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- Behaalotecha
בְּהַעֲלֹתְךָ
Behaalotecha
Dienst und Weg in der Wüste
- Wochenabschnitt
- 36 von 54
- Verse
- Bemidbar 8,1–12,16
- Teile
- 9
- Lesezeit
- 1 Std. 51 Min.
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Behaalotecha ist der Wochenabschnitt über den Leuchter, den Dienst der Leviten und den Weg Israels in der Wüste. Im Stenogramm von Alex Blend werden die Kapitel 8–12 des Buches Bemidbar besprochen: das zweite Pessach, die silbernen Trompeten, das Murren des Volkes, die Prophetie und das Verhältnis Mosches zu Mirjam und Aharon. Der hebräische Text wird von einer Transliteration, einer ÜbersetzungIm Original heißt es, der hebräische Text werde von einer russischen Übersetzung begleitet. Da sich das auf die Seite selbst bezieht, steht hier neutral „einer Übersetzung“. und der Auslegung des Autors begleitet.
Der Dienst der Leviten
Bemidbar 8,1–26
Mit Gottes Hilfe beginnen wir, den Wochenabschnitt Behaalotecha zu studieren, und werden ab Vers 1 von Kapitel 8 des Buches Bemidbar lesen.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché lemór
1 Und der HERR sprach zu Mosche und sagte:
דַּבֵּר אֶל־אַהֲרֹן וְאָמַרְתָּ אֵלָיו בְּהַעֲלֹתְךָ אֶת־הַנֵּרֹת אֶל־מוּל פְּנֵי הַמְּנוֹרָה יָאִירוּ שִׁבְעַת הַנֵּרוֹת׃
dabbér el-aharón we'amartá eláw beha'alotechá et-hannerót el-múl penéj hammenorá ja'íru schiw'át hannerót
2 „Rede mit Aharon und sage ihm: Wenn du die Lampen erheben wirst, sollen vor dem Angesicht des Leuchters die sieben Lampen leuchten.“
Dieser scheinbar verständliche Satz erfordert eine ganze Reihe von Erläuterungen. Warum gibt der Höchste gerade jetzt Aharon irgendwelche Anweisungen? In Kapitel 7 haben wir die lange Aufzählung der Darbringungen jedes Stammes gelesen. Der einzige Stamm, von dem keine Darbringungen kamen, ist der Stamm Lewi: Die Leviten haben nichts dargebracht. Und auch Aharon hat nichts dargebracht. Die Kommentatoren sagen, dass das Aharon sehr bedrückte und betrübte. Wie ein Hausherr, wie ein Kohen hätte Aharon überlegen können: „Oho, wie viel mir gute Leute hier alles zusammengetragen haben. Gott sei Dank für ihre Opferbereitschaft und Güte. Ich bin Kohen, und jetzt wird es Speise im Haus Gottes geben, das heißt in meinem Haus.“ Aber Aharon spürte, dass er dem Höchsten nichts gegeben hatte: „Wo ist denn mein Anteil? Ich will auch dienen.“ Und genau in diesem Moment sendet der Höchste Mosche zu ihm, um ihn an einen seiner Dienste zu erinnern – an den Dienst des Anzündens des Leuchters. Interessant ist, dass das nicht der wichtigste Dienst Aharons ist. Man hätte ihn erinnern können: „Aharon, du bist so cool, dass du im Allerheiligsten räuchern wirst, an Jom Kippur, am Tag des Gerichts, dienen wirst, du wirst für das ganze Volk einstehen.“ Warum wählt der Höchste denn als Trost für Aharon gerade die sieben Lampen, die Aharon für die Menora anzündet? Und was bedeutet sie werden vor dem Angesicht des Leuchters brennen, wenn sie doch selbst ein Teil des Leuchters sind?
Wenn wir uns das Verb genauer ansehen, das hier verwendet wird, leha'alót (erheben, erhöhen), dann ist auch das unverständlich. Man hätte hier das Verb lehadlik (anzünden) verwenden können. Zum Beispiel ein Streichholz anzünden – lehadlík gafrúr, ein zündender Mensch – adám madlík. Hier aber heißt es eláw beha'alotechá et-hannerót (wenn du erheben, erhöhen wirst die Leuchter), das heißt, damit sie sozusagen wie Feuer emporlodern, damit ihre Flamme hell brennt. So sagen es die Kommentatoren. Und darin kann man eine besondere Funktion des Leuchters sehen.
Im Tempel stehen die Keruwim, und wenn sie sich einander zuwenden oder in verschiedene Richtungen schauen, kann man sagen: „Das sind Wunder, die der Höchste tut.“ Der Leuchter ist ein Anzeichen für die Gegenwart der göttlichen Schechina in Israel. Deshalb brennt der Leuchter ständig, zeigt ständig: Solange er brennt, gibt es in Israel die göttliche Gegenwart. Und diese Gegenwart verwirklicht sich gerade durch den Dienst Aharons. Das ist ein Wunder, zu dem Aharon zugelassen ist. Deshalb wird ihm zum Trost gesagt, dass er, obwohl er keine materiellen Darbringungen gebracht hat, seinen Dienst darbringt: Die Menora ist ja eines der zentralen Elemente des Zeltes der Begegnung. Natürlich, wenn wir von dem sprechen, was uns offensichtlich erscheint, dann ist die Lade des Bundes wichtiger. Aber die Menora ist die Relaisstation, die das göttliche Licht in die Welt weitergibt, und Aharon, der Kohen, ist das Werkzeug, durch das dieses Licht übertragen wird.
וַיַּעַשׂ כֵּן אַהֲרֹן אֶל־מוּל פְּנֵי הַמְּנוֹרָה הֶעֱלָה נֵרֹתֶיהָ כַּאֲשֶׁר צִוָּה יְהוָה אֶת־מֹשֶׁה׃
wajá'as ken aharón el-múl penéj hammenorá he'elá nerotéha ka'aschér ziwwá adonáj et-mosché
3 Und Aharon tat so: Vor dem Angesicht der Menora stellte er (erhob er) die Lampen auf, wie der HERR Mosche geboten hatte.
Wieder ist es erstaunlich: Warum schreibt man nicht einfach und Aharon tat, wie Mosche ihm befohlen hatte? Was bedeutet vor dem Angesicht der Menora? Und die Kommentatoren sagen: „Schon das Stehen Aharons vor der Menora ist eine Teilhabe Aharons nicht nur am Anzünden des Lichts, sondern auch am Licht selbst.“ Wenn Aharon aus dem Heiligtum hinausgeht, trägt er dieses Licht mit sich hinaus und bringt es in die menschlichen Seelen, entzündet mit diesem Licht die menschlichen Seelen. Der Mensch ist nicht einfach gekommen, hat geschaut und gesagt: „Wow, eine Menora, wie hell es hier ist“, und ist eine Weile in diesem Licht geblieben. Aharon ist Träger des Lichts, er verwandelt menschliche Seelen in Kerzen. Dank Aharon breitet sich dieses Licht in der Welt aus. Der, Der das Licht geschaffen hat, braucht Selbst keinerlei Licht. Er hat uns in Seiner Gnade die Möglichkeit gegeben, Träger des geistlichen Lichts zu sein. Genau dieser Auftrag ist Aharon gegeben, der nicht untätig bleiben wollte, der nicht wollte, dass irgendein Ereignis ohne seine Beteiligung geschieht. Und Aharon erhielt Trost, einen sehr wichtigen Trost vom Höchsten: „Das ist dein Dienst.“
וְזֶה מַעֲשֵׂה הַמְּנֹרָה מִקְשָׁה זָהָב עַד־יְרֵכָהּ עַד־פִּרְחָהּ מִקְשָׁה הִוא כַּמַּרְאֶה אֲשֶׁר הֶרְאָה יְהוָה אֶת־מֹשֶׁה כֵּן עָשָׂה אֶת־הַמְּנֹרָה׃
wesé ma'assé hammenorá mikschá saháw ad-jerechá ad-pirchá mikschá hi kammar'é aschér her'á adonáj et-mosché ken assá et-hammenorá
4 Und so ist die Menora gefertigt: Aus einem einzigen Stück Gold ist sie getrieben, bis zu ihrem Fuß, bis zu ihrer Blüte ist sie getrieben; wie die Erscheinung (das Bild), die der HERR Mosche gezeigt hatte, so ist die Menora gefertigt.
Und wieder ist es erstaunlich: Wozu wird uns hier von der Menora erzählt? Wir haben über sie schon längst in Kapitel 25 des Buches Schemot gelesen und wissen, wie sie gebaut ist. Aber hier liegt ein Hinweis darauf, dass dieses ganze Leuchten innen und außen – das ist das ganze Volk Israel, das sich in eine Menora verwandeln, zum Leuchter werden soll. Es soll sich in gewissem Sinn zu einer großen Menora vereinen, soll ein einheitliches Ganzes werden, ein einheitlicher Organismus wie mikschá echád (eine getriebene Arbeit), ein einziges einheitliches Element, nicht zusammengefügt, weder mit Schrauben noch mit Gewinde, noch mit Klettband, noch mit Kleber oder Knetmasse. Darum geht es. Und mit diesem Vers endet eigentlich die Anweisung an Aharon und der Trost, den der Höchste ihm gibt.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché lemór
5 Und der HERR sprach zu Mosche und sagte:
קַח אֶת־הַלְוִיִּם מִתּוֹךְ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וְטִהַרְתָּ אֹתָם׃
kach et-halwijím mittóch benéj jisraél wetihartá otám
6 „Nimm die Leviten aus der Mitte der Söhne Israels und reinige sie.
וְכֹה־תַעֲשֶׂה לָהֶם לְטַהֲרָם הַזֵּה עֲלֵיהֶם מֵי חַטָּאת וְהֶעֱבִירוּ תַעַר עַל־כָּל־בְּשָׂרָם וְכִבְּסוּ בִגְדֵיהֶם וְהִטֶּהָרוּ׃
wecho-ta'assé lahém letaharám hassé alehém me chattát wehe'ewíru tá'ar al-kol-besarám wechibbesú wigdehém wehitteháru
7 . Und so tue ihnen, um sie zu reinigen: Besprenge sie mit Reinigungswasser, und sie sollen ein Schermesser über ihr ganzes Fleisch gehen lassen, und sie sollen ihre Kleider waschen, und damit werden sie gereinigt sein.
Höchstwahrscheinlich ist mit dem Reinigungswasser das Wasser gemeint, das mit der roten Kuh verbunden ist.
Wie wir schon über die von Zara'at Befallenen und über die Nasiräer gesagt haben, gibt es beim Übergang von einem Status in einen anderen, von einer Welt in eine andere, ein gewisses Zurücksetzen der Verbindung zwischen Innerem und Äußerem auf null. Was wächst von innen nach außen? Die Haare. Deshalb müssen die Leviten zur Reinigung alle Haare am Körper abrasieren, gerade am Körper (nach manchen Vorstellungen der Kommentatoren einschließlich des Bartes, aber nicht einschließlich des Haupthaars, nicht einschließlich der Haare auf dem Kopf). Und bis heute empfehlen Lehrer manchmal jemandem, der aus irgendwelchen sehr unangenehmen Situationen herausgekommen ist oder irgendeine unangenehme Präsenz in seinem Leben spürt, eine solche Methode anzuwenden und den ganzen Körper von Haaren zu reinigen.
Wir sehen also drei Bestandteile für die Reinigung der Leviten: das Reinigungswasser, das Abrasieren der Haare und das Waschen der Kleider. Selbstverständlich waschen sie sich auch selbst, wenn sie die Kleider waschen, das versteht sich von selbst.
וְלָקְחוּ פַּר בֶּן־בָּקָר וּמִנְחָתוֹ סֹלֶת בְּלוּלָה בַשָּׁמֶן וּפַר־שֵׁנִי בֶן־בָּקָר תִּקַּח לְחַטָּאת׃
welakechú par ben-bakár umincható sólet belulá waschámen ufar-schení wen-bakár tikkách lechattát
8 Und sie sollen einen einjährigen Stier nehmen und sein Speiseopfer aus Solet-Mehl, mit Öl angerührt. Und einen zweiten Stier nimm als Reinigungsopfer.
וְהִקְרַבְתָּ אֶת־הַלְוִיִּם לִפְנֵי אֹהֶל מוֹעֵד וְהִקְהַלְתָּ אֶת־כָּל־עֲדַת בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
wehikrawtá et-halwijím lifnej óhel mo'éd wehikhaltá et-kol-adát benéj jisraél
9 Und du sollst die Leviten vor das Zelt der Begegnung bringen und die ganze Versammlung des Volkes Israel versammeln.
Wenn früher dem Höchsten die Erstgeborenen geweiht wurden, so werden jetzt die Leviten geheiligt und in den Dienst genommen, einer der Stämme Israels. Da der Höchste einige Änderungen im Vertrag zwischen Ihm und Israel vornimmt, geschieht das vor dem Angesicht des ganzen Volkes Israel. Nicht Delegierte, nicht Auserwählte – die ganze Gemeinde versammelt sich, und die ganze Gemeinde wird Zeuge dessen sein, was geschieht.
וְהִקְרַבְתָּ אֶת־הַלְוִיִּם לִפְנֵי יְהוָה וְסָמְכוּ בְנֵי־יִשְׂרָאֵל אֶת־יְדֵיהֶם עַל־הַלְוִיִּם׃
wehikrawtá et-halwijím lifnéj adonáj wesamechú wenej-jisraél et-jedehém al-halwijím
10 Und du sollst die Leviten vor dem HERRN nahen lassen (sie an das Zelt der Begegnung herantreten lassen), und die Söhne Israels sollen ihre Hände auf die Leviten legen.
Man kann sich eine Szene vorstellen, in der fünfhundertfünfzigtausend Israeliten jemandem die Hände auflegen, jeder jedem, und das hätte wohl endlos dauern können. Eine andere Variante, die man sich vorstellen kann: dass die Ältesten jedes Stammes kommen und den Leviten die Hände auflegen, denn die Leviten werden ja für das ganze Volk einstehen. Und die dritte Variante, die am wahrscheinlichsten erscheint: Jeder Erstgeborene, an dessen Stelle ein Levit genommen ist, legt, sagen wir so, „seinem“ Leviten die Hände auf, der zur Auslösung des Erstgeborenen wird. Das ist die dem Sinn nach passendste Variante. Der Levit wird anstelle des Erstgeborenen in den Dienst genommen, und der Erstgeborene weiht ihn gleichsam durch Handauflegung für diesen Dienst.
וְהֵנִיף אַהֲרֹן אֶת־הַלְוִיִּם תְּנוּפָה לִפְנֵי יְהוָה מֵאֵת בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וְהָיוּ לַעֲבֹד אֶת־עֲבֹדַת יְהוָה׃
weheníf aharón et-halwijím tenufá lifnéj adonáj me'ét benéj jisraél wehajú la'awód et-awodát adonáj
11 Und Aharon erhob die Leviten als Erhebung vor dem HERRN im Namen der Söhne Israels, und sie werden dienen mit dem Dienst des HERRN.
Es wäre verständlich, wenn das Fleischstücke wären, die Aharon vor dem Höchsten hebt und erhebt. Wir haben gesagt, dass das eine Art Tanz ist. Hat Aharon etwa die Leviten auf die Arme gehoben, sie in die Luft geworfen, heruntergelassen und sie so vor dem Höchsten erhoben? Höchstwahrscheinlich war das irgendeine Geste (vielleicht das Heben der Hand, wie beim Schiedsrichter, wenn er den Sieger eines Zweikampfs verkündet), irgendeine deutliche Bewegung, wir können nicht genau sagen, welche. Das Wort tenufá (Schwingen, Erhebung) wird in diesem Kapitel mehrmals verwendet werden. Wir werden ihm noch begegnen: Jedes Mal wird geschrieben stehen, dass Aharon die Leviten vor dem Höchsten erhebt. Da diese Leviten unmittelbar vor dem HERRN, lifnéj adonáj, dienen werden, da sie unmittelbar mit den heiligen Elementen, den heiligen Geräten des Zeltes der Begegnung zu tun haben werden, können wir sagen, dass hier von der Erhebung der Söhne Kehats die Rede ist, dass gerade sie hier von Aharon für den Dienst geheiligt werden.
וְהַלְוִיִּם יִסְמְכוּ אֶת־יְדֵיהֶם עַל רֹאשׁ הַפָּרִים וַעֲשֵׂה אֶת־הָאֶחָד חַטָּאת וְאֶת־הָאֶחָד עֹלָה לַיהוָה לְכַפֵּר עַל־הַלְוִיִּם׃
wehalwijím jismechú et-jedehém al rosch happarím wa'assé et-ha'echád chattát we'et-ha'echád olá ladonáj lechappér al-halwijím
12 Und die Leviten sollen ihre Hände auf die Köpfe der Stiere legen: und einer soll ein Reinigungsopfer sein, und einer soll ein Ganzopfer für den HERRN sein, um die Leviten zu sühnen.
Das ist im Grunde ein verständlicher Vorgang. Wir haben ihn auch bei anderen Weihen beobachtet – jedes Mal, wenn ein Mensch seinen Status ändert. Das ist ein notwendiger Teil der Sühne vor dem Höchsten, gleichsam ein Ausgleich für all das, woran der Mensch nicht heranreicht. Wir sagen oft: „Was fehlt mir, um mich dem Höchsten zu nähern?“ Seltener fragen wir: „Was habe ich zu viel, welche überflüssigen Organe sind in mir, welche überflüssigen Wucherungen an mir, die mich hindern, mich dem Höchsten zu nähern?“ Das dargebrachte Opfer, eben dieses Sühneopfer, soll genau jene Elemente in mir entfernen, sühnen, die mich hindern, beim Höchsten zu sein, das heißt alles Überflüssige wegräumen.
וְהַעֲמַדְתָּ אֶת־הַלְוִיִּם לִפְנֵי אַהֲרֹן וְלִפְנֵי בָנָיו וְהֵנַפְתָּ אֹתָם תְּנוּפָה לַיהוָה׃
weha'amadtá et-halwijím lifnéj aharón welifnéj wanáw wehenaftá otám tenufá ladonáj
13 Und du sollst die Leviten vor Aharon und vor seine Söhne stellen und sie dem HERRN als Erhebung erheben.
Die zweite Erhebung – diesmal nicht lifnéj adonáj (vor dem Angesicht des HERRN), sondern einfach ladonáj (dem HERRN). Hier wird die zweite Familie der Leviten geheiligt, die Familie Gerschuni, die zwar keine Elemente aus dem Allerheiligsten mehr trägt, aber doch Elemente des Mischkan trägt.
וְהִבְדַּלְתָּ אֶת־הַלְוִיִּם מִתּוֹךְ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וְהָיוּ לִי הַלְוִיִּם׃
wehiwdaltá et-halwijím mittóch benéj jisraél wehaju li halwijím
14 Und du sollst die Leviten von allen Söhnen Israels absondern, und die Leviten sollen Mir gehören.
וְאַחֲרֵי־כֵן יָבֹאוּ הַלְוִיִּם לַעֲבֹד אֶת־אֹהֶל מוֹעֵד וְטִהַרְתָּ אֹתָם וְהֵנַפְתָּ אֹתָם תְּנוּפָה׃
we'acharej-chén jawó'u halwijím la'awód et-óhel mo'éd wetihartá otám wehenaftá otám tenufá
15 Und danach werden die Leviten kommen, um im Zelt der Begegnung zu dienen, und du sollst sie reinigen und sie erheben.
Hier ist schon von der dritten Familie der Leviten die Rede, von der Familie Merari, die als Wirtschaftsverwalter für jenen Teil des Zeltes der Begegnung dienen, der weniger mit Heiligkeit ausgestattet ist. Wir haben gesagt, dass sie die Säulen, Bretter und so weiter herumschleppen.
כִּי נְתֻנִים נְתֻנִים הֵמָּה לִי מִתּוֹךְ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל תַּחַת פִּטְרַת כָּל־רֶחֶם בְּכוֹר כֹּל מִבְּנֵי יִשְׂרָאֵל לָקַחְתִּי אֹתָם לִי׃
ki netuním netuním hémma li mittóch benéj jisraél táchat pitrát kol-réchem bechór kol mibbenéj jisraél lakáchti otám li
16 Denn zu Untertanen sind sie Mir gegeben aus der Mitte der Söhne Israels; anstelle der Erstgeborenen, die den Mutterschoß öffnen, von den Söhnen Israels – habe Ich sie Mir genommen.
כִּי לִי כָל־בְּכוֹר בִּבְנֵי יִשְׂרָאֵל בָּאָדָם וּבַבְּהֵמָה בְּיוֹם הַכֹּתִי כָל־בְּכוֹר בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם הִקְדַּשְׁתִּי אֹתָם לִי׃
ki li chol-bechór biwnéj jisraél ba'adám uwabbehemá bejom hakkotí chol-bechór be'érez mizrájim hikdáschti otám li
17 Denn Mir gehört jeder Erstgeborene unter den Söhnen Israels, vom Menschen und vom Vieh; an dem Tag, an dem Ich die Erstgeborenen im Land Ägypten schlug, habe Ich sie Mir geweiht.
וָאֶקַּח אֶת־הַלְוִיִּם תַּחַת כָּל־בְּכוֹר בִּבְנֵי יִשְׂרָאֵל׃
wa'ekkách et-halwijím táchat kol-bechór biwnéj jisraél
18 Und Ich werde jetzt die Leviten anstelle jedes Erstgeborenen unter den Söhnen Israels nehmen.
וָאֶתְּנָה אֶת־הַלְוִיִּם נְתֻנִים לְאַהֲרֹן וּלְבָנָיו מִתּוֹךְ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל לַעֲבֹד אֶת־עֲבֹדַת בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל בְּאֹהֶל מוֹעֵד וּלְכַפֵּר עַל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וְלֹא יִהְיֶה בִּבְנֵי יִשְׂרָאֵל נֶגֶף בְּגֶשֶׁת בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל אֶל־הַקֹּדֶשׁ׃
wa'ettená et-halwijim netuním le'aharón ulwanáw mittóch benéj jisraél la'awód et-awodát benej-jisraél be'óhel mo'éd ulchappér al-benéj jisraél weló jihjé biwnéj jisraél négef begéschet benej-jisraél el-hakkódesch
19 Und Ich werde die Leviten Aharon und seinen Söhnen zu Untertanen geben aus der Mitte der Söhne Israels, um den Dienst für die Söhne Israels im Zelt der Begegnung zu verrichten und Sühnende für die Söhne Israels zu sein, und es wird keine Seuche unter den Söhnen Israels geben, wenn die Söhne Israels sich dem Heiligtum nähern würden.“
Wovon spricht der Höchste? Dass es sehr gefährlich ist, sich dem Heiligtum zu nähern, und man sterben kann. Und jeder Fremde, der sich dem Heiligtum nähert, ist tödlicher Gefahr ausgesetzt. Was also tun, wie soll man dabei dem Höchsten dienen? Und hier sagt der HERR: „Ich habe die Leviten eingesetzt, Ich habe ihnen alles Notwendige gegeben, sie mit allem Notwendigen für den heiligen Dienst ausgestattet, und sie können ins Heiligtum hineingehen und Israel sühnen. Ein gewöhnlicher Israelit aber kann dort nicht hineingehen.“
וַיַּעַשׂ מֹשֶׁה וְאַהֲרֹן וְכָל־עֲדַת בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל לַלְוִיִּם כְּכֹל אֲשֶׁר־צִוָּה יְהוָה אֶת־מֹשֶׁה לַלְוִיִּם כֵּן־עָשׂוּ לָהֶם בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
wajá'as mosché we'aharón wechol-adát benej-jisraél lalwijím kechól ascher-ziwwá adonáj et-mosché lalwijím ken-asú lahém benéj jisraél
20 Und Mosche tat, und Aharon, und die ganze Gemeinde der Söhne Israels, an den Leviten nach allem, was der HERR Mosche für die Leviten zu tun geboten hatte; so handelten auch die Söhne Israels.
וַיִּתְחַטְּאוּ הַלְוִיִּם וַיְכַבְּסוּ בִּגְדֵיהֶם וַיָּנֶף אַהֲרֹן אֹתָם תְּנוּפָה לִפְנֵי יְהוָה וַיְכַפֵּר עֲלֵיהֶם אַהֲרֹן לְטַהֲרָם׃
wajitchatte'ú halwijím wajchabbesú bigdehém wajánef aharón otám tenufá lifnéj adonáj wajchappér alehém aharón letaharám
21 Und die Leviten reinigten sich und wuschen ihre Kleider. Und Aharon erhob sie (hier ist schon von allen Leviten die Rede) als Erhebung vor dem Höchsten, und Aharon sühnte sie durch ihre Reinigung (das heißt, er brachte für sie die Sühneopfer dar, die sie ihm gegeben hatten).
וְאַחֲרֵי־כֵן בָּאוּ הַלְוִיִּם לַעֲבֹד אֶת־עֲבֹדָתָם בְּאֹהֶל מוֹעֵד לִפְנֵי אַהֲרֹן וְלִפְנֵי בָנָיו כַּאֲשֶׁר צִוָּה יְהוָה אֶת־מֹשֶׁה עַל־הַלְוִיִּם כֵּן עָשׂוּ לָהֶם׃
we'acharej-chén bá'u halwijím la'awód et-awodatám be'óhel mo'éd lifnéj aharón welifnéj wanáw ka'aschér ziwwá adonáj et-mosché al-halwijím ken asú lahém
22 Und danach kamen die Leviten, um ihren Dienst im Zelt der Begegnung vor Aharon und vor seinen Söhnen zu tun (zu verrichten); wie der HERR Mosche in Bezug auf die Leviten geboten hatte, so taten sie es auch.
Das ist das Ende der Beschreibung des Vorgangs der Weihe der Leviten. Mehrmals wird hier (und überhaupt in der ganzen Tora) gesagt: „Wie geboten, so auch getan“. Wir lieben Kreativität, innovative Ideen und dergleichen sehr. Sehr oft begegnet man einem alternativen Pessach-Seder, einer alternativen Begrüßung des Sabbats, einem alternativen Torastudium – irgendetwas Alternativem, Neuem, Kreativem, das sich vom Traditionellen unterscheidet, nicht muffig, sondern nach Neuheit und Frische duftend. Und das zieht natürlich sehr an und lockt. Aber manchmal liegt im Einhalten einfacher Dinge eine besondere Stufe der Heiligkeit. Rabbi Nachman aus Brazlaw, der vor einigen Jahrhunderten lebte, bemerkte einmal, dass in der Generation des Kommens des Maschiach ein Mensch, der einfach routinemäßig seine gewöhnliche Arbeit tut, sie gewissenhaft und in Heiligkeit vor dem Höchsten tut, ohne neue Wege zu suchen – dass dieser Mensch ein Neuerer sein wird wie der Baal Schem Tow (der Gründer des Chassidismus) oder wie die coolsten Lehrer. Genau diese Fähigkeit, einfache Arbeit zu tun – ein einfacher Diener zu sein, ein einfacher Lehrer, ohne neue Theorien, neue Auslegungen zu erfinden; neues Licht zu offenbaren, es aber nicht in etwas Alternatives zu verwandeln, sich nicht seine eigene Religion auszudenken – das ist auch sehr wichtig. Und das wird mehrmals in Bezug auf den Dienst der Leviten betont, denn es gibt keinen alternativen levitischen Dienst und kann ihn nicht geben.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché lemór
23 Und der HERR sprach zu Mosche und sagte:
זֹאת אֲשֶׁר לַלְוִיִּם מִבֶּן חָמֵשׁ וְעֶשְׂרִים שָׁנָה וָמַעְלָה יָבוֹא לִצְבֹא צָבָא בַּעֲבֹדַת אֹהֶל מוֹעֵד׃
sot aschér lalwijím mibbén chamésch we'esrím schaná wamá'la jawó lizwó zawá ba'awodát óhel mo'éd
24 „Dies ist die Anordnung für die Leviten: Von fünfundzwanzig Jahren an und darüber werden sie in die Heerschar kommen zum Dienst im Zelt der Begegnung.
Früher haben wir gelesen (4,3), dass die Leviten im Alter von dreißig Jahren zum Dienst kommen. Hier sehen wir plötzlich: mit fünfundzwanzig. Wie lässt sich das vereinbaren? Fünf Jahre lernen die Leviten und gewöhnen sich ein. Fünf Jahre Ausbildung – das sind „Meine levitischen Universitäten“ (fast wie bei Gorki). Zuerst lerne ich, studiere dieses Fach. Dann übe ich, indem ich von einfachen Dingen zu komplizierteren übergehe. Die Leviten sind wirklich große Arbeitstiere: sie tragen viel, hacken, arbeiten mit den Händen, arbeiten schwer. Das erfordert Vorbereitung, das erfordert Verständnis, die Fähigkeit zu sehen, dass du nicht einfach Bretter schleppst, du nicht einfach Fleisch hackst: du dienst dem Höchsten. Daran muss man sich gewöhnen, das muss man verstehen. Es kann sich herausstellen, dass ein Mensch das nie versteht. All das gehört zu den fünf Jahren der Vorbereitung eines Leviten – Ausbildung, Praxis, Assistenzzeit und Probezeit.
וּמִבֶּן חֲמִשִּׁים שָׁנָה יָשׁוּב מִצְּבָא הָעֲבֹדָה וְלֹא יַעֲבֹד עוֹד׃
umibbén chamischím schaná jaschúw mizzewá ha'awodá weló ja'awód od
25 Und vom Alter von fünfzig Jahren an wird er aus der Arbeitsarmee ausscheiden und nicht mehr arbeiten,
וְשֵׁרֵת אֶת־אֶחָיו בְּאֹהֶל מוֹעֵד לִשְׁמֹר מִשְׁמֶרֶת וַעֲבֹדָה לֹא יַעֲבֹד כָּכָה תַּעֲשֶׂה לַלְוִיִּם בְּמִשְׁמְרֹתָם׃
wescherét et-echáw be'ohel mo'éd lischmór mischméret wa'awodá lo ja'awód kácha ta'assé lalwijím bemischmerotám
26 Aber er wird weiterhin mit seinen Brüdern vor dem Zelt der Begegnung dienen, um Wache zu halten, aber bei der Arbeit wird er nicht arbeiten. So sollst du mit den Leviten bei ihren Diensten verfahren.“
Das heißt, man kann es einfach verstehen: Ab fünfzig geht ein Mensch zu leichterer Arbeit über. Wenn er beim Lobpreis singt, dann ist klar, dass er weiter singen kann. Wenn er Torhüter ist und die Tore öffnet, ist klar, dass er auch weiterhin die Tore öffnen kann. Aber hacken, schleppen und allerlei schwere Arbeit tun wird er ab fünfzig nicht mehr. Das ist eine Art Rente. Einerseits bleibt er in die Angelegenheiten eingebunden, denn es ist nicht richtig, dass ein Mensch, der zum Handeln fähig ist, untätig ist. Zumal er sich im Kreis von Freunden befindet und nicht irgendwo in Rente auf dem Dorf alt wird. Andererseits wird er von den schweren Arbeiten befreit.
So ist die Anordnung des Höchsten in Bezug auf die Leviten.
Was, so konnte man das machen?!
Bemidbar 9,1–23
Mit Gottes Hilfe studieren wir gemeinsam weiter den Wochenabschnitt Behaalotecha und werden ab Vers 1 von Kapitel 9 des Buches Bemidbar lesen.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה בְמִדְבַּר־סִינַי בַּשָּׁנָה הַשֵּׁנִית לְצֵאתָם מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם בַּחֹדֶשׁ הָרִאשׁוֹן לֵאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché wemidbar-sináj baschaná haschenít lezetám me'érez mizrájim bachódesch harischón lemór
1 Und der HERR sprach mit Mosche in der Wüste Sinai im zweiten Jahr nach ihrem Auszug aus dem Land Ägypten, im ersten Monat, und sagte:
In den vorigen Kapiteln haben wir die Anreden und Reden gelesen, die der Höchste im zweiten Monat des zweiten Jahres zu Mosche sprach. Jetzt kehrt die Tora gleichsam zurück, der Höchste wendet sich im ersten Monat des zweiten Jahres an Mosche. Daraus ziehen die Weisen den allgemeinen Schluss, dass die Tora nicht immer in chronologischer Reihenfolge aufgebaut ist und dass es auch an anderen Stellen eine chronologische Unstimmigkeit geben kann. Die Tora gibt keineswegs zwingend alles in der chronologischen Reihenfolge wieder, in der es geschah.
וְיַעֲשׂוּ בְנֵי־יִשְׂרָאֵל אֶת־הַפָּסַח בְּמוֹעֲדוֹ׃
weja'asú wene-jisraél et-happássach bemo'adó
2 „Die Söhne Israels sollen das Pessach zu seiner Zeit machen.
בְּאַרְבָּעָה עָשָׂר־יוֹם בַּחֹדֶשׁ הַזֶּה בֵּין הָעֲרְבַּיִם תַּעֲשׂוּ אֹתוֹ בְּמוֹעֲדוֹ כְּכָל־חֻקֹּתָיו וּכְכָל־מִשְׁפָּטָיו תַּעֲשׂוּ אֹתוֹ׃
be'arba'á assar-jom bachódesch hassé ben ha'arbájim ta'asú otó bemo'adó kechol-chukkotáw uchechol-mischpatáw ta'asú otó
3 Am vierzehnten Tag dieses Monats, in der Abenddämmerung, macht es zu seiner Zeit, nach all seinen Gesetzen und nach all seinen Satzungen macht es.“
Als das Volk Israel ein Jahr zuvor aus Ägypten auszog, gab der Höchste Anordnungen bezüglich des Pessach. Die Anordnungen waren von zweierlei Art: Die erste betraf das Pessach in Ägypten, und dort gab es eigene Besonderheiten: Zum Beispiel musste man am Zehnten einen Widder ins Haus nehmen, die Türpfosten mit Blut bestreichen, man musste noch viele Elemente beachten, die später nicht mehr gemacht wurden. Der Höchste ordnet das nicht für die folgenden Generationen an, das war nur in Ägypten aktuell. Die zweite Anordnung betraf die folgenden Generationen, darunter auch unsere. Wir haben vom Höchsten die Anweisungen erhalten, dass man das Pessachopfer mit bitteren Kräutern essen muss, und andere Anweisungen. Und all das sagt der Höchste hier. Es ist ja das erste Pessach in der neuen Generation, das erste Gedenk-Pessach, das ist nicht mehr der Auszug aus Ägypten selbst, sondern das erste Fest, das zum Gedenken an das begangen wird, was damals geschah. Der Höchste sagt: „Das Gesetz des Pessach bleibt bestehen, macht es zur rechten Zeit.“
וַיְדַבֵּר מֹשֶׁה אֶל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל לַעֲשֹׂת הַפָּסַח׃
wajdabbér mosché el-bené jisraél la'assót happássach
4 Und Mosche sagte den Söhnen Israels, das Pessach zu machen.
וַיַּעֲשׂוּ אֶת־הַפֶּסַח בָּרִאשׁוֹן בְּאַרְבָּעָה עָשָׂר יוֹם לַחֹדֶשׁ בֵּין הָעַרְבַּיִם בְּמִדְבַּר סִינָי כְּכֹל אֲשֶׁר צִוָּה יְהוָה אֶת־מֹשֶׁה כֵּן עָשׂוּ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
waja'asú et-happéssach barischón be'arba'á assár jom lachódesch ben ha'arbájim bemidbár sináj kechól aschér ziwwá adonáj et-mosché ken asú bené jisraél
5 Und sie begingen das Pessach im ersten Monat, am vierzehnten Tag des Monats, in der Abenddämmerung, in der Wüste Sinai – ganz, wie der HERR Mosche geboten hatte, so taten die Söhne Israels.
וַיְהִי אֲנָשִׁים אֲשֶׁר הָיוּ טְמֵאִים לְנֶפֶשׁ אָדָם וְלֹא־יָכְלוּ לַעֲשֹׂת־הַפֶּסַח בַּיּוֹם הַהוּא וַיִּקְרְבוּ לִפְנֵי מֹשֶׁה וְלִפְנֵי אַהֲרֹן בַּיּוֹם הַהוּא׃
wajhí anaschím aschér hajú teme'ím lenéfesch adám welo-jachelú la'assot-happéssach bajom hahú wajikrewú lifné mosché welifné aharón bajom hahú
6 Und es geschah: Leute, die unrein waren wegen der Unreinheit der Verstorbenen, und sie konnten das Pessach an jenem Tag nicht machen, und sie traten an jenem Tag zu Mosche und zu Aharon heran.
Irgendjemand starb trotz allem in der Wüste, und die Leute befassten sich mit den Toten. Es gibt Midraschim, die sagen, das seien Leute gewesen, die die Gebeine Josefs trugen und sich deshalb für unrein hielten. Nach einer anderen Version könnten das Mischa'el und Elzafan gewesen sein, die Söhne Usi'els, die die Leichen Nadaws und Awihus, der umgekommenen Söhne Aharons, herausgetragen hatten. So oder so gab es irgendwelche Leute, die hier teme'ím lenéfesch (unrein durch die Unreinheit der Toten) genannt werden. Die Leute waren unrein und wollten trotzdem am Pessach teilnehmen. Es war ihnen bitter und kränkend, dass ihr Zustand der Unreinheit sie daran hinderte, das Pessach zu begehen. Und man hätte sagen können: „Na gut, Jungs, ihr seid doch noch jung, nächstes Mal bringt ihr das Opfer dar, nächstes Mal begeht ihr das Pessach.“
Wenn mir ein Mensch sagt: „Ich habe an diesem Sabbat die Schabbatkerzen nicht angezündet, darf ich sie am Montag anzünden?“, sage ich ihm: „Nein, warte auf den nächsten Schabbat.“ Aber diese Leute, die zu Mosche und Aharon kamen, sind mit einer solchen Antwort nicht zufrieden. Das Gefühl der Bitterkeit darüber, dass sie die Möglichkeit verpasst haben, am Pessach teilzunehmen, bringt sie dazu, zu suchen, zu schreien: Gibt es vielleicht doch irgendeine Möglichkeit? Nein, sie sagen nicht: „Lasst uns, die Unreinen, den Pessach-Seder machen“, sie fragen: „Können wir vielleicht irgendwie diese Möglichkeit nicht verpassen und das Pessachopfer darbringen?“ Der Schrei, mit dem sie schreien, ihr Durst nach dem Gebot ist sehr wichtig.
וַיֹּאמְרוּ הָאֲנָשִׁים הָהֵמָּה אֵלָיו אֲנַחְנוּ טְמֵאִים לְנֶפֶשׁ אָדָם לָמָּה נִגָּרַע לְבִלְתִּי הַקְרִב אֶת־קָרְבַּן יְהוָה בְּמֹעֲדוֹ בְּתוֹךְ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
wajomerú ha'anaschím hahémma eláw anáchnu teme'ím lenéfesch adám lámma niggará lewiltí hakríw et-korbán adonáj bemo'adó betóch bené jisraél
7 Und diese Leute sagten zu ihm: „Ja, wir sind unrein durch die Unreinheit eines Verstorbenen, aber wir wollen die Möglichkeit nicht verlieren, dem Höchsten das Opfer zu seiner Zeit darzubringen, inmitten aller anderen Söhne Israels.“
Obwohl sie zu Mosche und Aharon herantraten, sprechen sie mit Mosche, sprechen so: „Wir sind unrein, so ist es gekommen. Aber warum sollen wir denn abrutschen, warum sollen wir denn so tief sinken, dass wir dem HERRN das Opfer nicht zu seiner Zeit darbringen? Wir wollen die Möglichkeit nicht verlieren, dem Höchsten zu dienen!“ Das ähnelt dem Kummer Aharons, der auch am Dienst teilhaben wollte, worüber wir am Anfang von Kapitel 8 gelesen haben. Das sind in Wirklichkeit ähnliche Gefühle, wenn auch anderer Natur. Und die Leute sagen: „Wie kann das sein? Wie sollen wir das denn nicht können? Wir wollen doch auch dem Höchsten dienen!“ Ihr Schrei geht darum, dass ihnen doch die Möglichkeit gegeben wird, dem Höchsten zu dienen.
Wenn man heute einem Menschen sagt: „Du bist von der Erfüllung dieses und jenes Gebots befreit“, kann er sagen: „Na, Gott sei Dank, ich muss mich nicht anstrengen, ich habe mir ein Lamm gespart.“ Aber die Leute jener Generation fürchten sich nicht nur nicht, sich im Zustand der Unreinheit Mosche zu nähern, sie bitten: „Lass uns dem Höchsten dienen, obwohl wir jetzt unrein sind.“
וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם מֹשֶׁה עִמְדוּ וְאֶשְׁמְעָה מַה־יְצַוֶּה יְהוָה לָכֶם׃
wajomer alehém mosché imdú we'eschme'á ma-jezawwé adonáj lachém
8 Und Mosche sagte zu ihnen: „Bleibt stehen. Ich höre jetzt, was der HERR euch gebieten wird.“
Achten wir wieder auf die Reaktion Mosches. Mosche sagt ihnen nicht: „Das ist nicht das letzte Pessach, Jungs“, und sagt nicht: „Jungs, wenn ihr in Unreinheit das Pessach darbringt – oh, wehe euch! Dafür kann man eine schwere Strafe bekommen.“ Mosche versteht ihre Not und versteht, dass die Tora (unter anderem) auch auf die Bedürfnisse des Menschen im Dienst für den Höchsten antwortet, und deshalb fragt er den Höchsten um ihretwillen.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché lemór
9 Und der HERR antwortete Mosche und sagte:
דַּבֵּר אֶל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל לֵאמֹר אִישׁ אִישׁ כִּי־יִהְיֶה־טָמֵא לָנֶפֶשׁ אוֹ בְדֶרֶךְ רְחֹקָה לָכֶם אוֹ לְדֹרֹתֵיכֶם וְעָשָׂה פֶסַח לַיהוָה׃
dabbér el-bené jisraél lemór isch isch ki-jihjé tamé lanéfesch o wedérech rechoká lachém o ledorotechém we'ássa féssach ladonáj
10 „Sage den Söhnen Israels und sprich: Jeder von den Leuten, wenn er unrein ist durch die Unreinheit eines Verstorbenen oder auf einem fernen Weg, unter euch oder in euren Generationen, soll dennoch das Pessach für den HERRN machen.
Diese Frage einer wahrscheinlich kleinen Gruppe unreiner Menschen hat eine neue Offenbarung des Höchsten an alle Söhne Israels hervorgebracht. Es ergab sich, dass dank ihrer Frage, ihres Schreis, eine weitere Anrede des HERRN an Israel entstand. Mehr noch, wir werden gleich sehen, dass als Antwort auf ihre Not ein zusätzliches Fest geboren wurde, das es vorher nicht gab. Der Schrei von Menschen, die danach streben zu dienen, konnte offenbaren, was sich Mosche ursprünglich nicht offenbart hatte. Die Offenbarung, die der Höchste hier gibt, ist nicht irgendeine Erlaubnis für genau diese Leute, die fragen. Sie erwiesen sich tatsächlich als fähig, durch ihren Schrei, durch ihre Bitte um den Dienst für den Höchsten, die Wirklichkeit der Tora für Generationen im Voraus zu verändern, auch für unsere Generation.
בַּחֹדֶשׁ הַשֵּׁנִי בְּאַרְבָּעָה עָשָׂר יוֹם בֵּין הָעַרְבַּיִם יַעֲשׂוּ אֹתוֹ עַל־מַצּוֹת וּמְרֹרִים יֹאכְלֻהוּ׃
bachódesch haschení be'arba'á assár jom ben ha'arbájim ja'asú otó al-mazzót umrorím jochelúhu
11 Im zweiten Monat, am vierzehnten Tag in der Abenddämmerung, sollen sie es (das Pessach) machen, mit ungesäuerten Broten, und mit bitteren Kräutern sollen sie es essen.
Für die, die sich als unrein erwiesen oder sich auf einem fernen Weg befanden, kann man einen Monat später ein zweites Pessach machen: nicht am Vierzehnten des Monats Nissan, sondern am Vierzehnten des Monats Ijar. Und man muss es genauso behandeln wie das erste, alle Gesetze des Pessach müssen eingehalten werden – außer einem Detail, über das wir gleich sprechen werden.
לֹא־יַשְׁאִירוּ מִמֶּנּוּ עַד־בֹּקֶר וְעֶצֶם לֹא יִשְׁבְּרוּ־בוֹ כְּכָל־חֻקַּת הַפֶּסַח יַעֲשׂוּ אֹתוֹ׃
lo-jasch'íru mimménnu ad-bóker we'ézem lo jischberu-wó kechol-chukkát happéssach ja'asú otó
12 Nichts werden sie von ihm (dem Opfer) bis zum Morgen übrig lassen, und seine Knochen werden sie nicht brechen, gemäß allen Gesetzen des Pessach werden sie es machen.“
Das heißt, Pessach wie Pessach, mit allen Strengen in Bezug auf das Opfer. Der einzige Unterschied besteht darin, dass am vierzehnten Nissan, wenn man das erste Pessach feiert, kein Chamez im Haus sein darf, man muss ihn für die sieben Tage der Feier aus dem Haus entfernen. Hier, an Pessach Scheni (dem zweiten Pessach), gibt es einen Tag der Feier mit Opferdarbringung, und an diesem Tag darf Chamez im Haus sein. Wenn wir uns daran erinnern, was genau der Chamez symbolisiert, dann kann man das etwas anders betrachten. Chamez (das Gesäuerte) symbolisiert das böse, sündige Prinzip, den Trieb zum sündigen Prinzip. Es kommt vor, dass ein Mensch sich nicht auf jene Stufe der Reinheit erheben kann, auf der er keinen Chamez hat, kein Gesäuertes im Haus, kein Gesäuertes im Inneren. Und in diesem Fall wird dem Menschen eine zweite Chance gegeben. Er kann – sogar in einem nicht vollständig berichtigten Zustand, sogar mit Gesäuertem im Haus, sogar mit Verspätung – trotzdem Pessach feiern, dem Höchsten ein Opfer darbringen, sein Pessachopfer kann angenommen werden. Und das ist eine Offenbarung, die der Höchste Mosche nicht einfach so gegeben hat, sondern dann gegeben hat, als aus dem Volk, aus den einfachen Leuten, ein solcher Schrei hervorging. Wir schauen oft auf eine Situation und sagen: „Sogar in der Tora gibt es keinen Ausweg! Nein, die Tora sieht keine Antwort auf irgendeine Situation von uns vor.“ Oder wir sehen, dass man nach der Tora so und so handeln muss, und wir können genau das nicht tun, das heißt, es gibt keinen Ausweg. Es scheint, du kannst das Pessachopfer nicht einen Monat später darbringen. Aber wenn ein Schrei zum Höchsten entsteht, dann gibt Er durch Mosche eine Antwort und sagt: „Du kannst. Du kannst Pessach Scheni, das zweite Pessach, begehen. Ich gebe dir eine Chance.“
וְהָאִישׁ אֲשֶׁר־הוּא טָהוֹר וּבְדֶרֶךְ לֹא־הָיָה וְחָדַל לַעֲשׂוֹת הַפֶּסַח וְנִכְרְתָה הַנֶּפֶשׁ הַהִוא מֵעַמֶּיהָ כִּי קָרְבַּן יְהוָה לֹא הִקְרִיב בְּמֹעֲדוֹ חֶטְאוֹ יִשָּׂא הָאִישׁ הַהוּא׃
weha'ísch ascher-hú tahór uwdérech lo-hajá wechadál la'asót happéssach wenichretá hannéfesch hahí me'amméha ki korbán adonáj lo hikríw bemo'adó chet'ó jissá ha'ísch hahú
13 Wenn aber ein Mensch rein ist und nicht auf dem Weg und das Pessach nicht gemacht hat, so wird jene Seele aus dem Volk ausgerottet werden, denn das Opfer des HERRN hat er nicht zu seiner Zeit dargebracht; seine Sünde wird dieser Mensch tragen.
Das heißt, wenn ein Mensch kann, aber sagt: „Ich bringe es irgendwann das nächste Mal dar, vielleicht am fünfzehnten Ijar, vielleicht am zehnten Tammus, vielleicht noch irgendwann – kurz, nicht heute“, so wird jene Seele aus dem Volk ausgerottet. Noch einmal: Ein Mensch, der unrein war oder nicht imstande, Pessach zu seiner Zeit zu machen, erhält dank des Wunsches jener Leute, dem Höchsten zu dienen, dank ihrer Hinwendung an Mosche, die Möglichkeit, Pessach einen Monat später zu machen. So erhalten auch wir eine Chance: Wenn wir in Unreinheit sind, wenn wir nicht können, erhalten wir die Möglichkeit, Pessach einen Monat später zu machen. Aber wenn wir imstande sind, es zu machen, und es aufschieben, dann gibt es keine zweite Chance.
וְכִי־יָגוּר אִתְּכֶם גֵּר וְעָשָׂה פֶסַח לַיהוָה כְּחֻקַּת הַפֶּסַח וּכְמִשְׁפָּטוֹ כֵּן יַעֲשֶׂה חֻקָּה אַחַת יִהְיֶה לָכֶם וְלַגֵּר וּלְאֶזְרַח הָאָרֶץ׃
wechi-jagúr ittechém ger we'ássa féssach ladonáj kechukkát happéssach uchmischpató ken ja'assé chukká achát jihjé lachém welaggér ul'esrách ha'árez
14 Und wenn bei euch ein Fremdling wohnen wird und dem HERRN Pessach machen will, nach den Gesetzen und nach den Satzungen des Pessach wird er es machen. Gleiche Gesetze wird es bei euch geben, sowohl für den Ger als auch für den Bürger (für den Fremdling und für den ständigen Bewohner).“
Es gibt kein alternatives Pessach für Repatrianten aus Schweden oder für Proselyten aus der Mongolei. Wer sich dem Volk Israel anschließt (selbst wenn seine Vorfahren nicht aus Ägypten ausgezogen sind, selbst wenn es schwer ist, zu sagen: „Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat“), macht alles nach den Gesetzen und nach den Satzungen, wie es sich gehört; in dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen dem Fremdling und dem ständigen Bewohner.
Damit endet die Geschichte des neuen Festes, eines von Gott erflehten Festes, so kann man sagen, das man heute Pessach Scheni, das zweite Pessach, zu nennen pflegt.
Mit Vers 15 beginnt ein ganz anderes Thema.
וּבְיוֹם הָקִים אֶת־הַמִּשְׁכָּן כִּסָּה הֶעָנָן אֶת־הַמִּשְׁכָּן לְאֹהֶל הָעֵדֻת וּבָעֶרֶב יִהְיֶה עַל־הַמִּשְׁכָּן כְּמַרְאֵה־אֵשׁ עַד־בֹּקֶר׃
uwjom hakím et-hammischkán kissá he'anán et-hammischkán le'óhel ha'edút uwa'érew jihjé al-hammischkán kemar'e-ésch ad-bóker
15 Und an dem Tag, als der Mischkan aufgerichtet wurde, bedeckte die Wolke das Zelt des Zeugnisses, und am Abend war auf dem Mischkan gleichsam eine feurige Erscheinung (ein Schein) bis zum Morgen.
כֵּן יִהְיֶה תָמִיד הֶעָנָן יְכַסֶּנּוּ וּמַרְאֵה־אֵשׁ לָיְלָה׃
ken jihjé tamíd he'anán jechassénnu umar'e-ésch lájla
16 Und so war es immer: Die Wolke bedeckt, und der feurige Schein in der Nacht.
וּלְפִי הֵעָלֹת הֶעָנָן מֵעַל הָאֹהֶל וְאַחֲרֵי־כֵן יִסְעוּ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וּבִמְקוֹם אֲשֶׁר יִשְׁכָּן־שָׁם הֶעָנָן שָׁם יַחֲנוּ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
ulfí he'alót he'anán me'ál ha'óhel we'áchare chen jis'ú benéj jisraél uwimkóm aschér jischkon-schám he'anán scham jachanú benéj jisraél
17 Und wenn sich die Wolke über dem Zelt erhob, danach machten sich die Söhne Israels auf den Weg, und an dem Ort, an dem die Wolke anhielt, dort schlugen die Söhne Israels das Lager auf.
Die Wolke war ein Wegweiser. Wo sie anhielt, dort hielt das Volk Israel an; wenn sie sich auf den Weg machte, dann machte sich auch das Volk Israel auf den Weg. Das war wahrscheinlich ein erstaunliches Leben. Erstaunlich, weil man ständig auf die Wolke schauen musste. Du denkst: „Baue ich hier einen Keller, nagle ich hier Regalbretter an, oder brechen wir in einer Stunde auf? Soll ich anfangen, mich einzurichten, oder erwarten, dass der Halt hier nicht lange dauert?“ Jedes Mal entscheidet jeder auf seine Weise, aber niemand weiß je, wann die Wolke sich erhebt und sich auf den Weg macht.
עַל־פִּי יְהוָה יִסְעוּ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וְעַל־פִּי יְהוָה יַחֲנוּ כָּל־יְמֵי אֲשֶׁר יִשְׁכֹּן הֶעָנָן עַל־הַמִּשְׁכָּן יַחֲנוּ׃
al-pí adonáj jis'ú benéj jisraél we'al-pí adonáj jachanú kol-jeméj aschér jischkón he'anán al-hammischkán jachanú
18 Nach dem Mund des HERRN erhoben sich (zogen weiter) die Söhne Israels, und nach dem Mund des HERRN schlugen sie das Lager auf; alle Tage, solange die Wolke auf dem Mischkan verweilte, waren sie im Lager.
וּבְהַאֲרִיךְ הֶעָנָן עַל־הַמִּשְׁכָּן יָמִים רַבִּים וְשָׁמְרוּ בְנֵי־יִשְׂרָאֵל אֶת־מִשְׁמֶרֶת יְהוָה וְלֹא יִסָּעוּ׃
uwha'arích he'anán al-hammischkán jamím rabbím weschamerú wenej-jisraél et-mischméret adonáj weló jissáu
19 Und wenn die Wolke lange Zeit (lange Tage) über dem Mischkan war, waren die Söhne Israels auf der Wache des HERRN und zogen nicht weiter.
Der längste Halt des Volkes Israel dauerte, scheint es, etwa neunzehn Jahre. Neunzehn Jahre musste man an einem Ort leben und ständig nach der Wolke schauen, ob sie sich nicht in Bewegung setzt. Einerseits hast du dich schon irgendwie sozusagen niedergelassen, andererseits musst du ständig schauen, aufpassen: Vielleicht geht es morgen auf den Marsch, vielleicht geht es heute zu Mittag schon auf den Marsch. Aber wie lange die Wolke auch über dem Mischkan stand, niemand zog irgendwohin weiter.
וְיֵשׁ אֲשֶׁר יִהְיֶה הֶעָנָן יָמִים מִסְפָּר עַל־הַמִּשְׁכָּן עַל־פִּי יְהוָה יַחֲנוּ וְעַל־פִּי יְהוָה יִסָּעוּ׃
wejésch aschér jihjé he'anán jamím mispár al-hammischkán al-pí adonáj jachanú we'al-pí adonáj jissáu
20 Es kam vor, dass die Wolke einige Tage über dem Mischkan war, und dann schlugen sie das Lager nach dem Wort des HERRN auf, und nach dem Wort des HERRN zogen sie weiter.
Das ist ja noch eine Aufgabe: Wenn wir irgendwo für einige Stunden anhalten, sollen wir den Mischkan selbst aufbauen? Hier wird gesagt, dass man ihn aufbauen soll. Die Wolke hat angehalten – fertig, fang an aufzubauen. Und selbst wenn man ihn gerade erst aufgebaut hat, muss man ihn möglicherweise wieder abbauen. Man muss ständig beobachten, was geschieht. In unserem Leben wissen wir manchmal nicht, für welche Zeit wir uns an irgendeinem Ort befinden, für welche Zeit wir an irgendeinem Dienst beteiligt sind, am Umgang mit irgendwelchen Menschen, am Dienst an irgendwelchen Menschen. Und oft entsteht wahrscheinlich auch die Frage: „Den Mischkan aufbauen oder nicht aufbauen?“ Und die Tora sagt: „Wenn du dich hier befindest, wenn die Wolke über dir angehalten hat, dann bleibst du hier, bau den Mischkan auf, selbst wenn du in einigen Stunden von hier aufbrichst.“
וְיֵשׁ אֲשֶׁר־יִהְיֶה הֶעָנָן מֵעֶרֶב עַד־בֹּקֶר וְנַעֲלָה הֶעָנָן בַּבֹּקֶר וְנָסָעוּ אוֹ יוֹמָם וָלַיְלָה וְנַעֲלָה הֶעָנָן וְנָסָעוּ׃
wejésch aschér jihjé he'anán me'érew ad-bóker wena'alá he'anán babbóker wenassáu o jomám walájla wena'alá he'anán wenassáu
21 Und es kam vor, dass die Wolke vom Abend bis zum Morgen war, und die Wolke erhob sich am Morgen, und sie zogen weiter. Oder es kam vor, dass Tag und Nacht – und die Wolke erhob sich, und sie gingen.
אוֹ־יֹמַיִם אוֹ־חֹדֶשׁ אוֹ־יָמִים בְּהַאֲרִיךְ הֶעָנָן עַל־הַמִּשְׁכָּן לִשְׁכֹּן עָלָיו יַחֲנוּ בְנֵי־יִשְׂרָאֵל וְלֹא יִסָּעוּ וּבְהֵעָלֹתוֹ יִסָּעוּ׃
o-jomájim o-chódesch o-jamím beha'arích he'anán al-hammischkán lischkón aláw jachanú wenej-jisraél weló jissáu uwhe'alotó jissáu
22 Oder ein paar Tage, oder einen Monat, oder Tage, wenn die Wolke über dem Mischkan war, um auf ihm zu verweilen, schlugen die Söhne Israels das Lager auf und zogen nirgendwohin weiter, und wenn die Wolke sich erhob – zogen sie weiter.
Das Wort jamím (Tage) wird hier in der Bedeutung Jahr verstanden, so wird es oft verwendet. Und all diese Jahre musste man sich im Zustand voller Kampfbereitschaft befinden.
עַל־פִּי יְהוָה יַחֲנוּ וְעַל־פִּי יְהוָה יִסָּעוּ אֶת־מִשְׁמֶרֶת יְהוָה שָׁמָרוּ עַל־פִּי יְהוָה בְּיַד־מֹשֶׁה׃
al-pí adonáj jachanú we'al-pí adonáj jissáu et-mischméret adonáj schamáru al-pí adonáj bejad-mosché
23 Nach dem Wort des HERRN schlugen sie das Lager auf, und nach dem Wort des HERRN machten sie sich auf den Weg, die Wache für den HERRN hielten sie, nach dem Mund des HERRN durch die Hand Mosches.
In diesem Kapitel verschmelzen zwei verschiedene Themen gleichsam in gewissem Sinn zu einem. Einerseits: Wenn ein Mensch aus irgendwelchen Gründen nicht für Pessach bereit ist, hat er eine zweite Chance, eine zweite Möglichkeit, Pessach zu machen. Die zweite Chance wird einem Menschen gegeben, der dienen wollte, der es tun wollte, aber nicht konnte, nicht dem, der von Anfang an nicht wollte. Andererseits erfordert schon der Aufenthalt im Lager Israels, ständig bereit zu sein, sich von allem Gewohnten loszureißen und dem Höchsten zu folgen. Das eine wie das andere (sowohl die zweite Chance als auch die Notwendigkeit ständiger Aufmerksamkeit) ist mit dem Wunsch verbunden, dem Höchsten zu dienen.
Die Trompete ruft!
Bemidbar 10,1–36
Mit Gottes Hilfe setzen wir gemeinsam das Studium des Wochenabschnitts Behaalotecha fort und werden Kapitel 10 des Buches Bemidbar lesen.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché lemór
1 Und der HERR sprach zu Mosche und sagte:
עֲשֵׂה לְךָ שְׁתֵּי חֲצוֹצְרֹת כֶּסֶף מִקְשָׁה תַּעֲשֶׂה אֹתָם וְהָיוּ לְךָ לְמִקְרָא הָעֵדָה וּלְמַסַּע אֶת־הַמַּחֲנוֹת׃
assé lechá schetéj chazozerót késsef mikschá ta'assé otám wehajú lécha lemikrá ha'edá ulmassá et-hammachanót
2 „Mache dir zwei silberne Trompeten, in getriebener Arbeit mache sie, und sie sollen dir dienen zum Zusammenrufen der Gemeinde und zum Aufruf der Lager zum Aufbruch.
Das heißt, der Höchste gebietet Mosche, zwei besondere silberne Trompeten anzufertigen, zwei Musikinstrumente, die das Volk zusammenrufen und es zum Aufbruch aufrufen werden. Wie es auch heute üblich ist, treten an vielen Königshöfen, bei vielen Paraden Trompeter, Hornisten auf, es gibt sie in vielen Armeen. Und die Wurzel davon liegt noch in den Trompeten, die die ägyptischen Pharaonen hatten. Hier wird Mosche geboten, Trompeten zu machen wie an einem Königshof, wodurch in gewissem Maß der Status Mosches als König gestärkt wird.
Das Wort chazozerá (Trompete, Plural chazozerót) verstehen manche Kommentatoren (hauptsächlich chassidische Mystiker) als chézi (Hälfte) zurá (Form), das heißt als Hälfte der Form, und sagen, dass Mosche aufgetragen ist, im geistlichen Sinn ein Mensch zu werden, der aus zwei Teilen besteht, aus zwei Formen, der in sich das Göttliche und das Menschliche vereint, eine Brücke zwischen Gott und den Menschen zu werden. Und das Wort késsef (Silber) – das, womit man das Ersehnte erreicht, mit derselben Wurzel wie das Verb lehikassef (leidenschaftlich wünschen, begehren). Und wenn man nach dem Midrasch das Wort sahaw (Gold) als se haw (gib das) auslegt, dann kann man das Silber als Mittel zum Erreichen des Goldes verstehen, zum Erreichen von etwas Kostbarerem. Chazozerót késsef (silberne Trompeten) rufen gleichsam dazu auf, auf eine höhere Stufe aufzusteigen, vom Menschlichen zum Göttlichen zu gehen. Und Mosche vereint gleichsam zwei Ufer in sich. Das ist natürlich ein bildhafter, mystischer Kommentar, und wir kehren von ihm zum einfachen Sinn zurück. Und im einfachen Sinn ist Mosche aufgetragen, zwei Trompeten anzufertigen.
So beschreibt sie Josef Flavius, ein jüdischer Historiker, der im 1. Jahrhundert n. Chr. lebte: „Mosche machte auch eine Art silberne Trompete, die folgende Gestalt hat: In der Länge ist sie wenig kürzer als eine Elle, das heißt kürzer als fünfzig Zentimeter (wenn ihr euch beim ersten Lesen, wie ich, irgendeine riesige Trompete vorgestellt habt, ein riesiges, riesiges Horn, dann – nein, die Trompete war weniger als fünfzig Zentimeter lang), und ihre Röhre ist schmal, nur wenig breiter als die einer Flöte. Ihr Mundstück ist geräumig genug, um eine Menge Luft aufzunehmen, die der Spielende in sie hineinbläst. Sie endet aber mit einer weiten Öffnung nach Art eines Jagdhorns. In der hebräischen Sprache heißt dieses Instrument chazozerá. Solcher Trompeten wurden zwei gemacht. Die eine benutzte man zum Zusammenrufen und Sammeln des Volkes zur allgemeinen Versammlung, mit der anderen wurden die Ältesten zur Beratung geladen. Wenn man aber gleichzeitig in beide blies, mussten sich alle ohne Ausnahme zur Versammlung einfinden.“ Derselbe Josef Flavius erzählt, dass vor dem Anbruch des Sabbats ein Hornist auf den Flügel, auf die Ecke des Tempels hinaufstieg und ebenfalls in die Trompete blies, und das bedeutete, dass bald der Schabbat beginnen würde, und die Leute gingen vom Markt weg, beendeten alle ihre Handelsgeschäfte. Auf dem heutigen Markt Machane Jehuda in Jerusalem gibt es einen Menschen, der schon seit 20 Jahren vor dem Sabbat mit so einem Hirtenhorn herumgeht und bläst, ankündigt, dass der Schabbat naht, die Händler warnt, dass es Zeit ist, den Handel zu beenden. Das gibt es bis heute.
וְתָקְעוּ בָּהֵן וְנוֹעֲדוּ אֵלֶיךָ כָּל־הָעֵדָה אֶל־פֶּתַח אֹהֶל מוֹעֵד׃
wetake'ú bahén weno'adú elécha kol-ha'edá el-pétach óhel mo'éd
3 Und ihr werdet in sie blasen, und die ganze Gemeinde wird sich bei dir am Eingang zum Zelt der Begegnung versammeln.
וְאִם־בְּאַחַת יִתְקָעוּ וְנוֹעֲדוּ אֵלֶיךָ הַנְּשִׂיאִים רָאשֵׁי אַלְפֵי יִשְׂרָאֵל׃
we'im-be'achát jitká'u weno'adú elécha hannessi'ím raschéj alféj jisraél
4 Und wenn man in eine der Trompeten bläst, dann werden sich bei dir die Häupter der Tausende Israels versammeln.
וּתְקַעְתֶּם תְּרוּעָה וְנָסְעוּ הַמַּחֲנוֹת הַחֹנִים קֵדְמָה׃
utka'tém teru'á wenase'ú hammachanót hachoním kédma
5 Und wenn ihr mit unterbrochenem Ton blast, dann werden die Lager aufbrechen, die im Osten stehen.
Es gibt einige Arten des Blasens: Eine davon ist tki'á, vom Verb litkó'a (blasen), das ist ein ununterbrochener, gedehnter Ton der Trompete. Eine andere ist teru'á (Ausruf, stürmischer Ausdruck der Gefühle), vom Verb leharí'a (ausrufen, schreien), ein etwas gebrochener, schwächerer Ton, als ob die Trompete applaudiert oder freudig ausruft, mit dem Ruf „Hurra!“ das Volk in die Schlacht führt.
Wir erinnern uns, dass jedes Lager seinen Standort hat. Da das Volk Israel durch die Wüste nach Südosten zieht, brechen natürlich zuerst die Lager auf, die vorn stehen, im Osten: Das ist das Lager Jehudas, zu dem drei Stämme gehören – Jehuda, Sewulun, Jissachar, und wenn man mit dem Ton teru'á bläst, dann brechen sie als Erste auf.
וּתְקַעְתֶּם תְּרוּעָה שֵׁנִית וְנָסְעוּ הַמַּחֲנוֹת הַחֹנִים תֵּימָנָה תְּרוּעָה יִתְקְעוּ לְמַסְעֵיהֶם׃
utka'tém teru'á schenít wenase'ú hammachanót hachoním temána teru'á jitke'ú lemas'ehém
6 Und wenn ihr ein zweites Mal mit unterbrochenem Ton blast, dann werden die Lager aufbrechen, die im Süden stehen; mit dem Ton teru'á soll man blasen für jeden ihrer Aufbrüche.
Das ist das Lager Re'uwens, zu dem außer Re'uwen die Stämme Schimons und Gads gehören. Sie brechen nach dem zweiten unterbrochenen Blasen auf.
וּבְהַקְהִיל אֶת־הַקָּהָל תִּתְקְעוּ וְלֹא תָרִיעוּ׃
uwhakhíl et-hakkahál titke'ú weló tarí'u
7 Und wenn ihr die Gemeinde versammelt, blast mit einem einzigen Ton und nicht mit unterbrochenem.
וּבְנֵי אַהֲרֹן הַכֹּהֲנִים יִתְקְעוּ בַּחֲצֹצְרוֹת וְהָיוּ לָכֶם לְחֻקַּת עוֹלָם לְדֹרֹתֵיכֶם׃
uwnéj aharón hakkohaním jitke'ú bachazozerót wehajú lachém lechukkát olám ledorotechém
8 Die Söhne Aharons, die Kohanim, sollen in diese Trompeten blasen, und das soll euch ein ewiges Gesetz sein in euren Generationen.
Obwohl Mosche gesagt ist: „Du mache dir, und dir sollen diese Trompeten sein“, bläst natürlich der König nicht selbst, und auch Mosche bläst nicht selbst. Dafür gibt es die Kohanim, die Söhne Aharons, sie sind eingesetzt, in die Trompeten zu blasen. Diese zwei Trompeten befanden sich in der Verfügung der Söhne Aharons, sie waren für sie verantwortlich, sie bliesen auch in sie. Die Kommentatoren sagen, dass konkret diese zwei Trompeten eigens für Mosche gemacht wurden und für die Zeit galten, solange Mosche selbst lebte. Als Beweis dafür führt man einen Vers aus dem Buch Dewarim (31,28) an, als Mosche seinen Dienst schon beendet, die Zügel der Herrschaft Jehoschua ben Nun übergeben hat und sagt: „Versammelt zu mir alle …“. Hier gibt es kein Blasen, weil die Trompeten schon aufgehört haben, Mosche zu dienen. In den weiteren Generationen andere Trompeten, und der Trompetenschall selbst ist geblieben.
Gott sei Dank hören wir ihn bis heute oft in den Synagogen, obwohl wir heute in größerem Maß den Schofar hören, das heißt ein Horn, und nicht eine metallene Trompete. Es gibt sehr viele verschiedene Meinungen darüber, warum es so gekommen ist. Man hat vielleicht gemeint, dass der Schofar eine würdigere Erfüllung des Gebots sein würde. Aber höchstwahrscheinlich, weil das einfache Volk Oboe, Fagott, Klarinette, Saxofon, Waldhorn, Posaune und andere Musikinstrumente schlecht unterschied. Kaum hat das einfache Volk die labialen Blasinstrumente von den Embouchure-Instrumenten unterschieden, und deshalb blieb einfach ein Blasinstrument in Gebrauch, die Trompete. Mosche sollte die Trompeten aus Silber machen, aber später wurde das nicht so verstanden. Ob das richtig ist oder nicht, ist eine eigene Frage, aber die Geschichte sagt, dass künftig, in allen Generationen bald Trompeten, bald Schofarot, bald Schofarot und Trompeten zusammen verwendet werden, und es ist oft sehr schwer zu durchschauen, was wann verwendet wird.
וְכִי־תָבֹאוּ מִלְחָמָה בְּאַרְצְכֶם עַל־הַצַּר הַצֹּרֵר אֶתְכֶם וַהֲרֵעֹתֶם בַּחֲצֹצְרוֹת וֲנִזְכַּרְתֶּם לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם וְנוֹשַׁעְתֶּם מֵאֹיְבֵיכֶם׃
wechi-tawó'u milchamá be'arzechém al-hazzár hazzorér etchém wahare'otém bachazozerót weniskartém lifnéj adonáj elohechém wenoscha'tém me'ojewechém
9 Und wenn Krieg in euer Land kommt, wenn ein Bedränger euch angreift, sollt ihr mit unterbrochenem Ton in die Trompeten blasen, und erinnert euch an den HERRN, euren Gott, und ihr werdet vor euren Feinden gerettet werden.
וּבְיוֹם שִׂמְחַתְכֶם וּבְמוֹעֲדֵיכֶם וּבְרָאשֵׁי חָדְשֵׁיכֶם וּתְקַעְתֶּם בַּחֲצֹצְרֹת עַל עֹלֹתֵיכֶם וְעַל זִבְחֵי שַׁלְמֵיכֶם וְהָיוּ לָכֶם לְזִכָּרוֹן לִפְנֵי אֱלֹהֵיכֶם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם׃
uwjom simchatchém uwmo'adechém uwraschéj chodschechém utka'tém bachazozerót al olotechém we'ál siwchéj schalmechém wehajú lachém lesikkarón lifnéj elohechém aní adonáj elohechém
10 Und an den Tagen eurer Freuden und an euren Festen und an den Tagen eurer Neumonde sollt ihr gedehnt in die Trompeten blasen, über euren Ganzopfern und über euren Friedensopfern, und sie werden euch zum Gedenken sein vor dem HERRN: Ich bin der HERR, euer Gott.
Wir sehen auch im Weiteren, dass jedes Ereignis – sowohl als die Mauern Jerusalems wieder aufgebaut wurden als auch als man den Altar erneuerte – vom Blasen begleitet wurde, wir sehen, dass die Blasinstrumente, die Trompete und der Schofar, das Volk Israel während seiner ganzen Geschichte begleitet haben. Und im Jahr 1967, als Jerusalem im Verlauf des Sechstagekriegs befreit wurde, wurde zu Ehren dieses freudigen Ereignisses ebenfalls der Schofar geblasen. Im Wochenabschnitt Matot (in unserem Buch), am Anfang von Kapitel 31, lesen wir vom Krieg Mosches gegen Midjan, und es steht geschrieben (31,6): „Und Mosche sandte sie, je tausend von einem Stamm, zum Heer, sie und Pinchas, den Sohn Elasars, des Kohen, zum Heer, und die heiligen Geräte und die Trompeten zum Alarm in seiner Hand.“ Das heißt, wir sehen, dass die Trompeten verwendet wurden, um die Krieger zum Krieg aufzurufen. Noch ein wichtiges Detail, das man festhalten muss: In den Krieg führt das Volk nicht der König, in den Krieg führen das Volk die Kohanim. Gerade die Kohanim rufen auf, das ist Gewaltenteilung. Der König in Israel wird niemals allmächtig sein; er regiert natürlich (Mosche ist allerdings nicht einmal ganz ein König), aber in den Krieg führen das Volk die Kohanim, die Diener Gottes, diejenigen, die die Seele des Volkes kennen. Darin liegt der Unterschied der israelitischen Gesellschaftsordnung zu allen anderen Gemeinschaften. Das ist der Teil unseres Wochenabschnitts, der die Trompeten betrifft. Wir haben natürlich nicht einmal einen kleinen Teil dessen nacherzählt, was damit verbunden ist, denn allein über die Trompeten kann man stundenlang sprechen.
וַיְהִי בַּשָּׁנָה הַשֵּׁנִית בַּחֹדֶשׁ הַשֵּׁנִי בְּעֶשְׂרִים בַּחֹדֶשׁ נַעֲלָה הֶעָנָן מֵעַל מִשְׁכַּן הָעֵדֻת׃
wajhí baschaná haschenít bachódesch haschení be'esrím bachódesch na'alá he'anán me'ál mischkán ha'edút
11 Und es geschah im zweiten Jahr, im zweiten Monat, am zwanzigsten Tag (am zwanzigsten Ijar), da erhob sich die Wolke über dem Zelt des Zeugnisses (das heißt, man muss sich auf den Weg machen).
וַיִּסְעוּ בְנֵי־יִשְׂרָאֵל לְמַסְעֵיהֶם מִמִּדְבַּר סִינָי וַיִּשְׁכֹּן הֶעָנָן בְּמִדְבַּר פָּארָן׃
wajis'ú wenej-jisraél lemas'ehém mimmidbár sináj wajischkón he'anán bemidbár parán
12 Und die Söhne Israels brachen auf zu ihrem Zug aus der Wüste Sinai, und die Wolke hielt an (ließ sich nieder) in der Wüste Paran.
וַיִּסְעוּ בָּרִאשֹׁנָה עַל־פִּי יְהוָה בְּיַד־מֹשֶׁה׃
wajis'ú barischoná al-pí adonáj bejad-mosché
13 Und zum ersten Mal brachen sie auf nach dem Wort des HERRN, durch die Hand Mosches.
Drei Rufe ertönten, damit das Volk Israel sich auf den Weg machte. Der erste ist die Wolke, die sich bewegte. Der zweite sind die Trompeten, die geblasen wurden. Vom dritten werden wir in Vers 35 lesen, das ist der Ruf Mosches „Kumá adonáj – Steh auf, HERR!“ Es war Zeit, sich zu sammeln, sich auf den Weg zu machen, und überall, auf Schritt und Tritt, war die göttliche Gegenwart spürbar, denn die Wolke an sich symbolisiert die göttliche Gegenwart, in der Wolke offenbart sich der HERR. Was ist hier wichtig? Wichtig ist, dass noch nicht vorherbestimmt ist, dass das Volk Israel ganze vierzig Jahre durch die Wüste ziehen wird, davon war bisher überhaupt nicht die Rede. Und diese ganze Ordnung, all diese Anweisungen, dieser ganze Zeitplan werden vom Höchsten für einen im Grunde kurzen Weg ins Land Israel gegeben. Das heißt, es ist egal, wie kurz die Operation ist, die wir durchführen, wie kurzfristig unser Plan ist. Aber selbst für die kürzesten Handlungen können detaillierte Anweisungen gegeben werden.
וַיִּסַּע דֶּגֶל מַחֲנֵה בְנֵי־יְהוּדָה בָּרִאשֹׁנָה לְצִבְאֹתָם וְעַל־צְבָאוֹ נַחְשׁוֹן בֶּן־עַמִּינָדָב׃
wajissá dégel machané wene-jehudá barischoná leziw'otám we'al-zewaó nachschón ben-amminadáw
14 Und es brach das Lager des Lagers Jehudas auf, nach ihren Heerscharen, und der Oberbefehlshaber des ganzen Lagers, das Haupt des Stammes Jehuda – Nachschon ben Amminadaw.
וְעַל־צְבָא מַטֵּה בְּנֵי יִשָׂשכָר נְתַנְאֵל בֶּן־צוּעָר׃
we'al-zewá matté bené jissachár netan'él ben-zu'ár
15 Und neben ihm der Stab der Söhne Jissachars, sie befehligt Netan'el ben Zu'ar.
וְעַל־צְבָא מַטֵּה בְּנֵי זְבוּלֻן אֱלִיאָב בֶּן־חֵלוֹן׃
we'al-zewá matté bené sewulún eli'áw ben-chelón
16 Und neben ihm der Stamm Sewuluns, ihn befehligt Eli'aw ben Chelon.
וְהוּרַד הַמִּשְׁכָּן וְנָסְעוּ בְנֵי־גֵרְשׁוֹן וּבְנֵי מְרָרִי נֹשְׂאֵי הַמִּשְׁכָּן׃
wehurád hammischkán wenase'ú wene-gereschón uwné merarí nose'é hammischkán
17 Und der Mischkan wurde abgebaut, und es brachen die Söhne Gerschons und Meraris auf, die Träger des Mischkans.
Warum zogen sie als Erste aus, diese levitischen Familien, die die ganze nicht heilige Ausrüstung des Mischkans tragen? Weil sie den Mischkan auch als Erste aufstellen müssen, und wenn die Lade herankommt, wird der Mischkan schon bereit sein. Die Lade soll nicht auf den Schultern der Menschen warten, bis man den Mischkan aufstellt, man muss im Voraus den Platz für das Heilige vorbereiten. Das ist nicht einfach so ein Zeitplan, das ist ein wichtiger Zeitplan, der die Hierarchie der Ereignisse berücksichtigt. Also, die Söhne Gerschons und Meraris ziehen als Erste von den Leviten aus, mit der ganzen Ausrüstung, die sie tragen sollen.
וְנָסַע דֶּגֶל מַחֲנֵה רְאוּבֵן לְצִבְאֹתָם וְעַל־צְבָאוֹ אֱלִיצוּר בֶּן־שְׁדֵיאוּר׃
wenassá dégel machané re'uwén leziw'otám we'al-zewaó elizúr ben-schede'úr
18 Und ihnen folgend zog das Lager Re'uwens aus, und diese ganze Armee führt Elezur ben Schdejur.
Bei Re'uwen im Lager, das auf der Südseite steht, gibt es noch den Stamm Schimon und den Stamm Gad.
וְעַל־צְבָא מַטֵּה בְּנֵי שִׁמְעוֹן שְׁלֻמִיאֵל בֶּן־צוּרִי שַׁדָּי׃
we'al-zewá matté bené schim'ón schelumi'él ben-zurischaddáj
19 Und den Stab der Söhne Schimons führt Schlemi'el ben Zurischaddaj.
וְעַל־צְבָא מַטֵּה בְנֵי־גָד אֶלְיָסָף בֶּן־דְּעוּאֵל׃
we'al-zewá matté wene-gád eljassáf ben-de'u'él
20 Und über dem Stab der Söhne Gads – Eljassaf ben Re'u'el (De'u'el).
וְנָסְעוּ הַקְּהָתִים נֹשְׂאֵי הַמִּקְדָּשׁ וְהֵקִימוּ אֶת־הַמִּשְׁכָּן עַד־בֹּאָם׃
wenase'ú hakkehatím nose'é hammikdásch wehekímu et-hammischkán ad-bo'ám
21 Und es brachen die Leviten der Familie Kehats auf, die Träger der heiligen Geräte, und bis zu ihrer Ankunft hatte man den Mischkan schon vorbereitet.
וְנָסַע דֶּגֶל מַחֲנֵה בְנֵי־אֶפְרַיִם לְצִבְאֹתָם וְעַל־צְבָאוֹ אֱלִישָׁמָע בֶּן־עַמִּיהוּד׃
wenassá dégel machané wene-efrájim leziw'otám we'al-zewaó elischamá ben-ammihúd
22 Und danach brach das Lager der Söhne Efrajims auf, nach ihren Armeen, und über dieser ganzen Armee – Elischama ben Ammihud.
Das ist das westliche Lager, darin sind Efrajim, Binjamin und Menasche, sie stehen im Westen, hinter allen.
וְעַל־צְבָא מַטֵּה בְּנֵי מְנַשֶּׁה גַּמְלִיאֵל בֶּן־פְּדָה־צוּר׃
we'al-zewá matté bené menasché gamli'él ben-pedazúr
23 Und über der Armee des Lagers der Söhne Menasches – Gamli'el ben Pdazur.
וְעַל־צְבָא מַטֵּה בְּנֵי בִנְיָמִן אֲבִידָן בֶּן־גִּדְעוֹנִי׃
we'al-zewá matté bené winjamín awidán ben-gid'oní
24 Und über dem Lager der Söhne Binjamins – Awidan ben Gidoni.
Das ist das dritte Lager, das sich auf den Weg machte. Jetzt eine interessante Frage: Hat man denn ein drittes Mal geblasen, damit das dritte Lager aufbricht? Wir haben vom ersten Mal gelesen, wenn das östliche Lager aufbricht. Vom zweiten Mal, wenn für das südliche Lager geblasen wird. Und wie ist es beim westlichen und beim nördlichen Lager? Höchstwahrscheinlich hat man für sie nicht geblasen, weil die Kohanim mit der Lade weggezogen waren und einfach nicht mehr da waren. Und blasen müssen, wie wir uns erinnern, gerade die Kohanim. Deshalb zogen nach den meisten Meinungen die westlichen und nördlichen Lager ohne Trompetenschall aus, weil sie sahen, dass die Lade weggezogen war.
וְנָסַע דֶּגֶל מַחֲנֵה בְנֵי־דָן מְאַסֵּף לְכָל־הַמַּחֲנֹת לְצִבְאֹתָם וְעַל־צְבָאוֹ אֲחִיעֶזֶר בֶּן־עַמִּישַׁדָּי׃
wenassá dégel machané wene-dán me'asséf lechol-hammachanót leziw'otám we'al-zewaó achi'éser ben-ammischaddáj
25 Und es zog das Lager der Söhne Dans aus, das abschließende nach allen Lagern, nach ihren Armeen, und über ihrer Heerschar – Achi'eser ben Ammischaddaj.
Es gibt die Meinung, dass man das Wort me'asséf (das Abschließende) als das Sammelnde verstehen kann. Wie der letzte Bus, der abends losfährt und an jedem Pfosten hält: Er sammelt die Leute ein, die schon alle anderen Busse verpasst haben. In diesem Fall kann man sagen, dass dieses Lager, das als letztes auszog, die Übriggebliebenen sammelte, einsammelte, sich um die erschöpften, verloren gegangenen Menschen und Dinge kümmerte, alle Funktionen der Nachhut auf einem Feldzug erfüllte.
וְעַל־צְבָא מַטֵּה בְּנֵי אָשֵׁר פַּגְעִיאֵל בֶּן־עָכְרָן׃
we'al-zewá matté bené aschér pag'i'él ben-ochrán
26 Und über dem Stab der Söhne Aschers – Pagi'el ben Achran.
וְעַל־צְבָא מַטֵּה בְּנֵי נַפְתָּלִי אֲחִירַע בֶּן־עֵינָן׃
we'al-zewá matté bené naftalí achirá ben-enán
27 Und über dem Stab der Söhne Naftalis – Achira ben Ejnan.
אֵלֶּה מַסְעֵי בְנֵי־יִשְׂרָאֵל לְצִבְאֹתָם וַיִּסָּעוּ׃
élle mas'é wene-jisraél leziw'otám wajissá'u
28 Das ist die Ordnung des Zuges der Söhne Israels nach ihren Armeen, und sie zogen los auf den Weg.
Zum ersten Mal bricht das Volk Israel in der festgelegten Ordnung auf, der Wolke folgend. Am zwanzigsten Tag des zweiten Monats (des Monats Ijar), im zweiten Jahr des Aufenthalts Israels in der Wüste geschieht dieses Ereignis. Und als das Volk Israel sich auf den Weg macht, spricht Mosche mit seinem Schwiegervater.
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה לְחֹבָב בֶּן־רְעוּאֵל הַמִּדְיָנִי חֹתֵן מֹשֶׁה נֹסְעִים אֲנַחְנוּ אֶל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר אָמַר יְהוָה אֹתוֹ אֶתֵּן לָכֶם לְכָה אִתָּנוּ וְהֵטַבְנוּ לָךְ כִּי־יְהוָה דִּבֶּר־טוֹב עַל־יִשְׂרָאֵל׃
wajomer mosché lechowáw ben-re'u'él hammidjaní chotén mosché nose'ím anáchnu el-hammakóm aschér amár adonáj otó ettén lachém lechá ittánu wehetáwnu lach ki-adonáj dibber-tów al-jisraél
29 Und Mosche sprach zu Chowaw ben Re'u'el aus Midjan, dem Schwiegervater Mosches: „Wir gehen an den Ort, von dem der HERR gesagt hat: Ich werde ihn euch geben. Komm mit uns, wir werden gut an dir handeln, denn der HERR spricht wohlgesinnt zu Israel.
Was Mosche sagt: „Wir werden gut an dir handeln“, kann man auch so verstehen: „Du wirst mit uns gehen, und das wird dir Gutes bringen, wird dir zum Wohl sein. Jetzt ist eine solche Zeit, dass der HERR Israel wohlgesinnt ist, du kannst dich ihm anschließen und mit ihm zusammen ziehen.“
Also, Mosche spricht mit seinem Schwiegervater. Ein erstaunlicher Mensch, Jitro, der Schwiegervater Mosches, der sehr oft die Namen wechselt, und wenn man dem nachgeht, ist nicht immer klar, wie er nun eigentlich heißt. Verwirrung stiftet auch die Synodalübersetzung, die ein und denselben Namen auf verschiedene Weise übersetzt, und dann entsteht schon ein völliges Durcheinander. Es gibt drei Hauptversionen, die all die verschiedenen Namen des Schwiegervaters Mosches miteinander in Einklang bringen. Nach der ersten Version sind Chowaw und Jitro der Name ein und desselben Menschen. Chowaw ist Freundchen, Lieber, Geliebter, Nächster, so kann man einen engen Freund nennen. Es ist durchaus möglich, auch den Schwiegervater so anzureden, und das kann einer seiner Beinamen oder Namen sein. Re'u'el ist der Vater von Chowaw oder Jitro, und dann sind in der Szene mit den Töchtern (Schemot 2,18) das in Wirklichkeit nicht die Töchter Re'u'els, sondern Enkelinnen, was auch vom biblischen Text her durchaus verständlich ist: Enkelinnen können Töchter genannt werden. Dann rückt alles an seinen Platz. Die zweite Version: Das Wort chatán kann auf die ganze Verwandtschaft der Braut oder der Ehefrau angewendet werden, und deshalb wird es mal für den einen, mal für den anderen Menschen gebraucht. Nach der dritten Version ist Re'u'el ein Sippenname, der sich auf die ganze Familie Jitros bezieht. Diese Version ist ziemlich kompliziert, weil sie voraussetzt, dass das Wort chatán den Schwiegersohn Mosches bedeutet – nicht den Schwiegervater, sondern den Schwiegersohn Mosches, das heißt den Mann seiner Tochter. Und um diese Version irgendwie zu begründen, muss man sich noch irgendeine Tochter ausdenken, die Mosche irgendwo hat. Deshalb ist es schwer, diese Version anzunehmen. Am wahrscheinlichsten ist die Version, dass das Wort chatán sich auf die ganze Verwandtschaft von Seiten der Ehefrau bezieht. Und dann rückt alles an seinen Platz.
וַיֹּאמֶר אֵלָיו לֹא אֵלֵךְ כִּי אִם־אֶל־אַרְצִי וְאֶל־מוֹלַדְתִּי אֵלֵךְ׃
wajomer eláw lo eléch ki im-el-arzí we'el-moladtí eléch
30 Und er sagte zu ihm (der Schwiegervater antwortet Mosche): „Ich gehe nicht mit euch, sondern in mein Land und in meine Heimat werde ich gehen.“
Möglicherweise ist das eine höfliche Absage, die im Grunde Zustimmung meint. Nach den Regeln der östlichen Höflichkeit ist es manchmal üblich, Angebote abzulehnen, wenn man in Wirklichkeit zustimmen möchte. Das ist so eine Politesse. Und bis heute ist es in vielen Familien, wenn man einen Menschen fragt, ob er essen möchte, schwer, aus ihm herauszubekommen, ob er wirklich essen möchte. Bei mir sind oft Gäste, die sagen: „Nein, nein, ich möchte nichts essen.“ Und man muss aus ihnen mit chirurgischen Instrumenten die Zustimmung herausziehen, zu Mittag zu essen, weil sie in Wirklichkeit hungrig sind. Eine solche Höflichkeit war möglicherweise auch dem Schwiegervater Mosches bekannt, und höchstwahrscheinlich lehnt er gerade aus Höflichkeit ab. Mosche fährt fort, ihn zu überreden.
וַיֹּאמֶר אַל־נָא תַּעֲזֹב אֹתָנוּ כִּי עַל־כֵּן יָדַעְתָּ חֲנֹתֵנוּ בַּמִּדְבָּר וְהָיִיתָ לָּנוּ לְעֵינָיִם׃
wajomer al-ná ta'asów otánu ki al-kén jadá'ta chanoténu bammidbár wehajíta lánu le'enájim
31 Und Mosche sagte zu ihm: „Verlass uns bitte nicht, du kennst doch unsere Lagerplätze in der Wüste, und du warst (oder wurdest) unsere Augen.
Diesen Ausdruck kann man auf verschiedene Weise verstehen. Die erste Variante: „Du bist doch mit uns gegangen, du hast alles mit eigenen Augen gesehen, du hast gesehen, wie viele Wunder uns widerfahren sind. Willst du uns etwa verlassen?“ Die zweite Variante: „Du gehst mit uns, du kannst von außen sehen, du hast schon einmal einen wertvollen Rat gegeben und wirst vielleicht noch so manchen wertvollen Rat geben. Vielleicht werden wir deine Weisheit brauchen.“ Das ist eine schöne Art, wie Mosche an seinen Schwiegervater herangeht. Die dritte Variante des Verständnisses ist diese: „Du bist uns so teuer geworden wie die Augen.“ Und noch heute ist es bei den orientalischen Juden üblich, aus dem Arabischen, aus den altsemitischen Sprachen ejnájim schelí (meine Augen) im Sinne von mein Teurer, mein Lieber zu übersetzen. Möglicherweise so. Es gibt noch eine Variante des Verständnisses: „Du kannst hier doch zum Spion gegen uns werden. Man kann dich fangen und anfangen, dich über unsere Ordnung zu verhören, darüber, wie bei uns alles eingerichtet ist, wo wir gehen und wo wir haltmachen.“ Das ist ein ziemlich seltsamer Kommentar. Sich vorzustellen, wie zwei Millionen Juden unbemerkt durch die Wüste Sinai schleichen und niemand sie bemerkt (es sei denn, Jitro verrät sie), ist sehr schwer, denn ein solches Lager kann sich nicht unbemerkt bewegen, es breitet sich auf einem riesigen Gebiet aus und ist für alle sichtbar. Mehr noch, sein Zug wird von so vielen Wundern begleitet, dass die Gerüchte darüber bis nach Jericho gelangen und sich in der ganzen Gegend verbreiten. Die Gerüchte darüber, wie das Volk Israel zieht, sind allen bekannt, und hier braucht es keine Kundschafter, hier gibt es nichts auszukundschaften.
וְהָיָה כִּי־תֵלֵךְ עִמָּנוּ וְהָיָה הַטּוֹב הַהוּא אֲשֶׁר יֵיטִיב יְהוָה עִמָּנוּ וְהֵטַבְנוּ לָךְ׃
wehajá ki-teléch immánu wehajá hattów hahú aschér jetíw adonáj immánu wehetáwnu lach
32 Und es wird sein, wenn du mit uns gehst, dann werden wir das Gute, mit dem der HERR uns beschenken wird, dir tun (wir werden dieses Gute mit dir teilen).
Damit endet der Dialog zwischen Mosche und seinem Schwiegervater. Ob sich der Schwiegervater dem Volk angeschlossen hat oder doch weggegangen ist, darauf gibt die Tora hier keine Antwort. Eine Antwort gibt möglicherweise das Buch Schoftim. Im 1. Kapitel, in Vers 16 lesen wir: „Und die Söhne des Keniters, des Schwiegervaters Mosches, zogen hinauf aus der Palmenstadt mit den Söhnen Jehudas in die judäische Wüste, die südlich von Arad liegt, und gingen und ließen sich unter dem Volk nieder.“ Wir lesen davon, dass die Söhne des Schwiegervaters Mosches (der, wohlgemerkt, diesmal der Keniter genannt wird) doch unter dem Volk Israel leben. Und möglicherweise ist das ein Zeugnis dafür, dass der Schwiegervater doch mit ihnen gegangen ist.
וַיִּסְעוּ מֵהַר יְהוָה דֶּרֶךְ שְׁלֹשֶׁת יָמִים וַאֲרוֹן בְּרִית־יְהוָה נֹסֵעַ לִפְנֵיהֶם דֶּרֶךְ שְׁלֹשֶׁת יָמִים לָתוּר לָהֶם מְנוּחָה׃
wajis'ú mehár adonáj dérech schelóschet jamím wa'arón berit-adonáj nossé'a lifnehém dérech schelóschet jamím latúr lahém menuchá
33 Und sie brachen vom Berg des HERRN auf zu einem Weg von drei Tagen, und die Lade des Bundes zog vor ihnen her drei Tagesreisen weit, um für sie einen Ort der Ruhe ausfindig zu machen.
וַעֲנַן יְהוָה עֲלֵיהֶם יוֹמָם בְּנָסְעָם מִן־הַמַּחֲנֶה׃
wa'anán adonáj alehém jomám benos'ám min-hammachané
34 Und die Wolke des HERRN über ihnen bei Tag, wenn sie als Lager ziehen.
וַיְהִי בִּנְסֹעַ הָאָרֹן וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה קוּמָה יְהוָה וְיָפֻצוּ אֹיְבֶיךָ וְיָנֻסוּ מְשַׂנְאֶיךָ מִפָּנֶיךָ׃
wajhí binsó'a ha'arón wajomer mosché kumá adonáj wejafúzu ojewécha wejanússu messan'écha mippanécha
35 Und es geschah, als die Lade sich erhob, da sprach Mosche: „Steh auf, HERR, und Deine Feinde werden zerstreut, und die Dich hassen, werden vor Deinem Angesicht fliehen.“
וּבְנֻחֹה יֹאמַר שׁוּבָה יְהוָה רִבְבוֹת אַלְפֵי יִשְׂרָאֵל׃
uwnuchó jomár schuwá adonáj riwewót alfé jisraél
36 Und wenn (die Lade) haltmachte, sprach er: „Kehre zurück, HERR, zu den Myriaden, zu den Tausenden Israels.“
Viele Jahre später wird David das zitieren, indem er sagt: „Der Höchste wird sich erheben, und Seine Feinde werden zerstreut.“ Sehr oft sprechen Menschen, die irgendeine Sache beginnen, etwas planen, sich irgendeinen Weg festlegen, gerade dieses Gebet. Wir ziehen nicht einfach mit der Lade – wir bitten den HERRN, unsere Kampfwaffe zu sein, ein Schrecken für die Feinde. Der HERR selbst führt das Volk durch die Wüste, und das Volk braucht nichts zu fürchten, denn der HERR schlägt alle Feinde seines Volkes in die Flucht. Das ist der dritte Teil, der dritte Ruf an das Volk, sich auf den Weg zu machen, wie wir gesagt haben (der erste ist die Wolke, der zweite das Blasen der Trompeten). Der dritte Ruf ist das Gebet Mosches zum Höchsten: „Kumá Adonáj – Steh auf, HERR!“ Mit diesem Gebet machte sich das Volk Israel unter Trompetenklängen auf den Weg, der Wolke nach. Das sind die drei Bestandteile des Beginns jeder Handlung für das Volk Israel. Niemand brach ohne Gebet auf, Mosche ließ das nicht zu. Und der Trompetenschall rief dazu auf, aufzubrechen, dem Höchsten zu folgen. Deshalb wird später gesagt werden: „Glücklich das Volk, das den Trompetenschall kennt.“ Der Trompetenschall ist nicht einfach der Klang der Trompete. Er zeigt dem Menschen seinen Platz, zeigt, wann gerade er aufbrechen soll und wohin gerade er ziehen soll. Und unser ganzer Wochenabschnitt mit seinen verschiedenen Ereignissen, verschiedenen Geschichten erzählt vom Ruf des Höchsten zum Handeln: zuerst die zwei Trompeten und das Blasen, dann das Folgen hinter dem Höchsten her, die Einladung an Jitro, sich Israel anzuschließen, die Gebete Mosches. Unser Wochenabschnitt ist eine Erzählung darüber, wie wichtig es ist, wie nötig, auf den Ruf zu antworten, die Fähigkeit, den Ruf zu hören, die Fähigkeit, seinen Platz in der Formation zu erkennen.
Kulinarik und Psychologie
Bemidbar 11,1–35
Wir setzen gemeinsam mit Gottes Hilfe das Studium des Wochenabschnitts Behaalotecha fort und werden Kapitel 11 des Buches Bemidbar lesen, aber zuerst ein wenig Vorgeschichte zur Erinnerung.
Nach einem Jahr des Lebens in der Wüste, eines recht ruhigen und müßigen Lebens, nachdem das Volk feierlich das Zelt der Begegnung eröffnet hatte, wurde dem Volk die Herrlichkeit Gottes offenbart: Der HERR offenbarte in der Wolke dem Volk Seine Gegenwart. Zahlreiche Opfer sind dargebracht, die Leviten dem Höchsten geweiht. Zum ersten Mal, seit Israel am Berg Sinai haltgemacht hat, bricht das Volk zu einem dreitägigen Marsch auf. Die Wolke hat sich bewegt, die Trompeten haben erklungen, in feierlichem Marsch ist das Volk auf den Weg gezogen. Das ist noch nicht der Weg von vierzig Jahren Länge, dieses Urteil ist wegen der Sünde der Kundschafter noch nicht ergangen, wir haben ja noch nichts darüber gelesen. Erwartet wird ein Marsch von zwei Wochen, vielleicht elf Tagen, und das Volk Israel soll in dieser Zeit nach Kadesch-Barnea gelangen und in das Land Israel einziehen. Alles ist, so scheint es, festlich, fröhlich und feierlich, das Volk geht vorerst einen dreitägigen Marsch.
וַיְהִי הָעָם כְּמִתְאֹנְנִים רַע בְּאָזְנֵי יְהוָה וַיִּשְׁמַע יְהוָה וַיִּחַר אַפּוֹ וַתִּבְעַר־בָּם אֵשׁ יְהוָה וַתֹּאכַל בִּקְצֵה הַמַּחֲנֶה׃
wajhí ha'ám kemit'onením ra be'osné adonáj wajischmá adonáj wajíchar appó wattiw'ar-bám esch adonáj wattóchal bikzé hammachané
1 Und das Volk begann, böse in die Ohren des HERRN zu murren, und der HERR hörte es, und Er wurde zornig, und es kam auf sie herab (entbrannte unter ihnen) das Feuer des HERRN und fraß die Ränder des Lagers.
Das Volk sprach seine Unzufriedenheit gegen den Höchsten aus und, wie geschrieben steht, in die Ohren des Höchsten, das heißt absichtlich, damit Gott es hört. Der Midrasch führt als Beispiel folgendes Gleichnis an: „Das gleicht einem Menschen, der auf dem Platz steht und den König beschimpft, die Regierung kritisiert und nicht bemerkt, dass hinter ihm mit seinem Gefolge der König geht. Das Volk beginnt, ihn anzuzischen und zu sagen: ‚Leise, leise, der König kann es hören‘, aber der Mensch antwortet: ‚Umso mehr, ich habe nicht vor, meine Meinung vor dem König zu verbergen‘, und sagt dem Väterchen Zar unverblümt die Wahrheit direkt ins Gesicht.“ Und hier beginnt das Volk, seine Unzufriedenheit mit dem Höchsten zu äußern, einen konkreten Anlass kennen wir nicht. Vielleicht sind drei Tage Marsch zu schwer, heiß, aber man muss gehen. Man hat sie nicht teleportiert, und man muss aus eigener Kraft vorankommen, vielleicht sowohl bei Tag als auch bei Nacht, und diese Märsche sind schwer. Das Volk beginnt, Unzufriedenheit auszudrücken. Erinnert ihr euch, in Kapitel 10 schilderte Mosche Jitro schwärmerisch, wie viel Gutes der Höchste an Israel tun wird und wie Israel großzügig bereit ist, dieses Gute mit Jitro zu teilen. Es gab eine solche Erwartung, dass der Höchste dem Volk Israel Wohltaten erweisen wird, so oft gebrauchte Mosche das Wort tow (gut, das Gute). Hier sehen wir, dass das Wort ra (schlecht) gebraucht wird. Das Volk hat das Gute, das der HERR für es bereitet hat, nicht geschätzt.
Den Ausdruck fraß die Ränder des Lagers kann man auf verschiedene Weise verstehen. Manche sagen, dass es die Schwächsten herausgegriffen hat, die Zurückbleibenden, und sie verbrannt hat. Andere sagen – nein, das Wort kazé (Rand, Ende) muss man als Herausragende, Hervorstehende verstehen, von dem Wort kazín (Offizier). Das heißt, es fraß nicht die Schwächsten, sondern die Anstifter, diejenigen, die die Rädelsführer dieses Murrens waren, sie fraß es. Also, das Feuer des HERRN kam herab, das Volk erschrak.
וַיִּצְעַק הָעָם אֶל־מֹשֶׁה וַיִּתְפַּלֵּל מֹשֶׁה אֶל־יְהוָה וַתִּשְׁקַע הָאֵשׁ׃
wajiz'ák ha'ám el-mosché wajitpallél mosché el-adonáj wattischká ha'ésch
2 Und das Volk schrie zu Mosche, und Mosche flehte zum HERRN, und das Feuer kam zur Ruhe.
Mosche ist der erste Adressat, der Vorsteher vor Gott. Wenn man etwas von Gott braucht, wendet sich das Volk lieber an Mosche. Mit dem Höchsten Krieg zu führen, erweist sich als unpraktisch. Mosche hat gebetet, und, so scheint es, der Konflikt ist erledigt.
וַיִּקְרָא שֵׁם־הַמָּקוֹם הַהוּא תַּבְעֵרָה כִּי־בָעֲרָה בָם אֵשׁ יְהוָה׃
wajikrá schem-hammakóm hahú taw'erá ki-wa'ará wam esch adonáj
3 Und dieser Ort wurde Tawera (Ort des Brandes) genannt, denn das Feuer des HERRN entbrannte unter ihnen.
וְהָאסַפְסֻף אֲשֶׁר בְּקִרְבּוֹ הִתְאַוּוּ תַּאֲוָה וַיָּשֻׁבוּ וַיִּבְכּוּ גַּם בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וַיֹּאמְרוּ מִי יַאֲכִלֵנוּ בָּשָׂר׃
wehassafsúf aschér bekirbó hit'awú ta'awá wajaschúwu wajiwkú gam bené jisraél wajomerú mi ja'achilénu bassár
4 Und das Gesindel, das in ihrer Nähe war, begehrte ein Begehren, und das brachte sie dazu, umzukehren und zu weinen, und auch die Söhne Israels, und sie begannen zu sagen: „Wer wird uns mit Fleisch speisen?
Das Wort assefá (Versammlung), zweimal wiederholt, also assafsúf, bedeutet Versammlung der Versammlungen, Ansammlung, Gesindel, bedeutet Menschen, die zusammengelaufen sind, sich zu einer Gesellschaft, zu einer Bande zusammengerottet haben. Es kommt vor, dass böswillige Menschen, getrieben vom bösen Trieb, sich zu so einem großen Kollektiv zusammenrotten – einer Rotte, einer Bande, einer Bandenformation, nennt es, wie ihr wollt. Die Tora nennt sie Gesindel. Offenbar ist das ein Teil derer, die sich seinerzeit dem Volk Israel angeschlossen haben, das sind jene aus Ägypten ausgezogenen Menschen, die ursprünglich nicht Teil Israels waren.
Begehrten ein Begehren – ein sehr seltsamer Satz. Ich biete eines der zahlreichen Verständnisse dieses Ausdrucks an. Das Volk Israel lebte ein ganzes Jahr in der Wüste, aß Man, die Kleider wurden nicht alt, wurden nicht schmutzig, gingen nicht kaputt, und wenig änderte sich im Leben. Einerseits ein sattes Leben, andererseits ein eintöniges. Weder kannst du dich umziehen, noch etwas Leckeres essen, noch etwas Berauschendes trinken, und es gibt keinerlei Wünsche. Das Volk befreit sich allmählich von fleischlichen Wünschen, von den fleischlichen „Gelüstchen“, für die es noch Platz geben wird. Wenn das Volk ins Heilige Land kommt, wird es dort Platz geben sowohl für die Wünsche als auch für ihre Befriedigung. Hier aber gibt es einen bestimmten Weg, der die Menschen lehrt, sich zu bescheiden und sich zu erneuern. Aber es finden sich immer welche, die wollen wollen. Eigentlich haben sie alles, vollen Wohlstand, aber sie werden, mit den Worten des Sängers und Dichters Boris Grebenschtschikow gesagt, verrückt davon, dass sie nichts mehr zu wollen haben. Sie wollen wollen, und sie begehrten ein Begehren (hit'awú ta'awá).
So etwas passiert uns allen. Als ich klein war und Eis wollte, kaufte man es mir, ich aß es, es gefiel mir sehr. Auch heute will ich, kommt vor, manchmal Eis, aber ich kann jetzt nicht mehr so wollen, wie ich damals wollte. Ich rede gar nicht davon, dass ich kein Spielzeugauto wollen kann, wie ich es damals wollte. Ich kann nicht herumrennen wollen, wie ich es damals wollte. Viele Mädchen, Frauen können keine Puppe wollen, wie sie sie damals wollten, selbst wenn sie sie nicht kaufen konnten. Jetzt könnten sie es eigentlich, aber dieses Verlangen ist nicht da, und man möchte manchmal ins junge Leben zurückkehren und wollen – das ist ein normales Wollen, das heißt, wollen wollen ist normal. Ich bin heute ein erwachsener Mensch, ich habe andere Wünsche, ich lebe ein anderes Leben, ich kann mir etwas wünschen und meine Wünsche verwirklichen. Manche meiner Wünsche habe ich bezähmt, weil sie falsch waren, ich will sie nicht mehr, ich habe sie nicht mehr, es ist gelungen, sie zu besiegen, manches will ich noch, das ist gut – wollen.
Aber in diesem Fall will dieses Gesindel wollen wie früher, will wollen, ein fleischliches Leben leben, in dem man ständig etwas will, nach etwas dürstet, und diese Wünsche muss man befriedigen. Auch daran ist nichts Schlechtes, aber das ist nicht die Ebene, auf der sie sein sollen. Sie schaffen diese Ebene einfach nicht. Und auch das Volk Israel ließ sich von diesem Gesindel mitziehen (schlechter Umgang verdirbt gute Sitten), und auch das Volk Israel sank herab und begann zu weinen.
זָכַרְנוּ אֶת־הַדָּגָה אֲשֶׁר־נֹאכַל בְּמִצְרַיִם חִנָּם אֵת הַקִּשֻּׁאִים וְאֵת הָאֲבַטִּחִים וְאֶת־הֶחָצִיר וְאֶת־הַבְּצָלִים וְאֶת־הַשּׁוּמִים׃
sachárnu et-haddagá ascher-nochál bemizrájim chinnám et hakkischu'ím we'ét ha'awattichím we'et-hechazír we'et-habbezalím we'et-haschumím
5 Wir erinnern uns an den Fisch, den wir in Ägypten umsonst aßen, die Gurken, Wassermelonen, das Grünzeug, die Zwiebeln, den Knoblauch.
Was für ein abwechslungsreiches Menü das Volk doch in Ägypten hatte! Alles, was man wollte, von allem gab es reichlich, und chinnám (umsonst), wie sie sagen. Obwohl das seinen Preis hatte: die Sklaverei und die Zeit, als jeder jüdische Junge in den Fluss geworfen wurde. Und trotzdem möchte man, möchte man dorthin zurück, man möchte wollen, man möchte in die Jugend, obwohl es schwer war, man möchte zurück, in jene Welt. Sehr viele Menschen, die durch irgendwelche für sie schweren Zeiten gegangen sind, eine Droge oder irgendeine andere Abhängigkeit, möchten, kommt vor, manchmal dorthin zurück. So wollte es auch das Volk.
וְעַתָּה נַפְשֵׁנוּ יְבֵשָׁה אֵין כֹּל בִּלְתִּי אֶל־הַמָּן עֵינֵינוּ׃
we'attá nafschénu jeweschá en kol biltí el-hammán enénu
6 Hier aber ist unsere Seele vertrocknet, und vor unseren Augen ist nichts außer diesem Man“.
Eigentlich gibt es den Man, er reicht aus, aber es gibt nur ihn. Und eigentlich sind wir nicht hungrig und nicht nackt, und wir haben alles, aber man möchte wollen.
וְהַמָּן כִּזְרַע־גַּד הוּא וְעֵינוֹ כְּעֵין הַבְּדֹלַח׃
wehammán kisra-gád hu we'enó ke'én habbedólach
7 Und der Man gleicht dem Samen des Korianders, und er ist wie kleine Kriställchen.
שָׁטוּ הָעָם וְלָקְטוּ וְטָחֲנוּ בָרֵחַיִם אוֹ דָכוּ בַּמְּדֹכָה וּבִשְּׁלוּ בַּפָּרוּר וְעָשׂוּ אֹתוֹ עֻגוֹת וְהָיָה טַעְמוֹ כְּטַעַם לְשַׁד הַשָּׁמֶן׃
schátu ha'ám welaketú wetachanú warechájim o dachú bammedochá uwischelú bapparúr we'asú otó ugót wehajá ta'mó ketá'am leschád haschámen
8 Das Volk ging hinaus, und sie sammelten ihn, und mahlten ihn auf Mühlsteinen oder zerstießen ihn im Mörser, und kochten ihn in Kesseln oder backten ihn, machten daraus ugót. Und sein Geschmack war wie der Geschmack fetter Sahne.
Das Wort ugijá bedeutet in der modernen Sprache Törtchen, oder irgendein kleines Plätzchen, das heißt, die Israeliten machten aus dem Man irgendein süßes Gebäck, sie bekamen ein leckeres, fettes Milchprodukt. Und hier zeigt sich schon eine bestimmte Gegenüberstellung von Milch und Fleisch.
וּבְרֶדֶת הַטַּל עַל־הַמַּחֲנֶה לָיְלָה יֵרֵד הַמָּן עָלָיו׃
uwrédet hattál al-hammachané lájla jeréd hammán aláw
9 Und wenn der Tau auf das nächtliche Lager herabkam, senkte sich der Man auf ihn herab.
Und das Volk wurde dieses Mans überdrüssig, dessen Geschmack wie der von süßer Sahne ist, und es wollte Fleisch.
וַיִּשְׁמַע מֹשֶׁה אֶת־הָעָם בֹּכֶה לְמִשְׁפְּחֹתָיו אִישׁ לְפֶתַח אָהֳלוֹ וַיִּחַר־אַף יְהוָה מְאֹד וּבְעֵינֵי מֹשֶׁה רָע׃
wajischmá mosché et-ha'ám boché lemischpechotáw isch lefétach aholó wajichar-áf adonáj me'ód uw'ené mosché ra
10 Und Mosche hörte, dass das Volk nach seinen Familien weinte, jeder am Eingang seines Zeltes, und der HERR wurde sehr heftig zornig, und in den Augen Mosches wurde es schlecht.
Das bedeutet, dass nicht mehr eine Ansammlung von Menschen zu einer Kundgebung herausgekommen ist und schreit: „Fleisch! Fleisch!“, nein. Das sind alle Menschen, von denen jeder an seinem Zelt sitzt und jeder klagt, jeder sein Unglück erzählt, jeder mit irgendetwas unzufrieden ist. Viele-viele-viele Nöte des Volkes, alle Klagen haben sich vermischt, und es braucht nicht einmal mehr einen Anstifter, der die Menschen zu dieser Unzufriedenheit aufwiegeln, dieses Murren unterstützen würde. Jeder murrt schon für sich allein, ein solcher Grad des Zerfalls ist eingetreten.
Es gibt so einen Begriff wie Führungskrise, wenn der Anführer irgendein Programm vorschlägt und das Volk es ablehnt. Wenn der Plan, den der Anführer verwirklichen wollte, sich als falsch erwiesen hat und der Anführer das Volk in irgendeine ungute Situation hineingezogen hat. Das zieht die Enttäuschung des Anführers über sich selbst nach sich, die Enttäuschung des Volkes über den Anführer oder, wie hier, die Enttäuschung des Anführers über das Volk. Mosche versteht, dass das Volk auf einer solchen Ebene sein will, die es nicht durchhalten kann, es kann diese Aufgabe nicht bewältigen, und Mosche wurde bitter zumute. Er fühlte sich wie ein Mensch, dem man eine unerfüllbare Mission aufgeladen hat.
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה אֶל־יְהוָה לָמָה הֲרֵעֹתָ לְעַבְדֶּךָ וְלָמָּה לֹא־מָצָתִי חֵן בְּעֵינֶיךָ לָשׂוּם אֶת־מַשָּׂא כָּל־הָעָם הַזֶּה עָלָי׃
wajomer mosché el-adonáj lamá hare'óta le'awdécha welámma lo-mazáti chen be'enécha lasúm et-massá kol-ha'ám hassé aláj
11 Und Mosche sagte zum HERRN: „Warum hast Du Deinem Knecht Böses getan, womit habe ich Dir denn nicht gefallen, dass Du die Last dieses ganzen Volkes auf mich gelegt hast? (wofür, womit habe ich mich so verschuldet?)
Das ist poetische Sprache, mit Deinem Knecht meint Mosche sich selbst. „Warum hast Du, HERR, mir Böses getan?“
הֶאָנֹכִי הָרִיתִי אֵת כָּל־הָעָם הַזֶּה אִם־אָנֹכִי יְלִדְתִּיהוּ כִּי־תֹאמַר אֵלַי שָׂאֵהוּ בְחֵיקֶךָ כַּאֲשֶׁר יִשָּׂא הָאֹמֵן אֶת־הַיֹּנֵק עַל הָאֲדָמָה אֲשֶׁר נִשְׁבַּעְתָּ לַאֲבֹתָיו׃
he'anochí haríti et kol-ha'ám hassé im-anochí jelidtíhu ki-tomár eláj sa'éhu wechekécha ka'aschér jissá ha'omén et-hajonék al ha'adamá aschér nischbá'ta la'awotáw
12 Habe ich dieses Volk empfangen? Habe ich es etwa geboren, dass Du zu mir sagst: ‚Trag es an deinem Busen, wie ein Erzieher ein Kind trägt, damit ich es in das Land bringe, das Du seinen Vorfahren versprochen hast‘.
Mosche sieht darin eine Strafe: „Wofür hast Du mir diese untragbare Last aufgeladen?“, das ist eine Schande für ihn.
מֵאַיִן לִי בָּשָׂר לָתֵת לְכָל־הָעָם הַזֶּה כִּי־יִבְכּוּ עָלַי לֵאמֹר תְּנָה־לָּנוּ בָשָׂר וְנֹאכֵלָה׃
me'ájin li bassár latét lechol-ha'ám hassé ki-jiwkú aláj lemór tena-lánu wassár wenochéla
13 Woher habe ich Fleisch, um es diesem ganzen Volk zu geben, dass sie weinen und zu mir sagen: ‚Gib uns Fleisch, und wir werden es essen?
Sehr ähnlich der Beziehung von Mutter und Kind: Der Wunsch der Mutter, das Kind zu füttern, ist größer als der Wunsch des Kindes zu essen (wir sprechen natürlich von einer normalen, gesunden, geistlichen Mutter). Die Mutter füttert das Kind gern mit Milch, gibt ihm gern ihre Brust. Und wenn man die Parallele zieht, kann man sagen, dass Mosche den Aufstieg dieses Volkes auf eine höhere geistliche Ebene mehr wollte, als das Volk selbst es wollte. Die Analogie mit dem Säugling ist durchaus angebracht, aber das Volk wollte keine Milch, das Volk will Fleisch, und Mosche, der als Ernährer eingesetzt ist, kann kein Fleisch geben. Das Volk ist noch nicht auf dieser Ebene, und Mosche sagt: „Woher habe ich überhaupt Fleisch? Wie kann man von mir Fleisch wollen?“ Und wenn er sagt, dass jeder nach seinen Familien weint, dann weint schon nicht einmal mehr ein einiges Volk, weil jeder irgendwelche eigenen Nöte hat.
לֹא־אוּכַל אָנֹכִי לְבַדִּי לָשֵׂאת אֶת־כָּל־הָעָם הַזֶּה כִּי כָבֵד מִמֶּנִּי׃
lo-uchál anochí lewaddí lassét et-kol-ha'ám hassé ki chawéd mimménni
14 Ich kann nicht allein dieses ganze Volk tragen, denn das ist schwer, ich allein schaffe es nicht.
וְאִם־כָּכָה אַתְּ־עֹשֶׂה לִּי הָרְגֵנִי נָא הָרֹג אִם־מָצָאתִי חֵן בְּעֵינֶיךָ וְאַל־אֶרְאֶה בְּרָעָתִי׃
we'im-kácha at-ósse li horgéni na haróg im-mazáti chen be'enécha we'al-er'é bera'atí
15 Wenn Du so mit mir verfährst, dann töte mich. Töte mich, wenn ich Dir gefalle, wenn Du mir Gnade erweisen willst, damit ich all diese eigenen Leiden nicht sehe“.
Mosche sagt hier eine sehr furchtbare Sache, das vermittelt uns den Zustand seiner Krise, die ganze Tiefe seiner Krise: „Ich will so ein Leben nicht, ich kann dieses Volk nicht selbst tragen.“ Es sind gleich mehrere Probleme entstanden. Das erste Problem ist das Volk, das Fleisch will. Das Volk ist herabgesunken, will rebellieren, aber das äußere Problem, das ausgesprochen wird, ist: Das Volk will Fleisch. Das zweite Problem ist das Problem Mosches, das Problem des Anführers, der sagt: „Ich kann dieses Volk nicht allein tragen.“ Mit welchem Problem wird der Höchste beginnen, die Frage zu lösen? Vielleicht wird Er die Bitte Mosches hören und ihn töten, oder wird es irgendeine andere Lösung geben?
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה אֶסְפָה־לִּי שִׁבְעִים אִישׁ מִזִּקְנֵי יִשְׂרָאֵל אֲשֶׁר יָדַעְתָּ כִּי־הֵם זִקְנֵי הָעָם וְשֹׁטְרָיו וְלָקַחְתָּ אֹתָם אֶל־אֹהֶל מוֹעֵד וְהִתְיַצְּבוּ שָׁם עִמָּךְ׃
wajomer adonáj el-mosché esfa-lí schiw'ím isch missikné jisraél aschér jadá'ta ki-hém sikné ha'ám weschoteráw welakachtá otám el-óhel mo'éd wehit'jazzewú scham immách
16 Und der HERR sprach zu Mosche: „Versammle Mir siebzig Mann aus dem Volk Israel, von denen du weißt, dass sie die Ältesten des Volkes und seine Aufseher sind (das heißt, im Volk Autorität genießen), und nimm sie zum Zelt der Begegnung, und sie sollen sich dort mit dir hinstellen.
Achten wir auf das Gebot des Höchsten, auf das Wort esfá-li (versammle Mir). Als Antwort auf das assafsúf, die Versammlung der Versammlungen, das Gesindel, das sich versammelt hat und Unruhe sät, wird ihm als Gegengewicht eine andere Versammlung gegenübergestellt, die das Volk stützen wird, die in eine völlig andere Richtung arbeiten wird. Das ist keine Stärkung Mosches, keine irgendwie geartete Beihilfe für Mosche, keine Festigung seiner Macht – das ist eine Veränderung des geistlichen Zustands des Volkes dadurch, dass man in das Glas mit der Volksmarinade den Bazillus des Guten und der Heiligkeit wirft.
Und weiter sagt der Höchste:
וְיָרַדְתִּי וְדִבַּרְתִּי עִמְּךָ שָׁם וְאָצַלְתִּי מִן־הָרוּחַ אֲשֶׁר עָלֶיךָ וְשַׂמְתִּי עֲלֵיהֶם וְנָשְׂאוּ אִתְּךָ בְּמַשָּׂא הָעָם וְלֹא־תִשָּׂא אַתָּה לְבַדֶּךָ׃
wejaradtí wedibbartí immechá scham we'azaltí min-harúach aschér alécha wesamtí alehém wenase'ú ittechá bemassá ha'ám welo-tissá attá lewaddécha
17 Ich werde herabkommen und dort mit dir reden, und Ich werde von dem Geist nehmen, der auf dir ist, und ihn auf sie legen, und sie werden mit dir die Last des Volkes tragen, und du wirst sie nicht allein tragen.“
Das ist keine Stärkung der Macht, das ist eine Stärkung der Heiligkeit, aus dem Mosche-Menschen macht man ein Mosche-Kollektiv. Als Gegengewicht zum Gesindel, das sich versammelt hat und zur Bande geworden ist, wird jetzt auch Mosche eine Bande haben, aber das ist keine Bande unter der Leitung Mosches, das ist eine Bande aus Mosche.
וְאֶל־הָעָם תֹּאמַר הִתְקַדְּשׁוּ לְמָחָר וַאֲכַלְתֶּם בָּשָׂר כִּי בְּכִיתֶם בְּאָזְנֵי יְהוָה לֵאמֹר מִי יַאֲכִלֵנוּ בָּשָׂר כִּי־טוֹב לָנוּ בְּמִצְרָיִם וְנָתַן יְהוָה לָכֶם בָּשָׂר וַאֲכַלְתֶּם׃
we'el-ha'ám tomár hitkaddeschú lemachár wa'achaltém bassár ki bechitém be'osné adonáj lemór mi ja'achilénu bassár ki-tów lánu bemizrájim wenatán adonáj lachém bassár wa'achaltém
18 Und zum Volk sprich: „Heiligt euch für den morgigen Tag, und ihr werdet Fleisch essen, denn ihr habt dem Höchsten in die Ohren geweint und gesagt: ‚Wer wird uns mit Fleisch speisen? Und wie gut ging es uns in Ägypten!‘ Und der HERR wird euch Fleisch geben, und ihr werdet es essen.
לֹא יוֹם אֶחָד תֹּאכְלוּן וְלֹא יוֹמָיִם וְלֹא חֲמִשָּׁה יָמִים וְלֹא עֲשָׂרָה יָמִים וְלֹא עֶשְׂרִים יוֹם׃
lo jom echád tochelún weló jomájim weló chamischá jamím weló assará jamím weló esrím jom
19 Nicht einen Tag werdet ihr es essen, und nicht zwei Tage, und nicht fünf Tage, und nicht zehn Tage, und nicht zwanzig Tage,
עַד חֹדֶשׁ יָמִים עַד אֲשֶׁר־יֵצֵא מֵאַפְּכֶם וְהָיָה לָכֶם לְזָרָא יַעַן כִּי־מְאַסְתֶּם אֶת־יְהוָה אֲשֶׁר בְּקִרְבְּכֶם וַתִּבְכּוּ לְפָנָיו לֵאמֹר לָמָּה זֶּה יָצָאנוּ מִמִּצְרָיִם׃
ad chódesch jamím ad ascher-jezé me'appechém wehajá lachém lesará já'an ki-me'astém et-adonáj aschér bekirbechém wattiwkú lefanáw lemór lámma se jazánu mimmizrájim
20 Sondern dreißig Tage, bis es euch aus den Nasenlöchern herauskommt und euch zum Ekel wird, weil ihr Gott geringgeschätzt, verschmäht habt, Der in eurer Mitte ist, und ihr vor Ihm geweint und gesagt habt: ‚Warum sind wir denn aus Ägypten ausgezogen?‘
Eine solche Verheißung gibt der Höchste Mosche. Wie reagiert Mosche?
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה שֵׁשׁ־מֵאוֹת אֶלֶף רַגְלִי הָעָם אֲשֶׁר אָנֹכִי בְּקִרְבּוֹ וְאַתָּה אָמַרְתָּ בָּשָׂר אֶתֵּן לָהֶם וְאָכְלוּ חֹדֶשׁ יָמִים׃
wajomer mosché schesch-meót élef raglí ha'ám aschér anochí bekirbó we'attá amárta bassár ettén lahém we'achelú chódesch jamím
21 Und Mosche sprach: „Sechshunderttausend Mann des Volkes, in dessen Mitte ich bin, und Du hast gesagt: ‚Ich werde ihnen Fleisch geben, und sie werden einen ganzen Monat essen?‘
הֲצֹאן וּבָקָר יִשָּׁחֵט לָהֶם וּמָצָא לָהֶם אִם אֶת־כָּל־דְּגֵי הַיָּם יֵאָסֵף לָהֶם וּמָצָא לָהֶם׃
hazón uwakár jischachét lahém umazá lahém im et-kol-degé hajám je'asséf lahém umazá lahém
22 Wirst Du ihnen vielleicht Kleinvieh und Großvieh schlachten und ihnen alle Fische des Meeres sammeln (herausziehen)?“
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה הֲיַד יְהוָה תִּקְצָר עַתָּה תִרְאֶה הֲיִקְרְךָ דְבָרִי אִם־לֹא׃
wajomer adonáj el-mosché hajád adonáj tikzár attá tir'é hajikrechá dewarí im-ló
23 Und der HERR sprach zu Mosche: „Ist die Hand des HERRN etwa zu kurz? Jetzt wirst du sehen, ob dir das geschieht oder nicht.“
Ein sehr seltsamer Dialog. Kennt Mosche denn nicht die Größe und die Macht des Höchsten? Ist ihm denn nicht offenbart, dass der Höchste dem Volk Fleisch geben kann, für einen Monat und für ein Jahr und für das ganze Leben im Voraus? Woran zweifelt Mosche? Am Prozess der Erziehung. Mosche sagt gleichsam: „Gib ihnen zuerst Fleisch, dann werden sie noch irgendetwas verlangen, dann Fisch, dann Kaviar, dann belegte Brote, dann ein Bad in Champagner – man kann es ihnen nicht recht machen. Wenn sie den Weg solcher Streitsucht und Unzufriedenheit eingeschlagen haben, dann ist es natürlich gut, sie einen Monat lang mit Fleisch zu füttern, aber was wird nach dem Monat sein?“ Und die Antwort des Höchsten kann man so auslegen: „Glaubst du etwa, dass Meine Hände zu kurz sind, um sie zu erziehen? Du wirst sehen, dass alles gelingt!“ Das ist eines der Verständnisse des wörtlichen Sinnes, man kann darin ein erzieherisches Element sehen. Aber natürlich kann man es auch so verstehen, als hätte Mosche an der Allmacht des Höchsten gezweifelt, und der Höchste habe ihn daran erinnert, dass Er der Allmächtige ist.
וַיֵּצֵא מֹשֶׁה וַיְדַבֵּר אֶל־הָעָם אֵת דִּבְרֵי יְהוָה וַיֶּאֱסֹף שִׁבְעִים אִישׁ מִזִּקְנֵי הָעָם וַיַּעֲמֵד אֹתָם סְבִיבֹת הָאֹהֶל׃
wajezé mosché wajdabbér el-ha'ám et diwré adonáj waje'essóf schiw'ím isch missikné ha'ám waja'améd otám sewiwót ha'óhel
24 Und Mosche ging hinaus und gab dem Volk das Wort des HERRN wieder, und er versammelte siebzig Mann von den Alten des Volkes und stellte sich mit ihnen rings um das Zelt.
וַיֵּרֶד יְהוָה בֶּעָנָן וַיְדַבֵּר אֵלָיו וַיָּאצֶל מִן־הָרוּחַ אֲשֶׁר עָלָיו וַיִּתֵּן עַל־שִׁבְעִים אִישׁ הַזְּקֵנִים וַיְהִי כְּנוֹחַ עֲלֵיהֶם הָרוּחַ וַיִּתְנַבְּאוּ וְלֹא יָסָפוּ׃
wajéred adonáj be'anán wajdabbér eláw wajázel min-harúach aschér aláw wajittén al-schiw'ím isch hassekením wajhí kenóach alehém harúach wajitnabbe'ú weló jassáfu
25 Und der HERR kam in der Wolke herab und redete mit ihm, und nahm von dem Geist, der auf ihm ist, und gab ihn auf die siebzig Ältesten. Und es geschah, als der Geist auf sie herabkam, da prophezeiten sie, und nie mehr prophezeiten sie.
Wie das ist und was das ist, ist schwer zu verstehen, aber höchstwahrscheinlich ist das so eine sichtbare, offenkundige Geste – die Ausstattung der Menschen mit dem Geist Mosches, ihre Ausstattung mit der Sendung Mosches. Das heißt, in diesem Moment verstanden sie, dass sie mit dem Geist Mosches ausgestattet sind, und nach dem ersten Verständnis blieb dieser Geist bei ihnen. Das zweite Verständnis, und es ist höchstwahrscheinlich das richtigere: Und sie mussten diesen Geist nicht mehr empfangen, sie empfingen sofort den Geist der Prophetie und gingen auseinander.
וַיִּשָּׁאֲרוּ שְׁנֵי־אֲנָשִׁים בַּמַּחֲנֶה שֵׁם הָאֶחָד אֶלְדָּד וְשֵׁם הַשֵּׁנִי מֵידָד וַתָּנַח עֲלֵיהֶם הָרוּחַ וְהֵמָּה בַּכְּתֻבִים וְלֹא יָצְאוּ הָאֹהֱלָה וַיִּתְנַבְּאוּ בַּמַּחֲנֶה׃
wajischa'arú schene-anaschím bammachané schem ha'echád eldád weschém haschení medád wattánach alehém harúach wehémma bakketuwím weló jaze'ú ha'óhela wajitnabbe'ú bammachané
26 Und es blieben im Lager zwei Mann: Der eine heißt Eldad und der zweite heißt Mejdad, und auch auf sie kam der Geist herab, denn sie waren eingeschrieben (für diese Zusammenkunft bei Mosche), und sie gingen nicht zum Zelt hin und begannen im Lager zu prophezeien.
Das heißt, obwohl sie bei diesem ganzen Vorgang beim Zelt nicht anwesend waren, begannen sie im Lager zu prophezeien, auch auf sie kam der Geist herab. Die Kommentatoren sagen, dass sie nicht zum Zelt gingen, weil sie dachten: „Wie kämen wir dazu, wir sind nicht würdig, hinzugehen und zu Ältesten geweiht zu werden, wie kämen wir dazu, Anführer zu sein!“, und aus ihrer Bescheidenheit heraus gingen sie nicht hinaus. Und höchstwahrscheinlich spricht das dafür, dass dieser ganze Vorgang, diese ganze Zeremonie eine Vorführung war, um dem Volk die Tatsache selbst der Herabkunft des Geistes zu zeigen.
וַיָּרָץ הַנַּעַר וַיַּגֵּד לְמֹשֶׁה וַיֹּאמַר אֶלְדָּד וּמֵידָד מִתְנַבְּאִים בַּמַּחֲנֶה׃
wajároz hanná'ar wajaggéd lemosché wajomár eldád umedád mitnabbe'ím bammachané
27 Und es lief ein Bursche und sagte zu Mosche: „Eldad und Mejdad prophezeien im Lager!“
Das heißt, jemand hat ohne Erlaubnis Mosches angefangen zu prophezeien. Vielleicht ist das eine Meuterei an Bord? Vielleicht sind das irgendwelche oppositionellen Handlungen, und man muss es dringend Mosche melden, weil – das ist nicht in Ordnung? Und deshalb lief der Junge eilig zu Mosche und fing an, ihm zuzurufen: „Eldad und Mejdad prophezeien im Lager! Alle Mann an Deck! Sollen wir sie vielleicht festnehmen?“
וַיַּעַן יְהוֹשֻׁעַ בִּן־נוּן מְשָׁרֵת מֹשֶׁה מִבְּחֻרָיו וַיֹּאמַר אֲדֹנִי מֹשֶׁה כְּלָאֵם׃
wajá'an jehoschúa bin-nún mescharét mosché mibbechuráw wajomár adoní mosché kela'ém
28 Und Jehoschua ben Nun, der Gehilfe Mosches aus seinen Leuten, sprach und sagte: „Mein Herr, Mosche, verhafte sie!“
Und das kann man auch anders verstehen. Manche Kommentatoren versuchen, diesen Satz abzumildern, und sagen, dass Jehoschua gesagt hat: „Mosche, belaste sie mit Arbeit, gib ihnen irgendeine Aufgabe, damit sie hier nicht prophezeien und uns in die Quere kommen, denn bei uns hier gibt es einen Propheten – das bist du.“
וַיֹּאמֶר לוֹ מֹשֶׁה הַמְקַנֵּא אַתָּה לִי וּמִי יִתֵּן כָּל־עַם יְהוָה נְבִיאִים כִּי־יִתֵּן יְהוָה אֶת־רוּחוֹ עֲלֵיהֶם׃
wajomer lo mosché hamkanné attá li umí jittén kol-ám adonáj newi'ím ki-jittén adonáj et-ruchó alehém
29 Und Mosche sagte zu ihm: „Was, eiferst du etwa für mich? (machst du dir Sorgen um mein Monopol auf Prophezeiungen?) Wer gäbe es, dass das ganze Volk Gottes prophezeite, dass der HERR auf alle Seinen Geist gäbe!
Gerade in diesem Verhalten Mosches sehen wir die Bestätigung dessen, was wir schon gesagt haben: Es geht nicht um eine Stärkung der Macht und Autorität Mosches, die sich noch auf siebzig Älteste stützen würde. Es geht um eine Verstärkung, eine Erweiterung des Kanals, durch den der Geist Gottes im Volk wirken wird. Deshalb ist es gut, dass zwei Menschen ohne, sagen wir, Lizenz prophezeien, denn das ist ein Wirken des Geistes Gottes im Volk, das stärkt die Gegenwart Gottes im Volk.
וַיֵּאָסֵף מֹשֶׁה אֶל־הַמַּחֲנֶה הוּא וְזִקְנֵי יִשְׂרָאֵל׃
waje'asséf mosché el-hammachané hu wesikné jisraél
30 Und Mosche ging (sammelte sich hinzu) ins Lager zusammen mit den Ältesten Israels.
Wir sehen wieder das Wort waje'asséf (und sammelte sich hinzu). Durch diese Versammlung der Ältesten erhält das Volk Israel ein einheitliches leitendes Organ, dem sich Mosche anschließt. Als Gegengewicht zum Gesindel, zu der illegalen Bandenformation, wurde ein mächtiger gesellschaftlicher Kern derer geschaffen, die im Volk das Heilige säen werden.
וְרוּחַ נָסַע מֵאֵת יְהוָה וַיָּגָז שַׂלְוִים מִן־הַיָּם וַיִּטֹּשׁ עַל־הַמַּחֲנֶה כְּדֶרֶךְ יוֹם כֹּה וּכְדֶרֶךְ יוֹם כֹּה סְבִיבוֹת הַמַּחֲנֶה וּכְאַמָּתַיִם עַל־פְּנֵי הָאָרֶץ׃
werúach nassá me'ét adonáj wajágos salwím min-hajám wajittósch al-hammachané kedérech jom ko uchdérech jom ko sewiwót hammachané uch'ammatájim al-pené ha'árez
31 Und es wehte ein Wind vom HERRN und brachte Wachteln vom Meer und legte sie rings um das Lager, eine Tagesreise weit nach allen Seiten, in einer Schichtdicke von zwei Ellen (das heißt einem Meter) über der Erde.
Oft fressen sich die Wachteln über den Winter an, werden fett, das Fliegen fällt ihnen schwer. Manchmal, wenn der Wind sie stark schlägt, fallen sie erschöpft zu Boden. Selbstverständlich nicht in solchen Mengen, und selbstverständlich hat der HERR diese Erscheinung hier verstärkt. Und das Volk bekam, wie es wollte, das diätetische Geflügelfleisch schmackhafter, saftiger Wachteln.
וַיָּקָם הָעָם כָּל־הַיּוֹם הַהוּא וְכָל־הַלַּיְלָה וְכֹל יוֹם הַמָּחֳרָת וַיַּאַסְפוּ אֶת־הַשְּׂלָו הַמַּמְעִיט אָסַף עֲשָׂרָה חֳמָרִים וַיִּשְׁטְחוּ לָהֶם שָׁטוֹחַ סְבִיבוֹת הַמַּחֲנֶה׃
wajákom ha'ám kol-hajom hahú wechol-hallájla wechól jom hammachorát waja'asfú et-hasseláw hammam'ít assáf assará chomarím wajischtechú lahém schatóach sewiwót hammachané
32 Und das Volk stand auf, diesen ganzen Tag und die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag, und sie sammelten Wachteln. Und der Bescheidenste sammelte zehn Maß (Omer), und sie breiteten sie rings um das Lager aus.
הַבָּשָׂר עוֹדֶנּוּ בֵּין שִׁנֵּיהֶם טֶרֶם יִכָּרֵת וְאַף יְהוָה חָרָה בָעָם וַיַּךְ יְהוָה בָּעָם מַכָּה רַבָּה מְאֹד׃
habbassár odénnu ben schinnehém térem jikkarét we'áf adonáj chará wa'ám wajách adonáj ba'ám makká rabbá me'ód
33 Und noch war das Fleisch auf ihren Zähnen, noch nicht weggeschafft, da entbrannte der Zorn des HERRN gegen das Volk, und der HERR schlug das Volk mit einem sehr starken Schlag.
וַיִּקְרָא אֶת־שֵׁם־הַמָּקוֹם הַהוּא קִבְרוֹת הַתַּאֲוָה כִּי־שָׁם קָבְרוּ אֶת־הָעָם הַמִּתְאַוִּים׃
wajikrá et-schem-hammakóm hahú kiwrót hatta'awá ki-schám kawerú et-ha'ám hammit'awwím
34 Und dieser Ort wurde Kiwrot-hatta'awa (Gräber der Begierde) genannt, denn dort begrub das Volk die BegehrendenDer russische Satz lässt zwei Lesarten zu: „dort begrub das Volk die Begehrenden“ oder „dort begrub man das Volk der Begehrenden“. Übersetzt ist die nächstliegende Wortfolge..
מִקִּבְרוֹת הַתַּאֲוָה נָסְעוּ הָעָם חֲצֵרוֹת וַיִּהְיוּ בַּחֲצֵרוֹת׃
mikkiwrót hatta'awá nase'ú ha'ám chazerót wajihjú bachazerót
35 Von Kiwrot-hata'awa zog das Volk weiter an den Ort, der Chazerot genannt wird, und sie waren in Chazerot.
Das ist also eine solche erstaunliche und schreckliche Geschichte, die in unserem Wochenabschnitt erzählt wird.
Cherchez la femme
Bemidbar 12,1–16
Mit Gottes Hilfe werden wir gemeinsam das rätselhafte 12. Kapitel des Buches Bemidbar aus dem Wochenabschnitt Behaalotecha lesen. Es beginnt mit einer erstaunlichen und unverständlichen, wirklich rätselhaften Geschichte, über die eine Vielzahl von Kommentaren geschrieben wurde, und all diese Kommentare haben doch keine endgültige Antwort gegeben und kein klares Bild geschaffen. Und dennoch, was wären wir, wenn wir nicht versuchten, zu verstehen, was in den ersten drei Versen des Kapitels geschrieben steht, wovon die Tora uns erzählt? Und vielleicht versuchen wir sogar, die Frage zu beantworten: Warum spricht die Tora auf einmal in einer so verworrenen Sprache?
Beginnen wir mit dem ersten Vers.
וַתְּדַבֵּר מִרְיָם וְאַהֲרֹן בְּמֹשֶׁה עַל־אֹדוֹת הָאִשָּׁה הַכֻּשִׁית אֲשֶׁר לָקָח כִּי־אִשָּׁה כֻשִׁית לָקָח׃
wattedabbér mirjám we'aharón bemosché al-odót ha'ischá hakkuschít aschér lakách ki-ischá chuschít lakách
1 Und Mirjam begann mit Aharon über Mosche zu reden, bezüglich der kuschitischen Frau (der dunkelhäutigen Frau), die er genommen hatte, denn er hatte eine kuschitische Frau genommen.
וַיֹּאמְרוּ הֲרַק אַךְ־בְּמֹשֶׁה דִּבֶּר יְהוָה הֲלֹא גַּם־בָּנוּ דִבֵּר וַיִּשְׁמַע יְהוָה׃
wajomerú harák ach-bemosché dibbér adonáj haló gam-bánu dibbér wajischmá adonáj
2 Und sie sagten: „Hat denn der HERR nur durch Mosche geredet? Auch durch uns hat Er geredet!“ Und der HERR hörte dieses ihr Gespräch.
וְהָאִישׁ מֹשֶׁה עָנוֹ (עָנָיו) מְאֹד מִכֹּל הָאָדָם אֲשֶׁר עַל־פְּנֵי הָאֲדָמָה׃
weha'ísch mosché anáw me'ód mikkól ha'adám aschér al-pené ha'adamá
3 Mosche aber ist ein sehr demütiger Mensch, demütiger als jeder Mensch, der auf der Erde ist.
Das sind also diese drei Verse, und es ist ganz unverständlich, was hier geschieht. Raschi, einer der bekanntesten Kommentatoren, legt das, den Weisen des Talmuds folgend, auf die Weise des Drasch aus: Ohne den einfachen Sinn zu erklären, zieht er eine gewisse Schlussfolgerung aus dem ganzen Text. Und er sagt, dass Mosche, offenbar auf persönlichen Befehl des Höchsten, sich von seiner Frau Zippora zurückgezogen, ihr heimlich einen Get (Scheidebrief) gegeben, sich von ihr geschieden und sich von ihr entfernt hatte. Was konnte bei der Zeremonie geschehen sein, als die siebzig Ältesten den Geist Mosches empfingen? Lasst uns dieses Bild malen. Mirjam und Zippora, zwei Schwägerinnen, standen zusammen und beobachteten alles, was geschah. Und die erschütterte Zippora hielt sich nicht zurück und sagte: „Oh, die Ärmsten, die Frauen dieser Männer, die Ärmsten, die Frauen dieser Männer.“ Mirjam sah sie erstaunt an und fragte: „Was hast du? Warum sind sie denn die Ärmsten, ihre Männer empfangen doch einen so hohen Geist?!“ Zippora sagte: „Jetzt werden sich ihre Männer von ihnen zurückziehen, sich von ihnen entfernen, und was macht es da schon für einen Unterschied, was für einen Geist sie haben?“ Und die erstaunte Mirjam fragte weiter: „Wie jetzt, warte mal, hat Mosche sich etwa von dir entfernt?“ Und da schlug Zippora die Augen nieder, Mirjam zog ihre Schlüsse und ging, um mit Aharon zu reden: „Ist denn Mosche der einzige Prophet? Wir prophezeien auch, und durch uns hat der HERR geredet, aber ich habe mich nicht von meinem Mann zurückgezogen, du hast dich nicht von deiner Frau zurückgezogen. Warum hat Mosche sich denn zurückgezogen?“ So wird diese Empörung Mirjams im Talmud und von den klassischen Kommentatoren gedeutet. Und dieses Gespräch hörte der HERR, und sogleich wird gesagt, dass Mosche der demütigste der Menschen ist, er hat einfach auf Gott gehört und so gehandelt, wie Gott es gesagt hatte. Ich wiederhole: Das ist das am weitesten verbreitete klassische Verständnis der Geschichte.
Warum ist dieses Verständnis so zweideutig? Weil hier geschrieben steht: er hat eine kuschitische Frau genommen. Was hat Zippora damit zu tun? Wozu daran erinnern, dass Mosche einst eine Frau genommen hat, und schließlich, wozu schreiben er hat eine Frau genommen, wenn er sich von seiner Frau geschieden hat? Auf diese Unstimmigkeit spielt der Enkel Raschis, Raschbam, an, der sagt: „Nein, so war es nicht, überhaupt nicht so. Einst, vor langer Zeit, als Mosche aus Ägypten floh, herrschte Mosche, laut der Chronik des Lebens Mosches (das ist so ein mittelalterlicher legendenhafter Midrasch, den Raschbam ernst nimmt), als König im Land Kusch (Äthiopien) und nahm dort eine Äthiopierin zur Frau. Und zwar natürlich nicht einfach eine Äthiopierin, sondern die äthiopische Königin. Er brachte sie mit und führte sie überallhin mit sich, und nun fingen Mirjam und Aharon an zu reden: ‚Wieso hat er eine Äthiopierin zur Frau genommen? Wozu hat er sie genommen? Hat er sich vielleicht als Prophet erlaubt, eine Königin zur Frau zu nehmen? Wir haben doch auch prophezeit.‘ Und wieder kommt es zur Empörung über die Tat Mosches.
Dieses Verständnis Raschbams unterscheidet sich vom klassischen, aber es ist ebenfalls schwer anzunehmen. Erstens, weil die Quelle selbst darüber, wie Mosche in Äthiopien herrschte, ein mittelalterlicher Midrasch ist, im Grunde ein mittelalterlicher Essay, eine Fantasie über einen unbekannten Teil des Lebens Mosches. Dieses bekannte schriftstellerische Genre fand im Mittelalter Verbreitung und wurde teilweise als historische Quelle aufgefasst. So hat es Raschbam verstanden, obwohl der Autor keine solche Absicht hatte, der Autor gab es auch nicht als irgendeine Offenbarung aus. Wir haben in Wirklichkeit keine ernsthaften und maßgeblichen Quellen darüber, dass Mosche die äthiopische Königin geheiratet hat.
Es gibt noch ein Verständnis (wir erwähnen es in Klammern), nach dem man den ersten Vers ein wenig anders lesen muss: „Und Mirjam redete mit Aharon über Mosche wegen der kuschitischen Frau, die er genommen hatte.“ Das Wort al-odót, das hier verwendet wird, übersetzt man gewöhnlich als über (von), aber man kann es auch als wegen übersetzen. Und dann kann man verstehen, dass es Aharon war, der die kuschitische Frau genommen hatte. Und was geschah? Die kuschitische Frau (als eine fremdstämmige Frau) kam zuerst zu Mirjam und zettelte eine solche Intrige an, indem sie sagte: „Schau, Mosche hat uns nicht zu dieser Zeremonie gerufen, bei der allen Geist verliehen wurde. Musste denn nur sein Geist ausgeteilt werden? Auch unser Geist hätte ausgeteilt werden müssen. Warum seid du und Aharon außen vor geblieben? Warum hat man dich nicht eingeladen? Warum wird der Geist Mosches vermehrt, aber der Geist Aharons nicht vermehrt? Dein Bruder hat dich übers Ohr gehauen.“ Und dieser weiblichen Empörung nachgebend (nach dieser Meinung), ging Mirjam, um mit Aharon zu reden.
Es gibt noch eine andere Variante des Verständnisses, und ich denke, bei dieser Variante kann man stehen bleiben: Mosche hat tatsächlich eine kuschitische Frau genommen, hat eine dunkelhäutige Frau zur Frau genommen. Warum konnte er das tun? Es kann mehrere Gründe geben. Vor allem der einfachste Grund: Er wollte heiraten und hat geheiratet. Diese Kuschitin gefiel ihm, er liebte sie, und warum sollte er sie nicht heiraten? Ein anderer Grund: Wenn sie nicht jemand von so hohem Status wie Mosche heiratet, dann heiratet sie niemand. Mosche ist ein Vorbild für das ganze Volk, und die Frau, die Mosche heiratet, eine Frau mit einer anderen Hautfarbe, die sich dem Volk angeschlossen hat, wird als gleichwertig wahrgenommen werden. Und Mosche hat ein Beispiel dafür gegeben, dass es sich lohnt, das Statusdenken bei Ehen abzuschaffen. Inwieweit es Mosche gelungen ist, das zu tun, ist schwer zu sagen, denn das Problem des Statusdenkens bei Ehen bleibt auch heute aktuell – sowohl unter Juden als auch unter gläubigen Christen. So ist es oft bei Völkern mit alter Geschichte, mit traditioneller Lebensordnung. Immer kann man sagen: „Wozu hast du uns eine Weißrussin in ein ukrainisches Haus gebracht, eine Armenierin in ein georgisches Haus, eine Tadschikin in ein usbekisches Haus“, Varianten gibt es unzählige. Leider gibt es das Statusdenken, die nationale Fixiertheit bei Ehen noch. Manchmal ist das angebracht, aber ich werde mich nicht auf Philosophieren darüber einlassen. Wichtig ist zu verstehen, dass Israel ein einheitliches Ganzes ist, und wichtig ist, das Zeugnis von Mosche dafür zu haben, dass Israel ein einheitliches Ganzes ist. Das ist eine sehr wichtige Lektion für alle.
Erinnern wir uns, dass Mirjam und Aharon nicht einfach Kollegen Mosches sind, sie sind doch die Familie Mosches. Seinerzeit brachten ihre Eltern drei Kinder zur Welt, und alle drei sind Propheten. Die erfolgreichste Familie, die erfolgreichste Allianz in der jüdischen Geschichte: Alle drei Kinder wurden Propheten, Führer in Israel. Und da bringt Mosche wer weiß wen in die Familie: „Warum hat er sich nicht mit uns beraten, warum hat er allein entschieden, eine Äthiopierin nicht einfach in seine eigene Familie zu bringen, sondern in unsere große Familie, in eine Familie, in der es den älteren Bruder Aharon gibt, die ältere Schwester Mirjam. Und ich erinnere mich an diesen Mosche noch, als er im Fluss trieb und ich ihm nachlief. Und was wäre mit ihm geschehen, wenn ich damals der ägyptischen Prinzessin nicht von der jüdischen Amme erzählt hätte, damit, Gott bewahre, keine einzige Ägypterin von ihm sagen könnte: ‚Meine Brüste haben ihn genährt.‘ Wir haben ihm das Leben bei uns zu Hause gesichert, so viel dafür gegeben, und jetzt hat er eine Äthiopierin in die Familie angeschleppt.“ Und das kann tatsächlich ein Anlass zur Empörung sein: „Er diskreditiert und entehrt mit dieser Mesalliance nicht nur sich selbst, sondern unsere ganze edle Familie.“
Wie dem auch sei, wir sehen, dass es dazu sehr viele Meinungen und Positionen gibt, und man möchte fragen: „Warum hat die Tora nicht klar geschrieben, was dort geschah?“ Man hätte deutlich beschreiben können, was Mosche getan hat und was Mirjam und Aharon nicht gefiel, und wir würden darüber nicht viele Jahrhunderte streiten, wie die Weisen darüber streiten. Die Sache ist die, dass hier nicht eigentlich die Handlung Mosches erörtert wird. Erörtert wird hier der Versuch, in das persönliche Territorium einzudringen: sich in das Privatleben des Leiters einzumischen, über das Privatleben des Führers zu urteilen. Und eigentlich geht es in der Geschichte nicht um das Familienleben Mosches, sondern um Laschon hara (üble Nachrede). Man soll das nicht so verstehen, dass die Tora gegen Kritik ist. Die Tora ist gegen Kritik hinter dem Rücken. Wenn man nicht ins Gesicht kritisiert, wird Kritik zu übler Nachrede. Deshalb bezeugt die Tora auch, dass Mosche demütig gehandelt hat, keinem seiner Begehren ist er gefolgt. Der HERR hörte das Gespräch Mirjams und Aharons, und obwohl sie untereinander redeten, wollte Er keine üble Nachrede in der Familie zulassen.
In jüdischen Quellen lesen wir sehr viele Geschichten über üble Nachrede gegen Mosche, über üble Nachrede gegen Aharon. Es gibt eine sehr interessante Darstellung dieser Kritik von Rabbi Naftali aus Ropschitz, der im 18. Jahrhundert lebte. Er legte es so aus: „Wie im Buch Tehillim (106,16) geschrieben steht: ‚Und sie eiferten gegen Mosche im Lager und gegen Aharon, den Heiligen des HERRN.‘ Mosche neigte zur Abgeschiedenheit, wie geschrieben steht: ‚Mosche aber nahm das Zelt und schlug es sich außerhalb des Lagers auf, fern vom Lager (das ist im Buch Schemot), und entfernte sich von den Menschen.‘ Bei Aharon war es anders, über Aharon ist gesagt, dass er den Frieden erwirkt, dass er nach Frieden strebt. Aber so ist die Natur des Volkes, dass man zu jeder Zeit einen Grund findet, gegen einen großen Menschen vorzugehen, der sich aus dem Volk heraushebt. Man eiferte gegen Mosche dafür, dass er sich vom Volk absondert, und verurteilte ihn dafür, dass er sich vom Umgang mit den Menschen entfernt. Gegen Aharon aber erhob man sich dafür, dass er sich in die Angelegenheiten des Volkes einmischt, indem man sagte: ‚Es geziemt sich nicht für einen Menschen solchen Ranges, sich so zu verhalten, sondern er sollte sich von den Menschen entfernen und die Heiligkeit bewahren.‘
Und auch Jeschua sprach über Sich und Jochanan den Eintauchenden, dass, siehe, Jochanan kam und wie ein Einsiedler lebt und keinen Anteil hat an den Vergnügungen dieser Welt, und man kritisiert ihn; und der Menschensohn kam, isst und trinkt, und man sagt, dass er gern isst und Wein trinkt, ein Freund der Zöllner und Sünder. Und diese Geschichte wiederholt sich ständig, ständig gibt es Kritik an den Führern, ständige üble Nachrede gegen herausragende Menschen.
Im Jerusalemer Talmud gibt es eine Geschichte darüber, wie das Volk auf Mosche schaute, der zum Zelt ging, und sie sagten: „Seht, was für Backen Mosche sich angefressen hat, seht, was für Schenkel Mosche sich angefressen hat. Alles, was er sich angefressen hat, hat er sich bei den Juden angefressen, an jüdischer Kost hat er sich bereichert.“ Üble Nachrede gab es viel, und die Midraschim sprechen davon. Ja, man sieht sie auch im Text der Tora, wenn das Volk mit verschiedenen Ansprüchen zu Mosche kommt. Aber hier geht es darum, dass in der prophetischen Familie, in der am treuesten dienenden Familie Israels, Zwietracht und üble Nachrede zwischen den Dienern aufkommen. Der HERR hört das und lässt nicht zu, dass es sich entwickelt.
וַיֹּאמֶר יְהוָה פִּתְאֹם אֶל־מֹשֶׁה וְאֶל־אַהֲרֹן וְאֶל־מִרְיָם צְאוּ שְׁלָשְׁתְּכֶם אֶל־אֹהֶל מוֹעֵד וַיֵּצְאוּ שְׁלָשְׁתָּם׃
wajomer adonáj pit'óm el-mosché we'el-aharón we'el-mirjám zeú scheloschtechém el-óhel mo'éd wajezeú scheloschtám
4 Und der HERR sprach plötzlich zu Mosche, Aharon und Mirjam: „Geht sofort hinaus, alle drei, zum Zelt der Begegnung.“ Und die drei gingen hinaus.
Ein sehr interessantes Ereignis kann im Leben eines Menschen geschehen, wenn plötzlich der Regisseur zu ihm sagt: „Stopp, komm mal heraus zum Zelt.“ Gewöhnlich ist der Regisseur nicht zu sehen und mischt sich nicht ein, und man kann es sich erlauben zu reden, zu kritisieren, Dummheiten oder Klugheiten zu machen, gute Taten oder böse. Und plötzlich sagt der Regisseur: „Kommt hierher heraus zur Nachbesprechung der Flüge.“
Einerseits ist es eine riesige Gnade, wenn der Höchste so plötzlich (pit'óm) spricht, und andererseits kann das Herz stehen bleiben von diesem unerwarteten Erscheinen des Regisseurs. Und welche Bereitschaft, welche Demut muss man haben, um jederzeit, sogar in Unreinheit, wie Mirjam und wie möglicherweise Aharon, auf diese Stimme hinauszugehen, die plötzlich ertönt ist, bereit zu sein, sie zu hören und zu gehorchen.
וַיֵּרֶד יְהוָה בְּעַמּוּד עָנָן וַיַּעֲמֹד פֶּתַח הָאֹהֶל וַיִּקְרָא אַהֲרֹן וּמִרְיָם וַיֵּצְאוּ שְׁנֵיהֶם׃
wajéred adonáj be'ammúd anán waja'amód pétach ha'óhel wajikrá aharón umirjám wajezeú schenehém
5 Und der HERR stieg herab in der Wolkensäule und stellte sich an den Eingang des Zeltes und rief nach Aharon und nach Mirjam, und die beiden gingen hinaus.
Die Wolkensäule stieg herab und sagte: „Aharon, Mirjam, aus dem Glied treten!“ Und Aharon und Mirjam traten aus dem Glied.
וַיֹּאמֶר שִׁמְעוּ־נָא דְבָרָי אִם־יִהְיֶה נְבִיאֲכֶם יְהוָה בַּמַּרְאָה אֵלָיו אֶתְוַדָּע בַּחֲלוֹם אֲדַבֶּר־בּוֹ׃
wajomer schim'u-ná dewaráj im-jihjé newi'achém adonáj bammar'á eláw etwaddá bachalóm adabber-bó
6 Und sprach zu ihnen: „Hört Meine Worte! Wenn unter euch einer sein wird, der dem HERRN prophezeit, dann heißt das: Ich werde Ihm in Visionen erscheinen, im Traum werde Ich mit ihm reden.
Gott spricht hier von der höchsten Stufe der Prophetie, die allen offensteht, ausgenommen Mosche. Das heißt, gewöhnlich spricht der Höchste zu einem Propheten entweder in Visionen oder im Traum, und das ist es, was offenbar mit Aharon und Mirjam geschieht, denn sie haben ja von ihrer prophetischen Gabe gesprochen.
לֹא־כֵן עַבְדִּי מֹשֶׁה בְּכָל־בֵּיתִי נֶאֱמָן הוּא׃
lo-chén awdí mosché bechol-betí ne'emán hu
7 Aber nicht so ist Mein Knecht Mosche: In Meinem ganzen Haus ist er – eine Vertrauensperson.
Wir wissen, dass Aharon das Recht hat, das Allerheiligste nur an Jom Kippur zu betreten, ein einziges Mal. Mosche geht hinein, wann er will, wann er es braucht. Er hat immer die Schlüssel zum Allerheiligsten, und er geht aus jedem beliebigen Anlass dort hinein.
פֶּה אֶל־פֶּה אֲדַבֶּר־בּוֹ וּמַרְאֶה וְלֹא בְחִידֹת וּתְמֻנַת יְהוָה יַבִּיט וּמַדּוּעַ לֹא יְרֵאתֶם לְדַבֵּר בְּעַבְדִּי בְמֹשֶׁה׃
pe el-pé adabber-bó umar'é weló wechidót utmunát adonáj jabbít umaddúa lo jeretém ledabbér be'awdí wemosché
8 Ich werde von Mund zu Mund mit ihm reden, und in klarer Vision, nicht durch Rätsel und Bilder wird er den HERRN schauen. Warum habt ihr euch denn nicht gefürchtet, über Mosche, Meinen Knecht, zu reden?“
Hier klingt an, was wir aus dem Brief des Paulus an die Römer (14,4) kennen: „Wer bist du, der du einen fremden Knecht verurteilst?“ Und warum habt ihr euch nicht gefürchtet, euch an seinem Geist der Prophetie, an der Stufe seiner Prophetie zu vergreifen, und kritisiert seine Handlungen, als wärt ihr ihm im Verständnis der geistigen Welt gleich?
וַיִּחַר אַף יְהוָה בָּם וַיֵּלַךְ׃
wajichar-áf adonáj bam wajelách
9 Und der Zorn des HERRN entbrannte gegen sie, und Er ging weg.
Wenn geschrieben steht, der Zorn des HERRN entbrannte, dann ist das immer mit irgendeiner Strafe verbunden. Ihre Handlungen konnten nicht ohne Strafe bleiben, das heißt, Mirjam und Aharon haben ihre Strafen bekommen. Die Kommentatoren sagen: „Warum ist die Strafe nicht aufgeschrieben, die Aharon bekommen hat, und hat er die Strafe sofort bekommen?“ Möglicherweise aus Respekt, aus Ehrerbietung gegenüber Aharon, und möglicherweise deshalb, weil hier die geistige Anstifterin dieser ganzen Sache Mirjam war, deshalb ist es wichtig, gerade über sie zu schreiben.
וְהֶעָנָן סָר מֵעַל הָאֹהֶל וְהִנֵּה מִרְיָם מְצֹרַעַת כַּשָּׁלֶג וַיִּפֶן אַהֲרֹן אֶל־מִרְיָם וְהִנֵּה מְצֹרָעַת׃
wehe'anán sar me'ál ha'óhel wehinné mirjám mezorá'at kascháleg wajífen aharón el-mirjám wehinné mezorá'at
10 Und die Wolke wich vom Zelt, und siehe – Mirjam ist mit Zara'at bedeckt wie mit Schnee. Und Aharon wandte sich zu Mirjam, und siehe, sie ist mit Zara'at bedeckt.
Man kann diesen Vers als Fortsetzung des vorigen verstehen, dass der HERR wegging und die Wolke wich, in der Er herabgekommen war. Aber die Kommentatoren sehen hier eine Trennung. Es gibt ammúd anán (die Wolkensäule), in der der HERR Mosche, Aharon und Mirjam am Eingang des Zeltes erschien und ihnen ein Treffen anberaumte. Und es gibt anán (die Wolke), die das Zelt einhüllte, auf die man achten musste, um sich auf den Weg zu machen in dem Fall, wenn sie sich über das Zelt erhob. Und nach diesem Kommentar, gemäß diesem Verständnis, musste das Volk in dem Moment, als die Wolke sich verschob, sich auf den Weg machen. Aber der Höchste sagt: „Wartet auf Mirjam, Mirjam soll eine Weile außerhalb des Lagers bleiben.“ Das ist eine interessante Lehre für uns – die Reinigung dessen abzuwarten, der von Zara'at befallen ist, und erst dann dem Höchsten nachzulaufen. Sehr oft macht ein Mensch in irgendeiner geistlichen Arbeit, in irgendeiner eigenen Bewegung einen Sprung nach vorn und lässt Familie, Frau, Kinder, nahestehende Menschen hinter sich, und das kann sich als Fehlstart erweisen, kann sich als vergeblicher Sprung erweisen, weil der Höchste sagt: „Warte auf die Deinen, lauf nicht zu sehr nach vorn, alles muss im Gleichgewicht sein.“
Und das ist noch interessant: Mirjam, die sich über die schwarze Hautfarbe der Frau Mosches empört hatte, wurde weiß wie Schnee.
וַיֹּאמֶר אַהֲרֹן אֶל־מֹשֶׁה בִּי אֲדֹנִי אַל־נָא תָשֵׁת עָלֵינוּ חַטָּאת אֲשֶׁר נוֹאַלְנוּ וַאֲשֶׁר חָטָאנוּ׃
wajomer aharón el-mosché bi adoní al-ná taschét alénu chattát aschér no'álnu wa'aschér chatánu
11 Und Aharon sprach zu Mosche: „Bei mir schwöre ich, Herr (bei meinem Leben bitte ich), lege nicht auf uns die Sünde, mit der wir töricht gehandelt und mit der wir gesündigt haben.
אַל־נָא תְהִי כַּמֵּת אֲשֶׁר בְּצֵאתוֹ מֵרֶחֶם אִמּוֹ וַיֵּאָכֵל חֲצִי בְשָׂרוֹ׃
al-ná tehí kammét aschér bezetó meréchem immó waje'achél chazí wesaró
12 Sie soll nicht einem Toten gleich sein, denn sie ist aus dem Schoß unserer Mutter hervorgegangen, und unser Fleisch wird verzehrt, sie ist zur Hälfte wir.“
Wer von Zara'at befallen ist, gleicht einem Toten, weil er unrein ist und keine Beziehung zum Lager hat, so wie ein Toter keine Beziehung zur Welt der Lebenden hat. Das ist natürlich eine Metapher – sie wird einem Toten gleich sein, wird wie eine Tote (kammét).
Eine erstaunliche Symmetrie liegt darin. Die, die ganz am Anfang über die Reinheit der Familie gesprochen hat, darüber, dass Mosche sich erlaubt hat, jemanden in die Familie zu bringen, ist jetzt selbst unrein. Und Aharon tritt für sie ein kraft ihrer Zugehörigkeit zur Familie. Aharon tritt für Mirjam ein und sagt: „Wenn sie wie eine Tote sein wird, dann sind auch wir wie Tote.“ Jetzt ist sie unrein, und die Familie muss gereinigt werden wegen der Unreinheit Mirjams, nicht wegen der Unreinheit Mosches. Das ist es, was beim Höchsten Maß für Maß heißt, das heißt, die Vergeltung ist symmetrisch.
וַיִּצְעַק מֹשֶׁה אֶל־יְהוָה לֵאמֹר אֵל נָא רְפָא נָא לָהּ׃
wajiz'ák mosché el-adonáj lemór el na refá na la
13 Und Mosche schrie zum HERRN und sprach: „HERR, heile sie!“
Diese fünf Wörter, el na refá na la (HERR, heile sie!) – das ist wohl das kürzeste Gebet um Heilung in der ganzen Schrift. Dieses Gebet ist, wie viele ähnliche Gebete, zu einem im Volk verbreiteten Lied geworden. Auf diese Weise antwortet Mosche unverzüglich auf die Bitte Aharons und wendet sich sofort mit einem Gebet an den Höchsten. Bei Mosche gibt es keinerlei Kränkung – eine aufrichtige Bitte an den Höchsten, die Schwester zu heilen.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה וְאָבִיהָ יָרֹק יָרַק בְּפָנֶיהָ הֲלֹא תִכָּלֵם שִׁבְעַת יָמִים תִּסָּגֵר שִׁבְעַת יָמִים מִחוּץ לַמַּחֲנֶה וְאַחַר תֵּאָסֵף׃
wajomer adonáj el-mosché we'awíha jarók jarák befanéha haló tikkalém schiw'át jamím tissagér schiw'át jamím michúz lammachané we'achár te'asséf
14 Und der HERR sprach zu Mosche: „Wenn ihr Vater ihr ins Gesicht gespuckt hätte, würde sie sich dann nicht schämen, sich sieben Tage unter den Leuten zu zeigen? Sie soll sieben Tage außerhalb des Lagers eingeschlossen sein, und danach wird sie zurückkehren.“
Eine schreckliche Situation. Und der Höchste sagt: „Ja, sie wird geheilt werden, aber sie muss sieben Tage der Reinigung durchlaufen.“ Hat der Höchste sie sofort geheilt? Höchstwahrscheinlich – ja, der Höchste hat sie sofort geheilt. Aber noch sieben Tage der Reinigung (als von Zara'at Befallene und Geheilte) muss sie nach dem Gesetz durchlaufen.
וַתִּסָּגֵר מִרְיָם מִחוּץ לַמַּחֲנֶה שִׁבְעַת יָמִים וְהָעָם לֹא נָסַע עַד־הֵאָסֵף מִרְיָם׃
wattissagér mirjám michúz lammachané schiw'át jamím weha'ám lo nassá ad he'asséf mirjám
15 Und Mirjam blieb sieben Tage außerhalb des Lagers, und das Volk brach nicht auf, bis Mirjam sich angeschlossen hatte.
Offenbar war es auch der eigene Wunsch des Volkes, auf Mirjam zu warten, und der Höchste gebietet zu warten, bis Mirjam sich anschließt, obwohl die Wolke sich von der Stelle bewegt. Das ist kein Widerspruch, das ist eine Lehre. Wie soll man handeln, wenn es gleichzeitig zwei Situationen gibt, zwei Gebote, die einander widersprechen? Einen Menschen in der Unreinheit zurücklassen und Gott folgen oder bei dem von Zara'at Befallenen bleiben und dann die Wolke einholen? Was wählen? Gott sagt: „Wählt den von Zara'at Befallenen.“
וְאַחַר נָסְעוּ הָעָם מֵחֲצֵרוֹת וַיַּחֲנוּ בְּמִדְבַּר פָּארָן׃
we'achár nase'ú ha'ám mechazerót wajachanú bemidbár parán
16 Danach zog das Volk aus Chazerot fort, und sie lagerten in der Wüste Paran.
Der Leiter und das Andersdenken
Lasst uns noch ein wenig über unseren Wochenabschnitt Behaalotecha sprechen und einige Verse aus Kapitel 11 des Buches Bemidbar lesen.
24. Und Mosche ging hinaus und gab dem Volk das Wort des HERRN wieder, und er versammelte siebzig Männer von den Ältesten des Volkes und stellte sich mit ihnen rings um das Zelt.
25. Und der HERR stieg in der Wolke herab und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und gab ihn auf die siebzig Ältesten. Und es geschah, als der Geist auf sie herabkam, da prophezeiten sie, weló jasáfu.
Das Ende von Vers 25, eben dieses weló jasáfu, wird unterschiedlich übersetzt. Die meisten russischen Übersetzungen sagen: „…aber dann hörten sie auf.“ Lasst uns das klären. Wenn man jasáfu vom Verb lehosíf (hinzufügen, zufügen, fortsetzen), her versteht, dann ergibt sich, dass sie irgendeine Prophezeiung einmal ausgesprochen oder eine Zeit lang prophezeit haben, und dann weló jasáfu, das heißt, und hörten auf zu prophezeien.
Andere Übersetzungen (zum Beispiel der aramäische Targum) deuten den Satz auf entgegengesetzte Weise: und hörten nicht auf. Warum so? Weil man jasáfu vom Wort sóf (Ende) her übersetzen kann: und ihre Prophezeiungen hatten kein Ende.
Die wahrscheinlichste Übersetzung ist die dritte Variante: und sie fügten dieser Prophezeiung nichts hinzu. Das heißt, sie prophezeiten im Geist Mosches, wiederholten, sendeten die Prophezeiung Mosches weiter, prophezeiten im Rahmen der Sicht Mosches. Und das ist das wahrscheinlichste Verständnis.
Weiter lesen wir die Geschichte von Eldad und Mejdad.
26. Und es blieben zwei Männer im Lager zurück: Der eine heißt Eldad und der zweite heißt Mejdad, und auch auf sie kam (watanách) der Geist herab, denn sie waren aufgeschrieben, und sie traten nicht zum Zelt hin und fingen an, im Lager zu prophezeien.
27. Und ein junger Mann lief und sagte zu Mosche: „Eldad und Mejdad prophezeien im Lager!“
28. Und Jehoschua ben Nun, der Gehilfe Mosches aus seinen Leuten, sprach und sagte: „Mein Herr, Mosche, verhafte sie (kela'ém)!“
Das heißt, außer den siebzig Ältesten, die zum Zelt hinausgingen, gab es noch zwei Männer, Eldad und Mejdad, die eingeladen worden waren, aber, wie die Tradition sagt, aus Bescheidenheit oder aus irgendeinem anderen Grund nicht zum Zelt hinausgingen. Und auch auf sie ist der Geist herabgekommen . Hier wird das Wort watanách – ließ sich nieder, der Geist verweilte auf ihnen gebraucht, das heißt, der Geist nahm Wohnung in ihnen und ließ sie prophezeien. Aber das war nicht der Geist von Mosche, sie empfingen vom Höchsten gesondert die prophetische Gabe des Geistes und prophezeiten. Und wieder sagt die Tradition, dass sie ein wenig etwas anderes prophezeiten als das, was Mosche prophezeite, dass sie zum Beispiel sagten: „Mosche wird sterben, er wird das Volk Israel nicht ins Land bringen, sondern an seiner Stelle wird Jehoschua ben Nun das tun.“ Sie prophezeiten über die Zukunft, prophezeiten über die Tage des Maschiach, sie hatten eine globalere Sicht – so sagt die Tradition. So oder so prophezeiten auch sie durch den Geist von Gott, aber nicht durch den Geist, der durch Mosche empfangen war, sondern durch einen anderen Geist.
Und deshalb wurde ihre Prophezeiung natürlich mit Argwohn aufgenommen, und sofort lief man, um es Mosche zu melden, und es meldete sich sein langjähriger Diener und treuer Gehilfe Jehoschua ben Nun zu Wort. Und was antwortet ihm Mosche?
29. Und Mosche sprach zu ihm: „Eiferst du etwa um meinetwillen? O, wenn doch das ganze Volk des HERRN Propheten wären, wenn nur der HERR Seinen Geist auf sie legte!“
Mosche sagt hier: „Ich wäre froh, wenn das ganze Volk, nicht nur diese siebzig Männer hier und diese zwei Männer dort, wenn das ganze Volk prophezeien würde, wenn nur der HERR Seinen Geist auf sie legte.“
Einige Kapitel später werden wir die Geschichte von Korach lesen, der buchstäblich mit derselben Idee hervortrat. Er sagte: „Und warum eigentlich, Mosche und Aharon, warum erhebt ihr euch, Leute? Die ganze Gemeinde ist heilig, die ganze Gemeinde prophezeit, auch wir sind Propheten.“ Und wir sehen, dass Mosche sich gegenüber Korach und der Rotte seiner Anhänger anders verhielt. Und der Höchste zeigte Sich anders: Die Erde tat sich auf und verschlang sie lebendig.
Worin liegt der Unterschied? Ist eine Opposition gegenüber einem Propheten möglich? Kann jemand etwas prophezeien, was der Leiter der Gemeinde nicht prophezeit, in diesem Fall Mosche, den der Höchste Selbst als unumstrittenen Leiter eingesetzt hat? Kann es eine Alternative geben, eine abweichende Meinung, irgendeine Opposition gegenüber diesem Leiter? Wenn es sie geben kann, auf welche Weise dann? Und die Antwort liegt eigentlich in den Worten Mosches: „Wenn nur der HERR Seinen Geist auf sie gelegt hat“. Das heißt, im Unterschied zu Korach drängten Eldad und Mejdad nicht danach, Propheten zu werden, sie stießen nicht mit den Ellenbogen und sagten nicht: „Wir fordern, dass man auch uns als Propheten einsetzt!“ Sie forderten nichts. Sie empfingen diesen prophetischen Geist vom Höchsten. Und ja, vielleicht prophezeiten sie nicht das, was jene siebzig prophezeiten, die der Prophezeiung Mosches nichts hinzufügten. Diese – fügten hinzu. Sie prophezeiten eine andere Sicht, vielleicht eine breitere, vielleicht eine weiter reichende, etwas anderes, was der von Gott eingesetzte Leiter des Volkes Israel nicht prophezeite.
Und Mosche sagt: „Ich wäre doch froh, wenn jeder prophezeite, wenn ihr nicht nur von meiner Sicht lebtet, nicht nur von meiner Prophezeiung. Ich wäre froh, wenn jeder von euch seine eigene Sicht hätte, wenn jeder von euch seine eigene Prophezeiung hätte, aber so, dass das nicht als Ergebnis von Ellenbogenstößen geschieht und nicht als Ergebnis des Strebens, sich nach vorn zu drängen, sondern als Ergebnis davon, dass der Höchste Seinen Geist auf euch gelegt hat. Ich wäre froh, wenn der Höchste auf jeden von euch den Geist legte wie auf mich, wenn ihr alle prophezeitet, wenn jeder von euch zu meiner Prophezeiung etwas Eigenes hinzufügte, einen neuen Blick beitrüge, neue prophetische Ideen einbrächte, damit das der Entwicklung der Gemeinde dient. Ich werde froh sein, aber nur, wenn dieser Geist vom Höchsten ist.“ Das ist die Antwort auf die Frage, ob es in der Gemeinde eine Sicht geben kann, die sich von der Sicht des Leiters unterscheidet.
Sehr oft sagt ein Leiter: „Ich sehe, ich stehe am Steuer, ich bin für meine Gemeinde verantwortlich, nur mein Blick ist für die Gemeinde maßgeblich. Ihr aber seid meine Gemeindeglieder, meine Schafe, und ihr seid, bei all meinem Respekt vor Schafen, keine Hirten. Ich sehe, ich habe die Sicht, mich hat der Höchste eingesetzt.“
Hier gibt uns Mosche ein Beispiel und sagt: „Ich wäre froh, wenn alle prophezeiten, ich wäre froh, wenn es viele Propheten gäbe, aber nur so, dass es Propheten wären, die durch den Geist Gottes prophezeien. Nicht solche, die danach drängen, Propheten zu werden, nicht solche, die sich als Propheten aufspielen und ihre eigene Meinung als Prophezeiung ausgeben.“
Das ist uns eine Unterweisung: diejenigen richtig aufzunehmen, die nicht so sehen wie wir, die nicht so denken wie wir, nicht so verstehen wie wir. Vielleicht ist auch auf ihnen der Geist Gottes. Vielleicht hat der HERR ihnen Seinen Geist gegeben, damit auch sie irgendeine Sicht, irgendein Verständnis haben, vielleicht ein von unserem verschiedenes. Vielleicht sahen sie weiter als wir, breiter als wir, anders als wir, und wir müssen uns über eine solche Äußerung des Geistes freuen. Und der Leiter der Gemeinde muss sich freuen, dass es in seiner Gemeinde eine solche Äußerung des Geistes gibt. Es ist sehr wichtig, sich darüber freuen zu können, dass ein anderer eine nahe Beziehung zum Höchsten hat, sich über die Erfolge des anderen zu freuen, sich über die Segnungen zu freuen, die unser Nächster empfängt. Das ist wohl eine der wichtigen Lehren, die uns unser Wochenabschnitt gibt.
Wenn das ganze Volk Propheten wäre
In Kapitel 10, in Vers 11, lesen wir: „Und es geschah im zweiten Jahr, im zweiten Monat, am Zwanzigsten, da erhob sich die Wolke über dem Zelt des Zeugnisses.“ Das heißt, es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen. Seit dem Moment, als das Volk Israel aus Ägypten auszog, bis zu den Ereignissen, die in unserem Wochenabschnitt beschrieben werden, ist etwas mehr als ein Jahr vergangen. In dieser Zeit ist vieles geschehen: In dieser Zeit hat das Volk Israel die Tora empfangen, in dieser Zeit hat das Volk Israel zu Mosche gesagt: „Rede du mit uns, und der Höchste soll durch dich reden“, in dieser Zeit hat das Volk Israel, ohne Mosche abzuwarten, das goldene Kalb gemacht, Mosche hat die Tafeln zerbrochen… Viel, viel ist geschehen. Und nun, ein Jahr und einen Monat später, macht sich das Volk Israel auf den Weg in das Verheißene Land. Wenn man sich auf das Buch Dewarim stützt, dann standen dem Volk elf Tage Weg bevor. Natürlich wird niemand elf Tage am Stück gehen, es wird ja auch noch den Schabbat geben. Im Großen und Ganzen stand ein kurzer Weg bevor, und alles begann feierlich: Es gab feierliche Zeremonien, es gab Trompetenschall. Alles begann wirklich sehr schön. Aber dann geschieht Folgendes: Das Volk beginnt zu murren, davon lesen wir in Vers 1 von Kapitel 11. Wir wissen noch nicht, weswegen das Volk murrt, aber es murrt über irgendetwas. Und es gibt immer etwas, worüber man unterwegs meckern kann, unterwegs gibt es immer irgendwelche Unannehmlichkeiten. Wenn ihr jemals mit Kindern gereist seid, dann wisst ihr: Zu welcher noch so fröhlichen, freudigen Veranstaltung ihr auch fahrt, oft fangen die Kinder an zu murren, fangen an zu quengeln, fangen an zu fragen: „Wann sind wir endlich da?“ Und das Volk begann zu murren.
Und hier muss man sagen, dass Mosche seine eigene Entwicklung hat, Mosche hat ja auch einen nicht einfachen Weg zurückgelegt: vom isch mizrí (Mann-Ägypten), wie ihn die Töchter Jitros bei der ersten Begegnung nennen, über einfach isch (Mann), als Mosche verschwunden war und das Volk auf ihn wartete und ihn nicht abwarten konnte, bis zum isch elohim (Mann Gottes). Er ist nicht am goldenen Kalb zerbrochen, ist nicht an den zahlreichen anderen Schwierigkeiten zerbrochen, in die er mit dem Volk geriet. Und als es für Mosche ganz schwer wird, als das Volk das Man satt hatte und sie Fleisch wollten, wendet er sich an den Höchsten (11,14–15) mit schrecklichen Worten: „Ich kann nicht allein dieses ganze Volk tragen, denn es ist schwer, ich allein schaffe es nicht. Wenn Du so mit mir verfährst, dann töte mich. Töte mich, wenn ich Dir gefalle, wenn Du mir Gnade erweisen willst, damit ich all diese eigenen Leiden nicht sehe.“ Und der Höchste antwortet: „Man muss einen Teil deines Geistes Menschen aus dem Volk geben. Versammle Mir siebzig Älteste.“ Die Tradition sagt, dass das jene Ältesten sind, die in Ägypten Aufseher waren. Das sind Menschen, die wirklich aus dem Volk stammen, die mit dem Volk lebten, seine Leiden lebten, mit seinen Nöten leben und möglicherweise dieselben Menschen sind, die um Fleisch gebeten hatten.
Also versammelt Mosche siebzig Älteste bei seinem Zelt (und das Zelt Mosches steht, wie wir uns erinnern, außerhalb des Lagers). Alle gingen hinaus vor das Lager, gingen hinaus zum Zelt, der Höchste redet dort mit Mosche, der Höchste gibt vom Geist Mosches den siebzig Ältesten… und da kommt es zu einem Zwischenfall.
Es gibt zwei Menschen unter denen, die im Lager geblieben sind, Eldad und Mejdad. So eine Situation gibt es in der Armee, wenn alle schon in den Bus steigen, um von der Basis abzufahren, und da kommt der Kommandant der Basis und sagt: „Wir müssten hier zwei Leute zurücklassen, um das Material zu bewachen (oder noch für irgendetwas).“ Und deshalb bleiben sie: Entweder bleiben die Bestraften, oder sie bleiben nach irgendeinem Los. So sagen einige Kommentatoren, dass Eldad und Mejdad nach irgendeinem Los im Lager geblieben sind. Und andere sagen, dass Eldad und Mejdad glaubten, dass man den Geist der Prophetie an jedem Ort empfangen kann. Man muss nicht vor das Lager hinausgehen, es braucht keine Absonderung vom Volk, von der Routine des Volksalltags, sagen wir so. Und nun begannen diese im Lager gebliebenen Eldad und Mejdad plötzlich auch zu prophezeien. Sofort erschien irgendein junger Mann, der zu Mosche läuft, um Meldung zu machen, und sagt: „Rettet, helft, zu Hilfe! Eldad und Mejdad prophezeien im Lager!“ Jehoschua ben Nun hört das und sagt: „Bring sie zum VersiegenDie Aufforderung Jehoschuas ist im Russischen ungewöhnlich formuliert, wörtlich etwa „lass sie versiegen“. Sie wurde hier möglichst wörtlich wiedergegeben., nimm ihnen diesen Geist weg!“ Hier ist der Kommentar Raschis interessant, der in die Worte Jehoschuas folgenden Sinn legt: Beschäftige sie mit öffentlichen Angelegenheiten, und wenn sie darin versinken, werden sie vergessen, was der prophetische Geist ist. Mosche sagt: „Was eiferst du denn für mich, ich wünschte, dass das ganze Volk prophezeite, wenn nur Gott Seinen Geist auf sie gäbe. Ich will, dass auch im Alltag, dass auch im täglichen Leben auf den Menschen der Geist Gottes ist.“
So eine Geschichte geschieht. Das Volk machte sich auf den Weg, und der Weg schien zu lang. Uns mag es nicht so scheinen, wir schauen ja von außen, wir haben ja das Buch Bemidbar gelesen, und das Buch Dewarim haben wir auch gelesen, wir wissen, wie alles geendet hat. Und es kommt uns seltsam und sogar irgendwie so dumm vor, dass das Volk meckert (wie es uns auch dumm vorkommt, dass unsere Kinder quengeln, wenn wir unterwegs sind). Diese Menschen, die quengelten, hatten die Bücher der Tora nicht gelesen. Sie hatten allerlei Wünsche, hatten das Gefühl, dass sie alles satt haben, dass diese Ereignisse, dieser Krieg, alles zu lange dauert und dass man doch irgendwie schon… Es kommen solche Gedanken auf: „Lasst uns überhaupt nirgendwohin gehen! Lasst uns das alles überhaupt beenden! Lasst uns nach Ägypten zurückkehren!“
Man kann sich an die Vision von den verdorrten Knochen aus dem Buch des Propheten Jecheskel erinnern, aus Kapitel 37. In Vers 3 fragt Gott den Propheten: „Menschensohn! Werden diese Knochen lebendig werden?“ Die Knochen bedecken sich mit Fleisch, aber lebendig werden sie erst dann, wenn der Geist in sie hineinkommt, der Atem des Lebens: Fleisch ist ohne Geist nicht lebendig. Und wenn das Volk stöhnt, wenn das Fleisch die Macht zu ergreifen beginnt, wenn das Fleisch beginnt, seine Kraft zu zeigen, allerlei „Haben-wollen“ (vielleicht ganz, ganz normale menschliche Wünsche), sagt der HERR: „Hier ist es nötig, dass auf den Ältesten, auf den Menschen aus dem Volk, auf den Menschen, die einfache Routinearbeit machen, der Geist ist.“ Und als Jehoschua ben Nun sich sorgt: „Das kann doch nicht sein, dass innerhalb des Lagers, dass gerade auf diesen einfachen Menschen der Geist ist! Verbiete es, nimm ihnen das weg! Oder lass uns sie mit Arbeit beschäftigen, damit sie keinen Kopf für den Geist haben“, antwortet Mosche und sagt: „Ich will, dass auf allen der Geist ist, dass der HERR auf alle Seinen Geist ausgießt, dass alle prophezeien, dass unsere alltäglichen Handlungen wie prophetische Handlungen sind. Dann werden wir vielleicht einen langen Krieg führen können, dann werden wir eine lange Arbeit tun können.“
Es gibt einen österreichischen Schriftsteller, Psychologen und Psychiater, Viktor Frankl, der durch die Konzentrationslager gegangen ist, die deutschen Konzentrationslager. Er sagte, dass als Erste die zugrunde gingen, die dachten, dass das schnell zu Ende geht. Als Erste gingen die zugrunde, die dachten, dass wir jetzt schnell ankommen, dass wir jetzt irgend so etwas tun, und es sofort zu Ende ist. Aber es war nicht sofort zu Ende. Danach gingen die zugrunde, die dachten, dass es schon nie zu Ende geht. Lasst uns zum Zaun rennen, und man wird uns töten, lasst uns irgendwie Schluss damit machen, dafür sorgen, dass das alles zu Ende ist. Überlebt haben die, die ihr Leben mit Sinn gefüllt haben“.
Wenn wir spüren, dass alles zu lange andauert, dass das nie zu Ende geht, kann man den Höchsten bitten, uns mit Geist zu füllen. Der Höchste selbst ist langmütig (érech appájim), wörtlich bedeutet das, dass Er (ich spreche oft darüber) eine lange Nase hat, Er hat viel Geist. Und wir müssen uns mit Geist füllen für unsere alltäglichen Angelegenheiten, für die Dinge, die uns endlos vorkommen, für jene Dinge, von denen wir nicht wissen, wann sie zu Ende sein werden. Wir brauchen das, damit wir es schaffen, damit wir in allen langen Prozessen standhalten: im Krieg, im Aufbau des Staates, in der Veränderung unserer selbst. Und damit uns das gelingt, brauchen wir den Geist Gottes. Und ja, es kann sich so ein junger Mann finden, der Angst haben wird, dass der Geist Gottes in unseren alltäglichen Angelegenheiten wirkt, in irgendwelchen Routineangelegenheiten. Aber lasst uns an die Worte Mosches denken, dass der Geist Gottes auch innerhalb des Lagers wirken kann, der Geist Gottes kann auf jedem sein.
Tora in 5 Minuten
Wir lesen mit euch ein wenig aus dem 9. Kapitel des Buches Bemidbar.
15. Und am Tag, als der Mischkan aufgestellt wurde, bedeckte die Wolke das Zelt des Zeugnisses, und vom Abend an war über dem Mischkan gleichsam eine feurige Erscheinung bis zum Morgen.
16. So war es immer: Die Wolke bedeckte ihn, und die feurige Erscheinung war in der Nacht.
17. Und wenn sich die Wolke über dem Zelt erhob, zogen die Söhne Israels ihr nach. An dem Ort aber, wo die Wolke stehen blieb, dort blieben die Söhne Israels stehen.
18. Nach der Weisung des HERRN (al-pí adonáj, nach dem Mund des HERRN) zogen die Söhne Israels, und nach der Weisung des HERRN blieben sie stehen. Die ganze Zeit, solange die Wolke über dem Mischkan stand, standen sie.
19. Und wenn die Wolke viele Tage über dem Mischkan verweilte, dann folgten auch die Söhne Israels der Weisung des HERRN und zogen nicht.
20. Es kam vor, dass die Wolke einige Tage über dem Mischkan blieb, und sie blieben nach der Weisung des HERRN stehen, und nach der Weisung des HERRN zogen sie.
21. Es kam vor, dass die Wolke vom Morgen bis zum Abend blieb, und wenn sich die Wolke gegen Morgen erhob, zogen sie; war sie aber sowohl am Tag als auch in der Nacht da, so zogen sie erst, wenn sich die Wolke erhob.
22. Selbst wenn die Wolke zwei Tage oder einen Monat oder ein ganzes Jahr über dem Mischkan stand, standen die Söhne Israels und zogen nicht, und wenn sie sich erhob, zogen sie.
23. Nach der Weisung des HERRN blieben sie stehen, und nach der Weisung des HERRN zogen sie; die Weisung des HERRN hielten sie nach dem Wort, das durch Mosche gegeben war.
Sobald Mosche den Bau des Zeltes der Begegnung vollendet hatte, kam sofort die Wolke der Gegenwart des Höchsten auf das Zelt herab. Der Höchste hatte verheißen (Schemot 25,8): „Weássu li mikdásch weschachantí betochám – Und macht Mir ein Heiligtum, und Ich werde unter euch wohnen“. Das Verb lischkón bedeutet wohnen, weilen, sich aufhalten, schochén – Nachbar sein. Das heißt: „Ich werde euer Nachbar sein, Ich werde ständig neben euch sein.“ Die Wolke der göttlichen Gegenwart (schechiná) wird ständig beim Volk sein, und dementsprechend wird das Volk ständig neben der Wolke sein.
Stellen wir uns eine Mama mit einem Säugling vor, die, sagen wir, mit dem Bus von Jerusalem nach Haifa losgefahren ist. Und da fährt sie im Bus mit ihrem Kleinen, und in diesem Moment ruft sie eine Freundin an und fragt: „Rut, meine Liebe, wo bist du?“ Sie antwortet: „Ich … ich fahre von Jerusalem nach Haifa.“ – „Und wo ist der kleine Jonatan?“ – „Aaah, der kleine Jonatan ist bei mir.“ Der kleine Jonatan fährt natürlich auch von Jerusalem nach Haifa. Aber das ist nur äußerlich, innerlich ist er immer bei der Mama. Wohin sich die Mama auch bewegt, das kleine Kind an der Brust ist neben ihr, seine Location, sein Standort – das ist, neben der Mama zu sein. Und genauso ist das Volk Israel, ob es sich bewegt oder steht, neben der Wolke. Und in Bezug auf die Wolke, in Bezug auf die göttliche Gegenwart, ist es immer neben ihr, es geht nirgendwohin von ihr weg. Dort, wo sich die Gegenwart Gottes offenbart, dort ist auch Israel. Und wenn sich dieser göttliche Atem, der das Zelt der Begegnung erfüllt hat, irgendwohin bewegt, dann bewegt sich nach dem göttlichen Atem, nach dem Mund des HERRN, auch Israel. Das ist eine solche Bewegung, die zugleich auch ein Stehen an der Stelle in sich schließt. In Bezug auf die äußere Welt bewegt sich Israel irgendwohin, innerlich aber ist es neben der Wolke, weilt ständig neben Gott.
In unserem praktischen, alltäglichen Leben bewegen auch wir uns oft, ziehen umher, hetzen hin und her, suchen uns irgendeinen Platz. Und es ist wichtig, sich zu erinnern, wichtig zu verstehen und, das Allerwichtigste, zu spüren (denn sich erinnern und verstehen kann einfach eine Parole sein, ein Motto, aber spüren – das ist wichtig), dass wir in der Nachbarschaft des Höchsten sind. Wenn Er neben uns ist, wenn wir Seine Gegenwart spüren, dann heißt das, alles ist gut, dann heißt das, wir haben uns nicht verirrt. Und da wir wissen, dass Er der Gütige ist, sind wir gewiss, dass auch mit uns alles gut werden wird. Dieser Optimismus ist die Grundlage unseres Glaubens, wie bei einem Säugling, wenn er glaubt, dass alles gut werden wird, solange er bei der Mama ist. Und wenn wir in diesem Gefühl bleiben, so lasst uns glücklich sein wie Säuglinge.
Seid gesegnet in all euren guten Taten.
Behaalotecha: Materialien zum Thema
Setzt das Studium fort: Gespräch über den Abschnitt Behaalotecha, Gespräch über die Trompeten und den Klang, Stenogramm des Abschnitts Nasso und die Wochenabschnitte der Tora.