1. Wochenabschnitte
  2. Bereschit
  3. Wajischlach

וַיִּשְׁלַח

Wajischlach

Jaakow, Esaw und die Rückkehr

Illustration: alexblend.com
Wochenabschnitt
8 von 54
Verse
Bereschit 32,4–36,43
Teile
16
Lesezeit
3 Std. 53 Min.
Hörfassung
6 Std. 3 Min.

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Wajischlach ist der Wochenabschnitt über die Rückkehr Jaakows und die Begegnung mit Esaw. Alex Blend behandelt das Gebet, den Kampf und die Namensänderung, die Geschichte Dinas, das Leben der Familie und die Heimkehr. Das Stenogramm enthält Hebräisch, Transliteration, Übersetzung und die Kommentare des Autors zur Tora und zur Haftara.

Wajischlach: Engel und Gebete

Bereschit 32,4–13

Wir beginnen mit dem Studium des Wochenabschnitts Wajischlach. Dieser Abschnitt beginnt mit Vers 4 von Kapitel 32 des Buches Bereschit, aber um ihn besser zu verstehen, beginnen wir etwas früher zu lesen – mit Vers 2 desselben Kapitels.

וְיַעֲקֹב הָלַךְ לְדַרְכּו וַיִּפְגְּעוּ־בוֹ מַלְאֲכֵי אֱלֹהִים׃

wejaaków halách ledarkó wajifge'u-wó mal'aché elohím

2 Jaakow ging seinen Weg (wir erinnern uns, dass er nach der Begegnung mit Lawan seinen Weg ging), Und es begegneten ihm Engel Gottes.

Eine solche unerwartete Begegnung fand statt. Wir erinnern uns, dass Jaakow, als er sich zu Beginn des Wochenabschnitts Wajeze auf seinen Weg machte, einen Traum mit einer Leiter und Engeln sah, und nach manchen Versionen begleiteten ihn die Engel bis zur Grenze des Landes. Jedenfalls sah Jaakow am Anfang seines Weges Engel und sieht jetzt bei seiner Rückkehr wieder Engel. Es gibt viele Kommentare zum Thema Engel. Wir sehen anfangs keinerlei Kommunikation zwischen den Engeln und Jaakow, als ginge Jaakow vorbei und sähe: Oh, Engel! Genau so, wie wir Pferde ansehen können, die auf einer Wiese weiden. Die Kommentatoren sagen, dass die Engel möglicherweise einfach als Delegation gesandt wurden, die Jaakow begrüßt, – so eine Art Ehrenparade, die Präsidenten an der Flugzeugtreppe empfängt. Andere sagen, und das ist mir näher und verständlicher, dass Jaakow, als er das Land Israel verließ und sich auf seinen Weg machte, eine Leiter sah (in der er selbst als Vorbild des Maschiach, als Vorbild des Volkes Israel ist) – eine Leiter, auf der Engel hinabsteigen und hinaufsteigen. Mit anderen Worten, die Engel steigen nach oben wie die Wünsche, Pläne, Vorhaben und Gebete eines gerechten Menschen (wenn wir natürlich gerecht sind), und auf unsere Gebete hin steigen als Antwort Engel herab und bewirken irgendeine Handlung in dieser Welt. Deshalb sieht Jaakow als Mensch-Leiter hier die Engel. Weiter lesen wir:

וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב כַּאֲשֶׁר רָאָם מַחֲנֵה אֱלֹהִים זֶה

wajomer jaaków ka'aschér ra'ám machané elohím se

3 Und Jaakow sagte, als er sie sah: „das ist das Lager Gottes“.

Ein Lager ist kein Städtchen, keine dauerhafte Siedlung. Ein Lager ist eine Zeltstadt, ein vorübergehender Wohnort, wo Menschen leben, die in den Krieg oder zur Feldarbeit ausgezogen sind. Es gibt auch noch Pionierlager und Pfadfinderlager. Und er sagte: „Ein Lager Gottes ist das.“

וַיִּקְרָא שֵׁם־הַמָּקוֹם הַהוּא מַחֲנָיִם׃

wajikrá schem-hammakóm hahú machanájim

Und er nannte diesen Ort machanájim (zwei Lager).

Warum zwei Lager? Möglicherweise, weil das Lager auf der Erde und im Himmel war. Die Leiter ist bis auf die Ebene eines Lagers angewachsen. Darin liegt auch das Vorbild des Maschiach, der das Himmlische und das Irdische verbindet, und das Vorbild des Tempels, der auf der Erde nach dem Abbild des himmlischen ist. Und die Engel wirken zwischen diesen beiden Tempeln so, wie sie zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen wirken. Das ist es, was Jaakow sah. Wir sehen bisher keinerlei Kommunikation zwischen ihm und den Engeln. Und jetzt können wir beginnen, den Wochenabschnitt Wajischlach zu lesen.

וַיִּשְׁלַח יַעֲקֹב מַלְאָכִים לְפָנָיו אֶל־עֵשָׂו אָחִיו

wajischlách jaaków mal'achím lefanáw el-essáw achíw

4 Und Jaakow sandte Engel vor sein Angesicht zu Esaw – seinem Bruder

 Das Wort malách, das hier verwendet wird, kann man als Engel oder als Gesandter verstehen. Das heißt, auch ein einfacher Mensch, den man irgendwohin mit irgendeiner Mission geschickt hat, kann malách genannt werden. Das begegnet uns in der Schrift. Deshalb kann man das, was Jaakow tut, sowohl als „Jaakow sandte Engel vor seinem Angesicht“ verstehen als auch als „Jaakow sandte eine Delegation vor seinem Angesicht zu seinem Bruder Esaw“. Im ersten Fall kann das bedeuten, dass Jaakow mit Engeln zu kommunizieren versteht und eine bestimmte Macht hat, ihnen zu gebieten, und Engel sendet, damit sie alles Nötige für ein diplomatisches Treffen der beiden Brüder auf neutralem Gebiet vorbereiten. Eine andere Version: Jaakow sendet gewöhnliche Menschen – Parlamentäre. Die Befürchtungen Jaakows, seine Sorgen sind verständlich: Er hat seinen Bruder nicht nur ein Jahrzehnt lang nicht gesehen und weiß nicht, ob sich sein Zorn gelegt hat, wie er jetzt ist, in welchem Zustand … Und obwohl der Höchste Jaakow die Verheißung gegeben hatte, dass er gerettet wird, dass alles gut wird, ihm unglaubliche Verheißungen in Bezug auf Schutz und Sicherheit gegeben hatte (wir verstehen, dass alle Versprechen, die der Höchste uns gibt, nicht bedeuten, dass wir nicht nichts tun sollenIm Russischen steht hier wörtlich eine doppelte Verneinung („nicht nichts tun“). Gemeint ist wohl, dass wir trotz der Verheißungen selbst handeln sollen; wir haben die Stelle wörtlich übersetzt.: Die Versprechen des Höchsten sind das Versprechen, dass unsere Handlungen gelingen werden), beschließt Jaakow, auf mehreren Wegen zu handeln. Wie wir später sehen werden, ist der erste Weg Verhandlungen, Besänftigung, der Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden. Höchstwahrscheinlich ist hier nicht umsonst das Wort malachím verwendet: Jaakow sendet einfache irdische Menschen, aber seine Verdienste, seine Gebete, seine Sorgen bewegen auch Engel aus demselben Lager dazu, sich einzuschalten, und jeder von ihnen löst auf seiner Ebene irgendwelche Aufgaben. Wir sagen oft, dass ein Engel, jeder der Engel, nur für eine Sache gesandt wird. In der jüdischen Tradition haben Engel, soweit wir wissen, niemals den Modus „Multitask“, den Modus des Multitaskings. Aber wenn es für Engel viele Aufgaben gibt, dann kann man viele verschiedene Engel senden, jeden mit seiner Aufgabe. Wir sehen also, dass Jaakow Gesandte zu Esaw, seinem Bruder, schickt.

אַרְצָה שֵׂעִיר שְׂדֵה אֱדוֹם׃

árza-se'ír sedé edóm

...ins Land Se'ir, ins Feld Edom.

Das ist das dem heutigen Israel gegenüberliegende Ufer des Toten Meeres, die Gegend südlich von Jericho, und das ist kein Teil des Landes Israel. Das ist ein neutrales Grenzgebiet. Jaakow ist sehr besorgt, beunruhigt darüber, was mit Esaw los ist, Jaakow fürchtet diese Begegnung: Bei ihm sind Leute, Kinder, er ist voller Unruhe, und eine Begegnung auf neutralem Gebiet ist für ihn am günstigsten. Jaakow gibt den Gesandten eine sehr ausführliche Anweisung, und aus dieser Anweisung kann man annehmen, dass es sich höchstwahrscheinlich doch um einfache Menschen handelt. Und Folgendes lesen wir:

וַיְצַו אֹתָם לֵאמֹר

wajzáw otám lemór

5 Und er wies sie an (gab ihnen einen Befehl) und sprach:

Das Wort zaw bedeutet befehlen, gebieten, aber gebieten, indem man antreibt. Das Wort mizwá (Gebot) bedeutet natürlich einen Befehl, aber einen Befehl, der antreibt, der uns zur Erfüllung drängt. Hier stammt die Wurzel יְצַו (jezáw) von derselben Wurzel wie das Wort mizwá (Gebot).

כֹּה תֹאמְרוּן לַאדֹנִי לְעֵשָׂו כֹּה אָמַר עַבְדְּךָ יַעֲקֹב עִם־לָבָן גַּרְתִּי וָאֵחַר עַד־עָתָּה׃

ko-tomerún ladoní le'essáw ko amár awdechá jaaków im-lawán gárti wa'echár ad-attá

„So sagt meinem Herrn Esaw: So hat dein Knecht Jaakow gesagt: „ich habe bei Lawan gewohnt, und ich habe mich aufgehalten bis jetzt.

וַיְהִי־לִי שׁוֹר וַחֲמוֹר צֹאן וְעֶבֶד וְשִׁפְחָה וָאֶשְׁלְחָה לְהַגִּיד לַאדֹנִי לִמְצֹא־חֵן בְּעֵינֶיךָ׃

wajhi-lí schor wachamór zon we'éwed weschifchá wa'eschlechá lehaggíd ladoní limzo-chén be'enécha

6 Und ich habe Rinder und Esel, Kleinvieh, und Knechte und Mägde, Und ich habe euch gesandt (diese Delegation gesandt), um meinen Herrn zu begrüßen und Gnade in seinen Augen zu finden (Gnade in deinen Augen in diesem Fall)“.

Das heißt, das Erste, was Jaakow tut, seine ersten Handlungen vor der Begegnung mit Esaw – das ist die Besänftigung. Die Kommentatoren, die Rabbiner sagen: „Wir sollen in diesen Handlungen Jaakows ein Lehrbuch sehen, einen kurzen Leitfaden zum Selbststudium „Drei Etappen der Verhandlungen mit den Machthabern, mit den Mächtigen dieser Welt“. Alles beginnt mit der Besänftigung.

וַיָּשֻׁבוּ הַמַּלְאָכִים אֶל־יַעֲקֹב לֵאמֹר אנוּ אֶל־אָחִיךָ אֶל־עֵשָׂו

wajaschúwu hammal'achím el-jaaków lemór bánu el-achícha el-essáw

7 Und die Engel kehrten zu Jaakow zurück und sprachen: „Wir sind zu deinem Bruder Esaw gegangen,

Wir lesen nicht das Gespräch, das die Engel mit Esaw hatten. Da sich die Tora auf die Gefühle Jaakows konzentriert, sehen wir alle Ereignisse (das ist sowohl ein literarisches als auch ein erzieherisches Mittel) so, wie sie sich mit den Augen Jaakows darstellen. Wir wissen nicht, was Esaw den Engeln sagte.

Wenn wir die Midraschim lesen, die Kommentare dazu lesen, dann muss man verstehen (ich wiederhole noch einmal, dass die einen Midraschim Jaakow charakterisieren und die anderen Esaw), dass in Zeiten der Polemik, als man Apologet sein musste (Verteidiger des Judentums), als pauschale Anschuldigungen gegen die Juden zum Thema des Bruders aufkamen, der das Erstgeburtsrecht gestohlen hat, und als unseren Patriarchen irgendwelche negativen Eigenschaften zugeschrieben wurden, um das Volk anzuschwärzen, oft eine Gegenreaktion entstand. Deshalb entstanden sehr viele anschwärzende Midraschim über Esaw. Und hier, in Vers 7, lesen wir, dass die Engel sagten: „Wir sind zu deinem Bruder Esaw gegangen“. Manche Kommentare sagen: „Wir dachten, dass das dein Bruder ist, wir sind zu ihm gekommen in dem Gedanken, dass er sich versöhnt hat, dass er doch dein Bruder ist, aber er ist nach wie vor Esaw. Er hasst dich nach wie vor“. Hier liegt ein Hineinlesen in den Text vor, in das, was im Text höchstwahrscheinlich (meiner Ansicht nach jedenfalls) nicht steht. Sie sagen: „Wir sind zu deinem Bruder gekommen“.

וְגַם הֹלֵךְ לִקְרָאתְךָ וְאַרְבַּע־מֵאוֹת אִישׁ עִמּוֹ׃

wegám holéch likratechá we'arba-me'ót isch immó

...und er geht dir auch entgegen, und mit ihm 400 Mann“.

Aus der Antwort der Engel, aus dem Bericht der Engel ist überhaupt nicht klar, zu welchem Zweck Esaw kommt. Auf den ersten Blick sagen sie: „Da ist Esaw, er ist dein Bruder“…, ohne irgendeine Bedrohung zu erwähnen. Die Wendung holéch likratechá kommt in der Schrift 14 Mal vor. 11 Mal kommt sie in der Bedeutung kommt dir mit guten Absichten entgegen vor und 3 Mal, wenn es gerade um Krieg geht. Überhaupt, wenn wir einen Menschen bitten, uns entgegenzukommen, im Sinne von „uns einen Gefallen tun“, verwenden wir im modernen Hebräisch dasselbe Wort. Und man kann verstehen, dass die Engel sagen: „Da, Esaw rückt mit 400 Kriegern gegen dich aus“ (400 Mann – das ist nicht die Art Delegation, die ein Bruder einfach so mitführt), oder man kann verstehen, dass „er dir auch entgegenkommt, mit denselben Absichten wie du“. Jaakow bleibt jedenfalls im Unverständnis, und dieses Unverständnis bereitet ihm Unruhe, und er beginnt, sich auf den Krieg vorzubereiten. Vielleicht nicht einmal Unverständnis, sondern ein etwas falsches Verständnis – darauf werden wir noch eingehen, wenn wir ihre Begegnung betrachten. Worin besteht denn eigentlich die Absicht Esaws? Was hatte Esaw denn selbst vor?

וַיִּירָא יַעֲקֹב מְאֹד וַיֵּצֶר לוֹ וַיַּחַץ אֶת־הָעָם אֲשֶׁר־אִתּוֹ וְאֶת־הַצֹּאן וְאֶת־הַבָּקָר וְהַגְּמַלִּים לִשְׁנֵי מַחֲנוֹת׃

wajirá jaaków me'ód wajézer lo wajáchaz et-ha'ám ascher-ittó we'et-hazzón we'et-habbakár wehaggemallím lischné machanót

8 Jaakow fürchtete sich sehr, und ihm wurde traurig zumute, Und er teilte das Volk in zwei Teile: die, die bei ihm waren, er (und das Volk, das bei ihm war, und das Kleinvieh, und das Großvieh, und die Kamele) teilte er in zwei Lager.

Wajáchaz stammt von der Wurzel Hälfte. Und er „halbierte“ das Volk.

וַיֹּאמֶר אִם־יָבוֹא עֵשָׂו אֶל־הַמַּחֲנֶה הָאַחַת וְהִכָּהוּ וְהָיָה הַמַּחֲנֶה הַנִּשְׁאָר לִפְלֵיטָה׃

wajomer im-jawó essáw el-hammachané ha'achát wehikkáhu wehajá hammachané hannisch'ár lifletá

9 Wenn Esaw zu einem der Lager geht und es schlägt, bleibt noch ein Lager zur Errettung übrig.

Das heißt, die zweite Handlung, die Jaakow vornimmt, ist das Einrichten von Rückzugswegen, von Ausweichmöglichkeiten. Wir sagen, dass das außerdem eine Anleitung ist, wie man mit den Machthabern verhandelt: Es gibt außerdem noch eine Ausweichmöglichkeit, man soll den Machthabern nicht völlig vertrauen. Danach nimmt Jaakow die dritte Sache in Angriff. Die dritte wichtige Sache ist das Gebet. Man kann fragen: Warum hat Jaakow nicht sofort angefangen zu beten, warum verlässt er sich überhaupt nicht auf die Verheißungen des Höchsten? Wenn wir uns erinnern, haben wir im vorigen Kapitel gelesen, wie Jaakow mit seinen Frauen spricht, über sein Leben bei ihrem Vater – Lawan – spricht, über seine Beziehung zu Lawan, sagt, dass Lawan seine Haltung ihm gegenüber geändert hat und seine Söhne ihn schlecht behandeln, und erst dann erwähnt Jaakow, dass der Höchste ihm gesagt hat, aufzubrechen und nach Hause zurückzukehren. Warum handelt Jaakow nicht umgekehrt? Und die Kommentatoren sagen: „Wenn du jemandem etwas erklärst, wenn du jemanden zu irgendwelchen Handlungen bewegen willst, dann sag nicht ‚so hat Gott gesagt‘, ‚Gott hat es so geboten‘. Erkläre dem Menschen zuerst irgendeinen gesunden Menschenverstand, der in diesen Handlungen liegt, und dann sag, dass der HERR es so gesagt hat.“ Der Mensch muss zuerst den gesunden Menschenverstand begreifen, der in der Handlung liegt. Das haben wir im Buch Bereschit schon mehrmals gelesen: Als Elieser nacherzählt, wie Awraham ihn gesandt hat, erzählt er es auch so nach, dass die Menschen zuerst den gesunden Menschenverstand und die Hand Gottes in diesen Ereignissen sehen und erst danach verstehen, dass es unmittelbar von Gott ist, damit das Wort Gottes nicht zum Element irgendeiner Manipulation wird usw.

Und andererseits kann man dem Höchsten nicht sagen: „Du hast es mir versprochen, also mach Du es auch!“ Der Höchste sagt, wenn Er verspricht, uns zu segnen: „Ich werde dich in all deinen Handlungen segnen.“ Das heißt, um den Segen zu empfangen, müssen wir irgendeine Handlung vollbringen. Darunter auch das Gebet. Das heißt, selbst wenn der Höchste uns etwas versprochen hat, selbst wenn für uns etwas bereitet ist, selbst wenn der Höchste schon geboten hat, dass es sein soll, ist das Gebet trotzdem ein wichtiges Mittel. Ganz am Anfang des Buches Bereschit lesen wir: „Zu jener Zeit gab es keinerlei Pflanze und Strauch auf der Erde.“ Aber vorher haben wir gelesen, dass der Höchste geboten hat, dass das Gras hervorsprießt. Es entsteht ein Dilemma: Warum gab es keines – weil der Dunst nicht aufstieg. Das Gras war schon bereit, es war unter der Erde, und die Sträucher auch: Alles war bereit hervorzukommen, man musste nur beten. Das Gebet des Menschen ist das, was die Erde, die zum Gebrauch bereit war, sozusagen eingeschaltet hat. Und hier betet Jaakow, damit sich dieser Segen einschaltet, damit er wirkt.

Und nachdem Jaakow die Gesandten schon abgeschickt hat und nachdem er das Lager vorbereitet hat, beginnt er das Gebet. Es ist völlig natürlich, dass in den vielen Jahren der Kommentierung der Schrift nicht alle so gedacht haben, und viele sagen: „Wenn du in diesem Kapitel Esaw achtmal deinen Herrn genannt hast, wird es acht Könige Edoms geben, die vor den Königen Israels herrschen werden. Da du zuletzt betest und zuerst Dinge tust, wird dies und das geschehen, und anderes ...“. Und dennoch ist die allgemeine Schlussfolgerung, die die Weisen ziehen, folgende: Der Höchste segnet die Taten, und die Tat kann man oft vor das Gebet stellen – sie tun und für den Erfolg dieser Tat beten. Obwohl das natürlich nicht bedeutet, dass man nicht auch vor der Tat selbst beten kann, und während der Tat. Überhaupt kann man immer beten.

In Vers 10 lesen wir das eigentliche Gebet Jaakows:

וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אֱלֹהֵי אָבִי אַבְרָהָם וֵאלֹהֵי אָבִי יִצְחָק יְהוָה הָאֹמֵר אֵלַי שׁוּבלְאַרְצְךָ וּלְמוֹלַדְתְּךָוְאֵיטִיבָה עִמָּךְ׃

wajomer jaaków elohé awí awrahám welohé awí jizchák adonáj ha'omér eláj schuw le'arzechá ulmoladtechá we'etíwa immách

10 Und Jaakow sagte: „HERR, der zu mir gesagt hat: ‚kehre zurück in dein Land und in deine Heimat, Und Ich werde dir Gutes tun, dir Gutes erweisen‘“.

Das Wort lehetíw, hier mit der Wurzel tow – mit genau derselben Wurzel wie im Wort tow (gut). We'etíw – das ist besser machen. Ich werde es dir besser und besser machen, Ich werde dich verbessern.

קָטֹנְתִּי מִכֹּל הַחֲסָדִים וּמִכָּל־הָאֱמֶת אֲשֶׁר עָשִׂיתָ אֶת־עַבְדֶּךָ כִּי בְמַקְלִי עָבַרְתִּי אֶת־הַיַּרְדֵּן הַזֶּה וְעַתָּה הָיִיתִי לִשְׁנֵי מַחֲנוֹת׃

katónti mikkól hachassadím umikkol-ha'emét aschér assíta et-awdécha ki wemaklí awárti et-hajardén hassé we'attá hajíti lischné machanót

11 Klein bin ich, unwürdig bin ich, ich fasse dem Maß nach nicht all die Gnaden und all die Wahrheit (Wahrheit ist in diesem Fall auch zedaká – gerechtes Handeln, gutes Handeln), die Du an Deinem Knecht getan hast, denn mit dem Stab bin ich über diesen Jordan gegangen, und jetzt habe ich zwei Lager.

צִּילֵנִי נָא מִיַּד אָחִי מִיַּד עֵשָׂו כִּי־יָרֵא אָנֹכִי אֹתוֹ פֶּן־יָבוֹא וְהִכַּנִי אֵם עַל־בָּנִים׃

haziléni na mijád achí mijád essáw ki-jaré anochí-otó pen-jawó wehikkáni em al-baním

12 Rette mich doch vor meinem Bruder, vor Esaw, denn ich fürchte ihn, damit er nicht kommt und mich schlägt, die Mutter und die Söhne.

In Kapitel 22 des Buches Dewarim gibt es das Gebot über das Wegschicken des Vogels vom Nest: „Wenn du ein Nest findest, dann nimm das Nest, die Mutter aber schicke fort. Nimm nicht die Mutter und die Söhne zusammen.“ Und bei Hoschea gibt es eine Aussage darüber, dass Mutter und Söhne umkamen. Mutter und Söhne, die umkommen, – das ist völlige Zerstörung, das ist der Zusammenbruch von allem. Und der Höchste gebietet, Mutter und Söhne im Nest nicht zu nehmen, die Welt nicht ganz und gar zu vernichten, selbst bei den Vögeln. Und Jaakow betet: „Ich will nicht, dass Esaw mich fangen und einfach mein ganzes Geschlecht vernichten kann, Mütter und Söhne – alle mit der Wurzel. Davor fürchte ich mich sehr.“ Nicht so sehr fürchtet er Esaw, sondern vielmehr fürchtet er sich, sorgt sich um seine Nächsten und ruft die Gnade des Höchsten an, malt Ihm dieses Bild, wenn Mutter und Sohn zusammen vernichtet werden. Interessant ist, dass es wiederum den Kommentatoren, die in Esaw die Typologie Edoms sehen, und danach Roms und später des katholischen Christentums und der ständigen Feinde Israels (so eine Art Zentrum des Antisemitismus), schwerfällt zu kommentieren und zu erklären, warum Jaakow Esaw Bruder nennt. Und der Midrasch Suta sagt: „Das Wort achí (rette mich vor meinem Bruder) bedeutet, dass, als Jaakow nach Charan ging, Esaw ihm einen Kundschafter namens Achi hinterherschickte.“ Und Jaakow betet darum. Wozu führe ich diesen Midrasch an, diesen Kommentar? Wir sind in der Gefahr, die Schrift so zu lesen, wie es uns gefällt, das anzunehmen, was uns gefällt. Hier sehen wir, dass Jaakow Esaw mehrmals hinter seinem Rücken Bruder und Herr nennt. Das ist keine Selbsterniedrigung, das ist das, was Jaakow selbst denkt, das ist seine eigene Rede. Obwohl Jaakow Esaw als Bruder empfindet und ihn Herr nennen kann und bereit ist, sich mit ihm zu versöhnen, fürchtet er sich sehr. Er hat gehört, dass Esaw 400 Mann mit sich führt. Er will nichts riskieren und bittet nach all seinen Handlungen in seinem Gebet Den, Der Rettung geben kann, ihn vor dem Bruder zu retten. So wird über einen Menschen gesagt, der Weisheit will: „Er soll lernen und den Höchsten um Weisheit bitten“; über einen Menschen, der Kinder will: „Er soll zu seiner Frau eingehen und den Geber der Kinder bitten, dass er Kinder habe“. Und hier entwirft Jaakow einen bestimmten Plan, sich vor Esaw zu retten, und bittet den Höchsten, dass nicht nur die irdischen, sondern auch die himmlischen Gesandten wirken, dass der Höchste ihn aus der Hand seines Bruders, Esaws, rettet und dass die Mutter mit den Kindern nicht umkommt, dass nicht sein ganzes Geschlecht vernichtet wird.

וְאַתָּה אָמַרְתָּ הֵיטֵב אֵיטִיב עִמָּךְ וְשַׂמְתִּי אֶת־זַרְעֲךָ כְּחוֹל הַיָּם אֲשֶׁר לֹא־יִסָּפֵר מֵרֹב׃

we'attá amárta hetéw etíw immách wesamtí et-sar'ácha kechól hajám aschér lo-jissafér merów

13 Und Du hast mir gesagt: „mit Gutem werde Ich dich beglücken und deinen Samen machen wie den Sand des Meeres, der wegen seiner Größe nicht gezählt werden wird“.

Das ist das Ende des Gebets Jaakows. Im Grunde sagt er: „HERR, Du hast mir die ganze Zeit über so viel getan!“ Der Anfang jedes Gebets, der Anfang des Gesprächs mit dem Schöpfer – das ist Dankbarkeit. Wir kommen nicht mit einer Forderung zu Ihm, wir erkennen vor allem an, dass Er ziemlich viel für uns tut. Unsere Bitte an Ihn ist keine Forderung dessen, was uns zusteht. Jaakow sagt: „Ich bin klein im Vergleich zu all den Gnaden, die Du getan hast. Aber wie soll ich meinen Samen vermehren wie den Sand des Meeres, wenn jetzt Esaw kommt und mich tötet, und die Mutter, und die Kinder? Rette mich vor ihm.“ „Denn ich fürchte ihn“ — ein sehr ehrliches Eingeständnis. Wenn nachts ein Kind zu uns kommt und sagt: „Ich habe Angst zu schlafen“, was antworten wir ihm dann? „Junge, du bist schon groß, du brauchst keine Angst zu haben.“ Er geht bedrückt weg, mit Angst. Wir alle machen es ungefähr so.

Unser Gebet ist auch das Aussprechen unserer inneren Gefühle, die wir nicht in uns behalten wollen. Zu Jaakow wurde von oben nicht gesagt: „Jaakow, Ich habe es dir doch versprochen, du bist doch ein Gerechter, du bist doch letztlich der Stammvater des jüdischen Volkes, du bist ein Vorbild für viele Gläubige! Wie kannst du nicht glauben und dich fürchten?“ Niemand sagt ihm das, denn Gott ist ein Hörender und Zuhörender und nicht einer, der weiterschlafen möchte, der nicht möchte, dass ausgerechnet seine Bequemlichkeit gestört wird, wie es bei uns ist, wenn wir auf die Ängste unserer Kinder antworten.

Jaakow beginnt, die Besänftigung Esaws vorzubereiten, bereitet eine Ausweichmöglichkeit vor und wendet sich mit einem Gebet an den Höchsten, wobei er sagt, dass er trotz der Verheißungen all der Gnade nicht würdig ist, die der Höchste an ihm getan hat.

Nicht mit Kraft wird gekämpft

Bereschit 32,14–30

 שָׁם בַּלַּיְלָה הַהוּא וַיִּקַּח מִן־הַבָּא בְיָדוֹ מִנְחָה לְעֵשָׂו אָחִיו׃

wajalén scham ballájla hahú wajikkách min-habbá wejadó- minchá le'essáw achíw

14 Und Jaakow übernachtete dort in jener Nacht, und er nahm von dem, was in seiner Hand war (von allem, was er bei Lawan verdient hatte), als Geschenk für seinen Bruder Esaw:

Das Wort minchá ist heute eher als Mittagsgebet bekannt und als Name des Mittagsopfers – des Opfers der Besänftigung. Die Wurzel des Wortes minchá ist das Wort nóach, genau dasselbe wie der Name des Patriarchen – zur Ruhe bringen, beruhigen, trösten, befrieden. Also, was tut Jaakow? Zusätzlich zu den drei Punkten, die er erfüllt hat – worüber wir früher gelesen haben – bereitet er ein Geschenk der Besänftigung für seinen Bruder Esaw vor.

עִזִּים מָאתַיִם וּתְיָשִׁים עֶשְׂרִים רְחֵלִים מָאתַיִם וְאֵילִים עֶשְׂרִים׃

issím matájim ut'jaschím esrím rechelím matájim we'elím esrím

15 200 Ziegen und 20 Ziegenböcke, 200 Schafe und 20 Widder.

Schafe und Widder sind Tiere, die auf dem Hof überhaupt nicht arbeiten. Niemand lässt die Böckchen oder die Schäfchen arbeiten. Das sind Tiere, die weiden und nur futtern. Ihre Arbeit ist es, zu Fleisch zu werden. Deshalb neigen sie als die freiesten Gesellen, die müßigsten Tiere, zur Romantik, und ein Böckchen kann zehn Ziegen decken, ein Widder zehn Schafe, und Jaakow schickt sie genau in diesem Verhältnis.

גְּמַלִּים מֵינִיקוֹת וּבְנֵיהֶם שְׁלֹשִׁים

gemallím menikót uwnehém scheloschím

16 Kamele – Säugende (das heißt Kamelstuten) und ihre Söhne, die Kamelfohlen, – 30 Stück.

Hier braucht es keine Paare, weil die Kamelstute schon mit ihrem Fohlen ist. Das ist schon eine künftige Familie.

פָּרוֹת אַרְבָּעִים וּפָרִים עֲשָׂרָה

parót arba'ím ufarím assará

...40 Kühe und 10 Stiere.

Eins zu vier ist das Verhältnis. Warum? Weil der Stier mehr arbeitet und schon keine zehn Kühe mehr decken kann. Vier sind für ihn gerade richtig.

אֲתֹנֹת עֶשְׂרִים וַעְיָרִם עֲשָׂרָה׃

atonót esrím wa'jarím assará

...Eselinnen 20 und Esel 10.

Bei den Eseln ist das Verhältnis schon eins zu zwei. Ihr versteht selbst. Das heißt, je schwerer ein Tier arbeitet, desto weniger Weibchen kann es decken. Das Männchen ist weniger temperamentvoll oder weniger romantisch. Die Weisen haben daraus auch in Bezug auf die Menschen einen Schluss gezogen. Da Ehemänner bestimmte Pflichten gegenüber ihren Frauen haben, sagen die Weisen: „Wenn du ein müßiges Leben führst, hast du mehr Pflichten gegenüber deiner Frau als ein Mensch, der mit schwerer Arbeit beschäftigt ist.“ Auf diese Frage gehen wir nicht näher ein, aber es hat seine eigene Logik.

וַיִּתֵּן בְּיַד־עֲבָדָיו עֵדֶר עֵדֶר לְבַדּוֹ וַיֹּאמֶר אֶל־עֲבָדָיו עִבְרוּ לְפָנַי וְרֶוַח תָּשִׂימוּ בֵּין עֵדֶר וּבֵין עֵדֶר׃

wajittén bejád-awadáw éder éder lewaddó wajomer el-awadáw iwrú lefanáj werévach tassímu ben éder uwén éder

17 Und er gab in die Hände seiner Knechte, übergab seinen Knechten Herde um Herde. und sprach zu seinen Knechten: „Geht vor mir her und lasst einen Abstand zwischen jeder Herde.“

Éder, éder (Herde um Herde). Das heißt, er teilte all dieses Vieh in 7 verschiedene Herden, damit die Herden mit einer Pause von ein bis anderthalb oder zwei Stunden bei Esaw ankommen. So ein Plan war das.

וַיְצַו אֶת־הָרִאשׁוֹן לֵאמֹר כי יִפְגָּשְׁךָ עֵשָׂו אָחִי וִשְׁאֵלְךָ לֵאמֹר לְמִי־אַתָּה וְאָנָה תֵלֵךְ וּלְמִי אֵלֶּה לְפָנֶיךָ׃

wajzáw et-harischón lemór ki jifgaschechá essáw achí usch'elechá lemór lemi-attá we'ána teléch ulmí élle lefanécha

18 Und den Knechten, die die erste Herde führen, gebot er und sprach: „Wenn dir Esaw begegnet – mein Bruder – und dich fragt und spricht: ‚Wem gehörst du, und wohin gehst du, und zu wem gehst du?‘,

Das heißt, wenn dir mein Bruder begegnet und dich ausfragt.

וְאָמַרְתָּ לְעַבְדְּךָ לְיַעֲקֹב מִנְחָה הִוא שְׁלוּחָה לַאדֹנִי לְעֵשָׂו וְהִנֵּה גַם־הוּא אַחֲרֵינוּ׃

we'amartá le'awdechá lejaaków minchá hi scheluchá ladoní le'essáw wehinné gam-hú acharénu

19 sollst du ihm sagen: „Ich gehöre Jaakow, und siehe, er sendet das Geschenk der Besänftigung meinem Herrn Esaw, und er selbst kommt auch hinter uns her.“

וַיְצַו גַּם אֶת־הַשֵּׁנִי גַּם אֶת־הַשְּׁלִישִׁי גַּם אֶת־כָּל־הַהֹלְכִים אַחֲרֵי הָעֲדָרִים לֵאמֹרכַּדָּבָר הַזֶּה תְּדַבְּרוּן אֶל־עֵשָׂו בְּמֹצַאֲכֶם אֹתוֹ׃

wajzáw gam et-haschení gam et-haschelischí gam et-kol-haholechím acharé ha'adarím lemór kaddawár hassé tedabberún el-essáw bemoza'achém otó

20 Und auch dem zweiten und dem dritten gebot er dasselbe, Und allen, die hinter den Herden gehen, und sprach: „So sollt ihr zu Esaw reden, wenn ihr ihm begegnet.“

וַאֲמַרְתֶּם גַּם הִנֵּה עַבְדְּךָ יַעֲקֹב אַחֲרֵינוּ כִּי־אָמַר אֲכַפְּרָה פָנָיו בַּמִּנְחָה הַהֹלֶכֶת לְפָנָי וְאַחֲרֵי־כֵן אֶרְאֶה פָנָיו אוּלַי יִשָּׂא פָנָי׃

wa'amartém gam hinné awdechá jaaków acharénu ki-amár achapperá fanáw bamminchá haholéchet lefanáj we'achare-chén er'é fanáw uláj jissá fanáj

21 Und ihr sollt sagen (werdet sagen), Und vor allem sagt, dass „siehe, Jaakow kommt hinter uns her“, denn er sprach: „Ich will sühnen, das Angesicht zurechtbringen, ihn mit der Mincha besänftigen – mit Geschenken der Besänftigung, die ich vor mir hergesandt habe, und danach werde ich sein Angesicht sehen, vielleicht wird er mir gnädig sein“…

Jaakow hat noch ein Programm ausgeheckt: Er schickt Esaw 7 Herden mit einem Abstand von, sagen wir, ein bis anderthalb Stunden – ein Programm für den ganzen Tag –, und jeder der Hirten wird sagen: „Bald kommt Jaakow, er schickt dir ein Geschenk der Besänftigung.“ Was tut Jaakow in dieser Zeit?

וַתַּעֲבֹר הַמִּנְחָה עַל־פָּנָיו וְהוּא לָן בַּלַּיְלָה־הַהוּא בַּמַּחֲנֶה:

watta'awór hamminchá al-panáw wehú lan ballajla-hahú bammachané

22 Und die Mincha zog von ihm fort (diese ganze vielschichtige, mehrzügige Delegation zog fort), er selbst aber blieb in dieser Zeit im Lager, um zu übernachten.

In der Nacht beginnen unerwartete Ereignisse zu geschehen:

וַיָּקָם בַּלַּיְלָה הוּא וַיִּקַּח אֶת־שְׁתֵּי נָשָׁיו וְאֶת־שְׁתֵּי שִׁפְחֹתָיו וְאֶת־אַחַד עָשָׂר יְלָדָיו וַיַּעֲבֹר אֵת מַעֲבַר יַבֹּק׃

wajákom ballájla hu wajikkách et-scheté nascháw we'et-scheté schifchotáw we'et-achád assár jeladáw waja'awórIn der russischen Umschrift fehlt in diesem Wort („und er ging hinüber“) eine Silbe. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. et ma'awár jabbók

23 Und er sprang in jener Nacht auf, und nahm seine zwei Frauen und seine zwei Mägde, seine elf Kinder, und durchwatete den Fluss Jabbok.

Der Fluss Jabbok fließt von Osten nach Westen, das heißt, Jaakow brachte die Frauen und Kinder auf die Seite hinüber, von der Esaw kommen sollte. Warum steht geschrieben: „11 Kinder“? Weil die kleine Dina zusammen mit ihrer Mama geht. Es gibt eine andere Version, die sagt, dass Jaakow Dina in einer Truhe versteckte, damit Esaw die zweijährige Dina nicht sieht und nicht in Liebe zu ihr entbrennt… Aber lasst uns den einfachen Sinn lesen: Ein kleines siebenjähriges Mädchen wird den Fluss höchstwahrscheinlich auf den Armen ihrer Mutter überqueren. Also, Jaakow bringt die Frauen und Kinder auf die Seite Esaws hinüber.

וַיִּקָּחֵם וַיַּעֲבִרֵם אֶת־הַנָּחַל וַיַּעֲבֵר אֶת־אֲשֶׁר־לוֹ׃

wajikkachém waja'awirém et-hannáchal waja'awér et-ascher-ló

24 Und er nahm sie und führte sie über den Bach, und alles, was er hatte, brachte er ebenfalls über ihn hinüber.

Jaakow bringt sein ganzes Lager hinüber: das Vieh und die Zelte und den Besitz – alles bringt er über den Jabbok auf die Seite hinüber, von der Esaw kommen wird. Und zwar tut er das alles mitten in der Nacht. Könnt ihr euch vorstellen, was das heißt, mitten in der Nacht aufzuwachen, vier Frauen, 11 Kinder, von denen das älteste noch nicht zwölf ist, aufzuwecken und mit ihnen nachts, ohne Beleuchtung, ohne Brücken und ohne ausreichend warme Kleidung, damit zu beginnen, den Fluss zu überqueren und dabei wahrscheinlich auch noch nicht viel Lärm zu machen, und dann die halbe Nacht seinen ganzen Besitz herumzuschleppen? Das heißt, Jaakow hat kein einfaches Unternehmen angefangen, und es wäre interessant zu verstehen, wozu…

Die Kommentatoren sagen dazu Verschiedenes. Raschbam nennt eine sehr interessante Variante: „Diese ganze Unternehmung Jaakows mit den Delegationen zu Esaw ist ein Täuschungsmanöver.“ 7 Hirten werden einer nach dem anderen kommen und sagen: „Jaakow kommt gleich hinter uns her, und das ist ein Geschenk für dich.“ Und Jaakow wird in der Nacht aufstehen und einen anderen Weg gehen und sich jetzt nicht mit Esaw treffen, später irgendwann, wenn sich die Umstände fügen, wenn die Aufklärung irgendeine andere Lage meldet und nicht von 400 Kämpfern, vielleicht wird Jaakow sich dann mit ihm treffen, vorerst aber will er davonlaufen. Obwohl er schon Engel gesandt, das Lager geteiltDie russische Wendung bedeutet meist „ein Lager aufschlagen“, kann aber auch „das Lager teilen“ heißen. Übersetzt ist „geteilt“, weil der Autor auf die Stelle zurückblickt, an der Jaakow das Volk in zwei Lager teilt., gebetet und den Höchsten an alle Segnungen und Verheißungen erinnert hatte, die der Höchste ihm gegeben hatte, siegt die Angst, und Jaakow will fliehen. Also, Jaakow brachte das ganze Lager hinüber und kehrte offenbar, wie die Kommentatoren sagen, zurück, um „allerlei Kleinkram zusammenzusuchen“, nachdem er schon alle hinübergebracht, hinübergeführt hatte.

וַיִּוָּתֵר יַעֲקֹב לְבַדּוֹ וַיֵּאָבֵק אִישׁ עִמּוֹ

wajiwwatér jaaków lewaddó waje'awék isch immó

25 Und Jaakow blieb allein (allein auf jener Seite des Jabbok, auf der er allein ist, auf der er ursprünglich war), Und es rang mit ihm ein „isch“

Wir haben im vorigen Wochenabschnitt gelesen, dass man Jaakow isch zu nennen begann, als er bedeutend wurde. Isch ist irgendeine bedeutende Persönlichkeit. Wörtlich ist das Mann, aber sehr oft wird es auch in der Bedeutung Engel verwendet. Und nach unserem Kontext zu urteilen, geht es hier um einen Engel. Das Wort laje'awék (ringen, hier waje'awék) stammt von dem Wort awák (Staub, sich im Staub wälzen). Aber obwohl das Wort Ringen von dem Wort sich im Staub wälzen stammt, bedeutet das selbstverständlich nicht immer, dass man sich unbedingt im Staub wälzen muss. Also, jemand rang mit ihm.

עַד עֲלוֹת הַשָּׁחַר׃

ad alót hascháchar

...bis zum Morgengrauen.

Wir lesen mit euch eine der rätselhaftesten Geschichten des Pentateuchs. Da wird oft gefragt: „Auf wen haben sie geschaut, wer ist zu den Töchtern der Menschen gegangen, und was ist da geschehen?“ Aber viel schwieriger und interessanter ist unsere Geschichte: Wer hat denn da unerwartet und wozu einen Überfall nach Banditenart auf Jaakow verübt? Zumal nicht auf sein Lager, das ohne ihn geblieben war, das man hätte plündern können, sondern gerade auf ihn selbst, als er allein geblieben war. Wer ist dieser, der mit ihm gerungen hat?

Viele Kommentatoren, wie etwa Raschi oder Kanati, sagen, dass das der Engel Esaws ist. Der Engel Esaws, der Jaakow niederschlagen, Jaakow verprügeln, Jaakow schwächen und Jaakow einschüchtern wollte. Andere sagen, dass der Höchste den Engel Esaws zwang, zu Jaakow zu gehen, damit Jaakow so einen Übungssieg über den Engel erringt, über den, der Esaw lenkt, mit seinem himmlischen Schutzengel, und dann wird man sagen können: „Sowohl im Himmel als auch auf der Erde hast du Esaw besiegt.“

Der alte Targum Jonatan sagt, dass der Engel, der mit Jaakow rang, der Erzengel Michael ist, der kam, um Jaakow im Grunde keine Möglichkeit zu geben zu fliehen, ihn die ganze Nacht aufzuhalten (mit dem Morgengrauen ist das Fliehen nicht mehr so leicht) und ihm nach Möglichkeit, wie wir sehen werden, das Bein zu verletzen. Lasst uns dabei stehen bleiben. So oder so war diese ganze Engelsmission dazu da, dass Jaakow begreift, dass er nicht zu fliehen braucht. Genau dazu wurde er auch überfallen.

Wisst ihr, wie ein Tier erworben wird? Wenn ein Mensch Geld für eine Kuh, für einen Stier, für ein Kamel gegeben hat, ist dieses Tier für ihn noch kein Kauf geworden: Als Beginn des Besitzes gilt, wenn der Mensch das Tier hinter sich hergezogen, es gerufen oder ihm von hinten mit einer Gerte einen Schlag gegeben hat und es losgegangen ist, sich einen Schritt bewegt hat. Manchmal ist es so, dass der Höchste, der uns erwerben will, uns zu Sich nehmen will, ebenfalls zuerst entweder uns rufen kann (und wenn wir einen Schritt machen, sind wir Sein) oder uns von hinten mit der Gerte schlagen kann, wenn wir nicht gehen: Dann gibt es die Variante mit der Peitsche. Und hier wird Jaakow gewarnt, man zeigt ihm, dass er nicht vor Esaw zu fliehen braucht. Der Höchste sagt: „Ich habe dich gesegnet, Ich habe dir versprochen, dich zu behüten, Ich habe dir versprochen, dich auch zu erziehen.“ Alle, die Er annimmt, bestraft Er. Das heißt, es ist so eine besondere Barmherzigkeit gegenüber Jaakow, dass ihm ein Engel gesandt wird, um mit ihm zu ringen.

וַיַּרְא כִּי לֹא יָכֹל לוֹ

wajár ki lo jachól lo

26 Und der Engel sah, dass er ihn nicht bezwingen konnte

Wir wissen, dass, obwohl Jaakow belehrt wird, der Engel begrenzte Rechte hat (wie seinerzeit der HERR dem Satan Zugang zu Hiob gab), der Engel bekam nicht das Recht, Jaakow zu vernichten.

וַיִּגַּע בְּכַף־יְרֵכוֹ

wajiggá bechaf-jerechó

...und berührte (wenn man wörtlich übersetzt) die Handfläche der Hüfte.

Er berührte die Hüfte – den Nerv, der durch die Hüfte verläuft. Das ist ein sehr wichtiger Nerv, und wenn man ihn trifft (den Nerv oder die Sehne), dann beginnt der Mensch zu hinken.

וַתֵּקַע כַּף־יֶרֶךְ יַעֲקֹב הֵאָבְקוֹ עִמּוֹ׃

wattéka kaf-jérech jaaków behe'awekóIn der russischen Umschrift sind in diesem Wort zwei Laute vertauscht. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. immó

...und verdrehte (verrenkte) die Hüfte Jaakows, als er mit ihm rang.

Das heißt, Jaakow trug eine Verletzung und ein Hinken davon. Ein hinkender Mensch kann nicht mehr fliehen. Darin bestand im Großen und Ganzen auch die Aufgabe des Engels.

וַיֹּאמֶר שַׁלְּחֵנִי כִּי עָלָה הַשָּׁחַר

wajomer schallechéni ki alá hascháchar

27 Und er sagte: „Lass mich los, denn das Morgengrauen bricht an“.

Warum ist es dem Engel so wichtig, dass das Morgengrauen angebrochen ist? Eine Sache ist es, Jaakow bis zum Morgengrauen aufzuhalten, das ist verständlich, weil es bei Licht schwerer ist zu fliehen, aber wozu musste er selbst so dringend nach Hause? Die Kommentatoren sagen: „Die Engel beginnen am Morgen den Gesang für den Höchsten, und das ist genau die Zeit, in der der Engel frei werden muss.“ Man kann einwenden: „Aber bei uns ist die Erde so eingerichtet, dass immer irgendwo Morgen ist. Selbst wenn bei mir Abend ist, ist irgendwo bei jemandem Morgen. Immer ist irgendwo Morgen und immer ist irgendwo Abend.“ Und dazu gibt es mehrere verschiedene Ansichten. Die einen sagen: „Na ja, die Engel jedes Landes, jeder, sagen wir mal, Zeitzone singen ständig sowohl den Morgengesang als auch den Abendgesang und den Mittagsgesang, und so erklingt beim Höchsten der Lobpreis in Ewigkeit.“ Andere sagen, dass die Hauptstadt – das himmlische Jerusalem – nach der irdischen Jerusalemer Zeit lebt, und die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge dort ebenfalls nach Jerusalemer Zeit sind. Aber wahrscheinlich werden wir keine einheitliche Antwort auf die Frage bekommen: Warum war es für den Engel so wichtig, mit dem Aufgang der Sonne, mit der Morgenröte frei zu werden. Man kann natürlich vieles vermuten, und es ist immer gut zu vermuten, dafür ist sie ja die Tora, damit wir über sie nachdenken, aber eine einzige Antwort werden wir nicht bekommen.

וַיֹּאמֶר לֹא אֲשַׁלֵּחֲךָ כִּי אִם־בֵּרַכְתָּנִי׃

wajomer lo aschallechachá ki im-berachtáni

...UND ES ANTWORTETE (IHM JAAKOW): „ICH LASSE DICH NICHT LOS, WENN DU MICH NICHT SEGNEST“.

וַיֹּאמֶר אֵלָיו מַה־שְּׁמֶךָ וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב׃

wajomer eláw ma-schemécha wajomer jaaków

28 Und der Engel sagte zu ihm: „wie heißt du?“ Und er antwortete: „Jaakow“.

Hier entsteht eine Merkwürdigkeit: Hat der Engel denn von oben keine genaue Anweisung bekommen? Hat man ihm nicht gesagt: „Geh, hier hast du ein Foto, diesen Menschen da greif an, er heißt Jaakow Jizchakowitsch, er ist Jude? Genau ihn greif an, pass auf, verwechsle ihn mit niemand anderem, greif keinen anderen an. Hier die Passnummer, der Wohnort, der Familienname, der Vorname, die Steuernummer – alles hat man dir gegeben...“? Warum fragt der Engel plötzlich? Manchmal, wenn wir einen Namen sagen, wenn wir um einen Namen für Gebete bitten, wenn wir darum bitten zu beten, dann ist es wichtig, den Namen gut auszusprechen als Übertragung von Vollmachten. Wer bist du denn? Wer bist du? Was ist dein Name jetzt? Und der Name kann ein Werkzeug für den Segen sein. Wir sehen, wie Jeschua als Antwort auf Namen sagt: „Du heißt so und so, Ich werde tun...“, das heißt, ausgehend vom Namen kann man auch segnen.

וַיֹּאמֶר לֹא יַעֲקֹב יֵאָמֵר עוֹד שִׁמְךָ י אִם־יִשְׂרָאֵל כִּי־שָׂרִיתָ עִם־אֱלֹהִים וְעִם־אֲנָשִׁים וַתּוּכָל׃

wajomer lo jaaków je'amér od schimchá ki im-jisraél ki-saríta im-elohím we'im-anaschím wattuchál

29 Und er (der Engel) sagte zu ihm: „Nicht mehr soll dein Name „Jaakow“ gesagt werden, sondern du wirst „Jisrael“ heißen: Du hast mit Gott und mit den Menschen geherrscht, und hast es vermocht“.

Das Verb saríta ist schwer zu übersetzen. Die griechischen Texte übersetzen es als herrschte mit Gott oder war Fürst mit Gott. Die hebräischen, aramäischen Texte und die Kommentatoren deuten es ebenfalls vom Wort schrerá (Herrschaft) her – mit Gott herrschen. Und dann bedeutet der Name Jisrael „der, der auf der Erde die Herrschaft und Kraft Gottes festigen wird“. Wann hat denn Jaakow mit Gott geherrscht? Nun, eigentlich ist ihm ja dafür der Segen Awrahams gegeben: „Du kannst binden sowohl auf der Erde als auch im Himmel; sowohl auf der Erde als auch im Himmel wird dir eine bestimmte Macht gegeben.“ Jaakow, wir erinnern uns, begann seinen Weg mit der Leiter vom Himmel bis zur Erde, auf der Engel hinaufsteigen und hinabsteigen, und hier kann man sagen, dass der Engel Jaakow mitteilt, dass er auf diese Leiter hinaufgestiegen ist, dass er eben jenes Werkzeug der Lenkung geworden ist. Andererseits lesen wir bei Hoschea, dass Jaakow „mit dem Engel rang“, und Hoschea verwendet genau dasselbe Wort, aber dort ist offensichtlicher, dass dieses Wort rang bedeutet. Und dann kann man es übersetzen als „der mit Gott Ringende“. Wie soll man das verstehen? Ein gottbekämpfendes Volk... So ein Ausdruck klingt irgendwie nicht sehr gut. Aber wir erinnern uns, wie zum Beispiel Mosche für sein Volk eintrat und sagte: „Wenn Du ihnen nicht vergibst, lösche mich aus dem Buch, in das Du mich eingeschrieben hast.“ Ein Volk, das Fürsprecher und Fürbitter für die ganze Welt ist, für die Menschen (im Himmel) – das ist ein Volk, das zum Teil mit Gott ringt. Ein Anwalt, ein Vertreter der Menschheit im Himmel, ein Priester, der vor Gott steht, ringt, kann man sagen, in gewissem Maß ebenfalls mit Gott. In unglaublicher Furcht und unglaublichem Zittern vor Ihm tritt Mosche dennoch für das Volk ein, bittet um Vergebung für das Volk, ringt, besänftigt den Zorn Gottes. Und hier kann man eine Parallele zu dem sehen, womit wir begonnen haben: Jaakow kann den Zorn Gottes besänftigen, er braucht Esaw nicht zu besänftigen, und deshalb bekam er einen Ringer ab, weil er den Falschen besänftigt hatte.

וַיִּשְׁאַל יַעֲקֹב וַיֹּאמֶר הַגִּידָה־נָּא שְׁמֶךָ וַיֹּאמֶר לָמָּה זֶּה תִּשְׁאַל לִשְׁמִי

wajisch'ál jaaków wajomer haggidaná schemécha wajomer lammá se tisch'ál lischmí

30 Und Jaakow fragte und sagte: „sag mir deinen Namen“. Und er antwortete ihm: „wozu wirst du nach meinem Namen fragen?“

Und wozu hat er gefragt? Ist es denn nicht verständlich? Hier kann man sagen: „Nicht mich sollst du segnen, ich bin hier nur ein Werkzeug, du weißt, wen du segnen sollst, du weißt, wessen Segen mein Segen sein wird.“

וַיְבָרֶךְ אֹתוֹ שָׁם׃

wajwárech otó scham

...Und er segnete ihn dort.

„Jaakow segnete den Engel dort“ und „der Engel segnete Jaakow dort“ – hier kann man das unterschiedlich verstehen, aber höchstwahrscheinlich segnete der Engel Jaakow mit einem neuen Namen, und Jisrael segnete den Engel, segnete den Höchsten, Der durch den Engel etwas getan hat. Natürlich ist es immer so, wenn man irgendeine solche Episode kommentiert, zu der es viele Kommentare, Überlegungen und Meinungen gibt – das ist immer umstritten und das ist immer schwierig. Man darf nicht vergessen, dass ja, tatsächlich, die Tora, die wir lesen, uns offenlegt: Unsere Kommentare sprechen über uns und nicht über die Helden der Tora, und die Tora ist dazu berufen, uns zu verändern, und nicht wir die Helden der Tora. Wenn es irgendwelche Überlegungen, Meinungsverschiedenheiten, Streit gibt, jemand es anders sieht, nun ja, das ist so, weil jemand – ein anderer ist, nicht so wie ich. Das ist völlig normal, völlig normal, nicht zuzustimmen, nicht anzunehmen, zu streiten, sich zu empören, etwas anderes zu sehen, einen ganz anderen Jaakow und einen ganz anderen Engel zu sehen. Die Hauptsache ist, dass die Tora uns verändert und uns wachsen lässt, und nicht wir etwas von den Helden fordern, die Helden verurteilen oder rechtfertigen. Nicht dafür ist es geschrieben. Die Tora ist ein Buch über sie, aber gelesen werden soll sie über uns. Das ist meine persönliche Meinung.

Und so trafen sie sich

Bereschit 32,31–33,5

Also, wir haben Jaakow am Ufer des Baches Jabok zurückgelassen und lesen jetzt ab Vers 31 weiter:

וַיִּקְרָא יַעֲקֹב שֵׁם הַמָּקוֹם פְּנִיאֵל

wajikrá jaaków schem hammakóm peni'él

31 Und Jaakow nannte den Namen dieses Ortes „Peniel“,

Wenn wir uns den Namen ansehen, dann ist pni – das Gesicht oder mein Gesicht, und el – das ist Gott. Man kann das sowohl als „Gesicht Gottes“, als auch als „mein Gesicht – Gott“ lesen. Warum hat Jaakow ihn so genannt?

כִּי־רָאִיתִי אֱלֹהִים פָּנִים אֶל־פָּנִים וַתִּנָּצֵל נַפְשִׁי׃

ki-ra'íti elohím paním el-paním wattinnazél nafschí

denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele wurde gerettet.

Wir wissen, dass mit dem Wort elohím (Gott) oft Engel bezeichnet werden. Hoschea, der die Geschichte des nächtlichen Kampfes Jaakows nacherzählt, sagt ebenfalls, dass Jaakow gerade mit einem Engel gerungen hat. Dort steht bei Hoschea das Wort malách, und das ist dann schon völlig verständlich. Nichtsdestoweniger wissen wir, dass das Wort malách Gesandter bedeutet. Der Gesandte Gottes ist ein Abbild Gottes. Deshalb kann man sagen, dass Gott sich uns in Gestalt von Engeln zeigt, Gott sendet Engel, um etwas von Seinem Wesen zu offenbaren. Und Jaakow konnte durchaus sagen, dass er Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Als wir über die Leiter Jaakows sprachen, haben wir den Midrasch, die Auslegung erwähnt, wonach das Gesicht, das sich auf dem Thron des Höchsten befindet, dem Gesicht Jaakows ähnelt. Die Engel sahen, verglichen und sagten: „Wir haben den gesehen, dessen Antlitz ein Relief auf dem Thron Gottes ist.“ So wie wir das Vorbild des Maschiach gesehen haben. Hier kann man sagen, dass Jaakow, als er mit dem Engel rang, sein Gesicht offenbarte, Jaakow sah in sich das Gesicht des Höchsten. Wir werden später sehen, wie das damit zusammenhängt, dass mutmaßlich der Engel Esaws mit ihm rang, wenn Jaakow zu Esaw sagen wird: „Ich habe in dir das Gesicht des Höchsten gesehen.“ Sie sind sich ja letzten Endes, obwohl sie sich im Aussehen stark unterscheiden, trotzdem ähnlich, diese beiden Brüder.

Also, peniel – das ist ein Sehen Gottes auf irgendeine Weise. Möglicherweise wurde Jaakow offenbart, dass er als Israel – so wird er später genannt werden – göttliche Kraft in sich trägt, und das Potenzial dazu (wie der Maschiach später sagen wird: „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“) hat sich Jaakow schon jetzt ein Stück weit eröffnet, und deshalb heißt der Ort Peniel.

וַיִּזְרַח־לוֹ הַשֶּׁמֶשׁ

wajisrach-ló haschémesch

32 Und die Sonne ging für ihn auf,

Lo bedeutet für ihn. Warum für ihn? Ist sie etwa für die anderen nicht aufgegangen? Dazu gibt es verschiedene Kommentare. Die meisten Kommentatoren sagen: „Die Sonne ging für ihn auf – die heilende Sonne (wir wissen, dass bei Malachi gesagt ist: ‚Siehe, der Tag kommt, und er ist wie ein brennender Ofen für die Frevler‘ – die Sonne kann eine schreckliche Gluthitze sein, und für die Gerechten gibt es schémesch zdaká – die Sonne der Gerechtigkeit), und das göttliche Licht wurde durch die Sonne und das Sonnenlicht Jaakow zur Heilung gesandt.“ Aber noch interessanter ist es, wenn man zum Anfang der Geschichte zurückkehrt – zur Geschichte im Wochenabschnitt Wajeze, als Jaakow sich auf den Weg macht. Wir haben gesagt, dass er an einem bestimmten Ort übernachtete, weil der Höchste die Sonne für ihn früher untergehen ließ, um ihn an irgendeinem Ort bleiben zu lassen. Hier geht die Sonne genauso für Jaakow auf, damit die Morgendämmerung anbricht. Und weiter lesen wir:

כַּאֲשֶׁר עָבַר אֶת־פְּנוּאֵל וְהוּא צֹלֵעַ עַל־יְרֵכוֹ׃

ka'aschér awár et-penu'él wehú zoléa al-jerechó

...als er durch Penuel hindurchzog. Und er hinkt an seiner Hüfte.

Das Wort zoléa (hinkend) bedeutet eine Seite, eine Kante, eine Rippe, aber in diesem Fall ist zoléa eindeutig neigt sich zu einer Seite. Das Ergebnis der Verwundung, die Jaakow erhielt, ist das Hinken.

Natürlich gibt es Midraschim, die sagen: „...die Sonne ging auf und heilte ihn...“. Die einen sagen, dass sie ihn sofort heilte, andere Versionen sagen, dass Jaakow hinkend blieb. Das Hinken, haben wir gesagt, ist möglicherweise die Folge des Wunsches des Engels, der vom Höchsten gesandt war, Jaakow aufzuhalten, ihn von der Flucht abzuhalten. Andererseits sehen wir, dass Jaakow trotz der Fülle an Segnungen, die der Höchste ihm gibt, hinkt, er fürchtet sich, eindeutig den Weg der Befolgung der Verheißungen zu betreten, er bestärkt sich ständig, sichert sich ständig irgendwo ab und sichert sich doppelt ab. Und einerseits ist das gut – es ist gut, an sich zu zweifeln, es ist gut, daran zu zweifeln, dass man etwas würdig ist (überhaupt sind Selbstanalyse, Selbstkritik eine gute Eigenschaft des Menschen, Bescheidenheit ist eine gute Eigenschaft des Menschen), aber hier wird das schon zum Hinken. Und das wird Jaakow gezeigt, und durch Jaakow ist das ein Beispiel für uns alle. Sein Hinken in der geistigen Welt, seine Unbereitschaft zu sagen „ich bin ein Sohn der Verheißung“ und vielleicht die Unbereitschaft, kühn, als Besitzer des Segens, vor Esaw zu treten, mündet letzten Endes in das Hinken. Jaakow kommt nicht als Besitzer der Verheißung. Und andererseits können wir sagen, dass das auch für uns ein Beispiel ist.

עַל־כֵּן לֹא־יֹאכְלוּ בְנֵי־יִשְׂרָאֵל

al-kén lo-jochelú wene-jisraél

33 Deshalb werden die Söhne Israels nicht essen

Wené Jisraél steht hier nicht nach dem Namen Jaakows, sondern als Bezeichnung des Volkes (das heißt nach dem Namen in der Zukunft), denn das wird geschrieben, als Israel schon existiert.

אֶת־גִּיד הַנָּשֶׁה אֲשֶׁר עַל־כַּף הַיָּרֵךְ עַד הַיּוֹם הַזֶּה כִּי נָגַע בְּכַף־יֶרֶךְ יַעֲקֹב בְּגִיד הַנָּשֶׁה׃

et-gíd hannasché aschér al-káf hajaréch ad hajom hassé ki nagá bechaf-jérechDie russische Umschrift hat hier ein k. Im Hebräischen steht das Kaf an dieser Stelle ohne Dagesch und wird „ch“ gelesen, daher „bechaf“. jaaków begíd hannasché

...jene Sehne (die Hüftsehne, die der Engel berührte), die in der Hüfte ist bis auf diesen Tag, denn der Engel berührte diese Sehne in der Hüfte Jaakows.

Was für ein Zusammenhang, sollte man meinen? Warum besteht unsere Aufgabe gerade darin, diese Sehne nicht zu essen? Warum machen wir nicht zum Gedenken an jenes Ereignis irgendeinen einen Tag, an dem wir alle hinken würden? Unbequem, aber durchaus einprägsam. Wir haben viele solche Zeichen, die nicht sehr bequem sind. Warum essen wir nicht im Gegenteil diese Sehne? Warum bezeichnen wir dieses Gedenken nicht noch auf irgendeine andere Weise? Und hier gibt es zwei verschiedene Ansätze. Die einen sagen, dass Jaakow stark war, fähig, dem Engel in allem standzuhalten, das heißt, er besaß genügend Kraft, eine genügende Stufe an Heiligkeit, aber weil im Familienleben, weil bei ihm mit den Frauen ein gewisses Durcheinander herrscht, ich scheue mich nicht vor diesem Wort, ist gerade diese Stelle der Hüfte verwundbar, sie hat Schaden erlitten, und wir essen sie nicht, weil sie für uns unvollkommen ist – wir können nicht, sind nicht fähig, die göttlichen Funken emporzuheben, die in ihr sind. Die anderen sagen im Gegenteil, dass, weil der Engel die Hüfte berührte, mit ihr eine Wechselwirkung mit dem Höchsten geschah, und sie wurde geheiligt. Der Höchste, heißt es, berührte die Berge, und sie rauchten – eine gewaltige Verwandlung geschah darin. Es gibt noch eine Sichtweise: Wir korrigieren in diesem Fall gewissermaßen das, was der Engel getan hat, wir, die wir das Tier besiegen (denn was hat in Wirklichkeit diese Sehne bei den Tieren mit der Sehne beim Menschen zu tun?), tragen den Sieg über es davon, aber versetzen ihm keinen Schlag unter die Gürtellinie, wir rühren diese Sehne nicht an, weil wir nicht wie der Engel handeln. Es gibt auch einen solchen Ansatz. Hier halten wir uns wieder einmal lange bei diesem Thema auf, aber das Thema ist interessant. Natürlich könnt ihr fragen: Hat denn der Engel Jaakow besiegt? Es gibt auch eine solche Version, so kann man diesen Text auch lesen, daran kommt man nicht vorbei, denn es ist ja Jaakow, der es mit der Morgendämmerung eilig hat, es ist Jaakow, dessen Familie am anderen Ufer des Flusses ist, er muss dorthin, er muss dringend zu seiner Familie, die Esaw jeden Moment angreifen wird, und der Engel ... Nun, die Geschichte mit dem Lobgesang ist gut und passend, aber der Engel muss sich nirgendwohin beeilen. Bei Hoschea heißt es, dass Jaakow weinte und den Engel anflehte, ihn gehen zu lassen, das heißt, hier hat Jaakow im Kampf mit dem Engel einfach standgehalten, aber der Engel hat einen verbotenen Schlag unter die Gürtellinie angewandt, deshalb essen wir diese Sehne nicht.

Denn die ganze Geschichte des Kampfes zwischen Jaakow und dem Engel ist äußerst kompliziert, vielschichtig, und es gibt sehr viele Versionen zum Thema „wozu das war“. Man kann zum Beispiel sagen, dass, so wie man einem Menschen Gifte in kleiner Dosis gibt, damit er sich daran gewöhnt und ein Gegengift gegen eine große Dosis Gift bekommt, oder wie man einem Menschen abgeschwächte Poliomyelitis gibt, damit er mit der Poliomyelitis fertig wird (ich will das Thema Impfungen hier nicht aufmachen), genauso Jaakow den Engel Esaws abgeschwächt gegeben wurde, damit er Esaw selbst besiegen konnte. Wiederum hat jeder Kommentator in der ganzen jüdischen Geschichte des Kommentierens die Türen zu seinem eigenen Herzen ein Stück weit geöffnet, als er über eben diese Ereignisse sprach, und wenn ihr irgendein anderes Bild seht, dann schaut nicht nur darauf, was das über Jaakow sagt, sondern auch darauf, was das über euch, über uns und über alles sagt, was mit uns ist. Damit beenden wir die Geschichte des Kampfes Jaakows mit dem Engel und beenden das 32. Kapitel. Wir beginnen ab Vers 1 von Kapitel 33 zu lesen.

וַיִּשָּׂא יַעֲקֹב עֵינָיו וַיַּרְא וְהִנֵּה עֵשָׂו בָּא וְעִמּוֹ אַרְבַּע מֵאוֹת אִישׁ

wajissá jaaków enáw wajár wehinné essáw ba we'immó arbá me'ót isch

1 Und Jaakow erhob (und hob) seine Augen und sah: und siehe, Esaw kommt, und mit ihm 400 Mann.

Wie es die Aufklärung genau gemeldet hatte, nähert sich Esaw, und mit ihm 400 Mann. Natürlich hat Jaakow nicht alle gezählt, aber er überzeugte sich, dass ja, etwa 400 Mann hier sind. Überhaupt, wenn wir irgendwelche Schätzungen lesen wie „ich sah eine Menge, und da waren 10 000 Menschen oder 12 000 Menschen“, muss man daran denken, dass es hier natürlich keine genauen arithmetischen Zählungen gibt.

וַיַּחַץ אֶת־הַיְלָדִים עַל־לֵאָה וְעַל־רָחֵל וְעַל שְׁתֵּי הַשְּׁפָחוֹת׃

wajáchaz et-hajladím al-le'á we'al-rachél we'ál scheté haschefachót

...Und er teilte die Kinder Rachels und Leas auf der einen Seite und die Kinder der Nebenfrauen auf der anderen Seite.

וַיָּשֶׂם אֶת־הַשְּׁפָחוֹת וְאֶת־יַלְדֵיהֶן רִאשֹׁנָה וְאֶת־לֵאָה וִילָדֶיהָ אַחֲרֹנִים וְאֶת־רָחֵל וְאֶת־יוֹסֵף אַחֲרֹנִים׃

wajássem et-haschefachót we'et-jaldehén rischoná we'et-le'á wiladéha acharoním we'et-rachél we'et-josséf acharoním

2 Die Nebenfrauen (oder Mägde) und ihre Kinder stellte er nach vorn, und die Kinder Leas stellte er hinter sie, und Josef (selbstverständlich mit Rachel) stellte er hinter alle.

Also stellte er hinter sich ein Lager auf, an dessen Spitze die Nebenfrauen mit den Kindern (oder die Mägde mit den Kindern), dahinter Lea mit den Kindern und ganz hinten Rachel mit den Kindern – ihre Kinder sind die kleinsten. Aber wir erinnern uns, dass ihre Kinder – das ist Josef. Sie hat nur einen Sohn, Josef, er ist zu diesem Zeitpunkt vielleicht ein Jahr alt. Also, was tut Jaakow? Wie im vorigen Fall, vor dem Überqueren des Flusses, macht Jaakow zwei Lager. Erinnert ihr euch, wir haben gesagt: Jaakow ging an den Engeln vorbei, sah zwei Lager von Engeln und nannte diesen Ort „Machanajim“? Jaakow hinkt nach wie vor in dem Sinne, dass er auf den Himmel, auf das Himmlische nicht vertraut: Seine Lager sind nicht vertikal geteilt – in oben und unten –, sondern horizontal. Er verwendet, ja, irgendeine Idee, nicht umsonst hier 2 Lager und dort 2 Lager (das Wort Lager wird hier nicht umsonst so oft erwähnt), Jaakow stellt 2 Lager auf und verlässt sich auf seinen Trick. Viele sagen, dass Jaakow (aus irgendeinem Grund ist es bei den Christen üblich, so zu sprechen) ein Feigling und Schwächling sei und die Frauen nach vorn gestellt habe. Er hat seine Frauen aufgestellt. Man kann fragen: Und was, hat er sich etwa nicht gleich auch zu den Kindern der Mägde verhalten? Nein, hat er nicht. Bei Jaakow gab es eine strenge soziale Einteilung in der Familie: Die Kinder der Mägde konnten schwerere Arbeit verrichten, konnten kampfbereiter sein, konnten einfach kämpferisch sein, und ja, Jaakow hat eine Hierarchie in Bezug auf seine Kinder, in Bezug auf seine Familie, das ehrt ihn nicht, aber es ist so. Aber dennoch stellt er sich mit denen, mit denen er kann (er hat offenbar nicht so viele Leute), an die Spitze dieses Heeres. Wir erinnern uns, dass Awraham mit einer Armee von etwas mehr als 300 Mann seinerzeit allerhand ausgerichtet hat, und Esaw kommt mit 400 Leuten – für die damalige Zeit eine sehr starke Schar, und Jaakow fürchtet sich trotz aller Verheißungen, trotz des vorbereitenden Kampfes mit dem Engel, trotzdem, und deshalb hat er seine Nachhut geteilt und sie in der Reihenfolge aufgestellt, wie sehr er wen liebt.

וְהוּא עָבַר לִפְנֵיהֶם וַיִּשְׁתַּחוּ אַרְצָה שֶׁבַע פְּעָמִים עַד־גִּשְׁתּוֹ עַד־אָחִיו׃

wehú awár lifnehém wajischtáchu árza schéwa pe'amím ad-gischtó ad-achíw

3 Und er ging voran, Und 7 Mal verneigte er sich, bis er zu Esaw herantrat.

Im Fall von David und Jonatan, wir erinnern uns, waren es 3 Verbeugungen, hier sind es 7 Verbeugungen. Jaakow schickte zuerst 7 Gaben, jetzt verneigt er sich 7 Mal. Und das nicht umsonst: 7 ist die Zahl des VolkesIm Russischen steht wörtlich „die Zahl des Volkes“ (Einzahl); dem Zusammenhang nach könnten auch die Völker gemeint sein. Wir haben wörtlich übersetzt., 7 ist mit dem verbunden, was nicht zum Volk Israel gehört, das ist so eine sehr wichtige Zahl. Alles, was mit dem Volk Israel verbunden ist, wird durch die Zahl 12 gekennzeichnet. 70 Völker, 7 Völker des Landes, 12 Apostel, 7 Diakone über die hellenistischen Witwen und Waisen – das ist eine etwas eigene Geschichte. Und der Körbe, die übrig blieben, waren es 12 und 7, und vieles andere ist noch mit 12 und 7 verbunden. Jaakow tritt heran und verneigt sich 7 Mal, schickt 7 Geschenke und bestätigt damit gewissermaßen den Segen Esaws auf das heilige Land. Andererseits hat Jaakow einen Segen, mit dem ihn der Höchste gesegnet hat. Jaakow ist mit einem Segen zurückgekehrt, er braucht den durch List genommenen Segen nicht, deshalb gibt Jaakow wiederum, gemäß der Version derer, die sagen, dass es Jaakow war, der den Engel bat, ihn loszulassen, und der Engel ihn bat, ihn zu segnen, dem Engel die Bracha zurück, die er erhalten hat, den Segen, den er erhalten hat, weil er einen eigenen Segen hat. Mehr noch, er ist selbst schon eine Quelle der Segnungen. All das hat Jaakow durchgemacht, all das weiß Jaakow, aber die Furcht vor Esaw bleibt bei Jaakow, und er verhält sich hier wirklich wie ein Knecht: langsam, sich 7 Mal verneigend, mit großer Furcht geht er Esaw entgegen. Esaw verhält sich völlig anders. Wir lesen:

וַיָּרָץ עֵשָׂו לִקְרָאתוֹ וַיְחַבְּקֵהוּ וַיִּפֹּל עַל־צַוָּארָו וַיִּשָּׁקֵהוּ וַיִּבְכּוּ׃

wajároz essáw likrató wajchabbekéhu wajippól al-zawwaráw wajischakéhu wajiwkú

4 Und Esaw lief ihm entgegen, und umarmte ihn, und fiel auf seinen Hals, und küsste ihn, und sie weinten.

Zuerst lesen wir die Verben. Erinnert ihr euch, wir haben darüber gesprochen, dass die Schrift, wenn schnelle Handlungen beschrieben werden, in Verben spricht: lief ihm entgegen, und umarmte, und fiel ihm auf den Hals, und küsste ihn, und zusammen weinten sie. Erst als Esaw Jaakow küsste, erst dann weinten sie zusammen. Ihr erinnert euch, als Jaakow fortgeht, weint sowohl Jizchak als auch Esaw, und Jaakow küsst den Vater. Hier sind Kuss und Weinen zusammengekommen, und auch dieser Kreis hat sich geschlossen. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf das Wort zawár (Hals) lenken. Das ist einfach für die, die Hebräisch lernen. In der Tora, wenn wir den Text lesen, steht zawaráw geschrieben mit den Buchstaben Jud und Waw am Ende, als hätte er Hälse (viele Hälse). Hier gibt es eine Korrektur der Schreiber, in der der Buchstabe Jud fehlt. Die Sache ist die, dass das Wort zawár eine Seite des Halses bedeutet. Das ergibt sich wie ein paariges Organ. Wie ein Mensch Schultern, Ohren, Wangen hat … So hat er auch Hälse. Und auf einen der Hälse fiel Esaw und weinte. Aber seit der Veränderung des Hebräischen wurde Hals zu einem einheitlichen Wort, deshalb ergab sich die Schreibung zawaráw. Und wir lesen weiter (die handelnde Person, haben wir gesagt, ist Esaw):

וַיִּשָּׂא אֶת־עֵינָיו וַיַּרְא אֶת־הַנָּשִׁים וְאֶת־הַיְלָדִים וַיֹּאמֶר מִי־אֵלֶּה לָּךְ וַיֹּאמַר הַיְלָדִים אֲשֶׁר־חָנַן אֱלֹהִים אֶת־עַבְדֶּךָ׃

wajissá et-enáw wajár et-hannaschím we'et-hajladím wajomer mi-élle lach wajomár hajladím ascher-chanán elohím et-awdécha

5 Und er hob seine Augen, und sah die Ehefrauen und die Kinder (oder die Frauen und die Kinder), und sagte: „Wer sind sie für dich?“ Und er sagte: „Die Kinder, mit denen der HERR deinen Knecht begnadet hat“.

Jaakow beginnt, Esaw sein Lager vorzustellen.

Hier endet der tägliche Zyklus der Tora. Wenn wir am Schabbat den ganzen Wochenabschnitt lesen, werden 7 Personen zur Tora aufgerufen, und wir teilen den Wochenabschnitt entsprechend in 7 Teile nach 7 Lesungen. Ich lese jeden Tag eine der Lesungen, die jeder am Schabbat lesen wird. Wenn es manchmal scheint, dass die Rabbiner miteinander streiten, ist das kein Streit, das ist eine Meinungsverschiedenheit. Hier wird nicht gesagt: „Du hast unrecht, und du hast recht“ – das kommt bei uns überhaupt sehr selten vor –, wir verstehen, dass wir verschieden sind und die Tora viele Gesichter hat, und nur gemeinsam können wir ein einheitliches Verständnis schaffen. Die Tora wurde auf einem Berg gegeben, und ein Berg ist so beschaffen, dass man ihn nicht ganz auf einmal sieht. Das Volk lagerte ringsum, deshalb muss man, um ein Panoramabild zu erhalten, als ganzes Volk schauen. Nun, das ist noch so ein nicht lyrischer Exkurs.

Also, wir haben unsere Helden in jenem dramatischen Moment verlassen, als Esaw, entgegen den Erwartungen Jaakows, ihn nicht angriff, sondern im Gegenteil zu ihm lief, ihn umarmte, ihn küsste, und sie, aufgewühlt, zusammen weinten. Als sie sich ausgeweint und ausgiebig umarmt hatten, sah Esaw auf dieses ganze Volk, das bei Jaakow war, und fragte ihn: „Wer sind all diese Leute, die bei dir sind?“ Und Jaakow antwortet ihm: „Das sind meine Kinder, die mir der HERR gegeben hat“. Und es kommt der passendste Moment, um die Kinder vorzustellen. In der Beschreibung dieser Vorstellung gibt es einige sprachliche Feinheiten, auf die wir mit Gottes Hilfe zu achten versuchen werden.

Nun haben sie sich also getrennt

Bereschit 33,6–20

וַתִּגַּשְׁןָ הַשְּׁפָחוֹת הֵנָּה

wattiggáschna haschefachót hénna

6 Und es traten die Mägde hierher heran

Wenn wir sagen „traten hierher heran“, meinen wir „traten an den Ort heran“, wo Jaakow und Esaw standen, und vorher standen sie abseits.

וְיַלְדֵיהֶן וַתִּשְׁתַּחֲוֶיןָ׃

wejaldehén wattischtachawéna

... und ihre Kinder, und verneigten sich.

Lasst uns noch einmal lesen: „Und es traten die Mägde hierher heran und ihre Kinder und verneigten sich“. Eine seltsame sprachliche Konstruktion. Noch seltsamer ist, dass ischtachawín weiblich ist. Nach der Etikette jener Zeit verneigen sich die Kinder der Mägde nicht zusammen mit den Mägden. Nur die Mägde verneigen sich, und die Kinder gelten als ihr Teil, als Teil des Besitzes des Herrn. Die Kinder sind keine eigenständige Einheit, verneigt haben sich nur die Mägde. Das sind Besonderheiten der Etikette, die Jaakow einhält.

וַתִּגַּשׁ גַּם־לֵאָה וִילָדֶיהָ וַיִּשְׁתַּחֲווּ וְאַחַר נִגַּשׁ יוֹסֵף וְרָחֵל וַיִּשְׁתַּחֲווּ׃

wattiggásch gam-le'á wiladéha wajischtachawú we'achár niggásch josséf werachél wajischtachawú

7 und es trat Lea heran und ihre Kinder, und sie verneigten sich (hier sehen wir eine andere Form des Verbs: verneigt haben sich alle). Und danach trat Josef heran (oder näherte sich) mit Rachel, und sie verneigten sich.

Ein etwas anderes Verb: Josef nähert sich gleichsam, geht vor seiner Mama her. Und die Mama sieht so aus, als folge sie ihm. Die Kommentatoren sagen etwas Erstaunliches: „Josef fürchtete, dass seine wunderschöne Mama Esaw zu irgendwelchen bösen Gedanken verführen, irgendwelche bösen Gedanken in ihm wecken würde, oder dass Esaw sie mit dem bösen Blick treffen oder sie wegnehmen wollen würde“. Kurz, Josef, der zu diesem Zeitpunkt ein kleiner Junge ist, macht sich Sorgen und verdeckt die Mama mit sich selbst, damit niemand ihre Schönheit sieht. Wenn wir das lesen, kommt es uns vor: Na, was für ein Unsinn, kann denn ein kleiner Junge eine erwachsene Frau verdecken? Wir wissen, dass Rachel eine Frau ist, schön von Gestalt und Aussehen, also groß und schlank. Eindeutig kein Zwerg. Habt ihr schon einmal gesehen, wie Kinder, wenn sie fremden Leuten begegnen, sich hinter Mamas Rock verstecken und hinter ihm hervorlugen, weil sie sich scheuen, sich zu zeigen? Und man muss sie lange hinter der Mama hervorlocken, hinter Mamas Rock hervor. Josef verhält sich genau entgegengesetzt, auch kindlich, aber genau entgegengesetzt. Wie so ein kleiner Held stellt er sich vor Rachel und gibt mit seinem ganzen Auftreten zu verstehen: „rührt meine Mama nicht an“. Ist das kindlich? Sehr kindlich. Ist das naiv? Sehr naiv. Aber dabei zeigt Josef als Kind seinen Charakter, Kinder sind ja auch verschieden. Deshalb, ja, dachte Josef: „Meine Mama ist zu schön, meine Mama ist zu zart, vor diesem bösen, seltsamen Onkel muss man die Mama beschützen“, und trat vor Rachel hin. So kann man das verstehen. Wir lesen ja ein Buch über Menschen, nicht ganz ein Zauberbuch, obwohl im Leben dieser Menschen viel Wunderbares war. Also, alle haben sich vorgestellt.

וַיֹּאמֶר מִי לְךָ כָּל־הַמַּחֲנֶה הַזֶּה אֲשֶׁר פָּגָשְׁתִּי

wajomer mi lechá kol-hammachané hassé aschér pagáschti

8 Und es sagte (ESAW) (hier ist Esaw nicht genannt, aber es ist klar, dass gerade er spricht): „WAS WAREN DAS FÜR GESCHENKE, ALL DIESE HIER, DIE ICH GESEHEN HABE, ALL DIESE LAGER, DENEN ICH BEGEGNET BIN?“ (so in den meisten Übersetzungen)

Wir erinnern uns, dass Jaakow 7 Herden schickt, 7 Gruppen, eine nach der anderen. Und allen sagt er eindringlich, sie sollen erzählen, dass das ein Geschenk ist, dass das eine Gabe ist und dass er damit Esaw gnädig stimmen will. Und da fragt Esaw plötzlich: mi lechá kol-hammachané hassé (was sind das für Lager, denen ich begegnet bin?) Wenn man den wörtlichen Sinn des Textes ansieht, sagt Esaw: mi lecha (wer dir, wem schickst du das alles, was du mir geschickt hast?). Man kann es auch anders verstehen: „Wer hat dir das alles gegeben, was du mir hier zu schenken versucht hast?“ Daraus können wir folgenden Schluss ziehen, dass Esaw die Geschenke Jaakows nicht angenommen hat, sie kehrten zurück und begannen, an Ort und Stelle auf Esaw zu warten. Auch daraus können wir verstehen, dass Esaw von Anfang an nicht vorhatte zu kämpfen. Man hätte die ersten Boten, die gekommen waren, um mit ihm zu reden, nicht ziehen lassen können und keine Auskunft darüber geben, in welcher Zahl er dasteht. Man hätte alle Gaben annehmen können, aber Esaw verhält sich nicht so, er geht Jaakow von Anfang an mit ganz anderen Zielen entgegen. Und hier fragt er mit einer gewissen Ironie: mi lechá kol-hammachané hassé? (was sind das für Lager, die du mir geschickt hast?)

וַיֹּאמֶר לִמְצֹא־חֵן בְּעֵינֵי אֲדֹנִי׃

wajomer limzo-chén be'ené adoní

Und er antwortet ihm (JAAKOW): „Gnade finden in den Augen meines Herrn“.

וַיֹּאמֶר עֵשָׂו יֶשׁ־לִי רָב אָחִי יְהִי לְךָ אֲשֶׁר־לָךְ׃

wajomer essáw jesch-lí raw achí jehí lechá ascher-lách

9 Esaw antwortete ihm: „Bruder, ich habe alles, möge dir bleiben, was du hast“.

Achtet auf die Feinheiten der Beziehung. Jaakow sagt: „Gnade finden in den Augen meines Herrn“, Esaw aber sagt: „Bruder, ich habe alles“. Jaakow bringt das Wort „Bruder“ einfach nicht über die Lippen, und Esaw spricht ihn nirgends als Knecht an.

וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אַל־נָא אִם־נָא מָצָאתִי חֵן בְּעֵינֶיךָ וְלָקַחְתָּ מִנְחָתִי מִיָּדִי כִּי עַל־כֵּן רָאִיתִי פָנֶיךָ כִּרְאֹת פְּנֵי אֱלֹהִים וַתִּרְצֵנִי׃

wajomer jaaków al-ná im-ná mazáti chen be'enécha welakachtá minchatí mijadí ki al-kén ra'íti fanécha kir'ót pené elohím wattirzéni

10 Und Jaakow sagte: „Bitte, na komm, nicht doch, wenn ich aber Gnade gefunden habe in deinen Augen, nimm diese Gabe von mir, DENN ICH HABE DAS ANGESICHT GESEHEN WIE DAS ANGESICHT GOTTES UND HABE GNÄDIG GESTIMMT“.

Es gibt Kommentatoren, die sagen, dass in diesem ganzen Satz Jaakows so eine versteckte Andeutung steckt: „Weißt du was, Esaw? Ich habe hier neulich mit Gott gerungen, mit dem Engel Gottes, und habe standgehalten, also streite lieber nicht und nimm das Geschenk“. Jaakow fletscht nach diesen Kommentaren immer noch die Zähne, schnauzt Esaw immer noch an. Andererseits kann man sagen, dass Jaakow in dem Engel Gottes, der zu ihm kam (und wir haben gesagt, dass das möglicherweise der Engel Esaws ist und dass das möglicherweise ein Engel ist, der die Leute Esaws dann doch nicht losgeschickt hat), hinter Esaw, hinter der Notwendigkeit, ihm diese Gabe zu geben, das Angesicht des Höchsten sieht. „Es ist der Höchste, der vorgesehen hat, dass ich dir diese Gabe gebe“. Wir sagen wieder, dass Jaakow ein nicht sehr entschlossener, nicht sehr mutiger Mensch ist, und sein Kampf um den Segen ist der Kampf seines ganzen Lebens, deshalb sagt er weiter:

קַח־נָא אֶת־בִּרְכָתִי

kach-ná et-birchatí

11 nimm mein Geschenk, meinen Segen,

Jaakow sieht in diesem Zurückgeben der Gabe, in diesem Darbringen der Gabe die Rückgabe des Segens an Esaw: „Hier ist das, was du hättest bekommen können, hier ist das, was du dir hättest verdienen können, ich gebe es dir. Ich brauche deinen Segen nicht mehr“. Und lasst uns daran erinnern, dass der Streit ja nicht um den Segen Awrahams ging, auf den verzichtet Jaakow nicht, Jaakow verzichtet auf den Segen zum Gedeihen, zum Herrschen. Und wenn Jaakow den Segen bekommen hat, mit dem Jizchak sagte: „es werden sich vor dir verneigen deine Brüder“, dann zeigt er hier, wie wir sehen, dass gerade er selbst es ist, der sich vor Esaw verneigt. Jaakow versucht in diesem Fall, Esaw seinen Segen zurückzugeben.

אֲשֶׁר הֻבָאת לָךְ כִּי־חַנַּנִי אֱלֹהִים וְכִי יֶשׁ־לִי־כֹל וַיִּפְצַר־בּוֹ וַיִּקָּח׃

aschér huwat lach ki-channáni elohim wechí jesch-li-chól wajifzar-bó wajikkách

... Denn der HERR war mir gnädig, Alles habe ich“. Und er redete ihm lange zu, und Esaw nahm.

Jedes Mal, wenn die Schrift das Verb liowzír (zureden) verwendet, ist das keine Etikette, das ist wirklich eine Situation, in der der eine geben will und der andere nicht annehmen will. Beide Menschen sind aufrichtig. Es ist nicht so, wie es irgendwo üblich ist abzulehnen, wenn man einem Essen angeboten hat oder ein Geschenk angeboten hat. Das ist keine Frage der Höflichkeit. Esaw will wirklich nichts nehmen. Er ist mit ganz anderen Absichten gekommen. Wir erinnern uns, dass der Engel Jaakow verkündete, dass er in Jisrael umbenannt wird, dass man ihn Jisrael nennen wird. Wir wissen andererseits, dass Jaakow als Jaakow gestorben ist. Wenn sein Tod beschrieben wird, wird er dort eben Jaakow genannt. Jaakow ist ein Name, der zu einem Spitznamen, zu einem Beinamen wurde, in der Bedeutung gerissen, flink, listig, unehrlich. Und Jaakow versucht, das loszuwerden, damit man nicht sagt, er habe den Segen durch Betrug bekommen. Das ist keine Frage der Prophetie, keine Frage der Bestimmung, sondern eine Frage des Rufes. Jaakow – Ischar El – der, der aufrecht vor Gott ist, der, der ehrlich von Gott bekommt, was er bekommt, ehrlich vor Gott wandelt. Das ist eine der Deutungen des Namens Jisrael, darüber haben wir auch schon gesprochen. Und damit man über Jaakow nicht sagt, dass er zu Unrecht fremde Segnungen nimmt (mit Segnungen betrügt), deshalb redet er Esaw zu, seine Gaben zu nehmen. Das ist eine notwendige Formalität.

וַיֹּאמֶר נִסְעָה וְנֵלֵכָה וְאֵלְכָה לְנֶגְדֶּךָ׃

wajomer nis'á wenelécha we'elechá lenegdécha

12 (ESAW) SAGT: „lass uns gleichauf mit dir gehen, machen wir uns auf den Weg“.

Das heißt, Esaw sagt: „Na, das war's, ich habe dich empfangen, jetzt geleite ich dich, komm, geh mit mir, wir gehen zusammen in deinem Tempo“. Was wird hier geschehen, wenn Jaakow gehorcht? Jaakow wird Esaw nach Se'ir folgen, Jaakow wird unter den Schutz Esaws geraten und an den Ort gehen, von dem Esaw gekommen ist, und durchaus nicht in das kanaanäische Land. Das ist das, was Jaakow überhaupt, überhaupt nicht passt.

וַיֹּאמֶר אֵלָיו אֲדֹנִי יֹדֵעַ י־הַיְלָדִים רַכִּים

wajomer eláw adoní jodéa ki-hajladím rakkím

13 Jaakow sagt: „Mein Herr weiß, denn die Kinder sind klein bei mir,

Wiederum, achtet darauf: „Herr, nicht Bruder“. Kleine Kinder – das sind nicht zarte Kinder (damit wir verstehen: später werden wir sehen, wie zarte Kinder Schimon und Lewi sind). Jaakow sagt: „Ich habe schwache Kinder bei mir, bei mir sind kleine Kinder“.

וְהַצֹּאן וְהַבָּקָר עָלוֹת עָלָי וּדְפָקוּם יוֹם אֶחָד וָמֵתוּ כָּל־הַצֹּאן׃

wehazzón wehabbakár alót aláj udfakúm jom echád wamétu kol-hazzón

... Und das Kleinvieh und das Großvieh (wenn ich den Schnellgang einschalte, dann stirbt das ganze Vieh, selbst wenn man sie einen Tagesmarsch lang treibt).

Und was schlägt Jaakow vor?

יַעֲבָר־נָא אֲדֹנִי לִפְנֵי עַבְדּוֹ

ja'awor-ná adoní lifne awdó

14 Möge der Herr vor mir hergehen (lifné awdó – vor seinem Knecht).

Wiederum sagt Jaakow: „Möge mein Herr vor seinem Knecht hergehen“.

וַאֲנִי אֶתְנָהֲלָה לְאִטִּי לְרֶגֶל הַמְּלָאכָה אֲשֶׁר־לְפָנַי וּלְרֶגֶל הַיְלָדִים עַד אֲשֶׁר־אָבֹא אֶל־אֲדֹנִי שֵׂעִירָה׃

wa'aní etnahalá le'ittí lerégel hammelacháDie russische Umschrift hat hier „hammelochá“. Nach dem Hebräischen lautet das Wort „hammelachá“ (die Habe), dem folgt die deutsche Umschrift. ascher-lefanáj ulrégel hajladím ad ascher-awó el-adoní se'íra

... Und ich werde gemächlich gehen (lejtnaél bejtí – ich werde langsam vorgehen). Ich werde mit meinem Besitz gehen und im Tempo der Kinder, Bis ich zum Herrn von Se'irIm Russischen steht „bis ich zum Herrn Se'irs komme“; offen bleibt, ob „der Herr von Se'ir“ oder „zum Herrn, nach Se'ir“ gemeint ist. Wir haben wörtlich übersetzt. komme.

Das heißt: „geh du voraus, und wir holen dich mit Gottes Hilfe gemächlich ein“. Aber Esaw fährt fort, Fürsorge zu zeigen. Hier muss man sich erinnern, dass Esaw die gastgebende Seite ist und nach der Etikette wirklich für Jaakow sorgen muss.

וַיֹּאמֶר עֵשָׂו אַצִּיגָה־נָּא עִמְּךָ מִן־הָעָם אֲשֶׁר אִתִּי

wajomer essáw azziga-ná immecha min-ha'ám aschér ittí

15 Esaw sagt: „Soll ich dir vielleicht ein paar Leute von denen beigeben, die bei mir sind?“

Diese Worte Esaws lassen auch ein wenig seine Absichten erkennen. Wäre Esaw mit einer Gruppe bewaffneter Halsabschneider gekommen, dann hätte er sich, als er Jaakow sah und es sich anders überlegte, ihn anzugreifen, geschämt, sie zu zeigen. Als ob ein Mensch mit einem Messer auf jemanden losginge und es sich plötzlich jäh anders überlegte, das Messer verstecken, es nicht zeigen und in keiner Weise darauf anspielen würde. Esaw spricht offen von seinen Leuten. Also hatte er von Anfang an nicht die Absicht, Jaakow anzugreifen.

וַיֹּאמֶר לָמָּה זֶּה אֶמְצָא־חֵן בְּעֵינֵי אֲדֹנִי׃

wajomer lámma se emza-chén be'ené adoní

...Und er sagte: Wozu das (wozu brauche ich das)? Für mich ist die Hauptsache, dass du glücklich bist, Die Hauptsache ist, dass ich Gnade finde in den Augen meines Herrn.

וַיָּשָׁב בַּיּוֹם הַהוּא עֵשָׂו לְדַרְכּוֹ שֵׂעִירָה׃

wajáschow bajom hahú essáw ledarkó se'íra

16 An jenem Tag kehrte Esaw auf seinen Weg nach Se'ir zurück.

Man könnte meinen, ein sehr einfacher Vers. Jedes Mal, wenn wir in der Schrift bajom hahú (an jenem Tag) lesen, weist das auf irgendwelche historischen, wichtigen Ereignisse hin. Es gibt sogar so ein Lied: „Bajom hahu, bajom hahu – an jenem Tag wird es so und so sein, oder an jenem Tag war dies und das“ … Dafür gibt es in der Schrift sehr viele Beispiele. Worum geht es hier? Es geht darum, dass an jenem Tag eindeutig, offiziell und endgültig die Trennung zwischen Jaakow und Esaw stattfand, die sich später archetypisch in der Trennung zwischen Israel und Edom niederschlagen und sich in eine globale Trennung im Geist verwandeln wird, die bis heute besteht. Deshalb, wenn wir bajom hahú lesen, ist es höchste Zeit, hellhörig zu werden.

וְיַעֲקֹב נָסַע סֻכֹּתָה וַיִּבֶן לוֹ בָּיִת וּלְמִקְנֵהוּ עָשָׂה סֻכֹּת עַל־כֵּן קָרָא שֵׁם־הַמָּקוֹם סֻכּוֹת׃

wejaaków nassá sukkóta wajíwen lo bájit ulmiknéhu assa sukkot al-kén kará schem-hammakóm sukkót

17 Und Jaakow zog nach Sukkot und baute sich ein Haus, und für sein Vieh machte er Hütten, darum nannte er diesen Ort Sukkot.

Warum spricht die Tora plötzlich und unerwartet von einem Lagerplatz, den Jaakow unterwegs machte? Sicher hat Jaakow viele Male mit seinem Vieh haltgemacht. So lange Wanderungen. Wir haben gesagt, dass Jaakow von Paddan-Aram ins Land Israel, nach Chewron, etwa 20 Tage zu gehen hat, wenn man zügig geht. Wenn man mit der Familie, mit dem Vieh geht, dann kann dieser Weg auch mehr als einen Monat dauern. Warum erwähnt die Tora diesen Lagerplatz? Weil Sukkot das Tor des Landes Israel ist. Dieser Ort ist gefunden worden, wir wissen gut, wo er liegt. Jaakow macht gleichsam ein Neu-Flashen, eine Umprogrammierung, ein Zurücksetzen seiner selbst: Er hält am Eingang des Landes Israel an und macht gleichsam den ersten Halt, sobald er hineinkommt, kann man sagen, um sich an das besondere geistliche Klima dieses Landes anzupassen. Und er nennt diesen Ort Sukkot (Hütten).

וַיָּבֹא יַעֲקֹב שָׁלֵם עִיר שְׁכֶם אֲשֶׁר בְּאֶרֶץ כְּנַעַן בֹאוֹ מִפַּדַּן אֲרָם וַיִּחַן אֶת־פְּנֵי הָעִיר׃

wajawó jaaków schalém ir schechém aschér be'érez kená'an bewo'ó mippaddán arám wajichán et-pené ha'ír

18 Und unversehrt und wohlbehalten kam Jaakow in die Stadt Sch'chem, die im kanaanäischen Land ist, bei seiner Rückkehr aus Paddan-Aram, und lagerte vor der Stadt.

Wohin ist Jaakow nicht gegangen? Vor allem ist Jaakow nicht nach Chewron gegangen, wo noch sein Papa lebt. Jaakow ist nicht nach Bejt-El gegangen, wo er seinem himmlischen Papa versprochen hatte, ein Opfer darzubringen. Jaakow geht nach Sch'chem, an seine alten Orte.

וַיִּקֶן אֶת־חֶלְקַת הַשָּׂדֶה אֲשֶׁר נָטָה־שָׁם אָהֳלוֹ מִיַּד בְּנֵי־חֲמוֹר אֲבִי שְׁכֶם בְּמֵאָה קְשִׂיטָה׃

wajíken et-chelkát hassadé aschér nata-schám aholo mijád bene-chamór awí schechém beme'á kesitá

19 Und er kaufte das Feld, ein Stück des Feldes, auf dem er das Zelt aufschlug, Aus der Hand (aus den Händen) Chamors, des Vaters Sch'chems, für hundert Münzen.

Chamór – das ist Esel, aber es ist auch der Name eines Menschen. Und dieser Chamor ist der Vater Sch'chems, davon wird uns einfach erzählt, weil Sch'chem Chamorowitsch noch in Erscheinung treten wird. Sch'chem – das ist Schulter, Chamor – das ist Esel, solche Namen eben. Und was lesen wir weiter? Er kaufte es für 100 Kesit. 100 Kesit, das sind 100 Silbermünzen, eine kleine Geldsumme, sagen wir, für Land – damals etwa der Verdienst eines Tagelöhners für vier Monate. Damit endet also das große Exil, das erste große Exil unseres Stammvaters Jaakow. Aus Paddan-Aram kehrt Jaakow nach Israel zurück, kehrt ins Land Israel zurück, aber er ist nach wie vor nicht zum Altar zurückgekehrt, er ist nicht beim Vater eingekehrt.

Es gibt Kommentatoren, die sagen, dass er beim Vater eingekehrt ist,

Die Tora hat nur nicht davon erzählt, weil die Tora kein biografisches Buch ist, und natürlich ist Jaakow beim Vater eingekehrt. Und ich kann zustimmen, dass die Tora wirklich kein biografisches Buch ist, das stimmt, aber den Text so zu gestalten, dass wir denken, Jaakow sei nicht beim Vater eingekehrt – das ist für die Tora erstaunlich. Und deshalb geht Jaakow höchstwahrscheinlich nicht zum Vater, geht nicht zur Mutter, die zu diesem Zeitpunkt noch lebt. Und das alles sind Fragen, die sich uns noch stellen werden. Er ging nicht zum Altar, ging nicht zum Vater – ging sofort nach Sch'chem, und in Sch'chem ließ er sich nieder. Das wird zur Ursache vieler unangenehmer Ereignisse im weiteren Leben Jaakows, über die wir noch mit euch sprechen werden. Und der letzte Vers unseres Kapitels sagt:

וַיַּצֶּב־שָׁם מִזְבֵּחַ

wajazzew-schám misbéjach

20 Und er stellte dort einen Altar auf,

Er baute keinen Altar, sondern stellte einfach einen gewissen Stein auf. Warum ist das wichtig? Weil wir später über den Altar in Bejt-El sprechen werden.

וַיִּקְרָא־לוֹ אֵל אֱלֹהֵי יִשְׂרָאֵל׃

wajikra-ló el elohé jisraél

...Und auf diesem Altar gab er einen Namen, der bedeutet „Gott ist der Gott Israels“.

Gott ist der Gott, Der ihm den Namen Jisrael gegeben hat. Er hat Gott nicht sich zu Ehren benannt, sondern Gott ist der Gott, Der mit verdientem Segen segnet, Der bei dem Menschen ist sowohl in seiner Dürftigkeit als auch in seinem Unglück, und auch darin Segen gibt. Und das ist der Gott, von Dem niemand sagen kann, dass Sein Segen gestohlen ist. Das ist eine solche Proklamation, mit der im Grunde die Rückkehr Jaakows aus der Galut (aus dem Exil) endet.

Dinchen, Dina

Bereschit 33,18–34,19

Und jetzt werden wir eine der traurigsten Geschichten im Leben Jaakows lesen und vielleicht im ganzen Buch Bereschit – die Geschichte Dinas. Die Geschichte Dinas wird im 34. Kapitel des Buches Bereschit erzählt, aber wir beginnen etwas früher, kehren zu dem zurück, was wir schon gelesen haben, und beginnen mit Vers 18 von Kapitel 33 zu lesen.

וַיָּבֹא יַעֲקֹב שָׁלֵם עִיר שְׁכֶם אֲשֶׁר בְּאֶרֶץ כְּנַעַן

wajawó jaaków schalém ir schechém aschér be'érez kená'an

18 Und Jaakow gelangte unversehrt in die Stadt Sch'chem, die im kanaanäischen Land ist.

Achten wir auf das Wort schalém (unversehrt). Die Kommentatoren sagen: „Das deutet uns an, dass Jaakow von seinem Hinken geheilt wurde, heil, lebendig und gesund ankam, wie er es in seinem Schwur vor dem Höchsten erbeten hatte. Das ist die Antwort des Höchsten auf den Schwur“. Und dennoch hat dieser Ausdruck einige Merkwürdigkeiten.

Im Hebräischen steht im Tanach der Name einer Stadt nie nach dem Wort „Stadt“. Das heißt, ir sch'chem ist eine für das Hebräische nicht sehr bequeme Ausdrucksweise. Und neben Sch'chem gibt es bis heute einen Ort, der Schalem heißt. Deshalb kann man durchaus so übersetzen: „Und Jaakow kam nach Schalem, neben der Stadt Sch'chem, die im kanaanäischen Land ist“.

בֹאוֹ מִפַּדַּן אֲרָם וַיִּחַן אֶת־פְּנֵי הָעִיר׃

bewo'ó mippaddán arám wajichán et-pené ha'ír

...Bei seiner Rückkehr aus Paddan-Aram.

Wajichán kann man übersetzen als hielt an beim Angesicht der Stadt, das heißt hielt gegenüber der Stadt an. Man kann das auch vom Wort chen (verschönerte die Stadt) her übersetzen. So machen es die Midraschim, die in einer Sprache sprechen, die dem, der sie hört, zeitgemäß ist. Die Midraschim sagen also, dass Jaakow seine eigene Währung einführte, seine eigenen Bäder einrichtete, seine eigenen Theater baute und, kurz gesagt, seine eigene kulturelle Infrastruktur schuf, ohne sich Sch'chem anzuschließen. Der Ort Jaakows wird zu so einem schönen, gemütlichen Kulturviertel neben Sch'chem. Und mehr noch, Jaakow tut, was niemand sonst vor ihm getan hat:

וַיִּקֶן אֶת־חֶלְקַת הַשָּׂדֶה אֲשֶׁר נָטָה־שָׁם אָהֳלוֹ

wajíken et-chelkát hassadé aschér nata-schám aholo

19 Jaakow kaufte das Feld, auf dem er das Zelt aufschlug.

Wenn wir uns erinnern, bestand Awraham darauf, dass Gegenstand des Kaufs nicht ein Feld war, sondern eine Grabstätte. Awraham erwarb kein landwirtschaftliches Land im Land Israel. Jaakow aber tut das. Jaakow lässt sich nieder, „siedelt sich ein“ bei Sch'chem. Und von wem kaufte er dieses Land?

 מִיַּד בְּנֵי־חֲמוֹר אֲבִי שְׁכֶם

mijád bene-chamór awí schechém

…Aus den Händen der Söhne Chamors – des Vaters Sch'chems.

Sehr interessant, ja? Die Söhne Chamors – des Vaters Sch'chems. Das heißt, er kaufte es von Sch'chem und von seinen Brüdern. Und er kaufte es für 100 Kesit – wir haben diese Frage letztes Mal erklärt. Jaakow kauft sich Land, richtet sich territorial ein. Und gekauftes Land ist ein abgestecktes Gebiet.

וַיַּצֶּב־שָׁם מִזְבֵּחַ

wajazzew-schám misbéjach

20 Und er stellte dort einen Altar auf,

Und er stellte dort einen Altar auf. Wir haben auch über die Besonderheiten dieses Wortes gesprochen. Er baute keinen Altar (einen Altar baut man gewöhnlich), sondern stellte ihn auf, wie eine Mazewa, wie eine Stele, wie es seinerzeit in Bejt-El war.

וַיִּקְרָא־לוֹ אֵל אֱלֹהֵי יִשְׂרָאֵל׃

wajikra-ló el elohé jisraél

...Und nannte diesen Altar „Gott – der Gott Israels“.

Im Grunde ist der Altar der zentrale Platz der Stadt oder ihr Tor, je nachdem, wie die Stadt angelegt ist. Im Süden ist es eher das Tor. Im Tor der Stadt stellte Jaakow einen Altar auf. Er erwirbt sich einen solchen Ort. Im Grunde baut Jaakow den Staat Israel. Den ersten Staat Israel. Erst nachdem er den Namen Jisrael erhalten hat, baut er den Staat Israel, der bezeugen wird (wir haben schon darüber gesprochen), dass der Segen nicht umsonst gegeben wird, dass alle sehen, wie der Segen erlangt wird, dass der Höchste die Arbeit segnet, der Höchste die Gerechtigkeit segnet in jeder Situation, in jedem Verhalten. Wir haben gesagt, das ist ein weites Thema.

Jaakow hat nicht so viele Einwohner in seinem kleinen Staat. Man sollte nicht denken, dass Sch'chem groß ist. In Sch'chem gab es 40-50 Männer. In modernem israelischem Sprachgebrauch ausgedrückt, ist Sch'chem eine Chamula oder Machala – das ist ein Ort, wo eine Familie lebt, wo eine Sippe lebt: ein kleiner Weiler, ein Dorf und so weiter. Stadt klingt für Sch'chem zu hochtrabend. Jaakow hat nicht so viele Einwohner. Unter ihnen … Lasst uns eine der Hauptheldinnen des 34. Kapitels des Buches Bereschit kennenlernen.

וַתֵּצֵא דִינָה בַּת־לֵאָה אֲשֶׁר יָלְדָה לְיַעֲקֹב לִרְאוֹת בִּבְנוֹת הָאָרֶץ׃

wattezé diná bat-le'á aschér jaledá lejaaków lir'ót biwnót ha'árez

1 Dina ging hinaus, die Tochter Leas, die Lea dem Jaakow geboren hatte, um die Töchter jenes Landes anzusehen.

Sie wird hier nicht Dina bat Jaakow (Dina, Tochter Jaakows) genannt. Erinnert ihr euch, wir haben darüber gesprochen, wie Kinder geboren werden, die ursprünglich nicht dazu bestimmt waren, von Lea geboren zu werden? Und deshalb steht geschrieben: „die sie Jaakow geboren hatte“. Also, Dina, die Tochter Leas, ging hinaus, um die Töchter von Sch'chem anzusehen. Dina wurde etwa ein Jahr oder vielleicht zwei Jahre vor dem Zeitpunkt geboren, als Jaakow einwilligte, noch 6 Jahre zu arbeiten, 6 Jahre danach arbeitete er für Lawan. 8 Jahre ist Dina zu dem Zeitpunkt, als Jaakow aus Paddan-Aram auszieht, und das heißt, hier, in unserer Geschichte, haben wir es mit einem 8-9-, na, höchstens 10-jährigen Mädchen zu tun, das hinausging, um die Töchter jenes Landes anzusehen. Stellt euch das Leben Dinas vor. Sie ist die einzige Tochter, die 11 Brüder hat. Sie ist nicht die Älteste, auf die viel Hausarbeit niedergegangen wäre. Sie ist die Jüngste, und es gibt noch die Kinder der Mägde, es gibt Mägde in diesem Haus. Vielleicht ist sie verhätschelt, mit brüderlicher Zärtlichkeit umsorgt, aber Freundinnen hat sie keine, mit niemandem kann sie befreundet sein, mit niemandem kann sie spielen. Sie ist sozusagen im Hausunterricht, sie wird zu Hause unterrichtet.

Als meine Tochter in der 3.–4. Klasse im Hausunterricht war, kam sie einmal zu mir und fragte: „Papa, ab welchem Alter darf ich arbeiten?“ Ich sagte: „Nun, in Israel darf man mit bestimmten Einschränkungen ab 12–13 Jahren arbeiten. Warum fragst du?“ Sie antwortete: „Ich würde sehr gern arbeiten.“ „Und als was würdest du gern arbeiten?“ „Ich würde gern Wohnungen putzen.“ Und ich fragte: „Was ist das für ein seltsamer Wunsch für ein Mädchen – Wohnungen putzen zu gehen? Das ist kein Vergnügen.“ Sie antwortete: „Dann würde ich dort Kinder treffen, sie kennenlernen und mit ihnen spielen.“ Eine Sehnsucht, wie sie einem Menschen eigen ist, der aufgrund irgendwelcher bestimmter Umstände nicht mit den Menschen um ihn herum Umgang haben kann. Ein 8–10-jähriges Mädchen will Freundinnen. Will sehen, wie die Mädchen sich kleiden, wie sie sich schmücken, wie sie Gummitwist und Himmel und Hölle spielen oder was auch immer sie da sonst spielen. Ein neugieriges kleines Mädchen ging hinaus und ging nach Sch'chem. Vielleicht hielt sie ein bisschen Geld in der Faust für irgendeinen Modeschmuck … Kurz, das ist ein ziemlich naiver Ausflug nicht einmal eines Teenagers, sondern eines Mädchens. Natürlich sehen die Kommentatoren das anders. Jeder hat seine eigene Dina. Manche sagen: „Da, es steht geschrieben: wattezé Dina (und Dina ging hinaus), also ist Dina jaz'anít – eine, die hinausgeht, oder das hebräische Gegenstück zum Wort Herumtreiberin. Nun, und ähnliche Gedanken. Wir werden trotzdem versuchen, am Pschat zu haften. Sie ging aus dem Gebiet Jaakows hinaus.

וַיַּרְא אֹתָהּ שְׁכֶם בֶּן־חֲמוֹר

wajár otá schechém ben-chamór

2 Und es sah sie ein Mann, Den man Sch'chem ben Chamor nennt.

Sch'chem ben Chamor – Sch'chem, Sohn Chamors. Der Name Chamor, ich erinnere daran, wird mit Esel übersetzt. Man muss sich darüber nicht wundern, das ist ein ganz ordentlicher Name für die damalige Zeit.

הַחִוִּי נְשִׂיא הָאָרֶץ וַיִּקַּח אֹתָהּ וַיִּשְׁכַּב אֹתָהּ וַיְעַנֶּהָ׃

hachiwwí nesí ha'árez wajikkách otá wajischkáw otá waj'annéha

...Er ist ein Vertreter des chiwwitischen Volkes (ein ruhmreicher Sohn des chiwwitischen Volkes), Er ist der Sohn des Fürsten des Landes. Und nahm sie, Und legte sich zu ihr, und vergewaltigte sie.

Und dieses Wort j'anné muss man gesondert betrachten. Viele Wörter muss man gesondert betrachten. Das Wort laanót bedeutet quälen, Schmerz zufügen. Aber dasselbe Wort bedeutet auch das eheliche Beisammensein. Wenn die Tora dem Mann gebietet, der Frau das eheliche Beisammensein nicht vorzuenthalten, verwendet sie das Wort uná. Das Gebot an den Mann, in der Schabbatnacht der Frau in sexueller Hinsicht Freude zu bereiten, heißt ebenfalls uná. Das heißt, man kann sowohl „quälte sie“, als auch „verursachte ihr irgendwelche Gefühle“ sagen. Die Kommentatoren sagen, dass hier keine Qual war, dass hier keine Absicht war, Schmerz zuzufügen. Aber da es ein kleines Mädchen ist, ist natürlich die Intimität mit einem erwachsenen Mann oder sogar mit einem Teenager (wir kennen das Alter dieses Burschen nicht) sehr schmerzhaft. Man sieht, dass dieser Mensch von irgendeinem ungesunden, unreinen Drang geleitet war. Wir sagen, dass, wenn die Tora Verben aufzählt, das einen Drang bedeutet, aber keine Gedanken. Und wenn es mit ihrem Einverständnis gewesen wäre, stünde geschrieben wajischkáw imá, aber hier steht geschrieben wajischkáw otá (legte sie hin). Und fügte ihr Schmerz zu. Und das ist das, was bei ihm aus einem Drang heraus geschieht, und dieser Drang ist offensichtlich abscheulich und unrein. Aber weiter lesen wir:

וַתִּדְבַּק נַפְשׁוֹ בְּדִינָה בַּת־יַעֲקֹב

wattidbák nafschó bediná bat-jaaków

3 Und seine Seele haftete an Dina, der TOCHTER JAAKOWS,

Das ist genau jenes Wort tidabék, das Adam ausspricht, wenn er sagt: „Ein Mensch wird seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau haften.“ Hier steht tidabék für seine Seele haftete an Dina. Hier wird Dina bat Jaakow (Tochter Jaakows) genannt. Und, beachtet, wenn im vorigen Vers gesagt ist „nahm sie, schlief mit ihr, quälte sie“, so wird sie hier schon beim Namen genannt. Das heißt, er erkannte plötzlich, dass das nicht einfach ein Mädchen ist, nicht irgendein sexuelles Objekt, er sah in ihr etwas Größeres.

וַיֶּאֱהַב אֶת־הַנַּעֲרָ וַיְדַבֵּר עַל־לֵב הַנַּעֲרָ׃

waje'eháw et-hanna'ará wajdabbér al-léw hanna'ará

...Und er liebte dieses Mädchen, Und er redete zum Herzen des Mädchens

Wer auf Hebräisch liest, wird bemerken, dass dort ohne das Buchstäbchen ה am Ende geschrieben ist. Dazu gibt es verschiedene Kommentare. Höchstwahrscheinlich ist das eine alte Schreibweise. Aber die Kommentatoren sagen: „Also ist sie noch nicht herangewachsen, ein noch nicht entwickeltes Mädchen, deshalb ist sie na'ará, aber geschrieben wird es wie ná'ar (Jüngling)“. Er redete dem Mädchen nach dem Herzen. Aus dem letzten Satz ist klar (er wird gewöhnlich genau so gebraucht), dass er Worte zum Herzen des Mädchens fand. Das heißt, nach dieser zweifelhaften Vergewaltigung, und in diesem Alter spielt das Einverständnis oder Nichteinverständnis des Mädchens überhaupt keine Rolle (das kann man als Gewalt werten), tröstet er sie, redet zu ihrem Herzen. Und dieser Ausdruck „redete ihr nach dem Herzen“ bedeutet, dass er irgendeine Zuneigung von ihr gewann. Wieder sprechen wir von einem 10-jährigen Mädchen. Wir sprechen von einem 10-jährigen Mädchen, das nur Brüder hat. Sie ist von Liebe umgeben, Erfahrung im Umgang mit Männern hat sie keine. Und lasst uns überhaupt anschauen, was hier geschehen ist.

Im Osten gibt es eine Tradition, eine schreckliche Tradition, aber sie hat sich bis heute erhalten – das ist die Tradition, Frauen zu rauben. Das alles sieht bei weitem nicht immer so aus wie im bekannten Film von Gaidai „Die Abenteuer von Schurik“. Das Mädchen wird gegen ihren Willen geraubt, so etwas kommt vor, und bei ihnen zu Hause festgehalten. Manchmal vergewaltigt. Und in der orientalischen Gemeinde, wenn ein Mädchen vergewaltigt ist, wenn sie geschändet ist, dann sagen ihre eigenen Eltern: „Wer braucht dich jetzt noch? Bleib jetzt hier. Und wohin willst du jetzt noch gehen?“ Das geschieht auch im 21. Jahrhundert.

Aber wir sehen das auch in der Schrift, in einem anderen Fall, als Amnon Tamar vergewaltigt und sie fortjagt. Und Amnon sagt zu ihr: „Steh auf, geh.“ Und sie sagte zu ihm: „Nein, denn dieses Böse, mich fortzujagen, ist größer als jenes, das du mir vorher angetan hast.“ Das heißt, für Tamar wird dieser Vergewaltiger Amnon ein Retter sein, wenn er ihr Mann wird. Es ist ein Böses, dass er sie fortjagt. Für uns ist das vom Standpunkt des 21. Jahrhunderts aus schwer zu verstehen. Wir lesen im Buch Dewarim: „Wenn jemand ein junges Mädchen trifft, das nicht verlobt ist, und sie ergreift und bei ihr liegt, und man ertappt sie, dann soll der Mann, der bei ihr gelegen hat, dem Vater dieses Mädchens 50 Silberstücke geben, und sie soll ihm zur Frau sein, weil er sich ihrer bemächtigt hat; er wird sich nicht von ihr scheiden können alle Tage seines Lebens.“ Das heißt, diese Regeln waren dazu bestimmt, das Mädchen zu schützen. Ein vergewaltigtes Mädchen geriet in Abhängigkeit vom Vergewaltiger, und den Vergewaltiger zwingt die Tora zur Ehe. Als Amnon das ablehnt, sagt Tamar zu ihm: „Das ist das Schrecklichste, was du mir antun konntest.“ Das ist schlimmer als die Vergewaltigung selbst. Das ist es, was zwischen Dina und Sch'chem geschieht. Nachdem er zu ihr eingegangen ist, nachdem geschehen ist, was geschehen ist, haftete er an ihr, redet ihr nach dem Herzen. Es ist leicht, ihr nach dem Herzen zu reden, weil sie versteht, dass sie geschändet ist, dass sie nirgendwohin gehen kann, sie ist völlig von ihm abhängig. Er redete ihr nach dem Herzen und konnte durchaus sagen: „Ich gebe für dich einen guten Brautpreis, einen guten Kalym, und alles wird gut, wir werden uns mit deinen Eltern einigen.“ Und das ist eigentlich das, was er auch vorhat.

Interessant ist, dass der Midrasch die Liebe des Höchsten zu Israel mit der Liebe Sch'chems zu Dina vergleicht. Im Midrasch heißt es, dass über Israel, über den Höchsten gesagt ist, dass „nach Ihm seine Seele begehrte“ – das ist das, was später der Vater Sch'chems sagen wird –, „er wollte ihn, und liebte ihn, und redete mit ihm“ – alle Liebesepitheta, die Sch'chem und sein Vater auf Dina anwenden. So legen die Weisen die Liebe des Höchsten zu Israel aus und sagen: „All das lernen wir aus dem Fall mit jenem Bösewicht.“ Sch'chem ist ein Bösewicht, aber ihm sind bestimmte menschliche Gefühle nicht fremd. Nachdem er die Untat begangen hat, will er mit diesem Mädchen zusammen sein. Vielleicht sind seine Motive rein egoistisch – „da, ich will dieses Mädchen“ –, dennoch handelt er verantwortungsvoll, er hält sie nicht bei sich fest, er spricht mit dem Vater.

וַיֹּאמֶר שְׁכֶם אֶל־חֲמוֹר אָבִיו לֵאמֹר קַח־לִי אֶת־הַיַּלְדָּה הַזֹּאת לְאִשָּׁה׃

wajomer schechém el-chamór awíw lemór kach-lí et-hajaldá hassót le'ischá

4 Und Sch'chem sagte zu seinem Vater, Chamor, mit den Worten: „Nimm mir dieses Mädchen (dieses Mädel) zur Frau“.

Das Wort jaldá zeigt klar, dass Dina noch ganz ein Mädchen ist. „Nimm mir dieses Mädchen zur Frau“.

וְיַעֲקֹב שָׁמַע כִּי טִמֵּא אֶת־דִּינָה בִתּוֹ וּבָנָיו הָיוּ אֶת־מִקְנֵהוּ בַּשָּׂדֶה וְהֶחֱרִשׁ יַעֲקֹב עַד־בֹּאָם׃

wejaaków schamá ki timmé et-diná wittó uwanáw hajú et-miknéhu bassadé wehecherísch jaaków ad-bo'ám

5 Und Jaakow hört, dass er Dina, seine Tochter, verunreinigt hat. Und seine Söhne waren mit dem Vieh auf dem Feld. Und Jaakow schwieg bis zu ihrer Ankunft.

In diesem Kapitel sehen wir gleich zwei wichtige Veränderungen. Von diesem Moment an wird die Rolle Jaakows als Familienoberhaupt, als hauptsächlich handelnde Person, in den Hintergrund treten, wird abnehmen. Und auf der Bühne werden bnej Jisrael, bnej Jaakow (die Söhne Jaakows) erscheinen. Die Söhne beginnen zu handeln. Es gibt auch ein zweites wichtiges Detail, über das wir nicht umhinkönnen zu sprechen. Einst, vor langer Zeit, geschah ein sehr ähnliches Ereignis: Awraham baute einen Altar in Sch'chem, wollte nach Bejt-El gehen (wohin auch Jaakow vorerst noch nicht zu gehen vorhat, aber gehen muss), doch unterwegs überraschte ihn eine Hungersnot. Er zieht hinab nach Ägypten, und in Ägypten nimmt man ihm die Frau weg. In dem historischen Zeitraum zwischen Sch'chem und Bejt-El nimmt man auch Jizchak die Frau weg. Nun, natürlich ist eine Ehefrau eine verheiratete Frau, nicht eine unverlobte Tochter, aber dennoch ist die Situation ähnlich. In jenem Fall sehen wir das Eingreifen des Höchsten. Und dort ereilt den, der die Frau genommen hat, ein Schlag. Und dort erhält Awraham Vieh und wird dadurch reich. Hier geschieht das auch, aber hier greift der Höchste nicht ein.

Die Kommentatoren sehen darin die Tatsache, dass der Höchste immer mehr und mehr Verantwortung, immer mehr und mehr Handlungen in die Hände des Menschen übergibt. Die Gesellschaft, das Volk Israel – das ist ein Volk, in dem Menschen handeln werden, in dem Gott den Menschen zu handeln gibt, die Macht gibt, irgendwelche Taten zu vollbringen, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Mögen sie anfangs auch von Grund auf falsch sein. Der Leser, der sich an alle vorangegangenen Ereignisse erinnert, müsste erwarten, dass mitten in dieser Geschichte Sch'chem Chamorowitsch irgendein schwerer Schlag trifft und er krank wird und mit Dina nichts tun kann. Aber das geschieht nicht. Nicht weil der Höchste dieses Volk verlassen hat, sondern weil der Höchste dieses Volk darin unterstützt und stärkt, dass es Seinen Willen auf der Erde tut. Und unterdessen ...

וַיֵּצֵא חֲמוֹר אֲבִי־שְׁכֶם אֶל־יַעֲקֹב לְדַבֵּר אִתּוֹ׃

wajezé chamór awi-schechém el-jaaków ledabbér ittó

6 Chamor, der Vater Sch'chems, ging hinaus zu Jaakow, um mit ihm zu reden.

וּבְנֵי יַעֲקֹב בָּאוּ מִן־הַשָּׂדֶה

uwné jaaków báu min-hassadé

7 Und (während er hingeht, um mit Jaakow zu reden) kamen die Söhne Jaakows vom Feld.

Das erste Mal lasen wir davon, als Esaw vom Feld kam: Er hatte eine bestimmte Schwäche, und Jaakow hatte das, was Esaw brauchte. Wir erinnern uns, was geschah. Das zweite Mal lasen wir von den Alraunäpfeln, als Jaakow vom Feld kam, und da trat Lea schon in gewissem Maße in der Rolle Jaakows auf … Kurz, gewisse Parallelen gibt es. Hier kommen die Söhne Jaakows vom Feld und erfahren, dass jemand ihnen ihre geliebte Schwester weggenommen hat.

 כְּשָׁמְעָם וַיִּתְעַצְּבוּ הָאֲנָשִׁים וַיִּחַר לָהֶם מְאֹד כִּי־נְבָלָה עָשָׂה בְיִשְׂרָאֵל לִשְׁכַּב אֶת־בַּת־יַעֲקֹב וְכֵן לֹא יֵעָשֶׂה׃

keschom'ám wajit'azzewú ha'anaschím wajichár lahém me'ód ki newalá assá wejisraél lischkáw et-bat-jaaków wechén lo je'assé

... Und sie wurden sehr stark betrübt, und DAS erzürnte sie sehr, denn eine Schändlichkeit ist in Israel begangen worden – bei der Tochter Jaakows zu liegen, und so etwas tut man nicht.

Das Wort nawál ist mit totem Fleisch verbunden, mit Aas. Man kann das Wort chen übersetzen als Recht, Wahrheit. Dann lautet die Übersetzung so: „Und Gerechtigkeit ist nicht getan.“ Das heißt, Jaakow hat es früher erfahren und schwieg. Die Söhne kamen und wurden zornig, dass man ihre Schwester verdorben hatte und Gerechtigkeit nicht getan ist. Und der Vater Sch'chems redet mit ihm.

וַיְדַבֵּר חֲמוֹר אִתָּם לֵאמֹר שְׁכֶם בְּנִי חָשְׁקָה נַפְשׁוֹ בְּבִתְּכֶם תְּנוּ נָא אֹתָהּ לוֹ לְאִשָּׁה׃

wajdabbér chamór ittám lemór schechém bení chascheká nafschó bewittechém tenú na otá loIn der russischen Umschrift fehlt das Wort „lo“ (ihm), das im Hebräischen steht. Die deutsche Umschrift ergänzt es nach dem Hebräischen. le'ischá

8 Und Chamor redete mit ihnen und sprach: „Mein Söhnchen Sch'chem, seine Seele begehrte nach eurer Tochter. Gebt sie ihm doch zur Frau.“

Chamor redet schon nicht mehr mit dem Vater, sondern mit den Brüdern. Während er ging, sind die Brüder dazugekommen, und Chamor redet mit ihnen. Gegangen ist er ja, um mit dem Vater zu reden, aber er redet mit den Brüdern. Und warum „eurer Tochter“? Natürlich können ältere Brüder die kleine Schwester auch Tochter nennen.

וְהִתְחַתְּנוּ אֹתָנוּ בְּנֹתֵיכֶם תִּתְּנוּ־לָנוּ וְאֶת־בְּנֹתֵינוּ תִּקְחוּ לָכֶם׃

wehitchattenú otánu benotechém tittenu-lánu we'et-benoténu tikchú lachém

9 Und ihr werdet mit uns Ehen schließen, eure Töchter werdet ihr uns geben, und unsere Töchter werdet ihr euch nehmen.

Chamor schlägt im Grunde einen gewissen Weg der Assimilation vor. Im Buch Dewarim lesen wir: „Verschwägere dich nicht mit ihnen, deine Tochter gib nicht seinem Sohn, und seine Tochter nimm nicht für deinen Sohn.“ Im Buch Schoftim lesen wir eine Verurteilung einer solchen Verbindung: „Und sie nahmen deren Töchter sich zu Frauen, und ihre eigenen Töchter hießen sie für deren Söhne gutIm Russischen steht in diesem Zitat wörtlich, dass sie ihre Töchter für deren Söhne „guthießen“; gemeint ist wohl „gaben“. Wir haben wörtlich übersetzt., und dienten deren Göttern.“ Und im Buch Esra lesen wir: „Und nun gebt eure Töchter nicht ihren Söhnen, ihre Töchter nehmt nicht für eure Söhne, und sucht auf ewig ihren Frieden und ihr Wohl, damit ihr stark werdet, und ihr werdet das Beste essen, was es in diesem Land gibt, und es euren Söhnen auf ewig als Erbe weitergeben.“ Eine der Regeln für das Erben des Landes: sich nicht mit fremden Völkern vermischen. Aber selbstverständlich haben weder Chamor noch Sch'chem das Buch Esra gelesen, und sie verstehen nicht so recht die Prinzipien, nach denen die Söhne Jaakows leben. Und Chamor führt seinen Gedanken weiter aus und sagt:

וְאִתָּנוּ תֵּשֵׁבוּ וְהָאָרֶץ תִּהְיֶה לִפְנֵיכֶם שְׁבוּ וּסְחָרוּהָ וְהֵאָחֲזוּ בָּהּ׃

we'ittánu teschéwu weha'árez tihjé lifnechém schewú us'charúha wehe'achasú ba

... und ihr werdet bei uns wohnen (das heißt, wir geben euch unsere Staatsbürgerschaft), und unser Land wird vor euch sein, wohnt darin, kauft darin und haltet es fest.

Das heißt, Chamor bietet volle Bürgerrechte für Jaakow und seine Familie an. Aber er, Chamor, kam nicht allein, mit ihm kam auch Sch'chem – sein Sohn.

וַיֹּאמֶר שְׁכֶם אֶל־אָבִיהָ וְאֶל־אַחֶיהָ אֶמְצָא־חֵן בְּעֵינֵיכֶם וַאֲשֶׁר תֹּאמְרוּ אֵלַי אֶתֵּן׃

wajomer schechém el-awíha we'el-achéha emza-chén be'enechém wa'aschér tomerú eláj ettén

11 Und Sch'chem sprach zu ihrem Vater und zu ihren Brüdern: „Wenn ich nur Gnade fände in euren Augen.

הַרְבּוּ עָלַי מְאֹד מֹהַר וּמַתָּן וְאֶתְּנָה כַּאֲשֶׁר תֹּאמְרוּ אֵלָי וּתְנוּ־לִי אֶת־הַנַּעֲרָ לְאִשָּׁה׃

harbú aláj me'ód móhar umattán we'ettená ka'aschér tomerú eláj utnu-lí et-hanna'ará le'ischá

12 Setzt mir den allerhöchsten Brautpreis fest, den ihr könnt, ich werde ihn euch geben, wie ihr sagt. Gebt mir nur dieses Mädchen zur Frau.“

Wir haben gesagt, dass die Tora in diesem Fall den durchschnittlichen Marktpreis für ein Mädchen mitteilt. Verzeiht, das klingt sehr zynisch, aber tatsächlich, solche Verhältnisse waren es: Es war ein Brautpreis festgelegt, eine Bezahlung für das Mädchen in einer solchen Situation festgelegt. Einerseits wurde das so gemacht, damit es nicht zum Anlass für Erpressung wird, wenn der Vater riesiges Geld fordern kann und die Tochter in so einem Schwebezustand bleibt. Andererseits, damit der Vergewaltiger nicht sagen kann: „Ich habe so viel Geld nicht, und deshalb werde ich sie nicht heiraten.“ Das alles sieht zynisch aus, das alles sieht abscheulich, schrecklich aus, von unserem 21. Jahrhundert aus gesehen. Aber damals war ganz und gar nicht das 21. Jahrhundert.

Also, Chamor hat bürgerliche und politische Rechte angeboten, und Sch'chem hat seinerseits gebeten: „Gebt mir irgendeinen Preis, und ich zahle.“ Man sollte meinen, unter den Umständen, dass Dina sich in diesem Moment ja im Palast Sch'chems befindet (falls er einen Palast hat), wird das zu einem Angebot, das man schwer ablehnen kann.

וַיַּעֲנוּ בְנֵי־יַעֲקֹב אֶת־שְׁכֶם וְאֶת־חֲמוֹר אָבִיו בְּמִרְמָה וַיְדַבֵּרוּ אֲשֶׁר טִמֵּא אֵת דִּינָה אֲחֹתָם׃

waja'anú wene-jaaków et-schechém we'et-chamór awíw bemirmá wajdabbéru aschér timmé et diná achotám

13 Die Söhne Jaakows antworteten ihnen beiden mit List (achtet darauf, die handelnden Personen sind hier die Söhne. Jaakow ist hier anwesend, aber es reden und handeln die Söhne), weil er ihre Schwester Dina verunreinigt hatte.

וַיֹּאמְרוּ אֲלֵיהֶם לֹא נוּכַל לַעֲשׂוֹת הַדָּבָר הַזֶּה לָתֵת אֶת־אֲחֹתֵנוּ לְאִישׁ אֲשֶׁר־לוֹ עָרְלָה כִּי־חֶרְפָּה הִוא לָנוּ׃

wajomerú alehém lo nuchál la'asót haddawár hassé latét et-achoténu le'ísch ascher-ló orlá ki-cherpá hi lánu

14 Und sie sagten zu ihnen: „Wir können eine solche Sache nicht tun für einen Menschen, der keine Beschneidung hat, einen Menschen, der nicht beschnitten ist: Das ist für uns eine Schande.

אַךְ־בְּזֹאת נֵאוֹת לָכֶם אִם תִּהְיוּ כָמֹנוּ לְהִמֹּל לָכֶם כָּל־זָכָר׃

ach-besót ne'ót lachém im tihjú chamónu lehimmól lachém kol-sachár

15 Doch wir werden euch willfahren, wenn ihr werdet wie wir, wenn ihr werdet wie wir, sodass ihr euch alle beschneiden lasst.

Achtet darauf: List in der List. Anscheinend sagen sie zuerst: „Wir können unsere Tochter nicht einem unbeschnittenen Menschen geben.“ Man sollte meinen, die Forderung, sich beschneiden zu lassen, wird zuerst als Forderung nur an Sch'chem selbst dargestellt. Aber andererseits: „Wir werden mit euch einverstanden sein, nur wenn ihr alle werdet wie wir.“ Warum? Weil ihr ja vorschlagt, dass wir eure Töchter nehmen und euch unsere Töchter geben. Das heißt, ihr müsst jeden Menschen männlichen Geschlechts beschneiden.

וְנָתַנּוּ אֶת־בְּנֹתֵינוּ לָכֶם

wenatánnu et-benoténu lachém

16 Und wir werden euch unsere Töchter geben (welche wir wollen).

Achtet darauf, hier gibt es sehr viele Feinheiten in den Formulierungen: Wir werden euch Töchter geben, nicht ihr werdet nehmen, sondern wir werden euch unsere Töchter geben, welche wir wollen und bei welchen wir einwilligen.

וְאֶת־בְּנֹתֵיכֶם נִקַּח־לָנוּ וְיָשַׁבְנוּ אִתְּכֶם וְהָיִינוּ לְעַם אֶחָד׃

we'et-benotechém nikkach-lánu wejascháwnu ittechém wehajínu le'ám echád

… und wir werden eure Töchter nehmen, und wir werden mit euch wohnen, und wir werden mit euch ein Volk sein (wiederum „wir werden eure Töchter nehmen, welche wir wollen“).

וְאִם־לֹא תִשְׁמְעוּ אֵלֵינוּ לְהִמּוֹל וְלָקַחְנוּ אֶת־בִּתֵּנוּ וְהָלָכְנוּ׃

we'im-ló tischme'ú elénu lehimmól welakáchnu et-bitténu wehaláchnu

17 Wenn ihr aber nicht auf uns hört (euch beschneiden zu lassen), werden wir unsere Tochter nehmen und weggehen.“

So ist ihr Plan. Man sollte meinen, es gibt eine Möglichkeit, alles friedlich zu lösen, in die eine oder in die andere Richtung. Wir werden noch darüber sprechen, worin denn die List der Brüder bestand. Und wenn Jaakow anwesend war und von dieser List hörte, warum hat ihm dann nicht gefallen, was sie danach taten? Worin bestand denn die List? Aber wir lesen hier einen unerwarteten Moment der Situation:

וַיִּיטְבוּ דִבְרֵיהֶם בְּעֵינֵי חֲמוֹר וּבְעֵינֵי שְׁכֶם בֶּן־חֲמוֹר׃

wajitewú diwrehém be'ené chamór uw'ené schechém ben-chamór

18 Und es gefielen ihnen, es gefielen in den Augen Chamors ihre Worte. Und auch Sch'chem gefielen sie.

Sowohl dem Papa als auch dem Sohn gefielen ihre Worte. So endeten die Verhandlungen.

וְלֹא־אֵחַר הַנַּעַר לַעֲשׂוֹת הַדָּבָר כִּי חָפֵץ בְּבַת־יַעֲקֹב וְהוּא נִכְבָּד מִכֹּל בֵּית אָבִיו׃

welo-echár hanná'ar la'asót haddawár ki chaféz bewat-jaaków wehú nichbád mikkól bet awíw

19 Und der Jüngling zögerte nicht, es zu tun, denn er begehrte die Tochter Jaakows, und er ist der Angesehenste im ganzen Haus des Vaters.

Also, er ist der Angesehenste, und er hat sich als Erster mustergültig, zum Vorzeigen, beschneiden lassen. Nun, und selbstverständlich erwarten wir, dass nach ihm das ganze Haus sich beschneiden lässt.

Die Familie ist ja groß

Bereschit 34,20–35,5

Also, Chamor ging zusammen mit seinem Vater, mit den Söhnen Jaakows darüber zu verhandeln, Dina zur Frau zu nehmen. Sein Vater machte ein Angebot, im Grunde genommen, kommerzieller Art. Er sagte: „Wir werden euch hier alle möglichen Bürgerrechte gewähren, einen Vertrag über Freundschaft und wirtschaftliche, beiderseitig vorteilhafte Zusammenarbeit schließen und eure wirtschaftliche Lage auf jede Weise fördern.“ Sein Sohn, verliebt in das Mädchen, das er vergewaltigt hatte, sagte: „Setzt einen beliebigen Brautpreis fest, so viel ihr wollt, bin ich bereit zu zahlen, ich brauche überhaupt nichts, wenn ich nur Gnade in euren Augen finde.“ Zwei solche Angebote, und wahrscheinlich sah der Vater den Sohn sehr unfreundlich an, der ihn dabei stört, Wirtschaft zu betreiben, und beliebig viel Geld anbietet. So führt man keine Verhandlungen.

Die Söhne Jaakows, gekränkt, beleidigt und Unheil witternd, antworten auf das Angebot von Vater und Sohn zugleich, und, wie die Tora sagt, sie antworten mit List. Worin die List besteht, ist dem Leser vorerst unklar. Sie sagen: „Bei uns ist es nicht üblich, eine Tochter einem Unbeschnittenen zu geben. Der Mann soll sich beschneiden lassen, und alle bei euch sollen sich beschneiden lassen, dann werden wir zusammenarbeiten und überhaupt ein einziges Volk werden.“ Diese Worte gefallen sowohl dem Vater als auch dem Sohn, sie verstehen noch nicht, worin hier die Tücke liegt, und auch wir verstehen noch nicht, worin hier die Tücke liegt. Vater und Sohn kehren in ihr heimatliches Sch'chem zurück, der Sohn lässt sich sofort beschneiden, und wir lesen die Geschichte weiter.

וַיָּבֹא חֲמוֹר וּשְׁכֶם בְּנוֹ אֶל־שַׁעַר עִירָם וַיְדַבְּרוּ אֶל־אַנְשֵׁי עִירָם לֵאמֹר׃

wajawó chamór uschchém benó el-schá'ar irám wajdabberú el-ansché irám lemór

20 Und es kamen Chamor und sein Sohn zum Tor ihrer Stadt und redeten mit den Bewohnern ihrer Stadt und sprachen:

הָאֲנָשִׁים הָאֵלֶּה שְׁלֵמִים הֵם אִתָּנוּ

ha'anaschím ha'élle schelemím hem ittánu

21 „diese Leute, sie sind ehrlich zu uns,

Achtet darauf: In der Rede von Vater und Sohn, die sie in Sch'chem halten, klingt nur an: „Seht, wir haben in der Nähe eine Familie, sie ist schon eine Gegebenheit.“ Niemand spricht davon, dass man ihnen die Bürgerschaft gewähren oder sie irgendwie rechtlich gleichstellen müsse. „Sie sind hier schon da.“

 וְיֵשְׁבוּ בָאָרֶץ וְיִסְחֲרוּ אֹתָהּ וְהָאָרֶץ הִנֵּה רַחֲבַת־יָדַיִם לִפְנֵיהֶם אֶת־בְּנֹתָם נִקַּח־לָנוּ לְנָשִׁים וְאֶת־בְּנֹתֵינוּ נִתֵּן לָהֶם׃

wejeschewú wa'árez wejis'charú otá weha'árez hinné rachawat-jadájim lifnehém et-benotám nikkach-lánu lenaschím we'et-benoténu nittén lahém

...Und sie wohnen in diesem Land, und sie treiben Handel darin. Und siehe, vor ihnen ist viel Land. Wir werden von ihnen Töchter nehmen, die wir auswählen, und die Töchter, die wir wollen, werden wir ihnen geben.

Vater und Sohn kommen mit einem kommerziellen Angebot und sagen: „Neben uns wohnt schon diese Familie, seht doch, wie sie unsere Stadt herausgeputzt haben, was für ein großer Segen das für uns ist! Lasst uns zu wirtschaftlichen Zwecken dies und das tun … Wie können wir mit ihnen in wirtschaftliche Zusammenarbeit treten?“

אַךְ־בְּזֹאת יֵאֹתוּ לָנוּ הָאֲנָשִׁים לָשֶׁבֶת אִתָּנוּ לִהְיוֹת לְעַם אֶחָד בְּהִמּוֹל לָנוּ כָּל־זָכָר כַּאֲשֶׁר הֵם נִמֹּלִים׃

ach-besót je'ótu lánu ha'anaschím laschéwet ittánu lihjót le'ám echád behimmól lánu kol-sachár ka'aschér hem nimmolím

22 Auf dieser Grundlage werden sie einwilligen, mit uns ein Volk zu sein, wenn wir alles Männliche beschneiden, wie sie es tun.

Hier steht kein Wort von der Verliebtheit Sch'chems in Dina, überhaupt kein Wort von irgendwelchen Heiratsplänen. Hier wird gesagt: „Seht, da ist eine Familie in der Nähe, und wenn wir uns beschneiden lassen, können wir wirtschaftlich gewaltig groß rauskommen.“

מִקְנֵהֶם וְקִנְיָנָם וְכָל־בְּהֶמְתָּם הֲלוֹא לָנוּ הֵם אַךְ נֵאוֹתָה לָהֶם וְיֵשְׁבוּ אִתָּנוּ׃

miknehém wekin'janám wechol-behemtám haló lánu hem ach ne'óta lahém wejeschewú ittánu

23 Und ihr Vieh, und all ihre Habe, all ihre Tiere: Wir werden doch für uns herausholen können (wir werden ihnen alles abluchsen können), wir werden sie ausnehmen können, aber lasst uns auf ihren Vorschlag eingehen, und sie werden bei uns bleiben.“

Die Idee ist folgende: Diese Nachbarn sind reich, seht, wie viel Freude sie unseren Kinderchen bringen, wie viel Segen sie in unsere Stadt bringen, sie sind schon eine Gegebenheit, sie wohnen hier, lasst uns, um sie hier zu behalten, damit wir sie ganz allmählich ausnehmen und alles, was sie haben, ausmelken können, lasst uns uns beschneiden lassen. Ganz und gar nicht das, wovon die Brüder sprachen, ganz und gar nicht das, was die Brüder vorschlugen, und ganz und gar nicht das, was Chamor selbst den Brüdern vorschlug. Vorgesehen ist ein rein wirtschaftliches Bündnis. Was also will Chamor? Chamor will auf der Grundlage des Geschehenen, an dieser Tragödie groß rauskommen, wirtschaftlich aufsteigen, sein Volk heben, na ja, und seinen eigenen Status.

וַיִּשְׁמְעוּ אֶל־חֲמוֹר וְאֶל־שְׁכֶם בְּנוֹ כָּל־יֹצְאֵי שַׁעַר עִירוֹ וַיִּמֹּלוּ כָּל־זָכָר כָּל־יֹצְאֵי שַׁעַר עִירוֹ׃

wajischme'ú el-chamór we'el-schechém benó kol joze'é schá'ar iró wajimmólu kol-sachár kol-joze'é schá'ar iró

24 Und sie hörten auf Chamor und Sch'chem, alle, die in ihr Tor eingehen, und sie beschnitten alle, die in das Tor der Stadt eingehen (alle, die sich in der Jurisdiktion dieser Stadt befinden, beschnitten sie).

Ich erinnere daran: Sie beschnitten alle, weil sie sich davon einen wirtschaftlichen Vorteil erwarteten. Hier gibt es weder Reue über das Getane noch den Wunsch, sich zu versöhnen. Überhaupt wird kein Konflikt erwähnt, der zwischen Jaakow und Chamor, zwischen den Söhnen Jaakows und Sch'chem stattfand. Überhaupt nichts ist da, da ist irgendeine – hoppla! – wirtschaftliche Idee. Und erst recht gibt es hier keine Beschneidung im Namen des Himmels und nach dem Gebot Gottes. Einfach: „Lasst es uns machen wie sie, damit es ihnen mit uns nicht allzu zuwider ist.“

Diese Handlung geschieht. Was nun danach? Allmählich lassen sich alle Bewohner der Stadt beschneiden. Dina bleibt bei Sch'chem im Palast oder im Haus (es ist unklar, wo sie sich dort befindet). Im Lager Jaakows hatte man höchstwahrscheinlich überhaupt nicht erwartet, dass Chamor und Co. einwilligen würden, sich beschneiden zu lassen. Vielleicht lag darin die Tücke. Sie erwarteten, dass Chamor sich nicht beschneiden lassen will, die Stadt sich nicht beschneiden lassen will, sie aufstehen und weggehen. Jedenfalls sehen wir, dass nicht auf Rat der Brüder, nicht als kollektiver Verstand, die Brüder Schimon und Lewi zu handeln beginnen.

וַיְהִי בַיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי בִּהְיוֹתָם כֹּאֲבִים וַיִּקְחוּ שְׁנֵי־בְנֵי־יַעֲקֹב שִׁמְעוֹן וְלֵוִי אֲחֵי דִינָה אִישׁ חַרְבּוֹ וַיָּבֹאוּ עַל־הָעִיר בֶּטַח וַיַּהַרְגוּ כָּל־זָכָר׃

wajhí wajom haschelischí bihjotám ko'awím wajikchú schené-wené-jaaków schim'ón welewí aché diná isch charbó wajawó'u al-ha'ír bétach wajahargú kol-sachár

25 Und es geschah am dritten Tag, als sie (die Leute von Sch'chem) nach der Beschneidung krank waren, da nahmen die zwei Söhne Jaakows, Schimon und Lewi, die Brüder Dinas, jeder sein Schwert, und kamen sicher in die Stadt, und töteten alle Männer.

Ein schrecklicher, entsetzlicher Genozid. Stellt euch jetzt vor: Dina ist vergewaltigt, die Vergewaltiger kommen, führen Verhandlungen, die Söhne versuchen irgendwie, Dina dort herauszuholen, aber ihr Plan der Tücke scheitert möglicherweise, und sie bekommen nicht, was sie wollten. Es vergeht ein Tag, ein zweiter, ein dritter. Niemand im Haus Jaakows tut überhaupt irgendetwas. Und da Schimon und Lewi, zwei Brüder, von denen gesagt ist ache Dina (die Brüder Dinas)… Warum ist das so gesagt? Väterlicherseits hat Dina natürlich mehr Brüder, und mütterlicherseits ist Re'uwen der älteste Bruder, aber Re'uwen ist, wie wir weiter sehen werden, ein Mensch von etwas anderem Charakter. Also, erinnert ihr euch an die Geschichte, als Lawan das Lager Jaakows einholte? Wir lasen dort, dass Lawan der Reihe nach in das Zelt Rachels, in das Zelt Leas, in das Zelt Jaakows und in das Zelt jeder der Mägde ging. Daraus schließen wir, dass sie getrennt wohnen und jede Mama mit ihren Kindern wohnt. Die Kinder sind nicht gar so erwachsen: Schimon ist 14, Lewi 13, das heißt, viele Kinder sind noch bei den Mamas, jedes wächst in seinem Zelt auf, und deshalb warten Schimon und Lewi drei Tage. Sie meinen, gleich wird Jaakow sich etwas ausdenken, was die anderen tun werden, was die anderen Brüder tun werden. Aber Jaakow schweigt.

In einigen Kapiteln werden wir davon hören, wie Josef umkam, und dort ist gesagt, dass Jaakow sein Gewand zerriss und in Trauer saß. Hier aber schweigt Jaakow überhaupt, wartet, bis die Söhne zurückkehren. Und möglicherweise haben die Brüder Dinas so ein Gefühl, dass sich um ihr Schwesterchen gar niemand sorgt. Sie („zu den Schwertern stürzten unsere Hände“) überfallen die Stadt, den Clan Chamors, töten sie alle, töten alle Männer und bahnen damit den Weg zum Palast (oder zum Haus).

וְאֶת־חֲמוֹר וְאֶת־שְׁכֶם בְּנוֹ הָרְגוּ לְפִי־חָרֶב וַיִּקְחוּ אֶת־דִּינָה מִבֵּית שְׁכֶם וַיֵּצֵאוּ׃

we'et-chamór we'et-schechém benó haregú lefi-chárew wajikchú et-diná mibbét schechem wajezé'u

26 Und Chamor, und Sch'chem, seinen Sohn, töteten sie mit dem Schwert, und nahmen Dina aus dem Haus Sch'chems, und gingen hinaus.

Niemand außer den zwei geliebten Brüderchen trat für Dina ein. Wenn wir auf die Stimme hören, auf die Melodie der Tora hören, dann hören wir, dass die Tora hier selbst nicht mit Verurteilung über diese Verse spricht. Lasst uns weiterlesen.

בְּנֵי יַעֲקֹב בָּאוּ עַל־הַחֲלָלִים וַיָּבֹזּוּ הָעִיר אֲשֶׁר טִמְּאוּ אֲחוֹתָם׃

bené jaaków bá'u al-hachalalím wajawóssu ha'ír aschér timme'ú achotám

27 Die Söhne Jaakows aber kamen und plünderten die Stadt derer, die beleidigt, die ihr Schwesterchen verdorben hatten.

Hier ist dem Text nach nicht ganz klar, ob von denselben Brüdern die Rede ist, von Schimon und Lewi, oder ob, als sie erfuhren, dass die Brüder Dina zurückgeholt hatten, auch die übrigen Brüder herbeistürmten, um die Stadt zu plündern: Was soll da der Besitz schon verloren gehen. Und was nahmen sie?

אֶת־צֹאנָם וְאֶת־בְּקָרָם וְאֶת־חֲמֹרֵיהֶּם וְאֵת אֲשֶׁר־בָּעִיר וְאֶת־אֲשֶׁר בַּשָּׂדֶה לָקָחוּ׃

et-zonám we'et-bekarám we'et chamorehém we'ét ascher-ba'ír we'et-aschér bassadé lakáchu

28 Ihr Vieh und ihr Großvieh, und die Esel – alles, was in der Stadt und auf dem Feld war, nahmen sie.

Man kann sich empören und sagen: „Was für ein Marodieren! Na gut, Schimon und Lewi haben ihre Schwester verteidigt, die geschändete Ehre verteidigt. Was ist aber mit den übrigen (oder sind es dieselben)? Wozu denn die Stadt ausrauben?“ Eine ähnliche Geschichte lesen wir im Buch Bemidbar, die Geschichte des Krieges mit den Midjanitern, als Israel (übrigens ebenfalls im Fall einer privaten Unzucht) gegen die Midjaniter kämpfte, und dort hat der Höchste Selbst gesegnet, und ein Teil der Vergeltung war die Plünderung Midjans. Wir werden dort genau dieselbe, jedenfalls eine sehr ähnliche Liste der Beute lesen (das ist im Buch Bemidbar), außer vielleicht den Eseln. Überhaupt werden, wenn man Trophäen aufzählt, Esel selten aufgezählt, aber hier liegt offenbar so ein Spott, so ein Stachel gegen den örtlichen König, der Chamor (oder Esel) heißt. Das heißt, die Brüder schleppten auch die Esel weg. Also, wir haben gesehen, dass Schimon und Lewi einen bestimmten Überfall im Rahmen der Operation zur Befreiung der Schwester unternahmen. Sie selbst (oder jemand anderes) nahmen und plünderten die Stadt.

וְאֶת־כָּל־חֵילָם וְאֶת־כָּל־טַפָּם וְאֶת־נְשֵׁיהֶם שָׁבוּ וַיָּבֹזּוּ וְאֵת כָּל־אֲשֶׁר בַּבָּיִת׃

we'et-kol-chelám we'et-kol-tappám we'et-neschehém schawú wajawóssu we'ét kol-aschér babbájit

29 Und die Knechte, und alle Gefäße, und die Kinder, und die Frauen – alles plünderten sie.

Eines schönen Tages, am dritten Tag, erfährt der Stammvater Jaakow davon im Nachhinein. Wir haben davon gesprochen, dass jetzt die Zeit anbricht, in der Jaakow als handelnde Person in den Hintergrund rückt. Jaakow gefällt das, was geschieht, ganz und gar nicht. Und eigentlich gefällt es der Tora möglicherweise nicht, dass es Jaakow nicht gefällt. Darüber werden wir weiter noch lesen.

וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אֶל־שִׁמְעוֹן וְאֶל־לֵוִי עֲכַרְתֶּם אֹתִי לְהַבְאִישֵׁנִי בְּיֹשֵׁב הָאָרֶץ בַּכְּנַעֲנִי וּבַפְּרִזִּי וַאֲנִי מְתֵי מִסְפָּר וְנֶאֶסְפוּ עָלַי וְהִכּוּנִי וְנִשְׁמַדְתִּי אֲנִי וּבֵיתִי׃

wajomer jaaków el-schim'ón we'el-lewí achartém otí lehaw'ischéni bejoschéw ha'árez bakkena'aní uwapperissí wa'aní meté mispár wene'esfú aláj wehikkúni wenischmadtí aní uwetí

30 Und Jaakow sprach zu Schimon und Lewi: „Ihr habt mich widerwärtig gemacht (ihr habt meinen Ruf verdorben, mich in Schande gebracht) vor den Bewohnern des Landes, Kanaani, Frisi. Und ich, ich habe nur eine Handvoll Leute bei mir, und sie werden sich gegen mich versammeln, und mich schlagen, und vernichtet werde ich und mein Haus.“

Mit wem hat Jaakow jetzt gesprochen? Jaakow sprach mit seinen Kindern: mit seinem zweiten Sohn Schimon, mit seinem dritten Sohn Lewi – mit denen, die ihm die nicht sehr geliebte, aber doch immerhin Ehefrau Lea geboren hatte. Warum spricht Jaakow denn so, als würde er sie von sich selbst abtrennen? Wir werden das auch im Weiteren sehen. Denn das Haus, das sind für Jaakow in größerem Maße die Söhne Rachels. Das sind Binjamin und Josef. Das sind die, die seine Söhne sein werden. Wir werden das im Verlauf der ganzen Geschichte Jaakows sehen. Jaakow wird zu seinen zehn Söhnen noch sagen: „Ihr wisst, dass ich nur zwei Söhne habe.“ Das ist die Schwierigkeit von Jaakows Verhältnis zu seinen Kindern. Wir sagten, dass Dina und ihre Brüder im Zelt Leas aufwachsen. Jaakow wohnt im Zelt Rachels. Gut möglich, dass Papa für sie etwas fern ist. In der Familie gibt es sehr schwierige, nicht einfache Beziehungen. Jaakow versucht in den Augen der Kinder, auf Kosten ihrer Schwester irgendwelche wirtschaftlichen Beziehungen aufzubauen. Das alles sieht ziemlich schlecht aus. Und es waren ja gerade die Söhne Jaakows, die mit List antworteten. Jaakow selbst war gut möglich bereit, die Situation so zu lösen, dass Dina mit Sch'chem verheiratet bliebe. Es ist für uns jetzt sehr schwer zu vermuten, was er dachte. Es gibt verschiedene Midraschim. Die Midraschim wollen uns lehren. Die Midraschim lehren uns immer, dass diese Menschen uns ein Beispiel sind, und sehr oft sagen die Lehrer, dass ihr Beispiel in den guten Taten liegt. Für mich ist klar, dass das lebendige Menschen sind, die wie lebendige Menschen mit ihren Schwierigkeiten leben. Und für uns sind ein Beispiel ihre guten Taten und ihre nicht ganz guten Taten. All ihr so unterschiedliches Verhalten ist für uns ein Beispiel. Jaakow hat schwierige Beziehungen in der Familie, und das drückt sich in den Beziehungen zwischen seinen Söhnen aus.

Wie fühlten sich Schimon und Lewi? Offenbar fühlten sie sich zurückgesetzt, fühlten, dass man auf Kosten ihrer Mutter, durch Missachtung ihrer Schwester irgendwelche Fragen zu lösen versucht. Und zur Befreiung Dinas hat die Tora eindeutig eine gute Haltung. Hier werden die Brüder nirgends verurteilt. Jaakow dagegen wird ihre Tat bis zum Ende seines Lebens nicht annehmen.

Zur Plünderung der Stadt kann man unterschiedlich stehen. Es gibt viele Kommentatoren, die sagten: „Dina zu befreien war gut – die Stadt zu plündern war nicht gut.“ Einige sagten: „Im Krieg mit den Midjanitern hat man doch die Stadt geplündert! Das ist ein Segen des Höchsten.“ Wiederum haben wir eine Parallele gezogen, als Sara beim Pharao landet und Awraham dadurch mit großem Besitz hinausgeht. Und hier, kann man sagen, tun die Kinder dasselbe, nur hat Gott sie schon mit einer bestimmten Macht ausgestattet zu handeln, hat ihnen Kräfte gegeben zu handeln.

Also, Jaakow fällt mit einem schrecklichen Vorwurf über sie her und sagt: „Na, das war's, jetzt bringen mich hier alle um.“ Mit diesem Vorwurf hätte man die Szene auch beenden können, aber der Wille des Autors der Tora – des Höchsten – war, dass das letzte Wort bei einem der Brüder bleiben sollte, der sagte:

וַיֹּאמְרוּ הַכְזוֹנָה יַעֲשֶׂה אֶת־אֲחוֹתֵנוּ׃

wajomerú hachsoná ja'assé et-achoténu

31 „Soll es denn mit unserer Schwester sein wie mit einer Hure?“

Ein sehr grobes Wort wird hier verwendet. Das heißt: „Unsere Schwester ist nicht die, auf deren Kosten ihr irgendwelche wirtschaftlichen Probleme, irgendwelche staatlichen Probleme lösen werdet. Wir treten für die Ehre unserer Schwester ein.“ Dina kehrt ins Elternhaus zurück und verschwindet fast ganz vom Horizont. Ich weiß nicht, wie Jaakow vor all dem zu ihr stand, aber Dina existiert für niemanden mehr. Sie wird in der Liste der Menschen erwähnt, die nach Ägypten hinabzogen. Das heißt, sie lebte noch eine gewisse Zeit, war ein Mitglied der Familie. Nicht alle Kommentatoren sind froh darüber, dass sie in der jüdischen Geschichte geblieben ist, deshalb gibt es Midraschim, die sagen, dass sie die Frau Hiobs wurde. Es gibt welche, die sagen, dass Dina von Sch'chem schwanger wurde (ja, ja, in so jungem Alter) und ein Mädchen namens Asnat gebar, das Jaakow nach Ägypten schickte und das in Zukunft die Frau Josefs werden wird. Kurz gesagt, es fällt den Kommentatoren schwer, Dina irgendwo unterzubringen. Einige sagen, dass sie die Frau Schimons wurde. Und überhaupt wird die Geschichte mit Dina oft zum Lackmuspapier, um zu verstehen, was ein Mensch darstellt, je nachdem, was er über Dina denkt. Da heißt es also, Schimon habe sie genommen, aber eine Frau, die einmal mit einem unbeschnittenen Mann war, kann von einem beschnittenen keinen Genuss mehr empfangen. Und viele-viele-viele ähnliche Geschichten. Jeder spricht über Dina aus dem Überfluss seines Herzens, und es ist wunderbar, dass wir so verschieden sind und verschiedene Dinge sagen können.

Gleich danach sagt die Tora, dass jene Ereignisse (auch die Kommentatoren merken das an), die im Leben Jaakows geschehen, deshalb geschehen, weil er mit seinem Versprechen säumt. Gleich danach wendet sich der Höchste an Jaakow und sagt zu ihm:

וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים אֶל־יַעֲקֹב קוּם עֲלֵה בֵית־אֵל וְשֶׁב־שָׁם וַעֲשֵׂה־שָׁם מִזְבֵּחַ לָאֵל הַנִּרְאֶה אֵלֶיךָ בְּבָרְחֲךָ מִפְּנֵי עֵשָׂו אָחִיךָ׃

wajomer elohím el-jaakówDie russische Umschrift hat hier einen Tippfehler im Wort „el“ (zu). Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. kum alé wet-él weschew-schám wa'asse-schám misbéjach la'él hannir'é elécha beworchachá mippené essáw achícha

1 Gott sprach zu Jaakow: „Steh auf, zieh hinauf nach Bejt-El und wohne dort, und mach dort einen Altar für Gott, der sich dir offenbarte, als du vor Esaw, deinem Bruder, flohst.“

Interessant: Gott sagt nicht: „Mach Mir einen Altar“, sondern sagt: „Sieh, du hast es doch versprochen, erfülle dein Versprechen jenem Gott, jener Vorstellung von Gott, die du hattest, zu der sie geworden ist. All dein Wissen über den Höchsten lege da hinein.“ Der Höchste lehrt Jaakow weiterhin, seine Segnungen im Land Israel zu nutzen.

וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אֶל־בֵּיתוֹ וְאֶל כָּל־אֲשֶׁר עִמּוֹ הָסִרוּ אֶת־אֱלֹהֵי הַנֵּכָר אֲשֶׁר בְּתֹכְכֶם וְהִטַּהֲרוּ וְהַחֲלִיפוּ שִׂמְלֹתֵיכֶם׃

wajomer jaaków el-betó we'él kol-aschér immó hassíru et-elohé hannechár aschér betochechém wehittaharú wehachalífu simlotechém

2 Und Jaakow sprach zu seinem Haus und zu allen, die bei ihm waren: „Entfernt alle Götzen, die unter euch sind, und reinigt euch, und reinigt eure Kleidung.

Wir hatten ja gedacht, ihr und ich, dass Jaakow und seine Familie alle Monotheisten sind, und woher sollten sie überhaupt Götterchen haben? Die Kommentatoren sagen, dass Jaakow einfach die Gesetze verschärfte. Jetzt muss jedes Tablettchen, auf dem ein Sönnchen gemalt ist, jedes Krüglein, auf dem ein Mond gemalt ist, entfernt werden. Gut möglich, dass bei der Plünderung Sch'chems den Juden viel Gold zufiel, verschiedener anderer Schmuck, der mit Götzen verbunden war, viel Götzengeschirr und so weiter. Jaakow sagt: „Lasst uns noch einmal unseren Besitz prüfen, lasst uns noch einmal die Sachen aussortieren und durchsehen, die man nicht mitnehmen soll.“

וְנָקוּמָה וְנַעֲלֶה בֵּית־אֵל וְאֶעֱשֶׂה־שָּׁם מִזְבֵּחַ לָאֵל הָעֹנֶה אֹתִי בְּיוֹם צָרָתִי וַיְהִי עִמָּדִי בַּדֶּרֶךְ אֲשֶׁר הָלָכְתִּי׃

wenakúma wena'alé bet-él we'e'esse-schám misbéjach la'él ha'oné otí bejom zaratí wajhí immadí baddérech aschér haláchti

3 und lasst uns aufstehen und nach Bejt-El gehen, und wir werden dort einen Altar für Gott machen, der mir antwortet in den Tagen meiner Flucht, der mit mir war auf dem ganzen Weg, den ich ging.“

וַיִּתְּנוּ אֶל־יַעֲקֹב אֵת כָּל־אֱלֹהֵי הַנֵּכָר אֲשֶׁר בְּיָדָם וְאֶת־הַנְּזָמִים אֲשֶׁר בְּאָזְנֵיהֶם וַיִּטְמֹן אֹתָם יַעֲקֹב תַּחַת הָאֵלָה אֲשֶׁר עִם־שְׁכֶם׃

wajittenú el-jaaków et kol-elohé hannechár aschér bejadám we'et-hannesamím aschér be'osnehém wajitmón otám jaaków táchat ha'elá aschér im-schechém

4 Und sie gaben Jaakow alle Götterchen, die in ihren Händen waren, und die Ringe, die sie an ihren Ohren hatten (viele Ringe hatten tatsächlich eine schützende Bedeutung; das ist kein Kampf gegen Ringe im Allgemeinen), und Jaakow vergrub sie unter der Eiche, die in Sch'chem ist.

Fast eine Piratenkarte, nicht wahr? Das geschieht, wie die Kommentatoren sagen, damit, falls jemand unter der Eiche plötzlich Schmuck findet, irgendwelche Vorräte an goldenen Sachen findet, er versteht, dass man das besser nicht anrührt, dass es mit einem Bann belegt ist und man es besser überhaupt nicht berühren sollte.

וַיִּסָּעוּ וַיְהִי חִתַּת אֱלֹהִים

wajissá'u wajhí chittátDie russische Umschrift hat im Wort für „Schrecken“ einen Tippfehler. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. elohím

5 Und sie zogen fort, und es war Furcht

Das Wort elohím wird in solchen Verbindungen manchmal als etwas Großes verstanden. Manchmal ist rúach elohím nicht Geist Gottes, sondern starker Wind. Ejmát elohím ist nicht Furcht vor Gott, sondern starke Furcht, das Wort rasch elohím – großer Lärm. Man kann sagen: „...und es war große Furcht.“

 עַל־הֶעָרִים אֲשֶׁר סְבִיבֹתֵיהֶם וְלֹא רָדְפוּ אַחֲרֵי בְּנֵי יַעֲקֹב׃

al-he'arím aschér sewiwotehém weló radefú acharé bené jaaków

...über allen Städten, die um sie herum sind, und sie verfolgten die Söhne Jaakows nicht.

Das ist der Abschluss der Geschichte, der in gewissem Maße auf die Befürchtungen Jaakows antwortet, der fürchtete, dass man sich jetzt gleich erhebt und ihn tötet. Nein. Entweder ist das die Furcht Gottes, die alle aufhält, oder es ist eine große Furcht, die alle ergriffen hat. Man kann es so oder anders verstehen, aber niemand verfolgt Jaakow. Und es stellt sich heraus, dass seine Ängste, seine Zweifel unbegründet sind. Bestätigt das, dass die Söhne richtig gehandelt haben? Für mich ist das ein gutes Zeichen dafür, dass die Tora die Handlungen Schimons und Lewis gutheißt. Interessant ist noch ein Moment: Wir lesen, dass die Brüder „Dina nahmen und sie hinausführten, sie aus dem Haus Sch'chems hinaustrugen“ – das ist die umgekehrte Handlung zu dem, womit alles begann, als Dina hinausging und Sch'chem sie nahm. Das heißt, sie stellten den Status quo wieder her, brachten die Situation in den normalen, ursprünglichen Zustand zurück.

Damit beendet die Tora die Geschichte mit Dina. Eine traurige Geschichte, aus der jeder nach seinem Verständnis Schlüsse ziehen wird. Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte wieder lese, jedes Mal, wenn ich die Lektion halte, Ehrenwort, Tränen in den Augen von all dem. Ich liebe meine liebe Dina so sehr, und es tut mir so leid um sie und um alles, was mit ihr geschehen ist. Ich selbst habe neugierige und geliebte Töchter…

Die Rückkehr nach Hause

Bereschit 35,6–35,29

Also, wir haben Jaakow in dem Moment verlassen, als er, nachdem er eine Offenbarung vom Höchsten empfangen hatte, sich endlich anschickt, sein Versprechen zu erfüllen, und aus Sch'chem nach Bejt-El aufbricht. Entgegen den Ängsten, die er hatte, verfolgt niemand seine Familie. Er verlässt die Gegend ruhig, denn, wie die Tora bezeugt, der Schrecken befiel gerade alle Umliegenden, alle Nachbarn. Bevor wir weiter über Jaakow lesen, ist Zeit zu fragen, warum er, in moderner Sprache ausgedrückt, auf eine besondere Einladung wartete. Es war doch sein Versprechen: nach Bejt-El zu kommen, dem Höchsten einen Altar zu errichten, Ihm den Zehnten zu geben … Kurz, das alles hatte er selbst gesagt. Und nun wohnt er in Sch'chem und hat anscheinend nicht vor, nach Bejt-El zu gehen, bis der Höchste sich an ihn wandte. Es gibt viele verschiedene Kommentare, die sagen, Jaakow habe einfach vergessen, Jaakow sei einfach undankbar. Man sagt, der Höchste schickt Jaakow Prüfung um Prüfung: mal den Engel Esaws, mal Esaw selbst, mal die Geschichte mit Dina, damit Jaakow sich endlich erinnert. Und schließlich sagt der Höchste: „Wie lange kann man ihn denn noch schlagen? Ich gehe hin und sage direkt, was Ich von ihm will.“ Aber erinnern wir uns an die Leiter Jaakows. Der Höchste verspricht Jaakow, dass Er ihn bewahren und ihn in dieses Land zurückbringen wird, und Jaakow leistet als Antwort einen Schwur und sagt: „Wenn ich in Frieden in das Haus meines Vaters zurückkehre, dann werde ich gehen und in Bejt-El ein Opfer darbringen.“ Hier ist er noch nicht in das Haus des Vaters zurückgekehrt, also ist der Kreis noch nicht geschlossen, und er wartet, bis die Zeit sein wird, das Versprechen zu erfüllen, wann er denn in das Haus des Vaters kommen wird. Warum geht er nicht in das Haus des Vaters? Das ist ein ganz anderes Gespräch. Also, Jaakow legt es auf seine Weise aus, der Höchste auf Seine Weise. Der Höchste offenbart sich Jaakow und sagt: „Hier entscheiden wir im Streitfall nach Meiner Weise, so, wie ich es formuliert habe. Meine Formulierung, Meine Auslegung des Gesetzes ist maßgeblich. Und obwohl, ja, dir die Freiheit gegeben ist, dein Name ist Jisrael, und dir die Macht gegeben ist, vieles zu verwirklichen, wirst du Meine Gesetze, Meine Regeln erfüllen und wirst nach Meiner Weise handeln.“ Und von diesem Moment an lesen wir weiter.

וַיָּבֹא יַעֲקֹב לוּזָה אֲשֶׁר בְּאֶרֶץ כְּנַעַן הִוא בֵּית־אֵל הוּא וְכָל־הָעָם אֲשֶׁר־עִמּוֹ׃

wajawó jaaków lúsa aschér be'érez kená'an hi bet-él hu wechol-ha'ám ascher-immó

6 Und es kam Jaakow nach Lus, das im kanaanäischen Land liegt, und das ist eben Bejt-El, er kam nach Bejt-El, Jaakow und das ganze Volk, das mit ihm war.

Sein ganzes Geschlecht kam endlich nach Bejt-El. Jaakow, der einst allein ging, ein Flüchtling, der sich vor allen versteckte, kommt jetzt mit seinem ganzen zahlreichen Volk nach Bejt-El.

וַיִּבֶן שָׁם מִזְבֵּחַ וַיִּקְרָא לַמָּקוֹם אֵל בֵּית־אֵל כִּי שָׁם נִגְלוּ אֵלָיו הָאֱלֹהִים בְּבָרְחוֹ מִפְּנֵי אָחִיו׃

wajíwen scham misbéach wajikrá lammakóm el bet-él ki scham niglú eláw ha'elohím beworchó mippené achíw

7 Und er baute dort einen Altar, und nannte den Ort El Bejt-El (Gott von Bejt-El), denn dort offenbarte sich ihm Gott, als er vor Esaw floh.

Einige Anhänger mystischer Theorien werden in dem Wort niglú den Plural sehen. Wenn wir direkt und wörtlich lesen, dann ergibt sich: „dort offenbarten sich ihm Götter, als er vor Esaw floh“. Das Wort elohím, kann tatsächlich mit Verben im Plural konjugiert werden, weist aber keineswegs auf eine Vielzahl von Göttern hin, sondern auf Besonderheiten der hebräischen Grammatik.

וַתָּמָת דְּבֹרָה מֵינֶקֶת רִבְקָה וַתִּקָּבֵר מִתַּחַת לְבֵית־אֵל תַּחַת הָאַלּוֹן וַיִּקְרָא שְׁמוֹ אַלּוֹן בָּכוּת׃

wattámot deworá menéket riwká wattikkawér mittáchat lewet-él táchat ha'allón wajikrá schemó allón bachút

8 Und es starb Dewora, die Amme Riwkas, und wurde bei Bejt-El unter der Eiche begraben, und er gab ihr den Namen „Eiche des Weinens“ („Eiche der Trauer“).

Ich hatte schon Gelegenheit, Lektionen über Riwka zu halten, über Dewora, die Amme Riwkas, und darüber, woher Riwka Weisheit, Verständnis und gewisse Umgangsformen hatte, die dem Haus Awrahams eigen sind. Ich habe ausführlich besprochen, was das für ein Mensch ist, und warum die Tora hier ihren Namen erwähnt, und woher überhaupt in der Familie Jaakows, der noch nicht nach Hause zurückgekehrt ist, die Amme Riwkas kam. Es gibt verschiedene Meinungen dazu. Riwka sagte, als sie Jaakow fortschickte: „Es wird die Zeit kommen, und ich werde nach dir schicken.“ Und man kann sagen, dass Dewora diejenige ist, die sie geschickt hat. Es gibt viele verschiedene Versionen. Offenbar stand diese Frau nicht nur Riwka nahe, möglicherweise war sie Kinderfrau, Amme auch für Jaakow. Da, sie wird hier so besonders hervorgehoben. Und möglicherweise beweint Jaakow sie deshalb und begräbt sie.

Danach offenbart sich der Höchste Jaakow erneut. Und es stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt irgendeinen Zusammenhang zwischen diesen Ketten, zwischen diesen Ereignissen, zwischen den Gliedern dieser Kette? Da ist Jaakow nach Bejt-El gekommen, hat einen Altar gebaut, die Amme ist gestorben, der Höchste offenbart sich ihm. Gibt es irgendeine Logik, oder gibt es hier nur Chronologie? Wenn wir uns erinnern, dass Riwka Jaakow mit einem bestimmten Ziel in ihr Land schickt und Jaakow jetzt zurückkehrt, dann kann man den Schluss ziehen, dass in gewissem Sinne die Mission Jaakows beendet ist.

Wir wissen nicht, ob Riwka zu diesem Zeitpunkt noch lebt. Höchstwahrscheinlich ist Riwka schon nicht mehr am Leben. Einige sagen, dass der Tod Riwkas mit dem Tod der Amme zusammenfiel. Die Amme hörte vom Tod ihres Zöglings und starb ebenfalls. Jedenfalls ist das ein Abschluss, das Ende der Reise Jaakows, und jene Menschen, die ihre Mission erfüllt haben, jene Menschen, deren Werk beendet ist, verlassen ebenfalls die Bühne. Und warum (eine der Denkmöglichkeiten) Riwka früh stirbt – weil sie seinerzeit den Fluch Jaakows auf sich genommen hat.

וַיֵּרָא אֱלֹהִים אֶל־יַעֲקֹב עוֹד בְּבֹאוֹ מִפַּדַּן אֲרָם וַיְבָרֶךְ אֹתוֹ׃

wajerá elohím el-jaaków od bewo'ó mippaddán arám wajwárech otó

9 Noch einmal erscheint der Höchste Jaakow nach seiner Rückkehr aus Padan-Aram.

Als Jaakow sein Versprechen bereits erfüllt hatte, erfüllte der Höchste Seine Verheißung, Er erscheint ihm und sagt:

וַיֹּאמֶר־לוֹ אֱלֹהִים שִׁמְךָ יַעֲקֹב לֹא־יִקָּרֵא שִׁמְךָ עוֹד יַעֲקֹב כִּי אִם־יִשְׂרָאֵל יִהְיֶה שְׁמֶךָ וַיִּקְרָא אֶת־שְׁמוֹ יִשְׂרָאֵל׃

wajomer-ló elohím schimchá jaaków lo-jikkaré schimchá od jaaków ki im-jisraél jihjé schemécha wajikrá et-schemó jisraél

10 Dein Name „Jaakow“ (dein Beiname „Jaakow“) wird nicht mehr so sein. Sondern „Jisrael“ wird dein Name sein, und er nannte ihn mit dem Namen „Jisrael“.

Das ist schon die zweite Umbenennung. Man kann sagen, dass auch der Engel, der mit ihm rang, ihn umbenannt hat oder ihm so eine Insider-, innere Information gab: „Sieh mal, was für Neuigkeiten ich weiß: Dich wird man bald in Jisrael umbenennen.“ So oder so begleitet der Name „Jaakow“ Jaakow bis zum Ende seiner Tage, er ist nie in allem zu Jisrael geworden. Die Schrift nennt ihn mal Jisrael, mal Jaakow, und so wird es sein ganzes Leben lang sein. Und deshalb haben wir davon gesprochen, dass Jaakow nicht einfach ein Name ist, es ist ein Name, der den Ruf verdirbt, in gewissem Sinne wegen einer solchen Konnotation wie Schlaumeier, gerissener Mensch. Und hier sagt der Höchste: „Ich reinige dich von diesem Ruf, niemand wird sagen, dass du etwas durch List erworben hast.“ Dieses Dilemma ist übrigens bis heute aktuell in Bezug auf Israel und die Völker der Welt, und darüber kann man gesondert und lange sprechen.

וַיֹּאמֶר לוֹ אֱלֹהִים אֲנִי אֵל שַׁדַּי פְּרֵה וּרְבֵה גּוֹי וּקְהַל גּוֹיִם יִהְיֶה מִמֶּךָּ וּמְלָכִים מֵחֲלָצֶיךָ יֵצֵאוּ׃

wajomer lo elohím aní el schaddáj peré urwé goj ukhál gojím jihjé mimmékka umlachím mechalazécha jezé'u

11 Und der HERR sprach zu ihm: „Ich bin Gott Schaddaj, sei fruchtbar und mehre dich, ein Volk und eine Versammlung von Völkern wird von dir ausgehen, und Könige werden aus deinen Lenden hervorgehen.

Schaddaj – das ist Gott, der Hüter der Grenzen, das ist ein eigentümlicher weiblicher Name Gottes, denn das Wort schad bedeutet Brust. Ich bin der „stattliche“, „vollbusige“ Gott, Gott, Der imstande ist, die zu stillen, die sich auf Ihn verlassen. Das ist eine der Bedeutungen des Namens. Selbstverständlich hat Gott weder Hände noch Füße noch Kopf und erst recht keine Brust. Das sind Bilder, durch die Gott sich den Menschen offenbart.

וְאֶת־הָאָרֶץ אֲשֶׁר נָתַתִּי לְאַבְרָהָם וּלְיִצְחָק לְךָ אֶתְּנֶנָּה וּלְזַרְעֲךָ אַחֲרֶיךָ אֶתֵּן אֶת־הָאָרֶץ׃

we'et-ha'árez aschér natátti le'awrahám uljizchák lechá ettenénna ulsar'achá acharécha ettén et-ha'árez

12 Und das Land, das ich Awraham und Jizchak gegeben habe, dir werde ich es geben, und deiner Nachkommenschaft nach dir werde ich dieses Land geben.“

וַיַּעַל מֵעָלָיו אֱלֹהִים בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר־דִּבֶּר אִתּוֹ׃

wajá'al me'aláw elohím bammakóm ascher-dibbér ittó

13 Und es erhob sich über ihm der HERR.

Man kann sagen, dass das ein Eingehen Gottes in Jaakow war oder ein Herabkommen (wie die Feuerzungen). An diesem Vers sieht man, dass Gott beim Reden mit ihm gleichsam auf Jaakow weilte und dann von ihm aufstieg.

וַיַּצֵּב יַעֲקֹב מַצֵּבָה בַּמָּקוֹם אֲשֶׁר־דִּבֶּר אִתּוֹ מַצֶּבֶת אָבֶן וַיַּסֵּךְ עָלֶיהָ נֶסֶךְ וַיִּצֹק עָלֶיהָ שָׁמֶן׃

wajazzéw jaaków mazzewá bammakóm ascher-dibbér ittó mazzéwet áwen wajasséch aléha néssech wajizók aléha schámen

14 Und Jaakow stellte eine Stele auf, dort, wo er mit ihm geredet hatte (eine steinerne Stele), und goss auf sie ein Trankopfer von Wein, und goss auf sie ein Trankopfer von Öl.

וַיִּקְרָא יַעֲקֹב אֶת־שֵׁם הַמָּקוֹם אֲשֶׁר דִּבֶּר אִתּוֹ שָׁם אֱלֹהִים בֵּית־אֵל׃

wajikrá jaaków et-schém hammakóm aschér dibbér ittó scham elohím bet-él

15 Jaakow nennt den Ort, wo Gott mit ihm geredet hatte, „Bejt-El“.

Das heißt, auf der Landkarte erscheint Bejt-El eindeutig, schon vor dem ganzen Volk Israel. Schon, kann man sagen, ganz Israel, das ganze Geschlecht Jaakows, alle nennen diesen Ort Bejt-El. Dieser Ort heißt übrigens bis zum heutigen Tag Bejt-El. Man führt Touristen hin, zeigt, wo Jaakow den Traum sah, von dort eröffnet sich ein sehr schönes Panorama.

וַיִּסְעוּ מִבֵּית אֵל וַיְהִי־עוֹד כִּבְרַת־הָאָרֶץ לָבוֹא אֶפְרָתָה וַתֵּלֶד רָחֵל וַתְּקַשׁ בְּלִדְתָּהּ׃

wajis'ú mibbét el wajhi-ód kiwrat-ha'árez lawó efráta wattéled rachél wattekásch belidtá

16 Und sie zogen aus von Bejt-El, und es war noch eine beträchtliche Strecke bis Efrata, und Rachel begann zu gebären, und sie hatte es schwer mit der Geburt.

Jaakow zieht los, er hat wohl so 70 Kilometer zu gehen, durch unwegsames Gelände. Bei Rachel setzt die Geburt ein, vielleicht unvorhergesehen, vielleicht vorzeitig, denn sonst wäre Jaakow einfach geblieben, bis sie geboren hätte. Rachel gebiert, ihre Geburt wird schwieriger, die Geburt ist bei ihr nicht einfach.

וַיְהִי בְהַקְשֹׁתָהּ בְּלִדְתָּהּ וַתֹּאמֶר לָהּ הַמְיַלֶּדֶת אַל־תִּירְאִי כִּי־גַם־זֶה לָךְ בֵּן׃

wajhí wehakschotá belidtá wattómer la ham'jallédet al-tir'iDie russische Umschrift hat bei „fürchte dich nicht“ eine fehlerhafte Endung. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. ki-gam-sé lach ben

17 Und siehe, sie leidet bei der Geburt, und die Hebamme sagte zu ihr: „fürchte dich nicht, denn siehe, auch du hast einen Jungen (oder: siehe, du hast noch einen Jungen)“.

Offenbar hat sie schwere Wehen. Sie leidet und fürchtet zu sterben. Wie viele Kommentatoren haben versucht, diesen Satz der Hebamme zu verstehen! Die einen sagen, dass mit Josef ganze zwei Mädchen geboren wurden. Rachel litt, weil sie, siehe, Drillinge gebar, zwei Mädchen, und Mädchen zu gebären ist – aus irgendeinem Grund gibt es diese Überzeugung bei den Rabbinern und bei allen östlichen Völkern – schmerzhafter, als Jungen zu gebären. Ich selbst habe natürlich nicht geboren, ich habe nur Kinder entbunden, habe sowohl Jungen als auch Mädchen entbunden, und, so scheint es, nach meinen Beobachtungen ist es für eine Frau gleich schmerzhaft, einen Jungen wie ein Mädchen zu gebären. Aber so glaubte man damals. Und da wird gesagt: „Mach dir keine Sorgen, der dritte wird ein Junge, es wird dir leichter fallen.“ Andere sagen, dass sie gebar und die Hebamme sie beruhigte: „Sieh, wie Gott dich liebt, Er hat deine Gebete erhört, und siehe, dir ist ein Junge geboren.“ Es gibt verschiedene Ansichten, verschiedene Kommentare, und man sieht, dass bei weitem nicht alle unsere Lehrer, gesegnet sei ihr Andenken, bei Geburten zugegen waren.

Mir scheint, als die Hebamme sah, dass es ein Junge ist, bedeutete das, dass der Junge schon herausgekommen war, die Geburt schon zu Ende war. Wie erkennt man das Geschlecht des Kindes? Damals gab es keinen Ultraschall, gab es keine Apparate. Zuerst erscheint der Kopf, dann das Körperchen, dann das, woran man eigentlich das Geschlecht erkennen kann: ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Und so, wenn man sieht, dass es ein Junge ist, heißt das, der Junge ist schon geboren. Und die Hebamme sagt zu Rachel: „Fürchte dich nicht, da ist er, der Junge, da, er ist dir geboren.“ Und damit tröstet sie sie. Natürlich ist jede Frau gerührt, wenn sie ein Kind sieht. Während sie bei der Geburt leiden, sagen Frauen Verschiedenes, etwa: „nie wieder werde ich gebären“, „dass ich noch mal“, „das nächste Mal soll er gebären“, aber wenn sie das Kind sehen, sind sie sehr gerührt. Und höchstwahrscheinlich hat die Hebamme Rachel so beruhigt.

וַיְהִי בְּצֵאת נַפְשָׁהּ כִּי מֵתָה וַתִּקְרָא שְׁמוֹ בֶּן־אוֹנִי וְאָבִיו קָרָא־לוֹ בִנְיָמִין׃

wajhí bezét nafschá ki méta wattikrá schemó ben-oní we'awíw kara-ló winjamín

18 Und es war beim Ausgehen der Seele, als sie starb, und sie gab ihm den Namen Ben-Oni. Der Vater aber nannte ihn Binjamin.

Rachel starb dennoch, sie überstand diese Geburt nicht, sie ist 36, es ist ihre zweite Geburt, eine nicht einfache Geburt, und sie nannte den Jungen Ben-Oni (Sohn meiner Trauer). Aber der Vater nannte ihn Binjamin. Auch das ist auf den ersten Blick eine sehr seltsame Geschichte, denn das ist im Grunde die letzte Bitte Rachels, die so sehr Mutter werden wollte, ihr letztes Vermächtnis – den Sohn Sohn der Trauer zu nennen, obwohl es für den Jungen wahrscheinlich nicht leicht gewesen wäre, mit so einem Namen zu leben. Den Namen Ben-Oni kann man als Sohn der Trauer verstehen, aber das Wort on hat erstaunlicherweise noch eine Bedeutung – Kraft. Man kann sagen Sohn meiner Trauer, und man kann sagen Sohn meiner Kraft. Jaakow nennt ihn Binjamin (Sohn meiner Rechten), was ebenfalls Sohn der Kraft bedeuten kann. Das Wort jamin bedeutet Kraft. Und man kann es so verstehen, dass Jaakow Ben-Oni nicht umbenennt, sondern einen eigentümlichen Kommentar zu seinem Namen gibt, eine Erläuterung zu diesem Namen gibt, sagt, dass es um die Kraft Rachels geht. Obwohl Rachel ein so tragisches und trauriges Schicksal hat, sie nur zwei Kinder gebären konnte und bei der Geburt starb. In der jüdischen Tradition gilt gerade Rachel als Mutter des jüdischen Volkes. Wir haben schon darüber gesprochen. Der Prophet Jirmejahu beschreibt gerade Rachel als diejenige, die die Kinder Israels beweint. Gerade Rachel wurde zum Symbol der Mutter, obwohl auch Lea Mutter genannt wird.

Warum starb Rachel gerade jetzt und hier? Und die Kommentatoren sagen: „Darin liegt eine Wahrheit: Jaakow selbst hat Rachel verflucht, als er zu Lawan sagte: ‚Derjenige, der diese Terafim gestohlen hat, wenn du sie bei jemandem findest, der soll sterben.‘“ Aber in Wirklichkeit fand Lawan sie bei niemandem. Der Fluch eines Gerechten hat Kraft, und es ist durchaus möglich, dass das zur Ursache des Todes wurde. Es ist durchaus möglich, dass auch Rachels leichtfertige Haltung zu ihrem eigenen Tod zur Ursache wurde, als sie sagte: „Gib mir Kinder, oder ich sterbe.“ Aber muss man immer die Sünde eines Menschen heraussuchen, wenn er stirbt? Wenn Jaakow Rachel nicht verflucht hätte, wenn Rachel nicht von ihrem Tod gesprochen hätte, hätte sie dann länger gelebt? Wir würden trotzdem darüber reden, warum sie gestorben ist.

Jaakow zieht nach Charan hinaus, um sich eine Frau zu finden. Es ergibt sich so, dass er sich in Rachel verliebt, Rachel heiraten will, aber in Zukunft wird Lea die Mutter der ganzen Familie, die Mutter des Volkes, und Jaakow ist mit Lea begraben. Und deshalb kann man vermuten, dass gerade Lea ihm angeblich bestimmt war. Rachel ist die Gefährtin Jaakows auf seiner Flucht, in seinem Exil, aber nach der Rückkehr kann sie nicht mehr bei ihm sein. Wie Mosche nicht in das Land Israel hineingehen konnte, so kann auch Rachel nicht Mutter im Land Israel bleiben, und sie wird die Söhne beweinen, die in den Galut. hinausgehen. Natürlich ist es schwer zu begreifen, dass Rachel nicht in der Bibel lebte, sie ist eine lebendige Frau, und Jaakow ist ein lebendiger Mensch, und er hat das Schicksal eines lebendigen Menschen. Als er im Exil lebte, waren zwei Frauen eine Art Kompromiss, aber im Land Israel geht das so nicht. Genauso, wie Jehoschua bin Nun und Mosche nicht beide Anführer im Land Israel sein konnten. Man kann eine solche Parallele ziehen.

וַתָּמָת רָחֵל וַתִּקָּבֵר בְּדֶרֶךְ אֶפְרָתָה הִוא בֵּית לָחֶם׃

wattámot rachél wattikkawér bedérech efráta hi bet láchem

19 und Rachel starb, und wurde begraben auf dem Weg nach Efrat, das ist Bejt-Lechem.

וַיַּצֵּב יַעֲקֹב מַצֵּבָה עַל־קְבֻרָתָהּ הִוא מַצֶּבֶת קְבֻרַת־רָחֵל עַד־הַיּוֹם׃

wajazzéw jaaków mazzewá al-kewuratá hi mazzéwet kewurat-rachél ad-hajom

20 und Jaakow errichtete eine Stele über ihrem Grab, und diese Stele ist auf dem Grab Rachels bis zum heutigen Tag.

Was fehlt uns hier? Uns fehlt hier die Trauer. Jaakow liebte Rachel sehr, aber er zerriss seine Kleider nicht, weinte nicht, schrie nicht, wälzte sich nicht im Staub, weder er noch sein Sohn. Irgendwie geschah das alles geschäftsmäßig: schnell beerdigt, eingegraben. Ich denke, dass die Tragödie in Jaakows Seele da war, und sie war stark. Jetzt ist einfach im Verlauf der Erzählung nicht die Zeit, darüber zu sprechen. Jaakow wird alles begreifen, alles verstehen, alles wird klar werden, wenn er seine Kinder segnen wird. Vorerst aber ist er unterwegs, ihm ist die Frau gestorben und hat einen kleinen Jungen namens Binjamin zurückgelassen, um den man sich jetzt kümmern muss.

וַיִּסַּע יִשְׂרָאֵל וַיֵּט אָהֳלֹה מֵהָלְאָה לְמִגְדַּל־עֵדֶר׃

wajissá jisraél wajét aholó mehál'a lemigdal-éder

21 und Israel (das ist Jaakow) brach auf und schlug sein Zelt bei Migdalej Adar auf.

וַיְהִי בִּשְׁכֹּן יִשְׂרָאֵל בָּאָרֶץ הַהִוא, וַיֵּלֶךְ רְאוּבֵן וַיִּשְׁכַּב אֶת־בִּלְהָה פִּילֶגֶשׁ אָבִיו

wajhí bischkón jisraél ba'árez hahí wajélech re'uwénDie russische Umschrift schreibt den Namen Re'uwen mit einem überzähligen Vokal. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. wajischkáw et-bilhá pilégesch awíw

22 Und es geschah, als Israel sich in jener Gegend aufhielt, kam Re'uwen und vergewaltigte Bilha, die Nebenfrau seines Vaters,

Die Kommentatoren sagen, indem sie Re'uwen auf jede Weise zu rechtfertigen versuchen: „Er kam und zerwühlte nur die Bettwäsche auf dem Bett Bilhas, damit es so aussähe, als schliefe er mit ihr. In Wirklichkeit wagte er nicht, mit ihr zu schlafen.“ Andere sagen, wie der Or haChajim sagt: „Gut haben die Kommentatoren gesprochen, es ist gut, eine Sünde zu verbergen, aber wir verstehen doch, dass sie so reden, um den Frevel Re'uwens zu verdecken.“ Also, Re'uwen kommt und schläft mit Bilha, der Nebenfrau seines Vaters.

 וַיִּשְׁמַע יִשְׂרָאֵל וַיִּהְיוּ בְנֵי־יַעֲקֹב שְׁנֵים עָשָׂר׃

wajischmá jisraél wajihjú wene-jaaków scheném assár

…und Israel hörte davon (das ist alles, mehr ist darüber nicht gesagt). Israel hatte 12 Kinder.

Natürlich muss man versuchen zu verstehen, was das überhaupt für eine Geschichte ist. Wir haben letztes Mal gesagt, dass die Familie Jaakows nicht sehr einträchtig ist: Jede Frau wohnt in ihrem eigenen Zelt: Rachel wohnt in ihrem Zelt, Bilha – in ihrem Zelt, Silpa – in ihrem, Lea – in ihrem, Jaakow – in seinem. Und jedes der Kinder wohnte bei seiner Mutter. Als Rachel noch lebte, konnte man sagen, dass sie und Lea „Mitfrauen“ waren. Auf Hebräisch werden zwei Frauen eines Mannes im Verhältnis zueinander zará genannt. Das ist so eine Verwandtschaft. Die Kinder Leas konnten über Rachel sagen: „Na gut, das ist die Schwester meiner Mutter. Soll jetzt ihre Sklavin gegenüber meiner Mutter die Favoritin sein? Das wird es nicht geben!“ Jaakow ist nach dem Tod Rachels höchstwahrscheinlich in das Zelt Bilhas umgezogen, weil klar ist, dass sie als Sklavin Rachels sich um deren Kinder kümmern wird, klar ist, dass es für Jaakow gut ist, dort zu sein, wo seine kleinen Kinder sind: Binjamin und der ganz kleine Josef. Und wenn die anderen Kinder erwarteten, dass Jaakow, nachdem er durch Rachel Witwer geworden war, seiner ungeliebten, aber fruchtbaren Frau Lea irgendwie Aufmerksamkeit schenken würde, so geschah das nicht. Und Re'uwen tut eine dreiste, schreckliche Sache: Er geht hinein und vergewaltigt Bilha. Eine ähnliche Geschichte geschah viele Jahrhunderte später mit König David und seinem Sohn Awschalom. David flieht vor Awschalom und lässt bei sich zu Hause 10 Nebenfrauen zurück, um das Haus zu hüten. Awschalom aber stellt auf Rat Achitofels auf dem Dach des Königshauses ein Zelt auf, führt vor allem Volk die Nebenfrauen Davids dort hinein und vergewaltigt sie. Und als David nach Hause zurückkehrt, wieder als König herrscht, den Status quo wiederherstellt, schickt er seine Frauen, diese seine Nebenfrauen, fort, um sie zu versorgen. Es steht geschrieben: „Und er ging nicht zu ihnen ein bis zum Tag ihres Todes.“ Eine von jemandem geschändete Nebenfrau ist dem Mann verboten. Re'uwen macht es so, dass es Jaakow jetzt unmöglich sein wird, mit Bilha zu schlafen, und vielleicht wird er sich endlich erinnern, dass er eigentlich noch eine Frau hat, die Mutter seiner Kinder, – Lea, die Mutter Re'uwens, und er wird zu Lea umziehen. Wir kennen die Reaktion Jaakows nicht, eine unmittelbare jedenfalls, wie auch auf den Tod Rachels. Jaakow schweigt, aber gleich darauf steht geschrieben: „Und der Söhne Jaakows waren 12.“ Das heißt, hier erinnerte sich Jaakow, dass „Papa, Mama und ich – eine einträchtige Familie“, und hier beginnt man davon zu sprechen, dass Jaakow überhaupt 12 Söhne hat. Und hier (wenn wir uns erinnern, haben wir früher davon gesprochen, dass immer Rachel zuerst erwähnt wurde, obwohl sie die jüngere Schwester ist) wird Lea zuerst erwähnt:

בְּנֵי לֵאָה בְּכוֹר יַעֲקֹב רְאוּבֵן וְשִׁמְעוֹן וְלֵוִי וִיהוּדָה וְיִשָּׂשכָר וּזְבוּלֻן׃

bené le'á bechór jaaków re'uwén weschim'ón welewí wihudá wejissachár uswulún

23 die Söhne Leas: Re'uwen, der Erstgeborene Jaakows, Schimon, Lewi, Jehuda, Jissachar und Sewulun.

Sechs Kinder Leas.

בְּנֵי רָחֵל יוֹסֵף וּבִנְיָמִן׃

bené rachél josséf uwinjamín

24 die Söhne Rachels: Josef und Binjamin.

וּבְנֵי בִלְהָה שִׁפְחַת רָחֵל דָּן וְנַפְתָּלִי׃

UWNÉ WILHÁ SCHIFCHÁT RACHÉL DAN WENAFTALÍ

25 Die Söhne Bilhas, der Magd Rachels: Dan und Naftali.

Es werden die Namen der Söhne Rachels aufgezählt, der Söhne Bilhas.

וּבְנֵי זִלְפָּה שִׁפְחַת לֵאָה גָּד וְאָשֵׁר אֵלֶּה בְּנֵי יַעֲקֹב אֲשֶׁר יֻלַּד־לוֹ בְּפַדַּן אֲרָם׃

UWNÉ SILPÁ SCHIFCHÁT LE'Á GAD WE'ASCHÉR ÉLLE BENÉ JAAKÓW ASCHÉR JULLAD-LÓ BEFADDÁN ARÁM

26 Die Söhne Silpas, der Magd Leas: Gad und Ascher. Das sind die Kinder, die in Paddan-Aram geboren wurden.

Achtet darauf: Wer wurde nicht in Paddan-Aram geboren? Binjamin wurde nicht in Paddan-Aram geboren. Und hier kann man sagen, dass die Tora entweder nicht genau ist, oder sie spricht in bildhafter Sprache: „Na, die meisten Kinder wurden in Paddan-Aram geboren, also sagen wir es so“, oder das Exil Jaakows war nicht zu Ende, bis er in das Haus Jizchaks kam. Und selbst als er in Sch'chem wohnte und nach Bejt-El ging, befindet er sich, solange er nicht zu Jizchak zurückgekehrt war, noch in Paddan-Aram. So, man kann das verschieden verstehen.

וַיָּבֹא יַעֲקֹב אֶל־יִצְחָק אָבִיו מַמְרֵא קִרְיַת הָאַרְבַּע הִוא חֶבְרוֹן אֲשֶׁר־גָּר־שָׁם אַבְרָהָם וְיִצְחָק׃

WAJAWÓ JAAKÓW EL-JIZCHÁKDie russische Umschrift schreibt den Namen Jizchak hier zweimal mit k statt ch. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. AWÍW MAMRÉ KIR'JÁT HA'ARBÁ HI CHEWRÓN ASCHER-GAR-SCHÁM AWRAHÁM WEJIZCHÁK

27 Und Jaakow kam zu Jizchak, seinem Vater, nach Kirjat Arba, das Chewron ist, dorthin, wo Awraham und Jizchak wohnten.

וַיִּהְיוּ יְמֵי יִצְחָק מְאַת שָׁנָה וּשְׁמֹנִים שָׁנָה׃

WAJIHJÚ JEMÉ JIZCHÁK ME'ÁT SCHANÁ USCHMONÍM SCHANÁ

28 Und Jizchak war 180 Jahre alt,

וַיִּגְוַע יִצְחָק וַיָּמָת וַיֵּאָסֶף אֶל־עַמָּיו זָקֵן וּשְׂבַע יָמִים וַיִּקְבְּרוּ אֹתוֹ עֵשָׂו וְיַעֲקֹב בָּנָיו׃

WAJIGWÁ JIZCHÁK WAJÁMATIm Wort für „und er starb“ hat die russische Umschrift ein o statt a. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. WAJE'ÁSSEF EL-AMMÁW SAKÉN USWÁ JAMÍM WAJIKBERÚ OTÓ ESSÁW WEJAAKÓW BANÁW

29 Und Jizchak langte an, und starb, und wurde zu seinem Volk versammelt, alt und gesättigt an Tagen, und es begruben ihn Esaw, Jaakow und die Söhne.

Das Wort wajig'á wird oft in der Bedeutung starb erwähnt, aber le'agía ist ermüden, anlangen. Das heißt, Jizchak erreichte jenes Alter, in dem sein Dienst zu Ende war. Oft sagt man über einen Gerechten, dass er nicht gestorben ist, er ist angelangt. Dem Anschein nach ein gutes Ende in dieser Geschichte: Jizchak starb in Sattheit, im Alter, nachdem er vor dem Tod Jaakow und seine Söhne gesehen hatte. Wir wissen nichts von seiner Reaktion, wir wissen nichts von dem, was geschah. Offenbar, erfreut und nachdem er es noch erlebt hatte – wahrscheinlich hatte Jizchak nur darauf gewartet –, stirbt er sofort, nachdem er Esaw, Jaakow und seine Söhne gesegnet hat. Und sie begraben ihn gemeinsam. Möglicherweise liegt hier der Unterschied zur Beerdigung Saras, bei der Jizchak nicht dabei war. Obwohl Esaw und Jaakow getrennt leben, sie sind in verschiedene Richtungen auseinandergegangen, kamen sie doch, um dem Vater die letzte Ehre zu erweisen.

Gering bin ich vor all den Gnaden

In diesem Wochenabschnitt lesen wir von der Begegnung Jaakows und Esaws und von der Vorbereitung auf diese Begegnung. Die Tora öffnet uns ein wenig die innere Welt Jaakows, erzählt davon, was in ihm vorgeht. In Kapitel 32, Vers 8 lesen wir:


וַיִּירָא יַעֲקֹב מְאֹד וַיֵּצֶר לוֹ

wajirá jaakow me'od wajezerIm Wort für „und es wurde ihm eng“ hat die russische Umschrift jo statt e. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. lo

8 Und Jaakow fürchtete sich sehr, und es wurde ihm bitter (eng)

Das Wort jezer kommt von der Wurzel zar (eng), aber von derselben Wurzel kommt auch das Wort zara (Unglück): Es wurde ihm bitter, er spürte Unglück. Und viele Kommentatoren stellen sich die Fragen: Wie und warum fürchtet sich eine solche Säule des Glaubens, der Patriarch, der Vater der zwölf Stämme; und warum erzählt uns die Tora davon? Weiter lesen wir vom Gebet Jaakows, das ebenfalls ein Fenster in seine innere Welt ein wenig öffnet. Wir lesen ab Vers 10 von Kapitel 32.

וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אֱלֹהֵי אָבִי אַבְרָהָם וֵאלֹהֵי אָבִי יִצְחָק יְהוָה הָאֹמֵר אֵלַי שׁוּב לְאַרְצְךָ וּלְמוֹלַדְתְּךָ וְאֵיטִיבָה עִמָּךְ׃

wajomer jaakow elohe awi awrahám weloheIm Wort „und Gott“ endet die russische Umschrift auf i statt e. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. awi jizchák adonáj ha'omer eláj schuw le'arzechá ulmoladtechá WE'ETÍWA IMMACH

10 Und Jaakow sprach: „Gott meines Vaters, Awrahams, und Gott meines Vaters, Jizchaks, der HERR, der zu mir spricht: ‚Kehre zurück in dein Land und in deine Heimat, und ich werde dir Gutes tun!‘

Achtet auf die Zeitform des Verbs: nicht der HERR, der zu mir gesprochen hat, sondern der HERR, der zu mir spricht. Das heißt, während Jaakow geht und das tut, sagt der HERR ihm, das zu tun. Jaakow wird vom Wort Gottes bewegt, von der Vorsehung Gottes, deshalb hat Gott ihm nicht gesagt geh in dein Land, sondern sagt ihm hier und jetzt: „Geh in dein Land.“ In Vers 11 sagt Jaakow eine erstaunliche Sache:

קָטֹנְתִּי מִכֹּל הַחֲסָדִים וּמִכָּל-הָאֱמֶת אֲשֶׁר עָשִׂיתָ אֶת-עַבְדֶּךָ כִּי

בְמַקְלִי עָבַרְתִּי אֶת-הַיַּרְדֵּן הַזֶּה וְעַתָּה הָיִיתִי לִשְׁנֵי מַחֲנוֹת׃

katonti mikkol hachassadím umikkol-ha'emet ascher asíta et-awdecha ki wemaklí awarti et hajarden hasse we'attá hajiti lischne machanot

11 Ich bin klein von all den Gnaden und von all der Wahrheit, die du deinem Knecht erwiesen hast. (oder man kann sagen: „Zu der du deinen Knecht gemacht hast“).

Was bedeutet dieser Satz: ich bin klein? In den meisten Übersetzungen steht hier: „ich bin unwürdig“; „Deine Gnaden sind größer als ich“. Das ist eine erstaunliche Übersetzung. In Wirklichkeit ist der Mensch jeder Gnade unwürdig. Gnade ist das, was uns aus Gnade getan wird, nicht nach Recht, nicht als etwas Verdientes, sondern wenn man sich über uns erbarmt und uns das gegeben hat, was zu empfangen wir nicht würdig sind. Deshalb, was wir auch immer aus Gnade empfangen, wo auch immer das Wort Chessed (Gnade) erklingt, da ist etwas, das wir unverdient empfangen.

Wovon spricht Jaakow also? Eine der Möglichkeiten, es zu verstehen: katonti mikkol hachassadim – ich bin klein geworden dank all Deiner Gnaden. Es kommt vor, dass der Höchste einem Menschen irgendeine Gnade erweist, den Menschen mit etwas beschenkt, und dieser Mensch kann hochmütig werden, kann empfinden: „Seht, was für ein toller Kerl ich bin. Wenn der Höchste mir dies und jenes getan hat, dann bin ich wichtig in Seinen Augen. Seht, wozu Er mich eingesetzt hat, seht, was Er mir gegeben hat, mit welchen Talenten Er mich ausgestattet hat.“ Eine große Versuchung für uns alle, eine große Versuchung, auf irgendwelche eigenen Gaben oder auf irgendwelche Gnaden hochmütig zu werden. Jaakow sagt hier, dass es außer diesen Gnaden auch Deine Gnade, in all Deinen Gnaden gab, dass diese Gnade mich zu verstehen lehrte, wie klein ich bin, wie unwürdig ich all dessen bin, was Du tust, und wie sehr der Unterschied zwischen dem, was Du mir gibst, und dem, was ich bin. Wie groß dieser Unterschied ist. Ich habe durch Deine Gnade Deine Gnaden als Gnade angenommen. Ich bin durch Deine Gnade nicht hochmütig geworden.

Andere Kommentatoren sagen: „Ich empfinde jetzt Angst (katonti). Ich bin von jener Stufe gefallen, vielleicht der Stufe des furchtlosen Super-Jaakow, den alle fürchteten und der niemanden fürchtete.“ In der Schrift finden wir sehr viele Verse, die davon sprechen, dass, wer sich verlässt, wer auf Gott vertraut, ein gläubiger Mensch, sich nicht fürchten muss. „Gesegnet ist der Mensch, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Stütze der HERR sein wird.“ „Glücklich der Mann, der seine Hoffnung auf den HERRN setzt und sich nicht an die Hochmütigen und Lügner um Hilfe wendet.“ „Zahlreich sind die Leiden des Lasterhaften, wer aber auf den HERRN vertraut, wird von Wohlwollen umgeben sein.“ Und solcher Zitate gibt es noch eine große Menge. Und bekannt ist so ein etwas poppiges Lied: „Wer glaubt, der fürchtet sich nicht“. Das sind sehr schöne Worte. Auf der Stufe eines gläubigen Menschen, in Heiligkeit und Gerechtigkeit, fürchtet sich der Mensch nicht. Jaakow empfindet Angst, und er fühlt vielleicht, dass das für ihn ein Fall ist, dass das für ihn ein Abstieg auf jene Stufe ist, auf der er nicht sein sollte. Aber er sagt: „Auch dass ich auf diese Stufe hinabgestiegen bin, auch dass ich mich fürchte, dass ich kleiner geworden bin, klein geworden bin (katonti), – das ist Deine Gnade. Deine Gnade, die mir die Möglichkeit gibt, die Süße Deiner Gegenwart zu spüren, die Süße der Furchtlosigkeit zu spüren, als ob Du mich in dieser Angst lässt, damit ich spüre, wie wichtig Du, wie wichtig Dein Schutz, wie wichtig das Vertrauen auf Dich für mich sind.“ Auch das ist ein mögliches Verständnis dieses Satzes Jaakows.

Das dritte Verständnis des Wortes katonti – ich bin kleiner geworden, ich kann nicht fassen, ich kann nicht all Deine Gnaden fassen, ich bin klein, und Deine Gnaden passen nicht in mich hinein. Wisst ihr, wie das ist? Ein neugeborenes Kind sammelt in den ersten Lebensmonaten schnell Fett aus der Muttermilch an. Wenn es ungefähr 3 Monate alt ist, sind 25–30 % seines Gewichts Fett. Für einen erwachsenen Menschen wäre das tödlich. Bei ihm geht der größte Teil der Energievorräte ins Wachstum, es wächst, wächst, wächst, wächst, und plötzlich, mit einem Jahr, geht nicht mehr der größte Teil der Energie ins Wachstum, sondern nur ein klein wenig, nur 4 %. Es ist voller Energie, voller Kraft. Wenn ich auf meine Kinder schaue, überhaupt auf Kinder, denke ich: Wenn ich eine halbe Stunde so herumrenne, wie es den ganzen Tag herumrennt, lege ich mich hin und liege danach 3 Tage kraftlos da. Das Kind ist voller Kraft, voller Energie. Die Energie, die es hat, passt nicht in es hinein. Früher ging Energie für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur drauf. Heute ziehen wir das Kind an, deshalb friert es meistens auch nicht, es kann nirgendwohin damit, und es rennt nur, springt, hüpft, und dazu hat das Kind weniger Gewicht. Und um irgendwohin zu rennen, irgendwo hinaufzuspringen, verbraucht ein zwanzig Kilo schweres Kind natürlich viel weniger Energie als ein achtzig Kilo schwerer erwachsener Mensch. Das Kind hat viel Energie, es will rennen, springen, und entsprechend will es sich nicht mit irgendwelchen Dingen beschäftigen. In dieser seiner kindlichen Freude sagt es: „Ich will das nicht machen, ich will nicht, das ist mir langweilig, das andere ist mir langweilig, ich will nicht. Ich will nicht aus meinem Zustand des Rennens, des Spielens und so weiter heraus.“ Was bedeutet das für Jaakow? Jaakow sagt gleichsam: „Ich bin voller Energie, ich bin dort oben, ich bin in Beziehung mit dem Höchsten, selbst wenn ich mich abmühe, wenn ich arbeite, wenn ich etwas tue, stehe ich ständig vor dem Höchsten, ich wusele ständig vor Ihm herum wie ein Kind, im Erfüllen der Gebote, im Dienst an Ihm. Und von dieser Freude der Gemeinschaft mit dem Höchsten will ich mich nicht durch den Krieg ablenken lassen.“ Einmal schrieb Galitsch im Poem „Kaddisch“: „Alles, Gott, hab ich in vollem Maß erhalten. Wo, in welcher Liste soll ich unterschreiben? Um eins nur bitte ich: Bewahre mich vor dem Hass. Der steht mir nicht zu.“ Jaakow, der alles in vollem Maß erhalten hat und tatsächlich klein ist im Vergleich zu all dem Chessed, im Vergleich zu all jener Gnade, die er empfangen hat, sagt hier wie ein Kind: „Ich will nicht, ich will nicht kämpfen, ich will mich nicht von diesen Segnungen ablenken lassen. Ich will mich nicht durch den Krieg mit Esaw ablenken lassen, will mich nicht durch den Hass ablenken lassen.“

Man kann seinen Satz auch so verstehen. Wie ich schon gesagt habe, sagen die Kommentare mehr über den Kommentator aus als über Jaakow. Und wenn wir uns die verschiedenen Meinungen ansehen, sehen wir die Vielfalt der Menschen im Volk Israel. Das ist nicht dazu da, dass wir sagen, dem stimmen wir zu und dem stimmen wir nicht zu, obwohl auch das gut ist. Das ist dazu da, dass wir, indem wir verschiedene Meinungen hören, uns unsere eigene Meinung bilden, was dieses katonti für uns bedeutet.

Es gibt auch eine andere Erklärung des Wortes katonti. In der Tat, wenn wir jene Verheißung lesen, die Jaakow während des Traumes empfing, in dem er die Leiter sah, so heißt es dort: „Ich bin der HERR, der Gott Awrahams, Deines Vaters, und der Gott Jizchaks. Das Land, auf dem du liegst, dir werde Ich es geben und deinen Nachkommen. Und deine Nachkommen werden sein wie der Sand der Erde, und du wirst dich ausbreiten nach Westen, nach Osten, nach Norden, nach Süden, und gesegnet werden in dir und in deinen Nachkommen alle Geschlechter der Erde. Und siehe, Ich bin mit dir und werde dich behüten überall, wohin du auch gehst. Und Ich werde dich in dieses Land zurückbringen, denn Ich werde dich nicht verlassen, bis Ich getan habe, was Ich dir gesagt habe.“ Das ist das Versprechen, das Jaakow auf dem Weg nach Charan empfing. Später, als der Höchste ihm gebietet, nach Hause zurückzukehren, spricht der Höchste so: „Und der HERR sprach zu Jaakow: ‚Kehre zurück in das Land deiner Väter und in deine Heimat, und Ich werde mit dir sein.‘“ Jaakow sagt: „Vielleicht sind meine Verheißungen kleiner geworden? Vielleicht sind wegen irgendwelcher Sünden von mir, wegen irgendwelcher Fehler von mir meine Verheißungen jetzt nicht mehr dieselben wie früher? Sind es weniger Verheißungen geworden? Und außerdem waren die Verheißungen über mich. Du hast gesagt: ‚Ich werde mit dir sein.‘ Und ja, obwohl Du davon gesprochen hast, dass Du meinen Samen mehren wirst und all das, hast Du mir nicht versprochen, dass Du meine Kinder und meine Frauen retten wirst. Sie sind ganz und gar nicht unbedingt in der Verheißung, und ich sorge mich um sie. Ich fürchte, was, wenn ich nicht würdig bin, meine Familie, meine Kinder zu bewahren.“ Und auch das ist dem Menschen eigen, wir verurteilen Jaakow ja ziemlich leicht. Viele Kommentatoren sagen: „Wie kann es sein, dass Jaakow erschrak? Wie kann es sein, dass Jaakow Angst bekam?“ Dabei ist es, wenn man es auf sich selbst bezieht, so leicht zu verstehen: Jaakow zieht mit den Frauen, mit den Kindern, mit dem Vieh, er ist so schutzlos, und ihm entgegen kommt Esaw mit vierhundert Kriegern. Und selbst wenn er nicht alles vernichtet, selbst wenn er zwei Söhne von zwölf tötet, oder die Tochter, oder Rachel, oder Lea, oder eine der Mägde, muss man das etwa nicht fürchten? Ist das etwa nicht furchtbar? Jaakow fürchtet sich, denn vielleicht steht jemand nicht unter dieser Verheißung, nicht unter diesem Schutz. Musste Jaakow auf den Höchsten vertrauen? Ja, natürlich. Darf man sich in einer solchen Situation fürchten? Ja, natürlich, das darf man.

Mit meinem Stab

Wir sprechen weiter über jenes Gebet, mit dem Jaakow vor der Begegnung mit seinem Bruder Esaw betete. Im letzten Gespräch haben wir über die Worte Jaakows nachgedacht: „Ich bin klein im Vergleich zu all den Gnaden, die Du mir erwiesen hast.“ Wir haben diesen Satz untersucht, die Möglichkeiten, ihn zu verstehen, und die Lehren, die wir aus ihm ziehen können. Heute sprechen wir über den nächsten Satz aus diesem Gebet:

כִּי בְמַקְלִי עָבַרְתִּי אֶת-הַיַּרְדֵּן הַזֶּה וְעַתָּה הָיִיתִי לִשְׁנֵי מַחֲנוֹת׃

ki wemaklí awárti et-hajardén hassé we'attá hajíti lischné machanót

10 …denn mit meinem Stab bin ich über diesen Jordan gegangen, und jetzt habe ich zwei Lager. 

Das allererste Verständnis, das sich hier aufdrängt: Jaakow dankt dem Höchsten für alles, was der Höchste für ihn getan hat. Das ist nicht so banal, wie es scheint. Wir sehen vorher kein Dankgebet der Väter. Wir sehen ein Opfer zum Dank, aber nicht in solchem Maß ein Dankgebet. Das Gefühl der Dankbarkeit ist ein Gefühl, das man lernen muss. Jedes Gefühl, das ein Mensch hat, bleibt ihm eine gewisse Zeit erhalten. Einem Menschen wird ein Sohn geboren, und der Mensch freut sich eine Woche, na, zehn Tage freut er sich. Und dann fordert das Leben seinen Tribut, die Routine beginnt. Genauso geschieht es, wenn ein Mensch irgendeinen Kummer hat. Der Mensch hat getrauert und sich getröstet. Wie bewahrt man ein Gefühl? Das Gefühl der Freude, das Gefühl der Trauer, das Gefühl der Dankbarkeit? Man kann sich gewissermaßen kleine Knoten zur Erinnerung machen.

Wie das im Haus Jaakows gemacht wurde, können wir an Lea sehen. Über Lea steht geschrieben: „Und sie wurde abermals schwanger und gebar einen Sohn. Und sie sprach: ‚Diesmal will ich dem HERRN danken (ich werde dem HERRN danken)‘. Darum gab sie ihm den Namen Jehuda (er wird dem HERRN danken)“. Lea nennt ihren Sohn Jehuda im Grunde aus Dankbarkeit gegenüber dem HERRN. Jetzt wird jedes Mal, wenn dieser Name ausgesprochen wird, sei es unbewusst, sei es irgendwo dort, am Rand des Bewusstseins, erklingen: „Wir danken dem HERRN. Wir erinnern uns, wem wir dankbar sein müssen.“ Es ist symbolisch, dass unser Volk auch jehudim genannt wird – diejenigen, die dem Höchsten danken, diejenigen, die hinter allem Geschehen den Höchsten sehen und verstehen, dass man Ihm danken muss, und Ihm danken. 

Und hier im Gebet Jaakows sehen wir ebenfalls, dass sich die Dankbarkeit gegenüber dem Höchsten offenbart. Bei der Auslegung des Gebets Schma sagten die Weisen: „Es steht geschrieben:


וְאָהַבְתָּ אֵת יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בְּכָל-לְבָבְךָ וּבְכָל-נַפְשְׁךָ וּבְכָל-מְאֹדֶךָ׃

we'ahawtá et adonáj elohécha bechol-lewawechá uwchol-nafschechá uwchol-me'odécha

5 und liebe den HERRN, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Besitz. (man kann den letzten Satz unterschiedlich verstehen).

Die Weisen sagten, dass bechol-lewawechá (mit deinem ganzen Herzen) Awraham ist. Über Awraham steht beim Propheten Jeschajahu (41,8) geschrieben: „Du aber, Israel, mein Knecht, Jaakow, den Ich erwählt habe, Same Awrahams, der Mich liebte.“ Der Höchste selbst bezeugt, dass Awraham ihn geliebt hat. Uwchol-nafschechá (mit der ganzen Seele) – steht über Jizchak geschrieben. Warum steht es so geschrieben? Weil Jizchak bereit war, seine Seele auf den Altären hinzulegen für seine Liebe zum Höchsten. Uwchol-me'odécha (der letzte Satz) – und die Weisen verbinden ihn mit dem Wort hod (Dankbarkeit). Und sie sagen: „Das ist das, was mit Jaakow verbunden ist, denn Jaakow sagt: ‚Denn mit meinem Stab bin ich über diesen Jordan gegangen, und jetzt habe ich zwei Heerlager‘. Das ist genau unser Vers. Das heißt, das einfachste Verständnis dieses Verses ist die Dankbarkeit Jaakows. 

Dankbarkeit hilft sehr im Gebet. Wenn wir für jemanden oder für etwas beten und wir irgendeine Schwierigkeit haben, irgendeine Stockung in unserem Gebet, ist es sehr gut, innezuhalten, aufzuhören zu bitten. Oder nicht nur zu bitten, sondern auch zu danken. Dem Höchsten zu danken für das, was schon da ist, für das, was wir schon sehen können, für das, was er schon für uns getan hat. Wenn wir für irgendeinen Verwandten beten und sei es seine Genesung, sei es seine Besserung, sei es die Versöhnung mit ihm wollen, anfangen, dafür zu danken, dass es ihn in unserem Leben gibt. Etwas Gutes sehen, das Gott durch ihn getan hat oder das Gott in ihm getan hat, und dafür danken. Dankbarkeit ist zweifellos sehr wichtig in den Beziehungen zwischen Menschen. Und zweifellos in den Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Höchsten. Deshalb ist das eine sehr wichtige Eigenschaft, und es ist sehr wichtig, das zu lernen. 

Und um zu unserem Midrasch über we'ahawta (liebe den Höchsten) zurückzukehren: Wie wir sehen, ist dieser Vers aus dem Buch Dewarim über die Liebe zum Höchsten gleichsam auf die Stammväter aufgeteilt, als ob wir in den Stammvätern die Wurzel dessen sehen, was wir zu tun verpflichtet sind, was wir zu halten verpflichtet sind. Wir sind ihre Nachkommen, und in ihren Taten, in ihrer Lebensweise sind auch unsere Gebote und auch unsere Lebensweise. Und oft, wenn unseren Stammvätern etwas geschieht, ist das ein Vorausbild dessen, was mit uns geschehen wird. Darüber sagen die Lehrer, dass der Höchste uns keine Märchen erzählt, uns keine Geschichten erzählt. Das heißt, die Tora ist kein Buch des Herodot über Geschichte oder des Strabon über Geographie. Die Tora erzählt uns nicht Geschichte um der Geschichte willen. Die Tora erzählt uns die Vergangenheit, damit wir die Gegenwart besser verstehen. Und wenn diese Vergangenheit, wenn diese Geschichten uns in der Gegenwart nichts lehren, dann lesen wir falsch. 

Es gibt eine interessante Geschichte, die im Midrasch Bereschit Rabbati erzählt wird. (Man darf sie nicht verwechseln, es gibt zwei Midraschim mit ähnlichen Namen – Bereschit Raba und Bereschit Rabbati, ich spreche vom zweiten.) Dieser Midrasch sagt so: „Mit meinem Stab…“ (wir haben schon über die Präposition be gesprochen) kann man sagen: mittels meines Stabes bin ich über den Jordan gegangen. Und der Midrasch sagt, dass Jaakow mit dem Stab den Jordan berührte, um ihn zu überqueren. Wie beim Propheten Amos geschrieben steht: „Wegen drei Verbrechen Edoms und wegen vier werde ich den Zorn nicht von ihm abwenden. Weil er seinen Bruder mit dem Schwert verfolgte.“ Der Höchste hat einen Grund, Esaw nicht zu vergeben, Edom nicht zu vergeben, dafür, dass er seinen Bruder mit dem Schwert verfolgte. Und der Midrasch sagt: „Esaw jagte Jaakow tatsächlich nach, als Jaakow vor ihm floh, als Jaakow nach Charan ging. Jaakow kam bis zum Jordan (hier ist die Szene sehr ähnlich dem, was wir bei der Spaltung des Meeres sehen). Jaakow kam bis zum Jordan und sah, dass er nirgendwohin fliehen konnte, und rief zum Höchsten. Der Höchste sprach zu ihm, und Jaakow spaltete mit seinem Stab den Fluss Jordan und ging hinüber, wie auf dem Trockenen, mit dem Stab durch diesen Fluss. Esaw lief bis zum Fluss Jordan und begriff, dass Jaakow irgendwie hinübergekommen war (vielleicht hinübergeschwommen), und Esaw musste selbst übersetzen. Na, er schaffte es natürlich, er war kein kleiner Junge, und der Jordan ist auch kein allzu unüberwindliches Hindernis. Zu dieser Zeit ging Jaakow in eine Höhle, in der es heiße Quellen gab. Er ging hinein, weil es kalt war, weil man sich aufwärmen wollte, weil man sich vielleicht in diesen Quellen waschen wollte. Esaw sah das und versperrte den Eingang der Höhle mit einem Stein, rieb sich die Hände und sagte: ‚Na, das war's, Jaakow ist erledigt. Da kommt er nicht heraus.‘ Und mit dem Gefühl erfüllter Pflicht ging er nach Hause. Der Höchste sandte einen Engel, und der Engel wälzte diesen Stein weg. Nach anderen Versionen gab der Höchste Jaakow einen anderen Ausgang aus der Höhle. Natürlich ist das ein Midrasch, und mancher wird sagen, einfach Folklore. Aber seht, wie viele Vorausbilder in dieser Geschichte sind. Da ist die Spaltung des Meeres, und der Ausgang aus der Höhle, und noch vieles andere. Warum erzählen die Midraschim das? Weil die Midraschim ständig versuchen, die Verbindung der Stammväter und uns nachzuzeichnen. Wenn Jaakow etwas tut, wird er Israel genannt. Und wir – Israel in Jaakow – tun etwas. Deshalb erzählen die Midraschim eine solche Geschichte. Man muss das nicht unbedingt für historisch zuverlässig halten. Und die Verfasser der Midraschim hatten möglicherweise nicht im Sinn, uns zu erzählen, dass es so gewesen sei. Aber mit diesen Bildern bringen sie uns den Gedanken von der Einheit der Geschichte nahe. 

Noch ein Midrasch, der eine ähnliche Natur hat, spricht von der Einheit der Geschichte. Er sagt so: „ki wemaklí (mit meinem Stab) – dieser Stab war bei Jehuda (nach Jaakow war er bei Jehuda). Wie geschrieben steht: ‚Was für ein Pfand soll ich dir denn geben?‘ (das ist, als Jehuda mit Tamar spricht). Sie sagte: ‚Dein Siegel und deine Schnur und deinen Stab, der in deiner Hand ist.‘ Und der Midrasch sagt: ‚Das ist derselbe Stab.‘ Und er war auch bei Mosche, wie geschrieben steht: ‚Und diesen Stab nimm in deine Hand. Mit ihm wirst du Zeichen tun.‘ Er war auch in den Händen Aharons, wie geschrieben steht: ‚Aharon warf seinen Stab vor den Pharao, vor seine Knechte, und der wurde zur Schlange.‘ Er war auch beim König David, wie geschrieben steht: ‚Und er nahm seinen Stab in seine Hand.‘ Er war auch bei jedem König bis zur Zerstörung des Tempels. Und er wird wieder in der Hand des Königs Maschiach sein.

Wovon handelt dieser Midrasch? Nicht unbedingt sagt dieser Midrasch, dass es da, sozusagen, einen solchen Zauberstab gab, der vom Vater auf den Sohn überging, von König zu König. Es geht darum, dass es einen Stab gibt, der eine bestimmte Rolle in der jüdischen Geschichte spielt. Auch bei den Propheten wird er oft erwähnt werden. Der Stab als Bild, als Gegenstand, durch den der Höchste seine Kraft offenbart und der die Macht symbolisiert und in jeder Generation auftaucht. Das ist wie ein Hinweis auf die eigentümliche Handschrift des Höchsten, auf ein eigentümliches Genre, in dem der Höchste handelt. Der Midrasch sagt, dass es ein und derselbe Stab ist, und damit sagt er: „Der, der hinter dem Stab steht, ist ein und Derselbe.“ 

Es gibt auch ganz andere Versuche, den Satz ki wemaklí (mit meinem Stab) zu verstehen. Zum Beispiel ist der Gedanke so: „Ich habe doch von Esaw nichts genommen. Das heißt, wenn ich aus dem Haus des Vaters irgendwelches Geld, irgendwelche Ersparnisse, irgendwelches Vieh genommen und damit groß losgelegtDas russische Wort ist hier umgangssprachlich und kann „ein Geschäft groß aufziehen“, aber auch „kehrtmachen und davongehen“ bedeuten. Wegen des Zusammenhangs mit Geld wurde die erste Bedeutung gewählt. hätte (der Grund liegt übrigens im Geld), hätte Esaw sagen können: ‚Na, dann gib zurück, was du genommen hast, mit Zinsen. Alles, was du genommen hast, ist meins, denn du hast es aus dem Haus des Vaters genommen und meinen Segen gestohlen.‘ Aber ich bin mit dem Stab weggegangen, ich hatte nichts. Alles, was ich hatte, ist nicht auf Kosten Esaws, darum rette mich vor Esaw. Er hat nichts, wofür er Ansprüche an mich stellen könnte.“

Man kehrt auch zu jenem Verständnis zurück, über das wir schon gesprochen haben, dass Jaakow sich fürchtet. Jaakow fürchtet sich und sagt: „Als ich hierher ging, wurde mir Bewahrung versprochen.“ Welche Bewahrung? Meine und die dieses Stabes. „Vielleicht wurde mir die Bewahrung der Frauen und der Kinder und des Viehs nicht versprochen.“ Auch das ist eine verständliche Angst, und wir haben schon über sie gesprochen. 

Andere Kommentatoren sagen, dass wemaklí (mit meinem Stab) Erinnerungen an schwere Zeiten sind. Wenn ein Mensch eine Blütezeit erlebt, einen Zustand des Gedeihens erlebt, wenn er zwei Lager hat, muss er sich erinnern, dass auch im Kummer, als er mit dem Stab war, der Höchste ebenfalls mit ihm war. So etwas kommt oft vor, man fragt mich: „Warum hat mich eine Krankheit getroffen? Warum ist mir irgendein Unglück passiert? Warum hatte ich einen Unfall? Warum ist mir etwas so Schlechtes passiert?“ Niemand kommt und fragt: „Warum habe ich im Lotto gewonnen? Warum hat man mir ein Auto geschenkt? Warum hat man mir eine Prämie gegeben? Warum werden mir gute, gesunde Kinder geboren? Und bei meiner Frau verläuft die Schwangerschaft leicht?“ Gott darin zu sehen, dass er mit dir war, als du mit dem Stab warst, sich daran zu erinnern, dass Gott mit dir war, als du mit dem Stab warst, – das ist eine sehr wichtige Eigenschaft für einen Menschen. Und viele sagen: „Jaakow sagt hier: ‚Du warst dort mit mir, Du bist hier mit mir, Du bist immer mit mir, und ich erinnere mich an Deine Gegenwart. Deshalb kannst Du mich vor Esaw retten‘. 

Im 15. Jahrhundert lebte ein Lehrer namens Jaakow ben Ascher, er ist besser bekannt unter dem Namen Ba'al haTurim (bei uns ist es üblich, Menschen nach dem Titel des Buches zu nennen, das er geschrieben hat). Jaakow ben Ascher war ein großer Lehrer des Gesetzes. Er schrieb sehr viele Bücher über das Gesetz, über die Halacha, über die Feinheiten der juristischen halachischen Bestimmungen und so weiter. Die Legende sagt, dass sein Schwiegervater einmal über ihn lachte und sagte: „Du, Jaakow, schreibst immer nur über das Gesetz und über das Gesetz. Aber den einfachen Text, die einfache Tora, kannst du die auslegen?“ Und, aufgewühlt von dieser Herausforderung, schrieb Jaakow ben Ascher in einer einzigen Nacht einen Kommentar zur Tora, ohne irgendwelche Quellen zu benutzen, ohne ins Internet zu gehen (denn bis zum Internet waren es noch 500 Jahre), ohne Bibliotheken zu benutzen, einfach aus dem Gedächtnis, aus seinem Wissen. Und in seinem Kommentar ist sehr viel Mathematik, sehr viel Gematrie, er bemerkt sehr viele Feinheiten. Und in seinem Kommentar schreibt er: „…wemaklí (mit diesem Stab) – das ist nach der Gematrie Jaakow. ‚Als ich hinüberging, war ich einfach Jaakow, Jaakow und nichts weiter. Nichts außer Jaakow war da.‘ 

Andere Kommentatoren sagen: „Jaakow spricht hier aus: ‚Du hast mir doch all das geschenkt. Und wenn Du mir all das geschenkt hast, steht es denn einem König zu, wegzunehmen, was Er geschenkt hat‘. Wie die Frau Manoachs sagte (erinnert ihr euch, die Frau Manoachs ist die Mutter Schimschons), als Manoach sagt: „Wir werden sterben, denn wir haben Gott gesehen“, sagt die Frau zu ihm: „Wenn der HERR uns hätte töten wollen, hätte er nicht aus unserer Hand das Ganzopfer und die Getreidegabe angenommen und hätte uns nicht all das gezeigt und hätte uns jetzt nicht so etwas hören lassen.“ Das heißt, wenn Gott irgendwelche Versprechen gibt, wenn Gott anfängt, etwas zu bauen, dann nicht, um es zu zerstören. Jaakow sagt: „Du hast mir doch all das gegeben. Du hast mir all das gegeben, deshalb wirst du mir all das nicht wegnehmen.“ 

Wenn es uns manchmal scheint, dass unser Leben zerstört ist oder irgendeine Sache von uns zerstört ist, können vielleicht auch wir verstehen, dass der Höchste an dieser Sache beteiligt war, uns geholfen hat, sie zu bauen, und Er wird sie nicht zerstören. Also scheint es uns nur so, möglicherweise. Auch das kann man als Mittel für die Arbeit an sich selbst nehmen, für das Verständnis dessen, was um uns herum geschieht. 

Ein anderes Verständnis sagt, dass wemaklí – das ist ich war fest wie ein Stock, ich war fest, „unzerbrechlich“. Und jetzt habe ich zwei Lager“. Das verwundert wirklich, dass Jaakow von zwei Lagern spricht. Warum? Weil Jaakow sein ganzes Volk in zwei Lager aufgeteilt hat, nicht weil sie nicht in ein Lager passten. Und wenn Jaakow gewollt hätte, wenn es ihm strategisch wichtig gewesen wäre, hätte er sein Volk auch in 15 Lager aufgeteilt, und in 10. Er hat entschieden, in wie viele Lager er aufteilt. Die Zahl der Lager spricht nach diesem Verständnis nicht vom Besitz, von der Größe des Besitzes. Warum spricht Jaakow von zwei Lagern? Weil er sagt: „Jetzt bin ich nicht mehr so standfest, jetzt bin ich gezwungen, Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Früher habe ich mich furchtlos in den Kampf gestürzt und konnte mit dem Stab in den Jordan hineingehen. Und jetzt, siehst du, fürchte ich mich so sehr, dass ich mein Lager in zwei aufteile. Ich bin schon vorsichtig geworden.“ Wieder kehren wir zum Wort katonti zurück – ich bin klein, deshalb hilf Du, rette Du mich. 

Noch ein Verständnis sagt: „Ich habe einst getan, was von mir verlangt wurde, das, was nötig war. Ich bin mit dem Stab über den Jordan gegangen. Ich war bei Lawan und war dort so lange, wie es nötig war. Und siehe, ich habe zwei Lager. Aber ich berufe mich nicht auf meine Verdienste. Ich will keinen Lohn für meine Taten. Ich berufe mich auf Deine Gnade. Ich will – erweise mir Gnade und handle an mir nach Gnade, damit Du mir nicht Lohn für irgendwelche meiner Taten vergiltst, damit es nicht so gilt, dass ich, Gott bewahre, für meine Taten Lohn empfangen habe. Denn dann wird auch die Wirkung des Gerichts vollständig sein, und ich werde nicht bestehen. Ich habe das getan, ja. Ich bin über den Jordan gegangen. Ja, ich habe in zwei Lager aufgeteilt. Ja, ich habe alles getan. Aber handle Du an mir, als hätte ich nichts getan. Handle an mir nach Gnade. Nicht als Verdienst für etwas. Nur nach Deiner Gnade.“ 

Ein solches Verständnis und ein solcher Ansatz ist auch möglich, ist auch nötig. Es ist sehr wichtig, dass ein Mensch, wenn er zum Höchsten kommt, nicht sagt: „Ich diene dir. 20 Jahre bin ich Rabbiner. 30 Jahre bin ich Pastor. Ich habe eine riesige Gemeinde. Ich tue dies und das und jenes.“ Du kommst mit einer Liste deiner Taten. Und Jaakow sagt: „Ich will, dass es nach Gnade geschieht.“ Und diejenigen, die ein solches Verständnis anführen, lehren uns, uns nicht auf irgendwelche eigenen Errungenschaften zu fixieren, dem Höchsten für sie zu danken und zu sagen: „Ja, das gibt es, aber ich bitte um Gnade. Handle an mir nach Gnade, nicht nach Lohn, nicht als Verdienst für meine Taten.“ 

Und es gibt Kommentatoren, die sagen: „Ich will, dass alles über der Natur ist, denn das ist übernatürlich.“ Übernatürlich ist, dass ein Mensch, der mit einem Stab auszog und nichts außer dem Stab hatte, so reich geworden ist. Alles, was ich getan habe, sind nicht irgendwelche natürlichen Dinge, ich bin nicht reich geworden, weil ich ein toller Geschäftsmann bin, weil ich Manager bin, weil ich zu leiten verstehe. Alles habe ich auf übernatürlichem Weg empfangen. Und deshalb kann ich nichts selbst tun, deshalb bete ich und wende mich an Dich: „Komm Du, und tu Du es, und hilf Du mir, mich vor meinem Bruder Esaw zu retten.“

Seht, wie unterschiedlich die Kommentatoren ein und dasselbe Wort auslegen, was für unterschiedliche Schlüsse, was für unterschiedliche Lehren sie daraus ziehen. Jeder für seine Zeit, für sich selbst, für seine Gemeinde, für die, die er lehrt, für die, bei denen er lernt. Und wozu erzähle ich diese ganze Vielfalt der Meinungen? Nicht dazu, dass jemand die richtige auswählt. Es ist wie bei einem Geschäft für Musikinstrumente, in das ein Mensch kommt, und der eine kauft sich eine Gitarre, der andere eine Harfe und der dritte eine Trommel. Was ist richtig zu kaufen? Jeder kauft das, worauf er spielt, was für ihn stimmig klingt, das, worauf er Musik spielen kann. Und unter diesen Kommentaren kann man auswählen, irgendeinen finden, der für euch stimmig klingt. Und vielleicht gibt euch das die Möglichkeit, eine eigene Entdeckung zu machen, eine eigene Tiefe des Verständnisses in diesem Gebet zu erschließen. Deshalb sucht nicht, was richtig ist. Noch weniger sucht, was falsch ist. Das ist überhaupt ein ziemlich wichtiges Prinzip beim Studium der Schrift. Ich wiederhole es noch einmal (ich habe schon oft darüber gesprochen): Man muss sich daran gewöhnen, dass es Menschen gibt, die nicht dümmer sind als wir, die nicht weniger ehrlich, nicht weniger aufrichtig sind als wir, die Gott nicht weniger lieben als wir, aber etwas anders verstehen als wir. Man muss lernen, diese Menschen anzunehmen, diese Meinungen anzunehmen und nach Möglichkeit, wenn es etwas zu lernen gibt, von ihnen all das zu lernen. Das also sind einige Worte über den Stab, mit dem Jaakow über den Jordan gegangen ist.

Von meinem Bruder, von Esaw

Wir sprechen weiter über jenes Gebet, mit dem Jaakow vor der Begegnung mit Esaw betete. Heute sprechen wir über die Worte Jaakows, die wir im Wochenabschnitt Wajischlach (32,12) lesen:

הַצִּילֵנִי נָא מִיַּד אָחִי מִיַּד עֵשָׂו כִּי-יָרֵא אָנֹכִי אֹתוֹ

HAZZILÉNI NA MIJÁD ACHÍ MIJÁD ESSÁW KI-JARÉ ANOCHÍ OTÓ

12 Rette mich doch aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaws, denn ich fürchte ihn...

Vor allem machen die Kommentatoren auf eine gewisse Wiederholung aufmerksam. מִיַּד אָחִי מִיַּד עֵשָׂו (mijád achí mijád Essáw) aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaws. Jaakow hätte sagen können: „Rette mich aus der Hand meines Bruders“, denn er hat keinen anderen Bruder außer Esaw. Jaakow hätte sagen können: „Rette mich vor Esaw“, und es ist klar, dass das sein Bruder ist. Warum eine solche Wiederholung? Natürlich kann das einfach die Sprache des Gebets sein. Jaakow ist ein Mensch, er spricht wie ein Mensch, und manchmal drückt er sich vielleicht nicht bis auf den Buchstaben genau aus. Selbstverständlich ist das so. Aber wenn wir in der Tora irgendeine Wiederholung sehen, verstehen wir, dass sie nicht einfach so da ist. Und selbst wenn Jaakow etwas nicht bis auf den Buchstaben abgewogen hat, der Höchste, der uns die Tora geschenkt hat, hat es abgewogen. Deshalb nehmen wir solche Wiederholungen ernst. Und viele Kommentatoren versuchen, ausgehend von dieser Wiederholung, für sich etwas über uns oder über Jaakow zu verstehen. Und hier sind die Verständnisse, die im Laufe der ganzen Zeit des Torastudiums verschiedenen Menschen gekommen sind.

Die einen sagen, מִיַּד אָחִי מִיַּד עֵשָׂו (mijád achí mijád essáw) aus den Händen meines Bruders, aus den Händen Esaws – das handelt von denen, die wie ein Bruder aussehen, in Wirklichkeit aber ist das Esaw. Es gibt Menschen, die uns wie Brüder vorkommen, wie enge Freunde, die wir für die Unseren halten, aber in irgendeinem Moment werden sie uns zugrunde richten wollen, und vielleicht wollen sie uns irgendwo die ganze Zeit zugrunde richten. Das ist ein Wolf im Schafspelz. Rette mich vor solchen Menschen.

Andere Kommentatoren sagen, dass Jaakow hier nicht einfach Jaakow ist, er ist der Stammvater eines Volkes, das sowohl mit dem Namen Jaakow als auch mit dem Namen Israel genannt werden wird. Und Esaw ist nicht einfach Esaw, auch Esaw ist Stammvater eines Volkes. Und deshalb betet Jaakow nicht nur für sich. Er sagt: „Rette mich vor meinem Bruder. Jetzt rette mich vor meinem Bruder, meine Nachkommen aber rette vor Esaw, vor den Nachkommen Esaws, vor der Feindschaft mit seinen Nachkommen.“

Andere sagen: „Hier bittet Jaakow: ‚Rette michמִיַּד אָחִי (mijád achí) vor der Nähe, vor der Bruderschaft mit Esaw, vor der Bruderschaft mit dem, mit dem ich nicht Bruder sein soll, mit dem die Bruderschaft, mit dem die Verwandtschaft mich verderben wird. Und rette mich מִיַּד עֵשָׂו (mijád essáw) vor Esaw, rette mich vor Esaw als Feind. Und auch mit ihm verfeindet zu sein, lass mich nicht.‘“ Denn manchmal ist Feindschaft genauso gefährlich wie Freundschaft. Feindschaft mit einem Bösewicht ist manchmal genauso gefährlich wie Freundschaft mit einem Bösewicht, denn Feindschaft kann einen Menschen auffressen. Deshalb sagt Jaakow hier: „Rette mich sowohl vor der Freundschaft mit ihm als auch vor der Feindschaft mit ihm.“ Lasst uns einen Zaun aufstellen und friedlich über den Zaun hinweg leben.

Der chassidische Kommentator Rabbi Jaakow-Josef ha-Kohen, aus den Schülern des Baal-Schem-Tow, überträgt diese Worte Jaakows auf die innere Arbeit des Menschen. Natürlich ist das nicht wörtlich das, was Jaakow sagt, das ist eine gewisse Lektion, die Rabbi Jaakow uns erteilt. Er sagt, dass es in unserem Körper Organe gibt, die wir אָחִי (achí) mein Bruder nennen können. Das sind Organe, die unabhängig von unserem Bewusstsein arbeiten. Herz, Lunge, Nieren – sie arbeiten. Wir müssen nicht jedes Mal dem Herzen befehlen, Blut zu pumpen, und nicht jedes Mal versuchen, der Lunge zu befehlen, einen Atemzug zu machen. Mehr noch, wir können sie nicht einmal anhalten, wir können nicht aufhören zu blinzeln, aufhören zu atmen, unser Herz anhalten. Aber es gibt Organe, die wir bezwingen, besiegen müssen: unsere unartigen Händchen, unsere neugierigen Äuglein, unsere neugierigen Ohren, unsere unbeherrschte Zunge – das sind Organe, die wir uns unterwerfen müssen, damit sie uns nicht verführen. Und wenn wir es unter diesem Blickwinkel betrachten, können wir sagen: „Jaakow bittet hier, zu bewirken, dass mein Körper gesund ist, dass alles, was arbeiten soll, arbeitet, sagen wir so, im Normalbetrieb. Und alles, was ich bezwingen muss, alles, was mich nicht verführen soll, soll mich nicht verführen. Hilf mir, es so zu machen, dass meine Verführer – Hände, Augen, Ohren, Zunge – mich nicht verführen.“

Es gibt einen Midrasch, der ein Gleichnis darüber anführt, wie durch einen Wald ein Wagen mit Äxten fuhr, mit Axtklingen. Und die Bäume gerieten in Zittern und dachten: „Jetzt wird man mit dieser Menge an Äxten den ganzen Wald abholzen.“ Aber ein Weiser, der im Wald war, sagte: „Bäume, wenn sich unter diesen Axtklingen kein Bruder von euch findet, wenn kein einziger Baum ihr einen Axtstiel gibt, wenn nicht irgendein Bruder von euch im Lager dieser Äxte landet, dann taugen diese Klingen ohne Griff, der aus Holz gemacht ist, zu nichts.“ Wenn euer Bruder nicht im Lager Esaws landet, wird Esaw euch nichts antun können. Und Jaakow betet, wenn man es durch das Prisma dieses Gleichnisses betrachtet, darum, Esaw keinerlei Kraft von sich, keinerlei Anlässe von sich zu geben.

„Wir wissen – sagen andere Kommentatoren –, dass der Mensch zwei Triebe hat: jezer hatow (der gute Trieb) und jezer hara (der böse Trieb, der Verführer). Der Jezer hara kommt zu einfachen Menschen und kann einen einfachen Menschen einfach zu einer unguten Tat anstiften: ‚Ach, komm, kauf eine Flasche Wodka und trink sie‘, zum Beispiel. Zu einem Menschen, der sich für weise hält, der in der Tora bewandert ist, der versucht, zur Gerechtigkeit zu gehen, kommt derselbe Jezer hara in der Gestalt eines Weisen und sagt: ‚Das ist doch erlaubt, in Wirklichkeit, so ein Verbot gibt es doch gar nicht, das ist doch, in Wirklichkeit, irgendein Mittelalter. Das ist nicht die Tora. Gott ist nicht so. Hat der HERR wirklich so gesagt?‘ Und hier bittet Jaakow: ‚Rette mich vor dem bösen Trieb, der unter dem Anschein des guten Triebes kommt. Rette mich vor denen, die mich zum Bösen anstiften wollen, indem sie dieses Böse als Gutes ausgeben.‘“

Kduschat Lewi, Rabbi Lewi Jizchak aus Berditschew, sagt: „Rette mich vor der Bruderschaft mit Esaw, rette mich davor, dass wir eine Wurzel haben, mach mich wunderbar, wie neu geboren, zu einer neuen Schöpfung, damit meine geistliche Verbindung mit Esaw auf der Ebene der Wurzel unserer Seelen aufhört.“

Und noch einen Kommentar führe ich zum Schluss an. Es gibt Ausleger, die sagen, dass אָחִי (achí) die Qualität ist. Esaw ist der Bruder Jaakows. Als Bruder Jaakows ist er im Haus Jizchaks erzogen worden, er hat bestimmte Verdienste, bestimmtes Wissen, bestimmte Lehren, und er hat irgendwelche qualitativen Kriterien, die es ihm erlauben, Jaakow entgegenzutreten, das heißt eine qualitative Nähe. Und מִיַּד עֵשָׂו (mijád essáw) – das ist quantitativ: vor seinem Heer, vor diesen vierhundert Leuten, die mit ihm ziehen. Das heißt: Sowohl vor seinem Geist als auch vor seiner Kraft rette mich.

Solche Verständnisse gibt es also in Bezug darauf, worum Jaakow bittet. Und Jaakow erklärt seine Bitte:

כִּי-מִפוֹחֵד אֲנִי אֹתוֹ

ki-mifochéd aní otó

…denn ich fürchte ihn

Dieser Satz ist in Wirklichkeit erstaunlich. Obwohl es scheinen könnte, dass hier nur 4 Wörter stehen. Die Sache ist die, dass das Verb לְפַחֵד (lefachéd) fürchten mit zwei Präpositionen gebraucht wird. Es gibt eine Präposition, die gebraucht wird, um die Furcht vor jemandem zu zeigen. Zum Beispiel die Furcht vor irgendwelchen Menschen, Ereignissen oder etwas anderem. Es gibt eine Präposition, die von der Furcht vor Gott spricht. Das heißt, man kann sagen: -מִ מִפוֹחֵד אֲנִי (aní mifochéd mi) – ich fürchte jemanden, zum Beispiel מִזְאֵב מִפוֹחֵד אֲנִי (aní mifochéd misse'éw) – ich fürchte den Wolf. Wenn wir sagen: „-אֶת מִפוֹחֵד אֲנִי )aní mifochéd et) – das bedeutet ich fürchte Gott“. Man kann dafür einige Beispiele anführen. Zum Beispiel im Buch Dewarim (7,19).

כֵּן-יַעֲשֶׂה יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לְכָל-הָעַמִּים אֲשֶׁר-אַתָּה יָרֵא מִפְּנֵיהֶם׃ 

ken-ja'assé adonáj elohécha lechol-ha'ammím ascher-attá jaré mippenehém

… So wird der HERR, dein Gott, mit allen Völkern tun, die du fürchtest.

-יָרֵא מִ (jare mi) mit der Präposition „mi“ – fürchtest die Völker. Oder zum Beispiel im Buch Schemot (9,30):

וְאַתָּה וַעֲבָדֶיךָ יָדַעְתִּי כִּי טֶרֶם תִּירְאוּן מִפְּנֵי יְהוָה אֱלֹהִים׃

we'attá wa'awadécha jadá'tiIn der russischen Umschrift fehlt im Wort „jadá'ti“ (ich weiß) der Laut t. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. ki térem tire'ún mippené adonáj elohím

Aber du und deine Knechte, ich weiß, ihr werdet den HERRN wieder nicht fürchten

Das sagt Mosche zum Pharao. Hier steht nicht ihr werdet vor dem HERRN in Zittern geraten, sondern eben ihr werdet ihn fürchten. Über Scha'ul ist gesagt, dass er David fürchtete. וַיֹּאסֶף שָׁאוּל לֵרֹא מִפְּנֵי דָוִד (we josséf scha'úl lerá mifnéj dawíd) und Scha'ul fürchtete David immer mehr (1 Schmu'el (18,29)). Das sind Beispiele dafür, wie das Verb לְיִרְאָה (lejir'á) mit der Präposition -מִ (mi) gebraucht wird.

Aber Jaakow gebraucht es mit der Präposition -אֶת (et). Schauen wir uns an, wie es mit der Präposition -אֶת (et) gebraucht wird. Wir lesen im Buch Dewarim (6,24):

וַיְצַוֵּנוּ יְהוָה לַעֲשׂוֹת אֶת-כָּל-הַחֻקִּים הָאֵלֶּה לְיִרְאָה אֶת-יְהוָה

wajzawwénu adonáj la'asót et-kol-hachukkím ha'élle lejir'á et-adonáj

Und der HERR gebot uns, all diese Satzungen zu tun, um den HERRN zu fürchten

Den HERRN fürchten לְיִרְאָה אֶת-יְהוָה (leira et Adonaj).

„Und nun, Israel, was fordert der HERR, Gott, von dir? Dass du den HERRN fürchtest“. Das ist Kapitel 10 des Buches Dewarim. Und schließlich antwortet Josef seinen Brüdern: „כִּי יְהוָהָ אֲנִי יָרֵא (ki Adonáj aní jaré) ich fürchte Gott“. Das heißt, es gibt eine bestimmte Regel für den Gebrauch des Verbs לְיִרְאָה (lejir'á) fürchten. Und Jaakow spricht hier so, als ob er Esaw fürchtet, wie man den Höchsten fürchten soll, wie man jemanden fürchten soll, der eine gewisse Heiligkeit besitzt.

Es gibt eine erstaunliche Geschichte, in der diese Präposition an einem diplomatischen Spiel beteiligt ist. Das ist die Geschichte mit Adonijahu. Adonijahu versucht, nach David das Königtum einzunehmen. Er hält schon ein Festmahl, er hat sich schon fast als König gefühlt. Und das ist es, was wir lesen: „Da erschraken alle Geladenen, die bei Adonijahu waren, und standen auf, und jeder ging seines Weges.“ Seine ganze Gesellschaft, sein ganzes Gefolge lief auseinander. „Und Adonijahu, aus Furcht vor Schlomo (das heißt hier מִ (mi) von), stand auf und ging und ergriff die Hörner des Altars. Und es wurde Schlomo berichtet und gesagt: ‚Siehe, Adonijahu fürchtet den König Schlomo.‘“ Hier sagt man dem König, dass Adonijahu fürchtet -אֶת (et), nicht מִ (mi), sondern -אֶת (et), wie etwas Würdiges, wie man den Gesalbten Gottes fürchtet. Und so ergriff er die Hörner des Altars. Das heißt, dem König Schlomo wird in diplomatischer Form übermittelt, was in Wirklichkeit mit Adonijahu geschieht. Er fürchtet den König nicht, wie man ein wildes Tier fürchtet. Sondern dem König wird übermittelt, dass er den König aus Ehrerbietung fürchtet. Er hat eine gewisse ehrfürchtige Scheu vor dem König.

Offensichtlich ist der Unterschied zwischen -אֶת (et) und מִ (mi) sehr wichtig und sehr groß. Warum sagt Jaakow -אֶת (et) und nicht מִ (mi)? Manche sagen, das hängt mit den Verdiensten Esaws zusammen. Esaw lebt ja im heiligen Land. Esaw hat die ganze Zeit, während Jaakow bei Lawan war, das Gebot der Ehrung der Eltern erfüllt. Er hat irgendwelche Verdienste. Und Jaakow sagt: „Ich fürchte, ich fürchte einen Wettstreit mit Esaw auf dem Gebiet der Verdienste, deshalb bitte ich: mir bitte nicht nach Verdienst, sondern nach Gnade. Ich fürchte, dass seine irgendwelchen Verdienste... Ich bin natürlich Patriarch, ich bin Jaakow, und alles, was über mich im Buch Bereschit geschrieben steht, obwohl ich es noch nicht gelesen habe, aber ich habe es gelebt. Und trotzdem fürchte ich: Was, wenn Esaw irgendwelche Verdienste hat? Wir werden uns darin nicht messen. Ich bitte um Gnade.“ So kann man das verstehen. „Ich fürchte ihn, sogar die Verdienste, die er hat, fürchte ich.“

Wir als gläubige Menschen verlassen uns sehr oft darauf, dass Gott uns beschützen wird, dass Er auf unserer Seite ist. Selbst wenn wir mit jemandem streiten, können wir den Gedanken zulassen, müssen den Gedanken zulassen, dass Gott auch den, mit dem wir streiten, liebt und unterstützt und ihn vielleicht ebenfalls nicht verlassen wird. Das ist das, was mit Jaakow geschieht. Er will, gemäß diesem Verständnis, nicht urteilen, dass er eindeutig gut ist und Esaw eindeutig schlecht. Wir sind Menschen, und alle sind von Gott geliebt, und alle werden von Gott geführtIm Russischen steht wörtlich „von Gott hineingeführt“; gemeint ist vermutlich „geführt“, so ist es übersetzt..

Aber die Kommentatoren versuchen weiter zu verstehen, woher diese Angst bei Jaakow überhaupt kommt. Und wenn wir uns erinnern: Jaakow hat, als er nach Charan ging, dem Höchsten einen Schwur gegeben, dass, wenn er zurückkehrt und „der HERR mein Gott sein wird, – dieser Stein, den ich aufgestellt habe, ein Denkmal sein wird, ein Haus Gottes; und von allem, was Du mir geben wirst, werde ich Dir den zehnten Teil geben“ (Bereschit 28,20). Als der Höchste sich in Charan an Jaakow wendet, sagt Er: „Ich bin der Gott, dem du in Bejt El ein Denkmal gesalbt und dort ein Gelübde gegeben hast. Nun steh auf, geh aus diesem Land hinaus und kehre zurück in das Land deiner Geburt.“ Der Höchste sagt Jaakow nicht einfach, in das Land seiner Geburt zurückzukehren, sondern sagt ihm: „Ich bin der Gott, dem du ein Gelübde gegeben hast, du hast ein Denkmal gesalbt.“ Das heißt: „Du hast noch eine Schuld offen, du kehrst nicht einfach ins heilige Land zurück, sondern du musst Mir den Ma'asser (Zehnten) von allem geben.“ Hier erinnern wir uns noch an ein Detail. Das geschah, als Jaakow den Schwur gab. Jaakow sieht den Höchsten, sieht seinen berühmten Traum mit der Leiter, und der Höchste sagt: „Ich werde dich in das Land zurückbringen, ich werde dir dieses Land geben, dir und deinem Samen.“ Als Jaakow den Schwur gibt, ist dieser Schwur fast symmetrisch zu dem, wie der Höchste ihm die Verheißung gibt. Der einzige Unterschied: Jaakow sagt nichts über das Land, über die Erde, über das Erbe. Er sagt: „Ich werde in das Haus meines Vaters zurückkehren.“ Als der Höchste den Befehl gibt: „Kehre zurück in das Land, ich werde dir das Land geben“, – spricht Er in nationalem, in globalem Maßstab. Jaakow lernt das erst noch, und er sagt: „Wenn ich nur in das Haus meines Vaters zurückkehren könnte.“ Darum überquert Jaakow die Grenze, er hat sich schon von Lawan getrennt, sie haben schon den Steinhaufen aufgeschüttet, er hat schon die Engel gesehen, und die Engel, davon haben wir an anderer Stelle gesprochen, – das ist oft ein Grenzposten. Jaakow ist ins Land zurückgekehrt, und von diesem Moment an müsste er eigentlich dorthin fahren, nach Bejt El, als Allererstes, und dort ein Opfer darbringen und dort den Zehnten geben, wie Jaakow versprochen hat. Aber Jaakow erinnert sich ja an das, was er gesagt hat. Und er hatte gesagt (und da ist eben dieser kleine Unterschied): „…wenn ich in das Elternhaus zurückkehre.“ In das Elternhaus kehrt er vorerst nicht zurück. Und den Unterschied selbst zwischen dem, was der Höchste forderte, und dem, worin er das Gelübde gegeben hatte, hat er noch nicht erkannt. Er ist noch Jaakow und hat sich noch nicht als Jisrael verwirklicht, das heißt, er hat das Nationale seiner Aufgabe noch nicht erkannt, sich selbst als Patriarchen, als Herrn dieses künftigen Landes. Deshalb ist für ihn die Rückkehr in das Land noch nicht wichtig, wichtig wird ihm die Rückkehr in das Elternhaus sein. Er ist Jaakow, Jaakow Jizchakowitsch, und sieht sich vorerst nicht als mehr.

Die Midraschim, die Weisen nehmen diese Verzögerung Jaakows sehr ernst. Zum Beispiel lesen wir in der Sammlung Bereschit Rabba: „Rabbi Aba sagte: ‚In der Stunde der Not – Gelübde, und in der Stunde des Wohlergehens – Vergessen.‘“ Das heißt, als du mit dem Stab über den Jordan gingst, hast du jede Menge Gelübde abgelegt. Wenn du mit zwei Lagern gehst, hast du das vergessen. „Rabbi Lewi sagte: ‚Hat sich deine Egge verstopft – klopf darauf.‘“ Das heißt, wenn bei dir etwas nicht funktioniert, klopfst du. Früher hat man sogar auf Sprudelwasserautomaten oder auf Telefonautomaten geklopft. Es wird als Beispiel angeführt, dass der Höchste sich später an Jaakow wenden und sagen wird: „Steh auf, zieh hinauf nach Bejt-El.“ Das heißt, der Höchste hat schon selbst direkt die Erfüllung des Gelübdes gefordert. Nicht weil ihm diese Zehnten Jaakows nötig sind. Das ist für Jaakow getan. Das ist eine Forderung des Höchsten. Nicht die Forderung: „Und wo sind meine Zehnten? Wo sind meine Widder? Wo ist mein Fleisch? Wo ist mein Geld?“ Das ist die Forderung: „Und wo ist dein Eintreten in den Dienst als Patriarch? Wo ist jener Jaakow, jener Jisrael, dem ich diese Erde und dieses Land versprochen habe? Warum erfüllst du dieses Gelübde nicht? Warum hast du diese deine Mission nicht erkannt?“ Hier sagt der Midrasch: Wenn du die Gelübde nicht erfüllst, dann bist du wie Esaw. Esaw erfüllt die Gelübde nicht, und du erfüllst die Gelübde nicht. Hier wieder eine Rückkehr und eine Art Wortspiel: „Rette mich davor, Esaw zu sein. Davor, die Gelübde nicht zu erfüllen, wie Esaw die Gelübde nicht erfüllt.“ Das ist, wie ich schon gesagt habe, die Midraschsammlung Bereschit Rabba.

In der Sammlung Wajikra Rabba gibt es noch härtere Worte über Jaakow: „Rabbi Schmu'el bar Nachman sagte: ‚Jeder, der ein Gelübde ablegt und die Erfüllung des Gelübdes hinauszögert, wird am Ende zu Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen kommen.‘ Drei der schrecklichsten Verbrechen, von denen gesagt ist: ‚Er soll sterben und nicht übertretenIm Russischen steht wörtlich „sterben und nicht herantreten“. Gemeint ist offenbar die bekannte Regel, lieber zu sterben, als diese Verbote zu übertreten, daher „nicht übertreten“..‘ Woher wissen wir, dass die Übertretung oder die Verzögerung bei der Erfüllung eines Gelübdes diese drei Folgen hat? ‚Aus der Geschichte mit Jaakow‘, sagt der Midrasch. Über den Götzendienst ist gesagt: Als Jaakow sich nach Bejt-El aufmacht, sagt er: ‚Schafft die Götzen weg.‘ Über die Unzucht – das ist die Geschichte mit Dina, eine schreckliche Geschichte ereignete sich im Haus Jaakows. Und das Blutvergießen – das ist das, was Schimon und Lewi getan haben.“ Dieser selbe Midrasch fügt hinzu, und die Weisen fügen dem hinzu und sagen: „Jeder, der sich mit der Erfüllung eines Schwurs verspätet, der begräbt seine Frau.“ Und auch das ist natürlich eine Geschichte, die mit Jaakow geschehen wird.

Jaakow ist ins Land zurückgekehrt, Jaakow steht schon an der Schwelle dazu, einen neuen Namen zu erhalten, und er erkennt noch immer nicht das Ausmaß seiner Sendung. Er sieht sich nach wie vor einfach als Mitglied der Familie Jizchaks, das noch nicht nach Hause zurückgekehrt ist. Noch ein langer Weg, und er erkennt seine Rückkehr in das Land nicht, das Land Israel genannt werden wird.

Mehr noch, lasst uns darauf achten, was Jaakow tut, als er in das Land hineinkommt, und von dem Moment an, da er dem Höchsten den Zehnten geben soll. Wir lesen in Kapitel 32 des Buches Bereschit: „Und er übernachtete dort in jener Nacht. Und er nahm von dem, was er hatte, als Geschenk für Esaw.“ Hier steht das Wort Mincha. Mincha – das ist auch die Bezeichnung eines Opfers für den Höchsten. „Und er nahm als Geschenk für Esaw, seinen Bruder, zweihundert Ziegen und zwanzig Böcke, zweihundert Schafe und zwanzig Widder, säugende Kamele mit ihren Jungen, Kühe, Stiere, Eselinnen“ (Bereschit 32,13–15). Die Tora zählt alles genau auf, was Jaakow tut. Mit der Mathematik steht es bei Jaakow sehr gut, aber das sieht sehr danach aus, dass Jaakow die Mincha (die Gabe des Ma'asser), statt sie dem Höchsten zu geben, Esaw gibt. Diese Verzögerung beim Erkennen seiner Mission und entsprechend bei der Erfüllung des Gelübdes verwirrt das Bewusstsein Jaakows, und er schickt das, was dem Höchsten zusteht, an Esaw. Das ist ein Versuch, die Beziehung zu Esaw zu regeln, statt dem Höchsten das Gebührende zu geben. Und wir lesen weiter, Jaakow sagt: „Wenn ich Gnade gefunden habe in deinen Augen, so nimm die Gabe aus meiner Hand an, denn ich habe dein Angesicht gesehen, wie ich das Angesicht Gottes gesehen habe.“ Was sagt Jaakow zu Esaw: „Ich habe dein Angesicht gesehen, wie ich das Angesicht Gottes gesehen habe, darum bringe ich dir eine Mincha, ich gebe dir eine Gabe, die einem Opfer gleicht.“ Und weiter sagt er: „Nimm doch meine Gabe an, die dir dargebracht wurde, denn Gott hat mich beschenkt, und ich habe alles.“ Erinnert euch, Jaakow sagte: „Von allem werde ich Dir den Zehnten geben.“ Hier sagt er: „Ich habe alles, darum nimm die Gabe an.“ Aber er sagt das nicht zum Höchsten, sondern zu Esaw.

Das Nichtannehmen, die zeitweilige Nichtannahme seiner Mission als Patriarch, die Verzögerung bei der Erfüllung des Gelübdes – all das entfernt Jaakow vom Höchsten. Ja, der Höchste liebt Jaakow, der Höchste hat versprochen, für ihn zu sorgen, der Höchste hat versprochen, ihn beständig zu behüten, und das geschieht auch, aber hier lernt Jaakow erst, Jisrael zu sein. Jaakow wird den Namen Jisrael erhalten, ein sehr wichtiger Namenswechsel. Jaakow – das ist der, der Umwege geht. Jisrael vom Wort יָּשָׁר (jaschar) gerade. Jaakow – das ist die Ferse, die Fersen sind die Basis des Wortes Jisrael. Man kann לִ רֹאשׁ )li rosch) ich habe einen Kopf verstehen – das ist auch der Kopf. Jaakow bereitet sich erst darauf vor, einen Kopf zu erlangen. Zum Teil ist der Angriff des Engels eine Antwort auf sein Gebet, das ist ein Versuch, ihn aufzurütteln, ein Versuch, ihn zu einem neuen Verständnis der Beziehung zum Höchsten anzuleiten. Und Jaakow wird das noch lernen, aber vorerst fürchtet er seinen Bruder Esaw, fürchtet ihn und gebraucht dafür jenes Verb, das in Bezug auf den Höchsten gebraucht wird.

Was lehrt uns diese Angst Jaakows? Wahrscheinlich das, dass das Gehen mit dem Höchsten nicht ein Gehen mit dem Höchsten ist wie mit einer Brille in der Brusttasche, ja nicht einmal wie mit einer Brille auf der Nase. Das ist ein beständiger Blick auf den Höchsten, ein aufmerksames Hinhören auf das, was Er von uns fordert, ein beständiges Hören Seiner Stimme. Und wenn in diesem Hören auf den Höchsten ein falscher Ton entsteht, dann verlässt uns der Höchste, und die Angst kommt. Und das kann sogar einem so großen Gerechten geschehen, den wir nur mit großer Vorsicht kritisieren können, und nicht einmal ihn selbst, Jaakow, den Patriarchen, sondern das, was von ihm ist, jene „Jaakowhaftigkeit“, die in uns selbst ist. Sie in uns selbst zu finden und gerade das zu korrigieren. Das ist nicht dazu da, dass wir mit dem Finger auf Jaakow zeigen.

Unter diesem Blickwinkel haben wir heute das Gebet Jaakows betrachtet. Selbstverständlich gibt es andere Sichtweisen, andere Herangehensweisen, es gibt unendlich viele davon, und jeder hat seine eigenen. Und vielleicht werden wir es das nächste Mal unter einem anderen Blickwinkel betrachten.

Namenswechsel. Wozu und wie?

In letzter Zeit werde ich sehr oft nach dem Namenswechsel gefragt. Für die Menschen ist es aktuell geworden, sich einen jüdischen Namen zu suchen, auszuwählen, ihren Namen zu wechseln. Und die Leute stellen mir Fragen: „Darf man das tun? Muss man das tun? Bringt das etwas? Und wenn es etwas bringt, was bringt es dann? Und wenn man es tut, wie tut man es?“ Und unser Wochenabschnitt ist, da er davon spricht, wie der Höchste Jaakows Namen in Jisrael änderte, ein guter Anlass, um einige Fragen zu beantworten, die mit dem Namenswechsel zusammenhängen.

Zunächst die Antwort auf die Frage: „Darf man den Namen wechseln?“ Wir sehen in der Schrift, dass der Höchste Menschen den Namen ändert. Wir sehen in der Schrift, dass ein Vater dem Sohn den Namen ändern kann. So zum Beispiel, als Binjamin geboren wurde, gab ihm die Mutter den Namen בֶּן-אוֹנִי (ben-'oní) Sohn meines Kummers. Was tat Jaakow? Jaakow nahm das Wort אוֹנִי ('oni) mein Kummer und sah darin einen anderen Sinn – meine Kraft. Und damit es diese Doppeldeutigkeit nicht gibt, nannte Jaakow ihn בִּנְיָמִין (Binjamín) Sohn meiner Kraft, wobei er das Wort אוֹן ('on) nun schon eindeutig auslegte. Das heißt, wir sehen, dass auch ein Vater dem Sohn den Namen ändern kann. Wir sehen, dass der Pharao Josef einen neuen Namen gibt. Mosche gibt seinem Gehilfen einen neuen Namen, er benennt ihn mit dem Namen Jehoschua. Wir sehen, dass der Höchste einen Propheten sendet und durch den Propheten Schlomo den Namen Jedidja gibt. Wir sehen, dass zum Beispiel Paro-Necho, der ägyptische Herrscher, den Namen Eljakims in den Namen Eojakim änderte. Wir sehen, dass der babylonische König den Namen Matanis in Azitkijahu änderte. Wir sehen, dass der Prophet Jirmejahu den Namen Paschchors änderte, der ihn aus der Grube befreite, und ihm sagte: „Dein Name wird Mogor Messawiw sein“: „Und es war am nächsten Tag, da ließ Paschchor Jirmejahu aus der Grube, und Jirmejahu sagte zu ihm: ‚Nicht Paschchor hat der HERR deinen Namen genannt, sondern Mogor Messawiw.‘“ Wir sehen, dass ein Mensch sich seinen Namen selbst ändern kann. Naomi aus dem Buch Rut sagt: „Nennt mich nicht mehr Naomi, sondern Mara wird mein Name sein.“ Naomi bedeutet die Freundliche, die Süße, und Mara – die Bittere, die, die Bitterkeit durchlebt. Wozu sollte sie einen solchen Namen annehmen? Wenn alle über sie sagen werden: „Unglückselige“, – und sie so nennen werden, wird sie dadurch vielleicht ihr Leiden hinter sich bringen, und der Höchste wird sich über sie erbarmen, über die Unglückselige.

Wir sehen, dass man den Namen ändern kann. Und es entsteht natürlich die Frage: „Und wozu?“ Und lasst uns versuchen zu verstehen, wem und wozu man die Namen änderte. Beginnen wir natürlich mit אַבְרָם ('Awrám), den der Höchste אַבְרָהָם ('Awrahám) nannte, dem Er ein Buchstäbchen ה (hej) zu seinem Namen hinzufügte. Der Buchstabe ה (hej) ist nicht einfach ein überflüssiger Buchstabe. Der Höchste sagt: „Du wirst Vater vieler Völker genannt werden, du bist nicht mehr hier, nicht in Kanaan, du wirst zu einer Persönlichkeit von globalem Ausmaß.“ Das ist nicht einfach der Buchstabe ה (hej) – das ist eine Änderung der Bestimmung Awrahams.

Dasselbe mit שָׂרַי (Saráj). שָׂרַי (Saráj) ist nicht mehr die kleine Prinzessin, das ist שָׂרָה (Sará), die, die Macht besitzt. Und übrigens haben wir davon gesprochen, dass Saraj nicht ganz ein Namenswechsel ist, sie ist schon Sara, dieses Wesen ist schon in ihr, deshalb sagte der Höchste: „Saraj, nenne sie nicht Saraj, sondern Sara ist ihr Name.“ Nicht: wird ihr Name sein, sondern: ist schon ihr Name.

Jaakow erhält den Namen Jisrael. Darüber gibt es viele verschiedene Überlegungen, und die einen sagen (und auch ich habe davon gesprochen), dass Jaakow das ist, was einen Umweg geht, das ist das, was mit List nimmt. יִשְׂרָאֵל (Jisra'él) vom Wort יָשָׁר (jaschár) – das, was gerade ist, das, was sich geradeaus bewegt. Das heißt, der Höchste sagt: „Du wirst nicht mehr den Ruf eines Schlaumeiers und Gauners haben, alle werden wissen, dass du das, was du getan hast, ehrlich verdient, ehrlich erhalten hast.“ Im Fall Jaakows wirken beide seiner Namen, denn es geht dort nicht einmal so sehr um den Namen als vielmehr um den Ruf, deshalb nennt auch der Höchste selbst Jaakow im Weiteren mal Jaakow, mal Jisrael. Ein anderes Verständnis besagt, dass Jaakow die Ferse ist, die Hacke, die Basis, das Fundament, auf dem der Mensch steht. Aus den Buchstaben des Namens Jisrael kann man die Wendungרֹאשׁ לִי )rosch li) – ich habe einen Kopf bilden. Das heißt, das Wort, der Name Jisrael fügt Jaakow einen Kopf hinzu. Das ist nicht mehr nur irgendein Gießen des Fundaments, das ist schon ein Haus mit Mansarde, Fenstern und Wetterfahne.

Über Ben-Oni, der Binjamin ist, haben wir schon gesprochen.

Im Fall Josefs ändert der Pharao seinen Namen (wir haben darüber gesprochen), gibt ihm eine neue Bestimmung, einen neuen Namen.

Im Fall von יְהוֹשֻׁעַ (Jehoschúa) betet Mosche darum, dass der HERR הוֹשֵׁעַ (Hoschéa) beschützt, und fügt seinem Namen ein Buchstäbchen י (jud) hinzu, den Anfangsbuchstaben des Göttlichen Namens, damit der HERR sich in seinem Leben stärker zeigt.

Der Fall Schlomos ist erstaunlich, denn der Höchste sandte einen Propheten, um zu sagen, dass beim Höchsten, in seinem Telefon, sagen wir so, Schlomo als Jedidja eingetragen ist, als vom HERRN Geliebter. Niemand sonst hat Schlomo jemals Jedidja genannt.

Weiter lesen wir über den Fall, als Herrscher ihren Vasallen oder Dienern neue Namen gaben – das sind Elekim, Matanja, Paschchur. Wir haben über die Propheten gesprochen: Daniel, Chananja, Mischael, Asarja – sie alle erhielten in Babylonien neue Namen.

Und Naomi, die sagte: „Nennt mich nicht Naomi, nennt mich Mara.“

Und Petrus, dem gesagt wurde: „Du bist ein Stein, und auf diesem Stein …“ Wahrscheinlich haben wir damit die meisten Fälle beschrieben.

Also, den Namen kann man ändern, das sehen wir. Jetzt die Frage: Was ist eigentlich ein Name? Ich kann mein Bein nicht wechseln, ich kann mein Auge nicht wechseln, das ist ein Teil von mir. Der Name ist gleichsam eine Art Aktentasche, mit der ich ständig herumgehe, weil ich ständig im Dienst bin. Wenn ein Mensch Klempner ist, geht er mit einem Satz Werkzeuge. Wenn ein Mensch Zahnarzt ist, hat er einen anderen Satz Werkzeuge. Was ist unser Name? Das ist unser Terminkalender, in dem alle unsere Pläne, alle unsere Aufgaben eingetragen sind. Das ist unsere Uniform, unsere Arbeitskleidung, und das sind unsere Werkzeuge – das, was uns der Name gibt. Das heißt, wenn wir geboren werden, erhalten unsere Eltern (das ist so ein Geheimnis) – wenn sie in einer gesunden Beziehung mit dem Höchsten sind – eine Art Prophetie über die Aufgaben, die vor ihrem Sohn oder ihrer Tochter stehen werden. Und dieser Prophetie entsprechend, der Offenbarung des Geistes, die sie empfangen können, benennen sie ihr Kind. So hätte es idealerweise sein sollen, aber leider gelingt das nicht so. Deshalb begegnen wir Namen, die schon längst ihre ursprünglichen Bedeutungen verloren haben. Wenn wir einem Dmitri begegnen, denken wir nicht, dass er der Göttin Demeter geweiht ist, dabei ist sie doch die Göttin des Ackerbaus. Und Dmitri (so hießen die Ackerbauern) – das ist ein praktischer Name: „Du wirst die Erde gut bebauen, du wirst ein guter Bauer sein“, – wenn du der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter geweiht bist. Eine lohnende Sache. Wenn du Artemis geweiht bist und Artjom heißt, ist das auch eine lohnende Sache, denn das ist ewige Jugend, Schönheit, Gesundheit. Nun, und wie ihr wisst: „Gepriesen sei die Artemis von Ephesus!“ Natürlich haben diese Namen schon irgendwelche ihrer ursprünglichen Bedeutungen verloren.

Es gibt Namen, die den Ereignissen folgen. Zum Beispiel das Jahr 1961, die Sowjetunion, der Durchbruch ins All, und Hunderttausende Jungen wurden zu Ehren von Juri Gagarin Juras genannt. Ich spreche gar nicht erst von all den Wladlens, benannt zu Ehren von Wladimir Lenin, und dergleichen. Die Menschen geben ihren Kindern Namen entsprechend irgendeiner ihrer Ideologien, entsprechend irgendwelchen ihrer Vorstellungen, zu Ehren irgendwelcher Verwandten. Einfach ein Name, der gefallen hat, oder der Name von jemandem, den man in einem Film gehört hat, oder der Name irgendeines bekannten Fußballspielers, Eishockeyspielers, irgendeines eigenen Idols.

Und vor dem Kind, wenn es heranwächst, erwachsen wird, steht die Frage: „Will ich denn damit leben? Muss ich damit leben? Und vielleicht sollte ich dieses Kästchen mit meinen Werkzeugen austauschen. Vielleicht gehe ich ständig mit dem Werkzeug eines Klempners ins Konservatorium und denke: ‚Warum läuft es denn bei mir im Leben nicht?‘“ Und der Mensch kann innehalten und nachdenken: „Will ich denn mit einem solchen Namen sein?“ Wenn die Eltern auf einem anderen Kanal waren, wenn ihr Kopf vollgestopft war mit Ideologie oder den Überzeugungen von Verwandten oder dem süßen Klang irgendeines Namens und sie nicht auf jene Stimme der Prophetie hörten, die bei ihnen hätte erklingen können, die ihnen gesandt wurde, dann kann man doch jetzt innehalten und nachdenken: „Lass mich mal hinhören. Vielleicht höre ich diese Stimme.“ Aber vorsichtig, denn hier kann man in dieselbe Falle tappen und die Stimme der persönlichen Interessen hören, die dir angenehmer sind, und nicht von seinem Kanal auf den Kanal der Heiligkeit umschalten.

Man kann versuchen, den Namen mit neuem Sinn zu füllen. Nehmen wir zum Beispiel den Namen Aida. Man kann ihn verstehen als אָעִידָה ('a'ida) – ich werde bezeugen. Man kann auch den Namen Galina in biblischem Sinn auslegen: גְּאַלִי-נָא (g'ali-ná) – erlöse mich doch, rette mich doch. Das heißt, manche Namen kann man, ohne sie zu ändern, irgendwie umgestalten, im jüdischen Sinn neu deuten. Aber da ist zum Beispiel der Name Natalija. Ursprünglich stammt dieser Name vom lateinischen Natalia (Natalija) – die Heimische, die Nahe. Aber Natalija kann auch נֶטַע לַאדֹנָי (néta ladonáj) ein Spross für den Höchsten sein. Vielleicht נָטָה לִי יָהּ (natá lí jáh) der Höchste neigte sich zu mir, der Höchste tritt für mich ein. Andererseits ist Natascha, die Kurzform des Namens, נְטוּשָׁה (ntuschá) die Verlassene, die Weggeworfene. Und wenn eine Frau das empfindet und es sie wirklich stört, dann muss man den Namen ändern. Wenn es nicht stört, dann nein, ist es nicht nötig. Wenn in ihrem Herzen kein solches Verständnis ist, dann ist es auch nicht nötig. Es leben haufenweise Dmitris, die überhaupt nicht an Demeter denken. Und frag sie, wer das ist, sie werden nicht unbedingt sagen, wer diese Göttin ist.

Und trotzdem muss man mit einer Namensänderung vorsichtig umgehen, denn jeder Name ist doch irgendein Satz von Werkzeugen und irgendein Notizbuch, irgendein Terminkalender, ein Google-Kalender oder Any.do oder irgendein anderes Programm, das in die Liste unserer Aufgaben eingespeist wird. Und wir müssen nachdenken: „Wollen wir das denn annehmen? Was sind das für Helden, deren Namen wir annehmen wollen, welche Eigenschaften hatten sie?“ Deshalb geht man mit dem Namenswechsel ziemlich vorsichtig um. Es kommt vor, dass ein Mensch krank ist oder dass bei ihm alles ganz miserabel läuft, und er trägt einen normalen, einfachen, schon irgendeinen jüdischen Namen. Dann fügt man seinem Namen einen Namen hinzu. Auch das ist eine Möglichkeit. Man kann seinem Namen einen jüdischen Namen hinzufügen. Man fügt den Namen Rafael – Gott, mein Heiler hinzu, oder Chajim – Leben. Man glaubt, dass das dem Menschen Gesundheit hinzufügt. Damit legen wir in sein Gefäß, in sein Werkzeugkästchen auch noch Gesundheit hinein. Was ist daran schlecht? Das ist eine gute Sache.

Wie wird ein Name geändert? Vor allem denkt man lange nach und trifft eine Entscheidung. Will ich das? Bin ich bereit, bin ich bereitIm Russischen stehen hier die männliche und die weibliche Form von „bereit“ nebeneinander: Die Frage gilt für einen Mann wie für eine Frau. Im Deutschen lauten beide Formen gleich. für alle Folgen, die damit verbunden sein werden? Nachdem man gut nachgedacht hat, ist die allerbeste Möglichkeit, 10 Menschen zu versammeln, bei irgendeiner Familienversammlung oder in der Gemeinde, und das bekannt zu geben. Warum in der Gemeinde? Weil der Name einerseits unser Eigentum ist, andererseits aber größtenteils andere ihn benutzen. Deshalb wäre es gut, diejenigen zu benachrichtigen, die ihn benutzen. Wenn es die Möglichkeit gibt, dass das irgendein angesehener, gottesfürchtiger Mensch tut, irgendein Diener, dem ihr vertraut, den ihr achtet und der es nicht nur bekannt geben, sondern auch noch segnen kann, dann ist das eine ganz wunderbare Möglichkeit. Wenn es nicht gelingt, 10 Menschen zu versammeln, wenn es nicht gelingt, eine Gemeinde im großen Sinn dieses Wortes zu versammeln, dann erinnern wir uns, dass auf zwei oder drei Zeugen hin jede Sache bestehen wird. Deshalb kann man tatsächlich zwei oder drei Zeugen versammeln und in Gegenwart von zwei oder drei Zeugen es bekannt geben und sagen: „Jetzt wird mein Name nicht Polina sein, sondern Sara. Jetzt wird mein Name nicht Wassili sein, sondern Mordechai.“ Jeder, wie er es machen will. Na, und es ist wichtig, dass dieser Name tatsächlich benutzt wird. Man kann diesen Namen für den Gebrauch in der Familie lassen. So etwas ist natürlich auch möglich. Es lohnt sich, alle Varianten durchzurechnen, zu schauen, wie dieser Name als Verkleinerungsform klingen wird, wie dieser Name als Kosename klingen wird, wie dieser Name vollständig klingen wird und so weiter. Denn wenn man im Viertel Mea Schearim einen Menschen namens Jisrael liebevoll Srulik nennt, dann klingt das für Mea Schearim sehr gut, aber so wird es nicht in allen Gegenden sein. Darüber muss man nachdenken. Und erst wenn ihr gut nachgedacht und all das getan habt, werdet ihr zu einem Menschen mit einem neuen Namen. Und nein, nicht mit einem neuen Schicksal. Mit einem neuen Satz von Werkzeugen, mit einem neuen Terminkalender, mit neuen Aufgaben. Aber das zu lernen wird lange dauern.

Na, und beenden möchte ich dieses unser kurzes Gespräch mit so einer Anekdote. Einst reisten die Leiter der Jeschiwot (Jeschiwa – das ist eine jüdische Lehranstalt) nach Amerika oder nach Europa, um Geld für ihre Lehranstalten zu sammeln. Und einer dieser Leute war ein Jeschiwa-Leiter, der Gad hieß. Und so geschah es, dass er nach Amerika kam, zu einem sehr, sehr reichen Mann gelangte, zu ihm kam und sagte: „Gib mir Geld für die Jeschiwa.“ Der Mann sagte zu ihm: „Wie heißt du?“ Er sagte: „Ich heiße Gad.“ Der Millionär sagte zu ihm: „Na, hier hast du 7 Dollar. Danke, dass du gekommen bist.“ Gad wunderte sich sehr darüber, na, stellte sich zur Seite, um im kleinen Flur zu warten: „Und wie ist es denn bei den anderen?“ Da kommt der nächste Bittsteller von diesem Millionär heraus, und Gad fragt ihn: „Wie viel hat dir dieser Reiche gegeben?“ Der antwortet: „Er hat mir 453 Dollar gegeben.“ Gad sagt verwundert: „Na, wie kann das denn sein? Ich habe eine Jeschiwa, du hast eine Jeschiwa, warum dir 453 und mir 7?“ Der Mann sagt: „Verstehst du, dieser Mann, dieser Reiche, er ist ein großer Sonderling, und er berechnet die Gematria des Namens des Bittstellers. Bei dir zum Beispiel, das Buchstäbchen ג (Gimel) – das ist nach der Gematria 3, das Buchstäbchen ד (Dalet) – nach der Gematria 4, da hast du 7 Dollar. Und ich heiße Awram Jizchak, also habe ich entsprechend 453 Dollar bekommen.“ „Na gut“, sagte Gad, „ich werde die entsprechenden Schlüsse ziehen.“ Und nach einiger Zeit taucht dieser Mann wieder beim Reichen auf, und der Reiche fragt ihn wieder nach seiner Gewohnheit: „Wie heißt du?“ Der Mann sagt: „Und ich heiße Artachschasta.“ Artachschasta, das hat er in dieser Zeit auszusprechen gelernt. Der Reiche sagt: „Ach was, so einen Namen gibt es nicht, hör schon auf.“ Na, der schlägt das Buch Esra auf und zeigt: „Hier, schau, es gibt so einen Namen.“ Und der Reiche schrieb diesen Namen zuerst auf, dann begann er die Gematria zu berechnen, und es kommen 971 Dollar heraus. Und das ist, das sage ich euch, der Name mit dem größten Zahlenwert im ganzen Tanach. Und der Reiche begann, die Dollar abzuzählen, hielt plötzlich inne, schaute: „Hör mal, irgendwie kommt mir dein Gesicht bekannt vor. Warst nicht du es, der vor ein paar Tagen bei mir vorbeikam? Nur, wenn ich mich recht erinnere, hießt du damals Gad.“ Der sagt: „Na ja, das war so, ich bin vorbeigekommen, ja, ich hieß Gad. Aber weißt du, im Buch Dewarim, wenn Mosche segnet, sagt er: ‚Gesegnet sei, der Gad Raum gegeben hat.‘ Und siehe, der HERR hat mir Raum gegeben, und ich war Gad, und jetzt bin ich Artachschasta geworden.“ Man erzählt, dass der Reiche beschloss, dass dieser Witz 970 Dollar wert ist, und Gad die Spende gab.

Das ist einfach so ein humorvolles Beispiel für Namensänderungen. Und wir wollen hier aufhören, in der Hoffnung, dass wir die meisten Fragen beantwortet haben.

Dies ist die Geschlechterfolge Esaws

Unser heutiges Gespräch möchte ich mit einer eigentümlichen Beichte beginnen. Obwohl ich ohne Zweifel glaube, dass die ganze Tora süß, nützlich, wichtig zur Belehrung ist, ist es so gekommen, und ich kann nichts dagegen tun, dass mir einige Kapitel der Tora besser gefallen als andere. Ich verfolge sehr gern das Leben der Patriarchen, erlebe gern alle Wechselfälle ihres Lebens mit, bin mit ihnen in Freude und Leid, teile ihre Tragödien, Zweifel, Siege. Ich liebe die Erzählungen der Tora sehr, die Geschichte des Volkes Israel und alles, was damit zusammenhängt. Aber es gibt solche Kapitel, die zu lesen mir außerordentlich schwerfällt. Man liest dieses Kapitel und denkt erstens, wozu es hier steht, zweitens, wann es denn endlich zu Ende ist. Und einerseits versteht man: Ja, natürlich, das sind Worte Gottes, die dir gesagt sind, sie sind für dich wichtig; andererseits dieses Unverständnis, wozu dieses Herumwühlen in irgendwelchen Namen, Geschlechterfolgen, die kein Ende haben. Eine sehr schwere Beschäftigung, und es ist schwer, daran Freude zu haben. Eines dieser Kapitel war für mich, man kann sagen, von jungen Jahren an das 36. Kapitel des Buches Bereschit.

In der Tora sind sehr viele Geschlechterfolgen enthalten. Gleich am Anfang lesen wir: „Dies ist die Geschlechterfolge der Erde und des Himmels am Tag ihrer Erschaffung; dies ist die Geschlechterfolge Adams אֵלֶּה תּוֹלְדֹת אָדָם (éle toledót adám), dies ist die Geschlechterfolge Noachs אֵלֶּה תּוֹלְדֹת נֹחַ (éle toledót nóach).“ Geschlechterfolgen gibt es viele. Und es gibt nur einen einzigen Menschen in der ganzen Schrift, dem im Tanach zwei Geschlechterfolgen gewidmet sind, über den zweimal gesagt ist: אֵלֶּה תּוֹלְדֹת (éle toledót) des Soundso. Wer ist dieser Mensch? Dieser Mensch ist Esaw. Und es ist sehr erstaunlich, warum gerade Esaw eine solche Ehre verdient hat, dass die Tora zweimal sagt: אֵלֶּה תֹּלְדוֹת עֵשָׂו (éle toledót essáw). Ich würde natürlich mit viel größerem Vergnügen dreimal die Geschlechterfolge Jizchaks oder Awrahams lesen, aber hier, da hast du's, Esaw. All das in dem einen 36. Kapitel, in dem außerdem überhaupt 7 verschiedene Geschlechterfolgen enthalten sind. Ein Teil davon ist die Geschlechterfolge Se'irs, derer, die vor Esaw im Land lebten. Und wenn man liest, entsteht die Frage: Na, wozu? Dieselbe Frage stellte sich der Überlieferung nach auch der frevlerische König Menasche, der die Tora verspottete und sagte: „Das war also dem HERRN wichtig, uns mitzuteilen, wie die Nebenfrau Esaws hieß und wie die Frau Esaws hieß.“

Heute möchte ich trotzdem mit euch zusammen das 36. Kapitel des Buches Bereschit lesen, über Esaw sprechen, über eine seiner Frauen, und versuchen zu verstehen, wozu uns dieses Kapitel geschrieben ist. Ich werde auf Russisch lesen, weil das nicht so ein traditionelles Torastudium ist, sondern ein freies Gespräch.

Dies ist die Geschlechterfolge Esaws, das ist Edom. Esaw nahm seine Frauen aus den kanaanäischen Töchtern: Ada, die Tochter Ejlons, des Chititers, und Oholiwama, die Tochter Anas, die Enkelin Ziwons, des Chiwiters, und Bosmat, die Tochter Jischmaels, die Schwester Newajots. Und Ada gebar dem Esaw Elifas, und Bosmat gebar Re'uel, und Oholiwama gebar Je'usch, Jalam und Korach. Das sind die Söhne Esaws, die ihm im kanaanäischen Land geboren wurden.

Obwohl das auf den ersten Blick eine einfache, langweilige Geschlechterfolge ist, gibt es in ihr einige interessante Details. Wenn die Tora von den drei Frauen Esaws spricht (Ada, Oholiwama und Bosmat), erwähnt sie nur bei Oholiwama den Namen des Vaters und den Namen des Großvaters. Heben wir das hervor und kommen wir später darauf zurück.

Wenn in der ersten Liste, wo die Frauen aufgezählt werden, die Esaw nahm, Oholiwama an zweiter Stelle steht, so findet sich Oholiwama in der Liste der Frauen, die Kinder gebaren, unerwartet an dritter Stelle. Obwohl sie, so sollte man meinen, die meisten geboren hat. Legen wir auch das beiseite, merken wir es uns und halten wir überhaupt ein Vergrößerungsglas über Oholiwama, die die Tochter Anas ist, die Enkelin Ziwons, des Chiwiters. Wir kommen noch auf sie zurück.

Dieser kleine Abschnitt endet im fünften Vers mit den Worten:

Das sind die Söhne Esaws, die ihm im kanaanäischen Land geboren wurden.

Wenn wir uns dem Text weiter oben zuwenden, dem Ende des 35. Kapitels, lesen wir eine ähnliche Geschichte über Jaakow, den leiblichen Bruder Esaws. Bemerken wir: Sie sind Zwillingsbrüder, es ist immer interessant, Zwillinge zu beobachten, zu beobachten, wie sich irgendwelche historischen, biografischen Ereignisse im Leben von Zwillingen kopieren, wiederholen. Über Jaakow lesen wir:

Die Söhne Leas: der Erstgeborene Jaakows, Re'uwen, und Schimon und Lewi und Jehuda und Jissachar und Sewulun; die Söhne Rachels: Josef und Binjamin; die Söhne Bilhas…

Und wir lesen am Ende:

Das sind die Söhne Jaakows, die ihm in Padan-Aram geboren wurden.

Also, zwei Zwillinge. „Das sind die Söhne Jaakows, die ihm in Padan-Aram geboren wurden.“ „Das sind die Söhne Esaws, die ihm im kanaanäischen Land geboren wurden.“ Na, es scheint ähnlich, aber es ist nicht ähnlich, denn die ganze Familie Esaws wurde im verheißenen kanaanäischen Land geboren, und die ganze Familie Jaakows wurde praktisch in Padan-Aram geboren, außerhalb des Landes Israel. Zwei Brüder mit einem so unterschiedlichen Schicksal.

Weiter lesen wir:

Und Esaw nahm seine Frauen und seine Söhne und seine Töchter und alle Seelen seines Hauses und seine Herden und all sein Vieh und all seine Habe, die er im kanaanäischen Land erworben hatte, und ging in ein anderes Land, weg vom Angesicht Jaakows, seines Bruders.

 Und über Jaakow lesen wir:

Und Jaakow stand auf und hob seine Kinder und seine Frauen auf die Kamele und führte sein Vieh weg und all seine Habe, die er erworben hatte, sein Vieh eigentlich, das er in Padan-Aram erworben hatte, um zu Jizchak, seinem Vater, ins kanaanäische Land zu gehen.

Also, einer der Brüder, der fast seine ganze Familie außerhalb des verheißenen Landes geboren hat, packt, sammelt seine ganze Familie auf einen Haufen und macht sich auf ins verheißene Land. Wie reagiert darauf der andere Bruder, der, der die ganze Zeit in eben jenem verheißenen Land gelebt hat? Er macht sich aus dem verheißenen Land auf nach Se'ir.

Im Buch Dewarim (2,12) lesen wir:

Und auf Se'ir wohnten früher die Choriter, aber die Söhne Esaws vertrieben sie vor sich und vertilgten sie und ließen sich an ihrer Stelle nieder, wie Jisrael mit dem Land seines Erbes verfuhr, das ihnen der HERR gegeben hat.

Die Choriter waren kurz zuvor, verhältnismäßig kurz zuvor, von Awraham zerzaust worden, während des Krieges Awrahams mit mehreren Königen, sie haben dort auch ordentlich etwas abbekommen, das ist ein etwas geschwächtes Volk, und Esaw kommt und erobert es dort auf dem Berg Se'ir.

Wenn wir das 36. Kapitel weiterlesen, achten wir auf einen gewissen Zusammenhang zwischen dem 8. und dem 9. Vers:

Und Esaw ließ sich auf dem Berg Se'ir nieder, Esaw, das ist Edom.

Das ist der Abschluss der Geschlechterfolge, die im 1. Vers beginnt: „Dies ist die Geschlechterfolge Esaws, das ist Edom.“ Im 9. Vers lesen wir:

Dies ist die Geschlechterfolge Esaws, des Vaters der Edomiter, auf dem Berg Se'ir.

Hier ist er schon nicht mehr Edom, nicht ein Mensch, der mit dem Namen Edom gerufen wird, nicht ein Mensch mit dem Beinamen Edom, sondern der Vater eines Volkes, das Edomiter heißt. Das heißt, Esaw assimiliert sich, Esaw löst sich in einem anderen Volk auf, und dieses Volk wird zu den Edomitern.

Die zweite Geschlechterfolge ist nicht noch eine weitere Geschlechterfolge Esaws. Das ist die Geschichte davon, wie ein Mensch namens Esaw, das ist Edom, der Sohn Jizchaks, seine Familie aus dem verheißenen Land wegführte und sie zu einem anderen Volk machte. Die Geschichte davon, wie Esaw zum Vater eines anderen Volkes wurde. Nicht ganz ein und dieselbe Geschlechterfolge, die sich zweimal wiederholt.

Habt ihr Oholiwama noch nicht vergessen? Achtet auf den 10. Vers.

Dies sind die Namen der Söhne Esaws: Elifas, der Sohn Adas, der Frau Esaws, Re'uel, der Sohn Bosmats, der Frau Esaws.

Und weiter folgen Aufzählungen der Enkel. Wer ist hier nicht erwähnt, wer ist hier verschwunden? Verschwunden ist hier Oholiwama. Zuerst erschien sie in der Geschlechterfolge Esaws an zweiter Stelle, dann rückte sie, nachdem sie schon drei Kinder geboren hatte (mehr als alle anderen Frauen, übrigens), an die dritte Stelle. Jetzt ist sie, die nach wie vor mehr Kinder geboren hat als alle anderen Frauen, zu diesem Zeitpunkt überhaupt aus der Liste verschwunden. Warum? Es ist doch nicht gesagt, dass sie ungeliebt, verachtet ist, dass sie gestorben ist. Es ist nichts darüber bekannt, warum sie aus dem 10. Vers verschwunden ist. Im 14. Vers erinnert sich die Tora gleichsam: „Ach ja, Oholiwama gab es ja auch noch.“

Und dies sind die Söhne Oholiwamas, der Tochter Anas, der Tochter Ziwons, der Frau Esaws. Sie gebar dem Esaw Je'usch und Jalam und Korach“. Halten wir vorerst an.

Kehren wir wieder zum 9. Vers zurück:

Dies ist die Geschlechterfolge Esaws, des Vaters der Edomiter, auf dem Berg Se'ir.

Wenn wir von Parallelen zwischen den Zwillingen sprechen, dann werden wir im 37. Kapitel sehen: „Dies ist die Geschlechterfolge Jaakows: Josef war 18 Jahre alt, und es geschah mit ihm das und das und das.“ Und auch dort ist es nicht verständlich, ja, wieso denn die Geschlechterfolge Jaakows, wenn da doch Josef ist. Aber in der Parallele zu diesem Kapitel sehen wir: Die Geschlechterfolge Jaakows wird im Grunde damit beginnen, dass Josef da sein wird, er wird nach Ägypten hinabziehen, und die ägyptische Gefangenschaft wird beginnen, von wo aus das israelitische Volk seinen Anfang nehmen und sich aufbauen wird. Die Geschlechterfolge Esaws beginnt damit, dass er sich in Edomiter verwandelt, das heißt, er wird in der Fortsetzung seines Weges durch alle seine Frauen zu einem Teil des edomitischen Volkes.

Lesen wir weiter im 20. Vers:

Dies sind die Söhne Se'irs, des Choriters, die in jenem Land wohnten.

Das heißt, die Tora spricht zu uns plötzlich nicht nur von der Geschlechterfolge Esaws selbst, der kam und, wie wir im Buch Dewarim gelesen haben, die Choriter vertrieb und sich an ihrer Stelle niederließ, sondern sie erzählt uns aus irgendeinem Grund (gleich verstehen wir, wozu) auch die Geschlechterfolge des Choriters nach.

Dies sind die Söhne Se'irs, des Choriters, die in jenem Land wohnten: Lotan und Schowal, Ziwon und Ana. (von Ziwon haben wir schon gehört). Und Dischon, Ezer und Dischan – das sind die Ältesten der Choriter, der Söhne Se'irs im Land Edom.

Das Wort Ältester, das hier verwendet wird, אַלּוּף (alúf) – das ist ein rein choritischer Begriff, er wird später, viele, viele Jahrhunderte danach, im Buch Secharja vorkommen, aber zu jener Zeit ist das in der Region der choritische Begriff für den Ältesten. Es ist verständlich, dass ihre Ältesten mit ihrem Begriff bezeichnet wurden. Im 24. Vers lesen wir:

Und dies sind die Söhne Ziwons: Aja und Ana (und weiter etwas Erstaunliches), „Das ist jener Ana, der die Maultiere in der Wüste fand, als er die Esel Ziwons, seines Vaters, weidete.“

Wenn jemanden die Frage gequält hat, wer die Maultiere gefunden hat, als er das Vieh Ziwons, seines Vaters, weidete, dann sehen wir jetzt die Antwort – das ist Ana. Übrigens ist im Text selbst ganz und gar nicht verständlich, was er eigentlich gefunden hat. Vielleicht waren es Maultiere, nach einigen Versionen sind es Riesen, nach anderen Versionen sind es heiße Thermalquellen, nach dritten Versionen sind es irgendwelche Haufen Gold. Kurz, es gibt verschiedene Versionen und verschiedene Ansichten, und es ist nicht so wichtig, was er gefunden hat, wie das, dass die Tora uns mitteilen will, dass er es gefunden hat. Warum teilt uns die Tora unerwartet solche Angaben mit? Wir können es schon aus dem folgenden Vers verstehen:

Dies sind die Kinder Anas: Dischon und Oholiwama, die Tochter Anas.

Die Tora sagt uns: „Schaut, schaut, das ist eben jene Oholiwama.“ Die Tora wiederholt sogar zweimal in einem Vers, dass sie die Tochter Anas ist, obwohl das auch früher schon gesagt wurde. Als ob die Tora uns mit allen Mitteln zeigt: „Schaut, das ist Oholiwama, sie ist eine Nachfahrin Se'irs, des Choriters, sie ist von den Einheimischen, sie ist aus einer Familie, über die sogar schon Legenden entstanden sind.“ Zum Beispiel wissen wir über Ana: Das ist eben jener Ana, der einst etwas sehr Wichtiges gefunden hat, der legendäre Ana. Das ist eine örtliche Legende, eine örtliche Überlieferung. Esaw geht im Volk Se'irs auf. Einerseits lesen wir, dass Esaw dieses Volk tatsächlich eroberte und einen großen Teil davon vertrieb, andererseits verschwägerte er sich so sehr mit ihm, dass sogar die Legenden und Überlieferungen gemeinsame wurden. Erinnert euch, als Rut sich an Naomi wendet, sagt sie vor allem: „Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott.“ Zuerst nehmen wir das Volk mit seiner Überlieferung an, sogar mit seiner mündlichen Tradition, danach erst folgt die Anbetung Gottes. So geschieht der Gijur in Israel. Genauso konnten leider auch die Nachkommen Awrahams abfallen. Zuerst treten wir in Verbindung mit irgendeiner legendären Persönlichkeit samt ihren Legenden, und danach folgt dann auch schon die Anbetung anderer Götter. Genau so ist auch der Weg Esaws, einer zahlenmäßig kleinen Familie, vielleicht von 400 Menschen, die dennoch für die geschwächten Choriter furchterregend ist, und sie eroberten sie, vertrieben vielleicht einen Teil, aber als Volk sind die Choriter stärker und fähig, Esaw zu assimilieren, und diese Assimilation geschieht. Daraus entsteht das edomitische Volk.

In dieser Zeit ist die Parallele der Geschlechterfolge Jaakows – das ist Josef, das ist der Abstieg nach Ägypten. Das heißt, die Geschlechterfolge Esaws, des Vaters der Edomiter, und die Geschlechterfolge Jaakows, des Vaters Josefs, der nach Ägypten hinabziehen wird. So eine ziemlich verschlungene Parallele. Während Jaakow durch Ägypten hindurchgeht, als mächtiges Volk zurückkehrt, das das Land erobern und tatsächlich alle Völker vertreiben kann und sich nicht mehr in ihnen auflöst, sich nicht mit ihnen assimiliert, erobert Esaw das Land eines etwas geschwächten Feindes und assimiliert sich allmählich in diesem Land. Und darin liegt der Unterschied zwischen den zwei Zwillingen. Der eine bleibt in dem Land, in das er übergesiedelt ist, das heißt, er siedelte aus Kanaan nach Se'ir über und setzte sich dort fest. Er setzte sich so fest, dass er sich verschwägerte, Verbindungen mit diesem Volk aufbaute, ein Teil davon wurde.

Wir lesen später im 40. Vers noch eine Liste von Namen, die Namen אַלּוּפֵי עֵשָׂו (alufé essaw). Ich habe davon gesprochen, dass das Wort אַלּוּף (alúf) zum Stammesnamen der Choriter gehört, das heißt, die Esawiter, seine Nachkommen, haben sich diese Namen schon angeeignet. Und wenn wir lesen: der Älteste Oholiwama, der Älteste Ejla, Pinon – das sind schon choritische Namen. Das heißt, die Nachkommen Esaws wurden tatsächlich zu Edomitern, von dort ging so ein Volk aus, die Edomiter. Das sind schon nicht mehr die Nachkommen oder, genauer, nicht die geistigen Erben Jizchaks, wenn man es in eine praktische Sprache übersetzt. Möglicherweise hat Esaw die ersten drei Söhne Oholiwamas noch beschnitten, höchstwahrscheinlich hat er sie beschnitten, aber schon ihre Nachkommen waren unbeschnitten und wurden ein Teil eines anderen Volkes.

Die Nachkommen Jaakows aber zogen nach Ägypten hinab, formten sich dort als Volk und stiegen dann ins Land Israel hinauf, schon als ein ganzes, einheitliches Volk. Wenn man das von außen betrachtet, fügt sich bei Esaw scheinbar alles gesegnet: Er ist in Kanaan aufgewachsen, und er hat alles erobert, und alles gelingt ihm schnell, die Erlösung des Höchsten aber geschieht, wie man auf Hebräisch sagt, קמעא קמעא (kima kima – Schritt für Schritt, in kleinen, kleinen Schrittchen). Und Jaakow eilt nicht, sich im Land festzusetzen, das heißt, möglicherweise eilt er selbst sehr wohl, aber es gibt die Führung des Höchsten, dass man auf festem Fundament bauen muss. Und Gott lässt das Volk Israel nach Ägypten hinabziehen.

Der ganze Unterschied im Verhalten ist eigentlich dadurch bedingt, dass der eine unter der Führung Gottes steht und der andere nicht ganz. Und die Etappen, die sie durchlaufen, sind ähnliche Etappen. Wem ist dieses Kapitel also im Grunde gewidmet? Dem, wie ein Volk aufgebaut wird und ein anderes Volk zerstört wird. Wie ein Volk, das sich, so sollte man meinen, in Kanaan gefestigt hatte, ins Exil hinabstieg. Wie es in demselben Exil sich nicht als Volk bewahren konnte, sondern sich in ein anderes Volk verwandelte, in die Edomiter. Andererseits kehrten die Nachkommen Jaakows, der alle seine Söhne außerhalb Kanaans zeugte, nach Kanaan zurück, setzten sich aber in Kanaan nicht sofort fest, assimilierten sich nicht unter den kanaanäischen Völkern. Sie stiegen nach der Vorsehung des Höchsten nach Ägypten hinab, deshalb יוֹסֵף תֹּלְדוֹת יַעֲקֹב (toledót jaaków josef) die Geschlechterfolge Jaakows – das ist Josef. Und durch Josef wird die Entstehung und Formung des jüdischen Volkes geschehen. Es wird sich nicht sofort in Kanaan festsetzen, denn käme es sofort nach Kanaan, würden allerlei Oholiwamas auftauchen, und es gäbe keine Zahl für sie. Und die Kinder werden schon nicht mehr Nachkommen Awrahams sein, werden sich von ihren Wurzeln losreißen, sich assimilieren, sich auflösen, und irgendwo, irgendwie werden vielleicht irgendwelche alten Namen durchschlüpfen, und irgendwelche Leute werden bald anfangen, ihre jüdischen Wurzeln zu suchen. Wie die weisen Lehrer sagen: Ein Jude ist der, dessen Enkel Juden sein werden. Bei Esaw hat es mit den Enkeln nicht geklappt, wie wir an Oholiwama sehen. Man kann natürlich einwenden, dass er doch Enkel von den zwei anderen Frauen hat, aber in Wirklichkeit zeigt Oholiwama einfach die Tendenz, deshalb wird sie in diesem Kapitel so sorgfältig mehrmals in ganz verschiedenen Formen erwähnt. Aber der Höchste hat die Schicksale der Zwillinge verschieden vorgesehen. Ja, sie sind parallel, und wir sehen, viele Parallelen gibt es in den Schicksalen der Zwillinge Jaakow und Esaw. Aber eben diese verschiedenen Geschlechterfolgen, die im 36. Kapitel wie ein Mosaik verstreut sind, enthalten einen Vergleich, Parallelen zum Leben Jaakows, die zeigen, wie verschieden die Zwillinge durch dieselben Lebensetappen gehen. Parallel in der Zeit, aber senkrecht, kann man so sagen, im geistlichen Raum.

Die Umbenennung Jaakows

Über Jaakow erzählt die Tora mehr als über unsere anderen Stammväter. Mehr als über Awraham und Jizchak. Und das bedeutet, dass der Geber der Tora will, dass wir genauer auf sein ereignisreiches Leben schauen. Und unser Wochenabschnitt Wajischlach ist auch voll von vielen interessanten Ereignissen. Und eines der wichtigsten Ereignisse, und wohl das Schlüsselereignis im Leben Jaakows, ist, dass sich Jaakows Name geändert hat. Und zwar geschieht diese Umbenennung ganze zwei Mal. Zuerst sagt der Engel, der mit ihm gerungen hat, zu ihm:

Nicht Jaakow soll fortan dein Name lauten, sondern Jisrael, denn du hast mit Gott gerungen, mit dem Engel Gottes, und mit Menschen und hast obsiegt.

Und weiter, ebenfalls in unserem Wochenabschnitt, sagt der Höchste zu ihm:

Dein Name ist Jaakow, du sollst fortan nicht mehr mit dem Namen Jaakow genannt werden. Dein Name ist Jaakow, aber du sollst fortan nicht mehr mit dem Namen Jaakow genannt werden, sondern Jisrael soll dein Name sein. Und er gab ihm den Namen Jisrael.

Und es entstehen Fragen. Erstens, wozu und warum wurde der Name zweimal geändert? Zweitens, warum sagt der Höchste einen so erstaunlichen Satz: „Dein Name ist Jaakow, und du wirst nicht mehr Jaakow genannt werden?“ Und weiter können wir doch sehen, dass Jaakow bis zu seinem Tod weiterhin mit dem Namen Jaakow genannt wurde, so lesen wir in Bereschit (49,33):

Und Jaakow beendete das Gebieten an seine Söhne, und er zog seine Füße auf das Lager zusammen, und er verschied, und er gesellte sich zu seinem Volk

Wenn wir das mit anderen Fällen vergleichen, in denen jemand in der Tora seinen Namen geändert hat, dann sehen wir eine seltsame Sache. So hat Awraham seinen Namen geändert. Der Höchste sagte zu ihm:

Und du sollst nicht mehr Awram heißen, sondern dein Name soll Awraham sein, denn zum Vater einer Menge von Völkern werde ich dich werden lassen.

Das heißt, Awram war Awram, wurde Awraham, weil der Höchste ihm die Bestimmung geändert hat (oder ihm die Bestimmung offenbart hat, zu der er bereitet war). Und weil er der Vater einer Menge von Völkern werden wird, hat man ihm den Namen geändert.

Ein anderer Fall – Jehoschua bin Nun. Er hieß Hoschea. Und wir lesen:

Und Mosche nannte Hoschea, den Sohn Nuns, Jehoschua.

Die Kommentatoren sagen: „Wozu hat er das so gemacht?“ Das war eine Art Gebet. „Jehoschua – Er wird dich retten. Der HERR wird dich retten. Möge der Höchste dich vor dem Virus retten, vor der Verschwörung der Kundschafter. Möge der Höchste dich von den Kundschaftern absondern.“ Das heißt, das ist entweder ein Segen bestimmter Art, ein Gebet für den Menschen (und wir sagen oft, dass der Name, den die Eltern dem Kind geben, ein Gebet für ihn ist); oder es ist das, welche Veränderungen er in die Familie bringen wird; oder es ist die Verkündigung der Bestimmung, die der Höchste offenbart.

Im Fall von Jisrael sehen wir weder das eine noch das andere. Und es entsteht die Frage: Was ist das denn nun für eine Umbenennung? Wenn wir das Leben Jaakows vom allerersten Anfang des Lebens an betrachten, dann ist das ein Leben als Kampf. Ja, sogar schon vor dem Beginn des Lebens, als er noch mit Esaw im Mutterleib war, sehen wir, dass schon damals: „וַיִּתְרֹצֲצוּ (wajitrozezú) und es tummelten sich die Kinder im Leib Riwkas.“ Schon damals kam Jaakow mit der umgebenden Welt nicht zurecht. Schon damals hatte er es nicht leicht. Als Jaakow geboren wurde, wissen wir, dass er den Namen Jaakow erhielt. Und dieser Name selbst hatte eine nicht sehr gute Konnotation. Nicht umsonst sagt Esaw: „Deshalb nennt man ihn Jaakow. Weil er mich betrogen hat.“ Jaakow – das bedeutet ein wenig listig, gerissen, ein Schlitzohr, einer, der alles nicht durch eigene Arbeit bekommt. Und einen solchen Ruf bekam Jaakow. Er hat tatsächlich, kann man sagen, wenn man ihn nicht sehr wohlwollend betrachtet, dem Bruder einfach das Erstgeburtsrecht weggenommen, indem er ausnutzte, dass der hungrig und müde war. Dann betrog er seinen Vater, erlangte durch Betrug den Segen. Floh. Und floh auch noch zu so einem Schlitzohr und nicht sehr guten Menschen, der ihn ebenfalls zu nicht sehr einfachen Handlungen zwang. Sein Leben war ganz und gar kein Zuckerschlecken, wie er es später selbst dem Pharao erzählen wird. Dann die Rückkehr nach Kanaan, der Tod der geliebten Frau (eine der größten Tragödien wohl im Leben Jaakows), die Vergewaltigung Dinas, der Verkauf Josefs und viele, viele andere Unglücke. Man kann sagen, angefangen damit, dass Jaakow ein vom Vater nicht geliebter Sohn war, Jaakow ein Fremder im Haus Lawans war, Jaakow die geliebte Frau verlor und mit einer Frau lebte, die, wie die Tora sagt, von ihm gehasst wurde. Na ja, das ist eine Übertreibung der Tora, das ist eine Metapher der Tora. Kein sehr einfaches Leben hat der Mensch. Und dieser Name Jaakow, und die ständige Beschuldigung, dass er irgendetwas bei irgendjemandem gestohlen hat: bei Esaw das Erstgeburtsrecht, bei Lawan das Vieh, und geh und wisse, was und bei wem noch. Und da erscheint ein Engel, der mit ihm ringt, und er sagt: „Man wird nicht mehr sagen, dass du deine Segnungen auf unreinem, unredlichem Weg erhalten hast. Von nun an wird alles, was du in deinem Leben erhältst, alle Segnungen, die du erhalten wirst – die Leute werden sehen, dass sie ehrlich verdient sind. Es wird nichts umsonst geben, es wird nicht einfach sein, sondern es wird ein Segen sein, den du dir mit deinem Leben verdienst.“

Jaakow symbolisiert eine Art Kampf zwischen Jaakow und Israel. Wem ist Gott gnädig, mit wem ist der Höchste? Können wir sagen, dass ein Mensch, der erfolgreich geboren wurde, erfolgreich lebt, keinen Kummer kennt, kein Unglück kennt – dass das ein Mensch ist, mit dem Gott ist? Oder, umgekehrt, ein Mensch, der alles durch seine Arbeit verdient? Wie gesagt ist: Die Gerechten leiden in der Jugend und sind ruhig, satt im Alter. Vielleicht ist mit diesem Menschen Gott? Wie sollen wir das bestimmen? Jaakow, Israel – das ist ein Beispiel für jenes Dilemma, das sowohl vor jedem Menschen steht, wenn er seine Situation beurteilt, als auch vor dem Menschen, wenn er auf andere schaut.

Der geliebte Sohn Jaakows ist Josef. Und Jaakow, der selbst darunter litt, dass nicht er der geliebte Sohn war, hebt Josef hervor und liefert ihn damit schon ans Messer. Josef gelangt als halbnackter Sklave nach Ägypten. Man schleppt ihn über Sklavenmärkte, im besten Fall halbnackt, wenn nicht gar entblößt. Er ist erbärmlich, ausgezehrt. Man stellt ihn zum Verkauf aus. Potifar kauft ihn und sieht, dass Gott mit ihm ist. Und Josef macht Karriere, als Sklave, im Haus Potifars, weil Potifar sieht, dass Gott mit ihm ist, und ihm immer mehr vertraut. Und durch eine falsche Beschuldigung kommt Josef ins Gefängnis. Man sollte meinen: ein gestohlener Sklave, fälschlich beschuldigt (unklar, ob der Gefängnisvorsteher wusste, dass er fälschlich beschuldigt war), ist ins Gefängnis geraten. Der Vorsteher sieht, dass Gott mit ihm ist, und befördert ihn wieder, jetzt schon im Gefängnis. Dieser Mensch, der dem Anschein nach erbärmlich, unglücklich ist, und was kann schlimmer sein als ein Sklave, der ins Gefängnis geraten ist? Von wem kann man in höherem Maß sagen, dass Gott ihn verlassen hat? Aber man sieht, dass Gott mit ihm ist. Man sieht, dass er das Licht Gottes trägt, und durch ihn sieht man Gott, trotz all seiner Schwierigkeiten. Und wenn wir das mit dem Leben Jaakows vergleichen, sehen wir, dass es eine Wiederholung des Lebens Jaakows ist.

Jaakow erlebt einen Haufen Unannehmlichkeiten. Sein Leben kann man keineswegs komfortabel nennen. Wir haben schon gesagt: in all seinen Unglücken, in all seinen Nöten, wenn Jaakow sich irrt, und wenn Jaakow schreckliche Fehler macht, und wenn Jaakow Esaw fürchtet, und wenn Jaakow fürchtet, was seine eigenen Kinder im Fall mit Dina getan haben – in allen Situationen, der richtige Jaakow, der irrende Jaakow, der trauernde Jaakow, der feige Jaakow, der listige Jaakow – offenbart der Höchste, dass Er mit ihm ist. Das ist das grundlegende Zeugnis. Niemand wird mehr sagen, dass dir etwas umsonst zugefallen ist, und dir wird nichts mehr umsonst zufallen. Das ist ein Segen, nach dem sich nicht sehr viele ausstrecken werden, weil man leicht und komfortabel leben möchte. Aber genau das ist es, was Jaakow erhält, als er umbenannt wird. Das ist es, was sich später auf das Leben Josefs auswirken wird. Das ist es, was wir erhalten, wenn wir uns Bnej Jisrael nennen. Wir kämpfen mit der Wirklichkeit, wir kämpfen mit jenen Hindernissen, mit jenen Herausforderungen, die der Höchste vor uns stellt. Alles, was mit uns geschieht, ist das, was der Höchste uns lehren will.

Jedes unserer Hindernisse, jede Hürde in unserem Leben ist eine Lektion des Höchsten. Und der Höchste sagt: „Ich werde euch lehren, ihr seid in meiner Schule, wie meine Schüler. Bei euch wird nichts umsonst sein. Was ihr bekommt, werdet ihr euch verdienen.“ Das bedeutet nicht, dass es keine Gnade gibt, dass der Höchste den Gerechten nicht unendlich beschenkt. Das bedeutet nicht: Verdienst du es nicht, bekommst du nichts. Es geht darum, dass die Annäherung an den Höchsten, der Aufbau einer Beziehung mit Ihm, die Arbeit des Eintretens in Seine Gnade ist. Auch das ist Arbeit. Und das ist es, was für alle sichtbar sein wird. Und das ist es, was der Name Jisrael bedeutet. Derjenige, der den Segen dadurch empfängt, dass er zeigt, dass Gott mit ihm ist im Überwinden von Schwierigkeiten, im Überwinden einer Lebenssituation, im Überwinden der eigenen Mängel, irgendwelcher Ereignisse im eigenen Leben, irgendwelcher eigener Probleme. Diese Umbenennung ist ein Schlüsselereignis im Leben Jaakows und sehr wichtig in der jüdischen Geschichte.

Die Rückkehr Israels

In unserem Abschnitt gibt es wiederum einige wichtige historische Zeugnisse. Das erste Zeugnis, über das wir sprechen können, ist die Begegnung von Jaakow und Esaw. Jaakow kehrt nach Hause zurück, nach Kanaan. Er war viele Jahre nicht dort gewesen. Sein ganzer Aufenthalt außerhalb Kanaans symbolisiert das Exil. Dementsprechend symbolisiert die Rückkehr Jaakows nach Kanaan die Rückkehr ins Judentum. Noch einen Tag, bevor er Esaw begegnen soll, greift ihn jemand an. Jemand ringt mit ihm in der Nacht bis zum Morgengrauen. Die Kommentatoren streiten über das Thema: „Wer könnte das gewesen sein?“ Einige sagen, es sei der Schutzengel Esaws gewesen. Andere sagen, es sei irgendein Mensch von den Leuten Lawans gewesen.

Aber es gibt auch eine andere Auslegung. Und dieser Auslegung zufolge rang mit Jaakow ein Engel, ein Gesandter des Höchsten. Die ganze Zeit, während Jaakow im Exil war, lebte er das Leben eines einfachen weltlichen Menschen. In seinem Leben gab es sehr wenig Göttliches. Und deshalb wird vor der Rückkehr nach Kanaan, vor der Rückkehr in das Land, das ihm bestimmt ist, ein Engel gesandt, um ihn aufzuwecken, um ihn auf die Mission vorzubereiten, um in ihm das geistliche Prinzip zu wecken. Und zusammen mit diesem Erwachen bekommt Jaakow einen neuen Namen – Jisrael. Dieser Name Jisrael ist noch keine neue Persönlichkeit, das ist noch nicht der erneuerte Jaakow. Das ist erst ein Same, ein Keim der neuen Persönlichkeit. Wir können sehen, dass, nachdem Awram zu Awraham geworden war, nachdem der Höchste ihm einen neuen Namen gegeben hatte, Er ihn niemals mit dem alten Namen anredet. Genauso Saráj, die nun Sára genannt wurde: Man nennt sie nicht mehr Saráj. Aber Jaakow redet der Höchste auf verschiedene Weise an. Manchmal Jaakow, manchmal Jisrael. Nach der Meinung der Weisen hängt das vom geistlichen Zustand ab, in dem sich Jaakow befindet. Es ergibt sich, dass Jaakow nach diesem morgendlichen Kampf erst noch Jisrael werden muss.

Wir können sehen, was geschieht, als Jaakow seinem Bruder Esaw begegnet. Wir müssen daran denken, dass Jaakow, als er den Segen Jizchaks empfing, die Priesterschaft empfing. Zwischen Jaakow und Esaw besteht nicht nur ein brüderliches Verhältnis, sondern auch das Verhältnis von Priester und Volk. Jaakow nennt sich im Gespräch mit Esaw bei der Begegnung mit ihm achtmal Knecht. Achtmal sagt er zu Esaw: „Du bist der Herr.“ Und das, obwohl Esaw dazu berufen ist, Jaakow zu dienen. Wir sehen im Gespräch, dass Esaw Jaakow vergeben hat. Wir sehen, dass Esaw sich freut, ihn zu sehen. Die jüdischen Kommentatoren sagen, dass, als Esaw Jaakow sah, sein Herz weich wurde. Aber Jaakow seinerseits glaubte Esaw nicht endgültig. Esaw erbietet sich, Jaakow zu begleiten. Er verspricht sogar, langsam zu gehen, so, dass es für Jaakow bequem ist. Aber Jaakow entfernt sich mit List von Esaw. Er glaubt Esaw nicht und ist erst recht nicht bereit, ihm zu dienen. Man kann in dieser Tat der Väter ein Zeichen für die Nachkommen sehen: Die Rückkehr des Volkes Israel in das Land Israel sollte nach dem Plan des Höchsten mit dem Dienst an den Völkern der Welt verbunden sein, an den Nachkommen Esaws. Wir hätten erwarten sollen, dass Jisrael für die Priesterschaft zurückkehrt. Aber als Jaakow zurückgekehrt war, willigte er nicht ein, Esaw zu dienen. Jaakow trat die Priesterschaft nicht an. Deshalb ist die heutige Rückkehr Israels in das Land noch eine Rückkehr nach dem Fleisch und nicht nach dem Geist. Genauso wie Jaakow nicht Jisrael werden konnte, sobald er in das Land gekommen war, genauso kommen seine Nachkommen vorerst nur als Jaakow in das Land, nicht als Jisrael. Und wir müssen die geistliche Rückkehr Israels erwarten, erflehen und auf jede Weise näherbringen. Damit die Welt in Ordnung gebracht wird, damit das Reich des Maschiach anbricht, ist es notwendig, dass Israel die priesterliche Position einnimmt. Israel selbst will das nicht. Die Völker der Welt sind dazu nicht bereit. Aber das ist der Plan des Höchsten, wie er in der Tora offenbart ist.

Drei Wörter

Ich möchte mit euch über drei meiner Meinung nach wichtige Wörter sprechen, die die Form, die Art der Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und dem Höchsten beschreiben. Diese Wörter kommen in unserem Buch Bereschit vor, angefangen mit dem Wochenabschnitt Wajera bis hin zum Wochenabschnitt Mikez. Das erste Wort, über das wir sprechen werden, ist das Wort hinneni, was übersetztIm Original heißt es „in der Übersetzung ins Russische“. Da hier eine deutsche Übersetzung vorliegt, steht neutral „übersetzt“. hier bin ich bedeutet. Zum ersten Mal erklingt dieses Wort im Mund eines Menschen, als Awraham es ausspricht. Im 22. Kapitel des Buches Bereschit lesen wir:

וַיְהִי אַחַר הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה וְהָאֱלֹהִים נִסָּה אֶת-אַבְרָהָם וַיֹּאמֶר אֵלָיו ַבְרָהָם וַיֹּאמֶר הִנֵּנִי׃

wajhi achár haddewarím ha'elle weha'elohim nissá et-awrahamIn der russischen Umschrift ist der Name Awraham zweimal versehentlich mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. wajomer eláw awraham wajomer hinneni

1 Und es geschah nach diesen Worten, und Gott prüfte Awraham und sprach zu ihm: „Awraham!“, und Awraham antwortete: „Hier bin ich!“

„Hier bin ich.“ Was bedeutet dieser Satz? Es scheint ja verständlich: „Ich, da bin ich. Da bin ich hier. Ich bin bereit, euren Auftrag auszuführen. Ich habe mich zu eurer Verfügung eingefunden. Ich stehe ganz zu eurer Verfügung.“ Einerseits schließt dieser Satz eine gewisse Bescheidenheit ein: „Da bin ich, ich bin vor Dir, ich bin bereit, Deinen Willen zu tun.“ Andererseits bedeutet dieser Satz auch, dass ich ein bestimmtes Potenzial habe, dass ich bestimmte Kräfte habe, mit denen ich bereit bin, diesen Willen zu erfüllen. Man kann sagen, dass der Ausdruck hinneni im Mund eines Menschen erklingt, wenn der Mensch der göttlichen Gegenwart in der einen oder anderen Form begegnet, selbst wenn es ein Dialog zwischen Vater und Sohn ist. Wir lesen weiter, als Jizchak und Awraham schon zum Ort des Opfers gehen. Es spielt sich eine sehr dramatische Szene ab.

Wajomer jizchák el-awraham awíw (und Jizchak sprach zu Awraham, seinem Vater) wajomer (und sprach). Offenbar eine doppelte Wiederholung. Es gab ein Schweigen, und dann: „Und Jizchak sprach zu Awraham, seinem Vater, und sprach …“. Schwer fallen Jizchak diese Worte. „Und er sprach zu ihm: ‚Awi (Papa)!‘ Wajomer hinneni (und er sprach: ‚Hier bin ich‘).“ Als schon fast alles klar geworden war, als sie schon zum Ort des Opfers gegangen waren, sieht der Vater im Dialog mit Jizchak einen Dialog mit dem Höchsten. Das ist ein Mensch, der den Willen des Höchsten erfüllt, und hier dient der Vater ihm, wie er vor die Schechina tritt, als ob sich die göttliche Gegenwart in den Worten Jizchaks offenbart. Und der Vater antwortet ihm: „Hinneni wení (hier bin ich, mein Sohn).“ Und Jizchak stellt seine bekannte Frage: „Hinne haesch weha'ezím (hier ist das Feuer und das Holz), weajjé hassé le'olá (aber wo ist das Lamm zum Opfer)?“ Hier sagt Awraham wieder zu Jizchak: „Ich stehe ganz zu deiner Verfügung, ich bin ganz bereit, dir zu helfen.“ Dann hören wir zum dritten Mal dieses hinneni, als der Engel Awraham zuruft und ihm sagt, den Knaben nicht anzurühren. Und hier sagt Awraham: „Ich bin ganz bereit innezuhalten, ich halte nicht an der Erfüllung dieses Gebots fest, ich muss nicht als der Vater in die Geschichte eingehen, der seinen Sohn als Opfer dargebracht hat, und mich damit rühmen. Da bin ich, mein ganzes Potenzial, alle meine Kräfte sind wieder bereit, dem Höchsten in jedem Augenblick zu dienen.“

Esaw kommt zu Jizchak, seinem Vater, um den Segen zu holen, wir lesen im 27. Kapitel:

וַיְהִי כִּי-זָקֵן יִצְח, וַתִּכְהֶיןָ עֵינָיו מֵרְאֹ וַיִּקְרָא אֶת-עֵשָׂו בְּנוֹ הַגָּדֹ וַיֹּאמֶר אֵלָיו בְּנִ וַיֹּאמֶר אֵלָיו הִנֵּנִי׃

wajhi ki-sakén jizchák wattichhena enáw mere'ót wajikrá et-essáw benó haggadol wajomer eláw bení wajomer eláw hinneni

1 Und es war, als Jizchak alt geworden war und seine Augen dunkel geworden waren, um zu sehen, da rief er Esaw, seinen Erstgeborenen, und sprach zu ihm: „Mein Sohn!“ Und er sprach zu ihm: „Hier bin ich!“

Esaw zeichnet sich dadurch aus, dass er das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, sehr sorgfältig erfüllt. Darüber lesen wir weiter, dass Riwka sogar die besonderen Kleider hervorholt, in denen Esaw zu seinem Vater hineinging. Esaw weiß, was er für seinen Vater zubereiten soll. Esaw liebt seinen Vater, sorgt für ihn. Und wenn Jizchak ihn ruft, nimmt Esaw das als ein Stehen vor der göttlichen Schechina wahr. Wieder: „Ich stehe ganz zu deiner Verfügung.“ Interessant ist, dass, als Jaakow zu Jizchak um den Segen kommt, Jizchak zu ihm sagt: „Hinneni (hier bin ich)“. Er sagt das nicht zu Esaw, der danach kam. Jaakow, der mit List kam, hört von seinem Vater eben dieses hinneni (hier bin ich). Hier bin ich – das bedeutet, ich bin bereit, all meine Kräfte, mich ganz zu deiner Verfügung zu stellen. Ich bin neben dir, und ich stehe ganz zu deinen Diensten. Ich bin ganz bereit, dir mit all meinen Kräften zu dienen. Das ist das erste Wort, über das ich sprechen wollte. Unsere häufige Antwort auf den Ruf des Höchsten, wenn wir zu ihm sagen: „Hinneni (hier bin ich)“. „Hier bin ich, sende mich“, wie Jeschajahu sagte, „hier bin ich, ich bin bereit. All meine Kräfte, meine Werkzeuge, meine Talente, meine Fähigkeiten – alles dazu, dass ich Dir diene.“

Das zweite Wort, das in unserem Wochenabschnitt verwendet wird, ist das Wort, das Jaakow sagt, als er sich im Gebet an den Höchsten wendet. Das ist das Wort katónti (gering geworden bin ich). „Gering geworden bin ich vor all den Gnaden, die Du an deinem Knecht getan hast, denn mit einem Stab bin ich über den Jordan gegangen, und jetzt bin ich wie zwei Lager geworden (katónti mikól hachassadim (ich bin gering geworden vor all den Gnaden) (Bereschit 32,10). Wenn ich all die Gnaden sehe, die in meinem Leben geschehen sind, sehe ich, dass Du nicht nur durch meine Kraft handelst, nicht nur durch hinneni, nicht nur dadurch, dass ich bereit bin, all meine Kräfte, mich ganz Dir zu geben, sondern Du handelst auch durch meine Schwachheit, durch katónti, dadurch, dass es mich nicht gibt. Ich bin Dir gefolgt, als ich einen Traum sah, als ich einen Traum des Segens sah, als der Höchste an der Leiter stand. Ich bin mit nur einem Stab über den Jordan gegangen, bin Dir in meiner Verringerung nachgezogen. Ich bin die ganze Zeit geringer geworden, geringer geworden... Nur Deine Gnaden haben meine Kräfte und meinen Reichtum, meinen Wohlstand vermehrt. Ich bin nur dadurch stark, dass ich vor Deinen Gnaden gering geworden bin. Darum werde ich jetzt nicht viel handeln. Ich habe keine Kräfte, viel zu handeln, mit voller Kraft zu handeln. Ich kann nicht sagen: „Hinneni, hier ist meine ganze Kraft, mein ganzes Potenzial steht zu Deiner Verfügung. Beschütze Du mich vor meinem Bruder, vor Esaw. Ich verlasse mich wieder auf Dich darin, dass ich klein bin, und Du wirst mich retten. Und ich danke Dir für die Gnaden. Und ich bin reich an Deinen Gnaden. Mögen Deine Gnaden mich auch weiter beschützen.“

Nicht immer können wir und nicht immer haben wir die Kraft zu handeln. Nicht immer ist die Lage so, dass wir stark sind. Und nicht immer können wir sagen: „Du hast es doch verheißen, Du stehst hinter mir, ich werde mit meiner ganzen Kraft handeln.“ Nein, hier kann man sagen: „Durch Deine Verheißung, durch Deine Gnade… Und ich werde hier nur ein kleiner Teil meiner selbst sein. Mich gibt es nicht, ich schaffe es jetzt nicht, eben dieses hinneni zu sagen, mein ganzes Potenzial gehört Dir.“

Das dritte Wort, über das ich sprechen möchte, ist das Wort bil'adáj. Josef verwendet es, als er dem Pharao antwortet. Im 41. Kapitel des Buches Bereschit, schon im Wochenabschnitt Mikez, antwortet Josef dem Pharao und sagt zu ihm:

וַיַּעַן יוֹסֵף אֶת-פַּרְעֹה לֵאמֹר בִּלְעָדָי אֱלֹהִים יַעֲנֶה אֶת-שְׁלוֹם פַּרְעֹה׃

wajá'an josséf et-par'ó lemór bil'adáj elohim ja'ané et-schelóm par'ó

16 Und Josef antwortete dem Pharao und sprach: „Ohne mich wird Gott antworten über den Frieden, über den Zustand des Pharao.“

Das heißt, Josef sagt: „Ich bin in dieser Geschichte nicht einmal gering, nicht ein ganz klein wenig von mir ist hier, sondern mich gibt es hier überhaupt nicht. Und jetzt wird Gott an mir vorbei handeln, ohne mich. Ich bin hier ein Lautsprecher, eine Box, eine Relaisstation. Ich werde nur weitergeben, was Gott sagt. Ich werde überhaupt in keiner Weise, nicht einmal mit einem kleinen, kleinen Teil, daran teilnehmen, dass Gott handelt. Nur Gott wird sprechen, nur Gott wird offenbaren. Meine Aufgabe ist, mich abzuschalten, ganz zum Leiter dessen zu werden, was Gott tut, dessen, was Gott sagen wird.“

Das ist die hohe Kunst der Beziehungen zum Höchsten. Es kann scheinen, dass hinneni, wenn ich ganz bereit bin und wenn ich stark bin und wenn all meine Werkzeuge da sind, sehr stark ist, dass es mir die Möglichkeit gibt, am Prozess der Weltschöpfung, an der Berichtigung der Welt teilzunehmen. Aber bil'adáj ist eine sehr hohe Stufe, wenn ich bereit bin, dass Gott durch mich handelt, ich aber dabei in keiner Weise handle: weder mit meinem Denken noch mit meinen Träumen noch mit meinen Plänen, ohne den Höchsten zu lenken, vielleicht sogar durch ein Gebet: „Tu nicht so und tu nicht so.“ Sondern einfach den Höchsten durch sich handeln lassen, ohne Ihm Drehbücher, Lösungen auszudenken und ohne über Zukunftsaussichten zu fantasieren. Das ist die Stufe, auf der Josef eben dieses Wort sagt: „Bil'adáj (ohne mich wird Gott handeln). Mich gibt es hier überhaupt nicht. Nicht nur nicht hinneni, ich bin nicht einmal katónti“.

Das sind in Kürze drei Stufen des Zusammenwirkens von Mensch und Höchstem. Jede von ihnen ist wunderbar, jede von ihnen ist angebracht. Für jede von ihnen gibt es ihren Platz unter der Sonne, ihren Platz zur rechten Zeit. Das ist wie drei Zettel, drei Ausweise, die wir aus der Tasche ziehen können. Und im richtigen Moment den richtigen Ausweis ziehen und nicht verwechseln – das ist sehr wichtig.

Haftara (Owadjahu)

Dem Wochenabschnitt Wajischlach entspricht als prophetischer Abschnitt gar kein Abschnitt, sondern ein ganzes Buch – das Buch des Propheten Owadjahu, das kürzeste Buch im Tanach. Es hat insgesamt nur 21 Verse. Genau das werden wir lesen.

Über den Propheten Owadjahu selbst wissen wir fast nichts außer dem Namen. Einige Kommentatoren sagen, dass das jener Owadjahu ist, der in der Zeit der Verfolgung der Propheten sie rettete. Darüber lesen wir im ersten Buch Melachim (18,4):

Und es war, als Isewel die Propheten des HERRN vernichtete, nahm Owadjahu 100 Propheten und versteckte sie zu je 50 in einer Höhle und versorgte sie mit Brot und Wasser.

Hier erzählt uns die Schrift, dass der Verwalter des Hauses Achaws namens Owadjahu in der Zeit der Verfolgungen der Propheten eine ganze Operation zu ihrer Rettung und ihrer Versorgung mit Brot und Wasser durchführte. Das ist zweifellos eine große Heldentat. Und er setzte sich selbstverständlich tödlicher Gefahr aus. Die Kommentatoren sagen: „Als Lohn für dieses Glühen, für diesen Eifer um die Propheten erhielt Owadjahu selbst die Prophetie.“ Andere Kommentatoren sagen: „Aber es ist nicht zwingend, dass, wenn jemand Owadjahu heißt, das derselbe Owadjahu ist.“ Owadjahu ist ein sehr verbreiteter Name. Und vielleicht war es überhaupt ein anderer Owadjahu.

Es gibt auch Kommentatoren, die sagen, dass dieser Mensch vielleicht überhaupt nicht Owadjahu hieß. Denn das Wort owadijahu bedeutet Knecht des HERRN. So konnte ein bescheidener Mensch wie mit einem Pseudonym unterschreiben, der sagt: „Ich bin nur ein Prophet, ich trage nur das Wort Gottes.“ Und so bleiben wir im Unwissen darüber, wer denn der Prophet Owadjahu ist. Aber wir werden mit euch sein Buch lesen.

חֲזוֹן עֹבַדְיָה כֹּה-אָמַר אֲדֹנָי יְהוִה לֶאֱדוֹם

CHASÓN ‘OWADJÁ KO-‘AMÁR ‘ADONÁJ HASCHÉM le’edóm

1 Die Vision Owadjahus. So sprach der HERR zu Edom…

Immer, wenn ich diesem Ausdruck begegne – ADONAJ HASCHEM (auf Russisch kann man es als Herr HERR übersetzen, in der Synodalübersetzung steht gewöhnlich Gebieter HERR), bin ich in einiger Verlegenheit, weil die russische Sprache gegenüber Tautologien viel weniger tolerant ist als das Hebräische. Na, lasst uns hier mit HERR übersetzen.

שְׁמוּעָה שָׁמַעְנוּ מֵאֵת יְהוָה וְצִיר בַּגּוֹיִם שֻׁלָּח

SCHMU’Á SCHAMÁ’NU ME’ÉT HASCHÉM WEZÍR BAGGOJÍM SCHULLÁCH

…Gehört haben wir Gehörtes vom HERRN (gehört haben wir eine Botschaft vom HERRN), und ein Bote ist zu den Heiden gesandt…

צִיר (zir) – das ist ein gewisser Bote, der Pendelfahrten macht, das heißt ein Bote, der seine Sendung ständig ausführt. Derjenige Mensch, der ein ständiger Kanal des Handelns gegenüber einem anderen Menschen ist oder ein ständiger Bote des Höchsten zu anderen Völkern. Was für eine Mission hat dieser Bote? Soweit wir aus diesem Buch und aus dem Buch Jirmejahu verstehen können, überbringt dieser Engel Gedanken, legt den Königen und Herrschern bestimmte Ideen in den Kopf. In diesem Fall sagt er:

קוּמוּ וְנָקוּמָה עָלֶיהָ לַמִּלְחָמָה׃

KÚMU WENAKÚMA ‘ALÉHA LAMMILCHAMÁ

…„Stehen wir auf und erheben wir uns gegen sie (das heißt gegen Edom) mit Krieg.“

Diese Botschaft vom Höchsten hörte der Prophet Owadjahu. Wir werden etwas später noch darauf zurückkommen.

הִנֵּה קָטֹן נְתַתִּיךָ בַּגּוֹיִם בָּזוּי אַתָּה מְאֹד׃

HINNÉ KATÓN NETATTÍCHA BAGGOJÍM BASÚJ ‘ATTÁ ME’ÓD

2 Siehe, ich habe dich klein gemacht unter den Völkern, Du bist sehr verachtet.

Hier sind nicht die Größen gemeint. Es gibt kleine Staaten – Monaco und Andorra, Liechtenstein und Luxemburg. Und sie sind keineswegs verachtet. Somalia, das an Territorium und Bevölkerung viel größer ist, genießt viel weniger Achtung, einen viel schlechteren Ruf. Es geht hier gerade um den Ruf: „Ich habe dich klein gemacht, du bist sehr verachtet.“

Wenden wir uns nun einem anderen Propheten zu – dem Propheten Jirmejahu, der sich ebenfalls an Edom wendet, im 49. Kapitel:

Ich habe eine Botschaft vom HERRN gehört, und ein Bote ist zu den Völkern gesandt: „Versammelt euch und zieht gegen sie und erhebt euch zum Krieg.“ Und siehe, Ich habe dich klein gemacht unter den Völkern und verachtet.

Das ist fast Wort für Wort dasselbe. Man kann sagen, dass entweder Jirmejahu mit eigenen Worten die Worte Owadjahus nacherzählt oder Owadjahu mit eigenen Worten die Worte Jirmejahus nacherzählt. Aber in Wirklichkeit ist es weder das eine noch das andere. Was geschieht? Tatsächlich sendet der Höchste in der oberen Welt, in irgendeiner höheren Welt seine Boten zu den Völkern und sagt zu ihnen: „Erhebt euch mit Krieg gegen Edom.“ Beide Propheten sehen das und beschreiben ein und dieselbe Vision. Deshalb sagt Owadjahu: שְׁמוּעָה שָׁמַעְנוּ (schmu’á schamá’nu)wir haben eine Botschaft gehört. Nicht ich habe gehört, sondern wir haben gehört. Wer die höheren Welten sieht, die sehen das Geschehen, und der Prophet Owadjahu ist einer von ihnen.

Er erklärt, warum ein solches Unglück Esaw getroffen hat:

זְדוֹן לִבְּךָ הִשִּׁיאֶךָ

sdón libbechá hischi'écha

3 Die Böswilligkeit deines Herzens hat dich verführt…

Wie Chawa über die Schlange sagt: הַנָּחָשׁ הִשִּׁיאַנִי (hanachásch hischi'áni) – die Schlange hat mich verführt. Was sagte denn Esaw in seinem Herzen?

שֹׁכְנִי בְחַגְוֵי-סֶּלַע

schochní wechagwe-séla

… „ich wohne in den Felsspalten“ …

Esaw meinte (und es war logisch, so zu meinen), dass er in einer gebirgigen, schwer zugänglichen Gegend lebt, auf einer Berghöhe, hinter unwegsamen Felsen, und fühlte sich ausreichend sicher.

מְרוֹם שִׁבְתּוֹ אֹמֵר בְּלִבּוֹ מִי יוֹרִדֵנִי אָרֶץ׃

mróm schiwtó 'omér blibbó mí joridéni 'árez

…und sein Herz überlegte aus dem Gefühl der Höhe, auf der es wohnt: „Wer wird mich auf die Erde hinabstürzen?“

Na, wirklich, wer wird gegen Edom in den Krieg ziehen, über diese schwer passierbaren Felsen, über diese unwegsamen Berge, um zu kämpfen und ihn hinabzustürzen? Sehr sicher, sehr bequem hat sich Edom eingerichtet.

Der Höchste sagt:

אִם-תַּגְבִּיהַּ כַּנֶּשֶׁר וְאִם-בֵּין כּוֹכָבִים שִׂים קִנֶּךָ מִשָּׁם אוֹרִידְךָ נְאֻם-יְהוָה׃

'im-tagbíah kannéscher we'im-bén kochawím sím kinnécha mischám 'oridchá ne'um-haschém

4 „Selbst wenn du dich erhebst wie ein Adler und selbst wenn du dein Nest zwischen den Sternen baust, werde Ich dich auch von dort hinunterholen“, spricht der HERR.

Der HERR sagt: „Was für die Menschen unerreichbar ist, ist für Mich erreichbar. Ich werde dich hinunterholen. Nirgends kannst du dich sicher fühlen.“

Wenden wir uns wieder dorthin und vergleichen wir es mit dem, was der Prophet Jirmejahu sagt:

„Ein Schrecken warst du für alle. Die Vermessenheit deines Herzens hat dich betrogen, der du in den Felsspalten wohnst, auf dem Gipfel der Hügel. Selbst wenn du hoch wie ein Adler dein Nest baust, werde Ich dich auch von dort hinabstürzen“ – Wort des HERRN.

Wieder sagen zwei Propheten mit fast denselben Worten fast denselben Gedanken, weil sie ein und dieselbe himmlische Erscheinung sehen und beobachten.

Weiter stellt der Prophet dar, wie man das Ausmaß des Schadens einschätzen kann, der Edom zugefügt werden wird:

אִם-גַּנָּבִים בָּאוּ-לְךָ אִם-שׁוֹדְדֵי לַיְלָה אֵיךְ נִדְמֵיתָה הֲלוֹא יִגְנְבוּ דַּיָּם

'im-gannawím ba'u-lechá 'im-schódede lájla 'éch nidméta haló jignewú dajám

5 Wem gleichst du? Als ob Diebe zu dir gekommen wären, nächtliche Räuber!? Sie schleppen doch einfach so viel weg, wie ihnen genügt…

Das heißt, keine nächtlichen Räuber, keine Diebe können dich so ausplündern. Wie raubt ein Dieb? Er trägt alles Wertvollste weg, legt es in Taschen und trägt so viel, wie er wegtragen kann.

אִם-בֹּצְרִים בָּאוּ לָךְ הֲלוֹא יַשְׁאִירוּ עֹלֵלוֹת׃

'im-bozrím bá'u lách haló jasch'íru 'olelót

…WENN DIE PLÜNDERER DES WEINBERGS GEKOMMEN SIND, LASSEN SIE DOCH DIE KLEINEN, NOCH UNREIFEN BEEREN ÜBRIG.

Es gab solche Leute (es gibt sie auch jetzt), die in fremde Weinberge eindringen, fremde Trauben stehlen – Plünderer des Weinbergs. Aber selbst Diebe nehmen nicht das Letzte.

אֵיךְ נֶחְפְּשׂוּ עֵשָׂו נִבְעוּ מַצְפֻּנָיו׃

'éch nechpesú 'essáw niw'ú mazpunáw

6 Wie ist es denn so gekommen? Wer hat denn eine solche Durchsuchung veranstaltet, dass man alles, was möglich war, bei Esaw aufgespürt hat? Alles, was möglich war, entdeckt hat?

Und wieder sehen wir eine Parallele zum Propheten Jirmejahu:

Wenn Winzer zu dir gekommen wären, hätten sie dann nicht ungelesene Beeren übrig gelassen? Wenn Diebe in der Nacht gekommen wären, so hätten sie doch nur so viel geraubt, wie sie brauchen. Ich aber habe Esaw bis auf die nackte Haut ausgeplündert, sein geheimes Versteck aufgedeckt. Und er wird sich nicht verbergen können. Vernichtet ist seine Nachkommenschaft, und seine Brüder und Nachbarn, und er wird nicht mehr sein.

Hier sagt der Höchste: „Wenn jemand dich ansehen wird, so wird er so denken: ‚Was war hier? Diebe? Nein, Diebe hätten nicht so viel gestohlen. Irgendwelche Räuber? Auch Räuber hätten nicht so viel weggetragen. Das ist nur die Hand des Höchsten, nur der Höchste konnte Esaw so ausplündern.‘“ Und der Höchste selbst sagt: „Ja, Ich bin es, der dich bis auf die nackte Haut ausgeplündert hat.“

Esaw hatte Verbündete. Er war eigentlich zu seiner Zeit in seiner Region ein angesehener Genosse und wurde nicht sofort so schmachvoll. Der Prophet sagt:

עַד-הַגְּבוּל שִׁלְּחוּךָ כֹּל אַנְשֵׁי בְרִיתֶךָ

'ad-haggwúl schillchúcha kól 'ansché writécha

7 Bis zur Grenze haben dich alle Leute deines Bundes geleitet, alle deine Verbündeten…

Das kann man unterschiedlich verstehen. Der Vers ist wirklich nicht sehr verständlich. Man kann es so verstehen: „Sie gingen mit dir, kämpften mit dir bis zu den Grenzen ihrer Königreiche. Als sie ihre Königreiche befreiten, hörten sie auf zu kämpfen.“ Man kann es auch anders verstehen: „Sie haben dich einfach bis zu den Grenzen begleitet, wenn du zu ihnen kamst. Sie begleiteten dich bis zur Schwelle, klopften dir auf die Schulter und sagten: ‚Esawchen, Gott helfe dir, alles Gute dir.‘“

הִשִּׁיאוּךָ יָכְלוּ לְךָ אַנְשֵׁי שְׁלֹמֶךָ לַחְמְךָ יָשִׂימוּ מָזוֹר תַּחְתֶּיךָ אֵין תְּבוּנָה בּוֹ׃

hischi'úcha jachlú lechá 'ansché schlomécha lachmechá jassímu masór tachtécha én twuná bó

…alle deine Gefährten werden dich übers Ohr hauen und dich übertreffen. und die, die dein Brot aßen, fingen an, dir ein Hindernis zu stellen, und sagten: „er hat keinerlei Verstand. Er ist wohl verrückt geworden.“

Oder: „Irgendetwas ist mit dir geschehen, dass du das Ansehen bei deinen Verbündeten verloren hast, dass sie sich nicht mehr mit dir einlassen wollen. Irgendwie hast du aufgehört, auf der internationalen Bühne geachtet zu sein.“

Im 8. Vers gibt der Prophet die Antwort auf die Frage, wie so etwas geschehen ist:

הֲלוֹא בַּיּוֹם הַהוּא נְאֻם-יְהוָה וְהַאֲבַדְתִּי חֲכָמִים מֵאֱדוֹם וּתְבוּנָה מֵהַר עֵשָׂו׃

haló bajóm hahú ne'um-haschém weha'awadtí chachamím me'edóm utwuná mehár 'essáw

8 „Denn an jenem Tag“, sprach der HERR, „werde ich die Weisen Edoms vernichten und den Verstand am Berg Esaws.“

Einige Forscher, Kommentatoren sagen, dass Esaw, das edomitische Königreich überhaupt, möglicherweise irgendwelche besonderen Technologien oder eine besondere Philosophie, Weisheit hatte. Einige halten Ijow und seine Gäste für Edomiter und sagen, dass sie eben solche philosophischen Kenntnisse hatten. Man kann es einfach verstehen: Der gesunde Menschenverstand ist verschwunden, den Esaw, seine Verwalter hatten, der es ihnen erlaubte, den Staat zu regieren, und zwar so, dass andere Könige und Herrscher die Notwendigkeit oder einen Gewinn darin sahen, irgendwelche Vereinbarungen mit Esaw einzugehen. Und hier können wir wieder eine Parallele beim Propheten Jirmejahu im 49. Kapitel sehen:

Über Edom hat der HERR Zewaot so gesprochen: „Gibt es keine Weisheit mehr in Teman? Der Rat der Verständigen ist dahin. Ihre Weisheit ist stumpf geworden.

Hier sehen wir wieder, dass verschiedene Propheten sehr gleichklingend sprechen.

וְחַתּוּ גִבּוֹרֶיךָ תֵּימָן לְמַעַן יִכָּרֶת-אִישׁ מֵהַר עֵשָׂו מִקָּטֶל׃

wechattú gibborécha temán lmá'an jikkaret-'ísch mehár 'essáw mikkátel

9 Und deine Helden, Tejman, erschraken, damit alle bis auf den letzten Mann vernichtet würden, völliges Verderben wird auf dem Berg Esaws sein.

Tejman – das ist die zweite Hauptstadt, man kann sagen, die Wirtschaftshauptstadt Edoms, wie zum Beispiel Sydney in Australien.

מֵחֲמַס אָחִיךָ יַעֲקֹב תְּכַסְּךָ בוּשָׁה

mechamás 'achícha ja'aków tkasschá wuschá

10 Dafür, dass du Feindschaft gegen deinen Bruder Jaakow hattest, wird dich Schande bedecken…

„Wird Schande bedecken“, „deine Kleidung wird die Schande sein“ – das heißt: „Und äußerlich wirst du schmachvoll aussehen“; das ist irgendeine Nacktheit, die man mit nichts bedecken kann.

וְנִכְרַתָּ לְעוֹלָם׃

wenichrátta l'olám

…und du wirst für ewig abgeschnitten sein.

Worin bestand denn das Problem? Edom war zu jener Zeit ein Verbündeter Israels. Als Israel in Not geriet, verriet Edom seinen Verbündeten, lief auf die andere Seite über und beteiligte sich aktiv an der Plünderung Israels. Mehr noch, jene geflohenen Israeliten, die sich auf dem Gebiet Edoms befanden, lieferten die Edomiter an Newuchadnezar aus.

Ab dem 11. Vers beginnt der Prophet, Punkt für Punkt die Vergehen aufzuzählen, die Esaw begangen hat.

בְּיוֹם עֲמָדְךָ מִנֶּגֶד בְּיוֹם שְׁבוֹת זָרִים חֵילוֹ וְנָכְרִים בָּאוּ שַׁעֲרוֹ (שְׁעָרָיו) וְעַל-יְרוּשָׁלִַם יַדּוּ גוֹרָל גַּם-אַתָּה כְּאַחַד מֵהֶם׃

bjóm 'amadchá minnegedIn der russischen Umschrift fehlt das Wort „minneged“ (von gegenüber, abseits), das im hebräischen Vers steht. Die deutsche Umschrift ergänzt es nach dem Hebräischen. bjóm schwót sarím cheló wenachrím bá'u sche'aráw we'al-jeruschalájim jaddú gorál gam-'attá ke'achád mehem

11 Am Tag, als du ruhig dastandest und zusahst, am Tag, als Fremde sein Heer gefangen nahmen und über Jerusalem das Los warfen, warst du einer von ihnen.

Edom plante, das geschwächte Israel und Jehuda zu erobern und sich diese Länder anzueignen. Sich auf ihnen breitzumachen, wie sich ein Besatzer auf eroberten Ländern breitmacht. Darüber spricht der Prophet Jecheskel:

Dafür, dass du ewige Feindschaft hattest und das Haus Jisraels dem Schwert preisgabst zur Zeit des Unglücks und zur Zeit der letzten Sünde. Dafür, dass du sagtest: „Diese zwei Völker, diese zwei Länder werden mein sein, und wir werden sie in Besitz nehmen.“

Ähnliches war schon im Süden Israels geschehen: Sein Einfluss im Gebiet von Ejlat schwächte sich nach dem Tod Schlomos ab, die Edomiter nahmen den Juden die Häfen von Ejlat weg. Das heißt, die Wurzel der Sünde Edoms (Esaws) ist seine Feindseligkeit gegenüber dem Bruder Jaakow. Und diese Feindseligkeit ist nicht gestern entstanden, sie ist alt und verborgen.

וְאַל-תֵּרֶא בְיוֹם-אָחִיךָ בְּיוֹם נָכְרוֹ וְאַל-תִּשְׂמַח לִבְנֵי-יְהוּדָה בְּיוֹם אָבְדָם

we'al-tíre wjom-'achícha bjóm nachró we'al-tismách liwne-jehudá bjóm 'awdám

12 Schau nicht ruhig zu am Tag des Unglücks deines Bruders, am Tag, als ihn Fremde ergriffen, und freue dich nicht über die Söhne Jehudas am Tag, an dem sie umkommen…

Manche übersetzen diese Gebote, die mit וְאַל- (we'al-) beginnen, als du hättest es nicht tun sollen, aber in Wirklichkeit ist אַל- ('al-) eine Warnung für die Zukunft tu das nicht, tu nicht das, was hier aufgezählt ist. Und offenbar ist dieses Gebot nicht nur an Esaw gerichtet, weil weiter von allen Völkern die Rede sein wird.

וְאַל-תַּגְדֵּל פִּיךָ בְּיוֹם צָרָה

we'al-tagdél pícha bjóm zará

…und reiß deinen Mund nicht auf (das heißt, lache nicht aus vollem Hals) am Tag der Not.

Und wieder können wir uns an einen anderen Propheten wenden, an Amos:

So hat der HERR gesprochen: „Wegen drei Vergehen Edoms und wegen vier werde Ich den Zorn nicht von ihm abwenden. Dafür, dass er mit dem Schwert seinen Bruder verfolgte und sein Erbarmen von sich warf, und sein Zorn tobte, und er seinen Grimm für immer bewahrte, und Ich werde Feuer nach Tejman senden, und es wird die Paläste von Bozra verzehren.

Das ist aus dem ersten Kapitel des Propheten Amos. Und wieder sehen wir, dass die Propheten im Einklang zu Esaw sowohl über seine Vergangenheit als auch über seine Gegenwart als auch über seine Zukunft sprechen.

אַל-תָּבוֹא בְשַׁעַר-עַמִּי בְּיוֹם אֵידָם אַל-תֵּרֶא גַם-אַתָּה בְּרָעָתוֹ בְּיוֹם אֵידוֹ וְאַל-תִּשְׁלַחְנָה בְחֵילוֹ בְּיוֹם אֵידוֹ׃

'al-tawó wscha'ar-'ammí bjóm 'edám al-tére gam-'attá bra'ató bjóm 'edó we'al-tischláchna wcheló bjóm 'edó

13 Komm nicht in das Tor meines Volkes am Tag ihres Leids, komm nicht einfach, um ihr Unglück zu begaffen; geh auch du nicht gaffen auf sein Unheil am Tag seiner Trauer. und streck deine Hand nicht nach dem Besitz aus am Tag seines Unglücks, plündere nicht, bereichere dich nicht an seinem Unglück;

וְאַל-תַּעֲמֹד עַל-הַפֶּרֶק לְהַכְרִית אֶת-פְּלִיטָיו

we'al-ta'amód 'al-happérek lehachrít 'et-plitáw

14 Und stell dich nicht an die Kreuzungen, um seine Flüchtlinge niederzumachen…

Wieder nur ein paar Worte, aber wie niederträchtig ist das, was der Prophet hier erwähnt. Tatsächlich gingen die Edomiter an die Kreuzungen hinaus, an irgendwelche Straßen, auf denen die Flüchtlinge flohen, und ließen sie nicht entkommen, töteten und beraubten sie.

וְאַל-תַּסְגֵּר שְׂרִידָיו בְּיוֹם צָרָה׃

we'al-tasgér sridáw bjóm zará

…und liefere seine Flüchtlinge nicht aus zur Zeit des Unglücks.

Flüchtlinge nicht an ihren Feind auszuliefern, war für die damaligen Zeiten eine normale menschliche Regel. Im ersten Kapitel des Buches des Propheten Amos sagt der Höchste, dass Er den Bewohnern von Zor und den Bewohnern von Gaza nicht vergeben wird, dass sie Flüchtlinge an Feinde auslieferten. Das ist eine sehr unmoralische Tat, mit welchem Vorteil sie sich auch immer bemänteln mag. Und Owadjahu schließt mit einer Warnung, dass dieses Gericht naht, dass es schon bald ist.

כִּי-קָרוֹב יוֹם-יְהוָה עַל-כָּל-הַגּוֹיִם כַּאֲשֶׁר עָשִׂיתָ יֵעָשֶׂה לָּךְ גְּמֻלְךָ יָשׁוּב בְּרֹאשֶׁךָ׃

Ki-karów jom-haschém ‘al-kol-haggojím ka’aschér ‘assíta je’ásse lách gmulchá jaschúw broschécha

15 denn nahe ist der Tag des HERRN über alle Völker; wie du getan hast, so wird auch dir getan werden, und die Vergeltung wird auf deinem Haupt sein.

Das, was du getan hast, wie du gegenüber deinem Bruder Israel gehandelt hast, so wird es auch mit dir sein.

כִּי כַּאֲשֶׁר שְׁתִיתֶם עַל-הַר קָדְשִׁי יִשְׁתּוּ כָל-הַגּוֹיִם תָּמִיד וְשָׁתוּ וְלָעוּ וְהָיוּ כְּלוֹא הָיוּ׃

Kí ka’aschér schtitém ‘al-hár kadschí jischtú chol-haggojím tamíd weschatú wela’ú wehajú kló hajú

16 denn wie du auf dem Berg meiner Heiligkeit getrunken hast, so werden alle Völker, die Israel drangsaliert haben, trinken; und sie tranken, und sie werden sich so betrinken, dass sie auf eine ewige Sauftour gehen, und es wird sein, als wären sie nicht gewesen.

Sie werden sich so betrinken, dass sie in diesem ihrem Rausch für immer bleiben werden, als hätte es sie nie gegeben. Im Buch Echa lesen wir ähnliche Worte über Esaw: „Freue dich und sei fröhlich, Tochter Edoms, die du im Land Uz wohnst, auch zu dir wird der Becher kommen. Du wirst dich sinnlos betrinken und ausspeien.“ Das Bild ist ein bisschen anders, aber der Gedanke ist ähnlich.

וּבְהַר צִיּוֹן תִּהְיֶה פְלֵיטָה וְהָיָה קֹדֶשׁ וְיָרְשׁוּ בֵּית יַעֲקֹב אֵת מוֹרָשֵׁיהֶם׃

uwehár zijón tihjé fletá wehája kódesch wjarschú bét jaaków ét moraschehém

17 aber auf dem Berg Zion wird Erlösung sein, und es wird ein Heiligtum sein; und die Söhne Israels werden das Erbe erben.

וְהָיָה בֵית-יַעֲקֹב אֵשׁ וּבֵית יוֹסֵף לֶהָבָה וּבֵית עֵשָׂו לְקַשׁ וְדָלְקוּ בָהֶם וַאֲכָלוּם וְלֹא-יִהְיֶה שָׂרִיד לְבֵית עֵשָׂו כִּי יְהוָה דִּבֵּר׃

wehajá wet-jaaków ‘ésch uwét josséf lehawá uwét ‘essáw lekásch wedalkú wahém wa’achalúm wlo-jihjé saríd lwét ‘essáw ki haschém dibbér

18 Und das Haus Jaakows wird Feuer sein, das Haus Josefs eine Flamme, und das Haus Esaws – Stroh; und sie werden es anzünden, und es wird es verzehren, und es wird kein Überrest bleiben für das Haus Esaws, wie der HERR gesagt hat.

Hier sehen wir nicht nur den Gedanken der Bestrafung Esaws, sondern auch eine neue Facette der Erlösung, der Rückkehr und der Wiedervereinigung des Hauses Josefs und des Hauses Jaakows, das heißt der Wiedervereinigung Israels und Jehudas. Das ist es, was wir beim Propheten Jecheskel im 37. Kapitel lesen:

Und das Wort des HERRN wurde zu mir gesagt: „Und du, Menschensohn, nimm dir einen Stab und schreib darauf: ‚Für Jehuda und für die Söhne Jisraels, die sich mit ihm vereint haben.‘ Und nimm einen anderen Stab und schreib darauf: ‚Für Josef, der Stab Efrajims und aller Söhne Israels, die sich mit ihm vereint haben.‘ Und bring sie einander nahe, als hättest du einen einzigen Stab, und sie werden zu einem in deiner Hand werden.“

Hier sagt der HERR durch den Propheten Jecheskel dasselbe, was Er nicht direkt, sondern gleichsam ganz im Vorbeigehen durch den Propheten Owadjahu sagt: Das Volk Israel wird sich zu einem Volk vereinen. Vom Ausbrennen des Volkes Edom spricht auch der Prophet Amos, lesen wir das noch einmal:

Und Ich werde Feuer nach Tejman senden, und es wird die Paläste verzehren.

Das heißt, wieder prophezeien die Propheten wie mit einer Stimme Edom ein und dieselbe Zukunft.

Und der Prophet Owadjahu spricht weiter über Israel:

וְיָרְשׁוּ הַנֶּגֶב אֶת-הַר עֵשָׂו וְהַשְּׁפֵלָה אֶת-פְּלִשְׁתִּים וְיָרְשׁוּ אֶת-שְׂדֵה אֶפְרַיִם וְאֵת שְׂדֵה שֹׁמְרוֹן וּבִנְיָמִן אֶת-הַגִּלְעָד׃

Wjarschú hannégew ‘et-hár ‘essáw wehaschfelá ‘et-plischtím wjarschú ‘et-sedé ‘efrájim we’ét sedé schomrón uwinjamín ‘et-haggil’ád

19 Und die Bewohner des Negev werden den Berg Esaws erben, und die Bewohner der Schfela, die Bewohner der Niederung, werden die Gebiete der Plischtim (der Philister) erben, und sie werden das Feld Efrajims erben und die Felder Samariens, und Binjamin, das heißt Gilad.

וְגָלֻת הַחֵל-הַזֶּה לִבְנֵי יִשְׂרָאֵל אֲשֶׁר-כְּנַעֲנִים עַד-צָרְפַת וְגָלֻת יְרוּשָׁלִַם אֲשֶׁר בִּסְפָרַד יִרְשׁוּ אֵת עָרֵי הַנֶּגֶב׃

wegalút hachel-hassé liwné jisra’él ‘ascher-kna’aním ‘ad-zarfát wegalút jeruschalájim ‘aschér bisfarád jirschú ‘ét ‘aré hannégew

20 Und das verbannte Heer der Söhne Jisraels, das in Kanaan bis Zarfat ist (zentraler Libanon), und die Verbannten aus Jeruschalajim, die in Sardos sind, sie alle werden die Berge des Negev erben und besiedeln.

וְעָלוּ מוֹשִׁעִים בְּהַר צִיּוֹן לִשְׁפֹּט אֶת-הַר עֵשָׂו

we’alú moschi’ím bhár zijón lischpót ‘et-hár ‘essáw

21 Und die Erlösten (die Geretteten) werden auf dem Berg Zijon den Berg Esaws richten…

Man kann sagen, dass das ein Urbild des Nürnberger Prozesses ist, das heißt, von der Seite Esaws werden Kriegsverbrecher gerichtet werden. Das wird ein reales Gericht sein, das im Land Israel eingesetzt wird. Natürlich möchte der Mensch oft nach dem Ruf des Fleisches handeln. Es gibt viele Menschen, die man töten, erwürgen, denen man den Hals brechen und allerlei sonstige „Annehmlichkeiten“ bereiten möchte. Die Tora ist uns gegeben, damit wir Menschen nach der Tora richten, damit wir diese unsere tierische Seite zügeln. Und hier gibt es die Verheißung des Propheten, dass es keine Abrechnung geben wird, keinen Genozid, nichts dergleichen wird es geben. Es wird ein Gericht nach der Tora geben, und dadurch wird das Reich Gottes aufgerichtet.

וְהָיְתָה לַיהוָה הַמְּלוּכָה׃

wehajtá laschém hammluchá

…das Reich und die Macht werden beim HERRN sein.

Der HERR wird seine Macht offen zeigen dadurch, dass das Volk Israel in sein Land zurückkehrt. Und diejenigen, die es bedrängt haben, sogar diejenigen, die über die Bedrängnis des Volkes Israel schadenfroh waren, diejenigen, die sich über sein Unglück gefreut haben, – sie alle werden vor Gericht stehen. Gerade das Gericht, das über Verbrecher gehalten wird, sogar über Kriegsverbrecher, – das ist die Aufrichtung des Reiches des Höchsten. Dadurch erkennt die ganze Welt, dass der Höchste König und Richter ist.

Damit haben wir das Buch des Propheten Owadjahu zu Ende gelesen.

Nun, um mit einer guten Note abzuschließen, erzähle ich euch eine Anekdote über Esaw und Israel. Rabbi Elasar ben Schimon ging am Ufer des Meeres in Jaffa spazieren und sah ein Schiff, das buchstäblich vor seinen Augen unterging. Ein Römer, der sich aus dem Schiffbruch auf einem Wrackteil des Schiffes gerettet hatte, schwamm bis ans Ufer. Aber da er völlig nackt war, musste er sich im Meer verstecken. Zu jener Zeit zogen viele aus Israel zur Anbetung nach Jeruschalajim, wie es ihnen dreimal im Jahr vorgeschrieben ist (na, buchstäblich die Geschichte vom guten Samariter). Der Römer aber begann, ihnen zuzurufen, und sagte: „Ich bin von den Söhnen eures älteren Bruders Esaw. Gebt mir das Geringste von den Kleidern, damit ich meine Blöße bedecken kann, denn ich bin vom Meer erschöpft, mir ist nichts geblieben.“ Die Israeliten antworteten ihm: „So mögen alle Söhne deines Volkes erschöpft sein.“ Als der Römer Rabbi Elasar sah, sagte er zu ihm: „Ich sehe, dass du ein Ältester in deinem Volk bist, offenbar in der Achtung vor den Geschöpfen unterwiesen. Gib mir ein Kleid, damit ich meine Scham bedecken kann.“ Rabbi Elasar trug sieben Kleider. Er zog ein Kleid aus und gab es dem Römer, führte ihn in sein Haus, gab ihm zu essen, gab ihm zu trinken, geleitete ihn mit Ehren hinaus und gab ihm zweihundert Denare für den Weg.

Viele Jahre später starb in Rom der ruchlose Kaiser, und man setzte an seiner Stelle eben jenen Römer ein, der vor den Ufern Jaffas am Ertrinken gewesen war. Und er erließ eine Verordnung gegen Israel: alle Männer zum Tod zu verurteilen und die Frauen zur Sklaverei. Die Weisen begannen, Rabbi Elasar zu überreden: „Geh zum Kaiser und erwirke eine Versöhnung mit ihm, du bist doch ein kluger Mensch.“ Er sagte: „Ihr kennt doch dieses Volk, es tut nichts einfach so.“ Sie sagten: „Hier hast du 4000 Denare, geh und versöhne dich mit ihm.“

Der Rabbi nahm dieses Geld und ging nach Rom, um die Juden zu retten. Er stellte sich in das Königstor und sagte: „Geht und meldet dem König, dass ein Judäer angekommen ist und sprechen möchte.“ Man meldete es. Der König sagte: „Führt ihn herein.“ Als der Kaiser ihn sah, stieg er vom Thron herab, fiel auf sein Angesicht und sagte: „Was tut der Herr hier? Und was hat den Herrn gezwungen, einen so weiten Weg zurückzulegen?“ Rabbi Elasar antwortete: „Ich bin gekommen, dich zu bitten, dass du dich über das Volk erbarmst und das Urteil aufhebst.“ Der Kaiser antwortete ihm: „Gibt es in der Tora Lüge?“ „Nein“, antwortete Rabbi Elasar. Der Kaiser sagte: „Steht nicht in der Tora geschrieben: ‚Der Emoriter und der Moabiter werden nicht in die Gemeinschaft Gottes kommen?‘ Wofür? Dafür, dass sie euch nicht mit Brot und Wasser empfangen haben. Und es steht geschrieben: ‚Verachte den Edomiter nicht, denn er ist dein Bruder.‘ Bin ich etwa nicht von den Söhnen Esaws, eures Bruders? Aber sie haben mir keine Gnade erwiesen, als ich dort am Ertrinken war. Und wer die Tora übertritt, verdient den Tod.“ Rabbi Elasar ben Schimon sagte: „Selbst wenn sie gegen dich gesündigt haben, erbarme dich ihrer.“ Der Kaiser sagte: „Na, Rabbi, du bist ein erwachsener Mensch. Du weißt, bei uns geschieht nichts einfach so.“ Rabbi Elasar sagte: „Na, natürlich weiß ich das. Hier hast du 4000 Denare.“ Der Kaiser sagte: „Mögen diese 4000 Denare dir ein Lohn sein für jene 200, die du mir gegeben hast. Und dein Volk wird um deinetwillen gerettet werden. Geh in die Schatzkammer und nimm sieben Kleider für das Kleid, das du mir gegeben hast. Geh in Frieden zu deinem Volk. Ich werde mich seiner um deinetwillen erbarmen.“ Und die Weisen sagten über Rabbi Elasar: „Über ihn ist gesagt: Schicke dein Brot über das Wasser.“ Diese Geschichte wird in der Sammlung der Midraschim zum Buch Kohelet erzählt. Das ist einfach eine Anekdote. Man kann ihr glauben, man kann ihr auch – und das ist sogar besser – nicht glauben, aber die Geschichte ist lehrreich, wie man es auch dreht und wendet.

Lest auch: Wajeze, Wajeschew, Gebet und Wochenabschnitte der Tora.

Russisches Original: alexblend.com
Diese Übersetzung wurde mit Unterstützung von KI erstellt und bedarf einer weiteren sprachlichen Bearbeitung und Korrektur durch Muttersprachler.

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    1. 1Wajischlach: Engel und Gebete 32,4–1300:32
    2. 2Nicht mit Kraft wird gekämpft 32,14–3026:41
    3. 3Und so trafen sie sich 32,31–33,551:50
    4. 4Nun haben sie sich also getrennt 33,6–201:14:31
    5. 5Dinchen, Dina 33,18–34,191:36:46
    6. 6Die Familie ist ja groß 34,20–35,52:10:10
    7. 7Die Rückkehr nach Hause 35,6–35,292:37:11
    8. 8Gering bin ich vor all den Gnaden 3:07:58
    9. 9Mit meinem Stab 3:22:06
    10. 10Von meinem Bruder, von Esaw 3:46:32
    11. 11Namenswechsel. Wozu und wie? 4:15:29
    12. 12Dies ist die Geschlechterfolge Esaws 4:36:43
    13. 13Die Umbenennung Jaakows 5:00:26
    14. 14Die Rückkehr Israels 5:12:37
    15. 15Drei Wörter 5:17:47
    16. 16Haftara (Owadjahu) 5:29:46

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