eine solche Auslegung des Buches Dewarim tatsächlich richtig, und durfte man so handeln? Höchstwahrscheinlich ist eine solche Auslegung des Buches Dewarim falsch. Aber wenn ein Mensch etwas Falsches tut, sagt er nicht immer: „Jetzt werde ich schlecht handeln, jetzt werde ich Schlechtes tun, ich werde übertreten.“ Letztlich ist sein Ziel, dem Höchsten ein Opfer darzubringen. Es ist für ihn einfach schwer, nach Jerusalem zu gehen, manchmal ist es unbequem, nach Jerusalem zu gehen, und dann findet sich, entsteht eben so eine Erklärung. Wir wissen, wir lesen das ständig sowohl im Buch Schoftim als auch in den Büchern Melachim, dass über diesen oder jenen König gesagt ist, dass er tat, was gerecht war in Gottes Augen, aber die Höhen nicht vernichten konnte. Das ist eine sehr schwierige, für das Volk schmerzhafte Frage. Vor dem Propheten Elijahu stand eine Wahl: den Kult des Ba'al zu vernichten und damit vielleicht ein Argument zur Verteidigung derer zu liefern, die auf den Höhen Opfer darbringen, oder aufzuhören, gegen den Kult des Ba'al zu kämpfen. Elijahu wählte, einen Altar auf einer Höhe zu bauen und dort ein Opfer darzubringen, um die Propheten des Ba'al zu vernichten, um den Kult des Ba'al zu vernichten. Das ist eine schwierige Frage der Wahl.

Nicht immer führt Zurechtweisung zur Besserung. Wir wissen, dass König Chiskijahu diese Altäre endlich vernichtete. Archäologen finden an verschiedenen Orten Altäre, die von oben so mit Steinen zugeschüttet sind, dass man auf ihnen keine Opfer mehr darbringen konnte. Höchstwahrscheinlich ist das das Werk Chiskijahus. Und das zeigt, dass die Altäre selbst als heilig galten, man konnte sie nicht einfach nehmen und zerstören. Er schüttete sie zu, bedeckte sie von oben, zerstörte sie aber nicht, weil sie in den Augen des Volkes als etwas Heiliges wahrgenommen wurden. Später lesen wir (2 Diwre haJamim 32,10–12), wie Sancheriw, der König von Aschur, die Bewohner Jerusalems überredet, sich zu ergeben: „So spricht Sancheriw: ‚Worauf vertraut ihr, dass ihr in der Festung in Jeruschalajim sitzt? Chiskijahu verführt euch doch, um euch dem Tod durch Hunger und Durst preiszugeben, indem er sagt: Der HERR, unser Gott, wird uns aus der Hand des Königs von Aschur retten. Hat doch er, Chiskijahu, Seine Höhen und Seine Altäre beseitigt und zu Judäa und Jeruschalajim gesagt: Vor einem einzigen Altar sollt ihr euch niederwerfen und auf ihm räuchern.‘“ Bei Sancheriw funktionierte die Aufklärung höchstwahrscheinlich gut, und er verstand, dass es im Volk Empörung über das gab, was Chiskijahu getan hatte. Das Volk fürchtete sich davor, dass Chiskijahu die Höhen und Altäre für den HERRN vernichtet, beseitigt hatte. Für das Volk war es sehr schwer, dieses Gebot zu erfüllen. Und Sancheriw benutzt das als Argument, dass der HERR das Volk nach einer solchen Handlung des Königs nicht schützen wird. Aber Sancheriw hatte trotz seiner gut eingespielten Aufklärung Kapitel 12 des Buches Dewarim nicht gelesen.

Wir sehen hier ein Beispiel für ein Gebot, das vom Volk Israel über viele Jahrhunderte nicht eingehalten wurde. Und Mosche erklärt weiter, warum es vorläufig, möglicherweise diese fünf Monate vom Moment der Eroberung der Gebiete jenseits des Jordan bis zum Einzug in das Land, warum es vorläufig erlaubt ist.

כִּי לֹא־בָּאתֶם עַד־עָתָּה אֶל־הַמְּנוּחָה וְאֶל־הַנַּחֲלָה אֲשֶׁר־יְהוָה אֱלֹהֶיךָ נֹתֵן לָךְ׃

ki lo-watém ad-átta el-hammenuchá we'el-hannachalá ascher-adonáj elohécha notén lach

9 Denn bis jetzt seid ihr nicht zur Ruhe und zum Erbe gelangt, das der HERR, dein Gott, dir gibt.

Das heißt, Mosche sagt: „Jetzt, solange ihr noch nicht in das Land gekommen seid, darf man es vorläufig so, aber später wird man es nicht dürfen.“ Und wir sehen, dass später, im Verlauf vieler Jahrhunderte, sechs bis acht Jahrhunderte, diese Anordnung vom Volk Israel nicht eingehalten wurde. Wir sehen, dass es schwierig war, gegen diese Nichteinhaltung anzukämpfen.

וַעֲבַרְתֶּם אֶת־הַיַּרְדֵּן וִישַׁבְתֶּם בָּאָרֶץ אֲשֶׁר־יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם מַנְחִיל אֶתְכֶם וְהֵנִיחַ לָכֶם מִכָּל־אֹיְבֵיכֶם מִסָּבִיב וִישַׁבְתֶּם־בֶּטַח׃

wa'awartém et-hajardén wischawtém ba'árez ascher-adonáj elohechém manchíl etchém weheníach lachém mikkol-ojewechém missawíw wischawtem-bétach

10 Und ihr werdet über den Jordan gehen und in dem Land wohnen, in das euch der HERR, euer Gott, führt, und Er wird euch Ruhe geben vor allen euren Feinden, die euch umgeben, und ihr werdet in Sicherheit wohnen.

וְהָיָה הַמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם בּוֹ לְשַׁכֵּן שְׁמוֹ שָׁם שָׁמָּה תָבִיאוּ אֵת כָּל־אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּה אֶתְכֶם עוֹלֹתֵיכֶם וְזִבְחֵיכֶם מַעְשְׂרֹתֵיכֶם וּתְרֻמַת יֶדְכֶם וְכֹל מִבְחַר נִדְרֵיכֶם אֲשֶׁר תִּדְּרוּ לַיהוָה׃

wehajá hammakóm ascher-jiwchár adonáj elohechém bo leschakkén schemó scham schámma tawíu et kol-aschér anochí mezawwé etchém olotechém wisiwchechém ma'serotechém utrumát jedchém wechól miwchár nidrechém aschér tidderú ladonáj

11 Und es wird sein: Der Ort, den der HERR erwählen wird, damit Sein Name dort wohne, dorthin werdet ihr alles bringen, was ich euch gebiete: eure Ganzopfer und eure Opfer, eure Zehnten und die Hebopfer eurer Hände und alle eure vielerlei Gelübde, die ihr dem HERRN schwören werdet.

וּשְׂמַחְתֶּם לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם אַתֶּם וּבְנֵיכֶם וּבְנֹתֵיכֶם וְעַבְדֵיכֶם וְאַמְהֹתֵיכֶם וְהַלֵּוִי אֲשֶׁר בְּשַׁעֲרֵיכֶם כִּי אֵין לוֹ חֵלֶק וְנַחֲלָה אִתְּכֶם׃

usmachtém lifné adonáj elohechém attém uwnechém uwnotechém we'awdechém we'amhotechém wehallewí aschér bescha'arechém ki en lo chélek wenachalá ittechém

12 Und ihr werdet euch freuen vor dem HERRN, eurem Gott, ihr und eure Söhne und eure Töchter und eure Knechte und eure Mägde und der Levit, der in euren Toren ist, denn er hat keinen Teil und kein Erbteil mit euch.

Ihr werdet kommen und euch freuen. Und wenn du dich zusammen mit deiner Familie freust, vergiss dabei nicht deinen Knecht und deine Magd und vergiss dabei auch nicht den Leviten, der in deinen Toren ist. Du musst nicht nur für deine Familie sorgen, sondern auch für den Leviten. Wenn du dich freuen willst, erfreue auch den Leviten, möge auch der Levit sich zusammen mit dir freuen.

הִשָּׁמֶר לְךָ פֶּן־תַּעֲלֶה עֹלֹתֶיךָ בְּכָל־מָקוֹם אֲשֶׁר תִּרְאֶה׃

hischámer lechá pen-ta'alé olotécha bechol-makóm aschér tir'é

13 Hüte dich, dass du deine Ganzopfer nicht an jedem Ort darbringst, den du sehen wirst.

כִּי אִם־בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר יְהוָה בְּאַחַד שְׁבָטֶיךָ שָׁם תַּעֲלֶה עֹלֹתֶיךָ וְשָׁם תַּעֲשֶׂה כֹּל אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּךָּ׃

ki im-bammakóm ascher-jiwchár adonáj be'achád schewatécha scham ta'alé olotécha weschám ta'assé kol aschér anochí mezawwékka

14 Sondern an dem Ort, den der HERR in einem deiner Stämme erwählt hat, dort bringe dein Ganzopfer dar und dort tue alles, was ich dir gebiete.

Wozu dienen uns die Verse 13 und 14 als Ergänzung? Wir können sagen: „Gut, es gibt Opfer, von denen derjenige, der sie dargebracht hat, einen Teil essen darf, zum Beispiel das Friedensopfer (schelamím). Wenn wir ein Friedensopfer darbringen, haben wir das Recht, davon zu essen. Und dann muss man es in Jerusalem darbringen, um zusammen mit dem Kohen, zusammen mit der Familie, zusammen mit dem Knecht, zusammen mit der Magd zu essen. Und was ist mit den Opfern, von denen wir nichts essen? Zum Beispiel das Ganzopfer. Das Ganzopfer – was macht es für einen Unterschied, wo ich es ‚ganz verbrenne‘? Und hier, in diesen Versen, fügt die Tora hinzu: ‚Auch was das Ganzopfer betrifft – komm ja nicht auf den Gedanken, es darzubringen, wo es dir beliebt, sondern nur an dem Ort, den der HERR erwählen wird.‘“

Noch eine Situation, die zu der Zeit bestand, als das Volk in der Wüste lebte: Jedes Fleisch, das geschlachtet wurde, wurde als Opfer geschlachtet. Man durfte nicht einfach einen Widder oder ein Böckchen schlachten und es essen. Ein Mensch, der Fleisch essen wollte, musste es als Opfer darbringen, als schelamím, und erst danach essen.

Jetzt aber, im Land Israel, wenn sich das Volk ansiedelt und möglicherweise manche Menschen weit von Jerusalem entfernt wohnen werden, wie soll man es jetzt halten? Und Mosche gibt auch zu diesem Punkt eine Weisung.

רַק בְּכָל־אַוַּת נַפְשְׁךָ תִּזְבַּח וְאָכַלְתָּ בָשָׂר כְּבִרְכַּת יְהוָה אֱלֹהֶיךָ אֲשֶׁר נָתַן־לְךָ בְּכָל־שְׁעָרֶיךָ הַטָּמֵא וְהַטָּהוֹר יֹאכְלֶנּוּ כַּצְּבִי וְכָאַיָּל׃

rak bechol-awwát nafschechá tisbách we'achaltá wassár kewirkát adonáj elohécha aschér natan-lechá bechol-sche'arécha hattamé wehattahór jochelénnu kazzewí wecha'ajjál

15 Aber nach allem Verlangen deiner Seele schlachte Vieh, und du wirst Fleisch essen nach dem Segen des HERRN, deines Gottes, den Er dir gegeben hat, in allen deinen Toren; der Reine und der Unreine wird es essen, wie man den Hirsch oder wie man die Hindin isst.

Hirsch und Hindin – das ist eine Art von Tieren, die nicht als Opfer dargebracht werden, sie werden nicht auf den Altar hinaufgebracht: Offenbar wurden Hirsch oder Hindin, wenn man sie in der Wüste fing, geschlachtet und gegessen. Und sowohl Reine als auch Unreine durften sie essen, während man das Fleisch, das als schelamím geopfert wurde und von dem ein Mensch essen wollte, natürlich nur in Reinheit essen durfte.

Jetzt sagt Mosche, dass man genauso jedes Fleisch wird essen dürfen. Es wird nicht nötig sein, ein Opfer darzubringen, um Fleisch zu essen, man kann einfach einen Widder schlachten und ihn essen. Dafür muss man sich nicht reinigen, der Reine und der Unreine kann es essen. Es gibt volle Freiheit beim Fleischessen, am neuen Ort, im neuen Land, versteht sich.

רַק הַדָּם לֹא תֹאכֵלוּ עַל־הָאָרֶץ תִּשְׁפְּכֶנּוּ כַּמָּיִם׃

rak haddám lo tochélu al-ha'árez tischpechénnu kammájim

16 Nur das Blut esst nicht, sondern auf die Erde gießt es aus wie Wasser.

Man darf kein Fleisch mit Blut essen, man darf Blut in keiner Form essen. Und bevor man das Fleisch eines Tieres isst, muss sein Blut aus ihm ausgeflossen sein.

לֹא־תוּכַל לֶאֱכֹל בִּשְׁעָרֶיךָ מַעְשַׂר דְּגָנְךָ וְתִירֹשְׁךָ וְיִצְהָרֶךָ וּבְכֹרֹת בְּקָרְךָ וְצֹאנֶךָ וְכָל־נְדָרֶיךָ אֲשֶׁר תִּדֹּר וְנִדְבֹתֶיךָ וּתְרוּמַת יָדֶךָ׃

lo-tuchál le'echól bisch'arécha ma'sár deganechá wetiroschechá wejizharécha uwchorót bekarechá wezonécha wechol-nedarécha aschér tiddór wenidwotécha utrumát jadécha

17 Was du aber in deinen Toren nicht essen können wirst: den Zehnten von deinem Getreide und von deinen Trauben und von deinem Öl und von den Erstgeborenen deines Großviehs und von deinem Kleinvieh und von allen Gelübden, mit denen du schwören wirst, und von allen freiwilligen Opfern und von den Hebopfern deiner Hände.

Wieder ein Verbot für das, was irgendeine Beziehung zum Heiligen hat: der Zehnte oder ein Opfer aufgrund eines Gelübdes oder eine freiwillig dargebrachte Spende. Man könnte sagen: „Wenn ich ein Gelübde abgelegt habe, irgendein Opfer darzubringen, oder wenn ich selbst freiwillig beschlossen habe, irgendein Opfer darzubringen, dann wähle ich auch den Ort. Und was gibt es da zu reden? Wenn ich pflichtgemäß ein Sündopfer darbringe, dann trage ich es nach Jerusalem. Aber wenn ich ein Gelübde abgelegt habe oder wenn ich beschlossen habe, einfach freiwillig ein Opfer darzubringen, dann bringe ich es dar, wo ich selbst will.“ Oder: „Das alles betrifft nur das Fleisch, aber meine Zehnten, die Trauben und das Brot und das Öl, werde ich hier essen.“ Aber Mosche sagt: „Auch das darf man nicht, alles wird nur in Jerusalem sein.“

כִּי אִם־לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ תֹּאכְלֶנּוּ בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בּוֹ אַתָּה וּבִנְךָ וּבִתֶּךָ וְעַבְדְּךָ וַאֲמָתֶךָ וְהַלֵּוִי אֲשֶׁר בִּשְׁעָרֶיךָ וְשָׂמַחְתָּ לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בְּכֹל מִשְׁלַח יָדֶךָ׃

ki im-lifné adonáj elohécha tochelénnu bammakóm aschér jiwchár adonáj elohécha bo attá uwinchá uwittécha we'awdechá wa'amatécha wehallewí aschér bisch'arécha wesamachtá lifné adonáj elohécha bechól mischlách jadécha

18 Sondern nur vor dem HERRN, deinem Gott, wirst du dies essen an dem Ort, den der HERR, dein Gott, erwählen wird: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd und der Levit, der in deinen Toren ist; nur dort werdet ihr dies essen. Und du wirst dich freuen vor dem HERRN, deinem Gott, an allem Werk deiner Hände.

Die Rede ist hier natürlich vom zweiten ma'assér (Zehnten), dem sogenannten ma'assér schení, den man nach dem Gebot der Tora zurücklegt, um mit der ganzen Familie in Jerusalem zu feiern. Das ist eine Art Geschenk an sich selbst.

Der HERR sagt, sagt ständig: „Ich werde das Werk deiner Hände segnen. Das Werk deiner Hände kann sein: wenn du Ackerbauer bist – Weizen, wenn du Winzer bist – Trauben, wenn du Oliven anbaust – dann Oliven und Öl. Ich werde das Werk deiner Hände segnen, und du wirst von diesen Früchten den Zehnten und die terumá (Hebopfer) bringen und wirst dich zusammen mit deiner ganzen Familie an allem Werk deiner Hände freuen.“

הִשָּׁמֶר לְךָ פֶּן־תַּעֲזֹב אֶת־הַלֵּוִי כָּל־יָמֶיךָ עַל־אַדְמָתֶךָ׃

hischámer lechá pen-ta'asów et-hallewí kol-jamécha al-admatécha

19 Hüte dich also, dass du den Leviten nicht verlässt, alle deine Tage auf der Erde.

Natürlich, an den Knecht und die Magd denken wir, aber den Leviten kann man durchaus vergessen. Feiere selbst, feiere mit der Familie, empfange den Segen deiner Hände vom Höchsten, aber vergiss nicht den Leviten, der dir dient und der das Erbteil des HERRN, deines Gottes, ist.

So viel die Seele begehrt

Dewarim 12,20–13,1

Mit Gottes Hilfe setzen wir, ihr und ich, das Studium des Wochenabschnitts Re'e fort und werden ab Vers 20 von Kapitel 12 des Buches Dewarim lesen. Und auf den ersten Blick wiederholt das, was wir lesen werden, praktisch das, was wir am Anfang unseres Wochenabschnitts gelesen haben.

כִּי־יַרְחִיב יְהוָה אֱלֹהֶיךָ אֶת־גְּבוּלְךָ כַּאֲשֶׁר דִּבֶּר־לָךְ וְאָמַרְתָּ אֹכְלָה בָשָׂר כִּי־תְאַוֶּה נַפְשְׁךָ לֶאֱכֹל בָּשָׂר בְּכָל־אַוַּת נַפְשְׁךָ תֹּאכַל בָּשָׂר׃

ki-jarchíw adonáj elohécha et-gewulechá ka'aschér dibber-lách we'amartá ochelá wassár ki-te'awwé nafschechá le'echól bassár bechol-awwát nafschechá tochál bassár

20 Wenn der HERR, dein Gott, deine Grenzen erweitern wird, wie Er es dir versprochen hat, und du sagen wirst: „Ich will doch mal Fleisch essen“, weil deine Seele nach Fleisch verlangen wird, dann iss Fleisch, so viel deine Seele begehrt.

Das heißt, wenn dein Land wachsen wird und die Gebiete immer mehr und mehr werden und sich alle Segnungen des Höchsten erfüllen werden, dann muss es keinen besonderen Grund geben (nicht weil ein Fest ist oder etwas geschehen ist), sondern einfach deine Seele wird nach Fleisch verlangen. Und anscheinend ähnelt das dem, was wir schon in Vers 15 gelesen haben. So sehr ähnelt es, dass Rabbi Schlomo Jizchaki (Raschi), einer der angesehensten Kommentatoren der Tora, sagt (im Kommentar zu Vers 15), dass hier, in Vers 20, die Tora erlaubt, Fleisch zu essen, ohne es als Opfer darzubringen, in Vers 15 aber spricht die Tora von einer besonderen Situation, wenn ein Mensch dem Höchsten ein Lämmchen oder ein Böckchen geweiht hat, das heißt, sich gesagt, für sich beschlossen hat: „Dieses Lämmchen, dieses Böckchen werde ich als Opfer darbringen, wenn ich mit Gottes Hilfe nach Jerusalem gehe.“ Aber es geschah so, dass sich dieses Lämmchen oder dieses Böckchen ein Beinchen brach oder irgendeine andere Verletzung erlitt, und man es nicht mehr als Opfer darbringen kann. Wie soll man dann mit ihm verfahren? Nach Meinung Raschis erlaubt die Tora in Vers 15, es auszulösen und sein Fleisch zu essen, etwas Geld zurückzulegen, für das dann ein anderes Lämmchen oder Böckchen an seiner Stelle gekauft wird, das Fleisch dieses Lämmchens oder Böckchens aber darf man essen. Nach Meinung Raschis spricht die Tora zweimal, um zwei verschiedene Erlaubnisse zu geben: In Vers 20 erlaubt sie einfach, Fleisch zu essen, und in Vers 15 erlaubt sie es in irgendwelchen besonderen Fällen, aber das ist höchstwahrscheinlich schon nicht der einfache Sinn der Tora. Warum wiederholt uns die Tora denn ein und dasselbe? Weil Mosche über zwei verschiedene Themen spricht.

Im ersten Fall spricht er über die Pflichten der Opferdarbringung nur an dem vom Höchsten erwählten Ort. Gerade dort klingt dieses Thema an, und im Verlauf des Gesprächs spricht er über die Erlaubnis, Fleisch zu essen. Hier spricht Mosche gesondert darüber, dass es dem Menschen erlaubt ist, Fleisch zu essen, so viel seine Seele begehrt, und im Verlauf des Gesprächs wird er darüber sprechen, dass man die heiligen Gaben dennoch in den Tempel oder in das Zelt der Begegnung bringen muss, das heißt, die Tora spricht über zwei verschiedene Themen. Warum muss man gesondert über die Erlaubnis sprechen, Fleisch zu essen? Wenn die Rückkehr in das Land Israel geschieht und, wie wir oft sagen, das Eingehen in die Ruhe und die Berichtigung und die Rückkehr auf irgendeine neue geistliche Ebene, dann könnte jemand denken, dass dies eine Rückkehr zur Situation vor der Sintflut ist und man kein Fleisch essen darf. Jemand könnte sagen: „Überhaupt braucht man kein Fleisch zu essen: Wenn du kein Opfer darbringen kannst, dann iss auch kein Fleisch.“ Jemand könnte denken, dass das eine im Grunde grausame, unmenschliche Sache ist, das heißt, eine den Menschen nicht eigene – Fleisch zu essen. Wie ihr wisst, ist das heute modern geworden, eine solche Überlegung.

Was sagt die Tora über das Essen? Vom allerersten Moment an, als der Höchste den Garten pflanzte (wir lesen das ganz am Anfang des Buches Bereschit), gibt Er dem Menschen ein Gebot. Gewöhnlich sagt man, dass der Höchste ihm gebot: „Iss nicht von diesem Baum.“ Das ist nicht ganz so. Der Höchste gebot: „Von jedem Baum iss, nur von diesem Baum iss nicht.“ Von jedem Baum iss – das ist auch ein Teil des Gebots. Probiere alles, was Ich in dieser Welt gemacht habe, freue dich an allen Meinen Werken: Wie eine Großmutter sich freut, wenn der Enkel kommt und alles isst, was sie gekocht hat, so freut sich der Höchste, wenn Er den Menschen bewirtet (natürlich, wenn das nicht zu einer versklavenden Abhängigkeit wird). Aber darin gibt es auch eine geistliche Dimension: Das, was wir essen, sei es eine Banane, schwarze Johannisbeeren oder Kartoffeln, wird zu einem Teil von uns. Es ist nichts Schlechtes daran, eine schwarze Johannisbeere oder eine Kartoffel zu sein, aber die Kartoffel, die ein Mensch gegessen hat, wird zu einem Teil des Fleisches des Menschen, zu einem Teil der menschlichen Energie, zu jenem Göttlichen, das sich durch sie im Menschen offenbart (wir haben schon mit euch im Kommentar zu Vers 3 von Kapitel 8 gesagt, dass der Mensch nicht vom Brot als solchem lebt). Wenn der Mensch mithilfe dieser Johannisbeere, dieser Kartoffel oder, um auf unser Gespräch zu kommen, mithilfe des Fleisches dieses Widders dem Höchsten dienen kann, indem er es zu seinem Fleisch macht, dann ergibt sich, dass das Fleisch des Widders auf eine völlig neue Ebene gehoben wird – wie auch im Garten die Früchte, die der Mensch aß, zum Menschen wurden und auf eine völlig andere Ebene gehoben wurden. Das ist der klassische jüdische Ansatz zur Nahrung.

Wir essen, um dem Schöpfer zu dienen, und dienen dem Schöpfer dadurch, dass wir essen, dass wir unsere Nahrung auf eine andere Ebene heben, unter anderem auch dadurch. Deshalb sagt die Tora hier gesondert: „Es ist nichts Schlechtes daran, Fleisch essen zu wollen.“ Mehr noch, stellen wir uns vor, dass einst ein Mensch, ein kleines, kleines Menschlein (noch nicht ganz ein Menschlein, erst ein Embryo), im Mutterleib lebte, allmählich wuchs und wuchs und bis zu einer solchen Größe heranwuchs, dass er mit sich fast seine ganze Welt ausfüllte. So viel hat er gegessen, dass er so groß wurde wie seine Welt, wie die Gebärmutter der Frau, in der er sich befindet. Und siehe, er wird in eine neue Welt geboren, zu neuen Eindrücken, zu einem neuen Dienst und unter anderem zu neuer Nahrung. Seine und unsere Aufgabe ist es, die ganze Welt auf die Ebene der Heiligkeit zu heben, alles heilig zu machen.

Beim Propheten Secharja ist gesagt, dass der Tempel, der Ort der Heiligkeit auf der Erde, sich über die Erde ausbreiten wird. Ein Teil dieses Dienstes ist die Nahrung, die wir zum Dienst für den Höchsten essen. Nicht immer gelingt das so, man muss ein vollkommener Gerechter sein, damit es nur zum Dienst gerät, aber die Tora spricht hier davon. Was geschieht, wenn wir nicht gerade zum Dienst essen können, wenn es nicht gelingt, wenn ich weiß, dass von allem, was ich esse, nur zehn oder fünf Prozent in den Dienst für den Höchsten gehen? Es gibt außerdem noch den Segen. Deshalb ist gesagt (8,10): „Und du wirst essen und satt werden und segnen …“. Und du wirst essen und satt werden – das ist dein Recht, deine Entscheidung, und segnen – das ist ein Gebot. Nach dem Essen segnen wir den Höchsten, und auch das ist eine Form des Dienstes.

כִּי־יִרְחַק מִמְּךָ הַמָּקוֹם אֲשֶׁר יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לָשׂוּם שְׁמוֹ שָׁם וְזָבַחְתָּ מִבְּקָרְךָ וּמִצֹּאנְךָ אֲשֶׁר נָתַן יְהוָה לְךָ כַּאֲשֶׁר צִוִּיתִךָ וְאָכַלְתָּ בִּשְׁעָרֶיךָ בְּכֹל אַוַּת נַפְשֶׁךָ׃

ki-jirchák mimmechá hammakóm aschér jiwchár adonáj elohécha lasúm schemó scham wesawachtá mibbekarechá umizzonechá aschér natán adonáj lechá ka'aschérIn der russischen Umschrift steht das Betonungszeichen im Wort ka'aschér auf einem Konsonanten. Die deutsche Umschrift setzt es nach dem Hebräischen auf die letzte Silbe. ziwwitícha we'achaltá bisch'arécha bechól awwát nafschécha

21 Wenn der Ort, den der HERR, dein Gott, erwählen wird, um dort Seinen Namen wohnen zu lassen, fern von dir sein wird, dann schlachte von deinem Großvieh und von deinem Kleinvieh, das dir Gott gegeben hat, wie ich dir geboten habe, und iss in deinen Toren, so viel deine Seele begehrt.

Bei allem, was wir über das Essen und seine Wichtigkeit gesagt haben, muss man es nicht wie ein Opfer behandeln. Davon lesen wir in Vers 22:

אַךְ כַּאֲשֶׁר יֵאָכֵל אֶת־הַצְּבִי וְאֶת־הָאַיָּל כֵּן תֹּאכְלֶנּוּ הַטָּמֵא וְהַטָּהוֹר יַחְדָּו יֹאכְלֶנּוּ׃

ach ka'aschér je'achél et-hazzewí we'et-ha'ajál ken tochelénnu hattamé wehattahór jachdáw jochelénnu

22 Aber wie man den Hirsch oder die Hirschkuh isst, so iss dieses Fleisch; der Reine und der Unreine können zusammen dieses Fleisch essen.

Das Wort ha'ajál kann man auch als Gämse übersetzen (na, ich bin nicht stark in Zoologie). Sehr verbreitet ist unter den Menschen ein Irrtum, ein solches Verständnis, dass es verboten sei, unrein zu sein. Man fragt mich oft danach: „Was soll ein Mensch tun, der unrein geworden ist? Zum Beispiel hat er beim Begräbnis eines Toten geholfen, hat etwas Unreines berührt.“ Eine Frau nach der Geburt wird unrein, obwohl sie dem Höchsten gedient hat, an der Erfüllung eines Gebots teilgenommen hat, oder, wie wir gesagt haben, ein Mensch, der am Begräbnis eines Toten teilgenommen hat, wird unrein. Und die Antwort: Es ist keine Sünde, rituell unrein zu sein. Es gibt einen Unterschied zwischen ritueller Unreinheit und Sünde. Es ist keinerlei Sünde darin, unrein zu sein, und manchmal erfordert die Erfüllung eines Gebots, dass ein Mensch unrein wird. Und hier lesen wir, dass Reine und Unreine zusammen essen können, dort, wo sie wohnen, sie können zusammen das Fleisch eines einzigen Lammes essen. Wann entsteht Sünde? Wenn ein Mensch im Zustand dieser rituellen Unreinheit in den Tempel geht, dann gibt es ein Problem. Und wenn er, solange er sich nicht gereinigt hat, die Mahlzeit mit einem reinen Menschen teilen will, oder umgekehrt ein reiner Mensch die Mahlzeit mit jemandem teilen will, muss er nicht auf dessen Reinigung warten. Sie essen einfach zusammen. Ich wiederhole, dass es keine Sünde ist, rituell unrein zu sein. Das muss man sich gut merken.

רַק חֲזַק לְבִלְתִּי אֲכֹל הַדָּם כִּי הַדָּם הוּא הַנָּפֶשׁ וְלֹא־תֹאכַל הַנֶּפֶשׁ עִם־הַבָּשָׂר׃

rak chasák lewiltí achól haddám ki haddám hu hannáfesch welo-tochál hannéfesch im-habbassár

23 Nur achte aufmerksam darauf (bemühe dich sehr), kein Blut zu essen, denn das Blut – das ist die Seele (die Lebenskraft), iss die Lebenskraft nicht zusammen mit dem Fleisch.

Wenn wir das Blut ansehen, dann ist das Blut, so scheint es, völlig materiell. Es hat Gewicht, Konsistenz, Farbe, sodass das Blut von allen Seiten ein materieller Stoff ist. Wie kann die Tora dann sagen, dass das Blut die Lebenskraft oder die Seele ist? Das Verbot selbst ist verständlich, aber den Grund des Verbots zu verstehen ist schwierig, und dazu gibt es viele Kommentare.

Maimonides (Rambam), ein realistischer Kommentator, der in allen Fällen versucht, mit einem Minimum an Mystik auszukommen, sagt hier, dass die Heiden das Blut verwendeten. Sie glaubten, dass es die Lebenskraft ist, sie glaubten, dass sie, wenn sie Blut trinken, den Dämonen die Kraft nehmen, und deshalb verbietet die Tora die Verwendung von Blut.

Nachmanides (Mosche ben Nachman, Ramban) – gerade ein Mensch, der mehr danach strebt, Mystik zur Erklärung heranzuziehen – sagt, dass das Herz, wie wir wissen, aus Sicht der Tora das Zentrum des menschlichen Denkens ist. Das Herz ist mitunter weise, der Mensch dachte im Herzen, nahm sich im Herzen vor, sprach zum Herzen oder sprach im Herzen. Das Herz ist das Zentrum des menschlichen Denkens, das Zentrum seiner seelischen Eigenschaften, und wie wir aus der Anatomie des Menschen sehen, steuert das Herz die Bewegung des Blutes. Das Herz ist eine Pumpe, die das Blut durch den Organismus pumpt, und gibt (in diesem Verständnis) dem ganzen Organismus Lebens- und Seelenkräfte. Das heißt, das Herz ist das Gefäß der Seele, und deshalb darf man das Fleisch des Herzens selbst essen, das Blut aber, das der Träger der Seele ist, darf man in diesem Zusammenhang nicht essen. Es gibt noch viele verschiedene Erklärungen, und wie es immer ist, wenn wir viele verschiedene Erklärungen sehen, sagt das, dass es keine eindeutige Antwort gibt. Es gibt keine Möglichkeit, eindeutig zu verstehen, was der Satz bedeutet: „Das Blut ist die Seele.“ Und natürlich weiß ich, dass Leute auftauchen werden, die kommen und sagen: „Wir aber wissen es genau“, und die Lehre dieser oder jener Denomination darlegen. Aber wir lesen die Tora, versuchen sie zu verstehen, und die Lehren der Denominationen sind uns bekannt. Also, nur das Blut esst nicht, denn im Blut ist die Lebenskraft oder die Seele (néfesch). Bemühe dich, bemühe dich, kein Blut zu essen.

לֹא תֹּאכְלֶנּוּ עַל־הָאָרֶץ תִּשְׁפְּכֶנּוּ כַּמָּיִם׃

lo tochelénnu al-ha'árez tischpechénnu kammájim

24 Esst es nicht, sondern gießt es auf die Erde aus wie Wasser.

לֹא תֹּאכְלֶנּוּ לְמַעַן יִיטַב לְךָ וּלְבָנֶיךָ אַחֲרֶיךָ כִּי־תַעֲשֶׂה הַיָּשָׁר בְּעֵינֵי יְהוָה׃

lo tochelénnu lemá'an jitáw lechá ulwanécha acharécha ki-ta'assé hajaschár be'ené adonáj

25 Esst es nicht, damit es dir und deinen Söhnen nach dir gut gehe, denn du wirst das Rechte tun in den Augen des HERRN.

רַק קָדָשֶׁיךָ אֲשֶׁר־יִהְיוּ לְךָ וּנְדָרֶיךָ תִּשָּׂא וּבָאתָ אֶל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר יְהוָה׃

rak kadaschécha ascher-jihjúIm Wort jihjú hat die russische Umschrift einen G-Laut statt des H. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. lechá undarécha tissá uwáta el-hammakóm ascher-jiwchár adonáj

26 Nur deine heiligen Gaben, die du haben wirst, und deine Gelübde erfülle, und dazu wirst du an den Ort kommen, den der HERR erwählen wird.

Wie wir gesagt haben, spricht die Tora vom werktäglichen, alltäglichen Essen und sagt nur nebenbei, dass man die heiligen Gaben an den heiligen Ort bringen muss, an den Ort, den der HERR erwählen wird.

וְעָשִׂיתָ עֹלֹתֶיךָ הַבָּשָׂר וְהַדָּם עַל־מִזְבַּח יְהוָה אֱלֹהֶיךָ וְדַם־זְבָחֶיךָ יִשָּׁפֵךְ עַל־מִזְבַּח יְהוָה אֱלֹהֶיךָ וְהַבָּשָׂר תֹּאכֵל׃

we'asíta olotécha habbassár wehaddám al-misbách adonáj elohécha wedam-sewachécha jischaféch al-misbách adonaj elohecha wehabbassarIn den Wörtern elohecha und wehabbassar am Zeilenende hat die russische Umschrift einen G-Laut statt des H; die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. Die fehlenden Betonungszeichen dort fehlen auch im Original. tochel

27 Und dort wirst du deine Ganzopfer machen, das Fleisch und das Blut, auf den Altar des HERRN, deines Gottes, und das Blut deines (anderen) Opfers wird auf den Altar des HERRN, deines Gottes, gegossen werden, das Fleisch aber wirst du essen.

Warum so? Weil die Seele im Blut ist, und sie erwirkt Sühne für die Seele. Alle Feinheiten davon haben wir durchgenommen, als wir das Buch Wajikra gelesen haben.

שְׁמֹר וְשָׁמַעְתָּ אֵת כָּל־הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּךָּ לְמַעַן יִיטַב לְךָ וּלְבָנֶיךָ אַחֲרֶיךָ עַד־עוֹלָם כִּי תַעֲשֶׂה הַטּוֹב וְהַיָּשָׁר בְּעֵינֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ׃

schemór weschama'tá et kol-haddewarím ha'élle aschér anochí mezawwékka lemá'an jitáw lechá ulwanécha acharécha ad-olám ki ta'assé hattów wehajaschár be'ené adonaj elohécha

28 Hüte dich und höre all diese Worte, die ich dir gebiete, damit es dir und deinen Söhnen nach dir gut gehe bis ans Ende der Zeiten, denn du wirst das Gute und das Rechte tun in den Augen des HERRN, deines Gottes.

All diese Worte – das ist alles, was wir vom Anfang des Kapitels an gelesen haben: darüber, sich der Orte zu entledigen, die bei den Heiden als heilig galten, darüber, die Opfer an dem Ort darzubringen, den der Höchste erwählen wird, über den Genuss von Fleisch und über den Verzicht auf Blut. All diese Dinge muss man aufmerksam hören, damit es gut gehe, denn indem wir das erfüllen, werden wir das Rechte tun in den Augen des Höchsten.

Mit Vers 29 beginnt ein etwas neues Thema, ebenfalls ein sehr wichtiges.

כִּי־יַכְרִית יְהוָה אֱלֹהֶיךָ אֶת־הַגּוֹיִם אֲשֶׁר אַתָּה בָא־שָׁמָּה לָרֶשֶׁת אוֹתָם מִפָּנֶיךָ וְיָרַשְׁתָּ אֹתָם וְיָשַׁבְתָּ בְּאַרְצָם׃

ki-jachrít adonáj elohécha et-haggojím aschér attá wa-schámma laréschet otám mippanécha wejaraschtá otám wejaschawtá be'arzám

29 Wenn der HERR, dein Gott, die Völker dort vernichten wird, wohin du kommst, um sie vor dir zu vertreiben, und du ihr Land in Besitz nehmen und in ihrem Land wohnen wirst,

הִשָּׁמֶר לְךָ פֶּן־תִּנָּקֵשׁ אַחֲרֵיהֶם אַחֲרֵי הִשָּׁמְדָם מִפָּנֶיךָ וּפֶן־תִּדְרֹשׁ לֵאלֹהֵיהֶם לֵאמֹר אֵיכָה יַעַבְדוּ הַגּוֹיִם הָאֵלֶּה אֶת־אֱלֹהֵיהֶם וְאֶעֱשֶׂה־כֵּן גַּם־אָנִי׃

híschámerIm ersten Wort hat die russische Umschrift einen G-Laut statt des H; die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. Die zwei Betonungszeichen in diesem Wort stehen so im Original. lechá pen-tinnakésch acharehém acharé hischamedám mippanécha ufen-tidrósch lelohehém lemór echá ja'awdú haggojím ha'élle et-elohehém we'e'esse-kén gam-áni

30 Hüte dich, damit du nicht in ihre Falle gerätst, hinter ihnen her, nachdem sie vor dir vernichtet worden sind, damit du dich nicht an ihre Götter wendest und sagst: „Wie diese Heiden ihren Göttern gedient haben, so werde auch ich es tun.“

Manchmal, wenn wir in irgendein Land kommen, können wir uns ansehen, wie man dort Landwirtschaft betreibt, wie man sich dort auf den Winter vorbereitet, wie man dort noch etwas anderes macht. Ich kann auf die Heiden schauen und sagen: „Wie sie es gemacht haben, so werde auch ich es machen.“

Bekannt ist die Geschichte (2 Melachim 17,24–28) von den Leuten aus Babylon und anderen eroberten Städten, die der König von Assyrien in das Land Israels umsiedelte, nach Samaria, und dort fingen Löwen an, sie zu beißen. Die Löwen bissen sie, bissen sie, bis ein Priester gesandt wurde, der sie die Regeln dieses Landes lehrte. Das heißt, bei den Bewohnern Samarias entstand der Gedanke: „Wenn uns in diesem Land etwas nicht gelingt, können wir die Regeln dieses Landes studieren.“ In unserem Fall studierten sie die Regeln des Gottes Israels, aber der Gedanke selbst ist ein Gedanke, der den Heiden eigen ist: „Jedes Land hat seine Gesetze, und ich werde nach diesen Gesetzen leben.“ Man kann in die Falle geraten und die Gesetze jener Völker annehmen, die hier vor uns gelebt haben. Und Mosche warnt vor einer solchen Nachahmung.

לֹא־תַעֲשֶׂה כֵן לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ כִּי כָּל־תּוֹעֲבַת יְהוָה אֲשֶׁר שָׂנֵא עָשׂוּ לֵאלֹהֵיהֶם כִּי גַם אֶת־בְּנֵיהֶם וְאֶת־בְּנֹתֵיהֶם יִשְׂרְפוּ בָאֵשׁ לֵאלֹהֵיהֶם׃

lo-ta'assé chen ladonáj elohécha ki chol-to'awát adonáj aschér sané asú lelohehém ki gam et-benehém we'et-benotehém jisrefú wa'ésch lelohehém

31 Tu nicht so dem HERRN, deinem Gott, denn alle Gräuel, die Er hasst, haben sie ihren Göttern getan, denn auch ihre Söhne und ihre Töchter verbrannten sie im Feuer für ihre Götter.

Hier geht es um die schreckliche Tradition, dem Gott Mólech Kinder zum Opfer zu bringen, wobei man die Kinder, wie manche sagen, im wörtlichen Sinn verbrannte oder, nach einer anderen Meinung, durch das Feuer gehen ließ. Warum warnt Mosche hier besonders gerade vor diesem Brauch, und warum spricht die Tora wiederholt gerade über Molech, gerade gegen diesen Glauben? Weil die Vorstellung von Molech die Vorstellung von einem bösen Gott ist, dem man unbedingt etwas opfern, unbedingt etwas geben muss, der kommt, um zu verderben, und von dem man sich freikaufen muss. Denkt niemals, dass der Gott Israels danach sucht, euch zu töten, euch zu vernichten, euch zu ertappen, und dass man, damit Er an euch nichts auszusetzen hat, einen der Söhne hergeben muss, einen von den Eigenen hergeben muss, jemanden zum Opfer bringen muss. Darum geht es hier, darin ahmt niemals die Heiden nach.

Damit endet Kapitel 12, und es beginnt Kapitel 13, aber die Einteilung des masoretischen Textes endet damit nicht. Und der erste Vers von Kapitel 13 gehört zu dem, wovon wir lesen.

אֵת כָּל־הַדָּבָר אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּה אֶתְכֶם אֹתוֹ תִשְׁמְרוּ לַעֲשׂוֹת לֹא־תֹסֵף עָלָיו וְלֹא תִגְרַע מִמֶּנּוּ׃

et kol-haddawár aschér anochí mezawwé etchém otó tischmerú la'asót lo-tosséf aláw weló tigrá mimménnu

1 All diese Worte, die ich euch geboten habe, hütet euch, sie zu halten, fügt ihnen nichts hinzu und nehmt nichts von ihnen weg.

Wieder sprechen wir hier von irgendwelchen Erlaubnissen und Genehmigungen. Jemand kann sagen: „Der HERR hat befohlen, alle Götzen zu vernichten, aber Er hat nichts über so ein schönes Gebäude gesagt, über so ein schönes Fresko oder über so ein goldenes, teures, irgendein anderes Götzenbild.“ Jemand kann sagen: „Der HERR hat das Fleisch erlaubt, aber Er hat es zweimal in der Woche erlaubt, montags und donnerstags, und hat es an irgendwelchen anderen Tagen nicht erlaubt.“ Man soll nichts zu dem hinzufügen, was gesagt ist, und man soll nicht sagen: „Du bist verpflichtet, Fleisch zu essen. Da es etwas Gutes ist, Fleisch zu essen, bist du verpflichtet, Fleisch zu essen.“

Der Höchste setzt eine bestimmte Norm. Versucht nicht, gütiger als der Höchste oder böser als der Höchste zu sein. Nennt nicht unmoralisch, was der Höchste moralisch genannt hat, nennt nicht moralisch, was der Höchste unmoralisch genannt hat, haltet euch an Seine Kriterien. Genauso wie ihr dem Ort folgt, den Er erwählt hat, folgt auch den Normen der Ethik, die Er erwählt hat, fügt nichts hinzu und nehmt nichts davon weg, seid nicht gerechter als der Höchste.

Gefährliche Reden

Dewarim 13,2–19

Mit Gottes Hilfe setzen wir, ihr und ich, das Studium des Wochenabschnitts Re'e fort und werden ab Vers 2 von Kapitel 13 des Buches Dewarim lesen.

Im vorigen Kapitel hat Mosche das Volk Israel gewarnt, von den Völkern, die vor den Israeliten in Kanaan lebten, nicht das Bild eines bösen Gottes zu übernehmen, der nur danach sucht, sie zu verderben. Und in der Folge davon nicht die Art der Anbetung dieses Gottes zu übernehmen, bei der man, damit der Gott nicht verdirbt, Kinder durch das Feuer gehen lassen muss, bei der man unbedingt jemanden opfern muss, damit der Gott aufhört, unseren Untergang zu suchen. Danach fährt Mosche fort, vor der Möglichkeit zu warnen, in den Götzendienst abzurutschen.

כִּי־יָקוּם בְּקִרְבְּךָ נָבִיא אוֹ חֹלֵם חֲלוֹם וְנָתַן אֵלֶיךָ אוֹת אוֹ מוֹפֵת׃

ki-jakúm bekirbechá nawí o cholém chalóm wenatán elécha ot o mofét

2 Wenn aus deiner Mitte ein Prophet oder ein Träumer aufsteht und dir ein himmlisches Zeichen oder ein Wunder auf der Erde gegeben hat,

Das heißt, kein Heide, kein Fremdling aus fernen Ländern, kein Mensch, der im Götzendienst aufgewachsen ist, sondern jemand erhebt sich plötzlich aus deiner Mitte, und du kannst sagen: „Er ist doch Fleisch von meinem Fleisch, Blut von meinem Blut, ein Israelit.“

וּבָא הָאוֹת וְהַמּוֹפֵת אֲשֶׁר־דִּבֶּר אֵלֶיךָ לֵאמֹר נֵלְכָה אַחֲרֵי אֱלֹהִים אֲחֵרִים אֲשֶׁר לֹא־יְדַעְתָּם וְנָעָבְדֵם׃

uwá haót wehammofét ascher-dibbér elécha lemór nelechá acharé elohím acherím aschér lo-jeda'tám wena'owdém

3 Und es geschah jenes Wunder oder jenes Zeichen, von dem er zu dir gesprochen hatte, um dir zu sagen: „Lasst uns anderen Göttern nachgehen, die du nicht gekannt hast, und ihnen dienen“, –

So etwas ist geschehen. Es kam jemand und sagte: „Wenn ich ein Prophet bin, dann soll es im Dezember im Negev Schneeglöckchen geben; wenn ich ein Prophet bin, dann soll ein Komet am Himmel vorüberfliegen“, und nehmen wir an, dass all das geschah.

Die Kommentatoren fragen: Geht es hier um einen falschen Propheten, um einen Menschen, der einfach ein Fantast ist, der beschlossen hat, sich als Prophet auszugeben, oder vielleicht um einen geisteskranken Menschen, oder geht es um einen Menschen, der sich einer erlauschten Prophezeiung bedient (es gab ja kein Internet, man konnte die Situation nicht „googeln“ und überprüfen). Das heißt, vielleicht hat er von irgendeinem Menschen, der wirklich ein Prophet ist, von irgendeinem Ereignis gehört, das geschehen wird, und begriffen, dass man das ausnutzen kann. Der Mensch kam und gab es als seine eigene Prophezeiung aus. Oder, zum Beispiel, wie der Kommentator Menachem Recanati sagt, der im XIII. Jahrhundert lebte: „Es gibt Menschen, die eine Überempfindsamkeit besitzen, sie sind tatsächlich bis zu einem gewissen Grad fähig, die Zukunft vorherzusagen, und es kommt ihnen tatsächlich so vor, dass durch sie irgendeine Kraft spricht.“

Warum hören wir heute sehr viele falsche Prophezeiungen? Weil der Mensch eine Prophezeiung erwartet, er erwartet, dass durch ihn Gott sprechen wird, und wenn ihm irgendein Gedanke in den Kopf kommt, wenn in ihm irgendeine Idee oder irgendein Traum entsteht, zum Beispiel: „Ach, würden doch alle Mitglieder unserer Gemeinde für ihre Spenden dreißigmal mehr bekommen“, dann hält er diesen Traum für eine Prophezeiung, lässt sich von seinen eigenen Träumen verführen und fängt an, diese Prophezeiungen „von dort“ auszugeben. Die vielen falschen Prophezeiungen, die wir hören, kommen nicht unbedingt von Menschen, die Lügner sind: Die meisten Menschen glauben an ihre Prophezeiungen. Und hier ist noch so ein Unglück geschehen, dass die Prophezeiung bestätigt ist. Der Mensch sagte: „Es wird Schneeglöckchen im Negev geben“ – und es gibt Schneeglöckchen. Der Mensch sagte: „Ein Komet wird am Himmel vorüberfliegen“ – und ein Komet flog vorüber, und wir wissen nicht, ob er das erlauscht hat, ob er es in den Zeitungen gelesen hat oder ob er auf irgendeine andere Weise davon erfahren hat, aber die Prophezeiung hat sich erfüllt.

Wie sollen wir handeln? Sollen wir auf ihn hören? Und hier sagt Mosche: Wozu eigentlich dient das, was dieser Prophet dir gesagt hat (lemór)? Er hat dir ein Zeichen oder ein Wunder gegeben, um dir zu sagen: „Lasst uns anderen Göttern nachgehen und ihnen dienen.“ Er hat die Merkmale eines Propheten, vielleicht hat er so einen Bart wie Mosche. Und er ist auch achtzig Jahre alt wie Mosche, und er redet auch wenig und tut viel. Er hat viele, viele, viele Beispiele, an denen man sagen kann: Da ist er – ein Prophet, und zu alldem tut er auch noch Wunder und Zeichen, und sie erfüllen sich. Was soll man in einem solchen Fall tun?

לֹא תִשְׁמַע אֶל־דִּבְרֵי הַנָּבִיא הַהוּא אוֹ אֶל־חוֹלֵם הַחֲלוֹם הַהוּא כִּי מְנַסֶּה יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם אֶתְכֶם לָדַעַת הֲיִשְׁכֶם אֹהֲבִים אֶת־יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם בְּכָל־לְבַבְכֶם וּבְכָל־נַפְשְׁכֶם׃

lo tischmá el-diwré hannawí hahú o el-cholém hachalóm hahú ki menassé adonáj elohechém etchém ladá'at hajischchém ohawím et-adonáj elohechém bechol-lewawchém uwchol-nafschechém

4 Höre nicht auf diesen Propheten und höre nicht auf diesen Träumer, denn der HERR, euer Gott, prüft euch, um zu wissen, ob ihr den HERRN, euren Gott, wirklich liebt mit eurem ganzen Herzen und mit eurer ganzen Seele.

Aber wenn er dir gesagt hat: „Lasst uns anderen Göttern nachgehen“, dann gehorche ihm nicht, das heißt, schau nicht auf jene Wunder und Zeichen, die er tut. Höre, was er sagt, aber wenn in seiner Prophezeiung auch nur ein winziger Anflug davon ist, dass lasst uns hingehen und andere Götter anbeten, – gehorche diesem Propheten nicht. Und warum erfüllt sich dann seine Prophezeiung, woher kommen die Zeichen? Weil der HERR, euer Gott, euch prüft.

Liebt ihr Gott wirklich? Was heißt lieben? Was heißt überhaupt, einen Menschen zu lieben? Sehr oft verwechseln wir Liebe mit Leidenschaft. Wenn ich irgendeine Frau nur deshalb liebe, weil es mir mit ihr gut geht, – das ist Leidenschaft. Ich liebe nicht sie, ich liebe mich neben ihr. Genauso wie ich Fisch liebe oder Makkaroni nach Marineart. Wenn ich einen Menschen wirklich liebe, weiß ich, was er will. Wenn ich Gott liebe, weiß ich, was Er will. Und ich weiß genau, dass Er mich nicht verderben will. Deshalb ist jeder Prophet, der mir sagt: „Komm, lass uns Zeus, Krishna oder Quetzalcoatl anbeten, sonst wird dir etwas so Schreckliches geschehen“, und jeder Prophet, der sagen wird: „Komm, lass uns Krishna, Vishnu, Quetzalcoatl oder wen auch immer anbeten, sonst wird dir etwas Gutes nicht geschehen. Dort werden dir die Götter mehr geben, oder dort werden die Götter dich vor etwas retten“, jeder solche Prophet ist eine Prüfung meiner Liebe zum Höchsten. Werde ich einem anderen Gott nachgehen, wenn man mich mit etwas lockt? Erst recht, wenn man ein atemberaubendes Zeichen tut.

Hier warnt Mosche: Geh nicht anderen Göttern nach, gehorche weder dem Propheten noch dem Träumer. Und warum gelingt es ihm? Weil es der HERR ist, der euch prüft.

אַחֲרֵי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם תֵּלֵכוּ וְאֹתוֹ תִירָאוּ וְאֶת־מִצְוֹתָיו תִּשְׁמֹרוּ וּבְקֹלוֹ תִשְׁמָעוּ וְאֹתוֹ תַעֲבֹדוּ וּבוֹ תִדְבָּקוּן׃

acharé adonáj elohechém teléchu we'otó tiráu we'et-mizwotáw tischmóru uwkoló tischmáu we'otó ta'awódu uwó tidbakún

5 Dem HERRN, eurem Gott, geht nach, Ihn fürchtet, und Seine Gebote haltet, und Seiner Stimme gehorcht, und Ihm dient, Ihm hängt an.

Strebt nicht zu anderen Göttern, die, wie es euch scheinen wird, wie euch irgendein Prophet sagen wird, euch mehr geben werden. Das ist eine Probe, das ist eine Prüfung eurer Liebe zu Gott. Und wie soll man mit diesem Propheten verfahren?

וְהַנָּבִיא הַהוּא אוֹ חֹלֵם הַחֲלוֹם הַהוּא יוּמָת כִּי דִבֶּר־סָרָה עַל־יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם הַמּוֹצִיא אֶתְכֶם מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם וְהַפֹּדְךָ מִבֵּית עֲבָדִים לְהַדִּיחֲךָ מִן־הַדֶּרֶךְ אֲשֶׁר צִוְּךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לָלֶכֶת בָּהּ וּבִעַרְתָּ הָרָע מִקִּרְבֶּךָ׃

wehannawí hahú o cholém hachalóm hahú jumát ki dibber-sará al-adonáj elohechém hammozí etchém me'érez mizrájim wehappodechá mibbét awadím lehaddichachá min-haddérech aschér ziwwechá adonáj elohécha laléchet ba uwi'artá hará mikkirbécha

6 Dieser Prophet aber oder dieser Träumer soll getötet werden, weil er Aufrührerisches gegen den HERRN, euren Gott, geredet hat, Der dich aus dem Land Ägypten herausgeführt und dich aus dem Haus der Knechtschaft losgekauft hat, – um dich von dem Weg abzubringen, auf dem zu gehen dir der HERR, dein Gott, geboten hat; vertreibe, vernichte das Böse in deiner Mitte.

Das heißt, der Prophet hat Gott verleumdet, von Dem du selbst weißt, was Er schon für dich getan hat. Vernichte das Böse aus deiner Mitte, selbst wenn dieser Prophet ein Israelit ist, genauso nett, der genauso wie du Hebräisch mit gerolltem R spricht. Vielleicht geht er mit dir in dieselbe Synagoge? Vielleicht fährt er mit dir im selben Bus? Und vielleicht wird es auch gar kein Prophet sein, sondern ein naher Mensch?

כִּי יְסִיתְךָ אָחִיךָ בֶן־אִמֶּךָ אוֹ־בִנְךָ אוֹ־בִתְּךָ אוֹ אֵשֶׁת חֵיקֶךָ אוֹ רֵעֲךָ אֲשֶׁר כְּנַפְשְׁךָ בַּסֵּתֶר לֵאמֹר נֵלְכָה וְנַעַבְדָה אֱלֹהִים אֲחֵרִים אֲשֶׁר לֹא יָדַעְתָּ אַתָּה וַאֲבֹתֶיךָ׃

ki jesitechá achícha wen-immécha o-winchá o-wittechá o éschet chekécha o re'achá aschér kenafschechá basséter lemór nelechá wena'awdá elohím acherím aschér lo jadá'ta attá wa'awotécha

7 Wenn dich dein Bruder, der Sohn deiner Mutter, verführen wird, oder dein Sohn, oder deine Tochter, oder die Frau, die an deiner Brust schläft, oder dein Seelenfreund, indem er heimlich sagt: „Lass uns gehen und anderen Göttern dienen, die weder du noch dein Vater gekannt hat“, –

Ein Freund, der dir – wie du selbst ist, wie deine eigene Seele, so ist es tatsächlich in wörtlicher Übersetzung – Seelenfreund (re'achá aschér kenafschechá).

מֵאֱלֹהֵי הָעַמִּים אֲשֶׁר סְבִיבֹתֵיכֶם הַקְּרֹבִים אֵלֶיךָ אוֹ הָרְחֹקִים מִמֶּךָּ מִקְצֵה הָאָרֶץ וְעַד־קְצֵה הָאָרֶץ׃

me'elohé ha'ammím aschér sewiwotechém hakkerowím elécha o harechokím mimmékka mikzé ha'árez we'ad-kezé ha'árez

8 Von den Göttern der Völker, die um euch herum sind, die dir nahe sind oder die, die fern von dir sind, wie das Ende der Erde vom Ende der Erde,

Wenn ein Mensch dir sagt: „Lass uns gehen und den Nachbargott Dagon anbeten“, oder „Lass uns mit Fragen und um Rat zu den papuanischen Hexen-TamasIm Original steht hier ein Ausdruck, der sich als „Hexen-Tamas“ lesen lässt und nicht eindeutig zu deuten ist. Er wurde lautgetreu übernommen. gehen“, oder „Lass uns mit den Eskimos zur Mutter Walrosskuh gehen“ – es ist egal, ob das nahe Götter oder ferne Götter sind, dann:

לֹא־תֹאבֶה לוֹ וְלֹא תִשְׁמַע אֵלָיו וְלֹא־תָחוֹס עֵינְךָ עָלָיו וְלֹא־תַחְמֹל וְלֹא־תְכַסֶּה עָלָיו׃

lo-towé lo weló tischmá eláw welo-tachós enechá aláw welo-tachmól welo-techassé aláw

9 Antworte ihm nicht bereitwillig, und höre nicht auf ihn, und deine Augen sollen ihn nicht verschonen, und hab kein Mitleid mit ihm, und decke ihn nicht,

Manchmal ist es sehr schwer – ach was, manchmal, immer ist es sehr schwer, die Hand gegen einen nahestehenden Menschen zu erheben, von dem wir gesagt haben: Vielleicht ist es deine Frau, vielleicht ist es dein Bruder, der Sohn deiner Mutter, vielleicht dein Sohn, deine Tochter, die Menschen, die dir am nächsten stehen, wie soll man mit ihnen kein Mitleid haben? Und hier sagt Mosche: „Deine Augen sollen ihn nicht verschonen, und hab kein Mitleid mit ihm, und decke ihn nicht.“ Man kann sagen: „Meine Liebe, ich werde niemandem sagen, dass du mit mir darüber gesprochen hast, lass uns dieses Gespräch vergessen.“ Mosche sagt hier: „Nein! Decke ihn nicht, selbst wenn es der allernächste Mensch für dich ist.“

כִּי הָרֹג תַּהַרְגֶנּוּ יָדְךָ תִּהְיֶה־בּוֹ בָרִאשׁוֹנָה לַהֲמִיתוֹ וְיַד כָּל־הָעָם בָּאַחֲרֹנָה׃

ki haróg tahargénnu jadechá tihje-bó warischoná lahamitó wejád kol-ha'ám ba'acharoná

10 Sondern mit Töten töte ihn, deine Hand soll die erste an ihm sein, um ihn zu töten, und die Hand des ganzen Volkes – danach.

So ist es immer üblich, dass derjenige Mensch, der Zeuge war, der nicht an dem zweifelt, was er gesehen hat, der ohne Sünde ist, – dass er als Erster den Stein wirft. Obwohl er dein Sohn ist, obwohl es deine Tochter ist, obwohl es deine Frau ist, musst du als Erster den Stein werfen, und erst danach – das ganze Volk. Natürlich ist es schrecklich, aber noch schrecklicher ist es, wie offensichtlich, einem fremden Gott nachzugehen.

וּסְקַלְתּוֹ בָאֲבָנִים וָמֵת כִּי בִקֵּשׁ לְהַדִּיחֲךָ מֵעַל יְהוָה אֱלֹהֶיךָ הַמּוֹצִיאֲךָ מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם מִבֵּית עֲבָדִים׃

uskaltó wa'awaním wamét ki wikkésch lehaddichácha me'ál adonáj elohécha hammozi'achá me'érez mizrájim mibbét awadím

11 Und du wirst ihn steinigen, und er wird sterben, denn er wollte dich wegstoßen vom HERRN, deinem Gott, von Dem, Der dich aus dem Land Ägypten herausgeführt hat, aus dem Haus der Sklaverei.

וְכָל־יִשְׂרָאֵל יִשְׁמְעוּ וְיִרָאוּן וְלֹא־יוֹסִפוּ לַעֲשׂוֹת כַּדָּבָר הָרָע הַזֶּה בְּקִרְבֶּךָ׃

wechol-jisraél jischme'ú wejira'ún welo-jossífu la'asót kaddawár hará hassé bekirbécha

12 Und ganz Israel wird hören und sich fürchten, und sie werden nicht mehr dieses Böse in deiner Mitte tun.

Das heißt, sie werden hören und sich fürchten vor dem, was mit einem Menschen geschieht, der nur daran gedacht hat, andere zu verführen, fremden Göttern nachzugehen.

Es gibt also Fälle, in denen es ein Prophet mit Zeichen ist, es gibt Fälle, in denen es ein nahestehender Mensch ist, und die Nähe zwingt dazu, ernsthaft abzuwägen: Sollte ich nicht auf diesen Menschen hören, der einfach mein eigen Fleisch und Blut ist? Und es gibt noch weitere Fälle.

כִּי־תִשְׁמַע בְּאַחַת עָרֶיךָ אֲשֶׁר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ נֹתֵן לְךָ לָשֶׁבֶת שָׁם לֵאמֹר׃

ki-tischmá be'achát arécha aschér adonáj elohécha notén lechá laschéwet scham lemór

13 Wenn du hörst (ein Gerücht zu dir dringt) über eine der Städte, die der HERR, dein Gott, dir gegeben hat, um dort zu wohnen, man sagt:

יָצְאוּ אֲנָשִׁים בְּנֵי־בְלִיַּעַל מִקִּרְבֶּךָ וַיַּדִּיחוּ אֶת־יֹשְׁבֵי עִירָם לֵאמֹר נֵלְכָה וְנַעַבְדָה אֱלֹהִים אֲחֵרִים אֲשֶׁר לֹא־יְדַעְתֶּם׃

jaze'ú anaschím bene-welijá'al mikkirbécha wajaddíchu et-joschewé irám lemór nelechá wena'awdá elohím acherím aschér lo-jeda'tém

14 Es sind völlig gesetzlose Leute aus deiner Mitte hervorgegangen und haben die Bewohner ihrer Stadt angestachelt und gesagt: „Lasst uns gehen und anderen Göttern dienen, die ihr nicht kennt“, –

Das Wort bene-welijá'al – das sind die, die nichts über sich haben. Das heißt, es ist so gekommen, dass du erfährst, dass eine ganze Stadt schon irgendwelchen Leuten nachgegangen ist, die dort gepredigt und die Stadt dazu angestachelt haben, anderen Göttern zu folgen.

Wisst ihr, wie oft man im Marketing sagt: „Millionen Menschen irren sich nicht.“ Seht, eine ganze Stadt, das ist schon allgemein anerkannt. Irgendwo ist das schon legal, irgendwo schon ganz normal. Das heißt: „Da ist doch nichts Seltsames dabei, dass eine ganze Stadt Dagon anbetet.“ Vielleicht werde auch ich, der Gesellschaft nach, vielleicht der neuen Mode nach, den Avantgardisten aus dieser Stadt folgen? Eine ganze Stadt hat sich verführen lassen. Was soll man mit ihr machen? Vielleicht dem Beispiel dieser Stadt folgen? Was soll man mit all den Bewohnern dieser Stadt machen, die schon abgefallen und anderen Göttern nachgegangen sind? Vor allem: sich nicht beeilen.

וְדָרַשְׁתָּ וְחָקַרְתָּ וְשָׁאַלְתָּ הֵיטֵב וְהִנֵּה אֱמֶת נָכוֹן הַדָּבָר נֶעֶשְׂתָה הַתּוֹעֵבָה הַזֹּאת בְּקִרְבֶּךָ׃

wedaraschtá wechakartá wescha'altá hetéw wehinné emét nachón haddawár ne'está hatto'ewá hassót bekirbécha

15 Und forsche nach, und untersuche, und befrage gründlich, und siehe, es hat sich tatsächlich herausgestellt, dass es die Wahrheit ist, tatsächlich ist dieser Gräuel in deiner Mitte geschehen,

Das heißt, sieh dich nicht einfach nur um oder untersuche, sondern versuche, so viele Zeugnisse wie möglich zu sammeln, so viel Material wie möglich, leiste die Arbeit der Datensammlung und setze dich gründlich mit den Daten auseinander, die du gesammelt hast. Sehr oft kommt es vor, dass ein Mensch Daten sammelt, Wörterbücher und Nachschlagewerke zusammenkauft, sich aber im Thema nicht auskennt. Man kann viel Material zu einer Sache sammeln, alles Mögliche zu der Sache sammeln, sich aber in der Sache nicht auskennen. Und hier gibt es den Befehl: „Setze dich mit dem auseinander, was du gesammelt hast, untersuche aufmerksam alle von dir gesammelten Daten.“ Erfahre die Meinung anderer Menschen, anderer Zeugen, was die Menschen selbst denken, triff keine Entscheidung, ohne die Menschen selbst gehört zu haben, denn du kannst nicht immer in das Innere eines Menschen schauen, genauer gesagt, du kannst niemals in das Innere eines Menschen schauen. Frage andere Menschen, andere Zeugen, höre unbedingt andere Meinungen an. Erst danach triff eine ernsthafte Entscheidung. Bevor man jemanden vertreibt und ausschließt, muss man eine gründliche Untersuchung durchführen. Was also soll man mit dieser Stadt tun?

הַכֵּה תַכֶּה אֶת־יֹשְׁבֵי הָעִיר הַהוּא (הַהִיא) לְפִי־חָרֶב הַחֲרֵם אֹתָהּ וְאֶת־כָּל־אֲשֶׁר־בָּהּ וְאֶת־בְּהֶמְתָּהּ לְפִי־חָרֶב׃

 hakké takké et-joschewéIn der russischen Umschrift fehlt im Wort für „die Bewohner“ ein Vokal. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen (joschewé), wie schon in Vers 14. ha'ír hahí lefi-chárew hacharém otá we'et-kol-ascher-bá we'et-behemtá lefi-chárew

16 Und mit Erschlagen erschlage die Bewohner dieser Stadt, vernichte sie mit dem Schwert vollständig (vernichte sie durch den Bann) und alles, was in ihr ist, und sogar das Vieh dieser Stadt vernichte mit dem Schwert.

Nichts von dem, was mit dem Götzendienst der Juden in Berührung gekommen ist, lässt sich in Ordnung bringen, nur vernichten.

וְאֶת־כָּל־שְׁלָלָהּ תִּקְבֹּץ אֶל־תּוֹךְ רְחֹבָהּ וְשָׂרַפְתָּ בָאֵשׁ אֶת־הָעִיר וְאֶת־כָּל־שְׁלָלָהּ כָּלִיל לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ וְהָיְתָה תֵּל עוֹלָם לֹא תִבָּנֶה עוֹד׃

we'et-kol-schelalá tikbóz el-tóch rechowá wesaraftá wa'ésch et-ha'ír we'et-kol-schelalá kalíl ladonáj elohécha wehajetá tel olám lo tibbané od

17 Und all ihre Beute sammle auf ihrem Platz, und verbrenne mit Feuer die Stadt selbst und all ihre Beute vollständig, für den HERRN, deinen Gott, und sie wird ein Hügel sein auf ewig, und sie soll nicht mehr aufgebaut werden.

וְלֹא־יִדְבַּק בְּיָדְךָ מְאוּמָה מִן־הַחֵרֶם לְמַעַן יָשׁוּב יְהוָה מֵחֲרוֹן אַפּוֹ וְנָתַן־לְךָ רַחֲמִים וְרִחַמְךָ וְהִרְבֶּךָ כַּאֲשֶׁר נִשְׁבַּע לַאֲבֹתֶיךָ׃

welo-jidbák bejadechá me'úma min-hachérem lemá'an jaschúw adonáj mecharón appó wenatan-lechá rachamím werichamchá wehirbécha ka'aschér nischbá la'awotécha

18 Nichts, nicht einmal das Geringste, soll von dem Gebannten an dir haften bleiben, damit der HERR sich abwende von Seinem Zorn und dir Erbarmen gebe und sich deiner erbarme und dich mehre, wie Er deinen Vätern geschworen hat.

Das heißt, schon die Tatsache, dass eine solche Stadt aufgetaucht ist, dass eine ganze Stadt aufgetaucht ist, die sich hat verführen lassen, anderen Göttern nachzugehen, – das ist schon eine Erscheinung des göttlichen Zorns. Und deshalb musst du Maßnahmen gegen diese Stadt ergreifen. Die Weisen streiten gerade über diese Anweisung in Bezug auf die Stadt, und die Mehrheit der Weisen sagt, dass das eben eine theoretische Anweisung ist. So etwas hat es nicht gegeben und wird es niemals geben, dass eine ganze Stadt sich abwendet und anderen Göttern nachgeht. Und nur Rabbi Jochanan sagt: „Ich aber bin auf den Ruinen einer solchen Stadt gewesen.“ Und dann ist eine solche Stadt vielleicht kein theoretisches Wissen. In jedem Fall wissen wir aus der Geschichte nicht, dass man so mit irgendeiner der Städte verfahren ist, aber ich neige dazu, Rabbi Jochanan zuzustimmen, dass die Tora wohl kaum irgendeine Theorie ausspricht, die nur für das akademische Studium bestimmt ist. Wohl kaum spricht Mosche davon in seiner RedeDieser Satz ist auch im Original so knapp und unvollständig. Er ist wörtlich übersetzt., und es ist durchaus möglich, dass es eine solche Stadt auch geben kann und dass so etwas in der jüdischen Geschichte geschehen kann.

Mosche schließt mit einem Gebet:

כִּי תִשְׁמַע בְּקוֹל יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לִשְׁמֹר אֶת־כָּל־מִצְוֹתָיו אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוְּךָ הַיּוֹם לַעֲשׂוֹת הַיָּשָׁר בְּעֵינֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ׃

ki tischmá bekól adonáj elohécha lischmór et-kol-mizwotáw aschér anochí mezawwechá hajom la'asót hajaschár be'ené adonáj elohécha

19 Wenn du doch nur auf die Stimme des HERRN, deines Gottes, hören würdest, um alle Seine Gebote zu halten, die ich dir heute gebiete, um das Rechte zu tun in den Augen des HERRN, deines Gottes.

Höre weder auf die Propheten noch auf die Nächsten noch auf die Gesellschaft, und auch auf die vornehme Welt höre nicht, was die Anbetung anderer betrifft, geh nicht anderen Göttern nach. Nur den HERRN, deinen Gott, bete an, Seine Gebote halte.

Edle Dons

Dewarim 14,1–21

Wir setzen das Studium des Wochenabschnitts Re'e fort und werden vom Anfang des 14. Kapitels des Buches Dewarim an lesen. Unser Kapitel beginnt mit wunderbaren Worten:

בָּנִים אַתֶּם לַיהוָה אֱלֹהֵיכֶם לֹא תִתְגֹּדְדוּ וְלֹא־תָשִׂימוּ קָרְחָה בֵּין עֵינֵיכֶם לָמֵת׃

baním attém ladonáj elohechém lo titgodedú welo-tassímu korchá ben enechém lamét

1 Ihr seid Söhne dem HERRN, eurem Gott; ritzt euch nicht (kratzt euch nicht, verderbt euren Körper nicht durch Einschnitte oder Kratzer) und macht keine Glatze zwischen euren Augen zum Gedenken an die Toten.

Ihr seid Söhne dem HERRN, eurem Gott. Wahrscheinlich hätten wir diesem Satz in der Tora schon längst begegnen müssen. Was würden wir nach diesem Satz gern hören? Man hätte lesen können: „Ihr seid Söhne dem HERRN, eurem Gott, darum betet zu Ihm, bittet Ihn, Er wird euch in all euren Werken segnen.“ Denselben Satz hätte man vor der Gabe der Zehn Gebote lesen können. Ja, praktisch an jeder Stelle in der Tora, wo vom Volk Israel die Rede ist, würden wir erwarten, diesen Satz zu hören. Und nun sagt Mosche das. Mosche sagt: „Ihr seid Söhne dem HERRN, eurem Gott.“ Was folgt nun daraus? Wovon spricht Mosche hier? Er sagt: „Ihr seid Söhne dem HERRN, eurem Gott. Ihr alle, die ihr hier steht, seid von edelster Herkunft, der edelsten, die es überhaupt geben kann. Ihr seid nicht Söhne eines Königs, ihr seid Söhne des Königs der Könige, darum benehmt euch würdig. Selbst wenn ihr Trauer habt, selbst wenn euch jemand von euren Nächsten stirbt, benehmt euch würdig und verderbt euren Körper nicht. Früher sprach Mosche davon, dass man sich vom Götzendienst entfernen und die Traditionen und Bräuche der Götzendiener nicht wiederholen soll, und fügte hinzu: „Handelt nicht wie sie, denn sie handeln schlecht.“ Jetzt aber spricht Mosche von etwas anderem: „Ihr seid Söhne des HERRN, eures Gottes, ihr seid ein heiliges Volk, und handelt, wie es Heiligen würdig ist.“ Es geht schon nicht mehr um die Entfernung vom Götzendienst, sondern um die Annäherung an die Heiligkeit. Das ist ein völlig anderer Ansatz, eine völlig andere Motivation, und in Vers 2 lesen wir:

כִּי עַם קָדוֹשׁ אַתָּה לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ וּבְךָ בָּחַר יְהוָה לִהְיוֹת לוֹ לְעַם סְגֻלָּה מִכֹּל הָעַמִּים אֲשֶׁר עַל־פְּנֵי הָאֲדָמָה׃

ki am kadósch attá ladonáj elohécha uwchá bachár adonáj lihjot lo le'ám segullá mikkól ha'ammim aschér al-pené ha'adamá

2 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott, und dich hat der HERR erwählt, Ihm ein Volk zu sein aus allen Völkern, die auf der Erde sind.

Es ist immer sehr schwer, das Wort segullá zu übersetzen. Von derselben Wurzel, sámech-gímel-lámed, stammen die Verben mesugál (fähig sein) und lehistagél (sich anpassen). Was bedeutet das – am segullá? Das ist ein Volk, durch das zu wirken der Höchste in dieser Welt erwählt hat. Ihr seid Gottes Werkzeug in dieser Welt, eine Vorrichtung für das Offenbarwerden des Göttlichen in der Welt, durch euch hat der HERR erwählt zu wirken.

Ihr seid ein heiliges Volk, und darum müsst ihr euch wie ein heiliges Volk benehmen, wie Söhne des HERRN, eures Gottes, euch würdig benehmen, wie es edlen Menschen geziemt. Selbst wenn bei euch jemand stirbt, selbst wenn das Herz vor Schmerz um den Verstorbenen zerreißt, fügt euch keine Verletzungen zu, reißt euch keine Haare aus (und das war damals ein sehr üblicher Ausdruck der Gefühle). Mosche sagt: „Ihr seid anders, denn ihr seid Söhne dem HERRN, eurem Gott. Ihr seid ein heiliges Volk, das der HERR erwählt hat, benehmt euch würdig.“ Dasselbe betrifft auch die Speise.

לֹא תֹאכַל כָּל־תּוֹעֵבָה׃

lo tochál kol-to'ewá

3 Esst keinerlei Gräuel.

Was bedeutet esst keinerlei Gräuel? Und wie erfahren wir, was ein Gräuel ist und was nicht? Und Mosche sagt: „Da ihr ein erwähltes heiliges Volk seid, da ihr Söhne des HERRN, eures Gottes, seid, muss in euch ein inneres Gefühl des Abscheus vor unreiner Speise sein.“ Und weiter folgt eine ausführliche Beschreibung (der wir schon im Buch Wajikra begegnet sind) dessen, was man essen darf und was nicht.

In Vers 4 lesen wir vom Hausvieh, das man essen darf.

זֹאת הַבְּהֵמָה אֲשֶׁר תֹּאכֵלוּ שׁוֹר שֵׂה כְשָׂבִים וְשֵׂה עִזִּים׃

sot habbehemá aschér tochélu schor se chessawím wesé issím

4 Das ist das Vieh, das ihr essen werdet: der Stier, der Widder und der Ziegenbock.

Vom Hausvieh dürfen wir Rindfleisch, Hammelfleisch und Ziegenfleisch essen – das ist das, was erlaubt ist.

In Vers 5 werden wir die Aufzählung der wilden Tiere lesen, die zum Essen erlaubt sind. Und man muss gleich einen Vorbehalt machen: Es gibt viele verschiedene Varianten der Übersetzung der Namen dieser Tiere. Warum? Weil die Namen dieser Tiere nicht erhalten geblieben sind und die Übersetzer diese Namen unterschiedlich verstehen, darum werden wir sie lesen, aber das ist ziemlich bedingt.

אַיָּל וּצְבִי וְיַחְמוּר וְאַקּוֹ וְדִישֹׁן וּתְאוֹ וָזָמֶר׃

ajál uzwí wejachmúr we'akkó wedischón ut'ó wasámer

5 Die Gazelle und der Hirsch und der Büffel und der wilde Widder und die Antilope und der sámer.

Bezüglich des letzten Tieres, das auf Hebräisch sámer heißt, gibt es ebenfalls sehr viele verschiedene Meinungen. In der Synodalübersetzung wird es Kamelopard genannt. Der Kamelopard ist ein mythisches Tier, es hat ihn nie gegeben, das ist eine Kreuzung aus Leopard und Kamel mit dem Kopf einer Giraffe. Gewöhnlich malte man ihn auf Wappen als Symbol der Macht, der Grausamkeit, der Stärke. Kurz, ein mythisches Tier. Das ist eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen, wo dieses Tier Luchskamel genannt wird. So ein Wesen ist das. In späteren Übersetzungen fing man an, es Saiga zu nennen. Rabbi Saadja Ga'on, Übersetzer der Tora ins Arabische und bekannter Kommentator, der im 10. Jahrhundert lebte, sagt, dass sámer höchstwahrscheinlich die Giraffe ist. Diese Tradition hat sich in den östlichen jüdischen Gemeinden erhalten, und höchstwahrscheinlich geht es hier tatsächlich um die Giraffe.

Außer den Merkmalen koscherer Tiere, die in der Tora gegeben werden, gibt es noch ein erstaunliches Merkmal: Die Milch koscherer Tiere gerinnt immer. Man kann Käse oder Quark aus Kuhmilch, aus Schafsmilch, aus Ziegenmilch machen, und auch aus Giraffenmilch kann man Quark und Käse machen. Es gibt in Israel eine Farm, die die Verwendung von Giraffen als Nahrung wiederherstellt und Giraffenkäse herstellt. Die Giraffe ist ein geschütztes Tier, man darf sie heute nicht schlachten, aber die Milch darf man verwenden, deshalb werden in Israel Giraffenquark und Giraffenkäse hergestellt. Und höchstwahrscheinlich ist der sámer, der hier erwähnt wird, die Giraffe. Aber ich lasse das als „höchstwahrscheinlich“ stehen, denn niemand weiß es sicher.

In Vers 6 wird eine allgemeine Bestimmung gegeben.

וְכָל־בְּהֵמָה מַפְרֶסֶת פַּרְסָה וְשֹׁסַעַת שֶׁסַע שְׁתֵּי פְרָסוֹת מַעֲלַת גֵּרָה בַּבְּהֵמָה אֹתָהּ תֹּאכֵלוּ׃

wechol-behemá mafrésset parsá weschossá'at schéssa scheté ferasót ma'alát gerá babbehema otá tochélu

6 Und jedes Vieh mit gespaltenem Huf und mit einem tiefen Einschnitt, der den Huf in zwei Teile spaltet, das wiederkäut – vom Vieh, das esst.

Das heißt, es wird ein Merkmal gegeben: gespaltener Huf und Wiederkäuen der Nahrung.

אַךְ אֶת־זֶה לֹא תֹאכְלוּ מִמַּעֲלֵי הַגֵּרָה וּמִמַּפְרִיסֵי הַפַּרְסָה הַשְּׁסוּעָה אֶת־הַגָּמָל וְאֶת־הָאַרְנֶבֶת וְאֶת־הַשָּׁפָן כִּי־מַעֲלֵה גֵרָה הֵמָּה וּפַרְסָה לֹא הִפְרִיסוּ טְמֵאִים הֵם לָכֶם׃

ach et-sé lo tochelú mimma'alé haggerá umimmafrissé happarsá haschessu'á et-haggamál we'et-ha'arnéwet we'et-haschafán ki-ma'alé gerá hémmaIn der russischen Umschrift beginnt das Wort hémma (sie) mit einem G-Laut statt mit H. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. ufarsá lo hifríssu teme'ím hem lachém

7 Aber diese esst nicht von denen, die wiederkäuen, und von denen mit gespaltenem Huf: das Kamel, den Hasen, den Klippschliefer, denn sie käuen die Nahrung wieder, aber ihre Hufe sind nicht gespalten, sie sind unrein für euch.

Das Kamel ist tatsächlich ein Wiederkäuer, aber sein Huf ist nicht gespalten. In Wirklichkeit hat es überhaupt keine Hufe, das Kamel gehört zur Gruppe der Schwielensohler. Bezüglich des Hasen und des Klippschliefers gibt es natürlich einen großen Streit, und viele Forscher sagen: „Na, hier steht bei euch über den Hasen und über den Klippschliefer geschrieben: denn sie käuen die Nahrung wieder, aber ihre Hufe sind nicht gespalten, sie sind unrein für euch. Wie käuen denn der Hase und der Klippschliefer die Nahrung wieder? Sie käuen die Nahrung nicht wieder, und das beweist, dass eure Autoren der Tora nichts wussten. Das haben einfach Menschen geschrieben, und zwar Menschen, die in der fünften Klasse der Schule keine Biologie gelernt haben.“ Was kann man darauf antworten? Natürlich ist die Tora kein Biologielehrbuch, und die Klassifikation, die die Tora hier anführt, ist keine biologische Klassifikation. Der Mensch musste nicht das Verdauungssystem von Hasen und Klippschliefern sezieren, und es geht darum, dass es dem Aussehen nach tatsächlich so aussieht, als ob sie die Nahrung gleichsam wiederkäuen. Deshalb warnt die Tora: „Seht, es scheint, dass sie die Nahrung wiederkäuen, aber sie haben ungespaltene Hufe, esst sie nicht.“ Ich wiederhole: Die Tora ist kein Biologielehrbuch, sie muss nicht späteren biologischen Klassifikationen entsprechen.

וְאֶת־הַחֲזִיר כִּי־מַפְרִיס פַּרְסָה הוּא וְלֹא גֵרָה טָמֵא הוּא לָכֶם מִבְּשָׂרָם לֹא תֹאכֵלוּ וּבְנִבְלָתָם לֹא תִגָּעוּ׃

we'et-hachasír ki-mafrís parsá hu weló gerá tamé hu lachém mibbesarám lo tochélu uwniwlatám lo tiggá'u

8 Und auch das Schwein darf man nicht essen, denn es hat gespaltene Hufe, käut aber die Nahrung nicht wieder, es ist unrein für euch; ihr Fleisch esst nicht, und ihr Aas berührt nicht (das ist in Bezug auf all diese Tiere gesagt).

Ab Vers 9 gibt die Tora Anweisungen in Bezug auf die Meerestiere.

אֶת־זֶה תֹּאכְלוּ מִכֹּל אֲשֶׁר בַּמָּיִם כֹּל אֲשֶׁר־לוֹ סְנַפִּיר וְקַשְׂקֶשֶׂת תֹּאכֵלוּ׃

et-sé tochelú mikkól aschér bammájim kol ascher-ló senappír wekaskéssetIn der russischen Umschrift beginnt das Wort wekaskésset (und Schuppen) mit B statt mit W. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen, wie im nächsten Vers. tochélu

9 Und dies werdet ihr essen von allem, was im Wasser ist: jeden Fisch, der Flosse und Schuppen hat, esst.

וְכֹל אֲשֶׁר אֵין־לוֹ סְנַפִּיר וְקַשְׂקֶשֶׂת לֹא תֹאכֵלוּ טָמֵא הוּא לָכֶם׃

wechól aschér en-ló senappír wekaskésset lo tochélu tamé hu lachém

10 Aber alles, was keine Flosse und keine Schuppen hat, esst nicht, es ist unrein für euch.

Im Buch Wajikra (11,9) lesen wir eine Ergänzung: alles, was Schuppen und Flossen hat, im Wasser. Warum ist das wichtig? Es gibt Fischarten (zum Beispiel die sehr verbreitete Makrele), die Schuppen haben, solange sie sich im Wasser befinden. Wenn man die Makrele aus dem Wasser nimmt, werden die Schuppen von ihr abgewaschen, und am Ende sehen wir sie ohne Schuppen. Es kann uns scheinen, dass sie zwar Flossen hat, aber keine Schuppen. Deshalb können wir denken, dass man Makrele nicht essen darf. Aber da die Tora im Buch Wajikra hinzufügt „alles, was Schuppen und Flossen hat, im Wasser“, müssen wir das prüfen. Die Makrele hat im Wasser Schuppen, und also ist sie zum Essen erlaubt. Ich spreche darüber, weil viele, die anfangen, sich koscher zu ernähren, auf Makrele verzichten und sagen: „Wir sehen bei ihr keine Schuppen.“ Diese Ergänzung ist wichtig.

כָּל־צִפּוֹר טְהֹרָה תֹּאכֵלוּ׃

kol-zippór tehorá tochélu

11 Jeden reinen Vogel esst,

וְזֶה אֲשֶׁר לֹא־תֹאכְלוּ מֵהֶם הַנֶּשֶׁר וְהַפֶּרֶס וְהָעָזְנִיָּה׃

wesé aschér lo-tochelú mehém hannéscher wehappéres weha'osnijá

12 Und das ist es, was ihr von ihnen nicht essen werdet: der Adler, der Bartgeier (Seeadler), der Fischadler (Geier),

Und wieder muss man, wie ich es vor Vers 5 getan habe, vorausschicken, dass wir in Wirklichkeit die Namen der meisten dieser Vögel nicht kennen, und die Übersetzung ist hier ziemlich bedingt. Es gibt viele Wörterbücher, viele Streitigkeiten, viele Untersuchungen in Bezug auf diese Vögel, aber den genauen Namen kennt niemand, deshalb wiederhole ich, dass die Übersetzungen bedingt sind.

וְהָרָאָה וְאֶת־הָאַיָּה וְהַדַּיָּה לְמִינָהּ׃

wehara'á we'et-ha'ajáIn der russischen Umschrift beginnt das Wort ha'ajá mit einem G-Laut statt mit H. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. wehaddajá leminá

13 Und den Hühnerhabicht, und den Falken, und den Milan nach seiner Art,

וְאֵת כָּל־עֹרֵב לְמִינוֹ׃

we'ét kol-oréw leminó

14 Und alle Raben nach ihrer Art,

וְאֵת בַּת הַיַּעֲנָה וְאֶת־הַתַּחְמָס וְאֶת־הַשָּׁחַף וְאֶת־הַנֵּץ לְמִינֵהוּ׃

we'ét bat haja'aná we'et-hattachmás we'ét-hascháchaf we'et-hannéz leminéhu

15 Und den Strauß und den Ziegenmelker und die Möwe und den Habicht nach seiner Art,

אֶת־הַכּוֹס וְאֶת־הַיַּנְשׁוּף וְהַתִּנְשָׁמֶת׃

et-hakkós we'et-hajanschúf wehattinschámet

16 Und den Kauz und den Uhu (Ibis) und die weiße Eule,

וְהַקָּאָת וְאֶת־הָרָחָמָה וְאֶת־הַשָּׁלָךְ׃

wehakka'át we'et-haracháma we'et-haschalách

17 Und die Wüsteneule (den Pelikan) und den Geier (den Aasgeier) und den Kormoran,

וְהַחֲסִידָה וְהָאֲנָפָה לְמִינָהּ וְהַדּוּכִיפַת וְהָעֲטַלֵּף׃

wehachassidá weha'onafá leminá wehadduchifát weha'atalléf

18 Und den Storch und den Reiher nach seiner Art und den Wiedehopf und die Fledermaus,

וְכֹל שֶׁרֶץ הָעוֹף טָמֵא הוּא לָכֶם לֹא יֵאָכֵלוּ׃

wechól schérez ha'óf tamé hu lachém lo je'achélu

19 Und jedes fliegende Insekt – unrein ist es für euch, esst es nicht,

כָּל־עוֹף טָהוֹר תֹּאכֵלוּ׃

kol-óf tahór tochélu

20 Jeden reinen Vogel aber – esst.

Einerseits erlaubt die Tora, das Fleisch von Tieren, Fischen und Vögeln zu essen, andererseits erlaubt die Tora von der ganzen Vielfalt der Tiere, Fische und Vögel nur einige wenige Arten. Im Vergleich zur ganzen Vielfalt der Tiere ist uns Fleisch, kann man sagen, verboten. Weder einen Elefanten noch ein Nilpferd, weder einen Wal noch einen Geier können wir essen. Unsere Macht, Tiere zu essen, ist dennoch begrenzt, und der Genuss von Fleisch ist nicht immer nützlich, der Genuss des Fleisches der meisten Tiere ist dennoch verboten.

In Vers 21 lesen wir den Abschluss der Anweisungen in Bezug auf die Speise.

לֹא תֹאכְלוּ כָל־נְבֵלָה לַגֵּר אֲשֶׁר־בִּשְׁעָרֶיךָ תִּתְּנֶנָּה וַאֲכָלָהּ אוֹ מָכֹר לְנָכְרִי כִּי עַם קָדוֹשׁ אַתָּה לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ לֹא־תְבַשֵּׁל גְּדִי בַּחֲלֵב אִמּוֹ׃

lo-tochelú chol-newelá laggér ascher-bisch'arécha tittenénna wa'achalá o machór lenochrí ki am kadósch attá ladonáj elohécha lo-tewaschél gedí bachaléw immó

21 Esst kein Aas, gebt es dem Fremdling, der in euren Toren ist, und er soll es essen, oder verkaufe es einem Ausländer, denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Koche das Böckchen nicht in der Milch der Mutter.

Da es verboten ist, das Aas nicht koscherer Tiere zu berühren, ist klar, dass hier nur vom Aas koscherer Tiere die Rede ist. Von den nicht koscheren ist überhaupt keine Rede, dieses Aas darf man nicht einmal berühren. Es gibt Völker, die Verendetes essen, tote Tiere. Und wenn irgendein Mensch friedlich in deinen Toren wohnt, nicht im Bund mit dem Höchsten steht, keinerlei Gebote auf sich genommen hat, dann kannst du dem Fremdling, der bei dir ständiger Bewohner ist und mit dem du friedlich lebst, das Fleisch eines toten Tieres schenken. Dem Fremdling kann man es einfach schenken, dem Ausländer aber verkauft man es besser. Mit dem Fremdling muss man den Frieden wahren, mit dem Ausländer aber kann man geschäftliche Beziehungen haben. Das heißt, die Frage: „Kann man denn am Fleisch eines verendeten Tieres verdienen, das zu essen verboten ist?“ Und die Tora sagt hier: „Man kann, verkaufe es, Hauptsache, iss es nicht selbst, denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott.“

Und wieder wird nach der Erwähnung der Heiligkeit ein Gebot wiederholt, dem wir in der Tora ebenfalls schon begegnet sind – koche das Böckchen nicht in der Milch der Mutter. Dieses Gebot ist darin erstaunlich, dass das Fleisch des Böckchens für sich erlaubt ist, die Milch für sich erlaubt ist, aber irgendeine Vermischung von beidem verboten ist. Über dieses Gebot gibt es natürlich eine unendliche Menge von Streitigkeiten. Es gibt Kommentatoren, die sagen: „Das hat überhaupt nichts mit dem Kochen zu tun. Es geht darum, dass man das Böckchen lange, lange bei der Muttermilch hält“, denn das Wort tewaschél (vom Verb lewaschél) bedeutet auch reifen, und auf diese Weise erhält man ein besonders zartes Milchböckchen. Das heißt, die Tora verbietet hier nach Meinung dieser Kommentatoren Eingriffe in die Natur: zum Beispiel, wenn man Gänse auf besondere Weise mästet, damit sie eine große Leber haben, oder wenn man Hähne kastriert, damit sie besonderes Fleisch haben, oder wenn man Kühe in besondere Schaukeln hängt und ihnen Bier zu trinken gibt, und verschiedene andere Dinge, die scheinbar erlaubt sind, die die Tora hier aber verbietet. So sagen manche Kommentatoren. Nach der Halacha geht es hier um das Verbot der Vermischung von Milchigem und Fleischigem. Milch ist Raub: Wenn wir Milch trinken, berauben wir die Kuh, wir nehmen ihr die Milch weg, die für ihr Kalb bestimmt ist. Wenn wir das Fleisch der Kuh nehmen, töten wir sie. Und die Kommentatoren sagen: „Hier ist die Vermischung von Raub und Mord verboten, füge nicht Raub zum Mord hinzu.“ Wieder geht es um Edelmut und Heiligkeit. Und hier wird gesagt: „Ein Böckchen in der Milch der Mutter zu kochen – das ist unedel.“

Das Buch Schemot spricht davon im Zusammenhang mit dem Fest Sukkot, als im Herbst die benachbarten Völker das Böckchen in der Milch der Mutter kochten. Abarbanel, ein mittelalterlicher Kommentator, sagt, er habe gehört, dass es zu seiner Zeit auch in England einen solchen Brauch gab. Wenn dieses Gebot früher zur Absonderung von einem heidnischen Brauch gegeben wurde, so wird hier schon gesagt: „Lasst die Heiden, lasst den Götzendienst, ihr seid ein heiliges Volk, und die Vermischung von Milchigem und Fleischigem, das Kochen des Böckchens in der Milch der Mutter entspricht nicht dem Status eines heiligen Volkes. Es ziemt sich nicht für euch als heiliges Volk, das zu tun.“

Natürlich gibt es in der Küche vieler Völker in unserer Zeit Gerichte, in denen Milchiges und Fleischiges vermischt wird, vom Cheeseburger bis zur Lasagne oder Moussaka. Und natürlich ruft dieses Gebot viele Streitigkeiten hervor. Warum? Weil die Weisen festgelegt haben, dass man nicht nur das Böckchen nicht in der Milch der Mutter kochen darf, sondern überhaupt Milchiges und Fleischiges trennen muss, das Geschirr trennen muss. Denn in den Poren des Geschirrs, wenn das Geschirr porös ist, können Fleisch und Milch zurückbleiben. Wenn wir in Geschirr, in dessen Poren Fleisch ist, heiße Milch gießen oder umgekehrt, dann geschieht ein Kochen – mag es auch in winzigen Mengen sein, aber es geschieht, und man muss in dieser Frage Vorsicht walten lassen. Glasgeschirr aber oder irgendein modernes Geschirr, das die Speise nicht in sich aufnimmt, muss man nicht unbedingt trennen. Für den einen ist das übermäßige Vorsicht, für den anderen ist das ein Hinzufügen zu den Geboten der Tora, und für wieder einen anderen ist das das Bemühen, das Gebot der Tora so sorgfältig wie möglich einzuhalten, damit nicht einmal in minimalen Mengen Fleisch in Milch zubereitet wird. Und da dies das Stehen des Menschen vor dem Höchsten ist, hat natürlich der Mensch diese Frage zu entscheiden. Oder, sagen wir, sechs Stunden zu warten, nachdem man Fleisch gegessen hat, um Milchiges zu essen. Für den einen ist das eine Erschwerung, und zwar eine ernste Erschwerung, weil man nach einer Portion Schaschlik Kaffee mit Milch trinken möchte. Für den anderen ist das wieder eine Frage des Stehens vor dem Höchsten. Natürlich ruft eine solche Auslegung des Gebots sehr viele Streitigkeiten hervor.

Ich rate denen, die streiten, die Geschichte der Entstehung dieser Gebote zu studieren, die Motive, warum diese Gebote und Erschwerungen aufkamen, und erst dann in den Streit darüber einzutreten, ob hier die Gebote Gottes durch Gebote von Menschen ersetzt sind, ob es hier einfach um eine menschliche Erschwerung geht oder doch um einen Ausdruck von Edelmut. Das ist eine offene Frage, ich sage nicht, dass es irgendeine endgültige Position in dieser Frage gibt. Das ist ein Streit, und dieser Streit wird wahrscheinlich noch lange andauern.

Mikrobewegungen

Dewarim 14,22–15,1–23

Mit Gottes Hilfe setzen wir, ihr und ich, das Studium des Wochenabschnitts Re'e fort und werden ab Vers 22 von Kapitel 14 des Buches Dewarim lesen.

עַשֵּׂר תְּעַשֵּׂר אֵת כָּל־תְּבוּאַת זַרְעֶךָ הַיֹּצֵא הַשָּׂדֶה שָׁנָה שָׁנָה׃

assér te'assér et kol-tewu'át sar'écha hajozé hassadé schaná schaná

22 Verzehnte den Zehnten (wenn man wörtlich übersetzt), sondere den Zehnten ab von allem Ertrag deines Getreides, der vom Feld hervorgeht, von Jahr zu Jahr (oder Jahr für Jahr).

Jedes Jahr sondere den Zehnten von deinem ganzen Ertrag ab. Hier ist nicht von dem Zehnten die Rede, der dem Leviten gegeben wird. Es geht um das, was ma'assér schení oder der zweite Zehnte genannt wird. Angenommen, bei einem Menschen sind hundert Tonnen Trauben gewachsen. Von diesen hundert Tonnen gibt er zehn Tonnen dem Leviten. Weiter gibt dann der Levit eine Tonne dem Kohen. Von den übrigen neunzig Tonnen wird der zweite ma'assér (der zweite Zehnte) abgesondert – neun Tonnen. Und nun erzählt unser Abschnitt davon, was mit diesen neun Tonnen Trauben zu tun ist. Von neun Tonnen Trauben spreche ich nur als Beispiel.

וְאָכַלְתָּ לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר לְשַׁכֵּן שְׁמוֹ שָׁם מַעְשַׂר דְּגָנְךָ תִּירֹשְׁךָ וְיִצְהָרֶךָ וּבְכֹרֹת בְּקָרְךָ וְצֹאנֶךָ לְמַעַן תִּלְמַד לְיִרְאָה אֶת־יְהוָה אֱלֹהֶיךָ כָּל־הַיָּמִים׃

we'achaltá lifné adonáj elohécha bammakóm ascher-jiwchár leschakkén schemó scham ma'sár deganechá tiroschechá wejizharécha uwchorót bekarechá wezonécha lemá'an tilmád lejir'á et-adonáj elohécha kol-hajamím

23 Und du wirst vor dem HERRN, deinem Gott, essen, an dem Ort, den Er erwählen wird zum Verweilen Seines Namens, so wirst du den Zehnten essen von deinem Getreide, von deinen Trauben und von deinem Öl und die Erstgeborenen deines Viehs und von deinem Kleinvieh, damit du lernst, den HERRN, deinen Gott, zu fürchten, alle Tage deines Lebens.

Das also tust du mit dem zweiten ma'assér, mit dem zweiten Zehnten: Du bringst ihn an den Ort, den der HERR erwählt hat zum Verweilen Seines Namens. In unserem Fall zum Beispiel nach Jerusalem. Heute gibt es keinen Tempel, und diese Gebote sind nicht so aktuell. Du musst dieses Getreide, diese Trauben, alle Früchte von deinem Feld (den zweiten ma'assér, den zweiten Zehnten)  zusammen mit deiner Familie nach Jerusalem bringen. Du wirst dort die Ernte feiern, wirst den Segen des HERRN feiern: das vor dem Angesicht des HERRN essen, damit du lernst, den HERRN zu fürchten, damit du den HERRN segnest und daran denkst, dass die Quelle all deines Segens der HERR ist. Aber es gibt leicht verderbliche Lebensmittel und einen weiten Weg. Deshalb sagt die Tora:

וְכִי־יִרְבֶּה מִמְּךָ הַדֶּרֶךְ כִּי לֹא תוּכַל שְׂאֵתוֹ כִּי־יִרְחַק מִמְּךָ הַמָּקוֹם אֲשֶׁר יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לָשׂוּם שְׁמוֹ שָׁם כִּי יְבָרֶכְךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ׃

wechi-jirbé mimmechá haddérech ki lo tuchál se'etó ki-jirchák mimmechá hammakóm aschér jiwchár adonáj elohécha lasúm schemó scham ki jewarechechá adonáj elohécha

24 Wenn der Weg für dich zu groß wird (zu lang wird) und du es nicht hintragen kannst, wenn der Ort, den der HERR, dein Gott, erwählt hat, damit dort Sein Name wohne, fern von dir sein wird, weil der HERR dich gesegnet hat,

Du wirst nicht all deine Erzeugnisse nach Jerusalem bringen können, weil du weit weg von Jerusalem wohnen wirst. Dein Land wird groß werden, und Trauben, Kirschen, Pfirsiche, Birnen – all dieses leicht verderbliche Obst wirst du nicht bis nach Jerusalem tragen können. Und Lämmer und Jungstiere nach Jerusalem zu treiben, wird auch schwierig sein.

Wenn der Höchste das Volk Israel damit segnet, dass das Gebiet des Landes Israel größer wird, dann entstehen entsprechend Orte, die immer weiter und weiter von Jerusalem entfernt sein werden, sodass man das Obst gar nicht mehr hintragen kann. Bei einem Menschen, der in der Provinz lebt, weit weg von Jerusalem, vielleicht einige Wochen Weg von Jerusalem entfernt, kann ein Gefühl aufkommen, das bei Menschen in der Provinz oft aufkommt: „Ich wohne weit weg, und ich würde so gern in der Hauptstadt wohnen oder in der Nähe der Hauptstadt, bei dem Ort, den der Höchste erwählt hat!“ Und es ist ein bisschen kränkend, in der Provinz zu leben. Aber hier sagt Mosche: Dass du in der Provinz lebst, allein die Tatsache, dass es eine Provinz gibt – das ist ein Zeugnis dafür, dass der Höchste dich gesegnet hat. Indem du in der Provinz lebst und ferne Länder erschließt, hast du Anteil daran, dass der Höchste dein Volk segnet. Aber das Obst verdirbt natürlich. Was soll man dann tun?

וְנָתַתָּה בַּכָּסֶף וְצַרְתָּ הַכֶּסֶף בְּיָדְךָ וְהָלַכְתָּ אֶל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בּוֹ׃

wenatattá bakkássef wezartá hakkéssef bejadechá wehalachtá el-hammakóm aschér jiwchár adonáj elohécha bo

25 Tausche es gegen Silber ein, und du wirst einen Silberbarren in deine Hand nehmen, und du wirst an eben den Ort gehen, den der HERR erwählt hat.

In heutiger Sprache ausgedrückt: Verkaufe deine Ernte und nimm stattdessen Geld. Wenn du mit deinem Obst weit gehen musst, dann verkaufst du es für Geld und gehst mit diesem Geld nach Jerusalem (es gibt die Regel, dass man es für einen höheren Wert auslösen muss als den Marktwert, aber wir werden jetzt nicht auf die Feinheiten dieser Gesetze eingehen). Und dort kommst du an den Ort, den der HERR erwählt hat.

וְנָתַתָּה הַכֶּסֶף בְּכֹל אֲשֶׁר־תְּאַוֶּה נַפְשְׁךָ בַּבָּקָר וּבַצֹּאן וּבַיַּיִן וּבַשֵּׁכָר וּבְכֹל אֲשֶׁר תִּשְׁאָלְךָ נַפְשֶׁךָ וְאָכַלְתָּ שָּׁם לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ וְשָׂמַחְתָּ אַתָּה וּבֵיתֶךָ׃

wenatattá hakkéssef bechól ascher-te'awwé nafschechá babbakár uwazzón uwajájin uwaschechár uwchól aschér tisch'alechá nafschécha we'achálta scham lifné adonáj elohécha wesamachtá attá uwetécha

26 Und du gibst dein Geld für alles, was deine Seele wollen wird: für Großvieh und für Kleinvieh und für leichten Wein und für starken berauschenden Wein und für alles, was deine Seele nur begehren wird. Und du wirst dort vor dem HERRN, deinem Gott, essen und dich freuen, du und dein Haus.

Wenn du an diesen Ort kommst – iss dort alles, was deiner Seele gefällt, kaufe für Geld für dein Fest alles, was deiner Seele gefällt. Das heißt, für Rindfleisch und für Lammfleisch und für Ziegenfleisch – für all das kannst du mit diesem Silber bezahlen. Wie wir schon gesagt haben, geht ein Mensch nach Jerusalem, geht an den heiligen Ort und nimmt sein ganzes Haus mit: seine Familie und die Diener und die Sklaven, wenn er welche hat, und alle zusammen gehen sie zum Fest nach Jerusalem. Wie kann man dieses Gebot heute erfüllen? Man kann bestimmte Beträge für das Fest zurücklegen. Wenn bei einem Menschen das Budget mal begrenzt ist und der Mensch nicht feiern kann – na, das Geld reicht nicht für die Feste –, dann kann man es zurücklegen, um die großen Feste von diesem zurückgelegten Geld zu feiern. Also, du kommst an den Ort, den der HERR erwählt hat, und feierst dort, du und dein Haus. Und wen darf man nicht vergessen?

וְהַלֵּוִי אֲשֶׁר־בִּשְׁעָרֶיךָ לֹא תַעַזְבֶנּוּ כִּי אֵין לוֹ חֵלֶק וְנַחֲלָה עִמָּךְ׃

wehallewí ascher-bisch'arécha lo ta'aswénnu ki en lo chélek wenachalá immách

27 Und vergiss (verlass) den Leviten nicht, der bei dir ist (in deinen Toren), denn er hat keinen Teil und kein Erbteil mit dir.

Auch den Leviten und seine Familie musst du einladen, denn sein Erbteil – das ist Gott, und du musst für den Leviten sorgen. So muss man im ersten, zweiten, vierten und fünften Jahr des Jahrsiebts handeln. Im dritten und sechsten aber muss man anders handeln.

מִקְצֵה שָׁלֹשׁ שָׁנִים תּוֹצִיא אֶת־כָּל־מַעְשַׂר תְּבוּאָתְךָ בַּשָּׁנָה הַהִוא וְהִנַּחְתָּ בִּשְׁעָרֶיךָ׃

mikzé schalósch schaním tozí et-kol-ma׳sár tewu'atechá baschaná hahí wehinnachtá bisch'arécha

28 Nach Ablauf von drei Jahren hole den ganzen Zehnten von deiner Ernte jenes Jahres heraus und lege ihn in deinen Toren nieder.

Das heißt, im dritten und sechsten Jahr des Jahrsiebts gehst du nicht mit deiner ganzen Ernte an den heiligen Ort, sondern verteilst deine Ernte an die Armen an deinem Wohnort.

וּבָא הַלֵּוִי כִּי אֵין־לוֹ חֵלֶק וְנַחֲלָה עִמָּךְ וְהַגֵּר וְהַיָּתוֹם וְהָאַלְמָנָה אֲשֶׁר בִּשְׁעָרֶיךָ וְאָכְלוּ וְשָׂבֵעוּ לְמַעַן יְבָרֶכְךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בְּכָל־מַעֲשֵׂה יָדְךָ אֲשֶׁר תַּעֲשֶׂה׃

uwá hallewí ki en-ló chélek wenachalá immách wehaggér wehajatóm weha'almaná aschér bisch'arécha we'achelú wesawé'u lemá'an jewarechechá adonáj elohécha bechol-ma'assé jadechá aschér ta'assé

29 Und der Levit wird kommen, denn er hat keinen Anteil (kein Erbteil) mit dir, und der Fremdling und die Waise und die Witwe, die in deinen Toren sind, und sie werden essen und satt werden, damit der HERR, dein Gott, dich segne in all deinen Werken, die du tun wirst.

Mit dem Fremdling ist derjenige gemeint, der sich deinem Volk angeschlossen hat und der vielleicht keine Verwandten hat, die ihn unterstützen können, der kein Erbteil an Land hat.

Also, im ersten, zweiten, vierten und fünften Jahr bringt der Mensch den zweiten Zehnten an den heiligen Ort und feiert dort zusammen mit der Familie. Im dritten und im sechsten Jahr verteilt der Mensch den Zehnten an die Armen in seiner Stadt. Das Erste geschieht, damit der Mensch Gott im Gedächtnis behält und fürchtet, damit er in die Gegenwart Gottes kommt, in der Gegenwart Gottes feiert und dadurch lernt, Ihn zu fürchten. Über das Zweite aber wird gesagt werden: Wenn du den Armen helfen wirst, wenn du für die Armen sorgen wirst, für die Witwen, die Waisen, die Fremdlinge, für die Leviten, dann wird der HERR jedes Werk deiner Hände segnen. Das ist das, was die Zehnten betrifft.

Damit endet Kapitel 14, und wir werden Kapitel 15 lesen.

מִקֵּץ שֶׁבַע־שָׁנִים תַּעֲשֶׂה שְׁמִטָּה׃

mikkéz schewa-schaním ta'assé schemittá

1 Und nach Ablauf von sieben Jahren tu das, was Schmita (Erlass) genannt wird.

Das Wort schmitá kommt vom Verb lischmót (aus der Hand lassen, fallen lassen, von den Händen werfen, von den Händen abschütteln).

וְזֶה דְּבַר הַשְּׁמִטָּה שָׁמוֹט כָּל־בַּעַל מַשֵּׁה יָדוֹ אֲשֶׁר יַשֶּׁה בְּרֵעֵהוּ לֹא־יִגֹּשׂ אֶת־רֵעֵהוּ וְאֶת־אָחִיו כִּי־קָרָא שְׁמִטָּה לַיהוָה׃

wesé dewár haschemittá schamót kol-bá'al masché jadó aschér jasché bere'éhu lo-jiggós et-re'éhu we'et-achíw ki-kará schemittá ladonáj

2 Und darin wird der Erlass bestehen: Jeder, der in seiner Hand hält, was er seinem Nächsten geliehen hat, soll es loslassen; er soll von seinem Nächsten und von seinem Bruder nicht erpressen, denn ein Erlass für den HERRN ist ausgerufen.

Wie ist das – in seiner Hand hält? Das heißt, er spürt taktil, wie er das zurückbekommen wird. Man kann das aber auch anders sehen: als ob er mit seiner Hand das Geld hält, das sich jetzt bei einem anderen befindet – bei dem, dem er es geliehen hat; er hält seine Hand in einer fremden Tasche oder in einem fremden Haus, das taktile Gefühl einer zusammengepressten Hand. Lass die Hand los, lass los, befreie dich von dem Gefühl, dass du besitzt, was du jemandem geliehen hast. Wenn dieser Jemand es dir bis zum siebten Jahr nicht zurückgeben konnte – lass los, lass alles los, verlass dich auf den HERRN, gib alles dem HERRN. Unsere Kränkungen, irgendwelche unserer Erlebnisse, irgendwelche unserer Wunden aus der Kindheit oder aus dem Erwachsenenleben können uns ebenfalls auf der Ebene körperlicher Empfindungen festhalten. Und auch von ihnen lohnt es sich, sich zu befreien, auch sie sind irgendwo in uns ein Zusammenpressen – so sagt die Psychologie. Die Tora spricht von der Befreiung von Schulden, von der Befreiung von dem Gefühl, dass dir jemand etwas schuldet. Und genauso kann man sich von Kränkungen und von irgendwelchen Traumata befreien.

 Das Wort jiggós, das hier gebraucht wird, kann man als erpressen, mit Gewalt die Herausgabe fordern übersetzen, im Unterschied zu eintreiben. Eine Schuld, die ein Mensch dir schuldet, kann man eintreiben, aber da du sie erlassen hast, wird die Forderung nach Rückgabe der Schuld eine Erpressung sein.

אֶת־הַנָּכְרִי תִּגֹּשׂ וַאֲשֶׁר יִהְיֶה לְךָ אֶת־אָחִיךָ תַּשְׁמֵט יָדֶךָ׃

et-hannochrí tiggós wa'aschér jihjé lechá et-achícha taschmét jadécha

3 Vom Ausländer fordere, aber bei dem, was von deinem Bruder sein wird, lockere die Hand (lass es aus den Händen, schüttle es von deinen Händen ab).

אֶפֶס כִּי לֹא יִהְיֶה־בְּךָ אֶבְיוֹן כִּי־בָרֵךְ יְבָרֶכְךָ יְהוָה בָּאָרֶץ אֲשֶׁר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ נֹתֵן־לְךָ נַחֲלָה לְרִשְׁתָּהּ׃

éfes ki lo jihje-bechá ewjon ki-waréch jewarechécha adonáj ba'árez aschér adonáj elohécha noten-lechá nachalá lerischtá

4 Es soll bei dir keinen Bettler geben, denn mit Segen wird dich der HERR segnen in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir zum Erbteil gibt, damit du es erbst,

רַק אִם־שָׁמוֹעַ תִּשְׁמַע בְּקוֹל יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לִשְׁמֹר לַעֲשׂוֹת אֶת־כָּל־הַמִּצְוָה הַזֹּאת אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוְּךָ הַיּוֹם׃

rak im-schamóa tischmá bekól adonáj elohécha lischmór la'asót et-kol-hammizwá hassót aschér anochí mezawwechá hajom

5 Nur wenn du auf die Stimme des HERRN, deines Gottes, hören wirst, um dich zu bemühen, dieses ganze Gebot zu erfüllen, das ich dir heute gebiete,

כִּי־יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בֵּרַכְךָ כַּאֲשֶׁר דִּבֶּר־לָךְ וְהַעֲבַטְתָּ גּוֹיִם רַבִּים וְאַתָּה לֹא תַעֲבֹט וּמָשַׁלְתָּ בְּגוֹיִם רַבִּים וּבְךָ לֹא יִמְשֹׁלוּ׃

ki-adonáj elohécha berachechá ka'aschér dibber-lách weha'awattá gojím rabbím we'attá lo ta'awót umaschaltá begojím rabbím uwchá lo jimschólu

6 Denn der HERR, dein Gott, segnet dich, wie Er dir gesagt hat, und du wirst vielen Völkern auf Zins leihen, du selbst aber wirst nicht auf Zins borgen, und du wirst über viele Völker walten, herrschen, über dich aber wird man nicht herrschen.

Dank der Fähigkeit, zu vergeben und sich auf den Höchsten zu verlassen, wirst du auch weiterhin verleihen können, Ausländern verleihen. Deine Wirtschaft wird sich so entwickeln, dass die Ausländer bei dir borgen werden, du aber wirst nicht bei ihnen borgen. Du wirst Macht über sie haben, sie aber werden keinerlei Macht über dich haben. Und was soll man mit den Armen im eigenen Volk machen?

כִּי־יִהְיֶה בְךָ אֶבְיוֹן מֵאַחַד אַחֶיךָ בְּאַחַד שְׁעָרֶיךָ בְּאַרְצְךָ אֲשֶׁר־יְהוָה אֱלֹהֶיךָ נֹתֵן לָךְ לֹא תְאַמֵּץ אֶת־לְבָבְךָ וְלֹא תִקְפֹּץ אֶת־יָדְךָ מֵאָחִיךָ הָאֶבְיוֹן׃

ki-jihjé wechá ewjon me'achád achécha be'achád sche'arécha be'arzechá ascher-adonáj elohécha notén lach lo te'ammézIn der russischen Umschrift beginnt das Wort lo (nicht) hier mit D statt mit L. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text. et-lewawechá weló tikpóz et-jadechá me'achícha ha'ewjon

7 Und wenn bei dir ein Bettler sein wird, einer von deinen Brüdern, in einem von deinen Toren (einer von deinen Städten) in deinem Land, das der HERR, dein Gott, dir gegeben hat, verfestige dein Herz nicht und presse deine Hand nicht zusammen vor deinem bettelarmen Bruder.

Wieder ist von irgendwelchen körperlichen Empfindungen die Rede. Manchmal ist es so beängstigend, dem Bruder oder dem Nächsten etwas zu geben. Und das wird auf der körperlichen Ebene gespürt, auf der Ebene von Mikrobewegungen, auf der Ebene der Körpersprache, wie ein Zusammenpressen der Hand. Und welche Reflexbewegung muss statt des Zusammenpressens der Hand da sein?

כִּי־פָתֹחַ תִּפְתַּח אֶת־יָדְךָ לוֹ וְהַעֲבֵט תַּעֲבִיטֶנּוּ דֵּי מַחְסֹרוֹ אֲשֶׁר יֶחְסַר לוֹ׃

ki-fatóach tiftách et-jadechá lo weha'awét ta'awiténnu de machsoró aschér jechsár lo

8 Sondern mit Öffnen öffne ihm deine Hand, und mit Leihen leihe ihm alles, was ihm fehlt.

Um gegen deine eigene Habgier anzukämpfen, mach eine Anstrengung, lockere die Hand, öffne die Hand, lass es aus deiner Hand.

Und mit Leihen leihe – diese Wiederholung weist auf ein bereitwilliges Handeln hin, das heißt, leihe ihm mit ganzem Willen (und ich erinnere daran, dass man innerhalb des Volkes Israel nur ohne Zinsen leihen darf). Hilf ihm, alles auszugleichen, was ihm fehlt. Ein Mensch kann beschließen, dass bei seinem Bruder alles in Ordnung ist und der Bruder einfach übermütig wird, weil es ihm zu gut geht, dass in Wirklichkeit, nach meinen Begriffen, wenn du Brot und Margarine hast, und da habe ich doch bei dir vier Eier im Kühlschrank gesehen, du von allem genug hast. Nein, sagt die Tora, gib du ihm alles, was ihm fehlt. Das heißt, hilf ihm, mit deinem Darlehen zu erreichen, hilf ihm, die Stufe zu erreichen, die er erreichen will, die ihm fehlt.

Wozu braucht es eine solche Warnung? Tatsächlich kann man Angst bekommen, dass der Bruder die sieben Jahre hinzieht und dann die Schuld einfach nicht zurückgibt. Und davor warnt Mosche:

הִשָּׁמֶר לְךָ פֶּן־יִהְיֶה דָבָר עִם־לְבָבְךָ בְלִיַּעַל לֵאמֹר קָרְבָה שְׁנַת־הַשֶּׁבַע שְׁנַת הַשְּׁמִטָּה וְרָעָה עֵינְךָ בְּאָחִיךָ הָאֶבְיוֹן וְלֹא תִתֵּן לוֹ וְקָרָא עָלֶיךָ אֶל־יְהוָה וְהָיָה בְךָ חֵטְא׃

hischámer lechá pen-jihjé dawár im-lewawechá welijá'al lemór karewá schenat-haschéwa schenát haschemittá wera'á enechá be'achícha ha'ewjon weló tittén lo wekará alécha el-adonáj wehajá wechá chet

9 Hüte dich, dass nicht ein gottloser Gedanke in deinem Herzen aufkommt, der sagt: Das siebte Jahr naht, das Jahr des Erlasses, und dein Auge schlecht wird gegenüber deinem bettelarmen Bruder; er aber wird deinetwegen zu Gott rufen, und Sünde wird auf dir sein.

Wir haben über das Wort welijá'al gesprochen (im Kommentar zu Vers 14 von Kapitel 13) – das sind die, die keinerlei Macht über sich haben, Gottlose, das heißt, damit in dir kein gottloser Gedanke aufkommt.

Und dein Auge wird schlecht werden – irgendwann haben wir über diesen Prozess gesprochen: Zuerst verdirbt das Herz, dann verderben die Augen. Die Augen sehen und schauen so, wie das Herz es ihnen anzeigt. Und ein Mensch kann denken: „Aha, bis zum Beginn des siebten Jahres sind noch zwei Wochen übrig. Chaim ist gekommen und bittet, ihm Geld zu leihen, weil er vorhat, irgendwohin zu fahren und Ware einzukaufen. Er wird mir dieses Geld natürlich nicht zurückgeben, das ist alles nur Spiel und Show. In Wirklichkeit leiht er sich kein Geld von mir. Er sagt ja: Ich leihe mir etwas von dir und fahre für einen Monat weg, und in zwei Wochen ist das Schmita-Jahr (das Jahr des Erlasses), und ich werde ihm die Schuld erlassen müssen. Dieser Chaim ist doch einfach ein Schlitzohr und ein Gauner.“ Mosche sagt, dass das ein falscher Gedanke ist. Und diese Augen, die dich in die Irre führen, die führen dich deshalb in die Irre, weil dein Herz schon ein wenig verdorben ist. Was tun in einem solchen Fall?

נָתוֹן תִּתֵּן לוֹ וְלֹא־יֵרַע לְבָבְךָ בְּתִתְּךָ לוֹ כִּי בִּגְלַל הַדָּבָר הַזֶּה יְבָרֶכְךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בְּכָל־מַעֲשֶׂךָ וּבְכֹל מִשְׁלַח יָדֶךָ׃

natón tittén lo welo-jerá lewawechá betittechá lo ki biglál haddawár hassé jewarechechá adonáj elohécha bechol-ma'assécha uwchól mischlách jadécha

10 Mit Geben gib ihm, und dein Herz soll nicht böse sein, wenn du ihm gibst, denn dank dessen wird dich der HERR, dein Gott, segnen in all deinen Werken und in allem, was du tun wirst.

Mit Geben gib – das heißt, gib ihm in einer Aufwallung des Herzens. Genauso, wie wir gesagt haben: Lockere die Hand und gib bereitwillig. Und hier dasselbe: Überwinde dein Herz, deine Augen, mach eine Mikrobewegung in die andere Richtung – und gib. Denn dank dessen wird dich der HERR in allem segnen, was du in deinem Leben tust: in der Erziehung der Kinder, im Aufbau der Familie, vielleicht im Einrichten des Hauses, in all deinen alltäglichen Angelegenheiten und in deiner beruflichen Tätigkeit, auf dem Feld, im Garten oder in der Stadt. Mosche sagt hier: „Hab keine Angst, dass Chaim dir dieses Geld nicht zurückgibt. Wichtiger als das Geld, wichtiger vielleicht als dass Chaim dir die Schuld nicht zurückgibt, ist der Segen des Höchsten. Du wirst keinen Verlust dadurch haben, dass du Chaim Geld leihst.“

כִּי לֹא־יֶחְדַּל אֶבְיוֹן מִקֶּרֶב הָאָרֶץ עַל־כֵּן אָנֹכִי מְצַוְּךָ לֵאמֹר פָּתֹחַ תִּפְתַּח אֶת־יָדְךָ לְאָחִיךָ לַעֲנִיֶּךָ וּלְאֶבְיֹנְךָ בְּאַרְצֶךָ׃

ki lo-jechdál ewjon mikkérew ha'árez al-kén anochí mezawwechá lemór patóach tiftách et-jadechá le'achícha la'anijécha ul'ewjonechá be'arzécha

11 Niemals werden die Bettler des Landes verschwinden, darum gebiete ich dir und sage: Mit Anstrengung öffne deine Hand deinem Bruder, deinem Armen und deinem Bettler in deinem Land.

Das heißt, du wirst die ganze Zeit Bettler haben, für die du sorgen musst, damit sie keine Bettler sind. Dir ist auferlegt, dass die Bettler aufhören, Bettler zu sein, das wird niemals aufhören. Ich sehe Fragen voraus, und tatsächlich entsteht ein sehr ernstes Dilemma, wenn in unserem Leben irgendein Mensch auftaucht, der sich Geld leiht. Er leiht sich Mal um Mal und gibt es ständig nicht zurück. Und ich denke: Man muss daran denken, dass den gesunden Menschenverstand niemand abgeschafft hat. Es gibt einen Menschen, der mit seinem Budget nicht zurechtkommt, weil es ihm nicht gelingt. Er arbeitet, aber er kann sich nicht selbst unterhalten, es gelingt ihm nicht, die Familie zu unterhalten, und er ist wirklich benachteiligt, er ist wirklich bettelarm, er ist wirklich arm, und er braucht Hilfe, um wieder auf die Beine zu kommen, um aufzuhören, arm zu sein. Und es gibt einen Unterschied zwischen einem solchen Menschen und einem Menschen, der nimmt, gestützt darauf, dass er arm ist, und arm bleiben will, bettelarm, um sich Geld zu leihen. Und man muss natürlich mit reinem Herzen vor dem Höchsten prüfen, was vor sich geht, wer sich an dich wendet, und auf dieser Grundlage eine Entscheidung treffen. Und es kommt vor, dass ein Mensch so verarmt ist, Gott bewahre, dass er gezwungen ist, sich selbst in die Sklaverei zu verkaufen.

כִּי־יִמָּכֵר לְךָ אָחִיךָ הָעִבְרִי אוֹ הָעִבְרִיָּה וַעֲבָדְךָ שֵׁשׁ שָׁנִים וּבַשָּׁנָה הַשְּׁבִיעִת תְּשַׁלְּחֶנּוּ חָפְשִׁי מֵעִמָּךְ׃

ki-jimmachér lechá achícha ha'iwrí o ha'iwrijá wa'awadechá schesch schaním uwaschaná haschewi'ít teschallechénnu chofschí me'immách

12 Wenn sich dir dein Bruder verkauft, ein Hebräer oder eine Hebräerin, soll er dir sechs Jahre dienen, und im siebten Jahr entlasse ihn frei von dir.

Selbst wenn ein Mensch sich für Schulden selbst in die Sklaverei verkauft hat, sich bei dir als Arbeiter verdingt und gesagt hat: „Ich werde dir für meine Schulden dienen“, dann musst du ihn, wie viele Schulden es auch sein mögen, am Ende des sechsten Jahres freilassen. Mehr noch:

וְכִי־תְשַׁלְּחֶנּוּ חָפְשִׁי מֵעִמָּךְ לֹא תְשַׁלְּחֶנּוּ רֵיקָם׃

wechi-teschallechénnu chofschí me'immách lo teschallechénnu rekám

13 Und wenn du ihn frei von dir entlässt, schicke ihn nicht leer fort.

Man kann sagen: „Gut, du hast dich mir für Schulden in die Sklaverei verkauft. Du hast sechs Jahre abgearbeitet. Das ist noch wenig im Vergleich dazu, wie viel du mir schuldest. Und deshalb pack einfach deine Sachen und geh nach Hause, du bist frei, das siebte Jahr ist gekommen.“ Aber die Tora sagt hier: Nein, es wird nicht gehen, ihn mit leeren Händen nach Hause zu schicken.

הַעֲנֵיק תַּעֲנִיק לוֹ מִצֹּאנְךָ וּמִגָּרְנְךָ וּמִיִּקְבֶךָ אֲשֶׁר בֵּרַכְךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ תִּתֶּן־לוֹ׃

ha'anék ta'aník lo mizzonechá umiggornechá umijikwécha aschér berachechá adonáj elohécha titten-ló

14 Sondern mit Geschenk beschenke ihn von deinem Kleinvieh und von deinem Getreidespeicher und von deiner Kelter – von allem, womit der HERR, Gott, dich gesegnet hat, gib ihm.

Sondern mit Geschenk beschenke – hier begegnen uns oft diese sich wiederholenden Wörter. Das heißt, lehre dich mit ganzer Seele, ihn mit Freude zu beschenken: Lockere die Hand, reinige das Herz und, während du ihn gehen lässt, lass noch etwas von dem Deinen mit ihm gehen.

 Damit es dir leichter fällt, dich zu lockern und zu geben, denk daran: Das ist das, womit dich der HERR gesegnet hat, das ist im Grunde des HERRN.

וְזָכַרְתָּ כִּי עֶבֶד הָיִיתָ בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם וַיִּפְדְּךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ עַל־כֵּן אָנֹכִי מְצַוְּךָ אֶת־הַדָּבָר הַזֶּה הַיּוֹם׃

wesachartá ki éwed hajíta be'érez mizrájim wajifdechá adonáj elohécha al-kén anochí mezawwechá et-haddawár hassé hajom

15 Und denk dabei daran, dass du ein Sklave warst im Land Ägypten, und der HERR, dein Gott, hat dich erlöst, darum gebiete ich dir das heute.

Denk daran, selbst nach vielen Generationen. In der Zeit des Ersten Tempels oder in der Zeit des Zweiten Tempels, wenn den Menschen schon mehr als tausend Jahre von der Sklaverei im Land Ägypten trennen, lass dich davon leiten, dass du ein Sklave warst im Land Ägypten, du warst ein Sklave, und man hat dich befreit. Das ist nicht deine Geschichte – das ist dein Genocode. Ich, der HERR, schreibe in deine DNA, in deinen Genocode, daran zu denken und deshalb deinen Sklaven freizulassen. Und ihn nicht einfach im siebten Jahr freizulassen, sondern ihn freizulassen und ihm Geschenke zu machen.

Und wenn es so kommt, dass sich ein Mensch aus verschiedenen Gründen daran gewöhnt, bei dir zu leben?

וְהָיָה כִּי־יֹאמַר אֵלֶיךָ לֹא אֵצֵא מֵעִמָּךְ כִּי אֲהֵבְךָ וְאֶת־בֵּיתֶךָ כִּי־טוֹב לוֹ עִמָּךְ׃

wehajá ki-jomár elécha lo ezé me'immách ki ahewécha we'et-betécha ki-tów lo immách

16 Und wenn er zu dir sagt: „Ich gehe nirgendwohin weg von dir (vielleicht hat der Mensch auch nirgendwohin zu gehen), weil ich dich und dein Haus liebe“, und er wird so sprechen, weil es ihm bei dir gut geht,

וְלָקַחְתָּ אֶת־הַמַּרְצֵעַ וְנָתַתָּה בְאָזְנוֹ וּבַדֶּלֶת וְהָיָה לְךָ עֶבֶד עוֹלָם וְאַף לַאֲמָתְךָ תַּעֲשֶׂה־כֵּן׃

welakachtá et-hammarzé'a wenatattá we'osnó uwaddélet wehajá lechá éwed olám we'áf la'amatechá ta'asse-kén

17 Nimm eine Ahle und durchstich sein Ohr an die Tür, und er wird dir Sklave sein für immer, und mit der Sklavin verfahre ebenso.

Das heißt, es spielt keine Rolle, welchen Geschlechts der Sklave ist, wenn er bleiben will: Ob er ein Mann ist oder eine Frau, man durchsticht ihm das Ohr an der Tür, und er wird für immer Sklave. Aus der Sicht, sozusagen, des Sklavenhalters bedeutet das: Wenn ein Mensch, der sich in die Sklaverei verkauft hat, will, dass der Sklavenhalter für ihn die Verantwortung für sein ganzes Leben übernimmt, dann muss der Sklavenhalter das tun. Er darf nicht sagen: „Nein, deine Jahre sind vorbei – du bist frei. Geh weg, ich will dich nicht mehr versorgen.“ Selbst wenn dieser Sklave alt ist und selbst wenn er dem Sklavenhalter wenig nützt.

Es gibt eine interessante Erklärung dafür, warum man einem Menschen das Ohr durchsticht. Man sagt so: Das Ohr, das die Worte am Sinai gehört hat, das Ohr, das gehört hat, dass wir Knechte des HERRN sind, aber beschlossen hat, Knecht eines Menschen zu werden, wird zur Strafe durchstochen. Natürlich ist mit dem Ohr der Mensch gemeint, und das Ohr spiegelt nur eine bestimmte Eigenschaft des Menschen wider – das Hören der Stimme Gottes. Und wenn der Mensch doch geht?

לֹא־יִקְשֶׁה בְעֵינֶךָ בְּשַׁלֵּחֲךָ אֹתוֹ חָפְשִׁי מֵעִמָּךְ כִּי מִשְׁנֶה שְׂכַר שָׂכִיר עֲבָדְךָ שֵׁשׁ שָׁנִים וּבֵרַכְךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בְּכֹל אֲשֶׁר תַּעֲשֶׂה׃

lo-jiksché we'enécha beschallechachá otó chofschí me'immách ki mischné sechár sachír awadechá schesch schaním uwerachechá adonáj elohécha bechól aschér ta'assé

18 Es soll nicht schwer sein in deinen Augen, wenn du ihn von dir in die Freiheit fortschickst, denn für zwei Lohnarbeiter hat er sechs Jahre lang für dich gearbeitet, und der HERR wird dich segnen in allem, was du tun wirst.

Hier ist von Gefühlen die Rede, das heißt, man sagt dem Menschen nicht einfach: Lass los, lass los, und es ist völlig egal, wie du dich dabei fühlst. Nein, das hat auch eine andere Seite: Du musst es nicht nur tun, sondern es mit bestimmten Gefühlen tun. Das ist sehr wichtig. Um den Segen des HERRN zu empfangen, muss man den Sklaven nicht einfach freilassen, nicht einfach sagen: „Ich habe getan, was Du mir befohlen hast – ich habe ihn freigelassen. Mehr noch, ich habe ihm sogar Geschenke gegeben. Ach, wie schwer ist mir das! Segne mich also jetzt.“ Nein, man muss ihn freilassen und diese Schwere nicht spüren. Seinen Sklaven leichten Herzens freilassen, seine Traumata leichten Herzens loslassen, seine Kränkungen leichten Herzens loslassen. Wenn es wirklich ein Loslassen ist und nicht irgendeine formale Handlung, nur dann kommt der Segen des Höchsten.

Mit Vers 19 beginnt ein anderes Thema.

כָּל־הַבְּכוֹר אֲשֶׁר יִוָּלֵד בִּבְקָרְךָ וּבְצֹאנְךָ הַזָּכָר תַּקְדִּישׁ לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ לֹא תַעֲבֹד בִּבְכֹר שׁוֹרֶךָ וְלֹא תָגֹז בְּכוֹר צֹאנֶךָ׃

kol-habbechór aschér jiwwaléd biwkarechá uwzonechá hassachár takdísch ladonáj elohécha lo ta'awód biwchór schorécha weló tagós bechór zonécha

19 Jeden Erstgeborenen, der bei deinem Großvieh und bei deinem Kleinvieh geboren wird, männlichen Geschlechts, weihe dem HERRN, deinem Gott. Arbeite nicht mit dem Erstgeborenen deines Stieres und schere nicht die Wolle vom Erstgeborenen deines Kleinviehs, der Schafe und Ziegen.

Der Erstgeborene vom Vieh wird dem HERRN geweiht und entsprechend den Kohanim übergeben.

לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ תֹאכֲלֶנּוּ שָׁנָה בְשָׁנָה בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר יְהוָה אַתָּה וּבֵיתֶךָ׃

lifné adonáj elohécha tochelénnu schaná weschaná bammakóm ascher-jiwchár adonáj attá uwetécha

20 Aber vor dem HERRN, deinem Gott, iss ihn Jahr für Jahr an dem Ort, den der HERR erwählen wird, du und dein Haus.

Und da hier von den Erstgeborenen des Viehs die Rede ist, die dem Kohen übergeben werden, ist offenbar auch iss, du und dein Haus von ihm gesagt. Der Kohen und diejenigen, die bei ihm im Haus leben, haben das Recht, von diesem Fleisch zu essen.

וְכִי־יִהְיֶה בוֹ מוּם פִּסֵּחַ אוֹ עִוֵּר כֹּל מוּם רָע לֹא תִזְבָּחֶנּוּ לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ׃

wechi-jihjé wo mum pisséach o iwwér kol mum ra lo tisbachénnu ladonáj elohecha

21 Wenn aber an ihm irgendein Makel sein wird – lahm oder blind, und jeder andere Makel –, dann bringe ihn dem HERRN, deinem Gott, nicht als Opfer dar.

בִּשְׁעָרֶיךָ תֹּאכֲלֶנּוּ הַטָּמֵא וְהַטָּהוֹר יַחְדָּו כַּצְּבִי וְכָאַיָּל׃

bisch'arécha tochelénnu hattamé wehattahór jachdáw kazzewí wecha'ajál

22 Iss ihn vielmehr in deinen Toren, der Reine und der Unreine zusammen, wie man einen Hirsch oder eine Gämse isst.

רַק אֶת־דָּמוֹ לֹא תֹאכֵל עַל־הָאָרֶץ תִּשְׁפְּכֶנּוּ כַּמָּיִם׃

rak et-damó lo tochél al-ha'árez tischpechénnu kammájim

23 Nur sein Blut iss nicht, auf die Erde gieße es aus wie Wasser.

Warum folgt nach all diesen Geboten das Gebot über die Erstgeborenen? Es ist immer eine Freude (denken wir an Kater Matroskin, als bei der Kuh ein Kälbchen geboren wurde), wenn beim Vieh ein Erstgeborenes zur Welt kommt, und es fällt oft schwer, es dem Höchsten zu weihen. Und hier ist es dieselbe Forderung, verbunden mit der Überwindung der eigenen Gier, mit der Überwindung des eigenen Wunsches, nicht zu geben, festzuhalten. Und es wird gesagt: Ja, das hat dir der Höchste gegeben; wenn du es dem Höchsten weihst, dann wirst du größeren Segen sehen, gib es dem Kohen. Und der Kohen muss es entsprechend als etwas Heiliges behandeln, es als Segen Gottes annehmen und es vor Gott in Furcht, in Heiligkeit, in Reinheit essen.

Heilig und zufrieden

Dewarim 16,1–8

Mit Gottes Hilfe setzen wir mit euch das Studium des Wochenabschnitts Re'e fort und werden ab Vers 1 von Kapitel 16 unseres Buches Dewarim lesen.

שָׁמוֹר אֶת־חֹדֶשׁ הָאָבִיב וְעָשִׂיתָ פֶּסַח לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ כִּי בְּחֹדֶשׁ הָאָבִיב הוֹצִיאֲךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ מִמִּצְרַיִם לָיְלָה׃

schamór et-chodesch ha'awíw we'assíta péssach ladonáj elohécha ki bechódesch ha'awíw hozi'achá adonáj elohécha mimmizrájim lájla

1 Halte (bewahre) den Monat Awiw, und du wirst dem HERRN, deinem Gott, Pessach machen, denn im Monat Awiw hat dich der HERR, dein Gott, bei Nacht aus Ägypten herausgeführt.

Wie kann man einen Monat halten oder bewahren? Sehr viele Streitigkeiten hat dieser Satz hervorgerufen.

Manche sagen so: Da awiw, der erste Monat des Jahres, in dem wir das Pessachfest feiern, sehr viel Arbeit im Dienst für den Höchsten erfordert (man muss das Haus vom Gesäuerten reinigen, das Pessachopfer vorbereiten, das Pessachopfer schlachten, nach Jerusalem gehen), beginnt Mosche mit einer solchen Einleitung. Bewahre den Monat Awiw steht hier in der Bedeutung bewahre alle Gebote des Monats Awiw, bereite dich im Voraus auf ihn vor, schenke diesem Monat Aufmerksamkeit und halte ihn auf diese Weise.

Andere sagen, dass man hier den Akzent gerade auf das Wort ha'awíw als Jahreszeit legen muss. Wir lesen, dass awíw Gerste, die Ähren angesetzt hat, bedeutet. Und deshalb gibt es diejenigen, die sagen, dass awíw die Zeit ist, in der die Gerste Ähren ansetzt, und gerade zu dieser Zeit muss man das Pessachfest feiern, gerade zu dieser Zeit muss man den Monat awiw festlegen. Aber das Wort awiw hat eine breitere Bedeutung und kann überhaupt Blüte bedeuten. So begegnen wir im Buch Ijow dem Wort we'ibbó (in seiner vollen Blüte). Im Tanach gibt es die Stadt Tel-Awiw, nach der das heutige Tel Aviv benannt ist – grünender Hügel. Wenn wir von anderen semitischen Sprachen sprechen, gibt es noch eine Stadt, die in ihrem Namen das Wort awiw enthält, auch wenn das nicht so offensichtlich ist, wenn das Ohr für semitische Sprachen nicht musikalisch genug ist. Das ist die Stadt Addis Abeba. Das Wort addís ist verwandt mit dem hebräischen Wort chadásch (neu), von dem übrigens auch das Wort chódesch (Monat) herkommt. Und das Wort abéba bedeutet Blume. Somit kann awiw Frühling, Blüte, Grünen überhaupt bedeuten, und nicht unbedingt, oder ganz und gar nicht unbedingt, das Grünen gerade der Gerste. Und dann kann man sagen: Jedes Mal, wenn das Gras grünt, die Sonne glänzt, wenn der Frühling beginnt, denk daran, dass awiw anbricht, und bereite dich auf Pessach vor.

Noch eine Meinung: awiw, den ersten Monat des jüdischen Kalenders, ist es wichtig gerade in diesem Monat zu bewahren, wichtig, dass er gerade im Frühling liegt, denn in Ägypten, als wir aus ihm auszogen, war das der Monat des Glücks. Die Ägypter hielten nach dieser Meinung den Widder für ihre Hauptgottheit. Und die Zeit des Sternbilds Widder im Tierkreis war für sie die glücklichste Zeit. Der HERR hat es so gemacht, dass im Monat des Widders (im Monat, in dem der Widder in seiner vollen Blüte steht, in dem er nach der ägyptischen Mythologie Ägypten beschützt) die Juden Widder schlachteten und das Volk Israel aus Ägypten auszog. Das ist ein besonderer Sieg, an ihn muss man besonders denken.

Gemäß der Überlieferung bemühten sich die Weisen (zumindest, soweit wir wissen, seit der Zeit des Zweiten Tempels), den Mondkalender mit dem Lunisolarkalender und dem Sonnenkalender so in Einklang zu bringen, dass awiw wirklich immer in den Frühling fiel, das heißt in die Zeit nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Damit das regelmäßig geschah, wurde alle paar Jahre dem Jahr noch ein zusätzlicher Monat hinzugefügt, adar. Der zwölfte Monat des Jahres, der letzte Monat des Jahres, der, welcher dem Monat awiw vorausgeht, das ist adar. Wenn es sich so ergab, wie die Berechnungen zeigten, dass nach dem adar der Frühling noch nicht anbrechen würde, die Blüte noch nicht anbrechen würde, dann erklärte man das Jahr zum Schaltjahr und fügte dem adar noch einen Monat hinzu. Um sich darin zu vertiefen, muss man die Astronomie gründlich kennen, und wir werden uns wahrscheinlich nicht darin vertiefen. Sagen wir nur, dass viele verschiedene andere Kalender in Gebrauch waren. Zum Beispiel gab es den Kalender von Qumran, wo der erste Monat, nissan, immer mit einem Mittwoch begann, mit dem vierten Schöpfungstag, an dem die Sonne erschaffen wurde. Und nach diesem Kalender ergab es sich so, dass Pessach immer auf einen Schabbat fiel und entsprechend Schawuot immer auf einen Sonntag fiel. Es gab noch andere Kalender. Darüber, wie das mit Schawuot zusammenhängt und warum es mit Schawuot (mit Pfingsten) zusammenhängen muss, werden wir noch sprechen. Kurz, dieser Satz: halte den Monat Awiw hat sehr viele Streitigkeiten hervorgerufen.

Weiter wird es noch interessanter. Warum steht nicht geschrieben, dass man am 14. in der Abenddämmerung das Opfer Pessach machen muss? Wenn jemand diesen Vers liest, ohne all das zu kennen, was vorher geschrieben steht, kann man meinen, dass chódesch gerade den Neumond des Awiw (Nissan) bedeutet und man gerade am ersten Tag das Opfer Pessach machen muss. Warum hat Mosche gerade diese Weise gewählt, dem Volk Israel davon zu erzählen? Weil Mosche hier nicht von der Zeit der Feste spricht, hier geht es nicht um Chronologie. In unserem Wochenabschnitt, in unserem Teil geht es um Heiligkeit und Überfluss, darum, ob ein in Jerusalem veranstaltetes Festmahl beschämend ist oder ob es heilig sein kann. Wenn ein Mensch mit Fleisch und mit den Früchten der Erde gesegnet ist, wird es eine heilige Tat sein, zu kommen und das in Jerusalem zu feiern? Und hier sagt die Tora, dass die Heiligkeit nicht in der Askese liegt, nicht nur in der Askese, dass man kommen und in Jerusalem feiern kann. Darum geht es hier.

Also, denk an den Monat awiw und mach dem HERRN, deinem Gott, Pessach. Und weiter ebenfalls ein sehr seltsamer Satz. Was bedeutet es, dass der HERR dich bei Nacht aus Ägypten herausgeführt hat? Wir erinnern uns doch eigentlich, dass den Juden geboten wurde, bis zum Morgen in den Häusern zu bleiben, und erst am Morgen begannen die Juden, aus Ägypten auszuziehen. Warum wird hier dann gesagt, dass es bei Nacht war? Der Pharao entließ das Volk bei Nacht. Mitten in der Nacht wachte er auf, und unter dem Druck ganz Ägyptens (weil alle Plätze in Ägypten von Trauerzügen und Demonstrationen gegen den Pharao überfüllt waren, mit der Forderung, die Juden sofort ziehen zu lassen) entließ der Pharao gerade in der Nacht die Juden, und von diesem Moment an, kann man sagen, geschah die Befreiung. Obwohl wir auf diese Frage in unserer Besprechung noch zurückkommen werden. Und da das in der Nacht geschah und da das erste Opfer in der Nacht gegessen wurde, können wir hier sagen, dass daher auch die Anweisung kommt, das Pessachopfer ebenfalls in der Nacht zu essen.

וְזָבַחְתָּ פֶּסַח לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ צֹאן וּבָקָר בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר יְהוָה לְשַׁכֵּן שְׁמוֹ שָׁם׃

wesawáchta péssach ladonáj elohécha zon uwakár bammakóm aschér jiwchár adonáj leschakkén schemó scham

2 Und schlachte das Pessach dem HERRN, deinem Gott, vom Kleinvieh und vom Großvieh an dem Ort, den der HERR erwählen wird zur Wohnung Seines Namens.

Ebenfalls sehr seltsam ist es, vom Kleinvieh und vom Großvieh zu lesen. Wir wissen, dass zu Pessach ein Lamm als Opfer dargebracht wird. Warum sprechen wir plötzlich von Kleinvieh und von Großvieh? Woher kommt das Großvieh? Die Sache ist die, dass Mosche sich hier nicht die Beschreibung der Opfer zum Ziel setzt, sie sind an anderer Stelle beschrieben. Hier beschreibt Mosche das Fest. Du bist zum Fest gekommen, du hast das Pessachopfer dargebracht – gut gemacht. Außerdem: Feiere! Schlachte Großvieh, Kleinvieh, feiere zusammen mit deiner Familie. Bist du für sieben Tage zum Feiern gekommen oder vielleicht für eine kürzere Zeit zum Feiern gekommen? Na, dann feiere von Herzen, lass es dir gut gehen und schlachte, wenn du willst, wenn es deiner Seele gefällt, auch Großvieh, feiere zusammen mit deiner Familie.

לֹא־תֹאכַל עָלָיו חָמֵץ שִׁבְעַת יָמִים תֹּאכַל־עָלָיו מַצּוֹת לֶחֶם עֹנִי כִּי בְחִפָּזוֹן יָצָאתָ מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם לְמַעַן תִּזְכֹּר אֶת־יוֹם צֵאתְךָ מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם כֹּל יְמֵי חַיֶּיךָ׃

lo-tochál aláw chaméz schiw'át jamím tochal-aláw mazzót léchem óni ki wechippasón jazáta me'érez mizrájim lemá'an tiskór et-jom zetécha me'érez mizrájim kol jemé chajécha

3 Iss nichts Gesäuertes dazu; sieben Tage iss zusammen damit ungesäuerte Brote, Brot der Armut, denn du bist eilends aus dem Land Ägypten ausgezogen, damit du dich an den Tag deines Auszugs aus dem Land Ägypten erinnerst alle Tage deines Lebens.

Man kann nicht sagen, dass ungesäuerte Brote in ihrer Herstellung viel billiger sind als irgendwelche anderen Fladen. Man kann Fladen machen, die nicht viel teurer sein werden als Mazza. Was ist hier also mit Brot der Armut gemeint? Brot, das man isst wie die Armen. Man nimmt an (damals war das offenbar Tradition), dass die Armen das Brot brechen, nicht von einem ganzen Brot essen, ihnen fallen Stückchen Brot zu. Genauso wird die Mazza gebrochen, man isst sie stückchenweise. Und du wirst genauso essen. Du wirst dieses Fleisch, ein Symbol des Überflusses, mit dem Brot der Armut essen, mit der Erinnerung daran, dass du einst ein Sklave warst und nicht immer alles bei dir gut war. Warum hat man ursprünglich Mazza gegessen? Hier erinnert Mosche: weil du eilends aus dem Land Ägypten ausgezogen bist. Na, alle kennen wahrscheinlich diese Geschichte, die im Buch Schemot beschrieben ist. Das Wort chippasón bedeutet Eile, übernatürliche Geschwindigkeit, also etwas, das auf wunderbare Weise geschieht. Und das ist nicht nur Brot der Armut, das ist auch Brot der Erinnerung an das Wunder, dafür muss man sieben Tage dieses Fleisch mit ungesäuerten Broten essen.

וְלֹא־יֵרָאֶה לְךָ שְׂאֹר בְּכָל־גְּבֻלְךָ שִׁבְעַת יָמִים וְלֹא־יָלִין מִן־הַבָּשָׂר אֲשֶׁר תִּזְבַּח בָּעֶרֶב בַּיּוֹם הָרִאשׁוֹן לַבֹּקֶר׃

welo-jera'é lechá se'ór bechol-gewulechá schiw'át jamím welo-jalín min-habbassár aschér tisbách ba'érew bajom harischón labbóker

4 Es soll dir sieben Tage lang in all deinen Grenzen kein Sauerteig vor die Augen kommen, und das Fleisch, das du am Abend des ersten Tages schlachten wirst, soll bei dir nicht über Nacht bleiben bis zum Morgen.

Das heißt, alles, was du am Abend geschlachtet hast, iss bis zum Morgen auf. So handeln Menschen, die ein Festmahl halten, sie rechnen nicht damit, dass vom Festmahl etwas für morgen übrig bleibt.

לֹא תוּכַל לִזְבֹּחַ אֶת־הַפָּסַח בְּאַחַד שְׁעָרֶיךָ אֲשֶׁר־יְהוָה אֱלֹהֶיךָ נֹתֵן לָךְ׃

lo tuchál lisbóach et-happássach be'achád sche'arécha ascher-adonáj elohécha notén lach

5 Du kannst (du hast nicht das Recht) das Pessachopfer nicht in einem der Tore schlachten, die der HERR, dein Gott, dir gegeben hat.

Du kannst das Pessachopfer nicht bei dir in der Stadt schlachten, du musst an den Ort kommen, den der HERR erwählen wird.

כִּי אִם־אֶל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לְשַׁכֵּן שְׁמוֹ שָׁם תִּזְבַּח אֶת־הַפֶּסַח בָּעָרֶב כְּבוֹא הַשֶּׁמֶשׁ מוֹעֵד צֵאתְךָ מִמִּצְרָיִם׃

ki im-el-hammakóm ascher-jiwchár adonáj elohécha leschakkén schemó scham tisbách et-happéssach ba'árew kewó haschémesch mo'éd zetechá mimmizrájim

6 Sondern an dem Ort, den der HERR, dein Gott, erwählen wird, um dort Seinen Namen hinzusetzen, dort sollst du das Pessach schlachten am Abend, wenn die Sonne untergeht, zur Zeit deines Auszugs aus Ägypten.

Hier gibt es wieder etwas Seltsames: érew – das ist Abend; kewó haschémesch – das ist schkiá (Sonnenuntergang, Untergang der Sonne). Und das sind verschiedene Zeiten: Es gibt den Sonnenuntergang, es gibt das Hervorkommen der Sterne. Wir haben an anderer Stelle in der Tora gelesen, dass man das Opfer ben ha'arbájim – in der Dämmerung schlachten muss, genau zwischen Sonnenuntergang und Abend.

Die Kommentatoren sagen, dass hier von Verschiedenem die Rede ist: das eine davon, wann man das Opfer isst, das andere davon, wann man das Opfer schlachtet. Aber ich erinnere wieder daran, dass Mosche hier nicht von der Chronologie spricht, sondern vom Überfluss spricht. Deshalb geht es ein wenig um etwas anderes (obwohl die Erklärung, dass das eine vom Schlachten handelt, das andere davon, wann man dieses Opfer isst, natürlich richtig ist). Und warum steht hier geschrieben, dass das die Zeit des Auszugs aus Ägypten ist? Gut, wir haben letztes Mal gesagt, dass die Nacht die Zeit des Auszugs aus Ägypten ist, weil der Pharao in der Nacht dem Volk die Erlaubnis gab, aus Ägypten auszuziehen, und das ist ein Sieg der internationalen Politik, und das kann man als Zeit der Erlösung ansehen. Warum wird hier denn gesagt, dass die Zeit des Schlachtens des Pessachopfers die Zeit deines Auszugs aus Ägypten ist? Stellt euch einen Sklaven vor, der zweihundert Jahre und mehr Sklave war, und nun schlachtet er die Gottheit jenes Volkes, bei dem er Sklave war – er schlachtet ein Lamm. Das ist innere Befreiung. Deshalb wurde zu der Zeit, als das Pessachopfer geschlachtet wurde, dieses Schlachten des Opfers von einem Gesang der Befreiung begleitet. Darin sah man den Anfang aller Anfänge der Befreiung, den Anfang aller Anfänge des Auszugs des Volkes aus Ägypten. Deshalb ist die Zeit, als man das Opfer geschlachtet hat, die Zeit der Befreiung. Und wieder ist es interessant, dass Mosche zuerst in der Nacht sagt, dann am Abend, zur Zeit des Schlachtens des Opfers, sagt. In jedem Moment schau hin und finde dir einen Platz in der Seele, einen Anlass in der Seele für ein Fest. In allem, was du tust, schau hin und lerne, die Etappen der Erlösung zu sehen. Wozu? Dazu, vor dem HERRN zu feiern, dazu, sich vor dem HERRN zu freuen und fröhlich zu sein, dazu ist das.

וּבִשַּׁלְתָּ וְאָכַלְתָּ בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בּוֹ וּפָנִיתָ בַבֹּקֶר וְהָלַכְתָּ לְאֹהָלֶיךָ׃

uwischaltá we'achaltá bammakóm aschér jiwchár adonáj elohécha bo ufaníta wabbóker wehalachtá le'ohalécha

7 Und du wirst kochen und wirst essen an dem Ort, den der HERR erwählen wird; und du wirst dich am Morgen umwenden und in dein Zelt gehen.

Man kann sagen: Wartet mal, wartet mal, was bedeutet uwischaltá – und du wirst kochen? Wie das, plötzlich – kochen? Wir sagen und wiederholen doch, dass das Pessachopfer ein Opfer ist, das am Feuer gebraten wird, man darf es nicht kochen. Es gibt ein anderes Opfer, das vor dem Pessachopfer zubereitet wird, das Opfer chagigá (das festliche), das darf man kochen. Rabbi Schlomo Jizchaki (Raschi), auf den wir uns oft beziehen, sagt hier, dass das Wort bischálta (du hast gekocht) du hast zubereitet bedeutet, und mit der Zubereitung ist das Braten am Feuer gemeint. Das ist ein mögliches Verständnis, aber nicht das einzige, denn trotzdem bleibt die Frage, warum die Tora gerade dieses Verb verwendet. Ich wiederhole noch einmal, es geht hier nicht nur um Opfer, hier geht es um das Feiern, um ein Festmahl. Und da du außer dem Pessachopfer noch Stiere und vielleicht Ziegenböcke schlachtest, noch viel, viel Fleisch für dich und für alle deine Freunde zubereitest, so koche es und feiere. Feiere deinen Überfluss, iss, scheue dich nicht, Fleisch am heiligsten Ort zu essen – an dem Ort, den der HERR erwählt hat. Und dieses Fleisch kannst du gekocht essen, geräuchert, geschmort, als Gulasch, als Pilaw und wie es dir beliebt.

Weiter. Von welchem Morgen ist die Rede? Haben wir etwa das Pessachopfer aufgegessen, zu Ende gefeiert? Und was, jetzt, früh am Morgen, am Fest des ersten Tages von Pessach, sattelt der Mensch den Esel, hievt seine Familie auf die Esel, und mit der ganzen Familie brechen sie in Richtung ihres Zeltes auf, ihres Hauses, das vielleicht zweihundert Kilometer von hier entfernt ist? Na, oder man kann denken, dass der Mensch sein Zelt bei Jerusalem aufschlägt und irgendwo zu einem gemeinsamen Festmahl essen geht. Weder um das eine noch um das andere geht es hier natürlich. Es geht darum, dass der Mensch in Jerusalem zwei Nächte übernachten muss. Das heißt, den ersten Tag feiern wir ganz, und wenn der erste Tag von Pessach zu Ende ist, wenn der erste Tag zu Ende ist, an dem jede Arbeit verboten ist, rufen wir nicht freudig: „Hurra! Der Tag ist zu Ende! Jetzt kann man endlich auf die Esel und nach Hause, genau zum Morgen sind wir zu Hause!“ Nein, du wirst noch eine Nacht übernachten und erst am Morgen zu dir nach Hause gehen. Das heißt, am Morgen des ersten Tages nach dem Ende des Pessachfestes wirst du zu dir nach Hause gehen.

Und der nächste Vers enthält ebenfalls seltsame Wörter.

שֵׁשֶׁת יָמִים תֹּאכַל מַצּוֹת וּבַיּוֹם הַשְּׁבִיעִי עֲצֶרֶת לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ לֹא תַעֲשֶׂה מְלָאכָה׃

schéschet jamím tochál mazzót uwajom haschewi'í azéret ladonáj elohécha lo ta'assé melachá

8 Sechs Tage iss ungesäuerte Brote, und am siebten Tag ist ein Fest für den HERRN, deinen Gott, tu an ihm keinerlei Arbeit.

Wir haben aber früher davon gesprochen, dass man sieben Tage ungesäuerte Brote essen muss (Schemot 13,6, Wajikra 23,6). Warum ist hier plötzlich von sechs die Rede? Das ist in Wirklichkeit keine Ausnahme, sondern eine gewisse Ergänzung. Sechs Tage iss ungesäuerte Brote – das ist kein Befehl, alle sechs Tage ununterbrochen ungesäuerte Brote zu essen oder alle sieben Tage ununterbrochen ungesäuerte Brote zu essen. Aber da wir daraus schließen können, dass der Mensch am siebten Tag essen kann, aber auch nicht essen kann, so muss man auch die sechs Tage genauso verstehen. Während aller sieben Tage kannst du ungesäuerte Brote essen. Du kannst kein Brot essen, man darf kein saures, gesäuertes Brot essen. Ungesäuerte Brote aber kannst du essen, du kannst sie aber auch nicht essen. Wenn du Brot essen willst, iss ungesäuertes Brot. Wenn du nicht willst, iss es überhaupt nicht. Wann gibt es die Pflicht, ungesäuerte Brote zu essen? Nur mit dem ersten Pessachopfer, nur mit ihm isst du ungesäuerte Brote. An den übrigen Tagen aber, den sechs Tagen und dem siebten Tag – willst du, iss, willst du nicht, iss nicht. Am siebten Tag ist ein Fest, tu an ihm keinerlei Arbeit, weder du noch jemand anders in deinem Haus, wie an einem gewöhnlichen Fest.

Wovon spricht Mosche zu uns? Ich erinnere daran: Hier begegnet uns weder das Datum 14. Nisan noch 15. Nisan, weder der 14. Tag des ersten Monats noch der 15. Tag des ersten Monats. Keine Daten begegnen uns hier, denn hier geht es nicht um Daten, sondern hier geht es um Fülle. Um die Fülle von allem, womit man feiern kann, darum, dass man in Heiligkeit essen kann, viel und lecker essen, wenn es an dem Ort ist, den Gott erwählt hat, wenn es mit der Familie ist, mit dem Sklaven, mit der Sklavin, mit dem Leviten, für die du ebenfalls gesorgt hast. Das heißt, Heiligkeit ist nicht Askese, Heiligkeit ist die Fähigkeit, sich über den Segen des Höchsten zu freuen, gemeinsam mit allen im Segen des Höchsten fröhlich zu sein und leckeres Essen zu genießen von all dem, womit der Höchste dich gesegnet hat.

Heilig und fröhlich

Dewarim 16,9–17

Mit Gottes Hilfe setzen wir gemeinsam das Studium des Wochenabschnitts Re'e fort und werden ab Vers 9 von Kapitel 16 des Buches Dewarim lesen.

שִׁבְעָה שָׁבֻעֹת תִּסְפָּר־לָךְ מֵהָחֵל חֶרְמֵשׁ בַּקָּמָה תָּחֵל לִסְפֹּר שִׁבְעָה שָׁבֻעוֹת׃

schiw'á schawu'ót tispor-lách mehachél chermésch bakkamá tachél lispór schiw'á schawu'ót

9 Sieben Wochen zähle dir ab von dem Moment an, da die Sichel an die Ähren gelegt wird (vom allerersten Beginn der Ernte an), beginne sieben Wochen abzuzählen.

Das ist eine nicht festgelegte Frist: Uns wird gesagt, von dem Moment an, da die Sichel sich an die Ähren legen wird. Und wann legt sich die Sichel an die Ähren?

Wir können die Antwort im Buch Wajikra (23,10.11) suchen, wo gesagt wird, dass der erste Omer (die Garbe) am Tag nach dem Schabbat dargebracht wird. Hier entsteht die Frage: „Nach welchem Schabbat denn?“ Dazu sind vier Meinungen entstanden.

Die Pharisäer, die zu Recht als Begründer jenes Judentums gelten, das wir heute haben, sagen, dass der Schabbat der erste Tag des Pessachfestes ist. Na, ob sie das sagen, werden wir noch prüfen, aber nach dem Verständnis des modernen Judentums ist mit Schabbat der erste Tag von Pessach gemeint. Und dementsprechend beginnt die Zählung am Tag nach dem ersten Tag von Pessach, am Abend, wenn das Pessachfest endet.

Die Zedukim (Sadduzäer, aus dem Griechischen) rechneten so: Wenn auf einen der Tage der Pessachwoche ein Schabbat fällt, dann muss man am Tag nach diesem Schabbat den Omer darbringen. Das ist die zweite Meinung.

Die Samaritaner, die in Schomron lebten, meinten, dass der Schabbat der siebte Tag des Pessachfestes ist, und nach Ablauf des siebten Tages des Pessachfestes, am nächsten Tag, muss man dieses Omer-Opfer darbringen und muss man mit der Zählung beginnen.

Es gab noch eine vierte Meinung, dass man mit dem ersten Schabbat, der nach dem Ende des Pessachfestes kommt, genau mit ihm die Zählung beginnen muss.

Alle vier Varianten binden den Beginn der Zählung so oder so an das Pessachfest, wovon im Buch Wajikra überhaupt kein Wort gesagt wird. Wie soll man wenigstens, sagen wir, die pharisäische Variante verstehen? Heute gibt es sehr viele Kommentatoren, die zu beweisen versuchen, dass in allen übrigen Fällen das Wort Schabbat eben Schabbat bedeutet, also jenen Schabbat, der ganz am Anfang der Schöpfung war, in der Woche von Bereschit, das ist eben der Sabbattag. Aber hier, in unserem Fall, bedeutet das Wort Schabbat Fest, und deshalb muss man es als am Tag nach dem Fest verstehen. Aber als dieses Gesetz festgelegt wurde, ließ man sich von einem ganz anderen Verständnis leiten. Rabbi Jochanan ben Sakkai, der am Ende des I. Jahrhunderts neuer Zeitrechnung lebte, sprach davon (und tatsächlich ist das auch logisch), dass Gerste, Hafer, Roggen, jedes beliebige Getreide, jeder beliebige Baum jedes Jahr unterschiedlich reift. Und man kann die Ernte nicht am selben Datum beginnen, einfach weil die Ernte drei Wochen später beginnen kann, weil das Getreide einfach noch keine Ähren angesetzt hat. Oder es ist umgekehrt so, dass man früher beginnen muss. Stellen wir uns vor, jemand würde sagen, man müsse irgendeine Handlung von dem Moment an beginnen, da, na sagen wir, in der Ukraine die Apfelbäume blühen. Und es entsteht die Frage: „Und wo in der Ukraine? Vielleicht in Tscherkassy? Vielleicht in Odessa? Vielleicht in Sumy?“ Und an verschiedenen Orten werden die Apfelbäume natürlich unterschiedlich blühen. Ach, was soll man da reden, auf der Sonnenseite der Straße und im Schatten kann ein Apfelbaum unterschiedlich blühen. Und wie sollen wir wissen, zu welcher Zeit die Zeit der Gerstenernte sein wird? Und wie sollen wir das wissen, wenn viele Juden in Babylon leben? Es gibt kein Internet, es gibt weder Mobiltelefone noch einfache Telefone, nicht einmal einen Telegrafen gibt es. Man kann irgendwohin einen Boten schicken, der nach drei Wochen ankommt und sagt: „Wisst ihr, dort, in Israel, hat die Gerste Ähren angesetzt, wir haben mit der Ernte begonnen.“ Und auf diese Weise findet die Zeremonie des Schneidens der ersten Garbe statt, von der Mosche hier spricht. Nach Babylon geht es vielleicht noch, aber was soll man tun, wenn ein Mensch in Bobruisk lebt oder in Addis Abeba oder in New York, und es gibt kein Internet, kein Radio? Wie soll er es wissen? Und die Weisen meinten (und das ist richtig), dass die Tora keinen bestimmten Tag für den Beginn der Ernte festlegt. Wie verstand das Rabbi Jochanan ben Sakkai? Er sagte, dass die Tora als Beispiel spricht. Wenn ihr die Zählung mit einem Sabbat begonnen habt, dann zählt bis zum siebten Sabbat und macht am nächsten Tag das Fest Schawuot, das ist ein Beispiel. Das heißt, wenn ihr mit einem Donnerstag begonnen habt, dann habt ihr am Tag nach dem siebten Donnerstag das Fest Schawuot und so weiter. Denn weiter in Kapitel 23 des Buches Wajikra spricht die Tora vom siebten Sabbat, das kann ja natürlich kein Fest sein. Und warum muss man vom siebten Sabbat sprechen? Gerade weil der Sabbat ein Beispiel ist, und das Beispiel wird weiterentwickelt. Und den Tag mit der Gerstenernte zu beginnen – wann, das wählt ihr selbst. Und es ist keineswegs notwendig, dass dieses Datum an Pessach gebunden sein muss. Aber da die Stadtbevölkerung zunahm, da ein Teil des Volkes im Galut zu leben begann, im Exil, war es unmöglich, dass das ganze Volk irgendwie gleichzeitig vom Fest Schawuot wusste, dass das ganze Volk wusste, wann denn diese Gerstenernte beginnt. Und da der Höchste irgendwelche konkreten Anweisungen gegeben hat, dass das Volk selbst wählen darf, beschlossen die Weisen: „Wir wählen im Voraus und auf lange Zeit. Wir wählen, dass der Tag des Beginns der Zählung der Tag nach dem Pessachfest ist.“ Und nicht, weil er ein Schabbat ist, der Schabbat hatte hier von Anfang an überhaupt nichts damit zu tun. Genau diese Position vertrat Rabbi Jochanan ben Sakkai irgendwann im Jahr 70–80 des I. Jahrhunderts n. Z. Genau diese Position vertrat Rabbi Jehuda haLevi im X. Jahrhundert n. Z. Das war der Ansatz des Judentums. Wir haben ein solches Datum festgelegt, warum? Weil die Weisen das Recht dazu haben.

Was soll ein Mensch tun, der in Babylon lebt und nicht weiß, wann er das Fest Schawuot feiern soll? Er kommt zu den Weisen, wie ihm gesagt wurde: Wenn dir etwas unklar sein wird, dann komm zu den Weisen, die in deiner Generation sein werden, und frag sie. Er kam und fragte. Man sagte ihm: „Lasst uns ein vereinbartes Datum festlegen, an dem statistisch die Gerstenernte in Israel beginnen kann.“ Und man beschloss, dass es der Tag nach dem Pessachfest sein wird. Und seit jener Zeit ist es so üblich geworden. Da eine falsche Auslegung entstanden ist, die damit zusammenhängt, dass die Weisen das Wort Schabbat so verstanden hätten, sind viele Kommentare entstanden, die beweisen, dass die Bezeichnung des Festes im Buch Wajikra Schabbat sei, obwohl das gar nicht so ist, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Was die übrigen Meinungen betrifft: Haben denn die Samaritaner recht, haben denn die Sadduzäer recht? Na, natürlich, wenn jemand zu einem sadduzäischen Lehrer ging, dann sagte ihm der sadduzäische Lehrer das, was er sagte. Wenn jemand zu den Samaritanern ging, zu den samaritanischen Lehrern ging, ist klar, dass sie ihm sagten, wie sie es sagten. Und man muss an eine sehr wichtige Sache denken, dass es einen solchen Wert gibt wie die Einheit des jüdischen Volkes. Die Tora ist Israel gegeben, und nicht Israel der Tora gegeben. Das ist wichtig, im Gedächtnis zu behalten.

Hier ist ein gutes Beispiel. Rut, die Moabiterin, sagt zu Naomi: „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ Das heißt, zuerst dein Volk mit seinen Traditionen, mit seiner Lebensweise und seinem Verständnis, mit seiner Einheit, und dann erst dein Gott – mein Gott. Das heißt, durch dein Volk lerne ich deinen Gott kennen. Ja, ich lerne Gott kennen, aber durch dein Volk, indem ich die ganze Erfahrung des Volkes anwende und die Einheit des Volkes bewahre. Das ist ein wichtiger Wert. Na, natürlich nicht für alle. Und offenbar meinten die Sadduzäer, dass gerade sie das Volk Israel sind. Die Samaritaner hielten sich, verständlicherweise, für die wahren Israeliten, und bei den Karäern ist klar, worum der Streit geht.

Ich habe schon davon gesprochen, dass es einen Kalender gab, in dem der Monat Nisan immer mit einem Mittwoch begann, mit dem Tag, an dem die Sonne erschaffen wurde, und dort war alles einfacher. Auch zu diesem Kalender gibt es Fragen. Woher kommt plötzlich der Mond-Sonnen-Kalender? Wie funktioniert er? Und gibt es hier nicht irgendeinen Einfluss der Römer, unter dem die Sadduzäer oft standen? Man kann nicht mit Sicherheit sagen, dass es ihn gibt, und ebenso wenig mit Sicherheit sagen, dass es ihn nicht gibt.

So eine verworrene Geschichte ist mit dem Fest Schawuot herausgekommen, so eine, dass bis heute die Streitigkeiten um dieses Fest nicht verstummen – wann man es feiern soll. Und viele im Volk feiern es getrennt von allen: Mancher hat sich irgendetwas als Autodidakt angeeignet und es so angenommen, mancher hat sich irgendeiner Gemeinde angeschlossen. Kurz, die Einheit des Volkes leidet darunter, und meiner Ansicht nach ist die Einheit des Volkes ein wichtiger Wert. Na, jemandes Glauben oder jemandes Art, den Höchsten anzubeten, zu ändern, vermag ich nicht, und ich bin auch nicht sicher, dass das nötig ist. Deshalb betrachtet das einfach als eine historische Erzählung.

Also, zähle dir sieben Wochen ab. Versucht, euch das Gefühl eines Menschen vorzustellen, der mit der Gerstenernte begonnen hat, und er weiß, dass etwa nach sieben Wochen die Weizenernte beginnen wird. Alle sieben Tage zählt er diese TageSo steht es auch im Original: „alle sieben Tage zählt er diese Tage“. Der Satz ist wörtlich übersetzt., obwohl er natürlich weiß, welches Datum in neunundvierzig Tagen sein wird, und man kann sich hinsetzen und es sofort ausrechnen. Aber das Gebot besteht darin, Tag für Tag zu zählen, gesegneten Tag um gesegneten Tag abzuzählen, um eben dieses Gefühl von der Gerstenernte zu durchleben, den täglichen Segen, den der HERR gibt, und das Warten auf die Weizenernte, die Bereitschaft zur Weizenernte. Natürlich ist dieses Erleben, das einem Bauern, einem Landwirt, zugänglich ist, in der Stadt schwer zu durchleben. Und wieder muss man sich das bewusst machen, man muss irgendwie für sich das Fest Schawuot mit einem ähnlichen Gefühl füllen. Auch keine einfache Aufgabe – einen Menschen zu lehren, was er fühlen, was er erleben soll in diesen fünfzig Tagen, wenn es weder Gerste gibt noch Weizen erwartet wird, da wir das eine wie das andere im Laden kaufen (und manche auch in Läden, die weit vom Land Israel entfernt sind, und Erzeugnisse nicht aus dem Land Israel). Wie soll man dann zählen, mit welchen Gedanken soll man dann zählen? Das ist eine sehr schwierige, aktuelle Frage.

וְעָשִׂיתָ חַג שָׁבֻעוֹת לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ מִסַּת נִדְבַת יָדְךָ אֲשֶׁר תִּתֵּן כַּאֲשֶׁר יְבָרֶכְךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ׃

we'assíta chag schawuót ladonáj elohécha missát nidwát jadechá aschér tittén ka'aschér jewarechechá adonáj elohécha

10 Und richte dem HERRN, deinem Gott, das Fest Schawuot aus, von dem, was der gute Wille deiner Hand bringen wird (von allem, wozu deine Hand ihr Ja geben wird), wie der HERR, dein Gott, dich segnen wird.

Das heißt, von all dem, was deine Hand geben wollen wird, soweit sie sich öffnen kann, deine Hand, aus der Bereitwilligkeit deiner Hand. Und ja, achten wir wieder darauf: Wir lesen hier nicht von den Opfern, die am Fest Schawuot verpflichtend sind, nicht von Opfern ist die Rede. Die Rede ist wieder vom Fest und vom Feiern, davon, dass das Volk nicht nur formal kommt, um ein Opfer darzubringen, sondern auch, um sich an dem zu freuen, womit dich der HERR gesegnet hat.

וְשָׂמַחְתָּ לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ אַתָּה וּבִנְךָ וּבִתֶּךָ וְעַבְדְּךָ וַאֲמָתֶךָ וְהַלֵּוִי אֲשֶׁר בִּשְׁעָרֶיךָ וְהַגֵּר וְהַיָּתוֹם וְהָאַלְמָנָה אֲשֶׁר בְּקִרְבֶּךָ בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר יִבְחַר יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לְשַׁכֵּן שְׁמוֹ שָׁם׃

wesamachtá lifné adonáj elohécha attá uwinchá uwittécha we'awdechá wa'amatécha wehallewí aschér bisch'arécha wehaggér wehajatóm weha'almaná aschér bekirbécha bammakóm aschér jiwchár adonáj elohécha leschakkén schemó scham

11 Und du wirst dich freuen vor dem Angesicht des HERRN, deines Gottes, du, und dein Sohn, und deine Tochter, und dein Sklave und deine Sklavin, und der Levit in deinen Toren, und der Fremdling, und die Waise, und die Witwe, die in deiner Mitte ist, an dem Ort, den der HERR, dein Gott, erwählen wird, um Seinen Namen dort niederzulegen.

Warum steht du wirst dich freuen nicht in Bezug auf Pessach geschrieben, wenn du dich zu Pessach versammelst und viel Fleisch schlachtest? Pessach – das ist das Gedenken daran, was der HERR für dich getan hat, woher Er dich herausgeführt hat, und auch das enthält natürlich Freude, aber in größerem Maße – Zuversicht. Im Glauben daran, dass der Höchste uns aus Ägypten herausgeführt hat, setzen wir unsere Zuversicht darauf, dass Er uns in unseren alltäglichen Angelegenheiten segnen wird, aber diese Zuversicht ist noch keine Freude. Wir können uns darüber, dass Er uns aus Ägypten herausgeführt hat, nicht mit demselben Grad an Freude freuen, wie wir uns über die Ernte freuen, wenn du die Ernte schon siehst, den realen Segen siehst. Hier, während des Festes Schawuot (des Festes der Wochen) und während des Festes Sukkot (der Hütten), über das wir noch sprechen werden, wenn du schon die ganze Fülle siehst, mit der dich der HERR gesegnet hat, hier ist Freude angebracht.

Der HERR segnet dich in Fülle, reichlich, und du sammelst Gaben und gehst mit deiner ganzen Familie nach Jerusalem, um zu feiern. Und auf den Weg musst du auch deinen Sklaven und deine Sklavin und den Leviten und die Waise und die Witwe mitnehmen; sorge für alle genauso, wie der HERR für dich sorgt. Du kannst dich nicht allein freuen: Auch der Fremdling und die Waise und die Witwe teilen den Segen, den du empfangen hast, denn der HERR segnet dich um ihretwillen.

וְזָכַרְתָּ כִּי־עֶבֶד הָיִיתָ בְּמִצְרָיִם וְשָׁמַרְתָּ וְעָשִׂיתָ אֶת־הַחֻקִּים הָאֵלֶּה׃

wesachartá ki-éwed hajíta bemizrájim weschamartá we'assíta et-hachukkím ha'élle

12 Und erinnere dich, dass du Sklave in Ägypten warst, und du wirst diese Gesetze in Erinnerung behalten und einhalten.

Und damit es dir leichtfällt, das zu tun, damit du verstehst, dass es nötig ist, erinnere dich, dass du in einer ähnlichen Situation warst. Selbst wenn du es nicht warst, ist das bei dir im Genocode eingeschrieben, ist das bei dir in der DNA eingeschrieben.

Vom Fest Schawuot gehen wir zum Fest Sukkot über.

חַג הַסֻּכֹּת תַּעֲשֶׂה לְךָ שִׁבְעַת יָמִים בְּאָסְפְּךָ מִגָּרְנְךָ וּמִיִּקְבֶךָ׃

chag hassukkót ta'assé lechá schiw'át jamím be'ospechá miggornechá umijikwécha

13 Das Fest Sukkot (es ist auch das Fest des Aufstellens der Hütten) mache dir sieben Tage, wenn du von deiner Tenne und von deiner Kelter einsammeln wirst.

Wieder hätte man erwarten können, dass es heißt: an dem und dem Tag im siebten Monat, und die und die Opfer wird es geben, die ganze Liste. Und dass von den Hütten die Rede sein wird, die man aufstellen muss, es ist doch das Laubhüttenfest. Aber hier sagt Mosche kein Wort über die Opfer, kein Wort über die Hütten. Warum? Weil es nicht darum geht. Das ist eine Schule der Freude, eine Schule, in der Mosche das Volk Israel lehrt, dass man heilig sein und sich an materiellen Dingen freuen kann, sich am Essen freuen. Man kann das in Heiligkeit tun, und das kann ebenso heilig und freudig sein. Dabei gebietet die Tora nicht, sich am Potenzial zu freuen, sie sagt nicht: „Freue dich an Pessach, noch bevor bei dir etwas gewachsen ist, oder einfach deshalb, weil du Pessach noch erlebt hast.“ Das bedeutet nicht, dass man an Pessach traurig sein muss. Aber ein Gebot, sich auf Kredit zu freuen, sich in der Hoffnung zu freuen, dass das Leben einen erfreuen wird, gibt es hier nicht. Auch das ist wichtig.

וְשָׂמַחְתָּ בְּחַגֶּךָ אַתָּה וּבִנְךָ וּבִתֶּךָ וְעַבְדְּךָ וַאֲמָתֶךָ וְהַלֵּוִי וְהַגֵּר וְהַיָּתוֹם וְהָאַלְמָנָה אֲשֶׁר בִּשְׁעָרֶיךָ׃

wesamachtá bechaggécha attá uwinchá uwittécha we'awdechá wa'amatécha wehallewí wehaggér wehajatóm weha'almaná aschér bisch'arécha

14 Und du wirst dich freuen an deinem Fest, du, und dein Sohn, und deine Tochter, und dein Sklave, und deine Sklavin, und der Levit, und der Fremdling, und die Waise, und die Witwe, die in deinen Toren sind.

Und an Sukkot gehst du wieder, zum dritten Mal, nach Jerusalem, zum dritten Mal nimmst du den Sklaven, die Sklavin, die Waise, die Witwe, den Fremdling mit, und alle zusammen geht ihr feiern, nicht nur du allein.

שִׁבְעַת יָמִים תָּחֹג לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר־יִבְחַר יְהוָה כִּי יְבָרֶכְךָ יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בְּכֹל תְּבוּאָתְךָ וּבְכֹל מַעֲשֵׂה יָדֶיךָ וְהָיִיתָ אַךְ שָׂמֵחַ׃

schiw'át jamím tachóg ladonáj elohécha bammakóm ascher-jiwchár adonáj ki jewarechechá adonáj elohécha bechol-tewu'atechá uwchól ma'assé jadécha wehajíta ach saméach

15 Sieben Tage feiere dem HERRN, deinem Gott, an dem Ort, den der HERR erwählen wird, denn der HERR, dein Gott, wird dich segnen mit deiner ganzen Ernte und in allen Werken deiner Hände, und du wirst dich nur freuen.

Sieben Tage feierst du, feierst mit der Seele, mit Essen, mit Trinken, zusammen mit all deinen Gästen, von dir – nur Freude. Das heißt, im Grunde sagt der Höchste: „Das ganze Essen an diesem Tisch ist Meins, die Freude aber ist eure.“ Damit du nicht denkst, dass du wirklich etwas Eigenes dorthin bringst. In dieser Verbindung von Essen und Freude liegt eben das Bild des heiligen Festes. Nicht nur um die Opfer geht es, hier steht kein Wort über Opfer. Freue dich, feiere, iss aus ganzer Seele und für die Seele, für den Dienst am Höchsten. Das ist es, was uns dieses Kapitel lehrt.

שָׁלוֹשׁ פְּעָמִים בַּשָּׁנָה יֵרָאֶה כָל־זְכוּרְךָ אֶת־פְּנֵי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר יִבְחָר בְּחַג הַמַּצּוֹת וּבְחַג הַשָּׁבֻעוֹת וּבְחַג הַסֻּכּוֹת וְלֹא יֵרָאֶה אֶת־פְּנֵי יְהוָה רֵיקָם׃

schalósch pe'amím baschaná jera'e  chol-sechurechá et-pené adonáj elohécha bammakóm aschér jiwchár bechág hammazzót uwchág haschawuót uwchág hassukkót weló jera'é et-pené adonáj rekám

16 Dreimal im Jahr soll jeder, der männlichen Geschlechts ist, aus deiner Mitte das Angesicht des HERRN, deines Gottes, sehen, an dem Ort, den Er erwählen wird: am Fest der ungesäuerten Brote und am Fest Schawuot und am Fest Sukkot. Und er soll nicht mit leeren Händen vor das Angesicht des HERRN kommen:

Das heißt, du kommst, bringst Gäste mit, bringst Essen mit zu dem gemeinsamen üppigen Festmahl an dem heiligen Ort in Jerusalem, vor dem Angesicht des HERRN, Gottes. Und das ist heilig, und diese Fülle verbindet sich mit Heiligkeit, dieser Genuss verbindet sich mit Heiligkeit.

אִישׁ כְּמַתְּנַת יָדוֹ כְּבִרְכַּת יְהוָה אֱלֹהֶיךָ אֲשֶׁר נָתַן־לָךְ׃

isch kemattenát jadó kewirkát adonáj elohécha aschér natan-lách

17 Jeder Mensch – nach der Gabe seiner Hand, nach dem Segen des HERRN, deines Gottes, der dir gegeben wurde.

Wir haben über die Fähigkeit der Hand gesprochen, sich zu entspannen und loszulassen: inwieweit jeder Mensch seine Hand entspannen und etwas aus ihr herauslassen kann. In dem Maß, wie du den Segen Gottes in deinem Leben siehst, in dem Maß lässt du deine Hand los, um eine Gabe zu bringen. Und wiederum, ich wiederhole es, es geht nicht um Opfer, es geht um ein Festmahl, um ein Festmahl, in dem sich das ganze Volk vor dem Angesicht des HERRN vereint. Um die Fähigkeit, die Fülle zu genießen, in ihr den Segen zu sehen, um die Fähigkeit, den materiellen Segen anzunehmen, zu schätzen und sich an ihm vor dem Angesicht des HERRN zu freuen. Nicht zu einem Asketen im Heiligen Land werden, sondern dafür sorgen, dass dein Reichtum im Heiligen Land sich mehrt, dass die Fruchtbarkeit sich mehrt, dass die Welt besser wird und wir zusammen mit ihr besser werden. Und sich freuen, freuen und noch einmal freuen.

Technische Überprüfung des Herzens

Der Wochenabschnitt Re'e (11,26–16,17) enthält viele Gebote, die damit verbunden sind, dass das Volk Israel in das Land hineinkommt. Mosche sagt: „Wenn ihr in das Land hineinkommt, tut nicht so, wie wir es heute tun – jeder alles, was in seinen Augen richtig ist.“ Diesen Ausdruck kann man auf zwei Wegen verstehen.

Einerseits kann man sagen, dass heute jeder von uns so handelt, wie es in seinen Augen richtig ist. Andererseits kann man denken: Tut nicht so, wie wir heute handeln, sondern jeder soll tun, was in seinen Augen richtig ist. Also, wir wollen nicht so tun, wie wir heute tun, sondern jeder soll so tun, wie es in seinen Augen richtig ist. Und dementsprechend, wenn es die Möglichkeit von zwei Verständnissen gibt, dann haben die Juden beide.

Einerseits kann man sagen, dass das Volk, wenn es im Land Israel lebt, endlich erwachsen werden und beginnen muss, sich dem Höchsten unterzuordnen. In Vers 5 von Kapitel 12 sagt die Tora, dass man nicht an jedem beliebigen Ort ein Opfer darbringen darf, sondern nur dort, wo der Höchste es gebieten wird. Aber wir wissen, dass sowohl zur Zeit des Propheten Schmu'el als auch zur Zeit des Propheten Elijahu als auch zur Zeit der Richter die Menschen verschiedene Anhöhen (bamót) bauten und dort Opfer darbrachten. Wir sehen, dass auch der Prophet Elijahu auf dem Berg Karmel ein Opfer darbrachte, und Gott nahm es an. Und erst viel später, unter der Herrschaft des Königs Joschijahu, wurden diese bamót vernichtet, und das Opfer wurde in den einen Tempel verlegt. Und es stellt sich die Frage: Was ist schlecht an all diesen Anhöhen? Warum verbietet die Tora sie? Zudem sehen wir, dass der Höchste manchmal das Opfer annimmt, das auf ihnen dargebracht wird. Die Tora sagt (und die Geschichte zeigt es uns), dass es bei jedem Dorf eine eigene Höhe gab, auf der man Opfer darbrachte, und das Volk musste nicht weit gehen: Jeder wählte einen schönen, guten Ort und brachte dort Opfer dar. Und jedes Mal führte das dazu, dass das Volk in geistige Hurerei zu verfallen begann, denn es gab keinen einheitlichen Maßstab, kein einheitliches Maß, und das einheitliche Bild des Schöpfers ging verloren. Es kam zu Vermischungen mit anderen Völkern, das Volk ging anderen Völkern nach, die nebenan Opfer darbrachten. Das ist der Grund, weshalb der Höchste sagt: Tut nicht jeder, wie seine Augen es gebieten.

Wenn er beginnt, Gott zu dienen, sucht jeder irgendeinen Weg im richtigen Dienst für den Höchsten – so, wie es ihm erscheint. Warum ist der Höchste dagegen, dass man Ihm auf jeder kleinen Anhöhe, auf jedem Hügel Opfer darbringt? Der Höchste hat einen einzigen Ort für die Opfer erwählt, weil er ein einheitliches System will, ein einheitliches Verständnis. Das heißt, es ist dem Menschen nicht gegeben, selbstständig, allein zu entscheiden, was wahr ist, was heilig, was nicht heilig, welcher Ort ihm passt und welcher nicht passt. Deshalb gibt es einen Ort, an dem sich alle versammeln. Alle können einander überprüfen, alle bringen das Opfer gemäß einem einheitlichen System dar.

Aber andererseits gibt es auch ein anderes Verständnis, ein völlig anderes. Es sagt, dass wir heute, solange wir durch die Wüste gingen, nicht jeder so handeln konnten, wie er will, jeder, wie es gut ist in seinen Augen. Die Nahrung war eine für alle, und letzten Endes war das ganze Volk auf einem solchen langen Marsch. Das Volk war auf dem Marsch, und das schränkte das Volk irgendwie ein: Vieles war auf diesem Marsch unmöglich zu tun. Jetzt, da Israel in das Heilige Land hineingekommen ist, ist es von diesen Einschränkungen des Marsches befreit. Und deshalb kann jeder nach seinem eigenen Verstand leben, nach seinem eigenen Verständnis, frei von dem Einfluss und dem Druck, den andere auf ihn ausüben. Das ist auch eine Befreiung von der Vergangenheit. Ein Mensch, der an Drogensucht oder Alkoholismus leidet, kann nicht tun, was gut ist in seinen Augen. Das Hineinkommen in das Heilige Land – das ist seine Befreiung. Aber neben ihm können sich seine früheren Freunde befinden, die sagen werden: „Komm, lass uns trinken, komm, lass uns einen Schuss setzen.“ Ihnen abzusagen ist sehr schwer. Und der Mensch kann wieder anfangen, sich nach den Nahestehenden, nach den Freunden umzuschauen, und wieder in genau diese Einschränkungen geraten. Die Juden hatten dieselbe Art von Einschränkungen auf dem Marsch durch den Sinai. Und der Höchste sagt: „Ich gebe dir Freiheit, du bist frei, selbst den Dienst für Mich zu suchen, ohne dich nach anderen umzuschauen.“

Diese zwei Verständnisse gibt es bei diesem Vers, bei diesem Fragment.

Damit kann man noch ein weiteres Fragment verbinden, mit dem eigentlich unser Wochenabschnitt beginnt. Das sind die Verse 26–28 von Kapitel 11: „Ich lege euch heute Segen und Fluch vor. Den Segen, damit ihr auf die Gebote des HERRN, eures Gottes, achtet, die ich euch heute gebiete; und den Fluch, wenn ihr nicht auf die Gebote des HERRN, eures Gottes, achten werdet und von dem Weg abweicht, den ich euch heute gebiete …“ Hier gibt es eine kleine Feinheit in der Sprache der Tora. Die Tora sagt: Segen, wenn ihr hört auf die Gebote Gottes, und Fluch – falls ihr nicht hört. Das heißt, der Segen wird ohne jede Bedingung gegeben. Der Segen wird dafür gegeben, dass der Mensch die Tora hören kann. Und mehr noch, man kann verstehen, dass schon das Hören der Tora selbst ein Segen ist. Es ergibt sich, dass der Mensch sofort, in dem Moment, sobald die Worte der Tora erklungen sind, schon den Segen empfängt.

Als der erste Tempel zerstört wurde, verfasste der Prophet Jirmejahu das Buch Echa (Klage Jirmejahus). In Vers 38 von Kapitel 3 steht geschrieben: „Kommen nicht aus dem Mund des Höchsten die Übel (ra'ót) und das Gute (tow)?“ (oder etwa aus dem Mund des Höchsten oder nur aus dem Mund des Höchsten, man kann es verschieden verstehen). Und die Kommentatoren fragen: „Warum ist das Gute in der Einzahl erwähnt, das Böse aber in der Mehrzahl? Und sie beantworten diese Frage so: Das Gute wird dem Menschen gegeben als Möglichkeit, überhaupt gute Taten zu tun. Die Eigenschaft der Tugend selbst, die dem Menschen gegeben wird, die Eigenschaft, die Schrift zu hören – das ist eben das Gute. Es ist eines, aber es hat viele Früchte. Jede gute Tat des Menschen ist eine Frucht ebendieses Guten. Das heißt, das Gute ist die Ursache, und die guten Taten sind die Folge. Mit den Übeln aber geschieht es umgekehrt. Jede unserer bösen Taten zieht Übel nach sich. Das heißt, böse Taten sind die Ursache, Übel sind die Folge. Und da es viele böse Taten geben kann, sind auch die Übel in der Mehrzahl genannt. Das heißt, von dem Moment an, in dem der Mensch die Tora gehört hat, ist schon das Hören der Tora selbst der Segen, das Gute, und man muss nicht auf irgendeine Belohnung für das Hören der Tora oder für gute Taten warten, denn das Hören selbst ist die Belohnung, die guten Taten selbst sind der Lohn. Diese Freiheit, gute Taten zu tun, ist eben jener Segen, der uns gegeben ist.

Es gibt noch einen wichtigen Punkt, einen etwas irrationalen. Die Tora sagt: Wenn ein Mensch einen Sklaven in die Freiheit entlässt, muss er ihm sowohl von seinem Vieh als auch von seinem Wein geben. Das heißt, er muss ihn reichlich in allem segnen. Es ergibt sich, dass der Mensch nicht nur den Sklaven in die Freiheit entlässt (das ist ja schon ein Verlust), sondern ihm noch etwas dazuzahlt. Und die Tora erklärt den Grund: Denk daran, dass du Sklave im Land Ägypten warst und dein Gott dich befreit hat. Und außerdem hat Gott die Herzen der Ägypter so gestimmt, dass sie Kleider und Schmuck und Gold gaben. Der Höchste hat es so gemacht, dass die Ägypter das Volk nicht nur ziehen ließen, sondern ihnen auch Geschenke gaben. Das ist ein Handeln Gottes.

Und in unserem Fall sagt der Höchste, dass in den Herzen der Juden dieselbe Arbeit vor sich gehen, verrichtet werden wird, und bittet die Juden, ruft sie auf, diese Arbeit des Geistes nicht zu behindern. Wenn es die Gnade gibt, den Sklaven nicht nur freizulassen, sondern ihm noch etwas zu zahlen; wenn es die Gnade gibt, zum Beispiel eine irrationale Großzügigkeit bei der Bezahlung der Arbeit zu zeigen, dann ist das vielleicht die Arbeit ebendieses Geistes im Menschen, ebenjener Segen, von dem wir sprechen. Wahrscheinlich ist es so.

Dein Armer

Wir werden miteinander zwei Verse aus unserem Wochenabschnitt Re'e (15,7.8) des Buches Dewarim noch einmal lesen: „Wenn aber bei dir (wechá) ein Bedürftiger (ewjón) sein wird, irgendeiner von deinen Brüdern, in einem deiner Tore, in deinem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt, so verhärte dein Herz nicht und verschließe deine Hand nicht vor deinem bedürftigen Bruder, sondern öffne ihm deine Hand und leihe ihm nach dem Maß seines Bedarfs, woran er Mangel haben wird.“

Zuallererst achten wir darauf, wie oft bei dir, deiner, dir und so weiter wiederholt wird. Also, worüber spricht hier die Tora? Es wird bei dir einen Bedürftigen geben, wörtlich – in dir (wechá). Das heißt, in deinem Inneren, im Inneren des Volkes gibt es Bedürftige, und sie sind nicht irgendwo dort, sie sind hier. Das sind nicht einmal sie, das sind wir. Der Bedürftige – er ist bei uns, er ist ein Teil von uns, er ist vor allem bei mir oder, genauer, wie wir gesagt haben, er ist in mir. Er ist von meinen Brüdern, in einem meiner Tore, in meinem Land. Und warum ist es eigentlich meins? Weil der HERR es mir gegeben hat. Es ist meins, weil der HERR, dem die ganze Erde gehört und alles, was auf ihr ist, es mir gegeben hat. Und Er hat es mir gegeben, der Bedürftige aber hat etwas nicht abbekommen, oder Er hat mich bestimmt, es ihm zu geben. Und der HERR sagt zu mir: „Verhärte dein Herz nicht und verschließe deine Hand nicht vor deinem bedürftigen Bruder.“

Man kann es so verstehen (auch das ist eine richtige Lesart), dass sich zuerst mein Herz verhärtet. Ich sage zum Bedürftigen: „Hör mal, man muss arbeiten. Da, du hast Hände und Füße – geh arbeiten, was kommst du zu mir, um Geld zu erbitten?“ Ein verhärtetes Herz verschließt die Hand.

Dazu gibt es einen schrecklichen Midrasch, eine schreckliche Erzählung. Ein Bedürftiger kommt zu dir und sagt: „Gib mir“, und du sagst: „Schau auf deine Hände, auf deine Füße, auf deinen Bauch schau, auf deinen Hals schau“, oder: „Wie stark du bist!“, oder: „Schau, wie viel du dir angegessen hast – du bist so rundlich, wohlgenährt, und du bittest mich um Essen?“ Solche Varianten, es kann noch irgendwelche anderen Varianten geben. Und der HERR sagt dir in diesem Moment: „Nicht genug, dass du ihm nicht von dem gibst, was dir gehört, du machst ihm auch noch Vorwürfe dafür, was Ich ihm von Meinem gegeben habe.“ Das ist sehr schrecklich. Und deshalb ja, natürlich muss man einem Menschen helfen, sich einzurichten, sich in die Gesellschaft einzufügen, in die Gesellschaft zurückzukehren. Aber eigentlich ist genau hier die Rede von einem Menschen, der etwas braucht, das ihm hilft, in die Gesellschaft zurückzukehren, um ein normaler Mensch zu sein, um die Möglichkeit zu haben, Geld zu verdienen und zu leben wie alle.

Das Wort ewjón, das die Tora hier verwendet, übersetzen wir als Bedürftiger, wörtlich – einer, der Sehnsucht empfindet, leidet, sich etwas wünscht, sich nach etwas sehnt. Ihm fehlt etwas, um wieder in Reih und Glied zu kommen, um sich selbst aufzubauen, sich als normaler Mensch zu fühlen, und deshalb ist es dumm, ihm auf diese Weise Vorwürfe zu machen, und man muss ihm helfen.

Aber es gibt Situationen, in denen diese Abfolge nicht da ist: verschlossenes Herz – verschlossene Hand. Es kommt vor, dass wir bereit sind, einem Menschen zu helfen, unser Herz ist offen, aber in unserer Hand ist nichts, wir können dem Menschen materiell einfach nichts geben. In einem solchen Fall können wir ihn irgendwie seelisch unterstützen, ermutigen, und manchmal ist auch das sehr wichtig. Und es kommt vor, dass wir bereit sind, einem Menschen irgendeine Münze zu geben, einfach damit er nicht stört, damit er uns nicht ständig vor Augen steht, damit er uns in Ruhe lässt. Und dann ist unsere Hand offen, aber unser Herz öffnet sich nicht.

Und die Tora sagt: „Damit man dieses Gebot gerecht erfüllt, damit das Volk Segen hat, muss jeder aus dem Volk sowohl das Herz als auch die Hand öffnen.“ Auch das ist sehr wichtig – einem Menschen das zu geben, was er braucht, nicht irgendein Minimum, nicht zu sagen: „Na, wenn du hungrig bist, dann iss Brot und Salz. Und außerdem habe ich dir ein gekochtes Ei gegeben, also bist du tausendmal gesegnet.“ Das fällt denen, die nicht daran gewöhnt sind, sehr schwer anzunehmen, aber die jüdische Tradition sagt, dass man einem Menschen helfen muss, auf die Ebene zurückzukehren, von der er gefallen ist. Wenn er an etwas Besonderes gewöhnt ist, dann muss man ihm bei diesem Besonderen helfen.

Im Talmud, im Traktat Ketubot, wird folgende Geschichte erzählt. Ein Armer kam, um bei Rawa (Rawa bar Josef bar Chama) um Almosen zu bitten. Und Rawa fragt: „Und wovon bist du überhaupt gewohnt dich zu ernähren, was war deine Speise, als du ein normales Leben geführt hast?“ Darauf antwortete jener: „Ich bin gewohnt, mich von gemästetem Hühnchen und altem Wein zu ernähren.“ Und Rawa fragte: „Und fürchtest du nicht, den Menschen zur Last zu fallen? Fürchtest du nicht, dass, wenn du jetzt bei den Menschen um gemästetes Hühnchen und alten Wein bittest, Anspruch auf gemästetes Hühnchen und alten Wein erhebst, fürchtest du nicht, dass du den Menschen zur Last fallen wirst?“ Darauf antwortete der Arme: „Esse ich denn etwa ihre Speise? Ich esse die Speise des Schöpfers.“ Genau wie in Tehillim geschrieben steht: „Aller Augen hoffen auf Dich, und Du gibst Speise zu seiner Zeit“. Jedem gibst Du Speise zu seiner Zeit, das heißt, wenn er sie braucht. Warum steht nicht zu ihrer Zeit geschrieben? Um zu lehren, dass der Höchste jedem Nahrung gibt, dass der Höchste keine Armenküche eröffnet hat, in der, sagen wir, alle Borschtsch bekommen oder alle Suppe bekommen. Und das ist wunderbar. Aber der Höchste sorgt auf noch wunderbarere Weise für die Bedürftigen. Also, während sie sprachen, kam zu Rawa seine leibliche Schwester, die er dreizehn Jahre nicht gesehen hatte. Und was brachte sie mit? Sie brachte Mitbringsel für Rawa mit: gemästetes Hühnchen und alten Wein. Und Rawa sah darin ein Zeichen, gab alles diesem Bedürftigen und sagte: „Du hast recht behalten, geh und iss das.“ Natürlich geht es mehr um den Glauben des Bedürftigen als um den Dienst Rawas, aber das ist eine interessante Bemerkung für unsere Sammlung: das Verständnis dessen, was es heißt, jedem nach seinem Bedarf zu geben.

Es gibt noch ein wichtiges Detail. Hier ist nicht einmal von Almosen die Rede, sondern von einem Darlehen. Ein Darlehen – das ist, wenn wir einem Menschen mehr leihen, als wir einfach als Almosen geben. Wenn wir einem Menschen ein Almosen geben – einen Schekel, zehn Schekel, fünfhundert Rubel, tausend Rubel, tausend Dollar, fünfzig Hrywnja, hundert Hrywnja (egal, welche Summe wir ihm geben) –, rechnen wir damit, dass ihm später noch jemand anderes etwas gibt, oder dass wir ihm mit Gottes Hilfe jeden Monat etwas zukommen lassen werden. Wenn wir ihm ein Darlehen geben, rechnen wir damit, dass er auf die Beine kommt und uns dieses Darlehen zurückgeben kann, dass dieses Darlehen für ihn ein Segen für die Entwicklung seines Geschäfts sein wird, für die Entwicklung irgendeiner Sache, dafür, dass er sich mit etwas beschäftigt, sich irgendwie einrichtet, aufhört, Mangel zu leiden, uns dieses Geld zurückgeben kann und dieses Geld noch jemand anderem dienen wird.

Im Buch Tehillim (37,21) heißt es: „Der Frevler leiht und gibt nicht zurück, der Gerechte aber erbarmt sich und gibt.“ Wovon ist die Rede? Der Frevler leiht, und er leiht mit der aufrichtigen Absicht, es zurückzugeben, er ist ja kein Betrüger. Er leiht und denkt: „Ich kaufe hier Ware, dann verkaufe ich sie weiter und gebe das Geld zurück.“ Aber irgendetwas klappt bei ihm nicht. Warum? Weil er ein Frevler ist. Aufgrund irgendwelcher seiner Sünden, aufgrund irgendwelcher Probleme hat er den Segen verloren und wird dieses Geld nicht zurückgeben können. Was soll man da tun? Der Gerechte erbarmt sich und gibt. Dann vergrößert sich dieser Umsatz, der zum Frevler kommt, nicht auf Kosten dessen, worin sein Segen liegt, sondern auf Kosten des Segens des Gerechten, der sich seiner erbarmt. Und durch dieses Erbarmen des Gerechten öffnet sich auch der Weg des Frevlers zur Umkehr. Nun, ein Frevler – das ist vielleicht nicht im sehr schrecklichen Sinn ein Frevler, das ist irgendein Mensch, der sich verstrickt hat, der sich nicht auf einer ausreichenden Stufe befindet und dessen finanzieller Segen beschädigt ist. Und unsere Aufgabe ist es, diesem Menschen zu helfen. Er ist nicht irgendwo dort, das sind nicht irgendwelche „die“, er ist unser Bruder, er ist ein Teil unseres Volkes.

Und noch eine wichtige Facette dieses Verses: „Es gibt in dir einen Notleidenden.“ Vielleicht ist bei jemandem von uns die finanzielle Lage stabil, aber jeder Mensch hat irgendeine Not. Jeder Mensch sehnt sich nach etwas, vermisst etwas, braucht etwas. Jemand braucht menschliche Liebe, jemand braucht Verständnis, jemand braucht Wärme, jemand sehnt sich nach der Möglichkeit, sich auszuruhen, jemand leidet an Schlaflosigkeit. Jeder Mensch hat irgendeine Not, nicht unbedingt eine finanzielle Not. Und deshalb, wenn wir einem Menschen begegnen, der Geld braucht, können wir sagen: „Na, wir brauchen, Gott sei Dank, kein Geld.“ Mag sein, aber wir haben irgendwelche anderen Nöte, und überhaupt wissen wir, was Not ist, selbst wenn wir, Gott sei Dank, mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden und uns nie Geld gefehlt hat. Wir wissen, was es heißt, an etwas Mangel zu spüren, was es heißt, irgendeine Sehnsucht zu spüren. Auch in dir ist irgendeine Sehnsucht, du selbst sehnst dich nach etwas, du selbst brauchst etwas. Das heißt, in irgendetwas, irgendwo bist du ein Armer, in irgendetwas, irgendwo bist du ein Bedürftiger. Und deshalb kümmere dich um jenen Bedürftigen, der von deinen Brüdern ist, um einen ebensolchen Bedürftigen wie du, nur dass er etwas braucht, worin ihm vielleicht sogar leichter zu helfen ist als einem Menschen, dem es an Liebe, an familiärer Wärme, an menschlicher Aufmerksamkeit und so weiter fehlt. Das also sind Gedanken zum Wochenabschnitt Re'e.

Re'e: das Studium fortsetzen

Lest auch den Wochenabschnitt Ekew, das Gespräch über die Segnungen und Flüche, den Beitrag über die jüdischen Feste und die Wochenabschnitte der Tora.

Russisches Original: alexblend.com
Diese Übersetzung wurde mit Unterstützung von KI erstellt und bedarf einer weiteren sprachlichen Bearbeitung und Korrektur durch Muttersprachler.

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    Inhalt dieses Abschnitts

    1. 1Organoleptik des Geistes 11,26–32
    2. 2Geografie der Heiligkeit 12,1–19
    3. 3So viel die Seele begehrt 12,20–13,1
    4. 4Gefährliche Reden 13,2–19
    5. 5Edle Dons 14,1–21
    6. 6Mikrobewegungen 14,22–15,1–23
    7. 7Heilig und zufrieden 16,1–8
    8. 8Heilig und fröhlich 16,9–17
    9. 9Technische Überprüfung des Herzens
    10. 10Dein Armer
    11. 11Re'e: das Studium fortsetzen

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