בֹּא
Bo
Pessach und der Auszug aus Ägypten
- Wochenabschnitt
- 15 von 54
- Verse
- Schemot 10,1–13,16
- Teile
- 11
- Lesezeit
- 2 Std. 49 Min.
- Hörfassung
- 4 Std. 23 Min.
- Aufrufe
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Bo ist der Wochenabschnitt über die letzten Plagen Ägyptens, über Pessach und über den Auszug Israels aus der Sklaverei. Alex Blend behandelt die Konfrontation zwischen Mosche und dem Pharao, das erste Gebot und die Fragen der Kinder. Das Stenogramm enthält Hebräisch, Transliteration, Übersetzung, Kommentare des Autors und die Haftara aus Jirmejahu.
Bo: Es wird etwas zu erzählen geben
Schemot 10,1–20
Mit Gottes Hilfe beginnen wir heute miteinander, den Wochenabschnitt Bo zu studieren. Das ist der dritte Wochenabschnitt des Buches Schemot. Wir lesen weiter über die Konfrontation zwischen Mosche und dem Pharao.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה בֹּא אֶל־פַּרְעֹה כִּי־אֲנִי הִכְבַּדְתִּי אֶת־לִבּוֹ וְאֶת־לֵב עֲבָדָיו לְמַעַן שִׁתִי אֹתֹתַי אֵלֶּה בְּקִרְבּוֹ׃
wajomer adonáj el-mosché bo el-par'ó ki-aní hichbádti et-libbó we'et-léw awadáw lemá'an schití ototáj élle bekirbó
1 Und der HERR sprach zu Mosche: „Geh hinein zum Pharao“ (oder: Lass uns zum Pharao gehen), denn Ich habe sein Herz schwer gemacht und das Herz seiner Diener, damit Ich diese Zeichen in seiner Mitte setze.
Eine sehr ungewöhnliche Verwendung des Verbs lawó, kommen (im Imperativ – bo). Es kann bedeuten: irgendwohin kommen, an einen Bestimmungsort kommen, einen Weg vollenden. Es kann aber auch einen Vorschlag zu gehen bedeuten. Hier kann man verstehen, dass der Höchste sagt: „Mosche, lass uns zusammen gehen, lass uns zum Pharao gehen.“
Das heißt, mit anderen Worten: „All dieser Widerstand, den Ich dem Pharao zugelassen habe, wenn er sagt: Na, mal sehen, was du als Nächstes tust, na, mal sehen, was du noch tust, – all das war dazu da, damit Ich ihm Meine ganze Kraft zeige. Ich wollte keine interessanten Wunder in Reserve behalten, Ich wollte in Meiner ganzen Kraft offenbar werden.“ Und weiter fährt der Höchste fort und erklärt etwas Erstaunliches.
וּלְמַעַן תְּסַפֵּר בְּאָזְנֵי בִנְךָ וּבֶן־בִּנְךָ אֵת אֲשֶׁר הִתְעַלַּלְתִּי בְּמִצְרַיִם וְאֶת־אֹתֹתַי אֲשֶׁר־שַׂמְתִּי בָם וִידַעְתֶּם כִּי־אֲנִי יְהוָה׃
ulmá'an tessappér be'osné winchá uwen-binchá et aschér hit'allálti bemizrájim we'et-ototáj ascher-sámti wam wida'tém ki-ani adonáj
2 Damit du in den Mund deines Sohnes und des Sohnes deines Sohnes erzählst, was Ich in Ägypten getan habe, und ihr werdet erzählen, wie Ich Ägypten verhöhnt habe, und von den Wundern, die Ich unter ihnen getan habe, und ihr werdet wissen, dass Ich der HERR bin.
Achten wir auf das Wort hit'allálti (verspottete, verhöhnte). Die Wurzel dieses Wortes ist alilá – Handlung, man kann sagen, das Umblättern von Seiten. Aber wenn die Vorsilbe it- hinzukommt, bedeutet das, dass das Verb reflexiv wird. Zum Beispiel: lichtów – das ist schreiben, lehitkattéw – sich schreiben. Genau dieses russische -sja wird im Hebräischen mit dem Präfix it- wiedergegeben. Das heißt: „Verspottet habe Ich, verhöhnt, Meine Kraft an Ägypten gezeigt. Ich gab dem Pharao Kräfte, wie er es wollte, damit er sich stark fühlen konnte und damit man diesen Kampf zweier Kräfte sehen konnte. Und zum Teil war das natürlich Verhöhnung, weil der Pharao es so gewählt hat. So wurde Ich verherrlicht, so wirkte Ich und verhöhnte Ägypten.“
Was offenbart uns der Höchste hier? Er hat diese ganze Situation gegeben und zugelassen, dass sich diese ganze Situation entwickelt, um viele Wunder zu wirken, um eine lange Konfrontation mit dem Pharao zu zeigen. Und all das, damit wir Memoiren schreiben können, damit wir etwas haben, woran wir uns erinnern und was wir unseren Kindern weitergeben können, damit wir erzählen können, wie groß, stark und wunderbar unser HERR ist, und es unseren Kindern weitergeben.
וַיָּבֹא מֹשֶׁה וְאַהֲרֹן אֶל־פַּרְעֹה וַיֹּאמְרוּ אֵלָיו כֹּה־אָמַר יְהוָה אֱלֹהֵי הָעִבְרִים עַד־מָתַי מֵאַנְתָּ לֵעָנֹת מִפָּנָי שַׁלַּח עַמִּי וְיַעַבְדֻנִי׃
wajawó mosché we'aharón el-par'ó wajomerú eláw ko-amár adonáj elohé ha'iwrím ad-matáj me'ánta le'anót mippanáj schallách ammí weja'awdúni
3 Und Mosche und Aharon kamen zum Pharao und sprachen zu ihm: „So hat der HERR, der Gott der Hebräer, gesagt: ‚Wie lange wirst du dich weigern, auf Meine Forderung zu antworten? Sende Mein Volk, und sie werden Mir dienen!‘
כִּי אִם־מָאֵן אַתָּה לְשַׁלֵּחַ אֶת־עַמִּי הִנְנִי מֵבִיא מָחָר אַרְבֶּה בִּגְבֻלֶךָ׃
ki im-ma'én attá leschalléach et-ammí hinení mewí machár arbé bigwulécha
4 Denn wenn du dich weigerst, Mein Volk zu senden, siehe, morgen bringe Ich Heuschrecken in deine Grenzen.
Beachtet, hier geschieht etwas völlig Erstaunliches. Der Höchste hatte Mosche nicht gesagt, was er dem Pharao sagen soll. Der Höchste hatte nicht geboten, welche Plage genau anzukündigen sei. Und Mosche spricht von der Heuschrecke. Spricht er aus eigenem Willen, hat der Höchste es ihm gesagt, hat der Höchste ihm erlaubt, einmal selbst zu versuchen, sich eine Plage auszudenken? Na ja, im Grunde, natürlich, warum nicht. Aber wir haben damit begonnen, dass der Höchste zu Mosche sagte: „Bo el-par'ó (lass uns zum Pharao gehen)“. Der Höchste kam zusammen mit Aharon und Mosche, der Geist Gottes ist auf ihnen gegenwärtig. Und durch den Geist Gottes (so kann man das wohl verstehen) verkündet Mosche, dass die nächste Plage in diesem Erziehungsprogramm die Heuschrecke sein wird. Und wir erinnern uns, wie der Höchste sagte, dass Er all diese Wunder tut, damit es für uns und unsere Kinder etwas zu erzählen gibt. Beim Propheten Jo'el (1,3–4) gibt es eine Erwähnung der Heuschrecke: „Erzählt davon euren Kindern, und eure Kinder ihren Kindern, und die Kinder jener Kinder der nächsten Generation (das ist im Grunde ein Zitat aus der Tora). Was der gasám übrig ließ, fraß die Heuschrecke (das ist eine der möglichen Übersetzungen, in Wirklichkeit werden hier vier verschiedene Arten von Heuschrecken erwähnt), und was die Heuschrecke übrig ließ, fraß der jélek, und was der jélek übrig ließ, fraß der chassíl“.
Wir wissen also, dass es die Heuschrecke gibt, auf Hebräisch heißt sie arbé. Dieses Wort kommt von zwei Bedeutungen: arbé in der Bedeutung Schar, irgendeine riesige Wolke, ein Schwarm von etwas, und érwe, was zerstören, verderben bedeutet. Die Heuschrecke hat mehrere verschiedene Entwicklungsstadien. Sobald sie schlüpft, heißt sie jélek oder Hüpfer. Das sind noch so unentwickelte Wesen, sie haben keine entwickelten Flügel, sie können nicht weit fliegen. Dann verwandeln sie sich eigentlich in das, was wir arbé nennen, einfach Heuschrecke. Und der nächste Schritt ihrer Entwicklung ist chassíl, vom Wort lechassél, alles bis auf die Wurzel vernichten. Das ist die gewaltigste Heuschrecke, die schwärmende Heuschrecke, die sich zu einem Schwarm zusammenschließt. Je nach Jahreszeit und Besonderheiten des Klimas entwickelt sich die Heuschrecke so oder anders. Sie kann überhaupt nie zu schwärmen beginnen, wenn sie genug Nahrung hat.
Hier wird einfach die Heuschrecke (arbé) erwähnt. Interessant ist aber, dass in Tehillim, wenn die Verfasser der Psalmen sich an die ägyptischen Plagen erinnern, sie zwei zusätzliche Arten von Heuschrecken nennen: in Tehillim 78,46 sind es chassíl und arbé, in Tehillim 105,34 sind es jélek und arbé. Was ist hier also erstaunlich? Die Heuschrecke tritt gewöhnlich in einer der Arten auf. Hier hat sich, wie im „Märchen von den Zwölf Monaten“, das, was in Zeit und Raum getrennt ist, auf wundersame Weise vereint. Der Wind trieb aus der ganzen Region mehrere verschiedene Arten von Heuschrecken herbei, die gewöhnlich nicht zusammen ziehen und die, als sie sich versammelt hatten, über das Land herfielen. Und dieses Ereignis ist so gewaltig, dass noch Jahrhunderte später auch der Prophet Jo'el sagt, davon könne man Kindern und Enkeln erzählen. Und es kann gut sein, dass er durch denselben Geist spricht wie Mosche. Und vielleicht sehen wir hier ein Beispiel dafür, dass Mosche sich in der Praxis dem Pharao gegenüber als Gott erweist, was der Höchste ihm ja verheißen hatte (7,1), und selbst eine Plage verkünden kann, geleitet vom Geist. Das ist eine erstaunliche Erscheinung.
Also, die Heuschrecke aller vier Arten wird herfallen und vernichten, alles abfressen, von den Spitzen bis zu den Wurzeln oder von den Wurzeln bis zu den Spitzen. So eine Drohung also ertönt aus dem Mund Mosches an die Adresse des Pharao. Und was ist mit dem Pharao? Der Pharao steht mit seinem Gefolge da oder thront inmitten seines Gefolges: Der Höchste hat ja gesagt, dass Er auch die Herzen der Knechte schwer gemacht hat. Und Mosche setzt die Erzählung fort und sagt:
וְכִסָּה אֶת־עֵין הָאָרֶץ וְלֹא יוּכַל לִרְאֹת אֶת־הָאָרֶץ וְאָכַל אֶת־יֶתֶר הַפְּלֵטָה הַנִּשְׁאֶרֶת לָכֶם מִן־הַבָּרָד וְאָכַל אֶת־כָּל־הָעֵץ הַצֹּמֵחַ לָכֶם מִן־הַשָּׂדֶה׃
wechissá et-én ha'árez weló juchál lir'ót et-ha'árez we'achál et-jéter happeletá hannisch'éret lachém min-habbarád we'achál et-kol-ha'éz hazzoméach lachém min-hassadé
5 Und sie wird das Auge der Erde bedecken, und vernichten wird sie den Rest des Bewahrten, das, was euch nach dem Hagel geblieben ist, und sie wird jeden Baum fressen, der euch auf dem Feld wächst.
Das heißt, den ganzen Horizont wird die Heuschrecke bedecken. So ist es auch tatsächlich, sie fliegt wirklich auf diese Weise heran, sie greift im Schwarm an. Ein Heuschreckenschwarm – das sind 100 Milliarden Individuen. Schwer, sich eine solche Zahl vorzustellen. Und 100 Tausend Tonnen vernichten sie auf einen Sitz, bei einem einzigen Niederlassen. Es gibt keine Möglichkeit, die Heuschrecke zu bekämpfen, bis heute sucht man nach Wegen, sie zu bekämpfen. Und im alten Ägypten gab es dafür erst recht keinerlei Mittel. Und es war klar: Alles, was der Hagel nicht vernichtet hatte, alles, was man hatte retten können, alles, was noch nicht reif war, alles, was man mit unsäglicher Mühe hatte einlagern können – all das wird zugrunde gehen. Die Heuschrecke wird erstens alles restlos fressen. Zweitens muss man auf ein ziemlich wichtiges Detail achten: Man wird nicht sehen können. In der Plage der Heuschrecke ist schon von Anfang an auch die Plage der Finsternis enthalten, von der später die Rede sein wird. Schon hier werden Probleme mit der Orientierung beginnen, weil man die Erde nicht wird sehen können. Und Mosche malt weiter vor dem Pharao ein farbenprächtiges Bild.
וּמָלְאוּ בָתֶּיךָ וּבָתֵּי כָל־עֲבָדֶיךָ וּבָתֵּי כָל־מִצְרַיִם אֲשֶׁר לֹא־רָאוּ אֲבֹתֶיךָ וַאֲבוֹת אֲבֹתֶיךָ מִיּוֹם הֱיוֹתָם עַל־הָאֲדָמָה עַד הַיּוֹם הַזֶּה וַיִּפֶן וַיֵּצֵא מֵעִם פַּרְעֹה׃
umale'ú wattécha uwatté chol-awadécha uwatté chol-mizrájim aschér lo-ra'ú awotécha wa'awót awotécha mijom hejotám al-ha'adamá ad hajom hassé wajífen wajezé me'ím par'ó
6 Und mit ihr werden sich deine Häuser füllen und die Häuser deiner Knechte und alle ägyptischen Häuser. Was deine Väter und die Väter deiner Väter nicht gesehen haben, seit sie auf der Erde sind, bis zum heutigen Tag.“ Und er wandte sich um und ging vom Pharao hinaus.
Das ist das Ende der Rede Mosches. Mosche sagte: „Wenn du das Volk nicht fortschickst, dann wird sich ein großer Einfall der Heuschrecken zusammenziehen.“ Man muss sagen, dass man in den Chroniken, seit alten Zeiten bis in die heutigen Jahre, gern Heuschreckeneinfälle festhält. Das Volk bleibt hungrig, es gibt mehr Zeit, und sehr viele Gedichte und Poeme werden zu dem Thema verfasst, was für ein Schädling die Heuschrecke ist. Der Heuschreckeneinfall ist im östlichen Schaffen verewigt, das sehen wir beim Propheten Jo'el, und viel über die Heuschrecke gibt es bei anderen jüdischen ProphetenIm Russischen steht hier das Wort für „Laster“, das sich vom Wort für „Propheten“ nur durch einen Buchstaben unterscheidet – offensichtlich ein Tippfehler. Übersetzt ist das gemeinte Wort „Propheten“.. Und hier fügt Mosche hinzu: „Und das wird etwas sein, was ihr überhaupt noch nie gesehen habt!“
Und Mosche geht hinaus, na ja, beinahe die Tür zuknallend. Er erwartet vom Pharao keinerlei Antwort. Einerseits hat er gesagt: „Wenn du nicht fortschickst …“, andererseits wartet er keine Antwort ab: „Moment mal, ihr habt mich nicht angehört, und ich wollte sagen …“. Nein, nichts wartet Mosche ab, er dreht sich um und geht. Vielleicht ist das eine Nebenwirkung jenes Zustands der Nähe zu Gott, der mit den Worten bo el-par'ó (lass uns zum Pharao gehen) begann, wie wir schon bemerkt haben.
וַיֹּאמְרוּ עַבְדֵי פַרְעֹה אֵלָיו עַד־מָתַי יִהְיֶה זֶה לָנוּ לְמוֹקֵשׁשַׁלַּח אֶת־הָאֲנָשִׁים וְיַעַבְדוּ אֶת־יְהוָה אֱלֹהֵיהֶם הֲטֶרֶם תֵּדַע כִּי אָבְדָה מִצְרָיִם׃
wajomerú awdé far'ó eláw ad-matáj jihjé se lánu lemokésch schallách et-ha'anaschím weja'awdú et-adonáj elohehém hatérem tedá ki awedá mizrájim
7 Und die Knechte des Pharao sprachen zu ihm: „Wie lange soll dieser Mann uns ein Hindernis sein? Sende diese Leute schon fort, sollen sie ihrem Gott dienen. Hast du denn noch immer nicht erkannt, dass Ägypten zugrunde geht?“
Mokésch ist in der heutigen Sprache eine Mine (Waffe), aber hier ist es ein Hindernis, das, worüber wir stolpern, ein gestelltes Bein und so weiter. Das heißt: „Wie lange werden wir uns ständig auf die Schießscharte werfen, die Mosche heißt? Wie lange werden wir ‚weinen wie die Mäuschen, aber weiter diesen Kaktus essen‘? Vielleicht reicht es schon?“
Im Chassidismus (ja, man kann sagen, dass das hier auch der Pschat, der einfache Sinn der Tora ist), wenn ein ungläubiger Mensch sich dem Höchsten widersetzt und denkt: „Ich werde jetzt noch nicht hören, ich werde noch auf meine Weise handeln, ich nehme diese Vorwürfe nicht an“, dann beginnt er herumzuwühlen, irgendwelche eigenen Wege zu suchen, und für alles, was geschehen wird, findet er eine rationale Erklärung, wie auch der Pharao sie fand – so lange, bis er hört, bis er versteht, dass „Ägypten zugrunde geht“, dass es ohne den Höchsten das Verderben ist, dass der Krieg gegen den Höchsten zum Verderben verurteilt ist. Genau dann kann er etwas ändern. Das ist eigentlich der Test, dem jetzt seine Knechte den Pharao unterziehen. Beachtet, obwohl der Höchste auch die Herzen der Knechte schwer gemacht hat, sind sie nicht der Freiheit der Wahl beraubt, sie können sagen: „Na ja, wir wollen natürlich auch nicht, aber diese ganze Geschichte mit der Heuschrecke wollen wir noch weniger.“
וַיּוּשַׁב אֶת־מֹשֶׁה וְאֶת־אַהֲרֹן אֶל־פַּרְעֹה וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם לְכוּ עִבְדוּ אֶת־יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם מִי וָמִי הַהֹלְכִים׃
wajuscháw et-mosché we'et-aharón el-par'ó wajomer alehém lechú iwdú et-adonáj elohechém mi wamí haholechím
8 Und man brachte Mosche und Aharon zum Pharao zurück, und er sprach zu ihnen: „Geht und dient eurem Gott! Wer denn wird dort von euch gehen“?
In der heutigen Sprache ist mi wamí – das „Wer ist wer“, kurze Biografien bekannter Persönlichkeiten nach Ländern, alle Celebrities. In der biblischen Sprache ist das wer und wer, das heißt, in welcher Zusammensetzung ihr gehen wollt. Wir wissen ja, dass, als das Volk Israel ging, um Jaakow zu begraben, das ganze Volk ging, aber man ließ das Vieh und die Kinder zurück; das war vernünftig, aber zugleich wurde es zu einem Präzedenzfall. Und jetzt fragt der Pharao: „Wer wird gehen, in welcher Zusammensetzung wollt ihr gehen?“
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה בִּנְעָרֵינוּ וּבִזְקֵנֵינוּ נֵלֵךְ בְּבָנֵינוּ וּבִבְנוֹתֵנוּ בְּצֹאנֵנוּ וּבִבְקָרֵנוּ נֵלֵךְ כִּי חַג־יְהוָה לָנוּ׃
wajomer mosché bin'arénu uwiskinénu neléch bewanénu uwiwnoténu bezonénu uwiwkarénu neléch ki chag-adonáj lánu
9 Und Mosche sprach: „Mit den Jungen und mit den Alten werden wir gehen, gehen werden wir mit unseren Söhnen und mit unseren Töchtern, gehen werden wir mit unserem Kleinvieh und mit unserem Großvieh, denn das ist ein Fest unseres Gottes.“
וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם יְהִי כֵן יְהוָה עִמָּכֶם כַּאֲשֶׁר אֲשַׁלַּח אֶתְכֶם וְאֶת־טַפְּכֶם רְאוּ כִּי רָעָה נֶגֶד פְּנֵיכֶם׃
wajomer alehémIn der russischen Umschrift steht beim zweiten Wort ein g statt eines h. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: alehém. jehí chen adonáj immachém ka'aschér aschallách etchém we'et-tappechém re'ú ki ra'á néged penechém
10 Und er sprach zu ihnen: „Und es wird so sein, dass euer HERR mit euch ist, wenn ich euch sende, euch und eure Kinder. Seht, ihr sinnt auf Böses.
Die Worte des Pharao kann man auch so verstehen: „Seht, Unheil wird mit euch sein, wenn ihr mit den Kindern und mit den Frauen geht, mit dem schwachen Teil eures Volkes. Ihr habt sie damals doch nicht mitgenommen, damals war es logisch, sie nicht mitzunehmen.“ Und damals hat uns die Tora gesagt, dass man die Kinder nicht zur Beerdigung Jaakows mitgenommen hat, weil die Kinder schwach im Gehen sind. Hier aber sagt der Pharao: „Seht, nichts Gutes erwartet euch.“ Deswegen lieben die Chassidim Kommentare, die sagen, dass par'ó (Pharao) – das ist nach den Buchstaben pe (Mund) ra (böse), weil der Pharao dem Menschen die ganze Zeit Böses sagt: „Du wirst nirgends gebraucht, du sollst als Sklave in Ägypten sitzen, wozu wollt ihr euch abstrampeln, wohin wollt ihr gehen, aus euch wird nichts Gutes.“ Und auch das ist eine mögliche Schicht des Verständnisses. Der einfache Kommentar ist so, dass der Pharao sagt: „Wohin habt ihr euch denn mit all eurem Besitz, mit Frauen und Kindern aufgemacht? Mein Herz ahnt, dass ihr Böses im Schilde führt!“ Und er hat eine andere Idee.
לֹא כֵן לְכוּ־נָא הַגְּבָרִים וְעִבְדוּ אֶת־יְהוָה כִּי אֹתָהּ אַתֶּם מְבַקְשִׁים וַיְגָרֶשׁ אֹתָם מֵאֵת פְּנֵי פַרְעֹה׃
lo chen lechu-ná haggewarím we'iwdú et-adonáj ki otá attém mewakschím wajgáresch otám me'ét pené far'ó
11 Nicht so werden wir es machen: Sollen die Männer gehen und dem Höchsten dienen, denn so bittet ihr.“ Und man trieb sie vom Angesicht des Pharao fort.
Der Pharao hat im Grunde gesagt: „Wenn ihr wirklich gehen wollt, um zu dienen, um anzubeten – eine gute Sache. Aber was hat eine Frau in der Kirche zu tun? Sie hat dort nichts zu tun, eine Frau hat nichts beim Fest mitzumachen. Geht hin, ihr Männer, lasst alle zurück, so seid ihr auch schneller hin und zurück, und eure Anbetung wird von guter Qualität sein, und die Kinder werden in Sicherheit sitzen, und ich werde ruhig sein.“ Auch der Pharao wollte keinerlei Einwände anhören und trieb sie damit fort. Er versucht, sich ebenso unhöflich zu benehmen.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה נְטֵה יָדְךָ עַל־אֶרֶץ מִצְרַיִם בָּאַרְבֶּה וְיַעַל עַל־אֶרֶץ מִצְרָיִם וְיֹאכַל אֶת־כָּל־עֵשֶׂב הָאָרֶץ אֵת כָּל־אֲשֶׁר הִשְׁאִיר הַבָּרָד׃
wajomer adonáj el-mosché neté jadechá al-érez mizrájim ba'arbé wejá'al al-érez mizrájim wejochál et-kol-éssew ha'árez et kol-aschér hisch'ír habbarád
12 Und der HERR sprach zu Mosche: „Strecke deine Hand über das ägyptische Land aus mit der Heuschrecke, und sie wird über das ägyptische Land heraufkommen, und sie wird alles Gras der Erde fressen, alles, was der Hagel übrig gelassen hat.“
Beachten wir, dass der Höchste zu Mosche sagt: „Recke deine Hand zusammen mit dem Stab aus, recke sie aus über die Heuschrecke.“ Das heißt, selbst wenn wir nach dem Willen Gottes handeln, muss im Inneren eine Absicht sein: „Ich hebe nicht einfach, ich mache nicht irgendeine gymnastische Übung, ich hebe mit dem Befehl, dass es die Heuschrecke sein wird. Und Gott macht mich zum Mitarbeiter darin, dass auf mein Wort hin eben diese meine Absicht dazu führt, dass ein Einfall der Heuschrecke kommt.“
וַיֵּט מֹשֶׁה אֶת־מַטֵּהוּ עַל־אֶרֶץ מִצְרַיִם וַיהוָה נִהַג רוּחַ קָדִים בָּאָרֶץ כָּל־הַיּוֹם הַהוּא וְכָל־הַלָּיְלָה הַבֹּקֶר הָיָה וְרוּחַ הַקָּדִים נָשָׂא אֶת־הָאַרְבֶּה׃
wajét mosché et-mattéhu al-érez mizrájim wadonáj nihag ruach-kadím ba'árez kol-hajom hahu wechol-hallájla habbóker hajá werúach hakkadím nassá et-ha'arbé
13 Und Mosche streckte seinen Stab über Mizrajim aus, und der HERR lenkte einen Geist von Osten auf das Land, und den ganzen Tag und die ganze Nacht und den ganzen Morgen war ein Ostwind, und der Wind brachte die Heuschrecke.
וַיַּעַל הָאַרְבֶּה עַל כָּל־אֶרֶץ מִצְרַיִם וַיָּנַח בְּכֹל גְּבוּל מִצְרָיִם כָּבֵד מְאֹד לְפָנָיו לֹא־הָיָה כֵן אַרְבֶּה כָּמֹהוּ וְאַחֲרָיו לֹא יִהְיֶה־כֵּן׃
wajá'al ha'arbé al kol-érez mizrájim wajánach bechól gewúl mizrájim kawéd me'ód lefanáw lo-hája chen arbé kamóhu we'acharáw lo jihje-kén
14 Und die Heuschrecke stieg herauf über das ganze ägyptische Land, und sie ließ sich nieder, sie lagerte sich in allen ägyptischen Grenzen und war sehr schwer; bis dahin hatte es nicht so viel Heuschrecken gegeben, und auch später gab es nicht so viel.
וַיְכַס אֶת־עֵין כָּל־הָאָרֶץ וַתֶּחְשַׁךְ הָאָרֶץ וַיֹּאכַל אֶת־כָּל־עֵשֶׂב הָאָרֶץ וְאֵת כָּל־פְּרִי הָעֵץ אֲשֶׁר הוֹתִיר הַבָּרָד וְלֹא־נוֹתַר כָּל־יֶרֶק בָּעֵץ וּבְעֵשֶׂב הַשָּׂדֶה בְּכָל־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wajchás et-én kol-ha'árez wattechschách ha'árez wajochal et-kol-éssew ha'árez we'ét kol-perí ha'éz aschér hotír habbarád welo-notár kol-jérek ba'éz uw'éssew hassadé bechol-érez mizrájim
15 Und sie bedeckte die Augen der ganzen Erde (man kann sagen – diese Heuschrecke blendete die Augen), und die Erde wurde dunkel, und sie fraß alles Gras der Erde und alle Früchte der Bäume, die der Hagel übrig gelassen hatte, und es blieb kein Grün am Baum und am Gras des Feldes im ganzen ägyptischen Land.
Und das ist wieder ein Anlass, sich daran zu erinnern, dass das Wort „alles“ nicht alles bedeutet, nach jedem „alles“ noch ein klein wenig, etwas bleibt übrig. Alles ist fast alles. Warum? Weil der Höchste, wie wir gesagt haben, das Herz des Pharao schwer macht und ihm die ganze Zeit Hoffnung lässt, die ganze Zeit hat er irgendeine Möglichkeit, der Strafe auszuweichen, die ganze Zeit hofft er auf irgendetwas.
Das ist sehr schrecklich anzusehen, man hat es im Negev sehen müssen, als die Heuschrecke über jüdische Höfe herfiel. Noch schrecklicher geschah es vor einigen Jahren im heutigen Ägypten. Die Heuschrecke vernichtet wirklich alles und lässt nichts hinter sich zurück, und man kann sie nicht vergiften, weil sich der Schwarm sehr schnell vermehrt, schneller wegfliegt, als er sterben kann, alles in riesigen Mengen frisst, und selbst nach dem Hagel gibt es keine solchen Verluste wie nach der Heuschrecke. Deshalb sagen wir, dass dieser Einfall der Heuschrecke in vier Arten, in allen vier Entwicklungsstadien, eine legendäre Geschichte ist, die man (wie hier Mosche sagt und wie der Prophet Jo'el sagt) von Mund zu Mund weitergeben wird.
וַיְמַהֵר פַּרְעֹה לִקְרֹא לְמֹשֶׁה וּלְאַהֲרֹן וַיֹּאמֶר חָטָאתִי לַיהוָה אֱלֹהֵיכֶם וְלָכֶם׃
wajmahér par'ó likró lemosché ul'aharón wajomer chatáti ladonáj elohechém welachém
16 Und der Pharao beeilte sich, Mosche und Aharon zu rufen, und sprach zu ihnen: „Ich habe gesündigt vor eurem Gott und vor euch.
וְעַתָּה שָׂא נָא חַטָּאתִי אַךְ הַפַּעַם וְהַעְתִּירוּ לַיהוָה אֱלֹהֵיכֶם וְיָסֵר מֵעָלַי רַק אֶת־הַמָּוֶת הַזֶּה׃
we'attá sa na chattatí ach happá'am wehatíru ladonáj elohechém wejassér me'aláj rak et-hammáwet hassé
17 Und jetzt tragt auch dieses Mal meine Sünde und legt beim HERRN, eurem Gott, Berufung ein, und Er wird sie von mir nehmen, nur soll Er diesen Tod von mir nehmen.
Das Wort sa bedeutet sowohl vergeben als auch auf sich tragen. Gerade in diesem Fall wird das Wort Vergebung in der Bedeutung Vergebung der Sünde verwendet: Nimm sie auf dich, verhandle, kläre diese Sünde selbst, sei Fürsprecher der Vereinbarung über die Vergebung dieser Sünde. Genau in dieser Bedeutung steht hier der Ausdruck sa na chattatí – tragt, ertragt meine Sünde.
Mit anderen Worten: „Ich erkenne an, dass ich gesündigt habe, tragt meine Sünde, nehmt meine Sünde und tretet vor den Höchsten.“ Der Pharao steht auf keiner Stufe selbst mit dem Höchsten in Verbindung. Man könnte, so scheint es, auch sehen und versuchen, ohne Unterhändler zu reden, aber der Pharao ist klar an das Schema gebunden, nach dem der HERR zu Mosche sagte: „Ich mache dich zum Gott für den Pharao.“ Der Pharao kann nicht direkt reden, er hat dafür keine Kraft, er hat dafür nicht einmal die innere Möglichkeit, und der Pharao bittet, dass man für ihn betet. Ich weiß nicht, was das Ergebnis gewesen wäre, wenn der Pharao selbst gebetet hätte, aber hier sagt der Pharao: „Ich habe gesündigt, ich erkenne meine Schuld an, das Maß, den Grad, die Tiefe – alles erkenne ich an, nur nehmt diesen Tod von mir.“
וַיֵּצֵא מֵעִם פַּרְעֹה וַיֶּעְתַּר אֶל־יְהוָה׃
wajezé me'ím par'ó wajetár el-adonáj
18 Und er ging vom Pharao hinaus und legte beim Höchsten Berufung ein, bat den Höchsten, das Urteil aufzuheben.
וַיַּהֲפֹךְ יְהוָה רוּחַ־יָם חָזָק מְאֹד וַיִּשָּׂא אֶת־הָאַרְבֶּה וַיִּתְקָעֵהוּ יָמָּה סּוּף לֹא נִשְׁאַר אַרְבֶּה אֶחָד בְּכֹל גְּבוּל מִצְרָיִם׃
wajahafóch adonáj ruach-jám chasák me'ód wajissá et-ha'arbé wajitka'éhu jámma suf lo nisch'ár arbé echád bechól gewúl mizrájim
19 Und der HERR machte, der HERR wendete einen sehr starken Wind vom Meer, und er trug die Heuschrecke fort, und sie wurde ins Rote Meer geworfen (jam suf auf Hebräisch Schilfmeer), nicht einmal ein einziges Heuschreckchen blieb in ganz Ägypten übrig.
Man könnte meinen, jetzt müsste der Pharao schon aufgeben, aber der Höchste wird das Herz des Pharao noch stärken.
וַיְחַזֵּק יְהוָה אֶת־לֵב פַּרְעֹה וְלֹא שִׁלַּח אֶת־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
wajchassék adonáj et-léw par'ó weló schillách et-bené jisraél
20 Und der HERR stärkte das Herz des Pharao (der HERR gab dem Pharao auch dieses Mal Kraft), und er sandte die Söhne Israels nicht.
Die Dunkelheit ertasten
Schemot 10,21–11,3
Beim letzten Mal sind wir dabei stehen geblieben, dass der Pharao, obwohl er bestimmte Kompromisse angeboten hatte (nach dem Schlag gegen Ägypten durch die Heuschrecke), das Volk Israel dennoch nicht gehen ließ. Und weiter lesen wir die Fortsetzung dieser Konfrontation.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה נְטֵה יָדְךָ עַל־הַשָּׁמַיִם וִיהִי חֹשֶׁךְ עַל־אֶרֶץ מִצְרָיִם וְיָמֵשׁ חֹשֶׁךְ׃
wajomer adonáj el-mosché neté jadechá al-haschamájim wíhi chóschech al-érez mizrájim wejamésch chóschech
21 Und der HERR sprach zu Mosche: „Strecke deine Hand zum Himmel aus, und es wird Dunkelheit sein im ganzen Land Ägypten.“ Und sie verdichtete sich.
Erinnert euch: Der allererste Satz, den der Höchste in der Tora spricht, ist jehí or – es wird Licht sein! Hier ist das direkte Gegenteil: wihí chóschech – und es wird Dunkelheit sein. Und diese Dunkelheit war offenbar keine einfache: Die Dunkelheit wurde beim Tasten fühlbar. Die Dunkelheit wurde spürbar. Als Riwka Jaakow überredet, hinzugehen und den Segen von Jizchak zu empfangen, sagt Jaakow: „Vielleicht betastet mich (jemuschéni) mein Vater.“ Und hier ist es dasselbe Verb: Die Finsternis konnte man ertasten. Viele Kommentatoren sagen, dass wihí or – wihí chóschech (und es wurde Licht – und es wurde Dunkelheit) – dass diese Parallele nicht einfach so besteht. Genauso wie der Höchste für die Gerechten das Licht der Schöpfung vorgesehen hat (wir lesen das in Tehillim), das verborgene Licht für den Gerechten, so gibt es auch eine verborgene Finsternis für den Frevler – genau jene Finsternis, die „über der Tiefe“ ist, die vor den Frevlern die Hölle verbirgt. Das ist eine der Deutungen, warum sich die Finsternis verdichtete. Die Finsternis ist ja nicht physisch, nicht materiell – sie ist wirklich schwer zu ertasten. Aber diese Finsternis ist wie jene, die zusammen mit all den Kinderängsten kommt, zusammen mit der Angst vor der Finsternis. Es gibt eine solche Krankheit oder ein psychologisches Phänomen, das Nyktophobie heißt – die Angst vor der Dunkelheit. Und sie hängt ihrerseits mit der Angst vor dem Tod zusammen. Der Mensch beginnt in der Dunkelheit an den Tod zu denken und dementsprechend den Tod zu fürchten. Und nun verdichtete sich die Finsternis, ein Gefühl, als ob der Tod den Menschen berührt. Ein guter Stoff für einen Horrorfilm, nur haben die Ägypter das im wirklichen Leben gesehen.
Im Judentum gibt es so einen Begriff – wie Worte, in Kühnheit gesagt (etwas, das ich, wenn ich mich nicht fürchten würde, es zu sagen, sagen würde, ungefähr so). Baruch Epstein, ein Rabbiner, Autor des Kommentars Tora tmima (Die vollständige Tora), der auch ins Russische übersetzt wurde (leider kam Raw Baruch im Holocaust um), schrieb, dass diese Finsternis möglicherweise in Wirklichkeit eine Augenkrankheit war. Es gibt einen Midrasch, einen alten Midrasch, der sagt, dass die Finsternis so dick wie ein Denar war. Und nun stellt Raw Baruch die Frage, welche Dicke Finsternis denn haben kann. Und er sagt, dass diese Finsternis möglicherweise eine Krankheit der Augen ist. Es gibt eine solche Krankheit, bei der das Auge gleichsam zuwächst. Sie ist gerade im Nahen Osten verbreitet. Und in ihrem radikalen Fall führt das zur Blindheit. Aber es kann auch ein Katarakt sein, wenn etwas auf die Augen drückt. So oder so können wir uns vorstellen, dass das keine gewöhnliche Finsternis ist, nicht das Fehlen von Licht. Das ist keine klassische Nacht, die sich drei Tage und Nächte lang hinzog, sonst wäre alles nicht so schwer gewesen. Schließlich, nach einer langen Pause, nachdem es alle möglichen Plagen gegeben hatte, drei Tage Finsternis – na, was ist schon dabei, drei Tage kann man auch mal ausschlafen. Aber nein, hier war große Angst, wie der Höchste es auch versprochen hatte.
וַיֵּט מֹשֶׁה אֶת־יָדוֹ עַל־הַשָּׁמָיִם וַיְהִי חֹשֶׁךְ־אֲפֵלָה בְּכָל־אֶרֶץ מִצְרַיִם שְׁלֹשֶׁת יָמִים׃
wajét mosché et-jadó al-haschamájim wajhí choschech-afelá bechol-érez mizrájim schelóschet jamím
22 Und Mosche streckte seine Hand zum Himmel aus, und es war Finsternis und Dunst im ganzen Land Ägypten drei Tage lang.
Das Wort afelá ähnelt eher dem Wort Dunst, Nebel, irgendwelche dichten Ansammlungen von Luft, das heißt, Dunkelheit und Nebel kommen zusammen.
לֹא־רָאוּ אִישׁ אֶת־אָחִיו וְלֹא־קָמוּ אִישׁ מִתַּחְתָּיו שְׁלֹשֶׁת יָמִים וּלְכָל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל הָיָה אוֹר בְּמוֹשְׁבֹתָם׃
lo-ra'ú isch et-achíw welo-kámu isch mittachtáw schelóschet jamím ulchol-bené jisraél hája or bemoschewotám
23 Nicht sah ein Mensch seinen Bruder, und nicht erhob sich ein Mensch (nicht ging ein Mensch hinaus) von seinem Platz drei Tage lang, aber bei allen Söhnen Israels war Licht in ihren Wohnstätten.
Die Kommentatoren sagen: „Na also, das ist das Ergebnis der schwierigen Beziehungen zwischen den Ägyptern, die sich nicht umeinander kümmerten, und sie kamen dahin, dass sie einander nicht sahen, übereinander stolperten. Und wie hier geschrieben steht, ‚kein Mensch stand von seinem Platz auf‘. Isch mittachtáw – das ist wörtlich ein Mensch von seinem Unten, ein Mensch von seinem Sitz. Aber im Allgemeinen bedeutet das, dass der Mensch sein Haus nicht verließ. Drei Tage standen sie nicht auf, drei Tage dauerte das in Ägypten an, als die Menschen in eine entsetzliche Dunkelheit gehüllt waren.
Aber diese Plage berührte die Israeliten nicht. Hier wäre es eine vernünftige Idee gewesen (der Höchste hat sie Mosche nicht zugespielt, und Mosche selbst kam sie nicht in den Sinn), sich, solange die Ägypter in der Dunkelheit sitzen, aufzumachen und drei Tagereisen weit wegzugehen. Aber niemand lief davon. Das Volk wartet darauf, dass, wie der Höchste es gesagt hat, der Pharao das Volk Israel selbst fortschickt. Diese Angst vor der Dunkelheit wirkte schneller als jede andere Plage.
וַיִּקְרָא פַרְעֹה אֶל־מֹשֶׁה וַיֹּאמֶר לְכוּ עִבְדוּ אֶת־יְהוָה רַק צֹאנְכֶם וּבְקַרְכֶם יֻצָּג גַּם־טַפְּכֶם יֵלֵךְ עִמָּכֶם׃
wajikrá par'ó el-mosché wajomer lechú iwdú et-adonáj rak zonechém uwkarchém juzzág gam-tappechém jeléch immachém
24 Und der Pharao rief zu Mosche und sprach zu ihm: „Geht, dient dem HERRN, nur euer Kleinvieh und euer Großvieh wird hier für euch einstehen, und eure Kinder sollen mit euch gehen.“
Hier kennt der Pharao schon den Namen des Höchsten, er hat Ihn kennengelernt. Früher sagte er: „Ich weiß nicht, wer das ist“, jetzt sagt er: „Ich weiß es, geht, dient Ihm.“
Und er fügt hinzu, dass nicht alle gehen, dass euer Vieh euch hier vertreten wird, im Grunde als Pfand bleiben wird. Das Wort lejazég bedeutet Vertreter sein, nazíg – Vertreter, tezugá – Ausstellung, hazagá – Vorstellung. Also etwas, das ein Pfand dafür sein wird, dass ihr hierher zurückkehrt. Das ist aus der Sicht des Pharao ziemlich logisch. Wir erinnern uns: Als man hinzog, um Jaakow zu begraben, zog das ganze Volk hin, aber man ließ das Vieh zurück, ließ sogar die Kinder zurück. Jetzt lässt der Pharao die Kinder gehen, er behält nur das Vieh zurück. Im Grunde ist das die Erfüllung dessen, was der Höchste geboten hat. Der Höchste sagte: „Lass mein Volk für drei Tagereisen ziehen“, und der Pharao sagt: „Hier, ich lasse euch ziehen, und damit wir beide wissen, dass es für drei Tagereisen ist, werdet ihr hier das Kleinvieh und das Großvieh zurücklassen.“
Der Pharao fügt zur Klarheit hinzu, dass eure Kinder mit euch gehen. Taf – das sind gewöhnlich nicht nur kleine Kinderchen, sondern auch die, die sich um sie kümmern, mit anderen Worten, Kinder und stillende Mütter, also der schwächste Teil des Volkes. Der Pharao setzt sie in der Liste nach dem Vieh: „Ihr werdet gehen, das Vieh wird nicht gehen, taf wird gehen.“ Gewöhnlich kümmerten sich diese Frauen auch um das Vieh, während sie in den Zelten saßen, und auch die Kinder kümmerten sich von klein auf darum. Wir wissen, dass es sehr viele Mädchen als Hirten gab, sogar in der Tora werden Hirtenmädchen erwähnt.
Also sagt der Pharao im Grunde: „Ich nehme an, was der HERR von mir fordert, geht und dient Ihm, aber lasst euer Vieh hier als Pfand zurück.“ Mosche kann einem solchen Angebot nicht zustimmen.
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה גַּם־אַתָּה תִּתֵּן בְּיָדֵנוּ זְבָחִים וְעֹלוֹת וְעָשִׂינוּ לַיהוָה אֱלֹהֵינוּ׃
wajomer mosché gam-attá tittén bejadénu sewachím we'olót we'assínu ladonáj elohénu
25 Und Mosche sprach: „Auch du wirst uns Opfer und Ganzopfer in die Hände geben, und wir werden sie unserem HERRN darbringen.
וְגַם־מִקְנֵנוּ יֵלֵךְ עִמָּנוּ לֹא תִשָּׁאֵר פַּרְסָה כִּי מִמֶּנּוּ נִקַּח לַעֲבֹד אֶת־יְהוָה אֱלֹהֵינוּ וַאֲנַחְנוּ לֹא־נֵדַע מַה־נַּעֲבֹד אֶת־יְהוָה עַד־בֹּאֵנוּ שָׁמָּה׃
wegam-miknénu jeléch immánu lo tischa'ér parsá ki mimménu nikkách la'awód et-adonáj elohénu wa'anáchnu lo-nedá ma na'awód et-adonáj ad-bo'énu schámma
26 Und auch unser Vieh wird mit uns gehen, und nicht einmal ein einziger Huf wird hier zurückbleiben, denn von allem werden wir nehmen, um dem HERRN, unserem Gott, zu dienen, und wir werden nicht wissen, wie wir Gott dienen werden, bis wir dorthin kommen.
Mosche sagt: „Und nicht nur wir werden gehen, sondern du wirst uns noch obendrein unser Vieh geben, unsere ganze Habe. Ich bin nicht einverstanden, dass du uns nach dem Prinzip gehen lässt: Na gut, geht, nur das Vieh lasst hier. Mit gutem Herzen wirst du uns gehen lassen, und dein Vieh wirst du uns auch geben, damit wir ein Opfer darbringen, unter anderem auch in deinem Namen. Und wir werden zusammen mit unserem Vieh gehen und hier nicht einmal einen Huf zurücklassen.“ Das ist ein Gegenangebot, das ist das, was Mosche dem Pharao vorschlägt.
Danach kann beim Pharao das Gefühl aufkommen, dass Mosche hier ein wenig Mut oder Frechheit gesammelt hat. Vorher sprach man davon, das Volk ziehen zu lassen, der Pharao ist bereit, das Volk ziehen zu lassen, und da handelt Mosche vielleicht auf eigene Faust. Der Pharao fühlte, dass man ihn betrügt. Das ist offenbar das Gefühl, das er im Herzen hatte, denn weiter lesen wir einerseits den alten bekannten Satz, andererseits ist er ein wenig ungewöhnlich formuliert.
וַיְחַזֵּק יְהוָה אֶת־לֵב פַּרְעֹה וְלֹא אָבָה לְשַׁלְּחָם׃
wajchassék adonáj et-léw par'ó weló awá leschallechám
27 Und der HERR stärkte das Herz des Pharao, und er geruhte nicht (er beliebte nicht), sie fortzuschicken.
Wenn wir früher gelesen haben, dass der Pharao sich weigerte (me'én), sie zu senden, das heißt, es gab eine aktive Lebenshaltung – das Volk Israel nicht fortzuschicken, so reichte ihm hier der gute Wille nicht, er hatte keine große Lust, das Volk fortzuschicken. Es gibt so eine Redensart: Es gibt einen Unterschied zwischen einem Menschen, der Lust hat, und einem Menschen, der will. Ein Mensch, der Lust hat – zum Beispiel, ich hätte Lust, Chinesisch zu lernen oder auf dem Seil laufen zu lernen –, das ist wie ich will, aber ich werde nichts dafür tun. Wenn aber ein Mensch das tut, was er will, dann ist das wie: wirklich, ich tue das. Hier wollte der Pharao nicht einmal eine kleine Geste des guten Willens zeigen. Das Wort awá – das ist eben belieben, einen kleinen, den geringsten Wunsch zeigen, etwas zu tun, um guten Willen zu demonstrieren. Es geht schon nicht mehr um eine aktive Weigerung, sondern um eine „nicht ganzherzige“ Zustimmung. Und mehr noch, dem Pharao wurde es wohl bitter und schwer zumute. Er hat faktisch zugegeben, dass er den Streit verloren hat. Es ist schwer, sein Unrecht zuzugeben, und deshalb sagt der Pharao gleichsam: „Ich habe angeboten, was euer Gott will. Nach langen Konflikten bin ich einen vollständigen Kompromiss eingegangen. Jetzt fügst du, Mosche, offenbar etwas von dir aus hinzu.“
וַיֹּאמֶר־לוֹ פַרְעֹה לֵךְ מֵעָלָי הִשָּׁמֶר לְךָ אֶל־תֹּסֶף רְאוֹת פָּנַי כִּי בְּיוֹם רְאֹתְךָ פָנַי תָּמוּת׃
wajomer-ló far'ó lech me'aláj hischámer lechá al-tóssef re'ót panáj ki bejóm re'otechá fanáj tamút
28 Darum sprach der Pharao zu ihm: „Scher dich fort von mir (verschwinde, so kann man es übersetzen, das ist eine ziemlich grobe Wendung) und hüte dich, dass ich dir nicht vor die Augen komme (hier steht wörtlich so eine Wendung: hüte dich, dass du mein Angesicht nicht siehst, so eine königliche Formulierung), denn an dem Tag, an dem du mein Angesicht siehst, wirst du sterben.
Viele fragen: Wie kann das sein, dass Mosche und Aharon, und überhaupt jeder, der will, einfach so beim Pharao auftauchen? Nach den ägyptischen Regeln hat der Pharao Empfangstage, Empfangsstunden, in denen er die Bevölkerung empfängt, und besondere Stunden, in denen er die Ältesten empfängt, so war es vorgeschrieben. Der Pharao ist das Haupt des Gerichts, und er saß tatsächlich zu Gericht. Und so hieß vor dem Pharao erscheinen sein Angesicht sehen, da er König und Gebieter in Ägypten ist.
Bemerken wir: Unser König und Gebieter, unser HERR, gebietet ebenfalls, dreimal im Jahr vor Seinem Angesicht zu erscheinen, wir werden über diese Gebote noch lesen. Auch das Volk kam vor Sein Angesicht, und in diesem Moment öffnete man sogar den Vorhang im Tempel, damit die Menschen die Lade des Bundes sahen, die im Allerheiligsten stand, das heißt, die Menschen konnten im Vorbeigehen das Allerheiligste sehen.
Der Pharao ist ein König von viel, viel geringerem Rang, aber in seiner Tradition ist es durchaus zulässig, dass die Untertanen sein Angesicht sehen können. Hier wird Mosche zur Persona „non grata“, er hat sozusagen sein Limit ausgeschöpft, und der Pharao sagt im Grunde: „Siehst du mich noch einmal – bringe ich dich um. Tauchst du hier noch einmal mit deinen Zivilklagen auf – stecke ich dich ins Gefängnis.“
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה כֵּן דִּבַּרְתָּ לֹא־אֹסִף עוֹד רְאוֹת פָּנֶיךָ׃
wajomer mosché ken dibbárta lo-ossíf od re'ót panécha
29 Und Mosche sprach: „Richtig hast du gesprochen, ich werde dein Angesicht nicht mehr sehen.“
Das Wort ken bedeutet gewöhnlich ja, ein einfaches ja in der Sprache, kann aber auch richtig, korrekt bedeuten.
Hier endet Kapitel 10, und wir lesen ein wenig weiter, den Anfang von Kapitel 11. Der Höchste sagt Mosche, dass das Finale schon naht. Es bleibt ein Akt.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה עוֹד נֶגַע אֶחָד אָבִיא עַל־פַּרְעֹה וְעַל־מִצְרַיִם אַחֲרֵי־כֵן יְשַׁלַּח אֶתְכֶם מִזֶּה כְּשַׁלְּחוֹ כָּלָה גָּרֵשׁ יְגָרֵשׁ אֶתְכֶם מִזֶּה׃
wajomer adonáj el-mosché od néga echád awí al-par'ó we'al-mizrájim achare-chén jeschallách etchém missé keschallechó kalá garésch jegarésch etchém missé
1 Und der HERR sprach zu Mosche: „Noch einen Schlag werde Ich über den Pharao und über Ägypten bringen, danach wird er euch von hier fortschicken, mit seinem vollen Wunsch fortzuschicken, ja, er wird euch sogar hinaustreiben.
Das Wort néga kann sowohl Aussatz als auch irgendeinen anderen Schlag bedeuten (Unheil, Geißel). Nagúa bedeutet geschlagen, es kommt vom Verb lagá'at – berühren. Schlagen heißt, einen Hieb versetzen, zuschlagen. Und hier: „Noch einen Schlag, noch einen Aussatz, noch eine Seuche, noch einen Hieb werde Ich Ägypten versetzen.“ Wenn jemand Zweifel hatte, ob Mosche nicht „Eigenmächtigkeiten“ betreibt, indem er dem Pharao Vieh abpresst, so sagt der Höchste: „Alles ist richtig; es ist nötig, dass die Entscheidung des Pharao nicht politisch, sondern aufrichtig ist. Darum werde ich Ägypten noch einmal schlagen, und zwar so schlagen, dass der Pharao selbst sehr wollen wird, dass ihr geht, in welcher Zusammensetzung auch immer. Nicht mehr so (na gut, geht schon), sondern mit vollem, ganzem Herzen wird er euch fortschicken wollen.“
Wir erinnern uns (6,9), dass das Volk nicht auf Mosche und Aharon hören wollte, weil sie schwere Sklavenarbeit hatten. Da hat der Höchste das Volk „eingeschaltet“, sagte zum ganzen Volk: „Bereitet ihr euch hier vor, und Ich, der HERR, Mosche und Aharon werden den Boden für den Auszug bereiten.“ Jetzt gebietet der HERR Mosche, sich erneut an das Volk zu wenden. Das Volk, das die ganze Zeit gewartet hat, ist nach einer langen Pause wieder in Aktion.
דַּבֶּר־נָא בְּאָזְנֵי הָעָם וְיִשְׁאֲלוּ אִישׁ מֵאֵת רֵעֵהוּ וְאִשָּׁה מֵאֵת רְעוּתָהּ כְּלֵי־כֶסֶף וּכְלֵי זָהָב׃
dabber-ná be'osné ha'ám wejisch'alú isch me'ét re'éhu we'ischá me'ét re'utá kele-chéssef uchlé saháw
2 Sag doch den Ohren des Volkes, und es wird ein Mann von seinem Nächsten und eine Frau von ihrer Nächsten silberne Gefäße und goldene Gefäße erbitten.
Das ist der Anfang dessen, wovon der Höchste schon in Midjan sprach (3,21–22), als Er sich Mosche offenbarte. Er sagte: „Ich werde diesem Volk Gunst in den Augen der Ägypter geben, und sie werden viel erbitten.“ Der Höchste sagt, dass das Volk eine Tat des Glaubens zeigen und sich an die Ägypter wenden soll, sie um goldene und silberne Gefäße bitten.
וַיִּתֵּן יְהוָה אֶת־חֵן הָעָם בְּעֵינֵי מִצְרָיִם גַּם הָאִישׁ מֹשֶׁה גָּדוֹל מְאֹד בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם בְּעֵינֵי עַבְדֵי־פַרְעֹה וּבְעֵינֵי הָעָם׃
wajittén adonáj et-chén ha'ám be'ené mizrájim gam ha'ísch mosché gadól me'ód be'érez mizrájim be'ené awde-far'ó uw'ené ha'ám
3 Und der HERR gab dem Volk Gunst in den Augen der Ägypter, und Mosche wurde ein sehr großer Mann im ägyptischen Land in den Augen der Knechte des Pharao und in den Augen des Volkes.
Trotz dieser ganzen langen Konfrontation der patriotischen Kräfte Ägyptens und der kosmopolitischen Israeliten zeigte sich, dass in den Augen der Ägypter Gunst gegenüber Israel vorhanden ist. So hat es der HERR verfügt. Dieser ganze Zusammenstoß, der öffentlich stattfand, der Kampf Mosches um das historische Recht des jüdischen Volkes, in die Heimat zurückzukehren, all das hat die Ägypter nicht gegen Israel verbittert. Man hätte das aufbauschen und sagen können: Seht, wie viele Plagen wir wegen dieser Juden erduldet haben, seht, wie viel Unheil, an allem sind die Juden schuld. Aber wie der Höchste den Pharao auf dem Weg führt, den der Pharao will, ihm Kräfte gibt, neue Rekorde auf dem Weg zu erreichen, den jener gewählt hat, genauso hilft und wirkt der Höchste auch in den Herzen des ägyptischen Volkes und in den Herzen seiner Knechte. Auch die Knechte haben sich zuerst im Herzen „zerstreut“Im Russischen steht hier ein Wort, das „sich zerstreuen, sich vergeuden“ bedeutet; vielleicht ist „sich verhärten“ gemeint. Es wurde wörtlich übersetzt., aber sobald sie in die andere Richtung umgekehrt sind, wir haben davon gelesen, führt der Höchste sie, stärkt der Höchste sie, und durch ein wunderbares Wunder wird Mosche in den Augen der Ägypter zu einem populären, großen, angesehenen Mann, und das ganze jüdische Volk findet Gunst in ihren Augen. Die Ägypter wurden nicht verbittert, verloren nicht vor Patriotismus den Verstand, fingen nicht an zu schreien: „Gott, schütze den Pharao!“, sondern wurden von Gunst gegenüber dem Volk Israel erfüllt – den Fremdlingen, den Sklaven –, wie dem auch sei, aber sie wurden von Gunst erfüllt.
Die ersten Anweisungen
Schemot 11,4–12,2
Ich möchte gleich vorwarnen, dass das einer der tiefsten, schwierigsten Abschnitte der Tora ist, ein grundlegender Abschnitt der Tora, ein Abschnitt, in dem von der Formung des Volkes Israel die Rede ist, von den ersten Geboten, die dem Volk Israel gegeben sind, von der ersten Erlösung, durch die das Volk Israel gehen wird. All das hat eine Menge Parallelen sowohl zu den Propheten als auch zu den messianischen Büchern, und auch auf die ferne, ferne Zukunft hin. Und man kann endlos über jeden Vers dieses Abschnitts sprechen, und viel ist darüber gesagt worden, und ein Meer von Tinte wurde für die Erklärung jedes einzelnen Verses vergossen. Und wir haben leider keine unbegrenzte Zeit für die Besprechung. Darum versuchen wir wieder, den Pschat zu lesen, den einfachen Sinn der Tora zu lesen – das, was diejenigen sahen und verstanden, die die Fortsetzung nicht gelesen hatten. Selbstverständlich kennt jeder Lesende die Fortsetzung, und Parallelen werden auftauchen. Dafür versuche ich eigentlich auch wieder, Hölzchen ins Feuer eurer Gedanken nachzulegen. Wenn Gedanken aufgekommen sind, dann ist das wunderbar. Also, beginnen wir mit Vers 4 von Kapitel 11.
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה כֹּה אָמַר יְהוָה כַּחֲצֹת הַלַּיְלָה אֲנִי יוֹצֵא בְּתוֹךְ מִצְרָיִם׃
wajomer mosché ko amár adonáj kachazót hallájla aní jozé betóch mizrajim
4 Und Mosche sprach: „So hat der HERR gesagt: Um Mitternacht gehe Ich nach Ägypten hinaus.
Ich erinnere an die Szene. Mosche spricht zum letzten Mal mit dem Pharao, das ist im Grunde seine Abschiedsansprache an den Pharao. Mosche hat dem Pharao schon versprochen, dass jener sein Angesicht nicht sehen wird. Darüber werden wir wiederum noch sprechen müssen. Der HERR Selbst, unabhängig von irgendjemandem, wird nach Ägypten hinabsteigen, wird nach Ägypten hinausgehen.
וּמֵת כָּל־בְּכוֹר בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם מִבְּכוֹר פַּרְעֹה הַיֹּשֵׁב עַל־כִּסְאוֹ עַד בְּכוֹר הַשִּׁפְחָה אֲשֶׁר אַחַר הָרֵחָיִם וְכֹל בְּכוֹר בְּהֵמָה׃
umét kol-bechór be'érez mizrájim mibbechór par'ó hajoschéw al-kis'ó ad bechór haschifchá aschér achár harechájim wechól bechór behemá
5 Und es wird jeder Erstgeborene im Land Ägypten sterben – vom Erstgeborenen des Pharao, der auf seinem Thron sitzt, bis zum Erstgeborenen der Sklavin, die hinter den Mühlsteinen ist (das heißt bis zur letzten der Sklavinnen, aus allen sozialen Schichten), und alle Erstgeborenen des Viehs.
Man muss hier innehalten und Luft holen und verstehen, was ein Erstgeborener ist. Nun, klar ist, dass der Erstgeborene der älteste Sohn ist, der erste Sohn von jedem Mann und der erste Sohn von jeder Frau. Wenn ein Mensch nicht der Erstgeborene vom Vater ist, aber der Erstgeborene von der Mutter, ist er trotzdem ein Erstgeborener. Der Erstgeborene von der Mutter wird außerdem nicht nur mit dem Wort bechór bezeichnet, sondern auch der den Mutterschoß durchbricht, derjenige, der als Erster aus dem Schoß der Mutter herauskommt. In der Tradition des Ostens gab es bei allen Völkern ein solches Verständnis, dass der Erstgeborene die erste Gabe des Höchsten ist, das ist der erste, der allererste Segen, mit dem der Höchste die Familie segnet. Das ist der Erstling einer neuen Generation, das Unterpfand des Segens in der Familie überhaupt, eine eigentümliche Brücke, über die die Familie mit dem Höchsten verkehrt. Das lässt sich bei allen Völkern rund um Kanaan verfolgen. Darum sehen wir das eigentlich auch, oft ist vom Priestertum der Erstgeborenen die Rede. Ein Priester ist der, der mit dem Höchsten verbindet. Selbstverständlich gab es nicht immer eine Verbindung mit dem Höchsten. Verschiedene Völker glaubten an verschiedene Götter, aber priesterliche Vollmachten wiesen sie den Erstgeborenen zu. Der Erstgeborene ist der Leiter des Geschlechts, er erhält besondere Rechte beim Erben. Praktisch bei allen Völkern bereitete er sich von Kindheit an auf diese Funktionen vor, oft wurde er auf besondere Weise erzogen. Der Erstgeborene des Geschlechts ist sein Stolz, sein Symbol. Das ist nicht einfach und nicht nur der älteste Sohn. Bei vielen Völkern rund um Israel gab es eine solche Tradition: im Fall von Unheil, im Fall irgendeiner Gefahr den Erstgeborenen als Opfer darzubringen. Wir lesen eine schreckliche Geschichte: Als Israel mit Moaw Krieg führte, brachte der König von Moaw seinen Erstgeborenen als Opfer auf den Toren der Stadt dar. Und als Ergebnis entbrannte der Zorn gerade gegen Israel. Der Erstgeborene ist, man kann sagen, das Wertvollste, was ein Geschlecht hat. Und eben dieses Wertvollste verheißt der Höchste zu töten. Geschehen wird das um Mitternacht, in der dunkelsten Zeit von Tag und Nacht, auch hier ist Finsternis gegenwärtig.
Wenn wir nicht mehr über die Verheißung, sondern über ihre Erfüllung lesen werden, werden wir darüber sprechen, inwiefern das gerecht ist, und über die gerechte Empörung, und über das Verständnis, warum das im Plan des Höchsten gerecht ist.
וְהָיְתָה צְעָקָה גְדֹלָה בְּכָל־אֶרֶץ מִצְרָיִם אֲשֶׁר כָּמֹהוּ לֹא נִהְיָתָה וְכָמֹהוּ לֹא תֹסִף׃
wehajetá ze'aká gedolá bechol-érez mizrájim aschér kamóhu lo nihjáta wechamóhu lo tossíf
6 Und es wird ein großes Geschrei im ganzen ägyptischen Land sein,
dessengleichen es nicht gegeben hat und dessengleichen es nicht geben wird.
וּלְכֹל בְּנֵי יִשְׂרָאֵל לֹא יֶחֱרַץ־כֶּלֶב לְשֹׁנוֹ לְמֵאִישׁ וְעַד־בְּהֵמָה לְמַעַן תֵּדְעוּן אֲשֶׁר יַפְלֶה יְהוָה בֵּין מִצְרַיִם וּבֵין יִשְׂרָאֵל׃
ulchól benéj jisraél lo jecheraz-kélew leschonó leme'ísch we'ad-behemá lemá'an tede'ún aschér jaflé adonáj bejn mizrájim uwéjn jisraél
7 Bei allen Söhnen Israels aber wird kein Hund mit der Zunge kläffen: Weder gegen die Menschen Israels noch gegen das Vieh Israels wird es jemand wagen, das Maul aufzumachen, damit ihr wisst, dass der HERR Israel und Ägypten getrennt hat.
Das ist erstaunlich. Wir lesen hier eine Erwähnung des Hundes, aber wenn von der Erfüllung dieser Prophezeiung die Rede sein wird, werden wir von Hunden nichts lesen. Warum ist das so? Weil hier eine feste Redewendung vorliegt, das heißt kein einziger Hund wird das Volk Israel anbellen. Gemeint sind nicht Hunde als solche, sondern die ägyptischen Götter, allerlei Kräfte, Mächte, die Ägypten bewachen – zumindest nach der Meinung der Ägypter selbst. Niemand wird es wagen, das Maul gegen Israel aufzureißen, vom Menschen bis zum Vieh.
Und nach welchem Merkmal hat der HERR Israel und Ägypten denn getrennt? Getrennt nach der Absicht, dem Höchsten zu dienen, darüber werden wir weiter lesen.
וְיָרְדוּ כָל־עֲבָדֶיךָ אֵלֶּה אֵלַי וְהִשְׁתַּחֲוּוּ־לִי לֵאמֹר צֵא אַתָּה וְכָל־הָעָם אֲשֶׁר־בְּרַגְלֶיךָ וְאַחֲרֵי־כֵן אֵצֵא וַיֵּצֵא מֵעִם־פַּרְעֹה בָּחֳרִי־אָף׃
wejaredú chol-awadécha élle eláj wehischtachawu-lí lemór ze attá wechol-ha'ám ascher-beraglécha we'acharej-chén ezé wajezé me'im-par'ó bachori-áf
8 Und fallen werden alle deine Knechte (deine – das sind die des Pharao), sie werden zu mir hinfallen und sich vor mir verneigen und sagen: „Zieh aus, du und das ganze Volk, das dir folgen wird“, danach werde ich ausziehen.“
Man kann daraus einen Schluss ziehen, und es ist logisch, ihn zu ziehen, wir werden noch einmal darüber lesen, dass nicht nur das Volk Israel ausziehen wird, sondern auch eine Menge von solchen, die sich ihm anschließen, sowohl Überzeugte als auch einfach Abenteurer. Es wird Leute geben, die Mosche folgen werden, weil sie in ihm einen Anführer sehen, dem man folgen kann.
Das ist das Letzte, was Mosche dem Pharao sagte, und er ging im Zorn von ihm hinaus. Das Gespräch ist beendet. Und in Vers 9 lesen wir, dass nun schon der HERR zu Mosche sagt, dass das, wie auch die vorigen Male, nicht wirken wird.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֹא־יִשְׁמַע אֲלֵיכֶם פַּרְעֹה לְמַעַן רְבוֹת מוֹפְתַי בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wajomer adonáj el-mosché lo-jischmá alejchém par'ó lemá'an rewót mofetáj be'érez mizrájim
9 Und der HERR sprach zu Mosche: „Der Pharao wird nicht auf euch hören, damit Meine Wunder viele werden im Land Ägypten.“
Und weiter lesen wir die Bilanz des Umgangs zwischen Mosche, Aharon und dem Pharao.
וּמֹשֶׁה וְאַהֲרֹן עָשׂוּ אֶת־כָּל־הַמֹּפְתִים הָאֵלֶּה לִפְנֵי פַרְעֹה וַיְחַזֵּק יְהוָה אֶת־לֵב פַּרְעֹה וְלֹא־שִׁלַּח אֶת־בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל מֵאַרְצוֹ׃
umosché we'aharón asú et-kol-hammofetím ha'élle lifnéj far'ó wajchassék adonáj et-léw par'ó welo-schillách et-benej-jisraél me'arzó
10 Mosche und Aharon aber vollbrachten alle diese Zeichen vor dem Pharao, und der HERR stärkte das Herz des Pharao, und er schickte das Volk Israel nicht aus seinem Land fort.
Von Anfang an sagte der Pharao: „Ich kenne den HERRN nicht.“ Und er lernte den HERRN kennen. Seine zweite Bitte war: „Gebt mir einen mófet, gebt mir ein Zeichen“. Wir sagten damals, dass es das Wort ot gibt, das himmlisches Zeichen bedeutet, und das Wort mófet, das Zeichen auf der Erde bedeutet. Der Pharao bekam einen ganzen Haufen moftím, einen ganzen Haufen Zeichen, aber das wirkte nicht auf ihn, und er schickte das Volk trotzdem nicht fort. Und der Höchste wendet sich an Mosche und unterweist ihn, was zu tun ist, wie das Volk Israel auf den Auszug aus Ägypten vorzubereiten ist, nun schon ohne Erlaubnis, ohne Einwilligung des Pharao. Darüber lesen wir ab Vers 1 von Kapitel 12.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה וְאֶל־אַהֲרֹן בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם לֵאמֹר׃
wajomer adonáj el-mosché we'el-aharón be'érez mizrájim lemór
1 Und der HERR sprach zu Mosche und Aharon im Land Ägypten und sagte:
הַחֹדֶשׁ הַזֶּה לָכֶם רֹאשׁ חֳדָשִׁים רִאשׁוֹן הוּא לָכֶם לְחָדְשֵׁי הַשָּׁנָה׃
hachódesch hassé lachém rosch chodaschím rischón hu lachém lechodschéj haschaná
2 „Dieser Monat ist euch – der Anfang aller Monate, der erste ist er für euch unter den Monaten des Jahres.
Das ist das allererste Gebot, mit dem im Grunde die Lehre der Gebote beginnt. Wie wir uns erinnern, beginnt die Tora mit den Worten: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“, und einer der Kommentatoren bringt folgende Auslegung: „Wozu überhaupt alles mit Erzählungen beginnen? Beginnt mit den Geboten, beginnt mit eben diesem Vers: ‚Dieser Monat ist euch – der Anfang aller Monate‘.“
Also, das allererste Gebot der Tora, das nicht einzelnen Menschen, sondern Israel als Volk gegeben wird, ist das Gebot: „Dieser Monat ist euch – der Anfang aller Monate“. Nicht als erstes Gebot gegeben wird: „Ich bin der HERR, euer Gott, haltet Meine Sabbate.“ Nicht gegeben werden die Gebote „du sollst nicht töten“, „du sollst nicht stehlen“, „du sollst nicht ehebrechen“, eine Menge anderer Gebote, die man allem voranstellen könnte. Das erste Gebot: „Dieser Monat ist euch – der Anfang aller Monate“.
Was bedeutet es, dass dieser Monat vor allem steht? Nun, wir wissen, dass der Auszug im Nissan war, dass der Höchste mit Mosche am rosch chódesch, am Neumond des Nissan spricht, ihm (so versuchen die Kommentatoren, den Pschat zu rekonstruieren) diesen Monat zeigt und sagt: „Dieser Monat da ist für euch – das Haupt aller Monate.“ Das Wort chódesch, das als Monat übersetzt wird, bedeutet Erneuerung und kommt von derselben Wurzel wie das Wort chadásch (neu). Nun, und eigentlich enthält auch das Wort Neumond die Neuheit in sich. Das erste Gebot ist mit dem Ähnlichwerden mit dem Mond verbunden, mit seiner Fähigkeit, sich zu erneuern. Ohne dass der Mensch sich erneuern oder verändern kann, kann er dem Höchsten nicht folgen. Der Mensch – er ist ein Götzendiener; wie soll er den HERRN annehmen, wenn er sich nicht ändern kann? Das ist die Grundlage von allem – noch vor „Ich bin der HERR, dein Gott“, noch vor „sei heilig“, noch vor „halte den Sabbat“. Dieser Monat, dieses Prinzip der Erneuerung, er ist „für euch an der Spitze von allem, der erste ist er euch unter den Monaten des Jahres“.
Das Wort schaná, Jahr – das ist Wiederholung, ständige Wiederholung von etwas; lischnót, leschanén – das ist wiederholen, das heißt, das Jahr ist ein sich wiederholender Zyklus. Die ganze Tora, die ganze Lehre wird aus Wiederholungen bestehen, aus sich wiederholenden Zyklen der Erneuerung. Ohne die Fähigkeit, sich zu erneuern, ist es unmöglich, zum Dienst für den Höchsten zu gelangen. Man kann lernen, die Gebote zu halten und sie zu erfüllen. Es gibt auch ungläubige Menschen, die die Gebote halten, weil sie in einem solchen Umfeld leben, es ist ihnen gewohnt und bequem, aber sie dienen dem Höchsten nicht. Ich wiederhole noch einmal: Ohne sich zu erneuern, ist es unmöglich, Gott zu dienen. Und weiter sagt der Höchste zu Mosche und Aharon so:
דַּבְּרוּ אֶל־כָּל־עֲדַת יִשְׂרָאֵל לֵאמֹר בֶּעָשֹׂר לַחֹדֶשׁ הַזֶּה וְיִקְחוּ לָהֶם אִישׁ שֶׂה לְבֵית־אָבֹת שֶׂה לַבָּיִת׃
dabberú el-kol-adát jisraél lemór be'assór lachódesch hassé wejikchú lahém isch se lewejt-awót se labbajit
3 Redet zur ganzen Gemeinde Israels und sagt: Am Zehnten dieses Monats soll jedes der Familienhäupter sich ein Schäfchen (oder ein Zicklein) nehmen, für jedes Haus (halten wir uns an die einfachste Übersetzung – ein Lamm).
Zum ersten Mal wird hier der Begriff edá erwähnt – die, die zu Zeugen werden. Gemeinde, Versammlung ist im Hebräischen mit dem Wort Zeugnis verbunden.
וְאִם־יִמְעַט הַבַּיִת מִהְיֹת מִשֶּׂה וְלָקַח הוּא וּשְׁכֵנוֹ הַקָּרֹב אֶל־בֵּיתוֹ בְּמִכְסַת נְפָשֹׁת אִישׁ לְפִי אָכְלוֹ תָּכֹסּוּ עַל־הַשֶּׂה׃
we'im-jim'át habbájit mihjot missé welakách hu uschchenó hakkarów el-bejtó bemichsát nefaschót isch lefí ochló tachóssu al-hassé
4 Und wenn es dem Haus für ein Lamm nicht reicht, so nehme er es zusammen mit seinem Nachbarn, seinem nahen, sein Haus nach der Zahl der Seelen, jeder nach seiner Fähigkeit zu essen; deckt es mit dem Lamm ab.
Wir sprechen jetzt (das muss man die ganze Zeit im Gedächtnis behalten) über das erste Pessach, über das Pessach, das zur Zeit des Auszugs aus Ägypten war. Damals gab es das Gebot, das Lamm am Zehnten zu nehmen. Für die Jahre, für die folgenden Generationen gibt es dieses Gebot nicht. Das ist das erste Pessach, das gerade in Ägypten begangen wird, das ist seine Besonderheit. Am Zehnten wird das Lamm ins Haus genommen, und die, die es gekauft haben, werden es auch essen. Man wird nicht von der Straße kommen und sich dem anschließen können; nach „Berechnung“ wird man es essen. Wie soll das Lamm sein?
שֶׂה תָמִים זָכָר בֶּן־שָׁנָה יִהְיֶה לָכֶם מִן־הַכְּבָשִׂים וּמִן־הָעִזִּים תִּקָּחוּ׃
se tamím sachár ben-schaná jihjé lachém min-hakkewassím umin-ha'issím tikkáchu
5 Ein reines Lamm, männlich, bis zu einem Jahr alt soll es euch sein, und von den Widdern und von den Böcken nehmt es.
Und was muss man mit ihm machen?
וְהָיָה לָכֶם לְמִשְׁמֶרֶת עַד אַרְבָּעָה עָשָׂר יוֹם לַחֹדֶשׁ הַזֶּה וְשָׁחֲטוּ אֹתוֹ כֹּל קְהַל עֲדַת־יִשְׂרָאֵל בֵּין הָעַרְבָּיִם׃
wehajá lachém lemischméret ad arba'á assár jom lachódesch hassé weschachatú otó kol kehál adat-jisraél bejn ha'arbájim
6 Und es wird bei euch in Verwahrung sein bis zum vierzehnten Tag dieses Monats, und die ganze Gemeinde Israels wird dieses Lamm schlachten (jeder das seine) am Vierzehnten in der zweiten Hälfte des Tages.
Das heißt, drei volle Tage wird das Lamm in Verwahrung sein. Was bedeutet Verwahrung? Es heißt, Verwahrung – das ist Untersuchung, so sagen die Kommentatoren. Man untersucht es, ob es rein ist, ob es nicht irgendwelche Mängel hat. Und wenn es irgendwelche Mängel hat, sind sie vielleicht vorübergehend und gehen vorbei, oder vielleicht zeigt sich noch etwas anderes und wird sichtbar. Kurz, drei Tage – das ist die Prüfung des Lammes, bevor das Lamm zum Pessachopfer wird, drei Tage befindet es sich bei denen, die es als Opfer darbringen werden. Das Wort lemischméret, haben wir gelesen, bedeutet auch unter Bewachung. Man kann sagen, dass das Lamm in Haft sein wird, im Gefängnis, und die Parallelen, die es gibt, die gibt es. Wir haben gelesen: Wenn der Pharao auf jemanden zornig ist, setzt er sie in Gewahrsam (lemischméret).
Wegen der Übersetzung des Ausdrucks bejn ha'arbájim, entsteht sehr viel Verwirrung. Das ist die Zeit zu Beginn der Dämmerung, wenn der Tag sich dem Abend zuzuneigen beginnt, die Zeit nach Mittag – die Zeit der Nachmittagsmahlzeit, sagen wir so, wenn das Tageslicht gerade erst zu schwinden beginnt. Das heißt, am Ende des vierzehnten Nissan wird das Lamm geschlachtet, und wenn am Abend der Fünfzehnte anbricht, isst man es. So war es zur Zeit des Auszugs aus Ägypten, und alles, was wir jetzt lesen, – das ist eine Anordnung, die das allerallererste Pessach betrifft.
Und in Vers 7 lesen wir etwas sehr Wichtiges:
וְלָקְחוּ מִן־הַדָּם וְנָתְנוּ עַל־שְׁתֵּי הַמְּזוּזֹת וְעַל־הַמַּשְׁקוֹף עַל הַבָּתִּים אֲשֶׁר־יֹאכְלוּ אֹתוֹ בָּהֶם׃
welakechú min-haddám wenatenú al-scheté hammesusót we'al-hammaschkóf al habbattím ascher-jochelú otó bahém
7 Und sie nahmen von dem Blut (beachtet, hier steht nicht geschrieben, was für ein Blut das ist) auf die zwei Pfosten und auf den Türsturz in den Häusern, in denen ihr es essen werdet.
Die zwei Pfosten und den oberen Querbalken bestrich man mit diesem Blut. Die Kommentatoren sagen (und das hat seinen Grund), dass man, um das Pessachopfer zu essen, die Beschneidung vollziehen musste, die das Volk zu jener Zeit vielleicht schon nicht mehr bewahrte. Das Blut symbolisiert hier sowohl das Blut des Lammes als auch das Blut der Beschneidung. Und sehr viele Fragen werden gestellt – warum, wozu ist das Blut nötig?
Ibn Esra, den ich oft zitiere, der sich gerade auf den Pschat konzentriert, auf den einfachen Sinn, sagt: „Das ist Blut, weil das Pessachopfer ein Sündopfer ist. In welchem Sinn ist es ein Sündopfer? Es ist kein Opfer für irgendeine konkrete Sünde. Es ist ein Opfer für die sündige Natur, für das Verlassen des Höchsten.“ Und die Bereitschaft, die Pfosten mit Blut zu bestreichen, die Bereitschaft zur Beschneidung symbolisiert den Eintritt auf den Weg des Glaubens. Das ist ein Zeugnis, das in der Welt offenbart werden wird.
Dabei wird nach Meinung vieler Kommentatoren das Blut an der Innenseite des Hauses aufgetragen, nicht außen, sondern innen, weil der Hauptteil der Arbeit die innere Arbeit ist, und darüber gibt es Streit. Weiter (12,12–13) werden wir davon lesen, dass der HERR durch Ägypten ziehen und das Blut sehen wird. Muss Er das Blut buchstäblich sehen, um zu wissen, dass es dort ist, braucht Er wirklich solche Kreuzchen an den Häusern? Viele sagen, dass das Blut trotzdem sichtbar sein wird, auch wenn es innen ist. Und wichtig ist, dass der Mensch selbst es in diesem Prozess sieht. Viele verschiedene Meinungen, vieles gibt es dazu, aber wichtig ist zu wissen, dass Blut Blut ist. Und der Höchste sagt durch den Propheten Jecheskel: „Ich sah dich in deinem Blut.“Im Russischen steht das Zitat aus Jecheskel in der Mehrzahl, wörtlich „in deinen Bluten“. Darauf bezieht sich die folgende Erklärung mit dem Blut von Pessach und dem Blut der Beschneidung; im Deutschen lässt sich diese Mehrzahl nicht natürlich wiedergeben. Und es wird erklärt, dass das das Blut von Pessach und das Blut der Beschneidung ist. Wir können auch das Blut des Maschiach hier hinzufügen.
Also, wenn wir zum Nachbarn kommen, das heißt, ich habe mein Haus verlassen und bin zum Nachbarn gegangen, wir haben für ein Lämmchen zusammengelegt und beschlossen, es bei ihm zu essen, dann muss ich bei mir die Pfosten und den Türsturz gar nicht mit Blut bestreichen.
וְאָכְלוּ אֶת־הַבָּשָׂר בַּלַּיְלָה הַזֶּה צְלִי־אֵשׁ וּמַצּוֹת עַל־מְרֹרִים יֹאכְלֻהוּ׃
we'achelú et-habbassár ballájla hassé zeli-ésch umazzót al-merorím jochelúhu
8 Und ihr werdet dieses Fleisch in dieser Nacht essen, gebraten am Feuer (auf den Kohlen), mit ungesäuerten Broten und mit bitteren Kräutern werdet ihr es essen.
Wir lesen viele Male: Warum isst man an Pessach Mazza? Zum Beispiel, weil ihr Teig keine Zeit hatte, sauer zu werden, und viele andere Erklärungen. Hier sehen wir, dass der Höchste im Voraus geboten hat, dass man das Pessach mit ungesäuerten Broten essen wird.
אַל־תֹּאכְלוּ מִמֶּנּוּ נָא וּבָשֵׁל מְבֻשָּׁל בַּמָּיִם כִּי אִם־צְלִי־אֵשׁ רֹאשׁוֹ עַל־כְּרָעָיו וְעַל־קִרְבּוֹ׃
al-tochelú mimménnu na uwaschél mewuschál bammájim ki im-zeli-ésch roschó al-kera'áw we'al-kirbó
9 Und esst nicht von ihm roh und in Wasser gekocht, sondern nur am Feuer gebraten, zusammen mit seinem Kopf und zusammen mit seinen Eingeweiden.
Keine einfache Sache ist das, Mosche hat mehrmals darüber gesprochen. In Ägypten ist es gefährlich, ein Lamm als Opfer darzubringen, weil man gesteinigt werden kann. Und hier sagt der Höchste: „Nicht nur werdet ihr es schlachten, sondern ihr werdet es so braten, dass es riecht – nicht im Töpfchen, nicht im Schnellkochtopf, nicht im Multikocher, so dass niemand den Geruch wahrnimmt, nicht roh, damit, Gott bewahre, überhaupt niemand irgendetwas riecht. Ihr werdet es so essen, dass es allen klar ist, riechbar, dass hier Hammelfleisch auf Kohlen mit bitteren Kräutern gegessen wird.
וְלֹא־תוֹתִירוּ מִמֶּנּוּ עַד־בֹּקֶר וְהַנֹּתָר מִמֶּנּוּ עַד־בֹּקֶר בָּאֵשׁ תִּשְׂרֹפוּ׃
welo-totíru mimménnu ad-bóker wehannotár mimménnu ad-bóker ba'ésch tisrófu
10 Und lasst nichts von ihm bis zum Morgen übrig, und das, was bis zum Morgen übrig bleibt, verbrennt mit Feuer.
Hier gibt es einige Widersprüche. Es wird gesagt: Legt euch nichts für den Morgen zurück. Ihr esst dieses Opfer, aber ihr könnt nicht sagen: „Und das hier esse ich später auf.“ Nein. Das Opfer muss vollständig gegessen werden, es ist nicht zum Sattwerden da, man isst es nicht auf vollen Magen. Und deshalb darf man nichts davon zurücklegen und sagen: „Später esse ich es auf, diese Portion gefällt mir nicht.“ Nein, man muss alles aufessen, und wenn etwas bis zum Morgen übrig geblieben ist, dann kann man es am nächsten Morgen verbrennen. Viele merken hier an: Verbrennt die Reste nicht am Morgen, am Feiertag, verbrennt sie am nächsten Morgen.
וְכָכָה תֹּאכְלוּ אֹתוֹ מָתְנֵיכֶם חֲגֻרִים נַעֲלֵיכֶם בְּרַגְלֵיכֶם וּמַקֶּלְכֶם בְּיֶדְכֶם וַאֲכַלְתֶּם אֹתוֹ בְּחִפָּזוֹן פֶּסַח הוּא לַיהוָה׃
wechácha tochelú otó motnechém chagurím na'alechém beraglechém umakkelchém bejedchém wa'achaltém otó bechippasón péssach hu ladonáj
11 Und so werdet ihr es essen: umgürtet mit Gürteln, eure Schuhe an euren Füßen, eure Stäbe in euren Händen, und ihr werdet es in Eile essen, das ist Pessach dem HERRN.
Es ist klar, dass nichts klar ist. Gewöhnlich kommt ein Mensch zu einer Mahlzeit, selbst zu einer einfachen Mahlzeit, und er zieht die Schuhe aus, legt die Oberbekleidung ab, lockert den Gürtel und stellt erst recht den Stab, den Schirm an die Wand, hängt den Hut an die Garderobe. Hier aber muss man dieses Opfer in einer ihm gegenüber höchst geringschätzigen Aufmachung essen. Es ist dazu bestimmt, dass man es in einem solchen „Reise“-Zustand essen kann. Man könnte meinen, wenn du etwas so Heiliges berührst, dann könnte man darum bitten, Fracks und Abendkleider für diesen Zweck nähen zu lassen, aber der Höchste sagt: „Nein!“ Das Pessachopfer ist ein Opfer, das in der allergewöhnlichsten Alltagskleidung eingenommen wird. Es ist ein Opfer, für das während des Aufenthalts in Ägypten die Alltäglichkeit geboten war, man darf es nicht in festlicher Aufmachung essen. Warum? Weil das Pessach dem HERRN ist. Das Wort pessach kommt von lifsoach, was überspringen, tanzen, überschreiten, hinüberspringen, hinüberhinken bedeutet. Und hier kann man sagen, dass das Darbringen dieses Opfers ein Sprung zum HERRN ist.
Blut auf der Schwelle
Schemot 12,12–28
Mit Gottes Hilfe lesen wir miteinander den Wochenabschnitt Bo weiter. Wir sind dabei stehen geblieben, dass der Höchste Mosche eine ganz ausführliche Anweisung gegeben hat, wie man das Pessachopfer isst – Korban Pessach, und Mosche sollte das dem Volk weitergeben. Der Höchste fährt fort, Mosche Anweisungen zu geben.
וְעָבַרְתִּי בְאֶרֶץ־מִצְרַיִם בַּלַּיְלָה הַזֶּה וְהִכֵּיתִי כָל־בְּכוֹר בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם מֵאָדָם וְעַד־בְּהֵמָה וּבְכָל־אֱלֹהֵי מִצְרַיִם אֶעֱשֶׂה שְׁפָטִים אֲנִי יְהוָה׃
we'awartí we'erez-mizrájim ballájla hassé wehikketí chol-bechór be'érez mizrájim me'adám we'ad-behemá uwchol-elohé mizrájim e'essé schefatím aní adonáj
12 Und Ich werde durch das Land Ägypten ziehen in dieser Nacht, und Ich werde jeden Erstgeborenen im Land Ägypten schlagen (oder töten), vom Menschen bis zum Vieh. Und über alle ägyptischen Götter werde Ich Gericht halten. Ich bin der HERR.
Wir haben davon gelesen, dass der Höchste versprochen hat, dass alle Erstgeborenen umkommen werden, vom Erstgeborenen des Pharao bis zum Erstgeborenen der Sklavin, die hinter den Mühlsteinen ist, das heißt bis zu den Erstgeborenen der einfachen Leute. Und oft empören sich die Menschen: „Wie ungerecht ist doch der Höchste! Mag man ja den Erstgeborenen des Pharao töten, der die Politik geführt hat. Wozu den Erstgeborenen der Sklavin töten, die hinter den Mühlsteinen ist?“ Und wie hängt das alles damit zusammen, dass der Höchste hier sagt: „Und über ihre Götter werde Ich Gericht halten?“
Viele Kommentatoren merken an, dass genau das möglicherweise in Ägypten geschah. Als die Plagen geschahen, glaubten bei weitem nicht alle, dass das mit dem Wirken Mosches und Aharons zusammenhängt. Viele sagten: „Seht, das ist die Kraft unseres Gottes, das ist unser Gott, der sich in Ägypten offenbart, er hat die Ägypter für dies und für das bestraft.“ Sehr oft geschieht so etwas auch in unserer Welt, wir selbst handeln so, oder die Menschen um uns herum handeln so. Wenn in irgendeinem Land oder in irgendeiner Familie ein Unglück geschieht, sagen wir: „Seht, für dies und für das hat Gott sie gestraft.“ Die Heiden handelten auch so, sie unterschieden sich nicht sehr von uns. Viele von ihnen freuten sich über die Siege ihrer Götter, als die Plagen in Ägypten geschahen, und schrieben ihren Göttern diese Siege zu. Und dafür trifft sie die Strafe. Damit hält der Höchste sowohl über sie selbst als auch über ihre Götter Gericht. Und da durch die Erstgeborenen, wir haben darüber gesprochen, bei jedem Volk die Verbindung mit dem Gott hergestellt wird, ist das eine der Erklärungen, warum die Vernichtung der Erstgeborenen gerecht war.
וְהָיָה הַדָּם לָכֶם לְאֹת עַל הַבָּתִּים אֲשֶׁר אַתֶּם שָׁם וְרָאִיתִי אֶת־הַדָּם וּפָסַחְתִּי עֲלֵכֶם וְלֹא־יִהְיֶה בָכֶם נֶגֶף לְמַשְׁחִית בְּהַכֹּתִי בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wehajá haddám lachém le'ót al habbattím aschér attém scham wera'íti et-haddám ufassachtí alechém welo-jihjé wachém négef lemaschchít behakkotí be'érez mizrájim
13 Und das Blut wird euch ein Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid, und Ich werde dieses Blut sehen, und Ich werde über euch hinweggehen (hinübergehen, hinüberhinken, hinübertanzen), und Ich werde an euch vorübergehen, und es wird bei euch keinen verderblichen Hauch geben, wenn Ich schlagen werde (niederschlagen, ein Gemetzel anrichten) im Land Ägypten.
Das vieldeutige Verb pasáchti kann man übersetzen als tanzen, ausgelassen tanzen, überspringen, hinüberspringen (darüber haben wir gesprochen), das heißt, der HERR sagt: „Ich werde über euch hinwegspringen.“
Warum muss der Höchste das Blut sehen, ist Ihm selbst ein solches Zeichen nötig? Und wir haben schon davon gesprochen, dass dieses Zeichen für den Menschen selbst nötig ist als Symbol seines Übergangs von den ägyptischen Göttern, von den ägyptischen Glaubensvorstellungen auf die Seite des Höchsten. Wessen Sieg, wer wird Sieger im Krieg? – Der Höchste. Wir schreiben das weder uns selbst zu noch Zufällen noch anderen Göttern, und das Symbol dafür ist das Blut, das uns ein Zeichen sein wird.
Négef – das ist ein böser Windhauch, das ist ein Wind, der alles auf seinem Weg auslöscht; von derselben Wurzel kommt magefá – Epidemie, das, was vom Wind herangetragen wird. Der Höchste sagt: „Das Blut wird euch ein Zeichen sein.“ Wir haben davon gelesen, dass das Blut an den Pfosten (den Mesusot der Gebäude) und am Türsturz sein wird, und wir werden darüber noch ein wenig weiter sprechen.
וְהָיָה הַיּוֹם הַזֶּה לָכֶם לְזִכָּרוֹן וְחַגֹּתֶם אֹתוֹ חַג לַיהוָה לְדֹרֹתֵיכֶם חֻקַּת עוֹלָם תְּחָגֻּהוּ׃
wehajá hajom hassé lachém lesikkarón wechaggotém otó chag ladonáj ledorotechém chukkát olám techoggúhu
14 Und dieser Tag wird sein, wird euch ein Gedächtnis sein, und ihr werdet ihn feiern als Fest dem HERRN in euren Generationen, in euren Geschlechtern, macht ihn zu einem ewigen Gesetz.
Das Wort chag ist, wie wir schon gesagt haben, mit dem Wort chug verbunden – Kreis, Bewegung im Kreis. Jedes Jahr vollziehen wir einen Kreis, auf diesem Kreis gibt es einen Punkt im Monat Nissan, ein Fest unserem HERRN. Ein Fest ist kein Müßiggang, sondern ein Markstein, eine Epoche, wir zählen ein Datum ab, gleichen uns ab, prüfen uns. Das Fest heißt auch mo'éd – Tag des Zeugnisses, Tag der Begutachtung. Wie die Menschen ins Krankenhaus kommen, eine Vorsorgeuntersuchung durchlaufen, so haben auch wir Tage unserer geistlichen Vorsorgeuntersuchung, an denen wir mit bestimmten Berichten, mit einer bestimmten Selbstprüfung zum Höchsten kommen, in diesem Fall – in Bezug auf den Auszug aus Ägypten, auf die Befreiung von allen weltlichen Einflüssen. Wir sprechen nicht so sehr vom historischen Ereignis des Auszugs aus Ägypten als vielmehr von der Tradition: Jeder Mensch in jeder Generation muss sich so fühlen, als ob er aus Ägypten auszieht (wir werden im nächsten Kapitel lesen, warum).
Es gibt also das Gebot, diesen Tag von Generation zu Generation in unseren Geschlechtern zu begehen. Das Wort chukká (chok) – Gesetz hängt mit dem zusammen, was in Stein gehauen ist, das heißt: „Macht euch eine ewige Kerbe, um diesen Tag und überhaupt diese Zeitspanne zu feiern.“
שִׁבְעַת יָמִים מַצּוֹת תֹּאכֵלוּ אַךְ בַּיּוֹם הָרִאשׁוֹן תַּשְׁבִּיתוּ שְּׂאֹר מִבָּתֵּיכֶם כִּי כָּל־אֹכֵל חָמֵץ וְנִכְרְתָה הַנֶּפֶשׁ הַהִוא מִיִּשְׂרָאֵל מִיּוֹם הָרִאשֹׁן עַד־יוֹם הַשְּׁבִעִי שִׁבְעַת יָמִים מַצּוֹת תֹּאכֵלוּ אַךְ בַּיּוֹם הָרִאשׁוֹן תַּשְׁבִּיתוּ שְּׂאֹר מִבָּתֵּיכֶם כִּי כָּל־אֹכֵל חָמֵץ וְנִכְרְתָה הַנֶּפֶשׁ הַהִוא מִיִּשְׂרָאֵל מִיּוֹם הָרִאשֹׁן עַד־יוֹם הַשְּׁבִעִי׃
schiw'át jamím mazzót tochélu ach bajom harischón taschbítu se'ór mibbattechém ki kol-ochél chaméz wenichretá hannéfesch hahí mijisraél mijom harischón ad-jom haschewi'í
15 Sieben Tage esst Mazza, am ersten Tag (das heißt am Vorabend des 14.) vernichtet den Sauerteig aus euren Häusern, denn jeder, der Gesäuertes essen wird – vernichtet werden wird die Seele dieses Menschen aus dem Volk Israel (abgeschnitten seine Seele vom Volk Israel) vom ersten bis zum siebten Tag (für eine Woche).
Den Lesern muss man zu jener Zeit offenbar nicht erklären, was mazzá ist. Wir wissen, dass Mazza eine verbreitete Speise war, eine schnelle Speise, wir erinnern uns, dass Lot sie für die Engel zubereitete, als sie zu ihm kamen. Später werden wir von der Mazza in der Geschichte mit Gid'on lesen, in der Geschichte mit Scha'ul und der Zauberin, noch in einigen Geschichten. Auch Daniel sprach vom Fasten, dass er kein feines süßes Brot aß. Die Alternative dazu ist Mazza, das einfachste, das bescheidenste Brot, das gebacken wird, einer seiner Namen ist léchem óni – Brot der Armut. Zum Teil ist das eine Haltung gegenüber dieser Welt, die uns, gleich einem Sauerteig, durchsäuert. Die Bazillen der Welt gelangen in unseren Teig und verderben uns unseren Sauerteig. Einmal im Jahr gibt es die Möglichkeit, den ganzen Sauerteig zu vernichten, zu prüfen, wo und wie die ägyptische „Mikrobenindustrie“ in uns eingedrungen ist, und sie in 7 Tagen auf Mazza herauszuholen.
Aber am ersten Tag, wenn wir noch das Opfer vorbereiten, vernichten wir schon den ganzen Sauerteig (chaméz), der in unseren Häusern ist, kein Sauerteig darf übrig bleiben. Viele Menschen, die ständig Brot machten, bewahrten Brotsauerteige auf. Bei vielen Völkern gelten sie als umso besser, je älter sie sind. Uns aber ist es aufgegeben, jedes Jahr alle unsere Sauerteige auf null zu setzen. Unter se'ór ist gerade ein Sauerteig aus Getreide gemeint, dieses Wort bedeutet Hafer, Getreide. Dazu gehört weder etwas Vergorenes von Trauben noch erst recht etwas aus Milch – nur aus Getreide.
Es scheint eine solche zeitweilige Strafe zu sein, ein zeitweiliges (für eine Woche) Abschneiden (karét) vom Volk. Ja, zeitweilig, aber ein solches, das sich in ein dauerhaftes verwandelt, weil in dieser Zeit das Volk fortzieht, und man muss es dann schon aus eigener Kraft einholen, und das geistliche Leben wird merklich, merklich erschwert. Darüber gibt es sehr viel im Drasch, in den Kommentaren zu diesen Geboten, die von den geistlichen Aspekten sprechen. Es ist wichtig, angeschlossen, an Israel geheftet zu sein, wenn Israel aus Ägypten auszieht. Aus Ägypten zieht nicht nur ein konkreter Mensch aus – das ganze Volk zieht aus. Mosche wird geboten, zur ganzen Gemeinde Israels zu sprechen, die ganze Gemeinde Israels wird aus Ägypten ausziehen. Und hier spricht der Höchste über die Gebote für die Zukunft. Das ist nicht Pessach Mizrajim, nicht das, was wir schon beschrieben haben; es geht darum, wie man Pessach in unseren Generationen feiert, in unserer Zeit. Der Höchste gab Mosche schon damals das Gebot. Was muss man noch tun?
וּבַיּוֹם הָרִאשׁוֹן מִקְרָא־קֹדֶשׁ וּבַיּוֹם הַשְּׁבִיעִי מִקְרָא־קֹדֶשׁ יִהְיֶה לָכֶם כָּל־מְלָאכָה לֹא־יֵעָשֶׂה בָהֶם אַךְ אֲשֶׁר יֵאָכֵל לְכָל־נֶפֶשׁ הוּא לְבַדּוֹ יֵעָשֶׂה לָכֶם׃
uwajom harischón mikra-kódesch uwajom haschewi'í mikra-kódesch jihjé lachém kol-melachá lo-je'assé wahém ach aschér je'achél lechol-néfesch hu lewaddó je'assé lachém
16 Am ersten und am siebten Tag – Heilige Versammlungen. Keinerlei Arbeit tut an ihnen, nur das, was jede Seele essen wird; das ist das, was ihr tun werdet.
Heilige Versammlung (mikra-kódesch) – das ist ein Tag, der dem Verweilen in Heiligkeit geweiht ist, ein Tag, an dem jede Arbeit verboten ist, wie auch am Schabbat. Aber im Unterschied zum Schabbat darf man an diesem Tag Speise zubereiten – das, was für diesen Tag nötig ist. Gewöhnlich zündet man im Voraus ein Feuer an, auf offenem Feuer kann man Speise zubereiten. Manche Genossen leiten daraus auch die Erlaubnis ab, an diesen Tagen zu rauchen, weil Tabak das ist, was die Seele will. Für mich ist das eine ziemlich strittige Frage, aber da habt ihr den Unterschied der Begriffe mikra-kódesch, gesagt von den Festen, und kodésch, gesagt besonders vom Schabbat.
וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־הַמַּצּוֹת כִּי בְּעֶצֶם הַיּוֹם הַזֶּה הוֹצֵאתִי אֶת־צִבְאוֹתֵיכֶם מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־הַיּוֹם הַזֶּה לְדֹרֹתֵיכֶם חֻקַּת עוֹלָם׃
uschmartém et-hammazzót ki be'ézem hajom hassé hozéti et-ziw'otechém me'érez mizrájim uschmartém et-hajom hassé ledorotechém chukkát olám
17 Und bewahrt diese Gebote, hütet das ungesäuerte, „sauerteigfreie“ Haus (hütet euren Zustand der Mazza), denn in der Mitte dieses Tages habe Ich euch, euer ganzes Heer, aus dem ägyptischen Haus herausgeführt, und bewahrt dies von Generation zu Generation als ewiges Gesetz.
Man kann hier mizwót (Gebote) statt mazzót (Mazza, ungesäuerte Brote) lesen, weil diese Wörter gleich geschrieben werden.
Selbst wenn der Höchste den folgenden Generationen, uns, Anweisungen gibt, sagt Er trotzdem: „Ich habe euch herausgeführt, nicht eure Väter, sondern euch.“ Jedes Mal, an jedem Pessach kann man aus Ägypten ausziehen, in sich den Einfluss der Welt finden, in sich den schädlichen Einfluss finden – das, wodurch wir noch versklavt sind, und sich davon befreien.
בָּרִאשֹׁן בְּאַרְבָּעָה עָשָׂר יוֹם לַחֹדֶשׁ בָּעֶרֶב תֹּאכְלוּ מַצֹּת עַד יוֹם הָאֶחָד וְעֶשְׂרִים לַחֹדֶשׁ בָּעָרֶב׃
barischón be'arba'á assár jom lachódesch ba'érew tochelú mazzót ad jom ha'echád we'esrím lachódesch ba'árew
18 Und am ersten Tag, am 14. Tag des Monats, am Abend werdet ihr ungesäuerte Brote (oder Mazza) essen bis zum Abend des 21.
שִׁבְעַת יָמִים שְׂאֹר לֹא יִמָּצֵא בְּבָתֵּיכֶם כִּי כָּל־אֹכֵל מַחְמֶצֶת וְנִכְרְתָה הַנֶּפֶשׁ הַהִוא מֵעֲדַת יִשְׂרָאֵל בַּגֵּר וּבְאֶזְרַח הָאָרֶץ׃
schiw'át jamím se'ór lo jimmazé bewattechém ki kol-ochél machmézet wenichretá hannéfesch hahí me'adát jisraél baggér uw'esrách ha'árez
19 Und sieben Tage soll kein Sauerteig in euren Häusern gefunden werden, denn jeder, der Gesäuertes essen wird – vernichtet werden wird (abgeschnitten werden wird) diese Seele aus der Gemeinde Israels – sowohl beim Fremdling als auch beim Einheimischen des Landes.
Wenn wir früher gelesen haben, dass die Seele für sieben Tage abgeschnitten wird, so hier – nein, da jede Generation den Auszug aus Ägypten vollzieht, jedes Jahr fährt ein Zug ab, und wenn man nicht einsteigt, kann man sich als abgeschnittene Seele wiederfinden.
Unter dem Fremdling ist hier derjenige gemeint, der sich dem Volk Israel angeschlossen hat. Zum Beispiel hat ein unbeschnittener Mensch von außen natürlich nicht das Recht, dieses Opfer zu essen, und er zieht nirgendwohin aus.
כָּל־מַחְמֶצֶת לֹא תֹאכֵלוּ בְּכֹל מוֹשְׁבֹתֵיכֶם תֹּאכְלוּ מַצּוֹת׃
kol-machmézet lo tochélu bechól moschewotechém tochelú mazzót
20 Nichts Gesäuertes esst, in all euren Häusern esst Mazzot.“
Das ist die Anweisung, die der Höchste Mosche gab. Mosche muss das dem Volk weitergeben, aber nicht immer wiederholt Mosche wörtlich, wie ein Lautsprecher, die Worte des Höchsten. Wir werden sehen, was Mosche dem Volk sagt, und auf einige Unterschiede achten.
וַיִּקְרָא מֹשֶׁה לְכָל־זִקְנֵי יִשְׂרָאֵל וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם מִשְׁכוּ וּקְחוּ לָכֶם צֹאן לְמִשְׁפְּחֹתֵיכֶם וְשַׁחֲטוּ הַפָּסַח׃
wajikrá mosché lechol-sikné jisraél wajomer alehém mischchú ukchú lachém zon lemischpechotechém weschachatú happássach
21 Und Mosche rief alle Ältesten Israels zusammen und sagte zu ihnen: „Nehmt euch (kauft, erwerbt euch) Tiere für eure Familien und schlachtet (stecht ab) das Pessach.
Das Wort mischchú bedeutet wörtlich zieht. Hier gibt es ein wichtiges Detail. Wenn ein Mensch einen Ziegenbock, eine Kuh, einen Stier, einen Esel, irgendein Stück Vieh erwirbt, hat er zwei Etappen seines Kaufs. Ab welchem Moment gilt das Vieh als gekauft? Nicht ab dem Moment, in dem der Mensch das Geld dafür gegeben hat, sondern ab dem Moment, in dem er es gezogen hat: entweder hat er es gerufen, und es ist gegangen, hat einen Schritt gemacht; oder er hat gezogen, und es ist gegangen, hat einen Schritt gemacht; oder, die dritte Variante, er treibt es von hinten mit einer Rute an, sagen wir so, und es macht einen Schritt. Und die Kommentatoren sagen: „Hier gibt es nicht nur ein Gesetz darüber, wie ein Tier erworben wird, sondern auch ein gewisses Schema der Beziehungen des Höchsten zu uns.“ Der Höchste kann uns rufen. Wenn wir mit dem Ruf „hinéni (hier bin ich)!“ antworten, gut. Er kann uns ziehen, und dann machen wir einen Schritt – das ist auch gut. Wenn es weder so noch so gelingt, uns zu erwerben, dann kann der Höchste anfangen, uns mit der Rute anzutreiben, und wir können uns wundern: Womit haben wir das verdient?
Mosche konnte nicht kommen und einfach so den Ältesten das alles sagen, dafür hätten sie schon das 12. Kapitel des Buches Schemot gelesen haben müssen, das wir jetzt miteinander lesen, und alles gehört haben müssen, was der HERR gesagt hat. Oder sie hätten den Talmud gelesen haben müssen, den Traktat Pessachim, und gewusst, was Pessach ist. Aber hier ist ihnen der Begriff Pessach höchstwahrscheinlich als Sündopfer, Sühneopfer bekannt, das ermöglichen wird, dass der Höchste „vorübergeht“. Es gibt Kommentatoren, die sagen, dass der Begriff Pessach an sich den Hirten bekannt war, und obwohl bei weitem nicht alle es gerade dem Höchsten darbrachten, der Begriff Pessach als „möge es an mir vorübergehen“, er existierte zu jener Zeit.
Im 22. Vers sagt Mosche auch etwas, wovon der Höchste ihm nichts gesagt hat.
וּלְקַחְתֶּם אֲגֻדַּת אֵזוֹב וּטְבַלְתֶּם בַּדָּם אֲשֶׁר־בַּסַּף וְהִגַּעְתֶּם אֶל־הַמַּשְׁקוֹף וְאֶל־שְׁתֵּי הַמְּזוּזֹת מִן־הַדָּם אֲשֶׁר בַּסָּף וְאַתֶּם לֹא תֵצְאוּ אִישׁ מִפֶּתַח־בֵּיתוֹ עַד־בֹּקֶר׃
ulkachtém aguddát esów utwaltém baddám ascher-bassáf wehigga'tém el-hammaschkóf we'el-scheté hammesusót min-haddám aschér bassáf we'attém lo teze'ú isch mippetach-betó ad-bóker
22 Und nehmt ein Büschel Oregano (so heißt diese Pflanze, man übersetzt sie auch als Ysop), und taucht es in das Blut, tunkt es in das Blut, das in der Schale auf der Schwelle ist. Und bestreicht den Türsturz und die zwei Pfosten mit dem Blut, das auf der Schwelle ist, und geht nicht über die Grenzen eurer Häuser hinaus bis zum Morgen.
Das Wort saf wird als Schale oder als Schwelle übersetzt. In den Schwellen (das gibt es in manchen Häusern im Nahen Osten) wurde eine solche Vertiefung für das Blut gemacht. Dort, auf dieser Schwelle, schlachtete man Tiere, damit dieses Tier außerdem noch das Haus beschützte, vieles Verschiedene ist damit verbunden. Das Tier wurde so geschlachtet, dass sich ein Bächlein Blut über die Schwelle ergoss. Es gab gleichsam so eine Schale auf der Schwelle, und das Wort saf kann Schwelle bedeuten. Die zweite Bedeutung ist Schale, gießt es in eine Schale. Es gibt einen Midrasch, der sagt: „Vier Altäre hatten die Juden in Ägypten: das sind die Schwelle, die zwei Pfosten und der Türsturz.“ Ein interessanter Kommentar, denn wir werden noch darüber sprechen, dass die zwei Pfosten die Gemeinde des Volkes Israel symbolisieren, der Türsturz den Höchsten und das Blut das Opfer, es symbolisiert eigentlich die gestorbene Sünde, in gewissem Sinn die Unterwelt, das Grab, den Tod. Ich neige zu der Übersetzungsvariante, die mit der Schwelle verbunden ist.
Wenn wir zurückgehen und (12,7) lesen, hat der Höchste gesagt: „Bestreicht die Pfosten und den Türsturz.“ Mosche sagt: „…den Türsturz und die Pfosten.“ Worin besteht hier eigentlich der Unterschied? Es gibt eine Variante: „Kehrt zurück, kehrt zurück, Meine Söhne, und Ich werde zu euch zurückkehren.“ Das heißt: zuerst ihr, zuerst die Pfosten, dann der Türsturz, zuerst kehrt das Volk Israel zurück (es wird durch die Pfosten symbolisiert), dann der Höchste (der Türsturz). Es gibt eine andere Variante: „Rufe uns, und wir werden Dir nachlaufen, bring uns zurück, und wir werden zurückkehren.“ Mosche bittet den Höchsten, der Erste zu sein und das Volk Israel zu ziehen. Mosche steht in der Bresche, diesmal mit dem Gesicht zum Höchsten, und sagt: „Zieh uns, führe uns heraus, handle Du als Erster“, deshalb vertauscht er symbolisch den Türsturz und die Pfosten.
וְעָבַר יְהוָה לִנְגֹּף אֶת־מִצְרַיִם וְרָאָה אֶת־הַדָּם עַל־הַמַּשְׁקוֹף וְעַל שְׁתֵּי הַמְּזוּזֹת וּפָסַח יְהוָה עַל־הַפֶּתַח וְלֹא יִתֵּן הַמַּשְׁחִית לָבֹא אֶל־בָּתֵּיכֶם לִנְגֹּף׃
we'awár adonáj lingóf et-mizrájim wera'á et-haddám al-hammaschkóf we'ál scheté hammesusót ufassách adonáj al-happétach weló jittén hammaschchít lawó el-battechém lingóf
23 Und der Höchste wird mit tötendem Hauch durch Ägypten ziehen und das Blut auf dem Türsturz und auf den zwei Pfosten sehen, und der Höchste wird an eurem Eingang vorübergehen und wird den Verderber nicht kommen und in eure Häuser wehen lassen (wird den verderblichen Hauch nicht in uns hineinkommen lassen).
וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־הַדָּבָר הַזֶּה לְחָק־לְךָ וּלְבָנֶיךָ עַד־עוֹלָם׃
uschmartém et-haddawár hassé lechok-lechá ulwanécha ad-olám
24 Und ihr werdet dieses Gesetz bewahren für euch und für eure Söhne auf ewig.
וְהָיָה כִּי־תָבֹאוּ אֶל־הָאָרֶץ אֲשֶׁר יִתֵּן יְהוָה לָכֶם כַּאֲשֶׁר דִּבֵּר וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־הָעֲבֹדָה הַזֹּאת׃
wehajá ki-tawó'u el-ha'árez aschér jittén adonáj lachém ka'aschér dibbér uschmartém et-ha'awodá hassót
25 Und es wird sein, wenn ihr in das Land kommt, das der HERR euch gibt, wie Er versprochen hat, und ihr werdet diesen Dienst bewahren (nicht einfach bewahren, sondern auch die Kinder erziehen, sie alles lehren, was mit diesem Dienst verbunden ist).
וְהָיָה כִּי־יֹאמְרוּ אֲלֵיכֶם בְּנֵיכֶם מָה הָעֲבֹדָה הַזֹּאת לָכֶם׃
wehajá ki-jomerú alechém benechém ma ha'awodá hassót lachém
26 Und es wird sein, wenn eure Söhne zu euch sagen: „Wozu ist euch dieser Dienst?“
וַאֲמַרְתֶּם זֶבַח־פֶּסַח הוּא לַיהוָה אֲשֶׁר פָּסַח עַל־בָּתֵּי בְנֵי־יִשְׂרָאֵל בְּמִצְרַיִם בְּנָגְפּוֹ אֶת־מִצְרַיִם וְאֶת־בָּתֵּינוּ הִצִּיל וַיִּקֹּד הָעָם וַיִּשְׁתַּחֲוּוּ׃
wa'amartém sewach-péssach hu ladonáj aschér passách al-batté wené-jisraél bemizrájim benogpó et-mizrájim we'et-batténu hizzíl wajikkód ha'ám wajischtachawú
27 Und ihr werdet ihnen sagen: „Das ist das Pessachopfer dem HERRN, der über die Häuser der Söhne Israels in Ägypten hinweggegangen (hinweggesprungen) ist beim Verderben Ägyptens, unsere Häuser aber gerettet hat.“ Und das Volk verneigte sich und warf sich nieder.
Das ist das, was Mosche als Vermächtnis aufträgt, den Söhnen zu sagen, wenn sie fragen.
Eine wichtige Bemerkung, ich mache sie gern und werde sie noch einmal machen. Oft sagt man, dass das Volk Israel das Volk des Buches ist. Wir sind das Volk des Buches, wir haben sehr viele Bücher, und ich bekomme einen Rundbrief, in dem es eine Übersicht über praktisch alle Bücher zur Tora gibt. Sie erscheinen jede Woche, 300–400 Bücher werden zum Thema Tora, Kommentare zur Tora, Gesetz und so weiter herausgegeben. Wir lesen sehr viel. Aber die Tora sagt ständig: „Wiederhole es dem Sohn, sag es, erzähle, wiederhole, gib es weiter, wenn er fragt, antworte, und all das.“ Wir sind ein Volk, das nicht nur liest, sondern auch spricht, dem Sohn erzählt, den Sohn dazu bringt zu fragen, ihm gern antwortet, damit der Sohn die Stimme des Vaters hört, damit der Sohn den Blick des Vaters kennt, die Gedanken des Vaters spürt, vielleicht auch zusammen mit dem Vater nachdenkt.
Und weiter lesen wir:
וַיֵּלְכוּ וַיַּעֲשׂוּ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל כַּאֲשֶׁר צִוָּה יְהוָה אֶת־מֹשֶׁה וְאַהֲרֹן כֵּן עָשׂוּ׃
wajelechú waja'asú bené jisraél ka'aschér ziwwá adonáj et-mosché we'aharón ken asú
28 Und es gingen und es taten die Söhne Israels, wie der HERR Mosche und Aharon geboten hatte, so taten sie es auch.
Mit Sack und Pack zum Ausgang!
Schemot 12,29–51
Heute werden wir ab Vers 29 von Kapitel 12 lesen und werden wieder einmal aus Ägypten ausziehen.
וַיְהִי בַּחֲצִי הַלַּיְלָה וַיהוָה הִכָּה כָל־בְּכוֹר בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם מִבְּכֹר פַּרְעֹה הַיֹּשֵׁב עַל־כִּסְאוֹ עַד בְּכוֹר הַשְּׁבִי אֲשֶׁר בְּבֵית הַבּוֹר וְכֹל בְּכוֹר בְּהֵמָה׃
wajhí bachazí hallájla wadonáj hikká kol-bechór be'érez mizrájim mibbechór par'ó hajoschéw al-kis'ó ad bechór haschewí aschér bewét habbór wechól bechór behemá
29 Und es geschah um Mitternacht, und der HERR schlug (vernichtete) jeden Erstgeborenen im Land Ägypten: vom Erstgeborenen des Pharao, der auf dem Thron sitzt, bis zum Erstgeborenen des Gefangenen,
der im Haus der Grube ist, und jeden Erstgeborenen des Viehs.
Wenn wir um Mitternacht lesen, dann müssen wir verstehen, dass das nicht die heutige Mitternacht ist, nicht 12 Uhr nachts. Nach dem jüdischen Kalender (überhaupt nach den alten Kalendern) wurde die Nacht in 12 gleiche Teile geteilt, von der Zeit, wenn die Sterne hervorkommen, bis zum Sonnenaufgang. Genauso wurde auch der Tag geteilt. Entsprechend waren im Sommer, wenn die Tage länger sind, die Tagesstunden länger, der längere Tag wurde in 12 längere Stückchen geteilt und die Nacht in kürzere. Im Winter umgekehrt, die Nachtstunden waren länger. Wir befinden uns in der Zeit von Pessach, ungefähr in einer solchen Periode, in der Tage und Nächte gleich sind. Wenn wir von Ägypten sprechen, dann ist um Mitternacht ungefähr 2 Uhr nachts nach heutiger Zeit, die ganz, ganz genaue Mitte der Nacht.
Wie die ägyptische Überlieferung sagt, konnte nur der Erstgeborene auf dem Thron des Pharao sitzen. Der Erstgeborene, er ist immer auch der Erbe. Der Erstgeborene des Pharao ist der wichtigste Erstgeborene in Ägypten: so wie es die First Lady gibt, so gibt es gleichsam auch den ersten „Jüngling“, den Erstgeborenen des Pharao. Und der Gefangene, der im Haus der Grube ist, er arbeitet irgendwo, sitzt beinahe im Gefängnis. Den Gefangenen, der in der Sklaverei ist, setzt man für die Nacht in eine Grube, oder aber er ist ein Häftling in Haft, das ist nicht so wichtig. Alle Erstgeborenen, ohne jeden sozialen Unterschied – vom Pharao mit dem höchsten Status bis zum Gefangenen mit dem niedrigsten Status – haben gelitten, sind umgekommen. Wir haben schon davon gesprochen, dass das mit dem Gericht über die Götter verbunden ist. Wenn irgendwelche Unglücke geschahen, schrieben verschiedene Menschen das ihren Göttern zu, sahen darin ihren Sieg. Wenn irgendwelche Erstgeborenen von den Fremden, von den Heiden gerettet worden wären, hätte es die Möglichkeit gegeben, ihnen zu sagen: „Unser Gott hat uns gerettet, unser Gott ist stärker als eurer.“ Der Höchste hält hier Gericht über die heidnischen Götter, und deshalb erweisen sich alle Erstgeborenen als vernichtet.
וַיָּקָם פַּרְעֹה לַיְלָה הוּא וְכָל־עֲבָדָיו וְכָל־מִצְרַיִם וַתְּהִי צְעָקָה גְדֹלָה בְּמִצְרָיִם כִּי־אֵין בַּיִת אֲשֶׁר אֵין־שָׁם מֵת׃
wajákom par'ó lájla hu wechol-awadáw wechol-mizrájim wattehí ze'aká gedolá bemizrájim ki-én bájit aschér en-schám met
30 Und der Pharao stand in der Nacht auf, er und alle seine Knechte, und ganz Ägypten stand mitten in der Nacht auf. Und es war ein großes Geschrei in Ägypten, denn es gibt kein Haus, in dem es keine Toten gäbe.
Wenn man wörtlich übersetzt: „Und der Pharao stand auf Nacht.“ Gewöhnlich steht der Pharao am Morgen auf, wir wissen, dass er seine Wasserprozeduren hat, er geht hinaus zum Wasser. Der Morgen beginnt bei ihm, wenn man den Papyri glaubt, um 3 Uhr nachmittags. Das heißt, er steht irgendwann um 8–9 Uhr morgens nach unserer Zeit auf, und manche sagen, dass er vor dem Morgengrauen aufsteht. Unwichtig. In der Nacht schläft der Pharao gewöhnlich, aber hier ist ein Notfall: Der Pharao ist in der Nacht aufgestanden.
Man kann fragen: Wie kann es sein, dass es kein Haus gibt, in dem es keine Toten gäbe? Vielleicht gibt es ein Haus, wo der Erstgeborene irgendwohin weggefahren oder früher gestorben ist. Oder ein Haus, wo die Mama und die jüngere Tochter wohnen, und es dort überhaupt keine Erstgeborenen gibt. Aber Erstgeborener wird auch der Älteste im Haus genannt, wir begegnen in Tehillim dem Wort bechór in der Bedeutung der Älteste im Haus, der Wichtigste im Haus. Deshalb ist es möglich, dass in jedem Haus der Älteste gestorben ist (außer im Haus des Pharao, wie wir das sehen). Eine andere Meinung sagt, dass die Ägypter eigentümliche solche Tafeln für die Verstorbenen bei sich im Haus aufstellten, auf irgendeine Weise die Verstorbenen verewigten, es gibt Spuren davon in der Ägyptologie. Aber trotzdem sollte man diese Meinung als unhistorischen Midrasch beiseitelegen und annehmen, dass der Wichtigste im Haus auch Erstgeborener genannt wird, und auch er ist gestorben. In jedem Haus gab es jemanden, der der Wichtigste war, und in jedem Haus gibt es Tote, als der Pharao aufwachte und mitten in der Nacht aufstand.
וַיִּקְרָא לְמֹשֶׁה וּלְאַהֲרֹן לַיְלָה וַיֹּאמֶר קוּמוּ צְּאוּ מִתּוֹךְ עַמִּי גַּם־אַתֶּם גַּם־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וּלְכוּ עִבְדוּ אֶת־יְהוָה כְּדַבֶּרְכֶם׃
wajikra lemosché ul'aharón lájla wajomer kúmu zeú mittóch ammí gam-attém gam-bené jisraél ulchú iwdú et-adonáj kedabberchém
31 Und er rief nach Mosche und nach Aharon in der Nacht: „Steht auf und geht weg aus meinem Volk, sowohl ihr als auch die Söhne Israels, geht und dient Gott, dem HERRN, wie ihr es ja gesagt habt.“
Mosche und Aharon aber, wie wir uns erinnern, die haben ein Gebot: in dieser Nacht nicht bei Pharaonen herumzugehen, zu Hause zu sitzen und nicht über seine Grenzen hinauszugehen. Wie konnte der Pharao sie rufen? Nun, manche sagen: „Er kam unter die Fenster, warf ein Steinchen ans Fenster, wartete“, das heißt, irgendwie kam er und rief sie so, dass sie nicht aus dem Haus hinausgingen. Aber der Pharao kam nicht nur zu ihnen, sondern sagte ihnen auch etwas, und hier gibt es eine zweite Schwierigkeit. Mosche hatte dem Pharao versprochen, dass der Pharao sein Gesicht nicht mehr sehen wird, dass Mosche das Gesicht des Pharao nicht mehr sehen wird. Sie hatten einander versprochen, dass sie sich nicht mehr begegnen werden. Und hier sehen wir, dass sie sich doch begegnen. Liegt darin ein Bruch der Versprechen? Ich habe in der Kindheit viele Male diese Frage gestellt, und folgende Antwort gab mir einmal ein Mensch. Er erzählte von seinem Verwandten, der sich seinerzeit mit einem anderen Juden zerstritten und versprochen hatte, nie mehr dessen Gesicht zu sehen. Und er bemühte sich, er hörte auf, in die Synagoge zu gehen, in die dieser Jude ging. Sogar wenn er ihn auf der Straße sah, wechselte er rechtzeitig an einen anderen Ort, er hörte auf, zur gemeinsamen Versammlung zu gehen. Und obwohl der Streit im Grunde irgendwie kleinlich und unwichtig war, hielt dieser Mensch seine Versprechen sehr sorgfältig, bis jener Jude, schon alt geworden, fast auf dem Sterbebett lag. Und dieser, der geschworen hatte, dachte plötzlich, dass der Streit kleinlich ist, dass sich ein Mensch angesichts des Todes verändert, er ist schon auch in seinem Gesicht verändert, und er bat seinen Lehrer um Erlaubnis. Der Lehrer sagte: „Natürlich kannst du hingehen und mit ihm sprechen.“ Tödliche Umstände verändern manchmal die Situation. Hier aber ist die Situation kritisch, obwohl es bei Mosche nicht einmal zu einem Dialog mit dem Pharao kommt. Vielleicht schreit der Pharao das alles einfach ins Fenster von Mosches Haus? Es ist schwer, sich vorzustellen, wie diese Ereignisse in Wirklichkeit ablaufen.
גַּם־צֹאנְכֶם גַּם־בְּקַרְכֶם קְחוּ כַּאֲשֶׁר דִּבַּרְתֶּם וָלֵכוּ וּבֵרַכְתֶּם גַּם־אֹתִי׃
gam-zonechém gam-bekarchém kechú ka'aschér dibbartém waléchu uwerachtém gam-otí
32 Und euer Kleinvieh nehmt mit euch, wie ihr es ja gesagt habt. Geht und betet auch für mich.“
Das bedeutet, dass der Pharao Mosche und Aharon hier nicht nur eine gewisse Carte blanche für den Auszug gibt, sondern sie schon mit seiner Regierungsmission sendet. Sie gehen nicht einfach, weil irgendein israelitischer Gott, den Ägyptern wenig bekannt, sie irgendwohin ruft, sie gehen auch noch, um für den Pharao zu beten. Der Pharao, kann man sagen, schickt sie nicht einfach weg, sondern schickt sie mit Diplomatenpässen weg.
וַתֶּחֱזַק מִצְרַיִם עַל־הָעָם לְמַהֵר לְשַׁלְּחָם מִן־הָאָרֶץ כִּי אָמְרוּ כֻּלָּנוּ מֵתִים׃
wattechesák mizrájimIn der russischen Umschrift steht beim Wort für Ägypten versehentlich ein j statt eines z. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: mizrájim. al-ha'ám lemahér leschallechám min-ha'árez ki amerú kullánu metím
33 Und das ägyptische Volk drängte sehr stark (Ägypten drängte sehr stark auf das Volk Israel), um sich zu beeilen, sie aus dem Land wegzuschicken, denn sie sagten: „Wir sterben alle.“
Diese Idee des Pharao, die Idee, das Volk Israel wegzuschicken, fand tiefe Unterstützung. Und das Volk zog offenbar sehr eilig aus. Davon lesen wir weiter, im 34. Vers, und wir lesen eine seltsame Sache. Man muss sagen, dass es in diesem Teil des Wochenabschnitts Bo viele Verse gibt, viele Stellen, die sehr unverständlich sind, und zu jeder dieser Stellen sind Dutzende, wenn nicht Hunderte verschiedener Erklärungen gegeben worden, aber wir können sie hier nicht alle wiedergeben. Ich werde über eines jener Verständnisse sprechen, das dem einfachen Sinn des Textes am nächsten ist, und wer sich vertiefen will, der hat natürlich, wo er lernen kann.
וַיִּשָּׂא הָעָם אֶת־בְּצֵקוֹ טֶרֶם יֶחְמָץ מִשְׁאֲרֹתָם צְרֻרֹת בְּשִׂמְלֹתָם עַל־שִׁכְמָם׃
wajissá ha'ám et-bezekó térem jechmáz misch'arotám zerurót bessimlotám al-schichmám
34 Und das Volk trug seinen Teig, solange er noch nicht sauer geworden war, aus seinem Sauerteig, in einem Bündel (in seiner Kleidung), auf seinen Schultern.
Eine sehr seltsame Handlung: Das Volk trägt auf seinen Schultern Teig, und er schafft es nicht, sauer zu werden. Wenn wir schauen: Sie legten die Strecke von Ramses bis Sukkot zurück, das sind etwa 120 Kilometer, eine große Strecke legten sie zurück. Wie wurde der Teig nicht sauer, wovon ist hier die Rede? Die einen Kommentatoren sagen, dass jeder ein riesiges Maß Teig hatte, drei Maß Teig, und die werden sehr langsam sauer, das heißt, je mehr Teig, desto weniger Sauerteig, desto langsamer geht er entsprechend auf. Andere sagen: „Solange man den Teig knetet, wird er nicht sauer.“ Der Teig kann nicht aufgehen, wenn man ihn knetet. Und das Volk ging so schnell, während es diese Bündel mit dem Teig trug, dass er die ganze Zeit beim Gehen geknetet wurde, und er konnte nicht sauer werden, weil er ständig in diesen Bündeln geschüttelt wurde, auf den Schultern. Das ist der wahrscheinlichste einfache Kommentar.
In den Versen 35–36 erfahren wir davon, was vorher geschehen war.
וּבְנֵי־יִשְׂרָאֵל עָשׂוּ כִּדְבַר מֹשֶׁה וַיִּשְׁאֲלוּ מִמִּצְרַיִם כְּלֵי־כֶסֶף וּכְלֵי זָהָב וּשְׂמָלֹת׃
uwne-jisraél asú kidwár mosché wajisch'alú mimmizrájim kele-chéssef uchlé sahaw usmalót
35 Die Söhne Israels taten, wie Mosche gesagt hatte, und baten die Ägypter um silberne Gefäße und goldene Gefäße und Kleider.
וַיהוָה נָתַן אֶת־חֵן הָעָם בְּעֵינֵי מִצְרַיִם וַיַּשְׁאִלוּם וַיְנַצְּלוּ אֶת־מִצְרָיִם׃
wadonáj natán et-chén ha'ám be'ené mizrájim wajasch'ilúm wajnazzelú et-mizrájim
36 Und der HERR gab dem Volk Gunst in den Augen der Ägypter, und sie liehen ihnen, und sie nutzten Ägypten aus (ein guter Lohn für die langjährige schwere Arbeit).
וַיִּסְעוּ בְנֵי־יִשְׂרָאֵל מֵרַעְמְסֵס סֻכֹּתָה כְּשֵׁשׁ־מֵאוֹת אֶלֶף רַגְלִי הַגְּבָרִים לְבַד מִטָּף׃
wajis'ú wene-jisraél mera'messés sukkóta keschesch-me'ót élef raglí haggewarím lewád mittáf
37 Und sie zogen aus von dem Ort, der Ramses heißt, an den Ort, der Sukkot heißt, sechshundert tausend Männer zu Fuß, außer den Kindern.
Manche sagen, dass Sukkot nicht der Name eines Ortes ist, sondern eine Art des Reisens. Gott machte himmlische Laubhütten, solche Wolkenzelte, solche Wolkenwagen, und trug auf diesen Wagen die Söhne Israels zum nächsten Lagerplatz, wie gesagt wurde, wie auf Adlerflügeln.
Und es zogen ihrer sechshunderttausend Menschen aus, Männer zu Fuß. Man kann annehmen: Wenn diese Zahl stimmt, dann zogen insgesamt etwa zwei Millionen aus, mindestens. Das ist eine riesige Menge Volk. Und da diese Menge Volk riesig ist und es schwer anzunehmen ist, dass sich das Volk Israel in den Jahren, die es in Ägypten war, so vermehrt hat, versuchen viele Kommentatoren, verschiedene Erklärungen zu finden. Zum Beispiel kann man sagen, dass das Wort élef (tausend) in Wirklichkeit militärischer Verband bedeutet. Das heißt, es zogen sechshundert Abteilungen aus, sechshundert große Familien zogen aus Ägypten aus. Es gibt ein anderes Verständnis: „Geschrieben steht keschesch-me'ót élef – wie sechshunderttausend“. Sechshundert – diese Zahl gibt es auch an vielen Stellen im Tanach, das ist die Berechnung einer Kampfeinheit. Wenn, schauen wir, sehr viele Abteilungen bestanden aus sechshundert Menschen. Und man kann sagen, dass hier eine solche Metapher vorliegt: Die Israeliten zogen aus mit der Kraft von tausenden Regimentern, eine riesige Menge Volk zog aus. Und es gibt noch viele verschiedene Sichtweisen. Tatsächlich ist es sehr schwer, sich vorzustellen, wie das alles war, weil zwei Millionen Menschen eine mittlere Stadt sind. Wie teilt man allen Informationen mit, wie sammelt man alle, auf welchen Wegen und auf welche Weise führt man sie alle ohne menschliche Staus, ohne menschliches Gedränge? Wir wissen natürlich, dass der Höchste Wunderbar ist. Wir wissen, dass Er der Schöpfer der Wunder ist. Wir sehen, dass die Ereignisse, die in Ägypten geschahen, wunderbar sind. Und doch gibt es die einfache menschliche Natur, die dem Höchsten die Aufgabe erleichtern will und annehmen will, dass das nicht sechshunderttausend Menschen sind, nicht zwei Millionen Menschen, sondern irgendwie da auf irgendeine Weise weniger. Der erste und offensichtliche, einfache Sinn ist, dass es doch sechshunderttausend Männer sind, Frauen und Kinder ausgenommen. Zu alledem war das nur die Zahl der Söhne Israels. Und außerdem:
וְגַם־עֵרֶב רַב עָלָה אִתָּם וְצֹאן וּבָקָר מִקְנֶה כָּבֵד מְאֹד׃
wegam-érew raw alá ittám wezón uwakár miknéIn der russischen Umschrift sind beim Wort für Besitz zwei Buchstaben vertauscht. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: mikné. kawéd me'ód
38 Und eine große Schar zog mit ihnen hinauf, und Kleinvieh und Großvieh, und sehr großes Hab und Gut.
Die Verbindung érew raw, oder Gemisch, Ansammlung hat eine schlechte Bedeutung erhalten, so etwas wie Gesindel, verschiedene Lumpenproletarier, die sich angeschlossen haben, und so weiter. Aber hier, in der Tora, hat dieses Wort keine negative Konnotation, hier ist das eine Schar aus Völkern. Viele Vertreter anderer nationaler Minderheiten in Ägypten nahmen, als sie das Geschehen sahen, ihr Schicksal, nahmen ihre Zukunft in ihre eigenen Hände und schlossen sich dem Volk Israel an und zogen zusammen mit dem Volk Israel aus, wobei sie möglicherweise den Weg in eine lichte Zukunft sahen. Möglicherweise haben sie keine solche geistliche Vorbereitung, wie die Israeliten sie haben. Möglicherweise sind sie nicht so gebildet, nicht so an das Erbe der Väter gebunden. Aber in diesem Fall zogen sie zusammen mit Israel aus. Ein grandioses Ereignis geschieht beim Auszug aus Ägypten, wenn man sich zwei Millionen Menschen vorstellt plus noch die, die sich ihnen angeschlossen haben. Das ist vielleicht eine riesige Völkerwanderung für jenen Zeitpunkt, und vielleicht auch für diesen. Möglicherweise ist das die größte Umsiedlung in der Geschichte.
וַיֹּאפוּ אֶת־הַבָּצֵק אֲשֶׁר הוֹצִיאוּ מִמִּצְרַיִם עֻגֹת מַצּוֹת כִּי לֹא חָמֵץ כִּי־גֹרְשׁוּ מִמִּצְרַיִם וְלֹא יָכְלוּ לְהִתְמַהְמֵהַּ וְגַם־צֵדָה לֹא־עָשׂוּ לָהֶם׃
wajofú et-habbazék aschér hozíu mimmizrájim ugót mazzót ki lo chaméz ki-goreschú mimmizrájim weló jachelú lehitmahméha wegam-zedá lo-asú lahém
39 Und sie aßen den Teig, den sie aus Ägypten mitgebracht hatten, als ungesäuerte Brote, denn er war nicht sauer geworden, denn die Ägypter trieben sie hinaus, und sie konnten sich nicht verlangsamen (konnten sich nicht aufhalten), und sie hatten sich keine Ration für den Weg gesammelt.
Das heißt, das Volk ging schnell, und als es anhielt, war der Teig noch nicht einmal sauer geworden. Andere Vorräte hatten sie nicht, und deshalb backten sie, obwohl sie eine riesige Strecke zurückgelegt hatten, doch ungesäuerte Brote.
וּמוֹשַׁב בְּנֵי יִשְׂרָאֵל אֲשֶׁר יָשְׁבוּ בְּמִצְרָיִם שְׁלֹשִׁים שָׁנָה וְאַרְבַּע מֵאוֹת שָׁנָה׃
umoscháw benéj jisraél aschér jaschewú bemizrájim scheloschím schaná we'arbá me'ót schaná
40 Und (die Zeit des Wohnens) der Söhne Israels, die in Ägypten wohnten, dreißig Jahre und vierhundert Jahre (430 Jahre).
Auch das ist ein sehr schwieriger Vers. Wir haben schon berechnet, dass sich unter Berücksichtigung der Lebensjahre Mosches 210 Jahre Sklaverei ergeben. Die Zahl von 430 Jahren aber kommt heraus, wenn man vom Schließen des Bundes mit Awraham beim Zerteilen der Körper an rechnet, und in anderen Quellen steht geschrieben, dass man genau so rechnen muss. Aber der einfache Sinn sagt hier, dass das Volk 430 Jahre in Ägypten lebte, und die Kommentatoren versuchten auf alle Weise, hier die Mathematik passend zu machen. Es gibt noch eine interessante Stelle im Tanach, im Buch Jecheskel (4,4–6): „Du wirst 390 Tage auf der einen Seite liegen und 40 Tage auf der anderen Seite, du wirst die Schuld des Hauses Jehuda tragen, einen Tag für ein Jahr, wie Ich es dir bestimmt habe.“ Das heißt, 430 Tage, die Jecheskel auf der Seite liegt, gegenüber 430 Jahren der Sühne, und es ist schwer, hier nicht eine gewisse Parallele zu sehen.
Die einen Kommentatoren sagen: „Möglicherweise ist 430 so eine symbolische Zahl. Die Juden zogen aus, sie wurden, kann man sagen, vorzeitig auf Bewährung entlassen.“ Wenn der Höchste Rettung schaffen will, schaut Er nicht auf die Fristen, sondern tut es einfach. Andere Kommentatoren sagen, dass 430 Jahre nicht einfach Jahre sind, sondern „Menschenjahre“. Wenn man die Lebensjahre zum Beispiel von Lewi, von seinen Söhnen zusammenzählt und jedes Lebensalter vollständig anrechnet, ohne dass sie sich überschneiden, dann ergeben sich in einer Generation gemeinsame „Menschenjahre“, in diesem Fall mit Lewi – 430 Jahre. Es gibt sehr viele verschiedene Weisen zu verstehen, wie denn die 430 Jahre hier hineinpassen. Und dennoch kann man annehmen, dass der Auszug aus Ägypten 430 Jahre nach dem Schließen des Bundes mit Awraham geschieht.
וַיְהִי מִקֵּץ שְׁלֹשִׁים שָׁנָה וְאַרְבַּע מֵאוֹת שָׁנָה וַיְהִי בְּעֶצֶם הַיּוֹם הַזֶּה יָצְאוּ כָּל־צִבְאוֹת יְהוָה מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wajhí mikkéz scheloschím schaná we'arbá me'ót schaná wajhí be'ézem hajom hassé jaze'ú kol-ziw'ót adonáj me'érez mizrájim
41 Und es geschah nach Ablauf von 430 Jahren, und es geschah in der Mitte eben dieses Tages, da zog das ganze Heer des HERRN aus dem Land Ägypten aus.
Das heißt, alles begann um Mitternacht, als der Höchste durch Ägypten zog und die Erstgeborenen vernichtete. Und hier lesen wir „in der Mitte dieses Tages“. Weder in der Nacht noch „klammheimlich“ noch verstohlen – am helllichten Tag zieht das Volk Israel aus Ägypten aus, nach dem Ende eben jener Nacht, als der Höchste die Erstgeborenen vernichtete. Von dieser Nacht wird weiter gesprochen, in Vers 42.
לֵיל שִׁמֻּרִים הוּא לַיהוָה לְהוֹצִיאָם מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם הוּא־הַלַּיְלָה הַזֶּה לַיהוָה שִׁמֻּרִים לְכָל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל לְדֹרֹתָם׃
lel schimmurím hu ladonáj lehozi'ám me'érez mizrájim hu-hallájla hassé ladonáj schimmurím lechol-benéj jisraél ledorotám
42 Eine Nacht des Bewahrtseins ist das für den HERRN – sie aus dem Land Ägypten herauszuführen. Diese Nacht ist – Konserven (diese Übersetzung lassen wir so, damit es verständlich ist) für alle Söhne Israels für alle Generationen.
Was bedeutet Nacht des Bewahrtseins? Manche verstehen, dass das die Nacht ist, in der die Juden nicht schliefen und beim Höchsten verweilten, wenn man das Wort schimmurím als Wache-Stehen versteht. Andere verstehen, dass das eine Nacht ist, die gleichsam konserviert ist, vom Wort schimmúr, Konserven. Jedes Jahr kann man eben diese Nacht öffnen und den Auszug aus Ägypten fühlen, verspüren, das ist die Nacht der Konserven für den Höchsten für Israel. In jeder Generation können wir „die Dose des Auszugs aus Ägypten“ öffnen, den Auszug aus Ägypten an uns selbst fühlen. Das ist ein großes Wunder, eine große Gnade uns gegenüber.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה וְאַהֲרֹן זֹאת חֻקַּת הַפָּסַח כָּל־בֶּן־נֵכָר לֹא־יֹאכַל בּוֹ׃
wajomer adonáj el-mosché we'aharón sot chukkát happássach kol-ben-nechár lo-jochal bo
43 Und der HERR sprach zu Mosche und Aharon: „Dies ist die Verordnung (das Gesetz) über Pessach: Kein Sohn von Fremden wird es essen.“
Im modernen Hebräisch bedeutet das Wort chukká Verfassung, es kommt vom Wort chok – Gesetz; lachkók – das ist etwas ausschneiden, schreiben, in Stein meißeln. Aber das Wort chukká versteht man im Tanach oft als etwas, das keine logische Erklärung unter sich hat. So hat der Höchste es festgesetzt – und Schluss!
Dass kein Sohn von Fremden Pessach essen wird, das wurde viele Jahre lang eingehalten. Es gibt eine Geschichte im Traktat Kidduschin über einen Menschen, einen Rabbiner, der in Babylon lebte. Und es gab einen Heiden, der zu ihm kam und sagte: „Und ich habe da das Pessachopfer gegessen.“ Jener sagte: „Und hast du dieses Stückchen da probiert, das allerleckerste? Beim nächsten Mal bitte darum.“ Als der Mensch im nächsten Jahr hinging und um dieses Stückchen bat (und gerade dieses Stückchen darf man nicht essen), fragte man ihn: „Wer hat dich das gelehrt?“ Er sagte: „Na, der Rebbe Soundso hat mir gesagt, dass das das Leckerste ist.“ Und dieser Mensch wurde hingerichtet dafür, dass er als Heide das Pessachopfer gegessen hatte. Das war schon in der Zeit des Zweiten Tempels. Das heißt, wir sehen, dass diese Tradition, dass ein Fremder das Pessachopfer nicht essen darf, sich viele Jahre lang erhalten hat.
וְכָל־עֶבֶד אִישׁ מִקְנַת־כָּסֶף וּמַלְתָּה אֹתוֹ אָז יֹאכַל בּוֹ׃
wechol-éwed isch miknat-kássef umaltá otó as jochal bo
44 Und jeder Sklave, ein Mensch, für Geld gekauft, nur wenn du ihn beschnitten hast, nur dann kann er dieses Opfer essen.
Nur wenn der für Geld gekaufte Mensch beschnitten ist, in den Bund Awrahams eingeführt, nur wenn du ihn erworben hast, wenn er ein Teil von dir geworden ist und du ihn beschnitten hast, wie alle Söhne Israels beschnitten sind, nur dann kann er dieses Opfer essen.
תּוֹשָׁב וְשָׂכִיר לֹא־יֹאכַל־בּוֹ׃
toscháw wesachír lo-jochal bo
45 Ein Bewohner aber und ein Lohnarbeiter wird dieses Opfer nicht essen.
בְּבַיִת אֶחָד יֵאָכֵל לֹא־תוֹצִיא מִן־הַבַּיִת מִן־הַבָּשָׂר חוּצָה וְעֶצֶם לֹא תִשְׁבְּרוּ־בוֹ׃
bewájit echád je'achél lo-tozí min-habbájit min-habbassár chúza we'ézem lo tischberu-wó
46 In einem Haus wird es gegessen werden, schleppe das Fleisch nicht aus dem Haus, nach draußen, und seine Knochen zerbrich nicht.
Das heißt, das Fleisch wird mit unbeschädigten Knochen gegessen, man kann sagen, sie werden abgenagt. Pessach kann man nur sitzend im Haus essen, man darf es nicht im Hof essen, man darf es nicht zu Gästen mitnehmen. Wir haben davon gesprochen, dass man Pessach nach der Zahl der gezählten Menschen isst, das heißt im Grunde unter dem GebotIm Russischen steht wörtlich „unter das Gebot“; gemeint ist wohl, dass genau nach dem Gebot und für die gezählten Personen gegessen wird. Die Wendung wurde wörtlich übersetzt..
כָּל־עֲדַת יִשְׂרָאֵל יַעֲשׂוּ אֹתוֹ׃
kol-adát jisraél ja'asú otó
47 Die ganze Gemeinde Israels wird es (das Pessach) tun.
וְכִי־יָגוּר אִתְּךָ גֵּר וְעָשָׂה פֶסַח לַיהוָה הִמּוֹל לוֹ כָל־זָכָר וְאָז יִקְרַב לַעֲשֹׂתוֹ וְהָיָה כְּאֶזְרַח הָאָרֶץ וְכָל־עָרֵל לֹא־יֹאכַל בּוֹ׃
wechi-jagúr ittechá ger we'ássa féssach ladonáj himmól lo chol-sachár we'ás jikráw la'assotó wehajá ke'esrách ha'aréz wechol-arél lo-jochal bo
48 Und wenn bei dir ein Fremdling wohnen wird und dem HERRN Pessach gemacht hat, soll er alles Männliche beschneiden, und dann wird er herantreten können, es zu tun. Und er wird sein wie ein Bewohner des Landes (wie ein alteingesessener Bewohner); jeder, der nicht beschnitten ist, wird dieses Opfer nicht essen
Das Wort esrách bedeutet im modernen Hebräisch Bürger, wie ein Bürger des Landes, wie ein ständiger Bewohner des Landes. Wenn er sich entscheidet, das Opfer zu machen, dann muss er sich beschneiden lassen, alle Gesetze auf sich nehmen, die sich auf die Bürger des Landes beziehen, und nur dann kann er dieses Opfer essen.
תּוֹרָה אַחַת יִהְיֶה לָאֶזְרָח וְלַגֵּר הַגָּר בְּתוֹכְכֶם׃
torá achát jihjé la'esrách welaggér haggár betochechém
49 Ein Gesetz, eine Regel ist bei euch für den Bürger und für den Fremdling.
Was ist denn das für eine Regel? Wenn ein Mensch das Pessachopfer essen will, das Pessachopfer darbringen will, dann muss er sich beschneiden lassen. Er muss die Tora so auf sich nehmen, wie alle Israeliten sie annehmen – die ganze Tora, die eine Tora, und dann kann er sich beschneiden lassen. Es gibt keine irgendwelchen kulturwissenschaftlichen Verweise, um zu sagen: „Na ja, die Araber, die sind eben so, das liegt bei ihnen in der Kultur, sie können das nicht annehmen. Diese und jene Völker können nicht ohne Schweinefleisch, diese und jene Völker können nicht ohne Pferdefleisch, ohne Pferdemilch, ohne dies, ohne das …“ Und all das darf man nicht tun, keine kulturellen Rabatte. Heute ist das sehr üblich, so ein Multikulturalismus, wenn man sagt: „Diese Leute da – na, so ist eben ihre Kultur, sie sind nicht primitiv, sie sind einfach anders.“ Die Tora sagt: „Die Tora ist eine für alle, entweder alles oder nichts“. Jeder Mensch, der das Pessachopfer auf sich nimmt, muss all die Gebote erfüllen, die er zu erfüllen verpflichtet ist, all das, was die Tora ihm sagt, und das ist für alle gleich. Man darf niemandem einen Rabatt machen und sagen: „Wir erlauben diesem und jenem Volk, das Opfer darzubringen, obwohl sie nicht alles aus der Tora annehmen.“
Bei Vers 50 muss man innehalten. Auf diesem Vers wird sehr viel unterschiedliche Theologie aufgebaut, schöne und weniger schöne, deren Kern darin besteht, dass es, heißt es, in der Tora überhaupt keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden gebe, weder männlich noch weiblich, und sehr viel wird darauf aufgebaut. Aber man sollte hier nicht das „hineinlesen“, was hier nicht steht. Midraschim, Auslegungen – das ist gut, aber wir untersuchen hier den allereinfachsten, unmittelbaren Sinn der Tora.
וַיַּעֲשׂוּ כָּל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל כַּאֲשֶׁר צִוָּה יְהוָה אֶת־מֹשֶׁה וְאֶת־אַהֲרֹן כֵּן עָשׂוּ׃
waja'asú kol-benéj jisraél ka'aschér ziwwá adonáj et-mosché we'et-aharon ken asú
50 Und alle Söhne Israels taten es, wie der HERR Mosche und Aharon geboten hatte, so taten sie.
וַיְהִי בְּעֶצֶם הַיּוֹם הַזֶּה הוֹצִיא יְהוָה אֶת־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם עַל־צִבְאֹתָם׃
wajhí be'ézem hajom hassé hozí adonáj et-benéj jisraél me'érez mizrájim al-ziw'otám
51 Und es geschah: In der Mitte dieses Tages führte der HERR die Söhne Israels aus dem Land Ägypten heraus in ihrem ganzen Heer (mit ihrer ganzen Ausrüstung).
Der HERR führt das Volk Israel nicht einfach in Eile heraus. Einerseits hat der Teig keine Zeit, sauer zu werden, andererseits – was den Besitz angeht, was das Vieh angeht, was das betrifft, dass Schmuck, Kleider mitgenommen werden – all das ist gesammelt, all das zieht mit den Söhnen Israels aus. Die Söhne Israels gehen schnell, aber nicht mit leichtem Gepäck. Der Höchste führt das Volk mit großem Besitz heraus, führt es mit starker Hand heraus, bei Tag, vor aller Augen, nicht verstohlen, nicht nur mit der Erlaubnis, mit dem Segen des Pharao, sondern, wie ich schon gesagt habe, mit der Bitte, ihn selbst zu segnen. Faktisch stellt der Pharao Israel Diplomatenpässe aus. Der Pharao verliert, wie es auch zu erwarten war, die Schlacht mit dem Höchsten.
Gegenwart
Schemot 13,1–16
Mit Gottes Hilfe schließen wir heute miteinander das Studium des Wochenabschnitts Bo ab und werden ab Vers 1 von Kapitel 13 lesen. Wir lesen weiter vom Auszug des Volkes aus Ägypten und von der historischen Bedeutung dieses Ereignisses für das ganze Volk.
וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר׃
wajdabbér adonáj el-mosché lemór
1 Und der HERR redete zu Mosche und sprach:
קַדֶּשׁ־לִי כָל־בְּכוֹר פֶּטֶר כָּל־רֶחֶם בִּבְנֵי יִשְׂרָאֵל בָּאָדָם וּבַבְּהֵמָה לִי הוּא׃
kaddesch-lí chol-bechór péter kol-réchem biwné jisraél ba'adám uwabbehemá li hu
2 „Heilige mir jeden Erstgeborenen, der als Erster aus jeder Gebärmutter schlüpft unter den Söhnen Israels (das heißt die Jungen), vom Menschen und vom Vieh, Mir gehört er.“
Lasst uns beim ersten Wort heilige (kadésch) stehen bleiben. Das Wort kadósch (heilig) ist mit dem Wort kódesch (Heiligkeit) verbunden, lekadésch – heiligen, es bedeutet absondern: „Sondere ihn für Mich ab.“ Wir kennen die Geschichte von Chana (1. Schmu'el 1,27–28), die betete und versprach, dass ihr Erstgeborener dem Höchsten abgesondert sein werde, und im Alter von drei Jahren brachte sie ihn in den Tempel. Der Höchste gebietet hier, dass jeder Erstgeborene bei den Söhnen Israels Ihm geweiht sei, für Ihn abgesondert. Wir können keine Pläne schmieden, wie es vielleicht beim Volk üblich war: Dieser wird mich im Alter ernähren, dieser wird mich damit erfreuen, dass er Anwalt, Zahnarzt wird, meine Träume verwirklicht. Nein, dieser Junge, der Erstgeborene, ist vom allerersten Tag seines Lebens an dem HERRN geweiht, zum Dienst für den Höchsten bestimmt, abgesondert für den Dienst im Zelt der Begegnung, dann im Tempel und so weiter. Heute geschieht das nicht, weil der Höchste auch das Gebot der Auslösung der Erstgeborenen gegeben hat. Und darüber werden wir in unserem Gespräch auch sprechen, wir werden auch zu diesem Gebot kommen.
Der als Erster aus jeder Gebärmutter schlüpft – eine sehr wörtliche medizinische Beschreibung. Am Ausgang der Gebärmutter gibt es eine Stelle, die „äußerer Muttermund“ heißt, sie verändert bei der ersten Geburt ihre Form, das Kind schlüpft gleichsam aus ihr heraus, und ihre ursprüngliche Form stellt sich nicht mehr wieder her. So stellt man eigentlich fest, ob eine Frau geboren hat oder nicht. Und eben der Durchgepickte, Ausgeschlüpfte – das ist genau der Erstgeborene, der, der gleichsam das Ei von innen zerbrochen hat. Und das bezieht sich auf den Erstgeborenen der Frau, das heißt das erste Kind, das eine bestimmte Frau geboren hat, und das erste Kind, das einem bestimmten Mann geboren wurde: der erste Sohn, wenn er als Erster der Frau geboren wurde, und der erste Sohn, wenn er dem Mann geboren wurde. Wenn als Erstes eine Tochter geboren wurde, dann gibt es keinen Erstgeborenen in der Familie.
Der Erstgeborene steht vollständig im Dienst des Höchsten. Man darf ihn nicht bitten, schnell Brot holen zu laufen, den Zaun zu streichen oder sonst etwas, er ist vollständig dem Höchsten geweiht als ein für den Höchsten Gebannter (davon darf man nichts nehmen), und man darf ihn nur in Heiligkeit im Tempel einsetzen. So lautet das ursprüngliche Gebot.
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה אֶל־הָעָם זָכוֹר אֶת־הַיּוֹם הַזֶּה אֲשֶׁר יְצָאתֶם מִמִּצְרַיִם מִבֵּית עֲבָדִים כִּי בְּחֹזֶק יָד הוֹצִיא יְהוָֹה אֶתְכֶם מִזֶּה וְלֹא יֵאָכֵל חָמֵץ׃
wajomér mosché el-ha'ám sachór et-hajom hassé aschér jezatém mimmizrájim mibbét awadím ki bechósek jad hozí adonáj etchém missé weló je'achél chaméz
3 Und Mosche sprach zum Volk: „Denke an diesen Tag, an dem ihr aus Ägypten ausgezogen seid, aus dem Haus der Knechtschaft, denn mit der Kraft der Hand hat der HERR euch von hier herausgeführt, und ihr werdet nichts Gesäuertes essen.
Was ist der Zusammenhang, und was bedeutet das alles? Hier gibt es ein Gebot – ständig an diesen Tag zu denken, ständig daran zu denken, dass der Höchste uns schon mit der Kraft Seiner Hand herausgezogen hat. Jahr für Jahr erinnern wir uns an Pessach daran, und wir sagen uns vom alten Sauerteig los, bereiten uns auf die Erneuerung vor, bereiten uns darauf vor, alles Alte wegzuwerfen, was uns zurückzieht, was uns zurückbringt. Jedes Jahr gibt es eine Erneuerung.
Und weiter lesen wir einen erstaunlichen Vers. Man könnte meinen, er hat einen sehr einfachen Sinn, aber der Vers ist erstaunlich. Hier sagt Mosche:
הַיּוֹם אַתֶּם יֹצְאִים בְּחֹדֶשׁ הָאָבִיב׃
hajom attém joze'ím bechódesch ha'awíw
4 Heute zieht ihr aus im Monat des Frühlings.
Alles davor, alle Gespräche, alles geschieht entweder in der Zukunftsform oder in der Vergangenheitsform: und er sprach, und er tat, und ihr werdet kommen, und ihr werdet sagen. Und nur in diesem Vers geschieht die Handlung in der Gegenwartsform: heute zieht ihr aus, das ist für euch nach wie vor aktuell. Heute zieht ihr aus, heute ziehe ich aus, heute ziehen wir aus, sie ziehen aus. Nun, und jene – ziehen nicht aus, weil sie nicht wollten. Der Monat awíw – der Monat, in dem die Knospen aufzubrechen beginnen, in diesem Monat ziehen wir aus. Es gibt eine Erneuerung des Jahres, es gibt eine Erneuerung bei uns, es gibt eine Erneuerung der Menschheit. Wir müssen daran denken, dass der Höchste fähig ist, mächtig ist, uns zu erneuern, zu befreien, zu heilen, all das ist schon in Ägypten geschehen, und all das ist die Kraft des Höchsten. Das bedeutet, dass der Höchste an uns interessiert ist, dass wir Ihm wichtig sind, dass Er in uns wirkt und dass Er fähig ist, uns zu befreien. Er wird uns nicht zur Wiederverwertung wegwerfen, Er wird sich nicht von uns lossagen wie von irgendwelchen verdorbenen und keine neuen machen, nein. Er wird uns herausführen, uns retten, uns erlösen. Er ist der Retter, Er ist der Erlöser, so ist Seine Natur. Und das ist das, womit Mosche sein Gespräch mit dem Volk beginnt.
וְהָיָה כִי־יְבִיאֲךָ יְהוָה אֶל־אֶרֶץ הַכְּנַעֲנִי וְהַחִתִּי וְהָאֱמֹרִי וְהַחִוִּי וְהַיְבוּסִי אֲשֶׁר נִשְׁבַּע לַאֲבֹתֶיךָ לָתֶת לָךְ אֶרֶץ זָבַת חָלָב וּדְבָשׁ וְעָבַדְתָּ אֶת־הָעֲבֹדָה הַזֹּאת בַּחֹדֶשׁ הַזֶּה׃
wehajá chi-jewi'achá adonáj el-érez hakkena'aní wehachittí weha'emorí wehachiwwíIn der russischen Umschrift fehlt beim Gottesnamen das j am Ende, und beim Namen der Hiwiter steht eine Silbe zu viel. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. wehajwussí aschér nischbá la'awotécha látet lach érez sawát chaláw udwásch we'awadtá et-ha'awodá hassót bachódesch hassé
5 Und es wird sein, wenn der HERR dich in das Land der Kanaaniter bringt und der Hethiter und der Amoriter und der Hiwiter und der Jewusiter, von dem Er deinen Vätern geschworen hat, es dir zu geben, in das Land, das von Milch und Honig fließt (wir haben viel über diesen Begriff gesprochen), und du wirst diesen Dienst verrichten in diesem Monat.
Vor allem: welchen Dienst? „Zieh aus Ägypten aus, denke daran, dass der HERR dich herausgeführt hat“ – das ist der Anfang des Dienstes, weiter – die Formen dieses Dienstes.
שִׁבְעַת יָמִים תֹּאכַל מַצֹּת וּבַיּוֹם הַשְּׁבִיעִי חַג לַיהוָה׃
schiw'át jamím tochál mazzót uwajom haschewi'í chag ladonáj
6 Sieben Tage wirst du Mazza essen (ungesäuerte Brote), am siebten Tag – ein Fest dem HERRN.
מַצּוֹת יֵאָכֵל אֵת שִׁבְעַת הַיָּמִים וְלֹא־יֵרָאֶה לְךָ חָמֵץ וְלֹא־יֵרָאֶה לְךָ שְׂאֹר בְּכָל־גְּבֻלֶךָ׃
mazzót je'achél et schiw'át hajamím welo-jera'é lechá chaméz welo-jera'é lechá se'ór bechol-gewulécha
7 Mazza werdet ihr sieben Tage essen, und das Gesäuerte und der Sauerteig werden sich dir nicht zeigen (werden dir nicht sichtbar sein) in all deinen Grenzen.
Das heißt, man muss alles Gesäuerte entfernen. Es nicht nur nicht essen, sondern es auch nicht sehen, es überhaupt aus dem Bestand entfernen, es über die Grenzen seines Lagers hinaus entfernen, aus all deinen Grenzen alles Gesäuerte und den Sauerteig selbst entfernen.
וְהִגַּדְתָּ לְבִנְךָ בַּיּוֹם הַהוּא לֵאמֹר בַּעֲבוּר זֶה עָשָׂה יְהוָה לִי בְּצֵאתִי מִמִּצְרָיִם׃
wehiggadtá lewinchá bajom hahú lemór ba'awúr se assá adonáj li bezetí mimmizrájim
8 Und du wirst deinem Sohn an jenem Tag sagen und sprechen: „Um dessentwillen hat der HERR an mir gehandelt, als ich aus Ägypten auszog.“
Das ist das, was wir den Kindern erzählen müssen: „Dieser Dienst ist nicht nur zur Erinnerung daran, dass damals meine Väter, mein Urgroßvater, der Ururgroßvater meines Ururgroßvaters aus Ägypten auszogen. Dieser Dienst ist dazu da, sich daran zu erinnern, was der HERR mir getan hat, als ich aus Ägypten auszog. Und um so sagen zu können und nicht zu lügen, um nicht in Parolen zu reden, um unsere Kinder nicht zu betrügen, müssen wir wirklich den Auszug aus Ägypten vollziehen, schauen, wo uns was festhält, wo uns was fesselt. Nicht in Parolen sagen, dass wir von allem befreit sind, wir frei sind, wir unter nichts stehen, sondern uns wirklich prüfen. Wie frei sind wir für den Dienst für den Höchsten? Wie weit können wir dem Höchsten folgen, und was hält uns fest? Bewahren wir diese Treue, wenn wir Auto fahren und uns jemand geschnitten hat? Sind wir darin frei? Sind wir frei, wenn uns jemand betrogen hat, jemand unseren Erwartungen nicht entspricht? Kurz, jeder hat seine eigene Prüfung.
וְהָיָה לְךָ לְאוֹת עַל־יָדְךָ וּלְזִכָּרוֹן בֵּין עֵינֶיךָ לְמַעַן תִּהְיֶה תּוֹרַת יְהוָה בְּפִיךָ כִּי בְּיָד חֲזָקָה הוֹצִאֲךָ יְהוָֹה מִמִּצְרָיִם׃
wehajá lechá le'ót al-jadechá ulsikkarón ben enécha lemá'an tihje torát adonáj befícha ki bejád chasaká hozi'achá adonáj mimmizrájim
9 Und dies wird dir ein Zeichen sein an deiner Hand, zwischen deinen Augen, damit in deinem Mund das Wort des HERRN (die Tora) sei, denn mit starker Hand hat dich der HERR aus Ägypten herausgeführt.
Die Weisen leiten daraus die Gebote über das Anlegen der tfillín ab. Aber wir sprechen jetzt hier vom einfachen Sinn. Der einfache Sinn ist folgender: „In jeder deiner Handlungen, in allem, was du tust, denke daran, dass der Höchste Gott ist, der von allen Abhängigkeiten Befreiende, Gott, der Freiheit Bringende. Das bedeutet, dass Er daran interessiert ist, dass andere befreit werden: Trage das mit jeder Handlung deiner Hand. Wenn du dich bei irgendeiner deiner Taten leiten lässt, entscheidest, welche Tat du begehen sollst, dann schau, welche Wirkung der Höchste in der Welt hervorbringt. Gibt das Freiheit oder Versklavung? Bringt das anderen Menschen Freiheit oder macht es sie abhängig? Bringt es sie dem Höchsten näher oder entfernt es sie von Ihm?“
Zwischen deinen Augen – das wird in der alten Überlieferung als über dem Kopf verstanden, als eine Art eigentümliche Antenne, als das, wie wir die Welt wahrnehmen. Und zugleich ist das für uns auch wie eine Brille, wie das, wodurch wir auf die Welt schauen. Wir schauen auf die Welt durch den Auszug aus Ägypten, dadurch, dass der Schöpfer, unser Gott – Er der Befreier ist. Und nicht nur Befreier, sondern Er hat eine Absicht, Er hat einen Plan, Sein Name ist der HERR, der die Versprechen Erfüllende, Er hat eine Absicht und einen Plan. Dadurch schauen wir auf die Welt, daran denken wir ständig.
Wozu ist das nötig? Wenn wir nach der Tora handeln und die Welt nach der Tora wahrnehmen, nur dann wird in unserem Mund das Wort der Tora sein. Nur dann werden wir sowohl reden als auch lehren als auch dem Sohn antworten können nach der Tora. Dann werden wir sagen: „Um dessentwillen hat der Höchste mich aus Ägypten herausgeführt.“
Wir alle sind Krieger des Höchsten, Befreiungskrieger. Deshalb musst du wissen, wo du dich um Befreiung bemühst, wo du um der Befreiung anderer willen handelst, um andere dem Höchsten näherzubringen, um eben dieses Verständnis zu verbreiten, um von der Rettung zu erzählen, vom Auszug aus Ägypten; da wirkt auch die starke Hand des Höchsten.
וְשָׁמַרְתָּ אֶת־הַחֻקָּה הַזֹּאת לְמוֹעֲדָהּ מִיָּמִים יָמִימָה׃
weschamartá et-hachukká hassót lemo'adá mijamím jamíma
10 Und du wirst dieses Gesetz bewahren zu seinen Zeiten von Tag zu Tag.
Jedes Jahr von Tag zu Tag muss man das erneuern. Mijamím jamíma (von Tag zu Tag) – das bedeutet, das ständig, konsequent, Mal für Mal zu wiederholen. Es ist unmöglich, das zehnmal zu tun und es zu lernen, zwanzigmal und es zu lernen, wir können in uns keinen Reflex ausbilden. Nein, wir müssen uns ständig darin unterweisen, müssen das ständig wiederholen.
וְהָיָה כִּי־יְבִאֲךָ יְהוָה אֶל־אֶרֶץ הַכְּנַעֲנִי כַּאֲשֶׁר נִשְׁבַּע לְךָ וְלַאֲבֹתֶיךָ וּנְתָנָהּ לָךְ׃
wehajá ki-jewi'achá adonáj el-érez hakkena'aní ka'aschér nischbá lechá wela'awotécha untaná lach
11 Und es wird sein, wenn der HERR dich in das kanaanäische Land bringt, von dem Er geschworen hat (das Er versprochen hat), dir und deinen Vätern, und es dir gibt,
וְהַעֲבַרְתָּ כָל־פֶּטֶר־רֶחֶם לַיהוָֹה וְכָל־פֶּטֶר שֶׁגֶר בְּהֵמָה אֲשֶׁר יִהְיֶה לְךָ הַזְּכָרִים לַיהוָה׃
weha'awartá chol-peter-réchem ladonáj wechol-péter schéger behemá aschér jihjé lechá hassecharím ladonáj
12 Und du wirst jeden aus der Gebärmutter Schlüpfenden (jeden Erstgeborenen) dem HERRN zuführen, und bei allen Tieren (bei all deinem Vieh), die du haben wirst, die Männchen (männlichen Geschlechts) – dem HERRN.
וְכָל־פֶּטֶר חֲמֹר תִּפְדֶּה בְשֶׂה וְאִם־לֹא תִפְדֶּה וַעֲרַפְתּוֹ וְכֹל בְּכוֹר אָדָם בְּבָנֶיךָ תִּפְדֶּה׃
wechol-péter chamór tifdé wesé we'im-ló tifdé wa'araftó wechól bechór adám bewanécha tifdé
13 Jeden Erstgeborenen des Esels aber löse mit einem Lamm aus, und wenn nicht, dann dreh ihm den Kopf um; und jeden menschlichen Erstgeborenen, von deinen Söhnen, kaufe los.
Der Esel hat in diesem Fall einen besonderen Status. Obwohl der Esel ein unreines Tier ist, sehen wir, dass er sehr viel am Leben der Patriarchen teilnimmt, er ist ein treuer Begleiter des Patriarchen und Begleiter jeder Erlösung: Mosche reitet auf einem Esel, der Maschiach zieht auf einem Esel in Jerusalem ein. Und der Esel ist ein Freund des Menschen (wie auch der Hund), deshalb hat er einen ein bisschen anderen Status, man kann ihn ebenfalls auslösen, wie auch den Erstgeborenen des Menschen. Und wenn man ihn nicht auslöst, dann musst du ihn irgendwie töten, weil er dir sowieso nicht dienen wird. Einerseits ist er ein Erstgeborener, und er gehört gewissermaßen dem HERRN, andererseits ist er unrein. Er befindet sich auf so einem neutralen Gebiet, man kann ihn nur auslösen oder umbringen. Heute (und überhaupt von Generation zu Generation) ist es üblich auszulösen, das geschieht mit einer sehr schönen Prozedur. Ein seltenes Gebot, das man erfüllen und dessen Erfüllung man ansehen kann.
Zu der Zeit, als es noch keine Kohanim gab, als die Kohanim noch nicht für den Dienst abgesondert waren, brachte man Geld in den Tempel als Lösegeld für die Seele des Erstgeborenen, damit er sowohl für die Familie als auch für die Sippe leben konnte, damit er nicht nur auf jener Seite war, auf der Seite des Höchsten, sondern wie eine Leiter war, die den Höchsten und die Familie verbindet, in der er geboren wurde. Und damit er in sich Himmlisches und Irdisches für seine Familie verband, ein Geschenk des Höchsten für die Familie war, löst man ihn für fünf séla aus (oder heilige Schekel, 20 Gera im Schekel), darüber lesen wir im Buch Bemidbar (3,47). Heute ist die Tradition so, dass man den Erstgeborenen beim Kohen auslöst. Fünf séla – das sind irgendwo um die siebzig Gramm Silber.
Es gibt verschiedene Ansichten gläubiger Menschen zum Thema, auslösen oder nicht auslösen. Es gibt diejenigen, die sagen, dass für uns schon alles bezahlt ist, wir werden bei niemandem etwas auslösen, alles gehört schon uns. Ich weiß nicht, wer wen vom Dienst für den Höchsten losgekauft hat und wie so etwas sein kann.
Da ich der Abstammung nach Kohen bin, muss ich oft das Lösegeld für einen Erstgeborenen entgegennehmen, dieses Geld wird bei mir für irgendwelche Dienste zurückgelegt. Wenn irgendwelche Leute diesen Beitrag für die Auslösung der Seele geben wollen, dann erhalte ich von den Leuten Zeugnisse großer Segnungen, die sie im Leben sehen, wenn sie den Erstgeborenen auslösen. Und ich kann sagen, dass das eine Frucht hat. Ich will nicht sagen (Gott bewahre, das ist nicht so), dass derjenige, der nicht ausgelöst ist, unter einem Fluch steht. Wir verfluchen niemanden, und selbstverständlich lebt ein Mensch, der nach dem Glauben handelt, auch nach seinem Glauben. Aber diejenigen, die ausgelöst haben, diejenigen, die das getan haben, sich an die Kohanim gewandt und die Auslösung des Erstgeborenen vollzogen haben, viele von ihnen sprechen von dem Segen, den sie im Leben als Ergebnis davon gesehen haben. Wie schon gesagt, es geht um den Wert von siebzig Gramm Silber. Oft, wenn ich mich mit Leuten treffe, wenn das persönlich geschieht, schenke ich ihnen einfach zuerst dieses Geld. Ich sage: „Das ist ein Geschenk für euch, damit ihr auslösen könnt“, damit es nicht so aussieht, als ob ich irgendwie daran verdiene, Gott bewahre. Es gibt Leute, die einfach spenden wollen, und das ist auch wunderbar.
וְהָיָה כִּי־יִשְׁאָלְךָ בִנְךָ מָחָר לֵאמֹר מַה־זֹּאת וְאָמַרְתָּ אֵלָיו בְּחֹזֶק יָד הוֹצִיאָנוּ יְהוָה מִמִּצְרַיִם מִבֵּית עֲבָדִים׃
wehajá ki-jisch'alechá winchá machár lemór ma-sót we'amartá eláw bechósek jad hozi'ánu adonáj mimmizrájim mibbét awadím
14 Und wenn es sein wird, wenn dich der Sohn morgen fragt: „Was ist das?“ Du sollst ihm sagen (erzählen): „Mit starker Hand hat uns der HERR aus Ägypten herausgeführt, aus dem Haus der Knechtschaft.
Der Sohn, der noch nicht recht versteht, was da überhaupt geschieht, wird fragen: „Was ist das?“ Wiederum haben wir davon gesprochen, dass in der Tora sehr vieles auf dem Gespräch aufgebaut ist. Die Tora fördert das Gespräch des Vaters mit dem Sohn. Wenn er mich fragt, dann werde ich ihm nicht sagen: „Lies bitte das 11.–12. Kapitel des Buches Schemot und den Traktat Pesachim des Talmud und die Pessach-Haggada und noch irgendwelche Gespräche über Pessach.“ Nein, wenn mich der Sohn fragt: „Ma-sót?“, muss ich ihm sagen, muss ich ihm erzählen, ich beziehe ihn hier ein: „Dich und mich hat der HERR mit starker Hand aus dem Haus der Knechtschaft herausgeführt.“ Ich muss das dem Sohn wiederholen, der Sohn muss es von mir hören, von seinem Papa, und jeder von uns muss es seinen Söhnen wiederholen. Das ist ein Gebot. Das mündliche Gespräch ist wichtiger als das Lesen der Schrift. Wir fürchten oft, dass wir etwas falsch nacherzählen, Gott bewahre, vom Text der Synodalübersetzung oder vom masoretischen Original abweichen, aber die Tora selbst gebietet, dass wir unser Zeugnis geben.
וַיְהִי כִּי־הִקְשָׁה פַרְעֹה לְשַׁלְּחֵנוּ וַיַּהֲרֹג יְהוָֹה כָּל־בְּכוֹר בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם מִבְּכֹר אָדָם וְעַד־בְּכוֹר בְּהֵמָה עַל־כֵּן אֲנִי זֹבֵחַ לַיהוָה כָּל־פֶּטֶר רֶחֶם הַזְּכָרִים וְכָל־בְּכוֹר בָּנַי אֶפְדֶּה׃
wajhí ki-hikschá far'ó leschallechénu wajaharógIn der russischen Umschrift endet das Wort für „und er tötete“ auf ein t statt auf ein g. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: wajaharóg. adonáj kol-bechór be'érez mizrájim mibbechór adám we'ad-bechór behemá al-kén aní sowéach ladonáj kol-péter réchem hassecharím wechol-bechór banáj efdé
15 Und es geschah, als es dem Pharao schwerfiel, uns ziehen zu lassen, und der Höchste alle Erstgeborenen im Land Ägypten tötete, vom Erstgeborenen des Menschen bis zum Erstgeborenen des Viehs, und deshalb bringe ich dem HERRN jeden die Gebärmutter Öffnenden von den Männchen als Opfer dar, jeden Erstgeborenen von meinen Söhnen aber werde ich auslösen.
Selbstverständlich opfern wir, Gott bewahre, keine Kinder, deshalb lösen wir sie aus.
Und mit Vers 16 endet eigentlich der Wochenabschnitt Bo:
וְהָיָה לְאוֹת עַל־יָדְכָה וּלְטוֹטָפֹת בֵּין עֵינֶיךָ כִּי בְּחֹזֶק יָד הוֹצִיאָנוּ יְהוָה מִמִּצְרָיִם׃
wehajá le'ót al-jadechá ultotafót ben enécha ki bechósek jad hozi'ánu adonáj mimmizrájim
16 Und das wird ein Zeichen sein an deiner Hand (darüber haben wir schon gelesen), totafót zwischen deinen Augen: Mit starker Hand hat Er uns aus Ägypten herausgeführt.
Es gibt sehr viele verschiedene Versionen zum Wort totafót, es ist hier einzigartig. Die Frauen hatten einen Schmuck, der von der Mitte der Stirn zur Nase herabhing, so ein eigentümliches Anhängsel, das man an die Stirn hängte. In Ägypten hieß er totafót, gewissermaßen ebenfalls ein GPS in der geistlichen Welt. Und die Brille, das, wodurch wir die Welt wahrnehmen, unser Kompass, unser Richtungsanzeiger – das ist die Tora, das ist das Handeln des Höchsten aus Gnade an uns, dass Er unsere Erstgeborenen nicht vernichtet hat, dass wir die Möglichkeit haben, sie auszulösen, und die Möglichkeit der Rettung haben, des Auszugs aus Ägypten für das ganze Volk. Darin liegt das Wesen der Natur des Höchsten, und Er beginnt, sich dem Volk als Erlöser zu offenbaren, als der Fähige, Starke und Willige, von allem Bösen, von aller Versklavung zu erlösen.
Unsere Erinnerung, das Wesentliche in unserem Glauben – das ist, dass der HERR uns gerettet hat, dass wir gerettet sind, wir in Sein Volk aufgenommen sind, ein Teil Seines Volkes geworden sind, auch durch den Maschiach. Und alle, die aufgenommen sind, die diesen Weg betreten haben, führt der HERR. Er ist stark genug, zu nehmen, hinzuführen, in das Land der Ruhe hineinzuführen. Wir haben den stärksten, den herrlichsten, den größten Trainer und Lehrer, und Er wird uns zur Heiligkeit führen und wird uns dahin führen, dass wir Ihm alle geweiht sein werden.
Das Gespräch begann damit, dass Mosche zum Pharao kam und sagte: „Mein Erstgeborener ist Israel, lass meinen Erstgeborenen ziehen, sonst werde Ich deinen Erstgeborenen töten.“ Und dieser ganze Streit drehte sich die ganze Zeit weiter um die Erstgeborenen. Und der Höchste bezeugte der ganzen Welt: „Mein Erstgeborener ist Israel, und die Erstgeborenen gehören Mir.“ Wie das Volk Israel abgesondert ist, so werden auch die Erstgeborenen abgesondert, aber es gibt die Möglichkeit der Auslösung. Mit Gottes Hilfe werden wir noch darüber sprechen, wenn wir das Buch Bemidbar studieren.
Der Mensch und der Pharao
An der Überschrift unseres Teils aus dem Wochenabschnitt Bo sieht man, dass ich über den Pharao sprechen wollte, dass ich die Gestalt des Menschen vermenschlichen wollte, der zur Zeit des Auszugs des Volkes Israel König von Ägypten war. Ich habe die Tautologie „die Gestalt des Menschen vermenschlichen“ nicht umsonst gebraucht: Die Sache ist die, dass man den Pharao als Menschen in der Tora sehr schwer erkennen kann. Er wirkt wie irgendeine erbärmliche Karikatur eines Menschen, eine Karikatur, der jede Individualität, jede Persönlichkeit fehlt. Wie irgendeine Puppe, die über die Hand des Höchsten gestülpt ist, handelt er wie ein Mensch, dem der freie Wille genommen ist, ganz und gar nicht aus sich selbst heraus. Und ich möchte verstehen – ein wenig, wenn man so sagen kann, an diese Puppe klopfen und fragen, ob da jemand Lebendiges ist, ob da jemand drinnen ist, jemand Menschliches hinter diesem Bild des Pharao, das in der Tora gezeichnet wird, und was das für uns bedeutet, was wir für uns aus diesem vermenschlichten Bild des Pharao lernen können.
Beginnen wir vielleicht mit einem anderen, „nichtmenschlichen“ Bild des Pharao (7,14–15): „Und der HERR sprach zu Mosche: ‚Hartnäckig ist das Herz des Pharao, er will das Volk nicht ziehen lassen. Geh zum Pharao am Morgen, siehe, wie er zum Wasser hinausgeht, stell du dich ihm gegenüber am Ufer des Flusses, und den Stab, der sich in eine Schlange verwandelte, nimm in deine Hand.‘“ Die Kommentatoren erklären, wozu der Pharao am Morgen zum Wasser hinausgeht, so: „Der Pharao erklärt sich selbst zum Gott, er ist kein Mensch, er ist ein Gott. Ein Gott hat natürlich keinerlei Bedürfnisse, keinerlei Nöte. Also ist er gezwungen, seine Bedürfnisse zu verbergen, und deshalb geht er vor dem Morgengrauen zum Nil hinaus, um seine menschlichen Bedürfnisse zu verrichten.“ Natürlich ist das nur ein Midrasch, aber dass der Pharao sich zum Gott erklärt, sagt auch der Prophet Jecheskel im 29. Kapitel, Vers 3: „So sprach der HERR: ‚Siehe, Ich bin gegen dich, Paro, König von Mizrajim, du großes Krokodil, das inmitten seiner Flüsse liegt, das gesagt hat: „Mir gehört mein Fluss, und ich habe mich (selbst) erschaffen.“‘“ Der Pharao, der sich selbst erschaffen hat, kann natürlich nicht seine Notdurft verrichten gehen, deshalb ist er gezwungen, sich zu verstecken, wenn er es tut. Und in diesem Zusammenhang wirkt es tragikomisch, dass da der Pharao am Morgen zum Fluss geht, er hat endlich den Moment abgewartet, in dem er sich sein physiologisches Dasein erleichtern kann, und in diesem Moment fängt ihn Mosche ab und hält irgendeine lange Rede. Wäre das nicht der Pharao, täte einem dieser Mensch sogar leid, der sich für einen Gott hält und gezwungen ist, dem zu entsprechen, was er auf sich genommen hat.
Was kann das für uns bedeuten? Wie oft setzt sich jeder von uns irgendeine hohe Messlatte und versucht – nein, nicht sie zu erreichen, nicht zu ihr heranzuwachsen, sondern so zu tun, als entspräche er dieser Messlatte. Wir können uns als unfehlbare Menschen ausgeben, wir können uns als sehr starke Menschen ausgeben, als sehr kluge Menschen, die kein Recht auf Schwäche haben, kein Recht auf einen Fehler, kein Recht, etwas nicht zu können. Wie viel Energie wird dafür aufgewendet, nicht zu sein, sondern zu scheinen, wer wir nicht sind, wie viel Energie verwenden wir darauf, irgendwelche unserer Schwächen, unserer Gebrechen zu verbergen. Wie viel Energie, wie viel – ich scheue dieses Wort nicht – Leben verwenden wir darauf, irgendwelche Familiengeheimnisse, Geheimnisse der Familie zu hüten. Und manchmal scheint es uns, dass, wenn wir jetzt erzählen, diese Geheimnisse teilen, die Welt einstürzt. Wenn plötzlich jemand davon erfährt, sagt er: „Na, macht nichts, das kommt im Leben vor, das ist – das Leben.“ Und indem wir dem Leben ausweichen, erklären wir uns zu denen, die wir nicht sind. Das versklavt, das nimmt gefangen, das raubt die Freiheit. Das ist das, was mit dem Pharao geschehen ist.
Wenn wir, Gott bewahre, auch die Menschen um uns herum zwingen, so zu sein, wie sie scheinen sollen – nicht so, wie sie sind, sondern so, wie sie scheinen sollen –, dann hindert das daran, das einfache Leben zu genießen. Ich begegne oft Situationen, in denen ein Mädchen oder ein junger Mann vor einer Verabredung, einer ersten Verabredung im religiösen Umfeld, mich fragen, wie sie sich verhalten sollen, welche Rolle sie sich für diese Verabredung zulegen sollen. Man muss keine Rolle mitnehmen – sei du selbst. Wenn du fröhlich bist, sei fröhlich, wenn du still bist, sei still, wenn du ein Anführer bist, sei ein Anführer, wenn du eine Geführte bist, sei eine Geführte, jeder nach seinem Charakter. Man muss nicht damit anfangen, dass wir jemand scheinen wollen. Das ist das, was den Pharao gefangen genommen hat, das, was ihn eigentlich zur Puppe an der Hand des Höchsten gemacht hat.
Und schaut jetzt, wie sehr Mosche als Mensch das direkte Gegenteil des Pharao ist, als der Höchste sich an ihn wendet und versucht, ihm die zu jenem Zeitpunkt wichtigste Mission der Geschichte aufzubürden. Niemand vor ihm war einer so wichtigen Mission gewürdigt worden. Mosche sagt nicht: „Oh, wie toll, ich habe gerade alle Führungsqualitäten, ich bin der Geeignetste. Ich schreibe jetzt gleich einen Lebenslauf für die Stelle des Führers des Volkes Israel und führe darin alle Punkte, alle Führungsqualitäten auf.“ Mosche schreibt dem Höchsten einen Anti-Lebenslauf. Er sagt: „Ich bin kein redegewandter Mensch, ich bin schwer von Mund, schwer von Zunge, ich bin der für diese Stelle ungeeignetste Mensch.“ Nein, er denkt sich das nicht aus, er spricht von seinen wirklichen Mängeln, er beschreibt, was er ist. Aber die Aufgabe ist hier wiederum, nicht auf andere Weise ins „Pharaonentum“ abzurutschen, das heißt, sich ein schlechtes Bild auszudenken und zu sagen: „Wie unwürdig ich bin, wie schwach ich bin, wie dumm, begriffsstutzig, unehrlich ich bin und so weiter.“ Nein, in diese Richtung zu täuschen ist auch nicht nötig. Mosche sagt die Wahrheit über sich, zählt seine Mängel auf, und das zeugt von der Menschlichkeit Mosches.
In diesem Zusammenhang gibt es einen sehr interessanten Moment in der Tora, im 6. Kapitel unseres Buches Schemot. Als Mosche sich anschickt, zum Pharao zu gehen, unterbricht die Tora plötzlich unerwartet die Geschichte über Mosche und beginnt einen Bericht über seine Abstammung (6,14): „Dies ist das Haupt ihrer Vaterhäuser …“, und weiter (6,20): „Amram nahm Jochewed, seine Tante, sich zur Frau, und sie gebar ihm Aharon und Mosche. Und die Lebensjahre Amrams – 137 Jahre.“ Zu dem Zeitpunkt, als wir Mosche begegneten, wussten wir (aus 2,1), dass jemand ohne Namen, aus dem Stamm Lewi, mit Familiennamen Lewi, hinging und sich eine Frau aus demselben Stamm nahm, aber wir wussten nichts über die Herkunft Mosches. Und hier jetzt, da Mosche die Mission auf sich nimmt, erzählt die Tora von seiner menschlichen Herkunft: Sieh, da ist der Mensch Mosche, ein Mensch, dem nichts Menschliches fremd ist, mit all seinen menschlichen Mängeln. Gerade dieser Mensch geht und erfüllt eine göttliche Mission. Und, wie wir in unserem Wochenabschnitt lesen, nimmt er den Stab mit, das Werkzeug der Zeichen des Höchsten, das heißt, der Höchste überträgt Seine Macht einem Menschen, mit all seinen menschlichen Mängeln.
Und da trifft dieser Mensch, ausgestattet mit göttlicher Macht, hier am Ufer des Nils auf den Pharao, der sich zum Gott erklärt und gezwungen ist, sich als Gott auszugeben. Und jetzt kann er es kaum erwarten, an Mosche vorbeizugehen, ohne seine Rede zu Ende anzuhören, schneller zum Nil zu gelangen und ein ganz physiologisches, entschuldigt schon, menschliches Bedürfnis zu verrichten. Das ist das, was in jedem von uns ist, das, was sich in jedem von uns auftun kann, wenn wir unpassende Verpflichtungen auf uns nehmen, wenn wir so aussehen, scheinen, gelten wollen wie die, die wir nicht einmal in unseren eigenen Augen sind, umso mehr in den Augen unserer Familie, Gott bewahre, in den Augen unserer Nächsten, in den Augen unserer Freunde. Und das ist das, was uns Zeit, Kraft, Energie, das Leben selbst nehmen kann. Und wenn es, wie im russischen Märchen, heißt: „Es lebte und es war einmal Alex …“, dann kann sich herausstellen, dass er zwar da war, aber gelebt hat er nicht, weil er die ganze Zeit jemand scheinen wollte.
In dieser Geschichte, in dieser Situation mit dem Pharao gibt es auch eine andere menschliche Seite. Es scheint, alle ringsum beginnen mit der Zeit zu verstehen, dass Gott in Ägypten wirkt, dass Gott Schlag um Schlag über Ägypten schickt, dass Ägypten zerstört wird. Die ägyptische Wirtschaft bricht zusammen, und man sagt dem Pharao schon: „Wie lange willst du denn noch hartnäckig bleiben? Schau doch, siehst du denn nicht, dass Ägypten zugrunde geht?“ Sieht der Pharao es denn nicht? Der Pharao sieht es! Aber es ist sehr schwer, nicht nur für den Pharao, sondern für jeden von uns, einen eigenen Fehler einzugestehen.
Erinnern wir uns an das Funktionsprinzip der sogenannten Finanzpyramiden. Wenn ein Mensch einmal Geld investiert hat, spürt er irgendwo im Unterbewusstsein, dass er Geld verliert, dass man ihn hier betrügt, aber man sagt ihm: „Investiere noch mehr Geld, um dieses Geld zu retten. Investiere noch mehr, und dann sind wir gleich, gleich so weit, jetzt muss man nur noch ein bisschen investieren. Die da, die sind alle Dummköpfe, die glauben nicht. Du glaube, du glaube und investiere, investiere, investiere, nur gib, Gott bewahre, deinen Fehler nicht zu.“ Und der Mensch investiert wieder. Wie viele Geschäftsprojekte gibt es, die zusammenbrechen, und die, die sie leiten, wollen nicht bemerken, dass sie zusammenbrechen, und investieren weiter und weiter, bis sie völlig ruiniert sind, sodass sie nichts Neues mehr anfangen können. Wie viele unserer Ideen, unserer Gedanken, irgendwelcher unserer Projekte – nein, nicht Geschäftsprojekte, sondern Lebenssituationen – zerbrechen, wenn wir nicht anhalten und eingestehen können: „Ich habe mich geirrt, ich bin ein Mensch, Irren ist menschlich: wie Mosche, der Sohn von Amram und Jochewed, so auch ich, der Sohn des Soundso und der Soundso, ein Mensch aus Blut und Fleisch, ich kann mich irren, ich habe mich geirrt. Mag ich mir, der Familie Schaden zugefügt haben, ich habe Zeit, Kraft, vielleicht Gesundheit, Geld verloren, aber jetzt halte ich an, ich werde nicht warten, bis diese Situation anwächst wie ein Schneeball.“ Es ist oft sehr schwer zuzugeben, dass man sich irrt. Das sind vielleicht Teile ein und desselben Problems: wenn du dich zum Gott erklärst, wie der Pharao, oder wenn es dir schwerfällt zuzugeben, dass du nicht nur kein Gott bist, sondern manchmal nicht einmal sehr klug, manchmal nicht sehr gebildet, manchmal deine Kräfte falsch einschätzt.
König Schlomo hat im Buch Kohelet gesagt: „Alles hat Er schön gemacht zu seiner Zeit, ja sogar die Ewigkeit in ihre Herzen gelegt, doch so, dass der Mensch die Werke, die Gott tut, nicht ergründen kann vom Anfang bis zum Ende.“ Sehr vieles hat uns Gott gegeben, und das ist wirklich ein riesiges, riesiges Potenzial. Mit diesem riesigen Potenzial – wenn man dieses Potenzial spürt, diesen Wagemut spürt, diese Möglichkeit, sich zu bewegen, zu handeln – will man manchmal so ungern zugeben: „Ich habe mich geirrt. Ich habe ein Jahr, zwei, drei für das Falsche vergeudet. Ich habe die falsche Ausbildung gemacht, ich habe am falschen Ort Karriere gemacht. Vielleicht habe ich versucht, eine Beziehung mit dem falschen Menschen aufzubauen, vielleicht habe ich die Schrift am falschen Ort studiert, beim falschen Lehrer.“ Es ist so schwer, aufzustehen, zu sagen: „Ich habe mich geirrt!“ und zu gehen, aber damit sein Leben zu retten, den Rest zu retten, das, was übrig geblieben ist, sich selbst die Möglichkeit zu geben, sich zu verwirklichen, sein Potenzial zu verwirklichen. Und das ist schwer, wenn du einfach ein Mensch bist, wenn du einfach Alex bist, der für das Leben von Alex verantwortlich ist, wenn du einfach Boris bist, der für das Leben von Boris verantwortlich ist, und so weiter, wenn du nur für dich selbst verantwortlich bist. Es ist noch schwerer, wenn du das Oberhaupt einer Familie bist und für die Familie verantwortlich bist. Es ist schwer zu sagen: „Ich habe diese Arbeit umsonst angenommen, wir haben hier viel verloren. Ich habe umsonst beschlossen, hierher umzuziehen, wir haben hier viel verloren.“ Und es ist sehr schwer, seinen Fehler einzugestehen, wenn du der Pharao bist und sagen musst: „Dieser ganze riesige Schaden, der Ägypten zugefügt wurde, ist durch meine Schuld zugefügt worden. Ich bin schuld, dass es hier Probleme mit der Melioration, mit dem Wasser gab. Ich bin schuld, dass ein Haufen Lebensmittel von den Fröschen verdorben wurde“, und so weiter. Zuzugeben, dass du an all diesen Unglücken schuld bist, dass du die Wirtschaft des Landes zerstört hast – das, gebt zu, haben in der Geschichte nur wenige geschafft. Und natürlich ist das für den Pharao global schwer, und für uns ist es lokal schwer. Darum wenden wir uns wieder an König Schlomo, der (schon im Buch Mischle, 28,13) sagt: „Wer seine Vergehen verbirgt, wird kein Gelingen haben …“ Du wirst dich nicht bewegen können, wirst nicht glücklich sein können, wenn du etwas verbirgst, wenn du Angst hast zuzugeben, dass der Weg, den du gewählt hast, auf einem Irrtum beruht, dass du eine falsche Richtung gewählt hast. Und weiter: „… Wer aber bekennt und ablässt, der wird begnadigt werden.“ Wenn ein Mensch zugibt: „Ich habe mich geirrt, ich habe hier gesündigt, ich habe hier falsch gehandelt, bin in die falsche Richtung gegangen.“ Nein, nicht unbedingt gesündigt, das ist nicht unbedingt Sünde. Das kann einfach eine falsch getroffene Entscheidung sein, aus falschem Verständnis, aus Mangel an gesundem Menschenverstand oder aus etwas anderem. Einfach ein menschlicher Fehler, den man eingestehen muss. Und wenn wir das Wort jeruchám (wird begnadigt werden) lesen – bedeutet das, dass der Höchste einen Prozess beginnen wird. Wir haben schon mehr als einmal davon gesprochen, und in diesem Fall sind sowohl das Wort jeruchám, als auch das Wort rachamím (Barmherzigkeit) mit dem Wort réchem (Gebärmutter) verbunden. Der Höchste wird gleichsam einen Prozess beginnen, in dem der Mensch herangezogen wird (wie eine Frucht, wie ein Embryo), wird einen schwierigen Prozess seiner Berichtigung beginnen.
Wieder einmal: Warum ist das wichtig? Nicht von dem Moment an, in dem du gesagt hast: „Ich habe mich geirrt, jetzt werde ich richtig leben“, nicht von diesem Moment an wird in deinem Leben sofort alles wie geschmiert laufen, wirst du nur positive Gefühle haben und so weiter. Man muss darauf gefasst sein, dass ein langer Prozess von vielleicht kleinen Veränderungen beginnt, dessen Ergebnis ein neuer Mensch sein wird. Daran muss man glauben, darauf muss man gefasst sein. Das ist noch eine Schwierigkeit. Gut, lasst mich sagen: „Schuldig, ich bereue!“ – und die Wirtschaft Ägyptens kommt wie auf ein Fingerschnippen in Ordnung, mein Leben kommt wie auf ein Fingerschnippen in Ordnung; so funktioniert das nicht.
Gerade in solchen Situationen geraten wir selbst in die Lage des Pharao, und er kommt uns nicht mehr so tragikomisch vor, weil sich wahrscheinlich jeder in diesen Situationen irgendwo wiedererkennen kann, wenigstens teilweise, und verstehen kann, dass das gar nicht so lustig ist. Von außen betrachtet sieht das wirklich wie eine Karikatur aus, aber von innen ist es sehr traurig, schmerzhaft, betrüblich. Der Pharao ist nicht einfach so bestraft, und die Frage ist hier wahrscheinlich, wie sich diese menschlichen, diese „pharaonischen“ Eigenschaften in unserem „nichtpharaonischen“ Leben zeigen; ob wir Pharaonen sein wollen, ob wir Pharaonen bleiben wollen (wenn wir uns plötzlich als solche erwiesen haben) und in einer solchen Gestalt existieren wollen.
Das erste Gebot
Lasst uns noch ein wenig über den Wochenabschnitt Bo sprechen. Im Buch Bereschit haben wir die Geschichte von den Vätern gelesen, Awraham, Jizchak und Jaakow, der vom Höchsten den Namen Israel erhielt. In unserem Buch Schemot, im Abschnitt Bo, lesen wir die Geschichte der Söhne, der Söhne Israels (bnej Jisrael), die zum Volk Israel wurden. Und unser Wochenabschnitt ist dadurch bemerkenswert, dass in ihm der Höchste durch Mosche zum ersten Mal mit dem Volk Israel spricht und dem Volk Israel das erste Gebot gibt. Und was ist denn das für ein allererstes Gebot, das der Höchste dem Volk Israel gibt?
Das könnte ein Gebot sein wie das erste Gebot auf den Tafeln: „Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben vor Mir.“ Das könnte das Gebot der Beschneidung sein, oder über den Schabbat, oder über andere Aspekte der Beziehung zum Höchsten. Das könnten Gebote sein, die die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch bestimmen: „Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten.“ Aber es ist etwas völlig anderes. Das erste Gebot, das der Höchste dem Volk Israel gibt, lautet so (12,2): „Dieser Monat ist für euch das Haupt aller Monate. Der erste ist er unter den Monaten des Jahres.“ Wozu braucht es ein solches Gebot? Raschi schreibt am Anfang seines Kommentars zur Tora: „Rabbi Jizchak sagte: Man hätte die Tora mit (dem Vers) Dieser Monat ist für euch das Haupt der Monate beginnen sollen.“ Raschi schreibt am Anfang seines Kommentars zur Tora: „Rabbi Jizchak sagte: Man hätte die Tora mit (dem Vers) Dieser Monat ist für euch das Haupt der Monate beginnen sollen.“ Warum soll man die Tora mit irgendeiner Kalendererscheinung beginnen? Ist es nicht gleichgültig, welcher Monat der erste sein wird – nissán, der Frühlingsmonat, oder vielleicht elúl, der Sommermonat, oder tewét, der Wintermonat? Der Höchste hat, wie die Kommentatoren sagen, Mosche den neuen, entstehenden MondDas russische Wort für „Monat“ bedeutet zugleich „Mond“. Hier ist der Mond gemeint, den der Höchste Mosche zeigte; das Deutsche muss sich für eines der beiden Wörter entscheiden. gezeigt. Das Wort Monat (auf Hebräisch chódesch) kommt von derselben Wurzel wie das Wort chadásch (neu). So ist chódesch eine Erneuerung. Jeden Monat wird der Mond wieder geboren (entsteht klein), wächst, wird voll, nimmt ab (wird klein), verschwindet wieder. Der Höchste sagt: „Dieser Monat ist für euch das Haupt aller Monate des Jahres.“ Das Wort schaná (Jahr) bedeutet ständige Wiederholung von etwas. Die ganze Tora, euer ganzes Leben nach der Tora wird aus ständigen Erneuerungen bestehen. Wenn du nicht glaubst, dass du besser werden kannst, wenn du nicht glaubst, dass du dich der Heiligkeit nähern kannst, dann bist du nicht in den Geboten der Tora, erfüllst dieses allererste Gebot nicht. Und wenn ein Mensch nicht glaubt, dass er besser werden kann, wenn er ein Heide ist, dann ist es nutzlos, ihm das Gebot „Ich bin dein HERR“ zu geben. Er wird es nicht annehmen können, weil er nicht an seine Kraft glaubt, an seine Fähigkeit, sich zu verändern, an die göttliche Gabe, sich zu verändern, die ihm gegeben ist. Gerade deshalb ist das allererste Gebot, das gegeben wird: Ihr könnt euch verändern, ihr könnt euch erneuern, ihr könnt besser werden, könnt euch dem Höchsten nähern.
Interessant ist, dass der Höchste dieses Gebot gleichsam vom Thema abschweifend gibt. Der Höchste hatte begonnen, zu Mosche davon zu sprechen, dass er alle Erstgeborenen in Ägypten vernichten wird, hindurchgehen und alle Erstgeborenen vernichten und sogar über die Götter Ägyptens Gericht halten wird. Nach den Worten des Höchsten wird nicht nur der Erstgeborene des Pharao leiden – auch der Erstgeborene der Sklavin, die an der Mühle steht, wird leiden. Und man könnte meinen, das ist eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit – den Erstgeborenen der Sklavin zu bestrafen, was kann denn sie dafür? Und die Kommentatoren sagen: „Sehr oft sagen Menschen (sowohl Heiden als auch Gläubige), wenn sie sehen, dass jemandem Unheil widerfährt, irgendwelche Unglücke über einen Menschen hereinbrechen, dass Gott ihn für dies und das bestraft hat, dass unser Gott ihn bestraft hat, sein Unglück ist der Sieg unseres Gottes.“ Wenn irgendwelches Unheil herabkommt, sagen die Leute: „Das ist unser Gott, unser aztekischer Quetzalcóatl, unsere udehische Sangija-Mamá, unser Wer-auch-immer, irgendein heidnischer Gott, unser Gott bestraft ihn.“ Und die Sklaven in Ägypten, Heiden aller Sorten und aller Bezeichnungen, taten oft genau dasselbe. Und über diese Götter hält der Höchste hier Sein Gericht. Das Gericht betrifft auch die Sklavin, die an der Mühle ist, weil auch sie sich über die Siege ihres heidnischen Gottes freute; es ist ein Gericht über die Götter Ägyptens, die auch sie mit einschließen.
Was tun, wie kann man sich vor diesem Gericht retten? Die Antwort: die Herrschaft des einen Gottes anerkennen, des Gottes Israels. Darum sagt der Höchste: „Vor allem habe Ich euch die Möglichkeit gegeben, euch zu verändern. Ich bin Gott, Der will, dass der Mensch sich verändert und nicht leidet. Ich bin der Gott der Menschen, die in der Heiligkeit wachsen. Glaubt einfach, dass dieser Monat für euch der Anfang aller Monate ist, das ist eine Erneuerung für euch, der Anfang einer unendlichen Zahl von Erneuerungen.“ Jeden Tag teschuwá (Reue) zu tun – das heißt, jeden Tag in etwas einen Schritt besser zu werden. Und als Zeichen dieses Glaubens muss man ein Tier nehmen, ein Lamm (das Pessachopfer), und es in Gewahrsam geben, wie geschrieben steht (12,6): „… zur Aufbewahrung oder in Gewahrsam.“ Dasselbe Wort (lemischméret) wird verwendet, wenn der Pharao seine Diener in Gewahrsam gibt. Das Lamm in Gewahrsam nehmen (wie auch der Maschiach drei Tage vor Pessach in Gewahrsam genommen wurde), es nehmen, es aufbewahren, um es am 14. als Opfer darzubringen.
Wozu ist das Opfer nötig? Das Wort korbán (Opfer) – hat dieselbe Wurzel wie das Wort likrów (sich nähern), das heißt sich dem Höchsten nähern. Das ist die Grundlage unseres Glaubens. Wenn wir glauben, dass es Erneuerung gibt, dass es die Fähigkeit gibt, sich zu verändern, dann gibt es auch die Möglichkeit, sich dem Höchsten zu nähern. Der Höchste will uns nahebringen, will, dass wir uns Ihm nähern, und bietet uns an, Ihm zu folgen. Der Pharao sagt zu Mosche: „Ich werde dich und alle deine Anhänger ziehen lassen; nicht dein ganzes Volk, sondern alle deine Anhänger.“ Es gab viele Ägypter, die die Kraft, die Herrlichkeit des Gottes Israels erkannten, Anhänger Mosches wurden und später zusammen mit Mosche aus Ägypten auszogen. Und man kann sagen, dass ihre Erlösung damit begann, dass sie verstanden, anerkannten, dass das Leben in der Nachfolge des Höchsten eine Kette von Erneuerungen ist.
Und für uns ist das das Verständnis dessen, dass der Höchste unser Leben verändern will, dass Er diese Welt geliebt hat und dass der Glaube an Seine Liebe, er kommt vor dem Glauben an das Opfer für Ihn. Er hat diese Welt geliebt, darum hat Er Seinen eingeborenen Sohn gegeben, darum hat Er uns geboten, in der Wüste das Pessachopfer darzubringen, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht zugrunde geht, damit der Geist des Verderbens, der durch Ägypten ging, die Häuser Israels nicht berührte, jene Häuser nicht berührte, in denen man das Lamm isst. Und um zu erfahren, wie man das Lamm isst, muss man anerkennen, dass die Erneuerungen einen Anfang haben, die Erneuerungen aber kein Ende haben. Und das wird von Generation zu Generation geschehen.
Darum ist das erste Gebot der Tora kein Kalendergebot, keine astronomische Kleinigkeit, es ist der Anfang des Weges, die Bezeichnung des Namens des Weges. Gott zu folgen, vom Maschiach zu lernen – das bedeutet, sich zu verändern, sich zu erneuern, besser zu werden, jeden Tag Ihm näher zu kommen, im Glauben, in der Heiligkeit zu wachsen, seinen Verstand täglich und stündlich zu erneuern. Und das ist ein Prozess für das ganze Leben, das ist das Wesen des ersten Gebots der Tora. Es ist allumfassend, und alle übrigen Gebote sind ohne es keinesfalls möglich, weil es ohne es keine Veränderung gibt, ohne es sind wir Gefangene unseres alten, verbrauchten Selbst. Wenn Gott uns nicht verändern kann, uns nicht erneuern kann, wie Er den Mond erneuert, dann tritt völlige Hoffnungslosigkeit ein. Genau deshalb beginnt der Höchste mit diesem Gebot den Umgang mit dem Volk Israel.
Die ägyptischen Plagen damals und heute
In diesem Abschnitt möchte ich über eines der bedeutendsten historischen Ereignisse in der jüdischen Geschichte sprechen (und in der Weltgeschichte, ich scheue mich nicht, das zu sagen), nämlich über die ägyptischen Plagen. Die Geschichte der ägyptischen Plagen erstreckt sich über zwei Wochenabschnitte, über ganze zwei Wochenabschnitte aus dem Buch Schemot: Das ist der Abschnitt Wa'era und der Abschnitt Bo. Ein solches Prinzip des Lesens der Wochenabschnitte ist vor etwas mehr als tausend Jahren entstanden, genauer gesagt, hat es sich vor etwas mehr als tausend Jahren gefestigt. Davor gab es zwei Einteilungen in Wochenabschnitte. Es gab die Einteilung in Abschnitte, die im Land Israel üblich war, bei der man die Tora in dreieinhalb Jahren durchlas; und es gab eine andere Einteilung (das ist die babylonische Lesetradition), bei der man die Tora in einem Jahr durchlas. Das hing damit zusammen, dass man im Land Israel während des Lesens viel mehr Erläuterungen, Kommentare gab, viel mehr Frauen und Kinder zum Lernen herangezogen wurden, um ihnen die Tora zu erklären, deshalb war es üblich, kürzere Abschnitte zu lesen, damit man die Tora besser erklären konnte. In Babylon war das Lesen und Studieren der Tora für fortgeschrittenere Leute bestimmt, Frauen kamen selten in die Synagogen, und deshalb schaffte man es in akademischen Kreisen, die Tora in einem Jahr zu lesen. Und wenn wir also davon sprechen, dass sich bei uns das Gespräch über die ägyptischen Plagen über zwei Abschnitte erstreckt, meinen wir die babylonische Einteilung in Abschnitte, die babylonische Tradition. Diese Einteilung hat ihre Gründe, warum sieben Plagen, die sieben ersten Plagen in einem Wochenabschnitt gelandet sind, im Wochenabschnitt Wa'era, und die drei letzten Plagen – die Heuschrecken, die Finsternis und die Plage der Erstgeborenen – im folgenden Wochenabschnitt gelandet sind, im Abschnitt Bo.
Vor allem sollte man die Zweckbestimmung der Plagen anmerken, da sich die Plagen nach ihren Zwecken unterscheiden. Lasst uns auf einige Verse aus dem Wochenabschnitt Wa'era (6,2–9,35) achten.
Also, Kapitel 7, Vers 5:
„Und die Ägypter (Mizrajim) werden erkennen, dass Ich der HERR bin, wenn Ich Meine Hand über Mizrajim ausstrecke und die Söhne Israels aus ihrer Mitte herausführe.“
Und weiter, Kapitel 8, Vers 6:
„… Und er sagte: ‚Es geschehe nach deinem Wort, damit du weißt – du, Pharao, damit du weißt, dass es keinen gibt wie den HERRN, unseren Gott!‘“
Und weiter, Vers 18:
„Und Ich werde an diesem Tag das Land Goschen aussondern, auf dem Mein Volk steht, damit dort kein arów sei (Gemisch, Ansammlung von Tieren oder Hundsfliegen, wie ihr diesen arów auch nennen mögt), damit du weißt – du, Pharao, weißt, dass Ich der HERR inmitten der Erde bin!“
Und weiter, Kapitel 9, Vers 16:
„Aber dazu habe Ich dich bestehen lassen, um dir Meine Kraft zu zeigen, um Meinen Namen auf der ganzen Erde zu verkünden!“
Wir sehen im ganzen Abschnitt Wa'era, dass eine der Aufgaben der geschehenden Plagen, die Wichtigkeit dieser Aufgabe darin besteht – dem Pharao zu zeigen, wer im Haus der Herr ist. Und natürlich notieren wir uns im Kopf eine Frage: Wozu soll Gott den Pharao erziehen, der ohnehin sterben wird, dem der Tod bevorsteht (oder nicht bevorsteht, je nachdem, wie man die Midraschim betrachtet), der Tod im Meer.
Die Serie, man kann sagen, der Plagen endet mit einem Bekenntnis des Pharao, so seltsam das auch ist. Wir lesen das in Vers 27 von Kapitel 9:
„Und der Pharao sandte hin und rief Mosche und Aharon und sagte zu ihnen: ‚Ich habe diesmal gesündigt, der HERR ist gerecht, ich aber und mein Volk sind schuldig.‘“
Es hat alles sehr schön angefangen, erinnern wir uns, wie paró (Pharao) ganz am Anfang sagte: „Wer ist der HERR, dass ich Ihn kennen sollte, ich kenne keinen HERRN! Er ist nicht zu mir gekommen, hat mir keine Gaben gesandt, Er hat mich nicht gesegnet, Er hat sich mir nicht offenbart, ich kenne Ihn nicht und will Ihn nicht kennen.“ Denn er ist ja, wie wir beim Propheten Jecheskel (29,3) lesen – „der Pharao, wie ein großes Krokodil an den Ufern des Nil, das sagt: ‚Mein Nil, ich habe ihn geschaffen.‘“
Am Ende des Wochenabschnitts Wa'era aber erkennt der Pharao die Macht Gottes an, doch er erkennt nicht nur die Macht Gottes an – er erkennt seine Sünde vor diesem Gott an.
Der zweite Teil, die zweite Serie der ägyptischen Plagen beginnt damit (das ist schon der Wochenabschnitt Bo), dass sich der Höchste an Mosche wendet, in den Versen 1–2 von Kapitel 10:
„Geh hinein zum Pharao, denn Ich habe sein Herz und das Herz seiner Knechte unzugänglich gemacht, damit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte vollbringe; damit du vor den Ohren deines Sohnes und des Sohnes deines Sohnes erzählst, wie Ich Meinen Spott mit Mizrájim (Ägypten) getrieben habe, und von Meinen Zeichen, die Ich unter ihnen vollbracht habe, und damit ihr wisst, dass Ich der HERR bin.“
Das heißt, das Ziel der zweiten Serie, des zweiten Teils der Plagen, die herausgehoben, in einen eigenen Abschnitt verlegt werden, das Ziel besteht darin, dass wir etwas haben, was wir unseren Kindern und den Kindern unserer Kinder erzählen können. Und obwohl schon so viele Generationen von der Zeit Mosches bis in unsere Zeit vergangen sind, sprechen wir ständig über den Auszug aus Ägypten, erwähnen wir ständig den Auszug aus Ägypten. Und wenn wir auf die ganze Tora schauen, dann sehen wir, dass die Erschaffung der Welt nicht so oft erwähnt wird, wie der Auszug aus Ägypten erwähnt wird. Der Auszug aus Ägypten, die Befreiung der Menschheit – das ist der wichtigste Moment in der Weltgeschichte, die ganze Geschichte der Tora ist eine Geschichte der Befreiung. Der Auszug aus Ägypten ist eine typische Erzählung, das ist Bild und Wirklichkeit der Erlösung des Menschen, und die ganze Lehre vom Auszug aus Ägypten ist die Lehre von der Befreiung des Menschen aus der Macht Ägyptens.
Wir finden das in verschiedenen Midraschim, sowohl im einfachen Sinn als auch im mystischen Sinn, wenn wir sehen, dass das Wort paró (Pharao) aus denselben Buchstaben besteht wie das Wort afár (Staub). Der Staub, aus dem der Mensch geschaffen ist, der Staub, der nach dem Sündenfall zur Natur des Menschen wurde, und der Staub, der zur Speise der Schlange wurde als Strafe dafür, dass sie den Menschen verführt hatte. Das heißt, wenn man es vom Standpunkt der jüdischen Symbolik betrachtet, symbolisiert der Pharao den Staub, und einige Midraschim, einige Kommentatoren gehen weiter und sagen, dass der Pharao die Urschlange symbolisiert, jene Schlange, die den Menschen verführt hat. Das bedeutet nicht, dass er die Schlange ist, oder bedeutet nicht, dass die Schlange zum Pharao wurde, Gott bewahre, oder dass der Pharao die Schlange war. Das bedeutet, dass sie ein und dieselbe Kraft darstellen.
Noch ein Verständnis des Pharao, über das wir irgendwann schon gesprochen haben: Das Wort paró kann man als pe ra'á (böser Mund) erklären.
Der Pharao sagt zu Mosche in unserem Wochenabschnitt Bo, in Vers 10 von Kapitel 10:
„…Wohin ihr geht, nur Böses ist vor euch!“
Eine der Erscheinungsformen des Pharao als pe ra'á (böser Mund) – ist, dass er sagt: „Ihr werdet euch nicht befreien können, ihr werdet nirgendwohin ausziehen, nichts Gutes wird aus euch werden.“
Wir haben ein Gebot, es ist wie eine Unterweisung der Weisen, aber wir können es auch in der Tora sehen: Wir sprechen davon, dass sich der Auszug aus Ägypten in der Geschichte ständig wiederholt. Die Weisen sagen, dass in jeder Generation der Mensch sich so sehen muss, als ob er selbst aus Ägypten auszieht. Jeder Mensch hat in sich irgendeinen Teil Ägyptens, hat in sich irgendeinen Pharao und muss das überwinden, muss danach streben, aus seinem Ägypten auszuziehen. Und wir haben natürlich einen gewaltigen Vorteil gegenüber den früheren Generationen. Dieser Vorteil besteht darin, dass wir den Erlöser Jeschua haben und wir uns in Ihm losreißen, uns über Ägypten erheben, aus dem Staub auferstehen, aus eben jenem Staub, der der Pharao ist.
Es lohnt sich, hier festzuhalten, dass es natürlich viel einfacher ist, das Volk Israel aus Ägypten herauszuführen, als Ägypten aus dem Volk Israel herauszuführen. Und deshalb teilt der Höchste Seine Einwirkung auf den Pharao auf, teilt den Auszug aus Ägypten in zehn Teile. Man hätte Ägypten sofort mit schwerer Artillerie schlagen können. Wir wissen, dass, als der König des Königreichs Israel, Jarowam, die Hand gegen den Propheten Idó erhob, die Hand des Königs augenblicklich verdorrte (1. Melachim 13,4). Wir wissen, dass der Höchste ganz Ägypten in einem einzigen Augenblick in Spielzeug aus Pappe verwandeln kann, aber dann führt das nicht dazu, dass das Volk Israel für die Befreiung bereit sein wird. Die Kraft des Höchsten, das Wirken des Höchsten liegt darin, dass Er durch viele Etappen den Menschen allmählich herausführt, ihn auf die Befreiung vorbereitet.
Und was geschieht denn in Ägypten? Wir können einige Beispiele dafür sehen, was diese Plagen für die Ägypter bedeuteten, und das mit dem vergleichen, was diese Plagen für uns bedeuten können. Sieben der zehn Plagen fallen in den Wochenabschnitt Wa'era.
Die erste ägyptische Plage hängt mit dem Blut zusammen. Das Wasser im Nil verwandelte sich in Blut, das wissen alle. Alle wissen auch, dass Ägypten davon lebt, dass der Nil über die Ufer tritt, den schlammigen fruchtbaren Boden verteilt, den ganzen Boden im Nildelta, im Delta seiner Überschwemmung, fruchtbar macht, geeignet für den Ackerbau. Der ganze Ackerbau Ägyptens, die ganze Wasserversorgung Ägyptens – alles ist auf dem Nil aufgebaut, und man kann sagen, dass der Nil Ägypten das Leben gibt. Einer der obersten Herrscher Ägyptens, entsprechend eine der obersten Gottheiten im Pantheon der Götter Ägyptens, war der Gott der Schöpfung und des Wassers, darunter auch des Nils, der Gott Chnum. Er herrschte über alle übrigen, sozusagen, Götter, war einer der Hauptgötter in der Hierarchie der Götter Ägyptens. Aber wir werden nicht tief in die ägyptische Mythologie einsteigen, wir brauchen sie hier nur als Beispiel.
Gott beginnt also mit einem der grundlegenden Werte Ägyptens: Gott packt Ägypten „an der empfindlichsten Stelle“, Gott packt Ägypten beim Nil, verwandelt alles Wasser in Blut. Für einige Tage wird alles Wasser zu Blut, das heißt, die Ägypter haben kein Wasser. Die Midraschim sagen (wir lesen von den Plagen Ägyptens auch in Tehillim 78 und 105), dass der Höchste ihr Wasser schlug, das heißt das Wasser der Ägypter. Er schlug nicht das Wasser, das bei den Israeliten war, bei den Juden, und offenbar mussten sich die Ägypter wegen Wasser an die Juden wenden. Hier begegnen sich zwei einander genau entgegengesetzte Eigenschaften: einerseits die Verwandlung von Wasser in Blut, andererseits die Verwandlung von Blut in Wasser, das heißt, es geht um die Fähigkeit der Juden, das Blut aus dem Nil wieder in Wasser zurückzuverwandeln.
Das Blut symbolisiert die Seele, die fleischliche Seele, die Tora sagt das direkt. Das Blut ist das, was den ganzen Organismus mit Nährstoffen versorgt. Letzten Endes wird jede unserer Speisen, der größte Teil davon, werden alle nützlichen Nährstoffe zu Blut. Alles, was wir zu uns nehmen, wird auf irgendeiner Stufe zu Blut, gelangt ins Blut oder geht durch den Zustand des Blutes hindurch. Blut ist das, was nimmt, Wasser ist das, was gibt. In gewissem Sinn ist die Rückverwandlung von Blut in Wasser das, womit die Befreiung der Juden begann: die Fähigkeit, den Wunsch zu nehmen in den Wunsch zu geben zu verwandeln.
Schon Noach (Bereschit 9,4) gab der Höchste das Verbot, das Blut eines geschlachteten Tieres als Speise zu sich zu nehmen. Und weiter, an anderen Stellen, zum Beispiel im Buch Dewarim (9,12), heißt es: „Nur das Blut esst nicht, auf die Erde gieß es aus wie Wasser.“ Man hätte einfach sagen können: „Gießt das Blut auf die Erde“, aber die Tora sagt, dass man „das Blut auf die Erde ausgießen soll wie Wasser“. Es gibt eine bestimmte, mystische Handlung, eine Art heilige Handlung in der schchitá (dem Schlachten des Viehs), die es uns erlaubt, uns über seine tierische Seele zu erheben, damit wir nicht die Seele des Tieres essen, die viehische Eigenschaft des Tieres, damit wir jenes Wort Gottes zu uns nehmen können, durch das dieses Tier erschaffen wurde.
Interessant ist, dass es bei vielen primitiven Völkern solche Glaubensvorstellungen gab: Wenn ein Mensch das Herz eines mutigen Menschen isst, das Herz eines mutigen Feindes, wird er mutig; wenn ein Mensch das Hirn isst, kann er klug werden; wenn die Augen – scharfsichtig werden und so weiter. Natürlich können wir sagen, dass diese Glaubensvorstellungen primitiv sind. Und deshalb haben sehr viele gesagt, dass die Erzählung der Tora davon, dass im Blut des Tieres die Seele enthalten ist und irgendwelche schlechten Eigenschaften mit dem Blut übertragen werden, irgendeine primitive Erzählung ist, ein Abbild eben jener Glaubensvorstellungen, die es zu jener Zeit gab.
Wenn wir uns der Wissenschaft zuwenden, ist es sehr schwer, etwas eindeutig zu sagen, und wir werden jetzt nicht sagen „Wissenschaftler haben bewiesen“, denn das, was wir sagen werden, ist bisher nicht bewiesen, es ist eine sehr interessante Hypothese, es sind sehr interessante Tatsachen, die in letzter Zeit bemerkt wurden. Ein japanischer Arzt, ein Psychiater, Tsuyoshi Miyaoka, den man schwerlich der Religiosität oder der Anhänglichkeit an alte Glaubensvorstellungen beschuldigen kann, behandelte einen gewissen Patienten. Der Mann dachte, dass die Gedanken aus seinem Kopf abfließen wie Wasser, dass andere seine Gedanken sehen können und dass ihm beim Anschauen von Filmen die Schauspieler irgendwelche geheimen Zeichen geben. Das ist ein sehr furchtbarer Zustand, wenn ein Mensch glaubt, dass die Schauspieler ihm irgendwelche geheimen Zeichen machen. Er versteht sie nicht, leidet darunter und denkt, dass man etwas von ihm will, und er kann dieses „Etwas“ nicht tun. Der Arzt diagnostizierte diesen Zustand als paranoide Schizophrenie und verordnete eine Behandlung mit Neuroleptika, Medikamenten, die die Schizophrenie irgendwie dämpfen. Ein Jahr später verschlechterte sich der Zustand des Mannes jäh: Bei der Untersuchung wurde bei ihm eine der Formen von Blutkrebs festgestellt. Man kann sagen, es kam ein Unglück hinzu, aber wie es im Sprichwort heißt: „Es gäbe kein Glück, hätte nicht das Unglück geholfen.“ Um sein Leben zu retten, wurde bei ihm eine Knochenmarktransplantation durchgeführt. Was ist eine Knochenmarktransplantation? Früher hat man tatsächlich ein Stückchen Mark vom Spender genommen und es dem Kranken verpflanzt, und heute gibt es hämatopoetische (blutbildende) Stammzellen, die allerfrühesten Vorläufer der Blutzellen, und die Transplantation sieht im Grunde aus wie eine Bluttransfusion.
Nun, so setzen wir diese Geschichte fort. Der Mann erhielt eine Knochenmarktransplantation von einem gesunden Menschen, sein Immunsystem regulierte sich, und die Schizophrenie verschwand. Und eine Gruppe japanischer Fachleute, die diesen Fall untersuchte, hielt fest, dass das keine Rezession ist, dass die Krankheit nicht vorübergehend in den Untergrund gegangen ist, sondern dass sie wirklich verschwunden ist. Sie fanden heraus, dass neues Blut, die Erneuerung der hämatopoetischen Stammzellen, eine Heilung von der Schizophrenie bewirken kann: Das Blut eines gesunden Menschen kann den Patienten gesund machen. Dieser Fall wurde in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift für Psychiatrie veröffentlicht. Das ist nicht irgendeine populärwissenschaftliche Zeitschrift, nicht irgendeine religiöse Zeitschrift. Und als diese Untersuchung veröffentlicht wurde, begannen auch andere Untersuchungen zu erscheinen, begannen andere Belege zu erscheinen. Die Medizin beruht auf dem Sammeln von Belegen. Und es erschien ein Beleg dafür, dass es in den Niederlanden einmal einen seelisch gesunden Menschen gab, der an Leukämie erkrankte und Spender-Stammzellen von seinem Bruder erhielt. Sein Bruder war nicht an Leukämie erkrankt, aber er war an Schizophrenie erkrankt. Im Ergebnis wurde der Patient von der Leukämie geheilt, aber da er Spenderzellen von dem kranken Bruder erhalten hatte, erkrankte er ebenfalls an Schizophrenie. So sehen wir, dass heute Untersuchungen durchgeführt werden, um zu zeigen, dass der Empfang von Spenderblut unter anderem auch seelische Krankheiten beeinflussen kann.
Selbstverständlich sollte man das keinesfalls als Krieg gegen die Medizin verstehen, man sollte nicht die Fahne des Kampfes gegen die Bluttransfusion hissen. Ich halte hier jetzt einfach das Wesen fest, das Wesen der ägyptischen Plage, die mit dem Blut zusammenhängt, halte fest, dass das Blut das menschliche Bewusstsein bestimmt, tatsächlich die menschliche Seele bestimmt.
Wenn wir noch ein wenig früher schauen, dann beschloss der HERR, für das jüdische Volk einzutreten, nachdem Mosche die Ungerechtigkeit gesehen hatte und für einen Juden eingetreten war. Wenn das Eintreten von unten erscheint, erscheint auch das Eintreten von oben. Die Befreiung selbst begann damit, dass jemand den Nächsten beachtete. Die Befreiung Josefs aus dem ägyptischen Gefängnis begann damit, dass er die traurigen Gesichter des Bäckers und des Mundschenks bemerkte. Man könnte meinen: Die Leute sitzen im Gefängnis, wozu sie fragen, warum sie traurig sind? Traurig sind sie, weil sie im Gefängnis sind. Aber Josef achtete darauf, und damit begann die Befreiung. So ist das Blut der Anfang, der Anfang der Überwindung einer Art Egoismus, der Anfang der Überwindung jenes Zustands, in dem ein Mensch nur bereit ist zu nehmen, nur zu verbrauchen, und der Anfang davon, ihn an jenen Zustand zu gewöhnen, dass man bereit werden muss zu geben.
Interessant ist, dass ein Proselyt, wenn er den gijur durchlief, (den Vorgang des Übertritts zum Judentum), der Tradition nach ein rituelles Tauchbad vollziehen, in die Mikwe untertauchen musste. Und während des Untertauchens kamen Rabbiner herein und sagten ihm leichte und schwere Gebote, das heißt, sie erinnerten ihn daran, was genau er auf sich nimmt. Unbedingt musste man ihm vom Gebot des Zehnten und vom Gebot des Feldrandes sagen, den man für die Armen übrig lassen muss. Der Übertritt zum Judentum, der Übergang in den Dienst für den Höchsten beginnt damit, dass ein Mensch bereit ist, in dieser Welt etwas oder jemanden außer sich selbst zu sehen, zu lieben, zu verstehen, zu fühlen. Das ist eine interessante Lektion.
Der Pharao sieht, dass es irgendeine Macht außer ihm gibt, dass er nicht allein in dieser Welt ist, dass es irgendwelche Kräfte gibt, mit denen er rechnen muss. Aber das ist eine Lektion nicht nur unmittelbar für den Pharao Ägyptens, das ist eine Lektion auch für jenen Pharao, jenen bösen Trieb, jene Schlange – nennt es mit welchem Symbol ihr wollt –, der in jedem von uns sitzt. Der Weg zum Höchsten, der Weg der Heiligung beginnt damit, dass wir fähig werden, unseren Nächsten zu lieben, zu verstehen, zu fühlen, aus unserem Blut Wasser zu machen. Das ist so ein Blick auf diese Plage.
Die zweite Plage ist meiner Ansicht nach die allerrätselhafteste von allen Plagen, die in Ägypten geschahen – das ist die Plage der Frösche. Im modernen Hebräisch bedeutet das Wort zfardéa tatsächlich Frosch. Aber die Forscher streiten, und es gibt eine Meinung – sie wird von Ramban und Ibn Esra gestützt, also von Leuten, die Hebräisch konnten (Ibn Esra war insbesondere ein Fachmann für die hebräische Grammatik) –, dass das Wort zfardéa, in Wirklichkeit nicht einen Frosch bedeutet, sondern ein Krokodil. Zur Bestätigung dessen kann man ein Beispiel aus Tehillim 78,45 anführen, wo David von den Plagen Ägyptens spricht. Dort heißt es, dass der Höchste über die Ägypter arów sandte (entweder eine Mischung von Tieren oder einen Einfall von Mücken oder Hundsfliegen: das Wort ist rätselhaft und wird unterschiedlich verstanden), der arów biss sie, verwundete sie, und die zfardea (Frösche oder Krokodile) töteten sie, vernichteten sie mit Stumpf und Stiel. Eine sehr interessante Bemerkung. Wahrscheinlich können einfache Frösche ein Volk nicht so vernichten. Und dennoch halten wir uns an das klassische, eingewurzelte Verständnis, dass das Wort zfardéa hier, wie auch im modernen Hebräisch, Frosch bedeutet.
Lasst uns ein klein wenig zurückgehen, als kleine Einführung. Der Midrasch erzählt eine interessante Sache: „In ganz Ägypten verwandelte sich das Wasser in Blut, und der Einzige, der duschen, Wasser trinken und Hühnerbrühen mit sauberem Wasser kochen konnte, war der Pharao.“ Gott rührte das Haus des Pharao nicht an, weil das Haus des Pharao das Haus ist, in dem Mosche aufgewachsen war, und darin liegt eine gewisse Dankbarkeit, von der wir lernen sollen. Aber der Pharao dachte: „Aha, mich kriegt man also nicht! Selbst wenn man ganz Ägypten kriegt, mich kriegst du nicht!“ Und deshalb, als Mosche die Plage der Frösche verkündet (7,28), sagt er: „Alles wird bei dir beginnen: Sie werden in dein Haus kommen, in deinen Backtrog, auf dein Bett, in dein Schlafgemach, auf dein Ehelager.“ Das ist sehr wichtig, denn die ägyptische Göttin Heket, die Göttin der Feuchtigkeit und des Regens, der Fruchtbarkeit, Symbol der Gebärenden, Symbol der Empfängnis, wurde in Gestalt eines Frosches oder mit einem Froschkopf dargestellt. Viele Frauen trugen kleine Medaillons in Gestalt von Fröschen, um zu empfangen, um zu gebären und damit die Geburt leicht sei. Die froschköpfige Göttin Heket galt als Schutzherrin nicht nur von allem, was mit der Geburt zusammenhängt, sondern auch mit einer gewissen Intimität. Und Mosche verkündet, dass der Pharao an seinem stolzesten Punkt getroffen wird, an seinem intimsten Teil, in seinem Können, in seinem schöpferischen Ursprung (das heißt in seinem zeugenden Ursprung), dass eine der wichtigsten ägyptischen Göttinnen getroffen wird.
Wir sehen einige interessante Details in dieser Plage. Erstens: Wenn Mosche vorher mit dem Stab auf den Nil schlagen musste, so genügt es hier, den Stab einfach über den Nil auszustrecken.
Noch ein interessantes Detail. Als der Pharao zu Mosche sagt (8,4): „Nimm von mir, nimm von mir diese Frösche weg!“, da geht Mosche aus dem Palast des Pharao hinaus, und weiter (8,8) heißt es so: „…und Mosche schrie zu Gott …“. Das Wort jizak, das hier gebraucht wird, bedeutet wörtlich schrie auf. Worüber schrie Mosche denn auf? Und es steht geschrieben: „…al-dwar hazfardeím“, das heißt nicht einfach über die Frösche, sondern al-dwár. Dieses dwár bedeutet Wort, Logos. Das ist sehr vieldeutig. Und man kann das bedingt übersetzen (wie der Midrasch), dass Mosche um den Logos der Frösche aufschrie, die Gott dem Pharao gesandt hatte. Überhaupt schreit ein Mensch, wenn ihm etwas wehtut. Der Pharao bat Mosche und Aharon: „…ha'tiru el-adonaj …“, bat, zu beten, sich zu beklagen bei Gott darüber, dass man ihn mit Fröschen straft. Mosche aber schreit zum Höchsten, und hier ist eine interessante Frage: Warum schreit er? Noch eine interessante Frage – warum eigentlich Frösche? Das ist eine Plage, die nicht sofort endete. Nachdem Mosche verkündet, dass die Frösche weggenommen werden, rollen sich die Frösche nicht zusammen, „klappen“ nicht zurück in den Nil. Sie sterben auf den Feldern, in den Gärten. Man sammelt sie, und von ihnen geht noch lange Gestank aus, man kann sie nur sehr schwer loswerden. Und das alles sind sehr interessante Fragen.
Was das betrifft, dass die Plage durch Frösche geschah, erklären die Kommentatoren das, indem sie das Wort Frosch als das aramäische Wort záfar (Morgen) verstehen, mit anderen Worten: die den Morgen kennt. Der Frosch ist ein Tier, das (nach den Midraschim, nach den Ansichten der Weisen) nur nachts quakt, lärmt und singt. Am Morgen verstummt er. Außerdem können sich manche Froscharten aufblähen, ihr Volumen vergrößern, um andere zu erschrecken. Deshalb wird der Frosch oft als Symbol des Stolzes angeführt. Er ist gewohnt, nachts zu singen, zu singen, wenn kein Licht da ist, wenn sich das göttliche Licht nicht offenbart. Jeschua sagt: „Wer am Tag geht, dem gelingt es.“ Der Tag dauert zwölf Stunden – geh, handle zur Tageszeit, es wird dir gelingen, geh mit dem Licht. Und die Nacht ist ein Symbol der Dunkelheit, der Finsternis. Der Frosch zeigt sein Ich (wie auch das menschliche Ego), wenn die Gegenwart Gottes nicht da ist, in der Dunkelheit. Genauso wir: Wenn wir etwas tun und dabei sagen: „Geschafft! Ich habe das gekonnt, das bin ich, mir ist es gelungen!“, dann handeln auch wir in der Finsternis, und das ist, anders gesagt, Stolz. Aus der Sicht des Chassidismus, aus der Sicht der chassidischen Lehre ist der Stolz, der Hochmut eine der am schwersten zu überwindenden Eigenschaften des Menschen; man meint, dass der Stolz am schwersten zu überwinden ist. Und Mosche sah, dass dieses Problem des Stolzes, des Hochmuts nicht nur beim Pharao besteht, dass es das Problem der ganzen Menschheit ist. Deshalb erklang ein solcher Schrei von Mosche zum Höchsten, im Namen des ganzen Volkes Gottes, um der Worte des Stolzes willen. Und obwohl Mosche nach dem Zeugnis der Tora (Bemidbar 12,3) der sanftmütigste der Menschen ist, hat doch auch er das.
Einer der Begründer des Chassidismus, der Ba'al Schem Tow, sprach sein ganzes Leben über den Stolz, lehrte über ihn, und seine letzten Worte waren: „Gebieter der Welt, heile mich vom Stolz.“ Der Stolz ist ein solches Problem, das wahrscheinlich in jedem Menschen sitzt, sogar wenn ein Mensch Tora-Unterricht gibt. Ich denke, dass jeder Mensch, der in sich hineinschaut, versteht, wie groß das Problem des Stolzes ist. Und so ist der Frosch ein Schlag gegen den Stolz, die Zerstörung des Stolzes des Pharao, der ihn daran hindert, den Höchsten als Gott anzuerkennen. Der Stolz hindert oft daran anzuerkennen, dass in der Welt nicht du selbst aus eigener Kraft handelst, sondern dass der Höchste handelt.
Noch etwas kann man hier in Klammern sagen. Oft fragen Menschen: Was fehlt mir, um eine Beziehung zu Gott zu haben? Doch hier wird uns gezeigt, dass man anders fragen muss: Was ist an mir zu viel, was gibt es in mir so Eigenes, das mir Gott verdeckt, das meiner Beziehung zu Gott im Weg steht?
Das zur Plage der Frösche. Man kann noch sehr viel darüber sprechen und insbesondere über die Frösche, denn sie sind sehr interessante Geschöpfe. Zum Beispiel gibt es den Goliathfrosch, den größten Frosch der Welt. Seine Körperlänge (zusammen mit den Hinterbeinen) kann 98 Zentimeter erreichen, das Gewicht bis zu dreieinhalb Kilogramm. Es gibt den Nilfrosch, es gibt den kleinsten Frosch, die Länge eines ausgewachsenen Tieres beträgt 7–8 Millimeter, er lebt in Neuguinea. Und Frösche haben im Unterschied zu Kröten Zähne, sie beißen wirklich. Warum sagt David, dass die Frösche die Ägypter vernichteten? Weil sie ihren Stolz brachen. Das ist ein sehr furchtbares, sehr verderbliches Brechen, für jeden Menschen überhaupt. Ich denke auch, dass das eine der wichtigsten Etappen in der Arbeit mit unserem „alten Menschen“ ist. Der Tod des „alten Menschen“ ist das Abtöten des Stolzes.
Weiter können wir noch einen Helden der ägyptischen Mythologie kennenlernen, so einen Genossen, den Gott Ptah. Nach der ägyptischen Mythologie ist der Gott Ptah (vom ägyptischen Bildhauer) der Schöpfer der Welt und alles dessen, was in ihr existiert, das er mit dem Herzen ersann und das Ersonnene mit der Zunge (dem Wort) benannte. Er formte mit seinem Gedanken aus dem Staub der Erde Tiere, Pflanzen, Menschen, Städte, Tempel, Handwerke, Künste und so weiter. Und die dritte Plage – kiním oder Läuse – ist eine Offenbarung von Schöpferkraft aus dem Staub der Erde. Gott zeigte, was Er aus dem Staub der Erde erschaffen kann, zeigte, wer wirklich der Schöpfer in der Welt ist. Wir haben mit den Worten des Propheten begonnen, damit, dass der Pharao behauptet: „Mein ist Ägypten, und ich habe es erschaffen.“ Und da erschienen die Läuse und wimmelten überall und allenthalben. Kiním ist der erste Fall, in dem die Priester des Pharao nichts nachmachen konnten. Wie die Tradition sagt, und auch viele alte Bücher über die Magie, mit der sich Menschen einst beschäftigten (sowohl Scharlatane als auch Satanisten, und wie man sie sonst noch nennen mag), also, sie sagten, dass die Magie nicht auf irgendwelche Gegenstände wirkt, die kleiner sind als ein Haferkorn. Gerade auf die kleinen Läuse erwies es sich als schwierig, irgendwie mit Magie einzuwirken, und den ägyptischen Zauberern gelang das nicht (so sagt der Midrasch). Auf diese Weise wurde ein weiterer Wert Ägyptens (nämlich: wer der Erschaffer und Schöpfer der Welt ist) zerstört, ein weiterer Mythos entlarvt.
Jetzt sprechen wir über die vierte Plage, die durch das rätselhafte arów geschieht. Einer der Midraschim bestimmt dieses Wort als Mischung von Tieren. Ein anderer Midrasch sagt, dass das Mücken oder Hundsfliegen sind, irgendein beißendes Geschmeiß, giftige Mücklein, wie man es in russischen Märchen sagt. Zur Bestätigung dieser Ansicht spricht ein solcher Begriff wie urbátu, das ist ein sumerisches und akkadisches Wort, das in Ägypten gebraucht werden konnte und Mücken oder wiederum giftige Mücklein bedeutete. Kleine goldene Fliegen gab man in Ägypten Helden, gab man denen, die sich besonders hervorgetan hatten; es gab sogar, sagen wir so, einen „Orden der goldenen Fliege“. In diesem Sinn kann man sagen, dass die Fliege ein Schlag gegen das Heldentum Ägyptens ist, gegen die ägyptische Kriegstapferkeit, oder ein Schlag gegen das Verteidigungsministerium Ägyptens.
Von noch einem Ansatz zum Verständnis des Wortes arów sprechen Raschi und andere Verfasser von Midraschim. Sie erklären die Herkunft des Wortes arów vom Wort reéw (mischen). Das heißt, alle Tiere kamen wie ein Mann über Ägypten, das ist die Mischung aller Tiere. Gewöhnlich sind die Tiere getrennt, sie sind untereinander verfeindet. Es ist schwer vorstellbar, dass Wölfe und Hasen und Löwen auf einmal zusammen irgendwohin kommen. Damit offenbart der Höchste seine Gegenwart in der Welt. Was bedeutet das für uns? Wenn der Höchste versucht, uns zu Sich zu führen, zu uns durchzudringen, bemerken wir in unserem Leben ganze Ketten von Ereignissen, Zufällen, die scheinbar nicht miteinander verbunden sind, sich aber plötzlich verbinden und sich gegen uns fügen. So sagen wir: Die Umstände fügen sich gegen uns. Doch die Umstände können sich nicht von selbst fügen, es gibt Jemanden, Der sie fügt. In diesen so gefügten Umständen können wir sehen, dass gleichsam irgendeine Kraft gegen uns wirkt.
Gehen wir weiter. Im ägyptischen Pantheon gibt es die Göttin Hathór, eine Göttin, die für den Besitz zuständig ist. Sie wurde mit einem Widderkopf, manchmal mit einem Kuhkopf dargestellt, weil der hauptsächliche Besitz das Vieh ist. Und in der fünften Plage sehen wir einen Schlag gegen das Vieh. Wir sehen im Lauf aller, aller, aller Plagen, dass der Höchste die weltlichen Werte zerstört, alle Varianten „B“, alle Ausweichvarianten. Der Mensch sagt: Aber mir ist doch noch das hier geblieben, ich habe doch noch diese Hoffnung. Aber alle weltlichen Hoffnungen stürzen ein, damit der Pharao erkennt, dass der Höchste der einzige Gott ist. Für unser inneres Ego, für den inneren Pharao, der in uns sitzt und der uns besser kennt als andere, auch für ihn findet der Höchste einen Zugang, um ihn zu überzeugen, um diese unsere falschen Werte zu zerbrechen, damit alles Überflüssige abgeschnitten wird und damit wir den Höchsten sehen. Damit auch der Pharao in uns zur Bereitschaft käme, sich dem Höchsten zu unterwerfen und dem Höchsten zu dienen. Damit sogar die klipá (Schale), sogar der unreine Teil in uns durch die Erkenntnis des Höchsten gereinigt würde. Davon spricht Jaakow in seinem allgemeinen Brief (2,19): „…auch die Dämonen glauben und zittern.“
Noch ein interessantes Detail. Überhaupt, die Möglichkeit, fremden Göttern zu dienen – das ist die sechste Plage, die Geschwüre oder unreinen Geschwüre, sie machten sogar die Priester des Pharao unrein. Wenn die Priester in Unreinheit sind, können sie nicht dienen. Ja, und als die Priester in Israel unrein waren (obwohl das überhaupt nicht ein und dasselbe ist!), konnten sie ebenfalls nicht dienen. Über die Priester, über diese „unberührbaren“ geistlichen und materiellen Saubermänner, brachen ebenfalls die Geschwüre herein. Der Gesundheitsminister in Ägypten ist die Göttin Sechmet, eine Kriegergöttin, die Göttin des Schutzes des Pharao, aber unter anderem kann sie auch Krankheiten schicken und heilen. Wenn man ein Beispiel für eine Göttin mit launischem, unberechenbarem Charakter braucht, dann ist das Sechmet. Und hier hat man dieser unberechenbaren, ungezügelten Kriegerin und Heilerin gleichsam sehr, sehr kräftig eins auf die Nase gegeben. Das ist das, was die Geschwüre betrifft.
Und die letzte Hoffnung, das letzte Stück Brot wurde weggenommen, als die siebte Plage – der Hagel kam, als schon auf der Ebene der Elemente, als Feuer und Wasser – alles sich vermischte, und das alles auf Ägypten niederfiel. Und da sagte der Pharao: „Ich habe alles verstanden, ich habe alles verstanden, ich habe alles verstanden.“ Und die Diener des Pharao werden dem Pharao auch bald sagen (10,7): „Sei nicht starrsinnig, begreif doch, dass Ägypten zugrunde geht.“ Allmählich kommt ganz Ägypten zu dem Verständnis, dass man dem Höchsten nicht widerstehen kann. Mit dem Verständnis dessen beginnt der Weg der Reue des Menschen.
Damit endet der Wochenabschnitt Wa'era, und es beginnt der Wochenabschnitt Bo, in dem dem Volk Israel gesagt wird: „ihr werdet sehen“ und „damit du deinem Sohn erzählen kannst“.
Was geschieht Besonderes bei den drei letzten Plagen, bei den Plagen, die im Wochenabschnitt Bo erwähnt werden? Es gibt eine wichtige Besonderheit. Der HERR sagt: „…damit alle sehen, wie Ich Ägypten gequält, wie Ich Ägypten verhöhnt habe (hit'alalti)“. In der aramäischen Übersetzung steht nicht das Wort verhöhnte, hier wird das Wort tat (alal), gebraucht, das heißt: „Ihr alle werdet sehen, welche Handlungen Ich in Ägypten vollbracht habe, was es Ungewöhnliches in Ägypten gab.“
Heuschrecken. Den ganzen Tag und die ganze Nacht wehte der Wind, und die Heuschrecken kamen, und die Heuschrecken gehen auch zur festgesetzten Zeit wieder weg – am Morgen. Das sind die Handlungen des Höchsten in Bezug auf die Heuschrecken.
Dann – Finsternis. In Bezug auf die Finsternis heißt es, dass drei Tage, und zweimal wird wiederholt, dass drei Tage und drei Nächte Finsternis in ganz Ägypten war, in Israel aber war Licht.
Und dann – die Plage der Erstgeborenen. Sie geschieht genau um Mitternacht, exakt nach Zeitplan.
Warum ist das wichtig? Gerade diese drei Plagen, gerade diese Handlungen des Höchsten, gerade von ihnen sollen wir den Kindern erzählen. Und noch interessant, noch ein Detail: Während dieser Plagen nimmt das Volk Israel zum ersten Mal am Prozess seiner eigenen Befreiung teil. Uns wird gesagt, dass dieser Monat, der Monat des Auszugs aus Ägypten, für uns der Anfang aller Monate des Jahres ist, es werden die Gebote über die Vorbereitung auf den Auszug gegeben und so weiter. Die Zeitrechnung, der ganze Kalender, der gegeben wird, beginnt sich von dieser Stelle aus, von diesem Ereignis aus zu entfalten. Hier zeigt der Höchste Israel und gibt uns die Möglichkeit, unseren Kindern davon zu erzählen, dass Er König ist, dass Er die Zeit lenkt, dass Er der Gebieter der Zeit ist. Einerseits handelt Er nach einem bestimmten Zeitplan. Andererseits gab es keine vierhundertdreißig Jahre Strafe in Ägypten. Es heißt: Wenn Gott seine Liebe zum Volk zeigt, haben Fristen keine Bedeutung, Er handelt außerhalb der Fristen. Die Zeit hat keine Macht über den Höchsten, Er ist der Herr der Zeit, und nicht umgekehrt. Einerseits handelt Gott immer zur rechten Zeit. Andererseits kann Er begnadigen, und das Volk Israel kann vorzeitig befreit werden, kann begnadigt werden. Und diese drei Plagen zeigen sowohl die globale Lenkung – die Lenkung der Mücken, die Lenkung der Heuschrecken (die, wie es heißt, keinen König haben, aber in Reih und Glied ziehen, von Anfang an ist etwas in die Heuschrecke hineingelegt) – als auch Veränderungen im Weltmaßstab, wenn die ganze Erde von Finsternis bedeckt wird, von greifbarem Dunkel. Das heißt, von den allerkleinsten bis zu den allerglobalsten Vorgängen, vom „Sprießen der Rebe im Tal“ (wie bei Puschkin im „Propheten“) bis zu den Himmeln – über alles hat Gott Macht, und alles ist Seinem Zeitplan unterworfen. Und deshalb gibt Er uns bestimmte Fristen für die Feste des HERRN, die Zählung beginnt, und eigentlich erscheinen hier zum ersten Mal die Feste des HERRN.
Ich wiederhole das schon viele Male Gesagte, dass das Wort Fest im Hebräischen nicht vom russischen Wort Müßiggang herkommt, sondern vom Wort mo'éd oder edút, das heißt, es ist eine Zeit des Zeugnisses, eine Zeit der Rechenschaft. Und Gott setzt diese Fristen fest und zeigt dort, in Ägypten, dass Er Macht über die Zeit hat, dass Er die Quelle aller Fristen ist, dass Er Seine Versprechen erfüllt, dass Er ein Gott ist, der nicht nur verspricht, sondern auch erfüllt.
Lasst uns zu Vers 3 von Kapitel 6 zurückkehren, zum allerersten Anfang des Wochenabschnitts Wa'era, wo Gott zu Mosche sagt: „Ich habe Mich ihnen (Awraham, Jizchak und Jaakow) mit dem Namen Schaddaj offenbart, aber mit dem Namen Adonaj, mit dem Namen HaSchem (dem vierbuchstabigen Namen des Höchsten) bin Ich von ihnen nicht erkannt worden.“ Warum so? Weil eine der Bedeutungen dieses Namens Der das Versprechen erfüllt ist. Ja, sie wussten und glaubten, dass Er das Versprechen erfüllt, aber jetzt gibt es ein Zeugnis, dass es so ist, dass Gott die Zeit lenken kann, dass Gott die Zeiten festsetzt. Und deshalb können und müssen wir alle Seine Fristen, alle jene Feste, alle jene Gebote, die mit der Zeit verbunden sind (und sie sind fast alle mit der Zeit verbunden), erfüllen. Er hat das bestätigt und uns bezeugt, damit auch wir anderen von Seiner Macht über absolut alle Zeiten und Fristen Zeugnis geben, und das bedeutet praktisch Seine Allmacht.
Wenn man versucht, kurz darauf zu schauen, was diese Plagen nicht in der Geschichte Ägyptens und nicht in der ägyptischen Mythologie, sondern in unserem eigenen Leben bedeuten, dann kann man zwei Etappen sehen. So bat Mosche den Pharao, bat um zwei Etappen: „Entlass Mein Volk“ und „Sie sollen Mir in der Wüste dienen“.
Die erste Etappe, „Entlass Mein Volk“, die ersten sieben Plagen, – das sind Schläge, Nasenstüber für jenen Pharao, der in uns ist, die Abtötung, der Tod unseres „alten Menschen“ und die Auferstehung im Maschiach Jeschua. Und weiter – das Leben mit dem Maschiach in seiner Zeit, wenn Er unsere Zeit lenkt, die Übergabe seiner selbst in seine Lenkung. Und weiter beginnt das, was uns geboten ist: „Dieser Monat sei euch der Anfang der Monate.“ Weiter beginnt der Zeitplan des Dienstes. Wenn einem Menschen die erste Etappe zuteilwird, er befreit wird und die Leute sagen: „Auch mich hat Gott seinerzeit von Drogen, von Spielsucht, von Alkohol, von noch etwas anderem befreit, aber ich bin danach nirgendwohin weitergegangen“, dann bedeutet das, dass sich das Erste erfüllt hat: „Entlass Mein Volk“.
Das Zweite, „Sie sollen Mir in der Wüste dienen“, wird sich dann erfüllen, wenn beide Teile wirksam werden, wenn alle 10 Plagen vollzogen sind, über den „alten Menschen“ hinweggegangen sind und der Dienst begonnen hat und der Mensch sich in den Dienst hineingefunden hat. Dann haben auch wir das Leben mit dem Höchsten, dann „...werden aus dem Leib Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Ev. Jochanan 7,38).
Ein Mensch kommt zu Gott, oft steht er krank vor Gott, und er braucht einen Heiler. Und wozu braucht er den Heiler? Dazu, dass er wie ein normaler, wie ein gesunder Mensch nach der Tora leben, die Tora halten und andere die Tora lehren kann, und eigentlich deshalb wurde das Volk auch aus Ägypten herausgeführt, darin liegt das Ziel der Befreiung. Gott will uns nicht einfach herausführen, Gott will uns in das Land bringen, damit wir Ihm dienen, damit wir Seine Bestimmung für uns erfüllen, denn dann und nur dann heißen wir Sein Volk.
Kinderfragen
Wir lesen jetzt gemeinsam noch einmal einen kleinen Auszug aus dem Wochenabschnitt Bo, Vers 25 bis 27 von Kapitel 12 des Buches Schemot:
25. Und es wird sein, wenn ihr in das Land kommt, das euch der HERR geben wird, wie Er gesagt hat, so haltet diesen Dienst (gemeint ist der Dienst des Pessach).
26. Und wenn eure Kinder zu euch sagen: „Was ist das für ein Dienst bei euch?“
27. So sagt: „Das ist ein Opfer – Pessach für den HERRN, Der an den Häusern der Söhne Israels in Ägypten vorüberging, als Er die Ägypter schlug, und an unseren Häusern vorbeiging.“
Das ist eigentlich das Ende der Ansprache Mosches an das Volk. Für die Tora ist es sehr wichtig (wir werden das auch im Buch Jehoschua ben Nun (4,6) sehen, als man mitten im Jordan Steine aufstellt), dass die Kinder sehen und fragen. Für die Tora ist es sehr wichtig, nicht nur dass der Vater seinem Sohn etwas erzählt, sondern auch dass der Sohn Fragen stellt. Es ist sehr wichtig, wenn das Kind, wenn der Sohn, wenn der Schüler (wir werden Kind sagen, aber das ist auch der Schüler, gemeint ist ein Neuling in der Gemeinde), dass er zu fragen versteht. Es ist sehr gefährlich, wenn er nicht zu fragen versteht. Und es gibt verschiedene Gründe, warum ein Kind nicht zu fragen versteht.
Zum Beispiel gibt es das gerechte Kind. Und es macht alles richtig, es ist in allem gehorsam, es ist immer in der richtigen Spur, bei ihm geschieht alles zur rechten Zeit. Ein gehorsamer, guter Junge, nun, einfach ein riesiger Segen für die Eltern. Nur gibt es eine Frage: Existiert er selbst hinter all dieser Richtigkeit? Der Junge fragt nicht und versteht nicht zu fragen, aber versteht er zu wollen? Hat er Wünsche? Versteht er nachzudenken? Oder verbirgt sich hinter all dieser Gerechtigkeit irgendein Automatismus, und ihn selbst, den Jungen, gibt es dort nicht? Natürlich, ich sage es noch einmal, das ist ein sehr bequemer Junge, ein sehr bequemer Schüler, ein sehr bequemes Gemeindemitglied: Er stellt keine Fragen, er hört zu, er dient, er tut alles voll und ganz. Und eine Frage zu stellen ist ja gefährlich, denn eine Frage zu stellen heißt, ein kleines bisschen den eigenen Horizont zu erweitern, und vielleicht bringt das irgendeine neue Wendung: Eine Frage kann einen Menschen wegführen, kann einen Menschen weit führen. Andererseits ist es gerade die Frage, die Teilhabe hervorbringt.
Lasst uns einen Menschen, der die Schrift studiert, der den Plan Gottes versteht und in ihn eindringt, am Beispiel zweier Bilder vorstellen.
Das erste ist ein junger Mann oder eine junge Frau, die in ein Konzert mit klassischer Musik geraten sind. Sie hören zum Beispiel „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi. Wunderbare Musik, und sie sitzen da, hören zu. Wenn es erfahrene Zuhörer sind, wissen sie, wann welche Stimme einsetzt, und können irgendwie auf diese Musik reagieren. Am Ende klatschen sie den Musikern Beifall, und damit ist ihr Umgang mit dieser Musik zu Ende.
Das zweite ist ein junger Fan, der, sagen wir mal so, in ein Stadion geraten ist, und er bangt um seine Mannschaft. Für ihn ist das Geschehen etwas Ungewisses, weil es beim Fußball, beim Eishockey, beim Boxen, beim Ringen keine Partitur gibt. Er existiert in einer Welt ohne Partitur, er hat ständig Fragen, er bangt, er hat ständig irgendeine Kritik. Er ist ein Fan, er fiebert mit dem, was er sieht. Und genauso kann man mit der Schrift mitfiebern.
Das heißt, man kann zum Unterricht kommen, zuhören, was der Rabbiner sagt. Nun, und wenn der Rabbiner es gesagt hat, dann ist es richtig, das ziehen wir überhaupt nicht in Zweifel. Wie kann man an dem zweifeln, was der Rabbiner sagt?! Man kann aber auch mitfiebern, man kann fragen. Nicht fragen, um zu streiten, nicht fragen, um zu erniedrigen, nicht fragen, um zu kommen und irgendeine eigene Meinung, eine eigene Lehre, ein eigenes Verständnis aufzudrängen, oder um den Lehrer auf irgendeine berufliche Eignung zu prüfen, auf die Übereinstimmung mit irgendwelchen Kriterien. Ich spreche nicht von diesen Fragen, ich selbst mag solche Fragen nicht. Ich spreche von Fragen, die aus dem Durst geboren werden, zu verstehen, und aus dem Durst, das eigene Wissen zu vertiefen. Und diese Fragen braucht der Mensch sehr, aber in der Regel mögen sie nicht alle. Und ich kenne sehr viele Menschen, die aus Gemeinden, aus Lehrhäusern hinausgeworfen wurden wegen unbequemer Fragen, die sie gestellt haben: Fragen aus dem Gefühl eines Mangels an der Schrift, aus dem Gefühl eines Mangels an Verständnis, an Wissen und aus dem Durst, mehr zu erkennen. Und das sind nicht jene bequemen Kinder, die keine Fragen stellen.
Es ist klar, dass man ihm im allerersten Stadium, wenn das Kind gerade erst geboren wird, alles in Schwarz und Weiß einteilt. Und – ja, im allerersten Moment der Existenz des Kindes sind Papa und Mama für es fast wie Götter? Sie entscheiden alles an seiner Stelle, kennen alle Antworten auf seine Fragen, wissen, was gut für es ist und was schlecht für es ist. Aber das Kind muss wachsen, und sein Wachstum gründet sich auf Fragen. Ein kleines Kind braucht absolutes Wissen. Aber wenn es heranwächst, wenn es anfängt, sich zu wundern, wenn es anfängt zu zweifeln, darf man nicht zulassen, dass es vor Fragen erschrickt. Man kann ja eine Frage stellen und dabei womöglich auch noch dumm dastehen. Und die Aufgabe des Lehrers ist es, den Fragenden zu unterstützen, damit er keine Angst vor den Umstehenden hat. Im Judentum gibt es die Regel: Der Schüchterne lernt nicht, und der Strenge kann nicht lehren. Das heißt, wenn ein Mensch sich scheut, eine Frage zu stellen, kann er nichts lernen; wenn ein Mensch streng zu denen ist, die Fragen stellen, kann er nichts lehren.
Es gibt solche Probleme, die die Menschen quälen, auch unter den Schülern des Maschiach. Aber sogar der Höchste antwortet auf Fragen. Es kommt vor, dass der Höchste etwas ohne Erklärung lässt. Aber wir sehen: Wenn sich ein Mensch mit einer Frage an den Höchsten wendet, antwortet der Höchste.
Und was bringt das Verbot hervor, Fragen zu stellen? Entweder gibt es in dieser Lehre keine Wahrheit, diese Lehre fürchtet, dass überflüssige Fragen dazu führen, dass irgendeine Wahrheit bekannt wird, dass sich etwas öffnet oder dass irgendwelche Ungereimtheiten aufgedeckt werden, die es gibt. Oder diese Lehre gründet sich auf vollständigen Gehorsam, auf die Unterdrückung des Menschen, und das ist im Grunde ebenfalls ein Unglück für den Menschen, denn wenn der freie Wille fehlt, wenn die Freiheit der Wahl fehlt, hat er keine Möglichkeit, sich auszudrücken. Und es gibt noch Lehrer, die Fragen fürchten. Fragen sind so eine schwere Sache. Einer der Lehrer sagte, dass ein Rabbiner, ein Mentor einem riesigen Holzscheit gleicht. Damit es in Brand gerät, damit es brennt, braucht es viele kleine brennende Fragen-Späne. Das heißt, es kommt vor, dass das Fehlen von Fragenden den Lehrer in ein nasses Holzscheit verwandelt, das sich an nichts entzündet. So ist es auch für den Mentor nützlich, wenn man ihm Fragen stellt.
Lernen, Fragen zu stellen, die Kinder dazu anregen, Fragen zu stellen, bereit sein, auf die Fragen der Kinder zu antworten, und sich über Kinderfragen freuen – das ist eines der Elemente der allerersten Unterweisung, die Mosche dem Volk Israel gibt.
Haftara. Jirmejahu
Schemot 46,13–28
Zusammen mit dem Wochenabschnitt Bo wird ein prophetischer Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jirmejahu gelesen, aus Kapitel 46, Vers 13 bis 28.
Aber bevor wir lesen, ist es nötig, eine gewisse historische Vorbemerkung zu machen. Am Ende des 7. Jahrhunderts v. u. Z. zeichnete sich in der alten historischen Rivalität zwischen Babylon und Assyrien ein Übergewicht zugunsten Babylons ab. Im Jahr 612 gelang es den Babyloniern, die Hauptstadt Assyriens zu erobern, die Stadt Assur, und im Jahr 610 eine andere große assyrische Stadt, Ninwe. Von dieser Stadt wissen wohl alle, weil sie im Buch des Propheten Jona erwähnt wird. Die Assyrer mit Assur-uballit II. an der Spitze mussten sich hinter den Euphrat zurückziehen. Jenseits des Euphrat konnten sie einen Verbündeten finden, eine weitere regionale Supermacht, in der Person des Pharaos Necho II. Necho II. zog tatsächlich Truppen in die Region heran und bezog Stellung im Gebiet von Kumusch. Das ist die heutige Grenze zwischen Syrien und der Türkei, also stellt euch vor, wie weit das vom Gebiet Ägyptens entfernt ist. Die Truppen der Ägypter selbst befanden sich in der Stadt Karkemisch. Von Karkemisch aus unternahm die ägyptische Armee einige erfolgreiche Überfälle auf babylonisches Gebiet, was Babylon zwang, auch gegen Karkemisch Kriegshandlungen zu beginnen. Und im Jahr 605 v. u. Z. fand die gewaltige ägyptisch-babylonische Schlacht (bei geringer Beteiligung der Assyrer) bei der Stadt Karkemisch statt, in der die ägyptische Armee vernichtend geschlagen wurde. Und man kann sagen, dass dies der Anfang vom Niedergang Ägyptens als Supermacht in der Region wurde, jenes Ägypten, das Israel als seinen Verbündeten in der Konfrontation mit eben jenem Babylon sah.
Der Prophet Jirmejahu prophezeit in dieser Zeit, also etwa in den Jahren 605–604 v. u. Z., über Ägypten und sagt, dass diese ganze Sache mit der Niederlage an den fernen Grenzen nicht zu Ende sein wird und dass diese Geschichte eine Fortsetzung haben wird.
Folgendes lesen wir ab Vers 13 von Kapitel 46 des Buches Jirmejahu:
הַדָּבָר אֲשֶׁר דִּבֶּר יְהוָה אֶל־יִרְמְיָהוּ הַנָּבִיא לָבוֹא נְבוּכַדְרֶאצַּר מֶלֶךְ בָּבֶל לְהַכּוֹת אֶת־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
haddawár aschér dibbér adonáj el-jirmejáhu hannawí lawó newuchadrezzár mélech bawél lehakkót et-érez mizrájim
13 Das ist das Wort, das der HERR zum Propheten Jirmejahu sprach über das Kommen Newuchadnezars, des Königs von Babylon, um das Land Ägypten zu schlagen:
Und das sagt der Prophet Jirmejahu:
haggídu wemizrájim wehaschmíu wemigdól wehaschmíu wenóf uwtachpanchés imrú hitjazzéw wehachén lach ki-achelá chérew sewiwécha
14 „Sagt es in Ägypten, ruft es aus in Migdol, ruft es aus in Nof und Tachpanches, sagt: ‚Stell dich auf und mach dich bereit, denn das Schwert hat schon alles rings um dich gefressen (mach dich zum Krieg bereit).
Migdol ist eine Stadt im Norden Ägyptens, sie wird in 14,2 des Buches Schemot beim Auszug der Juden aus Ägypten erwähnt. Nof ist ein weiterer bekannter ägyptischer Ort, Tachpanches ist ebenfalls eine große ägyptische Stadt.
מַדּוּעַ נִסְחַף אַבִּירֶיךָ לֹא עָמַד כִּי יְהוָה הֲדָפוֹ׃
maddúa nischáf abbirécha lo amád ki adonáj hadafó
15 Warum hat denn dein Ritter nicht standgehalten, dein Reiter? Warum hat er sich nicht gehalten? Weil der HERR ihn gestoßen hat.“
Das Wort nischáf – als wäre er vom Wasser weggespült, als wäre er rücklings niedergeworfen. Warum hat dein Ritter nicht standgehalten? – das ist eine rhetorische Frage.
hirbá koschél gam-nafál isch el-re'éhu wajomerú kúma wenaschúwa el-amménu we'el-érez moladténu mippené chérew hajoná
16 Viele gleiten aus und fallen, ein Mensch auf seinen Nächsten (Chaos und Verwirrung geschehen in Ägypten). Und sie sagen: „Steht auf, lasst uns fliehen, lasst uns fliehen in das Land, in unsere Städte, lasst uns fliehen vor diesem verderblichen Schwert.“
Ein interessanter Ausdruck – chérew hajoná. Manche übersetzen ihn als verderbliches Schwert, wie ich es hier übersetzt habe. Aber andere sagen, dass die Babylonier auf dem Griff des Schwertes eine Taube hatten, als Symbol irgendeiner babylonischen Macht oder Tapferkeit. Und chérew hajoná ist ein mit einer Taube verziertes Schwert.
קָרְאוּ שָׁם פַּרְעֹה מֶלֶךְ־מִצְרַיִם שָׁאוֹן הֶעֱבִיר הַמּוֹעֵד׃
kareú scham par'ó melech-mizrájim schaón he'ewír hammo'éd
17 Geht und ruft dort aus, dass der Pharao, der König von Ägypten, ein Schwätzer ist, und er hat die Zeit verpasst.
Das Wort schaón bedeutet Kläffer, Schreihals oder Schwätzer. Er erwies sich als Schwätzer, versuchte, wie man sagt, den Feind mit Parolen zu besiegen, rief grandiose Ideen aus, schwadronierte über Stärke und Unbesiegbarkeit.
Geht und sagt – das ist möglicherweise eine Anrede an jene Ägypter, die sich noch an den fernen Grenzen befinden, mit anderen Worten: „Zieht euch zurück und geht, denn ihr seid jetzt irgendwo in Syrien, ihr seid jetzt irgendwo in der Türkei, und das Unheil kommt über Ägypten. Bereitet euch vor, flieht in die Städte und ruft dort aus.“
חַי־אָנִי נְאֻם־הַמֶּלֶךְ יְהוָה צְבָאוֹת שְׁמוֹ כִּי כְּתָבוֹר בֶּהָרִים וּכְכַרְמֶל בַּיָּם יָבוֹא׃
chaj-áni ne'um-hammelech adonáj zewaót schemó ki ketawór beharím uchecharmél bajám jawó
18 „So wahr Ich lebe – spricht der HERR, Gott der Heerscharen ist Sein Name –, genauso wie der Berg Tawor unter den Bergen steht und genauso wie der Höhenzug des Karmel am Ufer des Meeres steht, genauso wird Newuchadnezar kommen, wird nach Ägypten kommen.“
Chaj-áni ist eine Form des göttlichen Schwurs, das heißt: „So gewiss Ich lebe, so gewiss ist auch, dass …“
כְּלֵי גוֹלָה עֲשִׂי לָךְ יוֹשֶׁבֶת בַּת־מִצְרָיִם כִּי־נֹף לְשַׁמָּה תִהְיֶה וְנִצְּתָה מֵאֵין יוֹשֵׁב׃
kelé golá assí lach joschéwet bat-mizrájim ki-nóf leschammá tihjé wenizzetá me'én joschéw
19 Mach dir einen bequemen Platz, bereite dir alles Nötige für die Verbannung vor, sesshaft wohnende Tochter Ägyptens (das heißt Bewohnerin Ägyptens), denn Nof wird zur Wüste werden und ohne Bewohner bleiben.
עֶגְלָה יְפֵה־פִיָּה מִצְרָיִם קֶרֶץ מִצָּפוֹן בָּא בָא׃
eglá jefe-fijá mizrájim kérez mizzafón ba wa
20 Eine Schönheit von einer jungen Kuh war Ägypten, aber das Verderben vom Norden wird kommen und kommen.
Wir wissen – ich möchte noch einmal darüber sprechen –, dass die Namen von Ländern und Städten im Hebräischen immer weiblich sind. Deshalb sagt man: die Schöne Ägypten, die Schöne Jerusalem und so weiter. Hier bedeutet das Wort jefe-fijá Schönheitchen. So kann man heute auch über ein Mädchen sagen: bachurá jefe-fijá (allerschönstes Mädchen). Diese Hinzufügung -fijá, die Wiederholung der letzten Silbe, geschieht bei der Bezeichnung einer Steigerung, einer Erhöhung. Auch im modernen Hebräisch gibt es eine solche Form: katán (klein) – ktantán (winzig klein), durch die Wiederholung der letzten Silbe -tan; matók (süß) – matakták (süßlich). In unserem Fall bedeutet das Wort jefe-fijá entzückend schön.
Aber trotz all dieser Schönheit wird kérez (das ist irgendein böses, garstiges, Insekt), das Verderben, vom Norden kommen, wahrhaftig über die Schöne kommen, trotz all ihrer Schönheit.
גַּם־שְׂכִרֶיהָ בְקִרְבָּהּ כְּעֶגְלֵי מַרְבֵּק כִּי־גַם־הֵמָּה הִפְנוּ נָסוּ יַחְדָּיו לֹא עָמָדוּ כִּי יוֹם אֵידָם בָּא עֲלֵיהֶם עֵת פְּקֻדָּתָם׃
gam-sechiréha wekirbá ke'eglé marbék kigam-hemmá hifnú nássu jachdáw lo amádu ki jom edám ba alehém et pekuddatám
21 Und seine Söldner (die Ägyptens) sind wie gemästete Kälber, aber auch sie werden sich umwenden, und alle zusammen werden fliehen, und sie werden nicht standhalten, denn der Tag des Untergangs ist für sie gekommen, und über ihnen ist ihre Strafe.
Sie werden nicht standhalten und werden fliehen, nicht weil sie schwach, nicht ausgebildet, nicht professionell oder feige sind. Nicht deshalb. Der Tag der Bestrafung Ägyptens ist gekommen, und keine starken ägyptischen Krieger, keine Macht des ägyptischen Heeres wird standhalten.
קוֹלָהּ כַּנָּחָשׁ יֵלֵךְ כִּי־בְחַיִל יֵלֵכוּ וּבְקַרְדֻּמּוֹת בָּאוּ לָהּ כְּחֹטְבֵי עֵצִים׃
kolá kannachásch jeléch ki-wechájil jeléchu uwkardummót báu la kechotewé ezím
22 Und seine Stimme wird gehen wie die Stimme einer Schlange, denn Krieger werden über ihn herfallen und mit Äxten zu ihm kommen wie Holzfäller.
Das heißt, wenn wir davon gesprochen haben, dass der Pharao ein Schwätzer ist, dass er irgendwelche grandiosen Reden gehalten, pompöse Parolen verkündet hat, so wird er jetzt zischen wie eine Schlange.
כָּרְתוּ יַעְרָהּ נְאֻם־יְהוָה כִּי לֹא יֵחָקֵר כִּי רַבּוּ מֵאַרְבֶּה וְאֵין לָהֶם מִסְפָּר׃
karetú ja'rá ne'um-adonáj ki lo jechakér ki rabbú me'arbé we'én lahém mispár
23 „Fällt ihre Wälder – spricht der HERR. – Denn es gibt keine Zahl, denn sie sind zahlreicher als die Heuschrecken, und es gibt keine Zahl für sie.“
Möglicherweise gibt es keine Zahl für diesen Wald. Tatsächlich war die Gegend in Ägypten in jenen Zeiten sehr bewaldet. Aber am ehesten geht es hier darum, dass es keine Zahl für die Holzfäller gibt, die gekommen sind, um die Wälder in Ägypten zu fällen.
הֹבִישָׁה בַּת־מִצְרָיִם נִתְּנָה בְּיַד עַם־צָפוֹן׃
howíscha bat-mizrájim nittená bejád am-zafón
24 Beschämt ist die Tochter Ägyptens (beschämt ist Ägypten), sie ist in die Hände des nördlichen Volkes gegeben.
אָמַר יְהוָה צְבָאוֹת אֱלֹהֵי יִשְׂרָאֵל הִנְנִי פוֹקֵד אֶל־אָמוֹן מִנֹּא וְעַל־פַּרְעֹה וְעַל־מִצְרַיִם וְעַל־אֱלֹהֶיהָ וְעַל־מְלָכֶיהָ וְעַל־פַּרְעֹה וְעַל הַבֹּטְחִים בּוֹ׃
amár adonáj zewaót elohé jisraél hinení fokéd el-amón minnó we'al-par'ó we'al-mizrájim we'al-elohéha we'al-melachéha we'ál par'ó we'ál habbotechím bo
25 Es spricht der HERR Zewaót, der Gott Israels: „Siehe, Ich bestrafe Amon aus No und den Pharao und Ägypten und seine Götter und alle Könige, seine Verbündeten, und alle, die sich auf den Pharao stützen.
No ist der Name einer Stadt, die offenbar die Hauptstadt des Götzendienstes in Ägypten war, der zentrale Ort der Verehrung des Gottes Amón.
וּנְתַתִּים בְּיַד מְבַקְשֵׁי נַפְשָׁם וּבְיַד נְבוּכַדְרֶאצַּר מֶלֶךְ־בָּבֶל וּבְיַד־עֲבָדָיו וְאַחֲרֵי־כֵן תִּשְׁכֹּן כִּימֵי־קֶדֶם נְאֻם־יְהוָה׃
untattím bejád mewaksché nafschám uwjád awadáw we'achare-chén tischkón kime-kémed ne'um-adonáj
26 Und Ich habe sie in die Hände derer gegeben, die ihre Seelen forderten, und in die Hände Newuchadnezars, des Königs von Babylon, und in die Hände seiner Knechte. Und danach wird er (Ägypten) zurückkehren und wohnen wie früher – spricht der HERR.
Nach dieser Prophezeiung für Ägypten gibt es Worte des Trostes für Israel:
וְאַתָּה אַל־תִּירָא עַבְדִּי יַעֲקֹב וְאַל־תֵּחַת יִשְׂרָאֵל כִּי הִנְנִי מוֹשִׁעֲךָ מֵרָחוֹק וְאֶת־זַרְעֲךָ מֵאֶרֶץ שִׁבְיָם וְשָׁב יַעֲקוֹב וְשָׁקַט וְשַׁאֲנַן וְאֵין מַחֲרִיד׃
we'attá al-tirá awdí ja'aków we'al-techát jisraél ki hinení moschi'achá merachók we'et-sar'achá me'érez schiwjám wescháw ja'aków weschakát wescha'anán we'én macharíd
27 Du aber fürchte dich nicht, Mein Knecht Jaakow, und erschrick nicht, Israel, denn Ich werde dich aus der Ferne retten, und dein Same wird aus fernen Ländern zurückkehren, und Jaakow wird zurückkehren und wird still und ruhig leben, und er wird niemanden fürchten.
אַתָּה אַל־תִּירָא עַבְדִּי יַעֲקֹב נְאֻם־יְהוָה כִּי אִתְּךָ אָנִי כִּי אֶעֱשֶׂה כָלָה בְּכָל־הַגּוֹיִם אֲשֶׁר הִדַּחְתִּיךָ שָׁמָּה וְאֹתְךָ לֹא־אֶעֱשֶׂה כָלָה וְיִסַּרְתִּיךָ לַמִּשְׁפָּט וְנַקֵּה לֹא אֲנַקֶּךָּ׃
attá al-tirá awdí jaaków ne'um-adonáj ki ittechá áni ki e'essé chalá bechol-haggojím aschér hiddachtícha schámma we'otechá lo-e'essé chalá wejissartícha lammischpát wenakké lo anakkékka
28 Jetzt aber fürchte dich nicht, Mein Knecht Jaakow – spricht der HERR –, denn mit dir bin Ich, denn Ich werde Vernichtung anrichten unter allen Völkern, unter die Ich dich zerstreut habe, an dir aber werde Ich keine Vernichtung anrichten. Auch wenn Ich dich durch Gericht strafen werde und dich nicht ohne Strafe lassen werde (oder Ich werde dich nicht vollständig vernichten, das sind zwei mögliche Auffassungen).“
Der HERR sagt: „Ich werde jene Völker vernichten, unter die du zerstreut bist, dich aber werde Ich nicht vernichten.“
Man kann fragen: Wozu wird Jirmejahu auf einmal ausgerechnet zu den Ägyptern gesandt? Wozu soll ein israelitischer Prophet zu den Ägyptern sprechen? Natürlich ist das nicht nur eine Anrede an die Ägypter, das ist vor allem eine Anrede an die Israeliten, an Israel, das versucht, sich auf Ägypten zu stützen und in ihm einen Verbündeten zu sehen, so wie auch die Assyrer in ihm einen Verbündeten sahen. Und der Höchste sagt: „Das Ende Ägyptens ist nahe, stützt euch nicht auf Ägypten, stützt euch auf Mich. Ich kann euch erretten.“ Das ist natürlich nicht einfach eine historische Skizze aus dem 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, die der Höchste auf einmal für uns aufzubewahren beschlossen hat: Auf einmal interessieren wir uns ja für Necho und Aschur-Uballit und Newuchadnezar. Wer sind überhaupt all diese Leute? Es geht darum, wie es ist, wenn wir versuchen, uns herauszulavieren, irgendwelche unserer Situationen zu lösen, ohne einen Bund mit dem Höchsten zu haben oder indem wir den Bund mit dem Höchsten vergessen. Darum, wie es ist, wenn wir uns auf jemand anderen stützen, der vielleicht ebenso stark ist wie der Pharao Necho II., mit ebensolchen gemästeten Rittern, Kriegern, mit einem ebenso schönen Reich, einer Schönheit von einer jungen Kuh. Aber es kann sich herausstellen, dass der Höchste das im Nu zerstört. Jedenfalls ist das eine der Schlussfolgerungen, die man ziehen kann.
Lest auch: Wa'era, Beschalach und die Wochenabschnitte der Tora.