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- Bereschit
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מִקֵּץ
Mikez
die Träume des Pharaos und der Weg Josefs
- Wochenabschnitt
- 10 von 54
- Verse
- Bereschit 41,1–44,17
- Teile
- 8
- Lesezeit
- 2 Std. 12 Min.
- Hörfassung
- 3 Std. 31 Min.
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Mikez ist der Wochenabschnitt über die Träume des Pharaos und den Aufstieg Josefs. Alex Blend behandelt die Deutung der Träume, die Vorbereitung Ägyptens auf die Hungersnot, die Begegnung mit den Brüdern und die Prüfung der Familie. Das Stenogramm enthält den hebräischen Text, eine Transliteration, eine Übersetzung und Kommentare zur Tora und zur Haftara.
Mikez: und da ist der Pharao
Bereschit 41,1–14
Im vorigen Kapitel haben wir davon gelesen, dass Josef mit Gottes Hilfe die Träume des Bäckers und des Mundschenks erfolgreich gedeutet hat. Wie Josef es gesagt hatte, wurde der Bäcker hingerichtet, und der Mundschenk wurde wieder in sein Amt eingesetzt. Doch obwohl Josef den Mundschenk angefleht hatte, sich für ihn einzusetzen und ein Wörtchen für ihn einzulegen (weil er zu Unrecht geraubt worden war), vergaß der Mundschenk ihn. Und Josef blieb auf diese Weise lange im Gefängnis. Er ist ja ein Sklave des Leiters des Sicherheitsdienstes, vom Leiter des Sicherheitsdienstes ins Gefängnis gesteckt, und wenn nicht der Pharao, dann kann ihn überhaupt niemand sonst befreien. Was mit Josef in dieser ganzen Zeit geschah, wissen wir nicht. Im einundvierzigsten Kapitel werden wir die Fortsetzung der Geschichte lesen.
וַיְהִי מִקֵּץ שְׁנָתַיִם יָמִים וּפַרְעֹה חֹלֵם וְהִנֵּה עֹמֵד עַל־הַיְאֹר׃
wajhí mikkéz schenatájim jamím ufar'ó cholém wehinné oméd al-haj'ór
1 Und es war nach Ablauf von zwei Jahren, der Pharao sieht einen Traum: und siehe, er steht am Nil.
Die Verbform sagt hier, dass der Pharao diesen Traum nicht nur ein einziges Mal gesehen hat, sondern ihn ziemlich oft sah – ein aufdringlicher, sich wiederholender Traum des Pharaos. Möglicherweise, wie die Kommentatoren und die Midraschim sagen, wiederholte er sich eben zwei Jahre lang. Ganze zwei Jahre sah der Pharao diesen Traum, konnte ihn sich aber einfach nicht merken. Zwei Jahre – das ist der Aufschub von Josefs Befreiung als eine Art Strafe dafür, dass er den Mundschenk so unvorsichtig gebeten hatte, sich für ihn einzusetzen. Aber das ist eine der Möglichkeiten, es zu verstehen. Jedenfalls sieht der Pharao diesen Traum ziemlich lange, nach dem zu urteilen, was geschrieben steht, und kann ihn sich wahrscheinlich tatsächlich nicht merken.
Und siehe, er steht am Nil kann man zweifach verstehen: am Ufer des Nils – das ist das, was der Pharao später in der Nacherzählung angeben wird – und über dem Nil. Denn der Pharao, der ist nicht einfach so Pharao. Anders als ihr und ich hält er sich für den Gott des Nils, er sagt: „Mir gehört der Nil, ich habe ihn erschaffen.“ Und deshalb sieht er sich im Traum über dem Nil. Später erzählt er es Josef anders, und darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
Also, im Traum sieht er sich über dem Nil oder am Ufer des Nils. Der Nil ist die Quelle der Fruchtbarkeit Ägyptens, die Quelle des Wohlstands Ägyptens. Ganz Ägypten lebt wirtschaftlich davon, dass der Nil über die Ufer tritt, den Boden fruchtbar macht und der Boden viel Weizen hervorbringt. Weizen ist die Grundlage des ägyptischen Handels: Weizen, Sklaven, na ja, und noch so manche Kleinigkeit wie Duftstoffe und dergleichen.
וְהִנֵּה מִן־הַיְאֹר עֹלֹת שֶׁבַע פָּרוֹת יְפוֹת מַרְאֶה וּבְרִיאֹת בָּשָׂר וַתִּרְעֶינָה בָּאָחוּ׃
wehinné min-haj'ór olót schéwa parót jefót mar'é uwri'ót bassár wattir'éna ba'áchu
2 Und siehe, aus dem Nil steigen sieben Kühe herauf, die schön von Aussehen und gesund sind, fett an Fleisch, und sie begannen zu weiden.
Das Wort áchu sollte man sich genauer ansehen. Das ist ein rein ägyptisches Slangwörtchen, es gibt es nicht und kann es in keiner anderen Sprache geben. So nennen die Ägypter die Stellen, an denen der Nil bei seiner Überschwemmung edlen, fruchtbaren schwarzen Schlamm zurücklässt – Erde, die sehr gut trägt, die sehr gut für die Landwirtschaft ist. Auf diesen vom Nil überfluteten Wiesen wächst saftiges, dichtes Gras, und genau diese Stellen heißen áchu – Weiden am Ufer des Nils. Und da es so ein Wörtchen nur in der ägyptischen Sprache gibt, ist das ein gewisser Hinweis darauf, dass der Pharao den Traum in altägyptischer Sprache sah, und die Tora gewährt uns ein kleines bisschen einen Blick, ein „Fensterchen“ in den Kopf des Pharaos und in seine Sprache.
Also, der Pharao sah, wie sieben schöne, glänzende, fette Kühe aus dem Nil heraufsteigen und auf der überfluteten Wiese weiden.
וְהִנֵּה שֶׁבַע פָּרוֹת אֲחֵרוֹת עֹלוֹת אַחֲרֵיהֶן מִן־הַיְאֹר רָעוֹת מַרְאֶה וְדַקּוֹת בָּשָׂר וַתַּעֲמֹדְנָה אֵצֶל הַפָּרוֹת עַל־שְׂפַת הַיְאֹר׃
wehinné schéwa parót acherót olót acharehén min-haj'ór raót mar'é wedakkót bassár watta'amódna ézel happarót al-sefát haj'ór
3 und siehe, nach ihnen steigen sieben andere Kühe aus dem Nil herauf, mager, ausgezehrt an Fleisch, und sie stellten sich neben jene Kühe am Ufer des Nils, und sie weiden nicht.
Anders als die ersten, die jefót mar'é (prächtig von Aussehen) waren, sind diese raót mar'é (schlecht von Aussehen oder übel von Aussehen). Die ersten waren wriót bassár (fett), diese – dakkót bassár (mager, ausgezehrt an Fleisch).
וַתֹּאכַלְנָה הַפָּרוֹת רָעוֹת הַמַּרְאֶה וְדַקֹּת הַבָּשָׂר אֵת שֶׁבַע הַפָּרוֹת יְפֹת הַמַּרְאֶה וְהַבְּרִיאֹת וַיִּיקַץ פַּרְעֹה׃
wattochálna happarót raót hammar'é wedakkót habbassár et schéwa happarót jefót hammar'é wehabberi'ót wajikáz par'ó
4 Und es fraßen die Kühe, übel von Aussehen und mager an Fleisch, die sieben Kühe, die prächtig von Aussehen und fett waren. Und der Pharao erwachte.
Das ist der erste Teil des Traums.
וַיִּישָׁן וַיַּחֲלֹם שֵׁנִית וְהִנֵּה שֶׁבַע שִׁבֳּלִים עֹלוֹת בְּקָנֶה אֶחָד בְּרִיאוֹת וְטֹבוֹת׃
wajischán wajachalóm schenít wehinné schéwa schibbolím olót bekané echád beriót wetowót
5 und er schlief wieder ein. und er sah zum zweiten Mal: und siehe, sieben Ähren steigen an einem Halm auf, gesund und schön.
וְהִנֵּה שֶׁבַע שִׁבֳּלִים דַּקּוֹת וּשְׁדוּפֹת קָדִים צֹמְחוֹת אַחֲרֵיהֶן׃
wehinné schéwa schibbolím dakkót uschdufót kadím zomechót acharehén
6 Und siehe, sieben andere Ähren, die dünn, mager, ausgezehrt sind (in der heutigen Sprache ist schduf – mager wie ein Skelett, völlig ausgezehrt vor Magerkeit), wachsen hinter ihnen her.
וַתִּבְלַעְנָה הַשִּׁבֳּלִים הַדַּקּוֹת אֵת שֶׁבַע הַשִּׁבֳּלִים הַבְּרִיאוֹת וְהַמְּלֵאוֹת וַיִּיקַץ פַּרְעֹה וְהִנֵּה חֲלוֹם׃
wattiwlána haschibbolím haddakkótDie russische Umschrift hat im Wort für „die mageren“ ein o statt des a. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: haddakkót, wie schon in Vers 6. et schéwa haschibbolím habberiót wehammeleót wajikáz par'ó wehinné chalóm
7 und die mageren Halme verschlangen die sieben Ähren, die gesunden und vollen. und der Pharao erwachte. und siehe, ein Traum (und er sah, dass es ein Traum ist).
Das heißt, wenn man den Traum des Pharaos noch einmal wiedergibt, dann sieht er zuerst sieben fette Kühe, die aus dem Nil herauskommen. Dann kommen aus dem Nil sieben magere Kühe, und sie fressen die sieben fetten Kühe. Dann sieht er sieben Ähren an einem Halm, schöne, prächtige Ähren, die von sieben halb verfaulten, kümmerlichen Ähren gefressen werden. So einen Traum hatte der Pharao. Man kann sagen, dass dieser Traum in den Grundbegriffen gar nicht so schwer zu deuten ist: der Nil ist die Quelle der Fruchtbarkeit, die Kühe sind die Jahre.
Einige Rabbiner sagten (ich habe davon gehört, und die Kommentatoren haben darüber geschrieben), dass in der ägyptischen Sprache das Wort Kuh und das Wort Jahr mit ein und demselben Wort bezeichnet wurden. Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht beschlossen hätte, das zu überprüfen. Ich habe ins Wörterbuch geschaut. Und siehe, das Wort Kuh wird in der ägyptischen Sprache mit dem Wort muuu bezeichnet (man braucht keine große Fantasie, um sich so einen Namen für eine Kuh auszudenken). Das Wort Jahr wurde in der ägyptischen Sprache mit dem Wort mut bezeichnet, mit dem Buchstaben t am Ende. Und sie wurden ganz unterschiedlich ausgesprochen: das lange muuu und das kurze mut. Aber im Plural klangen Jahre und Kühe gleich. Wenn man ein Beispiel auf Russisch anführt, dann sind belók und bélka zwei verschiedene Wörter, aber belkí und bélki werden im Plural gleich geschriebenBelók heißt auf Russisch „Eiweiß“, bélka „Eichhörnchen“. Im Plural werden beide Wörter gleich geschrieben (belki) und nur durch die Betonung unterschieden.. Und auch hier gibt es eine solche Ähnlichkeit. Gut möglich, dass das dem Pharao als Hinweis dienen konnte.
Im zweiten Teil des Traums – das Getreide, mit dem die Ägypter handeln. Das Getreide ist die Grundlage des Wohlstands, und auch hier ist es verständlich: die mageren Ähren fressen die fetten Ähren. Und im Großen und Ganzen ist die Aufgabe nicht so schwer – diesen Traum zu deuten. Aber trotzdem ist es beängstigend und unverständlich. Wir werden noch versuchen zu verstehen, warum.
וַיְהִי בַבֹּקֶר וַתִּפָּעֶם רוּחוֹ וַיִּשְׁלַח וַיִּקְרָא אֶת־כָּל־חַרְטֻמֵּי מִצְרַיִם וְאֶת־כָּל־חֲכָמֶיהָ וַיְסַפֵּר פַּרְעֹה לָהֶם אֶת־חֲלֹמוֹ וְאֵין־פּוֹתֵר אוֹתָם לְפַרְעֹה׃
wajhí wabbóker wattippá'em ruchó wajischlách wajikrá et-kol-chartummé mizrájim we'et-kol-chachaméha wajsappér par'ó lahém et-chalomó we'en-potér otám lefar'ó
8 Und es war Morgen, und sein Geist erbebte. Und er ging hin und versammelte alle Wahrsager, alle Magier Ägyptens und alle ihre Weisen, Und der Pharao erzählte ihnen den Traum, und es gibt keinen, der ihn dem Pharao deuten würde.
Lohnte es sich denn, sich vor einem solchen Traum zu fürchten, und warum erschrak der Pharao vor einem solchen Traum? Wem deuten? Dem Pharao – das ist hier das Schlüsselwort. Den Traum deuten kann man, aber wie bezieht man diesen Traum auf den Pharao? Die Midraschim sagen, dass man ihm so deutete: „Du wirst sieben Städte erobern; sieben Königreiche werden dich angreifen; du wirst sieben Töchter begraben.“ Das heißt: „Der Wolf und die sieben Geißlein“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Sieben Schritte zum Erfolg“, „Sieben Regeln“ von Dale Carnegie – was die Deuter ihm nicht alles aufzählten, all das passte entweder nicht zu ihm oder entsprach ihm nicht oder passte nicht zum Traum. Warum hat denn keiner der Weisen gesagt: „Hört mal! Die Kühe sind die Jahre, und das Getreide ist das Getreide.“ Und das ist verständlich, denn wenn einer von den eigenen Leuten spricht, erinnert er sich immer daran, mit wem er spricht. Er spricht mit dem Pharao, der der Gott des Nils ist, und es ist unmöglich, dem Gott des Nils, der Verkörperung des Gottes des Nils, zu sagen, dass der Nil nicht über die Ufer treten wird. Schaurig, richtig gruselig ist es, solche Dinge zu sagen. Denn der Pharao kann jemanden hinrichten, wir erinnern uns ja, wie er im vorigen Wochenabschnitt (und sie haben ihn nicht gelesen, sie haben ihn durchlebt) den Bäcker hinrichtete. Auch deshalb fürchten sich die Leute, dem Pharao den Traum zu erzählen. Niemand kann dem Pharao diesen Traum deuten. Erstens, weil er ein Gott ist, zweitens, weil man diesen Traum tatsächlich irgendwie auf ihn beziehen muss.
Interessant ist, dass einige Kommentatoren, besonders östliche, die mit der alten Kultur des Ostens, der Kultur der Traumdeutung, vertraut sind, dass sie sagen: „Wie ist der Pharao denn nicht selbst darauf gekommen? Wozu braucht er jemanden, um diese Träume zu deuten? Der Pharao benimmt sich hier völlig kindisch.“
Im 45. Kapitel des Buches Bereschit werden wir lesen, dass Josef sagt: „Und der Höchste hat mich hier zum Vater für den Pharao eingesetzt.“ Ein sehr seltsamer Ausdruck. Wenn der Pharao das Väterchen Zar ist, dann ergibt sich, dass Josef das Väterchen des Väterchens Zar ist. So ein Amt. Und vielleicht ist ein gewisser Hinweis die Version (möglicherweise ist sie spekulativ, aber im Prinzip für die Geschichte durchaus möglich), dass es um jene Pharaonen geht, um jene Zeit, als sie im Alter von zehn Jahren ins Amt kamen. Wie übrigens Tutanchamun, der im Kindesalter Pharao wurde. Und er (das ist das, was wir aus der Geschichte wissen, obwohl die ägyptische Geschichte mit Erzählungen über ihn nicht sehr freigebig ist) führte eine Reform des Glaubens durch, setzte für eine gewisse Zeit den Monotheismus durch – versuchte jedenfalls, in Ägypten den Monotheismus durchzusetzen. Eine legendäre Persönlichkeit, vergiftet zusammen mit dem Monotheismus, und wenn man sich schon die Frage stellt und schon Spekulationen anstellt, ist dann vielleicht Josef irgendwie daran beteiligt, als Vater des Pharaos?
Aber wenn man ernsthaft spricht und sich nicht Fantasien hingibt, sondern einfach den Pschat liest und die Geschichte kennt, dann ist es durchaus möglich, dass der Pharao hier 12–15 Jahre alt ist, und er ist im Vergleich zum dreißigjährigen Josef noch ganz ein Jüngling, vielleicht ist er auch 12–13 Jahre alt. Er hat keine Erfahrung, und deshalb fürchtet er sich vor Träumen. Aber obwohl er jung ist, ist er ein Gott, und auch ihn fürchten viele. Kurz, es gibt hier irgendwelche verborgenen Klippen, die wir höchstwahrscheinlich nicht sehen, und man möchte sie sich nicht ausdenken.
Also, der Pharao hat alle mit seinem Traum vor ein Rätsel gestellt, und niemand kann oder will dem Pharao seinen Traum enträtseln.
וַיְדַבֵּר שַׂר הַמַּשְׁקִים אֶת־פַּרְעֹה לֵאמֹר אֶת־חֲטָאַי אֲנִי מַזְכִּיר הַיּוֹם׃
wajdabbér sar hammaschkím et-par'ó lemór et-chata'áj aní maskír hajom
9 und der oberste Mundschenk begann mit dem Pharao zu reden: „an meine Sünde erinnere ich mich.
Auch eine ungewöhnliche Form. Möglicherweise hat er dem Pharao diese Geschichte übermitteln lassen, oder er denkt gewissermaßen laut nach. Er gehört nicht zu denen, die den Traum enträtseln. Tatsächlich, der Pharao hat ja seine Wahrsager, seine Zauberer und seine Weisen gerufen. Mundschenke hat er nicht gerufen, denn es gehört nicht zu den Pflichten eines Sommeliers, Träume zu enträtseln. Aber hier fürchtet sich der Mundschenk einerseits, denn Initiative wird bestraft; andererseits möchte er sich hervortun. Möglicherweise beginnt er gewissermaßen so schüchtern mit dem Pharao zu sprechen, und möglicherweise übermittelt er es über jemanden.
Er beginnt damit: „Ich erinnere mich an meine Sünde.“ Man hätte sagen können: „Ich erinnere mich, wie der Pharao auf mich zornig wurde und wie er mich ins Gefängnis steckte“, oder: „Erinnerst du dich, wie du mich damals ins Gefängnis gesteckt hast?“ Aber den Pharao erinnert man besser nicht daran. Und man sagt besser gleich: „Ich bin überhaupt ein reumütiger Sünder, das heißt, was gewesen ist, habe ich längst bereut. Zürne mir nicht, lass uns nicht daran zurückdenken. Ich erinnere mich, und du musst es nicht.“ Die Kommentatoren beeilen sich, daraus zu schließen, dass alle Ereignisse dieser Zeit am Fest Rosch haSchana geschehen, wenn der Mensch sich an die Sünden erinnert. Was haben wir also gerade? Rosch haSchana. Wir werden dann, später, versuchen herauszufinden, ob das so ist oder ob es möglicherweise doch Pessach ist. In der jüdischen Tradition gibt es zwei Versionen. Die einen sagen: „An Rosch haSchana kam Josef aus dem Gefängnis“, die anderen sagen: „An Pessach kam er heraus“, da es an Pessach eine Tradition gibt – Gefangene freizulassen. Von ihr lesen wir nicht nur in jüdischen Quellen, sondern auch im Neuen Testament wird davon gesprochen. Also, er sagt: „An meine Sünde erinnere ich mich.“ Aber das ist höchstwahrscheinlich höfische Rhetorik. Und das ist es, woran sich der Oberste der Mundschenke erinnerte:
פַּרְעֹה קָצַף עַל־עֲבָדָיו וַיִּתֵּן אֹתִי בְּמִשְׁמַר בֵּית שַׂר הַטַּבָּחִים אֹתִי וְאֵת שַׂר הָאֹפִים׃
par'ó kazáf al-awadáw wajittén otí bemischmár bet sar hattabbachím otí we'ét sar ha'ofím
10 der Pharao war zornig auf seine Knechte und setzte mich in Gewahrsam beim Leiter des Sicherheitsdienstes, mich und den Obersten der Bäcker.
וַנַּחַלְמָה חֲלוֹם בְּלַיְלָה אֶחָד אֲנִי וָהוּא אִישׁ כְּפִתְרוֹן חֲלֹמוֹ חָלָמְנוּ׃
WANNACHALMÁ chalóm belájla echád aní wahú isch kefitrón chalomó chalámnu
11 Und in einer der Nächte sahen wir einen Traum, ich und er, jeder mit seiner Deutung sahen wir einen Traum.
Jeder sah einen Traum, der unbedingt eine Deutung haben muss. Ein Traum mit dem Gefühl, dass irgendwo in ihm drin noch ein anderer Teil ist.
וְשָׁם אִתָּנוּ נַעַר עִבְרִי עֶבֶד לְשַׂר הַטַּבָּחִים וַנְּסַפֶּר־לוֹ וַיִּפְתָּר־לָנוּ אֶת־חֲלֹמֹתֵינוּ אִישׁ כַּחֲלֹמוֹ פָּתָר׃
weschám ittánu ná'ar iwrí éwed lessár hattabbachím wannessapper-ló wajiftar-lanúDie russische Umschrift hat im Wort für „er deutete uns“ ein o statt des a. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: wajiftar. et-chalomoténu isch kachalomó patár
12 Und dort war mit uns ein Bürschchen, ein Hebräer, ein Sklave. Und wir erzählten ihm den Traum, und er deutete uns unsere Träume, jedem deutete er seinen Traum.
Das heißt: „Vorsicht! Da war überhaupt so ein Gastarbeiter, ein Zugereister aus Mittelasien. Ich empfehle ihn keineswegs, ich erzähle nur so ein Geschichtchen“ – das ist ungefähr das, was der oberste Mundschenk sagt. Und er fährt fort: „Er war ein Sklave des Leiters des Sicherheitsdienstes. Irgendein dahergelaufener Sklave, noch dazu jung.“ Josef war zu diesem Zeitpunkt achtundzwanzig, aber er nennt ihn einen Jüngling, einen Burschen.
וַיְהִי כַּאֲשֶׁר פָּתַר־לָנוּ כֵּן הָיָה אֹתִי הֵשִׁיב עַל־כַּנִּי וְאֹתוֹ תָלָה׃
wajhí ka'aschér patar-lanú ken hajá otí heschíw al-kanní we'otó talá
13 Und es war: wie er es deutete, so geschah es. Mich hat er an meinen Platz zurückgebracht, und ihn hat er gehängt.
Ungefähr so eine Geschichte erzählte der Mundschenk: „Ich beanspruche überhaupt nichts, ich empfehle niemanden, aber da war bei uns irgendein zugereister Bursche, wer weiß woher, ein iwri.“ Damit ihr versteht: Wenn die Ägypter iwri (Hebräer) sagen, geht es um das Volk Jaakows. Wie viele Hebräer gab es zu diesem Zeitpunkt? Jaakow wird jeden Moment nach Ägypten hinabziehen, und in neun Jahren wird er siebzig Menschen haben. Mit ihm also siebzig Hebräer zu diesem Zeitpunkt. Das ist weniger als irgendwelche kleinen Völker Russlands wie die Kereken oder die Tofalaren oder die Samen oder die Woten, und von ihnen weiß niemand etwas. Von den Hebräern weiß man, weil man sich erstens an den Besuch erinnert, als noch Awraham, der Sohn Terachs, beim Pharao vorbeikam, das war eine denkwürdige Geschichte am Hof. Zweitens zeigt Josef offenbar durch sein ganzes Verhalten, dass er besonders ist. Woher wissen sie, dass er ein iwri ist? Höchstwahrscheinlich hat er keinen Akzent. Und wie soll man auch einen hebräischen Akzent erkennen? Wer unterscheidet einen baschkirischen Akzent von einem tatarischen? Schwierig. In Nationaltracht kann er nicht herumlaufen, Nationalgerichte kocht er nicht. Höchstwahrscheinlich kennt man Josef an seinem Verhalten. Und so sagt der Mundschenk: „Irgendein Zugereister da von den iwrim, von diesen Ungewöhnlichen, die im Leben ein bisschen Astronauten sind, ein Sklave des Leiters des Sicherheitsdienstes – der hat damals den Traum enträtselt. Und mehr kann ich nicht sagen, nehmt das nicht als Empfehlung. Vielleicht sollte der Pharao ihn aus der Grube heraufholen, ihn hierher rufen, und er erzählt es? Wenn nicht, dann nicht. Ich habe nur, entschuldigt, Erinnerungen geteilt.“
Aber der Pharao ist beeindruckt. Und ich habe schon gesagt: Wenn sich die Handlung stürmisch entwickelt, zählt die Tora gleich mehrere Verben hintereinander auf. Hier sind es ganze sechs Verben.
וַיִּשְׁלַח פַּרְעֹה וַיִּקְרָא אֶת־יוֹסֵף וַיְרִיצֻהוּ מִן־הַבּוֹר וַיְגַלַּח וַיְחַלֵּף שִׂמְלֹתָיו וַיָּבֹא אֶל־פַּרְעֹה׃
wajischlách par'ó wajikrá et-josséf wajrizúhu min-habbór wajgallách wajchalléf simlotáw wajawó el-par'ó
14 Und der Pharao sandte hin und rief Josef, Und im Laufschritt (das Wort raz – vom Wort laufen) holten sie ihn aus der Grube, und sie rasierten ihn, und wechselten ihm die Kleidung, und brachten ihn zum Pharao.
Seht, wie der Film zurückgespult wird. Josef wird schnell aus der Grube gezogen, rasiert und geschoren, was nachgewachsen ist, angekleidet und zum Pharao geführt. Den, den man auszog und in die Grube warf, zieht man aus der Grube heraus, kleidet ihn an und bringt ihn zum Pharao, und das ist der Beginn eines neuen Lebens Josefs. Über das Gespräch, das erstaunliche Gespräch zwischen Josef und dem Pharao, und alle Wendungen, und darüber, wie der Pharao die Nacherzählung des Traums veränderte, und wie Josef bewies, dass er die Deutung des Traums nicht „ins Blaue hinein“ gibt, sie sich nicht „aus den Fingern saugt“, einfach gesagt – über all das in den folgenden Versen.
Wir sind dabei stehengeblieben, dass Josef notfallmäßig, in aller Eile aus der Grube geholt, eingekleidet und rasiert wurde – damit er in angemessener Gestalt vor den Pharao treten konnte, als würde der Film über Josefs Leben rückwärts abgespult. Denn davor hatte man ihn zweimal ausgezogen und in eine Grube geworfen, und so waren die Veränderungen in seinem Leben. Hier wird Josef herausgeholt und in kostbare Kleider gekleidet, in denen man vor den Pharao treten kann. Wieder gibt es Veränderungen in seinem Leben, aber ihre Richtung ist jetzt umgekehrt.
Die Möglichkeit einer Begegnung mit dem Pharao ist für Josef auch deshalb einzigartig, weil, da er vom Leiter des Sicherheitsdienstes gekauft worden ist, wie wir sagten, vom Verteidigungsminister am Hof des Pharaos, nur der Pharao allein über ihm steht, nur der Pharao im Grunde Josef befreien oder seine Lage irgendwie ändern kann. Der Höchste schickt Josef eine einzigartige Gelegenheit.
Josef trat also vor den Pharao.
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל־יוֹסֵף חֲלוֹם חָלַמְתִּי וּפֹתֵר אֵין אֹתוֹ וַאֲנִי שָׁמַעְתִּי עָלֶיךָ לֵאמֹר תִּשְׁמַע חֲלוֹם לִפְתֹּר אֹתוֹ׃
wajomer par'ó el-josséf chalóm chalámti ufotér en otó wa'aní schamáti alécha lemór tischmá chalóm liftór otó
15 und der Pharao sagte zu Josef: „ich habe einen Traum gesehen, und einen Deuter dafür gibt es nicht. von dir aber, habe ich gehört, sagt man, dass du einen Traum so anhören kannst, dass du ihn deutest.
So hat der Pharao die Lage verstanden: Gott (oder die Götter) haben mir einen Traum geschickt, einen Deuter aber haben sie nicht geschickt; du aber kannst nicht einfach einen Traum deuten, du verstehst es, ihn so zu hören, dass eine Deutung entsteht.
Was antwortet ihm Josef? Schaut, was für ein begabter Meister der Rhetorik.
וַיַּעַן יוֹסֵף אֶת־פַּרְעֹה לֵאמֹר בִּלְעָדָי אֱלֹהִים יַעֲנֶה אֶת־שְׁלוֹם פַּרְעֹה׃
wajá'an josséf et-par'ó lemór bil'adáj elohím ja'ané et-schelóm par'ó
16 Josef antwortete dem Pharao und sprach: „nicht von mir! Gott wird dem Pharao mit Frieden antworten.
Das Wort antworten wird gewöhnlich im Sinn von eine Antwort geben gebraucht, aber es ist auch die Antwort auf Gebete, die Antwort auf Fragen. Gott wird dem Pharao Frieden geben in Bezug auf seinen Traum (denn beim Pharao, wie wir sagten, „wurde sein Geist erschüttert“), Gott wird ihm noch irgendwelche anderen Antworten geben. Hier wirft Josef eine eigentümliche rhetorische Angel aus. Er bietet dem Pharao nicht einfach eine Deutung des Traums an. Er sagt: „Erstens nicht ich, sondern Gott, und zweitens nicht eine Deutung des Traums, sondern eine Antwort auf die Unruhe des Pharaos.“ Das wird Josef erlauben, mehr zu sagen als nur eine Deutung des Traums. Josef hat versprochen, dass Gott dem Pharao Frieden im Herzen geben wird.
וַיְדַבֵּר פַּרְעֹה אֶל־יוֹסֵף בַּחֲלֹמִי הִנְנִי עֹמֵד עַל־שְׂפַת הַיְאֹר׃
wajdabbér par'ó el-josséf bachalomí hinení oméd al-sefát haj'ór
17 Und der Pharao sagte zu Josef: „Siehe, ich stehe am Ufer des Nils.
Der Pharao beginnt, Josef den Traum darzulegen. Wenn der Pharao den Traum auch den Priestern so nacherzählt hat, dann hatte diese wichtige Ungenauigkeit Bedeutung für die Deutung. Wir sagten, dass der Pharao im Traum sah, dass er über dem Nil ist, über dem Fluss, wie eine Art ägyptische Gottheit, indem er sich als Gottheit vorstellte, und auch ein König kann ja so sein Land sehen. Hier aber steht er am Ufer des Nils. Sehr oft ist das Ufer eines Flusses der Anfang einer prophetischen Vision. So sieht Daniel sich am Ufer eines Flusses, und viele Prophezeiungen beginnen mit einem Fluss. Und wenn der Pharao es in dieser Form nacherzählt hat, dann ist verständlich, dass die Sterndeuter für einen falsch nacherzählten Traum keine passend richtige Deutung finden konnten. Aber das ist nicht das Einzige, was der Pharao tut.
Interessant: In Tehillim lesen wir über Josef, dass er in ein Land gesandt wurde, dessen Sprache er nicht kennt (im 86. Psalm), und dort kann man verstehen: „Vom Ufer habe ich nicht gehört“. Josef, der zu hören versteht, hat das Ufer überhört. Das Wort safá bedeutet Sprache, und es bedeutet auch Ufer. Es gibt so eine bildhafte Deutung, dass Josef als einer, der zu hören versteht, aus allem das Wichtigste herausholt.
וְהִנֵּה מִן־הַיְאֹר עֹלֹת שֶׁבַע פָּרוֹת בְּרִיאוֹת בָּשָׂר וִיפֹת תֹּאַר וַתִּרְעֶינָה בָּאָחוּ׃
wehinné minhaj'ór olót schéwa parót beriót bassár wifót tó'ar wattir'éna ba'áchu
18 Und siehe, aus dem Nil steigen sieben Kühe herauf, die gesund an Fleisch und schön von Aussehen sind (und stattlich von Aussehen). sie weideten auf dem Gras.
Hier gibt es noch eine Falle des Traums. Der Ausdruck wifót tó'ar wird ausschließlich auf Menschen angewendet. Wir haben diese Wendung über Rachel gelesen, die Mutter Josefs, über Josef selbst. Es gibt in der Tora ein Gebot für den Fall, dass ein Mann im Krieg einer schönen Frau begegnet – und auch sie wird wifót tó'ar genannt. Und auch Königin Ester wird wifót tó'ar genannt, das heißt, das ist eine menschliche Beschreibung. Deshalb konnten, wie die Midraschim sagen, die Sterndeuter das in die Richtung deuten, dass es sich irgendwie auf die Töchter des Pharaos bezieht. Schon der Gebrauch des Ausdrucks ist etwas verworren.
וְהִנֵּה שֶׁבַע־פָּרוֹת אֲחֵרוֹת עֹלוֹת אַחֲרֵיהֶן דַּלּוֹת וְרָעוֹת תֹּאַר מְאֹד וְרַקּוֹת בָּשָׂר לֹא־רָאִיתִי כָהֵנָּה בְּכָל־אֶרֶץ מִצְרַיִם לָרֹעַ׃
wehinné schéwa parót acherót olót acharehén dallót weraót to'ár me'ód werakkót bassár lo-ra'íti chahénna bechol-érez mizrájim laróa
19 Siehe, sieben andere Kühe steigen hinter ihnen herauf, mager und schlecht von Aussehen (wieder verwendet er eine menschliche Beschreibung), mit schlaffem Fleisch. Solche scheußlichen habe ich nirgends im ganzen ägyptischen Land gesehen.
Natürlich ist das hier nicht Teil des Traums, das ist schon eine Bemerkung des Pharaos. Er sagt zu Josef: „Ich habe so scheußliche Kühe gesehen, wie ich ihresgleichen in ganz Ägypten nicht gesehen habe“ (interessant überhaupt, wie viele Kühe der Pharao in Ägypten betrachtet hat).
וַתֹּאכַלְנָה הַפָּרוֹת הָרַקּוֹת וְהָרָעוֹת אֵת שֶׁבַע הַפָּרוֹת הָרִאשֹׁנוֹת הַבְּרִיאֹת׃
wattochálna happarót harakkót weharaót et schéwa happarót harischonót habberi'ót
20 Und die schwachen und schlechten Kühe fraßen die sieben ersten Kühe, die schön waren.
Beachtet, dass es in seiner Erzählung, angefangen mit Vers 19, keinen Strom gibt. Denn im Traum sah er, dass die Kühe aus dem Nil heraufsteigen, aber er erzählt das nicht nach, erwähnt es nicht. Höchstwahrscheinlich nicht deshalb, weil der Pharao so ein Schlitzohr ist und den Traum etwas umgemodelt hat, sondern weil er sich an manche Einzelheiten nicht erinnert und es nicht für wichtig hält, sie nachzuerzählen.
וַתָּבֹאנָה אֶל־קִרְבֶּנָה וְלֹא נוֹדַע כִּי־בָאוּ אֶל־קִרְבֶּנָה וּמַרְאֵיהֶן רַע כַּאֲשֶׁר בַּתְּחִלָּה וָאִיקָץ׃
wattawóna el-kirbéna weló nodá ki-waú el-kirbéna umar'ehén ra ka'aschér battechillá wa'ikáz
21 Und sie verschlangen sie, aber man sah nicht, dass sie sie verschlungen hatten (sie gelangten in ihr Inneres, aber das war nicht zu merken), UND IHR AUSSEHEN WAR GENAUSO SCHLECHT WIE AM ANFANG. UND ICH ERWACHTE.
Wieder eine Anmerkung, dass nicht zu sehen war, dass sie zugenommen hatten, nachdem sie die großen Kühe gefressen hatten. Das ist eine Anmerkung des Pharaos. Und hier muss man sehen, wo hier der Traum ist und wo die Kommentare.
וָאֵרֶא בַּחֲלֹמִי וְהִנֵּה שֶׁבַע שִׁבֳּלִים עֹלֹת בְּקָנֶה אֶחָד מְלֵאֹת וְטֹבוֹת׃
wa'ére bachalomí wehinné schéwa schibbolím olót bekané echád mele'ót wetowót
22 Und ich sah im Traum: und siehe, sieben Ähren steigen an einem Halm auf, voll und schön.
וְהִנֵּה שֶׁבַע שִׁבֳּלִים צְנֻמוֹת דַּקּוֹת שְׁדֻפוֹת קָדִים צֹמְחוֹת אַחֲרֵיהֶם׃
wehinné schéwa schibbolím zenumót dakkót schedufót kadím zomechót acharehém
23 und siehe, sieben andere Ähren, trocken wie Zwiebäckchen, dünn und halb durchsichtig, wachsen nach ihnen hervor.
וַתִּבְלַעְןָ הָשִׁבֳּלִים הַדַּקֹּת אֵת שֶׁבַע הַשִׁבֳּלִים הַטֹּבוֹת וָאֹמַר אֶל־הַחַרְטֻמִּים וְאֵין מַגִּיד לִי׃
wattiwlána haschibbolím haddakkót et schéwa haschibbolím hattowót wa'omár el-hachartummím we'én maggíd li
24 und die schlechten dünnen Ähren verschlangen die sieben guten Ähren. und ich habe es meinen Zauberern nacherzählt, und niemand sagt mir meinen Traum (wie kränkend).
So einen Traum hat er erzählt, und so eine Klage im Mund des Pharaos. Und der Pharao erzählt nicht nur den Traum nach, sondern klagt auch überhaupt über die traurige Lage mit seinen Magiern. Hier ist es nicht einfach eine Nacherzählung des Traums; wir sagten, dass der Pharao Josef zu etwas Größerem eingeladen hat als zur Deutung des Traums.
וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל־פַּרְעֹה חֲלוֹם פַּרְעֹה אֶחָד הוּא אֵת אֲשֶׁר הָאֱלֹהִים עֹשֶׂה הִגִּיד לְפַרְעֹה׃
wajomer josséf el-par'ó chalóm par'ó echád hu et aschér ha'elohím ossé higgíd lefar'ó
25 und Josef sagte zum Pharao: „einen Traum hat der Pharao. und was Gott tut, werde ich dem Pharao erzählen.
Warum sagt er das so? Ganz am Anfang haben wir gelesen, dass der Pharao den Traum seinen Zauberern, Magiern, Sterndeutern erzählt hat, sie aber konnten sie nicht enträtseln. Der erste Fehler, den die Hofmagier hatten, – sie sahen den Traum als zwei verschiedene Träume. Josef aber sagt das, was auch der Pharao wiederholt: „Ich habe einen Traum gesehen, ich habe einen einzigen Traum gesehen.“ Die Höflinge teilen ihn aus irgendeinem Grund in zwei Träume, fangen an, unterschiedliche Symbolik zu deuten. Wir sagten noch, dass der Pharao sich entweder schlecht erinnert oder sie an der Nase herumführt. Und sie konnten ihn nicht deuten. Deshalb beginnt Josef damit, dass er sagt: „Der Pharao hat recht, wenn er sagt, dass er einen Traum gesehen hat.“ Der Traum des Pharaos handelt davon, was Gott tun wird. Und Josef hat vor, dem Pharao davon zu erzählen.
שֶׁבַע פָּרֹת הַטֹּבֹת שֶׁבַע שָׁנִים הֵנָּה וְשֶׁבַע הַשִּׁבֳּלִים הַטֹּבֹת שֶׁבַע שָׁנִים הֵנָּה חֲלוֹם אֶחָד הוּא׃
schéwa parót hattowót schéwa schaním hénna weschéwa haschibbolím hattowót schéwa schaním hénna chalóm echád hu
26 sieben gute Kühe – sieben Jahre, und sieben gute Ähren – auch sieben Jahre. und das ist ein und derselbe Traum.
וְשֶׁבַע הַפָּרוֹת הָרַקּוֹת וְהָרָעֹת הָעֹלֹת אַחֲרֵיהֶן שֶׁבַע שָׁנִים הֵנָּה וְשֶׁבַע הַשִׁבֳּלִים הָרֵקוֹת שְׁדֻפוֹת הַקָּדִים יִהְיוּ שֶׁבַע שְׁנֵי רָעָב׃
weschéwa happarót harakkót wehara'ót ha'olót acharehén schéwa schaním hénna weschéwa haschibbolím harekót schedufót hakkadím jihju schéwa schené ra'áw
27 sieben schlechte Kühe, die nach ihnen heraufsteigen, – sieben Jahre. und sieben ebendiese Ähren – auch sieben Jahre des Hungers.
הוּא הַדָּבָר אֲשֶׁר דִּבַּרְתִּי אֶל־פַּרְעֹה אֲשֶׁר הָאֱלֹהִים עֹשֶׂה הֶרְאָה אֶת־פַּרְעֹה׃
hu haddawár aschér dibbárti el-par'ó aschér ha'elohím ossé her'á et-par'ó
28 DAS IST ES, WOVON ICH ZUM PHARAO SPRECHEN WERDE: WAS GOTT TUN WIRD, wird DEM PHARAO GEZEIGT.
Der Pharao wird jetzt nicht ganz einen Traum hören (seht, wie schön Josef das Thema umgelenkt hat). Der Pharao wird nicht die Bedeutung des Traums hören, dem Pharao wird jetzt erzählt, was Gott tun wird.
הִנֵּה שֶׁבַע שָׁנִים בָּאוֹת שָׂבָע גָּדוֹל בְּכָל־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
hinné schéwa schaním baót sawá gadól bechol-érez mizrájim
29 Siehe, sieben Jahre kommen, und es wird Überfluss sein (große Sattheit) im ganzen ägyptischen Land.
וְקָמוּ שֶׁבַע שְׁנֵי רָעָב אַחֲרֵיהֶן וְנִשְׁכַּח כָּל־הַשָּׂבָע בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם וְכִלָּה הָרָעָב אֶת־הָאָרֶץ׃
wekámu schéwa schené ra'áw acharehén wenischkách kol-hassawá be'érez mizrájim wechillá hara'áw et-ha'árez
30 Nach ihnen aber werden sich sieben Jahre des Hungers erheben, und aller Überfluss, der in Ägypten war, wird vergessen sein. Und der Hunger wird das Land verzehren.
וְלֹא־יִוָּדַע הַשָּׂבָע בָּאָרֶץ מִפְּנֵי הָרָעָב הַהוּא אַחֲרֵי־כֵן כִּי־כָבֵד הוּא מְאֹד׃
welo-jiwwadá hassawá ba'árez mippené hara'áw hahú acharechén ki-chawéd hu me'ód
31 Und niemand wird Sattheit im Land kennen wegen jenes Hungers, der danach sein wird, denn er wird sehr schwer sein.
וְעַל הִשָּׁנוֹת הַחֲלוֹם אֶל־פַּרְעֹה פַּעֲמָיִם כִּי־נָכוֹן הַדָּבָר מֵעִם הָאֱלֹהִים וּמְמַהֵר הָאֱלֹהִים לַעֲשֹׂתוֹ׃
we'ál hischanót hachalóm el-par'ó pa'amájim ki-nachón haddawár me'ím ha'Elohím umemahér ha'Elohím la'assotó
32 Dass aber der Pharao diese Träume zweimal gesehen hat, das ist deshalb, weil bei Gott alles bereit ist, und der HERR eilt, der HERR beeilt sich, das alles zu verwirklichen.
In Kürze wird der HERR das alles verwirklichen, deshalb hast du diesen Traum zweimal geträumt. Daraus leiten wir ab, dass ein Traum, der sich zweimal wiederholt oder den ein Mensch zweimal sieht, zwei ähnliche Handlungen, davon spricht, dass der Traum gleich in Erfüllung geht, dass die Erfüllung dieses Traums nahe ist.
Aber wir sagten, dass Josef die Sache so gewendet hat, dass er anscheinend schon nicht mehr nur gekommen ist, um den Traum zu deuten. Josef ist gekommen, um von den Plänen des Höchsten zu erzählen. Der Höchste hat dem Pharao gezeigt, was Er tun wird, damit auch der Pharao etwas tut. Das ist der Kern von Josefs Erzählung, und deshalb wagt Josef fortzufahren. Und nicht einfach fortzufahren, sondern ein sehr ernsthaftes Wirtschaftsprogramm darzulegen.
וְעַתָּה יֵרֶא פַרְעֹה אִישׁ נָבוֹן וְחָכָם וִישִׁיתֵהוּ עַל־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
we'attá jeré far'ó isch nawón wechachám wischitéhu al-érez mizrájim
33 Und Nun wird der Pharao einen verständigen und weisen Mann ersehen und ihn über das ägyptische Land setzen.
יַעֲשֶׂה פַרְעֹה וְיַפְקֵד פְּקִדִים עַל־הָאָרֶץ וְחִמֵּשׁ אֶת־אֶרֶץ מִצְרַיִם בְּשֶׁבַע שְׁנֵי הַשָּׂבָע׃
ja'assé far'ó wejafkéd pekidím al-ha'árez wechimmésch et-érez mizrájim beschéwa schené hassawá
34 Und der Pharao wird Bedienstete im ganzen Land einsetzen und das ägyptische Land in den Jahren des Überflusses ordnen.
וְיִקְבְּצוּ אֶת־כָּל־אֹכֶל הַשָּׁנִים הַטֹּבֹת הַבָּאֹת הָאֵלֶּה וְיִצְבְּרוּ־בָר תַּחַת יַד־פַּרְעֹה אֹכֶל בֶּעָרִים וְשָׁמָרוּ׃
wejikbezú et-kol-óchel haschaním hattowót habba'ót ha'élle wejizberu-wár táchat jad-par'ó óchel be'arím weschamáru
35 Und sie werden alle Nahrung der guten Jahre sammeln, und sie werden die ganze Ernte unter den Händen des Pharaos sammeln, in die Städte sammeln und sie aufbewahren.
Das, was Josef vorschlägt, heißt mit dem alten russischen Wort „Prodraswjorstka“So hieß die Zwangsablieferung von Getreide an den Staat in Sowjetrussland 1919–1921.. Er schlägt vor, die Überschüsse (und auch das, was keine Überschüsse sind) einzusammeln und ein staatliches Getreidemonopol einzuführen. Ich glaube, vor mehr als hundert Jahren, im Jahr neunzehnhundertsechzehn, führte die Provisorische Regierung Russlands ein solches Monopol ein und begann faktisch, die Bauernschaft auszuplündern. Hier hat der Pharao größere Freiheit, in Ägypten, er kann sich mehr erlauben, und Josef sagt zu ihm: „Mach ein Monopol auf das Getreide und sammle alle Vorräte in die Städte.“
וְהָיָה הָאֹכֶל לְפִקָּדוֹן לָאָרֶץ לְשֶׁבַע שְׁנֵי הָרָעָב אֲשֶׁר תִּהְיֶיןָ בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם וְלֹא־תִכָּרֵת הָאָרֶץ בָּרָעָב׃
wehajá ha'óchel lefikkadón la'árez leschéwa schené hara'áw aschér tihjéna be'érez mizrájim welo-tikkarét ha'árez bara'áw
36 Und diese Nahrung wird ein Pfand im Land sein für die sieben Jahre des Hungers, die im ägyptischen Land sein werden, Und das Land wird den Hunger nicht kennen.“
Wenn wir genug Vorräte sammeln, dann wird das Land alle Zeiten des Hungers wohlbehalten überstehen. Im Grunde schlägt Josef dem Pharao vor, ein Getreidemonopol einzurichten, das ganze Getreide in seine Kornkammern zu holen. Unabhängig davon, wie sich diese Situation entwickeln wird, und selbst wenn alles, was Josef sagt, nicht eintrifft, wird der Pharao einen guten Plan haben – ein Getreidemonopol zu machen, und der Pharao wird an dieser Situation in jedem Fall verdienen. Es ist eine Situation, in der man überhaupt nicht verlieren kann, und Josef schlägt ein glänzendes Programm vor. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es weiter heißt:
וַיִּיטַב הַדָּבָר בְּעֵינֵי פַרְעֹה וּבְעֵינֵי כָּל־עֲבָדָיו׃
wajitáw haddawár be'ené far'ó uw'ené kol-awadáw
37 Und das gefiel dem Pharao und allen seinen Knechten.
Dem Pharao gefiel es, und die Knechte streiten ja nicht groß mit ihm.
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל־עֲבָדָיו הֲנִמְצָא כָזֶה אִישׁ אֲשֶׁר רוּחַ אֱלֹהִים בּוֹ׃
wajomer par'ó el-awadáw hanimzá chasé isch aschér Rúach Elohím bo
38 Und der Pharao sprach zu seinen Knechten: „Werden wir etwa noch einen Mann finden, in dem der Geist Gottes ist?“
Der Pharao – er ist Pharao, und in seinen Händen liegt eine gewaltige Macht, aber Josef ist ein Fremder. Und der Pharao braucht es, dass seine Knechte, wenigstens pro forma, zum Schein, damit einverstanden sind, dass nicht irgendeiner von den Würdenträgern ernannt wird, sondern ein Fremder: „Ihr habt es doch selbst gesagt, ihr habt mir doch gerade eben zugestimmt, dass wir niemand Weiseren finden werden.“ Auch der Pharao ist ein Meister der Rhetorik, nicht nur Josef.
Es ist interessant, darauf zu achten, dass Josef zur rechten Zeit nicht nur am rechten Ort war, sondern auch mit einem guten Wirtschaftsprogramm. In diesem Zusammenhang erinnert man sich an das russische Märchen von A. S. Puschkin darüber, wie drei Mädchen spät am Abend spannen. Ein Mädchen sagte: „Wenn ich Zarin werde, werde ich Festmähler für die ganze Welt ausrichten.“ Und der Zar sagt zu ihr: „Na, dann wirst du Ernährungsministerin, Hofköchin.“ Ein anderes Mädchen sagte: „Ich würde für alle Leinen machen, ich würde eine gewaltige Modenschau veranstalten.“ Und der Zar sagt darauf: „Na, dann wirst du für die Kostüme zuständig.“ Und nur die dritte sagte das, was der Zar brauchte: „Ich werde einen Recken gebären.“ Josef erhebt keinen Anspruch auf das Amt der Zarin. Der Höchste sieht für ihn vor, die rechte Hand des Pharaos zu sein, und deshalb schlägt Josef vor: „Wenn ich weise wäre, würde ich es so machen …“. Josef spricht mit einem fertigen Programm darüber, was für ein Wesir, was für ein Ratgeber er sein kann. Und faktisch bekommt er diese Ernennung.
Wir haben unsere Helden in dem Moment verlassen, als Josef den Traum des Pharaos großartig gedeutet und ihm eine neue Wirtschaftspolitik vorgeschlagen hatte, ein ganzes und ernsthaftes, durchdachtes Wirtschaftsprogramm, bei dem man nicht verlieren kann. Der Pharao wandte sich an alle Anwesenden und sagte: „Werden wir einen Mann finden, in dem der Geist Gottes ist?“ Und das war eine teils rhetorische, teils taktische Frage. Wir haben darüber gesagt, dass der Pharao will, dass ihm niemand widerspricht (wie bei einer katholischen Hochzeit: „Er spreche jetzt oder schweige für immer“). Also: „Ist da jemand bei euch in der Menge, in dem der Geist Gottes ist? Nein? Na, das war's, einstimmig.“
Danach wendet sich der Pharao an Josef:
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל־יוֹסֵף אַחֲרֵי הוֹדִיעַ אֱלֹהִים אוֹתְךָ אֶת־כָּל־זֹאת אֵין־נָבוֹן וְחָכָם כָּמוֹךָ׃
wajomer par'ó el-josséf acharé hodíja Elohím otechá et-kol-sót en-nawón wechachám kamócha
39 Und der Pharao sprach zu Josef: „Nachdem Gott dir all das mitgeteilt hat, gibt es keinen Weisen und Verständigen wie dich.
Der Pharao erkennt nicht einfach an, dass es auf der Welt niemanden Weiseren und Verständigeren gibt als Josef (jedenfalls in der Umgebung des Pharaos selbst), sondern er sagt: „Der Beweis dafür ist, dass durch dich Gott spricht, dass Gott dir das gegeben hat. Du bist uns von Gott selbst gesandt.“ Und achtet darauf, dass er auch mit seinen Höflingen nicht davon gesprochen hat: „Ist hier irgendjemand verständig und weise?“ Wahrscheinlich hätte sich ein Wald von Händen erhoben, aber mit dem Geist Gottes haben die Leute mehr Probleme. Also, der Pharao sagt zu Josef: „Du bist uns von Gott selbst gesandt.“
אַתָּה תִּהְיֶה עַל־בֵּיתִי וְעַל־פִּיךָ יִשַּׁק כָּל־עַמִּי רַק הַכִּסֵּא אֶגְדַּל מִמֶּךָּ׃
attá tihjé al-betí we'al-pícha jischák kol-ammí rak hakkissé egdál mimmékka
40 Du wirst über meinem Haus sein (wirst Vorsteher meines Palastes sein), und von deinem Mund wird mein ganzes Volk küssen, und nur meinen Thron werde ich höher lassen als dich.“
Ein großes Amt in Ägypten, aber noch nicht das größte. Achtet darauf, dass die Ernennung Josefs, sein beruflicher Aufstieg in mehreren Etappen geschehen wird, zwar sofort, aber zugleich schrittweise.
„Von deinem Mund werden sie küssen“ – das ist eine bildhafte Aussage: „alles, was dein Mund sagt“, wird aufgenommen werden wie „Mit deinem Mund, Josef, sollte man Honig trinken, ich würde dich auf den Mund küssen, der so redet. Alles, was du sagst, wird mit Begeisterung aufgenommen und ausgeführt werden. Auf alles, was du sagst, wird das Volk sofort sagen: „Wir billigen!“
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל־יוֹסֵף רְאֵה נָתַתִּי אֹתְךָ עַל כָּל־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wajomer par'ó el-josséf re'é natátti otechá al kol-érez mizrájim
41 Und der Pharao sprach zu Josef: „Sieh, da habe ich dir das ganze ägyptische Land gegeben.“
Im vorigen Teil hat der Pharao Josef zum Palastvorsteher ernannt, zum Leiter der Verwaltung des Pharaos. Jetzt ist er Premierminister beim Pharao. Ihm wird das ganze ägyptische Land gegeben.
וַיָּסַר פַּרְעֹה אֶת־טַבַּעְתּוֹ מֵעַל יָדוֹ וַיִּתֵּן אֹתָהּ עַל־יַד יוֹסֵף וַיַּלְבֵּשׁ אֹתוֹ בִּגְדֵי־שֵׁשׁ וַיָּשֶׂם רְבִד הַזָּהָב עַל־צַוָּארוֹ׃
wajássar par'ó et-tabbató me'ál jadó wajittén otá al-jád josséf wajalbésch otó bigde-schésch wajássem rewíd hassaháw al-zawwaró
42 Und der Pharao nahm den Ring von seiner Hand und steckte ihn selbst an die Hand Josefs, und kleidete ihn in kostbare Gewänder, und legte eine goldene Halskette um seinen Hals.
Die Gewänder, die schésch heißen, – aus feinem Stoff, Gewänder kunstvoller Arbeit, meistens aus Seide, aber je nach Jahreszeit und nach Epoche.
Auch der Pharao hatte ein Siegel an einer Kette (wie wir in Bereschit (38,18) gesagt haben, genauso wie Jehuda), und der Pharao übergab alle Attribute der Macht an Josef. Alle Zeichnungsrechte, alle Verwaltungsrechte sind an Josef übergeben. Achtet darauf, dass Jehuda die Zeichen seiner Macht Tamar gab, die sich als Dirne verkleidet hatte, wie eine Dirne erschien. Hier sehen wir den umgekehrten Vorgang, aber es werden ähnliche Elemente übergeben.
וַיַּרְכֵּב אֹתוֹ בְּמִרְכֶּבֶת הַמִּשְׁנֶה אֲשֶׁר־לוֹ וַיִּקְרְאוּ לְפָנָיו אַבְרֵךְ וְנָתוֹן אֹתוֹ עַל כָּל־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wajarkéw otó bemirkéwet hammischné ascher-ló wajikreú lefanáw awréch wenatón otó al kol-érez mizrájim
43 Und er setzte ihn in den zweiten Wagen, Hinter sich her, und vor ihm sollte man rufen: „Awrech!“, und er gab ihm das ganze ägyptische Land.
Josef hat das zweite Auto in der Wagenkolonne. Heute bedeutet das Wort awréch einen jungen verheirateten Jeschiwa-Schüler, der an Weisheit einem Erwachsenen gleicht, aber an Jahren jung ist: aw – Vater, rach – weich.
Die Kommentatoren deuten dieses Wort unterschiedlich. Es gibt solche, die sagen: „Awréch – das ist der Vater des Königs, von dem alten Wort rich – König.“ Und wir wissen, dass Josef später sagen wird, dass er zum Vater des Pharaos eingesetzt ist („Väterchen des Zaren-Väterchens“, wir haben darüber gesprochen). Das ist eine der Auffassungen.
Eine andere Auffassung dieses Wortes ist, dass vor Josef Leute hergehen und rufen: „Auf die Knie!“ – von dem semitischen Wort bérech (Knie), das heißt: „Fallt nieder! Hier wird Josef vorbeikommen!“ Aber es ist nicht ganz verständlich, wenn der zweite Wagen fährtDer Satz kann im Russischen bedeuten „wann der zweite Wagen fährt“ oder „da es doch der zweite Wagen ist“. Er wurde wörtlich übersetzt..
Und es gibt eine dritte Bedeutung dieses Wortes: awréch von dem akkadischen Wort awráku – Vorsteher des Hauses, Herrscher des ganzen Hauses, sogar oberster Verwalter, so kann man es übersetzen. Und es gibt solche Sprachfreaks, die die berühmte unverständliche Formel „Abrakadabra!“ als Worte des Hausvorstehers deuten, als Worte dessen, der im Haus der Herr ist. Und auf diese Weise kann man awréch als Herr im Haus verstehen. Ich würde bei der Übersetzung „hohe Obrigkeit“ bleiben, aber auch die Übersetzung „Auf die Knie vor Josef!“ kann man annehmen.
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל־יוֹסֵף אֲנִי פַרְעֹה וּבִלְעָדֶיךָ לֹא־יָרִים אִישׁ אֶת־יָדוֹ וְאֶת־רַגְלוֹ בְּכָל־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wajomer par'ó el-josséf aní far'ó uwil'adécha lo-jarím isch et-jadó we'et-ragló bechol-érez mizrájim
44 Und der Pharao sprach zu Josef: „Ich bin der Pharao, Und ohne dich wird kein einziger Mensch seine Hand noch seinen Fuß erheben im ganzen ägyptischen Land.“
וַיִּקְרָא פַרְעֹה שֵׁם־יוֹסֵף צָפְנַת פַּעְנֵחַ וַיִּתֶּן־לוֹ אֶת־אָסְנַת בַּת־פּוֹטִי פֶרַע כֹּהֵן אֹן לְאִשָּׁה וַיֵּצֵא יוֹסֵף עַל־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wajikrá far'ó schem-josséf zafenát panéach wajitten-ló et-assenát bat-póti féra kohén on le'ischá wajezé josséf al-érez mizrájim
45 Und der Pharao nannte Josef mit Namen Zafenat-Paneach, Und gab ihm Asnat, die Tochter Poti-Feras, des Priesters der Stadt On (oder des Würdenträgers, des Bürgermeisters, des Oberhaupts), zur Frau. Und Josef zog aus in das ägyptische Land (das heißt, er begann eine Kontroll-, Erkundungs- und Organisationsreise durch das ägyptische Land).
Also sagt der Pharao zu Josef noch einen seltsamen Satz: „Ich bin der Pharao. Ohne dich wird hier keiner Hand noch Fuß heben.“ Es ist klar, dass dieser Ausdruck bildlich ist. Sonst, wenn alle Ägypter angefangen hätten, Josef zu fragen: „Verehrter Zafenat-Paneach, darf ich die Hand heben?“, dann wäre es nicht einmal erlaubt gewesen, einfach nur zu fragen. Es ist klar, dass es um irgendein Bild geht. Was bedeutet: „Ich bin der Pharao. Ohne dich wird keiner Hand noch Fuß heben, und er gab ihm den Namen Zafenat-Paneach“?
Lasst uns mit dem Namen beginnen, den der Pharao Josef gab und der nirgends sonst erwähnt wird. Wenn Dani'el der Name in Belschazzar geändert wird und er danach wenigstens manchmal auch so genannt wird, so wird Josef auch weiterhin Josef genannt. In Tehillim gibt es den Namen Josef, aber eben dieser Name, Zafenat-Paneach, wird nirgends sonst bezeichnet.
Die einfachste Erklärung, die gegeben wird: Zafenat – vom Wort zófen (verschlossen, Code, irgendeine Verschlüsselung, Rätsel); panéach – enträtseln. Zafenat-Paneach – das ist ein Löser von Rätseln. Aber es ist unverständlich, woher der Pharao das gehobene Hebräisch beherrscht, um so ein schwieriges Wort wie pianéach, zu kennen, das nur hier und noch an ein paar Stellen vorkommt, kein sehr umgangssprachliches Wort. Wo hat der Pharao Hebräisch dazugelernt? Vielleicht hat der Pharao Josef irgendeinen ägyptischen Namen gegeben, und uns hat man hier, um uns nicht mit der ägyptischen Sprache zu überladen, einfach die Bedeutung dieses Namens übersetzt? Und es gibt viele verschiedene Kommentare, viele verschiedene Varianten zu diesem Thema.
Es gibt eine interessante Meinung, dass Zafenat-Paneach nicht der, der das Rätselhafte enthüllt, sondern im Gegenteil der, der das Klare verbirgt, bedeutet. Und da Josef von nun an den Pharao vertreten wird, setzt er, wie es sich für einen Würdenträger am Hof gehört, eine Maske auf. Niemand wird ihn erkennen, er wird niemandem mit seinen jüdischen Gesichtszügen ins Auge stechen. Er wird den Pharao vertreten: „Ich bin der Pharao (aní far'ó), und du wirst mein, na ja, sagen wir mal, ‚Doppelgänger mit Maske‘ sein, und ‚keiner wird ohne dich Hand oder Fuß rühren‘.“ Und viele andere Kommentare. Natürlich muss man Menschen, die anders denken als ich, mit Respekt begegnen. Auch andere Bedeutungen dieses Namens sind möglich.
Also haben wir noch eine erstaunliche Gestalt – ein Mädchen namens Asnat, die Tochter des Bürgermeisters der Stadt On. Das Wort kohén bedeutet natürlich Priester, aber auch Würdenträger. Wir lesen über die Söhne Davids, dass sie kohaním – Würdenträger am Hof waren. Das heißt, höchstwahrscheinlich ist dieser Poti-Fer einer der Vorsteher der Stadt On.
Eine weitere Variante ist, dass Poti-Fer hier derselbe Potifar aus Vers 1 von Kapitel 39 ist, und On – das ist Kraft, Macht (eine der Bedeutungen dieses Wortes). Und dann geht es um denselben Potifar. Was hat es damit auf sich, und wozu gibt der Pharao Josef die Tochter Potifars zur Frau (wenn es die Tochter jenes Potifar ist)? Wir wissen, dass Josef einer Beziehung mit der Frau Potifars verdächtigt wurde. Als Menschen, die die Tora gelesen haben, wissen wir, dass zwischen ihnen nichts war, dass Josef sich tapfer gehalten hat und nicht in Versuchung gefallen ist. Aber die Ägypter haben die Tora nicht gelesen, sie haben kein solches Zeugnis, und vielleicht verdächtigt irgendjemand irgendetwas. Wenn Potifar einfach zur Hochzeit gekommen wäre, hätte man sagen können, dass er dem Pharao zuliebe schweigt. Die so richtig klassische Art der Vergebung ist, die Tochter zur Frau zu geben: „Wenn ich dir meine Tochter gebe, dann heißt das, dass ich dir vollständig vertraue.“
Andere Kommentatoren sagen, dass Potifar hätte sagen können: „Ach, der? Den habe ich seinerzeit für zwanzig Schekel, für zwanzig Silberlinge eingekauft! So ein Emporkömmling!“ Jetzt, wo er sein Schwiegersohn sein wird, wird Potifar ihn nicht mehr so geringschätzig behandeln. Und natürlich möchte man sehr, und das Herz bittet einfach darum, Asnat zur Tochter Potifars zu machen, genau jenes Potifar, um den Kreis zu schließen: wie schön sich doch alles fügt! Vielleicht ist es ja so. Obwohl es erstaunlich ist, dass die Tora nicht erwähnt, dass es derselbe Potifar ist. Und man muss sagen, dass die Schreibung des Namens ein klein wenig anders ist. Das ist wie (damit es verständlich ist) Iwanow und Iwanzow. Das heißt, irgendwie ähnlich, und für ein fremdes Ohr gleich, aber nicht gleich. Wiederum gibt es über viele Jahrhunderte viele Versionen, und wir wissen es nicht sicher. Aber die Idee ist interessant: zu sagen, dass eben jene Asnat (wir lesen weiter), dass sie auch die Tochter eben jenes Potifar ist.
Die Kommentatoren gehen tiefer: „Wie können wir denken, dass ein solcher Gerechter wie Josef sich verägyptert hat? Wir haben schon in Bereschit (38,2) gelesen, dass Jehuda sich verkanaanäisiert hat. Hat sich etwa auch Josef verägyptert?“ Und dann entsteht eine solche Version. Nach der sehr tragischen Geschichte mit der Vergewaltigung Dinas wollten die Brüder sie töten, aber Jaakow beschützte sie. Und als ihr eine Tochter geboren wurde, nannte Jaakow sie Asnat, legte sie in einen „brennenden“ Busch (wie jener Busch, der am Sinai brennen wird), und sie gelangte auf irgendeine wundersame Weise mit einer Kamee mit einem Zettel Jaakows nach Ägypten. Dort ging Potifar spazieren, spazierte umher und fand sie zufällig. Und so wuchs Dinas Töchterchen im Haus Potifars auf, und Josef wurde ihr Mann. Und auf diese Weise heiratete Josef, Gott bewahre, keine Ägypterin. Eine solche Version gibt es auch. Mir scheint, das ist ein zu wilder Höhenflug der Fantasie, aber wer schränkt schon fremde Fantasie ein.
Also, Josef hat seinen Status, seine Kleidung verändert, und alles in seinem Leben hat sich verändert, sogar der Familienstand: er heiratete das Mädchen Asnat. Um mit dem Namen Asnat abzuschließen, kann man sagen, dass Asnat diejenige ist, die der Göttin Neith gehört, die sich unter einem Haufen von Schleiern versteckt, sich selbst unter einer Vielzahl von Schleiern und Masken verbirgt. Die jüdische Version sagt, dass der Name Asnat mit sné verbunden ist, jenem „brennenden Busch“, der brennt und nicht verbrennt, dieselbe Art von Busch (Schemot 3,2). Und es gibt noch sehr viele Versionen des Namens Asnat auf der Grundlage des Hebräischen. Aber höchstwahrscheinlich war Asnat eine Ägypterin und wurde zu Ehren einer heidnischen Göttin benannt. Das soll euch nicht wundern: auch heute gibt es eine Vielzahl solcher Namen in der russischen Sprache, und sogar in der Kirche könnt ihr einen Menschen namens Dmitrij sehen, also der Demeter geweiht, oder mit dem Namen Denis, ebenfalls den Göttern geweiht. Diese Namen lösen sich von ihrem ursprünglichen Sinn und gehen in unsere Sprache ein, und erst recht in Ägypten, wo man Namen zu Ehren der Götter links und rechts vergab.
וְיוֹסֵף בֶּן־שְׁלֹשִׁים שָׁנָה בְּעָמְדוֹ לִפְנֵי פַּרְעֹה מֶלֶךְ־מִצְרָיִם וַיֵּצֵא יוֹסֵף מִלִּפְנֵי פַרְעֹה וַיַּעֲבֹר בְּכָל־אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wejosséf ben-scheloschím schaná be'omdó lifné par'ó melech-mizrájim wajezé josséf millifné far'ó waja'awór bechol-érez mizrájim
46 Und Josef ist dreißig Jahre alt, als er vor dem Pharao stand, dem ägyptischen König. Und Josef ging vom Angesicht des Pharaos fort auf eine Erkundungsreise (das heißt, er brach zu einer Dienstreise auf, teilweise einer Revisionsreise) durch das ganze ägyptische Land.
וַתַּעַשׂ הָאָרֶץ בְּשֶׁבַע שְׁנֵי הַשָּׂבָע לִקְמָצִים׃
wattá'as ha'árez beschéwa schené hassawá likmazím
47 Und die Erde gab in den sieben Jahren der Sattheit, in den sieben Jahren des Überflusses, handvollweise.
Wieder kann man sagen, dass die Tora in bildlicher Sprache spricht. Selbstverständlich ist handvollweise, händeweise – das ist sehr wenig. Die Erde gab einfach in riesigem Überfluss Brot, sodass man es handvollweise freudig hochwerfen und abmessen konnte.
וַיִּקְבֹּץ אֶת־כָּל־אֹכֶל שֶׁבַע שָׁנִים אֲשֶׁר הָיוּ בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם וַיִּתֶּן־אֹכֶל בֶּעָרִים אֹכֶל שְׂדֵה־הָעִיר אֲשֶׁר סְבִיבֹתֶיהָ נָתַן בְּתוֹכָהּ׃
wajikbóz et-kol-óchel schéwa schaním aschér hajú be'érez mizrájim wajitten-óchel be'arím óchel sede ha'ír aschér sewiwotéha natán betochá
48 Und er sammelte alle Nahrung der sieben Jahre, die im ägyptischen Land waren, und legte die Nahrung in die Städte, (Alle Nahrung der Umgebung der Stadt legte er in die Stadt).
Josef legt städtische Lager an. Die Nahrung aus allen Gegenden wird in die Städte gebracht. Wir haben schon gesagt, dass die Provisorische Regierung Kerenskis in Russland nach den Nöten des Ersten Weltkriegs die Zwangsablieferung organisierte und ein Getreidemonopol verkündete. Die gesamte Menge an Getreide musste dem Staat übergeben werden, außer dem gesetzlich festgelegten Minimum. Später verschärfte die bolschewistische Macht die Zwangsablieferung und weitete sie nicht nur auf Getreide aus, was in vielen Gebieten Hunger hervorrief. Aber wir sprechen nicht über russische Geschichte.
וַיִּצְבֹּר יוֹסֵף בָּר כְּחוֹל הַיָּם הַרְבֵּה מְאֹד עַד כִּי־חָדַל לִסְפֹּר כִּי־אֵין מִסְפָּר׃
wajizbór josséf bar kechól hajám harbé me'ód ad ki-chadál lispór ki-én mispár
49 Und Josef sammelte Weizen wie Sand des Meeres, sehr viel, sodass er aufhörte zu zählen, denn es gibt keine Zahl.
Riesige Weizenspeicher hat Josef angelegt. Dafür musste man doch Lagerhäuser vorbereiten, und nicht einfach vorbereiten, sondern solche Lagerhäuser entwerfen, die ausreichen, damit das Getreide lange liegen konnte – sieben Jahre. Und das ist eine sehr schwierige technische Aufgabe. In Ägypten hat man solche Bauten nicht gefunden. Wir wissen nicht, wie das war, woraus das gemacht war. Viele sagen, dass auch die Pyramiden als solche Lager gebaut wurden und dass sie nach den Sternen ausgerichtet sind, nach der Astrophysik, sodass man in ihnen lange Weizen lagern konnte. Aber ich weiß es nicht, ich habe keine Bestätigung dafür gesehen.
וּלְיוֹסֵף יֻלַּד שְׁנֵי בָנִים בְּטֶרֶם תָּבוֹא שְׁנַת הָרָעָב אֲשֶׁר יָלְדָה־לּוֹ אָסְנַת בַּת־פּוֹטִי פֶרַע כֹּהֵן אוֹן׃
uljosséf jullád schené waním betérem tawó schenát hara'áw aschér jaleda-ló assenát bat-póti féra kohén on
50 Josef wurden zwei Kinder geboren, bevor die Jahre des Hungers kamen, die ihm Asnat gebar, die Tochter Poti-feras, des Würdenträgers der Stadt On.
Auf der Grundlage dieser Anmerkung der Tora – „bevor die Jahre des Hungers kamen“ – sagten die Rabbiner, die Lehrer: „In einer Hungerzeit ist es besser, keine Kinder zu bekommen.“ Das ist nicht so ein traditionelles, wie man heutzutage sagt: „Wozu Armut in die Welt setzen?“ Es geht wahrscheinlich um etwas ein wenig anderes, aber in jedem Fall sind das Privatmeinungen der Lehrer, und sie sind natürlich nicht verbindlich. Ich mache einfach darauf aufmerksam, was für eine Herangehensweise an das Studium der Tora, an die Aufmerksamkeit für die Tora es gibt. Und die Menschen stellten sich die Frage: Wozu so eine Anmerkung, was will sie lehren?
וַיִּקְרָא יוֹסֵף אֶת־שֵׁם הַבְּכוֹר מְנַשֶּׁה כִּי־נַשַּׁנִי אֱלֹהִים אֶת־כָּל־עֲמָלִי וְאֵת כָּל־בֵּית אָבִי׃
wajikrá josséf et-schém habbechór menasché ki-nascháni elohím et-kol-amalí we'ét kol-bét awí
51 und Josef gab seinem Erstgeborenen den Namen Menasche: „denn Gott hat mich all meine Nöte vergessen lassen und alles, was im Haus meines Vaters war (so erklärte Josef den Namen)“.
Man muss auf das Wort nascháni achten: in einer der Bedeutungen, in denen es im Tanach gebraucht wird – das ist die Bedeutung vergessen, zurücklassen, verlassen. Das heißt: „Gott sei Dank, mich quält keine Nostalgie, ich bin für immer in einem neuen Zuhause, und das alte – liegt im Ausland. Was dort weiter sein wird, wird man mir schreiben, ich werde es hier, in einem anderen Land, lesen.“ Das ist eine Möglichkeit, es zu verstehen, und die einen Kommentatoren sagen, dass Josef nun endlich verstanden hat, dass er ein neues Leben begonnen hat, und begann, sich in Ägypten einzuleben.
Andere sagen: „Josef erinnert sich, dass es in jeder Generation abgesonderte Brüder gab. Es gab Esaw, es gab Jischmael, und Josef denkt, dass der Höchste ihn so abgesondert hat, und das bedeutet, dass er irgendeinen anderen Dienst haben wird.“
Aber es gibt auch ein anderes Verständnis des Wortes nascháni. Im Buch Schemot (22,24) ist denen, die auf Kredit geben, gesagt: Nimm davon keinen Zins (neschéch). Und Nechemja, wenn er vom Zins, vom Verdienst, vom Gewinn spricht, gebraucht ebenfalls das Wort naschá – dasselbe Verb. Und man kann sagen: „Mit Zinsen hat mir der HERR all meine Mühe vergolten und alles, was im Haus meines Vaters war. Wir sind das verlorene Haus des Vaters. Ich bin dem Höchsten nachgegangen, habe das Haus meines Vaters verlassen, und der Höchste hat es mir mit Zinsen vergolten.“ Das heißt, hier gibt es kein Vergessen des Zuhauses, keinen posttraumatischen Einfluss. Josef dankt einfach dem Höchsten und spricht davon, wie der Höchste ihn mit Zinsen für alle Leiden belohnt hat. Weiter lesen wir das, was diesen Ansatz im Großen und Ganzen bestätigt.
וְאֵת שֵׁם הַשֵּׁנִי קָרָא אֶפְרָיִם כִּי־הִפְרַנִי אֱלֹהִים בְּאֶרֶץ עָנְיִי׃
we'ét schem haschení kará efrájim ki-hifráni elohím be'érez onjí
52 Und dem zweiten gab er den Namen Efrajim, was bedeutet: der HERR hat mich vermehrt im Land meiner Armut.
Wenn wir das Wort nascháni wie im vorigen Vers übersetzen, „mit Zinsen vergolten“, dann werden die zwei Namen gleich sein. Wenn wir sagen, dass Josef im ersten Fall von „vergessen“ spricht, dann ergibt sich hier, dass einerseits „vergessen“, andererseits aber – „ich spüre doch, dass das das Land meines Leidens ist“. Und irgendwie beginnen bei Josef nostalgische Gedanken aufzukommen. Diejenigen Kommentatoren, die diametral entgegengesetzte Bedeutungen der Namen anführen, sagen, dass Jaakow genau deshalb beim Segen Menasche nach vorn gestellt hat: im Namen Menasche liegt mehr.
וַתִּכְלֶינָה שֶׁבַע שְׁנֵי הַשָּׂבָע אֲשֶׁר הָיָה בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wattichléna schéwa schené hassawá aschér hajá be'érez mizrájim
53 Und es gingen die sieben Jahre der Sättigung zu Ende, sieben Jahre des Überflusses, die im ägyptischen Land waren.
וַתְּחִלֶּינָה שֶׁבַע שְׁנֵי הָרָעָב לָבוֹא כַּאֲשֶׁר אָמַר יוֹסֵף וַיְהִי רָעָב בְּכָל־הָאֲרָצוֹת וּבְכָל־אֶרֶץ מִצְרַיִם הָיָה לָחֶם׃
wattechilléna schéwa schené hara'áw lawó ka'aschér amár josséf wajhí ra'áw bechol-ha'arazót uwchol-érez mizrájim hája láchem
54 Und es begannen die sieben Jahre des Hungers zu kommen, wie Josef gesagt hatte. Und es war Hunger in allen Ländern, im ägyptischen Land aber war Brot.
Wiederum spricht die Tora bildhaft. Wir wissen nicht, was in dieser Zeit auf dem Gebiet des heutigen Moldawien oder auf dem Gebiet des heutigen Neuseeland geschah. Wenn Völker in einfacher Sprache von dem Land, von der Erde sprechen, meinen sie die bewohnte Welt. Um Ägypten herum gibt es Kleinasien, in die eine Richtung bis Indien, in die andere Richtung – etwas nördlich der Türkei. Das ist ungefähr das Gebiet, auf dem Hunger war, und in Ägypten gibt es Brot. Aber wo gibt es Brot in Ägypten? In den Speichern. Das Volk hat es nicht. Deshalb lesen wir:
וַתִּרְעַב כָּל־אֶרֶץ מִצְרַיִם וַיִּצְעַק הָעָם אֶל־פַּרְעֹה לַלָּחֶם וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה לְכָל־מִצְרַיִם לְכוּ אֶל־יוֹסֵף אֲשֶׁר־יֹאמַר לָכֶם תַּעֲשׂוּ׃
wattir'áw kol-érez mizrájim wajiz'ák ha'ám el-par'ó lalláchem wajomer par'ó lechol-mizrájim lechú el-josséf aschér-jomár lachém ta'asú
55 und das ganze ägyptische Land hungerte, und das Volk schrie zum Pharao um Brot, und der Pharao sagte zu allen Ägyptern: „geht zu Josef und tut, was er sagt“.
Interessant ist, dass die Menschen in Ägypten glaubten, der Pharao sei imstande, ihre wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Also hatte der Pharao irgendeinen guten Ruf. Der Pharao sagte: „Was hängt ihr euch an mich? Wir haben einen Premierminister, einen Landwirtschaftsminister, kurzum, Josef, er ist mein Statthalter im ägyptischen Land, der Statthalter Karlssons auf Erden, zu dem geht doch.“
וְהָרָעָב הָיָה עַל כָּל־פְּנֵי הָאָרֶץ וַיִּפְתַּח יוֹסֵף אֶת־כָּל־אֲשֶׁר בָּהֶם וַיִּשְׁבֹּר לְמִצְרַיִם וַיֶּחֱזַק הָרָעָב בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wehara'áw hajá al kol-pené ha'árez wajiftách josséf et-kol-aschér bahém wajischbór lemizrájim wajechesák hara'áw be'érez mizrájim
56 und der Hunger war über die ganze Oberfläche der Erde. und Josef öffnete alles, worin Weizen war, und verkaufte an Mizrajim. und der Hunger verstärkte sich im ägyptischen Land
.
Das Wort lischbór – verkaufen, um einen Mangel auszugleichen; das Wort schéwer hängt mit Brechen, mit dem Zerbrechen von etwas zusammen. Das heißt, er gab ihnen die Möglichkeit, den Hunger zu bezwingen, verkaufte aber, kann man sagen, zu hohen kommerziellen Preisen. An einer anderen Stelle wird der Höchste dieses Wort anbieten und sagen: „Geht hin und reißt es euch, nehmt es umsonst!“ – ein sehr groteskes Bild – das, was man um das Dreifache teurer verkaufen kann, verteile ich umsonst. Aber hier handelt Josef gewissermaßen mit den Ägyptern mit Brot.
וְכָל־הָאָרֶץ בָּאוּ מִצְרַיְמָה לִשְׁבֹּר אֶל־יוֹסֵף כִּי־חָזַק הָרָעָב בְּכָל־הָאָרֶץ׃
wechól ha'árez báu mizrájma lischbór el-josséf ki-chasák hara'áw bechol-ha'árez
57 und alle Länder kamen nach Ägypten, um mit Josef zu handeln (um bei Josef Brot zu finden, wenn auch für riesiges Geld, zu Spekulationspreisen), denn der Hunger war stark geworden auf der ganzen Erde.
Das ist sie also, die Geschichte von Josefs rasantem Aufstieg, wie er aus einem Menschen, der in der Grube gesessen hatte, zu einem Wirtschaftswunder wurde, größer als das singapurische, zum Retter des ganzen ägyptischen Landes.
Wir sind dabei stehen geblieben, dass die von Josef vorhergesagten sieben Jahre des Überflusses zu Ende gingen. Es begannen die, wiederum von Josef vorhergesagten, sieben Jahre des Hungers. Im ganzen umliegenden Land ist Hunger, aber dank dem Segen Gottes und der Weisheit Josefs gibt es in Ägypten Brot, und aus der ganzen umliegenden Welt strömt das Volk nach Ägypten, um dieses Brot zu kaufen. Und am Anfang des 42. Kapitels werden wir in das Haus Jaakows versetzt, des Vaters Josefs.
וַיַּרְא יַעֲקֹב כִּי יֶשׁ־שֶׁבֶר בְּמִצְרָיִם וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב לְבָנָיו לָמָּה תִּתְרָאוּ׃
wajár jaaków ki jesch-schéwer bemizrájim wajomer jaaków lewanáw lámma titraú
1 Jaakow sah, dass es in Ägypten Brot gibt. Und Jaakow sagte zu seinen Söhnen: „Was schaut ihr einander an?
Natürlich handelt das Volk rings um Kanaan, in ganz Kanaan, es brodelt. Jemand bringt Getreide zum Weiterverkauf, jemand versucht, damit sein Geschäft hochzuziehen. Jaakow versteht, dass das Brot aus Ägypten kommt, dass die Großmärkte – in Ägypten sind.
Und hier wiederum, wie es gewöhnlich so ist, die Schwierigkeiten der Übersetzung: lámma titraú kann man übersetzen als: Was schaut ihr einander an? Das Verb titraú – ist ein reflexives Verb vom Wort lir'ót (sehen): was ihr ihr betrachtet euch, seht euch; man kann sagen – was tut ihr so, als lebtet ihr zur Schau, oder was schaut ihr einander an? Mit anderen Worten, es gibt irgendwelche Wortwechsel, Blickwechsel, die sagen: „Man muss etwas tun, das Brot geht bald zu Ende.“ Oder jeder der Söhne Jaakows, von denen jeder eine Familie hat, zeigt: „Ich habe doch anscheinend genug, wir kommen zurecht, alles Gott sei Dank, wir brauchen keine Hilfe.“ Die Menschen sprechen nicht miteinander – nur mit Blicken, mit halben Blicken deuten sie etwas an.
Man kann es auch anders sagen: Die Söhne verstehen, dass man irgendwie handeln muss, dass man nach Ägypten gehen muss, dass man etwas für das Gedeihen der Familie unternehmen muss, aber sie fürchten, dass Jaakow sie nicht gehen lässt, weil sie eine schwierige Familiengeschichte haben.
וַיֹּאמֶר הִנֵּה שָׁמַעְתִּי כִּי יֶשׁ־שֶׁבֶר בְּמִצְרָיִם רְדוּ־שָׁמָּה וְשִׁבְרוּ־לָנוּ מִשָּׁם וְנִחְיֶה וְלֹא נָמוּת׃
wajomer hinné schamáti ki jesch-schéwer bemizrájim redu-schámma weschiwru-lánu mischám wenichjé weló namút
2 Und er sagt zu ihnen: „Ich habe gehört, dass es in Ägypten Handel gibt. Geht, zieht dort hinab und kauft bei ihnen für uns alles, was nötig ist. mit Gottes Hilfe werden wir leben, bleiben wir am Leben – sterben wir nicht.“
Einerseits sagt er: „Ich glaube, dass alles gut ausgehen wird, wenn wir dorthin hinabziehen.“ Andererseits sagt Jaakow: „Wir werden leben, irgendwie dort durchkommen, Brot kaufen, wenn auch nicht reichlich, aber irgendwie kommen wir durch, wenigstens verhungern wir nicht.“ Diesen Gedanken, diesen Befehl gab Jaakow seinen Söhnen.
וַיֵּרְדוּ אֲחֵי־יוֹסֵף עֲשָׂרָה לִשְׁבֹּר בָּר מִמִּצְרָיִם׃
wajeredú ache-josséf assará lischbór bar mimmizrájim
3 Und die Brüder Josefs zogen zu zehnt hinab, um Brot in Ägypten zu kaufen.
Beachtet, hier bezieht die Handlung Josef schon in das Bild ein. Nicht sie zogen hinab, sondern Jaakow hat sie geschickt, aber sie ziehen schon als Brüder Josefs hinab. Den vorigen Wochenabschnitt haben wir mit Josef und seinen Brüdern begonnen. Natürlich, wenn wir assará (zehn), lesen, erwarten wir sofort eine Erklärung: Wo ist der elfte? Und die Erklärung lässt nicht auf sich warten.
וְאֶת־בִּנְיָמִין אֲחִי יוֹסֵף לֹא־שָׁלַח יַעֲקֹב אֶת־אֶחָיו כִּי אָמַר פֶּן־יִקְרָאֶנּוּ אָסוֹן׃
we'et-binjamín achí josséf lo-schalách jaaków et-echáw ki amár pen-jikra'énnu assón
4 Binjamin aber, den Bruder Josefs (den Bruder Josefs von Rachel und vom Vater her, Josefs leiblichen Bruder), schickte Jaakow nicht mit seinen Brüdern, denn er sagte: „Damit ihm kein Unglück zustößt.“
Jaakow hat eine besondere Sorge um Binjamin. Binjamin wird das Gesprächsthema im Verlauf dieses und eines Teils des nächsten Wochenabschnitts sein, und man spricht von ihm wie von einem unverständigen Kind. Wenn wir anfangen, von ihm zu sprechen, müssen wir daran denken, dass Josef nach Ägypten kam, als er siebzehn war. Zu diesem Zeitpunkt war Binjamin etwa 10–11 Jahre alt. Es sind 20 Jahre vergangen, denn mit 30 Jahren stand Josef vor dem Pharao. Außerdem sind 7 Jahre des Überflusses vergangen. Insgesamt: 20 Jahre sind vergangen, und folglich ist Binjamin mindestens dreißig Jahre alt. Aber man sorgt sich um ihn wie um ein Kind, und er wird hier ständig als Kind erwähnt. Jaakow bangt um ihn, dass ihm nur nichts zustößt.
Sehr oft kommt es vor, dass in einer orientalischen Familie, nach der Tradition der orientalischen Familie (übrigens ist diese Tradition auch in katholische Familien gelangt), der jüngste Bruder, der jüngste Sohn sich mit dem Vater beschäftigt, bei den Eltern bleibt, nirgendwohin verschwindet, sich bei den Eltern hält. Das ist die Rente der Eltern, das ist der, der sie im Alter pflegen wird. Und höchstwahrscheinlich war diese Tradition auch in Kanaan und in jenen Zeiten allgemein verbreitet.
וַיָּבֹאוּ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל לִשְׁבֹּר בְּתוֹךְ הַבָּאִים כִּי־הָיָה הָרָעָב בְּאֶרֶץ כְּנָעַן׃
wajawóu bené jisraél lischbór betóch habba'ím ki-hajá hara'áw be'érez kená'an
5 Und die Söhne Israels kamen, um Brot zu kaufen, unter den anderen Käufern, denn es war Hunger im kanaanäischen Land.
Da im kanaanäischen Land Hunger war, zogen die Käufer in lärmender Menge nach Ägypten, und in dieser Menge kamen die Brüder Josefs.
וְיוֹסֵף הוּא הַשַּׁלִּיט עַל־הָאָרֶץ הוּא הַמַּשְׁבִּיר לְכָל־עַם הָאָרֶץ וַיָּבֹאוּ אֲחֵי יוֹסֵף וַיִּשְׁתַּחֲווּ־לוֹ אַפַּיִם אָרְצָה׃
wejosséf hu haschallít al-ha'árez hu hammaschbír lechol-ám ha'árez wajawóu aché josséf wajischtachawu-ló appájim árza
6 Josef aber herrscht über das ganze Land, er verkauft Brot allen Völkern der Erde. und es kamen die Brüder Josefs und verneigten sich vor ihm bis zur Erde
Warum erinnert uns die Tora daran? Wir wissen, dass, wo auch immer Josef war, man ihm immer delegierte, ihm die Macht übergab, man immer alle Angelegenheiten auf ihn abwälzte. Hier wälzt Josef nichts auf niemanden ab, keinerlei Delegieren. Trotz des hohen Amtes befasst sich Josef mit dem Verkauf von Brot, zumindest mit dem Großhandel mit Brot. Warum ist das wichtig? Wichtig ist, dass das Brot für die Jahre des Hungers reicht. Wichtig ist, dass nicht irgendein reicher Kaufmann kommt, eine riesige Menge Weizen kauft – so, dass Ägypten für das siebte Jahr nicht genug hätte – und anfängt, ihn an Ägypten zu verkaufen. Einerseits ist Josef daran interessiert, dass Ägypten Brot verkauft. Andererseits: „nicht mehr als zwei Säcke pro Person ausgeben“, es muss irgendeine Regel geben. So oder so befasst sich Josef mit allen wichtigen Angelegenheiten.
וַיַּרְא יוֹסֵף אֶת־אֶחָיו וַיַּכִּרֵם וַיִּתְנַכֵּר אֲלֵיהֶם וַיְדַבֵּר אִתָּם קָשׁוֹת וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם מֵאַיִן בָּאתֶם וַיֹּאמְרוּ מֵאֶרֶץ כְּנַעַן לִשְׁבָּר־אֹכֶל׃
wajár josséf et-echáw wajakkirém wajtnakkér alehém wajdabbér ittám kaschót wajomer alehém me'ájin batém wajomerú me'érez kená'an lischbor-óchel
7 und Josef sah seine Brüder, und erkannte sie, ließ sich aber nichts anmerken („entfremdete sich“ ihnen), und redete mit ihnen streng, und er sagte zu ihnen: „woher seid ihr?“ Und sie antworten: „Wir sind aus Kanaan gekommen, um Brot zu kaufen“.
Das Wort wajakkirém (erkannte) und das Wort wajtnakkér („entfremdete sich“, machte sich ihnen unbekannt, „entkannte sich“ von ihnen) – das sind Wörter ein und derselben Wurzel: erkannte, aber bekannte sich nicht.
Stellt euch das Bild vor: Zehn Käufer aus einem fremden Land sind gekommen, um Almosen zu bitten. Vor ihnen steht nicht der leibliche kleine Bruder, sondern ein großer ägyptischer Würdenträger mit Gefolge, im Amt, mit Siegelring, mit goldener Kette. Schrecklich, zum Gruseln! Und er stellt ihnen eine Frage, und sie sagten sofort, woher und wozu sie gekommen sind – offene, gute Menschen.
וַיַּכֵּר יוֹסֵף אֶת־אֶחָיו וְהֵם לֹא הִכִּרֻהוּ׃
wajakkér josséf et-echáw wehém lo hikkirúhu
8 Und Josef erkannte die Brüder, sie aber erkannten ihn nicht.
Warum wiederholt sich das Gespräch darüber, dass Josef sie nicht erkannt hat? Weil auch noch die Stimme erklang. Einer der Brüder sagte: „Wir sind aus Kanaan“, als Josef fragte: „Woher seid ihr“? Und man hätte erkennen können: Irgendwie eine bekannte Stimme hat dieser Ägypter. Nein, nichts hat gewirkt.
Außerdem, was bedeutet „ein zweites Mal erkannte“? Zuerst sah Josef: Da sind seine Brüder. Wie ist das, wenn ein Mensch jemanden ansieht, den er, sagen wir, eine so lange Zeit wie 20 Jahre nicht gesehen hat. Man kann sagen: „Schimon ist grau geworden, Re'uwen hat ein Bäuchlein bekommen, Lewi hat sich einen Bart wachsen lassen.“ Aber irgendwelche kleinen Gesten erkennt man wieder. Josef erkennt seine Brüder ständig wieder, immerhin sind so viele Jahre vergangen. Er schaut sie an, beobachtet sie wie alte Bekannte. Er erkannte ihre Stimmen, sie aber erkannten ihn nicht.
וַיִּזְכֹּר יוֹסֵף אֵת הַחֲלֹמוֹת אֲשֶׁר חָלַם לָהֶם וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם מְרַגְּלִים אַתֶּם לִרְאוֹת אֶת־עֶרְוַת הָאָרֶץ בָּאתֶם׃
wajiskór josséf et hachalomót aschér chalám lahém wajomer alehém meraggelím attém lir'ót et-erwát ha'árez batém
9 und Josef erinnerte sich an die Träume, die er über sie gesehen hatte, und sagte zu ihnen: „Ihr seid Spione und seid gekommen, die Blöße dieses Landes anzusehen!“
Das Erste ist der Beruf: „Ihr seid professionelle Kundschafter, und ihr seid hierher angeheuert (das ist der Auftrag), die Blöße unseres Landes zu betrachten“, das heißt, gekommen, um anzusehen, wo wir hier schwache Stellen haben. Natürlich, stellt euch die Situation vor, wenn die ganze umliegende Welt hungert und Ägypten Brot besitzt. Dort sammelt sich auch das Geld an, und die Haushalte anderer Staaten fließen allmählich nach Ägypten ab. Und natürlich werden sich viele finden, die mit Ägypten Krieg führen wollen. Eine starke Wirtschaft erfordert eine starke Armee, einen starken Sicherheitsdienst. Warum beschuldigt Josef sie, nachdem er sich an den Traum erinnert hat, Kundschafter zu sein? Erinnert ihr euch an die Träume Josefs?
Der erste Traum handelte von Garben. Wir binden Garben… Und es ist unklar, ob in diesem Traum Binjamin war oder nicht. Aber wir haben damals schon gesagt, dass die Garben mit Brot verbunden sind, dass durch Josef das Problem gelöst werden wird, das mit dem Brot verbunden ist. Und dieser Traum hat sich ja erfüllt.
Im zweiten Traum, wie wir uns erinnern, waren Sternchen, der Mond und die Sonne. Und Sternchen waren es elf, elf Sterne, Brüder aber – zehn. Beängstigend. Beängstigend deshalb, weil genauso, wie die Brüder seinerzeit gesagt hatten: „Kommt, verkaufen wir Josef nach Ägypten und schauen, was dabei herauskommt“, sie ja auch sagen konnten: „Kommt, verkaufen wir auch Binjamin nach Ägypten, oder bringen wir ihn einfach um, um zu sehen, wie es da bei ihm mit den elf Sternchen ausgeht.“ Auf jeden Fall: „Wie geht es Binjamin, wo ist Binjamin?“ – das ist die Hauptsorge Josefs.
Die Brüder kamen mit der Menge aus Kanaan, aber sie selbst stammen von ihren Müttern her aus Charan. Das sind zehn Mann, Söhne dreier Mütter: Lea, Silpa und Bilha. Die Söhne Rachels sind ja nicht da, einer von ihnen ist Josef, der zweite ist zu Hause geblieben. Und die Frauen stammten selbst aus Charan, wie auch die Eltern. Das heißt, sie sind aus Kanaan gekommen, aber vom Aussehen her sind sie nicht kanaanäisch; wenn sie auch kanaanäisch sprechen, vielleicht sogar ohne Akzent, sehen sie doch nicht aus wie die Leute von dort. Und deshalb sind zehn Männer, fast eine Fußballmannschaft, – eine sehr gute Aufklärungsgruppe.
Außerdem sind sie höchstwahrscheinlich durch das Tor von El-Arisch nach Ägypten gekommen – dort, wo Ägypten ständig Befestigungen baute, dort, von wo es am meisten Unheil erwartete. Deshalb ist es für Josef natürlich, sie vor allem nach dem Paragraphen „Wegen Spionage“ anzuklagen und ihnen zu sagen: „Ihr seid hierher gekommen, um uns auszuspionieren“.
וַיֹּאמְרוּ אֵלָיו לֹא אֲדֹנִי וַעֲבָדֶיךָ בָּאוּ לִשְׁבָּר־אֹכֶל׃
wajomerú eláw lo adoní wa'awadécha báu lischbór-óchel
10 Und sie sagten zu ihm: „Nein, Herr, Wir sind gekommen, um Brot zu kaufen.
Auf die erste Frage antworteten sie: „Nein, wir sind keine Spione, wir sind keine Kundschafter, wir sind gekommen, um Brot zu kaufen“.
כֻּלָּנוּ בְּנֵי אִישׁ־אֶחָד נָחְנוּ כֵּנִים אֲנַחְנוּ לֹא־הָיוּ עֲבָדֶיךָ מְרַגְּלִים׃
kullánu bené isch-echád náchnu kením anáchnu lo-hajú awadécha meraggelím
11 Wir alle sind Söhne eines Mannes, Ehrlich sind wir, Wir sind niemals Spione gewesen“.
Sie sagten: „Wir sind nicht mit einem Sonderauftrag hierher gekommen. Außerdem sind wir Söhne eines Mannes, wir sind ehrlich, und wir sind einfach gekommen, um Essen zu kaufen, wir sind niemals Kundschafter gewesen“.
Auf die Beschuldigung, dass sie Spione seien und mit einer Aufklärungsmission gekommen seien, antworten sie, dass sie Söhne eines Mannes sind. Die Logik hier ist folgende: Wer schickt denn zur Aufklärung, auf einen Kampfeinsatz gleich zehn seiner Söhne? Wenn sie doch „auffliegen“, wenn, Gott bewahre, die Mission scheitert, kommen alle zehn Söhne um. Eine schreckliche Sache, niemand wird so handeln.
Interessant ist, dass die Brüder von sich sagen kením anáchnu (wir sind ehrlich). In der ganzen Schrift wird das Wort ehrlich fünfmal in diesem Kapitel gebraucht, und es wird über die Brüder gesagt, die Brüder sagen: „Wir sind – ehrlich.“ Dieselben Brüder, die zwanzig Jahre lang ihren Vater betrogen, indem sie jedes Mal Tröstungen erfanden und die Verschwörung bewahrten. Gerade sie, gerade über ihre Ehrlichkeit wird in unserem Kapitel ständig gesprochen, gerade sie werden ehrlich genannt. Und sagt mir danach noch, dass es in der Schrift keine Satire gibt.
וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם לֹא כִּי־עֶרְוַת הָאָרֶץ בָּאתֶם לִרְאוֹת׃
wajomer alehém lo ki-erwát ha'árez batém lir'ót
12 Und er sagt zu ihnen: „Nein, Ihr seid nicht wegen Brot hierher gekommen (ihr seid unter dem Deckmantel des Brotkaufs gekommen), sondern in Wirklichkeit seid ihr hierher gekommen, um die Blöße des Landes auszukundschaften“.
Mit anderen Worten: „Ich glaube euch nicht, dieses euer Argument, dass ihr alle Söhne eines Vaters seid, obwohl ihr von drei Müttern seid (das haben sie nicht gesagt, aber im Großen und Ganzen gibt es irgendeinen Unterschied darin, wie sie aussehen). Ihr seid hierher mit einer Aufklärungsmission gekommen, und dass ihr zehn seid – na, Brüder zur Aufklärung zu schicken, das ist doch stark. Sie verraten einander nicht einmal unter der Folter, Brüder werden bereit sein zu leiden. Wenn es fremde Leute sind, im Fall irgendeines Drucks – wer will denn für Geld leiden, sie werden einander ausliefern, Brüder aber werden ehrlich durchhalten. Deshalb ist die Argumentation unterschiedlich“.
וַיֹּאמְרוּ שְׁנֵים עָשָׂר עֲבָדֶיךָ אַחִים אֲנַחְנוּ בְּנֵי אִישׁ־אֶחָד בְּאֶרֶץ כְּנָעַן וְהִנֵּה הַקָּטֹן אֶת־אָבִינוּ הַיּוֹם וְהָאֶחָד אֵינֶנּוּ׃
wajomerú scheném assár awadécha achím anáchnu bené isch-echád be'érez kená'an wehinné hakkatón et-awínu hajom weha'echád enénnu
13 und sie sagten zu ihm: „zwölf sind wir, deine Knechte, Brüder, Söhne eines Mannes im kanaanäischen Land. und siehe, der Kleine ist beim Vater geblieben, und einer ist nicht mehr, einer ist verschwunden (wenn man wörtlich übersetzt, und einer ist nicht)“.
וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם יוֹסֵף הוּא אֲשֶׁר דִּבַּרְתִּי אֲלֵכֶם לֵאמֹר מְרַגְּלִים אַתֶּם׃
wajomer alehém josséf hu aschér dibbárti alechém lemór meraggelím attém
14 Und Josef sagt zu ihnen: „Na also, ich habe euch doch gesagt, dass ihr Kundschafter seid“.
Warum sagt Josef nach einem solchen Satz: „Na, ich habe doch gesagt …“? Aus dem einfachen Grund, dass dieser Bruder, der verschwunden ist – er selbst ist. Josef versteht ja, dass von ihm die Rede ist. Vielleicht lügen sie über den Kleinen, der beim Vater geblieben ist. Unklar, Binjamin hat man noch nicht vorgezeigt und nicht beim Namen genannt: „Na also, euch ist doch ein Mensch verschwunden, ja? In normalen Familien verschwinden Menschen nicht einfach so, vielleicht ist er bei euch bei irgendeinem Sonderauftrag aufgeflogen, wo es bei so einer Mission menschliche Verluste gibt.“ Und es ist nicht nötig, dass Josef mit ihnen sehr logisch spricht.
Durchaus möglich ist alles, was wir jetzt sagen, wie ich versuche und wie die Kommentatoren versuchen, sich die Logik der Dinge vorzustellen: Bei Josef ist es ein Abbild des Jahres siebenunddreißig in der Sowjetunion. Josef kann einfach autoritär, als „Gericht der Troika“ in einer Person sagen: „Ihr seid Kundschafter, und Schluss! Warum? Weil ich es so entschieden habe, und ihr bekommt jetzt hier alle zu zehnt je zehn Jahre ohne Recht auf Briefwechsel. Wenn wir von irgendeiner sichtbaren Argumentation sprechen, von dem, was pro forma gesagt wird – pro forma wurde es vielleicht auch gesagt, aber es kommt alles ganz unterschiedlich. Ich denke trotzdem, dass ihr Kundschafter seid. Seht ihr, er hat nicht die ganze Familie geschickt, hat sich einen kleinen Menschen unter Aufsicht behalten (er weiß noch nicht, wie alt Binjamin ist: Josef weiß es, aber der Beamte weiß es ja nicht). Und irgendjemand passt da bei euch noch auf das Haus auf, ihr geht nicht alle auf Einsatz, ein Bruder ist euch verloren gegangen, ihr seht einander nicht sehr ähnlich. Kurzum, eine verdächtige Familie“.
בְּזֹאת תִּבָּחֵנוּ חֵי פַרְעֹה אִם־תֵּצְאוּ מִזֶּה כִּי אִם־בְּבוֹא אֲחִיכֶם הַקָּטֹן הֵנָּה׃
besót tibbachénu che far'ó im-teze'ú missé ki im-bewó achichém hakkatón hénna
15 So werde ich euch prüfen: Ich schwöre beim Leben des Pharao, dass ihr nicht von hier hinausgeht, bis ihr den jüngsten Bruder hierher bringt.
Auch Josef hat Sinn für Humor: Wenn er falsch schwört, schwört er beim Leben des Pharao. Und wenn dem Pharao dadurch etwas zustößt, ist das kein großes Unglück. Man führt so ein Beispiel an: Das gleicht einer Frau, die ein Schäfchen gestohlen hat, es ins Haus brachte, es vor den Verfolgern im Bett versteckte, im Bett ihres Sohnes, es mit der Decke zudeckte, und dann zeigt sie hin und sagt: „Bei seinem Leben schwöre ich, bei dem, der da unter der Decke ist, dass ich das Schäfchen nicht genommen habe.“ Sie schwört in Wirklichkeit beim Schäfchen selbst. Es gibt so ein bildhaftes Gleichnis.
Josef sagt also: „Ihr werdet den jüngsten Bruder bringen, und er, selbst wenn ihr professionelle Spione seid, er ist kein professioneller Spion. Dieser behütete Junge, der weiße Rabe in eurer Familie, wird bei ein wenig körperlichem Druck alles über euch erzählen, womit ihr euch beschäftigt, was für Geschäfte ihr gedreht habt, und überhaupt wird er aus seinem jungen Alter und seiner Unerfahrenheit heraus, weil er nicht abgebrüht und nicht mit allen Wassern gewaschen ist, alles über euch erzählen. Deshalb: her mit eurem jüngsten Bruder.“ Das ist das, was Josef zum Schein tut. In Wirklichkeit beunruhigt Josef vor allem, wo Binjamin ist. Sagen sie die Wahrheit, dass dieser, der ejnénu (verschwunden) ist, sich auf Josef bezieht, und der Jüngste beim Vater ist? Vielleicht ist auch Binjamin schon nicht mehr am Leben? Jedenfalls sorgt sich Josef um Binjamin, solange er ihn nicht sieht. Und er sagt zu den Brüdern:
שִׁלְחוּ מִכֶּם אֶחָד וְיִקַּח אֶת־אֲחִיכֶם וְאַתֶּם הֵאָסְרוּ וְיִבָּחֲנוּ דִּבְרֵיכֶם הַאֱמֶת אִתְּכֶם וְאִם־לֹא חֵי פַרְעֹהכִּי מְרַגְּלִים אַתֶּם׃
schilchú mikkém echád wejikkách et-achichém we'attém he'asserú wejibbachanú diwrechém ha'emét ittechém we'im-ló che far'ó ki meraggelím attém
16 Schickt einen, und er wird den Bruder bringen. Ihr aber werdet in Haft sein, Und eure Worte werden geprüft: ob die Wahrheit bei euch ist. Ich schwöre beim Pharao, dass ihr Spione seid“.
וַיֶּאֱסֹף אֹתָם אֶל־מִשְׁמָר שְׁלֹשֶׁת יָמִים׃
waje'essóf otám el-mischmár schelóschet jamím
17 Und er nahm sie für drei Tage in Gewahrsam.
So ungewöhnlich dreht sich das Rad der menschlichen Geschichte: Jetzt setzt schon Josef sie für drei Tage in die Grube. Und die Rollen tauschen sich: Wenn sich früher zehn Brüder über Josef in der Grube beugten, so kann jetzt Josef von oben auf sie schauen. Für drei Tage hat er sie in Gewahrsam gesetzt, aber die vorzeitige Entlassung auf Bewährung – am dritten Tag, nicht nach Ablauf der drei Tage.
וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם יוֹסֵף בַּיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי זֹאת עֲשׂוּ וִחְיוּ אֶת־הָאֱלֹהִים אֲנִי יָרֵא׃
wajomer alehém josséf bajom haschelischí sot asú wichjú et-ha'elohím aní jaré
18 und Josef sagte zu ihnen am dritten Tag: „Dies sollt ihr tun, und ihr werdet am Leben bleiben, denn ich fürchte Gott.
Das heißt: „Seht, wie gütig ich bin, ich fürchte doch Gott, ich werde es nicht so streng machen, wie ich gesagt habe.“ Stellt euch zuerst vor, dass die Brüder einen auswählen müssen, der gehen wird. Und dabei, wenn man die Situation gut kennt, stellt euch vor, dass neun Söhne in Gewahrsam geblieben sind, und einer ist gekommen – Re'uwen, Schimon, Jehuda, Lewi, Jissachar... Egal, wer gekommen ist und zu Jaakow sagt: „Lass auch noch Binjamin gehen.“ Wer hätte Jaakow garantiert, dass nicht auch Binjamin dort verloren geht und nicht alle zehn Söhne verschwinden? Nie im Leben wird Jaakow Binjamin schicken, und im Großen und Ganzen ist das allen klar und höchstwahrscheinlich auch Josef klar. Aber er lässt den Brüdern drei Tage für solche Überlegungen. Und am dritten Tag kommt er und sagt: „Ich fürchte doch Gott.“
אִם־כֵּנִים אַתֶּם אֲחִיכֶם אֶחָד יֵאָסֵר בְּבֵית מִשְׁמַרְכֶם וְאַתֶּם לְכוּ הָבִיאוּ שֶׁבֶר רַעֲבוֹן בָּתֵּיכֶם׃
im-kením attém achichém echád je'assér bewét mischmarchém we'attém lechú hawíu schéwer ra'awón battechém
19 Wenn ihr ehrlich seid, bleibt einer von euren Brüdern in Gewahrsam, ihr aber geht und bringt eure Einkäufe nach Hause, das, was ihr gekauft habt, um eure Häuser vom Hunger zu befreien.
Warum handelt Josef so? Wiederum geht es um Binjamin. Es ist nötig, dass das Brot nach Hause gelangt, denn Josef weiß ja, dass ringsum wirklich Hunger ist. Und damit Binjamin nicht hungert, muss das Brot bis nach Hause kommen. Deshalb werden neun Brüder aufbrechen, damit allen sicher die Lebensmittel gebracht werden.
וְאֶת־אֲחִיכֶם הַקָּטֹן תָּבִיאוּ אֵלַי וְיֵאָמְנוּ דִבְרֵיכֶם וְלֹא תָמוּתוּוַיַּעֲשׂוּ־כֵן׃
we'et-achichém hakkatón tawíu eláj weje'amenú diwrechém weló tamútu waja'asu-chén
20 Euer jüngstes Brüderchen aber bringt zu mir, und wir werden eure Aussagen abgleichen, eure Worte überprüfen, und ihr werdet nicht sterben“. Und sie taten so.
Ein solches Angebot machte ihnen Josef. Die Brüder stehen ratlos da: nein, das ist natürlich besser, als einen zu schicken. Und dennoch beginnen die Brüder zu denken: „Wofür?“ Und die Situation wird so „déjà-vu-haft“ – irgendwie erinnert sie das an etwas.
וַיֹּאמְרוּ אִישׁ אֶל־אָחִיו אֲבָל אֲשֵׁמִים אֲנַחְנוּ עַל־אָחִינוּ אֲשֶׁר רָאִינוּ צָרַת נַפְשׁוֹ בְּהִתְחַנְנוֹ אֵלֵינוּ וְלֹא שָׁמָעְנוּ עַל־כֵּן בָּאָה אֵלֵינוּ הַצָּרָה הַזֹּאת׃
wajomerú isch el-achíw awál aschemím anáchnu al-achínu aschér ra'ínu zarát nafschó behitchanenó elénu weló schamánu al-kén bá'a elénu hazzará hassót
21 Und sie sagten, Bruder zu Bruder: „Wir sind schuldig an unserem Brüderchen, Denn wir sahen die Not seiner Seele, als er uns anflehte, und wir hörten ihn nicht. Darum ist dieses Unglück über uns gekommen“.
Erinnert ihr euch, am Anfang des vorigen Wochenabschnitts, als Josef sich ihnen näherte (37,19), sagten sie, jeder zu seinem Bruder: „Seht, da kommt der Träumer.“ Jetzt sagen sie wieder Bruder zu Bruder.
Die Kommentatoren merken an, und wir haben im vorigen Abschnitt davon gesprochen, dass die Anstifter der Geschichte mit Josef Schimon und Lewi waren, der zweite und der dritte nach Re'uwen (Re'uwen nahm eine andere Position ein). Gut möglich, dass hier Schimon und Lewi als Aktivisten anfangen, das untereinander zu besprechen, nicht alle zehn haben zu reden begonnen. Und gut möglich, dass sich hier Schimon und Lewi zuraunen: „Wir haben doch damals nicht gehört, als unser Bruder weinte.“
וַיַּעַן רְאוּבֵן אֹתָם לֵאמֹר הֲלוֹא אָמַרְתִּי אֲלֵיכֶם לֵאמֹר אַל־תֶּחֶטְאוּ בַיֶּלֶד וְלֹא שְׁמַעְתֶּם וְגַם־דָּמוֹ הִנֵּה נִדְרָשׁ׃
wajá'an re'uwén otám lemór haló amárti alechém lemór al-techet'ú wajéled weló schematém wegam-damó hinné nidrásch
22 Re'uwen aber antwortete ihnen und sagte: „Ich habe euch doch gesagt – Versündigt euch nicht an diesem Jungen, Ihr aber habt nicht gehört. Und siehe, jetzt wird sein Blut von uns gefordert“.
וְהֵם לֹא יָדְעוּ כִּי שֹׁמֵעַ יוֹסֵף כִּי הַמֵּלִיץ בֵּינֹתָם׃
wehem lo jade'ú ki schomé'a josséf ki hammelíz benotám
23 Sie wussten nicht, dass Josef das hört, denn sie unterhielten sich über einen Dolmetscher.
Wer von ihnen ist hier ein guter Spion? Josef ist ein guter Spion.
וַיִּסֹּב מֵעֲלֵיהֶם וַיֵּבְךְּ וַיָּשָׁב אֲלֵהֶם וַיְדַבֵּר אֲלֵהֶם וַיִּקַּח מֵאִתָּם אֶת־שִׁמְעוֹן וַיֶּאֱסֹר אֹתוֹ לְעֵינֵיהֶם׃
wajissów me'alehém wajéwk wajáschow alehém wajdabbér alehém wajikkách me'ittám et-schim'ón waje'essór otó le'enehém
24 Und er ging von ihnen weg und weinte. Und er kehrte zu ihnen zurück und redete mit ihnen und nahm von ihnen Schimon und nahm ihn vor ihren Augen in Gewahrsam.
Josef ist ein großer Weiner. Wir werden mehrmals sehen, wie Josef weint, um seine Brüder weint. Wenn er sich ihnen gegenüber zuerst, wie geschrieben steht, wajtnakér (entfremdete), so beginnt Josef hier, indem er sie beobachtet, ihre Stimmen hört, ihre Streitigkeiten und sogar Zänkereien hört, sich an sie zu erinnern. und er ging weg und weinte.
Warum nahm er Schimon? Weil er der Hauptanstifter dieser ganzen Geschichte war, und weil man Schimon und Lewi sicherheitshalber trennen muss, denn wenn sie zusammen sind, dann ist von ihnen Unheil zu erwarten.
וַיְצַו יוֹסֵף וַיְמַלְאוּ אֶת־כְּלֵיהֶם בָּר וּלְהָשִׁיב כַּסְפֵּיהֶם אִישׁ אֶל־שַׂקּוֹ וְלָתֵת לָהֶם צֵדָה לַדָּרֶךְ וַיַּעַשׂ לָהֶם כֵּן׃
wajzáw josséf wajmal'ú et-kelehém bar ulhaschíw kaspehém isch el-sakkó welatét lahém zedá laddárech wajá'as lahém ken
25 Und Josef gebot, und man füllte alle ihre Gefäße, alle ihre Behälter mit Weizen, und er gebot, jedem in ihren Sack ihr Silber zu legen und ihnen Proviant für den Weg zu geben.
Wozu ihnen Proviant für den Weg geben? Damit sie unterwegs die Säcke nicht öffnen. Außer dass sie mit vollen Säcken, mit ihren Behältern fahren, gab man ihnen noch Proviant für den Weg, damit sie wohlbehalten nach Hause gelangen und die Säcke nicht öffnen. Das ist Josefs Falle. Es ist klar, dass er das nicht bei jedem so macht.
וַיִּשְׂאוּ אֶת־שִׁבְרָם עַל־חֲמֹרֵיהֶם וַיֵּלְכוּ מִשָּׁם׃
wajis'ú et-schiwrám al-chamorehém wajelechú mischám
26 Und sie luden ihr Brot auf ihre Esel, Und gingen von dort.
Wir sind also dabei stehen geblieben, dass die Brüder Josefs, nachdem sie Schimon als Geisel zurückgelassen haben, also zu neunt, höchstwahrscheinlich auf zehn Eseln, aus Ägypten nach Kanaan aufbrechen.
Jeder Esel kann ungefähr, soweit uns bekannt ist, eine Last von bis zu 140 Kilogramm tragen. Auf ihm sitzt ein erwachsener Mann im Alter von etwa dreißig bis vierzig Jahren. Man kann annehmen, dass er so um die 70 Kilogramm wiegt. Und somit bleiben 70 Kilogramm für das Getreide, und auf 10 Eseln können 700 Kilogramm Getreide befördert werden. In der Familie Jaakows sind, wie wir wissen, ungefähr 70 Seelen, die Kinder eingeschlossen. Und 700 Kilogramm auf 70 Seelen – das ist nicht gerade viel Mehl: bei sehr sparsamem Verbrauch reicht es für zwei, drei Monate, das heißt, auf lange Sicht löst das die Frage nicht. Das ist die Lage, die sich ergibt, als die Brüder nach Kanaan aufbrechen.
וַיִּפְתַּח הָאֶחָד אֶת־שַׂקּוֹ לָתֵת מִסְפּוֹא לַחֲמֹרוֹ בַּמָּלוֹן וַיַּרְא אֶת־כַּסְפּוֹ וְהִנֵּה־הוּא בְּפִי אַמְתַּחְתּוֹ׃
wajiftách ha'echád et-sakkó latét mispó lachamoró bammalón wajár et-kaspó wehinne-hú befí amtachtó
27 Und einer von ihnen öffnete seinen Sack, um seinem Esel in der Herberge Futter zu geben, und er sah sein Geld: Da ist es, im Beutel.
Einer der Brüder öffnet seine Tasche, um seinem Esel Futter zu geben. Warum ist das nötig, warum öffnet nur einer? Weil Josef ihnen einerseits Proviant für den ganzen Weg gegeben hatte, für jeden, der aufgebrochen war. Für den Esel Schimons hatte niemand Proviant gegeben, weil Schimon in Ägypten geblieben war. Und da öffnete Lewi, nachdem er aus seinem Proviant, den Josef gegeben hatte, den Esel Schimons gefüttert hatte, den Sack, um seinen eigenen Esel zu füttern (so meint die Mehrheit der Kommentatoren, dass den Esel Schimons höchstwahrscheinlich Lewi gefüttert haben könnte). Und so öffnet Lewi seinen Sack und sieht: Da ist es, sein Geld, sogar in demselben Säckchen, in demselben Beutelchen, in dem es gewesen war.
וַיֹּאמֶר אֶל־אֶחָיו הוּשַׁב כַּסְפִּי וְגַם הִנֵּה בְאַמְתַּחְתִּי וַיֵּצֵא לִבָּם וַיֶּחֶרְדוּ אִישׁ אֶל־אָחִיו לֵאמֹר מַה־זֹּאת עָשָׂה אֱלֹהִים לָנוּ׃
wajomer el-echáwDie russische Umschrift hat im Wort für „zu seinen Brüdern“ ein a statt des e. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: el-echáw. huscháw kaspí wegám hinné we'amtachtí wajezé libbám wajecherdú isch el-achíw lemór ma-sót assá elohím lánu
28 Und er sagte zu seinen Brüdern: „Mein Geld ist zurückgekommen, und sogar in meinem Beutelchen.“ Und ihr Herz sank, und sie fürchteten sich, und sie sahen einander an und sagten: „Was macht Gott da mit uns?“
Wie viel Unverständliches, wie viel Seltsames rund um den Zug der Brüder nach Ägypten. Und als sie Schimon zurückließen, konnte man sagen: „Na also, das ist die Strafe für Schimon dafür, dass er damals mehr als alle anderen Josef verkaufen wollte.“ Und wofür die Strafe ist, kann durchaus verständlich sein. Aber wofür man das Geld zurückgegeben hat, woher plötzlich eine Belohnung kam – das ist völlig unverständlich. Und steckt hier nicht irgendein Haken dahinter?
Die Tradition sagt, dass der Höchste mit den Bösewichten in dieser Welt abrechnet. Wenn ein Bösewicht irgendeine gute Tat vollbracht hat, bekommt er sofort die Belohnung, damit er in der kommenden Welt keine offenen Rechnungen hat. Genauso bekommt ein Gerechter, wenn er etwas Schlechtes tut, sofort die Strafe, damit man ihn nicht in der kommenden Welt bestrafen muss, es gibt einen solchen Ansatz. Und hier ist unklar: „Wofür schickt uns der Höchste dieses Geld? Was ist das? Was geht hier vor?“ Das macht sehr große Angst. Aber es macht nicht so viel Angst, dass alle Brüder ihre Säcke aufgemacht hätten. Ob es lange dauerte oder kurz, sie kommen nach Kanaan.
וַיָּבֹאוּ אֶל־יַעֲקֹב אֲבִיהֶם אַרְצָה כְּנָעַן וַיַּגִּידוּ לוֹ אֵת כָּל־הַקֹּרֹת אֹתָם לֵאמֹר׃
wajawóu el-jaaków awihém árza kená'an wajaggídu lo et kol-hakkorót otám lemór
29 Und sie kamen zu ihrem Vater, Jaakow, in das kanaanäische Land, und sie erzählten ihm alles, was ihnen widerfahren war, und sagten:
Jaakow sah natürlich als Allererstes, dass Schimon fehlt. Es ist egal, wie viel Weizen sie mitgebracht haben, die Säcke sind zu sehen, und man sieht, dass sie Weizen gebracht haben, aber wo ist Schimon? Das ist die schrecklichste Frage. Und sie sagen Folgendes:
דִּבֶּר הָאִישׁ אֲדֹנֵי הָאָרֶץ אִתָּנוּ קָשׁוֹת וַיִּתֵּן אֹתָנוּ כִּמְרַגְּלִים אֶת־הָאָרֶץ׃
dibbér ha'ísch adoné ha'árez ittánu kaschót wajittén otánu kimraggelím et-ha'árez
30 „Jener Landesherr in dem dortigen Land redete hart mit uns und verdächtigte uns, lieferte uns aus, zählte uns zu den Kundschaftern des Landes.
וַנֹּאמֶר אֵלָיו כֵּנִים אֲנָחְנוּ לֹא הָיִינוּ מְרַגְּלִים׃
wannómer eláw kením anáchnu lo hajínu meraggelím
31 Wir aber sagten zu ihm: „Wir sind ehrliche Jungs, wir sind nie Kundschafter gewesen, das ist nicht unser Fach.
שְׁנֵים־עָשָׂר אֲנַחְנוּ אַחִים בְּנֵי אָבִינוּ הָאֶחָד אֵינֶנּוּ וְהַקָּטֹן הַיּוֹם אֶת־אָבִינוּ בְּאֶרֶץ כְּנָעַן׃
schenem-assár anáchnu achím bené awínu ha'echád enénnu wehakkatón hajom et-awínu be'érez kená'an
32 Wir sind zwölf Brüder, Söhne eines Vaters. einer ist nicht mehr, und der Kleine ist heute bei unserem Vater im kanaanäischen Land“.
Der Kleine, daran erinnern wir uns, ist Binjamin, er ist 30 Jahre alt, aber sie reden auch mit dem Vater genauso.
וַיֹּאמֶר אֵלֵינוּ הָאִישׁ אֲדֹנֵי הָאָרֶץ בְּזֹאת אֵדַע כִּי כֵנִים אַתֶּם אֲחִיכֶם הָאֶחָד הַנִּיחוּ אִתִּי וְאֶת־רַעֲבוֹן בָּתֵּיכֶם קְחוּ וָלֵכוּ׃
wajomer elénu ha'ísch adoné ha'árez besót edá ki chením attém achichém ha'echád hanníchu ittí we'et-ra'awón battechém kechú waléchu
33 Und der Herr jenes Landes sagte zu uns: „ich werde es só prüfen, só werde ich wissen, dass ihr ehrlich seid: einen von euren Brüdern lasst bei mir, und das, was nötig ist, um den Hunger eures Hauses zu stillen, nehmt und geht.
וְהָבִיאוּ אֶת־אֲחִיכֶם הַקָּטֹן אֵלַי וְאֵדְעָה כִּי לֹא מְרַגְּלִים אַתֶּם כִּי כֵנִים אַתֶּם אֶת־אֲחִיכֶם אֶתֵּן לָכֶם וְאֶת־הָאָרֶץ תִּסְחָרוּ׃
wehawíu et-achichém hakkatón eláj we'ed'eá ki lo meraggelím attém ki chením attém et-achichém ettén lachém we'et-ha'árez tischáru
34 Bringt euren jüngsten Bruder zu mir, und ich werde wissen, dass ihr keine Kundschafter seid, dass ihr ehrlich seid. Ich werde euch euren Bruder (Schimon) zurückgeben, und ihr werdet im Land Handel treiben“.
Das Wort sáchar (Handel). Manchmal sagt man schácher, sachár-machár oder schácher-mácher (verkauft-gekauft) – es kommt von dem Wort lesachrér (sich im Kreis drehen, einen Umlauf machen, Geld umschlagen und im Land umherziehen). Das heißt: „Ihr werdet euch mit dem Handel frei im Land bewegen können.“ Offenbar konnte nur Josef solche Dokumente für das Recht zum Handel ausstellen, und beim ersten Mal musste man bei ihm eine Erlaubnis bekommen. Man muss nicht daran erinnern, dass Josef nichts dergleichen zu ihnen gesagt hat, über den Handel gab es kein Gespräch. Und die Brüder fügen das von sich aus hinzu, sei es als Auslegung der Worte Josefs, sei es in Erinnerung an die Geschichte Dinas. Wir haben gelesen (34,9.10): Als Sch'chem und Chamor kamen, sagten sie: „Wir werden uns mit euch verschwägern, und wir werden ein Volk sein, und ihr werdet in unserem Land Handel treiben, ihr werdet mit uns einen Vertrag schließen.“ Damals gefiel das Jaakow. Und die Brüder verstehen: Der Proviant reicht ja nicht lange, dieser Zug hier, er ist keine Lösung. Aber die Möglichkeit, in Ägypten Großeinkäufe zu machen, sie nach Kanaan zu bringen und sogar weiterzuverkaufen und vielleicht großes Geld zu machen — das ist eine ernsthafte Lösung. Und man müsste den Vater überreden, Binjamin gehen zu lassen, und dafür muss man die Argumentation benutzen, die Jaakow gefällt. Damals, im Fall mit Sch'chem, war er nicht dagegen, deshalb muss man ihn an die Möglichkeiten des Handels erinnern. Jaakow liebt das. Das ist es, was sie ihm erzählt haben. Was haben sie ihm vorerst nicht erzählt? Dass Lewi (höchstwahrscheinlich war es Lewi) den zurückgegebenen Beutel mit dem Geld gefunden hat. Im 35. Vers lesen wir die Fortsetzung der Geschichte:
וַיְהִי הֵם מְרִיקִים שַׂקֵּיהֶם וְהִנֵּה־אִישׁ צְרוֹר־כַּסְפּוֹ בְּשַׂקּוֹ וַיִּרְאוּ אֶת־צְרֹרוֹת כַּסְפֵּיהֶם הֵמָּה וַאֲבִיהֶם וַיִּירָאוּ׃
wajhí hem merikím sakkehém wehinne-ísch zeror-kaspó besakkó wajir'ú et-zerorót kaspehém hémma wa'awihém wajiráu
35 Und siehe, sie leerten ihre Säcke, und bei jedem – sein Beutelchen mit Geld (sein Bündelchen Geld), und sie sahen die Geldbündel, sie und der Vater, und sie fürchteten sich.
Als sie sahen, dass sich das Geld bei Lewi gefunden hatte, erschraken sie mit einem furchtbaren, schrecklichen Schrecken. Als sie aber sahen, dass jeder von ihnen dieses Säckchen hat, erschraken sie einfach, nicht so sehr wie beim ersten Mal. Womit ist das vergleichbar? Wenn ihr morgens zum Briefkasten geht und einen großen braunen Umschlag seht, in dem nicht immer gute Briefe kommen (nicht immer löst das freudige Gefühle aus), dann holt ihr ihn heraus und denkt: „Was könnte das sein? Vielleicht habe ich irgendeine Schuld vergessen, vielleicht ist eine Steuer auf das Nichtfeiern von Neujahr aufgekommen oder, umgekehrt, auf Salat Olivier, die man mir jetzt hier abknöpfen wird?“ Und das ist natürlich nicht sehr angenehm. Und da bemerkt ihr, dass in allen Briefkästen ein ähnlicher Brief ist. Das beruhigt einen Menschen ein wenig. So beruhigte das auch die Brüder. Aber Jaakow ahnte offenbar etwas Ungutes, denn gerade nach diesen Ereignissen sagt Jaakow:
וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם יַעֲקֹב אֲבִיהֶם אֹתִי שִׁכַּלְתֶּם יוֹסֵף אֵינֶנּוּ וְשִׁמְעוֹן אֵינֶנּוּ וְאֶת־בִּנְיָמִן תִּקָּחוּ עָלַי הָיוּ כֻלָּנָה׃
wajomer alehém jaaków awihém otí schikkaltém josséf enénnu weschim'ón enénnu we'et-binjamín tikkáchu aláj hajú chullána
36 Und Jaakow, ihr Vater, sagte zu ihnen: „Ihr habt mich kinderlos gemacht. Josef ist nicht mehr, und Schimon ist nicht mehr, ihr werdet auch noch Binjamin wegnehmen, und auf mir werden sie alle liegen“.
Aw schakúl – das ist ein Vater, der seine Kinder verloren hat: „Ihr habt mich an Kindern verwaist gemacht.“ Im Russischen kann ein Kind verwaisen, das seine Eltern verloren hat, auf Hebräisch ist das lehit'jatém. Aber im Hebräischen gibt es noch ein Wort dafür, wenn Eltern Kinder verlieren, das nennt man schakúl. Wenn zum Beispiel Kinder bei Terroranschlägen umkommen, Gott behüte, dann nennt man eine solche Familie mischpachá schikuljá und dementsprechend aw (Vater) schakúl, em (Mutter) schakuljá.
Jaakow fürchtet, dass die Kinder vielleicht das Geld nicht gegeben, sondern Schimon dort gelassen haben, und jetzt ist Schimon verloren. Oder, weil man das Geld zurückgegeben hat, werden sie Schimon jetzt als Geisel betrachten. In jedem Fall macht das Jaakow Angst, und er denkt, dass, wenn das Geld zurückgekommen ist, vielleicht Schimon nicht zurückkommt. Und das ist die Antwort: „Jungs, Binjamin lasse ich nicht mit euch gehen.“ Und das sagt er, als man gerade erst die Säcke geleert hat, es gibt noch einen Vorrat, es ist noch Zeit zu entscheiden, es ist Zeit nachzudenken. Aber so reagiert Re'uwen darauf:
וַיֹּאמֶר רְאוּבֵן אֶל־אָבִיו לֵאמֹר אֶת־שְׁנֵי בָנַי תָּמִית אִם־לֹא אֲבִיאֶנּוּ אֵלֶיךָ תְּנָה אֹתוֹ עַל־יָדִי וַאֲנִי אֲשִׁיבֶנּוּ אֵלֶיךָ׃
wajomer re'uwén el-awíw lemór et-schené wanáj tamít im-ló awi'énnu elécha tená otó al-jadí wa'aní aschiwénnu elécha
37 Und Re'uwen sagte zu ihm (zu seinem Vater) und sprach: „Meine zwei Söhne töte, wenn ich ihn (Binjamin) nicht zu dir bringe. Gib ihn mir, und ich werde ihn dir zurückbringen“.
Re'uwen hat vier Söhne. Der älteste heißt Chanoch, und sie sind schon ziemlich erwachsene Kinder. So ist Re'uwens Ansatz. Natürlich erwartet er nicht, dass Jaakow nachts kommt und sagt: „Chanoch, Palu, kommt mit mir“, und sie aufs offene Feld hinausführt, ein Gewehr hervorholt und sie erschießt oder, Gott bewahre, im Schlaf absticht. Darum geht es nicht. Sieht so etwas denn Jaakow ähnlich, und ist es denn vernünftig, einen solchen Vorschlag zu machen? Aber im Grunde sagt Re'uwen: „Möge dein Fluch zwei meiner Kinder töten.“ Das heißt: „Ich schwöre beim Leben meiner zwei Kinder, bei meinen zwei Kindern, dass ich sie (Schimon und Binjamin) dir zurückbringe.“ Aber wie kann das Jaakow erfreuen? Unklar. Der hitzige Re'uwen macht einen solchen Vorschlag, auf den Jaakow nicht so reagiert, wie jener es erwartet.
וַיֹּאמֶר לֹא־יֵרֵד בְּנִי עִמָּכֶם כִּי־אָחִיו מֵת וְהוּא לְבַדּוֹ נִשְׁאָר וּקְרָאָהוּ אָסוֹן בַּדֶּרֶךְ אֲשֶׁר תֵּלְכוּ־בָהּ וְהוֹרַדְתֶּם אֶת־שֵׂיבָתִי בְּיָגוֹן שְׁאוֹלָה׃
wajomer lo-jeréd bení immachém ki-achíw met wehú lewaddó nisch'ár ukra'áhu assón baddérech aschér telechu-wá wehoradtém et-sewatí bejagón sche'óla
38 Und er sagte: „Mein Sohn wird nicht mit euch gehen, denn sein Bruder ist gestorben, und er allein ist übrig geblieben, Und wenn ihm irgendein Unglück zustößt auf dem Weg, den ihr gehen werdet, dann werdet ihr mein graues Haar im Kummer in den Scheol hinabbringen, ins Grab.“
Diesen Ausdruck wird Jehuda später Josef direkt und ein klein wenig verändert wiederholen.
Interessant ist, dass auch David, als er Schlomo seine Anweisungen gibt, zum Beispiel über Jo'aw, der Amasa, den Sohn Jeters, getötet hat, sagt: „So handle nun nach deiner Einsicht und lass sein graues Haar nicht in Frieden in den sche'ól hinabfahren.“ In den sche'ól, ins Grab, wie manche nicht sehr sachkundig übersetzen, in die Unterwelt kann man auf verschiedene Weise hinabsteigen. Und über Schim'i, den Sohn Geras, sagt er: „Bring sein graues Haar mit Blut in die Unterwelt hinab.“
Das heißt, es ist klar, dass jeder Mensch sterblich ist, jeder Mensch früher oder später ins Grab kommt. Aber hier sagt Jaakow: „Ihr werdet mich im Kummer sterben lassen; wenn auch noch Binjamin verloren geht, dann werde ich nicht in Ruhe sterben.“
Hier beginnt das 43. Kapitel des Buches Bereschit.
וְהָרָעָב כָּבֵד בָּאָרֶץ׃
wehara'áw kawéd ba'árez
1 Auf der Erde aber trat ein schwerer Hunger ein.
וַיְהִי כַּאֲשֶׁר כִּלּוּ לֶאֱכֹל אֶת־הַשֶּׁבֶר אֲשֶׁר הֵבִיאוּ מִמִּצְרָיִם וַיֹּאמֶר אֲלֵיהֶם אֲבִיהֶם שֻׁבוּ שִׁבְרוּ־לָנוּ מְעַט־אֹכֶל׃
wajhí ka'aschér killú le'echól et-haschéwer aschér hewíu mimmizrájim wajomer alehém awihém schúwu schiwru-lánu me'at-óchel
2 Und es war, als sie aufgegessen hatten, was aus Ägypten gebracht worden war, Und ihr Vater sagte zu ihnen: „kehrt zurück und kauft uns ein klein wenig Essen.“
Darin liegt so ein gewisser Sinn: „Vielleicht verkauft man uns ein klein wenig Essen, dafür braucht man keine besonderen Genehmigungen. Vielleicht wird man ohne Binjamin auskommen können, wenn wir kommen und sagen: Na, ein klein wenig, gebt vorübergehend, solange wir nachdenken, gebt ein klein wenig, denn Essen gibt es schon fast gar keines mehr.“
וַיֹּאמֶר אֵלָיו יְהוּדָה לֵאמֹר הָעֵד הֵעִד בָּנוּ הָאִישׁ לֵאמֹר לֹא־תִרְאוּ פָנַי בִּלְתִּי אֲחִיכֶם אִתְּכֶם׃
wajomer eláw jehudá lemór ha'éd he'íd bánu ha'ísch lemór lo-tir'ú fanáj biltí achichém ittechém
3 Und Jehuda sagte zu ihm, indem er sprach: „Bezeugt hat jener Mann, indem er sprach: ‚ihr werdet mein Angesicht nicht sehen, ohne dass euer Bruder bei euch ist‘.
Hier tritt Jehuda mit seiner Argumentation auf, und das ist ein wenig anders als bei Re'uwen.
אִם־יֶשְׁךָ מְשַׁלֵּחַ אֶת־אָחִינוּ אִתָּנוּ נֵרְדָה וְנִשְׁבְּרָה לְךָ אֹכֶל׃
im-jeschchá meschalléach et-achínu ittánu neredá wenischberá lechá óchel
4 Wenn du dennoch einverstanden bist, den Bruder mit uns zu schicken, werden wir gehen und dir Essen bringen.
וְאִם־אֵינְךָ מְשַׁלֵּחַ לֹא נֵרֵד כִּי־הָאִישׁ אָמַר אֵלֵינוּ לֹא־תִרְאוּ פָנַי בִּלְתִּי אֲחִיכֶם אִתְּכֶם׃
we'im-enechá meschalléach lo neréd ki-ha'ísch amár elénu lo-tir'ú fanáj biltí achichém ittechém
5 Wenn du aber nicht schickst, werden wir nicht gehen, denn dieser Mann hat zu uns gesagt: Ihr werdet mein Angesicht nicht sehen, wenn euer Bruder nicht bei euch ist.“
Jehuda wiederholt, was er schon gesagt hat, und erklärt Jaakow: „Schickst du – gehen wir, schickst du nicht – gehen wir nicht. Und alles hängt von dir ab und nicht von jenem Mann, denn jener Mann hat uns schon klar alles gesagt, was er will.“
וַיֹּאמֶר יִשְׂרָאֵל לָמָה הֲרֵעֹתֶם לִי לְהַגִּיד לָאִישׁ הַעוֹד לָכֶם אָח׃
wajomer jisraél lamá hare'otém li lehaggíd la'ísch ha'ód lachém ach
6 Und Israel sagte: „Wozu habt ihr mir Schlechtes angetan, indem ihr jenem Mann gesagt habt, dass ihr einen Bruder habt?“
Das heißt: „Wozu habt ihr ihm überhaupt erzählt, dass ihr einen Bruder habt?!“ Und das ist schon der Anfang der Zustimmung. Der Mensch hat die Situation zuerst geleugnet, jetzt beginnt er, sie anzunehmen, und sagt: „Wozu habt ihr das alles überhaupt getan? Warum ist eine solche Situation entstanden?“ Das ist natürlich kränkend, aber es ist doch klar, dass keiner der Brüder wusste, dass alles so enden würde.
וַיֹּאמְרוּ שָׁאוֹל שָׁאַל־הָאִישׁ לָנוּ וּלְמוֹלַדְתֵּנוּ לֵאמֹר הַעוֹד אֲבִיכֶם חַי הֲיֵשׁ לָכֶם אָח וַנַגֶּד־לוֹ עַל־פִּי הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה הֲיָדוֹעַ נֵדַע כִּי יֹאמַר הוֹרִידוּ אֶת־אֲחִיכֶם׃
wajomerú scha'ól scha'al-ha'ísch lánu ulmoladténu lemór ha'ód awichém chaj hajésch lachém ach wanagged-ló al-pí haddewarím ha'élle hajadóa nedá ki jomár horídu et-achichém
7 Und sie sagten: „Fragen hat dieser Mann uns gestellt über unseren Geburtsort, indem er sprach: Lebt euer Vater noch? Habt ihr einen Bruder? Und wir haben ihm auf diese Fragen geantwortet. Wussten wir denn, dass er sagen würde: ‚bringt herab, Bringt euren Bruder‘?
Jehuda versucht dennoch, den Streit zu lösen, Jehuda sucht eine Argumentation, die Jaakow, einfach gesagt, „rumkriegt“, die es Jaakow doch ermöglicht, eine Entscheidung zu treffen.
וַיֹּאמֶר יְהוּדָה אֶל־יִשְׂרָאֵל אָבִיו שִׁלְחָה הַנַּעַר אִתִּי וְנָקוּמָה וְנֵלֵכָה וְנִחְיֶה וְלֹא נָמוּת גַּם־אֲנַחְנוּ גַם־אַתָּה גַּם־טַפֵּנוּ׃
wajomer jehudá el-jisraél awíw schilchá hanná'ar ittí wenakúma wenelécha wenichjé weló namút gam-anáchnu gam-attá gam-tappénu
8 Und Jehuda sagte zu Israel, seinem Vater: „Schick diesen Jungen mit mir, und Wir werden gehen, und zurückkehren, und Wir werden leben, und nicht umkommen – Auch wir, auch du, auch unsere Kinder.
Wenn ihr euch erinnert, das sind die Worte Jaakows selbst. Es ist gut, einem Menschen gegenüber in seiner eigenen Sprache zu argumentieren. Als Jaakow sie das erste Mal nach Ägypten schickte, sagte er: „Geht, zieht hin, wir werden leben und nicht sterben.“ Und hier baut Jehuda sein Argument gegenüber Jaakow auf dessen eigenen Worten auf, fügt aber hinzu: „Auch wir, auch du, auch unsere Kinder.“ Und das ist eine sehr schöne Ergänzung im Vergleich zu dem, was Re'uwen gesagt hat: „Töte meine zwei Kinder.“ Tod, Leben – Jehuda argumentiert über das Leben: „Wir werden leben können, und du wirst leben können, und unsere Kinderchen, deine Enkel, deine Urenkel werden auch leben können.“
Im 9. Vers spricht Jehuda in der Sprache eines für jene Zeit klassischen Schwurs:
אָנֹכִי אֶעֶרְבֶנּוּ מִיָּדִי תְּבַקְשֶׁנּוּ אִם־לֹא הֲבִיאֹתִיו אֵלֶיךָ וְהִצַּגְתִּיו לְפָנֶיךָ וְחָטָאתִי לְךָ כָּל־הַיָּמִים׃
anochí e'erwénnu mijadí tewakschénnu im-ló hawi'otíw elécha wehizzagtíw lefanécha wechatáti lechá kol-hajamím
9 Ich werde ihm Bürge sein, Aus meinen Händen wirst du ihn fordern. Wenn ich ihn dir aber nicht bringe und ihn nicht vor dich stelle, werde ich ein Sünder vor dir sein alle Tage deines Lebens.
Das kann man sich nicht vorstellen, das ist ein sehr strenger Schwur für jene Zeiten, das Ernsteste, was Jehuda sagen konnte. Das hätte die Kinder Jehudas töten können, Jehuda selbst töten können, denn er sagt: „Ich werde mein ganzes Leben lang, rundum und auf ewig vor dir schuldig sein.“ Und er fügt hinzu:
כִּי לוּלֵא הִתְמַהְמָהְנוּ כִּי־עַתָּה שַׁבְנוּ זֶה פַעֲמָיִם׃
ki lulé hitmahmáhnu ki-attá scháwnu se fa'amájim
10 Wenn wir nicht gezögert hätten, wären wir schon zweimal zurückgekehrt.“
Das heißt: „Wenn wir nicht gezögert hätten, hättest du Binjamin schon gesehen, wüsstest schon, dass mit Binjamin alles gut ist.“ Beachtet, wie interessant, wie schön die Argumentation Jehudas aufgebaut ist, wie er seine Führungsrolle verwirklicht, im Vergleich dazu, wie Re'uwen versucht, Anführer zu sein. Dieser Kampf wird weitergehen, wir werden das auch in Ägypten sehen.
וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם יִשְׂרָאֵל אֲבִיהֶם אִם־כֵּן אֵפוֹא זֹאת עֲשׂוּ קְחוּ מִזִּמְרַת הָאָרֶץ בִּכְלֵיכֶם וְהוֹרִידוּ לָאִישׁ מִנְחָה מְעַט צֳרִי וּמְעַט דְּבַשׁ נְכֹאת וָלֹט בָּטְנִים וּשְׁקֵדִים׃
wajomer alehém jisraél awihém im-kén efó sot assú kechú missimrát ha'árez bichlechém wehorídu la'ísch minchá me'át zorí um'át dewásch nechót walót botním uschkedím
11 Und Israel, ihr Vater, sagte zu ihnen: „Wenn es so ist, dann macht es so: Gebt von den Früchten des Landes in eure Gefäße, und bringt dem Mann als Geschenk ein klein wenig Weihrauch, ein klein wenig Honig, Nüsse, Pistazien und Mandeln.
Das Wort botním bedeutet im modernen Hebräisch Erdnüsse, aber im Hebräisch der Tora sind das Pistazien.
וְכֶסֶף מִשְׁנֶה קְחוּ בְיֶדְכֶם וְאֶת־הַכֶּסֶף הַמּוּשָׁב בְּפִי אַמְתְּחֹתֵיכֶם תָּשִׁיבוּ בְיֶדְכֶם אוּלַי מִשְׁגֶּה הוּא׃
wechéssef mischné kechú wejedchém we'et-hakkéssef hammuscháw befí amtechotechém taschíwu wejedchém uláj mischgé hu
12 Und den doppelten Geldbetrag nehmt (denn es ist gut möglich, dass die Lebensmittel teurer geworden sind und man jetzt doppelt so viel bezahlen muss), Und das Geld, das man euch zurückgegeben hat, das in den Beutelchen war, gebt auch das zurück. Vielleicht ist es ein Irrtum.
וְאֶת־אֲחִיכֶם קָחוּ וְקוּמוּ שׁוּבוּ אֶל־הָאִישׁ׃
we'et-achichém káchu wekúmu schúwu el-ha'ísch
13 Und nehmt euren Bruder, kehrt zu diesem Mann zurück.
So sagte Jaakow. Der Kommentar sagt, dass er fragte: „Braucht ihr noch etwas, habe ich alles gesagt?“ Und die Brüder sagen: „Wir brauchen noch dein Gebet, wir wollen nirgendwohin ohne dein Gebet gehen.“ So oder so, Jaakow fuhr fort und sagte:
וְאֵל שַׁדַּי יִתֵּן לָכֶם רַחֲמִים לִפְנֵי הָאִישׁ וְשִׁלַּח לָכֶם אֶת־אֲחִיכֶם אַחֵר וְאֶת־בִּנְיָמִין וַאֲנִי כַּאֲשֶׁר שָׁכֹלְתִּי שָׁכָלְתִּי׃
we'él schaddáj jittén lachém rachamím lifné ha'ísch weschillách lachém et-achichém achér we'et-binjamín wa'aní ka'aschér schachólti schachálti
14 Und Gott Schaddaj wird euch Gnade geben vor diesem Mann, und wird euch den Bruder und Binjamin geben. Ich aber, wenn ich verwaise, so verwaise ich.“
Schaddaj ist ein Name Gottes, der einerseits mit dem Wort schad (Grenze, Linie, Grenzwächter) verbunden ist, andererseits ist das ein sehr mütterlicher Name, denn das Wort schad bedeutet die weibliche Brust, gleichsam „Gott-Ernährer, Gott-Mama“.
Jaakow sagt: „Wenn ich aber einen von euch verliere, nun, dann verliere ich ihn, komme, was wolle. Ich vertraue dem Höchsten, es komme, was nach Gottes Willen kommen soll.“ Ein sehr starker Satz: „Wenn ich einen von euch verliere, dann verliere ich ihn.“ Einen ähnlichen Satz wird viele Jahrhunderte später Ester sagen: „Ich gehe zum König, und wenn ich umkomme – komme ich um.“ Wenn man aber bleibt und hungert, dann kann man so alle verlieren.
וַיִּקְחוּ הָאֲנָשִׁים אֶת־הַמִּנְחָה הַזֹּאת וּמִשְׁנֶה־כֶּסֶף לָקְחוּ בְיָדָם וְאֶת־בִּנְיָמִן וַיָּקֻמוּ וַיֵּרְדוּ מִצְרַיִם וַיַּעַמְדוּ לִפְנֵי יוֹסֵף׃
wajikchú ha'anaschím et-hamminchá hassót umischne-késsef lakechú wejadám we'et-binjamín wajakúmu wajeredú mizrájim waja'amdú lifné josséf
15 Und die Leute nahmen dieses Geschenk, und den doppelten Geldbetrag nahmen sie in ihre Hände, und Binjamin, Und sie standen auf, und zogen hinab nach Ägypten, und standen vor Josef.
Es ist gelungen, Jaakow zu überreden. Er willigt ein, Binjamin nach dem Zureden Jehudas mitzuschicken. Und nach 22 Jahren der Trennung steht Binjamin vor Josef. Wie alt war Binjamin, als Josef verschwand? Vielleicht 10–11 Jahre. Jetzt ist er schon ein erwachsener Mensch. Und weiter werden wir von dieser erstaunlichen Begegnung lesen.
Wir sind dabei stehen geblieben, dass Jaakow nach langem Zureden einwilligt, Binjamin mit den Brüdern nach Ägypten ziehen zu lassen. Sie nehmen Geschenke, nehmen Geld, nehmen auch das Geld, das sich auf rätselhafte Weise in ihren Geldbeuteln fand, und ziehen hinab nach Ägypten und treten vor Josef.
וַיַּרְא יוֹסֵף אִתָּם אֶת־בִּנְיָמִין וַיֹּאמֶר לַאֲשֶׁר עַל־בֵּיתוֹ הָבֵא אֶת־הָאֲנָשִׁים הַבָּיְתָה וּטְבֹחַ טֶבַח וְהָכֵן כִּי אִתִּי יֹאכְלוּ הָאֲנָשִׁים בַּצָּהֳרָיִם׃
wajár josséf ittám et-binjamín wajomer la'aschér al-betó hawé et-ha'anaschím habbájta utwóach téwach wehachén ki ittí jochelú ha'anaschím bazzahorájim
16 und Josef sah Binjamin bei ihnen, und er sagte zum Vorsteher seines Hauses: „Bring diese Leute nach Hause, und schlachte Schlachtvieh (das heißt, bereite Fleischspeise zu), und bereite sie zu, denn diese Leute werden mit mir am Mittag essen“.
Nur vier Wörter – Josef sah Binjamin bei ihnen. Bei irgendeinem Klassiker wären diese vier Wörter zu einer Erzählung von mehreren Seiten geworden, über den Sturm der Gefühle, die Josef ergriffen, darüber, wie viel in diesem Klang für Josefs Herz zusammenfloss (fast nach Puschkin), aber die Tora spricht sehr lakonisch. Vielleicht, damit wir selbst fühlen können, was Josef in sich fühlt, der 22 Jahre lang den leiblichen Bruder nicht gesehen hatte, den er als Zehnjährigen zurückgelassen hatte, und wie viel ihm in diesen Sekunden durchs Herz geht. Aber er ist nicht Josef. In diesem Fall ist er ein ägyptischer Würdenträger, und er muss vor den Brüdern eine unerschütterliche Miene bewahren. Vielleicht möchte er losstürzen und Binjamin umarmen und an sich drücken, aber er darf nicht.
Der Vorsteher des Hauses – das ist der, der die Aufsicht über alle Haussklaven führt, noch ein ägyptisches Amt, das oft in den Papyri vorkommt: Damit man nicht gesondert der Küche, gesondert der Herberge, gesondert dem einen, gesondert dem anderen Anweisungen geben muss, gibt es einen Vorsteher, den obersten Arbeitsleiter, den Oberpolier, er ist für alles verantwortlich.
Am Mittag essen ist hier eine Metapher, die einfach das Mittagessen bedeutet (wir sagen ja auch von der Uhrzeit „zu Mittag“). Ein guter Beamter, der etwas auf sich hält, ein Würdenträger, der etwas auf sich hält, isst nicht frühmorgens – wie man sagt: Wehe dem Land, in dem die Würdenträger schon am Morgen prassen. Josef isst bazzahorájim (am Mittag), das heißt zur sechsten oder vierten Stunde nach Sonnenaufgang.
וַיַּעַשׂ הָאִישׁ כַּאֲשֶׁר אָמַר יוֹסֵף וַיָּבֵא הָאִישׁ אֶת־הָאֲנָשִׁים בֵּיתָה יוֹסֵף׃
wajá'as ha'ísch ka'aschér amár josséf wajawé ha'ísch et-ha'anaschím béta josséf
17 Und dieser Mann sagte, wie Josef ihm befohlen hatte, und der Mann brachte diese Leute in das Haus Josefs.
Die Leute – das sind die Brüder Josefs. Hier wird vielleicht von Seiten des Hausverwalters gesagt: „Irgendwelche Leute sollte ich auf Josefs Wort herbringen, ich habe sie hergebracht.“ Die Brüder Josefs wissen ja gar nicht, dass das Josef ist. Sie sehen, dass man sie aus irgendeinem Grund in das Haus des Beamten gebracht hat, in das Haus dieses Würdenträgers, und das ist nicht einfach so, hier stimmt etwas nicht, hier steckt irgendeine Falle dahinter.
וַיִּירְאוּ הָאֲנָשִׁים כִּי הוּבְאוּ בֵּית יוֹסֵף וַיֹּאמְרוּ עַל־דְּבַר הַכֶּסֶף הַשָּׁב בְּאַמְתְּחֹתֵינוּ בַּתְּחִלָּה אֲנַחְנוּ מוּבָאִים לְהִתְגֹּלֵל עָלֵינוּ וּלְהִתְנַפֵּל עָלֵינוּ וְלָקַחַת אֹתָנוּ לַעֲבָדִים וְאֶת־חֲמֹרֵינוּ׃
wajireú ha'anaschím ki huweú bet josséf wajomerú al-dewár hakkéssef hascháw be'amtechoténu battechillá anáchnu muwa'ím lehitgolél alénu ulhitnappél alénu welakáchat otánu la'awadím we'et-chamorénu
18 Diese Leute erschraken, als sie sahen, dass sie in das Haus Josefs gebracht worden waren, und sagten: „Man hat uns hierher geschleppt wegen des Geldes, das in unseren Geldbeuteln ist, um uns einzuwickeln und über uns herzufallen, uns zu Sklaven zu nehmen und unsere Esel.“
Das Wort lehitgalgél bedeutet drehen, etwas wälzen; wenn man es in einfacher Sprache übersetzt – gegen uns etwas ins Rollen bringen, uns eine Sache anhängen.
Es scheint irgendeine Ungereimtheit zu sein: Was denkt ihr an Esel, wenn man euch hier in Ketten zu Sklaven machen kann (wenn ihr zur Erschießung verurteilt seid, warum beunruhigt euch dann so die Beschlagnahme). Und das alles nur deshalb, weil beim letzten Mal, als man sie verhaftete, als man sie festhielt, ihre Esel offenbar in der Herberge blieben. Und wohin man die Brüder auch brachte, man nahm sie nicht zusammen mit den Eseln mit – der Esel saß nicht im Gefängnis. Hier aber hat man sie auf den Hof eines Menschen gebracht, und man nimmt sie gleichsam „mit Sack und Pack“. Und da entsteht die Gefahr, dass man sie wirklich hereinlegt, zumal mit dem Geld irgendwelche Unklarheiten geschehen waren.
וַיִּגְּשׁוּ אֶל־הָאִישׁ אֲשֶׁר עַל־בֵּית יוֹסֵף וַיְדַבְּרוּ אֵלָיו פֶּתַח הַבָּיִת׃
wajiggeschú el-ha'ísch aschér al-bét josséf wajdabberú eláw pétach habbájit
19 Und sie traten zu dem Mann, der im Haus Josefs ist, und begannen am Eingang des Hauses zu reden.
Man kann annehmen, dass es so war. Der Mann brachte sie nach Hause zu Josef, und als sie eintraten, sahen sie, dass das ein Haus ist, dass das ein Wohnraum ist, und verstanden, dass man sie jetzt womöglich fertigmachen wird. Deshalb blieben sie am Eingang stehen, begannen, den hinter ihnen stehenden Hausverwalter zu bedrängen, begannen, sich am Eingang des Hauses zu drängen, und versuchten, sich zu erklären, bevor man sie in den Raum führt, um den Moment abzupassen und um ein aufrichtiges Geständnis zu erlangen, solange die Anklage noch nicht erhoben ist.
וַיֹּאמְרוּ בִּי אֲדֹנִי יָרֹד יָרַדְנוּ בַּתְּחִלָּה לִשְׁבָּר־אֹכֶל׃
wajomerú bi adoní jaród jarádnu battechillá lischbor-óchel
20 Und sie sagten: „Bei mir schwöre ich, Herr! Wir sind schon hierher gekommen, um Essen zu kaufen.
וַיְהִי כִּי־בָאנוּ אֶל־הַמָּלוֹן וַנִּפְתְּחָה אֶת־אַמְתְּחֹתֵינוּ וְהִנֵּה כֶסֶף־אִישׁ בְּפִי אַמְתַּחְתּו כַּסְפֵּנוּ בְּמִשְׁקָלוֹ וַנָּשֶׁב אֹתוֹ בְּיָדֵנוּ׃
wajhí ki-wánu el-hammalón wanniftechá et-amtechoténu wehinné chessef-ísch befí amtachtó kaspénu bemischkaló wannáschew otó bejadénu
21 Und es geschah: Als wir in die Herberge kamen und als wir unsere Beutelchen öffneten, siehe, da war das Silber eines jeden Mannes in seinem Geldbeutel, und eines jeden Geld nach seinem Gewicht; wir haben es hier mit unseren eigenen Händen zurückgegeben, wir haben dieses Geld wieder mitgebracht.
Das heißt: „Wir gestehen aufrichtig, dass ein Missverständnis geschehen ist.“ Ein wenig verzerren sie natürlich die Wirklichkeit, aber das ist für die Aussage unwichtig. Sie sagen: „Wir haben alle in der Herberge geöffnet, alle haben das Geld gefunden“ – obwohl dort ein Bruder war, aber das ist nicht so wichtig. Für sie ist es jetzt wichtig, dem Beamten zu erklären: „Nicht schuldig sind wir, man braucht uns jetzt hier nicht fertigzumachen, und wir gestehen aufrichtig, und hier geben wir zurück, was wir unrechtmäßig, zufällig erhalten haben.“
וְכֶסֶף אַחֵר הוֹרַדְנוּ בְיָדֵנוּ לִשְׁבָּר־אֹכֶל לֹא יָדַעְנוּ מִי־שָׂם כַּסְפֵּנוּ בְּאַמְתְּחֹתֵינוּ׃
wechéssef achér horádnu wejadénu lischbor-óchel lo jadánu mi-sám kaspénu be'amtechoténu
22 Und anderes Geld haben wir mitgebracht, um Essen zu kaufen. Wir wissen überhaupt nicht, wer dieses Geld in unsere Geldbeutel gelegt hat.“
Sie sagen: „Zum Beweis dafür, dass wir dieses Geld wirklich zurückgeben, dass wir es von Anfang an zurückgeben wollten – da habt ihr ein Zeugnis: Wir haben anderes Geld mitgebracht. Denn wenn wir mit demselben Geld hätten kommen wollen, hätten wir einfach genau dieses mitgebracht. Sieh, wie viel Geld wir haben, sieh doch, dass wir es wirklich zurückgeben wollten.“
Die Brüder bauen ihre Verteidigungslinie sehr gut auf. Noch bevor die Anklage erhoben ist, sagen sie: „Ja, das war so, wir sind hierher hinabgezogen. Wir haben für bares Silber Weizen gekauft. Und als wir nach Hause zurückkehrten, war das ganze bare Silber irgendwie wieder bei uns. Rechnet uns das nicht als Schuld an, das ist irgendeine Panne, irgendein Missverständnis.“
וַיֹּאמֶר שָׁלוֹם לָכֶם אַל־תִּירָאוּ אֱלֹהֵיכֶם וֵאלֹהֵי אֲבִיכֶם נָתַן לָכֶם מַטְמוֹן בְּאַמְתְּחֹתֵיכֶם כַּסְפְּכֶם בָּא אֵלָי וַיּוֹצֵא אֲלֵהֶם אֶת־שִׁמְעוֹן׃
wajomer schalóm lachém al-tiráu elohechém welohé awichém natán lachém matmón be'amtechotechém kaspechém ba eláj wajozé alehém et-schim'ón
23 Der Hausverwalter antwortet ihnen: „Friede euch! Fürchtet euch nicht (ich habe gegen euch keinerlei Beanstandungen), euer Gott und der Gott eurer Väter hat euch einen Schatz gegeben, einen Hort in eure Geldbeutel, und euer Geld habe ich erhalten.“ Und er führte Schimon zu ihnen heraus.
Diese Wendung – euer Geld habe ich erhalten – (das ist wichtig zu bemerken) wiederholt sich sehr oft in verschiedenen Verträgen in ägyptischen Papyri, das ist eine Lehnübersetzung aus der ägyptischen Sprache.
Schimon steigt offenbar aus den Kellern des Hauses Josefs in die Herberge herauf, und alle elf Brüder vereinen sich und warten. Auf wen warten sie? Auf Josef.
וַיָּבֵא הָאִישׁ אֶת־הָאֲנָשִׁים בֵּיתָה יוֹסֵף וַיִּתֶּן־מַיִם וַיִּרְחֲצוּ רַגְלֵיהֶם וַיִּתֵּן מִסְפּוֹא לַחֲמֹרֵיהֶם׃
wajawé ha'ísch et-ha'anaschím béta josséf wajitten-májim wajirchazú raglehém wajittén mispó lachamorehém
24 Und der Mann führte diese Leute ins Haus, und gab ihnen Wasser, und sie wuschen die Füße, und er sorgte für die Esel.
Wir haben vorher gelesen, dass er sie hineingeführt hat, aber wir erinnern uns, dass sie anfingen, sich zu drängen, ein Geschrei erhoben und nicht so sehr darauf brannten, hineinzugehen. Jetzt, da man ihnen Schimon herausgeführt hat, lädt man sie zum zweiten Mal ins Haus ein. Es beginnt ein langer Empfang, sie sind nicht auf eine Minute hereingekommen, man hat vor, sie zu bewirten, und zwar ernsthaft.
וַיָּכִינוּ אֶת־הַמִּנְחָה עַד־בּוֹא יוֹסֵף בַּצָּהֳרָיִם כִּי שָׁמְעוּ כִּי־שָׁם יֹאכְלוּ לָחֶם׃
wajachínu et-hamminchá ad-bó josséf bazzahorájim ki schameú ki-schám jochelu láchem
25 Und sie bereiteten die Gaben vor bis zur Ankunft Josefs zu Mittag, denn sie hatten gehört, dass man dort Brot essen wird, es wird ein Festmahl geben.
Das Wort minchá bedeutet nicht nur das Mittagsopfer. Es kommt vom Wort lehaníach (Gaben; das, was man bringt, hinlegt) – das heißt, man bereitete das vor, was dann bei Tisch verteilt werden wird.
Wir haben schon gesagt, dass im Einzelfall Brot essen (jochelú láchem) die Beziehung zur Frau bedeuten kann. Aber natürlich hat niemand den wörtlichen Sinn aufgehoben. Das Wort léchem bedeutet in den semitischen Sprachen nicht nur Brot, sondern auch Fleisch, von derselben Wurzel kommt das Wort milchamá (Gemetzel oder Krieg); oft kann man bei Zefanja das Wort léchem in der Bedeutung Fleisch sehen. Man muss daran denken, dass léchem manchmal gerade die Bedeutung Fleisch hat, gerade ein großes Festmahl.
וַיָּבֹא יוֹסֵף הַבַּיְתָה וַיָּבִיאּוּ לוֹ אֶת־הַמִּנְחָה אֲשֶׁר־בְּיָדָם הַבָּיְתָה וַיִּשְׁתַּחֲווּ־לוֹ אָרְצָה׃
wajawó josséf habbájta wajawíu lo et-hamminchá ascher-bejadám habbájta wajischtachawu-ló árza
26 Josef kam nach Hause, und sie gaben ihm die Gaben, die in ihren Händen waren, und verneigten sich vor ihm bis zur Erde.
Josef kommt nach Hause. Sie warten mit gewaschenen Füßen, mit gefütterten Eseln auf Josef und holen die Geschenke hervor.
Man hat mir einmal eine sehr logische Frage gestellt: „Was ist das denn für ein Hunger, wenn es Pistazien, Honig, Nüsschen, Mandeln und noch allerlei verschiedene nicht billige Lebensmittel gibt?“ Die Sache ist die, dass Pistazien, Mandeln und Honig Lebensmittel sind, sagen wir es so, mit langer Haltbarkeit. Trockenfrüchte kann man zu Hause haben, aber man isst sie nicht als Mahlzeit. Man kann das damit vergleichen, dass wir zu Hause schwarzen Pfeffer, Zimt und Nelken haben können – teure Lebensmittel; aber wenn es dabei sonst nichts gibt, dann sagt das, dass wir nichts zu essen haben. Und wenn man beschlossen hat, dem Würdenträger diese Geschenke zu bringen, dann bedeutet das, dass das keine alltägliche Speise ist: Kaum hätten sie ihm eine Dose gekochten Mais gebracht.
Also brachten sie ihm die Geschenke und verneigten sich vor ihm bis zur Erde. Die elf Brüder vor ihm verneigen sich vor ihm bis zur Erde.
וַיִּשְׁאַל לָהֶם לְשָׁלוֹם וַיֹּאמֶר הֲשָׁלוֹם אֲבִיכֶם הַזָּקֵן אֲשֶׁר אֲמַרְתֶּם הַעוֹדֶנּוּ חָי׃
wajisch'ál lahém leschalóm wajomer haschalóm awichém hassakén aschér amartém ha'odénnu chaj
וַיֹּאמְרוּ שָׁלוֹם לְעַבְדְּךָ לְאָבִינוּ עוֹדֶנּוּ חָי וַיִּקְּדוּ וַיִּשְׁתַּחֲוֻּ (וַיִּשְׁתַּחֲוּוּ)׃
wajomerú schalóm le'awdechá le'awinú odénnu chaj wajikkedú wajischtachawú
28 Und sie sagten zu ihm: „Friede deinem Knecht, unserem Vater, Er lebt noch.“ Und sie verneigten sich und warfen sich nieder.
Viele Kommentatoren sehen es nicht gern, dass sie vor dem ägyptischen Würdenträger den Vater einen Knecht nennen. Wenn man sich an ihre Stelle versetzt und die ägyptischen Zeremonien kennt und weiß, dass Jaakow sie zurückerwartet, und sie mit Binjamin, mit Schimon und mit Essen erwartet, kann man ihnen eine solche Feinfühligkeit, eine solche Eigenheit der Etikette verzeihen.
וַיִּשָּׂא עֵינָיו וַיַּרְא אֶת־בִּנְיָמִין אָחִיו בֶּן־אִמּוֹ וַיֹּאמֶר הֲזֶה אֲחִיכֶם הַקָּטֹן אֲשֶׁר אֲמַרְתֶּם אֵלָי וַיֹּאמַר אֱלֹהִים יָחְנְךָ בְּנִי׃
wajissá enáw wajár et-binjamín achíw ben-immó wajomer hasé achichém hakkatón aschér amartém eláj wajomár elohím jochnechá bení
29 Und Josef erhob die Augen und sah Binjamin, seinen Bruder, den Sohn seiner Mutter (wieder, wie viele Gefühle in diesem kurzen Satz!), und sagte: „Ist das jenes euer jüngstes Brüderchen, von dem ihr gesprochen habt?“ Und sagte zu ihm: „Gott gebe dir Gnade, Söhnchen!“
Mit einem solchen Segen – übrigens ebenfalls gemeinsemitisch – segnet man mit dem Wunsch nach Gnade.
Und da hält Josef es nicht aus. Josef, ein Mensch, der durch Gefängnis, falsche Anschuldigungen und Sklaverei gegangen ist, weint wieder.
וַיְמַהֵר יוֹסֵף כִּי־נִכְמְרוּ רַחֲמָיו אֶל־אָחִיו וַיְבַקֵּשׁ לִבְכּוֹת וַיָּבֹא הַחַדְרָה וַיֵּבְךְּ שָׁמָּה׃
wajmahér josséf ki-nichmerú rachamáw el-achíw wajwakkésch liwkót wajawó hachádra wajéwk schámma
30 Und Josef eilte, denn das Mitleid mit seinem Bruder ergriff ihn, Und er wollte weinen, Und er ging in das Zimmer und weinte dort.
Was für ein Mitleid mit dem Bruder? Der Bruder ist, Gott sei Dank, am Leben, gesund, hat gut gegessen, hat gelebt, umhegt von der Liebe Jaakows. Jaakow wollte ihn nicht einmal ziehen lassen. Aber dieses Gefühl der verlorenen Kindheit, das Gefühl der gemeinsamen verlorenen Momente, des gemeinsam gelebten Lebens … Darin liegt das Mitleid – dass der Bruder glücklich war (vielleicht glücklich), aber Josef dieses Glück nicht gesehen, dieses Glück nicht mit ihm geteilt hat – von eben dieser Liebe lief sein Herz über. Wir wissen nicht, wie lange er weinte. Wahrscheinlich nicht lange. „Ich lasse euch für einen Augenblick allein“, sagte er und lief davon, verschwand.
וַיִּרְחַץ פָּנָיו וַיֵּצֵא וַיִּתְאַפַּק וַיֹּאמֶר שִׂימוּ לָחֶם׃
wajircház panáw wajezé wajit'appák wajomer símu láchem
31 Und er wusch sein Gesicht, und ging hinaus, und hielt an sich, und sagte: „Tragt das Essen auf, legt das Brot hin!“
וַיָּשִׂימוּ לוֹ לְבַדּוֹ וְלָהֶם לְבַדָּם וְלַמִּצְרִים הָאֹכְלִים אִתּוֹ לְבַדָּם כִּי לֹא יוּכְלוּן הַמִּצְרִים לֶאֱכֹל אֶת־הָעִבְרִים לֶחֶם כִּי־תוֹעֵבָה הִוא לְמִצְרָיִם׃
wajassímu lo lewaddó welahém lewaddám welammizrím ha'ochelím ittó lewaddám ki lo juchelún hammizrím le'echól et-ha'iwrím léchem ki-to'ewá hi lemizrájim
32 Und man legte ihm gesondert auf und ihnen gesondert. Und den Ägyptern, die mit ihnen speisten, legte man gesondert auf, denn die Ägypter können nicht mit den Hebräern essen, denn das ist ein Gräuel für die Ägypter.
Die Ägypter – so bezeugen es tatsächlich ihre Papyri – aßen kein Tier, das nicht von einem Ägypter geschlachtet war, aßen keine Speise, die nicht von einem Ägypter geschlachtet war, und aßen nicht an einem Tisch mit jemandem, der kein Ägypter ist, sie deckten getrennte Tische.
In der Zeit des Zweiten Tempels wird es dieselben Bräuche auch bei Israel geben. Und es wird der Satz aufkommen: „Wer mit einem Heiden isst, ist wie einer, der mit einem Hund isst“, und viele andere solche Dinge, hervorgerufen durch die politische Zuspitzung mit den Heiden, durch den Kampf um die Bewahrung der Religion. Die Ägypter hielten sich für ein reines Volk, alle übrigen hielten sie für rituell unrein. Man glaubte, dass die Berührung eines Nichtägypters die Speise verunreinigt. Und natürlich deckte man deshalb für die Ägypter gesondert. Josef steht es seinem Rang nach nicht zu, mit den Brüdern zu essen, deshalb deckte man auch ihnen gesondert.
וַיֵּשְׁבוּ לְפָנָיו הַבְּכֹר כִּבְכֹרָתוֹ וְהַצָּעִיר כִּצְעִרָתוֹ וַיִּתְמְהוּ הָאֲנָשִׁים אִישׁ אֶל־רֵעֵהוּ׃
wajeschewú lefanáw habbechór kiwchorató wehazza'ír kiz'irató wajitmehú ha'anaschím isch el-re'éhu
33 Und sie setzten sich vor ihm: der Erstgeborene nach seiner Erstgeburt und der Junge nach seiner Jugend, Und die Leute wunderten sich und sahen einander an.
Das heißt, Josef setzte seine elf Brüder nach dem Alter. Für einen Außenstehenden ist das nicht so einfach, denn zehn dieser Brüder wurden innerhalb von sechs Jahren geboren, viele von ihnen sind Altersgenossen. Und wer von außen kommt, weiß nicht, wer älter, wer jünger ist, und es ist gar nicht so einfach, das herauszufinden. Wozu tut Josef das? Vielleicht ist das ein Zeichen der Ehrerbietung. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass später ein Wahrsagebecher, Wahrsageinstrumente auftauchen werden, und Josef wird obendrein noch zum Zauberer der ägyptischen Stadt. Er hat also eine schwierige Aufgabe gelöst und die Brüder nach dem Alter gesetzt.
וַיִּשָּׂא מַשְׂאֹת מֵאֵת פָּנָיו אֲלֵהֶם וַתֵּרֶב מַשְׂאַת בִּנְיָמִן מִמַּשְׂאֹת כֻּלָּם חָמֵשׁ יָדוֹת וַיִּשְׁתּוּ וַיִּשְׁכְּרוּ עִמּוֹ׃
wajissá mas'ót me'ét panáw alehém wattérew mas'át binjamín mimmas'ót kullám chamésch jadót wajischtú wajischkerú immó
34 Und er gab allen Gaben, und die Gabe Binjamins war fünfmal größer als die der anderen. Und sie tranken, und sie wurden betrunken zusammen mit ihm.
Massá – eine Last, die auf Tabletts aufgetragen und in Portionen von einem gemeinsamen Tablett verteilt wird. Allen teilte man Essen aus, Binjamin aber gab man fünfmal mehr. Das klingt schön, aber stellt euch vor: Wenn man eine solche Kantinenportion gegeben hätte – zwei Frikadellen und zweihundert Gramm Buchweizen, dann hätte Binjamin zehn Frikadellen und ein Kilogramm Buchweizen bekommen – „Iss, Binjamin, wohl bekomm's!“ Das ist ungefähr ein königlicher Segen. Oft sagt man, dass Josef auf diese Weise prüfen wollte, ob die Brüder nicht neidisch werden. Aber an der königlichen Tafel wurde man satt, und wenn ein Mensch sich satt isst, wird er dann darauf schauen, dass jemand mehr bekommt? Hier zeigt sich höchstwahrscheinlich die besondere Gnade Josefs gegenüber Binjamin, er weiß gar nicht, wie er sich um ihn kümmern soll, und gibt fünfmal mehr (später wird Josef ihm fünf Wechselkleider geben). Überhaupt ist die Zahl 5 die Zahl des Segens in der Schrift, des Segens und des Überflusses. Wenn es von etwas „fünf“ gibt, sehen wir viele, viele Male in der ganzen Schrift, dass das Segen, Wohlwollen bedeutet. Und für die Ägypter ist das eine heilige Zahl. Auf diese Weise erweist Josef Binjamin besonderes Wohlwollen, und es geht nicht darum, dass er ein Kilogramm Buchweizen und zehn Frikadellen bekam.
Die zwölf Brüder haben sich endlich vereint, sie aßen gemeinsam Brot und Wein. Das ist ein bedeutsames Ereignis, auf das Josef 22 Jahre gewartet hat.
Wir haben unsere Helden, Josef und seine Brüder, beim Mittagessen verlassen, das höchstwahrscheinlich in ein Abendessen überging und bei dem sie, wie die Tora sagt, berauscht wurden. Die Tora erzählt uns das nicht, um die Neigung der Söhne Jaakows zum Alkoholismus zu zeigen, sondern um die Pracht des Mahles zu zeigen, das bei Josef stattfand.
Ringsum ist Hunger. Eine hethitische Prinzessin schickt sich ungefähr zur selben Zeit an, Ramses II. zu heiraten. Sie bekommt als Mitgift einige Dutzend Widder und schreibt ihm, er möge sie schneller abholen, weil sie nichts hat, womit sie sie füttern kann. Auf uns gekommen sind in ägyptischen Dokumenten Briefe der Königin Puduhepa, der Mutter der Prinzessin, an Ramses II. nach Ägypten. So ist der Hunger. Er erstreckt sich bis in die Südtürkei, nirgends gibt es etwas, und zu dieser Zeit tafelt Josef mit den Brüdern. Das ist nicht einfach Gastfreundschaft, das ist nicht einfach ein freundschaftlicher Abend. Höchstwahrscheinlich blieben die Brüder auch über Nacht bei ihm. Man muss die ganze Zeit daran denken, dass Josef es ist, der weiß, dass sie seine Brüder sind, für sie aber ist er ein wichtiger ägyptischer Beamter, der wichtigste Beamte des reichsten Landes der Region.
וַיְצַו אֶת־אֲשֶׁר עַל־בֵּיתוֹ לֵאמֹר מַלֵּא אֶת־אַמְתְּחֹת הָאֲנָשִׁים אֹכֶל כַּאֲשֶׁר יוּכְלוּן שְׂאֵת וְשִׂים כֶּסֶף־אִישׁ בְּפִי אַמְתַּחְתּוֹ׃
wajzáw et-aschér albetó lemór mallé et-amtechót ha'anaschím óchel ka'aschér juchelún se'ét wesím kessef-ísch befí amtachtó
1 Und er gebot seinem Hausverwalter und sprach: „Fülle die Säcke dieser Leute mit Speise, so viel sie tragen können, und das Geld eines jeden lege in ihren Sack.
Wie verkaufte man Getreide? Ein Mensch reichte dem Händler einen Sack, im Sack lag auf dem Boden das Geld. Für die angegebene Geldsumme wurde Getreide in den Sack geschüttet. In manchen Ländern, wenn es im Laden keine Behälter gab, gingen so die Kinder Schmand, Joghurt oder Öl holen, wobei sie das Geld auf dem Boden hielten. Die Verkäuferin nahm das Geld und füllte die Ware ein, so eine alte Art des Handels.
Hier sagt Josef: „Ungemessen, ohne Rücksicht auf die Summe, stopft ihnen so viel Getreide hinein, wie die Esel, bei all unserem Respekt vor ihrem Leiden, tragen können, und dazu leg auch noch das Geld ebendort hinein.“
וְאֶת־גְּבִיעִי גְּבִיעַ הַכֶּסֶף תָּשִׂים בְּפִי אַמְתַּחַת הַקָּטֹן וְאֵת כֶּסֶף שִׁבְרוֹ וַיַּעַשׂ כִּדְבַר יוֹסֵף אֲשֶׁר דִּבֵּר׃
we'et-gewi'iDie russische Umschrift lässt beim ersten Wort für „meinen Becher“ die Endung -i (mein) weg. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: gewi'i. gewíja hakkéssef tassím befí amtáchat hakkatón we'ét késsef schiwró wajá'as kidwár josséf aschér dibbér
2 Und meinen Becher, den silbernen Becher, lege ihn in den Sack des Jüngsten von ihnen, und ebendorthin lege das Geld seiner Bezahlung.“ Und er tat alles so, wie Josef gesagt hatte.
הַבֹּקֶר אוֹר וְהָאֲנָשִׁים שֻׁלְּחוּ הֵמָּה וַחֲמֹרֵיהֶם׃
habbóker or weha'anaschím schullechú hémma wachamorehém
3. Der Morgen dämmerte, und diese Leute wurden entlassen und ihre Esel.
Warum ist das wichtig? Weil gewöhnlich die Karawanen und Karawanenführer etwa zwei Stunden vor Sonnenaufgang aufbrechen, um die Stadtgrenze zu passieren, um es vor der Hitze zu schaffen. Aber man sieht, dass sich die Leute erstens nach dem reichlichen Abendessen und zweitens noch aus einigen Gründen etwas verspätet haben. Aber man entließ alle. Vergeblich hatten sie sich Sorgen gemacht, dass es eine Beschlagnahme geben wird. Alle wurden verabschiedet, alle wurden ausgerüstet. Dass auch die Esel losgeschickt wurden, damit ist gemeint, dass man ihre Esel beladen, bepackt und, alles in allem, in voller Reisebereitschaft losgeschickt hat.
הֵם יָצְאוּ אֶת־הָעִיר לֹא הִרְחִיקוּ וְיוֹסֵף אָמַר לַאֲשֶׁר עַל־בֵּיתוֹ קוּם רְדֹף אַחֲרֵי הָאֲנָשִׁים וְהִשַּׂגְתָּם וְאָמַרְתָּ אֲלֵהֶם לָמָּה שִׁלַּמְתֶּם רָעָה תַּחַת טוֹבָה׃
hem jazeú et-ha'ír lo hirchíku wejosséf amár la'aschér al-betó kum redóf acharé ha'anaschím wehissagtám we'amartá alehém lámma schillamtém ra'á táchat towá
4 Und sie gingen aus der Stadt hinaus. sie hatten sich noch nicht entfernt, da sagte Josef zum Vorsteher seines Hauses: „Steh auf, und verfolge diese Leute, und hol sie ein, und sag ihnen: Warum habt ihr denn Gutes mit Bösem vergolten?
Wir werden noch klären, was Josef überhaupt vorhatte und warum Josef Binjamin hereinlegt.
הֲלוֹא זֶה אֲשֶׁר יִשְׁתֶּה אֲדֹנִי בּוֹ וְהוּא נַחֵשׁ יְנַחֵשׁ בּוֹ הֲרֵעֹתֶם אֲשֶׁר עֲשִׂיתֶם׃
haló se aschér jischté adoní bo wehú nachésch jenachésch bo hare'otém aschér assitém
5 Das ist doch der Becher, aus dem mein Herr trinkt, und er wahrsagt auch Wahrsagungen mit ihm. Ihr habt ein großes Übel getan!“
וַיַּשִּׂגֵם וַיְדַבֵּר אֲלֵהֶם אֶת־הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה׃
wajassigém wajdabbér alehém et-haddewarím ha'élle
6 Und er holte sie ein, und er sagte ihnen alles, was Josef befohlen hatte.
Das heißt, der Hausverwalter holt die Brüder ein und sagt ihnen: „Warum habt ihr mir so übel mitgespielt, warum habt ihr den Becher meines Herrn gestohlen, mit dem er wahrsagt und aus dem er trinkt?“ Nach ägyptischen Gesetzen war gerade der Hausverwalter für diesen Becher verantwortlich, das heißt, man hätte vom Lohn des Hausverwalters den Wert dieses Bechers abgezogen. Er haftet materiell, also muss er auch hinterherjagen.
Bei den Brüdern konnte gar nicht anders als ein Déjà-vu entstehen. Was ist das, wenn ihr ein Déjà-vu habt, dass ihr so ein Déjà-vu schon einmal hattet. Irgendein „Trijà-vu“ schon bei den Brüdern. Das erinnert an die Szene, als sie noch ganz klein waren und als Lawan ihren Vater einholte und ihn ebenfalls des Diebstahls beschuldigte, obwohl Rachel schuldig war. Kurz, irgendetwas muss das den Brüdern unbedingt in Erinnerung rufen.
וַיֹּאמְרוּ אֵלָיו לָמָּה יְדַבֵּר אֲדֹנִי כַּדְּבָרִים הָאֵלֶּה חָלִילָה לַעֲבָדֶיךָ מֵעֲשׂוֹת כַּדָּבָר הַזֶּה׃
wajomerú eláw lámma jedabbér adoní kaddewarím ha'élle chalíla la'awadécha me'asót kaddawár hassé
7 Und sie sagten zu ihm: „Warum sprichst du so über uns? Gott bewahre uns davor, so etwas zu tun!
הֵן כֶּסֶף אֲשֶׁר מָצָאנוּ בְּפִי אַמְתְּחֹתֵינוּ הֱשִׁיבֹנוּ אֵלֶיךָ מֵאֶרֶץ כְּנָעַן וְאֵיךְ נִגְנֹב מִבֵּית אֲדֹנֶיךָ כֶּסֶף אוֹ זָהָב׃
hen késsef aschér mazánu befí amtechoténu heschiwónu elécha me'érez kena'án we'éch nignów mibbét adonécha kesséf o saháw
8 Wir haben doch das Geld zurückgebracht, das wir in den Geldbeuteln gefunden haben, ist das etwa kein Zeugnis dafür, dass wir ehrliche Leute sind? Wir haben es dir aus dem kanaanäischen Land zurückgebracht. Wie sollten wir denn aus dem Haus deines Herrn Gold oder Silber stehlen?
אֲשֶׁר יִמָּצֵא אִתּוֹ מֵעֲבָדֶיךָ וָמֵת וְגַם־אֲנַחְנוּ נִהְיֶה לַאדֹנִי לַעֲבָדִים׃
aschér jimmazé ittó me'awadécha wamét wegam-anáchnu nihjé ladoní la'awadím
9 Derjenige von deinen Knechten, bei dem sich dies findet, soll sterben, Und wir werden dem Herrn Knechte sein“.
Das heißt, die Brüder wiederholen zum Teil die Worte Jaakows. Jaakow sagte zu Lawan: „Ein Sohn des Todes ist der, bei dem sich deine Sachen finden.“ Und die Brüder sagen etwas Ähnliches: „Sterben soll der, der dem Herrn diesen Becher genommen hat.“ Aber da davon, dass jemand stirbt, der Becher nicht zurückkommt und man Josef mit der Todesstrafe das Geld nicht zurückgibt, deshalb sagen sie: „Und wir werden unserem Herrn Knechte sein.“ Im 22. Kapitel des Buches Schemot wird auch davon gesprochen, dass ein Dieb, wenn er den Wert des Gestohlenen nicht bezahlen kann, in die Sklaverei verkauft wird. Hier sind die Brüder einverstanden, dass zehn von ihnen, wenn sich bei irgendeinem Elften der Becher findet, Sklaven des Hausverwalters Josefs werden.
וַיֹּאמֶר גַּם־עַתָּה כְדִבְרֵיכֶם כֶּן־הוּא אֲשֶׁר יִמָּצֵא אִתּוֹ יִהְיֶה־לִּי עָבֶד וְאַתֶּם תִּהְיוּ נְקִיִּם׃
wajomer gam-attá chediwrechém ken-hú aschér jimmazé ittó jihje-lí áwed we'attém tihjú nekijím
10 Und er antwortet ihnen: „okay, nach euren Worten. Derjenige, bei dem sich der Becher findet, wird mir Knecht sein, und ihr – seid frei“.
Ist das denn „nach euren Worten“? Und die Kommentatoren gehen im Verständnis dieser Worte auseinander.
Die einen sagen, dass er zustimmt, dass es, ja, rechtmäßig wäre, so zu handeln, aber „ich werde mit euch gnädig verfahren. Ihr habt recht, dass das Urteil so lauten müsste, aber ich werde ein mildes Urteil fällen: Derjenige, bei dem sich der Becher findet, soll mir Knecht sein, und ihr werdet frei sein“.
Eine andere mögliche Version ist, dass der Hausverwalter sagte: „Tatsächlich, ihr seid ehrliche Leute. Ihr habt das Geld zurückgegeben, und ich kann euch nicht alle kollektiv verdächtigen, und was sind das für kollektive Bestrafungsmethoden? Deshalb: Derjenige, bei dem sich der Becher findet, der wird mir auch Knecht sein, so ist es auch nach der Tora (na ja, die Tora hat er natürlich nicht gelesen). Und ihr – seid frei.“
וַיְמַהֲרוּ וַיּוֹרִדוּ אִישׁ אֶת־אַמְתַּחְתּוֹ אָרְצָה וַיִּפְתְּחוּ אִישׁ אַמְתַּחְתּוֹ׃
wajmaharú wajorídu isch et-amtachtó árza wajiftechúDie russische Umschrift hat im Wort für „sie öffneten“ ein w statt des f. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: wajiftechú. isch amtachtó
11 Und sie beeilten sich, und ließen jeder seinen Sack auf die Erde hinab, Und sie öffneten ihre Säcke.
Gleichsam so ein Gespräch:
– Habt ihr den Becher meines Herrn?
– Nein.
– Und wenn ich ihn finde?
– Na, dann such doch.
Sie ließen die Säcke hinab und öffneten sie. In Wirklichkeit weiß der Hausverwalter, bei wem er suchen muss, aber die Komödie muss gespielt werden.
וַיְחַפֵּשׂ בַּגָּדוֹל הֵחֵל וּבַקָּטֹן כִּלָּה וַיִּמָּצֵא הַגָּבִיעַ בְּאַמְתַּחַת בִּנְיָמִן׃
wajchappés baggadól hechél uwakkatón killá wajimmazé haggawíja be'amtáchat binjamín
12 Und er fing an zu suchen. Beim Großen begann er, und mit dem Kleinen endete er. Und der Becher fand sich im Sack Binjamins.
וַיִּקְרְעוּ שִׂמְלֹתָם וַיַּעֲמֹס אִישׁ עַל־חֲמֹרוֹ וַיָּשֻׁבוּ הָעִירָה׃
wajikre'ú simlotám waja'amós isch al-chamoró wajaschúwu ha'íra
13 Und sie zerrissen ihre Kleider, und jeder belud seine Esel, Und sie kehrten in die Stadt zurück.
Einige Midraschim sagen, dass die Brüder sich auf Binjamin stürzten und anfingen, ihn zu schlagen, dafür, dass er sie so hineingeritten hat. Überhaupt ist es eine große Frage: Haben die Brüder in diesem Stadium geglaubt, dass wirklich Binjamin den Becher gestohlen hat (möglicherweise im Zustand alkoholischer Intoxikation)? Die Midraschim sagen, dass die Brüder über ihn herfielen und sagten: „Du Dieb, Sohn einer Diebin! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie deine Mama die Terafim gestohlen hat, so hast auch du gestohlen, und zwar ist das eine wie das andere ein Wahrsagegerät; irgendwie habt ihr eine besondere erbliche Manie dafür.“ Und fast alle Kommentatoren stimmen darin überein, dass die Brüder geglaubt haben, dass Binjamin wirklich ein Dieb ist. Der Einzige wohl, der sagt, dass die Brüder es nicht geglaubt haben, ist Philo von Alexandria, der allerallerfrüheste der Kommentatoren. Ansonsten sagen alle: „Die Brüder haben an den Diebstahl Binjamins geglaubt.“
Wozu so schlecht über die Brüder reden? Weil man versucht, über die Brüder Gutes zu sagen. Denn wenn Binjamin gesündigt, gestohlen hat, hätte man ihn, sagen wir es so, aus der Versammlung ausschließen und ihm sagen können: „Da, du, Binjamin, hast gesündigt, du bezahlst auch für deine Sünde.“ Und dem Papa sagen: „Benja ist selbst schuld. Er hätte keine Becher stehlen sollen, und du hättest wissen müssen, wen du heiratest.“ Und man hätte noch vieles andere zusammenspinnen können. Aber sogar im Bewusstsein, dass Binjamin gestohlen hat, treten die Brüder trotzdem für ihn ein.
Und hier kann man innehalten und fragen: „Und wozu hat Josef das alles ausgedacht?“ Eine der ersten Ideen, die sich aufdrängen, ist diese: tatsächlich ihnen Binjamin wegnehmen, ihn zu sich nehmen, und sollen sie doch mit der nächsten Portion Essen nach Kanaan fahren, und wir mit Binjamin werden hier Ägypten regieren.
Die zweite Variante: tatsächlich prüfen, ob die Brüder bereut haben, ob sie für ihren Bruder eintreten werden.
Es gibt noch eine dritte Variante. Sie besagt, dass Josef seinen Bruder Binjamin lange nicht gesehen hatte und durchaus damit rechnete, dass die Brüderchen dort, im kanaanäischen Land sitzend, eine Anzeige in den örtlichen Zeitungen aufgeben könnten: „Gesucht: junger Mann um die dreißig, aschkenasisches Aussehen, für eine einmalige Rolle. Bonus: Reise nach Ägypten auf unsere Kosten.“ Einen Menschen nehmen, einen Schauspieler anheuern, der kommt und sagt: „Ich bin Binjamin.“ Und dann überprüf ihn mal. Und deshalb veranstaltet Josef eine solche Prüfung: Wenn sie ihn im Stich lassen, dann ist er vielleicht ein Schauspieler und ihnen gar kein Bruder. Oder vielleicht fängt er auch selbst an zu sagen: „Ich bin nicht schuld, die haben mich überhaupt angeheuert, ich bin überhaupt aus einer anderen Familie, ich bin überhaupt nur vorbeigekommen.“ Die Geschichte ist so kompliziert und vielschichtig, und es gibt in ihr so viele Rollen, Motive, dass jeder sich selbst ein Stück weit offenbart (ich habe schon mehrfach gesagt, dass die Kommentatoren mehr über sich selbst sprechen.)
Was also sehen wir in dieser herzzerreißenden Szene, in dieser so klaren, kaltblütigen Kombination Josefs? Was denkt er, was plant er? Prüft er die Brüder auf Treue und Binjamin auf Echtheit? Oder empfindet er längst nichts mehr für die Brüder und will Binjamin befreien? Jeder kann selbst entscheiden.
Also, die Brüder kehren in die Stadt zurück, und was sie dabei fühlen, ist schwer wiederzugeben. Noch schwerer ist wiederzugeben, was Binjamin fühlt, der die schiefen Blicke auf sich auffängt und nicht versteht, wofür ihm das geschieht, denn Binjamin hat ja am Verkauf Josefs gar nicht teilgenommen. Wäre der Becher bei Schimon gewesen, dann hätte man noch sagen können: na also, wieder verfolgt mich der Höchste dafür. Aber wir wissen nicht, was im Herzen des armen Binjamin vorgeht.
Einen interessanten Anfang hat der 14. Vers:
וַיָּבֹא יְהוּדָה וְאֶחָיו בֵּיתָה יוֹסֵף וְהוּא עוֹדֶנּוּ שָׁם וַיִּפְּלוּ לְפָנָיו אָרְצָה׃
wajawó jehudá we'echáw béta josséf wehú odénnu scham wajippelú lefanáw arzá
14 Und Jehuda und seine Brüder kamen in das Haus Josefs, und er war noch dort (wie sollte er auch nicht dort sein). Und sie fielen vor ihm nieder zu Boden.
Die Tora deutet uns an, dass die handelnde Hauptperson Jehuda sein wird. Warum so? Weil gerade Jehuda der Bürge für Binjamin ist. Jetzt steht ihm die Operation bevor, wie er es auch dem Vater versprochen hat, für Binjamin Bürge zu sein. Sie müssen die Frage irgendwie lösen. Jetzt wird der handelnde Hauptheld des folgenden Teils der Geschichte Jehuda sein.
וַיֹּאמֶר לָהֶם יוֹסֵף מָה־הַמַּעֲשֶׂה הַזֶּה אֲשֶׁר עֲשִׂיתֶם הֲלוֹא יְדַעְתֶּם כִּי־נַחֵשׁ יְנַחֵשׁ אִישׁ אֲשֶׁר כָּמֹנִי׃
wajomer lahém josséf ma-hamma'assé hassé aschér assitém haló jedatém ki-nachésch jenachésch isch aschér kamóni
15 Und Josef sagte zu ihnen: „Was ist das für eine Tat, die ihr getan habt? Wusstet ihr denn nicht, dass ein Mann wie ich durch Wahrsagen die Situation enträtseln wird?“
Das heißt: „Wen habt ihr beschlossen zu betrügen?“ Hier beschuldigt Josef sie überhaupt nicht (im Unterschied dazu, wie er den Hausverwalter beauftragt hatte, sie zu beschuldigen) irgendeiner unmoralischen Tat. Hier spricht er zu ihnen von einem unlogischen Verbrechen: „Wusstet ihr denn nicht, dass hier überall Kameras hängen? Wozu seid ihr losgezogen, die ‚Schilsozbank‘ auszurauben? Ihr begeht irgendein unlogisches Verbrechen.“
וַיֹּאמֶר יְהוּדָה מַה־נֹּאמַר לַאדֹנִי מַה־נְּדַבֵּר וּמַה־נִּצְטַדָּק הָאֱלֹהִים מָצָא אֶת־עֲוֹן עֲבָדֶיךָ הִנֶּנּוּ עֲבָדִים לַאדֹנִי גַּם־אֲנַחְנוּ גַּם אֲשֶׁר־נִמְצָא הַגָּבִיעַ בְּיָדוֹ׃
wajomer jehudá ma-nomár ladoní ma-nedabbér uma-niztaddák ha'elohím mazá et-awón awadécha hinnennú awadím ladoní gam-anáchnu gam ascher-nimzá haggawíja bejadó
16 Und Jehuda sagte: „Was sollen wir denn dem Herrn sagen? Was werden wir reden und womit werden wir uns rechtfertigen? Der HERR Gott hat die Sünde deiner Knechte gefunden. Siehe, wir sind Knechte deines Herrn. und wir, und der, bei dem der Becher gefunden wurde.
Hier spricht Jehuda für alle Brüder, weil er (ich erinnere daran) verantwortlich ist, er ist der Hauptverantwortliche für die Rückführung Binjamins. Gut möglich, dass Jehuda bis zu diesem Moment glaubt, dass wirklich Binjamin gesündigt hat, dass Gott sie überführt. Jedenfalls beruft er sich nicht darauf, dass sie das Geld schon zurückgegeben hatten, und nicht darauf, dass alles so gut angefangen hatte, und nicht darauf, dass wir doch vom jüngsten Bruder gesprochen haben, und das ist wirklich unser jüngster Bruder, wir haben dich nie betrogen. Nein, Jehuda gesteht voll und ganz. Aber die Worte Jehudas sind listig, eine sehr schöne Rhetorik. Ist es klar, dass, wenn ihr Knechte seid, auch der, bei dem der Becher gefunden wurde, ebenfalls ein Knecht ist? Nein, das ist nicht klar. In Wirklichkeit hätte Josef sagen können: „Den, bei dem wir den Becher finden, richten wir hin, und ihr werdet Knechte sein, so wird es gerecht sein.“ Aber mit seiner weisen Rede spielt Jehuda Josef eine gute Lösung der Frage zu – mit minimalem Schaden aus dem Problem herauszukommen. „Wenigstens bleibt Binjamin jetzt am Leben, und über die Sklaverei in Ägypten haben wir eine Familienlegende, vielleicht ist das alles zum Guten.“ Und jedenfalls ist die Aufgabe jetzt nicht, recht zu haben, sondern weise zu sein, die Aufgabe ist, Binjamin zu retten.
וַיֹּאמֶר חָלִילָה לִּי מֵעֲשׂוֹת זֹאת הָאִישׁ אֲשֶׁר נִמְצָא הַגָּבִיעַ בְּיָדוֹ הוּא יִהְיֶה־לִּי עָבֶד וְאַתֶּם עֲלוּ לְשָׁלוֹם אֶל־אֲבִיכֶם׃
wajomer chalíla li me'assót sot ha'ísch aschér nimzá haggawía bejadó hu jihje-lí áwed we'attém alú leschalóm el-awichém
17 Josef antwortet ihm: „Bewahre mich Gott davor, so zu handeln! Der Mann, bei dem der Becher gefunden wurde, der wird mir Sklave sein, ihr aber zieht in Frieden zu eurem Vater.“
Es lebe das ägyptische Gericht – das gerechteste Gericht der Welt! Wir verkaufen keine Unschuldigen in die Sklaverei!
Viele Kommentatoren bemerken (darin steckt viel Logik), dass Jehuda in diesem Moment verstehen konnte, dass das alles eine Inszenierung ist, oder, in einfachem Russisch gesagt, ein abgekartetes Spiel. Josef ist ein vornehmer ägyptischer Würdenträger. Wozu braucht er einen Sklaven, der ein Dieb ist? Klar, seine Dienerschaft braucht irgendeinen Sklaven, um dort die Kessel zu putzen, zu Hause die Wiege zu schaukeln, den Hering für den Haustisch zum Forschmak zu putzen… Aber wozu braucht ein Beamter so hohen Ranges wie Josef einen diebischen kleinen Sklaven? Aus jedem Amt hätte man ihn entlassen, und hier stellt man ihn ein. Klar ist: Auch wenn das eine Sklavenfunktion ist, ein Sklavendienst, aber in einer Hungerszeit Sklave bei einem solchen Herrn zu sein – da hätten ihn viele Leute mit Freuden in die Sklaverei verkauft. Das ist, als hätte der Präsident gesagt: „Ihr, Brüder, seid frei, und wer gestohlen hat, wird mein Adjutant sein, wird mein Bursche sein.“ Das ist sogar in gewissem Maß eine Beförderung für einen kanaanäischen Weizenzwischenhändler, der wer weiß woher aufgetaucht ist. Deshalb kann man verstehen, dass hier etwas nicht stimmt und dass das alles zu irgendeinem Zweck angezettelt ist. Und im nächsten Wochenabschnitt werden wir hören, wie Jehuda eine Linie der Verteidigung und des Angriffs zugleich aufbaut.
Wir haben eines dieser tragischen Kapitel zu Ende gelesen, eine dieser tragischen Geschichten im Leben Israels. Das nächste Kennenlernen zwischen Josef und den Brüdern, das Kennenlernen von Neuem, wird nicht weniger tragisch sein.
Man kann innehalten, neu überdenken, sich in die Lage jedes der Helden versetzen und sie als lebendige Menschen ansehen, mit ihrem eigenen Leben, mit ihren Familien. Wenn zum Beispiel Jehuda sagt „wir werden dir Sklaven sein“, versteht er, was das bedeutet: dass sie das liebe Brot nicht nach Kanaan bringen werden, und seine Familie, seine Kinder – alle können sterben. Und uns scheint es, weil wir das Ende kennen, dass alle ihre Worte und alle ihre Entscheidungen bloß Klänge sind. Wenn wir aber bei jeder Stelle innehalten und die Handlung durchleben, ohne das Ende dieser Handlung zu kennen, dann beginnen wir, die Tora anders zu verstehen. Darüber sprechen wir eigentlich, ihr und ich.
Haftara. (I Melachim 3,15–4,1)
In dieser Woche liest man zusammen mit dem Wochenabschnitt die Geschichte vom Gericht Schlomos. Diese Geschichte wird im 3. Kapitel des ersten Buches Melachim erzählt. Bevor wir beginnen, die Geschichte vom Gericht selbst zu lesen, muss man ein kleines Vorwort machen. In jenen Jahren ist Schlomo ein junger König, der gerade erst König über Israel geworden ist. Er ist offenbar sehr jung, er sagt das selbst. Äußere Quellen sagen, dass Schlomo 52 Jahre lebte, er regierte 40 Jahre. Daraus kann man verstehen, dass er im Alter von 12 Jahren König wurde. Zum Zeitpunkt unserer Geschichte ist Schlomo also ein Jugendlicher von 13–14 Jahren.
Er kommt an einen Ort namens Giwon, der etwa 10 Kilometer von Jerusalem entfernt liegt. Dort gibt es eine große Anhöhe, dort gibt es einen Ort, der für das Opfern eingerichtet ist, und Schlomo bringt dort ein gewaltiges Opfer dar, bringt dort tausend Ganzopfer dar. In derselben Nacht offenbart sich der Höchste Schlomo im Traum und fragt ihn: „Was soll ich dir geben?“ Natürlich ist das keine Geschichte von Väterchen Frost und einem Jungen, der auf einem Hocker steht. Schlomo ist nicht einfach Schlomo, kein Mensch für sich allein. Schlomo ist König. Und mit der Frage „Was soll ich dir geben?“ fragt der Höchste ihn nach dem Werkzeug des Regierens. Könige haben irgendwelche Beinamen. Es gibt den Eroberer, es gibt den Händler, es gibt den Schrecklichen, es gibt den Großen. Was für einer willst du sein? Wenn du Mich um militärische Macht bittest, nun gut, dann wird dein Königreich das Königreich Schlomos des Eroberers sein, Schlomos des Ländersammlers. Wenn du Mich um Geld bittest, nun gut, dann wird dein Königreich ein Königreich des Handels sein, du wirst ein König des wirtschaftlichen Wohlstands sein. Was wählst du für dein Königreich? Vor allem dankt Schlomo als Antwort dem Höchsten für die Gnade, die Er seinem Vater erwiesen hat. Schlomo sagt dem Höchsten, dass er ein junger Knabe ist. Wir haben davon gesprochen, dass er wirklich ein Jugendlicher ist und es ihm schwerfällt, das Volk zu regieren. Deshalb wendet sich Schlomo im 9. Vers des 3. Kapitels mit folgender Bitte an den Höchsten:
וְנָתַתָּ לְעַבְדְּךָ לֵב שֹׁמֵעַ
wenatátta le'awdechá lew schoméa
9 und du wirst deinem Knecht ein hörendes Herz geben,
Vor allem ein Herz, das zu hören versteht, das allen aufmerksam zuzuhören versteht, die sich an ihn wenden. Wozu braucht er ein hörendes Herz?
לִשְׁפֹּט אֶת-עַמְּךָ לְהָבִין בֵּין-טוֹב לְרָע כִּי מִי יוּכַל לִשְׁפֹּט אֶת-עַמְּךָ הַכָּבֵד הַזֶּה׃
lischpót et-ammchá lehawín bejn-tów lerá ki mí juchál lischpót et-ammchá hakkawéd hassé
um dein Volk zu richten, um zu verstehen, zu trennen oder zu erkennen zwischen Gut und Böse. denn wer kann denn dieses dein schweres Volk richten?
Das, worum Schlomo bittet: dass er genügend Weisheit habe, ein gerechter König und ein gerechter Richter zu sein. Dass er die Menschen anzuhören versteht und zu trennen, zu unterscheiden versteht zwischen Gut und Böse. Nicht nur die Menschen anzuhören, sondern auch in ihre Absichten einzudringen. Seine Bitte gefiel dem HERRN, und der HERR versprach ihm, dass Schlomo als, sagen wir es so, Boni auch alles Übrige erhalten wird, wovon ein König nur träumen kann: finanzielle und militärische Macht, und alles, alles wird zu der Weisheit hinzugefügt werden, um die Schlomo gebeten hat. Die Kommentatoren führen als Beispiel das Gleichnis von einem Würdenträger an, zu dem der König sagte: „Erbitte von mir, was du willst.“ Der Würdenträger dachte nach und sagte sich: „Vielleicht erbitte ich von ihm Edelsteine. Na und? Na, dann gibt er mir Edelsteine. Vielleicht erbitte ich von ihm Gold. Na, auch Gold gibt er mir. Was sind mir Steine und Gold? Ich erbitte von ihm seine Tochter zur Frau. Ich heirate die Tochter, und all das wird mein sein. Durch die Heirat mit seiner Tochter erlange ich alles.“ Ungefähr so sieht die Bitte Schlomos aus, und der Höchste segnet Schlomo. Und weiter können wir schon beginnen, den Abschnitt aus der Haftara des Wochenabschnitts Mikez zu lesen, ab dem 15. Vers des 3. Kapitels.
וַיִּקַץ שְׁלֹמֹה וְהִנֵּה חֲלוֹם וַיָּבוֹא יְרוּשָׁלִַם וַיַּעֲמֹד לִפְנֵי אֲרוֹן בְּרִית-אֲדֹנָי וַיַּעַל עֹלוֹת וַיַּעַשׂ שְׁלָמִים
wajikáz schelomó wehinné chalóm wajawó jeruschaláim waja'amód lifné arón berit-adonáj wajá'al olót wajá'as schelamím
15 und Schlomo erwachte, und siehe – ein Traum. und er kam nach Jeruschalaim, und trat vor die Lade des Bundes des HERRN, und brachte Ganzopfer dar, und brachte Friedensopfer dar,
Als wir das Buch Wajikra studierten, haben wir über den Unterschied zwischen dem Ganzopfer und dem Friedensopfer gesprochen. Das Ganzopfer verbrennt, wie es auch heißt, ganz. Das Friedensopfer ist ein Opfer, von dem einen Teil der Höchste auf den Altar erhält, einen Teil der Kohen erhält, einen Teil der erhält, der dieses Opfer darbringt. Und auf diese Weise ermöglicht die Darbringung eines Friedensopfers, symbolisch, kann man sagen, an einer gemeinsamen Mahlzeit mit dem Höchsten teilzunehmen, mit Ihm fast von einem Tisch zu essen.
וַיַּעַשׂ מִשְׁתֶּה לְכָל-עֲבָדָיו׃
wajá'as mischté lechol-awadáw
und er veranstaltete ein Festmahl für alle seine Diener.
Schlomo veranstaltete ein Festmahl mit einer solchen Teilnahme des Höchsten für alle seine Knechte. Also, Schlomo hat um Weisheit gebeten, um die Fähigkeit zu hören. Da, so sollte man meinen, hätte man mit irgendwelchen wirtschaftlichen Fragen zu ihm kommen können, mit irgendwelchen Fragen von weltumspannender Bedeutung. Aber hier hören wir beinahe die Stimme von Mrs. Hudson aus dem bekannten Film: „König, zu Euch wollen irgendwelche zwei Damen.“
אָז תָּבֹאנָה שְׁתַּיִם נָשִׁים זֹנוֹת
as tawóna schtájim naschím sonót
16 und da kamen zwei Frauen
Das Wort soná bedeutet im modernen Iwrit Prostituierte. Im biblischen Iwrit hat es auch diese Bedeutung. Aber außerdem bedeutet das Verb lasón ernähren, und das Wort soná kann auch Schankwirtin bedeuten. Es ist nicht verwunderlich, dass diese zwei Wörter zusammengefallen sind, denn eine Schankwirtin ist oft eine schutzlose Frau, der Gefahr ausgesetzt, Opfer von Gewalt zu werden. Und deshalb, was soll man da sagen, verbanden die Schankwirtinnen jener Zeit beide Beschäftigungen. Darüber haben wir in der Einführung zum Buch Jehoschua gesprochen, als wir über Rachaw sprachen. Also kamen zu ihm zum Gericht zwei Frauen, Dirnen. Da feiert der König ein Festmahl, dankt dem Höchsten! Er sitzt mit allen Würdenträgern, ist mit einem vornehmen Festmahl beschäftigt. Und da kamen zwei Dirnen.
Manche Kommentatoren sagen: „Das kann doch nicht sein, dass da zwei Dirnen gekommen sind?!“ Und sie sagen: „Das, was vorher geschrieben stand, und siehe, er erwachte, und siehe, ein Traum – das ist ein anderer Traum. Das alles träumt er. Und es kamen zu ihm zwei Dämonen – Lilit und Naama, bekannte Dämonen aus der jüdischen Mythologie. Und diese ganze Szene spielen sie vor ihm.“
Nun gut, so kann man es wohl verstehen. Mir ist dennoch das einfache Verständnis näher. Tatsächlich, du wolltest das Volk richten? Du wolltest dich in die Belange des Volkes vertiefen? Da, König Schlomo, hast du zwei Dirnen, Frauen mit verminderter sozialer Verantwortung, die man zum König zum Gericht durchlassen kann. Ja, tatsächlich kamen die Untertanen zum König zum Gericht. Und viele Richter machten es sich zur Regel, selbst wenn sie beim Essen sind oder selbst wenn sie etwas beschäftigt, wenn man mit einer dringenden Rechtssache zu ihnen kommt, alles zu unterbrechen und die Streitparteien zu sich hereinzulassen. Also, Schlomo, schon mit einem hörenden Herzen (durchaus möglich), verlässt das Festmahl, und vor ihn treten zwei Frauen, Dirnen.
אָז תָּבֹאנָה שְׁתַּיִם נָשִׁים זֹנוֹת אֶל-הַמֶּלֶךְ וַתַּעֲמֹדְנָה לְפָנָיו׃
as tawóna schetájim naschím sonót el-hammélech watta'amódna lefanáw
da kamen zwei Frauen, Dirnen, zum König und traten vor ihn hin.
Das heißt, sie stellten sich vor ihn, wie zum Gericht. Ab dem 17. Vers lesen wir die Rede der Klägerin. In jedem Gericht gibt es einen Kläger – den, der einen Anspruch erhebt, und einen Beklagten – den, der auf den Anspruch antwortet. Also, die Frau, die Klägerin, und das ist es, was sie sagt:
וַתֹּאמֶר הָאִשָּׁה הָאַחַת בִּי אֲדֹנִי אֲנִי וְהָאִשָּׁה הַזֹּאת יֹשְׁבֹת בְּבַיִת אֶחָד וָאֵלֵד עִמָּהּ בַּבָּיִת׃
wattómer ha'ischá ha'achátDie russische Umschrift hat im Wort für „die eine“ ein g statt des h-Lauts. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text: ha'achát. bi adoní aní weha'ischá hassót joschewót bewájit echád wa'eléd immá babbájit
17 und die eine Frau sagte: „Bei mir schwöre ich, mein Herr, ich und diese Frau wohnen in einem Haus. und ich habe zusammen mit ihr im Haus entbunden.
וַיְהִי בַּיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי לְלִדְתִּי וַתֵּלֶד גַּם-הָאִשָּׁה הַזֹּאת וַאֲנַחְנוּ יַחְדָּו אֵין-זָר אִתָּנוּ בַּבַּיִת זוּלָתִי שְׁתַּיִם-אֲנַחְנוּ בַּבָּיִת׃
wajhí bajom haschelischí lelidtí wattéled gam-ha'ischá hassót wa'anáchnu jachdáw en-sár ittánu babbájit sulatí schetajim-anáchnu babbájit
18 und es war am dritten Tag nach meiner Entbindung, und auch diese Frau entband, und wir zwei, und keine Fremden sind bei uns im Haus, außer uns beiden zu Hause.
Warum erwähnt die Frau, dass außer ihnen niemand im Haus ist? Es gibt keine Zeugen dessen, was geschehen ist. Sie waren nur zu zweit. Weiter setzt die Frau ihre Erzählung fort und sagt im 19. Vers:
וַיָּמָת בֶּן-הָאִשָּׁה הַזֹּאת לָיְלָה אֲשֶׁר שָׁכְבָה עָלָיו׃
wajámot ben-ha'ischá hassót lájla aschér schachewá aláw
19 und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht, als sie sich auf ihn legte.
וַתָּקָם בְּתוֹךְ הַלַּיְלָה וַתִּקַּח אֶת-בְּנִי מֵאֶצְלִי וַאֲמָתְךָ יְשֵׁנָה וַתַּשְׁכִּיבֵהוּ בְּחֵיקָהּ וְאֶת-בְּנָהּ הַמֵּת הִשְׁכִּיבָה בְחֵיקִי׃
wattakóm betóch hallájla wattikkách et-bení me'ezlí wa'amatechá jeschená wattaschkiwéhu becheká we'et-bená hammét hischkíwa wechekí
20 und sie stand mitten in der Nacht auf und nahm den Sohn von mir, und deine Magd schläft, und legte ihn sich an die Brust, und ihren toten Sohn legte sie mir an die Brust.
וָאָקֻם בַּבֹּקֶר לְהֵינִיק אֶת-בְּנִי וְהִנֵּה-מֵת וָאֶתְבּוֹנֵן אֵלָיו בַּבֹּקֶר וְהִנֵּה לֹא-הָיָה בְנִי אֲשֶׁר יָלָדְתִּי׃
wa'akúm babbóker leheník et-bení wehinne-mét wa'etbonén eláw babbóker wehinné lo-hajá wení aschér jaládti
21 und als ich am Morgen aufwachte, stand ich am Morgen auf, um meinen Sohn zu stillen, und siehe, er war gestorben. und später sah ich ihn mir genau an, als der Morgen kam und es hell wurde, und siehe, das ist nicht der Sohn, den ich geboren habe“.
Das sind die Aussagen der ersten Frau. Sie wecken sehr viele Zweifel, wenn man sie aufmerksam liest. Vor allem: Woher weiß diese Frau alles, was geschah, wenn sie schlief? Sie hat doch nichts gesehen. Sie hat, nach ihren eigenen Worten, so fest geschlafen, dass sie nichts gespürt hat. Aber sie beschreibt, wie alles geschah, so, als hätte sie es gesehen. Ihre Version ist gut zusammengestellt, aber so ein Problem gibt es hier eben. Es gibt noch einen weiteren Haken an dem, was sie sagt. Gewöhnlich verwechselt eine Frau, die geboren hat (man hat sogar solche Experimente durchgeführt, heute lieben Psychologen Experimente, und ich habe eine Umfrage gemacht, ich habe mehrere Frauen gefragt), ihr Kind nicht so leicht. Sie nahm das Kind zum Stillen, und es war gestorben, und erst danach, erst als sie genauer hinsah, sah sie, dass das nicht ihr Kind ist. Das alles klingt ein wenig verdächtig. Außerdem wachsen Kinder in den ersten Tagen ihres Lebens sehr schnell und verändern sich sehr schnell, und ein dreitägiges Kind unterscheidet sich von einem eintägigen. All das sind Fragen, die nach der langen Rede dieser Frau bleiben. Aber sie redet lang und schön. In ihrer Rede sind mehr als 50 Wörter. Weiter habe ich mich verzählt. In Vers 22 antwortet die Beklagte auf diese lange Rede und sagt so:
וַתֹּאמֶר הָאִשָּׁה הָאַחֶרֶת לֹא כִי בְּנִי הַחַי וּבְנֵךְ הַמֵּת
wattomér ha'ischá ha'achéret lo chi bení hacháj uwnéch hammét
22 und die andere Frau sagte: „nein. das ist mein Sohn, der lebende, und dein Sohn ist der tote“.
Sie ist offensichtlich nicht so redegewandt wie die Klägerin. Sie hat keine vorbereitete Rede, vielleicht deshalb, weil sie unter Schock steht, und sie antwortet mit nur vier Wörtern. Was antwortet die Klägerin darauf? Sie antwortet:
לֹא כִי בְּנֵךְ הַמֵּת וּבְנִי הֶחָי וַתְּדַבֵּרְנָה לִפְנֵי הַמֶּלֶךְ׃
lo chi benéch hammét uwní hecháj wattedabbérna lifné hammélech
„nein, dein Sohn ist gestorben, und mein Sohn lebt“. und so redeten sie vor dem König.
Das heißt, die Frauen fangen an, sich zu zanken. Und zwar, beachtet, sie sagen nicht dasselbe. Die Beklagte sagt das, was sie beweisen will. Sie sagt: „Mein Sohn lebt! Dein Sohn ist gestorben!“ An erster Stelle steht bei ihr der Wunsch zu beweisen: Mein Sohn – lebt. Die Klägerin sagt es umgekehrt: „Dein Sohn – ist tot, und mein Sohn – lebt!“ Für sie ist es wichtiger zu beweisen, dass nicht ihr Sohn gestorben ist. Diese Formulierungen verraten in Wirklichkeit das, was der Mensch auf dem Herzen hat, das, was in seinem Unterbewusstsein ist. Man könnte das einen Freud'schen Versprecher nennen, wenn Schlomo so jemanden gekannt hätte. Und man kann den Schluss ziehen, dass die Klägerin flunkert.
Es gibt noch einige juristische Regeln, die man hier anführen kann, bevor wir zur Antwort Schlomos übergehen. Wenn ein Mensch irgendeinen Gegenstand in den Händen hält, zum Beispiel, ein Mensch hat eine Uhr am Arm, und jemand kommt und sagt: „Dieser Mensch, dieser Chaim trägt meine Uhr“, dann muss derjenige, der das gesagt hat, es auch beweisen. Da die Uhr in Chaims Händen ist, muss Chaim nichts beweisen – der Beweis ist, dass die Uhr an seinem Arm ist. Er muss sich nicht erinnern, wo er sie gekauft hat oder wann man sie ihm geschenkt hat, nichts. „Das ist meine Uhr“ – und selbst das muss man nicht sagen. Da ist sie an meinem Arm, das ist offensichtlich. Mit dem Kind ist alles nicht so einfach. Aber dennoch funktioniert auch diese Regel. Die eine Frau hat ein Kind auf den Armen, die andere – auf den Lippen eine Erzählung. Und diese Erzählung ist kein Grund, das Kind wegzunehmen. Das jüdische Gerichtssystem rechnet in gewissem Maß mit der Anständigkeit der Menschen. Zum Beispiel wird angenommen, dass eine Frau in Anwesenheit ihres Mannes nicht sagen wird: „Wir waren nie verheiratet.“ Sie wird es nicht wagen, so etwas vor Gericht zu sagen. Manche meinen, dass ein Mensch es nicht wagen wird zu sagen: „Ich habe mir nie Geld von ihm geliehen!“, in Anwesenheit seines Gläubigers. Zugleich rechnet das System selbst mit dem Verfall der Sitten und sagt: „Das ist so, aber die Menschen ändern sich!“ Und die Menschen ändern sich, und sie ändern sich nicht immer zum Guten. Und hier ist es natürlich ein sehr schlechtes Zeugnis, dass die Frau es gewagt hat zu reden, dass sie, nachdem sie ihr Kind begraben hatte oder ein totes Kind auf den Armen hatte, die Freundin, die gerade ein Kind geboren hatte, vor Gericht zu einer solchen Verhandlung geschleppt hat. Das spricht sehr schlecht über sie. Also, zwei Frauen. Beide haben ihre Versionen vorgetragen, und sie sind nicht ganz gleich. In Vers 23 lesen wir, was Schlomo sagt.
וַיֹּאמֶר הַמֶּלֶךְ זֹאת אֹמֶרֶת זֶה-בְּנִי הַחַי וּבְנֵךְ הַמֵּת וְזֹאת אֹמֶרֶת לֹא כִי בְּנֵךְ הַמֵּת וּבְנִי הֶחָי׃
wajomer hammélech sot oméret se-bení hacháj uwnéch hammét wesót oméret lo chi benéch hammét uwní hecháj
23 und der König sagte: „diese sagt: ‚mein Sohn ist der lebende, und deiner der tote‘, und die zweite sagt: ‚nein, dein Sohn, das ist der, der tot ist. und mein Sohn ist der lebende‘“.
Schlomo wiederholt die Argumente der Parteien. Diese Regel gilt auch im heutigen jüdischen Gericht. Man lernt sie (diese Regel) gerade aus dieser Episode. Willst du richten? Wiederhole die Versionen! Vor allem dazu, um dich zu vergewissern, dass du sie verstanden hast. Manche fangen sogar an zu wiederholen. Dreh sie im Kopf hin und her. Der eine sagt so, der andere sagt so, dieser sagt so, jener sagt so. Um zu verstehen und um zu analysieren. Hier ist im Großen und Ganzen schon ziemlich klar, wessen Kind es ist. Ziemlich klar aus der Rede. Nun, das ist Schlomo klar. Aber es ist wichtig, noch etwas zu tun.
וַיֹּאמֶר הַמֶּלֶךְ קְחוּ לִי-חָרֶב וַיָּבִאוּ הַחֶרֶב לִפְנֵי הַמֶּלֶךְ׃
wajomer hammélech kechú li-chárew wajawíu hachérew lifné hammélech
24 und der König sagte: „Gebt mir ein Schwert!“ (Nehmt mir ein Schwert! (wenn man wörtlich übersetzt), und man brachte das Schwert vor den König.
וַיֹּאמֶר הַמֶּלֶךְ גִּזְרוּ אֶת-הַיֶּלֶד הַחַי לִשְׁנָיִם וּתְנוּ אֶת-הַחֲצִי לְאַחַת וְאֶת-הַחֲצִי לְאֶחָת׃
wajomer hammélech gisrú et-hajéled hacháj lischnájim utnú et-hachazí le'achát we'et-hachazí le'echát
25 und der König sagte: „Haut dieses lebende Kind entzwei, und gebt die Hälfte der einen und die Hälfte der einen“.
Stellt euch vor: In welchem Gericht, in welcher modernen Einrichtung kann so etwas geschehen? So furchtbar, dass die Frauen wirklich geglaubt haben, dass eine solche Entscheidung möglich sein kann. Es gibt die Gesetze der Tora, und Schlomo lebt nicht in einem anarchischen Staat. Er ist kein durchgeknallter Monarch-Diktator. Und man kennt seinen Vater David, und man kennt die Gerechtigkeit der Richter. Aber die Frauen glaubten daran, dass im Gericht Schlomos der König Schlomo befehlen kann, ein unschuldiges Kind in Stücke zu hauen, zu töten. Vielleicht, weil die eine sich in einem Schockzustand befindet, weil ihr Kind in Gefahr ist und sie die Situation überhaupt nicht analysiert, ihr wird es wichtig sein, das Kind zu retten, und die zweite so von Bosheit besessen ist, dass sie erstens so etwas für möglich halten kann und zweitens wegen der Verblendung durch die Bosheit nicht imstande ist, den möglichen Haken zu erkennen. Es gibt noch eine Erklärung. König Schlomo ist ein junger König, nicht alle kennen ihn. Und, geh und wisse, wie die Macht auf einen Menschen wirkt?! Vielleicht wird man jetzt eben erfahren, dass König Schlomo, er ist so ein König. Und die Frauen glauben, dass so etwas sein kann, oder denken einfach nicht nach. Deshalb funktioniert die Falle Schlomos.
וַתֹּאמֶר הָאִשָּׁה אֲשֶׁר-בְּנָהּ הַחַי אֶל-הַמֶּלֶךְ כִּי-נִכְמְרוּ רַחֲמֶיהָ עַל-בְּנָהּ וַתֹּאמֶר בִּי אֲדֹנִי תְּנוּ-לָהּ אֶת-הַיָּלוּד הַחַי וְהָמֵת אַל-תְּמִיתֻהוּ
wattómer ha'ischá ascher-bená hacháj el-hammélech ki-nichmerú rachamehá al-bená wattómer bi adoní tenu-lá et-hajalúd hacháj wehamét al-temitúhu
26 und die Frau, deren Sohn lebendig war, sagte zum König, weil sie sich über ihren Sohn erbarmte, und sagte zu ihm: „bei mir schwöre ich, Herr, auf meine Verantwortung. Gebt ihr den lebenden Geborenen und tötet ihn nicht“,
Was für ein Glück für die zweite Frau! Man hätte sagen können: „Ja, wunderbar! Gebt ihn mir! Wirklich, seht ihr, sie hat es selbst gestanden?! Ich wollte ja genau, dass man ihn mir gibt. Endlich ist sie einverstanden, irgendein Gewissen hat sie also doch!“ Wirklich, man könnte so denken, die Frau dachte: „Na, was soll's! Ein Kind stehlen bin ich bereit, aber töten bin ich nicht bereit.“ Wir lesen hier, dass das jene Frau gesagt hat, deren Sohn lebt, aber Schlomo weiß das ja eigentlich gleichsam nicht. Sie sagte: „Ja! Lasst ihn am Leben!“ Die zweite hätte sich freuen müssen, sagen: „Danke, Herrscher-Väterchen Schlomo!“, das lebende Kind nehmen und mit ihm weggehen, sie hat die Entscheidung des Königs. Aber sie antwortet etwas ganz anderes.
וְזֹאת אֹמֶרֶת גַּם-לִי גַם-לָךְ לֹא יִהְיֶה גְּזֹרוּ׃
wesót oméret gam-lí gam-lách lo jihjé gesóru
weder mir noch dir soll es gehören. zerschneidet.
„Wenn ich es nicht habe, soll es auch dir nicht gehören. Mir ist es wichtiger, dass du dieses Kind nicht hast, als dass ich es habe.“ Das ist einfach menschliche Bosheit, gezeigt in ihrer allerniederträchtigsten Form. Die Frau hätte in diesem Moment durchaus sagen können: „Ja, ja, ja, ja! Ich nehme das Kind! Danke! Und zieht ihr noch die Gerichtskosten ab, dann kaufe ich meinem Kind eine Packung Pampers.“ Aber so macht sie es nicht, sie ist von Bosheit besessen. Die Kommentatoren versuchen, das unterschiedlich zu verstehen. Wie wir gesagt haben, haben einige sofort gesagt: „Das waren überhaupt Geister! Das waren keine Menschen! Wie konnten Dirnen zum König zum Festmahl kommen? Wie können sie sich nur so verhalten? Wie konnte der König versuchen, ein Kind zu zerhauen?“
Andere sagen: „Das ist eine komplizierte juristische Situation. Das sind Schwiegermutter und Schwiegertochter. Nun, stellt euch die Situation vor. Erinnern wir uns an die uns bekannten Heldinnen – Naomi und Rut. Stellt euch also vor, dass beide Witwen sind. Aber Rut ist schwanger zurückgeblieben, Naomi ist auch schwanger. Naomi bringt ein Kind zur Welt, und Rut bringt ein Kind zur Welt. Wenn das Kind von Rut stirbt, dann muss Rut nach der Tora (eine gedachte Rut, nicht jene Rut aus dem Buch) warten, bis das Kind Naomis das Alter von 13 Jahren erreicht. 13 Jahre warten, ihr dienen und bei ihr sein, bis dieses Kind herangewachsen ist und sie zur Frau nimmt, und dann dort versuchen, die Familie wiederherzustellen. Oder irgendwie anders.“ Viele denken sich einen solchen juristischen Kasus aus, um zu erklären, warum die zweite Frau so böse ist, warum sie eine so ungeheuerliche Reaktion hat.
Nun, in Wirklichkeit scheint mir, dass sich hier eben jene Gabe Schlomos zeigt. Einerseits haben wir ziemlich viele Versprecher, ziemlich viele Fehler in der Version der ersten Frau gesehen. Und man hätte es verstehen können, man muss nicht Sherlock Holmes sein, um herauszufinden, wessen Kind es ist. Man musste es erstens allen zeigen, damit man danach nicht dachte: „Und vielleicht legen wir bei einer anderen Instanz Berufung ein? Vielleicht gehen wir noch irgendwohin?“ Und damit man nicht redete, nicht herumlief, denn es geht um das Leben des Kindes, damit niemand dem Kind etwas zuflüsterte, musste man es deutlich zeigen, und man musste deutlich die ganze menschliche Bosheit zeigen. Und eine sehr gute Demonstration des Gerichts Schlomos, des Verstehens (wie man sagt: „Ich verstehe die Frauen!“). Schlomo versteht hier nicht nur die Frauen, Schlomo hört hier diese zwei Frauen mit dem Herzen. Und deshalb kann er vorhersehen, wie sie sich verhalten werden. Die Ereignisse hätten sich ja auf viele verschiedene andere Weisen entwickeln können. Hier versteht er nicht nur die Natur des Guten, die Natur des Bösen, die Natur der Mutter, die Natur der Mutter, deren Sohn gestorben ist. Er versteht gerade diese konkreten Frauen. Er dringt in die Natur, in den Charakter, in die Sorgen, in das Herz dieser Dirnen ein. Er ist bereit, man kann sagen, die allerallerniedrigsten, die allernichtigsten Bürgerinnen seines Reiches mit dem Herzen zu hören. Also, lesen wir das Urteil:
וַיַּעַן הַמֶּלֶךְ וַיֹּאמֶר תְּנוּ-לָהּ אֶת-הַיָּלוּד הַחַי וְהָמֵת לֹא תְמִיתֻהוּ הִיא אִמּוֹ׃
wajá'an hammélech wajomer tenu-lá et-hajalúd hacháj wehamét lo temitúhu hi immó
27 und der König antwortete und sagte: „Gebt ihr diesen lebendigen Jungen, und tötet ihn nicht durch den Tod, sie ist seine Mutter“.
Es gibt Midraschim und Kommentatoren, die sagen: „Diese letzten Worte ‚Sie ist seine Mutter!‘ hat nicht Schlomo gesagt, sondern der Heilige Geist. Oder Schlomo im Chor, mit einer Stimme mit dem Heiligen Geist.“ Das heißt, wenn der König sein Herz öffnet, um die zu hören, die zu ihm zum Gericht kommen, und sich darin vertieft, dann nimmt nach diesem Ansatz der Heilige Geist selbst am Gericht teil. Und dadurch hat ja der Heilige Geist diese Frauen berührt. Etwas Wichtiges ist geschehen. Und das Urteil erklang: „Sie ist seine Mutter!“ Damit hörte alles Gerede auf, das den Jungen in Zukunft hätte begleiten können. Und vielleicht hat Schlomo nicht richtig entschieden? Und vielleicht gab es eine andere Instanz, die hätte anders entschieden? Und vielleicht war da Bestechung? Und vielleicht war da noch etwas anderes? Gerade die Geschichte mit dem Schwert, deren Ergebnisse Schlomo vorhersehen konnte, hat allem möglichen künftigen Gerede endgültig ein Ende gesetzt. Es geht ja nicht nur um die Mütter, ein Kind wächst heran.
וַיִּשְׁמְעוּ כָל-יִשְׂרָאֵל אֶת-הַמִּשְׁפָּט אֲשֶׁר שָׁפַט הַמֶּלֶךְ וַיִּרְאוּ מִפְּנֵי הַמֶּלֶךְ כִּי רָאוּ כִּי-חָכְמַת אֱלֹהִים בְּקִרְבּוֹ לַעֲשׂוֹת מִשְׁפָּט׃
wajischme'ú chol-jisraél et-hammischpát aschér schafát hammélech wajir'ú mippené hammélech ki raú ki-chochmát elohím bekirbó la'asót mischpát
28 und man hörte in ganz Israel von dem Gericht, mit dem der König gerichtet hatte, und sie fürchteten den König, denn sie sahen, dass göttliche Weisheit bei ihm ist, um Gericht zu üben.
Weiter lesen wir Kapitel 4, Vers 1:
וַיְהִי הַמֶּלֶךְ שְׁלֹמֹה מֶלֶךְ עַל-כָּל-יִשְׂרָאֵל׃
wajhi hammélech schelomó mélech al-kol-jisraél
1 und der König Schlomo wurde König über ganz Israel.
Da sie seine Weisheit annahmen, trotz seiner Jugend, nahmen ihn alle als König an. Sie nahmen ihn nicht juristisch an, dass da eben ein König sitzt, sondern sie erkannten, dass er König ist!
Welche Lehren, welche Schlüsse ergeben sich für Schlomo aus diesem Gericht? Was Neues konnte Schlomo selbst für sich sehen? Was können wir für uns sehen? Vor allem kommt es vor, dass es zwei Streitende gibt, zwei Prozessierende. Der eine von ihnen redet sehr schön, er ist schön geschult, er redet schön, er versteht es, seine Version schön darzubieten. Manchmal stehen vielleicht die Presse und Propagandisten auf seiner Seite, und er wird uns als ganz im Recht dargestellt, seine Wahrheit, seine Worte klingen schönrednerisch schön. Und jemand, der keine zwei Wörter zusammenbringt, hat in Wirklichkeit recht. Folge nicht der Schönrederei. Folge nicht schönen Reden.
Der zweite Gedanke, der einem in Bezug auf das gezogene Schwert in den Sinn kommt, ist der, dass man den König fürchtete. Man darf die Macht nicht missbrauchen. Jede Macht kann verderben. Wie man sagt, absolute Macht verdirbt absolut. Wenn du die Macht missbrauchst, kannst du dich in ein Ungeheuer verwandeln, von dem man zuerst denkt, dass es ein Kind zerhaut, und dann kommt es auch, Gott bewahre, so weit.
Es gibt auch einen dritten Gedanken. Über den dritten Gedanken sprach Raw Kook. Als er lebte (am Anfang des 20. Jahrhunderts), gab es eine große Spaltung im Volk Israel. Die einen sagten: „Wir wollen nichts mit dem Staat gemein haben. Wir schließen uns eben so ein, wir werden nicht helfen, lieber gehen wir zugrunde, aber damit auch sie zugrunde gehen.“ Das ist leider auch so gekommen, dass gerade der orthodoxe Teil sich sehr abschloss, einen solchen fanatischen Eifer zeigte, der sagte: „Unsere Seele gehe zugrunde mit ihnen. Mögen wir sterben, aber auch sie sollen sterben. Zerhaut es!“ Der andere Teil sagte: „Nein, wir werden nicht zerhauen! Wir werden das Volk Israel nicht zerhauen. Lasst uns das Volk ganz erhalten. Wie auch immer, was es auch koste. Das ist vielleicht viel wert. Lasst uns das Volk ganz erhalten!“
Noch eine Lehre aus dieser Geschichte – man soll nicht den Fanatikern folgen. Fanatiker können jede Sache zugrunde richten. Es gibt Grenzen des Eifers, nach denen er in Fanatismus übergeht. Der Eifer darf das Leben nicht vernichten. Das sind solche Gedanken. Gedanken kann es zum Gericht Schlomos noch sehr viele geben. Und manche Gedanken klingen ganz und gar nicht im Einklang. So lebte zum Beispiel Rabbi David Altschuler, der Autor des bekannten Kommentars „Mezudat David“, in Prag und hat einen sehr großen Einfluss auf das Judentum Osteuropas und Polens ausgeübt. Er starb im Jahr 1769. Er liest diese Geschichte so, als sei der ersten Frau, die viel redet, tatsächlich das Kind gestohlen worden, und sie hat tatsächlich recht. Und den Interessierten schlage ich vor, auch seinen Kommentar zu lesen. Das wird auch interessant sein.
Lest auch: Wajeschew, Wajigasch und die Wochenabschnitte der Tora.