- Wochenabschnitte
- Bereschit
- Wajeze
וַיֵּצֵא
Wajeze
die Leiter Jaakows und seine Familie
- Wochenabschnitt
- 7 von 54
- Verse
- Bereschit 28,10–32,3
- Teile
- 13
- Lesezeit
- 3 Std. 13 Min.
- Hörfassung
- 5 Std. 6 Min.
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Wajeze ist der Wochenabschnitt über den Weg Jaakows nach Charan, über seine Familie und die Rückkehr nach Hause. Im Stenogramm bespricht Alex Blend den Traum von der Leiter, die Beziehungen zu Rachel, Lea und Lawan, die Arbeit und das Gebet Jaakows. Der hebräische Text, die Transliteration und die Übersetzung werden von Kommentaren zur Tora und zur Haftara begleitet.
Wajeze: die wunderbarste Leiter
Bereschit 28,10–22
Wir erinnern uns, wie Jaakow auszieht: Einerseits flieht er vor Esaw, vor seinem Zorn, wie seine Mama ihn angefleht hatte; andererseits geht er mit dem Segen Jizchaks, um sich eine Braut zu nehmen.
וַיֵּצֵא יַעֲקֹב מִבְּאֵר שָׁבַע וַיֵּלֶךְ חָרָנָה
wajezé jaaków mibbe'ér scháwa wajélech charána
10 Und Jaakow zog aus von Be'er-Schewa, und er ging nach Charan.
Wenn wir uns erinnern, sagte Riwka, dass Jaakow nach Charan fliehen muss, Jizchak aber schickte Jaakow nach Padan-Aram. Wir wollen nicht auf die geografischen Feinheiten eingehen, es geht ungefähr um dasselbe, aber die Sprache ist verschieden. Hier sagt uns die Tora, dass Jaakow nach Charan flieht; das heißt, Jaakow flieht in größerem Maße vor Esaw, als dass er eine Braut holen geht, zumindest im Augenblick. Die Entfernung von Be'er-Schewa bis Charan beträgt, damit ihr es euch vorstellen könnt, 17 Tagesreisen. Wenn wir ein wenig tiefer hineinschauen, warum die Tora den Akzent darauf legt, dass es eine Flucht ist und nicht ein Gang, um eine Braut zu holen, dann geht hier zum ersten Mal das Volk Israel, potenziell das Volk Israel (vorerst in der Person eines einzigen Menschen namens Jaakow), aus dem Land Israel ins Exil. Es ist eben die erste Flucht, das erste Exil. Es gab schon vorher, dass Awraham wegen einer Hungersnot nach Ägypten hinabzog, aber das war keine Flucht. Hier aber ist das erste Exil in der Geschichte Israels, in der Urgeschichte Israels. Wohin flieht Jaakow? In die Stadt Charan. Und was ist Charan? Charan wird, wie wir uns erinnern, dann erwähnt, als Terach stirbt, er stirbt in Charan. Gleich danach erscheint Awraham. Und in gewissem Maße kann man sagen, dass Jaakow, vom geistlichen Standpunkt aus, in die „Vor-Awraham-Zeit“ flieht, in die „vorawrahamische“ Welt hinabsteigt; ins erste Exil des Volkes Israel. Eine weitere Bedeutung des Wortes Charan ist charón Aw oder Zorn Gottes. Auch die letzten Worte dieses Verses, wajélech charána (und er floh nach Charan), kann man übersetzen als und fort ging der Zorn, fort ging der Zorn Esaws. So ein vieldeutiger Satz ist das. Also, Jaakow ist im ersten Exil in der Geschichte Israels.
וַיִּפְגַּע בַּמָּקוֹם
wajifgá bammakóm
11 Und er stieß auf einen gewissen Ort…
Ein erstaunliches Verb, lifgóa, wir sind ihm begegnet, als Awraham die Söhne Chets bat, mit Efron ben Zochar zusammenzutreffen, als er von ihnen die Höhle kaufte. Er sagte: „Gebt mir die Möglichkeit, mit ihm zusammenzutreffen (וּפִגְעוּ – לִי)“. Und das Wort lifgóa bedeutet sich treffen, auf etwas stoßen, aufeinanderstoßen. Eine weitere Bedeutung dieses Wortes, die wir im Buch des Propheten Jirmejahu im 7. Kapitel, Vers 16 finden – Fürsprache einlegen oder beten: „…Betet nicht zu mir, legt keine Fürsprache ein vor mir“, sagt der Höchste. Das Verb lifgóa – beten, ins Gebet versunken sein, ein schützendes Gebet beten.
Man kann sagen, dass Jaakow im Zustand eines Flüchtlings mit unklaren Aussichten, in aufgewühlter seelischer Verfassung, ins Gebet versunken geht; und von diesem Gebet bewegt, vom Höchsten geleitet, stößt er nach seinem inneren göttlichen GPS auf einen gewissen Ort.
wajálen scham ki-wá haschémesch
… und er übernachtete dort, denn die Sonne war gekommen…
In der Sprache Iwrit, in der Sprache der Tora heißt der Ausdruck die Sonne ist untergegangen (wa haschémesch) – die Sonne ist gekommen. Die Sonne kam dorthin, wohin sie am Morgen fortgezogen war, das heißt nach Westen. Hier ist eine sehr interessante Wendung: Er übernachtete dort deswegen, weil die Sonne untergegangen war. Daraus kann man verstehen, dass die Sonne früher unterging, als er erwartet hatte. Wiederum, wenn man sagt, dass Jaakow geht, bewegt vom Gebet und von seinem inneren Wunsch nach Richtung, nach Führung vom Höchsten, dann lässt der Höchste die Sonne ein wenig vor der Zeit untergehen und lenkt Jaakow auf diesem Weg, damit er an diesem bestimmten Ort übernachtet.
וַיִּקַּח מֵאַבְנֵי הַמָּקוֹם וַיָּשֶׂם מְרַאֲשֹׁתָיו וַיִּשְׁכַּב בַּמָּקוֹם הַהוּא׃
wajikkách me'awné hammakóm wajássem mera'aschotáw wajischkáw bammakóm hahú
…und er nahm von den Steinen dieses Ortes und legte sie sich zu Häupten, und legte sich an ebendiesem Ort nieder.
Man kann sich vorstellen, dass Jaakow Steine sammelte, sie sich unter den Kopf legte und sich dort hinlegte; das ist die wörtliche Übersetzung. Die Kommentatoren erzählen eine erstaunliche Geschichte, so einen erstaunlichen Midrasch. Wenn wir „Midraschim“ sagen, und Midraschim sind manchmal ein wenig magisch, muss man nicht den buchstäblichen Sinn verstehen, sondern das, was sie meinen. Also, der Midrasch erzählt, dass, als er die Steine auswählte, jeder Stein sagte: „Wähle mich! Mich, mich leg unter den Kopf.“ Und der Höchste vereinigte in Seiner Gnade die Steine zu einem, machte so einen einzigen großen orthopädischen Stein, auf dem Jaakow bequem schlafen konnte. Scheinbar ist das wieder einfach ein magischer Midrasch, aber er sagt, dass der Höchste uns (wir sagen: awoním – Steine, baním – Söhne) zu einem Volk vereinigt, er spricht von der Fähigkeit des Höchsten, aus vielem eines zu machen, denn im Weiteren werden wir sehen, dass der Stein ja einer ist.
וַיַּחֲלֹם וְהִנֵּה סֻלָּם
WAJACHALÓM WEHINNÉ SULLÁM
12 Und er schlief ein und sah einen Traum, und siehe – eine Leiter…
Das kann man unterschiedlich verstehen, unter anderem kann man verstehen, dass er da selbst im Traum ist, es träumte ihm, dass er – eine Leiter ist. Bei diesem Vers werden wir lange verweilen müssen.
Wajachalóm wehinné sulám – und er schlief ein, und siehe – eine Leiter. Schauen wir uns das Wort sulám – Leiter an. Wenn jemand auf den hebräischen Text schaut, wird er im Inneren des Buchstäbchens lámed (ל) einen Punkt sehen, das heißt sullám, wie mit doppeltem „l“. Das bedeutet, dass man die Wurzel des Wortes lesen muss als סלל (samech-lamed-lamed), als er hat uns einen Weg gebahnt oder er hat uns einen Weg eröffnet, wie gesagt ist: „er hat uns einen Weg eröffnet durch seinen Leib“. Sullám – die Leiter, die einen Weg zur Erde und zu den Himmeln bahnt, das Himmlische und das Irdische verbindet. Wir werden gleich davon lesen:
סֻלָּם מֻצָּב אַרְצָה וְרֹאשׁוֹ מַגִּיעַ הַשָּׁמָיְמָה
sullám muzzáw árza weroschó maggíja haschamájma
…die Leiter ist auf die Erde gestellt (eben auf die Erde gestellt, das heißt, in Richtung der Erde), und ihr Haupt reicht bis an die Himmel…
So ein „holpriges“ Iwrit ist das. Man könnte sagen, das sei holpriges Iwrit, wenn Der, Der die Tora gab, nicht ein großer Kenner des Iwrit wäre. Das weist auf eine bestimmte Bewegungsrichtung hin. Die Leiter bewegt sich gleichzeitig in Richtung der Erde und der Himmel, sowohl nach oben als auch nach unten.
וְהִנֵּה מַלְאֲכֵי אֱלֹהִים עֹלִים וְיֹרְדִים בּוֹ׃
wehinné mal'aché elohím olím wejoredím bo
…und siehe, Gesandte Gottes (oder Engel Gottes) steigen auf und steigen herab auf ihr (auf der Leiter).
Man kann es unterschiedlich verstehen, und lasst uns versuchen, uns an verschiedene Deutungen dieses Traumes zu erinnern. Einige sagen: Da sieht Jaakow, dass er selbst – die Leiter ist, dass er potenziell das Volk Israel ist, und er sieht sich als Leiter, durch die alle göttlichen Pläne verwirklicht werden, die ganze göttliche Lenkung der Welt. Alle Gesandten, alle Engel Gottes – alle steigen zu ihm hinauf und herab, durch ihn; er ist wie ein verbindendes System zwischen den Himmeln und der Erde. Und man kann sagen, wenn man sich an die Worte des Maschiach erinnert: „Ihr werdet die Engel Gottes sehen“, dass Jaakow die Verheißung des Maschiach sieht, die Verheißung der Rettung.
Andere Kommentatoren sagen, dass Jaakow die ganze Geschichte Israels gezeigt wurde, die ganze Geschichte der Menschheit. Man zeigte ihm, wie Babylon auf der Leiter hinaufsteigt und dann hinabsteigt. Persien, Griechenland, Rom steigen hinauf; sie steigen hinauf und steigen hinab. Und der Höchste bittet Jaakow, auf dieser Leiter hinaufzusteigen. Und Jaakow sagt: „Ich fürchte mich, auf ihr hinaufzusteigen, denn ich werde auch hinabsteigen, ich werde auch nicht standhalten!“ Und der Höchste sagt: „Jaakow, wenn du hinaufsteigst, dann wirst du nicht hinabsteigen. Ich verspreche es dir.“ Aber Jaakow steigt nicht auf dieser Leiter hinauf. Das ist noch eine Deutung, und diese Deutung ist eschatologisch, eine Deutung, die mit der Weltgeschichte und ihrer Entwicklung bis zum Ende der Welt verbunden ist.
Es gibt eine interessante Deutung im Targum, der alten aramäischen Übersetzung. Wenn wir Targum sagen, dann sind das nicht ganz Kommentare, es ist eben eine Übersetzung; das, was man in den Synagogen als Übersetzung las (so wie wir heute die Übersetzung von Josifon oder die Synodalübersetzung lesen), und das wurde als der einfache Sinn der Tora verstanden. Und darin wird gesagt, dass zwei Engel gingen, die nach der Zerstörung Sedoms übrig geblieben waren. Sie begleiteten Jaakow bis zur Leiter, stiegen selbst die Leiter hinauf. Natürlich empfangen sie Scharen von Engeln mit Fragen, was es dort auf der Erde für Neuigkeiten gibt (wir erinnern uns, dass das ein Midrasch ist). Und die Engel sagen: „Wir haben dort einen Menschen gesehen (im Sinne von – Jaakow), dessen Gesicht dem Gesicht gleicht, das eingraviert ist, dessen Relief sich auf dem Thron des HERRN befindet.“ Und das ist ein Midrasch, der davon spricht, dass das Gesicht Jaakows wie das Gesicht des Maschiach war, das, wie wir wissen, auf dem heiligen Thron abgebildet ist (es gibt solche Midraschim). Und die Engel wunderten sich, dass es sowohl in den Himmeln als auch auf der Erde ein und denselben Menschen gibt. Das ist ein Midrasch, der von der Verheißung des Maschiach auf der Erde spricht; und das alles sind sehr interessante und tiefe Midraschim, und es gibt Tiefen und Tiefen der Tiefen rund um diese Midraschim. Aber man muss sich erinnern, dass Jaakow in Verwirrung ist, in Furcht, und außer den gewaltigen Bildern der Weltgeschichte einfach Ermutigung braucht. Und deshalb gibt es eine solche Wahrscheinlichkeit, gibt es einen solchen Ansatz, dass Jaakow diesen Traum seinen ganzen weiteren Weg, sein ganzes weiteres Exil, sein ganzes weiteres Leben bis zur Rückkehr ins Vaterhaus verstehen wird. Jaakow wird diese Leiter, diesen Traum durchdenken und wird darüber nachsinnen, und das bedeutet, dass wir die ganze Bedeutung dieses Traumes erst später erschließen werden.
וְהִנֵּה יְהוָה נִצָּב עָלָיו וַיֹּאמַר אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵי אַבְרָהָם אָבִיךָ וֵאלֹהֵי יִצְחָק
wehinné adonáj nizzáw aláw wajomár aní adonáj elohé awrahám awícha welohé jizchák
13 Und siehe, der HERR steht neben ihm (hier ist unklar: steht der HERR neben der Leiter oder neben Jaakow) und spricht: „Ich bin der HERR, der Gott Awrahams, deines Vaters, und der Gott Jizchaks...
Einige sagen, dass der HERR oben auf der Leiter stand, andere, dass der HERR neben Jaakow stand.
Gewöhnlich erwähnt der Höchste keine lebenden Menschen, als Gott lebender Menschen, die noch am Leben sind. So sagen die Midraschim, sagen die Kommentatoren, dass der Höchste Seinen Namen nicht mit den Namen der Lebenden verbindet; aber da Jizchak krank, blind ist, gilt er schon gleichsam als tot. So versucht man zu erklären, dass der HERR hier den Namen Jizchaks erwähnt. Andere sagen, dass Jizchak, da er schon gestorben ist, er war schon auf dem Altar (man kann sagen, dass er ein Urbild des auferweckten Maschiach ist), er ist schon der Erstgeborene, wenn nicht aus den Toten, so der Erstgeborene der Toten. Deshalb kann er auch von Gott erwähnt werden, als Gott Jizchaks. Und der Höchste fährt fort und spricht ihm die Verheißung zu:
הָאָרֶץ אֲשֶׁר אַתָּה שֹׁכֵב עָלֶיהָ לְךָ אֶתְּנֶנָּה וּלְזַרְעֶךָ׃
ha'árez aschér attá schochéw aléha lechá ettenénna ulsar'écha
…Das Land, auf dem du liegst, dir werde ich es geben und deinem Samen.
וְהָיָה זַרְעֲךָ כַּעֲפַר הָאָרֶץ וּפָרַצְתָּ יָמָּה וָקֵדְמָה וְצָפֹנָה וָנֶגְבָּה וְנִבְרֲכוּ בְךָ כָּל-מִשְׁפְּחֹת הָאֲדָמָה וּבְזַרְעֶךָ׃
wehajá sar'achá ka'afár ha'árez ufaraztá jámma wakédma wezafóna wanégba weniwrechú wechá kol-mischpechót ha'adamá uwsar'écha
14 Und dein Same wird sein wie der Staub der Erde, und du wirst gehen nach Osten und nach Westen und nach Norden und nach Süden, und gesegnet werden in dir alle Völker der Erde und durch deinen Samen.
Das ist ein Segen über das Land und ein Segen über die Herrschaft; darüber, dass der HERR Jaakow diesen Segen geben wird, im Grunde genommen, für die Zukunft.
וְהִנֵּה אָנֹכִי עִמָּךְ וּשְׁמַרְתִּיךָ בְּכֹל אֲשֶׁר-תֵּלֵךְ וַהֲשִׁבֹתִיךָ אֶל-הָאֲדָמָה הַזֹּאת כִּי לֹא אֶעֱזָבְךָ עַד אֲשֶׁר אִם-עָשִׂיתִי אֵת אֲשֶׁר-דִּבַּרְתִּי לָךְ׃
wehinné anochí immách uschmartícha bechól ascher-teléch wahaschiwotícha el-ha'adamá hassót ki lo e'esowchá ad aschér im-assíti et ascher-dibbárti lach
15 Siehe, ich bin mit dir und werde dich behüten überall, wohin du auch gehst, und werde dich zurückbringen in dieses Land, denn ich werde dich nicht verlassen, bis Ich alles ausgeführt habe, wovon Ich zu dir geredet habe“.
Eine gewaltige Verheißung empfängt hier unser Stammvater Jaakow. Einerseits eine Vision (die Leiter), der man vorerst schwer eine konkrete Deutung geben kann. Andererseits ist Gottes Verheißung so, dass sie konkreter gar nicht sein kann, sie wiederholt buchstäblich mit vielen Wendungen den Segen, der Awraham gegeben worden war: sowohl mischpechót ha'adamá – Same der Erde, als auch sar'achá ka'afár ha'árez – Same wie der Staub der Erde. Das sind Verheißungen, die gerade Awraham gegeben worden waren und nicht wiederholt wurden. Und Jaakow weiß sicherlich von diesen Verheißungen.
וַיִּיקַץ יַעֲקֹב מִשְּׁנָתוֹ וַיֹּאמֶר אָכֵן יֵשׁ יְהוָה בַּמָּקוֹם הַזֶּה וְאָנֹכִי לֹא יָדָעְתִּי:
wajikáz jaaków mischenató wajomer achén jesch adonáj bammakóm hassé we'anochí lo jadá'ti
15 Und Jaakow erwachte aus dem Schlaf und sprach: „Ja, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht“.
Das Wort likóz – erwachen, wach sein, ist aber ein wenig mit dem Wort kazúz, koz verbunden – er stach sich, jäh zusammenzuckend erwachte er aus dem Schlaf.
Was wusste Jaakow nicht? Nun, es ist klar, dass an jedem Ort auf der Erde Seine Herrlichkeit die ganze Erde erfüllt. Aber hier geht es um eine bestimmte Gegenwart, um einen Ort, an dem Gott sich dem Menschen offenbaren kann; und möglicherweise sagt Jaakow: „Gott hat es ersehen, dass ich an diesem Ort sein sollte, Gottes Plan war hier gegenwärtig, und ich wusste es nicht. Gott wollte die Begegnung mit mir gerade hier, Gott hat hier ein Treffen mit mir verabredet.“
וַיִּירָא וַיֹּאמַר מַה-נּוֹרָא הַמָּקוֹם הַזֶּה אֵין זֶה כִּי אִם-בֵּית אֱלֹהִים וְזֶה שַׁעַר הַשָּׁמָיִם
wajirá wajomár ma-norá hammakóm hassé en se ki im-bét elohím wesé schá'ar haschamájim
16 Und er fürchtete sich: „Wie furchtbar ist dieser Ort! Nichts anderes ist dies als das Haus Gottes, und dies ist das Tor der Himmel“.
Eine interessante Parallele. Erinnert ihr euch an die Geschichte? Nach der Sintflut beschloss das Volk, einen Turm in Babylon zu bauen, und Gott verwirrte dort die Sprachen. Sie wollten einen Turm bauen, um in den Himmel hinaufzusteigen. Und hier sehen wir eine Leiter, die bis an den Himmel reicht, die der Höchste Selbst errichtet hat, an der der Höchste Selbst stand. Die Babylonier selbst nannten nach ihrer Volksetymologie ihre Stadt Bawel, Tor Gottes. Wir kennen die Geschichte, dass die Erklärung ja eine andere ist. Es gab eine Zeit, als die Gelehrten meinten, dass Babilu tatsächlich das Tor Gottes ist und in der Tora eine falsche Etymologie steht. Heute sprechen die Forscher schon von einer anderen Meinung: Bawel ist in Wirklichkeit Verwirrung, Chaos; das heißt, sie denken, dass sie das Tor Gottes sind, aber bei ihnen herrscht ein totales Durcheinander, und das Tor ist in Wirklichkeit hier, in Bejt-El. Im Haus Gottes ist das Tor der Himmel, denn dort ist die Leiter, die der Höchste aufgestellt hat, und das ist eine deutliche Parallele zum babylonischen Turm.
וַיַּשְׁכֵּם יַעֲקֹב בַּבֹּקֶר וַיִּקַּח אֶת-הָאֶבֶן אֲשֶׁר-שָׂם מְרַאֲשֹׁתָיו וַיָּשֶׂם אֹתָהּ מַצֵּבָה וַיִּצֹק שֶׁמֶן עַל-רֹאשָׁהּ:
wajaschkém jaaków babbóker wajikkách et-ha'éwen ascher-sám mera'aschotáw wajássem otá mazzewá wajizók schémen al-roschá
18 Und Jaakow stand früh am Morgen auf (offenbar konnte er, nachdem er erwacht war, noch ein wenig schlafen oder liegen), und nahm den Stein, den er zuvor sich zu Häupten gelegt hatte, und machte ihn zu einer „Mazzewa“ (oder einem steinernen Denkmal, einer Stele), und goss Öl auf ihn.
Seht ihr, hier ist es ein Stein, am Anfang aber waren es viele, deshalb spricht der Midrasch auch davon, dass die Steine sich vereinigten. Obwohl man das unterschiedlich verstehen kann, und vielleicht lohnt es sich nicht, die Aufmerksamkeit auf diese Details zu richten.
Der Stein verwandelte sich in eine Mazzewa, in eine Stele; der Ort verwandelte sich in das Haus Gottes; alles erhält Züge der Heiligkeit, alles verändert sich, indem es geheiligt wird. Und Jaakow selbst muss sich auch verändern. Interessante Kommentare sagen: „Woher hat Jaakow Öl?“ Ein Mensch, der scheinbar nichts mitgenommen hat, er wird später um Nahrung und Kleidung bitten. Und die Kommentatoren sagen, dass er, als er die Steine sammelte, einen Krug mit Öl fand, und das Öl darin ging nicht zu Ende, und das ist das erste Vorbild des Chanukka-Wunders. Chanukka, wir erinnern uns, ist ein historisches Fest, das mit Öl verbunden ist. Das Fest der Erneuerung (wie es im Neuen Testament genannt wird) beginnt mit einem Gefäß mit unerschöpflichem Öl. Und die Kommentatoren sagen, dass hier, noch vor der Entstehung des ersten und des zweiten Tempels, schon das erste Chanukka-Wunder geschah: Jaakow fand einen Krug mit Öl. Viele sind sogar so kühn, dass sie eine solche Parallele ziehen: „Ebendenselben Krug Jaakows fanden später auch die Makkabäer.“ Selbstverständlich, wieder einmal, wenn wir von einem Midrasch sprechen, muss man ihn nicht buchstäblich verstehen. Aber dasselbe Wunder, das Jaakow das Öl sandte, gab es auch den Makkabäern. Ihr werdet sagen, dass Jaakow selbstverständlich Öl auf den Weg mitnehmen konnte. Natürlich konnte er Öl auf den Weg mitnehmen, sogar in einer solchen Menge, wie man sie braucht, um es auf den Stein zu gießen, und das heißt nicht, ein Tröpfchen zu tropfen. Dann muss man sich vorstellen, dass er einen Haufen allerlei Habe mit sich trug, und das ist eine strittige Frage, denn er sagt: „Ich bin nur mit einem Stab diesen Weg gegangen.“ Und wir beobachten durchgehend, dass Jaakow ohne alles auszieht. Kurz, die, die ein Wunder sehen wollen, sehen ein Wunder; die, die eine rationale Erklärung sehen wollen, können eine rationale Erklärung sehen, selbst ohne ganz überzeugt zu sein, dass sie rational ist.
וַיִּקְרָא אֶת-שֵׁם-הַמָּקוֹם הַהוּא בֵּית-אֵל וְאוּלָם לוּז שֵׁם-הָעִיר לָרִאשֹׁנָה:
wajikrá et-schem-hammakóm hahú bet-él weulám lus schem-ha'ír larischoná
19 Und er nannte diesen Ort Bejt-El, der Name dieser Stadt aber war zuerst Lus.
Wir erfahren plötzlich, dass dieser Ort – er eine Stadt ist. Obwohl es keine Stadt ist, sondern Stadt in der Schrift – ir (das ist ein Ort, an dem man wacht). Das Wort ir – Stadt, stammt vom Wort ער – wachend sein, schauen, Aussichtsplattform, Aussichtsort, es befindet sich hoch auf einem Berg. Dieser Ort ist heute mehr oder weniger bekannt, nach den meisten Meinungen wissen wir, wo er sich befindet. Touristen fährt man dorthin, zeigt ihn ihnen. Lus ist eine Stadt, die mit einer interessanten Geschichte verbunden ist. Lus – so heißt in der jüdischen geistlichen Anatomie ein kleines Knöchelchen, das sich im Hinterkopfbereich unterhalb des Schädels befindet. Und es ist gerade jenes, das niemals zerfällt und, sehr bedingt gesagt, eine gewisse geistliche DNA für die Auferstehung von den Toten enthält. All das sind natürlich Bilder: Es gab die Stadt Lus, in der niemals jemand starb, und so weiter. Sehr viele Midraschim sind damit verbunden, was Lus ist; das sind Bilder, auf die wir jetzt nicht eingehen werden. Ich sage nur, dass Lus kein einfacher Name ist. Wen es interessiert, der kann suchen; wen es nicht interessiert, der kann es außer Acht lassen.
וַיִּדַּר יַעֲקֹב נֶדֶר לֵאמֹר אִם-יִהְיֶה אֱלֹהִים עִמָּדִי וּשְׁמָרַנִי בַּדֶּרֶךְ הַזֶּה אֲשֶׁר אָנֹכִי הוֹלֵךְ וְנָתַן-לִי לֶחֶם לֶאֱכֹל וּבֶגֶד לִלְבֹּשׁ
wajiddár jaaków néder lemór im-jihjé elohím immadí uschmaráni baddérech hassé aschér anochí holéch wenatan-lí léchem le'echól uwéged lilbósch
20 Und Jaakow schwor einen Schwur und sprach: „Wenn Gott mit mir sein wird und mich behüten wird auf diesem Weg, den ich gehe, und mir Brot gäbe zu essen und Kleidung, um mich zu kleiden,
Achtet darauf: Jaakow antwortet nicht auf den ersten Teil bezüglich des Landes, reagiert in keiner Weise. Der HERR sagte: „Ich werde mit dir sein“, und Jaakow sagt: „Wenn der HERR mit mir sein wird“. Wiederum sagt Gott: „Ich werde dich behüten, wohin du auch gehst“, und Jaakow sagt: „Und wird mich behüten auf diesem Weg, und ich werde auf diesem Weg gehen“.
וְשַׁבְתִּי בְשָׁלוֹם אֶל-בֵּית אָבִי וְהָיָה יְהוָה לִי לֵאלֹהִים
weschawtí weschalóm el-bét awí wehajá adonáj li lelohím.
21 Und dass ich mit Frieden zurückkehre in das Haus des Vaters, und Er wird mir Gott sein.
וְהָאֶבֶן הַזֹּאת אֲשֶׁר-שַׂמְתִּי מַצֵּבָה יִהְיֶה בֵּית אֱלֹהִים וְכֹל אֲשֶׁר תִּתֶּן-לִי עַשֵּׂר אֲעַשְּׂרֶנּוּ לָךְ
weha'éwen hassót ascher-sámti mazzewá jihjé bet elohím wechól aschér titten-lí assér a'asserénnu lach
22 Der Stein, den ich zur Mazzewa gelegt habe (wir sagten – zur Stele), wird ein Haus Gottes sein, und von allem, was Du mir geben wirst, werde ich den Zehnten absondern.“
Also, der HERR hat Jaakow verheißen, dass Er ihm Land und Samen geben und ihn zu einem machen wird, der die Erde und den Himmel verbindet. Eine gewaltige Verheißung erhielt Jaakow vom Höchsten. Jaakow sagt hier: „Wenn der HERR mir nur Kleidung und Essen gibt und mich auf ebendiesem Weg behütet, den ich schon gewählt habe, und mit mir ist und mich nach Hause zurückbringt.“ Hier ist sehr wichtig, achtet darauf, dass, so wie der Höchste das Zurückbringen verheißen hat, so auch Jaakow vom Zurückbringen nach Hause spricht. Warum ist es für uns wichtig, uns daran zu erinnern? Man kann diesen Schwur so teilen: „Und ich werde nach Hause zurückkehren, und dann werde ich diese Stele zu einem Haus Gottes machen.“ Und es erhebt sich die Frage: Worauf wartet Jaakow sechs Jahre? 14 Jahre hat er für zwei Frauen abgearbeitet, 6 Jahre hat er für das Vieh gearbeitet, das heißt, Jaakow blieb einfach um der Bereicherung willen außerhalb des Landes Israel? Und die Antwort ist – nein. Er wartete auf den Ruf des Höchsten. Der Höchste sagte: „Ich werde zurückbringen“, und Jaakow wartet hier, bis der Höchste ihn zurückbringt. Wenn wir im Schwur Jaakows nach dem 21. Vers einen Punkt setzen, dann wird alles verständlich. Jaakow schwört, dass, wenn alle diese Bedingungen erfüllt werden – wenn der Höchste mit ihm ist, ihn auf dem Weg behütet, den er geht, ihm Brot zu essen gibt, Kleidung anzuziehen, ihn ins Haus des Vaters zurückbringt und ihm Gott sein wird –, dass dann dieser Stein, auf den Jaakow Öl gegossen, den er geheiligt und gekennzeichnet hat (man sagt, dass Öl nicht schnell abgewaschen wird, selbst vom Regen nicht, und Jaakow hatte nicht vor, für 20 Jahre fortzugehen, er wusste nicht, für wie lange er fortgeht), dass er diesen Stein, an der Stelle dieses Steins, an der Stelle dieser Stele, zu einem Haus Gottes machen wird. Es erheben sich Fragen: Warum sagt Jaakow in keiner Weise, gar nichts über die ersten Verheißungen des Höchsten, und warum unterzeichnet er den Vertrag mit dem Höchsten so bescheiden? Was ist das – Unglaube gegenüber dem Höchsten, wie viele zu sagen versuchen, oder ist es doch Jaakows Unglaube an sich selbst? Er versteht, dass er sich all dessen, was der Höchste sagt, als unwürdig erweisen kann. Das Leben ist kompliziert, Jaakow hat viele Male seltsam gehandelt, und er sagt möglicherweise, sagen wir so, demütig: „Wenn ich nur das schaffen könnte, wenn ich nur das tun könnte, nur darauf kann ich schwören, denn ich weiß nicht, ob ich zu mehr fähig sein werde.“ Sehr viel kann man über diesen Abschnitt sagen, endlos kann man über ihn sprechen.
וַיִּשָּׂא יַעֲקֹב רַגְלָיו וַיֵּלֶךְ אַרְצָה בְנֵי-קֶדֶם
wajissá jaakow ragláw wajélech árza wene-kédem
1 Und Jaakow hob seine Füße (oder: und Jaakow trug seine Füße), und er ging in das östliche Land.
Nicht einfach die Füße gehoben, natürlich, so wie ein Mann, der auf dem Sofa sitzt, die Füße hebt, wenn jemand daneben fegt, nicht davon ist die Rede. Es gibt so einen Ausdruck: wajissá ejnáw – und er hob die Augen, er schaltete eine Art prophetisches Sehen ein; das geschah mit Awraham, als er das andere Lamm sah. Es gibt den Begriff wajissá kol – und er erhob die Stimme, wajissá jad – und er hob die Hand (beim Schwur). Das heißt, auf eine höhere Stufe heben. Man kann sagen, Jaakow wurde beflügelt, seine Füße wurden leicht, wurden länger, wurden stärker. Und genau das beschreibt die Tora: Er schaltete den „Turbo“-Modus ein.
Wir sagten, dass Riwka ihn nach Charan schickte, Jizchak – nach Padan-Aram, das ist ein und dasselbe. Hier ist ein dritter Name – das östliche Land. Einerseits ist das die Vereinigung zweier Linien – er ging nach Osten. Lasst uns nicht konkretisieren, wohin. Andererseits ist das eine Angabe, wie sie konkreter nicht sein kann, und achtet darauf, wie viele Parallelen hier auftauchen. Nach der Ermordung Hewels, nachdem er die Strafe vom Höchsten erhalten hatte, ging Kajin nach Osten. Nach der Trennung von Awraham ging Lot nach Osten. Und ein Jahrzehnt später schickt Awraham die Söhne der Nebenfrauen in das östliche Land. Der Osten ist die Richtung des Exils; dorthin gehen diejenigen, die sich von der Familie trennen, diejenigen, die früher oder später aus der biblischen Handlung verschwinden. In unserem Fall geht Jaakow mit beflügelten Füßen nach Osten, geht in die galút, ins Exil. Aber er bleibt die Hauptfigur der Erzählung, die Hauptfigur der biblischen Linie, weil der Höchste mit ihm ist. Darin liegt die Besonderheit dessen, dass das Volk Israel in der Zukunft ein Volk ist, das das Göttliche trägt, selbst wenn es im Exil ist.
וַיַּרְא וְהִנֵּה בְאֵר בַּשָּׂדֶה וְהִנֵּה-שָׁם שְׁלֹשָׁה עֶדְרֵי-צֹאן רֹבְצִים עָלֶיהָ כִּי מִן-הַבְּאֵר הַהִוא יַשְׁקוּ הָעֲדָרִים וְהָאֶבֶן גְּדֹלָה עַל-פִּי הַבְּאֵר׃
WAJÁR WEHINNÉ WE'ÉR BASSADÉ WEHINNE-SCHÁM SCHELOSCHÁ EDRE-ZÓN ROWEZÍM ALÉHA KI MIN-HABBE'ÉR HAHÍ JASCHKÚ HA'ADARÍM WEHA'ÉWEN GEDOLÁ AL-PÍ HABBE'ÉR
2 Und er sah: Siehe, ein Brunnen auf dem Feld, und dort drei Herden Vieh, drei Schafherden, die bei diesem Brunnen lagern, denn aus diesem Brunnen werden die Schafherden trinken, und ein großer Stein auf der Öffnung des Brunnens.
Achtet auf das Wort הַהִוא (hahi) – dieses. Richtiger wäre es, es mit dem Buchstäbchen jud(הַהִיא) zu schreiben, aber hier ist es geschrieben wie hu, das ist wie „er“ statt „sie“. Und solche Fälle gibt es in der Schrift elf, und niemand kennt eine Erklärung dafür. Möglicherweise geht es um einen der Dialekte, die zu jener Zeit verbreitet waren.
וְנֶאֶסְפוּ-שָׁמָּה כָל-הָעֲדָרִים וְגָלֲלוּ אֶת-הָאֶבֶן מֵעַל פִּי הַבְּאֵר וְהִשְׁקוּ אֶת-הַצֹּאן וְהֵשִׁיבוּ אֶת-הָאֶבֶן עַל-פִּי הַבְּאֵר לִמְקֹמָהּ׃
wene'esfu-schámma chol-ha'adarím wegalelú et-ha'éwen me'ál pi habbe'ér wehischkú et-hazzón weheschíwu et-ha'éwen al-pí habbe'ér limkomá
3 Und wenn sich dort alle Schafherden versammelten, nahmen sie den Stein von der Öffnung des Brunnens weg, tränkten die Schafherden und brachten den Stein wieder auf die Öffnung des Brunnens zurück.
Es gibt eine interessante Besonderheit an diesem ganzen Text. Hier wird zon (Vieh) erwähnt, es werden Herden, Schafherden erwähnt, es wird der Brunnen erwähnt, aber die Hirten werden nicht erwähnt. Wenn man dumm liest, kann man denken, dass die Schafe selbst den Stein abnehmen und ihn wieder zurückrollen. Die Hirten werden hier nicht erwähnt, es gibt sie gleichsam nicht. Es gibt sie, aber es gibt sie nicht, es wird sie im Verlauf des Gesprächs Jaakows mit ihnen selbst nicht geben. Jaakow redet, und es ist klar, dass er mit den Hirten redet, aber wir sind gezwungen, das hinzuzuzeichnen, weil die Hirten nie genannt werden.
וַיֹּאמֶר לָהֶם יַעֲקֹב אַחַי מֵאַיִן אַתֶּם וַיֹּאמְרוּ מֵחָרָן אֲנָחְנוּ׃
wajomer lahém jaaków acháj me'ájin attém wajomerú mecharán anáchnu.
4 Und Jaakow sagte zu ihnen (unklar, zu wem „ihnen“): „Brüder, woher seid ihr?“ Und sie sagten: „Wir sind aus Charan.“
וַיֹּאמֶר לָהֶם הַיְדַעְתֶּם אֶת-לָבָן בֶּן-נָחוֹר וַיֹּאמְרוּ יָדָעְנוּ׃
wajomer lahém hajda'tém et-lawán ben-nachór wajomerú jadá'nu
5 Und er sagte zu ihnen: „Kennt ihr vielleicht Lawan ben Nachor (den Sohn Nachors)?“ Und sie sagten: „Wir kennen ihn.“
וַיֹּאמֶר לָהֶם הֲשָׁלוֹם לוֹ וַיֹּאמְרוּ שָׁלוֹם וְהִנֵּה רָחֵל בִּתּוֹ בָּאָה עִם-הַצֹּאן׃
wajomer lahém haschalóm lo wajomerú schalóm wehinné rachél bittó ba'á im-hazzón
6 Und er fragte: „Ist bei ihm alles in Ordnung? Ist Frieden bei ihm?“ Und sie sagten: „Ja, bei ihm ist alles in Ordnung, und siehe, Rachel, seine Tochter, kommt mit dem Vieh.“
Das Wort schalóm bedeutet Frieden. Wahrscheinlich kennt jeder, der ein bisschen mit Iwrit in Berührung gekommen ist, dieses Wort; ha – das ist eine Fragepartikel, haschalóm – ist Frieden bei ihm, ist bei ihm alles in Ordnung? Wenn man einen Menschen fragt, wie es um seine Gesundheit steht, fragt man ihn, wie sein Frieden ist – ma schlomchá, wie ist dein Frieden oder worin besteht der Kern deines Friedens, wenn man wörtlich übersetzt. So eine nicht einfache, scheinbar einfache Frage.
Und Jaakow stellt die Frage eines Vorübergehenden, die Frage eines Gaffers, stellt den Hirten eine Frage:
וַיֹּאמֶר הֵן עוֹד הַיּוֹם גָּדוֹל לֹא-עֵת הֵאָסֵף הַמִּקְנֶה הַשְׁקוּ הַצֹּאן וּלְכוּ רְעוּ׃
wajomer hen od hajom gadól lo-ét he'asséf hammikné haschkú hazzón ulchú re'ú
7 Und er sagte: „Siehe, noch liegt ein langer Tag voraus, und es ist noch nicht Zeit, die Schafherden einzutreiben; tränkt das Vieh und geht weiter weiden, was sitzt ihr hier?“
Das ist die Frage eines Fachmanns. Und achtet darauf, wir haben vorher gelesen, dass man ihm nur zwischen den Zähnen hindurch antwortet. Er kam, redete menschlich, grüßte, sagte: „Brüder, sagt.“ Sie antworten ihm nicht „Bruder“, ihre Antworten sind kürzer als seine Fragen, und am Rhythmus des Gesprächs kann man erkennen, dass sie ihn loswerden wollen. Aber da stellt Jaakow eine fachliche Frage, das trifft sie.
וַיֹּאמְרוּ לֹא נוּכַל עַד אֲשֶׁר יֵאָסְפוּ כָּל-הָעֲדָרִים וְגָלֲלוּ אֶת-הָאֶבֶן מֵעַל פִּי הַבְּאֵר וְהִשְׁקִינוּ הַצֹּאן׃
wajomerú lo nuchál ad aschér je'assefú kol-ha'adarím wegalelú et-ha'éwen me'ál pi habbe'ér wehischkínu hazzón
8 Und sie sagten: „Wir können das nicht tun, bis sich alle Herden versammeln und man den Stein von der Öffnung des Brunnens wegrollt, und wir das Vieh tränken.“
Natürlich gibt es bei den Kommentatoren verschiedene Sichtweisen auf diese ganze Geschichte.
Erstens, wozu erzählt uns die Tora das Gespräch Jaakows mit den Hirten, ohne die Hirten zu nennen? Überhaupt sehen wir oft Szenen am Brunnen; wir werden im Verlauf der Schrift oft Hirten sehen. Man kann, in die Zukunft versetzt, mit der Geschichte mit den midjanitischen Hirten vergleichen, denen Mosche begegnet und die die sieben Töchter Jitros vom Brunnen vertreiben (und damit beginnt die Geschichte Mosches bei Jitro, dem Priester von Midjan). Hier dagegen gibt es eine eigentümliche kollektive Einheit; die Hirten haben ein soziales System geschaffen, eine Kommune, sie haben sich zusammengeschlossen, nur gemeinsam können sie das Vieh tränken. Statt (wie die midjanitischen Hirten) die schwachen Mädchen zu vertreiben, warten sie in diesem Fall, bis Rachel erscheint, und verhalten sich, im Großen und Ganzen, sehr freundschaftlich.
Es gibt andere Sichtweisen auf diese Frage, Kommentatoren sagen, dass die Hirten diesen Brunnen an sich gerissen, erobert haben, sie versperren ihn mit einem Stein, damit niemand das Vieh tränkt. Und, wie ich immer sage, die Kommentatoren sprechen mehr über sich selbst als über diejenigen, die sie kommentieren. Diejenigen unter den Kommentatoren, die in östlichen Ländern lebten und wissen, wie Hirten leben, gerade sie sagen, dass die Hirten sich hier zusammengeschlossen haben und sich ganz menschlich verhalten. Und hier wird uns einfach beschrieben, es wird uns so ein Querschnitt der Gesellschaft gegeben, in der Lawan existiert, in der seine jüngere Tochter Rachel existiert, mit der die Hirten höflich umgehen, ohne Verachtung, und das ist schon etwas wert.
עוֹדֶנּוּ מְדַבֵּר עִמָּם וְרָחֵל בָּאָה עִם-הַצֹּאן אֲשֶׁר לְאָבִיהָ כִּי רֹעָה הִוא׃
odénnu medabbér immám werachél bá'a im-hazzón aschér le'awíha ki ro'á hi
9 Und während er noch mit ihnen redet – und siehe, Rachel kommt mit ihrem Vieh, das ihrem Vater gehört, denn sie ist – eine Hirtin.
Bis dahin wurden die Hirten nicht benannt, sie waren irgendwie gesichtslos. Es war klar, dass es Hirten sind, aber niemand hat gesagt, dass sie Hirten sind. Rachel aber ist eine Hirtin, sie kommt mit ihren Schafen. Und wovon spricht das? Davon, dass die Hirten sie als ihresgleichen ansehen; vielleicht hat sie bei ihnen teilweise sogar das Sagen, so kann man es auch aus diesem Text verstehen. Jedenfalls, im Unterschied zu den Töchtern Jitros, die verjagt werden und die alle anderen abwarten, warten hier alle auf Rachel. Und offenbar warten sie auf sie nicht deshalb, damit sie ihnen mit ihren starken Frauenhänden hilft, den Stein wegzuziehen, sondern sie warten aus Achtung vor ihr. Jedenfalls sagt das der einfache Sinn des Textes.
וַיְהִי כַּאֲשֶׁר רָאָה יַעֲקֹב אֶת-רָחֵל בַּת-לָבָן אֲחִי אִמּוֹ וְאֶת-צֹאן לָבָן אֲחִי אִמּוֹ וַיִּגַּשׁ יַעֲקֹב וַיָּגֶל אֶת-הָאֶבֶן מֵעַל פִּי הַבְּאֵר וַיַּשְׁקְ אֶת-צֹאן לָבָן אֲחִי אִמּוֹ׃
wajhí ka'aschér ra'á jaaków et-rachél bat-lawán achí immó we'et-zón lawán achí immó wajiggásch jaaków wajágel et-ha'éwen me'ál pi habbe'ér wajáschk et-zón lawán achí immó
10 Und es war, als Jaakow Rachel sah, die Tochter Lawans, des Bruders seiner Mutter (das heißt, seine Cousine), und das Vieh Lawans, des Bruders seiner Mutter, und Jaakow trat heran, und wälzte den Stein von der Öffnung des Brunnens, und tränkte das Vieh Lawans, des Bruders seiner Mutter.
Hier gehen die Meinungen der Kommentatoren auseinander. Es gibt solche, die sagen (und wir erinnern uns, wovon wir ganz am Anfang gesprochen haben – Jaakow hat beflügelte Füße, er ist cool geworden, er hat den Turbomodus eingeschaltet): Hier hat er allein den Stein weggewälzt, den mehrere Hirten hingelegt hatten. Andere sagen, dass er, als er es sah, beschloss zu helfen, und zusammen mit den Hirten in einem einzigen Anlauf diesen Stein wegwälzte. Wenn wir (und wir tun es) den Pschat, den einfachen Sinn, mit Symbolik füllen, dann ist er schon nicht mehr einfach. Erinnern wir uns, dass Jaakow in unserem Wochenabschnitt schon einen Stein gehoben hat. Das ist der Stein, der zu seinen Häupten lag; er war mit der Leiter verbunden, er war damit verbunden, dass Jaakow das Himmlische und das Irdische verband, durch Jaakow ist eine solche Verheißung gegeben. Hier ist der Brunnen – das Unterirdische, die Fähigkeit, das göttliche Wasser aus dem Inneren heraufzuholen, in anderen die Leidenschaft für den Schöpfer zu wecken. Den Stein wegzuwälzen, der das Wasser nicht ausfließen lässt, und anzufangen, das Wasser auszuteilen (wie gesagt ist: Jeder, der dürstet, komme zu mir und trinke) – auch das ist eine Art Vorabbild des Maschiach, die Offenbarung des göttlichen Wassers in die Welt. Und wenn wir es so betrachten, dann hat natürlich Jaakow selbst diesen Brunnen geöffnet.
Also, Rachel wird nach vorne gelassen, und es gibt ein sehr interessantes Detail:
וַיִּשַּׁק יַעֲקֹב לְרָחֵל וַיִּשָּׂא אֶת-קֹלוֹ וַיֵּבְךְּ׃
wajischák jaaków lerachél wajissá et-koló wajéwk
11 Und Jaakow küsste Rachel, und erhob seine Stimme, und weinte.
Das Wort wajáschk (er tränkte) und das Wort wajischák (er küsste) – das ist im Schriftbild ein und dasselbe Wort. Ja, man tränkt mit Küssen, ein Kuss ist auch eine Art Tränken. Obwohl die Wurzeln verschieden sind, wird es hier gleich geschrieben. Und lasst uns darauf achten, dass Rachel auch ein Schäfchen ist, die Übersetzung des Namens Rachel – Schäfchen. Jaakow tränkte das Vieh und küsste Rachel – das ist fast ein und dieselbe Handlung.
Warum weinte er? Wiederum sagen die Kommentatoren Verschiedenes. Die einen sagen, dass er weinte, weil er sich nicht beherrschen konnte und das Mädchen küsste, und das ist unschicklich. Andere sagen, und ich neige dazu, ihnen zuzustimmen, dass Jaakow weinte, weil er zu einem verwandten Menschen gelangt war, weil er, nachdem er einen langen Weg überwunden hatte, einem verwandten, nahen Menschen begegnete, der Familie begegnete.
וַיַּגֵּד יַעֲקֹב לְרָחֵל כִּי אֲחִי אָבִיהָ הוּא וְכִי בֶן-רִבְקָה הוּא וַתָּרָץ וַתַּגֵּד לְאָבִיהָ׃
wajaggéd jaakow lerachél ki achí awíha hu wechí wen-riwká hu wattároz wattaggéd le'awíha
12 Und Jaakow sagte Rachel, dass er der Bruder ihres Vaters ist, weil er der Sohn Riwkas ist, und sie lief, es dem Papa zu erzählen.
Es ist ganz normal, das so zu sagen, obwohl er der Sohn der Schwester ihres Vaters ist. Aber da er älter ist als sie, kann in der jüdischen Tradition, in der östlichen Tradition, ein älterer Cousin wie ein Onkel sein. Das ist teilweise der Grund für die Verwirrung um die Verwandtschaft von Mordechaj und Ester, aber davon ist jetzt nicht die Rede.
וַיְהִי כִשְׁמֹעַ לָבָן אֶת-שֵׁמַע יַעֲקֹב בֶּן-אֲחֹתוֹ וַיָּרָץ לִקְרָאתוֹ וַיְחַבֶּק-לוֹ וַיְנַשֶּׁק-לוֹ וַיְבִיאֵהוּ אֶל-בֵּיתוֹ וַיְסַפֵּר לְלָבָן אֵת כָּל-הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה׃
wajhí chischmóa lawan et-schéma jaakow ben-achotó wajároz likrató wajchabbek-ló wajnaschek-ló wajwi'éhu el-betó wajsappér lelawán et kol-haddewarím ha'élle
13 Und es war, als Lawan diese Nachricht von der Ankunft Jaakows hörte, des Sohnes seiner Schwester, da lief er ihm entgegen, und umarmte ihn, und küsste ihn, und führte ihn in das Haus. und er erzählte Lawan all diese Dinge.
Und wieder erscheint Lawan auf unserer Bühne. Lawan – der Name bedeutet übersetzt weiß, aber man kann das auch übersetzen als melubbán – abgebrüht, professionell, ein abgebrühter Kerl, ein abgebrühter Schlaukopf. Und, wie viele sagen, ist er nicht so sehr lawan, er ist nicht weiß, er ist – schwarz. Und im Großen und Ganzen zeichnen ihn die Kommentatoren und die Midraschim sehr negativ, aber das ist so, wenn man die Texte der Tora für schwarz-weiß hält. Zum Beispiel sagt Rabbi Schlomo Jizchaki (Raschi): „Er küsste ihn, um zu prüfen, was er im Mund hat. Er umarmte ihn, um zu prüfen, ob er nicht Geldbeutel versteckt.“ Das heißt, er prüfte, was er da mitgebracht hatte, ob er nicht etwas bei sich hat (manchmal schauen Kinder so in die Hände der Erwachsenen, die zu Besuch gekommen sind – ob sie Geschenke mitgebracht haben); eine solche Eigenschaft schreibt man Lawan zu. Aber man kann sagen, dass Lawan sich auch einfach freuen konnte: Ein Verwandter ist gekommen. Es ist nicht zwingend, dass Lawan alles Menschliche fremd ist.
Noch eine Frage, die es wert ist, sie zu untersuchen: Wovon eigentlich hat Jaakow Lawan erzählt. Die erste Vermutung – er sagte: „Onkel Lawan, ich bin gekommen, um um eure Tochter zu werben. Ich habe geschaut, eure Tochter ist schön. Gebt mir eure Tochter.“ Wozu haben Mama und Papa ihn denn geschickt? Um eine Frau zu holen. Eine andere Variante, und sie passt besser zum Sinn, weil das Gespräch über die Braut erst weiter unten kommt: Jaakow erzählte ihm die ganze Geschichte seines Konflikts mit Esaw und bat ihn einfach um vorübergehendes politisches Asyl vor seinem Bruder, und das ist es, was er ihm erzählte.
וַיֹּאמֶר לוֹ לָבָן אַךְ עַצְמִי וּבְשָׂרִי אָתָּה וַיֵּשֶׁב עִמּוֹ חֹדֶשׁ יָמִים׃
wajomer lo lawan ach azmí uwsarí átta wajéschew immó chódesch jamím
14 Und Lawan sagte zu ihm: „Du bist mein Knochen und mein Fleisch.“ und er wohnte bei ihm dreißig Tage, einen Monat wohnte er bei ihm.
Dreißig Tage – das ist die Zeit, in der sich ein Mensch im Osten bei Verwandten als Gast fühlen kann; danach wäre es schon Zeit, die Beziehungen zu klären.
וַיֹּאמֶר לָבָן לְיַעֲקֹב הֲכִי-אָחִי אַתָּה וַעֲבַדְתַּנִי חִנָּם הַגִּידָה לִּי מַה-מַּשְׂכֻּרְתֶּךָ׃
wajomer lawan lejaaków hachi-achí átta wa'awadtáni chinnám haggída li ma-maskurtécha
15 Und Lawan sagte zu Jaakow: „Wenn du mir auch ein Bruder bist, wozu solltest du denn umsonst für mich arbeiten. Sag mir, wie viel du im Monat willst?“
Man kann vermuten, dass die dreißig Tage nicht nur eine Gastzeit waren, sondern auch eine Probezeit. Jaakow – ein professioneller Hirte, der in den Zelten sitzt, mit Vieh umzugehen weiß, die Arbeit ging ihm gut von der Hand. Und Lawan beschloss, ihn fest anzustellen, und sagte: „Sag mir deinen Lohn, auch wenn du mir ein Verwandter bist, es ist nicht verwandtschaftlich, dich umsonst auszunutzen.“
וּלְלָבָן שְׁתֵּי בָנוֹת שֵׁם הַגְּדֹלָה לֵאָה וְשֵׁם הַקְּטַנָּה רָחֵל׃
ulelawán scheté wanót schem haggedolá le'á weschém hakketanná rachél
16 Und Lawan hatte zwei Töchter: der Name der großen (oder älteren) – Lea, der Name der kleinen (oder jüngeren) – Rachel.
Interessant, ja? Wir kannten bis zu diesem Zeitpunkt nur die jüngere Tochter, Rachel. Es stellt sich heraus, es gibt auch eine ältere, aber sie hat es geschafft, einen Monat lang nicht unter die Augen zu kommen, wenn nicht Jaakow, dann jedenfalls dem Leser.
וְעֵינֵי לֵאָה רַכּוֹת וְרָחֵל הָיְתָה יְפַת-תֹּאַר וִיפַת מַרְאֶה׃
we'ené le'á rakkót werachél hajetá jefat-tó'ar wifát mar'é
17 Und die Augen Leas sind weich, Rachel aber ist schlank und schön von Ansehen.
Oh, wie viele Kommentare es dazu gibt! Viele sagen – ihre Augen sind verweint, sie sind verschwommen von Tränen. Warum? Weil sie hörte, wie das Volk munkelt: „Da hat Lawan zwei Töchter, und Jizchak zwei Söhne. Die Ältere heiratet den Älteren, die Jüngere – den Jüngeren. Wie toll! Wie Gott alles eingerichtet hat!“ Sie fragt: „Und was macht der Ältere da?“ Man sagte ihr: „Der Ältere – ein Jäger, ein Bösewicht, ein Mörder.“ – „Und was ist mit dem Jüngeren?“ – „Der Jüngere – ein Gerechter, ein Hirte, ein guter Mensch.“ Und deshalb weinte Lea. Andere sagten, dass Lea weiche und schöne Augen hatte, und Rachel war in allem schön, aber ihre Augen waren nicht sehr schön, weil Rachel weinte. Und sie weinte, weil sie wusste, dass sie unfruchtbar ist, sie fürchtete, dass Jaakow sich von ihr scheiden würde und sie Esaw heiraten müsste. Sehr viele verschiedene Kommentare über die Augen, weil es schwer ist, den Ausdruck „weiche Augen“ zu verstehen. Weiter werden wir finden: Über David wird gesagt, dass er rasch ist, dass er weich ist, und dass er schöne Augen hat. Und deshalb neige ich dazu, den Kommentaren zuzustimmen, die sagen, dass Lea schöne Augen hat. Und die jüdische Tradition sagt: Wenn ein Mädchen schöne Augen hat, braucht man nicht auf den ganzen übrigen Körper zu schauen. Hübsch ist sie, die Augen haben gefallen – nimm sie, heirate, du wirst sie lieben.
Das heißt, entweder ist die eine schöner als die andere, oder die weichen, schwachen Augen Leas sind doch ein Mangel. Wiederum wird jeder der Kommentierenden, jeder der Leser das auf seine Weise verstehen; es gibt die Möglichkeit, es in die eine oder die andere Richtung zu verstehen.
Wir sind dabei stehen geblieben, dass Lawan Jaakow vorschlug, nicht umsonst für ihn zu arbeiten, sondern sich selbst einen Lohn festzusetzen. Und hier erwähnte die Tora sofort, dass Lawan zwei Töchter hat: die ältere Lea, ein Mädchen mit ungewöhnlichen Augen, und die jüngere Rachel, ein Mädchen von schönem Aussehen.
וַיֶּאֱהַב יַעֲקֹב אֶת-רָחֵל וַיֹּאמֶר אֶעֱבָדְךָ שֶׁבַע שָׁנִים בְּרָחֵל בִּתְּךָ הַקְּטַנָּה׃
waje'eháw jaaków et-rachél wajomer e'ewódcha schéwa schaním berachél bittechá hakketanná
18 Jaakow aber liebte Rachel und sprach: „Ich werde sieben Jahre für dich arbeiten um Rachel, deine jüngere Tochter.“
Die Kommentatoren sagen, dass Jaakow, als ebenfalls ein mit allen Wassern gewaschener Mensch, der weiß, wer Lawan ist, sich sofort ganz konkret mit ihm einigt, dass er bei ihm für Rachel arbeiten wird. Da er weiß, dass Lawan juristisch imstande ist, die Töchter umzubenennen, die Töchter nach Belieben „durchzumischen“, sagt er: „Nicht deine Sklavin, nicht irgendeine von deinen Sklavinnen, die du Rachel nennen kannst, sondern deine Tochter, und zwar deine jüngere Tochter, wir vereinbaren es ganz konkret.“ Jaakow legt seinen Lohn so detailliert fest, wie es nur möglich ist.
וַיֹּאמֶר לָבָן טוֹב תִּתִּי אֹתָהּ לָךְ מִתִּתִּי אֹתָהּ לְאִישׁ אַחֵר שְׁבָה עִמָּדִי:
wajomer lawán tow tittí otá lach mittittí otá le'ísch achér schewá immadí
19 Und Lawan antwortet ihm: „Besser wäre es, dass ich sie dir gebe, als einem anderen Menschen, der bei mir wohnt.“
Besser sind natürlich Ehen innerhalb einer großen Sippe. Selbstverständlich sind, Gott bewahre, keine blutschänderischen Ehen gemeint. Lawan sagt: „Eine gute Sache, sieben Jahre für die Tochter, wunderbar.“ Nun, man kann sich vorstellen, dass Lawan für die Tochter einen Brautpreis bekommt, modern gesprochen, in Höhe von sieben Jahresgehältern. Jeder kann selbst nachrechnen, wie viel das ist.
וַיַּעֲבֹד יַעֲקֹב בְּרָחֵל שֶׁבַע שָׁנִים וַיִּהְיוּ בְעֵינָיו כְּיָמִים אֲחָדִים בְּאַהֲבָתוֹ אֹתָהּ׃
waja'awód jaakow berachél schéwa schaním wajihjú we'enáw kejamím achadím be'ahawató otá
20 Und Jaakow arbeitete für Rachel sieben Jahre, und sie waren in seinen Augen wie einige Tage, weil er sie liebte.
Von Liebe bewegt, bemerkte Jaakow nicht, wie die Zeit verflog: so sehr liebte er Rachel.
וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אֶל-לָבָן הָבָה אֶת-אִשְׁתִּי כִּי מָלְאוּ יָמָי וְאָבוֹאָה אֵלֶיהָ׃
WAJOMER JAAKOW EL-LAWAN HAWÁ ET-ISCHTÍ KI MALE'Ú JAMÁJ WE'AWÓ'A ELÉHA
21 Und Jaakow sprach zu Lawan: „Führe mir meine Frau zu, denn meine Frist ist vergangen (meine Tage haben sich erfüllt, wenn man wörtlich übersetzt), und ich will zu ihr eingehen.“
Also, gewöhnlich schlossen die Menschen, wenn sie eine Verlobung vereinbarten, einen Vertrag, dass der Bräutigam, der potenzielle Ehemann, eine bestimmte Arbeit verrichten, eine bestimmte Sache tun oder eine bestimmte Frist verstreichen wird. Erinnert ihr euch, man schlug vor, Riwka für einige Monate oder für ein Jahr im Haus zu lassen, damit sie dort noch eine Weile lebe. Dann kam der Bräutigam, der schon Ehemann geworden war, und forderte die Frau. Hier fordert Jaakow nach den Bräuchen jener Zeit seine Frau.
וַיֶּאֱסֹף לָבָן אֶת-כָּל-אַנְשֵׁי הַמָּקוֹם וַיַּעַשׂ מִשְׁתֶּה׃
WAJE'ESSÓF LAWAN ET-KOL-ANSCHÉ HAMMAKÓM WAJÁ'AS MISCHTÉ
22 Und Lawan versammelte alle Bewohner dieses Ortes und veranstaltete ein Festmahl.
Natürlich kann man verstehen, dass hier einfach von einem Hochzeitsfestmahl die Rede ist, das Lawan einfach zu Ehren einfach der Hochzeit seiner Tochter veranstaltete. Die Kommentatoren sagen, dass Lawan und alle Bewohner dieses Ortes sahen, wie der Ort mit der Ankunft Jaakows, der den Segen mit sich brachte, zu gedeihen und sich zu entwickeln begann: Die Brunnen wurden voll Wasser, und das Futter begann auszureichen. Später werden wir sehen, dass Lawan sogar Söhne mit der Ankunft Jaakows geboren wurden. Und Jaakow sagt selbst: „Du wurdest gesegnet durch meine Füße.“ Erinnert ihr euch, wir haben ganz am Anfang des Kapitels gelesen, dass Jaakow seine Füße erhob; das ist auch einer der Faktoren. Und die Kommentatoren sagen, dass Lawan dieses ganze Festmahl möglicherweise dazu veranstaltete, um sich abzusprechen, damit das ganze Volk unter einer Decke steckte – Jaakow noch weitere sieben Jahre an diesem Ort zu behalten, um noch sieben Jahre sorgenfrei zu leben; so ein kostbares Krüglein, „Töpfchen, koch!“, wollte er nicht aus den Händen lassen.
וַיְהִי בָעֶרֶב וַיִּקַּח אֶת-לֵאָה בִתּוֹ וַיָּבֵא אֹתָהּ אֵלָיו וַיָּבֹא אֵלֶיהָ:
wajhí wa'érew wajikkách et-le'á wittó wajawé otá eláw wajawó eléha
23 Und es war am Abend: und er nahm Lea (wer nahm? Lawan, der das Festmahl veranstaltet hatte), seine Tochter, und brachte sie zu ihm; und er ging zu ihr ein.
Man sieht, dass Lea hier gewaltsam hergebracht wird – er nahm sie und brachte sie zu ihm. Lea handelt hier nicht nach ihrem eigenen Willen. Eine moderne Frau wird natürlich fragen: „Wie konnte Lea sich denn nicht empören? Wie konnte sie sich nicht widersetzen? Wie konnte sie zulassen, dass man ihr so etwas antut?“ Und die moderne Frau verstehe ich vollkommen und bin mit ihr solidarisch, und Gott sei Dank, dass Frauen heute so denken können. In jenen fernen Zeiten heirateten Frauen meistens Menschen, die sie nicht liebten. Eine seltene Ausnahme war in der Familie eben jenes Lawan, als man Riwka fragte, ob sie heiraten wolle. Und sogar bis ins 19. Jahrhundert, ach was, auch im 20. Jahrhundert verheirateten die Eltern im Osten ihre Töchter, ohne ihnen groß mitzuteilen, wen sie heiraten. Und auch heute ist das in Israel, unter Beduinen und Arabern, üblich: Junge Mädchen werden gegen ihren Willen an Männer verheiratet, die viel älter sind als sie. Widersetzen sie sich? Nein. Denn dieses Nicht-Widerstreben, diese Demut – das ist das Kennzeichen eines guten Mädchens, das ist gutes Benehmen. Und da Lea ein gutes Mädchen ist, widersetzt sie sich in diesem Fall auch nicht dem, dass man sie so herbringt und verheiratet. Man muss immer daran denken, dass wir im 21. Jahrhundert leben und aus dem 21. Jahrhundert schauen, aber wir schauen nicht auf unsere Zeiten.
וַיִּתֵּן לָבָן לָהּ אֶת-זִלְפָּה שִׁפְחָתוֹ לְלֵאָה בִתּוֹ שִׁפְחָה:
WAJITTÉN LAWAN LA ET-SILPÁ SCHIFCHATÓ LELE'Á WITTÓ SCHIFCHÁ
23 Und Lawan gab ihr Silpa, seine Sklavin, Lea, seiner Tochter, zur Sklavin.
Dieser Satz ist sehr kompliziert gebaut; wiederum auf den ersten Blick ungrammatisch, wenn sein Autor nicht Der wäre, Der der Vater aller Grammatik ist. Wir werden im Weiteren davon lesen, wie Lawan Bilha Rachel als Sklavin gibt, und dort ist der Bau ein wenig anders; darauf werden wir achten. Aus diesem Text kann man sehen, dass Bilha und Silpa, die beiden Sklavinnen, vertauscht sind, wie es der Midrasch sagt; und auch hier gibt es einen gewissen Betrug. Silpa ist die jüngere, und möglicherweise sah Jaakow, dass Silpa alles vorbereitet. Silpa war ursprünglich die Amme, das Kindermädchen der jüngeren Tochter, und deshalb schöpfte Jaakow keinerlei Verdacht. Ist Lawan ein guter Mensch? Und kann man es ein großzügiges Geschenk nennen, dass Lawan nicht nur die Frau gibt, für die Jaakow gearbeitet hat (nun, nicht ganz die, aber er gibt sie), sondern auch noch jeder der Töchter eine Sklavin hinzufügt? Ist das eine Attraktion unerhörter Großzügigkeit? Nein, ist es nicht. Wir erinnern uns, wie man Riwka fortschickte: Nach den Traditionen jener Zeiten schickte man mit ihr außer der Amme auch noch na'arót, Mädchen-Sklavinnen, denn ein Mädchen aus reicher Familie pflegt sein Haar oft nicht selbst, man kämmt ihm das Haar. Auch viele Arbeiten im Haus macht sie oft nicht; je nach dem Wohlstand der Familie verrichtet die Herrin der Sklavinnen weniger und weniger Arbeiten. Rachel ist als Hirtin offensichtlich keine, die die Arbeit scheut; aber viele Dinge selbst zu tun, war für eine Frau einfach nicht üblich. Zum Beispiel kleideten Sklavinnen die Frau an, ich spreche oft davon; genau deshalb sind die Verschlüsse an Frauenkleidung auf der anderen Seite. Wenn man eine Frau aus einer würdigen Familie verheiratete, gab man ihr Dienerinnen und Sklavinnen mit.
Der Name Silpa kommt vom Verb saléf – ausgeflossen, ausgelaufen, das heißt irgendwie so eine wie eine ausgepresste Zitrone; eine sehr schlechte Konnotation hat dieser Name.
Ebenso der Name Bilha von der Wurzel blaj – erschöpft, versiegt, abgenutzt. Man kann sagen, solche nicht sehr guten Namen haben die Mädchen, was auf ihren Zustand hinweist; nicht die besten unter den Sklavinnen.
וַיְהִי בַבֹּקֶר וְהִנֵּה-הִוא לֵאָה וַיֹּאמֶר אֶל-לָבָן מַה-זֹּאת עָשִׂיתָ לִּי הֲלֹא בְרָחֵל עָבַדְתִּי עִמָּךְ וְלָמָּה רִמִּיתָנִי׃
wajhí wabbóker wehinne-hí le'á wajomer el-lawán ma-sót assíta li haló werachél awádti immách welámma rimmitáni
25 Und siehe, der Morgen; und siehe, es stellt sich heraus, dass es Lea ist. Und er sprach zu Lawan: „Was hast du mir angetan? Ich habe doch für Rachel bei dir gearbeitet, warum hast du mich betrogen?“
Was Jaakow durch den Kopf ging, kann man sich schwer vorstellen. Ein schrecklicher Betrug. Und es ist unklar, was man hier mit Lea machen soll. Unklar, was Rachel dazu sagen wird. Und wird sie etwas sagen? Rachel ist auch ein demütiges Mädchen, und auch sie kann sagen: „Alles nach Papas Willen.“ Jaakow ist in Verwirrung.
וַיֹּאמֶר לָבָן לֹא-יֵעָשֶׂה כֵן בִּמְקוֹמֵנוּ לָתֵת הַצְּעִירָה לִפְנֵי הַבְּכִירָה:
WAJOMER LAWÁN LO-JE'ASSÉ CHEN BIMKOMÉNU LATÉT HAZZE'IRÁ LIFNÉ HABBECHIRÁ
26 Und Lawan sprach (Lawan antwortet ihm kurz und spitz): „In unseren Orten aber (im Unterschied zu euren Orten) tut man so etwas nicht, dass man die jüngere Tochter vor der älteren zur Frau gibt.
Das heißt, bei euch dort drängen sich die jüngeren Brüder an die Stelle der älteren, bekommen den Segen und laufen damit davon. In unseren Gegenden ist so etwas nicht üblich, in unseren Gegenden kommt zuerst die ältere Tochter und dann die jüngere. Du dachtest, dass dir so etwas auch hier durchgeht, wie beim Papa? Nein, so etwas geht dir hier nicht durch.
Der Midrasch erzählt einen interessanten Dialog. Und wieder, wenn wir vom Midrasch sprechen, müssen wir verstehen, dass der Midrasch nicht irgendeine Geschichtlichkeit beansprucht, sondern Metaphorik. Der Midrasch erzählt, dass Jaakow zu Lea sagte: „Wie konntest du mir das antun? Ich habe doch die ganze Nacht zu dir gesagt: ‚Rachel, Rachel‘, und du hast mir geantwortet.“ Worauf Lea ihm antwortet und wiederum spitz sagt: „Ich habe gelernt, ich hatte einen guten Lehrer. Hast nicht du zu deinem Vater gesagt: ‚Ich bin dein Sohn, Esaw‘?“ Zu Jaakow kehrt zurück, was auf Iwrit Maß für Maß heißt – midá kenéged midá: wo er betrogen hat, dort wurde er selbst betrogen. Auch Lawan wird das später zurückbekommen. Aber es entsteht die Frage: Warum ist es so gekommen, war Rachel wirklich vom Schicksal für Jaakow bestimmt?
Und so wie auf den ersten Blick Esaw die Erstgeburt bekommen sollte und Jaakow nicht, genauso auch hier: Obwohl es schien, dass Rachel für Jaakow bestimmt ist, war auch Lea für ihn bestimmt. Das ist das, was der Höchste vorgesehen hat, und im Weiteren werden wir das sehen. Rachel – das ist hier und jetzt, das, was man jetzt haben will. Lea – das ist die Zukunft, Lea – das ist ein breiterer Blick.
Hier kann man innehalten und einen kleinen Rücksprung zurück machen, zu dem Moment, als Jaakow zum Brunnen kam. Überhaupt sagt man in der russischen Tradition: Einer Frau mit leeren Eimern zu begegnen – das ist ein schlechtes Vorzeichen. Die jüdische Tradition sagt, dass das ein gutes Vorzeichen ist, angefangen bei Elieser, dem Knecht Awrahams, der Riwka am Brunnen mit leeren Krügen traf; dann trifft Jaakow Rachel; dann Scha'ul, der am Brunnen na'arót (Mädchen) trifft; und Mosche, der am Brunnen die Töchter des Priesters von Midjan trifft. Es scheint, die Begegnung mit einer Frau mit leeren Eimern bedeutet eine Hochzeit mit dieser Frau, so ein Vorzeichen scheint es zu sein; aber – nein. Die Begegnung am Brunnen mit einer Frau, die leere Eimer trägt, leere Krüge – das ist ein Vorzeichen des Segens, den der Mensch empfangen wird. Und man muss in der Frau eben ein Vorzeichen sehen und nicht den Segen selbst. Vielleicht wird das auch die Ehe mit dieser Frau bedeuten. Vielleicht. Aber vielleicht ist diese Frau ein Weg zu einer anderen Frau, wie in diesem Fall für Jaakow, für sein Geschlecht. Mehr Kinder wird Lea gebären, und in der Zukunft wird der Maschiach, der König Maschiach, aus Lea hervorgehen; derjenige, der „Same“ genannt werden wird, „Maschiach“, wird von Lea sein. Das heißt, für Jaakow ist Lea bestimmt, so wie für Jaakow die Erstgeburt bestimmt ist; und wenn er die Erstgeburt an sich nimmt, so gefällt ihm die Geschichte mit Lea nicht besonders. Lawan setzt seine Antwort fort und sagt:
מַלֵּא שְׁבֻעַ זֹאת וְנִתְּנָה לְךָ גַּם-אֶת-זֹאת בַּעֲבֹדָה אֲשֶׁר תַּעֲבֹד עִמָּדִי עוֹד שֶׁבַע-שָׁנִים אֲחֵרוֹת׃
mallé schewúa sot wenittená lechá gam-et-sót ba'awodá aschér ta'awód immadí od schewa-schaním acherót
27 Feiere die Woche mit dieser aus, und wir geben dir auch diese, für die Arbeit, die du bei mir arbeiten wirst, noch sieben Jahre.“
Schaut, wie Lawan zu seinen Töchtern steht: „Feiere die Woche für diese aus, und wir geben dir auch diese.“ Eigentlich behandelt Lawan hier seine Töchter nicht sehr gut: diese und diese, das Gespräch ist wirklich so geringschätzig; und die Geringschätzung gilt nicht nur Jaakow, sondern auch den Töchtern, mit deren Hilfe er Jaakow im Grunde eine Lektion erteilt. Im Unterschied zu Lea, für die man sieben Jahre arbeiten und dann heiraten musste, kann Jaakow nach einer Woche Rachel zu sich nehmen und ist verpflichtet, noch sieben Jahre zu arbeiten. Das ist schon ein Kreditsystem, wenn du etwas nimmst und sieben Jahre dafür abbezahlen musst; die Einstellung dazu ist selbstverständlich eine völlig andere.
וַיַּעַשׂ יַעֲקֹב כֵּן וַיְמַלֵּא שְׁבֻעַ זֹאת וַיִּתֶּן-לוֹ אֶת-רָחֵל בִּתּוֹ לוֹ לְאִשָּׁה:
wajá'as jaakow ken wajmallé schewúa sot wajitten-ló et-rachél bittó lo le'ischá
28 Und Jaakow tat so, und feierte die sieben Tage mit dieser aus, und gab ihm Rachel, seine Tochter, zur Frau.
וַיִּתֵּן לָבָן לְרָחֵל בִּתּוֹ אֶת-בִּלְהָה שִׁפְחָתוֹ לָהּ לְשִׁפְחָה:
WAJITTÉN LAWÁN LERACHÉL BITTÓ ET-BILHÁ SCHIFCHATÓ LA LESCHIFCHÁ
29 Und Lawan gab Rachel, seiner Tochter, seine Magd Bilha.
Wiederum, Bilha ist, man kann sagen, eine Magd minderer Sorte. Im Wort לָהּ (la) sehen wir ein Mappik, so heißt der Punkt im Inneren des Buchstabens הּ (he), dasselbe wie das Dagesch bei den Konsonanten. Das heißt, la mit dem Akzent eben auf ihr; als Magd gegeben weist wiederum darauf hin, dass darin eine Absicht liegt, dass es ursprünglich nicht so sein sollte.
וַיָּבֹא גַּם אֶל-רָחֵל וַיֶּאֱהַב גַּם-אֶת-רָחֵל מִלֵּאָה וַיַּעֲבֹד עִמּוֹ עוֹד שֶׁבַע-שָׁנִים אֲחֵרוֹת׃
WAJAWÓ GAM EL-RACHÉL WAJE'EHÁW GAM-ET-RACHÉL MILLE'Á WAJA'AWÓD IMMÓ OD SCHEWA-SCHANÍM ACHERÓT
30 Und er ging auch zu Rachel ein, und er liebte Rachel auch mehr als Lea, und er arbeitete bei ihm noch sieben Jahre.
Es lohnt sich, auf das Wort auch zu achten: und er liebte Rachel auch. Was bedeutet …auch mehr als Lea? Die Kommentatoren sagen, dass ein Mann gewöhnlich (das ist eine talmudische Tradition, und sie liegt der jüdischen Psychologie zugrunde) seine erste Frau liebt, und zur ersten Frau hat er die größte Liebe. Deshalb ist es ein Wunder, dass Jaakow die zweite Frau, und dazu noch so schnell, mehr liebte als Lea. Als er zu Lea einging, als er Leas Mann wurde, liebte Jaakow Lea; als er Rachel mehr liebte, wurde Lea zu der, die senuá, genannt wird, und oft übersetzt man das ins Russische als die Gehasste. Aber was bedeutet die Gehasste? Wenn er sie hasste, wie hat sie dann von ihm Kinder geboren? Die Gehasste – das bedeutet, dass er sie weniger liebte. Wir sind dieser Geschichte schon früher begegnet. Im Buch Bereschit gab es so einen Lamech, der sich zwei Frauen nahm – Ada und Zilla. Ada – das ist die Frau für das Gebären, das Kinderkriegen und die Arbeit im Haushalt. Sie ist idá – diejenige, die leitet, diejenige, die in der Gemeinde ist. Und Zilla – diejenige, die sich in seinem Schatten befindet, unter seinem Schirm, diese Frau ist mehr für die Liebe. Bei Jaakow entsteht leider dieselbe Teilung in seiner Familie. Rachel wird bei Jaakow zur geliebten Frau.
וַיַּרְא יְהוָה כִּי-שְׂנוּאָה לֵאָה וַיִּפְתַּח אֶת-רַחְמָהּ וְרָחֵל עֲקָרָה:
WAJÁR ADONÁJ KI-SENU'Á LE'Á WAJIFTÁCH ET-RACHMÁ WERACHÉL AKARÁ
31 Und der HERR sah, dass Lea gehasst war, und öffnete ihren Mutterleib, Rachel aber – unfruchtbar.
Ich wiederhole: gehasst nicht in dem Sinn, wie man das gewöhnlich in der russischen Sprache sagt; Lea ist vernachlässigt, sagen wir so. Achtet darauf – auch Lea war ursprünglich unfruchtbar. Der HERR öffnete in Gnade ihren Mutterleib.
וַתַּהַר לֵאָה וַתֵּלֶד בֵּן וַתִּקְרָא שְׁמוֹ רְאוּבֵן כִּי אָמְרָה כִּי-רָאָה יְהוָה בְּעָנְיִי כִּי עַתָּה יֶאֱהָבַנִי אִישִׁי׃
wattáhar le'á wattéled ben wattikrá schemó re'uwén ki amerá ki-ra'á adonáj be'onjí ki attá je'ehawáni ischí
32 Und Lea empfing und gebar einen Sohn, und nannte ihn Re'uwen (re'ú – seht, ben – Sohn): „Der HERR schaut mit meinen Augen, und jetzt wird mein Mann mich lieben.“
Das heißt, mein Mann wird den HERRN in meinen Augen sehen, und jetzt wird mein Mann mich lieben. Achtet darauf, dass man in der Schrift überhaupt den Kindern oft Namen gibt, indem man irgendeine Rolle vorhersagt, die sie in diesem Leben tragen werden, nicht einfach Namen, wie es heute oft ist, wenn man irgendeinen schönen oder klangvollen Namen auswählt. Der Name – das ist das, was die Familie oder Mutter und Vater zusammen mit dem Kind erwerben, das, was dieses Kind für sie bedeutet und welche Veränderungen in ihrem Schicksal sie wollen. Das heißt, der Name wird nicht einfach so gegeben, und man kann auch in diesem Sinn über einen Namen nachdenken.
וַתַּהַר עוֹד וַתֵּלֶד בֵּן וַתֹּאמֶר כִּי-שָׁמַע יְהוָה כִּי-שְׂנוּאָה אָנֹכִי וַיִּתֶּן-לִי גַּם-אֶת-זֶה וַתִּקְרָא שְׁמוֹ שִׁמְעוֹן׃
wattáhar od wattéled ben wattómer ki-schamá adonáj ki-senu'á anóchi wajitten-lí gam-et-sé wattikrá schemó schim'ón
32 Und sie wurde noch einmal schwanger, und gebar wieder einen Sohn und sagte: „Weil der HERR gehört hat, dass ich gehasst bin, und mir auch diesen gegeben hat.“ Und sie nannte ihn Schimon (das bedeutet Hören).
Sie sagt: „Gott hört meinen Zustand.“ Wenn sie beim ersten Mal sagte: „Der HERR schaut“, so hier – „Der HERR hört mich, und das heißt, Er arbeitet mit mir.“ Das ist kein Glück, nicht gleich-gleich-gleich wird es jetzt passieren, sondern: „Der HERR hört mich, der HERR führt mich dahin, dass mein Mann mich lieben wird. Und ich nenne diesen Sohn Hören, als Zeichen dafür, dass der HERR mich beständig hört.“
וַתַּהַר עוֹד וַתֵּלֶד בֵּן וַתֹּאמֶר עַתָּה הַפַּעַם יִלָּוֶה אִישִׁי אֵלַי כִּי-יָלַדְתִּי לוֹ שְׁלֹשָׁה בָנִים עַל-כֵּן קָרָא-שְׁמוֹ לֵוִי׃
wattáhar od wattéled ben wattómer attá happá'am jillawé ischí eláj ki-jaládti lo scheloschá waním al-kén kara-schemó lewí
34 Und sie wurde noch einmal schwanger, und sagte: „Nun jetzt wird mein Mann mich begleiten, denn ich habe ihm drei Söhne geboren“; und darum nannte sie ihn mit dem Namen Lewi.
Lewi – das ist der, der melawé ist (der Geleitende, der Begleitende oder Gefährte). Warum hat sie so einen seltsamen Gedanken geäußert? Für einen Mann ist es schön, mit den Kindern spazieren zu gehen. Das ist so ein angenehmer Aufzug, mit drei Kindern zu gehen ist angenehmer als zum Beispiel mit der einsamen Rachel. Mein Mann wird jetzt mit mir gehen, weil mit mir ein Gefolge aus drei Kindern geht; so kann man einen Spaziergang machen, die Brust weiter herausstrecken.
וַתַּהַר עוֹד וַתֵּלֶד בֵּן וַתֹּאמֶר הַפַּעַם אוֹדֶה אֶת-יְהוָה עַל-כֵּן קָרְאָה שְׁמוֹ יְהוּדָה וַתַּעֲמֹד מִלֶּדֶת׃
wattáhar od wattéled ben wattómer happá'am odé et-adonáj al-kén kare'á schemó jehudá watta'amód millédet
35 Und sie gebar noch, und gebar einen Sohn, und sagte: „Diesmal will ich dem HERRN danken“; und darum nannte sie ihn mit dem Namen Jehuda (es wird Dank sein). Und sie hörte auf zu gebären.
Sie hielt inne, „stand vom Gebären auf“, wenn man wörtlich übersetzt, sie hörte auf zu gebären. Die Kommentatoren sagen, dass sie, weil sie aufhörte zu beten, weil sie im Grunde mit dem Namen des Kindes sagte: „Alles, alles, danke dir, HERR! Jetzt wird alles gelingen!“, diesen Prozess, der mit Schimon begonnen hatte (als sie vom Hören sprach, davon, dass der Höchste arbeitet), unterbrach: Jetzt ist alles abgeschlossen. Sie selbst hat es so entschieden, darum geschah es so, dass sie aufhörte zu gebären. Sie hat diesen Segen verloren, angehalten; so kann man das verstehen.
וַתֵּרֶא רָחֵל כִּי לֹא יָלְדָה לְיַעֲקֹב וַתְּקַנֵּא רָחֵל בַּאֲחֹתָהּ
wattére rachél ki lo jaledá lejaaków wattekanné rachél ba'achotá
1 Und Rachel sah, dass sie Jaakow nicht gebar. Und Rachel wurde eifersüchtig auf ihre Schwester...
Das heißt, es war ziemlich lange Zeit vergangen, sodass Rachel begriff: Mit ihr stimmt etwas nicht, und sie ist offenbar unfruchtbar.
Es ist interessant, auf das Verb tekanné – wurde eifersüchtig zu achten, es bedeutet auch eifersüchtig sein und beneiden. Wenn es mit dem Buchstäbchen בּ (bet) verwendet wird, mit der Präposition b, wie hier – wattekanné rachél ba'achotá –, dann bedeutet das, dass Rachel wie ihre Schwester sein will, es entsteht eine Art Konkurrenz; das heißt, damit es keine Kinderlosen gibt. Hätte da gestanden le'achotá, würde das bedeuten, dass sie ihre Schwester beneidet: Es ist ungerecht, die Schwester gebiert Kinder, und ich will nicht, dass sie Kinder hat. Das heißt, im ersten Fall – ich will, dass auch ich Kinder habe; im zweiten Fall – ich will nicht, dass sie Kinder hat. Zwischen dem Buchstäbchen בּ (bet) undל (lamed) ist so ein großer Unterschied. Was macht eine Frau mit ihrem Kummer, mit ihrem Problem? Sie geht zu ihrem Mann, zu Jaakow.
וַתֹּאמֶר אֶל-יַעֲקֹב הָבָה-לִּי בָנִים וְאִם-אַיִן מֵתָה אָנֹכִי׃
WATTÓMER EL-JAAKÓW HAWA-LÍ WANÍM WE'IM-ÁJIN METÁ ANÓCHI
…UND SIE SAGTE ZU JAAKOW: „BRING MIR KINDER, UND WENN NICHT – STERBE ICH.“
Wie viel menschliches Leiden ist in diesen Worten Rachels zu sehen. Und hier könnte man erwarten, dass Jaakow seinen Talmud zuklappt, seinen Laptop beiseitelegt, sie umarmt, sie an sich drückt und sagt: „Lass uns zusammen beten“, oder wenigstens, wie Elkana, sagt: „Ich liebe dich trotzdem.“ Aber Jaakow antwortet anders.
וַיִּחַר-אַף יַעֲקֹב בְּרָחֵל וַיֹּאמֶר הֲתַחַת אֱלֹהִים אָנֹכִי אֲשֶׁר-מָנַע מִמֵּךְ פְּרִי-בָטֶן׃
WAJICHAR-ÁF JAAKÓW BERACHÉL WAJOMER HATÁCHAT ELOHÍM ANÓCHI ASCHER-MANÁ MIMMÉCH PERI-WÁTEN
2 und die nase jaakows schnaubte gegen rachel, und er sagte: „bin ich etwa anstelle gottes, der dir die frucht nicht gegeben hat?“
Charón-af oder das Schnauben der Nase – das ist ein Euphemismus für Zorn in der Tora. Jaakow wurde zornig auf Rachel.
Es liegt ein Ehestreit vor, und es gibt eine Menge Kommentare zu diesem Ehestreit; Ehestreitigkeiten gibt es in der Tora aber nicht viele, und es ist interessant, sie zu kommentieren. Die Kommentare sind selbstverständlich alle von Männern geschrieben und spiegeln den Blick verschiedener Männer verschiedener Zeiten auf diese Situation wider.
Es gibt Kommentare, die sagen (der Midrasch sagt): In diesem Moment sagte der Höchste zu Jaakow: „Du bedrängst eine Frau, die mit ihrem Kummer zu dir gekommen ist. Du wirst die Vergeltung darin empfangen, dass alle deine Kinder vor einem ihrer wenigen Kinder, vor Josef, stehen und sich vor ihm verneigen werden.“ Das wird im 50. Kapitel des Buches Bereschit sein, wenn sie nach Ägypten kommen und sagen: „Wir sind deine Knechte.“ Und er wird zu ihnen sagen: „Bin ich etwa anstelle Gottes?“ Josef hätte das zornig sagen können, aber er vergibt ihnen und sagt: „Es gibt Vergeltung – Maß für Maß, und man darf Kinder nicht kränken; man darf auch Frauen nicht kränken, die Kinder wollen.“
Andere Kommentatoren sagen: „Jaakow wurde ärgerlich, weil Rachel kam und wie ein halbwüchsiges Mädchen anfing, ihn mit Selbstmord zu erpressen. Nach dem Muster: „Wenn du mir keine Kinder gibst, bringe ich mich um, ich sterbe überhaupt.“ Jaakow sagte: „Was sind denn das für Reden in der Familie? Gehört es sich etwa, so zu handeln in einer richtigen jüdischen Familie? Du bist doch eine jüdische Frau, richtig?“
Andere sagen, dass Jaakow zu ihr sagte: „Du bist es, die keine Kinder hat. Hier steht geschrieben – Gott hat dir keine Kinder gegeben. Als Jizchak, unser Stammvater, für Riwka betete, wusste er nicht, wer von ihnen unfruchtbar ist, er hatte keine Kinder, und er betete und bekam darum eine Antwort. Ich aber weiß, dass ich Kinder habe, darum entschuldige, das ist dein Problem – das Fehlen deiner Kinder. Ich komme zu dir, ich gebe dir die eheliche Bedeckung. Also empöre dich nicht.“ Es gibt solche Kommentare.
Andere Kommentare sagen: „Ich versuche zu beten, ich habe für dich gebetet, aber es klappt nicht.“
Und dritte Kommentare sagen: „Kannst du denn nicht, liebe Rachel, selbst für dich beten?“ Und weiter sagt er: „Nun, wenn du dich an mich wendest und sagst, dass Awraham für Sara gebetet hat und Jizchak für Riwka gebetet hat, dann wirst vielleicht auch du wie Sara handeln und mir deine Nebenfrau geben, um damit die ganze Sache anzufangen?“ Und weiter lesen wir:
וַתֹּאמֶר הִנֵּה אֲמָתִי בִלְהָה בֹּא אֵלֶיהָ וְתֵלֵד עַל-בִּרְכַּי וְאִבָּנֶה גַם-אָנֹכִי מִמֶּנָּה׃
wattómer hinné amatí wilhá bo eléha weteléd al-birkáj we'ibbané gam-anochí mimména
3 siehe, meine Magd Bilha; geh zu ihr ein, und sie wird mir auf die Knie gebären, und ich werde mich aufbauen, ich werde mich auch durch sie einrichten, auch ich werde durch sie wachsen.
Man kann es auch als „ich werde durch sie zu einem Sohn kommen“ übersetzen, genauso wie man sagt, dass, als Hagar mit Awraham war und Jizchak geboren wurde, dies dazu führte, dass der Höchste sich später über Sara erbarmte und ihr Frucht gab. Und die Kommentatoren sagen, dass Rachel ungefähr eine solche Überlegung hat. Andere sagen, dass Rachel hier zu Jaakow sagt: „Du hast mich überhaupt falsch verstanden. Ich wollte dir nicht davon sprechen, dass du für mich betest, und nicht davon, dass du mir, wie ein Sternchen vom Himmel, Kinder holst. Ich habe dieses ganze Gespräch angefangen, damit du zu meiner Magd eingehst, sie nimmst, und sie wird mir auf die Knie gebären, und ich werde dir einen Sohn gebären; ich werde einen Sohn haben, ich werde mich durch ihn aufbauen. Darauf wollte ich mit all dem hinaus. Du hast mich, wie immer, nicht zu Ende angehört. Nie hörst du mich zu Ende an, da hast du mich wieder unterbrochen und noch dazu angeschrien.“ So viele verschiedene Ansätze, die von dem Konflikt in der Familie erzählen; und man kann sagen, natürlich wollen die Kommentatoren Jaakow rechtfertigen. Jaakow ist unser Stammvater, er ist unser Lehrer, unser Steuermann, und er kann, so scheint es, keine Fehler haben. Aber mein Jaakow, mein persönlicher Jaakow (so sehe ich das) – das ist der Jaakow, der mit Rachel nicht gut umgegangen ist, ihr zornig geantwortet hat. Zorn gegenüber einer Frau, die sich gekränkt fühlt, – das ist schlecht. Und er hat sie nicht angehört, und wenn wir einen Menschen nicht anhören, wir ihn sich nicht aussprechen lassen, dann trifft ihn das. Der Mensch fängt an, das in sich zu tragen. Und wir können sagen: „So handeln Frauen nicht.“ Und wir können sagen: „Ein kleiner Junge kann keine Angst vor der Dunkelheit haben.“ Und er geht in sein Zimmer schlafen mit der Angst vor der Dunkelheit, unterdrückt seine Angst. Wenn er sich mit jemandem gestritten hat, wir können doch niemanden hassen: „Gott bewahre! Du darfst solche Gefühle nicht empfinden!“ Und der Mensch fängt an, seine Gefühle zu unterdrücken. Die Probleme in der Familie, die Probleme in der Seele des Menschen beginnen damit, dass man ihn nicht anhört. Jaakow hat hier nicht gut gehandelt. Und der Höchste, ich glaube an diesen Midrasch, hat ihn zurechtgewiesen, ihm Maß für Maß vergolten und zu ihm gesagt: „Jaakow, es ist nicht gut, so zu handeln. Jascha, es ist nicht gut, so mit Frauen umzugehen.“ Jaakow ist ein Mensch, er ist aus Blut und Fleisch gemacht, und manchmal benimmt er sich wie ein gewöhnlicher Mensch.
Die Kommentatoren fragen sich noch: Warum gebiert Rachel nicht? Und manche sagen: Wenn zwischen den Eheleuten eine riesige Liebe ist, wenn es eine solche Liebe gibt, dann fehlt der Frau der Platz für die Mutterschaft, oder der Mann will sie nicht loslassen, damit sie als Mutter stehen bleibtIm Russischen steht wörtlich, sie solle „als Mutter stehen bleiben“; gemeint ist vermutlich, dass sie Mutter wird. Die Übersetzung folgt dem Wortlaut.; wegen übermäßiger Liebe, wegen übermäßiger Sinnlichkeit können sie kein Kind bekommen. Andere sagen, dass das die Sünde Rachels ist, dass Rachel es so aufgenommen hat; das ist ihre Sünde, irgendwo ihr Fehler, irgendwo ist sie schuld. Vielleicht darin, dass es so gekommen ist, dass sie ihre Schwester vor sich heiraten ließ, und eine ganze Woche lang war Lea die exklusive Frau Jaakows; vielleicht darin.
Andere Kommentatoren, es gibt so eine Schicht von Weisen im Judentum, sagen, dass alles am Namen liegt; im Namen muss das Buchstäbchen י (jud) oder das Buchstäbchen הּ (hej) sein. Wenn das Buchstäbchen הּ (hej) fehlt, dann kann die Frau nicht gebären. Da war Saraj (שָׂרַי), sie wurde in Sara (שָׂרָה) umbenannt, und sie konnte gebären. Im Namen Rachel (רָחֵל) gibt es den Buchstaben hej nicht, diesen weiblichen Buchstaben. Das ist wirklich ein sehr weibliches Buchstäbchen, denn es wird an Substantive angefügt, damit sie zu Substantiven weiblichen Geschlechts werden. Wenn sie Racheljá oder Raahel wäre, dann hätte sie gebären können; man muss nur den Namen ändern. Sehr viele solche Lehrer gibt es heute, Kabbalisten, die sagen: „Ändere hier den Namen, ändere hier die Kombination, und alles wird dir gelingen.“ Ja, tatsächlich: Wer den Namen ändert, den Namen seinem Wesen nach verändert, der verändert sein Leben. Aber das ist keine Magie und funktioniert nicht auf diese Weise. Und da sagen die Kommentatoren: „Da habe ich eine Magd, sie heißt Bilha. Und im Namen Bilha (בִלְהָה) gibt es sogar zwei Buchstäbchen hej am Ende. Wozu braucht sie so viele? Sie ist sowieso eine Magd. Lass sie Bilha seinIm Russischen wird der Name Bilha hier in leicht verkürzter Schreibung wiederholt, als nehme man ihr etwas vom Namen weg. Dieser Unterschied lässt sich in der deutschen Schreibung nicht abbilden., und ich werde Rachiljá sein. Und ich werde gebären, und sie wird gebären, und alles wird gut sein, lass mich durch sie aufgebaut werden.“ Aber man muss mit all diesen Spielen mit Buchstaben vorsichtig umgehen.
Und lasst uns darin den einfachen Sinn sehen. Und der einfache Sinn ist, dass Rachel sich erinnert, wie es mit Sara war. Rachel will sehr Kinder, will, dass in ihrem Zelt Kinder sind. Jaakow geht zu Lea hinein, die Kinder hat, spielt abends mit ihnen. Und was soll Rachel tun? Und sie will auch Kinder. Sie will auch selbst Zeit mit Kindern verbringen, will Mutter sein. Es geht hier nicht nur um Jaakow: Rachel hat einen riesigen Mutterinstinkt, einen riesigen Wunsch nach Mutterschaft, und sie geht so weit, ihre Magd Jaakow zur Frau zu geben. So steht es auch geschrieben – sie gab sie Jaakow zur Frau.
וַתִּתֶּן-לוֹ אֶת-בִּלְהָה שִׁפְחָתָהּ לְאִשָּׁה וַיָּבֹא אֵלֶיהָ יַעֲקֹב׃
WATTITTEN-LÓ ET-BILHÁ SCHIFCHATÁ LE'ISCHÁ WAJAWÓ ELÉHA JAAKÓW
4 Und sie gab ihre Magd Jaakow zur Frau, und Jaakow ging zu ihr ein.
Interessant: Für die Bezeichnung von Mägden gibt es im Iwrit zwei Wörter. Es gibt das Wort amá – Dienerin, Magd, die eine vorübergehende ist. Es gibt das Wort schifchá – eine Magd, die eine Magd für immer ist; diese schifchá stammt gewöhnlich nicht von den Juden. Und warum werden sie hier – sowohl Bilha als auch später Silpa – mit dem Wort schifchá bezeichnet? Denn wenn sie heiraten, muss man sie freilassen; wenn die Herrin sie verheiratet, lässt sie sie frei. Warum also wird sie schifchá genannt? Weil, wie die Kommentatoren sagen, ihre Abstammung so ist. Sie wurde von einer Nebenfrau geboren, deshalb ist sie zur Hälfte unehelich. Also gibt Rachel auf die alte, großmütterliche, Saras Weise ihre Magd Jaakow zur Frau.
וַתַּהַר בִּלְהָה וַתֵּלֶד לְיַעֲקֹב בֵּן׃
wattáhar bilhá wattéled lejaaków ben
5 Und Bilha wurde schwanger, und gebar Jaakow einen Sohn.
Achtet darauf, es steht geschrieben: und sie gebar Jaakow einen Sohn; nicht Rachel hat sie ihn geboren, geschrieben steht: Jaakow. Warum ist das juristisch wichtig? Weil wir hier nicht einfach über irgendwelche Familienszenen oder Familienstreitigkeiten reden. Wir sprechen über die Entstehung der Stämme Israels. Bilha gebar Jaakow einen Sohn; wir werden noch auf diese Formulierung zurückkommen, die hier geschrieben steht.
וַתֹּאמֶר רָחֵל דָּנַנִּי אֱלֹהִים וְגַם שָׁמַע בְּקֹלִי וַיִּתֶּן-לִי בֵּן עַל-כֵּן קָרְאָה שְׁמוֹ דָּן׃
wattómer rachél danánni elohím wegám schamá bekolí wajitten-lí ben al-kén kare'á schemó dan
6 Und Rachel sprach: „Der HERR hat meine Sache entschieden (oder: Gerichtet hat mich der HERR), und hat meine Stimme gehört, und hat mir einen Sohn gegeben; darum nannte sie ihn Dan (im Sinne von: hat gerichtet, in der Sprache des Gerichts).
Im Russischen kann der Ausdruck „Gerichtet hat mich der HERR“ eindeutig negativ aufgefasst werden – „Verurteilt hat mich der HERR“. Hier: „Der HERR hat mir gegeben, was mir nach dem Urteil zusteht.“ Offenbar (wenn wir uns daran erinnern, was die Kommentatoren sagen) hat Jaakow Rachel geraten, hat Rachel angeleitet, selbst für sich zu beten, und Rachel betet für sich, und so sagt sie: „Der HERR hat meine Stimme gehört.“
Aber damit enden die Beziehungen zwischen Jaakow und Bilha nicht.
וַתַּהַר עוֹד וַתֵּלֶד בִּלְהָה שִׁפְחַת רָחֵל בֵּן שֵׁנִי לְיַעֲקֹב׃
WATTÁHAR OD WATTÉLED BILHÁ SCHIFCHÁT RACHÉL BEN SCHENÍ LEJAAKÓW
7 Und sie wurde noch einmal schwanger, und Bilha, die Magd Rachels, gebar Jaakow einen zweiten Sohn.
Und wir erinnern uns, dass Lea zu dieser Zeit, nachdem sie Jehuda geboren hatte, aufhörte zu gebären. Sie sagte: „Jetzt will ich den HERRN preisen. Na, das war’s, genug“ – und hörte auf zu gebären. Sie hörte auf zu gebären, vielleicht weil bei ihr irgendwelche Frauenprobleme aufgetreten waren, wir werden noch darauf zurückkommen. Aber jetzt tritt Rachel gleichsam auch in die Konkurrenz ein und sagt: „Da, ich habe schon zwei. So hole ich meine Schwester bald ein.“
וַתֹּאמֶר רָחֵל נַפְתּוּלֵי אֱלֹהִים נִפְתַּלְתִּי עִם-אֲחֹתִי גַּם-יָכֹלְתִּי וַתִּקְרָא שְׁמוֹ נַפְתָּלִי׃
wattómer rachél naftulé elohím niftálti im-achotí gam-jachólti wattikrá schemó naftalí
8 Und Rachel sprach: „Mit gewaltigem, starkem Ringen habe ich mich mit meiner Schwester verflochten, und habe sie niedergerungen (habe sie übermocht).“ Und sie gab ihm den Namen Naftali.
Das Wort naftulé bedeutet List, Tücke, verbunden mit Flechten, mit Winden: mich windend verflocht ich mich (oder rang ich) mit meiner Schwester (das Wort elohím, das man gewöhnlich als Gott übersetzt, kann man hier als groß oder stark übersetzen; auch eine solche Bedeutung gibt es, es gibt den Begriff meumát elohím – eine starke Erregung, und so weiter); mit starkem Ringen rang ich mit meiner Schwester, mit starkem Verflechten verflocht ich mich mit meiner Schwester.
Das Wort jachólet, lichól bedeutet können. Sieg heißt in vielen slawischen Sprachen peremóga: ich konnte mehr als sie, ich habe sie übermocht.
Naftalí – Prüfung, meine Windung; oder, man kann sogar sagen, meine Tücke, meine List. Wir haben schon darauf geachtet, dass Namen gewisse Gebete oder Danksagungen in sich enthalten können. Und hier sagt sie: „Ich bin eine Kämpferin, ich bin eine Siegerin.“ Hier kann man sagen, dass sie so spricht, wie heute ein Israeli sagen würde: „Jawoll! Ich hab’s geschafft! Ich habe meine Schwester besiegt!“ Sehr menschliche Worte. Wir müssen daran denken, dass diese Menschen nicht wussten, keiner von ihnen wusste (ich wiederhole das zum wer weiß wievielten Mal), dass sie in der Bibel leben. Sie lebten. Das waren reale Menschen, die lebten, atmeten, sprachen, stritten, sich zankten, gekränkt waren und sich über ihre Siege freuen konnten. Aber so kam es nicht.
וַתֵּרֶא לֵאָה כִּי עָמְדָה מִלֶּדֶת וַתִּקַּח אֶת-זִלְפָּה שִׁפְחָתָהּ וַתִּתֵּן אֹתָהּ לְיַעֲקֹב לְאִשָּׁה׃
wattére le'á ki amedá millédet wattikkách et-silpá schifchatá wattittén otá lejaaków le'ischá
9 Da wurde Lea aufmerksam, dass sie irgendwie schon lange nicht gebiert; und sie nahm Silpa, ihre Magd, und gab auch sie Jaakow zur Frau.
Warum tut Lea das? Nur der Rambam (Maimonides) bemerkt von allen Kommentatoren, dass Frauen es eigentlich nicht mögen, ihren Männern eine zweite Frau zuzuführen. Offenbar spürte Lea irgendwelche Probleme im weiblichen Bereich; wir werden später noch darauf zurückkommen, wenn wir über das Heilmittel gegen Unfruchtbarkeit, rote Früchte und so weiter sprechen. Aber vorerst gibt Lea, die gesagt hat: „Hoppla! So ging das also auch?!“, ebenfalls ihre Magd Jaakow zur Frau.
וַתֵּלֶד זִלְפָּה שִׁפְחַת לֵאָה לְיַעֲקֹב בֵּן׃
WATTÉLED SILPÁ SCHIFCHÁT LE'Á LEJAAKÓW BEN
10 Und Silpa, die Magd Leas, gebar Jaakow auch einen Sohn (das heißt, auch dieser Sohn wird unter den Stämmen sein).
וַתֹּאמֶר לֵאָה בְּגָד (בָּא גָד) וַתִּקְרָא אֶת-שְׁמוֹ גָּד׃
WATTÓMER LE'Á BA GAD WATTIKRÁ ET-SCHEMÓ GAD
11 Und Lea sprach: „Das Glück ist gekommen.“ Und sie gab ihm den Namen Gad.
Hier gibt es eine abweichende Lesart. Es gibt den Begriff ktíw – Verbesserung der Schreiber. Man kann verstehen, dass zwei Wörter geschrieben sind – ba gad (בָּא גָד), das heißt – das Glück ist gekommen, das Glück ist zugefallen, das Glück hat eingesetzt. Und man kann verstehen – begad (בְּגָד), er war untreu. In dem Sinn, dass er, Jaakow, mir untreu war, ich ihm aber nicht untreu war; er war mir untreu, hat Kinder mit einer anderen Frau gezeugt, ich war ihm nicht untreu. Das ist ihre Sicht der Situation. In ihrem Verständnis – wir werden es im nächsten Abschnitt sehen – hat Rachel ihr überhaupt den Mann weggenommen; und auch darüber werden wir noch sprechen.
Gad bedeutet der Ansammelnde, der Sammelnde, der Glück Bringende. Ein sehr vieldeutiger Name, und man kann ihn sehr unterschiedlich übersetzen, und überhaupt kann man diesen Vers auf Dutzende verschiedene Weisen übersetzen, wirklich auf Dutzende.
וַתֵּלֶד זִלְפָּה שִׁפְחַת לֵאָה בֵּן שֵׁנִי לְיַעֲקֹב׃
WATTÉLED SILPÁ SCHIFCHÁT LE'Á BEN SCHENÍ LEJAAKÓW
12 Und Silpa, die Magd Leas, gebar Jaakow einen zweiten Sohn.
Jetzt steht es 2:2. Auch Silpa gebiert Jaakow einen zweiten Sohn.
וַתֹּאמֶר לֵאָה בְּאָשְׁרִי כִּי אִשְּׁרוּנִי בָּנוֹת וַתִּקְרָא אֶת-שְׁמוֹ אָשֵׁר׃
WATTÓMER LE'Á BE'OSCHRÍ KI ISCHERÚNI BANÓT WATTIKRÁ ET-SCHEMÓ ASCHÉR
13 Und Lea sieht dieses Kind, und sagt: „Glücklich bin ich, denn mich werden alle Töchter segnen.“ Und sie nannte ihn Ascher.
Mich werden alle Töchter segnen – daraus kann man sehen, dass das Kind sehr schön zur Welt kam. Und alle Nachkommen Aschers, seine Töchter, werden Kohanim heiraten (das ist aus späteren Quellen bekannt), weil die Mädchen Schönheiten sein werden, alle nach ihrem schönen Vorfahren. Das heißt, Lea sah so einen schönen Jungen und sagte: „Nun, jetzt werden mich alle Mädchen seligpreisen, segnen, denn seine Töchter, und seine Enkelinnen, und seine Urenkelinnen – für alle reicht die Schönheit.“ Und die Töchter anderer werden sagen: „Wow! Was für ein schöner Bursche! Was für ein Glück seine Mutter hatte!“ Und sie nannte ihn Ascher, was bedeutet – der Glück Gebende.
וַיֵּלֶךְ רְאוּבֵן בִּימֵי קְצִיר-חִטִּים וַיִּמְצָא דוּדָאִים בַּשָּׂדֶה
wajélech re'uwén bimé kezir-chittím wajimzá duda'ím bassadé
14 Und Re'uwen ging in den Tagen der Weizenernte, und fand auf dem Feld Mandragoraäpfel…
Halten wir vorerst hier an. Re'uwen ist der Erstgeborene Jaakows und Leas. Wie wir wissen, lebte Jaakow bei Lawan (bis zur Geburt Josefs, von dem weiter die Rede sein wird) vierzehn Jahre. Sieben Jahre arbeitete Jaakow für Rachel, war ein unverheirateter Mann. Die Ereignisse, die hier beschrieben werden – Re'uwen und die Mandragoraäpfel –, geschehen im fünften Jahr, nachdem Jaakow geheiratet hatte. Und das bedeutet, dass Re'uwen ein vierjähriger Junge ist. Das bedeutet, dass er nicht ein Pflanzenbestimmungsbuch hervorgeholt und gesagt hat: „Wow! Mandragora officinarum! Man muss sie Mama bringen, weil sie gegen Unfruchtbarkeit hilft.“ Sondern er fand entweder die roten, leuchtenden Beeren der Mandragora oder, was am wahrscheinlichsten ist, die rosafarbene Wurzel der Mandragora, die einem kleinen Menschlein sehr ähnlich sieht. Das kleine Menschlein interessierte sich für das im Feld gefundene kleine hölzerne Menschlein. Und er brachte es als Geschenk der Mama Lea, die im Zelt sitzt, zu der Jaakow nicht hineingeht. Vielleicht ist sie traurig, und vielleicht sieht er, dass sie traurig ist. Nun, und fröhlichen Mamas bringen Kinder gewöhnlich Geschenke. Irgendwelche heilenden Eigenschaften der Mandragora kennt Re'uwen höchstwahrscheinlich nicht, wie ein gewöhnliches kleines Kind. Heilende Eigenschaften werden der Mandragora gerade deshalb zugeschrieben, weil ihre Wurzel einem kleinen Menschlein ähnlich sieht und folglich auch zur Geburt kleiner Menschlein führt; so denken die Menschen oft. Weder von der Tora noch von wissenschaftlichen Untersuchungen wird die Idee gestützt, dass die Mandragora wirksam ist; aber so ein Nahrungsergänzungsmittel gab es zu jener Zeit. Re'uwen fand es und brachte es seiner Mutter.
וַיָּבֵא אֹתָם אֶל-לֵאָה אִמּוֹ וַתֹּאמֶר רָחֵל אֶל-לֵאָה תְּנִי-נָא לִי מִדּוּדָאֵי בְּנֵךְ׃
WAJAWÉ OTÁM EL-LE'Á IMMÓ WATTÓMER RACHÉL EL-LE'Á TENI-NÁ LI MIDDUDA'É BENÉCH
… und brachte Lea, seiner Mutter (brachte der Mama ein schönes Wurzelchen als Geschenk). Rachel sagte zu Lea: „Gib mir etwas von der Alraune deines Sohnes.“
Es sieht wahrscheinlich nicht sehr schön aus, wenn eine Mama um ein Geschenk bittet, das der Sohn einer anderen Mama gebracht hat; erst recht, wenn sie Schwestern sind, zwischen denen so schwierige Beziehungen bestehen.
Man muss ein klein wenig einen Rücksprung zurück machen und sich an den Zustand Leas erinnern. Nachdem Lea Jehuda, den vierten Sohn, geboren hatte, heißt es: und sie hörte auf zu gebären. Lea gebar den ersten Sohn, Re'uwen, dann – Schimon, dann – Lewi, dann – Jehuda, und dann hörte sie auf zu gebären. Beachten wir, dass sie danach noch Jissachar, Sewulun und Dina gebären wird. Vier plus drei (das ist nicht schwer auszurechnen) ist gleich sieben. Insgesamt gebar Lea sieben Kinder in sieben Jahren. Und es entsteht die natürliche Frage: Wann hat sie denn aufgehört zu gebären? Sieben Kinder in sieben Jahren – jede Mama wird sagen: „Das ist sehr viel.“ Und die meisten Mamas werden sagen: „Das ist überhaupt zu viel.“ Wer wird denn sagen, dass so eine Frau unfruchtbar ist? Und man muss verstehen, was sie hörte auf zu gebären bedeutet, in welchem Zustand sie ist, was jetzt mit Lea geschieht.
Einige Kommentatoren sagen, dass sie für ein Jahr doch aufhörte zu gebären, und Sewulun und Dina Zwillinge sind; deshalb ergeben sich sieben Kinder in sieben Jahren, und in Wirklichkeit war ein Jahr unfruchtbar. Aber es ist schwer anzunehmen, dass eine Frau, die vier Kinder geboren und ein Jahr danach nicht geboren hat, sich Sorgen darüber machen wird, dass sie unfruchtbar ist, selbst in jenen schweren Zeiten.
Andere Kommentatoren sagen, dass Lea beschloss, nicht mehr zu gebären. Sie sagte zu Jaakow: „Den Fünften, Jascha, wirst du selbst gebären. Ich habe vier geboren, wenn ich nur die großkriege.“ Und das ist auch ein logischer Ansatz, so etwas kommt in Familien vor. Oder Jaakow beschloss, dass es ihm an Kindern von Lea reicht. Und wiederum hörte Lea unfreiwillig auf zu gebären. Warum – unfreiwillig? Weil wir weiter verstehen werden, dass, wenn sie gebiert, geschrieben steht: „Gott hörte Lea.“ Gebären wollte sie doch höchstwahrscheinlich.
Es gibt noch ein wichtiges Detail, ein Detail, das vielleicht nicht jedem Leser verständlich ist, aber einem östlichen Leser verständlich, der mit der Geschichte vertraut ist. Es gibt bestimmte Archetypen, bestimmte Prinzipien, die erhalten bleiben. Das sind Prinzipien, nach denen Ehefrauen doppelt so viel gebären wie Nebenfrauen. Nachor hat zwölf Kinder – acht von der Ehefrau, vier von der Nebenfrau. Lea hat zu diesem Zeitpunkt vier Kinder, zwei von der Nebenfrau. Wir wissen, dass, wenn die Söhne Israels nach Ägypten hineinziehen werden, nach Ägypten hinabsteigen werden, mit ihnen zweiunddreißig Nachkommen Leas und sechzehn Nachkommen Silpas gehen werden, das heißt zwei zu eins; vierzehn Nachkommen Rachels und sieben Nachkommen Bilhas, auch zwei zu eins (das ist Kapitel 46 des Buches Bereschit, für wen es interessant ist und wer es nachlesen will). Als Lea vier geboren hatte und, wir wissen, dass Silpa noch zwei gebären wird, ist damit die Mission des Gebärens Leas beendet. Und deshalb steht vielleicht geschrieben, dass sie aufhörte zu gebären. Der Mann hat sich nie besonders so für sie interessiert, wir sehen, dass er Rachel mehr liebt. Und Leas ganzes Glück ist es, Zeit mit den Kindern zu verbringen, und da bringt ihr der Sohn ein Geschenk, und ihre Schwester will ihr dieses Geschenk wegnehmen, und Lea kennt auch noch die heilenden Eigenschaften dieses Nahrungsergänzungsmittels und glaubt an sie.
וַתֹּאמֶר לָהּ הַמְעַט קַחְתֵּךְ אֶת-אִישִׁי וְלָקַחַת גַּם אֶת-דּוּדָאֵי בְּנִי
WATTÓMER LA HAM'ÁT KACHTÉCH ET-ISCHÍ WELAKÁCHAT GAM ET-DUDA'É BENÍ
15 Und Lea sagte zu Rachel: „Ist es dir etwa zu wenig, dass du meinen Mann weggenommen hast, doch auch das Geschenk meines Sohnes nimmst du weg!“ …
Nicht ischejnu, nicht unseren Mann, so seltsam das heute auch klingt; es war unser Mann für die Mädchen. Aber: „Du hast meinen Mann weggenommen.“ Lea hat ihn ja als Erste geheiratet, und Rachel hat sich dieser Familie später angeschlossen, hat faktisch Leas Mann weggenommen, ihn selbst weggenommen, und seine Aufmerksamkeit, und seine Liebe. Und so spricht Lea so, wie sie es fühlt: Nicht der Mund der Frau spricht, das Herz der Frau spricht, „der Mund spricht aus dem Überfluss des Herzens“. Und hier geht es höchstwahrscheinlich nicht um die medizinischen Eigenschaften der Alraune; hier geht es um Sentimentalität, um Liebe, um Familienbeziehungen.
וַתֹּאמֶר רָחֵל לָכֵן יִשְׁכַּב עִמָּךְ הַלַּיְלָה תַּחַת דּוּדָאֵי בְנֵךְ׃
WATTÓMER RACHÉL LACHÉN JISCHKÁW IMMÁCH HALLÁJLA TÁCHAT DUDA'É WENÉCH
…und Rachel sagte: „Darum soll er diese Nacht mit dir liegen für die Alraunen deines Sohnes.“
Sie sagt nicht: der Mann wird liegen, weil der Mann ein Gesprächsthema ist, das klar ist. Ein furchtbarer Satz, in Wirklichkeit. Lesen wir weiter, um zu verstehen, warum furchtbar.
וַיָּבֹא יַעֲקֹב מִן-הַשָּׂדֶה בָּעֶרֶב וַתֵּצֵא לֵאָה לִקְרָאתוֹ
wajawó jaaków min-hassadé ba'érew wattezé le'á likrató
16 Und Jaakow kam am Abend vom Feld, und Lea ging ihm entgegen…
Wir erinnern uns, wer das vorige Mal vom Feld kam – Esaw. Jaakow hat, was Esaw nicht hat: Er hat ein Linsengericht, und Esaw kam ohne irgendetwas. Und Esaw will „Rotes, Rotes“, und verkauft dafür seine Erstgeburt. Hier kehrt das auf erstaunliche Weise zurück. Jaakow kommt vom Feld, und es scheint, gerade Jaakow wird jetzt in der Rolle Esaws sein, aber nein: Es ist auf Rachel „abgeprallt“, Rachel ist in der Rolle Esaws. Sie gibt die Nacht ihres Mannes für „Rotes, Rotes“ her, für die Alraunenäpfel von Leas Sohn, die nach ihrem Plan ihr die Möglichkeit geben sollen, schwanger zu werden.
Der Midrasch sagt, dass sie, weil sie die Nacht mit dem Gerechten geringgeschätzt hat (sie sagte: „Was soll's, Jaakow schläft eine Nacht mit Lea, nichts Schlimmes wird passieren“), deswegen nicht mit ihm begraben ist. Weil sie eine Nacht geringgeschätzt hat, die mit ihm auf einem Lager verbracht wird, ist sie nicht mit Jaakow begraben. Und sie hat, wie geschrieben steht, die Erstgeburt verloren. Warum sagt der Midrasch, dass sie die Erstgeburt verloren hat? Das ist eine Anspielung auf Esaw. Wie Esaw seinerzeit die Erstgeburt geringgeschätzt hat, so hat Rachel die Gleichheit mit der Schwester geringgeschätzt. Sie sollte vier Kinder gebären, und Bilha noch zwei, aber so ist es nicht gekommen, weil sie ihre Liebe geringgeschätzt hat, die Liebe Jaakows zu ihr, wie Esaw seinerzeit die Erstgeburt geringgeschätzt hat.
Und Lea hält es nicht im Zelt aus, so einsam ist sie und so wichtig ist ihr eine Nacht mit dem Mann. Höchstwahrscheinlich auch gar nicht, um von ihm schwanger zu werden, nicht von jeder Nacht wird man schwanger. Wozu braucht sie diese eine Nacht? Sie sucht die Liebe des Mannes, Lea sucht die ganze Zeit die Liebe des Mannes. Sie sucht die Liebe des Mannes, und sie hat solche Sehnsucht, dass sie bereit ist, im Grunde erniedrigend um eine Nacht mit ihrem Mann zu feilschen. Sie konnte nicht im Zelt auf ihn warten; vielleicht schaute sie ständig hinter den Vorhang des Zeltes hinaus, vielleicht schickte sie Re'uwen ständig auf den Weg. Aber so oder so, Jaakow kehrt vom Feld zurück, und die ungeduldige Lea empfängt ihn.
וַתֹּאמֶר אֵלַי תָּבוֹא כִּי שָׂכֹר שְׂכַרְתִּיךָ בְּדוּדָאֵי בְּנִי וַיִּשְׁכַּב עִמָּהּ בַּלַּיְלָה הוּא׃
wattómer eláj tawó ki sachór sechartícha beduda'é bení wajischkáw immá ballájla hu
…und sagt zu ihm: „Du wirst heute zu mir kommen, denn mit Lohn habe ich dich bezahlt, für die Alraunen meines Sohnes.“ Und er lag mit ihr in dieser Nacht.
Und er lag mit ihr in dieser Nacht – das ist eine Anspielung auf eine andere Geschichte, auf die Geschichte Lots. Über Lot heißt es (als er zu den Töchtern einging): und er lag mit ihr in dieser Nacht, er wusste nicht, beim Hinlegen und Aufstehen… Das ist die Geschichte Lots.
Jaakow – weiß es. Lot ist berauscht, und er handelt, kann man sagen, als Opfer von Gewalt und Betrug; man kann sagen, Lot ist zur Intimität mit seinen Töchtern gezwungen. Genauso ist hier auch Jaakow, wie auch Lot, gezwungen, geht nicht nach seinem eigenen Willen zu seiner Frau ein. Jaakow ist ein passiver Mensch in seiner Familie: Es gibt hier keinen solchen Jaakow Jizchakowitsch, der mit der Faust auf den Tisch haut und sagt: „Was macht ihr da? Seid ihr Juden?“ Oder: „Wo, wo hat man je so etwas gesehen, dass in einer jüdischen Familie die Frauen so mit ihren Männern umspringen?“ Aber sie springen mit ihnen um, und wie! Jaakow ist ein passiver Mensch, und die Tora zeigt uns das mit unauffälligen kleinen Strichen.
וַיִּשְׁמַע אֱלֹהִים אֶל-לֵאָה וַתַּהַר וַתֵּלֶד לְיַעֲקֹב בֵּן חֲמִישִׁי׃
wajischmá elohím el-le'á wattáhar wattéled lejaaków ben chamischí
17 Und Gott hörte Lea, und sie wurde schwanger, und gebar Jaakow einen fünften Sohn.
Gott hörte ihre Sehnsucht, Gott hörte ihren Kummer. Kann man sagen, dass Lea unfruchtbar war, um für die Geburt von Kindern zu beten? Nein, sie war es nicht. Sie gebar vier und sagte: „Ich will dem HERRN danken.“ Aber es gibt einen Schrei, sogar Taten können manchmal ein Schrei des Gebets sein.
Achtet darauf: Wenn über alle vier Kinder einfach sie gebar geschrieben steht, so steht hier eine Formel, ein Eintrag wie in Bezug auf eine Nebenfrau – sie gebar Jaakow einen fünften Sohn. Warum steht das so geschrieben? Weil, wie wir gesagt haben, eigentlich Rachel diesen Sohn gebären sollte. Aber weil Rachel die Nacht mit Jaakow geringgeschätzt hat, wurde sie Mutter einer geringeren Zahl von Stämmen. Man kann nicht einfach so sagen: „Was soll's, ich gebe die Nacht mit dem Mann her, und das wird mit einer Nacht zu Ende sein.“ Kleine Taten haben oft einen hohen Preis.
וַתֹּאמֶר לֵאָה נָתַן אֱלֹהִים שְׂכָרִי אֲשֶׁר-נָתַתִּ שִׁפְחָתִ לְאִישִׁי וַתִּקְרָא שְׁמוֹ יִשָּׂשכָר׃
wattómer le'á natán elohím secharí ascher-natátti schifchatí le'ischí wattikrá schemó jissachár
18 Und Lea sagte: „Gott hat mir eine Belohnung gegeben, einen Lohn dafür, dass ich meine Magd meinem Mann gegeben habe“; und sie gab ihm den Namen Jissachar.
Und hier ist derselbe Satz, den wir im 16. Vers gelesen haben: „Mit Lohn habe ich dich bezahlt.“
Das Wort sachár selbst und der Name Jissachár bedeuten er wird bezahlt werden, oder der, der Lohn bekommen wird, oder der, der eine Belohnung bekommen wird; es weist auf genau diese Worte Leas hin: sachór sechartícha, mit Lohn habe ich dich bezahlt. Und auch die Sprache, in der Lea sich ausdrückt, weist darauf hin: Sie spricht von der Magd, die sie hergegeben hat, vom Wunsch, das Geschlecht fortzusetzen. Die Magd ist einfach ein Symbol. Hier ist ihre Tat ein Symbol dafür, das Gebären der Familie fortzusetzen. Möglicherweise erschien Jaakow, weil die Magd geboren hatte, wieder im Zelt Leas, und in ihr entflammte wieder die Liebe. Es ist sehr schwer, die Motive einer Frau zu verstehen, erst recht einer Frau, die vor mehr als 3000 Jahren lebte. Aber da Menschen sich wenig ändern, kann man annehmen, dass es schwer ist, den Namen Jissachar damit zu verbinden, dass Jaakow gekauft worden war; nun, so einen Namen einem Kind zu geben, ist ja ganz und gar nicht schön. Und sie sah die Wurzel aller Ereignisse darin, dass sie ihre Magd Jaakow gegeben hatte.
וַתַּהַר עוֹד לֵאָה וַתֵּלֶד בֵּן-שִׁשִּׁי לְּיַעֲקֹב׃
wattáhar od le'á wattéled ben-schischí lejaaków
19 Und Lea wurde noch einmal schwanger, und gebar Jaakow einen sechsten Sohn.
Wiederum gebar dem Jaakow. Es steht nicht einfach gebar, wie bei den vorherigen vier Kindern; wieder eine Formulierung wie in Bezug auf die Nebenfrauen.
וַתֹּאמֶר לֵאָה זְבָדַנִי אֱלֹהִים אֹתִי זֵבֶד טוֹב הַפַּעַם יִזְבְּלֵנִי אִישִׁי כִּי-יָלַדְתִּי לוֹ שִׁשָּׁה בָנִים וַתִּקְרָא אֶת-שְׁמוֹ זְבֻלוּן׃
wattómer le'á sewadáni elohím otí séwed tow happá'am jisbeléni ischí ki-jaládti lo schischá waním wattikrá et-schemó sewulún
20 Und Lea sagte: „Beschenkt hat mich der HERR mit einem prächtigen Geschenk; diesmal wird er mich veredeln, umwerben, denn ich habe ihm sechs Söhne geboren“; und gab ihm den Namen Sewulun (der Düngende)Das Wort, mit dem der Autor den Namen Sewulun erklärt, kann sowohl „düngend“ als auch „gnädig stimmend“ bedeuten. Übersetzt ist „der Düngende“, weil die folgende Auslegung daran anknüpft..
Das Wort sewadáni bedeutet Gabe, Geschenk, irgendein sehr teures Geschenk; mit Gold überschüttet hat mich, kann man sagen, der HERR.
Im Wort jisbeléni bedeutet die Wurzel sájin-bet-lámed (זבל) er wird düngen, wird bei mir sein, wird mich düngen, wird mich veredeln, wird mich bebauen. Obwohl das Wort séwel im modernen Iwrit einfach Müll, Dünger bedeutet, bedeutet séwel im alten Iwrit einen Ort, der bereichert, veredelt, einrichtet. Und Sewulun ist nicht einfach ein Name, den man einem Sohn gibt, es ist auch einer der Namen des Tempels.
וְאַחַר יָלְדָה בַּת וַתִּקְרָא אֶת-שְׁמָהּ דִּינָה׃
we'achár jáleda bat wattikrá et-schemá diná
21 Danach aber gebar sie eine Tochter, und gab ihr den Namen Dina.
Wir haben schon gesagt, dass die Kommentatoren, die einen gewissen Hinweis auf die Unfruchtbarkeit Leas zu erklären versuchen, die in sieben Jahren sieben Kinder gebiert, sagen, dass zusammen mit Sewulun Dina geboren wurde, deshalb gab es ein Jahr der Unfruchtbarkeit. Lea hatte ein Jahr von sieben, in dem sie nicht gebar, und in diesem Moment hielt sie sich für unfruchtbar. Warum entsteht eine solche Frage? Weil nicht geschrieben steht „und sie wurde schwanger, und gebar eine Tochter“. Und möglicherweise ist es auch so; es ist durchaus möglich, das so zu übersetzen. Aber eine andere, mir nähere, mir verständlichere Variante ist diese: Da Dina hier nur aus dem Grund erwähnt wird, was mit ihr im Weiteren geschehen wird, und sie nicht zu den Stämmen Israels gehört, steht über sie nicht geschrieben „und sie wurde schwanger, und gebar“. Man kann das so oder anders verstehen.
וַיִּזְכֹּר אֱלֹהִים אֶת-רָחֵל וַיִּשְׁמַע אֵלֶיהָ אֱלֹהִים וַיִּפְתַּח אֶת-רַחְמָהּ׃
wajiskór elohím et-rachél wajischmá eléha elohím wajiftách et-rachmá
22 Und der HERR erinnerte sich an Rachel, und es hörte auf sie Elohim, Gott, und öffnete ihren Mutterleib auch.
Wenn gesagt wird, dass der HERR sich erinnerte, bedeutet das selbstverständlich nicht, dass Er nachdenklich dasaß und sich da erinnerte: „Wie steht es denn mit Rachel, man muss nachsehen.“ Erinnerte sich bedeutet, die Zeit war gekommen, im göttlichen Zeitplan war die Zeit herangekommen, sich mit Rachel zu befassen. Und das bedeutet, dass der Höchste jetzt in das eingreifen muss, was mit Rachel geschieht. Er lenkt selbstverständlich die ganze Welt und regiert beständig, aber manchmal greift Er ein und verändert die Natur der Dinge. Wenn wajiskór geschrieben steht, ist ein Eingreifen in den natürlichen Lauf der Ereignisse gemeint.
Wir sehen, dass viel Zeit vergangen ist, in der Rachel unfruchtbar blieb; und sie sollte gebären, weil Lea schon aufgehört hatte zu gebären. Aber was hat Rachel getan? Sie hat diese ihre Möglichkeit zu gebären (wenn man es durch die Kommentare versteht) für Alraunäpfel verkauft. Sie nahm ein Nahrungsergänzungsmittel, nahm ein heilendes Kräutlein anstelle der Hilfe des Höchsten, beschloss, auf irgendwelchen eigenen Wegen zu handeln, und im Ergebnis hatte die Alraune auf sie die umgekehrte Wirkung. Man muss sich nicht beeilen, diese Frau zu verurteilen, sie hat sich bemüht, so gut sie konnte. Manchmal versuchen wir, uns in dieser Welt Mühe zu geben, tun etwas und denken, dass Gott uns segnen wird. Gott sagt: „Ich werde dich in all deinen Werken segnen.“ Dort, wo wir nichts tun, kann Gott uns nicht segnen. Um den Segen zu empfangen, müssen wir etwas tun; der Segen, der ist immer auf irgendwelche Taten. Und möglicherweise ist es das, was Rachel zu tun versuchte; aber sie verschmähte die Nacht mit ihrem Mann im Tausch gegen irgendein biologisch aktives Ergänzungsmittel, gegen irgendeine Arznei. Und ihre Entscheidung war falsch; das Motiv war gut, aber der Versuch misslang. Sie hat sich geirrt, und auch wir irren uns sehr oft, und jeder von uns tauscht, so kommt es vor, manchmal Alraunen ein. Und man kann versuchen, im Leben zu finden, wann wir das getan haben, es zu entdecken und es nicht mehr zu tun. Also, der HERR erinnerte sich an Rachel, öffnete ihren Schoß.
וַתַּהַר וַתֵּלֶד בֵּן וַתֹּאמֶר אָסַף אֱלֹהִים אֶת-חֶרְפָּתִי:
wattáhar wattéled ben wattómer assáf elohím et-cherpatí
23 Und sie wurde schwanger, und gebar einen Sohn, und sagte: „Gesammelt, weggenommen hat der HERR die Schmach.“
Man kann sagen: die Schmach stückchenweise von mir abgenommen, die Schmach von mir aufgesammelt, wie man verschüttete Graupen vom Boden aufsammeln kann; so nahm der HERR die Schmach von ihr ab.
וַתִּקְרָא אֶת-שְׁמוֹ יוֹסֵף לֵאמֹר יֹסֵף יְהוָה לִי בֵּן אַחֵר:
wattikrá et-schemóIn der russischen Umschrift fehlt bei schemó („seinen Namen“) die Endsilbe. Die deutsche Umschrift folgt hier dem Hebräischen. josséf lemór josséf adonáj li ben achér
24 Und sie nannte seinen Namen Josef, indem sie sagte: „Gott wird mir noch einen Sohn hinzufügen.“
Das Wort יוֹסֵף (josséf) steht der Wurzel nach dem Wort אָסַף (assáf) nahe. Aber nicht aus Dank an Gott dafür, dass er die Schmach von ihr gesammelt hat, nannte sie ihn Josef. Wir haben davon gesprochen, dass, wenn ein Mensch seine Kinder benennt, ihnen einen Namen gibt, das eine eigentümliche Art Gebet darum ist, was sich im Leben der Eltern ändern wird. Und auch heute gibt es so etwas in der östlichen Tradition, zum Beispiel bei den Turkvölkern: Wenn viele Mädchen geboren werden, nennt man ein Mädchen mit einem Namen, der übersetzt wird als „wird einen Jungen bringen“, oder die „es wird eine Wende geben“ heißt, das heißt, es werden weiterhin Jungen geboren werden. Mit Hilfe des Namens versucht man nicht nur das Schicksal zu planen, sondern auch die Familie zu planen. Und hier vermerkt Rachel einerseits den Dank an den Höchsten dafür, dass er die Schmach gesammelt hat, andererseits ist ein Junge wenig, und man möchte noch Kinder haben. Und es ist völlig natürlich, dass sie sagt: „Ich glaube, dass Gott mir noch Kinder geben wird“, und ihren Sohn Josef nennt. Und ungefähr in dieser Zeit enden die 14 Jahre des Lebens Jaakows bei Lawan.
Bevor ich anfange, diesen Abschnitt zu lesen, möchte ich sagen, dass dieser Abschnitt vom Standpunkt der Sprache her sehr schwierig ist. Jedes Mal, wenn es irgendeine Schwierigkeit gibt, gibt es viele Kommentare. Womit hängt die Schwierigkeit zusammen? Damit, dass es im Abschnitt sehr viele Hirtenbegriffe gibt, die mit der Landwirtschaft, mit der Hirtenarbeit verbunden sind. Das Volk Israel aber befand sich lange im Galut, im Exil, und betrieb keine Hirtenarbeit; deshalb sind viele Begriffe, die Bedeutungen vieler Wörter verloren gegangen oder in Zweifel gezogen. Wir können ihre Bedeutung aus dem allgemeinen Sinn erraten. Aber kann heute jeder russischsprachige Mensch sagen, was die Pferdefarben Falbe, Schecke, Hellfuchs oder Tigerschecke bedeuten? Wer mit Pferden arbeitet, wird leicht die Bedeutung jedes dieser Wörter sagen. Aber die Mehrheit, sogar diejenigen, für die Russisch die Muttersprache ist, ist mit diesen Wörtern kaum gut vertraut. Wir lesen einen sehr ähnlichen Text, deshalb wird es viele unterschiedliche Lesarten geben. Viele unterschiedliche Lesarten gibt es auch deshalb, weil es sich um eine eigentümliche Art juristisches Dokument handelt. Aber darüber sprechen wir dann schon im Verlauf.
וַיְהִי כַּאֲשֶׁר יָלְדָה רָחֵל אֶת-יוֹסֵף וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אֶל-לָבָן שַׁלְּחֵנִי וְאֵלְכָה אֶל-מְקוֹמִי וּלְאַרְצִי׃
wajhí ka'aschér jaledá rachél et-jossef wajomer jaaków el-lawán schellechéni wa'elecha el-mekomí ul'arzí
25 Und es war, als Rachel Josef gebar, sagte Jaakow zu Lawan: „Geleite mich (oder entlasse mich), und ich werde an meinen Ort und in mein Land gehen.
Hier fehlt natürlich „in das Haus meines Vaters“. Warum fehlt es? Der Grund hier ist die klassische östliche Höflichkeit. Es ist unserem Stammvater Jaakow unangenehm, Lawan zu sagen, dass seine Familie nicht hier ist, wenn seine zwei Frauen und ein Haufen Kinder mit ihm hier sind, bei Lawan, seinem Schwiegervater. Zu sagen: „Na gut, schön ist es bei euch; ich gehe dann mal nach Hause, zur Familie“, ist irgendwie nicht sehr höflich. Und Jaakow bemüht sich, höflich zu sein, und er setzt das Gespräch mit Lawan fort.
תְּנָה אֶת-נָשַׁי וְאֶת-יְלָדַי אֲשֶׁר עָבַדְתִּי אֹתְךָ בָּהֵן וְאֵלֵכָה כִּי אַתָּה יָדַעְתָּ אֶת-עֲבֹדָתִי אֲשֶׁר עֲבַדְתִּיךָ׃
tená et-nascháj we'et-jeladáj aschér awádti otechá bahén we'elécha ki attá jadá'ta et-awodatí aschér awadtícha
26 Gib mir meine Frauen und meine Kinder, für die ich dir gearbeitet habe, und ich werde gehen! Du kennst meine Arbeit, du weißt, wie ich dir gearbeitet habe.“
Warum sind die Kinder in die Liste aufgenommen? Die Kinder sind in die Liste aufgenommen, einfach weil das Umgangssprache ist. Und „ich habe dir für sie gedient“ ist im Plural weiblichen Geschlechts gesagt; für sie – für die Töchter habe ich dir gedient.
Jaakow hat nicht einfach die Geburt Josefs abgewartet, er hat abgewartet, dass die sieben Jahre zu Ende gingen, die er als zweite Frist für Rachel arbeiten musste. Jetzt schuldet er Lawan nichts, hört auf, den Status eines Knechts, eines Lohnarbeiters zu haben, hat den Status eines freien Menschen (wir werden noch darauf zurückkommen), will weggehen. Und worum bittet er in diesem Fall, wenn man die östliche Sprache versteht? Er sagt: „Du weißt, wie ehrlich ich dir für deine Töchter gedient habe. Jetzt gib mir die deinen Töchtern zustehende Mitgift, und ich gehe.“ Jaakow hat nichts, womit er weggehen könnte; er hat den Jordan überquert, wie er später sagen wird, „mit seinem Stab“. Er ist mit nichts gekommen, und jetzt, womit wird er nach Hause zurückkehren? Mit zwölf Kindern (mit zwölf, weil Dina die zwölfte ist)? Und das ist alles. Aber leben muss man irgendwie. Deshalb ist es logisch, Lawan um die Mitgift für die Töchter zu bitten; das ist genauso ehrlich, wie er ehrlich für die Töchter gearbeitet hat.
יֹּאמֶר אֵלָיו לָבָן אִם-נָא מָצָאתִי חֵן בְּעֵינֶיךָ
wajomer eláw lawán im-ná mazáti chen be'enécha
27 Und Lawan sagte zu ihm: „Wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe …
Lawan will Jaakow nicht sehr gern gehen lassen. Das ist der Anfang einer Bitte.
נִחַשְׁתִּי וַיְבָרֲכֵנִי יְהוָה בִּגְלָלֶךָ:
nicháschti wajwarechéni adonáj biglalécha
… ich habe verstanden, dass mein Segen durch dich empfangen wurde“
Das Wort nicháschti kann mehrere Dinge bedeuten. Erstens: „Ich habe wahrgesagt, ich habe irgendwelche Wahrsagedinge ausgelegt und wahrgesagt.“ Zweitens kann es bedeuten: „Ich habe es erraten, ich habe verstanden, ich habe es längst kapiert, mich längst ausgekannt.“ Und die dritte Bedeutung: „Ich bin zu Wohlstand gekommen (von einer alten Wurzel, das ist eine eigentümliche örtliche Mundart Lawans).“
Wir erinnern uns, dass, als Jaakow den Traum sah, ihm gesagt wurde: „In dir werden alle Völker gesegnet werden. Wer dich zum Verbündeten nimmt, der wird Segen empfangen.“ Jaakow erhält hier ein Zeugnis dafür von Lawan, der sagt: „Ich habe gesehen, ich habe kapiert, ich habe erraten, dass Gott mich durch dich gesegnet hat.“ Wir sehen, dass Lawan nur Töchter hatte. Weiter sehen wir, bei ihm sind in dieser Zeit schon Söhne dazugekommen. Das ist ein großer Segen. Sein Vieh hat sich vermehrt, sein Besitz hat sich vermehrt. Er sieht, dass mit dem Kommen Jaakows der Segen zu ihm kam, wie Gott es Jaakow versprochen hatte.
וַיֹּאמַר נָקְבָה שְׂכָרְךָ עָלַי וְאֶתֵּנָה׃
wajomár nokwá secharechá aláj we'etténa
28 Und er sagte: „Sag mir, wie viel ich dir zahlen soll, setz dir selbst deinen Lohn fest, und ich werde ihn dir zahlen.“
Vielleicht ist das das traditionelle östliche „Bleibt doch, setzt euch noch“, wie das Kaninchen zu Winnie Puuh sagte: „Nun, wenn ihr nichts mehr wollt …“, und man müsste aufstehen und gehen; aber schauen wir auf die Reaktion Jaakows.
וַיֹּאמֶר אֵלָיו אַתָּה יָדַעְתָּ אֵת אֲשֶׁר עֲבַדְתִּיךָ וְאֵת אֲשֶׁר-הָיָה מִקְנְךָ אִתִּי׃
wajomer eláw attá jadá'ta et aschér awadtícha we'ét ascher-hajá miknechá ittí
29 Und er sagte zu ihm: „Du weißt alles, wie ich für dich gearbeitet habe. Und dein ganzes Vieh war bei mir.
כִּי מְעַט אֲשֶׁר-הָיָה לְךָ לְפָנַי וַיִּפְרֹץ לָרֹב וַיְבָרֶךְ יְהוָה אֹתְךָ לְרַגְלִי וְעַתָּה מָתַי אֶעֱשֶׂה גַם-אָנֹכִי לְבֵיתִי׃
ki me'át ascher-hajá lechá lefanáj wajifróz larów wajwárech adonáj otechá leraglí we'attá matáj e'essé gam-anochí lewetí
30 Denn das Wenige, das du vor mir hattest, hat sich in Fülle vermehrt (dein ganzer Besitz hat sich ausgebreitet), und der HERR hat dich gesegnet zu meinen Füßen (oder zu meinem Kommen); und nun (nachdem du durch mich schon den Segen empfangen hast, ich bei dir ehrlich abgearbeitet habe, und dein Vieh sich vermehrt hat, und du an mir reich geworden bist), wann werde ich denn für mein eigenes Haus arbeiten?“
Die Wurzel פְרֹץ (proz) im Wort וַיִּפְרֹץ (wajifroz) stammt hier aus genau jenem Segen, den der Höchste Jaakow bei der Leiter gab: „Ich werde dich mehren, Ich werde dich ausbreiten.“
Erinnern wir uns, was wir gesagt haben: „Jaakow nahm die Füße, hob die Füße.“ Hier sind genau diese Füße im Turbomodus, beflügelte Füße, sie bringen Lawan Segen.
Die Wendung la'assót lewetí (für das Haus tun) ist zu einer feststehenden Redewendung geworden. Wenn irgendein Herrscher, Präsident oder Regierungschef von einem Staatsamt geht, um sich privaten Angelegenheiten zu widmen, sagt man, er ist gegangen, la'assót lewetí (um für sein Haus zu tun). Jaakow sagt: „Ich habe mich hier mit dir beschäftigt, ich habe hier für dein Wohlergehen gelebt. Wann werde ich mich denn um mich selbst kümmern?“
וַיֹּאמֶר מָה אֶתֶּן-לָךְ וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב לֹא-תִתֶּן-לִי מְאוּמָה אִם-תַּעֲשֶׂה-לִּי הַדָּבָר הַזֶּה אָשׁוּבָה אֶרְעֶה צֹאנְךָ אֶשְׁמֹר׃
wajomer ma etten-lách wajomer jaaków lo-titten-lí me'úma im-ta'asse-lí haddawár hassé aschúwa er'é zonechá eschmór
31 Lawan spricht weiter: „Was soll ich dir anbieten?“ Und Jaakow sagte: „Gib mir nichts, aber wenn du es so machst, werde ich zurückkehren und dein Vieh weiden und hüten.
Wir erinnern uns, dass Jaakow in Wirklichkeit kein Geld hat, keine Mittel, mit denen er nach Kanaan zurückkehren könnte.
Hier sehen wir wieder eine sehr interessante Wendung. Jaakow hat einen Neder (Schwur) geleistet: „Von allem, was Du mir geben wirst, wenn ich zurückkehre, wenn Du mich bewahrst, werde ich Dir den zehnten Teil geben.“ Hier, im Gespräch, in den Worten Jaakows, begegnen uns wieder titén (wirst geben), eschmór (ich werde hüten, ich werde zurückkehren). Dieselben Worte sagt Jaakow. Offenbar hat er die ganze Zeit denselben Schwur im Kopf, denselben Segen, das, womit alles begann. Warum hält Jaakow sich auf, warum kehrt er nicht nach Kanaan zurück? Er hat schon geheiratet, er hat schon Kinder großgezogen, und Esaw ist wahrscheinlich schon längst nicht mehr derselbe. Dafür kann es viele Gründe geben. Und die Kommentatoren legen aus (wie ich oft sage) je nachdem, was sie selbst über Jaakow denken, nach ihrer persönlichen Haltung zu ihm. Wir selbst machen das so oft und legen in die Tora, in die Schrift, irgendwelche eigenen Bedeutungen hinein.
Manche verurteilen Jaakow und sagen: „Der HERR hat versprochen zu segnen, man muss alles hinwerfen und nach Kanaan gehen.“ Manche sagen: „Na ja, Jaakow muss das Haus ernähren, er muss das Haus unterhalten.“
Es gibt noch einen Umstand. Wir haben gesagt, dass man den Schwur Jaakows unterschiedlich lesen kann. Er wartet möglicherweise (und dafür gibt es Gründe) darauf, wann der Höchste ihn zurückbringt. Hier, als er die Angebote Lawans hört, beginnt er, obwohl er schon gehen wollte, die Worte jenes Schwurs zu sprechen, und wartet, bis der Höchste ihn ruft. Und er beschließt zu bleiben. In jedem Fall sollte man sich nicht beeilen, Jaakow für den Wunsch zu verurteilen, etwas zu verdienen. Wie viele reiche Juden leben im Galut, gedeihen, machen dort irgendwelche Vermögen und kommen dann nach Israel und segnen Israel. Unser Ziel ist es in jedem Fall, niemanden zu kränken.
Also, Jaakow nennt Lawan, genau genommen, die Bedingungen, unter denen er bereit ist, sein Vieh zu retten.
אֶעֱבֹר בְּכָל-צֹאנְךָ הַיּוֹם הָסֵר מִשָּׁם כָּל-שֶׂה נָקֹד וְטָלוּא וְכָל-שֶׂה-חוּם בַּכְּשָׂבִים וְטָלוּא וְנָקֹד בָּעִזִּי וְהָיָה שְׂכָרִי׃
e'ewór bechol-zonechá hajom hassér mischám kol-sé nakód wetalú wechol-sechúm bakkesawím wetalu wenakód ba'issím wehajá secharí
32 Geh durch deine ganze Herde und entferne von dort jedes gesprenkelte und gefleckte Schäfchen, und jedes braune Lamm unter den Schafen, und das gesprenkelte und gefleckte unter den Ziegen, und das wird mein Lohn sein;
Gesprenkelte (nakód) – das sind kleine Flecken, talú – das sind große Flecken.
Das kann man unterschiedlich verstehen. Manche sagen so: „Jaakow schlägt Lawan vor, das ganze gesprenkelte, gefleckte Vieh für sich zu nehmen, Jaakow nur das weiße zu lassen, und dann wird alles Gesprenkelte Jaakows Lohn sein, und alles Weiße bleibt einfach bei Lawan (Lawan ist ja weiß, bei ihm bleibt auch das Weiße).“
Die zweite Variante, und diese Variante ist beim Lesen bequemer, ist folgende. Jaakow ist ein erfahrener Hirte, ein ganz und gar nicht dummer Mensch, und er versteht, dass aus weißem Vieh schwer Gesprenkeltes geboren wird. Natürlich kann man sagen, dass er einen Zaubertrick kennt, wie man Schafe gefleckt macht. Man kann sagen, dass er schon damals die Offenbarung des Höchsten erlebt hat, von der er später erzählen wird.
Aber ein so großzügiges Angebot muss bei Lawan Verdacht wecken: „Da hat Jaakow etwas vor.“ Und höchstwahrscheinlich schlägt Jaakow vor, schon jetzt aus der ganzen Herde, die er weidet, den bunten Teil abzusondern. Und wenn sich das Bunte vermehrt, wird das sein Lohn sein, und das Weiße, das sich vermehrt, wird Lawans Lohn sein. Eine sehr einfache, logische Aufteilung. Und weiter fährt Jaakow fort:
וְעָנְתָה-בִּי צִדְקָתִי בְּיוֹם מָחָר כִּי-תָבוֹא עַל-שְׂכָרִי לְפָנֶיךָ כֹּל אֲשֶׁר-אֵינֶנּוּ נָקֹד וְטָלוּא בָּעִזִּים וְחוּם בַּכְּשָׂבִים גָּנוּב הוּא אִתִּי׃
we'aneta-bí zidkatí bejom machár ki-tawó al-secharí lefanécha kol ascher-enénnu nakód wetalú ba'issím wechúm bakkesawím ganúw hu ittí
33 Und meine Wahrheit wird für mich zeugen. Morgen, wenn du kommst, um mir den Lohn zu geben, alles, was nicht gesprenkelt und gefleckt ist bei den Ziegen, und alles, was nicht braun ist bei den Schafen, betrachte es, als wäre es gestohlen, es gehört nicht mir.
Und so wird klar sein, welches Schäfchen wem gehört, weil man es sieht: Es ist gefleckt – also meins, weiß – deins, und der Lohn wird sofort sichtbar sein. Vor dir wird meine Wahrheit sprechen, es wird offensichtlich sein, wie viel man mir zahlen muss: Alles, was nicht bunt ist, ist deins.
וַיֹּאמֶר לָבָן הֵן לוּ יְהִי כִדְבָרֶךָ׃
wajomer lawán hen lu jehí chidwarécha
34 Und Lawan sagte: „Na gut, prima, es soll so sein, wie du sagst.“
So – und doch nicht so. Lawan wäre nicht Lawan, wenn nicht auch er irgendeine Spezialoperation ausgeheckt hätte.
וַיָּסַר בַּיּוֹם הַהוּא אֶת-הַתְּיָשִׁים הָעֲקֻדִּים וְהַטְּלֻאִים וְאֵת כָּל-הָעִזִּים הַנְּקֻדּוֹת וְהַטְּלֻאֹת כֹּל אֲשֶׁר-לָבָן בּוֹ וְכָל-חוּם בַּכְּשָׂבִים וַיִּתֵּן בְּיַד-בָּנָיו׃
wajássar bajom hahú et-hattejaschím ha'akuddím wehattelu'ím we'ét kol-ha'issím hannekuddót wehattelu'ót kol ascher-lawán bo wechol-chúm bakkesawím wajittén bejad-banáw
35 Und er entfernte an diesem Tag aus der Herde die gefleckten und gesprenkelten Böcke, und alle gesprenkelten und bunten Ziegen, alle, an denen ein weißer Teil war, und den braunen Teil von den Schafen, und gab sie seinen Söhnen.
Was hat er getan? Er hat aus dem Vieh, das nach dieser Aufteilung Jaakow gehörte, aus allem Bunten die großen Böcke weggenommen, alle Zuchttiere weggenommen und Jaakow die Jungtiere gelassen, die sich noch lange nicht vermehren werden.
וַיָּשֶׂם דֶּרֶךְ שְׁלֹשֶׁת יָמִים בֵּינוֹ וּבֵין יַעֲקֹב וְיַעֲקֹב רֹעֶה אֶת-צֹאן לָבָן הַנּוֹתָרֹת׃
wajássem dérech schelóschet jamím benó uwén jaaków wejaaków ro'é et-zón lawán hannotarót
36 Und er legte eine Entfernung von drei Tagen Weg zwischen sich und Jaakow (damit sie nicht hin und her liefen); und Jaakow weidet alles, was übrig geblieben ist.
Das heißt, Lawan nahm den stärksten Teil des Viehs, auch den gefleckten, und ließ Jaakow das gefleckte junge Viehchen. Und mach damit, was du willst; was sich vermehrt, das ist deins.
Es gibt, ich wiederhole es noch einmal, viele Kommentatoren, die sagen, dass Jaakow ursprünglich nur das weiße Vieh für sich erbat. Und das Gefleckte, das aus dem Weißen hervorgeht, das soll ihm gehören. Es gibt viele verschiedene Kommentare. Wir können uns nicht gleichzeitig an viele Versionen halten, deshalb halten wir uns an diese Version. Und wer es anders lesen will, nun, das ist sein Wille, historisch ist das nicht so wichtig.
וַיִּקַּח-לוֹ יַעֲקֹב מַקַּל לִבְנֶה לַח וְלוּז וְעֶרְמוֹן וַיְפַצֵּל בָּהֵן פְּצָלוֹת לְבָנוֹת מַחְשֹׂף הַלָּבָן אֲשֶׁר עַל-הַמַּקְלוֹת׃
wajikkach-ló jaaków makkál liwné lach welús we'ermón wajfazzél bahén pezalót lewanót máchsof hallawán aschér al-hammaklót
37 Und Jaakow nahm ein Zweiglein von einer Pappel (heute ist liwané eine Birke, aber Jaakow hatte wohl kaum eine Birke), und ein Zweiglein vom Haselstrauch, und ein Zweiglein von der Kastanie, und ritzte weiße Streifen in sie, schälte in Streifchen die Rinde von ihnen ab (damit diese Zweiglein gestreift wurden wie der Stab eines Polizisten).
וַיַּצֵּג אֶת-הַמַּקְלוֹת אֲשֶׁר פִּצֵּל בָּרֳהָטִים בְּשִׁקֲתוֹת הַמָּיִם אֲשֶׁר תָּבֹאןָ הַצֹּאן לִשְׁתּוֹת לְנֹכַח הַצֹּאן וַיֵּחַמְנָה בְּבֹאָן לִשְׁתּוֹת׃
wajazzég et-hammaklót aschér pizzél barehatím beschikatót hammájim aschér tawóna hazzón lischtót lenóchach hazzón wajechámna bewo'án lischtót
38 Und diese Stäbchen mit den Furchen stellte er in die Futtertröge und Wassertränken, wohin das Vieh zum Trinken kam (vor dem Kommen des Viehs), und sie erhitzten sich, wenn sie zum Trinken kamen.
Hier bedeutet die Wurzel יחמ (jechúm) im Wort וַיֵּחַמְנָה (wajechámna) die geschlechtliche Erregung des Tieres: „und sie erhitzten sich, wenn sie zum Trinken kamen“. Beim Anblick dieser gesprenkelten Streifchen erhitzten sie sich, so sagt man; und als ob gerade dieser Anblick die Farbe der geborenen Schäfchen veränderte, so sagt es eine der verbreiteten klassischen Lesarten. RaSaG (Raw Saadja Gaon) sagt auch, dass von diesen Zweiglein ein Aphrodisiakum ins Wasser gelangte, ein Mittel hineingelangte, das sie zum Trinken anregte. Und andere Kommentatoren sagen, dass sie sich beim Anblick dieser Stäbchen danach streckten, es belustigte sie, sie fürchteten sich, fingen an zu spielen. Jaakows Ziel war es, durch ein solches Spiel die Jungtiere zu erregen, die Jungtiere dazu anzuregen, sich zu vermehren.
וַיֶּחֱמוּ הַצֹּאן אֶל-הַמַּקְלוֹת וַתֵּלַדְןָ הַצֹּאן עֲקֻדִּים נְקֻדִּים וּטְלֻאִים׃
wajechemú hazzón el-hammaklót watteládna hazzón akuddim nekuddím utlu'ím
39 Und das Vieh wurde erregt durch diese Stäbchen, und das Vieh gebar Gegürtete, und Gesprenkelte, und Gefleckte.
Das heißt, Jaakow regte das junge Vieh an, Nachwuchs zu bringen. Wieder ist hier Wasser, Brunnen, oder – Wasser, Tränken, – ein Ort, der Früchte bringt.
Die Wissenschaft lacht sehr viel, das wird oft solchem Spott ausgesetzt, dass die alten Juden glaubten, wenn man etwas Scheckiges hinstellt, dann werden auch die Kinder scheckig. Viele Witze gibt es über den Esel, der unterwegs begegnet ist, und deshalb wurde der Sohn ein Esel; oder – was eine Frau sieht, wenn sie schwanger ist, so werden ihre Kinder sein; das ist bei vielen Völkern geblieben. Offensichtlich ist das Sichtbare wie ein visueller Reiz, ein visuelles Objekt der Erregung.
וְהַכְּשָׂבִים הִפְרִיד יַעֲקֹב וַיִּתֵּן פְּנֵי הַצֹּאן אֶל-עָקֹד וְכָל-חוּם בְּצֹאן לָבָן וַיָּשֶׁת-לוֹ עֲדָרִים לְבַדּוֹ וְלֹא שָׁתָם עַל-צֹאן לָבָן׃
wehakkesawím hifríd jaaków wajittén pené hazzón el-akód wechol-chúm bezón lawán wajáschet lo adarím lewaddó welo schatám al-zón lawán
40 Und Jaakow teilte die Schafe, und wandte die Tiere den Gefleckten zu, wandte alle mit dem Gesicht zu den Gefleckten und Braunen, und sonderte sein geflecktes Vieh ab, und vermischte es nicht mehr mit dem weißen.
וְהָיָה בְּכָל-יַחֵם הַצֹּאן הַמְקֻשָּׁרוֹת וְשָׂם יַעֲקֹב אֶת-הַמַּקְלוֹת לְעֵינֵי הַצֹּאן בָּרֳהָטִים לְיַחְמֵנָּה בַּמַּקְלוֹת׃
wehajá bechol-jachém hazzón hamkuscharót wesám jaaków et-hammaklót le'ené hazzón barehatím lejachaménna bammaklót
41 Und es war, wenn die Tiere erregt wurden, wenn es die Kräftigeren waren, legte Jaakow seine Stäbchen vor sie hin.
Hier hat er die Herden schon getrennt, und die Herden sind herangewachsen, und die Tiere erhitzen sich von selbst aneinander.
וּבְהַעֲטִיף הַצֹּאן לֹא יָשִׂים וְהָיָה הָעֲטֻפִים לְלָבָן וְהַקְּשֻׁרִים לְיַעֲקֹב׃
uwha'atíf hazzón lo jassím wehajá ha'atufím lelawán wehakkeschurím lejaaków
42 Aber den schwachen Tieren legte er sie nicht hin. Und es war so: Die schwachen fielen Lawan zu, und die starken – Jaakow.
Weiter trennte Jaakow die Starken (und ließ sie sich mehr erregen) und die Schwachen, die sich weniger vermehrten. Und es ergab sich, dass die Starken Jaakow zufielen (gleichsam eine natürliche Auslese), und die Schwachen bei Lawan blieben.
וַיִּפְרֹץ הָאִישׁ מְאֹד מְאֹד וַיְהִי-לוֹ צֹאן רַבּוֹת וּשְׁפָחוֹת וַעֲבָדִים וּגְמַלִּים וַחֲמֹרִים׃
wajifróz ha'ísch me'ód me'ód wajhiló zon rabbót uschfachót wa'awadím ugmallím wachamorím
43 Und dieser Mann breitete sich sehr, sehr aus, und er hatte Vieh, und Mägde, und Knechte, und Kamele, und Esel.
Hier wird Jaakow zum ersten Mal mit dem Wort ha'ísch (dieser Mann, Ehemann, Kerl, ein wichtiger Mensch) bezeichnet. Statt dass Jaakow ein Knecht ist, ein Flüchtling, ein Mensch, der bei Lawan fürs Essen lebt und arbeitet, oder für die Frauen, oder noch für irgendetwas, hat er sich selbst ausgebreitet und sich sehr, sehr entwickelt. Das heißt, er handelte mit Vieh, verkaufte Vieh, kaufte Mägde und Knechte und Kamele und Esel und wurde gewaltig reich.
Wir haben gesehen, wie Jaakow geblieben ist. Und wir fragen: „War es denn richtig, dass Jaakow geblieben ist? Hat er denn richtig gehandelt?“ Der Segen des Höchsten auf seinem Besitz, auf allem, was mit ihm geschieht, – all das ist ein wunderbares Zeugnis dafür, dass Jaakow zu Recht geblieben ist.
Wiederholen wir. Lawan entfernte die Zuchttiere aus seiner Herde, und Jaakow musste die Erregung der Tiere fördern. In der Zeit ihrer Erregung regte er zuerst die Jungtiere an, sich zu vermehren, und vermehrte alle Herden. Dann trennte er die Bunten und die Weißen, die Schwachen und die Starken und regulierte so die natürliche Auslese. Man kann sagen, Jaakow ist hier der erste Züchter.
Später werden wir lesen, wie Jaakow einen Traum erzählt, und wir werden noch über die Geheimnisse der jüdischen Genetik sprechen. Zu diesem Text, zu diesem Fragment gibt es, ich wiederhole es, sehr viele verschiedene Übersetzungen und Lesarten. Sie alle sind zugleich verständlich und unverständlich, weil es viele landwirtschaftliche Begriffe gibt und wenige Landwirte, die sich mit der Übersetzung der Schrift beschäftigt haben.
So eine komplizierte Geschichte ist das, in der die Kabbalisten übrigens auch noch Magie sehen. Es gibt ganze Welten in der Kabbala, und darüber kann man sprechen, wenn man über Kabbala spricht, aber wir beschäftigen uns jetzt nicht damit. Es gibt sehr viele verschiedene Geschichten um diese Erzählung, wir aber haben versucht, ihren einfachen Sinn herauszuarbeiten.
Wir sind dabei stehen geblieben, dass Jaakow nach der Vereinbarung mit Lawan über seinen Lohn mit dem Segen des Höchsten sehr stark reich geworden war und sich in einen sehr wichtigen Menschen verwandelt hatte.
וַיִּשְׁמַע אֶת-דִּבְרֵי בְנֵי-לָבָן לֵאמֹר לָקַח יַעֲקֹב אֵת כָּל-אֲשֶׁר לְאָבִינוּ וּמֵאֲשֶׁר לְאָבִינוּ עָשָׂה אֵת כָּל-הַכָּבֹד הַזֶּה׃
wajischmá et-diwré wene-lawán lemór lakách jaaków et kol-aschér le'awínu ume'aschér le'awínu assá et kol-hakkawód hassé
1 Und er hörte, Jaakow hörte die Worte der Söhne Lawans, die sagten: „Jaakow hat alles genommen, was unserem Vater gehörte, und aus dem, was unserem Vater gehörte, hat er sich diese Ehre geschaffen.“
Beachtet, wir sind dem schon im vorigen Kapitel begegnet, dass Lawan Söhne bekommen hat. Bevor Jaakow zu ihm kam, hatte er nur Töchter, jetzt hat er schon Söhne. Und die Kommentatoren sehen (und Lawan selbst spricht davon), dass er mit dem Kommen Jaakows zu gedeihen begann. Söhne, ich wiederhole es, sind ein Teil des Segens.
Das heißt, die Leute sahen (nicht nur die Familie, sondern auch die Leute ringsum), dass Jaakow ein wichtiger Mensch wird. Er hat Knechte, er hat Mägde, und er gewinnt Ansehen. Und die Söhne Lawans fangen an zu sagen, nein, das ist überhaupt nicht irgendein Segen Jaakows, das ist der Segen unseres Vaters. Seinetwegen, dank ihm gewinnt Jaakow Ansehen. Erinnert euch, in einem so ähnlichen Fall antwortete Awraham dem König von Sedom: „Ich werde nichts von dir nehmen, damit du nicht sagst: Ich habe Awraham reich gemacht.“ Hier ist es, zum Teil, eine ähnliche Situation.
וַיַּרְא יַעֲקֹב אֶת-פְּנֵי לָבָן וְהִנֵּה אֵינֶנּוּ עִמּוֹ כִּתְמוֹל שִׁלְשׁוֹם׃
wajár jaaków et-pené lawán wehinné enénnu immó kitmól schilschóm
2 Und Jaakow sah das Gesicht Lawans, und siehe, er war mit ihm nicht so, wie es gestern-vorgestern war.
Das Gesicht ist in diesem Fall nicht einfach sein Gesicht, nicht seine Physiognomie hat er gesehen, sondern er sah, wie Lawan sich zu ihm verhält.
Der Ausdruck tmól schilschóm (wörtlich gestern-vorgestern) wird übersetzt als vor ganz kurzem. Das heißt, Jaakow sah, dass die Söhne „Gerede in Umlauf gebracht“ hatten, obwohl Lawan es gesehen und selbst bezeugt hatte, dass sein Segen durch Jaakow gekommen war und er mit dem Kommen Jaakows sehr stark gewachsen war. Und wir sehen, dass auch die Söhne selbst ein Teil dieses Segens sind. Dennoch dringt das Gerede in Lawans Herz, und Lawan glaubt nicht mehr so an das, was er selbst gesagt hat, und verhält sich nicht mehr so gut zu Jaakow. Jaakow versteht das alles natürlich, versinkt in Nachdenken, und höchstwahrscheinlich betet Jaakow deswegen.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל-יַעֲקֹב שׁוּב אֶל-אֶרֶץ אֲבוֹתֶיךָ וּלְמוֹלַדְתֶּךָ וְאֶהְיֶה עִמָּךְ׃
wajomer adonáj el-jaaków schuw el-érez awotécha ulmoladtécha we'ehjé immách
3 Und der HERR sagte zu Jaakow: „Kehre zurück in das Land deiner Väter und in deine Heimat, und ich werde mit dir sein.“
Wir erinnern uns: Als Jaakow den Schwur leistete, sagten wir, dass es zwei Lesarten gibt, und eine der Varianten ist zu lesen: „wenn Gott mich zurückbringt“. Und hier sagt der HERR: „Schluss, die Zeit ist gekommen, dass du zurückkehrst.“ Sowohl die äußere Situation, und üble Gerüchte sind aufgekommen, üble Gedanken haben sich bei Lawan eingeschlichen, als auch der Höchste selbst bestätigt – man muss, es ist schon Zeit, aufzubrechen.
וַיִּשְׁלַח יַעֲקֹב וַיִּקְרָא לְרָחֵל וּלְלֵאָה הַשָּׂדֶה אֶל-צֹאנוֹ׃
wajischlách jaaków wajikrá lerachél ulele'á hassadé el-zonó
4 Und Jaakow sandte (er sandte jemanden von seinen Dienern), und rief Rachel und Lea aufs Feld zum Vieh.
Beachtet, dass in der Aufzählung Rachel als Erste kommt. Wenn man nach der Rangfolge des Alters spricht, wie es sich gehört hätte, es im Text zu sagen, dann hätte man sagen müssen: und er rief Lea und Rachel. Und obwohl Lea als Erste seine Frau wurde, ist hier Rachel für Jaakow wichtiger, und deshalb betont die Tora das. Und heute, wenn wir die Töchter segnen, sagen wir: „Der HERR richte dich auf wie Sará, Riwká, Rachel und Lea.“ Und wieder geht Rachel Lea voraus. So hat es sich also historisch ergeben, nicht immer bestimmt die Chronologie den Vorrang des Älteren. Und nicht nur bei Brüdern, wie bei Esaw und Jaakow, sondern wir sehen, dass das auch bei Töchtern vorkommt, wenn auch inoffiziell.
Also, Jaakow ruft sie aufs Feld, zum Vieh. Das bedeutet, dass sie offenbar nicht mit ihm weiden, sie leben im Haus des Vaters, und dort will Jaakow nicht reden. Die Kommentatoren erklären: „Das ist ein guter orientalischer Brauch – sich außerhalb der Stadt zu beraten, wo es keine überflüssigen Ohren gibt.“ Manche Kommentatoren sprechen von einer ganzen Etikette: „Gesegnet sind die Menschen, die nicht von einem ganzen Stück abbeißen, sondern nach und nach abschneiden, die nicht die Lippen küssen, sondern die Hände küssen, und die sich außerhalb der Stadt beraten.“ Der Sinn ist: andere nicht mit seinen Gesprächen zu beschmutzen; selbst wenn ein Mensch nicht lauscht, muss er nicht immer irgendwelche Streitereien mit anhören. Deshalb, wenn ihr über etwas Wichtiges sprechen wollt und fürchtet, dass das Gespräch lang wird und irgendein Streit entsteht, geht zum Reden aus der Stadt hinaus. Das ist heute natürlich kein praktischer Rat, aber es ist das, was die Weisen als eine gute, positive Eigenschaft ansahen.
Also, Jaakow rief Rachel und Lea aufs Feld, um mit ihnen zu sprechen.
וַיֹּאמֶר לָהֶן רֹאֶה אָנֹכִי אֶת-פְּנֵי אֲבִיכֶן כִּי-אֵינֶנּוּ אֵלַי כִּתְמֹל שִׁלְשֹׁם וֵאלֹהֵי אָבִי הָיָה עִמָּדִי׃
wajomer lahén ro'é anochí et-pené awichén ki-enénnu eláj kitmól schilschóm welohé awí hajá immadí
5 Und er sagte zu ihnen: „Ich sehe das Gesicht eures Vaters, das mir gegenüber nicht so ist wie vor ganz kurzem; aber der Gott meines Vaters war mit mir.
Das heißt, er sagt: „Euer Vater hat seine Haltung mir gegenüber geändert, aber das ist nicht deshalb, weil ich irgendwo etwas schlecht gemacht habe. Warum sage ich das? Weil mein Gott, der Gott meines Vaters, mit mir war. Wenn ich gesündigt hätte, hätten sich sowohl Gott als auch Lawan von mir abgewandt, und ich würde die Fehler bei mir suchen. Aber da Gott mit mir ist und Lawan irgendwie herumzickt, liegen die Probleme also nicht auf meiner Seite, die Probleme hat Lawan.“
וְאַתֵּנָה יְדַעְתֶּן כִּי בְּכָל-כֹּחִי עָבַדְתִּי אֶת-אֲבִיכֶן׃
we'atténa jeda'tén ki bechol-kochí awádti et-awichén
6 Und ihr wusstet, dass ich mit all meiner Kraft eurem Vater gedient habe.
Ein interessantes Pronomen ist atténa (ihr), das bei der Anrede an zwei junge Frauen gebraucht wird. Im modernen Hebräisch sagt man attém, mit dem End-m – ihr, das in Bezug auf Männer gebraucht wird (Plural); attén, mit dem End-n – ihr, das in Bezug auf Frauen gebraucht wird (Plural). Aber im alten Hebräisch gab es noch den Dual atténa – ihr, wenn man sich an zwei junge Frauen wendet.
וַאֲבִיכֶן הֵתֶל בִּי וְהֶחֱלִף אֶת-מַשְׂכֻּרְתִּי עֲשֶׂרֶת מֹנִים וְלֹא-נְתָנוֹ אֱלֹהִים לְהָרַע עִמָּדִי׃
wa'awichén hétel bi wehechelíf et-maskurtí asséret moním welo-netanó elohím lehará immadí
7 Aber euer Vater hat entweder gescherzt oder mich betrogen (man kann sagen, an der Nase herumgeführt) und meinen Lohn zehnmal geändert, aber Gott ließ ihn mir nicht schaden.
Das ist hier natürlich eine Hyperbel, eine Übertreibung. Tatsächlich hat Lawan den Lohn in Bezug auf Rachel und Lea geändert, tatsächlich hat Lawan den Lohn bei den gesprenkelten, weißen Tieren geändert und war darin unredlich. Aber das ist natürlich nicht zehnmal. Hier spricht die Tora in menschlicher Sprache. Das ist für uns wichtig zu wissen, nicht um zu verstehen, wie oft Lawan Jaakow denn betrogen hat. Letzten Endes ist das nicht so entscheidend. Es ist wichtig für das Verständnis, wenn wir an anderen Stellen der Tora lesen: „Es gibt keinen Gerechten, nicht einen“; oder: „nur so wird Vollkommenheit erreicht“, oder: „ihr seid vollkommen“ und so weiter. Man muss verstehen, dass ein Ausdruck, den wir buchstäblich, wörtlich auffassen, ein Ausdruck menschlicher Rede ist. Selbst wenn der Höchste spricht, spricht Er in menschlicher Sprache, und erst recht, wenn Psalmen geschrieben werden oder wenn Rachel sagt: „Gib mir Kinder, oder ich sterbe.“ All das ist menschliche Rede, und in der Tora ist viel menschliche Rede, und in den Psalmen ist viel menschliche Rede, und bei den Propheten ist viel menschliche Rede, und selbst wenn der Höchste spricht, spricht Er zu Menschen und spricht auf menschliche Weise. Deshalb ist die menschliche Rede eine der Ebenen des Verständnisses dessen, was in der Tora, in den Propheten, in der Schrift und selbstverständlich im Neuen Testament geschrieben steht. Und das ist sehr wichtig, um nicht wie dumme Juristen auszulegen, sondern zu verstehen, worum es überhaupt geht, welche Sprache verwendet wird, an wen es sich richtet und wie es derjenige versteht, der es liest.
אִם-כֹּה יֹאמַר נְקֻדִּים יִהְיֶה שְׂכָרֶךָ וְיָלְדוּ כָל-הַצֹּאן נְקֻדִּים וְאִם-כֹּה יֹאמַר עֲקֻדִּים יִהְיֶה שְׂכָרֶךָ וְיָלְדוּ כָל-הַצֹּאן עֲקֻדִּים׃
im-kó jomár nekuddím jihjé secharécha wejaledú chol-hazzón nekuddím we'im-kó jomár akuddím jihjé secharécha wejaledú chol-hazzón akuddím
8 Wenn er sagte: Die Gesprenkelten, die Getüpfelten, die mit kleinen Äpfelchen werden dein Lohn sein, so gebaren alle Gesprenkelte; und wenn er sagte: Die „mit Stiefelchen“ (es gibt so eine Färbung an den Beinchen der Schäfchen) werden dein Lohn sein, so gebar das ganze Vieh eben solche.
וַיַּצֵּל אֱלֹהִים אֶת-מִקְנֵה אֲבִיכֶם וַיִּתֶּן-לִי׃
wajazzél elohím et-mikné awichém wajitten-lí
9 Und so sonderte der HERR ganz allmählich aus, trennte ab (wie Schicht um Schicht, wie Molekül um Molekül), Schäfchen um Schäfchen, das Vieh eures Vaters und gab es mir.
וַיְהִי בְּעֵת יַחֵם הַצֹּאן וָאֶשָּׂא עֵינַי וָאֵרֶא בַּחֲלוֹם וְהִנֵּה הָעַתֻּדִים הָעֹלִים עַל-הַצֹּאן עֲקֻדִּים נְקֻדִּים וּבְרֻדִּים׃
wajhí be'ét jachém hazzón wa'essá enáj wa'ére bachalóm wehinné ha'attudím ha'olím al-hazzón akuddím nekuddím uwruddím
10 Und es war, als das Vieh erregt wurde, da hob ich die Augen und sah im Traum – siehe, Böcke, DIE AUF DIE SCHAFE STIEGEN, GESTREIFT, gesprenkelt und bunt.
Wir haben gesagt, dass die Augen heben, die Stimme heben, die Füße heben ein Übergang zu einer Art geistigem Sehen ist. Und Jaakow sah einen prophetischen Traum.
Ich habe schon gesagt, dass die Färbungen der Schafe aus dem Hebräischen sehr schwer zu übersetzen sind, weil es bei uns lange keine Hirtenwirtschaft gab und die Terminologie fast verloren gegangen ist. Aber der allgemeine Sinn ist klar: Jaakow sieht im Traum, dass auch von weißen Schafen gefleckter Nachwuchs geboren werden kann. Wir haben vorher gelesen, dass das mithilfe der Stäbchen geschah, die Jaakow schnitzte. Jetzt lesen wir von dem Traum, von dem Jaakow erzählt. Das ist so erstaunlich, dass einige Kommentatoren, Ausleger – sowohl klassische als auch Erforscher der Schrift – sagen, Jaakow habe sich diesen Traum ausgedacht, um die Mädchen zu beeindrucken. Aber das passt ganz und gar nicht zu Jaakow. Lasst uns zu Ende lesen und dann darüber sprechen.
וַיֹּאמֶר אֵלַי מַלְאַךְ הָאֱלֹהִים בַּחֲלוֹם יַעֲקֹב וָאֹמַר הִנֵּנִי׃
wajomer eláj mal'ách ha'elohím bachalóm jaaków wa'omár hinnéni
11 Und der Engel des HERRN sagte zu mir im Traum: „Jaakow!“ Und ich sagte: „Hier bin ich!“
וַיֹּאמֶר שָׂא-נָא עֵינֶיךָ וּרְאֵה כָּל-הָעַתֻּדִים הָעֹלִים עַל-הַצֹּאן עֲקֻדִּים נְקֻדִּים וּבְרֻדִּים כִּי רָאִיתִי אֵת כָּל-אֲשֶׁר לָבָן עֹשֶׂה לָּךְ׃
wajomer sa-ná enécha ur'é kol-ha'attudím ha'olím al-hazzón akuddím nekuddím uwruddím ki ra'íti et kol-aschér lawán ósse lach
12 Und er sagte: „Hebe deine Augen auf und sieh: alle erwachsenen Tiere, die auf das Vieh steigen, sind gestreift, gesprenkelt und bunt, denn ich habe alles gesehen, was Lawan mit dir gemacht hat.
Es gibt bestimmte Regeln dafür, wie sich die Vererbung zeigt. Es gibt gewisse Eigenschaften, die man vorherrschend oder dominant nennt, nämlich: Wenn einer der Eltern dunkeläugig ist und der andere blauäugig, dann hat gerade der Dunkeläugige mehr Chancen, seine Erbanlagen weiterzugeben; wenn einer der Eltern dunkelhäutig ist und der andere weiß, hat die dunkle Haut mehr Chancen, vererbt zu werden. Vererbte Eigenschaften können sowohl schwach als auch stark sein. Das bedeutet nicht, dass die schwachen nicht zum Vorschein kommen können, es bedeutet, dass sie in weniger Fällen zum Vorschein kommen. Hier zeigt der Höchste Jaakow im Traum: Die ganze Genetik wird sich verändern, und die genetischen Regeln des rezessiven und dominanten Allels oder des Genotyps, des Phänotyps und alles Übrigen werden hier überhaupt nicht wirken, weil der Höchste eingreift. Es stellt sich die Frage: Was hat denn nun eigentlich gewirkt? Die Stäbchen oder das Eingreifen des Höchsten? Oder hat sich Jaakow vielleicht tatsächlich das Eingreifen des Höchsten ausgedacht? Wir lesen eine ähnliche Geschichte – über den Babylonischen Turm. Zuerst erfahren wir, wie sich die Söhne Noachs über die Erde verteilten, und dann, wie sie den Turm bauten und wie sie zerstreut wurden. Es gibt die Gründe ihrer Zerstreuung, und es gibt das, wie Gott es eingerichtet hat; die Beschreibung des einen geht der Beschreibung des anderen voraus. Und hier handelt Jaakow, tut seine Sache, und der Höchste tut die seine. Hier offenbart sich ein Geheimnis: Jaakow kann handeln, er hat seine eigene Logik, er handelt nach Gesetzen, die teilweise zu dieser Welt gehören. Der Höchste aber ist Der, Der imstande ist zu bewirken, dass das rezessive Allel dominant wird, dass schwache Eigenschaften stark werden: Das ist das Klassische der Tora, wenn das Schwache stark wird.
Und der Höchste sagt: „Ich bin für dich eingetreten, nicht weil Ich dich liebe, und nicht weil du auserwählt bist, sondern weil Ich gesehen habe, was Lawan dir antut.“ Das heißt, der Höchste belohnt nicht den einen auf Kosten des anderen, wenn dieser andere sich so verhält, wie es sich gehört. Jaakow hat der Höchste auf Kosten Lawans gesegnet, nicht weil Jaakow mehr geliebt wird als Lawan, sondern weil Lawan sich nicht so verhielt, wie es sein sollte.
אָנֹכִי הָאֵל בֵּית-אֵל אֲשֶׁר מָשַׁחְתָּ שָּׁם מַצֵּבָה אֲשֶׁר נָדַרְתָּ לִּי שָׁם נֶדֶר עַתָּה קוּם צֵא מִן-הָאָרֶץ הַזֹּאת וְשׁוּב אֶל-אֶרֶץ מוֹלַדְתֶּךָ׃
anochí ha'él bet-él aschér mascháchta scham mazzewá aschér nadárta li scham néder attá kum ze min-ha'árez hassót weschúw el-érez moladtécha
13 Ich bin jener Gott von Bejt-El (vom Haus Gottes), wo du die Stele gemacht und gesalbt hast, wo du mir mit einem Schwur geschworen hast. Jetzt steh auf (das bedeutet nicht, dass Jaakow sitzt und aufstehen und gehen muss, kum – das ist wie: nimm und tu es), geh aus diesem Land hinaus und kehre in deine Heimat zurück.“
Mit diesem Zitat der Worte des Höchsten endet die lange Rede, die Jaakow, wie wir uns erinnern, vor seinen Frauen hält – Rachel und Lea. Was sagt er? Er sagt: „Meine lieben Mädchen, euer Vater bedrängt mich, und wir stehen schon am Rand der Feindschaft. Und obwohl er euer Vater ist (ich wiederhole ständig, dass er euer Vater ist), seht ihr, wie er seine Haltung mir gegenüber geändert hat. Aber Gott ist mit mir. Und jetzt liegt es an euch zu wählen, was ihr weiter tun werdet.“
וַתַּעַן רָחֵל וְלֵאָה וַתֹּאמַרְנָה לוֹ הַעוֹד לָנוּ חֵלֶק וְנַחֲלָה בְּבֵית אָבִינוּ׃
wattá'an rachél wele'á wattomárna lo ha'ód lánu chélek wenachalá bewét awínu
14 Und Rachel und Lea antworteten und sagten: „Wir haben überhaupt nichts mehr im Haus unseres Vaters, uns ist dort nichts geblieben.
הֲלוֹא נָכְרִיּוֹת נֶחְשַׁבְנוּ לוֹ כִּי מְכָרָנוּ וַיֹּאכַל גַּם-אָכוֹל אֶת-כַּסְפֵּנוּ׃
haló nochrijot nechscháwnu lo ki mecharánu wajochal gam-achól et-kaspénu
15 Wir gelten hier überhaupt als Fremde, denn er hat uns verkauft, und er hat das Geld aufgezehrt, für das er uns verkauft hat.
כִּי כָל-הָעֹשֶׁר אֲשֶׁר הִצִּיל אֱלֹהִים מֵאָבִינוּ לָנוּ הוּא וּלְבָנֵינוּ וְעַתָּה כֹּל אֲשֶׁר אָמַר אֱלֹהִים אֵלֶיךָ עֲשֵׂה׃
ki chol-ha'óscher aschér hizzíl elohím me'awínu lánu hu ulwanénu we'attá kol aschér amár elohím elécha assé
16 Denn alles, was der HERR Gott aus unserem Vater herausgezogen, herausgemolken hat, – das gehört uns und unseren Söhnen. Und jetzt
tu alles, was Gott dir sagen wird.“
Also, Jaakow hat die Lage dargelegt und gesagt: „Da ist euer Vater, der sich mir gegenüber so verhält, und da ist Gott. Wählt, wer recht hat.“ Es ist nicht immer einfach, zwischen dem Vater und Gott zu wählen. Das heißt, wenn wir theoretisch dasitzen, überlegen und nicht vor der Wahl stehen, scheint es uns, dass wir natürlich Gott folgen werden. Aber es ist manchmal schwer, gegen die Familie zu gehen, und hier, das muss man sagen, hat sich Lawan sehr bemüht, seinen Töchtern diese Wahl zu erleichtern.
וַיָּקָם יַעֲקֹב וַיִּשָּׂא אֶת-בָּנָיו וְאֶת-נָשָׁיו עַל-הַגְּמַלִּים׃
wajákom jaaków wajissá et-banáw we'et-nascháw al-haggemallím
17 Und Jaakow stand auf, setzte seine Söhne und seine Frauen auf die Kamele,
וַיִּנְהַג אֶת-כָּל-מִקְנֵהוּ וְאֶת-כָּל-רְכֻשׁוֹ אֲשֶׁר רָכָשׁ מִקְנֵה קִנְיָנוֹ אֲשֶׁר רָכַשׁ בְּפַדַּן אֲרָם לָבוֹא אֶל-יִצְחָק אָבִיו אַרְצָה כְּנָעַן׃
wajinhág et-kol-miknéhu we'et-kol-rechuschó aschér rachásch mikné kinjanó aschér rachásch befaddán arám lawó el-jizchák awíw árza kená'an
18 Und er führte all sein Vieh fort und all den Besitz, den er erworben hatte, und alles, was mit dem Vieh zusammenhängt, das er in Paddan-Aram erworben hatte, und er machte sich auf, um zu Jizchak, seinem Vater, ins kanaanäische Land zu kommen.
Bis dahin hat die Tora, wie wir uns erinnern, nicht erwähnt, dass Jaakow ja zu seinem Vater geht, in seine Familie, denn Jaakow sagte die ganze Zeit „euer Vater“. Aber jetzt, nachdem die Töchter Lawans gesagt haben: „Du bist unsere Familie“, kann man sagen: „Ich gehe zu meinem Vater“, und das kränkt niemanden. Und inzwischen...
וְלָבָן הָלַךְ לִגְזֹז אֶת-צֹאנוֹ וַתִּגְנֹב רָחֵל אֶת-הַתְּרָפִים אֲשֶׁר לְאָבִיהָ׃
welawán halách ligsós et-zonó wattignów rachél et-hatterafím aschér le'awíha
19 Lawan ging, die Schafe zu scheren, und Rachel stahl die Terafim, die beim Vater waren.
Die Terafim – das ist so ein Götze. Wir wissen nicht, wie er aussah, es gibt verschiedene Meinungen dazu. Entweder sind das irgendwelche menschlichen Überreste, zum Beispiel ein Schädel, in den man bestimmte Mittel hineinlegte, damit er spricht, oder es sind noch irgendwelche ähnlichen Dinge. Im Großen und Ganzen ziemlich wilde Dinge – ein menschlicher Knochen oder noch etwas anderes, meistens verbunden mit wirklich unreinen Teilen von Verstorbenen. Oder Gefäße mit Öl, ebenfalls aus Knochen gemacht, die eine bestimmte Musik hervorbrachten – kurz, irgendeine Zauberei. Wichtig ist, dass das nicht unbedingt irgendeine wirksame Magie ist, nicht unbedingt, dass sie funktionierte. Wichtig ist, dass Lawan daran glaubte und offenbar auch Rachel daran glaubte, denn sie hat es gestohlen. Die Beschreibung dieser Terafim ist schrecklich genug, um sie hier anzuführenIm Original steht wörtlich „schrecklich genug, um sie hier anzuführen“; aus dem Zusammenhang ist wohl „zu schrecklich“ gemeint. Die Übersetzung folgt dem Wortlaut., sie wird offensichtlich viele junge Männer und besonders Frauen verstören.
וַיִּגְנֹב יַעֲקֹב אֶת-לֵב לָבָן הָאֲרַמִּי עַל-בְּלִי הִגִּיד לוֹ כִּי בֹרֵחַ הוּא׃
wajignów jaaków et-léw lawán ha'arammí al-belí higgíd lo ki woréach hu
20 Und Jaakow stahl das Herz Lawans, des Aramäers, denn er floh, ohne es ihm zu sagen.
וַיִּבְרַח הוּא וְכָל-אֲשֶׁר-לוֹ וַיָּקָם וַיַּעֲבֹר אֶת-הַנָּהָר וַיָּשֶׂם אֶת-פָּנָיו הַר הַגִּלְעָד׃
wajiwrách hu wechol-ascher-ló wajákom waja'awór et-hannahár wajássem et-panáw har haggil'ád
21 Und er floh, er und alles, was bei ihm war, und stand auf und ging über den Fluss und wandte sich in Richtung des Berges Gil'ad.
וַיֻּגַּד לְלָבָן בַּיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי כִּי בָרַח יַעֲקֹב׃
wajuggád lelawán bajom haschelischí ki warách jaaków
22 Lawan wurde am dritten Tag gesagt, dass Jaakow geflohen war.
Wir erinnern uns, dass drei Tage eine interessante Zeit sind. Einst bat Mosche darum, sich drei Tage Weges zu entfernen und zu feiern, und wir werden noch darüber sprechen.
וַיִּקַּח אֶת-אֶחָיו עִמּוֹ וַיִּרְדֹּף אַחֲרָיו דֶּרֶךְ שִׁבְעַת יָמִים וַיַּדְבֵּק אֹתוֹ בְּהַר הַגִּלְעָד׃
wajikkách et-echáw immó wajirdóf acharáw dérech schiw'át jamím wajadbék otó behár haggil'ád
23 Und er nahm (Lawan nahm) seine Brüder mit sich, und sieben Tage verfolgte er ihn, und holte ihn beinahe ein auf dem Berg Gil'ad.
Da ist Jaakow, der mit großem Besitz unterwegs ist, mit Vieh, mit Frauen, mit Kamelen, und die gehen nicht schnell, ganz und gar keine Sprinter, aber er bewegt sich trotzdem vorwärts. Und da ist Lawan, der sich offenbar schnell bewegt, aber er brauchte sieben Tage, um Jaakow einzuholen. Auch das ist eine Art Wunder.
וַיָּבֹא אֱלֹהִים אֶל-לָבָן הָאֲרַמִּי בַּחֲלֹם הַלָּיְלָה וַיֹּאמֶר לוֹ הִשָּׁמֶר לְךָ פֶּן-תְּדַבֵּר עִם-יַעֲקֹב מִטּוֹב עַד-רָע׃
wajawó elohím el-lawán ha'arammí bachalóm hallájla wajomer lo hischámer lechá pen-tedabbér im-jaaków mittów ad-rá
24 Aber der HERR erschien Lawan, dem Aramäer, im Traum in dieser Nacht und sagte zu ihm: „Pass auf dich auf, hüte dich, dass du keinerlei Forderungen an Jaakow stellst, dass du nicht mit ihm redest vom Guten bis zum Bösen, (keinerlei Abrechnungen mit Jaakow).“
וַיַּשֵּׂג לָבָן אֶת-יַעֲקֹב וְיַעֲקֹב תָּקַע אֶת-אָהֳלוֹ בָּהָר וְלָבָן תָּקַע אֶת-אֶחָיו בְּהַר הַגִּלְעָד׃
wajasség lawán et-jaaków wejaaków taká et-aholó bahár welawán taká et-echáw behár haggil'ád
25 Und Lawan holte Jaakow ein. Jaakow aber hatte das Zelt auf dem Berg aufgeschlagen. Lawan aber schlug mit seinen Brüdern auf dem Berg Gil'ad auf.
Das heißt, Jaakow stellte Zelte auf, schlug ein Lager auf, Lawan aber ließ sich einfach nieder: Über Lawan steht nicht geschrieben, dass er das Zelt aufschlug. Und das bestätigt, dass Lawan ohne großes Lager unterwegs war, ohne großen Besitz. Und das spricht wieder zu uns von unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Fortbewegung, die nicht sehr logisch wären, wenn nicht das Eingreifen Gottes wäre.
וַיֹּאמֶר לָבָן לְיַעֲקֹב מֶה עָשִׂיתָ וַתִּגְנֹב אֶת-לְבָבִי וַתְּנַהֵג אֶת-בְּנֹתַי כִּשְׁבֻיוֹת חָרֶב׃
wajomer lawán lejaaków me assíta wattignów et-lewawí wattenahég et-benotáj kischwujot chárew
26 Und Lawan sagte zu Jaakow: „Was hast du mir getan? Und mein Herz hast du gestohlen, und du hast meine Töchter genommen, als wären sie mit dem Schwert gefangen genommen.
„Wie Gefangene hast du mir die Töchter weggeführt, weggeführt, ohne mich zu fragen, ohne Abschied, wie Soldaten Gefangene vom Hof wegführen.“ Jedes Heer wird chárew (Schwert) genannt, egal, ob es ein Schwert hat oder nicht; das ist eine Bezeichnung für Krieger – Schwertträger.
לָמָּה נַחְבֵּאתָ לִבְרֹחַ וַתִּגְנֹב אֹתִי וְלֹא-הִגַּדְתָּ לִּי וָאֲשַׁלֵּחֲךָ בְּשִׂמְחָה וּבְשִׁרִים בְּתֹף וּבְכִנּוֹר׃
lámma nachbéta liwróach wattignów otí welo-higgádta li wa'aschallechachá bessimchá uwschirím betóf uwchinnór
27 Warum bist du heimlich geflohen und hast mich gestohlen? Und hast es mir nicht gesagt? Ich hätte dich mit Freude fortgeschickt, mit Liedern, mit Tamburinen, mit der Geige.
Was bedeutet hast mich gestohlen? Das bedeutet hast mein Bewusstsein gestohlen. Es gibt viele verschiedene Arten von Diebstahl und Raub. Zum Beispiel, wenn ein Mensch einen anderen am Schlafen hindert, nennt man das gniwát schiná – Diebstahl des Schlafes. Wenn ein Mensch einen anderen täuscht (zum Beispiel, indem er sagt: „Dieses Produkt hier ist gut“) oder jemand anderen in Verruf bringt, nennt man das gniwát dá'at – Täuschung des Bewusstseins, Täuschung des Weltempfindens eines Menschen, Täuschung seiner Wirklichkeit. Und hier sagt Lawan: „Warum hast du mein Wissen gestohlen? Warum hast du meine Weltwahrnehmung gestohlen“?
Kinnór – das ist nicht ganz eine Geige, eher eine Harfe, oder eine Zither, oder irgendein anderes Saiteninstrument. Heute ist kinnór auf Hebräisch eine Geige. Als man das Hebräische wiederbelebte, nahm man die Bezeichnungen für Instrumente oder Gegenstände, die es im Hebräischen nicht gab, oft aus irgendwelchen alten Texten. So wurde zum Beispiel die Elektrizität chaschmál genannt, wie der Name eines Engels im Wagen aus der Vision des Propheten Jecheskel. Und solche Beispiele gibt es viele.
וְלֹא נְטַשְׁתַּנִי לְנַשֵּׁק לְבָנַי וְלִבְנֹתָי עַתָּה הִסְכַּלְתָּ עֲשׂוֹ׃
weló netaschtáni lenaschék lewanáj weliwnotáj attá hiskálta assó
28 Und du hast mich nicht einmal meine Söhne (mit den Söhnen sind die Enkel gemeint, die Nachkommen) und meine Töchter küssen lassen. So hast du gehandelt!
יֶשׁ-לְאֵל יָדִי לַעֲשׂוֹת עִמָּכֶם רָע וֵאלֹהֵי אֲבִיכֶם אֶמֶשׁ אָמַר אֵלַי לֵאמֹר הִשָּׁמֶר לְךָ מִדַּבֵּר עִם-יַעֲקֹב מִטּוֹב עַד-רָע׃
jesch-le'él jadí la'assót immachém ra welohé awichém émesch amár eláj lemór hischámer lechá middabbér im-jaaków mittów ad-rá
29 Und ich habe die Kraft, ich kann euch durchaus großen Schaden zufügen. Aber der Gott eures Vaters sagte am Abend zu mir und sprach: „Rede mit Jaakow weder Gutes noch Böses.“
וְעַתָּה הָלֹךְ הָלַכְתָּ כִּי-נִכְסֹף נִכְסַפְתָּה לְבֵית אָבִיךָ לָמָּה גָנַבְתָּ אֶת-אֱלֹהָי׃
we'attá halóch haláchta ki-nichsóf (lichsóf – vor Verlangen vergehen, mit Begehren begehren) nichsáfta lewét awícha lámma ganáwta et-eloháj
30 Wahrscheinlich bist du gegangen, weil du mit ganzer Seele in das Haus deines Vaters wolltest. Aber warum hast du meinen Gott gestohlen (oder – MEINE GÖTZEN)?“
וַיַּעַן יַעֲקֹב וַיֹּאמֶר לְלָבָן כִּי יָרֵאתִי כִּי אָמַרְתִּי פֶּן-תִּגְזֹל אֶת-בְּנוֹתֶיךָ מֵעִמִּי׃
wajá'an jaaków wajomer lelawán ki jaréti ki amárti pen-tigsól et-benotécha me'immí
31 Und Jaakow antwortete und sagte zu Lawan: „Ich habe es mir überlegt, ich habe gefürchtet, dass du deine Töchter nicht mit mir ziehen lässt.
עִם אֲשֶׁר תִּמְצָא אֶת-אֱלֹהֶיךָ לֹא יִחְיֶה נֶגֶד אַחֵינוּ הַכֶּר-לְךָ מָה עִמָּדִי וְקַח-לָךְ וְלֹא-יָדַע יַעֲקֹב כִּי רָחֵל גְּנָבָתַם׃
im aschér timzá et-elohécha lo jichjé néged achénu hakker-lechá ma immadí wekach-lách welo-jadá jaaków ki rachél genawátam
32 Wenn du deinen Gott findest, so soll das vor unseren Brüdern sein. Sieh dir alles an, was bei mir ist. Wenn du es findest, nimm es“; denn Jaakow wusste nicht, dass Rachel sie gestohlen hatte.
וַיָּבֹא לָבָן בְּאֹהֶל יַעֲקֹב וּבְאֹהֶל לֵאָה וּבְאֹהֶל שְׁתֵּי הָאֲמָהֹת וְלֹא מָצָא וַיֵּצֵא מֵאֹהֶל לֵאָה וַיָּבֹא בְּאֹהֶל רָחֵל׃
wajawó lawán be'ohel-jaaków uw'óhel le'á uw'óhel scheté ha'amahót weló mazá wajezé me'óhel le'á wajawó be'óhel rachél
33 Und Lawan ging in das Zelt Jaakows, und in das Zelt Leas, und in das Zelt der zwei Sklavinnen, und fand nichts. Und er ging aus dem Zelt Leas hinaus und ging in das Zelt Rachels.
Beachtet, Lawan führt eine gründliche Durchsuchung durch, die Götzen sind ihm teuer.
וְרָחֵל לָקְחָה אֶת-הַתְּרָפִים וַתְּשִׂמֵם בְּכַר הַגָּמָל וַתֵּשֶׁב עֲלֵיהֶם וַיְמַשֵּׁשׁ לָבָן אֶת-כָּל-הָאֹהֶל וְלֹא מָצָא׃
werachél lakechá et-hatterafím wattessimém bechár haggamál wattéschew alehém wajmaschésch lawán et-kol-ha'óhel weló mazá
34 Rachel aber nahm diese Terafim und legte sie in das Kissen des Kamels und setzte sich darauf. Und Lawan „betastete“ (lemaschésch – abtasten) alles, das ganze Zelt, und fand nichts.
Es gibt ein bestimmtes Kissen, das man zwischen den Sattel und das Kamel legt und das den Schweiß aufsammelt. Und obwohl viele sagen, dass Kamele nicht schwitzen, gibt es trotzdem einen „Schweißsammler“, das heißt, eine gewisse Flüssigkeit sondern sie doch ab.
וַתֹּאמֶר אֶל-אָבִיהָ אַל-יִחַר בְּעֵינֵי אֲדֹנִי כִּי לוֹא אוּכַל לָקוּם מִפָּנֶיךָ כִּי-דֶרֶךְ נָשִׁים לִי וַיְחַפֵּשׂ וְלֹא מָצָא אֶת-הַתְּרָפִים׃
wattómer el-awíha al-jíchar be'ené adoní ki lo uchál lakúm mippanécha ki-dérech naschím li wajchappés weló mazá et-hatterafím
35. Und Rachel sagte zu ihrem Vater: „Es möge meinen Herrn nicht erzürnen, dass ich nicht vor dir aufstehen kann, denn bei mir ist das, was gewöhnlich bei Frauen ist.“ Und er suchte, und er fand die Terafim nicht.
וַיִּחַר לְיַעֲקֹב וַיָּרֶב בְּלָבָן וַיַּעַן יַעֲקֹב וַיֹּאמֶר לְלָבָן מַה-פִּשְׁעִי מַה חַטָּאתִי כִּי דָלַקְתָּ אַחֲרָי׃
wajíchar lejaaków wajárew belawán wajá'an jaaków wajomer lelawán ma-pisch'í ma chattatí ki dalákta acharáj
36 Und das erzürnte Jaakow, und er wurde zornig auf Lawan, und Jaakow antwortete und sagte zu Lawan: „Was für eine Sünde, worin habe ich gesündigt, dass du so entbrannt bist, hinter mir herzujagen?
Das Wort délek bedeutet im modernen Hebräisch Treibstoff; das Verb dalákti – entzündete sich, entbrannte. So bist du hinter mir hergestürmt!
כִּי-מִשַּׁשְׁתָּ אֶת-כָּל-כֵּלַי מַה-מָּצָאתָ מִכֹּל כְּלֵי-בֵיתֶךָ שִׂים כֹּה נֶגֶד אַחַי וְאַחֶיךָ וְיוֹכִיחוּ בֵּין שְׁנֵינוּ׃
ki-mischáschta et-kol-keláj ma-mazáta mikkól kele-wetécha sim ko néged acháj we'achécha wejochíchu ben schenénuIn der russischen Umschrift steht im letzten Wort versehentlich ein Sch-Laut statt eines n. Nach dem Hebräischen lautet es schenénu („zwischen uns“).
37 Du hast alle meine Geräte betastet, alle meine Gefäße; was hast du gefunden von allen Gefäßen deines Hauses? Leg es hier hin, vor meine Verwandten und vor deine Verwandten, UND SIE WERDEN ZWISCHEN UNS RICHTEN.
Hier wird das Wort Bruder im Sinne von Verwandter gebraucht. Jaakow ist natürlich ohne Brüder. Sein Haus nennt er Brüder und sagt: „Los, hol alles heraus, was du als deins gefunden hast, zeig die Ergebnisse der Durchsuchung. Hier sind die Zeugen. Los, leg es vor „fürs Protokoll“.
זֶה עֶשְׂרִים שָׁנָה אָנֹכִי עִמָּךְ רְחֵלֶיךָ וְעִזֶּיךָ לֹא שִׁכֵּלוּ וְאֵילֵי צֹאנְךָ לֹא אָכָלְתִּי׃
se esrím schaná anochí immách rechelécha we'issécha lo schikkélu we'elé zonechá lo achálti
38 Zwanzig Jahre bin ich bei dir. Und deine Schäfchen und deine Zicklein haben die Wölfe nicht gefressen, und sie sind nicht verendet. Und von den Lämmern deines Viehs habe ich nicht gegessen.
טְרֵפָה לֹא-הֵבֵאתִי אֵלֶיךָ אָנֹכִי אֲחַטֶּנָּה מִיָּדִי תְּבַקְשֶׁנָּה גְּנֻבְתִי יוֹם וּגְנֻבְתִי לָיְלָה׃
terefá lo-hewéti elécha anochí achatténna mijadí tewakschénna genuwetí jom ugnuwetí lájla
39 Das Zerrissene habe ich dir nicht gebracht, und du hast es mir abgezogen, hast mir nicht erlassen, was am Tag gestohlen war und was in der Nacht gestohlen war.
Völlig sklavische Bedingungen. Es gibt die Auffassung: Wie man das Vieh auch weidet, es gibt trotzdem irgendeinen Schaden. So war es in vielen Abmachungen. Obwohl, in vielen? Schwer zu sagen, weil nicht so viele Dokumente aus jener Zeit auf uns gekommen sind. Aber trotzdem können wir über manches sprechen.
הָיִיתִי בַיּוֹם אֲכָלַנִי חֹרֶב וְקֶרַח בַּלָּיְלָה וַתִּדַּד שְׁנָתִי מֵעֵינָי׃
hajíti wajom achaláni chórew wekérach ballájla wattiddát schenatí me'enáj
40 Und am Tag fraß mich die Hitze, und ich vereiste in der Nacht, und der Schlaf irrte von meinen Augen fort.
Auf Hebräisch ist nedudéj schná Schlaflosigkeit, das „Umherwandern“ des Schlafes; ein Schlaf, der spazieren geht.
זֶה-לִּי עֶשְׂרִים שָׁנָה בְּבֵיתֶךָ עֲבַדְתִּיךָ אַרְבַּע-עֶשְׂרֵה שָׁנָה בִּשְׁתֵּי בְנֹתֶיךָ וְשֵׁשׁ שָׁנִים בְּצֹאנֶךָ וַתַּחֲלֵף אֶת-מַשְׂכֻּרְתִּי עֲשֶׂרֶת מֹנִים׃
se-lí esrím schaná bewetécha awadtícha arba-esré schaná bischté wenotécha weschésch schaním bezonécha wattachaléf et-maskurtí asséret moním
41 Ich habe dir nun zwanzig Jahre gedient: vierzehn Jahre für deine zwei Töchter und sechs Jahre für dein Vieh, und du hast mir zehnmal den Lohn geändert.
Wieder dieselbe Hyperbel. Jaakow übertreibt, wenn er das den Töchtern Lawans sagt, die womöglich nicht im Bilde sind. Hier spricht er mit Lawan, und es ist klar, dass das so eine Übertreibung ist, dass nicht genau 10 Mal gemeint ist.
לוּלֵי אֱלֹהֵי אָבִי אֱלֹהֵי אַבְרָהָם וּפַחַד יִצְחָק הָיָה לִי כִּי עַתָּה רֵיקָם שִׁלַּחְתָּנִי אֶת-עָנְיִי וְאֶת-יְגִיעַ כַּפַּי רָאָה אֱלֹהִים וַיּוֹכַח אָמֶשׁ׃
lulé elohé awí elohé awrahám ufáchad jizchák hája li ki attá rekám schillachtáni et-onjí we'et-jegíja kappáj ra'á elohím wajochach ámesch
42 Wenn nicht der Gott meines Vaters gewesen wäre, der Gott Awrahams und die Furcht Jizchaks, dann, Gott sieht es, hättest du mich vielleicht sogar mit leeren Händen fortgeschickt; Gott hat gesehen, wie ich gearbeitet habe, und Gott hat in der vergangenen Nacht entschieden.“
Wir haben gesagt, dass Gott Seinen Namen nicht mit dem Namen eines Gerechten verbindet, es ist gefährlich, so zu sprechen. Deshalb sagt er hier „die Furcht Jizchaks“, das heißt jener Gott, den Jizchak fürchtet.
Gott hat in der vergangenen Nacht entschieden – damit ist offenbar gemeint, dass Gott zu Lawan kam und mit ihm sprach.
וַיַּעַן לָבָן וַיֹּאמֶר אֶל-יַעֲקֹב הַבָּנוֹת בְּנֹתַי וְהַבָּנִים בָּנַי וְהַצֹּאן צֹאנִי וְכֹל אֲשֶׁר-אַתָּה רֹאֶה לִי-הוּא וְלִבְנֹתַי מָה-אֶעֱשֶׂה לָאֵלֶּה הַיּוֹם אוֹ לִבְנֵיהֶן אֲשֶׁר יָלָדוּ׃
wajá'an lawán wajomer el-jaaków habbanót benotáj wehabbaním banáj wehazzón zoní wechól ascher-attá ro'é li hu weliwnotáj ma-e'essé la'élle hajom o liwnehén aschér jaládu
43 Und Lawan sagte zu Jaakow: „Die Töchter – meine Töchter, und die Söhne – meine Söhne (ich weiß überhaupt von nichts, alles – meins!), und das Vieh ist auch meins, und alles, was du ringsum siehst, ist meins; aber was soll ich mit meinen Töchterchen machen, mit denen, die da sind, und denen, die noch geboren werden?
Und Lawan macht Jaakow einen Vorschlag:
וְעַתָּה לְכָה נִכְרְתָה בְרִית אֲנִי וָאָתָּה וְהָיָה לְעֵד בֵּינִי וּבֵינֶךָ׃
we'attá lechá nichretá werít aní wa'átta wehajá le'éd bení uwenécha
44 Komm, lass uns einen Bund schließen, und er wird auf ewig zwischen mir und dir sein.“
וַיִּקַּח יַעֲקֹב אָבֶן וַיְרִימֶהָ מַצֵּבָה׃
wajikkách jaaków áwen wajriméha mazzewá
45 Und Jaakow nahm einen Stein und baute eine Stele.
Wiederum, wir erinnern uns: Am Anfang des Weges nimmt Jaakow einen Stein und baut eine Stele. Und hier baut er eine Stele.
וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב לְאֶחָיו לִקְטוּ אֲבָנִים וַיִּקְחוּ אֲבָנִים וַיַּעֲשׂוּ-גָל וַיֹּאכְלוּ שָׁם עַל-הַגָּל׃
wajomer jaaków le'echáw liktú awaním wajikchú awaním waja'assu-gál wajochelu scham al-haggál
46 Und Jaakow sagte zu seinen Brüdern: „Sammelt Steine!“ Und sie nahmen Steine und machten einen Kamm, und sie aßen dort, auf dem Kamm.
Hier heißt zu seinen Brüdern – das ist zu seinen Verwandten. Er hat hier keine Brüder, eben keine Brüder; Brüder sind in diesem Fall diejenigen, die mit ihm in seine Familie gegangen sind.
Das Wort גַּל (gál) bedeutet im modernen Hebräisch Welle.
וַיִּקְרָא-לוֹ לָבָן יְגַר שָׂהֲדוּתָא וְיַעֲקֹב קָרָא לוֹ גַּלְעֵד׃
wajikra-ló lawán jegár sahadutá wejaaków kára lo gal'éd
47 Und Lawan nannte ihn Jegar Sahadutá (Ort des Zeugnisses); Jaakow aber nannte diesen Ort Gal-Éd (ewiger Kamm).
Im Wort sahadutá (Zeugnis) wird die Wurzelשהד (Schin-He-Dalet) sogar in der modernen russischen Sprache gebraucht, wenn man das arabische „Schahíden“ sagt, von der Wurzel des Wortes Zeugen.
Das Wort gal'éd: gál – Kamm, ed – Berg des Zeugnisses, oder ewiger Berg.
Das heißt, jegár sahadutá – das ist die aramäische Version (Lawan ist ja Aramäer), und Jaakow benennt es in seiner eigenen Sprache.
וַיֹּאמֶר לָבָן הַגַּל הַזֶּה עֵד בֵּינִי וּבֵינְךָ הַיּוֹם עַל-כֵּן קָרָא-שְׁמוֹ גַּלְעֵד׃
wajomer lawán haggál hassé ed bení uwenechá hajom al-kén kara-schemó gal'éd
48 Und Lawan sagte: „Dieser Kamm ist Zeuge zwischen mir und dir von nun an, darum wird er auch mit dem Namen Gal-Ed genannt.
וְהַמִּצְפָּה אֲשֶׁר אָמַר יִצֶף יְהוָה בֵּינִי וּבֵינֶךָ כִּי נִסָּתֵר אִישׁ מֵרֵעֵהוּ׃
wehammizpá aschér amár jízef adonáj bení uwenécha ki nissatér isch mere'éhu
49 Und jener Ort, den wir bezeichnen, ist ein Ort der Ausschau; möge der HERR schauen, über uns wachen, wenn wir uns voreinander verbergen.
Da es ein Kamm ist, sieht man von ihm aus in verschiedene Richtungen. Und das Wort mizpá, das hier gebraucht wird, kommt vom Verb lizpót – in die Ferne schauen, genau hinschauen. Möge der HERR hier sein und Ausschau halten, über uns wachen, wenn wir uns voreinander verbergen. Der HERR – Er ist der Große, der Allsehende, und vor Ihm bleibt nichts verborgen.
אִם-תְּעַנֶּה אֶת-בְּנֹתַי וְאִם-תִּקַּח נָשִׁים עַל-בְּנֹתַי אֵין אִישׁ עִמָּנוּ רְאֵה אֱלֹהִים עֵד בֵּינִי וּבֵינֶךָ׃
im-te'anné et-benotáj we'im-tikkách naschím al-benotáj en isch immánu re'é elohím ed bení uwenécha
50 Wenn du meinen Töchtern den ehelichen Beischlaf entziehst (oder sie quälen wirst, aber höchstwahrscheinlich gilt die erste Bedeutung) und wenn du zu ihnen noch weitere Frauen nimmst, niemand ist zwischen uns, aber Gott sieht.“
Seht ihr, was für eine wichtige Lektion Lawan für sich aus dieser Geschichte gelernt hat? Er hat verstanden, dass Gott sieht.
וַיֹּאמֶר לָבָן לְיַעֲקֹב הִנֵּה הַגַּל הַזֶּה וְהִנֵּה הַמַצֵּבָה אֲשֶׁר יָרִיתִי בֵּינִי וּבֵינֶךָ׃
wajomer lawán lejaaków hinné haggál hassé wehinné hamazzewá aschér jaríti bení uwenécha
51 Und Lawan sagte zu Jaakow: „Siehe, dieser Kamm, und siehe, die Stele, die ich aufgestellt habe zwischen mir und dir;
עֵד הַגַּל הַזֶּה וְעֵדָה הַמַּצֵּבָה אִם-אָנִי לֹא-אֶעֱבֹר אֵלֶיךָ אֶת-הַגַּל הַזֶּה וְאִם-אַתָּה לֹא-תַעֲבֹר אֵלַי אֶת-הַגַּל הַזֶּה וְאֶת-הַמַּצֵּבָה הַזֹּאת לְרָעָה׃
ed haggál hassé we'edá hammazzewá im-áni lo-e'ewór elécha et-haggál hassé we'im-attá lo-ta'awór eláj et-haggál hassé we'et-hammazzewá hassót lera'á
52 Zeuge ist dieser Kamm, und Zeugin ist diese Stele, dass ich nicht zu dir über diesen Kamm hinübergehe, und du nicht zu mir über diesen Kamm und diese Stele hinübergehst, dass wir die Grenze nicht mit bösen Absichten überschreiten.
אֱלֹהֵי אַבְרָהָם וֵאלֹהֵי נָחוֹר יִשְׁפְּטוּ בֵינֵינוּ אֱלֹהֵי אֲבִיהֶם וַיִּשָּׁבַע יַעֲקֹב בְּפַחַד אָבִיו יִצְחָק׃
elohé awrahám welohé nachór jischpetú wenénu elohé awihém wajischawá jaaków befáchad awíw jizchák
53 Der Gott Awrahams und der Gott Nachors werden zwischen uns richten.“ Und Jaakow schwor bei der Furcht seines Vaters Jizchak.
וַיִּזְבַּח יַעֲקֹב זֶבַח בָּהָר וַיִּקְרָא לְאֶחָיו לֶאֱכָל-לָחֶם וַיֹּאכְלוּ לֶחֶם וַיָּלִינוּ בָּהָר׃
wajisbách jaaków séwach bahár wajikrá le'echáw le'echol-láchem wajochelu léchem wajalínu bahár
54 Und Jaakow brachte ein Opfer dar auf dem Berg, und rief seine Brüder zusammen, Brot zu essen; und sie nahmen Brot, und sie übernachteten auf dem Berg.
Brot – das ist ein gemeinsames Feiern. Sie aßen höchstwahrscheinlich nicht nur Brot: Das ist ein Festmahl, das ist der Schluss eines Bündnisses, der Schluss eines Bundes (wir werden das später noch bei Mosche sehen).
Also haben sie das, was mit einem Streit begann, beendet, mit einem Festmahl und mit Versöhnung beendet.
וַיַּשְׁכֵּם לָבָן בַּבֹּקֶר וַיְנַשֵּׁק לְבָנָיו וְלִבְנוֹתָיו וַיְבָרֶךְ אֶתְהֶם וַיֵּלֶךְ וַיָּשָׁב לָבָן לִמְקֹמוֹ׃
wajaschkém lawán babbóker wajnaschék lewanáw weliwnotáw wajwárech ethém wajélech wajáschow lawán limkomó
55 Und Lawan erwachte früh am Morgen, und küsste seine Söhne und seine Töchter, und segnete sie, und ging, und Lawan kehrte an seinen Ort zurück.
Das ist der letzte Vers von Kapitel 31, und wir gehen zu Kapitel 32 über und lesen:
וְיַעֲקֹב הָלַךְ לְדַרְכּוֹ וַיִּפְגְּעוּ-בוֹ מַלְאֲכֵי אֱלֹהִים׃
wejaaków halách ledarkó wajifge'u-wó mal'aché elohím
1 Und Jaakow ging seines Weges; und es begegneten ihm Engel Gottes.
Wieder begegnet Jaakow Engeln. Als er wegging, begegnete er Engeln, er kehrt zurück – und begegnet wieder Engeln. Womit die Geschichte beginnt, damit endet sie auch.
וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב כַּאֲשֶׁר רָאָם מַחֲנֵה אֱלֹהִים זֶה וַיִּקְרָא שֵׁם-הַמָּקוֹם הַהוּא מַחֲנָיִם׃
wajomer jaaków ka'aschér ra'ám machané elohím se wajikrá schem-hammakóm hahu machanájim
2 Und Jaakow sagte, als er sie sah: „Das ist das Lager des HERRN!“ Und er nannte diesen Ort Machanajim (zwei Lager).
Man kann und man muss darauf achten, dass der Höchste beim Herausführen Jaakows aus dem Haus Lawans sagt: „Ich habe dir das nun so mit dem Vieh gemacht, weil Ich gesehen habe, was Lawan dir angetan hat.“ Wenn wir eine Parallele zum Auszug aus Ägypten ziehen, dann sagt der Höchste dort: „Ich habe den Druck gesehen, mit dem die Ägypter euch bedrücken“ (das ist das 3. Kapitel des Buches Schemot).
Hier noch einige Beispiele.
Jaakow sagt zu Lawan: „Schick mich fort, und ich werde in mein Haus gehen, in mein Land. Gib mir meine Kinder und meine Frauen und das, was ich bei dir erarbeitet habe, und ich werde gehen.“ Und Mosche sagt: „Lass mein Volk ziehen, und sie werden dem Höchsten in der Wüste dienen; und unsere Jungen und unsere Alten, und wir werden gehen, dem Höchsten zu dienen.“
Wir lesen, dass der Höchste das Vieh Lawans ganz allmählich in die Hände Jaakows gab. Und wir lesen auch: „…und sie beraubten Ägypten.“
Lawan wurde gesagt, dass Jaakow fortgegangen war. Und dem Pharao wurde gesagt, dass das Volk geflohen war. Beide machen sich an die Verfolgung. Und es ist gesagt, dass der HERR Lawan warnt, Jaakow nichts Böses zu tun, zu sagen. Im Buch Schemot aber sendet Gott einen Engel.
Hier heißt es: ich habe gesehen, dass Du mich gesegnet hast. Und im 12. Kapitel des Buches Schemot heißt es auch: und mich hat man gesegnet.
Wir lesen, dass der HERR sagt: „Nun steh auf und geh aus diesem Land.“ Und der Pharao sagt: „Steht auf und zieht hinaus.“ Hier steht קוּם צֵא (kum ze) in der Einzahl, und im Buch Schemot werden wir lesen: קוּםוּ צְּאוּ (kúmu zé'u).
Diese wenigen Punkte führe ich an, um zu zeigen, dass es eine tiefe Parallele gibt zwischen dem Galut, in den Jaakow das erste Mal hinabsteigt, und dem Auszug aus dem Galut, wenn das mit Israel geschehen wird. Hier wie dort wird es Engel geben, und es gibt viele, noch viele Parallelen. Vielleicht werden wir, wenn wir zum Buch Schemot kommen, ausführlicher darüber sprechen, aber vorerst habe ich einfach die Hauptpunkte bezeichnet. Sehr, sehr reich an Ereignissen war der Abschnitt Wajeze, und es ist unmöglich, ihn ganz in allen Einzelheiten durchzunehmen.
Der Name des Wochenabschnitts wird mit „Und er ging hinaus“ übersetzt. Und tatsächlich lesen wir ganz am Anfang des Abschnitts, dass Jaakow aus Be'er Schewa hinausgeht. Wahrscheinlich klingt das Wort und er ging hinaus (wajeze) feierlich und sogar ein wenig behäbig, aber das passt nicht zu Jaakow. Er flieht vor dem Zorn seines Bruders Esaw. Manche sagen, dass er gezwungen ist, sich auf Umwegen durchzuschlagen, aus Angst, dass Esaw ihn fängt. Jaakow geht ins Ungewisse. Er hat das Buch Bereschit nicht gelesen, er weiß nicht, was sein wird. Er hat Vertrauen auf den Höchsten, aber er weiß nicht, was mit ihm geschehen wird. Gleich in der ersten Nacht sieht er einen erstaunlichen Traum, empfängt Offenbarung und Stärkung vom Höchsten, und als er am Morgen erwacht, leistet Jaakow dem Höchsten einen Schwur. Ein im Vergleich zu allem, was wir bis dahin gelesen haben, sehr ungewöhnlicher Gebets-Schwur. Lasst uns lesen (Bereschit 28,20):
וַיִּדַּר יַעֲקֹב נֶדֶר לֵאמֹר
wajiddár jaaków néder lemór
20 Und Jaakow schwor einen Schwur und sprach:
Halten wir beim Wort Neder inne, das gewöhnlich mit Schwur oder Gelübde übersetzt wird. Das russische Wort für Schwur ist ein Wort, das mit dem Wort verflucht, verdammt verbunden ist, und im Grunde ist es eine Verfluchung seiner selbst. Das hebräische Neder oder nadar ist das, was beständig gemacht wird, was sich auf das Ewige, Ununterbrochene und Unendliche bezieht. Das heißt, wenn das russische Wort für Schwur Verfluchung bedeutet, dann ist das hebräische Wort Neder im Gegenteil näher am Segen, an dem, was dich mit dem Ewigen verbindet, mit der Quelle der Ewigkeit. Für unser weiteres Gespräch wird das sehr wichtig sein.
אִם-יִהְיֶה אֱלֹהִים עִמָּדִי וּשְׁמָרַנִי בַּדֶּרֶךְ הַזֶּה אֲשֶׁר אָנֹכִי הוֹלֵךְ וְנָתַן-לִי לֶחֶם לֶאֱכֹל וּבֶגֶד לִלְבֹּשׁ׃
im-jihjé elohím immadí uschmaráni baddérech hassé aschér anochí holéch wenatan-lí léchem le'echól uwéged lilbósch.
„Wenn Gott mit mir sein wird und mich behüten wird (oder mich behütet) auf diesem Weg, den ich gehe, und mir Brot geben wird, um zu essen, und Kleidung, um sie anzuziehen,
וְשַׁבְתִּי בְשָׁלוֹם אֶל-בֵּית אָבִי וְהָיָה יְהוָה לִי לֵאלֹהִים׃
weschawtí weschalóm el-bét awí wehajá adonáj li lelohím.
21 und ich in Frieden in das Haus meines Vaters zurückkehre, und der HERR mir Gott sein wird,
וְהָאֶבֶן הַזֹּאת אֲשֶׁר-שַׂמְתִּי מַצֵּבָה יִהְיֶה בֵּית אֱלֹהִים
weha'éwen hassót ascher-sámti mazzewá jihjé bet elohím
22 soIm Russischen beginnt Vers 22 mit einem Bindewort, das „und“ oder „aber“ heißen kann. Übersetzt wurde mit „so“, damit der vorangehende Bedingungssatz im Deutschen einen Abschluss hat. wird dieser Stein, den ich hier als Säule hingelegt habe, ein Haus Gottes sein
Das heißt, er wird der Ort meiner Begegnung mit Gott sein, möglicherweise ein Ort der Opferdarbringungen.
וְכֹל אֲשֶׁר תִּתֶּן-לִי עַשֵּׂר אֲעַשְּׂרֶנּוּ לָךְ׃
wechól aschér titten-lí assér a'asserénnu lach.
und alles, was du mir geben wirst, von allem, was du mir geben wirst, werde ich den Zehnten absondern.
Das ist ein Gebet-Schwur. Die Bedingungen sind folgende: wenn Gott mit mir sein wird, und mich auf diesem Weg, den ich gehe, behüten wird, und mir Brot geben wird, um zu essen, und Kleidung, um sie anzuziehen, und ich in Frieden in das Haus meines Vaters zurückkehre. Das ist die Bedingung! Was wird getan werden, wenn es so sein wird? Dann wird der HERR mir Gott sein, und dieser Stein, den ich hier hingelegt habe, wird ein Haus Gottes sein, und von allem, was Du mir geben wirst, werde ich den Zehnten absondern.
Schauen wir uns das Wesen des Handels an. Und wenn es kein Behüten gibt? Wenn es Jaakow nicht gelingt, in das heimatliche Land zurückzukehren? Wenn er nicht immer Brot haben wird und nicht immer Kleidung haben wird? Wird der Höchste dann sein Gott sein? Wird Jaakow den Zehnten absondern? Worin besteht das Wesen des Schwurs, und wozu dem Höchsten schwören? Warum konnte man nicht einfach sagen: „HERR, ich gehe ins Unbekannte, ich gehe einen unbekannten Weg! Hab Erbarmen mit mir! Behüte mich! Gib mir Brot, um zu essen, Kleidung, um sie anzuziehen, und bring mich zurück in das Haus des Vaters.“ Warum muss man sich durch einen Schwur binden? Wozu braucht der Höchste den Zehnten Jaakows? Wenn mir jemand sagt: „Alex, wenn du mir hundert Schekel gibst, gebe ich dir zehn von diesen hundert“, – ein sehr seltsamer Handel, auf den ersten Blick.
Wozu braucht man den Schwur? Und worin besteht das Wesen des Schwurs? Und worum bittet Jaakow hier?
Das Gebet Jaakows ist als Gebet, so scheint es, sehr einfach. Gib mir Brot zu essen und Kleidung anzuziehen, und bring mich in Frieden nach Hause zurück. Ein einfaches Gebet, das nicht alle zu beten verstehen. Wir bitten den Höchsten oft und bekommen das, was uns unbequem ist, das, was wir nicht wollen. Was soll man machen? Brot ist da, aber keine Zähne, um es zu essen. Manchmal ist Geld da, viel Geld, aber die Gier erlaubt nicht, es auszugeben. Manchmal hat man Geld ausgegeben und sich etwas gekauft, aber die Gier erlaubt nicht, Freude an diesem Etwas zu haben, das du gekauft hast. Die Gier sagt: „Warte auf eine passende Gelegenheit, warte auf ein Fest, um diese Kleidung anzuziehen, warte auf teure Gäste, um von diesem Service zu essen, warte, beeil dich nicht, wann wirst du das noch einmal haben.“ Du hast es scheinbar gekauft, aber dein ganzes Leben lang nicht benutzt. Jaakow bittet um eine sehr einfache und weise Sache. Gib mir Brot und Kleidung, aber so, dass ich Freude an ihnen habe. Brot, damit man es ruhig essen kann und nicht daran denkt, wie viel ich dafür ausgegeben habe und wie viel jeder Bissen kostet. Kleidung, damit man sie ruhig anziehen kann, ohne Angst, dass ich sie irgendwo schmutzig mache, dass sie irgendwo nicht meinem Stand entspricht, dass ich irgendwo Angst haben werde, in so sauberer Kleidung irgendwohin geraten zu sein, wo ich nicht hingehöre. Wie einmal mein hebräischsprechender Sohn sagte: „Ich habe auf dem Spielplatz ein Mädchen getroffen, sie heißt Lassdas.“ So hat er verstanden, dass das Mädchen auf Russisch Lassdas heißt, weil man ihr die ganze Zeit genau das sagte. Und ein Mensch kann, wenn er etwas hat, wenn er sich selbst irgendein weißes Kleid angezogen hat, zu sich sagen: „Lass das“, und sich selbst Lassdas nennen. Jaakow braucht das eben nicht. Jaakow bittet um sehr einfache Dinge. Wir bitten den Höchsten einfach um Brot und Kleidung.
Wozu muss man schwören? Es gibt auch andere Schwüre in der Schrift. So zum Beispiel im einundzwanzigsten Kapitel des Buches Bemidbar, als der Kanaaniter, der König von Arad, versucht anzugreifen und Israel angreift und viele Gefangene nimmt, steht geschrieben:
וַיִּדַּר יִשְׂרָאֵל נֶדֶר לַיהוָה וַיֹּאמַר אִם-נָתֹן תִּתֵּן אֶת-הָעָם הַזֶּה בְּיָדִי וְהַחֲרַמְתִּי אֶת-עָרֵיהֶם׃
wajiddár jisraél néder ladonáj wajomár im-natón tittén et-ha'ám hassé bejadí wehacharamtí et-arehém.
2 das ganze Volk Israels schwor dem HERRN einen Schwur und sagte: „Wenn du dieses Volk in meine Hände gibst, werde ich alle ihre Städte mit dem Bann belegen.“
Alles, was ich nehme, alles wird Dir gehören. Keine Beute werde ich für mich nehmen. Alles wird Dir geweiht sein. Wieder: HERR, willst Du mir den Sieg geben? Gib ihn. Willst Du mir den Sieg nicht geben? Nun, was soll man machen! Es steht mir nicht zu zu siegen. Versuchen wir etwa, den Höchsten mit dem Besitz dieser Städte zu bestechen, die Er auch so, wenn gewollt, diese Menschen hätte wegnehmen können. Ach was! Die ganze Welt gehört Ihm.
Noch ein Beispiel für einen Schwur – Channa (1 Schmu'el 1,11) Channa hat keine Kinder, sie kommt, um vor dem Höchsten zu beten, und bittet auch ihn mit einem Schwur.
וַתִּדֹּר נֶדֶר וַתֹּאמַר יְהוָה צְבָאוֹת אִם-רָאֹה תִרְאֶה בָּעֳנִי אֲמָתֶךָ וּזְכַרְתַּנִי וְלֹא-תִשְׁכַּח אֶת-אֲמָתֶךָ וְנָתַתָּה לַאֲמָתְךָ זֶרַע אֲנָשִׁים
wattiddór nedér wattomár adonáj zwa'ót im-ra'ó tir'é ba'ani amatécha us'chartáni welo-tischkách et-amatécha wenatátta la'amatécha séra anaschím
11 und sie schwor einen Schwur und sagte: „HERR Zwaot. wenn du das Leiden deiner Magd siehst, und du dich an mich erinnerst, (das heißt, ich werde in deinen Plan einbezogen sein), und mich nicht verstößt, und deine Magd nicht vergisst, und du deiner Magd Samen von Menschen gibst,
Das heißt, du lässt mich einen Sohn gebären.
וּנְתַתִּיו לַיהוָה כָּל-יְמֵי חַיָּיו וּמוֹרָה לֹא-יַעֲלֶה עַל-רֹאשׁוֹ׃
wenatattíw leadonáj kol-jeméjIn der russischen Umschrift fehlt am Anfang von jeméj („Tage“) der J-Laut. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. chajáw umorá lo-ja'alé al-roschó
ich werde ihn dem HERRN weihen alle Tage seines Lebens, und kein Schermesser wird über seinen Kopf gehen“.
Wieder bittet Channa den Höchsten: „HERR, hab Erbarmen mit mir, sieh mein Leiden an. Sieh doch, vor Dir stehe ich, eine einfache israelitische Frau, die doch nichts weiter will, als einen Sohn zu haben, wie alle Frauen. Hab Erbarmen mit mir, gib mir ein Kind.“ Wozu ist der Schwur nötig, wozu muss man dieses Kind dem Höchsten weihen? Und, was das Wichtigste ist, warum wirken diese Schwüre, warum antwortet der Höchste, wenn wir Ihn mit einem Schwur bitten? Oder warum werden Gebete mit Schwüren vom Höchsten öfter angenommen? Warum sind sie für den Höchsten wichtiger?
Auch für David waren Schwüre wichtig. Wie wir lesen, sagt David im 22. Psalm:
הַצִּילָה מֵחֶרֶב נַפְשִׁי מִיַּד-כֶּלֶב יְחִידָתִי׃
hazzíla mechérew nafschí mijad-kélew jechidatí
21 rette meine Seele vor dem Schwert, vor dem Hund rette meine Jechida
Jechida – das ist eine höhere Stufe der Seele.
מֵאִתְּךָ תְהִלָּתִי בְּקָהָל רָב נְדָרַי אֲשַׁלֵּם נֶגֶד יְרֵאָיו׃
me'ittchá tehillatí bekahál ráw nedaráj aschallém negéd jere'áw
26 von dir – alles, was ich habe, alles, wofür ich gerühmt werde, – das ist deine Herrlichkeit. in der riesigen Versammlung der Menschen werde ich meine Gelübde erfüllen.
Und bei David gibt es noch sehr viel über das Erfüllen der Gelübde. Und im 50. Psalm lesen wir:
זְבַח לֵאלֹהִים תּוֹדָה וְשַׁלֵּם לְעֶלְיוֹן נְדָרֶיךָ׃
swách le'elohím todá weschallém le'eljón nedarécha
14 bring dem HERRN ein Opfer der Dankbarkeit und erfülle deine Gelübde vor dem Höchsten.
Weiter im 56. Psalm:
בֵּאלֹהִים בָּטַחְתִּי לֹא אִירָא מַה-יַּעֲשֶׂה אָדָם לִי׃
be'elohím batáchti lo irá ma ja'assé adám li
12 ich vertraue auf Gott und fürchte mich nicht, was wird mir ein Mensch tun?
עָלַי אֱלֹהִים נְדָרֶיךָ אֲשַׁלֵּם תּוֹדֹת לָךְ׃
aláj elohím nedarécha aschallém todót lách
13 auf mir, HERR, sind deine Gelübde, ich schulde dir Gelübde, ich habe dir in Gelübden geschworen, ich werde dir Dank erstatten.
Hier sagt David noch eine erstaunliche Sache, dass Schwüre vor dem HERRN, Gelübde für den HERRN, sie – ein Schutz sind und ihm helfen, die göttliche Gegenwart zu spüren und sich nicht vor Menschen zu fürchten. Und was ist das, ein Gelübde? Wir sagen das Wort Schwur, aber hier ist es richtiger, Gelübde zu sagen. Was bedeutet dieses Gelübde? Wir sehen, dass auch Jaakow, der sagt: „Ich werde Dir den Zehnten geben. Du wirst mir der Höchste sein, Du wirst mein Gott sein.“ Das bedeutet nicht, dass Gott ihm vorerst nicht Gott ist, dass der HERR ihm vorerst nicht Gott ist, dass er nicht vorhat, den Zehnten einfach so zu geben. Er sagt: „Wenn ich nach Hause zurückkehre, werde ich bezeugen, dass das von Dir ist. Ich werde bezeugen, dass das Dein Plan ist, dass das – ein Erweis Deiner Herrlichkeit ist. Und dieser Zehnte wird in der Welt nicht wie eine Bestechung für Dich sein. Er wird ein Zeugnis Deiner Verherrlichung sein, mein Zeugnis, dass nicht ich das getan habe, sondern Du.“ Jaakow sagt vor dem Höchsten: „Ich kann nichts, tu Du es.“ Und die Erfüllung seines Gebets bindet er zu einem Knoten mit etwas Ewigem, mit etwas, das der Ewigkeit gehört. Das heißt, meine Rückkehr nach Hause wird nicht nur für mich Bedeutung haben, sondern auch für etwas Ewiges. Sie wird für die Herrlichkeit Gottes etwas bedeuten. Der Schwur ist eine Verpflichtung des Menschen, ein Zeugnis des Menschen, dass das, worum er bittet, die Herrlichkeit Gottes auf der Erde offenbaren wird.
Genauso auch das, was Israel schwört, indem es sagt: „Wir werden alle diese Städte mit dem Bann belegen. Alle werden sehen, dass wir das nicht getan haben, um diese Städte zu plündern, sondern um Dich zu verherrlichen. Damit es nicht ein augenblickliches Ereignis ist, sondern ein ewiges Ereignis. Damit sich an uns die Herrlichkeit Gottes offenbart.“
Und genauso der Schwur Channas. Channa sagt: „Ich werde dieses Kind in das Haus geben, wo man dem Ewigen dient. Er wird dem Ewigen gehören. Das, worum ich bitte, darum bitte ich nicht nur für mich, ich bitte auch für die Ewigkeit. Um eine Spur in der kommenden Welt zu hinterlassen, zur Verherrlichung Gottes auf dieser Erde.“
Und alle Gelübde, alle Gebete, von denen David spricht, sind auch mit der Verherrlichung des Höchsten verbunden, der Verherrlichung Seines Namens. David spricht ständig davon: „Ich werde Dich verherrlichen, ich werde von Dir erzählen. Alles, was Du mir tun wirst, meine ganze Herrlichkeit – das ist Deine Herrlichkeit, und ich werde Sie verkünden. Ich werde für Deine Herrlichkeit handeln.“
Sehr wichtig ist es, für die messianischen Gläubigen, für diejenigen, die das Gebet im Namen Jeschuas praktizieren, zu sagen: Genau diese Worte, die wir am Ende sagen: „Im Namen von Jeschua haMaschiach“, – das sind keine Zauberworte, nicht irgendein Zauberpasswort, das unserem Gebet einen Passierschein in den Himmel gibt. Genau damit sagen wir, dass das, worum wir bitten, wir nicht nur für uns erbitten, sondern auch zur Verherrlichung des Namens von Jeschua Maschiach. Wenn Du mir das gibst, dann werde ich den Namen von haMaschiach Jeschua verherrlichen. Dafür bitte ich darum. Im Namen der Erfüllung jener Mission (die Völker zu Jüngern zu machen), die der Maschiach uns gegeben hat. Im Namen dessen, dass die Völker haMaschiach erkennen. Dafür fügen wir diese Worte hinzu. Das ist auch eine Art Gelübde. Ein Gelübde und nicht ein Passwort, mit dem wir ohne Anstehen hineinkommen, sozusagen. Und das verleiht natürlich unseren Gebeten Kraft, wie wir gesehen haben, dass ein Gelübde den Gebeten Kraft verleiht. Aber wir müssen verstehen, damit das keine leeren Worte sind, damit das kein falsches Gelübde ist, müssen wir wirklich verstehen: Wo ist das, worum wir bitten? Wo gibt es darin Raum für die Verwirklichung des göttlichen Plans? Wo ist das wirklich in Seinem Namen? Wir kommen mit Seinem Namen und bitten in Seinem Namen um etwas. Werden wir uns Seiner nicht schämen, wenn Er erfährt, dass wir darum in Seinem Namen gebeten haben? Auch daran muss man ständig denken. Und mit diesen Worten muss man vorsichtig umgehen, wie mit jedem Gelübde.
Über das Gebet zu sprechen ist eine undankbare Sache. Ein sehr schwieriges Thema. Ein sehr schmerzhaftes Thema für viele Menschen, die jahrelang beten, weil wir wissen, dass es sehr viele unbeantwortete Gebete gibt, es gibt sehr viele Gebete, die ohne Antwort bleiben. Und es gibt viele verschiedene, gut gebaute und schön ausgedachte Erklärungen, warum Gebete ohne Antwort bleiben. Man kann sagen: „Papa sagt nicht immer ‚ja‘! Papa kann ‚nein‘ sagen!“ Papa kann „nein“ sagen. Aber so oft? Man kann sagen, in Wirklichkeit gibt uns der Höchste nicht das, was wir wollen, sondern das, was wir brauchen. Gut, wunderbar, eine berechtigte Bemerkung. Aber wozu fragt Er uns dann nach dem, was wir brauchen? Wozu schütten wir vor Ihm das Herz aus? Wozu schütten wir vor Ihm die Seele aus? Viele verschiedene Erklärungen, und sie stellen den Menschen nicht zufrieden, weil ich vom Standpunkt des Verstandes aus erklären werde, aber der Mensch, auf dessen Gebet der Höchste nicht antwortet, empfindet das mit seinen Gefühlen. Der Verstand kann es den Gefühlen nicht erklären. Das sind verschiedene Sprachen, das Gespräch läuft in verschiedenen Sprachen. Und dieses Gefühl der Bitterkeit, der Enttäuschung, der Unzufriedenheit über ein unbeantwortetes Gebet ist allen bekannt.
Der Talmud sagt, dass es drei Probleme gibt, unter denen der Mensch täglich leidet. 1) Das ist das Nachdenken über die Sünde. Es vergeht kein Tag, ohne dass sich über irgendetwas irgendein aufrührerischer Gedanke einschleicht. 2) Das ist die üble Nachrede. Wenn der Mensch nicht stumm ist und mit Menschen spricht, passiert es ihm fast täglich, über jemanden etwas Schlechtes zu sagen. 3) Und das sind die Gedanken des Gebets. Die Gedanken des Gebets kann man so verstehen, dass wir, wenn wir beten, irgendwohin schauen, wo wir nicht hinschauen sollten, der Wind trägt uns fort, und wir sind nicht dort, wo wir beten, unsere Gedanken sind nicht dort. Aber noch ein Verständnis der Gedanken über das Gebet – das ist die Trauer über ein unbeantwortetes Gebet. Ich habe mich doch so bemüht, ich habe alles so dargelegt, ich brauche das wirklich so sehr, ich will das so sehr, das ist so wichtig, nicht einmal für mich. Und wir beten für sehr wichtige, für sehr tragische Situationen, für das Überleben von Kindern, für die Rettung von Familien, und wofür nicht alles, und groß ist die ständige Enttäuschung. Und wie der Talmud sagt: „Das ist dem Menschen eigen – täglich von unerfüllten Gebeten enttäuscht zu werden. Bitterkeit darüber zu empfinden, dass Gebete sich nicht erfüllen, keine Antwort finden.“ Wenn wir die Antwort auf unsere Gebete mit der Ewigkeit verbinden, wenn wir wirklich bereit sind, den Empfang einer Antwort auf unsere Gebete mit der Ewigkeit zu verbinden, wird die Antwort auf unsere Gebete in den Bereich der Ewigkeit verlegt, und dann wird die Antwort nicht immer augenblicklich sein. Die Antwort kann, man kann es so sagen, in historischen Maßstäben sein. Das tröstet nicht, aber es beginnt zu trösten, wenn du wirklich den Akzent auf die Herrlichkeit Gottes legst, die in deinem Gebet ist.
Wir haben im vorigen Wochenabschnitt gelesen, als Esaw hörte, dass man ihm den Segen weggenommen hatte, schrie er einen großen Schrei. Der Schrei – das ist auch ein Gebet zum Höchsten. Der Midrasch sagt: „Der Höchste hörte diesen Schrei Esaws, und die Vergeltung an Israel kam später, in den Tagen von Purim, als Mordechaj hörte und einen großen Schrei schrie wegen der Bedrohung des Volkes Israel.“
Die Kommentatoren sagen, als Sara Hagar bedrückte und Hagar zum Höchsten schrie, hörte Er ihren Schrei, und die Nachkommen Jischmaels bedrückten das Volk Israel. Das sind Midraschim, die sagen: „Kann sein, dass unser Gebet jetzt nicht erhört wird?“ Möglicherweise wird das Gebet um die Heilung dieses konkreten Kindes für die Heilung eines anderen Kindes wirken. Aber beim Höchsten bleiben keine Gebete ohne Antwort. Wenn wir uns wirklich daran gewöhnen, wenn wir es schaffen, uns daran zu gewöhnen (und ich bin noch nicht am Ende dieses Weges), wenn wir lernen, nicht nur um genau diese Heilung zu beten, sondern auch um die Herrlichkeit Gottes, die sich durch die Heilung offenbart, dann wird auch die Heilung eines anderen Kindes zum Teil eine Antwort auf unsere Gebete sein. Nein, das nimmt die Bitterkeit darüber nicht weg, dass das Gebet nicht beantwortet ist. Das nimmt die Bitterkeit über den Tod, Gott bewahre, oder über die Krankheit eines Kindes nicht weg. Aber das gibt Trost für die Ewigkeit.
In der Geschichte unserer Erzväter, die so ausführlich im Buch Bereschit erzählt wird, gibt es etwas Erstaunliches. Das sind die unfruchtbaren Mütter. Der Midrasch Pessikta sagt dazu Folgendes: „Sieben unfruchtbare Frauen: Sara, Riwka, Rachel, Lea, Channa, die Frau Manoachs (die Frau Manoachs ist, wie wir uns erinnern, – die Mama von Schimschon, auch sie hatten lange keine Kinder) und Zijon. Zijon ist in diesem Fall – Jeruschalajim, das oft mit einer unfruchtbaren Frau verglichen wird. Ringsum gibt es doch, so scheint es, so viele gesunde Frauen? Esaw heiratet, und seine Frauen gebären, Jischmael heiratet, und seine Frauen gebären. Aber kaum nimmt Jizchak oder Jaakow oder Awraham eine Frau, erweisen sich diese Frauen als unfruchtbar. Und das ist ein großes Rätsel, sogar in Bezug auf Lea ist gesagt: „Und Gott sah, dass Lea – verachtet war, und öffnete ihren Mutterleib.“ Das heißt, auch Lea brauchte das göttliche Eingreifen, um zu gebären.
Was geschieht? Warum gibt es im Haus Jaakows, im Haus Awrahams, im Haus Jizchaks unfruchtbare Frauen? Wenn ihr zu einem Rabbiner oder zu einem Pastor kämt, würde man euch sagen: „Grabt, grabt in euren Sünden. Prüft euch selbst. Vielleicht ist irgendwo Kleinglaube bei euch. Vielleicht betet ihr irgendwo falsch, hebt die Hände falsch, oder lest die Schrift falsch, oder macht noch etwas anderes falsch. Der Dubnoer Maggid, Jaakow Kranz, ein Lehrer aus Dubno, der im 18. Jahrhundert lebte, gab folgende Erklärung: „Die Kinder unserer Erzmütter, die Kinder all dieser Frauen, von denen hier die Rede ist, müssen Kinder sein, die vom Höchsten erbetet wurden, geboren als Frucht von Gebeten, als Frucht von Wundern, nicht durch die Kraft der Biologie, die Neigung der Frau zum Gebären. Sie sind Kinder Jaakows, nicht Enkel Lawans, sie sind durch ein Wunder geboren. Jizchak ist nicht Terachs Enkel, weil er durch ein Wunder geboren ist. Es gibt ein göttliches Eingreifen dazwischen, das gleichsam die genealogische Kette zerreißt, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zerreißt. Es geschieht ein Neustart des Stammbaums oder ein Zurücksetzen des Stammbaums auf die Einstellungen des Herstellers. Und der Stammbaum Jizchaks ist von Awraham und nicht von Terach. Der Stammbaum der Söhne Jaakows ist nicht von Lawan, sondern von Lea und von Rachel.
Das Gebet ist nötig, um ein Wunder zu erwecken. Man kann natürlich sagen: „Ach, wenn es mir zusteht, bekomme ich es. Wenn es mir nicht zusteht, bekomme ich es nicht. Wozu soll ich überhaupt beten?“ Wenn wir irgendwo arbeiten, erwarten wir, dass das Gehalt auf unser Konto eingeht. Der Chef erwartet nicht, dass wir das Gehalt abholen kommen. Wozu braucht er das? Das nennt man Prozesse einrichten, damit das Gehalt zur richtigen Zeit auf unserem Konto eingeht und wir den Chef nicht stören. Unser Chef will, dass man Ihn stört, will, dass wir verstehen, dass das, was wir bekommen, – Sein Geschenk ist, Seine Gnade, ein Erweis Seiner Gnade. Wenn wir zu Ihm beten, sind gerade jene Gelübde, von denen hier die Rede ist, auch die Verheißung dessen, dass unsere Begegnung mit Ihm, unser Umgang mit Ihm eine übernatürliche Natur hat. Es gibt einen bekannten Witz in verschiedenen Formen über einen Menschen, der einen Parkplatz sucht und sagt: „HERR, wenn Du mir hilfst, einen Parkplatz zu finden, dann werde ich … Ach, da, entschuldige, gefunden!“ Und das Wesen des Schwurs liegt gerade darin, dass wir sagen: „Wir können nicht finden. Das, was uns geschehen wird, werden wir nicht dem Zusammentreffen der Umstände oder unserem Glück zuschreiben. Wir wollen nichts als Frucht natürlicher weltlicher Ereignisse, eines natürlichen weltlichen Ereignisses bekommen. Obwohl die Ereignisse sich natürlich entwickeln werden, wollen wir das Wunder Deines Eingreifens in dem sehen, was mit uns geschehen wird.“ Die Erfüllung unseres Gebets wird vom Zusammenhang von Ursache und Wirkung abgekoppelt. Das ist es, was wir in unser Gebet einschließen, wenn unser Gebet, wie das Gebet Jaakows, wie das Gebet Channas und wie die Gebete, die wir gesehen haben, von einem Gelübde begleitet wird. Darin besteht das Wesen des Gelübdes.
Natürlich muss man verstehen, was wir versprechen und wie wir den Höchsten zu verherrlichen gedenken. Ein falsches Verständnis davon kann zu einem Unglück führen. Ein solches Unglück geschah mit Jiftach aus Gilad aus dem Buch Schoftim, der dem Höchsten versprach, im Falle eines Sieges das Erste, was ihm entgegenkommt, als Ganzopfer darzubringen. Wir wissen, was dort geschah. Die Tochter kam ihm entgegen. Ich habe zum Thema Jiftach ein eigenes Gespräch. Und hier sage ich nur, dass es wichtig ist zu verstehen, wie genau die Erfüllung unseres Gebets, die Antwort auf unser Gebet den Höchsten verherrlichen wird. Wie wir Ihn für die Erfüllung unseres Gebets verherrlichen werden. Damit es nicht so schrecklich wird.
Um mit einer optimistischen und fröhlichen Note zu schließen, erzähle ich einen jüdischen Witz. Ein bekannter Held jüdischer Witze ist Herschele Ostropoler. Herschele aus dem Städtchen Ostropol – eine Art jüdisches Gegenstück zu Iwanuschka dem Dummkopf oder Hodscha Nasreddin. Einmal fragte ihn der Rabbi: „Herschele, wie schaffst du es, mit einem so kurzen Gebet zu beten? Ich bin ein gelehrter Mensch, gebildet, ich lese besser als du. Und trotzdem brauche ich sehr viel Zeit, um das Gebet zu lesen. Wie bringst du es fertig, das so schnell zu tun?“ Und Herschele antwortete ihm: „Rabbi, Ihr seid ein vornehmer und bedeutender Mensch, Ihr habt viele Sorgen, um die Jeschiwa, um die Gemeinde und um das Geld. Ich bin ein einfacher Mensch, und ich komme zum Höchsten und sage zu Ihm: ‚Vater, ich bin ein Tölpel. Was soll man mit mir schon machen? Segne meine Frau und meine Ziege, und ich werde Dich durch sie verherrlichen.‘“
Man kann es auch so, man kann mit einem sehr einfachen Gebet, mit sehr einfachen Dingen den Höchsten verherrlichen. Frieden mit der Frau, Freude am Umgang mit der Frau, Einkommen, Wohlstand aus einer einfachen Wirtschaft, von einer Ziege, können auch den Höchsten verherrlichen. Das muss nicht etwas Grandioses sein. Man muss keine Angst haben, um irgendwelche einfachen alltäglichen Dinge zu beten und zu sagen: „Oh, wenn wir Ihn mit unserem Gebet nur verherrlichen sollen, dann nur im Festlichen, nur in etwas Großem und EinfachemSo steht es wörtlich im Original; gemeint ist vermutlich „in etwas Großem und nicht Einfachem“. Die Übersetzung folgt dem Wortlaut..“ Nein, es genügt, womit wir angefangen haben – Brot essen, Kleidung anziehen. Frau und Ziege auch, bitte schön, und auch wichtig. Das heißt, ein einfaches Gebet in den einfachsten Dingen, um das Einfachste, um das Wichtigste, um das Größte, um das Prächtigste, um das Nötigste, um alles, was wir wollen, aber zur Verherrlichung des Höchsten. Darin besteht das Wesen des Gelübdes.
Das war ein Gespräch über das Gebet Jaakows und überhaupt über Gebete und Schwüre.
Der Wochenabschnitt Wajeze beginnt damit, dass der Stammvater Jaakow, Jaakow Jizchakowitsch, aus dem Elternhaus hinausgeht, aus dem Elternhaus vor dem Zorn seines Bruders Esaw flieht. In gewissem Maße ist das eine Antithese zu dem, was im Wochenabschnitt Lech lecha geschieht, als der Höchste zu Awraham sagt: „Geh aus dem Haus deines Vaters, aus deiner Heimat, geh aus deinem Land.“ Und hier geht Jaakow auch aus seinem Land, aus dem Haus seines Vaters, nicht auf Geheiß des Höchsten, aber nach dem Plan des Höchsten, das heißt, das ist das verborgene lech lecha Jaakows. Er geht scheinbar aus dem verheißenen Land, und nicht in das verheißene Land. Und natürlich wird er auf diesem Weg von vielen Zweifeln überwältigt, bestürmt. Und wenn Esaw ihm nachjagt und ihn tötet? Und wenn ihn für seine Unwahrheit irgendeine Strafe ereilt? Er ist vielleicht zum ersten Mal allein. Wenn Esaw ein Jäger ist, ein Mensch, der gewohnt ist, allein zu bleiben, dann ist Jaakow ein Mensch, der in Zelten lebt. Und vielleicht ist er zum ersten Mal allein mit sich selbst, aus dem Haus des Vaters hinausgegangen. Man kann sich vorstellen, was in seiner Seele vorgeht. Das ist es, was uns die Tora über diese Ereignisse erzählt:
וַיֵּצֵא יַעֲקֹב מִבְּאֵר שָׁבַע וַיֵּלֶךְ חָרָנָה׃
wajeze jaakow mibbe'er schawa wajelech charana
10.Und Jaakow ging aus Be'er-Schewa hinaus, und ging nach Charan.
וַיִּפְגַּע בַּמָּקוֹם
wajifga bammakom
11 Und er kam an einen Ort
Bei diesen zwei Wörtern lohnt es sich innezuhalten. Wajifgá bammakóm – kann man sagen und er fand sich an irgendeinem Ort wieder. Und meistens wird es auch so übersetzt. Obwohl das die unzutreffendste von allen Übersetzungen ist. Das Verb wajifgá bedeutet auf etwas stoßen, gegen etwas schlagen, in etwas treffen. Zum Beispiel paga bo – das bedeutet er hat ihn gekränkt oder er hat ihn getroffen. Nifga – das bedeutet er war gekränkt. Pigua bedeutet im modernen Hebräisch Terroranschlag. Bgia – das ist ein Treffer ins Ziel. Jaakow ist auf etwas gestoßen, ist etwas begegnet. Es ist sehr schwer, das auf einen Ort anzuwenden. Vielleicht ist Jaakow tatsächlich auf diesen Ort gestoßen, über diesen Ort gestolpert. Man kann es so verstehen, dass Jaakow an diesem Ort auf etwas Besonderes gestoßen ist. Viele verschiedene Schichten des Verständnisses, viele verschiedene Kommentare dazu.
Einige Kommentatoren sagen, dass wajifgá bedeutet und er betete. Warum? Warum bedeutet das Verb paga auch noch beten? Weil wir, wenn wir beten, die Begegnung mit dem Höchsten suchen, suchen, wie wir mit dem Höchsten zusammenstoßen können. Und deshalb ist das Verb tatsächlich auch in dieser Bedeutung anwendbar.
Also, Jaakow stößt auf einen Ort, findet sich an irgendeinem Ort wieder, über den die Tora, ohne ihn zu nennen, besonders spricht:
וַיָּלֶן שָׁם כִּי-בָא הַשֶּׁמֶשׁ
wajalen scham ki-wa haschemesch
und er übernachtete dort, denn die Sonne war untergegangen
Wieder halten die Kommentatoren hierbei inne und stellen sich die Frage: Wozu schreiben „er übernachtete dort, denn die Sonne war untergegangen“? Es ist klar, dass Jaakow irgendwo übernachten wird, wenn die Sonne untergeht“. Und die Kommentatoren erklären, dass der Höchste es so eingerichtet hat, dass die Sonne genau dann untergeht, wenn Jaakow an diesem Ort sein wird. Jaakow scheint es, dass er zufällig dort eingeschlafen ist, weil die Sonne untergegangen war. In Wirklichkeit überlegt der Höchste irgendwo dort: „Jaakow ist gekommen. Zeit für die Sonne unterzugehen, damit Jaakow hier übernachtet.“ Unsichtbar verwirklicht sich der Plan des Höchsten.
Die Tora beschreibt, wie er sich zum Schlafen bereit macht:
וַיִּקַּח מֵאַבְנֵי הַמָּקוֹם וַיָּשֶׂם מְרַאֲשֹׁתָיו וַיִּשְׁכַּב בַּמָּקוֹם הַהוּא׃
wajikkach me'awne hammakom wajassem mera'aschotaw wajischkaw bammakom hahu
er nahm von den Steinen, die an diesem Ort waren, und legte sie um den Kopf, und schlief an jenem Ort ein.
Drei Mal lesen wir das Wort makóm (Ort) in diesem Vers. Einige Kommentatoren sagen, dass makóm ein Hinweis auf den Ort ist, wo später der Tempel sein wird. Der Ort, den der Höchste erwählt hat.
Im 17. Vers lesen wir, dass Jaakow, als er den Ort verlässt, schon nach allem sagt:
וַיִּירָא וַיֹּאמַר מַה-נּוֹרָא הַמָּקוֹם הַזֶּה אֵין זֶה כִּי אִם-בֵּית אֱלֹהִים וְזֶה שַׁעַר הַשָּׁמָיִם׃
wajira wajomar ma-nora hammakom hasse en se ki im-bet elohimIn der russischen Umschrift steht im Wort elohim versehentlich ein Halbvokal statt des i. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. wese scha'ar haschamajim
17 und er erschrak, und sagte: „was für ein erstaunlicher, was für ein furchtbarer Ort ist das, das ist das Haus Gottes, das ist das Tor der Himmel“.
Nachdem Jaakow dort einen Traum sehen wird, wird er verstehen, dass das irgendein besonderer Ort ist, den man „Tor der Himmel“ oder „Haus Gottes“ nennen kann. Was sah Jaakow im Traum? Wahrscheinlich ist das einer der bekanntesten Träume in der Geschichte der Menschheit. Wie viele Träume gibt es, an die man sich nach einigen tausend Jahren erinnert?
וַיַּחֲלֹם וְהִנֵּה סֻלָּם מֻצָּב אַרְצָה וְרֹאשׁוֹ מַגִּיעַ הַשָּׁמָיְמָה וְהִנֵּה מַלְאֲכֵי אֱלֹהִים עֹלִים וְיֹרְדִים בּוֹ׃
wajachalom wehinnéDie russische Umschrift hat bei wehinné („und siehe“) eine Silbe zu viel. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. sullám muzzáw árza weroschó maggía haschamájma
12 und er sah einen Traum. Und siehe, eine Leiter steht auf die Erde (steigt auf die Erde herab), und ihr Kopf reicht bis an die Himmel.
Eine erstaunliche Konstruktion. Auf der einen Seite steigt sie auf die Erde herab, auf der anderen Seite reicht sie bis an die Himmel. Irgendwo haben wir davon schon gelesen, von einer sehr ähnlichen Konstruktion. Im 11. Kapitel des Buches Bereschit:
הָבָה נִבְנֶה-לָּנוּ עִיר וּמִגְדָּל וְרֹאשׁוֹ בַשָּׁמַיִם
HAWA NIWNE-LANU IR UMIGDAL WEROSCHO WASCHAMAJIM
4 „Lasst uns für uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze wird bis an den Himmel reichen“.
Tatsächlich begann der Babylonische Turm damit, dass die Bauleute die Idee eines Bauwerks hatten, das dieser Leiter sehr ähnlich war, die von der Erde bis zum Himmel reichen wird. Allerdings sollten auf diesem Bauwerk Menschen gehen und nicht Engel Gottes. Es gibt noch einige Unterschiede: Bei der Leiter Jaakows sehen wir, dass sie doch bis zum Himmel reicht und der HERR selbst über dieser Leiter steht, jedenfalls in einer der Lesarten. In Bezug auf den Babylonischen Turm sagt der Höchste: „Ich will doch hinabsteigen und nachsehen.“ Das heißt: „Ich will doch hinabsteigen und nachsehen, was sie da gebaut haben, das bis zum Himmel reicht. Vom Himmel aus sieht man es nicht so recht.“ Da habt ihr so eine Parallele.
Einerseits glaubten die Babylonier selbst, die Bewohner der Stadt Babylon, nicht daran, dass ihr Stadtname vom Verb bilbul (vermischen), kommt, sondern meinten, dass er bab el bedeutet – Tor der Götter, Himmelstor. Genauso wie Jaakow über seinen Ort sagte. Und sie bauten einen Turm, sie hatten eine Erinnerung an diesen Turm, der bis zum Himmel reichte, auf dem Menschen hinaufsteigen sollten. Andererseits Jaakow.
Einerseits ein Haufen gebrannter Steine, den die Bewohner Babylons für den Bau des Turms aufwenden wollten. Der Midrasch erzählt, dass sie diese gebrannten Ziegel so sehr schätzten, dass sie, wenn jemand während des Baus von der Leiter fiel, nicht sehr trauerten, aber wenn Ziegel herunterfielen, war das für sie eine echte Tragödie. Andererseits ist das, was Jaakow konstruiert hat, ein kleiner Steinhaufen. Aber er verbindet sich auf irgendeine Weise mit etwas, das bis zum Himmel reicht. Wenn wir den Traum Jaakows noch einmal lesen, kann man sagen, dort ist ein nicht sehr einfaches, nicht sehr verständliches und, wenn man es zu sagen wagt, nicht sehr korrektes Hebräisch. Ich habe darüber schon viele Male gesprochen. Er schlief ein, und siehe, eine Leiter. Man kann sagen, er fühlte sich selbst als Leiter. Er träumt, dass er eine Leiter ist, auf der (auf ihm, auf Jaakow) Engel hinauf und hinab gehen. Gerade der Mensch kann zu einer Leiter werden, die das Himmlische und das Irdische verbindet. Bearbeitete Steine sind ein Symbol industrieller Errungenschaften, ein Symbol der Produktionskraft des Menschen. Die Steine, die Jaakow sammelt, sind unbearbeitete, unbehauene Steine, aus solchen kann man dem Höchsten einen Altar bauen. Und ein kleiner Steinhaufen, und die Fähigkeit, den Himmel zu erreichen. Ein großer Haufen bearbeiteter Ziegel, zu dem der Höchste hinabsteigt, um nachzusehen, was dort ist und wie es dort ist.
Die Babylonier bauten ihren Turm, um sich nicht über die Erde zu zerstreuen. Der Höchste zerstreute sie zur Strafe über die Erde. Bei der Verheißung an Jaakow sagt der Höchste einerseits: „Ich werde dich in dieses Land bringen“, und sagt andererseits: „Und du wirst dich ausbreiten.“ Das schon nicht als Strafe, sondern als Segen. „Und du wirst dich nach allen Seiten ausbreiten.“
Worin besteht das Geheimnis dieser Leiter Jaakows? Warum erweist sie sich als Projekt erfolgreicher als der Babylonische Turm. Möglicherweise gerade in den Steinen. Das erste Mal, wenn wir von den Steinen lesen, lesen wir, dass Jaakow von den Steinen nahm, die an diesem Ort waren, und sie sich zu Häupten legte. Dann lesen wir davon, dass der Stein gleichsam zu einem Stein wurde. Der Midrasch geht daran nicht vorbei und sagt, dass es mehrere Steine sind, die zu einem zusammengewachsen sind.
Und manche sagen: „Das sind 12 Steine, 12 Stämme, die sich zu einem Volk verbunden haben.“ Einerseits hegt und erzieht der Höchste ein Volk. Andererseits sorgt der Höchste für die Erhaltung jedes einzelnen der Stämme. Alle diese Völker haben ihre Individualitäten. Sie wachsen zu einem Stein zusammen, verbinden sich zu einem Volk, aber verlieren ihre Eigenart nicht. Die Menschen werden Teil eines Volkes, ohne neue, irgendwelche erneuerten Sowjetmenschen zu werden, die ihren Charakter behauen müssen und nur behauen zusammenkommen. Sondern die Menschen, einfache, unbehauene Steine, wachsen zu einem Stein zusammen und bewahren dabei ihre Individualität. Wenn man das auf die Sprache des Essens überträgt, kann man irgendein Gericht wie Borschtsch und Pilaw nehmen, das aus vielen Komponenten besteht, jede Komponente kann man herausschmecken. Wenn man das durch einen Mixer lässt, „püriert“, dann wird das ein völlig anderes Produkt. Israel ist ein Gericht, das von den Geschmäckern all seiner Bestandteile durchdrungen ist. Das ist es, worauf der Höchste Jaakow vorbereitet. Das ist das, was zu einer Leiter wird, die bis zum Himmel reicht. Eine Gemeinschaft von Menschen, vereint zu einem einzigen Ganzen, aber mit verschiedenen Individualitäten, wo jeder er selbst bleiben kann. Wo jeder seine Individualität bewahren und seine Individualität entfalten kann. Der Höchste hat die Vielfalt der Menschen geschaffen. Wir sind alle verschieden. Jeder von uns hat seine Talente, seine Fähigkeiten, seine Lichtwellen, die wir in dieser Welt entfalten. Bei unserer Vereinigung zum Volk Gottes „normiert“ uns der Höchste nicht, macht uns nicht zum Durchschnitt, sondern will, dass wir uns zu einem Volk vereinen, mit einem einzigen Ziel, mit einem einzigen Dienst, mit dem Dienst für den einen Gott. Jeder in seiner Sprache, jeder mit seinen Instrumenten, jeder mit seinen Gefäßen. Und auf der Ebene der Menschheit ist das der Lobpreis in allen Sprachen. Der Höchste will, dass es auch in den Sprachen irgendwelcher kleiner Völker Lobpreis für Ihn gibt. Dass jeder Mensch (es gibt keinen großen und kleinen Menschen) mit seinen Instrumenten, mit seinen Gefäßen Ihn preist. Und darin liegt der Hauptunterschied der Leiter Jaakows vom Babylonischen Turm.
Der Babylonische Turm ist eine Gemeinschaft von Menschen, die man gezwungen hat, eine Gemeinschaft zu sein. Die man behauen und gebrannt hat wie Ziegel, damit sie leicht aneinander passen. Dort ist die Individualität verloren. Die Individualität ist der Einheit zum Opfer gebracht. Die Leiter Jaakows ist als eine Leiter gedacht, in der jeder Mensch eine Leiter ist, auf der seine eigenen Talente, Fähigkeiten, Wünsche nach oben steigen und gesegnet, geheiligt vom Schöpfer herabsteigen. Und das ist es, was das Volk Israel vereinen wird. Das, was gerade Menschen Gottes vereint. Denn Gott ist ein Gott nicht der Einförmigkeit, nicht irgendeiner eintönigen Ordnung, sondern ein Gott der Vielfalt, der Harmonie schafft. Das ist eine Besonderheit der Handschrift des Höchsten. Und das ist es, wohin Er uns führt.
Versuche, mit einem Menschen zusammenzuwachsen, der nicht so ist wie du, indem du die fremde Individualität annimmst. Versuche, in einer Gemeinschaft von Menschen zu sein, von denen jeder besonders ist, jeder nicht so ist wie du, vielleicht nicht so gekleidet ist, wie es dir gefällt, nicht so denkt, wie es dir gefällt. vielleicht nicht ganz so glaubt, wie es dir gefällt, und nicht ganz so spricht, wie es dir gefällt. Der Höchste sammelt diese Steine, und sie müssen sich zu einem Volk vereinen. Das ist das Wunder, das der Höchste Jaakow lehrt. Die allererste Offenbarung an ihn, als er gerade erst aus dem Land hinausgeht. Natürlich gibt es hier auch die Verheißung: „Ich werde mit dir sein.“ Und wenn wir irgendeinen Menschen ansehen, der nicht so ist wie wir, ganz und gar nicht so wie wir, ist es auch gut, daran zu denken, dass Gott mit ihm ist, Gott ihn führt. Und Jaakow, der aus dem Haus des Vaters ausgezogen ist, wird in diesem Moment vom Höchsten gleichsam adoptiert. Der Höchste offenbart sich ihm als Vater: „Ich bin der Gott Awrahams, deines Vaters, der Gott Jizchaks.“ Warum nicht „Jizchaks, deines Vaters“? Weil der Begriff Vater weiter wird. Der Höchste selbst wird gleichsam zum Vater Jaakows. Wir sind Seine Kinder und müssen Seine anderen Kinder annehmen, denn das ist unsere Familie. Wir sind eine Familie, wir sind nicht einfach eine Gesellschaft. Das ist der Unterschied vielleicht des künftigen Jerusalem von Babylon. Es lohnt sich immer zu prüfen: Was genau bauen wir eigentlich? Jerusalem oder Babylon?
Natürlich gibt es viele Sichtweisen, viele andere Kommentare zu diesem Traum Jaakows, sowohl in historischer als auch in psychologischer Hinsicht. Was für Kommentare sind in einigen tausend Jahren nicht alles erschienen, aber ich wollte heute gerade unter diesem Blickwinkel sprechen.
Heute werden wir mit euch über die Liebe zwischen dem Patriarchen Jaakow und einem Mädchen namens Rachel sprechen. Wir sprechen auch über einen Mord, obwohl es in unserem Wochenabschnitt in Wirklichkeit natürlich keinen Mord gibt.
Also, Jaakow flieht vor dem Zorn seines Bruders. Er flieht aus Be'er-Schewa in Richtung Charan. Und er gelangt nach Charan. Am Brunnen begegnet er seiner Verwandten, einem Mädchen namens Rachel, das mit dem Vieh zum Brunnen gekommen ist. Wir lesen, Folgendes sagt die Tora: wajischák jaaków lerachél (und Jaakow küsste Rachel), wajissá et-koló (und erhob seine Stimme) wajéwk (und weinte). So eine Begegnung war das zwischen ihnen.
Weiter lesen wir, dass Jaakow Rachel natürlich erzählte, wer er ist und woher. Die freudige Rachel läuft nach Hause und erzählt alles dem Papa. Und der freudige Papa (und Rachels Papa heißt Lawan, sie ist Rachel Lawanowna) lädt Jaakow zu sich ins Haus ein. Hier erfahren wir, dass Lawan noch eine Tochter hat. ulelawán scheté wanót (und Lawan hatte zwei Töchter) schem haggedolá leá (der Name der älteren Tochter – Lea) weschém hakketanná rachél (und der Name der jüngeren Tochter – Rachel).
Die Tora beschreibt die beiden Töchter Lawans. we'ené leá rakót (und Lea hatte weiche Augen). Wörtlich bedeutet das Wort rakot weich, aber es kann vieles bedeuten, wenn wir Augen beschreiben. Die Begriffe der alten Augenheilkunde sind uns schlecht bekannt, deshalb stützen wir uns auf die Kommentatoren, die sagen: „Lea war es gewohnt zu weinen, ihr wird alles unter Tränen zuteil. Sie sieht alles mit Mühe. Ihr ist nichts offensichtlich, und sie muss sich in allem erst zurechtfinden.“
Andere Kommentatoren sagen: „Lea hat ihr ganzes Leben lang geweint.“ Warum hat sie ihr ganzes Leben lang geweint? Weil von Anfang an, sobald die Mädchen geboren waren, die ältere, Lea, mit dem älteren Bruder Esaw verlobt wurde und die jüngere, Rachel, mit dem jüngeren Bruder Jaakow verlobt wurde. Das war üblich. Das ist eine Tradition, die in jenen Zeiten bekannt und verbreitet war. Und Lea weinte darüber, warum sie einem solchen Bösewicht zugefallen war. Sie weinte und betete vielleicht noch für Esaw. Es gibt sehr viele verschiedene Versionen. So oder so sagt die Tora hier, dass Lea irgendein Problem mit den Augen hat. Das ist in Wirklichkeit ein sehr ernstes Problem. Ein ernstes Problem, weil in der antiken Welt, und auch heute ist das offensichtlich, die Augen als Spiegelbild, als Leiter des inneren Lichts des Menschen galten. Und über ein Mädchen heißt es: Wenn eine Braut helle Augen hat, schöne Augen, muss man nichts weiter prüfen. Der Körper braucht keine Prüfung. Das heißt, bei ihr ist alles gut. Wenn es Probleme mit den Augen gibt, heißt das, man muss weiter graben und den Körper prüfen. Ein sehr schlechtes Zeichen in der Beschreibung eines Menschen, wenn man sagt, dass mit seinen Augen etwas ist.
Dagegen sagt die Tora über Rachel: werachél hajetá jefat-tóar (und Rachel war schön von Gestalt, schön von Figur) wifát mar'é (und schön von Angesicht). Nun, einfach ein Mädchen mit dem Aussehen eines Models. Rachel ist eine Schönheit wie gemalt, im wörtlichen Sinn des WortesIm Russischen heißt die Redewendung für „eine Schönheit wie gemalt“ wörtlich „eine geschriebene Schönheit“; „im wörtlichen Sinn“ spielt wohl darauf an, dass die Tora ihre Schönheit niederschreibt. Dieses Wortspiel lässt sich im Deutschen nicht nachbilden.. Das ist es, was die Tora hier sagt.
Weiter lesen wir: waje'eháw jaaków et-rachél (und Jaakow liebte Rachel) wajómer (und sagte zu Lawan, dem Papa der beiden Mädchen) e'ewódcha schéwa schaním berachél bitechá hakketanná (ich werde dir 7 Jahre um Rachel dienen, deine jüngere Tochter). Und noch weiter lesen wir: waja'awód jaakow berachél (und Jaakow diente um Rachel) schéwa schaním (7 Jahre) wajihjú we'enáw (und diese sieben Jahre waren in seinen Augen) kejamím achadím (wie gezählte Tage) be'ahawató otá (weil er sie liebte).
Eine solche Beschreibung der Beziehung zwischen Jaakow und Rachel lesen wir in unserem Wochenabschnitt. Man könnte meinen, die Geschichte ist einfach und banal, obwohl sie meiner Ansicht nach die schönste Beschreibung der Liebe eines Mannes zu einer Frau in sich enthält, als Jaakow 7 Jahre arbeitete, um Rachel zu verdienen, und diese 7 Jahre ihm wie ein Tag vorkamen. Wer ist heute bereit, 7 Jahre auf eine Braut zu warten, und erst recht 7 Jahre für sie zu arbeiten? Keine einfache Entscheidung. Heute keine einfache Entscheidung und in jenen Zeiten auch. Und nun lesen wir im 21. Jahrhundert diesen Text. Und diesen Text hat man im Laufe vieler, vieler Jahre gelesen. Und oft fiel es den Lesern, und die Kommentatoren sind ebenfalls Leser der Tora, schwer zu akzeptieren, dass Jaakow Rachel lieben kann.
Wenn man diesem Text zum ersten Mal im Cheder begegnet, wenn einem Jungen oder einem Mädchen, die diesen Text lernen (öfter einem Jungen, weil Mädchen das später lernen), mit 4–5 Jahren der Lehrer im Cheder vorliest und so sagt: „Und Jaakow küsste Rachel. Und erhob seine Stimme. Und weinte. In einer Aufwallung der Gefühle geschah es so, dass Jaakow sich nicht beherrschte und Rachel küsste und sogleich seine unbedachte Tat bereute. Wie kann man einfach so ein Mädchen nehmen und küssen? Wie kann man seinen menschlichen Gefühlen freien Lauf lassen? Deshalb weinte Jaakow sofort. Das sind Tränen der Reue.“ Das ist der erste Kommentar zur Tora, den ein gewöhnlicher jüdischer Junge hört. Jaakow kann nicht einfach seine entfernte Verwandte küssen, mag sie auch ein schönes Mädchen sein. Jaakow muss sie küssen und bereuen.
Warum weinte Jaakow? Auf diese Frage geben die Kommentatoren verschiedene Antworten. Die einen sagen: „Durch den Heiligen Geist sah Jaakow, dass sie – Rachel und Jaakow – nicht zusammen begraben sein werden. Er sah alles, was sie durchmachen werden, dass sie nicht zusammen begraben sein werden, und weinte deshalb.“ Andere sagen: „Jaakow weinte, als er sich mit Elieser verglich, dem Knecht Awrahams. Der Knecht Awrahams, Elieser, kam mit reichen Geschenken. Und einen Nasenring schenkte er, und Ohrringe, und vieles schenkte er, und Armreifen. Und Jaakow kam mit leeren Händen. ‚Wie sind wir doch heruntergekommen!‘ – weinte Jaakow.“
Und das, was geschieht, das, was wir in den Kommentaren sehen, wenn wir auf eine solche Auslegung stoßen, wenn unsere Kommentatoren versuchen, uns das zu erklären, dass wir plötzlich denken könnten, dass der Stammvater Jaakow irgendwelche menschlichen Gefühle hat. Er ist ein Gerechter, auf Schritt und Tritt begegnet er Engeln. Wie kann er einfach ein Mädchen küssen? Wie kann er einfach menschlich weinen? Und wenn wir weiter darauf stoßen, dass Jaakow Rachel liebte, über die gesagt ist, dass sie schön ist, werden uns ebenfalls allerlei Erklärungen dieser Erscheinung gegeben.
Die einen sagen: „Jaakow traf Rachel am Brunnen – das ist ein Zeichen vom Höchsten. Er sah sie am Brunnen, so wie damals seine Mama Elieser, den Gesandten ihres Bräutigams, am Brunnen traf. Das war ihm ein Zeichen. Er sah, dass das ein Zeichen von Gott ist, dass Rachel ihm vom Höchsten selbst bestimmt ist. Und deshalb liebte er Rachel auch.“
Andere sagen: „Die Mama unterwies ihn und sagte: ‚Wenn du am Brunnen ein Mädchen siehst, schön wie ich, sowohl von Gestalt als auch von Aussehen, dann sollst du wissen, das ist dein Mädchen.‘ Jaakow hat sie genau so erkannt und deshalb liebte er sie.“
Dritte Kommentatoren sagen: „Natürlich hätte Jaakow sich als Gerechter zuerst an die ältere Tochter wenden müssen, und die ältere Tochter lieben, und die ältere Tochter heiraten. Ein Gerechter kann doch nicht zu Lawan kommen und sagen: ‚Hör mal, ich weiß, dass du zwei Töchter hast, aber deine ältere ist für mich nicht schön genug, seht ihr. Ich will die jüngere heiraten. Mir hat deine kleine Jüngere gefallen.‘“ „Nein“ – sagen die Kommentatoren. Aber Jaakow fürchtete, dass, wenn er jetzt auch noch das Mädchen nimmt, das ursprünglich für Esaw bestimmt war, und wir haben von einer solchen Tradition gesprochen, Esaw dann nicht mehr die Trauer um den Vater abwarten, sondern, Gott bewahre, kommen und ihn töten wird. Denn wie lange kann Jaakow noch mit dem armen Esaw Schindluder treiben? Wenn Jaakow auch noch seine Braut nimmt, dann ist es um Jaakow schlecht bestellt. Und deshalb wirft Jaakow bescheiden nur auf Rachel ein Auge, und an Lea denkt er nicht einmal. Wiederum ist es schwer zuzugeben, dass Jaakow einfach die schöne Rachel liebte.
Andere sagen: „Wenn Jaakow sich doch an Lawan wendet und ihm sagt: ‚Ich will 7 Jahre um Rachel arbeiten, deine jüngere Tochter‘, dann sagt er: ‚Ich arbeite hier 7 Jahre für deine Geringe, denn sie ist gering, sie ist klein, sie ist unbedeutend, sie kommt billiger.‘“ Jaakow wirft ein Auge auf ein Mädchen, das er sich leisten kann. Und wir, mach mit uns, was du willst, werden nicht sehen, dass die Tora sagt, dass Rachel schön ist und Jaakow die schöne Rachel liebte. Wir werden Jaakow aller menschlichen Gefühle berauben. Komme, was wolle, wir werden aus ihm einen gerechten Menschen machen, bei dem alle Berechnungen nur heilig sind, und nichts Menschliches werden wir Jaakow lassen.
Im 22. Kapitel des Buches Schemot, im allerletzten Vers (er ist in manchen Übersetzungen 31, in manchen 30), sagt der Höchste: „Heilige Menschen sollt ihr Mir sein.“ Er hat schon heilige Engel. Ihr sollt heilige Menschen sein. Seid heilig zusammen mit euren heiligen menschlichen Eigenschaften, menschlichen Eigenschaften, die ihr heiligen werdet. Ihr könnt ein schönes Mädchen lieben. Ein Mädchen kann sich in einen schönen Jungen verlieben. Das ist normal. Das ist eine menschliche Eigenschaft. Diese menschliche Eigenschaft wird geheiligt werden. Aber wir wollen so sehr, dass ein Gerechter alles Menschlichen beraubt ist.
In Wirklichkeit führt diese Versuchung dazu, dass wir selbst oft alles Menschlichen beraubt werden. „Ich bin gläubig, und alles Menschliche ist mir fremd. Ich habe in der Jeschiwa gelernt. Ich habe die Smicha als Rabbiner. Und ich fühle nichts Menschliches. Ich stehe über all diesen Gefühlen. Über den Gefühlen meiner Kinder, über den Gefühlen meiner Frau. Und all diese ihre sentimentale, mädchenhafte Gefühlsduselei – das ist alles nichts für mich. Ich lerne hier Tora, rührt mich nicht an. Und rührt Jaakow nicht an, er ist in Wirklichkeit nicht so. Er hat nur heilige Berechnungen.“
Genau deshalb sage ich, dass Kommentatoren, Ausleger, Leser der Heiligen Schrift die Helden der Heiligen Schrift oft töten, indem sie ihnen nicht das Recht geben, Menschen zu sein. Indem sie Jaakow nicht das Recht geben, sich einfach in ein Mädchen zu verlieben. Indem sie ihm nicht das Recht auf Zweifel geben, auf einen Fehler, auf eine Aufwallung, auf einen Kuss oder auf das Weinen. Indem sie ihm das Recht nicht geben und sich selbst das Recht geben, nicht zu fühlen, nicht zu lieben, nicht zu weinen, nicht mitzuleiden, nicht empfindsam zu sein für die menschlichen Gefühle anderer. Wir machen aus Jaakow einen Engel, und wir spielen den Engel Alex, dem alles fremd sein wird, alles Menschliche, alles Sinnliche. Und er wird nur von aufgesetzter Heiligkeit leben. Aber, ich wiederhole es noch einmal, der Höchste sagt: „Und ihr sollt Mir heilige Menschen sein.“ Sei du zuerst ein Mensch, und dann sei heilig.
Es gibt natürlich Nuancen. Die Nuance besteht darin, dass die Geschichte, die mit dem verliebungsfreudigen, verliebten Jaakow geschah, auch mit uns geschehen kann. Sie geschieht mit uns auch. Jaakow entdeckte nach der Hochzeitsnacht plötzlich, dass, als die Zeit des Frühstücks kam, als das Mädchen gehen sollte, um dünne Fladen zu backen, Schafskäse, Kräuter zu schneiden oder irgendein anderes Frühstück aufzutragen, oder was für einen Morgen sie sonst hatten, und plötzlich Morgen, und da ist Lea, nicht Rachel, sondern Lea. Jeder Mensch, der eine Frau heiratet, jede Frau, die einen Mann heiratet, stößt darauf – dass es plötzlich nicht Rachel ist, es ist Lea; plötzlich ist es nicht Jaakow, sondern es sind die ein klein, klein wenig an Jaakow angeklebten Hände Esaws. Wir sahen das eine, aber als wir in eine nähere Beziehung traten, als sich das Verborgene öffnete, stellt sich plötzlich heraus, dass da ja auch noch Lea ist. Da kann sich auch noch Esaw irgendwo einschleichen. Gerade unsere menschlichen Eigenschaften, die wir heiligen, werden es uns erlauben, jenen Teil des Menschen, der uns nahesteht, anzunehmen, der der Berichtigung bedarf, vielleicht des Aneinander-Abschleifens, der nicht wie ein Model ist, der kein Model-Aussehen hat, nicht sofort einen Eindruck macht, der bis zur Ohnmacht der Verliebtheit führt. Diese Arbeit Jaakows und Leas, Jaakows und Rachels ist eine Arbeit für jeden von uns. Für Rachel und für Lea ist das auch Arbeit. Aber das Wichtigste für einen Menschen, der den Weg der Heiligkeit betreten hat, ist, ein Mensch zu bleiben. Damit es ein Mensch ist, der zur Heiligkeit geht, der nichts Menschliches in sich tötet, der es sich erlauben kann, sich in Rachel zu verlieben, um auch Lea lieb zu gewinnen, die da drinnen ist, um es sich vielleicht zu erlauben, die Schönheit derjenigen zu sehen, in die er verliebt ist.
Noch einmal, vielleicht zum tausendundersten Mal, erzähle ich, dass mir einmal in jungen Jahren ein Rabbiner sagte: „Suchst du etwa die schönste Frau der Welt, um sie zu heiraten?“ Ich sagte: „Na, warum eigentlich nicht?“ Er sagte: „Weil ich mit der schönsten Frau der Welt schon 20 Jahre verheiratet bin. Sie ist, entschuldige, vergeben.“ Das sind menschliche Gefühle, durch Heiligkeit geheiligt. Sich zu erlauben, ein Mensch zu sein, seine Frau für die schönste Frau der Welt zu halten, und sie zu lieben, und mit ihr die Heiligkeit zu bewahren. Und Jaakow zu erlauben, Rachel zu lieben, Rachel zu küssen, mit Rachel zusammen zu weinen. Jaakow zu erlauben, 7 Jahre für sie zu arbeiten, damit sie wie ein Tag vorbeilaufen. Jaakow zu erlauben, einfach zärtlich zu sagen: „Um Rachel, deine jüngere Tochter, geht es“, und nicht um sie zu feilschen. Sich zu erlauben, ein liebender, mitfühlender, mitempfindender Mensch zu sein.
Tötet Jaakow nicht, tötet unsere Patriarchen nicht, tötet David, Schlomo nicht, tötet Awraham und Jizchak nicht. Lasst uns in ihnen lebendige Menschen sehen.
In Bereschit (29,20) lesen wir: „Und Jaakow diente um Rachel 7 Jahre. Und sie waren in seinen Augen wie einige Tage, aus seiner Liebe zu ihr.“ Eine allen wahrscheinlich sehr bekannte Geschichte, und jeder, der die Bibel studiert, hat sie nicht nur einmal gelesen. Die Helden der Bibel erscheinen uns oft irgendwie so abstrakt, als lebten sie in der Bibel. Aber wenn man es auf sich selbst überträgt, 7 Jahre um eine Frau zu dienen, 7 Jahre um seine Braut zu werben, dann ist das eine sehr schwierige Entscheidung. Auch hier kann es wiederum jeder auf sich selbst übertragen.
Die Tora sagt uns, dass diese 7 Jahre in seinen Augen wie einige Tage waren, weil er sie liebte. Hier entsteht wiederum eine Frage. Wenn ich etwas liebe, wenn ich etwas sehr will, dann erwarte ich es in der Regel mit Ungeduld. Je mehr ich etwas liebe, je mehr ich etwas will, desto ungeduldiger warte ich darauf. Und wenn wir jemanden lieben, könnten wir sagen: „Wie eine Ewigkeit erschienen ihm diese 7 Jahre. Diese 7 Jahre waren für ihn wie 7000 Jahre, weil er sie liebte und sich mit ihr vereinen wollte.“ Aber sie erschienen ihm wie einige Tage. Warum ist das so? Und verschiedene Kommentatoren versuchen, verschiedene Antworten auf die Frage zu geben: Warum ist das so? Und wie es gewöhnlich ist, sagt ein Kommentar mehr über den Kommentator als über den Text selbst.
Rabbi Schlomo Jizchaki, bekannt als Raschi, sagt: „Als Riwka Jaakow fortschickte, sagte sie: ‚Bleib dort einige Tage.‘ Und als Jaakow den Dienst von 7 Jahren um seine Braut annahm, verstand er: jene selben einigen Tage, jene selbe kurze Zeit, diese 7 Jahre – das ist sozusagen sein Urteil im Exil dafür, dass er so mit seinem Bruder umgegangen ist, um seinen Bruder zu besänftigen. Und deshalb wartete er still, ruhig. Das hat überhaupt nichts mit Rachel zu tun. Er nahm es als ein Zeichen wahr, das ihm seine Mutter gegeben hatte.“
Rabbi Me'ir Leib Kempner, besser bekannt als Malbim, gibt einen völlig anderen Kommentar. Er sagt: „Jaakow liebte Rachel so sehr, so wertvoll war sie für ihn, dass er überlegte: ‚Was sind schon irgendwelche 7 Jahre im Vergleich zu Rachel. 7 Jahre – da sind sie, die 7 Jahre, aber Rachel, die ist ja so was von wichtig! Ich würde auch 50 Jahre für sie dienen. Und das Leben würde ich für sie hingeben. Und hier nur ganze 7 Jahre. Kleinigkeiten! Wenig hat man für sie verlangt. Sie ist mehr wert. Deshalb ist es doch nur eine Sache von 7 Jahren Dienst.‘“ Und als Malbim sich selbst die Frage stellt: „Und wie steht es damit, dass ein Mensch tatsächlich, wenn er etwas liebt, es mit Ungeduld erwartet?“, sagt Malbim, dass es zwei Arten von Liebe gibt. Cheschew – das ist, wenn die Liebe letzten Endes zu mir zurückkehrt. Ich kann Fisch lieben, aber in Wirklichkeit liebe ich es, ihn zu essen. Genauso kann man, Gott bewahre, auch eine Frau lieben. Du liebst es, dass du sie hast. Du liebst, weil du genießt, da sie dir einen leckeren Borschtsch kocht oder dir die Hemden gut stärkt. Dir ist es mit ihr einfach bequem, gemütlich, freudig, und du liebst sie in deinem Leben. Letzten Endes ist das ein Wunsch, der zu dir selbst zurückkehrt. Und dann, wenn du auf sie wartest, oder auf das Mittagessen wartest, oder auf die Reise nach Disneyland wartest, wartest du tatsächlich mit Ungeduld. Aber wenn die Sache die Werte der geistigen Welt betrifft, dann ergibt es sich dort, dass das Ziel selbst das Mittel heiligt. Die einen schreiben Machiavelli, die anderen Ignatius von Loyola den Satz „Das Ziel rechtfertigt die Mittel“ zu. Ein seltsamer und meistens falscher Satz. Aber in der geistigen Welt kann ein heiliges Ziel die Mittel heilig machen, kann die Mittel auf eine geistige Ebene heben. Und Jaakow diente, aber seine Seele war nicht auf der Erde. Seine Seele war in der geistigen Welt. Deshalb erschien ihm das dort wie wenige Tage.
Es gibt noch einen Kommentator – Charlap, der sagt, dass diese Arbeit Jaakow so vorkam, als wären es nur wenige Tage, weil Jaakow diese Arbeit liebte. Na, er liebte es eben, Hirte zu sein, es gefiel ihm. Und worin besteht der Gedanke Charlaps? Dass der Höchste ihm die Möglichkeit gab, sich die Braut auf einem für ihn bequemen Weg zu verdienen – mit der Arbeit, die er machen konnte. Man hat ihn nicht als Sysadmin eingesetzt, nicht zum Sous-Chef gemacht, nicht als Friseur eingesetzt, man gab ihm, mit der Arbeit zu dienen, die ihm gefällt. Darin zeigt sich die Gnade Gottes ihm gegenüber.
Mir gefällt noch ein Kommentar, der davon spricht, dass Jaakow im Grunde ja Rachel auf dem Feld des Hirtenberufs ersetzt hat. Vorher, wie wir sehen, als Jaakow Rachel kennenlernt, war es gerade Rachel, die das Vieh hütete. Und jedes Mal, wenn er den Schafen hinterherlief, wenn er im Zelt fror, wenn er die Schafe verteidigte, wenn er sich die Füße wund lief, wenn ihm kalt war oder wenn ihm heiß war, sagte er: „Gott sei Dank, dass ich es bin und nicht Rachel!“ Und so, aus Liebe zu ihr, weil er sie vor dieser Arbeit schützt, erschien ihm dieser Dienst wie ein Tag.
Das ist so eine Frage und so eine Vielfalt von Antworten auf diese Frage. Und jeder kann sich diese Frage stellen, sich selbst eine Antwort geben. Vielleicht irgendeine andere, vielleicht eine von diesen wählen. Ich gebe hier keine richtige Antwort. Ich werfe nach meiner Gewohnheit einfach ein paar Holzscheite in das Feuer eurer Überlegungen.
Zur Zeit des Antiochos Epiphanes, und das war sehr lange her, als die Griechen im Heiligen Land herrschten, verboten sie den Juden, in der Synagoge Abschnitte aus der Tora zu lesen. Die Juden wurden findig und begannen, statt der Abschnitte aus der Tora inhaltlich verwandte Abschnitte aus den prophetischen Büchern zu lesen, sodass wir gewissermaßen das Gesetz nicht brechen und doch das Wort Gottes hören. Die Griechen sind aus dem Heiligen Land abgezogen und herrschen dort längst nicht mehr, aber es stellt sich heraus, dass wir uns von Besatzern leichter trennen als von unseren Traditionen. Die Tradition, die prophetischen Bücher zusammen mit dem Wochenabschnitt zu lesen, hat sich so erhalten, und dieser Abschnitt, der jedem Wochenabschnitt entspricht, heißt Haftara (Befreiung). Unserem Wochenabschnitt entspricht in der Tradition der aschkenasischen Gemeinden der Abschnitt, der mit Vers 13 von Kapitel 12 des Buches Hoschea beginnt und bis zum Ende des Buches reicht. Also, beginnen wir:
וַיִּבְרַח יַעֲקֹב שְׂדֵה אֲרָם
wajiwrách jaaków sedé arám
13 und Jaakow floh in die Felder Arams,
Das ist die Geschichte, die wir gerade in unserem Wochenabschnitt lesen. Jaakow awinu (der Stammvater Jaakow) flieht vor dem Zorn seines Bruders Esaw zu den Aramäern in die Stadt Charan, zu seinem Onkel Lawan.
וַיַּעֲבֹד יִשְׂרָאֵל בְּאִשָּׁה וּבְאִשָּׁה שָׁמָר׃
waja'awód jisraél be'ischá uw'ischá schamár
…und Israel arbeitete um eine Frau, und um eine Frau hütete er das Vieh.
Der Prophet erzählt wieder die uns allen bekannte Geschichte davon, dass Jaakow im Haus Lawans, seines Onkels, blieb. Lawan sagte zu ihm: „Na, umsonst wirst du ja nicht arbeiten!“ Und Jaakow, der Rachel, die Tochter Lawans, lieb gewonnen hatte, sagte, dass er für sie arbeiten werde. Für Rachel musste er letzten Endes nicht 7 Jahre arbeiten, sondern 14, aber wir haben gelesen, dass Jaakow sie so liebte, dass die Zeit unbemerkt verflog. Der Prophet erinnert uns also an diese Geschichte und sagt weiter:
וּבְנָבִיא הֶעֱלָה יְהוָה אֶת-יִשְׂרָאֵל מִמִּצְרָיִם וּבְנָבִיא נִשְׁמָר׃
uwnawí he'elá adonáj et-jisraél mimmizrájim uwnawí nischmár
14 durch einen Propheten führte der HERR Israel aus Ägypten herauf, und durch einen Propheten wurde das Volk in Obhut gehalten.
Diese beiden Verse, 13 und 14, stehen in einer erstaunlichen Harmonie zueinander, die in der Übersetzung völlig verschwindet. Um das zu sehen, müssen wir ein wenig zum allerersten Wort der Tora zurückkehren, zum Wort bereschit (im Anfang). Als wir es gelesen haben, haben wir darüber gesprochen, dass die Präposition be in Wirklichkeit mehrdeutig ist, und man kann sie als um des Anfangs willen oder mit dem Anfang verstehen, als mit einem Werkzeug, wie zum Beispiel mit einer Flachzange, ebenso – mit dem Anfang, kann man verstehen; im Anfang. Es gibt unterschiedliches Verständnis. Und auf das, was über Jaakow gesagt ist, kann man das anwenden, da es dieselbe Präposition be, ist. Jaakow war in den aramäischen Feldern um einer Frau willen, um einer Frau willen arbeitete er und um einer Frau willen hütete er. Man kann sagen, er hütete auch die Frau selbst, er war dort und hütete nicht nur das Vieh, sondern behütete auch die Frau selbst. Das ist ein sehr mehrdeutiger Satz. Und dieselbe Präposition wird in Bezug auf den Höchsten und Israel gebraucht. Der Höchste sandte einen Propheten nach Ägypten, um durch den Propheten zu handeln, durch Mosche natürlich, durch den der Höchste beständig handelt und über den er sagt: „Mosche ist treu in Meinem ganzen Haus.“ Mosche ist der treue Gesandte des Höchsten an das Volk Israel.
Hoschea sagt uns also, dass, so wie Jaakow in den aramäischen Feldern lebte und dort um einer Frau willen diente, genauso der Höchste durch einen Propheten nach Ägypten hinabstieg, um Israel herauszuführen. Und durch einen Propheten wurde das Volk Israel behütet, wieder dasselbe Verb. Hier gibt es eine Gegenüberstellung von Jaakow und Rachel, ihrer Beziehung, und der Beziehung des Höchsten und Israels. Man kann das als einen solchen Vergleich zuungunsten Jaakows verstehen. Man kann sagen, dass Jaakow sich dort wegen einer Frau verstrickt hat und 20 Jahre nicht zurückkehren konnte, der Höchste aber stieg hinab und führte sein Volk heraus, und zeigen, wie viel erhabener der Höchste ist als Jaakow. Oder das spricht von Mosche und zeigt, wie viel erhabener Mosche ist als Jaakow. Solche Auffassungen gibt es, man kann sie schwerlich falsch nennen, denn in den Text fügen sie sich ein, in den Kontext – weniger. Aber kaum ist es das, was der Prophet meint.
Höchstwahrscheinlich sagt der Prophet: „Seht, Meine, des Höchsten, Haltung zu euch ist wie die Haltung Jaakows zu Rachel, da ist reine Romantik, da ist beinahe Verliebtheit. Ich, in euch verliebt, habe euch aus Ägypten herausgeführt, seht auf Meine Gnade, auf Meine Liebe zu euch.“ Unsere Beziehung zum Höchsten gleicht dem verliebten Jaakow. Der Höchste liebt, ist in uns verliebt, wie Jaakow in die junge Rachel verliebt war, und handelte genauso wie Jaakow mit Rachel. Genauso wie Jaakow mit Rachel hat Er sich um uns gemüht und uns beschützt. Das erfordert Ehrerbietung, Pietät, erwidernde Liebe und Dankbarkeit. Aber weiter spricht der Höchste vom Zorn.
הִכְעִיס אֶפְרַיִם תַּמְרוּרִים
hich'ís efrájim tamrurím
15 Efrajim hat mich bitter gekränkt,
Tamrurim – das ist sehr starke Bitterkeit, einfach gramvolle Bitterkeit. Er hat Mich sehr stark erzürnt, hat Mir die Seele bitter gemacht.
וְדָמָיו עָלָיו יִטּוֹשׁ
wedamáw aláw jittósch
Und sein Blut wird geworfen werden, auf ihn gesprengt werden, sein Blut wird auf ihn spritzen,
Das heißt, sein Blut wird vergossen werden.
וְחֶרְפָּתוֹ יָשִׁיב לוֹ אֲדֹנָיו׃
wecherpató jaschíw lo adonáw.
und seine Schmach wird ihm sein Herr zurückgeben.
Der HERR wird ihm vor Augen führen, wie er in Wirklichkeit ist. Er wird ihn in jenen schmachvollen, unwürdigen Zustand zurückbringen, in dem er ohne seinen Herrn war. Und dieser er – das ist Efrajim, das ist Israel, das ist unser Volk. Hier endet Kapitel 12, und Kapitel 13 beginnt.
כְּדַבֵּר אֶפְרַיִם רְתֵת
kedabbér efrájim retét
1 Wenn Efrajim redete – zitterten alle, alle wurden von Zittern erfüllt.
Efrajim ist ein maßgeblicher Genosse im Volk Israel. Jirmejahu (31,8) sagt im Namen des HERRN: „Efrajim ist Mein Erstgeborener.“ Efrajim nahm als Stamm lange Zeit eine führende Stellung unter den Stämmen Israels ein, alle waren voller Zittern, wenn er redete.
נָשָׂא הוּא בְּיִשְׂרָאֵל וַיֶּאְשַׁם בַּבַּעַל וַיָּמֹת׃
nassá hu bejisraél waje'schám babbá'al wajamót.
er war erhoben in Israel, er war geachtet und geehrt in Israel, aber er wurde schuldig durch die Verbindung mit dem Baal und starb, Efrajim fiel durch seine Verbindung mit den Götzen.
Die jüdische chassidische Tradition, die jüdische Mystik (und sie entsteht nicht aus der Luft, sie gründet sich auf den Segen Jaakows, dass durch Efrajim viele Völker kommen werden) behauptet, dass Efrajim die Mission hat, die Hand, der Ärmel zu sein, der Israel und die Völker verbindet. Durch ihn sollte sich der Dienst Israels an den Völkern verwirklichen, vollziehen, aber das ist eine sehr gefährliche Arbeit, wie die Arbeit an Hochspannungsleitungen, die verlangt, ständig Handschuhe zu tragen, um sich nicht mit Götzen zu beschmutzen, um nicht in die Unreinheit zu fallen, in deren Mitte man sich befindet, wie in einem Infektionskrankenhaus. Die Völker dienten ja Götzen, und dort gab es mitunter einen einfach unglaublichen Gräuel. Und Efrajim ließ sich mit den Baalen ein, steckte sich mit dem Baalismus an und ging dadurch zugrunde.
וְעַתָּה יוֹסִפוּ לַחֲטֹא וַיַּעְשׂוּ לָהֶם מַסֵּכָה מִכַּסְפָּם כִּתְבוּנָם
we'attá jossífu lacható waja'asú lahém massechá mikkaspám kitwunám
2 nun aber fuhren sie fort zu sündigen, sie fügten noch Sünde hinzu und machten sich auf eigene Kosten aus Haushaltsgeldern eine Götzenmaske nach ihrem Verstand.
Das heißt, all ihre Technologien steckten sie in die Herstellung dieser Maske.
עֲצַבִּים מַעֲשֵׂה חָרָשִׁים
azabbím ma'assé charaschím
das ist ein von Hand gemachter Götze, ein Werk von Meistern.
Hightech jener Zeit, Hochtechnologie.
כֻּלֹּה לָהֶם הֵם אֹמְרִים זֹבְחֵי אָדָם עֲגָלִים יִשָּׁקוּן׃
kulló lahém hem omerím soweché adám agalím jischakún
und all das – für den Götzendienst. sie sagen, sie bringen, wie im Sprichwort, Menschen als Opfer dar, und Kälber küssen sie.
Das ist so ein Spott. Alle Menschen in der ganzen Welt, sogar Götzendiener, bringen Kälber als Opfer dar und küssen Menschen. Wen küssen wir? Wir küssen Menschen, wir küssen unsere Nächsten, früher war es üblich, Lehrer zu küssen. Sie aber haben im Gegenteil ihren Verstand so verdreht, dass sie Kälber küssen und Menschen opfern. Und das kann nicht lange so weitergehen, das ist keine Ordnung in den Beziehungen zum Höchsten und in den Beziehungen zur Welt. Darum sagt der Höchste:
לָכֵן יִהְיוּ כַּעֲנַן-בֹּקֶר
lachén jihjú ka'ananIn der russischen Umschrift fehlt am Ende von ka'anan („wie eine Wolke“) das n. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen.-bóker
3 darum werden sie sein wie ein Morgenwölkchen.
Was ist mit dem Morgenwölkchen? Es zergeht.
וְכַטַּל מַשְׁכִּים הֹלֵךְ כְּמֹץ יְסֹעֵר מִגֹּרֶן
wechattál maschkím holéch kemóz jeso'ér miggóren
wie Tau, der mit der Morgendämmerung verschwindet, wie Spreu, die man von der Tenne fortträgt
Das ist so ein Beispiel, das sehr oft gebraucht wird, wenn man das Korn hochwirft und daneben ein Feuer anzündet. Der Wind trägt die Spreu zur Seite des Feuers, weil sie leicht ist, und das Korn fällt auf die Erde.
וּכְעָשָׁן מֵאֲרֻבָּה׃
uch'aschán me'arubbá.
und wie Rauch aus dem Schornstein.
Der Höchste gibt durch den Propheten vier Beispiele vergänglicher Dinge in dieser Welt: die Morgenwolke, der Tau vor der Morgendämmerung, die Spreu, die im Feuer verbrennt, und der Rauch aus dem Schornstein. All das ist flüchtig, all das wird verschwinden, all das ist nicht für lange, obwohl sichtbar, wahrnehmbar, doch es wird nicht lange bestehen.
וְאָנֹכִי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם
we'anochí adonáj elohécha me'érez mizrájim
4 ich aber bin dein Gott aus dem Land Ägypten
All diese Kultdiener, die verschwinden werden, all dieser Dienst ist vergänglich. Und auch diese Götzen selbst werden verschwinden. Ich bin dein Gott aus dem Land Ägypten. Wie viele Jahre kennst du Mich schon? Ich bin nicht vergänglich, Ich werde nicht verschwinden. Keine Sorge – Ich bin nicht verschwunden, und mach dir keine Hoffnung – Ich werde nicht verschwinden. Ich bin ebenjener Gott, der sich an dich aus dem Land Ägypten erinnert.
וֵאלֹהִים זוּלָתִי לֹא תֵדָע
welohím sulatí lo tedá
und du wirst keinerlei Gott finden außer mir
Alles, was du ausprobierst, das ist alles Fiktion, das ist optische Täuschung. Es gibt keinen anderen Gott.
וּמוֹשִׁיעַ אַיִן בִּלְתִּי׃
umoschía ájin biltí
und es gibt keinen Retter außer mir.
אֲנִי יְדַעְתִּיךָ בַּמִּדְבָּר בְּאֶרֶץ תַּלְאֻבוֹת׃
aní jeda'tícha bammidbár be'érez tal'uwót
5 ich habe dich gekannt, ich habe dich gesehen in der Wüste, als du inmitten der Salzböden warst.
Tal'uwót – das ist von Rissen durchzogene Erde.
כְּמַרְעִיתָם וַיִּשְׂבָּעוּ שָׂבְעוּ וַיָּרָם לִבָּם עַל-כֵּן שְׁכֵחוּנִי׃
kemar'itám wajisbá'u saweú wajárom libbám al-kén schechechúni
6 als ich begann, sie zu weiden, und sie satt wurden, sie wurden satt und es erhob sich, es hob sich empor ihr Herz, darum vergaßen sie mich.
Denen, die dieses Kapitel mit seinen Parallelen tiefer studieren wollen: Seht, wie sehr Hoschea dieses Kapitel auf dem Lied Ha'asinu (Dewarim 31,19–21) aufbaut, auf dem Lied, das Mosche das ganze Volk Israel lehrt. Möglicherweise, weil damals das ganze Volk es kannte. Wie viele allerlei Parallelen es hier zu diesem Lied gibt und wie sehr Hoschea es wiederholt, sich daran festhält. Lest einfach diese Lieder noch einmal, hier die Prophetie Hoscheas und dort das Lied Mosches. Ihr Herz erhob sich, und sie vergaßen auch jene Zeiten, als sie auf den Salzböden weideten, sie nichts zu essen hatten und ganz von Mir abhingen, und vergaßen Mich. Und der Höchste sagt: „Ich werde Mich in eurem Leben offenbaren.“
וָאֱהִי לָהֶם כְּמוֹ-שָׁחַל כְּנָמֵר עַל-דֶּרֶךְ אָשׁוּר׃
wa'ehí lahém kemo-scháchal kenamér al-dérech aschúr
7 ich werde für sie sein wie ein junger Löwe. Ich werde ihnen auflauern wie ein Tiger.
Diesen Ausdruck – kenamér al-dérech aschúr, kann man auch verstehen als ein Tiger, der den Weg Assyriens geht. Das Wort aschur kann den Namen des Landes bedeuten, es kann aber auch das Verb ich werde auflauern, ausspähen bedeuten. Nach der Schreibung zu urteilen, nach den Besonderheiten der Schreibung, ist hier doch das Verb gemeint, ich werde nach euch ausspähen. Ich werde ausspähen, wo ich euch schlagen kann, wie ein Tiger euch auflauert.
אֶפְגְּשֵׁם כְּדֹב שַׁכּוּל
efgeschém kedów schakkúl
8 ich werde ihnen begegnen wie ein Bär, der die Kinder verloren hat.
Eine der Bedeutungen des Verbs liwgosch im biblischen Hebräisch ist jemanden angreifen. Das ist ein Bild, das allen Völkern, die neben Bären leben, sehr bekannt ist. Wenn man einem Bären die Bärenjungen tötet, findet er keine Ruhe, bis er sich gerächt hat. Ein Bär, der seine Jungen verloren hat, das ist ein sehr furchtbarer Bär. Ich werde euch begegnen wie ein Bär, der seine Jungen verloren hat.
וְאֶקְרַע סְגוֹר לִבָּם
we'ekrá segór libbám
und ich werde zerreißen, was ihr Herz umzäunt.
Das kann man übersetzen als das, was ihr Herz in Sicherheit leben ließ, irgendwelche Schutzbauten, die sie um sich herum errichtet haben, aber man kann es auch einfach verstehen als ein Tier reißt den Brustkorb seiner Beute auf. Ein furchtbares Bild.
וְאֹכְלֵם שָׁם כְּלָבִיא חַיַּת הַשָּׂדֶה תְּבַקְּעֵם׃
we'ochelém scham kelawí chaját hassadé tewakke'ém
Und ich werde sie dort fressen wie eine Löwin, die zerreißt, sich irgendwelche Stücke von ihrer Beute nimmt und dann liegen lässt, und vollends auffressen wird sie das Tier des Feldes.
Der Höchste zeichnet ein furchtbares Bild dessen, was geschieht, weil Israel den Höchsten vergessen hat und andere Götter anbetet. Man kann prüfen, ob diese anderen Götter retten werden, ob diese anderen Mächte Israel retten werden. Und der Höchste sagt:
שִׁחֶתְךָ יִשְׂרָאֵל כִּי-בִי בְעֶזְרֶךָ׃
schichetchá jisraél ki-wí we'esrécha
9 du hast dich selbst zugrunde gerichtet, Israel, denn du hast mich angegriffen, du hast deinen Pfeiler angeschlagen, umgeworfen, deinen Helfer, den, der dir eine Säule war.
Wenn man die Beziehung von Jaakow und Rachel vergleicht, die Frau ist eser, der Mann es, sie helfen einander. Du hast deine Stütze, deinen Halt, deinen Ernährer verraten, deshalb hast du damit nicht Mich zugrunde gerichtet, du hast dich zugrunde gerichtet.
אֱהִי מַלְכְּךָ אֵפוֹא וְיוֹשִׁיעֲךָ בְּכָל-עָרֶיךָ וְשֹׁפְטֶיךָ אֲשֶׁר אָמַרְתָּ תְּנָה-לִּי מֶלֶךְ וְשָׂרִים׃
ehí malkechá efó wejoschi'achá bechol-arécha weschofetécha aschér amárta tena-lí mélech wesarím
10 wo sind denn deine Könige? vielleicht werden sie dich retten in deinen Städten? und deine Richter? Wie du mich überredet hast: „gib mir einen König und gib mir Würdenträger?“
Das ist die Geschichte aus dem ersten Buch Schmu'el, als der Höchste sagte: „Ihr verschmäht Mich, wenn ihr einen König wollt. Nicht den Propheten, mich verschmäht ihr, wenn ihr einen König wollt. Die Beziehung zu Mir lehnt ihr ab. Der König fing an, euch zu erziehen, euch zu regieren, und da hat er euch dorthin geführt, wohin er euch geführt hat.“ Das ist kein Vorwurf an Scha'ul, kein Vorwurf an einen konkreten König, das ist überhaupt ein Vorwurf an das System, auf dem Israel bestanden hat, das es bekommen wollte, und der Höchste beendet diese Rede.
אֶתֶּן-לְךָ מֶלֶךְ בְּאַפִּי וְאֶקַּח בְּעֶבְרָתִי׃
etten-lechá mélech be'appí we'ekkách be'ewratí
11 ich werde dir einen König im Zorn geben und im Grimm nehmen
Im Zorn – Ich bin nicht froh darüber, dass du Mich um einen König gebeten hast. Ich wollte dir diesen König nicht geben, aber Ich habe ihn dir gegeben. Mit Zorn, aber gegeben. Das, wohin der König dich geführt hat, wohin dich dieses ganze System geführt hat, wenn nicht der Höchste, sondern Menschen regieren, das werde Ich im Grimm wegnehmen. Warum beginnt der Höchste hier, von Königen und Königreichen zu sprechen? Der König befasst sich mit Politik, das ist sein Beruf, eine seiner Amtspflichten. Als Politiker hat er einen Haufen Verträge mit verschiedenen Ländern geschlossen, auch mit Assyrien, und zusammen mit der assyrischen Politik, mit dem assyrischen kulturellen Einfluss, mit den assyrischen Konsumgütern drangen auch die assyrischen Götter und die assyrische Religion ins Land ein. Der König fing an, sich mit Politik zu befassen, wurde abhängig, das Volk wurde abhängig von Assyrien. Und das ist dabei herausgekommen, eine solche Verbindung mit dem Königtum, mit dem Glauben an die Kraft des Königs, an die Kraft der Politik, mit dem Vertrauen auf den König. Deshalb sagt der Höchste über den König:
צָרוּר עֲוֹן אֶפְרָיִם
zarúr awón efrájim
12 fest gebunden, zu den Akten geheftet ist die Sünde Efrajims
So heftete man irgendwelche Blätter, irgendwelche Zeugnisse ab. Man kann das auch als juristischen Begriff verstehen, deine Sünde ist zu den Akten geheftet.
צְפוּנָה חַטָּאתוֹ׃
zefuná chattató
und sein Verbrechen ist verborgen.
Und die Beweisstücke habe Ich auch in den Safe gelegt, unter sichere Bewachung. Das ganze belastende Material gegen dich wird bei Mir aufbewahrt.
חֶבְלֵי יוֹלֵדָה יָבֹאוּ לוֹ הוּא-בֵן לֹא חָכָם כִּי-עֵת לֹא-יַעֲמֹד בְּמִשְׁבַּר בָּנִים׃
chewlé joledá jawóu lo hu-wén lo chachám ki-ét lo-ja'amód bemischbár baním
13 er ist wie ein Säugling im Leib der Mutter, die Wehen beginnen, und er – irgendein dummer Embryo, er – kein kluger Sohn, er kommt nicht heraus durch die Stelle, durch die gewöhnlich die Kinder herauskommen.
Das Wort mischbar versteht man unterschiedlich. Manche verstehen es als Bezeichnung eines Stuhls oder Sessels, auf dem die Frau gebiert, aber wahrscheinlicher ist es, es zu verstehen als die Stelle, durch die die Kinder herauskommen, die Stelle, durch die die Frau gebiert. Der Säugling weigert sich, aus dem Mutterleib herauszukommen, er will nicht erwachsen werden, versteht nicht, dass diese Wehen ihn aus irgendeiner Situation hinaustreiben sollen, dass etwas in ihm sterben muss, etwas geboren werden, er muss sich irgendwie neu formatieren.
Und hier ist einer der am schwersten zu verstehenden Verse in unserem Kapitel. Der Höchste sagt:
מִיַּד שְׁאוֹל אֶפְדֵּם מִמָּוֶת אֶגְאָלֵם אֱהִי דְבָרֶיךָ מָוֶת אֱהִי קָטָבְךָ שְׁאוֹל נֹחַם יִסָּתֵר מֵעֵינָי׃
mijád scheól efdém mimmáwet eg'além ehí dewarécha máwet ehí katowchá scheól nócham jissatér me'enáj
14 aus den Händen des Scheol werde ich sie retten und vom Tod werde ich ihn erlösen. wo sind deine Plagen, Tod? wo ist deine Peitsche, Scheol? die Reue wird sich vor mir verbergen.
Das Wort nócham wird oft in der erstaunlichen Bedeutung von der Reue Gottes gebraucht. Zum Beispiel, wenn die Tora uns von der Entscheidung des Höchsten erzählt, die Flut über die Erde zu schicken, und sagt, dass der Höchste bereute, wird ein Verb von derselben Wurzel gebraucht, jinnáchem. Man kann diesen Vers völlig unterschiedlich verstehen, je nachdem, wie wir die Intonationen in ihm setzen. Man kann es so sagen: „Na, was ist, jetzt denkt ihr, dass Ich das Volk aus den Händen des Scheol erlösen werde? Sie vom Tod retten werde? O nein, ganz bestimmt nicht, jedes Bedauern hat sich vor Mir verborgen, und jetzt, los, Tod, schlepp deine Plagen her, los, Scheol, schlepp deine Geißel her, gleich werde Ich mit Israel abrechnen!“ Dieses Verständnis passt durchaus in diesen Vers. „Diesmal werde Ich ganz sicher nicht umdenken.“ So kann man diesen Vers verstehen.
Aber man kann ihn verstehen, und wir kennen eine solche Auslegung, die sagt: „Werde Ich etwa dieses Volk nicht begnadigen? Werde Ich es etwa nicht aus der Hand des Scheol erlösen? Werde Ich es etwa nicht vom Tod retten? Na, was drängt ihr euch hier mit euren Werkzeugen zusammen? Wozu seid ihr hierhergekommen? Ich werde es nicht hinrichten. Wo sind jetzt deine Werkzeuge, deine Plagen, die du hierhergebracht hast, Tod? Wo wirst du sie einsetzen? Wohin willst du mit deiner Peitsche, Scheol? Habt ihr etwa gedacht, dass das Mitgefühl, dass die Gnade vor Mir verborgen sind?“ Ein solches Verständnis gibt es auch, und alles hängt nur davon ab, wie wir hier die Satzzeichen setzen.
Erstaunliche Dialoge mit dem Höchsten finden wir beim Propheten Amos. Als der Höchste ihm ein Stück weit enthüllt, dass Er irgendein Unheil über Israel bringen wird, sagt der Prophet: „Wie soll Jaakow überleben? Ich flehe Dich an, vergib, er ist so klein!“ Und der HERR wird milde, der HERR erweist Gnade. Und im nächsten Vers lesen wir eine Beschreibung der Zerbrechlichkeit Israels, der Zerbrechlichkeit Efrajims und dessen, was mit ihm geschehen kann, wenn die Gnade des HERRN nicht über ihm sein wird.
כִּי הוּא בֵּן אַחִים יַפְרִיא יָבוֹא קָדִים רוּחַ יְהוָה מִמִּדְבָּר עֹלֶה וְיֵבוֹשׁ מְקוֹרוֹ וְיֶחֱרַב מַעְיָנוֹ הוּא יִשְׁסֶה אוֹצַר כָּל-כְּלִי חֶמְדָּה׃
ki hu ben achím jafrí jawó kadím rúach adonáj mimmidbár olé wejewósch mekoró wejecheráw ma'janó hu jischsé ozár kol-kelí chemdá
15 selbst wenn er blühend sein wird unter den Brüdern, wird ein Ostwind kommen vom HERRN aus der Wüste, und er wird seine Quelle austrocknen, wird plündern, wird zerstören seine Quelle, und geplündert werden wird die ganze Schatzkammer.
Wir werden den ersten Vers des 14. Kapitels lesen und dann alles auf einmal verstehen.
תֶּאְשַׁם שֹׁמְרוֹן כִּי מָרְתָה בֵּאלֹהֶיהָ בַּחֶרֶב יִפֹּלוּ עֹלְלֵיהֶם יְרֻטָּשׁוּ וְהָרִיּוֹתָיו יְבֻקָּעוּ׃
te'schám schomerón ki maretá belohéha bachérew jippólu olelehém jeruttáschu weharijotáw jewukkáu
1 Samaria wird für schuldig erklärt werden dafür, dass sie gekämpft hat, sich aufgelehnt hat gegen ihren Gott, durch das Schwert werden sie fallen, ihre Säuglinge werden zerschmetterte Schädel haben, werden an Steinen zerschlagen werden, und ihre schwangeren Frauen werden aufgeschlitzt werden.
Furchtbare Dinge werden geschehen, wenn der Höchste diesem Zorn erlaubt, sich in vollem Maß zu entfalten. Ein so furchtbares Bild wird gezeichnet, und der Höchste spricht durch den Propheten und sagt: „Ich will das nicht! Wollt ihr das etwa?“ Aber erinnert euch, wie wir im vorigen Kapitel davon gesprochen haben, dass man einen Vers auf zwei Arten lesen kann. Wenn man ihn doch so liest, dass der Höchste nicht bereit ist, sein Volk zu verschonen, dann müssen wir auch das Weitere so verstehen, dass der Höchste sagt: „Ich werde das alles tun, damit ihr endlich Buße tut, damit ihr zu Mir zurückkehrt, damit ihr aus diesen Wehen endlich geboren werdet. Wenn ihr von schwachen Wehen nicht geboren werdet, werde Ich euch mit starken Wehen durchschütteln.“ So oder so, mit einem Aufruf zur Buße. Und der Gerechtigkeit halber, ich wiederhole es, muss man auch ein solches Verständnis des Textes anführen.
שׁוּבָה יִשְׂרָאֵל עַד יְהוָה אֱלֹהֶיךָ כִּי כָשַׁלְתָּ בַּעֲוֹנֶךָ׃
schúwa jisraél ad adonáj elohécha ki chaschálta ba'awonécha
2 Kehre zurück, Israel, zum HERRN, deinem Gott, denn du bist auf deiner Sünde ausgeglitten, du bist durch deine Sünde weit weggegangen von Mir.
קְחוּ עִמָּכֶם דְּבָרִים
kechú immachém dewarím
3 nehmt Worte mit euch
Keine Stiere nötig, kein Vieh nötig, nichts nötig – Worte nehmt mit euch.
וְשׁוּבוּ אֶל-יְהוָה אִמְרוּ אֵלָיו כָּל-תִּשָּׂא עָוֹן וְקַח-טוֹב וּנְשַׁלְּמָה פָרִים שְׂפָתֵינוּ׃
weschúwu el-adonáj imrú eláw kol-tissá awón wekach-tów unschallemá farím sefaténu
und kehrt zurück zum HERRN. trage unsere Sünde und nimm an als Wohltat, nimm an als Gutes, dass wir wie Stiere die Frucht unseres Mundes darbringen werden.
Das ist die Möglichkeit, das Opfer durch das Gebet zu ersetzen. Den eigenen Mund wie einen Stier, davon spricht der HERR durch den Propheten.
אַשּׁוּר לֹא יוֹשִׁיעֵנוּ עַל-סוּס לֹא נִרְכָּב
aschúr lo joschi'énu al-sús lo nirkáw
4 Assyrien wird uns nicht retten, und wir werden nicht mehr majestätisch auf dem Pferd defilieren
Offenbar bedeutet das, wir werden nicht mehr an irgendwelchen internationalen königlichen Veranstaltungen mit feierlichen Ausritten teilnehmen.
וְלֹא-נֹאמַר עוֹד אֱלֹהֵינוּ לְמַעֲשֵׂה יָדֵינוּ אֲשֶׁר-בְּךָ יְרֻחַם יָתוֹם׃
welo-nómar od elohénu lema'assé jadénu ascher-bechá jeruchám jatóm
und wir werden das Erzeugnis unserer Hände nicht mehr Gott nennen, denn bei dir ist Gnade für die Waise
Wenn ihr mit solchen Worten kommt, kann man all dieses Leid abwenden.
אֶרְפָּא מְשׁוּבָתָם אֹהֲבֵם נְדָבָה כִּי שָׁב אַפִּי מִמֶּנּוּ׃
erpá meschuwatám ohawém nedawá ki schaw appí mimménu
5 ich werde ihre Arglist heilen, ich werde sie lieben einfach so, für nichts, denn mein Zorn hat sich von ihm abgewandt.
אֶהְיֶה כַטַּל לְיִשְׂרָאֵל יִפְרַח כַּשּׁוֹשַׁנָּה וְיַךְ שָׁרָשָׁיו כַּלְּבָנוֹן׃
ehjé chattál lejisraél jifrách kaschoschanná wejách scharascháw kallewanón
6 ich werde für Israel wie Tau sein, und er wird erblühen wie die Lilie, und er wird mit seinen Wurzeln Wurzeln schlagen wie die libanesische, wie die libanesische Zeder.
יֵלְכוּ יֹנְקוֹתָיו וִיהִי כַזַּיִת הוֹדוֹ וְרֵיחַ לוֹ כַּלְּבָנוֹן׃
jelechú jonekotáw wihi chassájit hodó weréjach lo kallewanón
7 seine Zweige werden sich ausbreiten und werden sein wie die Zweige des Olivenbaums, wie der Ölbaum. und die Pracht und sein Duft werden sein wie bei der libanesischen Zeder.
יָשֻׁבוּ יֹשְׁבֵי בְצִלּוֹ
jaschúwu joschewé wezilló
8 und die in seinem Schatten Sitzenden werden zurückkehren,
Wieder werden Menschen auf Bänken im Schatten der Bäume sitzen, wieder wird Ruhe und Frieden sein.
יְחַיּוּ דָגָן
jechajú dagán
wieder werden sie Korn anpflanzen
Wörtlich – sie werden das Getreide wiederbeleben.
וְיִפְרְחוּ כַגָּפֶן זִכְרוֹ כְּיֵין לְבָנוֹן׃
wejifrechú chaggáfen sichró kején lewanón
und sie werden blühen wie der Weinstock, sie werden ausladend sein wie der Weinstock.
Und sichró kann man als Erinnerung an ihn übersetzen, aber hier auch als Wohlgeruch. Das, was ertönt, das, was sich über ihn verbreitet, wie der libanesische Wein. Das ist es, was Efrajim sagen wird:
מַה-לִּי עוֹד לָעֲצַבִּים אֲנִי עָנִיתִי וַאֲשׁוּרֶנּוּ
ma-lí od la'azabbím aní anití wa'aschurénnu
9 wozu brauche ich noch diese Götzen? ich bin umgekehrt, ich werde jetzt nur noch auf ihn schauen.
Übersetzen kann man das Wort anití – ich habe ausgelitten, ich habe genug gelitten, und jetzt werde ich nur noch auf Ihn schauen.
אֲנִי כִּבְרוֹשׁ רַעֲנָן מִמֶּנִּי פֶּרְיְךָ נִמְצָא׃
aní kiwrósch ra'anán mimménni perjechá nimzá
ich bin wie eine schlanke Zypresse, und in mir werden sich deine Früchte finden.
Wenn Du Früchte in dieser Welt suchst, Du suchst Herrlichkeit in dieser Welt, suchst Verherrlichung, dass ich Dir diene, in meiner Mühe wird es Früchte für Dich geben.
מִי חָכָם וְיָבֵן אֵלֶּה נָבוֹן וְיֵדָעֵם כִּי-יְשָׁרִים דַּרְכֵי יְהוָה וְצַדִּקִים יֵלְכוּ בָם וּפֹשְׁעִים יִכָּשְׁלוּ בָם׃
mi chachám wejáwen élle nawón wejeda'ém ki-jescharím darché adonáj wezaddikím jélechu wam ufosche'ím jikkáschelu wam
10 wer weise ist, wird das verstehen, wer verständig ist, wird das erkennen, denn die Wege des HERRN sind gerade, die Gerechten werden auf ihnen gehen, die Übeltäter aber werden auf ihnen ausrutschen. Trotz allem sagt der Höchste: „Ich habe für dich gesorgt. Meine Liebe zu dir ist wie die Liebe Jaakows zu Rachel, eine zärtliche, lichte Liebe. Und du hast Mich verraten und Mich betrübt, und Ich war schon bereit, dich zu vernichten. Aber Ich werde dich begnadigen.“ Es gibt Raum für Gnade. Es wird Begnadigung für Israel geben, der Höchste wird Israel zur Berichtigung führen. Wo sind all jene, die sich darauf vorbereitet haben, Strafvollstrecker zu sein, die sich darauf vorbereitet haben, „Verurteiler“ zu sein? Das ist nicht nur eine Frage an den Tod und an den Scheol, das ist zum Beispiel auch eine Frage an mich. Es gibt Menschen, bei denen es einen freut zu denken, dass sie bestraft werden, dass sie in der Hölle brennen werden, ich habe schon selbst mein Volksbeil geschärft, um sie zu strafen. Na, und wie viele solche Freunde haben wir, die aus Strenge und Gerechtigkeit bereit sind, das Beil zu schärfen und loszugehen, um jemanden zu strafen, zu töten oder sich darüber zu freuen, dass jemand in der Hölle brennt, einer ewigen oder nicht ewigen. Und deshalb kommen wir oft wie der Tod mit Plagen, oder wie der Scheol kommen wir mit der Geißel, in Erwartung der Abrechnung. Einmal erzählte mir einer der Lehrer von einem älteren Ehepaar, das er gefragt hatte: „Wie habt ihr es geschafft, so lange zusammen zu leben?“ Und sie antworteten ihm: „Weißt du, früher war es üblich, Dinge zu reparieren, Socken zu stopfen, den Primuskocher instand zu setzen. Die Leute reparierten die Dinge, warfen sie nicht gleich weg, nicht einmal Kleinigkeiten. Alles war im Haushalt wichtig, alles wurde repariert, nachgeklebt, nachgestopft, nachgelötet, und wie viele Werkzeuge gab es dafür in den Häusern.“ Und genauso hat es der Höchste nicht eilig, etwas irgendwohin wegzuwerfen, und hat es auch nicht eilig, uns irgendwohin wegzuwerfen. Behält auch sein Volk, begnadigt, stopft, lötet hier, klebt da, repariert dort. Mal ist das schmerzhaft, mal ist das mit der Feile, und mal wird auch mit dem Hobel ein Span abgenommen. Aber der Höchste verlässt das Volk nicht, der Höchste repariert, versteht es zu berichtigen. Ja, auf Seinem Weg werden nur die Gerechten gehen, die Übeltäter werden auf Seinen Wegen ausrutschen. Man kann das Volk im Zustand eines Übeltäters auf keinen Fall über die Wege des Höchsten hindurchschieben, aber das Volk zu berichtigen ist möglich, und der Höchste arbeitet ständig daran, das ist Sein Werk. Er hat uns aus Ägypten herausgeführt, Er hat für uns gesorgt wie Jaakow für Rachel, und sorgt weiterhin für uns. Ehre sei Ihm dafür.
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