1. Wochenabschnitte
  2. Bereschit
  3. Wajeschew

וַיֵּשֶׁב

Wajeschew

Josef und seine Brüder

Illustration: alexblend.com
Wochenabschnitt
9 von 54
Verse
Bereschit 37,1–40,23
Teile
11
Lesezeit
3 Std. 7 Min.
Hörfassung
4 Std. 51 Min.

markiert Stellen, an denen die Übersetzung bewusst vom russischen Original abweicht. Antippen zeigt den Hinweis.

Wajeschew ist der Wochenabschnitt über Josef und seine Brüder. Im Stenogramm behandelt Alex Blend den Familienkonflikt, die Geschichte von Jehuda und Tamar, die Prüfungen Josefs in Ägypten und die Träume im Gefängnis. Das Hebräische, die Transliteration und die Übersetzung werden von den Kommentaren des Autors zur Tora und zur Haftara aus Amos begleitet.

Wajeschew: wie alles begann

Bereschit 37,1–11


וַיֵּשֶׁב יַעֲקֹב בְּאֶרֶץ מְגוּרֵי אָבִיו בְּאֶרֶץ כְּנָעַן׃

wajéschew jaaków be'érez meguré awíw be'érez kená'an

1 Und Jaakow ließ sich nieder im Land der Wanderschaft seines Vaters.

Hier gibt es ein gewisses Gegengewicht: Dort, wo die Väter umherwanderten, lässt sich Jaakow (nachdem er aus Charan, aus dem Exil, zurückgekehrt ist) nieder. Man kann es auch so sagen, dass Jaakow sich entspannt hat. Jedes Mal, wenn wir in der Tora das Wort wajéschew lesen (ein Stilmittel, das dem Leser verständlich ist), bedeutet das: Warte auf Unheil, eine Art Ruhe vor dem Sturm, vor irgendwelchen unangenehmen Ereignissen. Jaakow lässt sich nieder im Land der Wanderschaft seines Vaters, im kanaanäischen Land.


אֵלֶּה תֹּלְדוֹת יַעֲקֹב יוֹסֵף בֶּן־שְׁבַע־עֶשְׂרֵה שָׁנָה הָיָה רֹעֶה אֶת־אֶחָיו בַּצֹּאן וְהוּא נַעַר אֶת־בְּנֵי בִלְהָה וְאֶת־בְּנֵי זִלְפָּה נְשֵׁי אָבִיו וַיָּבֵא יוֹסֵף אֶת־דִּבָּתָם רָעָה אֶל־אֲבִיהֶם׃

élle toledót jaaków josséf ben-schewá-esré schaná hajá ro'é et-echáw bazzón wehú ná'ar et-bené wilhá we'ét-bené silpá nesché awíw wajawé josséf et-dibbatám ra'á el-awihém

2 Dies ist die Geschlechterfolge Jaakows. Josef ist siebzehn Jahre alt, und er weidete mit seinen Brüdern das Vieh / weidete seine Brüder beim Vieh (man kann es zweifach verstehen, und weiter werden wir sehen, dass gerade das zweite Verständnis das passendere ist), und er ist Vorarbeiter der Söhne Bilhas und der Söhne Silpas. Und Josef brachte Klatsch und schlimme Erfindungen über sie zum Vater.

Wie kann es denn sein, dass in der Geschlechterfolge Jaakows steht: „Josef ist 17 Jahre alt“? Hier wird das Wort toldót in der Bedeutung Früchte, Hervorbringungen verwendet, von dem Wort leolít – gebären, toldot – Hervorbringungen. Das ist es, was mit Jaakow geschah, das sind die Früchte seines Sich-Niederlassens im heiligen Land, als er sich entspannte, vielleicht vor der Zeit. Also, er hat einen Sohn Josef (wir haben von ihm gehört, als er geboren wurde, und seitdem wissen wir nichts mehr über ihn).

Wehú ná'ar et-bené wilhá we'ét-bené silpá – und er ist Vorarbeiter der Söhne Bilhas und der Söhne Silpas. Das Wort ná'ar bedeutet wörtlich Jüngling oder einen, der ständig alle aufrüttelt, voller Initiative; aber in der einfachen Bedeutung – Jüngling. Im Buch Rut lesen wir davon, dass es bei den Schnittern einen Vorarbeiter der Schnitter gab, einen Manager der unteren Ebene, den man ná'ar nannte. Hier können wir sehen, dass Josef 17 Jahre alt ist und als so etwas wie ein Vorarbeiter, Gruppenleiter oder Manager über die Söhne Bilhas und Silpas, der Frauen Jaakows, eingesetzt ist.

Alles, was sie taten, trug Josef dem Vater zu. Man kann, wenn man versucht, Gutes von ihm anzunehmen, sagen, dass Josef die gute Absicht der Berichtigung der Welt hatte, dass er wollte, dass alle gut sind, und sich einfach ganz banal beim Papa über das schlechte Benehmen seiner Brüder beschwerte. Aber bei uns ist verständlicherweise die Haltung gegenüber einem Menschen, der seine Brüder anschwärzt, selbst bei einem Menschen wie Jaakow, eine heikle. Und wir werden nicht bewerten, wie Josef sich verhält, aber wir verstehen, dass seine Brüder ihn nicht besonders lieben werden. Und in einer solchen Stellung, in einer solchen Situation befindet sich Josef.


וְיִשְׂרָאֵל אָהַב אֶת־יוֹסֵף מִכָּל־בָּנָיו כִּי־בֶן־זְקֻנִים הוּא לוֹ וְעָשָׂה לוֹ כְּתֹנֶת פַּסִּים׃

wejisraél aháw et-josséf mikkól-banáw ki-wen-sekuním hu lo we'ássa lo ketónet passím

3 Israel aber liebte Josef mehr als alle Kinder, weil er der Sohn seines Alters ist; und er machte ihm ein besonderes Hemd.

Israel liebte seinen Sohn mehr als alle Kinder, sogar mehr als Binjamin – den jüngeren Bruder Josefs. Binjamin ist 10 Jahre alt, er ist vielleicht noch nicht so flink, nicht so schön, nicht so charismatisch – all das (wir werden es sehen) steht Josef zu.

Ketónet passím wird wörtlich mit gestreifter Chiton übersetzt, aber das Wort pas (Streifen) kann auch den Streifen bedeuten, der die Hand mit dem Unterarm verbindet, und dann bedeutet es, dass Jaakow ihm ein Gewand mit langen Ärmeln in voller Länge machte. Das Gewand eines Menschen, der die Ärmel nicht hochkrempelt oder nicht arbeitet – so ein vornehmes, herrschaftliches Gewand. Andere sagen, dass er ihm ein verziertes Gewand machte, das heißt, er machte ihm irgendein Gewand auf Bestellung.

Der Talmud sagt im Traktat Schabbat: „Ein Mensch darf nicht einen seiner Söhne unter den anderen Kindern hervorheben. Seht, wegen eines überzähligen Stücks Wolle im Wert von 2 Sela ist das Volk Israel nach Ägypten hinabgezogen, ist der Hass entstanden.“ Die Brüder hassten natürlich den Emporkömmling, den Spitzel, den Schönling Josef.


וַיִּרְאוּ אֶחָיו כִּי־אֹתוֹ אָהַב אֲבִיהֶם מִכָּל־אֶחָיו וַיִּשְׂנְאוּ אֹתוֹ וְלֹא יָכְלוּ דַּבְּרוֹ לְשָׁלֹם׃

wajir'ú echáw ki-oto aháw awihemIn der russischen Umschrift sind im Wort für „ihr Vater“ zwei Silben vertauscht. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: awihem. mikkól-echáw wajisne'ú otó weló jachelú dabberó leschalóm

4 Und die Brüder sahen, dass der Vater ihn mehr liebt als alle Brüder, und sie hassten ihn und konnten nicht friedlich mit ihm reden.

Einerseits kann man im Anschluss an Raschi (Rabbi Schlomo Jizchaki) sagen, dass man aus diesen nicht sehr guten Worten über die Brüder etwas Gutes über sie sagen kann: dass sie wenigstens ehrlich sind, sie sind keine Heuchler, sie sind nicht doppelzüngig. Eine solche persönliche Abneigung empfinden sie gegen Josef, dass sie nicht einmal mit ihm reden können, und sie reden auch nicht. Aber wir haben schon 36 Kapitel des Buches Bereschit gelesen. Die erste Geschichte – als Chawa höchstwahrscheinlich Adam schweigend die Frucht gab. Hätte sie gesagt: „Schau, die Schlange hat mich überredet zu essen“, dann hätte man der Schlange einfach den Hintern versohlen können, und damit wäre alles zu Ende gewesen. Kajin wollte anscheinend mit seinem Bruder reden, jedenfalls steht geschrieben: „Und Kajin sprach zu Hewel, seinem Bruder.“ Und weiter steht nicht geschrieben, was er ihm sagte. Das heißt, man kann es so verstehen: Er wollte etwas sagen, aber es gelingt nicht, miteinander zu reden. Und weiter, durch die ganze Schrift hindurch, sehen wir Feindschaft zwischen Brüdern. Awraham sagt zu Lot: „Lass uns uns trennen, denn wir sind Brüder, denn unser Streit kann zu einem Mord führen.“ Esaw und Jaakow reden wenigstens: Sie haben geredet und sind ruhig auseinandergegangen, haben die Welt gespalten, in gewissem Maß das Land aufgeteilt, aber sie können friedlich zusammenleben und haben sogar den Vater gemeinsam begraben.

Und hier beginnt wieder dieselbe Geschichte: Die Brüder können nicht reden. Das ist das Schlimmste, wenn man in einer Familie nicht miteinander spricht, wenn es nicht einmal gelingt, die Dinge zu klären. So war die Situation am Vorabend der Offenbarungen, die Josef empfing.


וַיַּחֲלֹם יוֹסֵף חֲלוֹם וַיַּגֵּד לְאֶחָיו וַיּוֹסִפוּ עוֹד שְׂנֹא אֹתוֹ׃

wajachalóm josséf chalóm wajaggéd le'echáw wajossífu od senó otó

5 aber Josef sah einen Traum und sagte es seinen Brüdern, und sie begannen, ihn noch mehr zu hassen.


וַיֹּאמֶר אֲלֵיהֶם שִׁמְעוּ־נָא הַחֲלוֹם הַזֶּה אֲשֶׁר חָלָמְתִּי׃

wajomer alehém schim'ú-na hachalóm hassé aschér chalámti

6 Und er sagte zu ihnen: „Hört doch, was für einen Traum ich gesehen habe:


וְהִנֵּה אֲנַחְנוּ מְאַלְּמִים אֲלֻמִּים בְּתוֹךְ הַשָּׂדֶה וְהִנֵּה קָמָה אֲלֻמָּתִי וְגַם־נִצָּבָה וְהִנֵּה תְסֻבֶּינָה אֲלֻמֹּתֵיכֶם וַתִּשְׁתַּחֲוֶיןָ לַאֲלֻמָּתִי׃

wehinné anáchnu me'allemím alummím betóch hassadé wehinné káma alummatí wegám-nizzáwa wehinné tesubbéna alummotechém wattischtachawéna la'alummatí

7 Siehe, wir binden Garben auf dem Feld, und siehe, meine Garbe stand auf, erhob sich und stand aufrecht, eure Garben wandten sich ihr zu und verneigten sich vor meiner Garbe.“

Wie kann man einen solchen Traum verstehen? Man kann ihn sehr unterschiedlich verstehen. Ich schlage vor, jetzt fast das Unmögliche zu tun. Wir lesen mit euch die Tora und tun zum Teil so, als ob wir sie lesen, weil wir sie kennen. Wenn man jetzt fragt, was dieser Traum bedeutet, dann wird man mir sagen, dass die Brüder sich später in Ägypten vor ihm verneigen werden, oder noch irgendwelche anderen Varianten. Aber die Brüder haben das Buch Bereschit nicht gelesen. Und wenn man versucht, dieses Buch wie zum ersten Mal zu lesen, wenn wir die Fortsetzung noch nicht kennen, wir nicht wissen, wozu dieser Traum ist und was für ein Traum das ist, was kann man dann hier denken? Man kann sagen, dass Josef tatsächlich aus seinem Herzen spricht, sein Traum folgt seinem Herzen, er will herrschen, und durch sein Unterbewusstsein bricht das auf diese Weise hervor. Man kann es so verstehen, denn obwohl die ganze östliche Kultur jener Zeit sagt, dass Träume immer von Gott sind (gerade in der Schrift sehen wir Träume, die von Gott gegeben werden, prophetische Träume, eindeutig vom Höchsten), gibt es andererseits Träume (wenn wir das 29. Kapitel des Buches des Propheten Jeschajahu lesen), in denen der Hungrige Essen sieht, der Durstige Wasser sieht, aber wenn er aufwacht, zerfallen diese Träume. Das heißt Träume, die aus dem Herzen des Menschen sprechen. Und vor allem muss man klären: Sieht Josef einen Traum von Gott, oder öffnet er die Türchen seines Unterbewusstseins einen Spalt? Offenbar haben die Brüder die zweite Variante gewählt.

וַיֹּאמְרוּ לוֹ אֶחָיו הֲמָלֹךְ תִּמְלֹךְ עָלֵינוּ אִם־מָשׁוֹל תִּמְשֹׁל בָּנוּ וַיּוֹסִפוּ עוֹד שְׂנֹא אֹתוֹ עַל־חֲלֹמֹתָיו וְעַל־דְּבָרָיו׃

wajomeru lo echáw hamalóch timlóch alénu im-maschól timschól bánu wajossífu od senó otó al-chalomotáw we'ál-dewaráw

8 Und seine Brüder sagten zu ihm: „König sein wirst du über uns, oder herrschen wirst du über uns?“ Und sie begannen, ihn noch mehr zu hassen wegen seiner Träume und wegen dessen, was er sagte.

Die Brüder denken, dass hier die zweite Variante vorliegt, dass es das ist, was aus Josefs Unterbewusstsein hervorbricht. Und wenn wir lesen, wie die Tora darüber spricht, dann sagt Josef Folgendes (lasst mich versuchen, es mit der Intonation zu übersetzen, die durch die Kantillation der Tora vermittelt wird): „Und mir träumte, wie wir Garben auf dem Feld binden, und eure Garben wandten sich um und verne-i-i-i-i-gten sich vor meiner Garbe.“ Im Wort verneigten wird der Buchstabe i sehr freudig und schön gesungen, so ein Ton, als hätte Josef am Ende so etwas gesagt wie „bä-bä-bä“. Und genau das reizt die Brüder: nicht nur Josefs Traum, sondern auch, wie er es sagt. Das heißt, wenn Josef heimlich davon träumt, über sie zu herrschen oder König über sie zu sein, dann ist das hier durchgebrochen, nach außen herausgeplatzt, er hat sich verraten. Die Brüder fragen ihn: „König sein über uns wirst du (was bedeutet: ‚Sollen wir selbst dich zum König machen?‘) oder herrschen über uns wirst du, wirst du unser Herrscher werden, uns unter deine Macht zwingen?“ Man kann sagen, dass sie ihm antworteten: „Sollen wir selbst dich zum König machen, oder wirst du uns unterwerfen?“ So eine zynische Antwort, die wiederum in der Übersetzung völlig verloren geht. Das heißt, ein ganz und gar unfreundliches Gespräch der Brüder. Josef lässt sich, so scheint es, hier überhaupt nicht auf eine Auseinandersetzung ein. Er fährt fort:

וַיַּחֲלֹם עוֹד חֲלוֹם אַחֵר וַיְסַפֵּר אֹתוֹ לְאֶחָיו וַיֹּאמֶר הִנֵּה חָלַמְתִּי חֲלוֹם עוֹד וְהִנֵּה הַשֶּׁמֶשׁ וְהַיָּרֵחַ וְאַחַד עָשָׂר כּוֹכָבִים מִשְׁתַּחֲוִים לִי׃

wajachalóm od chalóm achér wajsappér otó le'echáw wajomer hinné chalámti chalóm od wehinné haschémesch wehajaréach we'achád assár kochawím mischtachawím li

9 Und er sah noch einen anderen Traum und erzählte ihn seinen Brüdern und sagte: „Ich habe noch einen Traum gesehen: Und siehe, die Sonne und der Mond und 11 Sterne verneigten sich vor mir.“ (Wir werden diese Träume noch genauer betrachten.)


וַיְסַפֵּר אֶל־אָבִיו וְאֶל־אֶחָיו וַיִּגְעַר־בּוֹ אָבִיו וַיֹּאמֶר לוֹ מָה הַחֲלוֹם הַזֶּה אֲשֶׁר חָלָמְתָּ הֲבוֹא נָבוֹא אֲנִי וְאִמְּךָ וְאַחֶיךָ לְהִשְׁתַּחֲוֹת לְךָ אָרְצָה׃

wajsappér el-awíw we'él-echáw wajig'ár-bo awíw wajomer lo ma hachalóm hassé aschér chalámta hawó nawó aní we'immechá we'achécha lehischtachawót lechá árza

10 Und er erzählte es dem Vater. und der Vater machte ihm eine Standpauke (wies ihn zurecht), und sagte zu ihm: „Was ist das für ein Traum, den du gesehen hast?! Und dass ich kommen werde, und deine Mutter, und deine Brüder, um uns vor dir bis zur Erde zu verneigen?“

Wajsappér el-awíw – Und er erzählte es dem Vater. Warum hat er den ersten Traum nicht dem Vater erzählt? Weil er, wie wir denken, deutete, dass jener Traum von den Brüdern handelt (dort sind nur 11 Garben). In jenem Traum waren die Brüder, die Eltern waren dort nicht, und deshalb erzählte er ihn dem Vater nicht. Hier aber gibt es Sonne und Mond. Und höchstwahrscheinlich versteht Josef, dass es auch um die Eltern geht, deshalb erzählt er es dem Vater. Wie wir uns erinnern, ist seine Mama gestorben, als er noch ganz klein war.

Wajig'ár-bo awíw – und der Vater machte ihm eine Standpauke. Das Wort g'ará – Rüge, scharfe Rüge, scharfer Verweis.

Wenn wir den Text lesen, wo Jaakow über den Traum spricht, dann sagt er zu Josef: aschér chalámta hawó. In diesen Worten können wir so lesen: Im Wort aschér אֲשֶׁר achtet auf den letzten kleinen Buchstaben ר (Resch); die Buchstaben des Wortes chalámta חָלָמְתָּ – chlmt können wir lesen mit Resch, als Rachel met; im Wort hawó heben wir den Buchstaben ה (He) hervor, und jetzt können wir innerhalb der Wörter lesen ר חלמת ה Rachel metha – Rachel ist gestorben. Innerhalb dieses ganzen Textes steht direkt geschrieben: Rachel ist gestorben. Jaakow sagt vielleicht andeutungsweise: „Du erinnerst dich doch, dass deine Mama, seligen Angedenkens, gestorben ist. Wo hast du sie denn da hineingeschrieben? Und ich, und sie, und die Brüder – alle kommen wir, um uns vor dir zu verneigen? Was für einen Unsinn redest du da?“

וַיְקַנְאוּ־בוֹ אֶחָיו וְאָבִיו שָׁמַר אֶת־הַדָּבָר׃

wajkan'ú-wo echáw we'awíw schamár et-haddawár

11 Und die Brüder beneideten ihn mit Hass, der Vater aber merkte sich das.

Einerseits hat Jaakow scheinbar abgewinkt und gesagt: „Was für einen Unsinn, Josef, redest du da?“ Andererseits hat er sich diesen Traum gemerkt. Das heißt, er glaubt, dass das irgendeine Fortsetzung haben kann.

Bevor wir sagen, was die Kommentatoren darüber sagen, lasst uns versuchen, diesen Traum mit den Augen eines Lesers zu betrachten, der noch nicht (er hat Glück gehabt!) in die Fortsetzung des Textes hineingeschaut hat, wenn er die Schrift zum ersten Mal liest.

Jaakow und seine Familie sind Hirten, sie weiden Vieh, und anscheinend haben sie genug Einkommen, genug von allem. Und plötzlich, aus heiterem Himmel, binden sie, die Hirtenbrüder, in Josefs Traum Garben. Sie weiden keine Widder, sie weiden keine Zicklein, weder Jungstiere noch Kamele, sondern binden Garben, das heißt, sie haben abrupt den Beruf gewechselt. Das Brot war mit dem verbunden, womit man dort handelte, was man ausführte, und man kann sagen, dass das für Josef unterbewusst war: „Wir werden gehen, wir werden der Welt etwas bringen, durch uns wird sich die Welt nicht nur von materieller, sondern auch von geistiger Speise ernähren. Man muss hier nicht in diesem Land sitzen, man muss durch die Welt gehen, man muss die Tora tragen, das Wort tragen, den Ein-Gott-Glauben tragen.“ Kurz, tragen, gehen und so weiter. Und das ist der erste Traum, den man so verstehen kann.

Was den zweiten Traum betrifft, ist alles noch interessanter. Ein Mensch kann im wirklichen Leben nicht Sonne, Mond und Sterne sehen. Es gibt solche Momente, in denen tatsächlich Sonne und Mond gleichzeitig zu sehen sind, fast immer sind Mond und Sterne zusammen zu sehen, aber dass Sonne, Mond und Sterne zusammen zu sehen sind, so etwas gibt es nicht. Es ist schwer, sich so etwas vorzustellen. Ich spreche gar nicht davon, dass es schwer ist, sich vorzustellen, wie Sterne sich verneigen. In Zeichentrickfilmen machen Sonne, Mond und Sterne so einen leichten Knicks: Sie springen abrupt nach unten und kehren an ihren Platz zurück. Gut möglich, dass Josef, obwohl er kein Zuschauer von „Sojusmultfilm“ war, ähnliche Bilder hatte. Aber man kann darin eine sich folgerichtig entwickelnde Szene sehen: Sonne und Mond, und Sterne. Josef sagt, dass man in die Nacht gehen muss, man muss gehen, um in die Finsternis zu leuchten. Das heißt, Josef spricht von der Notwendigkeit, dorthin zu gehen, wo es dunkel ist, und die Nacht ist für Israel das Exil. In dieser Auslegung (davon spricht Raw Manitu, und Rabbiner wie Raw Scherki wiederholen es) kann man die Enthüllung des Wunsches der Bestimmung Josefs sehen: unter anderen Völkern zu dienen.

Es gibt noch einen anderen Ansatz, dass die Völker der Welt in das Land Israel kommen werden: und sie werden kommen, und sie werden sich verneigen, und sie werden kommen, um zu lernen. Aber es gibt die Zeiten Josefs, und Josef ruft dazu auf. Wir haben in der Tora keine Auslegung dieser beiden Träume. Ja, ich erinnere mich, dass geschrieben steht: „Und Josef erinnerte sich an seine Träume.“ Aber eine eindeutige, endgültige Auslegung dieser Träume gibt es nicht. Obwohl wir sehen werden, dass auch die Brüder sich verneigten, fehlt dieses Gefühl der Vollendung, deshalb geben viele Kommentatoren verschiedene Kommentare darüber, was diese Träume bedeuten.

Chaim ben Atar sagt, dass es in den Worten „Meine Garbe stand auf und stand, und meine Garbe hielt stand“ um die Prüfung geht, die Josef im Haus Potifars bestehen wird, als sich eine schöne Frau an ihn schmiegte und er vor ihr davonlief. Das ist eine sehr starke Prüfung. Und zu dieser Zeit ging Jehuda, wie wir wissen, zu Tamar ein, die er für eine Dirne hielt. Und überhaupt geht es um bestandene Prüfungen. Das ist eine ziemlich kühne Auslegung. (Da gibt es eben Leute, die nicht dümmer sind als wir, aber anders denken).

Chatam Sofer, ein anderer Kommentator, sagt: „Der Traum von den Garben erfüllte sich in eben diesem Kapitel. Das Wort alám (Garbe) ist verwandt mit dem Wort alím (Grausamkeit). Als die Brüder Josef in die Grube warfen, da erfüllte sich dieser Traum. Sie haben gemeinsam Grausamkeit durchlebt. Denn als sie ihn in die Grube warfen, verneigten sie sich auch vor ihm. Wenn man einen Menschen in eine Grube wirft, dann beugt man sich über die Grube. Und so erfüllte sich schon in jenem Moment der Traum Josefs.“

Midrasch Tanchuma, eine frühere Sammlung, sagt: „Das erfüllte sich an den Nachkommen Josefs, an Jehoschua ben Nun, als er der Sonne gebot stillzustehen, den Lauf der Dinge am Himmel veränderte.“ Auch ein solches Verständnis gibt es.

Andere Kommentatoren sagen: „Wartet, wartet, in allen Träumen ist alles, was mit Josef zu tun hat: sowohl die Kühe als auch die Zweige – all das bedeutet Zahlen, und Josef spricht in Wirklichkeit von Zahlen. Nach 11 Jahren wird er die Träume des Bäckers und des Mundschenks deuten, und nach 13 Jahren (das sind noch Sonne und Mond) wird er vor den Pharao treten. Das sind 13 Jahre, aufgeteilt in 2 Etappen bis zur vollen Erhöhung, und davon handelt der Traum.“

Und wenn es viele Kommentare zu einem Traum gibt, dann ist klar, dass nichts klar ist. Ich schlage vor, zu versuchen, die Spannung zu bewahren, die der Höchste sich beim Geben der Tora zum Ziel gesetzt hat, und zu versuchen, so zu lesen, als wüssten wir nicht, wie das alles endet. Es ist doch interessant, wie sich die Träume Josefs erfüllen, wie sie sich verwirklichen werden.

Ich möchte noch etwas über Sonne und Mond hinzufügen. In der Tora werden viele Familienbiografien beschrieben. Ewer zeugt Peleg und Joktan. Peleg hat einen Sohn, Joktan hat 13 Kinder: 12 Jungen und ein Mädchen. Der Segen wird gleichsam über Peleg weitergegeben. Awraham hat nicht so viele Kinder, Nachor hat 12 Jungen und ein Mädchen, wie Joktan. Und Nachor wird verworfen, an Awraham wird der Segen weitergegeben. Wir wissen, dass Jizchak die Kinder Esaw und Jaakow hat, Jischmael 12 Jungen und ein Mädchen. Jischmael wird verworfen, an Jizchak wird der Segen weitergegeben. Das heißt, wir sehen mehrmals in der Schrift, dass sich Familien aufteilen in solche, die 12 Jungen und ein Mädchen haben. Das hängt mit dem Mond-Sonnen-Kalender zusammen: 12 Jungen wie 12 Monate, das Mädchen ist das Schaltjahr. (Symbole, natürlich – Symbole des Segens). Voller Segen für die, die die Zeit nach dem Mond rechnen oder, Gott bewahre, den Mond anbeten (es kommt vor, dass das eine ins andere übergeht). Das sind 12 Kinder. Jaakow, der 12 Kinder hat, erkämpft, erhält den Segen Esaws. Wie wir gelesen haben: Als er weggeht, ging die Sonne unter, es kommt die Zeit Esaws, und als Jaakow zurückkehrt, geht über ihm die Sonne auf, er verbindet sich mit der Sonne (Bereschit 28,11, 32,31). Jaakow hat in sich das Mondhafte und das Sonnenhafte vereint. (Die Juden haben einen Mond-Sonnen-Kalender). Und der Mond und die Sonne (so sagen einige Mystiker, Lehrer des Judentums) – das ist alles ein einziger Jaakow. Auch so etwas kann man sehen.

Das heißt, Josef sieht Jaakow mit den Brüdern in irgendeiner Situation, in der sie sich vor ihm verneigten. Möglicherweise ist es das, dass sie durch ihn irgendwelche wirtschaftlichen Probleme lösen werden. Im 50. Kapitel des Buches Bereschit werden wir lesen: „Und ich werde dafür sorgen, euch und eure Kinder zu ernähren.“ Wir haben früher gesagt, dass, wenn es im Segen heißt „deine Brüder werden sich verneigen“, das bedeutet, dass du sie versorgen wirst, sie werden von dir abhängen, du wirst sie leiten.

Viele, viele allerlei Gedanken kann man sich ausdenken, wenn man versucht, in der Spannung zu bleiben, in der die Tora uns hält, wenn wir noch nicht wissen, wie alles enden wird. Denn die Tora macht es absichtlich so, dass zuerst das 37. Kapitel auf uns einwirken soll, dann das 38., dann das 39. Die Tora ist absichtlich so geschrieben, obwohl sie natürlich eine Einheit ist. Sehr viele Überlegungen, Auslegungen gibt es zu einem solchen Traum, und höchstwahrscheinlich wird man mir sagen: „Und ich kenne noch eine andere Auslegung.“ Es gibt viele Auslegungen, und wir werden nicht die einzig richtige Auslegung finden. Wichtig ist zu wissen, dass es Menschen gibt, die nicht dümmer sind als wir, die ein bisschen etwas anderes sehen als wir, und so hat der Höchste es gewollt. Der Höchste hat eine Tora gegeben, die viele Gesichter hat. Uns hat Er ungleich gemacht, nicht dafür, dass wir gleich werden.

So viel Schwieriges, Interessantes und Unverständliches gibt es in unserem Wochenabschnitt. Wir können vorerst nicht verstehen, was die Träume Josefs bedeuten, wir können vorerst verstehen, dass die Brüder ihn irgendetwas Unguten verdächtigen, ihn eines Machtanspruchs verdächtigen, irgendwelcher Regierungsambitionen. Auch der Vater ist nicht sehr einverstanden, aber dennoch hat Jaakow sich diesen Traum gemerkt, möglicherweise lässt er zu, dass es irgendwelche anderen Verständnisse gibt außer der Eigenliebe Josefs. Jaakow hat sich im Land entspannt, und das heißt, dass etwas geschehen wird. Auf der Bühne ist Josef erschienen, das heißt, etwas wird durch Josef geschehen.

An dieser spannenden, interessanten Stelle endet die Tageslesung.

Eine Geschichte von unterwegs

Bereschit 37,12–23

וַיֵּלְכוּ אֶחָיו לִרְעוֹת אֶת־צֹאן אֲבִיהֶם בִּשְׁכֶם׃

wajelechú echáw lir'ót et-zón awihém bischchém

12 Und seine Brüder gingen, das Vieh ihres Vaters zu weiden, nach Sch'chem.

Die Brüder gingen ziemlich weit, nach Sch'chem. Von Chewron bis Sch'chem sind es ungefähr 80 km. Wenn man den Weizen oder das Getreide mäht, dann gibt man die nicht abgemähten Halme dem Vieh als Weide, dort kann man das Vieh weiden, bevor man es für den Winter in den Stall treibt. Das ist noch eine kurze Saison des Viehaustriebs. Die Brüder gehen so weit, weil es in Chewron diese Möglichkeit schon nicht mehr gibt.

וַיֹּאמֶר יִשְׂרָאֵל אֶל־יוֹסֵף הֲלוֹא אַחֶיךָ רֹעִים בִּשְׁכֶם לְכָה וְאֶשְׁלָחֲךָ אֲלֵיהֶם וַיֹּאמֶר לוֹ הִנֵּנִי׃

wajomer jisraél el-josséf haló achécha ro'ím bischchém lechá we'eschlachachá alehém wajomer lo hinnéni

13 Und Israel sagte zu Josef: „Siehe, deine Brüder weiden in Sch'chem; komm, lass mich dich zu ihnen schicken.“ Und er sagte zu ihm: „Hier bin ich!“

Wir haben davon gesprochen (als eines der Verständnisse), dass Josef Vorarbeiter, Manager und zugleich Kontrolleur oder Revisor der Brüder war, hauptsächlich der Söhne der Mägde, die das Vieh weideten. Als das in der Nähe war, kannte Josef ungefähr seinen Arbeitstag, und wenn er es für nötig hielt, kam er, überprüfte, kümmerte sich darum. Es ist schwer zu vermuten, wie diese Arbeit organisiert war. Aber jetzt sind die Brüder weit weggegangen, und man muss zu ihnen fahren oder gehen, und Jaakow schlägt Josef einen solchen Gang vor. Außerdem gibt es folgende Gefahr. Wir erinnern uns, dass sowohl Jaakow als auch größtenteils seine Söhne Schimon und Lewi in Sch'chem ein Pogrom angerichtet haben, und es ist durchaus möglich, dass jemand von den Hethitern ihnen das heimzahlen will, denn die Blutrache ist für den Osten eine typische Sache und eine Ehrensache. Jaakow hat Grund, sich zu fürchten.

וַיֹּאמֶר לוֹ לֶךְ־נָא רְאֵה אֶת־שְׁלוֹם אַחֶיךָ וְאֶת־שְׁלוֹם הַצֹּאן וַהֲשִׁבֵנִי דָּבָר וַיִּשְׁלָחֵהוּ מֵעֵמֶק חֶבְרוֹן וַיָּבֹא שְׁכֶמָה׃

wajomer lo lech-ná re'é et-schelóm achécha we'ét-schelóm hazzón wahaschiwéni dawár wajischlachéhu me'émek chewrón wajawó schechéma

14 Und er sagte zu ihm: „Geh doch, sieh nach dem Frieden mit deinen Brüdern (sieh den Frieden mit deinen Brüdern – wenn man wörtlich übersetzt) und nach dem Zustand des Viehs (das Wort schelóm ist nicht nur Frieden, es ist auch Gesundheit, Ganzheit, das heißt Zustand), und bring mir Nachricht zurück (bring mir einen Bericht).“ Und er sandte ihn aus dem Tal von Chewron. und er kam nach Sch'chem.

 Er sandte ihn aus dem Tal von Chewron – das heißt, Jaakow begleitete ihn bis über die Grenzen der Stadt Chewron hinaus. Chewron selbst stand früher auf dem Berg, und im Tal war Me'arat haMachpela (die Höhle Machpela), die Awraham gekauft hatte. Jetzt liegt Chewron tatsächlich unten, im Tal, weil die Menschen begannen, sich um den heiligen Ort herum anzusiedeln, und so hat sich die Stadt verlagert. Aber seinerzeit kaufte Awraham ein Erbteil außerhalb der Stadt im Tal, und Jaakow stieg mit dem Sohn ins Tal hinab, begleitete ihn. Und Josef gelangte wohlbehalten nach Sch'chem. Wenn man zu Pferd reitet, dann sind 80 km wohl 2 Tagesreisen. Natürlich kann man das Pferd im Marschtempo oder im Galopp treiben. Josef ist ein junger 17-jähriger Bursche, und es ist durchaus möglich, dass er, wie jeder Israeli, schnelles Reiten liebt, aber die Pferde lieben das nicht immer, deshalb kann man annehmen, dass dieser Weg bei Josef 2 Tage dauerte. Und er gelangt wohlbehalten in die Stadt Sch'chem.

וַיִּמְצָאֵהוּ אִישׁ וְהִנֵּה תֹעֶה בַּשָּׂדֶה וַיִּשְׁאָלֵהוּ הָאִישׁ לֵאמֹר מַה־תְּבַקֵּשׁ׃

wajimza'éhu isch wehinné to'é bassadé wajisch'aléhu ha'ísch lemór ma-tewakkésch

15 Und ein Mann fand ihn, und siehe, er kreist über das Feld (irrt im Feld umher). Und dieser Mann fragte ihn und sprach: „Was suchst du?“

Eine erstaunliche Geschichte. Wie immer, wenn es ein Rätsel gibt, rätseln die Kommentatoren, was das wohl für ein isch ist, was das für ein Mensch oder Mann ist, der Josef gefunden hat. Das letzte Mal, als wir einem isch begegnet sind, war es ein Engel, der mit Jaakow rang. Damals gab es keinen Streit darüber, dass es ein Engel ist. Hier dagegen sagen die einen Kommentatoren, dass es ein Engel oder sogar 3 Engel sind (wir werden später sehen, warum), dass es durchaus möglich der Engel Gawriel war, oder Asriel, oder Rafael, oder alle drei zugleich. Ein Engel, der vom Höchsten gesandt wurde, damit Josef doch noch zu seinen Brüdern gelangt. Andere Kommentatoren sagen, dass es einfach ein zufälliger Passant ist, und natürlich hat der Höchste die Begegnung mit diesem zufälligen Passanten eingerichtet, und dennoch ist es ein zufälliger Passant.

Um zu versuchen, auf diese Frage zu antworten, oder noch eine weitere Antwortvariante auf diese Frage vorzuschlagen, möchte ich die Aufmerksamkeit auf das Wort bassadé (auf dem Feld) lenken. Der für den russischsprachigen Leser schwer fassbare Akzent ba-sadé mit Artikel weist darauf hin, dass es ein bestimmtes Feld ist. Von welchem Feld kann die Rede sein? Wenn man nachdenkt: Wenn Jaakow Josef nach Sch'chem schickt, dann ist das, wie wenn man einen Menschen nach Rjasan schickt und sagt: „Geh nach Rjasan (oder an irgendeinen anderen Ort) und such dort deine Brüder.“ Auf einem riesigen Gebiet! Aber wir erinnern uns, dass Jaakow seinerzeit ein Feld von den Söhnen Chamors gekauft hat. Und das war sein Gebiet, er hat es nicht verkauft, sogar als er umzog, zuerst nach Bejt-El, dann nach Chewron. Das blieb sein Gebiet. Und nach dem Brauch jener Zeit konnte Jaakow höchstwahrscheinlich einen Menschen anstellen, der über dieses Gebiet wachte, der es für seine eigenen Zwecke nutzen konnte, und im Gegenzug sorgte er für seinen Schutz. Dieser Mensch musste die entsprechende Autorität in der Gegend besitzen. Und höchstwahrscheinlich schickt Jaakow Josef an den Ort, wohin die Brüder auch zum Weiden kommen würden (und wohin sollten sie denn sonst gehen?!). Dorthin kommt Josef auch, um sie zu suchen, und deshalb trifft er dort einen Menschen, der gekommen war, um nachzusehen, wer sich da schon wieder auf sein Gebiet verirrt hat.

Das heißt, wir sehen drei Varianten. Gott sendet einen Engel, der Josef wie ein Mensch erscheint. Ich denke, jeder von uns hat solche Momente, wenn wir irgendeinem Menschen begegnen, und er ganz beiläufig in unserem Leben eine schicksalhafte Rolle spielt, für eine gewisse Zeit oder für das ganze Leben. Auch uns begegnen Engel auf dem Weg, und man möchte darin einen Engel sehen. Es ist durchaus möglich, dass es ein Engel war, und wir werden die Antwort auf diese Frage nicht erfahren, aber man kann auch eine solche einfachere Variante annehmen, dass er einem Passanten begegnete oder einem Menschen, der über jenes Feld wachte.

Also, er trifft einen isch (Mann), der ihn fragt, was er sucht. Im 16. Vers sagt Josef einen Satz, der später zu einem geflügelten Wort und sogar zu einem Lied werden wird.

וַיֹּאמֶר אֶת־אַחַי אָנֹכִי מְבַקֵּשׁ הַגִּידָה־נָּא לִי אֵיפֹה הֵם רֹעִים׃

wajomer et-acháj anochí mewakkésch haggidá-ná li efó hem ro'ím

16 Und er sagte zu ihm: „Meine Brüder suche ich, sag mir bitte, wo weiden sie?“

Seltsamerweise begann dieses Lied als Symbol der Sorge eines Menschen um seine verlorenen Brüder zu erklingen, die er nicht gefunden hat, als Trauer des Hirten um die Brüder: „Meine Brüder suche ich, wo weiden sie. Wo sind meine Brüder hingekommen? Ich will sie finden, zurückbringen, dem Vater von ihnen erzählen.“ Dieses Lied erklingt in der Darbietung ziemlich vieler bekannter religiöser Musiker. Aber hier ist es kein Lied, hier antwortet Josef auf die gestellte Frage kurz und lakonisch.

Es stellt sich die Frage: Wenn er einem Engel begegnete (nehmen wir an, es ist ein Engel), warum fragt er dann Josef, was er will? Wenn es ein Mensch ist, dann wiederum dieselbe Frage. Jaakow schickte Josef erstens nach Sch'chem, zweitens, um die Gesundheit der Brüder und des Viehs zu überprüfen, und es gibt ein drittes Verständnis: Sieh den Frieden mit deinen Brüdern, versöhne dich mit deinen Brüdern und damit kehre zu mir zurück. Das heißt, du fährst nach Sch'chem, dort versöhnst du dich mit ihnen, bringst die Beziehungen zu ihnen in Ordnung und dann kehrst du zu mir zurück. Das ist eine der möglichen Auslegungen, sie beantwortet die Frage, warum Josef die ganze Zeit, während er in Ägypten war, in keiner Weise mit dem Vater in Verbindung trat. Man hätte eine Nachricht schicken können, und es gibt viele Antwortvarianten, warum er das nicht getan hat. Aber wenn Josef versteht, dass er nicht nur mit einer Revisionsmission geschickt wurde, sondern dass man ihm noch ein klein wenig zusätzlich aufgeladen hat, sich mit den Brüdern zu versöhnen, dann ist verständlich, warum er mit unerledigter Arbeit nicht zu Jaakow zurückkehrt. Aber das ist wiederum nicht das wichtigste Verständnis.

Josef ist nach Sch'chem gesandt, und er kann dem Vater melden, dass er in Sch'chem war, dass die Brüder die gefährliche Zone wohlbehalten verlassen haben und 60 km nach Norden in Richtung Dotan gezogen sind (das ist ein wenig weiter als die heutige Stadt Dschenin, 30 km von der israelischen Stadt Afula und 35 km von der Stadt Nazeret entfernt, ungefähr dort). Das heißt, sie sind weit nach Norden gezogen, und die Leidenschaften von Sch'chem sind für sie nicht mehr gefährlich. Und außerdem hätte man diesen Menschen ausfragen können, was mit den Brüdern ist, ob bei ihnen alles normal ist, ob alles gut ist, und mit diesem Bericht zurückkehren. Josef hätte den Engel oder den Menschen fragen können: „Könnten Sie mir bitte sagen, wie ich zurück nach Chewron komme?“, wenn er im Feld umherirrte. Aber Josef wählt die Fortsetzung der Mission. Dieser Mensch, der ihm begegnet, sei er Engel oder Mensch, dieser Rangierbahnhof am Scheideweg fragt Josef: „Und wohin willst du überhaupt gehen, willst du nach Hause zurückkehren?“ Josef hat ja das Buch Bereschit nicht gelesen, und er wusste nicht, wie sich sein Schicksal bei der einen oder der anderen Wahl fügen würde. Aber es war nötig, dass es Josefs eigene Entscheidung war zu sagen: „Ich suche meine Brüder. Sag mir, wo weiden sie?“

וַיֹּאמֶר הָאִישׁ נָסְעוּ מִזֶּה כִּי שָׁמַעְתִּי אֹמְרִים נֵלְכָה דֹּתָיְנָה וַיֵּלֶךְ יוֹסֵף אַחַר אֶחָיו וַיִּמְצָאֵם בְּדֹתָן׃

wajomer ha'ísch nasse'ú missé ki schamá'ti omerím nelechá dotájna wajélech josséf achár echáw wajimza'ém bedotán

17 Und der Mann sagte zu ihm: „Sie sind von hier weggegangen. Ich habe gehört, wie sie sagten: ‚Lasst uns nach Dotan gehen‘.“ Und Josef ging seinen Brüdern nach und fand sie in Dotan.

Wir sprechen viel über Gematria, und es gibt Kommentatoren, die meinen, dass das Wort mi-sé (von diesem), im Wort sé Gematria 12, nasse'ú missé bedeutet: „Aufgegeben haben sie die Idee der 12 Söhne und beschlossen, dass uns auch 11 reichen“, und deshalb sind sie weggefahren. Hier deutet der Engel Josef (der natürlich sofort die Gematria ausrechnen und alles verstehen wird) den möglichen Plan der Brüder an, ihn zu töten. Allerdings scheint mir, dass das zu kompliziert ist für den einfachen wörtlichen Sinn. Der Mann sagt einfach, dass sie von hier weggefahren sind, weil er gehört hat, wie sie sagten: „Gehen wir nach Dotan.“

Josef ging seinen Brüdern nach, das heißt, er legte noch eine gewisse Strecke zurück und fand sie in Dotan. Offenbar hat er sie auch in Dotan noch gesucht. Wenn man die Spuren des ziehenden Viehs findet, dann muss man kein beduinischer Fährtenleser sein, um das Vieh anhand seiner Spuren zu finden. (Das, falls ihr fragt, wie Josef den Weg nach Dotan gefunden hat).

Ich habe gesagt, dass der Engel (oder der Mann) Josef vor einem möglichen Mord warnte. Und oft wird gefragt (und das ist eine der ersten Fragen der Kommentatoren zu diesem Abschnitt): „Warum hat Jaakow überhaupt beschlossen, Josef zu den Brüdern zu schicken? Wusste er denn nicht, dass sie ein so schwieriges Verhältnis zu ihm haben? Warum hat er nicht vorhergesehen, dass sie ihn töten werden?“ Diese Frage entsteht, wenn man das Buch bis zum Ende liest. Jaakow hat das 37. und 38. Kapitel nicht gelesen. Jaakow lebte oder durchlebte die vorherigen Kapitel des Buches Bereschit, in denen (nach Kajin und Hewel) Brüder einander befeindeten, sich trennten, sich stritten, vielleicht sogar prügelten, aber einander nicht töteten. Und deshalb kann Jaakow kaum der Gedanke kommen, dass die Brüder Josef töten werden. Nein. Endlich wird man reden und die Dinge klären können, endlich wird man alle Fragen lösen können. Wenn Jaakow schon wirklich nicht einfach einen prüfenden Revisorenbesuch Josefs bei den Brüdern im Sinn hatte, dann war der Sinn die Versöhnung. Ich denke, nicht einmal in einem Albtraum konnte Jaakow sehen, dass die Brüder ihn töten würden. Sonst hätte er auch bei dem mit Blut beschmierten Hemd Verdacht geschöpft.

Also, Josef findet seine Brüder in Dotan. Er nähert sich ihnen, sie sehen ihn von Weitem.

וַיִּרְאוּ אֹתוֹ מֵרָחֹק וּבְטֶרֶם יִקְרַב אֲלֵיהֶם וַיִּתְנַכְּלוּ אֹתוֹ לַהֲמִיתוֹ׃

wajir'ú otó merachók uwtérem jikráw alehém wajitnakkelú otó lahamitó

18 Und sie sahen ihn von Weitem, und bevor er sich ihnen näherte, schickten sie sich an, ihn zu töten.

Aus dem Wort wajitnakkelú kann man ebenso verstehen, dass sie ihm entgegenrückten, um ihn zu töten, oder sich verabredeten, um ihn zu töten. Ob das alle Brüder waren oder wie viele Brüder, lasst uns das überlegen. Da sind die Söhne Rachels: Josef selbst ist natürlich nicht mit im Spiel, er ist das Opfer; Binjamin ist zu dieser Zeit zehn, elf Jahre alt, höchstwahrscheinlich ist er überhaupt im Zelt. Aber selbst wenn er bei den Hirten ist, ist er hier kaum beteiligt. Re'uwen und Jehuda haben ihre eigenen Pläne, darüber haben wir schon gesprochen; von den älteren Söhnen Leas bleiben Schimon und Lewi, ihre jüngeren Söhne Sewulun und Jissachar und die Söhne der Mägde. Wenn man dieses Bild objektiv betrachtet, dann kann man annehmen, dass die Rädelsführer in dieser Geschichte dieselben zwei Brüder waren, die unter den Brüdern für ihr bewiesenes Heldentum geachtet sind, solche „Helden des Vaterlandes“ – Schimon und Lewi. Gut möglich, dass die Anstifter und Urheber von alledem gerade sie sind. Wenn wir sagen, dass „die Brüder zueinander sagten“, „Ideen einwarfen“, dann ist aus dem weiteren Text verständlich, dass nicht alle Brüder das im Chor sagten. Wir dürfen uns beim Lesen keinen Chor von Brüdern vorstellen. Es gibt eine gewisse Vielstimmigkeit. Die Idee bringen höchstwahrscheinlich Schimon und Lewi ein: „Lasst ihn uns doch einfach töten.“ Worin liegt hier der Kern? Lasst uns versuchen zu lesen, wie sie das begründeten.


וַיֹּאמְרוּ אִישׁ אֶל־אָחִיו הִנֵּה בַּעַל הַחֲלֹמוֹת הַלָּזֶה בָּא׃

wajomerú isch el-achíw hinné bá'al hachalomót hallasé ba

19 Und es sagte ein Mann zu seinem Bruder (das heißt, sie besprachen sich untereinander): „Siehe, da kommt dieser Herr der Träume.

Im 24. Kapitel des Buches Schemot lesen wir die Geschichte davon, wie Mosche auf den Berg steigt und wie ihn die Wolke umhüllt, und davor steht so geschrieben: „Und Mosche stand auf mit Jehoschua, seinem Diener, und Mosche ging auf den Berg Gottes. Zu den Ältesten aber sagte er: ‚Bleibt hier, bis wir zu euch zurückkehren. Siehe, Aharon und Chur sind bei euch; wer eine Sache haben wird, der soll zu ihnen kommen‘.“ Genau diese Wendung eine Sache haben wird lautet auf Hebräisch bá'al dawár (Herr der Sache), das heißt, die Sache wird zur Verhandlung zu Aharon und Chur gebracht. Hier aber sprechen wir von der Versöhnung, von der Klärung der Beziehungen zwischen Josef und den Brüdern. Es kommt nicht ein bá'al dawár, vor das Gericht der Geschichte; dem Gericht der Gemeinde wird nicht irgendeine Rechtssache vorgelegt, sondern Träume: „Siehe, da ist der Träumer gekommen.“ Als Josef, wie wir uns erinnern, den Brüdern seine Träume erzählt, stellen sie ihm eine Frage, die rhetorisch scheint, es aber in Wirklichkeit nicht so ganz ist: „Wirst du über uns herrschen, weil wir dich selbst zum König wählen, oder weil du mit Gewalt die Königsherrschaft über uns an dich reißt? Wie wird das sein? Sollen wir dich als König über uns einsetzen, oder wirst du selbst mit uns fertig?“ Dieser Ehrgeiz Josefs lebt in den Brüdern, und sie denken wirklich: „Wie kann so etwas zustande kommen? Wenn das Josefs Gedanken sind, dann sind das irgendwelche Ambitionen, für die man ihm eine Lektion erteilen muss. Wenn das vom Höchsten ist, dann lasst uns versuchen, ihn zum Beispiel zu töten, und schauen, wie dieser Traum sich erfüllt oder wie es uns gelingt, ihn zu töten. Lasst uns prüfen, was das für ein Traum ist: Prophetie oder Frucht des Unterbewusstseins. Lasst uns endlich mit diesem Josef abrechnen.“

  
וְעַתָּה לְכוּ וְנַהַרְגֵהוּ וְנַשְׁלִכֵהוּ בְּאַחַד הַבֹּרוֹת וְאָמַרְנוּ חַיָּה רָעָה אֲכָלָתְהוּ וְנִרְאֶה מַה־יִּהְיוּ חֲלֹמֹתָיו׃

we'attá lechú wenahargéhu wenaschlichéhu be'achád habborót we'amárnu chajá ra'á achaláthu wenir'é ma-jihjú chalomotáw

20 Lasst ihn uns jetzt töten, und seinen Körper werfen wir in eine der Gruben und sagen: ‚Ein böses Tier hat ihn gefressen.‘ Und dann werden wir sehen, was aus seinen Träumen wird“.

Und seinen Körper werfen wir in eine der Gruben – sogar hier gibt es eine gewisse Barmherzigkeit gegenüber dem Toten. Wozu sagen, wohin man die Leiche versteckt, in der Wüste denn? Werfen wir ihn in eine der Gruben, damit es nicht so einfach ist, aufzuerstehen. Selbst wenn er aufersteht, wie kommt er dann heraus? Falls wir ihn plötzlich nicht ganz erledigt haben, dann ist er in der Grube. Auch so kann man es sagen.

Und dann werden wir sehen (prüfen), was aus seinen Träumen wird: wenn das von Gott ist, dann muss es sich erfüllen. Man sagt, dass Awraham glaubte, dass Gott Jizchak auferwecken kann. Diese ganze Geschichte mit der Versöhnung, mit der Sendung Josefs hat natürlich sehr viele verschiedene Midraschim und Parallelen hervorgebracht in Bezug auf Josef und die Brüder und in Bezug auf den Maschiach, der ebenfalls zu den zugrunde gehenden Schafen des Hauses Jaakows gesandt ist, ebenfalls zum Haus Jaakows und seinen Schafen gesandt ist, um mit ihnen Frieden zu suchen, um Versöhnung zu suchen. Und das ist eine sehr große Parallele zwischen dem Maschiach und Josef. Die Reaktion der Brüder (lasst ihn uns doch töten und prüfen) ist ebenfalls eine Art Parallele zu dem, was wir gesagt haben (dann werden wir sehen, was aus seinen Träumen wird).

Die Kommentatoren lesen die Schrift und sagen, dass die direkte Rede der Brüder: „Wir aber sagen, dass ein böses Tier ihn gefressen hat, und werden sehen, was aus seinen Träumen wird“ – eine redaktionelle Bemerkung ist. Das ist das, was der Autor der Tora – der Höchste – dem Leser erzählt. Sie wollten es ja einfach tun, ohne zu erklären, ohne laut auszusprechen, was die Antwort auf die Frage sein wird: „Was wird aus seinen Träumen?“ Sie wollen nicht so recht über seine Träume reden. Aber man kann den Pschat einfach als Pschat lesen, dass sie einfach sagten: „Uns wird vorgeschlagen, die Personalakte des Genossen Josef Jaakowlewitsch zu behandeln, der aufgrund seiner Träume Anspruch auf die Weltherrschaft erhebt. Lasst ihn uns einfach töten und sehen, was daraus wird.“

Als Parallele kann man eine Geschichte aus dem Leben von Schabtaj Zwi anführen. Im späten Mittelalter lebte in Konstantinopel so ein Mensch, er hieß Schabtaj Zwi, und ein riesiger Teil Israels glaubte daran, dass er der Messias sei. Man muss sagen, dass man ihn getäuscht und dazu gebracht hat, selbst daran zu glauben, aber darum geht es nicht. Einmal, beflügelt von der Idee seiner eigenen Messianität, kam er zum türkischen Pascha, der zu jenem Zeitpunkt nicht nur Konstantinopel, sondern auch das Land Israel beherrschte, und sagte zu ihm: „Pascha, Salam, gib mir die Schlüssel zum Heiligen Land, denn ich bin der Maschiach Israels.“ Der Pascha sagte zu ihm: „Nun gut! Wenn du der Maschiach bist, dann gebe ich dir mit Vergnügen die Schlüssel. Aber stell dich zuerst an jene Wand, und meine Schützen werden auf dich schießen. Wenn wir danach das Gespräch fortsetzen können, bekommst du die Schlüssel, wenn nicht, dann, wie man sagt: kein Mensch – kein Problem.“ Der falsche Maschiach Schabtaj Zwi knickte ein und überlegte im Handumdrehen, was zu tun sei, und nahm den Islam an. Ihm blieb kein anderer Ausweg. Das war ein großes Unglück für Israel. Ich erzähle das als Beispiel dafür, wie Menschen zu prüfen versuchen: Ist das von Gott oder nicht von Gott. Ich denke nicht, dass das eine koschere Prüfmethode ist, aber da hat sich ein Mensch selbst eine solche Prüfung eingehandelt.

Also, die Brüder sagen: „Lasst uns versuchen, ihn zu töten, und sehen, was daraus wird.“

וַיִּשְׁמַע רְאוּבֵן וַיַּצִּלֵהוּ מִיָּדָם וַיֹּאמֶר לֹא נַכֶּנּוּ נָפֶשׁ׃

wajischmá re'uwén wajazziléhu mijadám wajomer lo nakkénnu náfesch

21 Und Re'uwen hörte es und wollte ihn aus ihren Händen herausziehen und sagte: „Lasst uns nicht die Seele erschlagen Lasst uns ihn nicht töten.“Im Original stehen hier zwei Fassungen ohne Satzzeichen nebeneinander: „Lasst uns nicht die Seele erschlagen“ und „Lasst uns ihn nicht töten“. Beide sind so wörtlich übernommen. (Wozu töten? Man kann versuchen, es irgendwie einfacher zu machen.)

Offenbar war Re'uwen nicht Teil dieses Gesprächs (das, wovon ich ja gesprochen habe). Die Brüder, die das angezettelt haben, wenn man sie ausfindig macht, – das sind die Söhne der Mägde und diejenigen, die über sie das Kommando führen – Schimon und Lewi, denn auch Jehuda ist nicht mit dabei.

Manche Kommentatoren führen hier ein Zitat aus dem Talmud an, einen halachischen Gedanken, dass, wenn 10 Menschen zu zehnt jemanden getötet haben, sie frei sind, weil man unmöglich sagen kann, von wessen Schlag der Mensch gestorben ist. Wenn 10 Menschen einen schlugen, dann sind alle straffrei. Das heißt, wenn sie zu zehnt diesen Josef verprügeln, dann werden alle frei von Strafe sein, niemandem kann man etwas anhängen. Wenn es aber nur 9 sind, dann werden sie Angst bekommen und es nicht tun. So wird von manchen die Logik der Brüder erklärt. Aber wiederum denke ich, dass die Brüder den Talmud nicht gelesen haben, und deshalb hören sie einfach die Meinung Re'uwens und verstehen, dass es vielleicht so auch besser ist; mit eigenen Händen einen Menschen zu töten, einen Bruder, sei er auch verhasst, – das ist eine sehr schwere Sache.

וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם רְאוּבֵן אַל־תִּשְׁפְּכוּ־דָם הַשְׁלִיכוּ אֹתוֹ אֶל־הַבּוֹר הַזֶּה אֲשֶׁר בַּמִּדְבָּר וְיָד אַל־תִּשְׁלְחוּ־בוֹ לְמַעַן הַצִּיל אֹתוֹ מִיָּדָם לַהֲשִׁיבוֹ אֶל־אָבִיו׃

wajomer alehém re'uwén al-tischpechú-dam haschlíchu otó el-habbór hassé aschér bammidbár wejád al-tischlechú-wo lemá'an hazzíl otó mijadám lahaschiwó el-awiw

22 Und Re'uwen sagte zu ihnen: „Vergießt kein Blut! Werft ihn in diese Grube (offenbar hatte er die Grube ausgesucht), die in der Wüste ist, aber mit den Händen rührt ihn nicht an.“ All das tat Re'uwen, um ihn danach zu retten.

Die Grube, die in der Wüste ist, – das ist ein ziemlich tiefer Brunnen, in dem es sogar im Sommer unten stickig ist, es fehlt an Luft, dort ist die Luft sehr verbraucht, und es kann Schlangen, Skorpione und überhaupt alles Mögliche geben. Na, und einfach vor Hunger kann man dort sterben, wenn man natürlich nicht irgendeine besondere, wunderbare Chance auf Rettung bekommt. Das heißt, wenn ihr ihn in diese Grube werft, dann wird er dort von selbst sterben, und wir werden sehen, was dabei herauskommt. Und danach sagen wir, dass er unterwegs in eine Grube gefallen ist, wir haben ihn gefunden und so weiter.

Lemá'an hazzíl otó mijadám lahaschiwó el-awiw – das ist wieder eine Anmerkung des Höchsten. Der Höchste, der Autor der Tora, sagt uns: „All das tat Re'uwen, um ihn danach zu retten.“ Das heißt, Re'uwen setzt Josef keinem qualvollen Tod aus. Es gibt in Indien so ein Volk – die Sikhs (und das ist das Glaubensbekenntnis mehrerer Völker). Bei ihnen ist es verboten, einem Menschen oder einem Tier Schaden zuzufügen, das verdirbt sehr stark das Karma. Einer der Sikh-Könige hob, um seinem Bruder keinen Schaden zuzufügen, unter seinem Thron eine Grube aus, ließ ihn vorsichtig, ohne dem Bruder Schaden zuzufügen, dort hinab, verschloss sie mit dem Thron und regierte weiter, mit dem Bruder in der Grube unter dem Thron. Nach einiger Zeit nahm er den Thron weg, öffnete die Grube und … oje, du meine Güte! Der Bruder ist gestorben! Das Himmelreich sei ihm beschieden, ein sikhisches. Aber nein, solche Gedanken hatte Re'uwen nicht. Er will Josef wirklich befreien und ihn dem Vater zurückgeben. Das ist ja eine Art Versöhnung, nachdem er sich sehr über die Kompliziertheit der Beziehungen zwischen Jaakow und Lea empört hatte. Und vielleicht hat der Mensch seinen cheschbon nefesch gemacht (was man Buchhaltung der Seele nennt) und gedacht, was er gedacht hat, und jetzt kommt ihm so eine Idee. Er will jetzt nicht als Sohn Leas den Söhnen Rachels noch irgendeinen Schaden zufügen.

Die Suche nach einem Verkäufer

Bereschit 37,23–26


וַיְהִי כַּאֲשֶׁר־בָּא יוֹסֵף אֶל־אֶחָיו וַיַּפְשִׁיטוּ אֶת־יוֹסֵף אֶת־כֻּתָּנְתּוֹ אֶת־כְּתֹנֶת הַפַּסִּים אֲשֶׁר עָלָיו׃

wajhí ka'aschér-bá josséf el-echáw wajafschítu et-josséf et-kuttontó et-ketónet happassím aschér aláw

23 Und es war: Als Josef zu seinen Brüdern kam, und sie zogen Josef aus, nahmen ihm das Hemd ab, das gestreifte Hemd, das an ihm war.

Gerade die Form wajhí (und es war) ist immer eine Einleitung zu irgendwelchen unguten Ereignissen. Die Kommentatoren sagen traditionell, dass, wenn geschrieben steht wajhí, – das der Anfang der Darstellung irgendwelcher nicht sehr angenehmer und tragischer Ereignisse ist. Also nicht einfach das Wort und es war, sondern mit einem bestimmten Beiklang.

Josef wurden zwei Hemden ausgezogen: das erste – die Oberbekleidung, so etwas wie ein Kittel, der draußen getragen wird, das zweite – das gestreifte Hemd für zu Hause, offenbar aus feinem Stoff. Wir haben gesagt, dass es nicht ganz gestreift ist, es reicht ihm bis zu den Handgelenken, das heißt ein Hemd mit langen Ärmeln. Selbstverständlich braucht man, um Jaakow die Kleidung vorzuzeigen, die persönliche Kleidung gerade Josefs, damit es keine Zweifel gibt, ob das sein Jäckchen ist oder nicht seins, sein Sakkochen oder nicht seins. Genau dieses Hemd hatte Jaakow ihm gekauft, und genau dieses Hemd musste man ihm vorzeigen. Dazu kommt selbstverständlich, dass es der süße Traum der Brüder war, Josef dieses Hemd herunterzureißen, in dem er sich hervorhob und um das sie ihn so beneideten.


וַיִּקָּחֻהוּ וַיַּשְׁלִכוּ אֹתוֹ הַבֹּרָה וְהַבּוֹר רֵק אֵין בּוֹ מָיִם׃

wajikkachúhu wajaschlíchu otó habbóra wehabbór rek en bo májim

24 Und sie nahmen ihn und warfen ihn in die Grube; die Grube aber ist leer, und Wasser ist keines darin.

Manche Kommentatoren sagen, gestützt auf das, was im 8. Kapitel des Buches Dewarim geschrieben steht, dass, da kein Wasser da ist, wie geschrieben steht: „Dort, wo kein Wasser ist, dort gibt es Schlangen und Skorpione.“ Also waren auch in dieser Grube Schlangen und Skorpione. Das ähnelt schon der Löwengrube und irgendwelchen Ereignissen, in denen sich der Schutz des Höchsten zeigt. Andere Kommentatoren, wie zum Beispiel Abarbanel, sagen: „Dass kein Wasser da ist, das ist gerade das, was Josef half zu überleben. Sie suchten absichtlich eine Grube ohne Wasser oder benutzten sie einfach deshalb, weil die Grube ohne Wasser war, im Verständnis, dass das Josef helfen wird zu überleben.“ Wir sagen und wiederholen ständig, dass die Kommentatoren die Türen zu ihrer eigenen Welt einen Spalt öffnen, jeder sieht auf seine Weise die Motive der Brüder, versucht etwas über sie zu verstehen, wie jeder von uns. Und jeder von uns wird (gewollt oder ungewollt) sich selbst in dieser Situation sehen, irgendwelche eigenen Charakterzüge hineintragen und seine eigene Haltung gegenüber den Brüdern, die – entweder das absolute, vollkommene Böse sind oder doch irgendein Gutes in sich tragen.

Also, die Brüder warfen Josef in die Grube.

וַיֵּשְׁבוּ לֶאֱכָל־לֶחֶם וַיִּשְׂאוּ עֵינֵיהֶם וַיִּרְאוּ וְהִנֵּה אֹרְחַת יִשְׁמְעֵאלִים בָּאָה מִגִּלְעָד וּגְמַלֵּיהֶם נֹשְׂאִים נְכֹאת וּצְרִי וָלֹט הוֹלְכִים לְהוֹרִיד מִצְרָיְמָה:

wajeschewú le'echól-léchem wajis'ú enehém wajir'ú wehinné orechát jischme'elím ba'á miggil'ád ugmallehém nosse'ím necho'ót uzrí walót holechím lehoríd mizrájma

25 Und sie setzten sich, Brot zu essen. und erhoben die Augen, in die Ferne blickend, und sahen: Es kommt eine Karawane von Jischmaelitern aus Gil'ad, und mit ihnen Kamele, die kostbare Wohlgerüche tragen; sie ziehen hinab nach Ägypten.

Und sie setzten sich, Brot zu essen. Wichtig ist, dass man nach der Tradition jener Welt während eines Gerichts nicht essen durfte. Wenn ein Mensch gerichtet wird, gegen den ein Todesurteil gefällt werden kann, fasten die Richter das ganze Gerichtsverfahren über. Wir erinnern uns auch an die Geschichte von der Nebenfrau aus Giwa, als alle nach der Tragik der Ereignisse fasteten. Hier empfinden die Brüder, dass alles in Ordnung ist, sie haben das Gericht beendet, und mit reinem Gewissen, jedenfalls ihr Gewissen für rein haltend, setzen sie sich zum Essen. Gut möglich, dass das nicht nur Grausamkeit ist, sondern auch, dass sie die Geschichte in die Macht des Höchsten übergeben: „Du hast Träume gesehen – wir wollen prüfen, ob das deine Ambitionen sind, ob es von Gott ist oder von dir. Und Gott wird jetzt alles einrichten, und wir können uns endlich deswegen beruhigen und in Ruhe essen.“

Ich habe letztes Mal erwähnt, dass einer der möglichen Gründe, aus denen sie ihn gerade in eine Grube warfen, der ist, dass es in den Gesetzen Hammurabis, die in jenen Gegenden angewandt wurden, üblich war, zur Prüfung eines Menschen, der beanspruchte, ein Zauberer oder Seher zu sein oder irgendwelche Fähigkeiten zu besitzen, ihn in eine Grube oder in einen Fluss zu werfen. Ursprünglich natürlich in den Euphrat, dann aber auch in jeden Fluss oder jede Grube. Und wenn er unter bestimmten Bedingungen dort überlebte, besonders wenn das Wasser ihn von dort hinausstieß, dann konnte er sogar das Vermögen dessen bekommen, der ihn beschuldigte. Komplizierte Gesetze, aber die Grube als Instrument der Prüfung existierte. Möglicherweise hat sie damit überhaupt nichts zu tun, aber wir können uns daran erinnern.

Also, sie setzten sich, Brot zu essen, offenbar etwas abseits von der Grube, weil Josef höchstwahrscheinlich schrie. Niemand will so essen. In der modernen Kinematografie gibt es natürlich das Bild eines solchen intelligenten Bösewicht-Oligarchen, der saftig und genüsslich Delikatessen isst, während er zuschaut, wie jemand gequält wird, aber das ist nicht der Fall der Brüder. Und höchstwahrscheinlich setzten sie sich abseits von der Grube.

Und sie erhoben die Augen, blicken in die Ferne und sehen: Es kommt eine Karawane von Jischmaelitern. Wer sind die Jischmaeliter? Die Jischmaeliter – das sind die Nachkommen des Bruders ihres Großvaters Jizchak. Jischmael hatte 12 Kinder, folglich sind die Jischmaeliter die Nachkommen dieser zwölf, entfernte Verwandte, im Grunde Cousins zweiten Grades. Das ist eine Karawane von Kamelen, die Wohlgerüche befördert. (Gewöhnlich transportierten die Araber Erdöl. Nicht das Erdöl, das wir jetzt kennen, sondern allerlei brennbare Stoffe. Sie sind seit alters Händler damit, und es riecht entsprechend widerlich, und sein Preis ist nicht so hoch wie der der Wohlgerüche). Aber hier kommt eine teure Karawane, stellt euch vor, ganze Kamele, beladen mit kostbaren Wohlgerüchen. Da gehen reiche Leute durch die Wüste, da sitzen arme Hirten. Da kommen reiche Kaufleute von weit her, Kamele, Wohlgerüche, auch wenn sie Karawanenleute sind (das heißt, in der Wüste offenbar nicht in Sakkos von Cardin), aber ihr Reichtum ist sichtbar.

וַיֹּאמֶר יְהוּדָה אֶל־אֶחָיו מַה־בֶּצַע כִּי נַהֲרֹג אֶת־אָחִינוּ וְכִסִּינוּ אֶת־דָּמוֹ׃

wajomer jehudá el-echáw ma-béza ki naharóg et-achínu wechissínu et-damó

26 Und Jehuda sagte zu seinen Brüdern: „Und was für einen Gewinn wird uns das bringen, wenn wir unseren Bruder töten und sein Blut zudecken?

לְכוּ וְנִמְכְּרֶנּוּ לַיִּשְׁמְעֵאלִים וְיָדֵנוּ אַל־תְּהִי־בוֹ כִּי־אָחִינוּ בְשָׂרֵנוּ הוּא וַיִּשְׁמְעוּ אֶחָיו׃

lechú wenimkerénnu lajischme'elím wejadénu al-tehi-wó ki-achínu wessarénu hu wajischme'ú echáw

27 Lasst uns ihn an die Jischmaeliten verkaufen, denn er ist unser Bruder und unser Fleisch.“ Und seine Brüder hörten.

Das ist, während sie beim Mittagessen miteinander reden. Jehuda sagt: „Was gewinnen wir denn dadurch, dass wir ihn töten? Er ist doch immerhin unser Bruder, lasst uns nicht so hart sein, lasst uns ihn verkaufen.“

Es gibt zwei Führungssäulen in der Familie. Die erste ist der Erstgeborene Re'uwen, der sagt: „Lasst uns ihn in die Grube werfen, er wird von selbst sterben, lasst uns alles seinen Lauf nehmen lassen.“ Der zweite Anführer ist Jehuda, er geht die Frage anders an, er sagt: „Lasst uns etwas tun, lasst uns die Geschichte vorantreiben, lasst uns selbst handeln.“ Sogar in der Untat sind ihre Ansätze unterschiedlich. Wir werden später sehen, dass es einen langen Streit um die Erstgeburt zwischen Re'uwen und Jehuda gibt, obwohl faktisch Re'uwen der Erstgeborene ist, zum Erstgeborenen aber wird Jehuda.

Stellt euch also die Szene vor. Die Brüder, die das Vieh weiden, haben offenbar einen Ort, an dem sie sich ständig zum Essen versammeln, sie sind in einem sehr feldmäßigen, einfachen Zustand. Und da sehen sie eine teure Karawane: die Möglichkeit, sowohl ein bisschen zu verdienen als auch ihren Bruder nicht zu töten, das, was man „Win-win“ nennt – eine Lage, in der man nicht verlieren kann. Die Brüder hörten auf ihn, aber offenbar stürzten sie nicht sofort zur Grube. Und genau hier beginnen die für die Auslegung schwierigsten Verse.

וַיַּעַבְרוּ אֲנָשִׁים מִדְיָנִים סֹחֲרִים וַיִּמְשְׁכוּ וַיַּעֲלוּ אֶת־יוֹסֵף מִן־הַבּוֹר וַיִּמְכְּרוּ אֶת־יוֹסֵף לַיִּשְׁמְעֵאלִים בְּעֶשְׂרִים כָּסֶף וַיָּבִיאוּ אֶת־יוֹסֵף מִצְרָיְמָה׃

waja'awrú anaschím midjaním socharím wajimschechú waja'alú et-josséf min-habbór wajimkerú et-josséf lajischme'elím be'esrím kasséf wajawí'u et-josséf mizrájma

28 Und es zogen midjanitische Leute vorüber, Kaufleute, und zogen (stießen hinaus) Josef aus der Grube, und verkauften Josef für 20 Silberlinge an die Jischmaeliten, die Josef nach Ägypten brachten.

Wir wissen, dass unser Stammvater Awraham, nachdem Sara gestorben war, noch eine Frau hatte, die Ketura hieß. Manche sagen, dass das dieselbe Hagar ist, darauf gehen wir jetzt nicht ein. Im 25. Kapitel des Buches Bereschit lesen wir: „Und Awraham nahm sich noch eine Frau namens Ketura, sie gebar ihm Simran, Jokschan, Medan, Madian, Jischbak und Schuach.“ Wir werden in unserem Wochenabschnitt von zweien von ihnen sprechen: von Medan und Madian. In diesem Fall lesen wir, dass midjaním vorüberzogen, noch andere Cousins zweiten Grades der Söhne Jaakows, Kaufleute.

Wajimschechú waja'alú et-josséf min-habbór – und zogen (stießen hinaus) Josef aus der Grube. An dem Wort imschechú können wir sehen, dass man ihn herausgezogen hat, höchstwahrscheinlich bewusstlos, denn in den folgenden Kapiteln, wenn der Pharao ihn herausholen wird, steht dort wajrizúhu, wenn er sich selbst bewegt. Hier hat man ihn aus der Grube herausgezogen, das heißt, höchstwahrscheinlich kamen die Kaufleute an die Grube, weil man die Wasservorräte immer noch einmal auffüllen muss. Statt Wasser fanden sie dort ein Bürschchen, und sie zogen dieses Bürschchen heraus. Das ist eine Variante des Verständnisses. Die zweite Variante des Verständnisses ist, dass gerade, als die midjanitischen Kaufleute vorüberzogen, die Brüder ihn aus der Grube herauszogen. Wenn es die Brüder waren, die ihn herausgezogen und an die Jischmaeliten verkauft haben, dann ist unklar, was hier überhaupt die midjanitischen Kaufleute damit zu tun haben. Deshalb läuft das wahrscheinlichste Verständnis des Textes doch darauf hinaus, dass es die midjanitischen Kaufleute waren, die ihn herausgezogen und an die Jischmaeliten verkauft haben. Die Brüder sehen in der Ferne eine reiche Karawane der Jischmaeliten, da kommen die midjanitischen Kaufleute und ziehen Josef aus der Grube. Er ist höchstwahrscheinlich in einem halb bewusstlosen, halb ohnmächtigen Zustand, denn in der Grube ist es heiß, Wasser gibt es dort nicht, Durst, Trockenheit, stickige Luft, und er ist gut möglich schon bewusstlos. Jedenfalls erinnert er sich nicht und kann sich später nicht erinnern, wie man ihn aus der Grube herausgezogen hat und wie man ihn verkauft hat. Aus diesem Text ist es schwer zu sehen und schwer eindeutig zu sagen, ob die Brüder ihn verkauft haben oder ob die Brüder ihn doch nur verkaufen wollten, aber nicht dazu gekommen sind. Später, wenn Josef ihnen vorwirft, dass sie ihn verkauft haben, kann man sagen, dass Josef es so in Erinnerung hat, Josef es so denkt, aber es war vielleicht nicht so. Jedenfalls ist der Vers sehr schwer zu verstehen, und weiter wird es noch schwerer.


וַיָּשָׁב רְאוּבֵן אֶל־הַבּוֹר וְהִנֵּה אֵין־יוֹסֵף בַּבּוֹר וַיִּקְרַע אֶת־בְּגָדָיו׃

wajáschow re'uwén el-habbór wehinné en-josséf babbór wajikrá et-begadáw

29 Und Re'uwen kehrte zur Grube zurück, und siehe – Josef ist nicht in der Grube, und er zerriss seine Kleider.

Die Kommentatoren sagen, dass das die erste solche Teschuwa eines Menschen ist, der erste Fall, in dem ein Mensch etwas bereut. In der ganzen Tora, wenn eine solche deutliche Reue geschieht, eine Reue überhaupt über die Situation selbst, obwohl hier bisher in nichts eine so klare Schuld Re'uwens liegt. Und dass Re'uwen Josef nicht an der Grube gefunden hat, spricht ebenfalls dafür, dass vielleicht nicht die Brüder ihn verkauft haben.

Nach einer anderen Version zogen die Midjaniter, als sie an der Grube vorbeikamen, Josef heraus und sagten, dass euch hier so ein Bürschchen in die Grube gefallen ist (das bleibt hinter den Kulissen), und gaben ihn bewusstlos den Brüdern, und die Brüder verkauften ihn an die Jischmaeliten. Ein solcher Verkauf hat stattgefunden, die Midjaniter spielen hier die Rolle solcher Retter. Auch so kann man es verstehen.

Wenn ich sage, dass man es so und so verstehen kann, dann meine ich das wirklich so. In Wirklichkeit gibt es viele Varianten, diesen Vers zu verstehen, und es ist schwer, etwas Einzelnes anzunehmen. Was kann uns bewegen, wenn wir das eine oder das andere Verständnis wählen? Natürlich, als im Mittelalter die Juden mit Andersgläubigen stritten und diese sagten: „Das ist eure Natur – ihr verkauft euren Bruder“, da hätte man sagen können: „Sie haben nicht verkauft, es steht nicht geschrieben“, und lange, lange leugnen. In anderen Fällen, als Hinrichtungen von Juden stattfanden, als es die 10 hingerichteten Gerechten nach der Zerstörung des zweiten Tempels gab, da konnte man sagen: „Diese 10 Gerechten sühnen die Sünde der Brüder, die Josef verkauft haben.“ Je nach Situation, nach dem historischen Kontext haben Menschen, die die Tora aufrichtig annehmen, die Tora aufrichtig auslegen, sie unterschiedlich verstanden, denn, ich wiederhole, wir verstehen immer durch das Prisma unserer selbst. Und deshalb gibt es Kommentatoren, die sagen, dass Josef hier drei- oder sogar viermal verkauft wurde. Deshalb ist das, was wir sehen, eben solche Beschreibungen der Situation mit vielen Varianten.

וַיָּשָׁב אֶל־אֶחָיו וַיֹּאמַר הַיֶּלֶד אֵינֶנּוּ וַאֲנִי אָנָה אֲנִי־בָא׃

wajáschow el-echáw wajomár hajéled enénnu wa'aní aná aniwá

30 Und Re'uwen kehrte zu seinen Brüdern zurück und sagte: „Der Junge ist nicht da, und was soll ich jetzt tun? (wie soll ich weiterleben?)“

Hier sehen wir, dass Re'uwen seine Absicht, Josef zu retten, nicht verbirgt. Warum hat Re'uwen nicht sofort gesagt: „Lasst uns ihn doch nicht töten“, er ist doch der Älteste? Vielleicht, weil Re'uwen Josef irgendwie eine Lektion erteilen wollte. Eine Lektion erteilen, irgendeine Strafe geben, damit Josef sich nicht überhebt, aber keine tödliche. Vielleicht hätte auch der Vater nichts dagegen gehabt. Es gibt viele verschiedene Sichtweisen, wiederum wird jeder aufgrund irgendwelcher eigenen Prinzipien verstehen, welche Absicht Re'uwen hatte. Aber jetzt ist zu sehen, dass Re'uwen den Brüdern ein Stück weit eröffnet, dass er Josef nicht töten wollte, dass er jedenfalls nichts vom Verkauf Josefs weiß. Und auch die Brüder sagen ihm nichts darüber, was geschehen ist. Vielleicht ist der Verkauf doch ohne ihre Beteiligung geschehen.


וַיִּקְחוּ אֶת־כְּתֹנֶת יוֹסֵף וַיִּשְׁחֲטוּ שְׂעִיר עִזִּים וַיִּטְבְּלוּ אֶת־הַכֻּתֹּנֶת בַּדָּם׃

wajikchú et-ketónet josséf wajischchatú se'ír issím wajitbelú et-hakkuttónet baddám

31 Und sie nahmen Josefs Hemd, verdarben es und tauchten es in Blut.

וַיְשַׁלְּחוּ אֶת־כְּתֹנֶת הַפַּסִּים וַיָּבִיאוּ אֶל־אֲבִיהֶם וַיֹּאמְרוּ זֹאת מָצָאנוּ הַכֶּר־נָא הַכְּתֹנֶת בִּנְךָ הִוא אִם־לֹא׃

wajschallechú et-ketónet happassím wajawí'u el-awihém wajomerú sot mazánu hakker-ná hakketónet binchá hi im-ló

32 Und sie schickten es und brachten es zum Vater und sagten: „Das ist, was wir gefunden haben. erkenne doch das Hemd deines Sohnes, ob es das ist oder nicht.“

Hier ist nicht ganz klar: einerseits sie schickten, andererseits sie brachten. Höchstwahrscheinlich schickten sie einen der jüngeren Brüder, von den Söhnen der Mägde, und sie brachten es dem Vater, selbst aber wollten sie sich nicht zeigen. Deshalb und sie schickten das Hemd, und brachten es zum Vater.

Auf die Wendung hakker-ná (erkenne doch) werden wir noch in diesem selben Wochenabschnitt zurückkommen. Man schafft also für Jaakow Indizien, schafft Beweise, damit er glaubt, dass sein Sohn gestorben ist.

וַיַּכִּירָהּ וַיֹּאמֶר כְּתֹנֶת בְּנִי חַיָּה רָעָה אֲכָלָתְהוּ טָרֹף טֹרַף יוֹסֵף׃

wajakkirá wajomer ketónet bení chajá ra'á achaláthu taróf toráf josséf

33 Und er erkannte es. „Das ist das Hemd meines Sohnes. ein böses Tier hat ihn gefressen, bestialisch (durch Zerreißen) zerrissen ist Josef.“

Das Wort trefa oder wenn man treife sagt (von Krallen zerrissen, das, was man nicht essen darf), hier ist es dieselbe Wurzel. Chajá trefá – Raubtier. Taróf toráf – durch Zerreißen zerrissen – so ist es wohl am richtigsten zu übersetzen.

וַיִּקְרַע יַעֲקֹב שִׂמְלֹתָיו וַיָּשֶׂם שַׂק בְּמָתְנָיו וַיִּתְאַבֵּל עַל־בְּנוֹ יָמִים רַבִּים׃

wajikrá jaaków simlotáw wajássem sak bemotnáw wajit'abbél al-benó jamím rabbím

34 Und Jaakow zerriss sein Kleid und legte Kleider aus grobem Stoff (in heutiger Sprache – Sackleinen) um seine Lenden, und trauerte um seinen Sohn viele Tage.

Simla – Kleid, ein langer Kaftan, so kleideten sich die Männer zu jener Zeit. Man kann sagen, das ist ziemlich ähnlich dem, wie sich heute Frauen kleiden. Nicht so, wie sich heute östliche Männer kleiden, die Kaftane tragen. So oder so zerreißt Jaakow sein Kleid.

וַיָּקֻמוּ כָל־בָּנָיו וְכָל־בְּנֹתָיו לְנַחֲמוֹ וַיְמָאֵן לְהִתְנַחֵם וַיֹּאמֶר כִּי־אֵרֵד אֶל־בְּנִי אָבֵל שְׁאֹלָה וַיֵּבְךְּ אֹתוֹ אָבִיו׃

wajakúmu chol-banáw wechól-benotáw lenachamó wajma'én lehitnachém wajomer ki-eréd el-bení awél sche'óla wajéwk otó awíw

35 Und es standen alle seine Söhne und alle seine Töchter auf, ihn zu trösten, und er weigerte sich, sich trösten zu lassen, und sagte: „Mit Gram werde ich zu meinem Sohn ins Grab hinabsteigen.“ Und es beweinte ihn sein Vater.

Töchter – höchstwahrscheinlich ist die Rede von den Frauen der Söhne, die als Töchter gelten, und vielleicht von den Enkelinnen, die als Töchter gelten. Zugleich kann man sagen, dass Kinder geboren wurden, Töchterchen, die die Geschichte uns nicht erwähnt, außer Dina (die später zur Ursache tragischer Ereignisse wurde, deshalb wird von ihr auch erzählt). Aber am wahrscheinlichsten ist, dass die Töchter doch die Schwiegertöchter sind.

וְהַמְּדָנִים מָכְרוּ אֹתוֹ אֶל־מִצְרָיִם לְפוֹטִיפַר סְרִיס פַּרְעֹה שַׂר הַטַּבָּחִים׃

wehammedaním macherú otó el-mizrájim lefotifár serís par'ó sar hattabbachím

36 Und die Medaniter verkauften ihn nach Ägypten an Potifar, den Eunuchen des Pharao, den Obersten der Henker.

Stopp. Am Anfang haben wir gelesen, dass die Midjaniter Josef herausgezogen und ihn an die Jischmaeliten verkauft haben, und jetzt lesen wir, dass die Medaniter ihn an die Ägypter verkauft haben. Woher kommen die Medaniter – noch ein Volk in dieser Geschichte? Die Medaniter betrieben in Ägypten Vermittlung, das heißt, man kann eine solche Szene annehmen. Potifar wendet sich an sie und sagt: „Sucht mir einen Sklaven aus“, sie sagen: „Da sind gerade Jischmaeliten vorbeigekommen, haben gefragt, ob jemand einen Sklaven braucht, und haben ihn verkauft.“ Noch eines der möglichen Verständnisse: Medaniter (madaním) vom Wort madon – diejenigen, die ein übles Handwerk betreiben, den Sklavenhandel. Das heißt, man kann einfach sagen, dass Sklavenhändler ihn nach Ägypten verkauft haben. Aber wenn wir auf den Stil achten, dann sind höchstwahrscheinlich die Midjaniter, die Madaniter und die Jischmaeliten eine große Gruppe. Sie sind vereint, weil sie die verstoßenen Kinder Awrahams sind, sie lassen sich beschneiden, sie leben doch auf besondere Weise, aber sie sind nicht Teil Israels.

Sar hattabbachím – das kann Oberkoch (tabbach – Koch) bedeuten, aber im frühen Hebräisch bedeutet es Henker, Krieger. Der Leiter des Sicherheitsdienstes des Pharao – das ist höchstwahrscheinlich Potifar.

Viele Fragen entstehen zu diesem Text. Zum Beispiel, warum konnte Josef nicht sagen: „Bürger Jischmaeliten, wir sind doch verwandt, erinnert ihr euch, ihr hattet doch so einen Urgroßvater, Awraham? Der Bruder eures Vorfahren Jischmael, Jizchak, hatte einen Sohn Jaakow, ich bin sein Sohn, ich bin euer Cousin zweiten Grades. Was sind euch diese 20 Geldstückchen? Lasst mich zu Jaakow nach Chewron gehen, das ist nicht so weit, er gibt euch 100 oder 150.“ Warum versucht Josef im Laufe seiner ganzen Geschichte nicht, irgendwie mit dem Vater in Verbindung zu treten, ihm eine Nachricht zu schicken, wo das möglich ist? Vielleicht ist es das, worüber wir gesprochen haben, dass Josef von Anfang an denkt, dass der Vater ihn schickt, um Frieden mit den Brüdern zu schließen, und solange es keinen Frieden gibt, gibt es auch keinen Grund zurückzukehren. Möglicherweise denkt Josef, dass der Vater alles eingefädelt hat (man kann nicht ausschließen, dass er auch einen solchen albtraumhaften Gedanken hat), dass der Vater ihn zu den Brüdern geschickt hat, damit die Brüder das tun. Denn wir erinnern uns, dass der Vater ihn wegen des Traums zurechtgewiesen und zu ihm gesagt hat: „Sollen wir uns etwa, ich und die Mutter, vor dir verneigen?“ Es kann viele verschiedene Motive geben, und wir werden im Verlauf noch darüber sprechen.

Unterdessen

Bereschit 38,1–12

In diesem Kapitel stellt die Tora die Geschichte Josefs vorübergehend zurück und erzählt uns eine andere Geschichte. Josef ist, wie wir wissen, der Erstgeborene Rachels. Unter den Kindern Leas gibt es einen gewissen Kampf um die Erstgeburt, und es zeichnet sich die Erstgeburt Jehudas ab. Jehuda ist Kandidat für die Erstgeburt und der künftige Erstgeborene. Und im 38. Kapitel werden wir die Geschichte Jehudas lesen.


וַיְהִי בָּעֵת הַהִוא וַיֵּרֶד יְהוּדָה מֵאֵת אֶחָיו וַיֵּט עַד־אִישׁ עֲדֻלָּמִי וּשְׁמוֹ חִירָה׃

wajhí ba'ét hahí wajerédDie russische Umschrift hat hier einen O-Laut (wajoréd). Im Hebräischen steht ein E-Laut, daher lautet die deutsche Umschrift wajeréd. jehudá me'ét echáw wajét ad-ísch adullamí uschmó chirá

1 Und es war zu jener Zeit, Jehuda ging von seinen Brüdern weg und knüpfte Geschäftsbeziehungen mit einem Mann aus einem Ort, der Adulam heißt (das ist die Grenze Israels), und dieser Mann heißt Chira.

Und es war zu jener Zeit – was ist das für jene Zeit? Weiter in diesem Kapitel werden wir die Geschichte lesen, wie Jehuda sich eine Frau nahm und sie ihm Söhne gebar – Er, Onan und Schela. Er heiratete ein Mädchen, das Tamar heißt, aber irgendetwas lief bei ihm nicht gut, und er starb (wir werden darüber lesen). Dann heiratete sie Onan, sein Bruder, nach dem Gesetz der Leviratsehe. Aber auch er starb. Dann ergab es sich so, dass sie einen anderen Mann hatte (wir werden das alles lesen, aber jetzt geht es nicht darum). Sie gebar zwei Söhne, und einer ihrer Söhne hat beim Hinabziehen nach Ägypten schon zwei Kinder. Diese ganze Geschichte passt ihrer Chronologie nach keineswegs in die 22 Jahre, die von dem Moment, als Josef nach Ägypten kam, bis zu dem Moment vergangen sind, als Perez, der Sohn Jehudas, zwei Kinder hatte. Dort ist es eine Geschichte von mindestens 27–29 Jahren. Die Kommentatoren, die das alles stimmig unterbringen wollen, sagen, dass in jenen Jahren unsere Väter im Alter von sieben Jahren zeugten und deshalb 3 Generationen gerade leicht hineinpassen. Aber das ist schwer zu glauben, denn nirgendwo sonst begegnen wir siebenjährigen Papas. Mit dieser Frage bleiben wir vorerst stehen und werden unser Kapitel lesen.

Also, Jehuda ging von seinen Brüdern weg, das heißt, für eine gewisse Zeit hörte er auf, zusammen mit seinen Brüdern zu weiden, und fing ein Geschäft mit einem Mann aus dem Ort Adulam an, der Chira heißt. Und dort in Adulam geschieht Folgendes.

וַיַּרְא־שָׁם יְהוּדָה בַּת־אִישׁ כְּנַעֲנִי וּשְׁמוֹ שׁוּעַ וַיִּקָּחֶהָ וַיָּבֹא אֵלֶיהָ׃

wajár-schám jehudá bat-ísch kena'aní uschmó schúa wajikkachéha wajawó eléha

2 Und Jehuda sah die Tochter eines Kanaaniters, der Schua heißt, und er nahm sie, und ging zu ihr ein.

Der Name der Tochter Schuas wird nirgends genannt, aber im ersten Buch Diwre haJamim im 3. Kapitel steht geschrieben, dass Bat-Schewa, die die Frau Davids war und Schlomo gebar, mit dem Namen Bat-Schúa genannt wird, wie der Name dieser Frau. Darin liegt eine gewisse Nichtzufälligkeit.

Also, Jehuda zog sich aus dem gemeinsamen Geschäft mit den Brüdern zurück, ging nach Adulam, traf dort eine Frau und heiratete sie; er ging zu ihr ein, wie es gewöhnlich bei Mann und Frau ist.


וַתַּהַר וַתֵּלֶד בֵּן וַיִּקְרָא אֶת־שְׁמוֹ עֵר׃

wattáhar wattéled ben wajikrá et-schemó er

3 Sie wurde schwanger, und gebar einen Sohn, und nannte ihn Er.

Er – wachsam, munter, scharfsichtig, aufmerksam, immer auf der Hut. Die Kommentatoren sagen, dass dieser Name vom Wort ararej – einsam stammt, dass Bat-Schua (Tochter Schuas) das Schicksal dieses Kindes prophetisch sah und es deshalb so nannte. Ich denke, dass eine gewisse Doppeldeutigkeit eine Rolle spielt, aber dennoch bemühen sich Eltern, den Kindern gute Namen zu geben, selbst wenn ihnen offenbart wird, dass dem Kind irgendein schweres Schicksal gegeben ist, umso mehr will man das mit Hilfe des Namens korrigieren. So geschieht das gewöhnlich. Also, wir wollen es so verstehen, dass der Name Er bedeutet wachsam, munter, und vom selben her das Wort ir – Stadt, Wachstube, Beobachtungsposten. Deshalb sollte es uns nicht wundern, dass Kajin eine Stadt gründete, Kajin einen Ort der Wache baute, möglicherweise einen Hocker an einen Ort stellte, von dem aus man ein großes Gebiet überblicken kann. Also, sie gebar den Erstgeborenen Er.

וַתַּהַר עוֹד וַתֵּלֶד בֵּן וַתִּקְרָא אֶת־שְׁמוֹ אוֹנָן׃

wattáhar od wattéled ben wattikráDie russische Umschrift hat hier die männliche Form wajikrá („er nannte“). Der hebräische Text hat die weibliche Form, daher steht hier wattikrá („sie nannte“). et-schemó onán

4 Und sie wurde noch einmal schwanger, und gebar noch einen Sohn, und nannte ihn Onan.

Die Wurzel des Wortes onan ist on (Kraft). Onan ist ein Kraftmensch, ein mächtiger Mensch. Die Kommentatoren sagen, dass dieser Name mit dem Verb onen – Trauer, Kummer verbunden ist. Aber das sind Kommentatoren, die den Namen rückwirkend kommentieren. Aber ursprünglich bestand der Sinn natürlich darin, ihn einen Kraftmenschen zu nennen.

וַתֹּסֶף עוֹד וַתֵּלֶד בֵּן וַתִּקְרָא אֶת־שְׁמוֹ שֵׁלָה וְהָיָה בִכְזִיב בְּלִדְתָּהּ אֹתוֹ׃

wattóssef od wattéled ben wattikrá et-schemó schelá wehajá wichsíw belidtá otó

5 Und sie gebar noch einen Sohn, und nannte ihn Schela; und als sie geboren wurden, war sie in Ksiw.

Schelá – das ist die Plazenta, die zusammen mit dem Kind abgeht. Möglicherweise wollte sie damit sagen, dass sie nicht mehr gebären will. Schelá ist außerdem derjenige, der Eindruck zu machen versteht, maschlé – ein Charmebolzen. Man kann es auch so verstehen.

Der Ort Ksiw (oder Enttäuschung, Verödung) – so werden versiegte Quellen genannt. Wenn eine Quelle im Sommer austrocknet, wenn sie nicht das ganze Jahr über fließt, heißt sie chasiw. Hier ist der Name des Ortes möglicherweise als eine solche symbolische Erwähnung hinzugefügt, um anzuzeigen, dass sie damit aufhört zu gebären.

וַיִּקַּח יְהוּדָה אִשָּׁה לְעֵר בְּכוֹרוֹ וּשְׁמָהּ תָּמָר׃

wajikkách jehudá ischá le'ér bechoró uschmá tamár

6 Und Jehuda nahm eine Frau für seinen Erstgeborenen Er, und sie heißt Tamar.

Interessant ist, dass Schua, von dem wir gesprochen haben, Palme bedeutet – eine Palme, die keine Früchte trägt, solche Palmen liebt man heute in Israel als Schmuck der Stadt. Und tamár ist die Dattelpalme, die fruchttragende. Es gibt einen starken Kontrast zwischen dem einen und dem anderen, und oft wird in Sprichwörtern, in irgendeiner Rede das eine mit dem anderen verglichen wie ein unfruchtbarer Baum und ein Obstbaum.


וַיְהִי עֵר בְּכוֹר יְהוּדָה רַע בְּעֵינֵי יְהוָה וַיְמִתֵהוּ יְהוָה׃

wajhí er bechór jehudá ra be'ené adonáj wajmitéhu adonáj

7 Und Er, der Erstgeborene Jehudas, war schlecht in den Augen des HERRN, und der HERR tötete ihn.

Eine schreckliche Sache wird hier gesagt. Erstens steht hier nicht, dass Er etwas Schlechtes in den Augen des Höchsten tat, er war schlecht in den Augen des Höchsten, und es ist schwer zu verstehen, wie das gemeint ist. Die Kommentatoren stützen sich, wenn sie das zu erklären versuchen, auf das Folgende und sagen, dass im Weiteren über Onan geschrieben steht, was er tat, und es heißt: „Und tötete auch ihn.“ Und höchstwahrscheinlich bedeutet das, dass auch Er mit genau derselben Spielerei herumgespielt hat, aber das ist nur eines der möglichen Verständnisse.

Worum kann es hier gehen? Darum, dass Er etwas Böses tat, er war böse, und der Höchste tötete ihn. Wozu sagt die Tora das? Damit wir in diesem Fall nicht denken, dass Ers Tod eine Strafe ist für das, was mit Josef geschehen ist, für den Verkauf Josefs. Das heißt, Er starb für seine eigene Bosheit. Damit niemand von außen sagen kann: Da hast du's, Jehuda, das hast du abgekriegt für das, was du getan hast. Und andererseits steht geschrieben, dass er böse war in den Augen des Höchsten, das heißt, von außen sahen die Menschen nicht, dass er schlecht oder böse war, deshalb hätte man sagen können: „Schau, was für ein guter Junge gestorben ist, das kriegst du für einen anderen guten Jungen, den du verkauft hast.“ Nein, auch das war nicht so. Er starb für seine eigene Bosheit. Für welche Bosheit? Man kann denken, dass es etwas Ähnliches wie bei Onan ist. Man muss das nicht glauben, aber so eine Geschichte wird erzählt.


וַיֹּאמֶר יְהוּדָה לְאוֹנָן בֹּא אֶל־אֵשֶׁת אָחִיךָ וְיַבֵּם אֹתָהּ וְהָקֵם זֶרַע לְאָחִיךָ׃

wajomer jehudá leonán bo el-éschet achícha wejabbém otá wehakém séra le'achícha

8 Und Jehuda sagte zu Onan: „Geh ein zur Frau deines Bruders (vollziehe mit ihr die Leviratsehe) und stelle deinem Bruder Samen wieder her.“

Achtet auf die Worte geh ein zur Frau des Bruders, nicht zur Witwe, sondern zur Frau. Das heißt, solange es Brüder gibt, unterliegt sie der Leviratsehe. Das Wort Levirat kommt vom Wort Levir (Bruder der Frau, Schwager). Und nach den Gesetzen jener Zeit und später nach der Tora gilt: Wenn Brüder zusammen leben und der ältere, verheiratete Bruder stirbt, ohne ein Erbteil zu hinterlassen, dann geht der jüngere Bruder zu seiner Frau ein und stellt ihm Samen wieder her. Heute wird das, obwohl es eine Bestimmung der Tora ist, nicht praktiziert. Es wird nicht praktiziert, weil die Weisen entschieden haben, dass ein Mensch heute nicht zur Frau seines Bruders eingehen kann nur um der Erfüllung des Gebots willen, das wird nicht gelingen. Es wird irgendeine persönliche Leidenschaft geben, eine persönliche Neigung. Hier wird nicht nur das Gebot sein, erlaubt ist ihm die Frau des Bruders aber nur um des Gebots willen, dem Bruder Samen wiederherzustellen. Um nicht in die Zweifelhaftigkeit der Unzucht, die Zweifelhaftigkeit der Unreinheit zu geraten, hat man aufgehört, dieses Gebot zu praktizieren. Zumal die Tora es erlaubt hat, einen bestimmten Ausweg hier. Nun, zu jener Zeit aber galten im Land andere Gesetze. Wir wissen, dass das hethitische Gesetz galt, das so sagt: „Punkt 193. Wenn ein Mann eine Frau hat und er stirbt, nimmt sein Bruder seine Frau. Danach nimmt sie sein Vater.“ Das heißt, wenn auch der jüngere Bruder stirbt, kann der Vater der BrüderIm Russischen steht „ihr Vater“ im Sinne von „der Vater der Brüder“. Weil man „ihr Vater“ im Deutschen hier auch als Vater der Frau lesen könnte, steht im Deutschen „der Vater der Brüder“. sie nehmen. (Dieses Gesetz werden wir noch brauchen). Wenn auch der Vater stirbt, nimmt einer der Söhne seines Bruders die Frau, die er hatte. Eine Strafe wird es nicht geben. Das heißt, es gibt bestimmte Regeln, nach denen es wichtig ist, dass beim Mann das Erbteil wiederhergestellt wird, deshalb wird die Frau die Frau eines anderen. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Frau selbst davon leben wird: Ihr Unterhalt, ihre Rente wird das Erbteil des Mannes sein.

Aus der Sicht des 21. Jahrhunderts mag es scheinen, dass die Frau wie irgendeine rote Wanderfahne von Hand zu Hand weitergereicht wird. Das klingt barbarisch, aber das schützt unter anderem die sozialen Rechte der Frau. Wir sehen in der Tora viele Male etwas, das uns wie ein Albtraum erscheint, aber zu jenen Zeiten wurde das nicht so wahrgenommen. Die Tora wird der Menschheit unter anderem auch auf Zuwachs gegeben, damit die Gesellschaft sich verändert und der Bedarf an irgendwelchen festigenden, abgrenzenden Regeln verschwindet. Das heißt nicht, dass man dieses oder jenes Gebot abschaffen darf. Die Gebote selbst setzen verschiedene Varianten der Anwendung voraus.

Ein anderes Gesetz, das damals galt, ist das assyrische Gesetz. Das assyrische Gesetz sagt ebenfalls: „Punkt 33. Wenn eine Frau noch im Haus ihres Vaters lebt und ihr Mann gestorben ist, sie aber Söhne hat, kann sie in einem der Häuser wohnen, wo sie will. Wenn sie keine Söhne hat, kann ihr Schwiegervater sie demjenigen seiner Söhne geben, dem er will.“ Das ist unser Fall. „Oder, wenn der Sohn das wünscht, kann der Schwiegervater sie sich selbst nehmen.“ Diese Variante werden wir brauchen, denn gerade von einem ähnlichen Fall wird die Tora sprechen.

Also sagt Jehuda, gestützt auf die kanaanäischen Gesetze (oder auf die hethitischen Gesetze, auf die Gesetze jener Gesellschaft, in der er lebt), zu Onan, er solle zur Witwe seines Bruders eingehen, wejabbém otá – mit ihr die Leviratsehe eingehen, was bedeutet, dem Bruder Samen wiederherzustellen.


וַיֵּדַע אוֹנָן כִּי לֹּא לוֹ יִהְיֶה הַזָּרַע וְהָיָה אִם־בָּא אֶל־אֵשֶׁת אָחִיו וְשִׁחֵת אַרְצָה לְבִלְתִּי נְתָן־זֶרַע לְאָחִיו׃

wajéda onán ki lo lo jihjé hassára wehajá im-bá el-éschet achíw weschichét árza lewiltí neton-séra le'achíw

9 Und Onan wusste, dass die Nachkommenschaft nicht ihm gehören würde; so war es: Wenn er zur Frau seines Bruders einging, ließ er den Samen draußen ausfließen, damit sein Bruder nicht Samen wiederherstellte (damit Tamar nicht empfing).

Onan wusste, dass die Nachkommenschaft dem älteren Bruder gehören wird, dem Erstgeborenen, der einen doppelten Anteil am Erbe bekommt. Wenn Onan ihm jetzt Nachkommenschaft wiederherstellt, dann verliert er eigentlich bei der Teilung des Vermögens.

Gerade Onan hat einer solchen Erscheinung wie dem Onanismus, der Selbstbefleckung, den Namen gegeben, aber gerade er hat das nicht betrieben. Was Onan praktizierte, war ein unterbrochener Geschlechtsakt, das heißt das Ausfließen des Samens außerhalb der Scheide der Frau. Und er praktizierte ihn, damit der Bruder keinen Samen bekam, um seinen Anteil zu bewahren. Die Kommentatoren heben noch ein weiteres Motiv für beide Brüder hervor. Sie sagen, dass Er für dasselbe umkam, denn weiter wird gesagt, dass der HERR auch Onan tötete, und dass Er dasselbe betrieben hat. Warum ließen sie Tamar nicht schwanger werden? Weil sie ihre Schönheit bewahren wollten, weil sie meinten, wenn sie schwanger wäre, würden die Veränderungen, die mit ihrem Körper geschehen, all diese Metamorphosen, ihr Model-Aussehen verderben. Und dafür bestraft der HERR sie. Aber hier ist zu sehen, jedenfalls bei Onan, dass die Motive nicht nur diese sind.

וַיֵּרַע בְּעֵינֵי יְהוָה אֲשֶׁר עָשָׂה וַיָּמֶת גַּם־אֹתוֹ׃

wajéra be'ené adonáj aschér assá wajámet gam-otó

10 Und es erschien böse in den Augen des Höchsten, was er getan hatte, und der Höchste tötete auch ihn.

Auf diese Weise sind zwei Brüder, zwei Männer einer Frau gestorben. Und es gibt die Tradition, in diesem Fall etwas Ungutes zu vermuten. Jehuda wagte nicht, Tamar weiterhin seine Söhne zu geben, denn es ist gut möglich, dass irgendwelche Ideen, mit denen man sie schützen kann, später ausgehen werden, als Jehuda die Kinder ausgehen. Es ist schade, den dritten Sohn herzugeben. Und deshalb lesen wir weiter:


וַיֹּאמֶר יְהוּדָה לְתָמָר כַּלָּתוֹ שְׁבִי אַלְמָנָה בֵית־אָבִיךְ עַד־יִגְדַּל שֵׁלָה בְנִי כִּי אָמַר פֶּן־יָמוּת גַּם־הוּא כְּאֶחָיו וַתֵּלֶךְ תָּמָר וַתֵּשֶׁב בֵּית אָבִיהָ׃

wajomer jehudá letamár kallató schewí almaná wet-awích ad jigdál schelá wení ki amár pen-jamút gam-hú ke'echáw wattélech tamár wattéschew bet awíha

11 Und Jehuda sagte zu Tamar, seiner Schwiegertochter: „Sitze als Witwe im Haus deines Vaters, bis Schela heranwächst.“ Denn er sagte zu sich selbst: „Damit nicht auch er stirbt wie seine Brüder.“ Und Tamar ging aus dem Erbteil Jehudas weg und ließ sich im Haus ihres Vaters nieder.

Tamar wurde so eine „Strohwitwe“, die niemanden heiraten kann und warten muss, bis Schela heranwächst. Und ob Jehuda geruhen wird, ihn herzugeben, das ist noch die Frage. All das geschieht möglicherweise als Vorgeschichte zum Verkauf Josefs, vor dem Hintergrund des Verkaufs Josefs. Denn wenn wir die Zählung der Ereignisse mit dem Moment des Verkaufs Josefs beginnen, dann ging Jehuda hin und heiratete, ein Jahr verging, und Bat-Schua gebar ihm den Erstgeborenen Er; zwei Jahre vergingen, und sie gebar ihm Onan. Es mussten noch mindestens 12 Jahre vergehen, damit Onan zur Witwe seines Bruders eingehen konnte. Insgesamt sind 14 Jahre vergangen, dann stirbt Onan, es vergeht noch einige Zeit. Jehuda geht zu Tamar, ihnen werden Zwillinge geboren, das sind 16 Jahre. Aber es ergibt sich, dass 6 Jahre danach Perez, ihr Sohn, als „Fünfjähriger“ mit zwei Kindern nach Ägypten hinabzieht, das heißt, es ist auf keinen Fall möglich. Deshalb werden wir im Weiteren versuchen zu verstehen, was genau, welcher Teil der beschriebenen Ereignisse geschah, wie die Tora sagt, ba'ét hahí (in jener Zeit).


וַיִּרְבּוּ הַיָּמִים וַתָּמָת בַּת־שׁוּעַ אֵשֶׁת־יְהוּדָה וַיִּנָּחֶם יְהוּדָה וַיַּעַל עַל־גֹּזֲזֵי צֹאנוֹ הוּא וְחִירָה רֵעֵהוּ הָעֲדֻלָּמִי תִּמְנָתָה׃

wajirbú hajamím wattámot bat-schúa éschet-jehudá wajinnáchem jehudá wajá'al al-gosesé zonó hu wechirá re'éhu ha'adullamí timnáta

12 Und es vergingen viele Tage, und die Schwiegermutter Tamars starb; es verging Zeit, Jehuda tröstete sich und ging zusammen mit Chira, das Vieh zu scheren, von Adulam nach Timna.

Hier gibt es eine Parallele zu Jaakow aus dem vorigen Kapitel, der sich weigerte, sich trösten zu lassen. Jehuda tröstete sich, und es ist gut möglich, dass hier auch die zeitliche Parallele beginnt. Jaakow weigert sich, sich trösten zu lassen, Jehuda aber hat sich gerade getröstet. Weiter werden wir sehen, dass diese Parallele stimmt.

Als Jehuda sich getröstet hatte, aus dem Zustand der Niedergeschlagenheit herauskam und anfing, sich aktiv um sein Geschäft zu kümmern, ging er zusammen mit seinem Freund Chira, das Vieh zu scheren. Gut möglich, dass Chira ihn drängte, damit er schneller aus der Trauer und dem Kummer herauskam. Nun, jedenfalls ist es Zeit, hinaus in die Natur zu gehen, Zeit, eine wunderbare Arbeit zu tun. Die Frage des Lebensunterhalts für das nächste Jahr ist die Frage, wie viel Wolle man scheren kann. Und Jehuda ging mit seinem Freund von Adulam nach Timna, das heißt nach Süden. Das ist die Vorgeschichte zur Hauptgeschichte.

Wiederholen wir: In dieser Zeit (bisher unklar, in welcher) beginnt Jehuda ein Geschäft mit einem Mann aus Adulam, findet dort eine Frau für sich, heiratet, ihm werden drei Kinder geboren, von denen zwei es schaffen heranzuwachsen, zu heiraten und zu sterben, ohne ihm Enkel zu geben. Jehuda schickt seine Schwiegertochter weg, weil er ihr den dritten Sohn nicht geben will. Die Schwiegertochter befindet sich in einem Schwebezustand im Haus des Vaters. Bei Jehuda stirbt die Frau. In dem Moment, in dem Jaakow sich weigert, sich über den Tod des Sohnes trösten zu lassen, findet Jehuda Trost über den Tod der Frau. Und weiter werden wir nicht nur eine Parallele sehen zwischen dem, was bei Josef geschieht, und dem, was bei Jehuda geschieht.

Was kann eine Frau?

Bereschit 38,13–30

Erinnern wir uns, wo wir stehen geblieben sind. Die Tora macht eine gewisse Abschweifung und erzählt von Jehuda, dem älteren Bruder Josefs. Er ging in die Stadt Adulam, heiratete dort eine Kanaaniterin, von ihr wurden ihm drei Kinder geboren – Er, Onan und Schela. Als Er heranwuchs, nahm Jehuda ihm eine Frau namens Tamar. Aber Er war schlecht in den Augen des Höchsten, und er starb. Nach den Gesetzen der Leviratsehe befahl Jehuda Onan, zu Tamar einzugehen, und sie begannen zusammenzuleben. Onan wollte das Geschlecht seines Bruders nicht fortsetzen, das war schlecht in den Augen des Höchsten, und auch er starb. Über die Gründe für den Tod der Söhne Jehudas, der Männer Tamars, weiß nur der Höchste Bescheid, aber Tamar geriet in eine solche Lage, dass sie nach den Vorstellungen jener Zeit und übrigens auch nach den Vorstellungen der heutigen Halacha, des heutigen jüdischen Gesetzes, eine ischá katlonít (verhängnisvolle Frau) ist. Eine Frau, der zwei Männer gestorben sind, kann nicht ein drittes Mal heiraten, weil man annimmt, dass sie es ist, die Unglück bringt. Eine andere Position, die es in jenen Zeiten gab, ist, dass eine Frau erst nach dem Tod von drei Männern zu einer solchen wird. Jehuda hat insgesamt nur drei Söhne, einen Ersatzsohn, einen Reservesohn hat er nicht, deshalb hat er es ganz und gar nicht eilig, Schela Tamar zum Mann zu geben. Und man kann ihn verstehen: Niemand will experimentell überprüfen, ab welchem Moment eine Frau verhängnisvoll wird. Zugleich will Jehuda in den Augen aller einen guten Ruf bewahren, es ist ihm unangenehm – was werden die Leute sagen? Er kann es sich nicht leisten, einfach zu sagen: „Tamar, entschuldige, alles war gut, und gut, dass das alles war. Geh in Frieden in das Haus deines Vaters“, damit Tamar ihr Leben selbstständig als Witwe weiterführen oder vielleicht eine neue Ehe eingehen könnte. Und deshalb sagt Jehuda zu ihr: „Warte, sitz in den Kleidern der Witwenschaft, warte, bis Schela heranwächst.“ Das macht Tamar zu einer Strohwitwe: zu einer Frau, die weder verheiratet noch Witwe ist und auch nicht heiraten kann.

Die Zeit vergeht, Schela wächst heran, und da stirbt Jehudas Frau. Das bedeutet, dass die Tage der Trauer anbrechen. In den Tagen der Trauer darf man nicht um eine Heirat werben, man darf nicht zu Jehuda kommen und ihm sagen: „Na, Schela ist herangewachsen, lass uns reden, lass uns bei einem Tässchen Tee zusammensitzen und meine Zukunft als Frau und seine als Mann besprechen.“ Aber die Tage vergehen, und Tamar erfährt, dass Jehuda endlich aus den Tagen der Trauer herausgekommen ist, über seine Frau getröstet ist und mit seinem adulamitischen Freund zur Schur des Viehs gehen will. Das heißt, es wird ein Fest geben, das heißt, Jehudas Seele verlangt schon nach einem Fest, und es herrscht Feststimmung.

Man kann auch noch davon sprechen, dass Onan, der sich nicht von seiner Frau scheiden lassen wollte und seinem Bruder keinen Samen fortsetzen wollte, ebenfalls davon ausging – was werden die Leute sagen? Auf verschiedenen Ebenen ist ihre Sünde ein und dieselbe: die Angst davor, was die Leute denken, und eine gewisse Heuchelei, um den Ruf zu wahren, also ein und dasselbe seelische Problem. Natürlich ist es leichter, Jehuda zu verstehen, der sich um das Leben seines Sohnes sorgt (er hat ja wiederum das Buch Bereschit nicht gelesen, er weiß nicht, wie alles enden wird), als Onan zu verstehen, der einfach nicht wollte, dass der Witwe seines Bruders der größere Anteil zufällt. Aber im Ganzen ist ihr Problem doch ähnlich.

Auf dieser Welle beginnen wir ab Vers 13 zu lesen.

וַיֻּגַּד לְתָמָר לֵאמֹר הִנֵּה חָמִיךְ עֹלֶה תִמְנָתָה לָגֹז צֹאנוֹ:

wajuggád letamár lemór hinné chamích olé timnáta lagós zonó

13 Und es wurde Tamar gesagt: „Siehe, dein Schwiegervater wird nach Timna hinaufgehen (Timna liegt etwas höher, auf dem Berg), um das Vieh zu scheren.“

Offenbar kam jemand zu ihr und sagte es ihr, denn sie erkundigte sich die ganze Zeit nach Neuigkeiten: „Na, wie steht es mit Jehuda? Wann wird man reden können?“ Sie lebt nicht nur mit dem Haus ihres Vaters, sondern auch mit dem, was bei ihrem Schwiegervater geschieht.

Wiederum ist das eine Festzeit – die Schur des Viehs, es gibt Gebet, es gibt ein Festmahl, Dank an Gott (oder bei den Heiden – an die Götter) für die Schur des Viehs und vieles andere. Kurz, es wird ein Fest geben, und es wird die Möglichkeit geben, mit Jehuda zu reden. Das erinnert sehr an eine Situation, von der wir noch nicht gelesen haben und von der Tamar natürlich nicht gelesen hat – die Situation mit einer Frau namens Rut, die Boas ebenfalls in einem Moment abpasste, als sein Herz feierte. Man wird sie im Buch Rut noch miteinander vergleichen, wenn man Boas wünscht, dass sein Haus wie das von Tamar sei, dass seine Frau wie Tamar sei. Es gibt also eine Parallele, und sie ist offensichtlich.

Also, ein Fest wird vorbereitet.

וַתָּסַר בִּגְדֵי אַלְמְנוּתָהּ מֵעָלֶיהָ וַתְּכַס בַּצָּעִיף וַתִּתְעַלָּף וַתֵּשֶׁב בְּפֶתַח עֵינַיִם אֲשֶׁר עַל-דֶּרֶךְ תִּמְנָתָה כִּי רָאֲתָה כִּי-גָדַל שֵׁלָה וְהִוא לֹא-נִתְּנָה לוֹ לְאִשָּׁה:

wattássar bigdé almenutá me'aléha wattechás bazza'íf wattit'alláf wattéschew befétach enájim aschér al-dérech timnáta ki ra'atá ki-gadál schelá wehí lo-nittená lo le'ischá

14 Und sie legte die Kleider ihrer Witwenschaft ab, und bedeckte sich mit einem Mantel, und hüllte sich ein, und setzte sich an den Eingang von Ejnajim, der am Weg nach Timna liegt, denn sie sah, dass Schela herangewachsen war und er ihr nicht zum Mann gegeben wurde.

Das Wort tit'aléf (von der Wurzel aléf) kann hüllte sich ein bedeuten, es kann aber auch wurde geschwächt bedeuten. Häufiger bedeutet es im Tanach gerade geschwächt werden. Zum Beispiel im Buch Amos (8,13): „An jenem Tag werden die schönen Jungfrauen vor Durst bewusstlos hinsinken (tit'alafná)“, ebenso das Verb lehit'aléf (in Ohnmacht fallen, ermatten). Bei Jeschajahu (51,20) lesen wir: „Wer wird dich trösten? Deine Söhne sind ermattet (ulfú), sie liegen am Anfang aller Straßen…“ Es gibt noch die Geschichte von Jona, der ebenfalls von der heißen Sonne jit'aléf (ermattete). Das heißt, vielleicht hat Tamar sich als Teil ihrer Rolle kraftlos gemacht, sich halb ohnmächtig gestellt.

 Wir finden nirgends im Tanach einen Ort, der Fétach Ejnájim heißt. Möglicherweise ist das der Eingang, die Abzweigung nach Ejnim, neben der heutigen Siedlung Liwna in Israel, einige Dutzend Kilometer von Be'er-Schewa und ein paar Dutzend Kilometer von Chewron entfernt, ebenfalls ein sehr interessanter Ort. Und vielleicht setzte sich Tamar dort hin. Tamar begriff, dass sie eine Strohwitwe bleiben könnte, und sie tut das, was Frauen im Tanach oft tun – sie ergreift die Initiative. Eine sehr kühne, sehr riskante Initiative – das, was Tamar tut. Aber wir sehen, dass gerade sie der Tanach überhaupt nicht verurteilt.

Sie setzte sich also, eingehüllt, an die Kreuzung am Weg, an einen Ort, der Fétach Ejnajim oder Eingang nach Ejnim heißt. Man muss wiederum sagen, dass das Jahrhundert draußen nicht das einundzwanzigste ist und Frauen nicht einfach so am Weg sitzen, sondern dort sitzen nur besondere Frauen, die auf Reisende warten. In Kanaan ist die sogenannte Tempelprostitution sehr verbreitet – das sind Huren, die zugleich Priesterinnen irgendwelcher Kulte sind. Und auf dem Weg zum Fest zu einer Frau einzugehen – das bedeutet: „Jetzt werden wir doppelt so viel Wolle von unseren Schäfchen scheren.“

וַיִּרְאֶהָ יְהוּדָה וַיַּחְשְׁבֶהָ לְזוֹנָה כִּי כִסְּתָה פָּנֶיהָ:

wajir'éha jehudá wajachschewéha lesoná ki chissetá panéha

15 Und Jehuda sah sie, und hielt sie für eine Hure, denn sie hatte ihr Gesicht bedeckt.

Wisst ihr, ich sehr oft so etwasIm Russischen fehlt in diesem Satz das Verb (gemeint ist wohl „höre“). Der Satz bleibt hier so unvollständig wie im Original.: „Also, in jenen Zeiten bedeckten die Huren ihr Gesicht.“ Oder: „Also, im alten Babylon bedeckten die Huren ihr Gesicht, im alten Syrien bedeckten die Huren ihr Gesicht, und überhaupt ist ein bedecktes Gesicht das Symbol einer Hure.“ Und natürlich wäre es immer, wenn Leute darüber reden, was im Altertum war, was in Babylon, in Persien, in Syrien oder in Russland getan wurde, interessant zu sehen, auf welche Dokumente sich diese Leute stützen. Hier ist es einfach eine Vermutung: Entweder hielt er sie für eine Hure, weil Huren ihr Gesicht bedecken, oder er sah eine Frau am Weg, erkannte nicht, dass es Tamar ist, weil sie ihr Gesicht bedeckt hatte, und hielt sie für eine Hure, weil sie am Weg sitzt.

Um die Frage zu beantworten, ob Huren ihr Gesicht bedeckten, kann man sich den Gesetzen Ostsyriens zuwenden, die etwa im 17.–15. Jahrhundert vor der Geburt des Maschiach verfasst wurden (also etwa in denselben Zeiten) und die geltenden Gesetze jener Gegend beschreiben. Also: „Eine Tempelhure, die zur Frau genommen ist, muss auf der Straße verhüllt sein. Die aber, die nicht zur Frau genommen ist, muss auf der Straße mit unbedecktem Kopf sein, sie darf nicht verhüllt sein. Eine einfache Hure darf nicht verhüllt sein, ihr Kopf muss offen sein.“ Und wenn nicht, was dann? Und wenn nicht, dann Folgendes: „Wer eine einfache Hure verhüllt gesehen hat, muss sie ergreifen, Zeugen beibringen und sie zum Eingang des Palastes schleppen. Ihren Schmuck darf man nicht wegnehmen, aber der, der sie ergriffen hat, darf ihre Kleidung nehmen.“ Das muss man sich mal vorstellen – all seine Angelegenheiten unterbrechen, diese arme Hure nehmen, sie in den Palast schleppen, Zeugen beibringen, Protokolle aufsetzen, einen halben Tag „auf dem Revier“ verbringen und, damit das irgendwie nicht wie Zeitverschwendung aussieht, wenigstens der Hure die Kleidung abnehmen, na, wenigstens irgendein Nutzen. Außerdem: „Man soll ihr 60 Stockschläge geben und ihren Kopf mit Pech übergießen.“ Offenbar gab es bei einer solchen Strafe nicht so viele verhüllte Prostituierte.

 Und wenn ein Mensch menschenfreundlich ist oder sich nicht damit abgeben will? „Und wenn ein Mensch eine einfache Hure verhüllt gesehen und sie gehen lassen hat, ohne sie zum Palast zu bringen, soll man diesem Menschen 50 Stockschläge geben. Wer ihn angezeigt hat, darf seine Kleidung nehmen (das System der operativen Information funktioniert klasse), man soll ihm die Ohren durchstechen, ein Seil hindurchziehen und es am Hinterkopf zusammenbinden, und einen Monat lang muss er Arbeit für den König verrichten.“ Höchstwahrscheinlich war es für eine Hure bei einer solchen Lage gefährlich, mit bedecktem Kopf herumzugehen: Wer will schon mit am Hinterkopf zusammengebundenen Ohren herumlaufen und Arbeit für den König verrichten?

Jehuda sah also eine Frau, die mit verhülltem Gesicht am Weg saß, und hielt sie für eine Hure. Ihr werdet sagen: „Aber Huren haben doch ihr Gesicht nicht verhüllt.“ Wiederum: außer den verheirateten Tempelhuren. Eine Tempelhure konnte heiraten, weiter Hurerei treiben, oder ihre Tempelprostitution, oder ihren „unheiligen Dienst“, und dabei den Kopf bedecken. Zumal Tamar schon ein recht großes Mädchen ist: In die Tempelprostitution gab man Mädchen ab 8 Jahren. Und außerdem konnte Jehuda, wie wir schon gesagt haben, sehen, dass sie ermattet ist, dass sie in einem schlechten, halb ohnmächtigen Zustand ist, und auch das kann eine Tatsache sein. Natürlich fällt es den Kommentatoren schwer, sich so etwas vorzustellen, und deshalb stellen sie die Frage: „Wie das – Jehuda selbst, von dem (von Jehuda) das Judentum kommt, der unserem Volk den Namen gegeben hat (Jehudim – die Nachkommen Jehudas) – wie kommt es, dass er einfach so hinging zu einer Hure? Was hat ihn denn dazu gebracht?“

וַיֵּט אֵלֶיהָ אֶל-הַדֶּרֶךְ וַיֹּאמֶר הָבָה-נָּא אָבוֹא אֵלַיִךְ כִּי לֹא יָדַע כִּי כַלָּתוֹ הִוא וַתֹּאמֶר מַה-תִּתֶּן-לִּי כִּי תָבוֹא אֵלָי:

wajét eléha el-haddérech wajomer háwa na awó elájich ki lo jadá ki challató hi wattómer ma-titten-lí ki tawó eláj

16 Und er bog zu ihr auf den Weg ab, und trat zu ihr heran, und sagte: „Lass mich zu dir eingehen“, denn er wusste nicht, dass sie seine Schwiegertochter war. Und sie sagte zu ihm: „Und was gibst du mir, wenn du zu mir eingehst? (man muss ja doch feilschen)“.

Was hat ihn denn auf den Weg zur Hure geführt? Ist Jehuda etwa so ein Kerl, der an keiner Hure vorbeigeht? Nun, man kann fragen: „Ist Jehuda etwa nicht der Mensch, der seinen Bruder verkauft, eine Kanaaniterin heiratet und noch viele andere seltsame Dinge tut?“ Jehuda ist nach Kanaan hinabgestiegen, und im nächsten Kapitel werden wir lesen, dass Josef hinabgeführt wird, und diese Kapitel sind eigentlich ein wenig parallel zueinander, man vergleicht sie hier. Und so ist Jehuda selbst so tief gesunken, hat sich selbst so „verkanaanäert“, dass er schon nicht mehr an einer Hure vorbeigehen kann: „das ist doch ein großer Nutzen für die Feldarbeit, ein gutes Omen – einer Frau zu begegnen“.

Eine Hure (und überhaupt eine Frau) spricht man, wenn es um irgendwelche Dinge geht, die mit Intimität zu tun haben, oft in der männlichen Form an. So hat auch die Tochter Lots ihre Schwester ebenfalls in der männlichen Form angesprochen. Das ist so ein Versuch, eine reine Sprache zu sprechen. Tamar hält das Bild der Hure aufrecht. Es gibt Kommentare, und man kann sagen, dass ein solches Verständnis den Pschat nicht sehr stark verzerrt, dass sie überhaupt nicht daran denkt, dass er sie für eine Hure gehalten hat. Tamar ging hinaus, um mit ihm zu reden, und als er sagt: „Ich will zu dir kommen“, denkt sie, dass er zu ihr kommen will und nicht zu ihr eingehen, und sie fragt: „Und wozu wirst du zu mir eingehen?“ Mir scheint, dass das den Pschat nicht wiedergibt, aber ein solches Verständnis gibt es auch, und im Prinzip kann man den Pschat auch so verstehen.

וַיֹּאמֶר אָנֹכִי אֲשַׁלַּח גְּדִי-עִזִּים מִן-הַצֹּאן וַתֹּאמֶר אִם-תִּתֵּן עֵרָבוֹן עַד שָׁלְחֶךָ:

wajomer anochí aschallách gedi-issím min-hazzón wattómer im-tittén erawón ad scholchécha

17 Und er sagte: „Ich werde dir ein Zicklein vom Vieh schicken.“ Sie sagte: „Und welches Pfand gibst du mir, bis du es schickst?“

Jehuda sagt: „Ich fahre jetzt gleich bis zur Herde und schicke dir ein Zicklein, ich habe hier etwa fünf Stunden zu fahren.“ Nach dem Verständnis, das wir in Klammern erwähnt haben, kann man sagen, dass gedí (Zicklein) sinnbildlich Schela ist, und auf ihn zielt diese Andeutung.

וַיֹּאמֶר מָה הָעֵרָבוֹן אֲשֶׁר אֶתֶּן-לָּךְ וַתֹּאמֶר חֹתָמְךָ וּפְתִילֶךָ וּמַטְּךָ אֲשֶׁר בְּיָדֶךָ וַיִּתֶּן-לָּהּ וַיָּבֹא אֵלֶיהָ וַתַּהַר לוֹ:

wajomer ma ha'erawón aschér etten-lách wattómer chotamechá uftilécha umattechá aschér bejadécha wajitten-lá wajawó eléha wattáhar lo

18 Und er sagte zu ihr: „Was kann ich dir als Pfand geben?“ Und sie sagte: „Dein Siegel mit deiner Schnur und deinen Stab, der in deiner Hand ist.“ Und er gab es ihr, und ging zu ihr ein, und sie wurde von ihm schwanger.

Man muss sagen, dass Jehuda gegangen war, das Vieh zu scheren, einen Geldbeutel hatte er nicht mitgenommen, eine Kreditkarte hatte man ihm noch nicht ausgestellt, ein Scheckbuch hat er nicht, weil er höchstwahrscheinlich auch nicht schreiben kann, und deshalb kann er nur von dem geben, was er unmittelbar an sich hat. Und was hat er an sich? Chotamechá (dein Siegel) – das ist so ein steinerner Zylinder mit einer innen durchgebohrten Öffnung, wie eine Walze, auf der es Prägungen mit dem Namen Jehudas und noch irgendwelchen Schriftzeichen gibt, die man abrollen und als Siegel benutzen kann. Möglicherweise steht dort auch gar kein Name, sondern nur irgendwelche Symbole. Diese Walze (oder dieser Zylinder) wird aus Gold oder aus Edelstein gemacht, solche findet man bei Ausgrabungen viele; das ist ein Dingelchen von nicht geringem Wert. Ptilécha (deine Schnur) – eigentlich eine Schnur oder ein Kettchen, an dem dieses Siegel um den Hals gehängt wird. Matechá (dein Stab) – das ist nicht einfach ein Stock, das ist ein Stab mit einem schönen Knauf (vielleicht ein Löwe, oder ein Tiger, oder noch irgendein anderes Tier), oft werden sie aus Gold oder aus Edelmetallen gemacht.

Eine schreckliche Geschichte eigentlich, die zeigt, wie sehr Jehuda zum Kanaaniter geworden ist, aber auch eine erstaunliche. Was kostet ein Zicklein? Heute kostet ein kleines Zicklein 50 Dollar. Was kosten das Siegel und die Kette und der Stab? Unvergleichlich mehr, vielleicht 10-mal mehr. Vor Jehuda steht, wie er meint, eine Hure, die einfach weggehen, diese Dinge verkaufen, versaufen kann, man kann sie ihr wegnehmen und so weiter. Jehuda gibt ein unvergleichlich größeres Pfand als das, was er zu geben verspricht. Und da sagen die Kommentatoren: „In Wirklichkeit hat ein Engel Jehuda zu Tamar gestoßen.“ Natürlich wäre unser Stammvater nicht von selbst zu einer Prostituierten gegangen, aber es gibt Engel, die für die Unzucht zuständig sind (so sagt der Midrasch), und ein solcher Engel hat Jehuda einfach gezwungen, ihn mit Gewalt zur Hure gestoßen, um der Geburt des Maschiach willen. Wir erinnern uns, dass wir auf den Maschiach warten, schon allzu lange auf den Maschiach warten, der später von Tamar geboren wurde. Und so hat um des Maschiach willen (auf Russisch gesagt – um Christi willen) der Engel Jehuda zu dieser Sache gestoßen. Aber das ist wiederum das, was der Midrasch sagt, der auf alle Weise versucht, Jehuda zu rechtfertigen. Und ein Engel erscheint oft dort, wo man irgendwelche Probleme auf ihn abwälzen muss: statt „der Teufel hat mich verführt“ kann es heißen „der Engel hat mich gezwungen“. Höchstwahrscheinlich ist diese ganze Geschichte ein Ausdruck dessen, dass Jehuda in Kanaan versunken ist, in diese Galút gegangen ist, in diese Unreinheit. Aber auch durch diese Unreinheit wirkt der Höchste. Wie der Höchste durch die Töchter Lots den Maschiach bereitet, genauso bereitet der Höchste auch durch Tamar den Maschiach. Hier muss man Jehuda nicht irgendwie rechtfertigen, obwohl, wenn jemand das will, dann ist es auch wunderbar, aber der einfache Text der Tora sagt darüber nichts.

וַתָּקָם וַתֵּלֶךְ וַתָּסַר צְעִיפָהּ מֵעָלֶיהָ וַתִּלְבַּשׁ בִּגְדֵי אַלְמְנוּתָהּ:

wattákom wattélech wattássar ze'ifá me'aléha wattilbásch bigdé almenutá

19 Und sie stand auf, und ging, und legte den Schleier von sich ab, und zog wieder die Kleider ihrer Witwenschaft an.

Ze'ifá – das ist genau der Schleier, von dem wir gesprochen haben, und das spricht für jenes Wort tit'aláf in der Bedeutung stellte sich halbtot, denn hier gibt es kein Ablegen davon, es wiederholt sich nicht. Jehuda aber war unterdessen an den Ort gelangt.

וַיִּשְׁלַח יְהוּדָה אֶת-גְּדִי הָעִזִּים בְּיַד רֵעֵהוּ הָעֲדֻלָּמִי לָקַחַת הָעֵרָבוֹן מִיַּד הָאִשָּׁה וְלֹא מְצָאָהּ:

wajischlách jehudá et-gedí ha'issím bejád re'éhu ha'adullamí lakáchat ha'erawón mijád ha'ischá weló meza'á

20 Jehuda schickte das Zicklein mit dem adullamitischen Hirtenjungen, um das Pfand von der Frau zu holen, und er fand sie nicht.

Hier wird es schon interessant, ja? Es steht nicht geschrieben: „das Pfand von Tamar holen“ oder „das Pfand von der Hure holen“, sondern es steht geschrieben: „das Pfand von der Frau holen“. Der Tanach zeigt uns die Fortsetzung der Geschichte schon nicht mehr mit den Augen Jehudas, sondern mit den Augen Dessen, Der den Tanach gegeben hat. Und hier wird sie ischá (Frau), genannt, das heißt, der Geber des Tanach, der Höchste, hält sie nicht für eine Hure.

וַיִּשְׁאַל אֶת-אַנְשֵׁי מְקֹמָהּ לֵאמֹר אַיֵּה הַקְּדֵשָׁה הִוא בָעֵינַיִם עַל-הַדָּרֶךְ וַיֹּאמְרוּ לֹא-הָיְתָה בָזֶה קְדֵשָׁה:

wajisch'ál et-ansché mekomá lemór ajé hakkedeschá hi wa'enájim al-haddárech wajomerú lo-hajetá wasé kedeschá

21 Und er fragte die Leute des Ortes und sprach: „Wo ist diese Hure, die am Weg war?“ Und man sagte ihm: „Hier gab es keine Tempelhure.“

Hier erscheint statt des Wortes soná (Hure) das Wort kedeschá (Tempelprostituierte). Warum geschieht das? Weil wir vorher die Gedanken Jehudas wiedergegeben haben. Er war es, der sie für eine Hure hielt, die Tora selbst aber nennt sie nicht Hure, das ist ein Bild. Für den Hirtenjungen ist sie eine kedeschá, so versteht er es, und so spricht er auch schon mit den Leuten.

וַיָּשָׁב אֶל-יְהוּדָה וַיֹּאמֶר לֹא מְצָאתִיהָ וְגַם אַנְשֵׁי הַמָּקוֹם אָמְרוּ לֹא-הָיְתָה בָזֶה קְדֵשָׁה:

wajáschow el-jehudá wajomer lo mezatíha wegám ansché hammakóm amerú lo-hajetá wasé kedeschá

22 Und er kehrte zu Jehuda zurück und sagte zu ihm: „Ich habe sie nicht gefunden, und auch die Einheimischen haben gesagt: ‚Hier gab es keine Hure.‘“

Mehrmals wird wiederholt: „Eine Hure gab es hier nicht.“ Und tatsächlich, eine Hure gab es ja gar nicht.

וַיֹּאמֶר יְהוּדָה תִּקַּח-לָהּ פֶּן נִהְיֶה לָבוּז הִנֵּה שָׁלַחְתִּי הַגְּדִי הַזֶּה וְאַתָּה לֹא מְצָאתָהּ:

wajomer jehudá tikkach-lá pen nihjé lawús hinné schaláchti haggedí hassé we'attá lo mezatá

23 Und Jehuda sagte: „Ja, schon gut, soll sie es nehmen, damit wir uns nicht blamieren; ich habe ihr doch das Zicklein geschickt, und man hat sie nicht gefunden.“

„Damit wir uns nicht blamieren“ – das in zwei Bedeutungen: vor ihr und, die zweite Bedeutung, vor den Leuten. Man kann ja nicht überall eine Anzeige aushängen: „Gesucht wird eine Hure, bei der Jehuda eingekehrt ist.“ Immerhin hat Jehuda Brüder, Jehuda hat eine Familie, und sich so zu blamieren lohnt sich nicht. Und zur Selbstberuhigung sagt Jehuda: „Alles in Ordnung, von meiner Seite gibt es keine Probleme.“

וַיְהִי כְּמִשְׁלֹשׁ חֳדָשִׁים וַיֻּגַּד לִיהוּדָה לֵאמֹר זָנְתָה תָּמָר כַּלָּתֶךָ וְגַם הִנֵּה הָרָה לִזְנוּנִים וַיֹּאמֶר יְהוּדָה הוֹצִיאוּהָ וְתִשָּׂרֵף:

wajhí kemischlósch chodaschím wajuggád lihudá lemór sanetá tamár kallatécha wegám hinné hará lisnuním wajomer jehudá hozi'úha wetissaréf

24 Es vergingen 3 Monate (etwa drei Monate), und es wurde Jehuda gesagt, mit den Worten: „Deine Schwiegertochter Tamar hat gehurt, und siehe, sie ist sogar schwanger von der Hurerei.“ Und Jehuda sagte: „Führt sie hinaus zum Tor der Stadt, und sie soll verbrannt werden.“

Wozu das wiederholen? Offenbar hat sie es nicht verborgen und davon gesprochen, dass sie schwanger ist. Nicht immer kann man im dritten Monat bei einer Frau die Anzeichen einer Schwangerschaft erkennen, und die Frauen jener Zeit gingen außerdem in ziemlich weiter Kleidung. Deshalb sagt der Midrasch, dass Tamar auch im öffentlichen Bad, in das die Frauen zu jener Zeit gingen, prahlte: „Schaut, in meinem Bäuchlein sind künftige Könige, und sogar (potenziell) der künftige Maschiach ist auch in meinem Bauch.“ Aber das ist Midrasch. Höchstwahrscheinlich freute sich Tamar tatsächlich, dass sie endlich schwanger geworden war. Warum? Weil nach den Gesetzen jenes Landes die Leviratsehe mit dem Schwiegervater geschlossen werden konnte, darüber haben wir gesprochen, und ich habe schon Quellen zur Bestätigung angeführt.

Was ist das für eine Strafe – „sie soll verbrannt werden“? Sie ist nirgends in der Tora vorgesehen, und auch in den kanaanäischen Gesetzen und in den hethitischen Gesetzen und in den syrischen Gesetzen begegnen wir so etwas nicht. Natürlich ist Jehuda das Oberhaupt der Sippe, das Oberhaupt der Familie; in gewissem Sinn ist er sein eigener Gesetzgeber und kann Gesetze festlegen. Im Fall von Achan, viele Jahrhunderte später, lesen wir, dass man ihn steinigte und danach seinen Leib verbrannte. Und so etwas geschah oft, diesen Brauch gibt es tatsächlich bei vielen Völkern. Gut möglich, dass hier davon die Rede ist, dass sie gesteinigt und danach verbrannt werden soll.

הִוא מוּצֵאת וְהִיא שָׁלְחָה אֶל-חָמִיהָ לֵאמֹר לְאִישׁ אֲשֶׁר-אֵלֶּה לּוֹ אָנֹכִי הָרָה וַתֹּאמֶר הַכֶּר-נָא לְמִי הַחֹתֶמֶת וְהַפְּתִילִים וְהַמַּטֶּה הָאֵלֶּה:

hi muzét wehí schalechá el-chamíha lemór le'ísch aschér-élle lo anochí hará wattómer hakker-ná lemí hachotémet wehappetilím wehammatté ha'élle

25 Und als man sie hinausführte (während man sie durch die Stadt führte), sandte sie zu ihrem Schwiegervater und sagte: „Von dem Mann, dem diese Sachen gehören, bin ich schwanger“, Und sie sagte zu ihm: „Erkenne doch, wem denn dieses Siegel gehört, dieses Kettchen und dieser Stab.“

Der Ausdruck hakker-ná (erkenne doch) ist hier sehr wichtig, zum Teil wird um seinetwillen dieses ganze Kapitel angeführt, um seinetwillen und um einiger Parallelen willen. Im vorigen Kapitel haben wir gelesen, wie die Brüder Jaakow das Hemd bringen, um ihm zu erzählen, dass Josef umgekommen ist, und ihm sagen: „Hakker-ná“. Hier setzt eine Synchronität zwischen den Ereignissen mit Jehuda und dem ein, was mit Josef geschehen ist. „Hakker-ná“ – erkenne doch die Ursache dieser ganzen Geschichte, warum dir das geschieht. Nicht nur hakker-ná diese Gegenstände, sondern hakker-ná, erkenne an, dass, wenn ich keine Witwe bin, keine Geschiedene, keine Verlassene, du mich hättest heiraten müssen.“ Denn die Zeit vergeht, und Jehuda hätte irgendwie entscheiden müssen: entweder Schela mit einer anderen verheiraten und dann Tamar allein lassen, oder doch Schela mit Tamar verheiraten. Aber er zögerte alles hinaus, und Tamar sagt ihm: „Erkenne einfach auch meinen Status an, erkenne an, dass alles, was du getan hast, alles, was du hier angestellt hast, als du mich ins Haus meines Vaters geschickt hast, – dass das alles Heuchelei ist. Erkenne das einfach an, schau der Situation wirklich in die Augen.“ Dieses hakker-ná ist die Rückkehr jenes selben hakker-ná zu Jehuda, das zu Jaakow gesagt wurde. Und im Weiteren werden wir noch eine Parallele sehen, auf die wir achten werden. Die Tora wird zeigen, dass Josef vor einer Frau flieht und dabei sein Gewand zurücklässt. Jehuda aber geht zu einer Frau ein und lässt ihr einen Teil seiner, sozusagen, Kleider. Es gibt sehr viele Parallelen, zwischen der Geschichte Jehudas und der Geschichte Josefs. Und hakker-ná weist nicht nur darauf hin, dass sich die Ereignisse nach dem Prinzip „Maß für Maß“ entwickeln werden, sondern auch darauf, dass nicht immer die Furcht davor, was die Leute sagen, uns daran hindern kann, die Wahrheit zu sagen.

וַיַּכֵּר יְהוּדָה וַיֹּאמֶר צָדְקָה מִמֶּנִּי כִּי-עַל-כֵּן לֹא-נְתַתִּיהָ לְשֵׁלָה בְנִי וְלֹא-יָסַף עוֹד לְדַעְתָּהּ:

wajakkér jehudá wajomer zadeká mimménni ki-al-kén lo-netattíha leschelá wení welo-jassáf od leda'tá

26 Und Jehuda erkannte (auch von Jaakow ist gesagt – und er erkannte), und sagte: „Sie ist gerechter als ich, denn ich habe sie meinem Sohn Schela nicht gegeben.“ Und er ging nicht mehr zu ihr ein.

Das heißt: „Sie ist in dieser Geschichte mehr im Recht als ich. Ich habe versucht, gerecht zu erscheinen, und habe die Beziehungen irgendwie so gestaltet, dass es so aussah, als hätte ich diese Tamar gar nicht im Stich gelassen, obwohl ich sie nicht verheiratet und Schela nicht mit ihr verheiratet habe. Sie ist gerechter als ich, auch nach den Gesetzen, sogar nach den kanaanäischen Gesetzen.“ Man kann diesen Satz auch anders verstehen: „Sie hat recht damit, dass sie von mir schwanger ist.“ Damit hat Jehuda anerkannt, dass sie vor ihm gerecht ist, und ging nicht mehr zu ihr ein.

Warum hat Tamar so gehandelt? Einer der Gründe – was, wenn Tamar nicht weiß, dass sie wirklich eine verhängnisvolle Frau ist? Aber nur Gott weiß, wofür er die Söhne Jehudas weggenommen hat. Vielleicht, damit es ein Zeugnis gibt, dass ihre Verbindung mit Jehuda keine Ehe ist, sondern sozusagen ein zufälliger Vorfall, deshalb droht Jehuda nichts. Tamar hat alles kühn getan, mutig, ungewöhnlich kühn, in unseren Augen, einfach furchtbar kühn. Aber auch sehr feinfühlig: bis zuletzt, unter Todesdrohung, in der Erwartung, dass jemand es „nicht ganz durchschaut“, ihre Gegenstände Jehuda „nicht ganz weitergibt“, und man sie einfach schlägt und verbrennt. Sie übergibt Jehuda die Gegenstände ziemlich feinfühlig, vorsichtig, und sagt: „Hier, erkenne einfach wieder, hier, von diesem Mann bin ich schwanger.“ So viel Mut, so viel Glauben in dieser Tat. Wir sehen natürlich nicht, dass Tamar hier irgendwo gebetet, den Höchsten gebeten hätte, aber es gibt einen Glauben an das eigene Recht, daran, dass man genau so handeln muss. Dieser Glaube gründet auch auf der Gewissheit, dass es irgendeine Gerechtigkeit geben muss, dieser Glaube kommt nicht aus Ausweglosigkeit.

Dass Tamar schwanger wurde, kann man als Wiederherstellung von Kindern für seinen Sohn Er verstehen: als Schwiegervater hat er Er Nachkommenschaft wiederhergestellt. Was wird später mit Tamar? Später erfahren wir, dass der älteste Sohn Schelas Er heißt, das heißt, es ist gut möglich, dass auch Schela Tamar später doch noch geheiratet hat, aber das alles kommt später.

וַיְהִי בְּעֵת לִדְתָּהּ וְהִנֵּה תְאוֹמִים בְּבִטְנָהּ:

wajhí be'ét lidtá wehinné te'omím bewitná

27 Und es geschah, zu der Zeit, als sie gebar, siehe – Zwillinge in ihrem Leib.

וַיְהִי בְלִדְתָּהּ וַיִּתֶּן-יָד וַתִּקַּח הַמְיַלֶּדֶת וַתִּקְשֹׁר עַל-יָדוֹ שָׁנִי לֵאמֹר זֶה יָצָא רִאשֹׁנָה:

wajhí welidtá wajitten-jád wattikkách hamjallédet wattikschór al-jadó schaní lemór se jazá rischoná

28 Und bei ihrer Geburt kam zuerst ein Händchen heraus, und die Hebamme band einen roten Faden darum und sagte: „Dieser ist als Erster herausgekommen.“

Viele bringen heute aus Jerusalem einen roten Faden mit, das ist ein eigenes Thema. Es gibt dafür keine kabbalistischen Grundlagen, und auch die Verbindung mit diesem Ort und später mit Rahab ist ebenfalls seltsam. Na, wer ihn trägt, soll ihn tragen. Da trägt ihn sogar Putin, wie wir gesehen haben, aber das heißt nicht, dass es dafür eine Bestätigung in der Kabbala gibt.

וַיְהִי כְּמֵשִׁיב יָדוֹ וְהִנֵּה יָצָא אָחִיו וַתֹּאמֶר מַה-פָּרַצְתָּ עָלֶיךָ פָּרֶץ וַיִּקְרָא שְׁמוֹ פָּרֶץ:

wajhí kemeschíw jadó wehinné jáza achíw wattómer ma-parázta alécha párez wajikrá schemó párez

29 Und das Kind zog die Hand zurück, und sein Bruder kam heraus, und die Hebamme sagte: „Wie brichst du hindurch!“ Und man nannte ihm den Namen Parez (der Durchbrechende, der Zerreißende, Wegbereiter, Pionier).

Überhaupt, da ich mich in der Geburtshilfe auskenne, nicht nur einen rabbinischen Grad habe, sondern auch die Fachrichtung eines Geburtshelfers, fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie eine Hand herauskommen kann, dann das Kind die Hand nach innen zurückzieht und ein anderes geboren wird. Aber das ist es, was geschehen ist.

וְאַחַר יָצָא אָחִיו אֲשֶׁר עַל-יָדוֹ הַשָּׁנִי וַיִּקְרָא שְׁמוֹ זָרַח:

we'achár jazá achíw aschér al-jadó haschaní wajikrá schemó sárach

30 Und nach ihm kam der Bruder heraus, an dessen Hand der rote Faden war (er brachte ihm nicht die Erstgeburt), und man nannte ihm den Namen Sarach (Morgendämmerung, roter Himmel vor Tagesanbruch).

So eine tragische, traurige, sehr interessante, vieldeutige Geschichte ist mit Tamar und Jehuda geschehen.

Eine feurige Frau

Bereschit 39,1–22

In diesem Gespräch kehrt die Erzählung zu Josef zurück. Wir haben ihn im 37. Kapitel verlassen, als er nach Ägypten verkauft wurde, und hier, im 39. Kapitel, lesen wir die Fortsetzung der Geschichte.

וְיוֹסֵף הוּרַד מִצְרָיְמָה וַיִּקְנֵהוּ פּוֹטִיפַר סְרִיס פַּרְעֹה שַׂר הַטַּבָּחִים אִישׁ מִצְרִי מִיַּד הַיִּשְׁמְעֵאלִים אֲשֶׁר הוֹרִדֻהוּ שָׁמָּה:

wejosséf hurád mizrájma wajiknéhu potifár serís par'ó sar hattabbachím isch mizrí mijád hajischme'elím aschér horidúhu schámma

1 Josef wurde nach Ägypten hinabgebracht, und es kaufte ihn Potifar, ein Würdenträger des Pharao, der Leiter des Sicherheitsdienstes, ein Ägypter. Er kaufte ihn von den Jischmaeliten, die ihn dorthin hinabgebracht hatten.

Im 16. Vers des 38. Kapitels haben wir, als wir über Jehuda sprachen, angemerkt, dass er hinabging, sich von seinen Brüdern entfernte, selbst hinabging. Hinabgehen – das heißt, sich von der Gemeinde, vom Land, vom Dienst zu entfernen. Josef wurde gewaltsam hinabgebracht, er wollte nicht hinabgehen. Wenn Jehuda es selbst getan hat, so tut Josef es unfreiwillig.

Das Wort sarís kann Eunuch bedeuten, das heißt ein kastrierter Mensch, aber in der ersten Bedeutung ist es Leibwächter, ein aus zweien zusammengesetztes Wort: saa (hüten, tragen) und rejsch (Kopf). Im Großen und Ganzen ist das ein Mensch aus jenen Würdenträgern, die Zugang zum Leib des Pharao haben, die überhaupt Zugang zum Leib ihres Vorgesetzten haben. Möglicherweise hat man sie auch kastriert, weil sie oft Zeugen irgendwelcher persönlicher, intimer Begegnungen ihrer Vorgesetzten waren. Wir wissen nicht, ob Potifar kastriert war. Höchstwahrscheinlich nicht. Ein später Midrasch erzählt davon, dass Potifar den schönen Josef zum Vergnügen kaufen wollte, aber der Engel Gabriel kam und kastrierte Potifar, und Potifar konnte sich nicht mehr vergnügen, und so wurde er zum Eunuchen. Das ist eine schöne Geschichte, und wieder – ein Engel, aber das ist ein später Midrasch. Vorerst lesen wir, dass er ein Würdenträger des Pharao ist. Im modernen Hebräisch bedeutet das Wort tabbách Koch, aber im biblischen hat es keine solche Bedeutung. Hier ist tabbách – Schächter, Schlachter, Henker. In diesem Fall ist Potifar – er ist sar hattabbachim, der Leiter des Sicherheitsdienstes des Pharao.

Am Ende des 37. Kapitels haben wir gelesen, dass die Midjaniter Josef verkauft haben. Aber höchstwahrscheinlich hat Potifar, als er einen nicht ganz schwarzen, nicht ganz typischen Sklaven auf dem Markt sah, um irgendwelche Garantien gebeten, um irgendeine Bestätigung, dass der Mensch, den er kauft, wirklich ein Sklave ist. Solche Garantien konnten die Jischmaeliten geben, die ihn verkauft hatten, deshalb heißt es auch, dass die Jischmaeliten am Verkauf beteiligt waren. So oder so landet Josef bei Potifar, dem Würdenträger des Pharao.

Als meine Kinderchen klein waren, habe ich ihnen vor dem Schlafen die Tora vorgelesen. Und als wir im 37. Kapitel davon lasen, wie die Brüder Josef nach Ägypten verkauften, schliefen die Kinder schon ein. Natürlich entstehen nach dem Lesen des Kapitels viele Fragen: und warum dies, und warum das. Und eine der Fragen war: „Und wo war Gott in diesem ganzen Kapitel? Warum steht in dieser ganzen Geschichte nicht, dass Gott dort war? Warum ist Gott nicht erschienen und hat gesagt: ‚Werft das Kind nicht in die Grube! Tut dem Knaben nichts Böses!‘ Warum hat Gott Josef nicht beschützt, wo war Gott? Und im zweiten Vers des 39. Kapitels lesen wir die Antwort auf diese Kinderfrage.

וַיְהִי יְהוָה אֶת-יוֹסֵף וַיְהִי אִישׁ מַצְלִיחַ וַיְהִי בְּבֵית אֲדֹנָיו הַמִּצְרִי:

wajhí adonáj et-josséf wajhí isch mazlíach wajhí bewét adonáw hammizrí

2 Und der HERR war mit Josef, und er war ein erfolgreicher Mann. Und er kam ins Haus seines ägyptischen Herrn.

In dieser ganzen Geschichte war der HERR mit Josef. Das kann man daran sehen, in welche Karawane genau Josef gerät – in eine Karawane mit Wohlgerüchen. Erstens ist das eine komfortable Karawane, die unterwegs ist, um mit reichen Leuten zu handeln. Zweitens sehen wir, dass Josef von keinem einfachen Menschen gekauft wurde. Man kann die Hand Gottes, die Gegenwart Gottes im Leben Josefs sogar in einem so schweren Moment sehen.

Das hebräische Wort hazlacha (Erfolg, Glück) stammt von der Wurzel zalách (sich niederlassen auf, genau ins Ziel treffen). Josef – er traf, er gelangte an den richtigen Ort zur richtigen Zeit, ging auf dem richtigen Weg zum richtigen Punkt. Das ist es, was hier isch mazlíach bedeutet.

Warum ist es wichtig, dass er ins Haus des ägyptischen Herrn kam? Weil Josef viel weniger Glück hätte haben können, und er wäre auf dem Feld gelandet (sein Herr hat auch Felder, davon werden wir uns bald überzeugen), auf der Plantage, auf der Baustelle beim ägyptischen Herrn. Aber Josef kam gerade ins Haus.

וַיַּרְא אֲדֹנָיו כִּי יְהוָה אִתּוֹ וְכֹל אֲשֶׁר-הוּא עֹשֶׂה יְהוָה מַצְלִיחַ בְּיָדוֹ:

wajár adonáw ki adonáj ittó wechól ascher-hú ossé adonáj mazlíach bejadó

3 Und sein Herr sah, dass der HERR mit ihm war, und allem, was er tut, gibt der HERR Gelingen.

Der Ägypter, ein offensichtlich nicht jüdischer, ungläubiger Mensch, sah, dass der HERR mit Josef war. Das heißt: Wenn Josef heißes Wasser holen geht, dann ist in der Küche sofort heißes Wasser fertig; wenn Josef etwas holen geht, etwas pflanzt, dann bringt dieses „Etwas“ die größten Früchte; wenn Josef etwas kauft, steigt dieses „Etwas“ im Preis. Josef bewegt sich auf der „grünen Welle“ – wohin er auch fährt, überall hat er grünes Licht an der Ampel. Das ist es, was der Ägypter sehen konnte. Die Midraschim sagen, dass er noch etwas anderes sah – wie Josef ständig etwas murmelt, flüstert: Er kommt herein – flüstert, er geht hinaus – flüstert, und alles gelingt ihm. Und der Hausherr begriff, dass Josef mit irgendeinem Gott Umgang hat, der ihm eben solche Kraft gibt. So ein Zeugnis war das für Potifar. Und hier die Früchte davon:

וַיִּמְצָא יוֹסֵף חֵן בְּעֵינָיו וַיְשָׁרֶת אֹתוֹ וַיַּפְקִדֵהוּ עַל-בֵּיתוֹ וְכָל-יֶשׁ-לוֹ נָתַן בְּיָדוֹ:

wajimzá josséf chen be'enáw wajscháret otó wajafkidéhu al-wetó wechól-jesch-ló natán bejadó

4 Und Josef gefiel ihm, und er begann, ihm persönlich zu dienen. und er machte ihn zum Verwalter des ganzen häuslichen Dienstes der Sklaven, und alles, was er hat, gab er ihm in die Hände.

Das heißt, Josef wird befördert: Von allen Haussklaven wird er zum persönlichen Diener Potifars. Die nächste Stufe – der Herr macht ihn zum Verwalter des ganzen häuslichen Dienstes der Sklaven, macht ihn zum Wirtschaftsleiter des Hauses. Und auf der letzten Stufe – „alles, was er hat, gab er ihm in die Hände“, das heißt, er machte Josef zum vollen Verwalter des Anwesens, hob ihn noch eine Stufe höher. Das ist schon ein Posten, auf den Sklaven fast nie gelangten. Es gibt einen auf uns gekommenen ägyptischen Papyrus, der eine Liste von 800 Sklaven mit ihren Posten enthält, und auf so hohen Posten gibt es keine Sklaven. Obwohl tatsächlich ausländische Sklaven in Ägypten besser aufstiegen, aber es ist für uns schwer zu verstehen, warum.

וַיְהִי מֵאָז הִפְקִיד אֹתוֹ בְּבֵיתוֹ וְעַל כָּל-אֲשֶׁר יֶשׁ-לוֹ וַיְבָרֶךְ יְהוָה אֶת-בֵּית הַמִּצְרִי בִּגְלַל יוֹסֵף וַיְהִי בִּרְכַּת יְהוָה בְּכָל-אֲשֶׁר יֶשׁ-לוֹ בַּבַּיִת וּבַשָּׂדֶה:

wajhí me'ás hifkíd otó bewetó we'ál kol-aschér jesch-ló wajwárech adonáj et-bet hammizrí biglál josséf wajhí birkát adonáj bechól-aschér jesch-lo babbájit uwassadé

5 Und es geschah, seit er ihn in seinem Haus und über alles, was er hat, eingesetzt hatte, segnete der HERR das Haus des Ägypters um Josefs willen, Und der Segen des HERRN war in allem, was er hat, sowohl im Haus als auch auf dem Feld.

Das heißt, Josef begann alles zu leiten, und alles begann zu gedeihen, sogar das, was Josef nicht selbst tat, womit er sich nicht selbst befasste. Das veranlasste Potifar zu einem Schritt, den bei weitem nicht alle richtig nennen werden, wenn man es aus der Sicht einfacher Leser betrachtet (aber nicht aus der Sicht derer, die ganz und gar auf Josefs Seite stehen).

וַיַּעֲזֹב כָּל-אֲשֶׁר-לוֹ בְּיַד-יוֹסֵף וְלֹא-יָדַע אִתּוֹ מְאוּמָה כִּי אִם-הַלֶּחֶם אֲשֶׁר-הוּא אוֹכֵל וַיְהִי יוֹסֵף יְפֵה-תֹאַר וִיפֵה מַרְאֶה:

waja'asów kol-ascher-ló bejad-josséf welo-jadá ittó me'úma ki im-halléchem ascher-hú ochél wajhí josséf jefe-tó'ar wifé mar'é

6 Und er warf alles, was er hat, in die Hände Josefs, und kümmerte sich um nichts mehr, außer um das Brot, das er isst. Josef aber war schön von Gestalt und schön von Aussehen.

Man kann und muss seine Aufgaben umleiten, anderen etwas übertragen, aber Potifar hat alles hingeworfen, ihn interessierte schon nichts mehr, er hat alles auf Josef umgeleitet außer dem Brot, das er aß. Den Satz léchem ascher-hú ochél (das Brot, das er isst) kann man auf drei Arten verstehen. Die wörtlichste, erste Variante: Außer seinem Teller interessierte Potifar nichts, er kam nur noch ins Haus, um zu essen. Die zweite Variante ist die priesterliche. Bei den Ägyptern war vieles mit dem Priestertum und mit dem Brot verbunden, und außer den priesterlichen Aufgaben, die man Josef nicht übertragen kann, weil er ein Fremder ist, interessierte Potifar nichts. Die dritte Variante ist eine bildliche Rede. Sowohl die Tora als auch der Tanach verwenden oft den Ausdruck „Brot essen“ in Bezug auf intime Nähe: Außer seiner Frau hat Potifar alles auf Josef abgeschoben. Gerade dieses Verständnis drängt sich im Licht des Versendes auf, dass Josef wunderschön von Gestalt und wunderschön von Aussehen war. Das ist genau das, was wörtlich über seine Mutter Rachel gesagt ist. Josef hat ein wunderbares Erbgut. Das ist interessant: Gibt es viele Menschen, von denen Gott gesagt, bezeugt hat, dass sie schön sind? Es gibt einen Menschen, der jemandem gefällt, einen Menschen, den viele für schön halten, aber hier ist nun Josef, ein junger Bursche, von dem Gott selbst bezeugt, dass er schön ist. Der ägyptische Ehemann hat die ganze Leitung seines Hauses auf Josef gelegt, ihm alles anvertraut, ist selbst fast nie zu Hause, und Josef ist sehr schön – das heißt, warte nur aufs Unglück.

וַיְהִי אַחַר הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה וַתִּשָּׂא אֵשֶׁת-אֲדֹנָיו אֶת-עֵינֶיהָ אֶל-יוֹסֵף וַתֹּאמֶר שִׁכְבָה עִמִּי:

wajhí achár haddewarím ha'élle wattissá éschet-adonáw et-enéha el-josséf wattómer schichwá immí

7 Und es geschah nach all dem, und die Frau des Herrn hob die Augen zu Josef auf und sagte zu ihm: „Leg dich zu mir!“

Möglicherweise ist Potifar kastriert. Möglicherweise ist er einfach abgehetzt, will nicht lange zu Hause bleiben oder kommt selten nach Hause, da er – ein ägyptischer Würdenträger ist. Wir wissen viel über sie, weil die Ägypter, wie ich schon gesagt habe, gern malten. Es gibt sehr viele Alltagsskizzen über Ägypten, und wir können sehen, dass die ägyptischen Würdenträger ihre Zeit oft in den Bädern, Saunen, Bars jener Zeit verbrachten und sich nicht zu schade waren, dorthin Mädchen zu bestellen. Man kann durchaus annehmen, dass Potifar – kein großer Gerechter ist und er genau so einen Lebensstil führt. So oder so, der Mann ist nicht zu Hause, der Mann handelt schon nicht mehr als Verwalter, er regiert das Haus nicht als Ehemann. Er hat alles diesem Jungen übertragen, und dieser Junge ist schön. Wie soll man nicht die Augen zu ihm aufheben? Eine große Versuchung für eine Frau.

„Leg dich zu mir“ – das ist ein sehr grober Ausdruck. Natürlich kann man es so übersetzen, aber die wörtliche Übersetzung ist viel gröber. Sie sagt ihm nicht, wie schön er ist, sie sagt ihm nicht: „Ach, was für lange Haare du hast, was für Augen du hast!“ Sie ist schlicht und lakonisch – teils, weil sie die Herrin ist, teils, weil sie vielleicht von irgendwelchen Gefühlen übermannt wird. Es ist schwer, ihr ins Herz zu schauen. Es ist üblich (im Licht dessen, dass wir alle die Tora gelesen haben und wissen, wie alles enden wird), sie für so eine lüsterne, verdorbene, hochmütige Herrin zu halten. Aber man kann sagen, dass die Frau in die Enge getrieben ist und in die Sünde des Ehebruchs verfällt, aber ihr Herz ist nicht ganz schwarz, und nicht alles, was sie tut, ist so schwarz. Sie hat sich vielleicht in Josef verliebt, und wir werden sehen, dass sie nicht ständig die Sklaven durchprobiert, wir werden das weiter sehen. Ich will sie keineswegs rechtfertigen, ich möchte einfach die Situation plastischer darstellen.

וַיְמָאֵן וַיֹּאמֶר אֶל-אֵשֶׁת אֲדֹנָיו הֵן אֲדֹנִי לֹא-יָדַע אִתִּי מַה-בַּבָּיִת וְכֹל אֲשֶׁר-יֶשׁ-לוֹ נָתַן בְּיָדִי:

wajma'én wajomer el-éschet adonáw hen adoní lo-jadá ittí ma-babbájit wechól aschér-jesch-ló natán bejadí

8 Und Josef weigerte sich, und er sagte zur Frau seines Herrn: „Siehe, mein Herr weiß nicht, überwacht mich nicht, was im Haus geschieht (bis zu dieser Stelle, wie klingt die Antwort? ‚Vielleicht, vielleicht hast du Chancen‘). Alles, was er hat, hat er in meine Hände gegeben.

Auf die zwei Wörter, die sie ihm gesagt hat, gibt Josef eine Antwort aus fünfunddreißig Wörtern.

אֵינֶנּוּ גָדוֹל בַּבַּיִת הַזֶּה מִמֶּנִּי וְלֹא־חָשַׂךְ מִמֶּנִּי מְאוּמָה כִּי אִם־אוֹתָךְ בַּאֲשֶׁר אַתְּ־אִשְׁתּוֹ וְאֵיךְ אֶעֱשֶׂה הָרָעָה הַגְּדֹלָה הַזֹּאת וְחָטָאתִי לֵאלֹהִים׃

enénnu gadól babbájit hassé mimménni weló-chassách mimménni me'úma ki im-otách ba'aschér at-ischtó we'éch e'essé hara'á haggedolá hassót wechatáti lelohím

9 Und es gibt niemanden in diesem Haus, der größer ist als ich (bis zu diesem Moment, ist das eine Absage oder eine Zustimmung? Unklar), und nichts hat er mir vorenthalten außer dir, weil du seine Frau bist. Wie sollte ich denn dieses Böse tun und gegen Gott sündigen?“

Josef gibt ihr eine Antwort aus drei Teilen. Der erste Teil betrifft das Vermögen, der zweite Teil – die Familienwerte, der dritte Teil – Gott. Dabei ist das Wort, das er hier verwendet, doppeldeutig. Das Wort elohím kann man auch als Götter verstehen, er spricht ja mit einer Heidin. Obwohl die Tora in diesem ganzen Kapitel gerade den vierbuchstabigen Namen verwendet, sagt Josef hier elohím. Er antwortet, einfach gesagt: „Ich bin so gut, hebreo turisto, obliko morale.“ Und du, wie konntest du überhaupt so etwas denken?“ Er spricht sie natürlich in keiner Weise an, weil sie seine Herrin ist, aber welches Gefühl konnte bei der Frau danach zurückbleiben? – „Er hat mich jetzt beleidigt, erniedrigt, mich als so eine Verdorbene hingestellt.“ Andererseits: „Wow! Er ist also nicht nur schön, er ist auch noch so treu, so gut, und gerade ihn muss ich verführen.“ Entweder kennt Josef das Herz einer Frau nicht, oder, wie manche Kommentatoren sagen, es ist in ihm irgendein Fünkchen, er verhält sich doch nicht ganz heilig. So war es auch mit seinen Träumen. Er war nicht immer feinfühlig gegenüber den Menschen, nicht immer aufmerksam dafür, was die Menschen um ihn herum fühlen, seine Brüder. Und hier ist er genauso unaufmerksam dafür, wie sich die Frau fühlt. Natürlich hat er keinen Ausweg. Von dem Moment an, als sie ein Auge auf ihn geworfen hat, steckt er in sehr großer Not, er ist „geliefert“, er kann nirgendwohin, es ist schwer für ihn, einen Ausweg zu finden. Das ist für ihn eine Versuchung. Die Prüfung für einen Menschen besteht nicht nur in der Verlockung, der Sünde nachzugeben oder nicht nachzugeben, sondern auch darin, sagen wir, Genuss daraus zu ziehen, dass man einer Frau gefällt, Bestätigung zu bekommen, so ein Kompliment, dass man schön ist, dass einen eine Frau liebt. Eine sehr schwere Prüfung für das Herz eines jungen Mannes.

Von den Kommentatoren wird ganz unterschiedlich (wieder einmal, ich sage die ganze Zeit, dass jeder der Kommentatoren mehr über sich selbst spricht als über Josef oder über Jehuda oder über Awraham) die Situation zwischen ihnen bewertet. Wenn man nicht von vornherein versucht, aus ihr eine lüsterne Verdorbene zu machen, dann kann man sagen, dass die Frau, obwohl sie von sündigen Gefühlen übermannt wird, nicht in Kategorien der Sünde denkt. Wie sollte sie denn in christlichen Kategorien denken? Sie hat schwierige Beziehungen zu ihrem Mann, jetzt noch schwierige Beziehungen zu einem Sklaven, der sie so offen missachtet, und damit muss man etwas tun. Welche Handlung kann Josef danach erwarten? Sie wird ja nicht sagen: „Ja, ich habe wirklich unrecht. Ich gehe Buße tun, Psalmen lesen.“ Das ist von einer Frau schwer zu erwarten, und sie gibt nicht auf.

 Im Großen und Ganzen ist die Situation sehr kompliziert und vieldeutig.

וַיְהִי כְּדַבְּרָהּ אֶל-יוֹסֵף יוֹם יוֹם וְלֹא-שָׁמַע אֵלֶיהָ לִשְׁכַּב אֶצְלָהּ לִהְיוֹת עִמָּהּ:

wajhí kedabberá el-josséf jom jom weló-schamá eléha lischkáw ezlá lihjot immá

10 Und es war, sie redete mit Josef Tag für Tag, er aber hörte nicht auf sie, um bei ihr zu liegen.

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass sie ihm Tag für Tag diese zwei Wörter sagt: שִׁכְבָה עִמִּי (schichwa immi – leg dich zu mir), und er ihr 35 Wörter als Antwort wiederholt oder einfach so tut, als höre er sie nicht. Offenbar gingen diese Gespräche, ihre Angriffe auf ihn, ihre Annäherungsversuche an ihn und seine taktvollen Antworten Tag für Tag weiter. Das konnte sie rasend machen, konnte sie zu einem noch größeren Verlangen reizen, ihn zu bekommen, und auch für ihn war das eine riesige Versuchung – eine solche Liebe zu sich zu spüren und sich irgendwie damit abzufinden. Man sieht, dass sie auf verschiedene Weise versuchte, an ihn heranzukommen, denn am Ende des Verses lesen wir, dass sie ihn schon bittet, nicht mit ihr, sondern bei ihr zu liegen: „Lass uns zusammen liegen und in die Sonne schauen, die Hände unter dem Kopf, in den Sonnenuntergang, auf die Sterne, auf die Wolken. Bleib bei mir, bleib einfach bei mir, sitz bei mir. Lass das ‚Herr‘, lass das ‚Frau‘. Sitz einfach bei mir – ich habe niemanden, mit dem ich reden kann, Josi, ich bin so einsam, nur du verstehst mich, bleib bei mir.“ Josef aber hört nicht auf sie, und das muss zwangsläufig zu einer Explosion in der Beziehung führen. Ihr Verbrechen, die Standhaftigkeit Josefs wurden gerade für Josef zur Prüfung.

וַיְהִי כְּהַיּוֹם הַזֶּה וַיָּבֹא הַבַּיְתָה לַעֲשׂוֹת מְלַאכְתּוֹ וְאֵין אִישׁ מֵאַנְשֵׁי הַבַּיִת שָׁם בַּבָּיִת:

wajhí kehajom hassé wajawó habbájta la'asót melachtó we'énIn der russischen Umschrift fehlt bei diesem Wort das n. Nach dem hebräischen Text lautet es we'én („und niemand“). isch me'ansché habbájit scham babbájit

11 Und es war an einem solchen Tag, und Josef kam nach Hause, um seine Arbeit zu tun, und niemand von den Hausleuten ist dort, im Haus.

Josef kam, niemand von den Hausleuten ist da, das Haus ist leer, außer natürlich ihr. Die Kommentatoren sagen: „Warum ist er dorthin gekommen? Weil er mit ihr sein wollte, er war schon bereit, auf ihren Ruf zu antworten. Und der Höchste gab ihm eine solche Offenbarung: Vor ihm erschien Jaakow und sagte: ‚Du wirst ein Anführer sein, du bist ein geborener Leader. Ob du ein Anführer von Mädels sein wirst, ein Hirte von Mädchen oder ein Hirte im Volk Israel – wähle.‘“ Und Josef handelte dann so, wie er gehandelt hat. Die Kommentatoren sagen: „Womit hat das alles überhaupt angefangen? Josef, nachdem er einen Rang bekommen, nachdem er ein Amt bekommen hatte, fing an, sich Zöpfchen zu flechten, sich Gel ins Haar zu tun, sich schön zu kleiden, seinem Amt entsprechend, und der Höchste sagte zu ihm: ‚Josef, dein Vater sitzt in Trauer, und du machst dich hier schön. Ich schicke dir jetzt eine Prüfung für deine Schönheit.‘“ Und siehe, als Josef in dieser Prüfung schon beinahe fällt (nach dem Midrasch, nach der Überlieferung), erscheint ihm Jaakow.

Kann es sein, dass die Prüfung wirklich deshalb über Josef kam, weil er anfing, sich schönzumachen, anfing, sich zu schmücken? Josef ist ja tatsächlich schön, und davon spricht die Tora. Möglicherweise bewunderte er seine Schönheit oder setzte sie irgendwie in Szene, während sein Vater wirklich trauerte. Die Kommentatoren analysieren das Geschehene, und vielleicht ist das ja der Grund, vielleicht ist deswegen alles geschehen. Josef hat kein sehr feines Gespür für das, was um ihn herum geschieht. Aber er lernt, und im nächsten Kapitel werden wir das sehen.

וַתִּתְפְּשֵׂהוּ בְּבִגְדוֹ לֵאמֹר שִׁכְבָה עִמִּי וַיַּעֲזֹב בִּגְדוֹ בְּיָדָהּ וַיָּנָס וַיֵּצֵא הַחוּצָה:

wattitpeséhu bewigdó lemór schichwá immí waja'asów bigdó bejadá wajános wajezé hachúza

12 Und sie packte ihn an den Kleidern und sagte: „Leg dich zu mir!“ Und er ließ sein Gewand in ihrer Hand und floh und lief hinaus.

Sie war schon gekommen und packte ihn an den Kleidern, offenbar in dem Versuch, sie ihm herunterzuziehen. Nicht einfach gepackt, sondern kräftig gezogen, denn das Gewand wird über den Kopf angezogen, das ist kein Umhang, man kann es nicht so einfach ablegen. Eine sehr unangenehme Szene. Josef ist wahrscheinlich hinausgerannt und kam wieder zu Atem. Na, und auch für eine Frau, die in die letzte, entscheidende Schlacht gezogen ist, ist das ein demütigender Anblick.

וַיְהִי כִּרְאוֹתָהּ כִּי-עָזַב בִּגְדוֹ בְּיָדָהּ וַיָּנָס הַחוּצָה:

wajhí kir'otá ki-asáw bigdó bejadá wajános hachúza

13 Und es war, als sie sah, dass er sein Gewand in ihrer Hand gelassen hatte und geflohen war.

וַתִּקְרָא לְאַנְשֵׁי בֵיתָהּ וַתֹּאמֶר לָהֶם לֵאמֹר רְאוּ הֵבִיא לָנוּ אִישׁ עִבְרִי לְצַחֶק בָּנוּ בָּא אֵלַי לִשְׁכַּב עִמִּי וָאֶקְרָא בְּקוֹל גָּדוֹל:

wattikrá le'ansché wetá wattómer lahém lemór re'ú héwi lánu isch iwrí lezáchek bánu ba eláj lischkáw immí wa'ekrá bekól gadól

14 Und sie rief alle Bewohner des Hauses (alle ihre Hausleute, die ganze Hausdienerschaft) und sagte zu ihnen: „Seht, er hat uns diesen Hebräer gebracht, um über uns zu spotten, und er kam, um mit mir zu schlafen, und ich schrie mit lauter Stimme.

וַיְהִי כְשָׁמְעוֹ כִּי-הֲרִימֹתִי קוֹלִי וָאֶקְרָא וַיַּעֲזֹב בִּגְדוֹ אֶצְלִי וַיָּנָס וַיֵּצֵא הַחוּצָה:

wajhí cheschom'ó ki-harimóti kolí wa'ekrá waja'asów bigdó ezlí wajános wajezé hachúza

15 Und es war, als er hörte, dass ich meine Stimme erhob und schreie, ließ er sein Gewand bei mir und floh hinaus.“

Seht, wie die Frau Potifars ihre Rede aufbaut. Sie sagt: „Seht, er (mein Mann) hat diesen Hebräer hierhergeschleppt, um über uns zu spotten.“ Über uns – sie stellt sich neben die Mannschaft der ganzen Dienerschaft, denn Josef ist der Oberste über sie, ein hebräischer Fremdling: „Seht, er hat hier einen Hebräer über uns gesetzt, damit dieser Hebräer über uns lacht.“ Was für ein klassischer Zug des damals noch nicht entstandenen Antisemitismus: „Seht, er hat einen Hebräer hierhergeschleppt, einen Hebräer eingesetzt, damit er über uns, die Einheimischen, spottet. Nicht nur über mich, sondern auch über euch, über alle Hausleute hat er gespottet. Uns zum Hohn hat Potifar diesen Hebräer hierhergebracht.“ Das ist so eine flammende Rede, zuerst an die Hausleute gerichtet, um irgendwie die ganze Mannschaft des Hauses auf ihre Seite zu ziehen.

וַתַּנַּח בִּגְדוֹ אֶצְלָהּ עַד-בּוֹא אֲדֹנָיו אֶל-בֵּיתוֹ:

wattannách bigdó ezlá ad-bó adonáw el-betó

16 Und sie ließ sein Gewand bei sich, bis sein Herr zurückkam.

Weiter lesen wir davon, was geschah, als Potifar (wir wissen nicht, woher, sagen wir, vom Dienst) nach Hause zurückkam.

וַתְּדַבֵּר אֵלָיו כַּדְּבָרִים הָאֵלֶּה לֵאמֹר בָּא-אֵלַי הָעֶבֶד הָעִבְרִי אֲשֶׁר-הֵבֵאתָ לָּנוּ לְצַחֶק בִּי:

wattedabbér eláw kaddewarím ha'élle lemór ba eláj ha'éwed ha'iwrí aschér-hewéta lánu lezáchek bi

17 Und das ist es, was sie ihm sagte: „Zu mir kam der hebräische Sklave, den du hergebracht hast, um über mich zu spotten.

Als sie mit den Sklaven sprach, sagte sie ein hebräischer Mann, hier spricht sie mit dem Hausherrn, mit dem Ehemann: „Ein Mensch von niedrigem Stand kam zu mir, der, den du hergebracht hast, um über mich zu spotten“. Hier sagt sie nicht „mit mir schlafen“, sie erwähnt den sexuellen Zusammenhang nicht, obwohl er da ist. Sie erwähnt ihn nur andeutungsweise, damit Potifar, Gott bewahre, nicht anfängt, sich im Kopf irgendwelche Bilder auszumalen, sie spricht wie irgendein sittsames Fräulein und eine Heuchlerin.

וַיְהִי כַּהֲרִימִי קוֹלִי וָאֶקְרָא וַיַּעֲזֹב בִּגְדוֹ אֶצְלִי וַיָּנָס הַחוּצָה:

wajhí kaharimí kolí wa'ekrá waja'asów bigdó ezlí wajános hachúza

18 Und es war, als ich schrie, ließ er das Gewand bei mir und lief davon.“

Das ist die Geschichte, die die Frau Potifar erzählt hat. Potifar schweigt, und die Tora fährt fort.

וַיְהִי כִשְׁמֹעַ אֲדֹנָיו אֶת-דִּבְרֵי אִשְׁתּוֹ אֲשֶׁר דִּבְּרָה אֵלָיו לֵאמֹר כַּדְּבָרִים הָאֵלֶּה עָשָׂהּ לִי עַבְדֶּךָ וַיִּחַר אַפּוֹ:

wajhí chischmó'a adonáw et-diwré ischtó aschér dibberá eláw lemór kaddewarím ha'élle ássa li awdécha wajíchar appó

19 Und es war, als er die Worte seiner Frau hörte, als sie zu ihm sagte: „Das hat mir dein Sklave angetan“, – da wurde Potifar zornig.

Sie zeigte offenbar eine Beule, einen blauen Fleck, einen Pickel oder zeigte mit Gesten, was genau Josef ihr angetan hat. Potifar wurde zornig – übrigens keineswegs unbedingt auf Josef, dem er vertraute. Es ist gut möglich, dass er diese Situation gut verstand und über die Situation im Allgemeinen zornig wurde, darüber, dass die Frau ihn in eine Falle getrieben, ihn in eine unschöne Lage gebracht hatte: Jetzt würde er auf den Sklaven verzichten müssen, der dem Haus wirtschaftlichen Wohlstand bringt. Potifar hatte allen Grund, zornig zu werden.

וַיִּקַּח אֲדֹנֵי יוֹסֵף אֹתוֹ וַיִּתְּנֵהוּ אֶל-בֵּית הַסֹּהַר מְקוֹם אֲשֶׁר-אֲסוּרֵי (אֲסִירֵי) הַמֶּלֶךְ אֲסוּרִים וַיְהִי-שָׁם בְּבֵית הַסֹּהַר:

wajikkách adoné josséf otó wajittenéhu el-bét hassóhar mekóm ascher-assiré hammélech assurím wajhi-schám bewét hassóhar

20 Und der Herr Josefs nahm ihn und setzte ihn ins Gefängnis, an den Ort, wo sich die Gefangenen des Königs befinden, und er war dort im Gefängnis.

Das Wort sóhar (Gefängnis) ist mit dem Wort sahar (Mond oder mondförmige Vertiefung, mondähnliche Grube). verbunden. Wir erinnern uns, dass Potifar der Leiter des Sicherheitsdienstes des Königs ist, deshalb ist der Ort, wo sich die Gefangenen befinden, bei ihm selbst, bei Potifar zu Hause (das werden wir im nächsten Kapitel lesen). Das ist ein eigenes Gebäude im Hof Potifars, höchstwahrscheinlich eine Grube, über die es einen eigenen Vorsteher gibt, und dorthin kommt Josef. Worin liegt hier die Parallele? Wieder nimmt man Josef das Gewand weg, das man später zur Identifizierung benutzt, wieder landet Josef ohne Gewand in einer Grube, im Gefängnis. Und das ist irgendein einfach schreckliches Déjà-vu, die zweite Lektion vom Höchsten, der mit Josef ist, der ihm hilft. In alledem verlässt der Höchste ihn nicht. So ein Weg ist das.

וַיְהִי יְהוָה אֶת-יוֹסֵף וַיֵּט אֵלָיו חָסֶד וַיִּתֵּן חִנּוֹ בְּעֵינֵי שַׂר בֵּית-הַסֹּהַר:

wajhí adonáj et-josséf wajét eláw chássed wajittén chinnó be'ené sar bet-hassóhar

21 Und der HERR war mit Josef und gab ihm Gunst in den Augen des Gefängnisvorstehers.

Wieder einmal, wenn wir fragen: „Wartet, wartet! Dort, am Anfang, war der HERR mit Josef, aber in dieser ganzen Geschichte mit der Frau ist Er wieder irgendwohin verschwunden?“ Nein, der HERR war mit Josef und gab ihm Gunst in den Augen des Gefängnisvorstehers.

Und weiter – wieder ein Déjà-vu.

וַיִּתֵּן שַׂר בֵּית-הַסֹּהַר בְּיַד-יוֹסֵף אֵת כָּל-הָאֲסִירִם אֲשֶׁר בְּבֵית הַסֹּהַר וְאֵת כָּל-אֲשֶׁר עֹשִׂים שָׁם הוּא הָיָה עֹשֶׂה:

wajittén sar bet-hassóhar bejad-josséf et kol-ha'assirím aschér bewét hassóhar we'ét kol-aschér ossím scham hu hajá ossé

22 Und der Gefängnisvorsteher gab alle Gefangenen, die im Gefängnis sind, in die Hände Josefs, und alles, was man dort tut, tat er.

Buchstäblich wie Potifar, so verfährt auch der Gefängnisvorsteher mit Josef.

אֵין שַׂר בֵּית-הַסֹּהַר רֹאֶה אֶת-כָּל-מְאוּמָה בְּיָדוֹ בַּאֲשֶׁר יְהוָה אִתּוֹ וַאֲשֶׁר-הוּא עֹשֶׂה יְהוָה מַצְלִיחַ:

en sar bet-hassóhar ro'é et-kol-me'úma bejadó ba'aschér adonáj ittó wa'ascher-hú ossé adonáj mazlíach

23 Und der Gefängnisvorsteher sieht überhaupt nach nichts, denn der HERR ist mit ihm, und allem, was er tut, gibt der HERR Gelingen

Der HERR macht es so, dass alles, was Josef tut, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort geschieht.

So ist dieses 39. Kapitel, das damit beginnt, dass Josef, aus der Grube geholt, nach Ägypten gerät, und damit endet, dass Josef wieder in einer Grube landet. Aber der HERR ist mit ihm, und es gibt Gelingen. Und es gibt noch irgendeine erstaunliche Lektion, die Josef noch lernen muss. Alle Helden sind sehr lebendig. Die Übeltäterin, die Frau Potifars, begeht ein Verbrechen; Josef bekommt die Strafe, und die Auflösung steht noch bevor. Auch der Frau Potifars werden wir noch begegnen, so seltsam es ist, und werden sehen, wie alles endet.

Was man im Gefängnis träumt (40,1–23)

Wir haben Josef in dem Moment verlassen, als er ins Gefängnis geworfen wurde, Gunst fand (der HERR gab ihm Gunst) in den Augen des Gefängnisvorstehers, und der Gefängnisvorsteher ihm einfach alles anvertraute, was man anvertrauen kann, alle Gefängnisangelegenheiten Josef überließ.

וַיְהִי אַחַר הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה חָטְאוּ מַשְׁקֵה מֶלֶךְ-מִצְרַיִם וְהָאֹפֶה לַאֲדֹנֵיהֶם לְמֶלֶךְ מִצְרָיִם:

wajhí achár haddewarím ha'élle chate'ú maschké melech-mizrájim weha'ofé la'adonehém lemélech mizrájim

1 Und es geschah nach diesen Ereignissen, es sündigten der Mundschenk des Königs von Ägypten und der Bäcker gegen ihren Herrn, den König von Ägypten.

Die Kommentatoren führen zwei Varianten an, wie sie gesündigt haben. Nach der ersten sagt man: „Na, offenbar berufliche Probleme: Im Wein fand sich eine Fliege, im Brot fand sich ein Steinchen, das heißt Probleme der Qualitätskontrolle der Produkte.“ Andere Kommentatoren sagen: „Da Josef im vorigen Kapitel von der Sünde des Beischlafs mit der Frau des Herrn sprach, muss man auch hier davon sprechen, dass diese beiden Genossen irgendwelche Handlungen mit der Frau des Herrn vornehmen wollten, in diesem Fall mit der Frau des Königs von Ägypten.“ Aber das ist schwierig: erstens, weil solche Dinge nicht vergeben werden, zweitens, weil solche Dinge mit dem Tod bestraft werden, und drittens wegen dessen, was wir weiter lesen werden:

וַיִּקְצֹף פַּרְעֹה עַל שְׁנֵי סָרִיסָיו עַל שַׂר הַמַּשְׁקִים וְעַל שַׂר הָאוֹפִים:

wajikzóf par'ó al schené sarissáw al sar hammaschkím we'ál sar ha'ofím

2 Und der Pharao wurde zornig über seine zwei Würdenträger: über den Vorsteher (Minister) der Mundschenken und über den Vorsteher der Bäcker.

Das Wort kézef (Schaum), mit derselben Wurzel wie das Wort, das hier verwendet wird, wajikzóf – und er schäumte auf, geriet bis zum Schaum vor dem Mund in Wut, der Pharao. Wir wissen nicht, was mit dem Mundschenk und dem Bäcker geschah, man kann vermuten, dass man sie überhaupt hingerichtet hat, und außer ihnen wurde der Pharao auch noch über ihre Vorgesetzten zornig, über die, die für sie verantwortlich sind – über den Vorsteher der Mundschenken und über den Vorsteher der Bäcker. Obwohl sie später wiederum Mundschenk und Bäcker genannt werden, kann man es doch so verstehen (und ein solches Verständnis ist durchaus realistisch), dass der Pharao die Vorgesetzten bestraft. Na, das sind eigentlich Details.

וַיִּתֵּן אֹתָם בְּמִשְׁמַר בֵּית שַׂר הַטַבָּחִים אֶל-בֵּית הַסֹּהַר מְקוֹם אֲשֶׁר יוֹסֵף אָסוּר שָׁם:

wajittén otám bemischmár bet sar hattabbachím el-bét hassóhar mekóm aschér josséf asúr scham

3 Und er setzte sie in Gewahrsam im Haus des Leiters des Sicherheitsdienstes, ins Gefängnis – den Ort, an dem Josef eingesperrt ist.

Erinnert ihr euch, wie der Leiter des Sicherheitsdienstes heißt? Er heißt Potifar. Der Pharao brachte sie, so kann man es in moderner Sprache sagen, in eine Arrestzelle (eine Zelle für vorläufigen Gewahrsam) oder in eine Untersuchungshaftanstalt (U-Haft), bis zur Klärung. Und diese U-Haft, diese Zelle, befinden sich im Haus des Leiters des Sicherheitsdienstes. Diese zwei Würdenträger werden in Gewahrsam genommen, das heißt, sie haben einen etwas anderen Status: Sie sind Verhaftete, Josef aber ist ein Häftling. Es gibt einen großen, ernsthaften Unterschied im Status.

וַיִּפְקֹד שַׂר הַטַּבָּחִים אֶת-יוֹסֵף אִתָּם וַיְשָׁרֶת אֹתָם וַיִּהְיוּ יָמִים בְּמִשְׁמָר:

wajifkód sar hattabbachím et-josséf ittám wajscháret otám wajihjú jamím bemischmár

4 Und der Leiter des Sicherheitsdienstes bestimmte Josef, ihnen aufzuwarten, und sie blieben dort nicht wenige Tage.

Da es Häftlinge mit Status sind, nicht einfach so Häftlinge, sondern Vertraute des Königs, steht ihnen auch im Gefängnis ein Status erhöhten Komforts zu, sie haben „VIP“-Zellen, und Josef soll sich um sie kümmern. Sar hattabbachím (der Leiter des Sicherheitsdienstes), der hier erwähnt wird, das ist Potifar. Er vertraut Josef trotz allem und gibt ihm irgendwelche ernsthaften Arbeiten.

וַיַּחַלְמוּ חֲלוֹם שְׁנֵיהֶם אִישׁ חֲלֹמוֹ בְּלַיְלָה אֶחָד אִישׁ כְּפִתְרוֹן חֲלֹמוֹ הַמַּשְׁקֶה וְהָאֹפֶה אֲשֶׁר לְמֶלֶךְ מִצְרַיִם אֲשֶׁר אֲסוּרִים בְּבֵית הַסֹּהַר:

wajachalmú chalóm schenehém isch chalomó belájla echád isch kefitrón chalomó hammaschké weha'ofé aschér lemélech mizrájim aschér asurím bewét hassóhar

5 Und sie sahen beide einen Traum, jeder seinen Traum in ein und derselben Nacht, mit seiner Bedeutung: der Mundschenk und der Bäcker, die beim König von Ägypten sind, die im Gefängnis eingesperrt sind.

Jeder von ihnen sah einen Traum. Nicht einen einzigen Traum sahen sie, das ist so eine Sprache der Tora. Und jedem war klar, dass er eine Deutung braucht, jeder Traum war prophetisch, aber unverständlich. Sie waren sich dessen bewusst, und das versetzte sie natürlich in Verwirrung.

Wozu wird „die im Gefängnis eingesperrt sind“ hinzugefügt? Die Leute sind im Gefängnis eingesperrt, in einer Zelle für vorläufigen Gewahrsam, in U-Haft, und dort ist ständig irgendein „Trubel“, gibt es irgendein Geschehen – alle denken darüber nach, was weiter mit ihnen sein wird. Stellt euch vor: Der Pharao hat sie zur weiteren Klärung ins Gefängnis gesteckt, und da sehen sie einen prophetischen Traum. Es kommt ihnen sozusagen das Urteil zu, aber auf Chinesisch geschrieben, und das erschreckt natürlich, und es ist unklar, was sein wird, und Freude bringt das nicht hinzu, Sorgen aber bringt es hinzu.

וַיָּבֹא אֲלֵיהֶם יוֹסֵף בַּבֹּקֶר וַיַּרְא אֹתָם וְהִנָּם זֹעֲפִים:

wajawó alehém josséf babbóker wajár otám wehinnám so'afím

6 Und Josef kam am Morgen zu ihnen und sah sie, und siehe, sie sind missmutig.

Man könnte meinen, die Leute sitzen im Gefängnis, und warum sollten sie fröhlich sein, warum sollten sie sich freuen? Aber Josef achtet darauf (und hier ist es uns wichtig, das festzuhalten), Josef achtet zum ersten Mal auf irgendwelche Gefühle von Menschen. Jedenfalls bemerken wir zum ersten Mal, dass Josef Aufmerksamkeit dafür zeigt, was mit den Menschen um ihn herum geschieht. Es ist gut möglich, dass (wir haben gesagt, dass Gott mit Josef war und dass Josef Gunst fand) es so war, und er ebenfalls Fürsorge für Menschen zeigte und sich um das Befinden der Menschen sorgte. Aber hier sagt uns die Tora zum ersten Mal davon. Josefs Befreiung, sein Weg nach oben beginnen damit, dass er sich dafür interessiert, warum um ihn herum missmutige Menschen sind, warum diese zwei Würdenträger missmutig sind.

וַיִּשְׁאַל אֶת-סְרִיסֵי פַרְעֹה אֲשֶׁר אִתּוֹ בְמִשְׁמַר בֵּית אֲדֹנָיו לֵאמֹר מַדּוּעַ פְּנֵיכֶם רָעִים הַיּוֹם:

wajisch'ál et-serissé far'ó aschér ittó wemischmár bet adonáw lemór maddúa penechém ra'ím hajom

7 Und er fragte die Würdenträger des Pharao, die mit ihm in Haft im Haus seines Herrn waren, und sprach: „Warum habt ihr heute solche Gesichter?“

Die Tora wiederholt, betont, dass er die Leute, die mit ihm im Haus seines Herrn eingesperrt sind, nach ihrem Befinden fragte, das heißt, Josef schiebt ihren Missmut nicht auf die Umstände: Er sah missmutige Leute, na, es ist doch klar, warum sie missmutig sind. Wenn man in Dokumentarfilmen verschiedene Gefängnisse und Häftlinge zeigt, gibt es dort wenig fröhliche Gesichter, die Gesichter der Häftlinge sind in der Regel missmutig. Aber Josef fragte sogar bei diesen Leuten, ohne es auf ihre Lage als Häftlinge zu schieben, was der Grund sei, warum sie heute so wenig fröhlich sind.

וַיֹּאמְרוּ אֵלָיו חֲלוֹם חָלַמְנוּ וּפֹתֵר אֵין אֹתוֹ וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם יוֹסֵף הֲלוֹא לֵאלֹהִים פִּתְרֹנִים סַפְּרוּ-נָא לִי:

wajomerú eláw chalóm chalámnu ufotér en otó wajomer alehém josséf haló lelohím pitroním sapperú-ná li

8 Und sie sagten zu ihm: „Wir haben einen Traum gesehen, und einen Deuter gibt es nicht bei ihm.“ Und Josef sagte zu ihnen: „bei Gott sind die Deutungen. Erzählt mir!“

Josef sagt zu ihnen: „Wie, es gibt keinen Deuter, wenn es doch immer einen Deuter gibt – Gott?“ Josef setzt sich hin, um anzuhören, was denn seine Zellengenossen auf dem Herzen haben.

וַיְסַפֵּר שַׂר-הַמַּשְׁקִים אֶת-חֲלֹמוֹ לְיוֹסֵף וַיֹּאמֶר לוֹ בַּחֲלוֹמִי וְהִנֵּה-גֶפֶן לְפָנָי:

wajsappér sar-hammaschkím et-chalomó lejosséf wajomer lo bachalomí wehinne-géfen lefanáj

9 Und der Vorsteher der Mundschenken erzählte Josef seinen Traum und sagte zu ihm: „siehe, ich sehe im Traum: eine Rebe vor mir.

וּבַגֶּפֶן שְׁלֹשָׁה שָׂרִיגִם וְהִיא כְפֹרַחַת עָלְתָה נִצָּהּ הִבְשִׁילוּ אַשְׁכְּלֹתֶיהָ עֲנָבִים:

uwaggéfen scheloschá sarigím wehiIn der russischen Umschrift steht hier nur „we“. Im hebräischen Text steht wehi („und sie“), dem folgt die deutsche Umschrift. cheforáchat aletá nizzá hiwschílu aschkelotéha anawím

10 Drei Triebe an der Rebe, und ich sehe, dass sie gleich aufbrechen wird, und siehe, sie ist erblüht, und an ihr reiften Weintrauben.

וְכוֹס פַּרְעֹה בְּיָדִי וָאֶקַּח אֶת-הָעֲנָבִים וָאֶשְׂחַט אֹתָם אֶל-כּוֹס פַּרְעֹה וָאֶתֵּן אֶת-הַכּוֹס עַל-כַּף פַּרְעֹה:

wechós par'ó bejadí wa'ekkách et-ha'anawím wa'es'chát otám el-kós par'ó wa'ettén et-hakkós al-káf par'ó

11 Und der Becher des Pharao ist in meiner Hand, und ich presse die Trauben in den Becher des Pharao, und reiche dem Pharao den Becher.“

So ein erstaunlicher Traum.

וַיֹּאמֶר לוֹ יוֹסֵף זֶה פִּתְרֹנוֹ שְׁלֹשֶׁת הַשָּׂרִגִים שְׁלֹשֶׁת יָמִים הֵם:

wajomer lo josséf se pitronó schelóschet hassarigím schelóschet jamím hem

12 Und Josef sagte zu ihm: „Hier hast du die Deutung: Drei Reben – das sind drei Tage.

בְּעוֹד שְׁלֹשֶׁת יָמִים יִשָּׂא פַרְעֹה אֶת-רֹאשֶׁךָ וַהֲשִׁיבְךָ עַל-כַּנֶּךָ וְנָתַתָּ כוֹס-פַּרְעֹה בְּיָדוֹ כַּמִּשְׁפָּט הָרִאשׁוֹן אֲשֶׁר הָיִיתָ מַשְׁקֵהוּ:

beód schelóschet jamím jissá far'ó et-roschécha wahaschiwechá al-kannécha wenatattá chos-par'ó bejadó kammischpát harischón aschér hajíta maschkéhu

13 In drei Tagen wird der Pharao dein Haupt erheben und dich an deinen Platz zurückbringen. Und du wirst ihm den Becher geben, den Becher des Pharao, in seine Hände, wie in jenen Tagen, als du ihm zu trinken gabst.

Eine sehr gute Deutung gab Josef dem Minister der Mundschenken, er hat ihn sicher beruhigt. Josef fügt dieser Deutung etwas hinzu und sagt:

כִּי אִם-זְכַרְתַּנִי אִתְּךָ כַּאֲשֶׁר יִיטַב לָךְ וְעָשִׂיתָ-נָּא עִמָּדִי חָסֶד וְהִזְכַּרְתַּנִי אֶל-פַּרְעֹה וְהוֹצֵאתַנִי מִן-הַבַּיִת הַזֶּה:

ki im-sechartáni ittechá ka'aschér jítaw lach we'assita-ná immadí chássed wehiskartáni el-par'ó wehozetáni min-habbájit hassé

14 Doch denk an mich, wenn es dir gut gehen wird, und erweise mir eine Gunst, und bring mich beim Pharao in Erinnerung, und hol mich aus diesem Haus heraus.

Die Kommentatoren stehen dieser Tat Josefs unterschiedlich gegenüber. Raschi sagt: „Weil er gebeten hat, genau deshalb saß er noch zwei Jahre im Gefängnis, weil er auf einen Menschen gehofft hat und nicht auf Gott.“ Andere Kommentatoren sagen: „Wie kann das sein, darf man etwa nicht um Hilfe bitten, wenn sich eine solche Gelegenheit ergibt?“ Das heißt also, wenn ein Mensch in einem brennenden Haus ist und einen Feuerlöscher sieht, darf er ihn nicht benutzen, sondern muss sagen: „Soll Gott dieses Feuer löschen?!“ Und ein Streit über dieses Thema wird unter den Kommentatoren natürlich geführt. Man muss und darf sich bemühen, Befreiung durch Menschen zu suchen, durch Menschen, die den Machthabern nahestehen, und so haben Juden immer gehandelt. Aber hier hätte jener Josef, mit dem Gott ständig ist, um den der Höchste sich die ganze Zeit kümmert und der gerade erst gesagt hat: „Bei Gott ist die Deutung der Träume“, sagen können: „Bring mich beim Pharao in Erinnerung, vielleicht wird Gott mich hier herausführen.“ Oder: „Vielleicht wird der HERR mir Gunst in den Augen des Pharao geben und mich hier herausführen.“ Aber Josef sagte: „Vielleicht wirst du, Mundschenk, mich hier herausholen.“ Möglicherweise wurde gerade das zum Grund dafür, dass Josef zwei Jahre länger im Gefängnis blieb. Obwohl, ich denke, dass es auch Gottes Plan war, dass Josef noch im Gefängnis saß: Hätte der Pharao ihn jetzt freigelassen, vor jenen Träumen, die der Pharao träumte, hätte Josef sein Business angefangen, wäre groß rausgekommen, hätte eine Kette koscherer Restaurants eröffnet und sich um seine Angelegenheiten gekümmert, und es wäre nicht geschehen, was geschehen ist.

Josef fährt fort und sagt, aus welchem Grund man ihn aus dieser Grube herausholen muss.

כִּי-גֻנֹּב גֻּנַּבְתִּי מֵאֶרֶץ הָעִבְרִים וְגַם-פֹּה לֹא-עָשִׂיתִי מְאוּמָה כִּי-שָׂמוּ אֹתִי בַּבּוֹר:

ki-gunnów gunnáwti me'érez ha'iwrím wegam-pó lo-assíti me'úma ki-samú otí babbór

15 Denn ich bin durch Diebstahl gestohlen worden aus dem Land der Hebräer, ich habe auch hier nichts getan, wofür man mich in die Grube setzte.“

Das heißt: „Ich bin ja schon unrechtmäßig in die Sklaverei geraten, ich bin kein Sklave, ich bin gestohlen, und man darf mich nicht als Sklaven halten.“ Josef erklärt geschickt, trägt geschickt eine Kassationsbeschwerde vor, aber das ist kein Gebet, das ist eine Bitte an einen Menschen. Möglicherweise kam auch diese Verzögerung um zwei Jahre, weil Josef hier Gott nicht erwähnt hat und vielleicht im Herzen auch nicht auf den Höchsten gehofft hat. Jedenfalls kann man es so verstehen. Alles liegt in der Hand des Höchsten, und Gott bewahre uns davor, jemanden zu verurteilen, höchstens zu besprechen. Möglicherweise gedenkt Josef hier nicht genug des Höchsten und bekommt dafür noch zwei Jahre Strafe.

וַיַּרְא שַׂר-הָאֹפִים כִּי טוֹב פָּתָר וַיֹּאמֶר אֶל-יוֹסֵף אַף-אֲנִי בַּחֲלוֹמִי וְהִנֵּה שְׁלֹשָׁה סַלֵּי חֹרִי עַל-רֹאשִׁי:

wajár sar-ha'ofím ki tow patár wajomer el-josséf af-aní bachalomí wehinné scheloschá sallé chorí al-roschí

16 Und der Oberste der Brotbäcker sah, dass Josef den Traum gut gedeutet hatte, und sagte zu Josef: „Auch ich habe in meinem Traum gesehen: und siehe, ich habe drei Körbe auf dem Kopf.

Außer dem Wort sallé (Körbe) gibt es hier das Wort chorí, und man kann es als geflochtene oder löchrige übersetzen. Aber, ehrlich gesagt, kann keiner der Kommentatoren, keiner von denen, die Fachleute für Hebräisch sind, genau sagen, was das Wort chorí hier bedeutet. Möglicherweise sind es Körbe mit Öffnungen, vom Wort chor (Loch, Öffnung). Möglicherweise Körbe mit Weißbrot, Körbe, die für Gebäck aus weißem, teurem Mehl verwendet werden. Also, drei Körbe auf dem Kopf des Bäckers im Traum.

וּבַסַּל הָעֶלְיוֹן מִכֹּל מַאֲכַל פַּרְעֹה מַעֲשֵׂה אֹפֶה וְהָעוֹף אֹכֵל אֹתָם מִן-הַסַּל מֵעַל רֹאשִׁי:

uwassál ha'eljon mikkól ma'achál par'ó ma'assé ofé weha'óf ochél otám min-hassál me'ál roschí

17 Und im obersten Korb – Speise des Pharao, Gebäck, Erzeugnisse der Bäcker, und ein Vogel frisst dieses Gebäck aus dem Korb auf meinem Kopf.“

וַיַּעַן יוֹסֵף וַיֹּאמֶר זֶה פִּתְרֹנוֹ שְׁלֹשֶׁת הַסַּלִּים שְׁלֹשֶׁת יָמִים הֵם:

wajá'an josséf wajomer se pitronó schelóschet hassallím schelóschet jamím hem

18 Und Josef antwortete und sagte: „Da hast du die Deutung: Drei Körbe – das sind drei Tage (sehr ähnlich dem, was Josef dem Mundschenk gesagt hat).

בְּעוֹד שְׁלֹשֶׁת יָמִים יִשָּׂא פַרְעֹה אֶת-רֹאשְׁךָ מֵעָלֶיךָ וְתָלָה אוֹתְךָ עַל-עֵץ וְאָכַל הָעוֹף אֶת-בְּשָׂרְךָ מֵעָלֶיךָ

be'ód schelóschet jamím jissá far'ó et-roschechá me'alécha wetalá otechá al-éz we'achál ha'óf et-bessarechá me'alécha

19 In drei Tagen wird der Pharao deinen Kopf von dir heben und dich an einem Baum aufhängen, und der Vogel wird dein Fleisch von dir fressen.“

Bis zu dieser Stelle (der versteht es, die Spannung in der Erzählung zu halten – Josef, der wunderbare Meister der Rhetorik), bis genau zu diesen Worten klingt alles genauso wie im Fall des Mundschenks. Aber anstatt zu sagen „er wird deinen Kopf erhöhen“ – „er wird dir deinen Kopf abnehmen“. So eine Deutung. Es stellt sich die Frage: Auf welche Weise deutet Josef überhaupt diese Träume? Im ersten Traum handelt der Mundschenk, er ist aktiv, er vollzieht eine bestimmte Handlung: Er presst die Rebe aus, er reicht dem Pharao den Becher. Der Bäcker hat Körbe auf dem Kopf, es ist ihm unbequem, es ist sehr schwer, sie abzunehmen, er braucht Hilfe, um sie abzunehmen. Die Vögel fressen dieses Brot, und möglicherweise hätte der Bäcker selbst es gar nicht gesehen, wenn er nicht geschlafen hätte, so wie ein Mensch nicht sieht, was auf seinem Kopf geschieht. Der Bäcker ist in seinem Traum absolut passiv, im Unterschied zum Mundschenk. Im Fall des Mundschenks gelangt der Wein letztendlich zum Pharao, das heißt, was für den Pharao bestimmt ist, das kommt auch beim Pharao an. Im Fall des Brotbäckers geschieht das nicht, sein Brot fressen die Vögel. Deshalb kann man sagen, dass der Wein im Traum des Mundschenks auch Wein bedeutet und dass dieser Traum wörtlich, realistisch ist. Der Traum des Bäckers ist symbolisch, und das Brot in seinem Traum symbolisiert sein eigenes Fleisch, das dann die Vögel auch fressen werden.

Auf diese Weise hat der Höchste den zwei Würdenträgern im Gefängnis einen doppelten Traum gesandt. Und der Pharao wird später einen Traum sehen, der zwei Träumen gleicht. Und davor hatte auch Josef zwei Träume gesehen, die von ein und demselben handeln. Josef wird zu einem ausgesprochenen Spezialisten im Enträtseln von Doppelträumen. Solche Gedanken gibt es zu den Träumen dieser Leute.

וַיְהִי בַּיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי יוֹם הֻלֶּדֶת אֶת-פַּרְעֹה וַיַּעַשׂ מִשְׁתֶּה לְכָל-עֲבָדָיו וַיִּשָּׂא אֶת-רֹאשׁ שַׂר הַמַּשְׁקִים וְאֶת-רֹאשׁ שַׂר הָאֹפִים בְּתוֹךְ עֲבָדָיו:

wajhí bajom haschelischí jom hullédet et-par'ó wajá'as mischté lechól-awadáw wajissá et-rosch sar hammaschkím we'et-rósch sar ha'ofím betóch awadáw

20 Und es geschah, am dritten Tag, dem Geburtstag des Pharao. und er machte ein Festmahl für alle seine Knechte, und er hob, erhöhte das Haupt der Mundschenke und das Haupt der Bäcker ebenfalls.

וַיָּשֶׁב אֶת-שַׂר הַמַּשְׁקִים עַל-מַשְׁקֵהוּ וַיִּתֵּן הַכּוֹס עַל-כַּף פַּרְעֹה:

wajáschew et-sár hammaschkím al-maschkéhu wajittén hakkós al-káf par'ó

21 Und er brachte den Obersten der Mundschenke zu seinem WeinIm Original steht „zu seinem Wein“. Vermutlich ist „zu seinem Amt“ gemeint, denn die beiden russischen Wörter unterscheiden sich nur in einem Buchstaben; übersetzt ist wörtlich. zurück, und er gab dem Pharao den Becher.

וְאֵת שַׂר הָאֹפִים תָּלָה כַּאֲשֶׁר פָּתַר לָהֶם יוֹסֵף

we'ét sar ha'ofím talá ka'aschér patár lahém josséf

22 Und den Obersten der Bäcker hängte er auf, wie es Josef auch gedeutet hatte.

Es stellt sich eine solche Frage: Und wozu war der Traum des Bäckers? Klar, der Mundschenk wird sich später daran erinnern, dass es Josef war, der den Traum gedeutet hat, und der Brotbäcker wird verschwinden. Gerade weil der Traum doppelt sein muss, gerade weil es ein solches doppeltes Zeugnis geben muss, damit der Mundschenk sich später im richtigen Moment an ihn erinnert, gerade dazu wird dem Brotbäcker ein Traum gesandt. Und man kann nicht sagen, dass der Höchste den Brotbäcker tötet, um Josef zu retten. Nein, der Brotbäcker musste ohnehin sterben, aber er hat eine Prophezeiung über seinen Tod erhalten.

 Also, alles hat sich erfüllt, wie Josef es auch gedeutet hatte. Und, so sollte man meinen, jetzt wird sich der Mundschenk an ihn erinnern. Geburtstag beim Pharao, der Pharao ist gut gelaunt. Gut möglich, dass er, nachdem er den Wein probiert hatte, den man ihm reichte, sagte: „Irgendwie sind die Mundschenke heutzutage nicht mehr die richtigen, da bietet man mir hier zum Truthahn Weißwein an. Man müsste darüber nachdenken, wie man den alten Mundschenk zurückholt.“ Der Pharao kam in gute Laune, und es war genau die richtige Zeit, für Josef zu bitten, aber der Oberste der Mundschenke bat nicht für ihn.

וְלֹא-זָכַר שַׂר-הַמַּשְׁקִים אֶת-יוֹסֵף וַיִּשְׁכָּחֵהוּ:

weló-sachár sar-hammaschkím et-josséf wajischkachéhu

23 Und der Oberste der Mundschenke erinnerte sich nicht an Josef, und er vergaß ihn.

Er erinnerte sich nicht an jenem Tag, und er vergaß ihn auch weiterhin; vergaß ihn weiterhin für ganze zwei Jahre, und erst im nächsten Wochenabschnitt wird er sich an ihn erinnern.

Die Frau Potifars

Vor vielen Jahren hatte ich Gelegenheit, Unterricht zum Wochenabschnitt in der psychiatrischen Klinik „Kfar Scha'ul“ zu geben, die sich in der wunderbaren Stadt Jerusalem befindet. Die Patienten einer psychiatrischen Klinik sind ein sehr gutes, lebendiges Publikum. Sie stellen ungewöhnliche Fragen, reagieren ungewöhnlich und verlangen einen kreativen Ansatz. Mit ihnen zu sprechen ist sehr interessant, und mit ihnen Tora zu lernen ist auch sehr interessant.

Einmal, gerade am Tag, an dem der Wochenabschnitt Wajeschew gelernt wurde, kam ich in die Klinik, um den Unterricht zu halten, und auf dem Flur fing mich ein Arzt ab und sagte zu mir: „Alex, ich bitte dich. Bei uns liegt hier Jossi. Na, du kennst ihn ja. Ihn haben ja gerade seine Brüder hier zur Behandlung eingewiesen. Die Geschichte vom Verkauf Josefs nimmt er sehr schwer. Er leidet ohnehin schon so. Bitte rühr diese Geschichte lieber nicht an.“ Ich (und ich hatte mich gerade auf diese Geschichte vorbereitet, um darüber zu sprechen) musste improvisieren, und ich beschloss, die Geschichte zu erzählen, wie Josef nach Ägypten kam, und wie alle um ihn herum sahen, dass Gott mit ihm ist, und wie alle ihm alles anvertrauten, was man anvertrauen kann, und wie Josef in Ägypten Erfolg hatte. Aber ich hatte Jossi unterschätzt. Jossi hörte sich diese meine Rede an (etwa fünfzehn Minuten lang) und sagte: „Und wie kam es, dass gerade in der Geschichte mit der Frau Potifars, als Josef, wie Sie sagen, seinen jézer überwand, als er in einer sehr schweren Prüfung standhielt (das ist wirklich eine schwere Prüfung für einen jungen Mann, den Nachstellungen einer Frau standzuhalten, von der er abhängig ist), wie kam es, dass der Höchste nicht für ihn eingetreten ist? Warum hat gerade in diesem Moment, als der Höchste, so sollte man meinen, Josef am meisten nötig war, Potifar nicht gesehen, dass der HERR mit ihm ist? Warum konnte Potifar nicht (für die damaligen Zeiten natürlich nicht, aber so etwas in der Art) die Videokameras abrufen, die Diener befragen, wenigstens irgendeine Untersuchung durchführen, Josef wenigstens irgendwie verhören, Josef glauben? Warum hat der Höchste Josef keine Gunst in den Augen Potifars gegeben? Warum ihm keinen Engel in den Traum gesandt? Warum ist der Höchste in keiner Weise für Josef eingetreten? Das ist die Frage aller Fragen. Gut, Potifar sah, dass Gott mit ihm ist. Dann sah der Gefängnisvorsteher, dass Gott mit ihm ist. Alle sahen, wie er Erfolg hat. Warum war gerade in diesem Moment Gott nicht in der Nähe?“

Wir haben gemeinsam das Kapitel noch einmal gelesen und eine Antwort auf diese Frage gesucht. Ich schlage euch vor, gemeinsam mit mir und mit dem Jossi aus der Vergangenheit dieses 39. Kapitel des Buches Bereschit noch einmal zu lesen und zu versuchen, verschiedene Antworten auf seine Fragen zu geben.

וְיוֹסֵף הוּרַד מִצְרָיְמָה וַיִּקְנֵהוּ פּוֹטִיפַר סְרִיס פַּרְעֹה שַׂר הַטַּבָּחִים אִישׁ מִצְרִי מִיַּד הַיִּשְׁמְעֵאלִים אֲשֶׁר הוֹרִדֻהוּ שָׁמָּה׃

WEJOSSÉF HURÁD MIZRÁJMA WAJIKNÉHU POTIFÁR SERÍS PAR'Ó SAR HATTABBACHÍM ISCH MIZRÍ MIJÁD HAJISCHME'ELÍM ASCHÉR HORIDÚHU SCHÁMMA

1 Und Josef wurde nach Ägypten hinabgebracht, und es kaufte ihn Potifar, ein Eunuch (Wächter) des Pharao, der Leiter des Strafdienstes, ein ägyptischer Mann, aus der Hand der Jischmaeliten, die ihn dorthin hinabgebracht hatten.

Das Wort סְרִיס sarís übersetzt man gewöhnlich als Eunuch. Und dann entsteht im Russischen eine solche Assoziation, dass er unbedingt ein Kastrat ist. Wenn man das Wort sarís zerlegt: sa-rís – das ist Leibwächter oder Hüter des Kopfes, der den Kopf trägt. Derjenige, der Zugang zum Leib des Pharao hat, derjenige, der das Recht hat, in Gegenwart des Pharao auf Armeslänge zu sein. Also, der saris des Pharao, Potifar, sar hattabbachím – Leiter des Strafdienstes, möglicherweise. Das Wort tabbách kann Henker bedeuten, es kann aber auch einfach Koch bedeuten, je nachdem, was der tabbách schneidet. Na, lasst uns übersetzen: Leiter des Sicherheitsdienstes.

Also, Josef landete in Ägypten. Potifar, der Leiter des Sicherheitsdienstes des Pharao, kaufte ihn von ihnen.

וַיְהִי יְהוָה אֶת-יוֹסֵף וַיְהִי אִישׁ מַצְלִיחַ וַיְהִי בְּבֵית אֲדֹנָיו הַמִּצְרִי׃

WAJHÍ ADONÁJ ET-JOSSÉF WAJHÍDie russische Umschrift hat beim zweiten wajhí einen überzähligen Buchstaben. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. ISCH MAZLÍACH WAJHÍ BEWÉT ADONÁW HAMMIZRÍ

2 Und der HERR war mit Josef, und er war erfolgreich in allem, und er war im Haus seines Herrn, des Ägypters.

Was Josef auch anrührt, in allem hat er Erfolg, alles gelingt ihm, alles läuft bei ihm gut. Man sieht, dass der HERR mit Josef ist.

וַיַּרְא אֲדֹנָיו כִּי יְהוָה אִתּוֹ וְכֹל אֲשֶׁר-הוּא עֹשֶׂה יְהוָה מַצְלִיחַ בְּיָדוֹ׃

WAJÁR ADONÁW KI ADONÁJ ITTÓ WECHÓL ASCHER-HÚ OSSÉ ADONÁJ MAZLÍACH BEJADÓ

3 und sein Herr sah, dass der HERR mit ihm ist, und in alles, was er tut, legt der HERR Erfolg hinein.

וַיִּמְצָא יוֹסֵף חֵן בְּעֵינָיו וַיְשָׁרֶת אֹתוֹ וַיַּפְקִדֵהוּ עַל-בֵּיתוֹ וְכָל-יֶשׁ-לוֹ נָתַן בְּיָדוֹ׃

wajimzá josséf chen be'enáw wajscháret otó wajafkidéhu al-wetó wechol-jesch-ló natán bejadó

4 Und Josef fand Gnade in seinen Augen, und er machte ihn zu seinem persönlichen Adjutanten, und zuerst setzte er ihn über sein Haus, und dann gab er ihm alles in die Hände, was er hatte.

Josef macht Karriere. Er findet Gnade in den Augen seines Herrn. Zuerst macht der Herr ihn zu seinem persönlichen Diener. Das ist eine sehr enge Bekanntschaft. Dann setzt er ihn als Hausverwalter ein. Und schließlich macht er ihn zum vollen Verwalter über alles, was er hat.


וַיְהִי מֵאָז הִפְקִיד אֹתוֹ בְּבֵיתוֹ וְעַל כָּל-אֲשֶׁר יֶשׁ-לוֹ וַיְבָרֶךְ יְהוָה אֶת-בֵּית הַמִּצְרִי בִּגְלַל יוֹסֵף וַיְהִי בִּרְכַּת יְהוָה בְּכָל-אֲשֶׁר יֶשׁ-לוֹ בַּבַּיִת וּבַשָּׂדֶה׃

wajhí me'ás hifkíd otó bewetó we'ál kol-aschér jesch-ló wajwárech adonáj et-bét hammizrí biglál josséf wajhí birkát adonáj bechol-aschér jesch-ló babbájit uwassadé

5 und es war seit der Zeit, da er ihn in seinem Haus eingesetzt hatte, über alles, was er hat (das heißt, als Josef den Gipfel seiner Karriere im Haus Potifars erreicht hatte), und der HERR segnete das Haus des Ägypters um Josefs willen. und der Segen Gottes war auf allem, was er hat, sowohl im Haus als auch auf dem Feld.

Das heißt, nicht nur dort, wo Josef arbeitet, sondern überall, in allen Angelegenheiten erhielt Potifar Segen. Überall, wo er Besitztümer hatte, hatte er in allem Erfolg. Und selbstverständlich ist das ein großer Segen. Wir erinnern uns aus der Geschichte mit Lawan, dass Lawan Jaakow einmal erzählte: „Ich habe wahrgesagt, und ich habe gesehen, dass durch dich der Segen zu mir gekommen ist.“ Wenn zu einem Menschen Segen kommt und er plötzlich Erfolg hat, sucht er natürlich die Ursache dieses Erfolgs, um ihn zu festigen. Und auch Potifar war kein Dummkopf. Und er begriff, dass der Segen durch Josef zu ihm kommt.

Nebenbei gesagt, das ist die Natur des Namens Josef selbst. Josef bedeutet er wird hinzufügen. Man sagt, dass die Hinzufügung des Höchsten immer größer ist als die Grundlage. Zum Beispiel, wenn ein Mensch hingeht und ein Kilogramm Fleisch kauft und den Metzger bittet (wenn er schon bezahlt hat): „Legen Sie noch ein wenig dazu.“ Wie viel legt der Metzger dazu? Er legt noch ein klein wenig dazu, vielleicht 50 Gramm, vielleicht 100 Gramm. Im Orient nennt man das „mit Draufgabe“. Nachdem ein Mensch ein Kilogramm Beeren gekauft hat, sie gewogen und bezahlt sind, legt man ihm noch eine Handvoll Beeren dazu. Und das nennt man „Draufgabe“. Das ist so eine Hinzufügung von Herzen. Und nun sagt man, dass der Höchste mehr hinzufügt, als da ist. Zu einem Kilogramm Fleisch kann der Höchste vier Kilogramm und mehr hinzufügen. Das ist das Wesen dieser Hinzufügung vom Höchsten. Und der Name Josefs selbst bezeichnet Segen, Vermehrung. Deshalb, wenn Potifar oder der Gefängnisvorsteher der Ursache des Segens auf den Grund gehen wollten, musste man nicht weit gehen, sondern konnte der Bedeutung des Namens auf den Grund gehen. Na ja, und wahrscheinlich hätten auch die örtlichen Wahrsagerinnen und Wahrsagerchen darauf hingewiesen, und hätten auch ihre Kristallkugeln aufgemacht.

וַיַּעֲזֹב כָּל-אֲשֶׁר-לוֹ בְּיַד-יוֹסֵף וְלֹא-יָדַע אִתּוֹ מְאוּמָה כִּי אִם-הַלֶּחֶם אֲשֶׁר-הוּא אוֹכֵל וַיְהִי יוֹסֵף יְפֵה-תֹאַר וִיפֵה מַרְאֶה׃

waja'asów kol-ascher-ló bejad-josséf welo-jadá ittó me'úma ki im-halléchem ascher-hú ochél wajhí josséf jefe-tó'ar wifé mar'é

6 und alles, was er hat, gab er Josef, und er selbst rührte nichts an außer dem Brot, das er isst. und Josef war schön von Gestalt und schön von Angesicht.

Hier muss man ein wenig tiefer ergründen, was das Brot, das er isst bedeutet. Sehr oft wird das Essen des Brotes mit der Ehefrau in Verbindung gebracht, das heißt, in solch einer reinen Sprache verwendet die Tora einen Euphemismus und sagt: „Alles gab er ihm, außer seiner eigenen Frau.“ Und Josef ist schön von Gestalt und schön von Angesicht. Auch das passt gut zu der Konnotation, dass von der Frau die Rede ist. Aber vielleicht, gut möglich, dass buchstäblich vom Brot die Rede ist, das heißt, nur sein Menü wählte Potifar selbst für sich aus. Und vielleicht kochten es auch Leute, die Josef unterstellt waren. Manche sagen: „Wir erinnern uns, dass es für die Ägypter ein Gräuel ist, mit Hebräern zu essen, und deshalb ließ Potifar Josef aus religiösen Gründen das Essen nicht anrühren. In allem Übrigen aber vertraute er ihm.“ Aber wir betrachten alle Varianten, keine können wir verwerfen.

Damit endet die Geschichte von Josefs Gedeihen und die Geschichte von Josefs Karriere. Ab dem siebten Vers lesen wir: וַיְהִי wajhí (und es war). Das ist sozusagen der Anfang einer neuen Geschichte.


וַיְהִי אַחַר הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה וַתִּשָּׂא אֵשֶׁת-אֲדֹנָיו אֶת-עֵינֶיהָ אֶל-יוֹסֵף וַתֹּאמֶר שִׁכְבָה עִמִּי׃

wajhí achár hadewarím ha'élle wattissá éschet-adonáw et-enéha el-josséf wattómer schichwá immí

7 und es war nach diesen Dingen, und die Frau des Herrn erhob ihre Augen auf Josef und sagte zu ihm: „Leg dich zu mir.“

Leg dich zu mir. In gröbster Form – schlaf mit mir.

וַיְמָאֵן

wajma'én

8 und er weigerte sich…

Im Wort wajma'én steht über dem Buchstäbchen א (Alef) in der Torarolle eben jenes Zeichen (der Triller), über das wir schon mit euch gesprochen haben. Man kann lesen: wajma'éeeeeeeeen, das heißt er weigerte sich, er widersetzte sich, er hielt sich zurück. Aber eben dieser Triller beim Lesen des Wortes weist auf eine gewisse innere Verwirrung hin.

וַיֹּאמֶר אֶל-אֵשֶׁת אֲדֹנָיו הֵן אֲדֹנִי לֹא-יָדַע אִתִּי מַה-בַּבָּיִת וְכֹל אֲשֶׁר-יֶשׁ-לוֹ נָתַן בְּיָדִי׃

wajomer el-éschet adonáw hen adoní lo-jadá ittí ma-babbájit wechól ascher-jesch-ló natán bejadí

…und sagte zur Frau seines Herrn: „Siehe, der Herr weiß nicht, was in seinem Haus vor sich geht, alles hat er mir anvertraut. Alles, was er hat, hat er in meine Hände gegeben.

אֵינֶנּוּ גָדוֹל בַּבַּיִת הַזֶּה מִמֶּנִּי וְלֹא-חָשַׂךְ מִמֶּנִּי מְאוּמָה כִּי אִם-אוֹתָךְ בַּאֲשֶׁר אַתְּ-אִשְׁתּוֹ

enénnu gadól babbájit hasseDie russische Umschrift hat im Wort für „dieses“ einen O-Laut statt eines E-Lautes. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: hasse. mimménni welo-chassách mimménni me'úma ki im-otách ba'aschér at-ischtó

9 und es gibt niemanden in diesem Haus, der größer wäre als ich. Und er hat mir nichts vorenthalten außer dir, denn du bist seine Frau…

Und diese Aussage Josefs, als er persönlich zur Frau spricht, erlaubt uns ebenfalls, zwei Verse zurückzugehen: dass mit diesem Brot möglicherweise eben die Frau gemeint ist.

וְאֵיךְ אֶעֱשֶׂה הָרָעָה הַגְּדֹלָה הַזֹּאת וְחָטָאתִי לֵאלֹהִים׃

we'éch e'essé hara'á haggedolá hassót wechatáti lelohím

…wie soll ich denn dieses Böse tun? Ich werde vor dem HERRN sündigen.“

Was sagen diese Verse? Josef zuerst wajma'én, zuerst wollte er das nicht tun. Zuerst ist seine Antwort nein, obwohl das Kantillationszeichen auf ein gewisses seelisches Hin und Her hinweist. Und darüber werden wir noch sprechen. Aber außer der Antwort nein muss man der Herrin ja noch irgendeine Erklärung geben. Man kann der Herrin nicht einfach nein sagen, weil du ihr Sklave bist. Das erfordert eine gewisse Haltung. Man kann ihr sagen, dass die Intimität einer verheirateten Frau mit einem fremden Mann Ehebruch ist und dass das verboten ist. Aber kaum wird sie das verstehen. Denn ich denke, sie weiß, dass das verboten ist. Das ist genau das, was sie will. Josef spricht mit ihr über etwas anderes. Josef spricht mit ihr über Treue und Dankbarkeit. Und er sagt: „Wie könnte ich so mit meinem Herrn umgehen, nach dem, was er mit mir getan hat, nachdem er mir alles anvertraut hat? Damit würde ich vor Gott sündigen.“

וַיְהִי כְּדַבְּרָהּ אֶל-יוֹסֵף יוֹם יוֹם וְלֹא-שָׁמַע אֵלֶיהָ לִשְׁכַּב אֶצְלָהּ לִהְיוֹת עִמָּהּ׃

wajhí kedabberá el-josséf jom jom welo-schamá eléha lischkáw ezlá lihjot immá

10 und es war, nachdem sie Tag für Tag mit Josef geredet hatte, hörte er nicht auf sie, sich zu ihr zu legen oder mit ihr zu sein.

Tag für Tag setzte die Herrin Josef zu und bedrängte Josef. Das ist eine sehr schwere Prüfung. Was sagte sie? Zuerst sagte sie: lischkáw ezlá – mit ihr schlafen, dann einfach eine Weile bei ihr sein. Dieser Potifar ist wer weiß wo unterwegs, er ist mit Geschäften beschäftigt, aber der Sklave ist hier. „Hör mich an. Niemand liebt mich. Liebkose mich, umarme mich, sitz bei mir, wisch mir die karge Träne von der Wange.“ Und so bedrängte sie Josef Tag für Tag.

Wieder lesen wir im 11. Vers: וַיְהִי (wajhí) und es war. Wieder der Anfang einer neuen Geschichte.

וַיְהִי כְּהַיּוֹם הַזֶּה וַיָּבֹא הַבַּיְתָה לַעֲשׂוֹת מְלַאכְתּוֹ וְאֵין אִישׁ מֵאַנְשֵׁי הַבַּיִת שָׁם בַּבָּיִת׃

wajhí kehajom hassé wajawó habbájta la'asót melachtó we'én isch me'ansché habbájit scham babbájit

11 und es war wie an jenem Tag, und er kam ins Haus, um seine Arbeit zu tun, und niemand von den Hausleuten ist im Haus.

Hier muss man sagen, dass die Kommentatoren darüber auseinandergehen, was an jenem Tag geschah. Manche Kommentatoren sagen: „Josef kam wirklich einfach, um seine Arbeit zu tun. Nichts Schlechtes war geplant. Und die Frau Potifars gab sich krank und ging nicht zu irgendeiner öffentlichen Veranstaltung, irgendeinem heidnischen Fest, das sie hatten. Und Josef kam, und sie ist völlig unerwartet zu Hause.“ Andere Kommentatoren sagen, dass Josef den Überredungen doch nachgab und zu ihr kam, als niemand zu Hause war.

Man muss sagen (das muss man immer im Gedächtnis behalten), dass es beim Herangehen an das Studium der Schrift zwei Grundlagen gibt. Die einen sagen: „Das sind unsere Väter, sie sind heilig. Alle Helden der Bibel sind heilig, und keinerlei Gedanken an Sünde und nichts dergleichen kann ihnen widerfahren.“ Andere sagen: „Nein. Sowohl die Patriarchen als auch die Kinder Jaakows, und Josef im Besonderen, und David, und sogar Mosche – sie alle konnten sündigen. Und aus ihren Sünden, aus ihren Fehlern können wir etwas lernen. Hier ist Josef ein junger Mann, den die Herrin bedrängt, er gab der Versuchung nach.“ Dritte sagen: „Das war so eine Berechnung. Wenn er nicht einwilligt, kann sie ihn verleumden, was am Ende ja auch geschah. Sie kann ihn verleumden und sagen: ‚Da, diese Hebräer. Du hast einen Hebräer hierhergebracht, und er ist gekommen, um mich zu vergewaltigen.‘ Und die Hebräer werden enthauptet werden, und zusammen mit ihnen der Gott Israels.“ Und Josef wollte nach dieser Auslegung vielleicht nicht so sehr diese Frau, als vielmehr diesen Nachstellungen ein Ende machen und sich vor dem Chilul HaSchem (der Entweihung des Namens) bewahren. Zu dieser Frage werden wir noch zurückkehren.


וַתִּתְפְּשֵׂהוּ בְּבִגְדוֹ לֵאמֹר שִׁכְבָה עִמִּי וַיַּעֲזֹב בִּגְדוֹ בְּיָדָהּ וַיָּנָס וַיֵּצֵא הַחוּצָה׃

WATTITPESÉHU BEWIGDÓ LEMÓR SCHICHWÁ IMMÍ WAJA'ASÓW BIGDÓ BEJADÁ WAJÁNOS WAJEZÉ HACHÚZA

12 und sie packte ihn an seinem Gewand und sagte zu ihm: „Leg dich zu mir.“ und er warf (und ließ) das Gewand in ihrer Hand und lief hinaus.

Was ist das Gewand? Ein Obergewand auszuziehen ist nicht so einfach. Und wieder sagen die Kommentatoren: „Vielleicht hatte er schon vor, dieses Gewand auszuziehen. Im allerletzten Moment hielt er inne.“ Was hielt ihn auf? Manche sagen: „Ihn hielten die Erinnerungen an Jaakow auf. Er hielt nicht wegen seiner Vergangenheit inne. Vielleicht wurde er im Haus Jaakows erzogen und hat vieles verinnerlicht.“ Lasst uns daran denken, dass seine Brüder ihn verkauft haben. Von Treue zu welcher Tradition kann da die Rede sein? Das ist auch ein sehr großer Zweifel und eine sehr große Prüfung für Josef, diese Gegenwart Gottes bei sich zu spüren, obwohl seine leiblichen Brüder ihn verkauft haben. Ihn verkauften Brüder nicht nur dem Blut nach, sondern auch dem Glauben nach. Praktisch verkaufte ihn fast das ganze jüdische Volk, das zu jener Zeit existierte. Aber Josef sieht Jaakow, Josef sieht, dass hinter all dem und hinter seinem Leben eine Zukunft steht. Und ihn hält (nach der Version, dass er sich tatsächlich verführen ließ) nicht die Vergangenheit auf, sondern die Zukunft. Und er läuft von der Frau Potifars davon.

Na ja, weiter wissen wir es. Die Frau erhob ein Geschrei und sagte genau so: „Da, du hast einen Hebräer hierhergebracht, um mit uns Spott zu treiben.“ Und Potifar, der seiner Frau glaubte, steckt Josef in den Kerker. Josef landet im Gefängnis.

Und weiter, als er im Gefängnis ist, lesen wir wieder: „Und Gott war mit Josef, und das sah der Gefängnisvorsteher.“ Und wieder geschieht mit Josef dieselbe Geschichte. Er macht Karriere. Und es bleibt die Frage: Warum ist der Höchste hier nicht für Josef eingetreten? Eine sehr berechtigte Frage.

Beginnen wir damit, dass wir die Version genannt haben, dass Josef sich von dieser Frau verführen ließ. Die Kommentatoren sagen: „Josef ist schön von Gestalt, schön anzusehen. Nur über einen einzigen Mann in der ganzen Tora steht so etwas geschrieben.“ Offenbar wirklich ein schöner Mensch. Er hat im Haus Potifars gewisse Höhen erreicht. Und wieder, wie die Kommentatoren sagen: „Er fing an, seinen Bart zu schmücken. Er fing an, sich irgendwelche Frisuren zu machen, er fing an, sich für sein Äußeres zu begeistern. Das ist verständlich. Ein junger, schöner Mensch, im Dienst ließ er sich davon verführen.“ Und der Höchste sagte zu ihm: „Dein Vater sitzt dort in Trauer, und du putzt dich hier heraus. Siehe, Ich werde eine Bärin auf dich hetzen.“ Und hinter dieser ganzen Geschichte mit dem Versuch, Josef zu verführen, und dahinter, dass Josef im Gefängnis landet, steht der Höchste, der zu Josef sagt: „Putz dich nicht heraus. Denk daran, dass dort dein Vater ist, der sich um dich sorgt, der um dich trauert.“ Und auch über ihn ist gesagt: wajma'én („Und er weigerte sich, sich trösten zu lassen“). Und es ergibt sich, dass gerade darin, dass Josef ins Gefängnis kam, die Gegenwart des Höchsten in seinem Leben liegt. Das ist die Hand des Höchsten.

Andere Kommentatoren sagen: „Da ist Josef – ein Mensch, ein gerechter Mensch, der sich wirklich vor der großen Versuchung zurückgehalten hat, der der Verführung dieser Frau nicht nachgegeben hat. Und er ist hier wirklich nicht schuldig. Er hatte nicht die Absicht, mit dieser Frau zu sündigen. Keine Sekunde dachte er an sie. Aber außer dem, dass es Josef gibt, gibt es auch das Volk Israel. Außer dem, dass es das Leben Josefs gibt, gibt es noch das Leben, den Plan des Volkes Israel. Und deshalb ist der Höchste hier im Leben Josefs gegenwärtig, gebraucht ihn trotz all seiner Leiden (ja, das ist ein Gerechter, dem es schlecht geht), gebraucht ihn zur Rettung des Volkes Israel. Darüber wird Josef selbst später sagen: ‚Ihr dachtet, mich zu verkaufen. Ihr habt Böses im Sinn gehabt. Der Höchste hat es zum Guten gewendet.‘“

Es gibt noch eine Erklärung, noch einen Kommentar. Und wieder erinnere ich an das, was ich ständig wiederhole, dass Kommentare mehr über die Kommentatoren aussagen als über die Ereignisse, die diese Kommentatoren kommentiert haben. Als die Brüder Josef packten, rissen sie ihm dieses Hemd herunter (הפסים hapassím, das gestreifte, oder farbige Hemd, oder Hemd mit langen Ärmeln), rissen ihm das Hemd herunter, das seine ganze Würde symbolisierte. Und von dieser Stufe stieg er hinab in die Grube. Und in diesem Zustand sehen wir, dass der HERR mit ihm war. Er erinnerte sich, dass das zum Guten dienen kann. Er glaubte, dass das zum Guten dienen kann. Deshalb, als die Frau Potifars ihm nachstellte und ihm drohte und sagte: „Ich werde über dich erzählen“, verstand er, dass eine solche Drohung besteht. „Ich werde über dich erzählen, ich werde dich in Schande bringen, ich werde dich ins Gefängnis bringen, ich kann mit dir überhaupt alles machen, was ich will, ich kann dir etwas anhängen.“ Und es wird eine große Schmähung des Namens geben. So ist es auch geschehen. Wir erinnern uns, die Frau fing an zu sagen: „Du hast uns diesen Hebräer gebracht, um uns zu schmähen.“ Und das Brandmal fiel gleichsam nicht nur auf Josef, sondern auch auf die Hebräer, und, wie wir schon gesagt haben, auch auf den Gott Israels. Josef verstand, dass selbst durch Schmähung der Höchste wirken kann. Selbst durch Schmähung kann die Rettung kommen. Er hatte das ja selbst schon erlebt: Die Brüder zogen ihm das Hemd aus, er war geschmäht, höchstwahrscheinlich wurde er nackt auf dem Basar verkauft, auf dem Sklavenmarkt. Und er hatte verinnerlicht, was im Buch Ijow gesagt ist: „Er erhebt die Erniedrigten in die Höhe, und die Bedrückten werden durch Rettung erhöht.“ Josef verstand, dass die Erniedrigung nicht das Ende ist und dass aus der Erniedrigung Rettung und Erhöhung erwachsen können. Und deshalb, nach diesem Verständnis, war Gott auch die ganze Zeit mit Josef. Und er war in jenen Beziehungen, in denen Josef ihn sehen konnte. Wenn wir uns nicht in dem Zustand befinden, in dem Josef ist, scheint es uns, dass Gott Josef in diesem Moment verlassen hat. Aber in Wirklichkeit ist das ganz und gar nicht so.

Damit haben wir mit jenem Zuhörerkreis das Lesen des Wochenabschnitts beendet. Alle Anwesenden hörten drei Varianten, drei Erklärungen, und Josi sagte: „Mir liegt das Nichtverstehen näher. Mir ist es wahrscheinlich einfacher, das so zu verstehen, dass ich nicht auf jeder meiner Stufen, nicht in jedem meiner geistlichen Zustände die Gegenwart Gottes in meinem Leben spüre. Nicht weil Gott abwesend ist, sondern einfach weil ich nicht auf der geistlichen Stufe bin, um ihn zu spüren. Und wenn es mir scheint, dass der Höchste im Leben Josefs nicht gewirkt hat, so scheint es nur mir so, weil ich einfach Josi bin, und er – Josef. Also muss man geistlich wachsen.“ Das ist die Schlussfolgerung, die Josi für sich gezogen hat.

Na ja, und jeder von uns kann Schlüsse ziehen, sie ändern, das von verschiedenen Seiten betrachten. Und es beschränkt sich ja auch nicht alles auf drei Erklärungen. Es kann in der Tora nicht so sein, dass es nur drei Erklärungen gibt. Aber wenn es uns scheint, dass Gott uns verlassen hat, wäre es gut, daran zu denken, dass es uns vielleicht nur so scheint.

Und wir beenden hiermit unser Gespräch über Josef und die Frau Potifars.

Josef und der Maschiach

Der Wochenabschnitt erzählt vom Verkauf Josefs. Vor allem sollte man verstehen, dass die jüdische Tradition und die christliche Tradition Parallelen zwischen Josef und dem Maschiach ziehen. Deshalb kann man in der Geschichte vom Verkauf Josefs Parallelen zu den Beziehungen zwischen Israel und dem Messias sehen. Es ist nicht ganz klar, wer genau Josef verkauft hat. Die Tora erzählt, dass die Brüder vorhatten, ihn zu verkaufen. Das war der Vorschlag Jehudas. Jehuda wollte nicht den Tod Josefs, und deshalb sagte er: „Wird es uns etwa irgendeinen Nutzen bringen, wenn wir ihn töten? Lasst uns ihn den Söhnen Jischmaels verkaufen. Da kommt ihre Karawane.“ Die Tora sagt, dass die Brüder auf Jehuda hörten. Weiter erzählt die Tora, dass Leute aus Midjan vorbeizogen, Kaufleute. Sie zogen Josef aus der Grube und verkauften Josef für 20 Silberlinge an die Jischmaeliter. Das heißt, beim Lesen der Tora sieht es so aus, dass die Brüder Josef nicht verkauften, sie hatten es vor, kamen aber nicht mehr dazu. Ihn zogen die Midjaniter heraus und verkauften ihn an die Söhne Jischmaels.

Die Brüder selbst hielten, wie wir später sehen werden, Josef für umgekommen. Sie sagen zueinander: „Siehe, sein Blut wird von uns gefordert.“ Und als später Jehuda vor Josef steht, ohne ihn zu erkennen, sagt er: „Unser Bruder ist gestorben.“ Re'uwen macht den Brüdern Vorwürfe: „Habe ich euch etwa nicht gewarnt, nicht die Hand an ihn zu legen. Jetzt bezahlen wir für sein Blut.“ Das heißt, nach dem Text der Tora zu urteilen, glauben die Brüder selbst, dass Josef umgekommen ist. Sie haben ihn nicht verkauft, aber Re'uwen, als er zur Grube kam, fand ihn einfach nicht.

Josef ist nicht gestorben. Er ist verschwunden. Er ist in Ägypten aufgestiegen. Und dieser sein Aufstieg in Ägypten und sein Verlust für Israel – all diese Ereignisse waren Teil des Plans des Höchsten.

Als Jaakow Josef schickt, um nach den Brüdern zu sehen, sagt die Tora: „Jaakow, sandte ihn aus dem Tal von Chewron.“ Einer der bekanntesten Kommentatoren der Tora – Raschi – fragt: „Chewron liegt doch auf einem Berg. Wie kann es dann heißen, dass er ihn aus dem Tal sandte?“ Und antwortet: „Aus dem Tal – im Sinne von aus den Tiefen, aus der Tiefe des Plans des Höchsten.“ Und später, als Josef den Brüdern erzählt, was geschehen ist, sagt er zu ihnen: „Nicht ihr habt das getan, sondern Gott.“ In allen Ereignissen, die damit verbunden sind, wie Josef nach Ägypten kam und dort aufstieg, ist die Hand des Höchsten zu sehen. Und wir können Parallelen zwischen dem Leben Josefs und dem sehen, was mit Jeschua geschah.

Auch Jeschua wird verkauft, und das Volk Israel hält ihn für umgekommen. Wie die Brüder Josef für einen Träumer, einen Hochmütigen und für einen hielten, der Böses über sie redet, so verhielt sich auch Israel gegenüber Jeschua, es gab Erbitterung gegen Jeschua. Es gibt auch eine Täuschung in Bezug auf den Tod Jeschuas. Und so wie die Ägypter die Weisheit Josefs annahmen und ihn zum König machten, ihn praktisch zum König über sich machten, so haben auch die Völker der Welt Jeschua als ihren König angenommen. Genau so wie für die Ägypter Josef die rechte Hand des Pharaos war, so hat sich auch für die Völker der Welt Jeschua zur Rechten des Höchsten gesetzt. Wir sehen, dass sich diese Parallelen im Messias erfüllt haben.

Und es gibt noch eine Parallele, die sich erst noch erfüllen muss. Als Josef sagt: „Brüder, ich bin Josef. Lebt mein Vater noch?“ Und es geschieht das Erkennen und die Reue. Es bedarf nicht vieler Worte, es gibt keine Vorwürfe, und es gibt keinen Streit und keine Kränkungen. Josef sagt einfach, dass er Josef ist, und alles wird verständlich. Und genauso muss es sich auch an Maschiach Jeschua erfüllen, wenn er zum Volk sagen wird: „Ich bin Maschiach Jeschua“, indem er vor ihnen in königlichen Gewändern erscheint. Und die Zweifel werden verschwinden. Alles wird verständlich werden. Genauso wie im Fall Josefs wird verständlich werden, dass das der Plan des Höchsten war. Die Erbitterung gegen Jeschua, seine Hinrichtung, die Verhärtung gegen ihn nach seinem Tod und die Auferstehung – all das war Teil des Plans des Höchsten. Und wenn Jeschua sich dem Volk offenbart, wird das verständlich werden. Genauso wie die Söhne Israels kamen und sich vor Josef verneigten, so wird, wenn die Zeit kommt, das Volk Israel kommen und sich vor Jeschua verneigen.

Jeder hat seinen eigenen Traum

Wir werden heute mit euch den Abschnitt über die Träume noch einmal lesen, die der Mundschenk und der Bäcker sahen. Über dieses Thema wird sehr wenig gesprochen. Wir werden versuchen zu verstehen, auf welche Weise Josef die Träume des Mundschenks und des Bäckers gerade so gedeutet hat, wie er sie gedeutet hat, und was das für uns heute bedeutet.

Natürlich sehe ich sofort Einwände voraus. Josef selbst sagt zum Mundschenk und zum Bäcker: „Von Gott ist die Deutung der Träume.“ Kein Zweifel, die Deutung der Träume ist vom Höchsten. Und die Frage ist, ob sie als Prophetie gegeben wird, das heißt als irgendein fertiger Text, als irgendeine fertige Entschlüsselung, oder ob Josef sich auf die Weisheit stützt, die er vom Höchsten erhalten hat, auf die Erfahrung, die er hat, dank dessen, dass der Höchste ihn auf diese Deutung vorbereitet hat. Und ich werde darüber sprechen, dass in unserem Fall gerade die zweite Variante am wahrscheinlichsten ist.

Also, die Vorgeschichte. Nach der falschen Anschuldigung der Belästigung kommt Josef aus dem Haus Potifars ins Gefängnis. Im Gefängnis gewinnt er schnell die Gunst der Obrigkeit. Genauso wie es im Haus Potifars geschah, hat er praktisch die Leitung über das Gefängnis. Der Gefängnisvorsteher vertraut ihm vollständig. Kein Wunder, dass, als „zufällig“ der Oberste der Mundschenken und der Oberste der Bäcker (hohe Würdenträger beim Pharao) ins Gefängnis geraten, der Gefängnisvorsteher Josef diesen vornehmen Würdenträgern zuteilt und sie eine Zeit lang zusammen im Gefängnis verbringen.

Wir beginnen mit dem Lesen ab Vers 5 von Kapitel 40.


וַיַּחַלְמוּ חֲלוֹם שְׁנֵיהֶם אִישׁ חֲלֹמוֹ בְּלַיְלָה אֶחָד

wajachalmú chalóm schenehém isch chalomó belájla echád

5 da sahen sie beide einen Traum (sie beide – das sind der Mundschenk und der Bäcker), jeder seinen eigenen Traum in ein und derselben Nacht…

Lasst uns darauf achten, dass nicht geschrieben steht wajachalmú chalomót – und sie sahen Träume, sondern sie sahen einen Traum. Als ob sich diese zwei Träume zu einem gemeinsamen Traum zusammenfügen. Ähnliches werden wir sehen, wenn Josef später zum Pharao sagen wird: „Diese Träume des Pharao, diese beiden Träume – das ist ein Traum.“ Also, in ein und derselben Nacht sahen zwei Menschen verschiedene Träume, die sich möglicherweise zu einem Traum zusammenfügen werden.

אִישׁ כְּפִתְרוֹן חֲלֹמוֹ

isch kefitrón chalomó

…jeder nach der Deutung seines Traumes.

Wie kann man das verstehen? Man kann es so verstehen, dass jeder fühlte, jeder verstand, dass gerade dieser Traum seine Deutung verlangt. Wir alle sehen Träume, sehen verschiedene Träume. Manchmal scheint es uns, dass das einfach Träume sind, und Rambam sagte: „Alle Träume reden Unwahres.“ Und andere sagen: „Träume folgen einfach den Gedanken des Menschen.“ Und es gibt sehr viele verschiedene Überlegungen darüber, wie Träume entstehen, sowohl in der Tora als auch in der modernen Wissenschaft. Und bei Weitem nicht alle Träume verlangen eine Deutung. Aber hier waren die Träume mit Deutung. Und manche Kommentatoren sagen, dass sie (jeder von ihnen – sowohl der Bäcker als auch der Mundschenk) noch dazu auch die Deutungen sahen, sie aber vergaßen.

Wer sah diese Träume?

הַמַּשְׁקֶה וְהָאֹפֶה אֲשֶׁר לְמֶלֶךְ מִצְרַיִם אֲשֶׁר אֲסוּרִים בְּבֵית הַסֹּהַר׃

hammaschké weha'ofé aschér lemélech mizrájim aschér asurím bewét hassóhar

…der Mundschenk und der Bäcker, die beim König von Ägypten sind, die Gefangene im Gefängnis sind.


וַיָּבֹא אֲלֵיהֶם יוֹסֵף בַּבֹּקֶר וַיַּרְא אֹתָם וְהִנָּם זֹעֲפִים׃

wajawó alehém josséf babbóker wajár otám wehinnám so'afím

6 und Josef kam am Morgen zu ihnen, und sah sie, und siehe, sie sind missmutig.

Josef kommt am Morgen zu den zwei Gefangenen, die aus ihrer hohen Stellung ins Gefängnis geworfen wurden. Und siehe da, eine Überraschung – sie sind missmutig. Wie reagierte Josef darauf?

Einmal habe ich in Be'er-Schewa so eine kleine Szene gesehen, ich habe sogar bei mir auf Facebook davon erzählt. Durch die Stadt führt früh am Morgen ein Papa einen Jungen in den Kindergarten. Der Vater treibt ihn zur Eile an, weil der Papa noch seine eigenen Dinge zu erledigen hat und man es auch rechtzeitig in den Kindergarten schaffen muss. Ihnen entgegen kommt eine ältere Frau, Schura, älter, ein wenig kränklich, mit ihren Wehwehchen, mit ihren Problemen. Der Junge bleibt stehen und sagt: „Hallo, Schura! Wie geht es dir?“ Sie führen einen kleinen Smalltalk von etwa drei Minuten und gehen auseinander. Und der Papa sagt: „Na, wir haben es doch eilig. Warum bleibst du stehen?“ Der Junge sagt: „Papa, erinnerst du dich, womit die Befreiung Josefs begann?“ Der Papa versteht überhaupt nicht, worauf sein Sohn mit dieser Erzählung hinauswill, und sagt: „Na, wie war das da mit den Träumen... Träume… Träume hat er da dem Mundschenk und dem Bäcker gedeutet.“ Und der Junge antwortet: „Nein, Papa. Das beginnt früher, als er sah, dass sie missmutige Gesichter haben, und fragte: Warum seid ihr so missmutig?“

Und wir lesen im 7. Vers:


וַיִּשְׁאַל אֶת-סְרִיסֵי פַרְעֹה אֲשֶׁר אִתּוֹ בְמִשְׁמַר בֵּית אֲדֹנָיו לֵאמֹר מַדּוּעַ פְּנֵיכֶם רָעִים הַיּוֹם׃

wajisch'ál et-serissé far'ó aschér ittó wemischmár bet adonáw lemór maddúa penechém ra'ím hajom

7 und er fragte die Würdenträger des Pharao, die mit ihm in Gewahrsam im Haus ihres Herrn sind, und sprach: „Warum habt ihr heute so schlechte Gesichter?“

Das heißt, Josef sagt nicht: „Na, weshalb sollten sie sich eigentlich freuen, was sollten sie da grinsen, sie sitzen doch im Gefängnis, klar, dass sie missmutig sind, und wer ist hier schon fröhlich?“ Und Josef selbst sitzt im Gefängnis, und auch er selbst hat keinen Grund zum Fröhlichsein. Und, so scheint es, na, sie sind traurig und sind eben traurig über das Ihre, über ihre Würdenträgersachen. Aber Josef geht nicht daran vorbei und erkundigt sich sehr freundschaftlich: „Warum seid ihr, meine Freunde, so traurig?“ Gerade damit beginnt seine Befreiung.


וַיֹּאמְרוּ אֵלָיו חֲלוֹם חָלַמְנוּ וּפֹתֵר אֵין אֹתוֹ וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם יוֹסֵף הֲלוֹא לֵאלֹהִים פִּתְרֹנִים סַפְּרוּ-נָא לִי׃

wajomerú eláw chalóm chalámnu ufotér en otó wajomér alehém josséf haló lelohím pitroním sapperu-ná li

8 und sie sagten zu ihm: „einen Traum haben wir gesehen, und es gibt niemanden, der diesen Traum deuten könnte“. und Josef sagte zu ihnen: „Gott gehören doch die Deutungen, erzählt mir“.

Gott kann deuten, erzählt mir, nicht weil ich hier an Gottes Stelle bin. Sondern lasst uns mit Gottes Hilfe diesen Traum deuten. Erzählt mir, und wir werden versuchen zu verstehen.


וַיְסַפֵּר שַׂר-הַמַּשְׁקִים אֶת-חֲלֹמוֹ לְיוֹסֵף וַיֹּאמֶר לוֹ בַּחֲלוֹמִי וְהִנֵּה-גֶפֶן לְפָנָי׃

wajsappér sar-hammaschkím et-chalomó lejosséf wajomer lo bachalomí wehinne-géfen lefanáj

9 und das Haupt der Mundschenken erzählte Josef seinen Traum und sagte zu ihm: „Ich sah einen Traum, und siehe, vor mir eine Weinrebe;

וּבַגֶּפֶן שְׁלֹשָׁה שָׂרִיגִם וְהִיא כְפֹרַחַת עָלְתָה נִצָּהּ הִבְשִׁילוּ אַשְׁכְּלֹתֶיהָ עֲנָבִים׃

uwaggéfen scheloschá sarigím wehí cheforáchat aletá nizzá hiwschílu aschkelotéha anawím

10 und an dieser Rebe drei Zweige, und als ob sie (diese Zweige) erblühten und Knospen trieben, und dann reiften in ihren Trauben die Beeren.

Irgendein Prozess, der gewöhnlich mehrere Monate dauert, zieht jetzt vor den Augen des Mundschenks rasend schnell vorüber, als würde er einen Film in sehr beschleunigtem Modus ansehen, er sieht das alles sehr beschleunigt. Und diese Geschwindigkeit hält an.


וְכוֹס פַּרְעֹה בְּיָדִי וָאֶקַּח אֶת-הָעֲנָבִים וָאֶשְׂחַט אֹתָם אֶל-כּוֹס פַּרְעֹה וָאֶתֵּן אֶת-הַכּוֹס עַל-כַּף פַּרְעֹה׃

wechós par'ó bejadí wa'ekkách et-ha'anawím wa'eschát otám el-kós par'ó wa'ettén et-hakkós al-káf par'ó

11 und der Becher des Pharao in meinen Händen, und ich nahm die Weinbeeren, und presste sie in den Becher des Pharao aus, und gab den Becher dem Pharao in die Hände.“

Falls hier jemand denkt, dass es ganze Strömungen gibt, ganze Konfessionen, die aufgrund ihrer Theologie davon sprechen, dass die Menschen der Antike keinen Wein tranken. Nein, natürlich nicht. Im Haus des Pharao trinkt man Wein. Der Pharao trinkt keinen Traubensaft, nicht einmal frisch gepressten, er trinkt Wein. Und hier hält die Beschleunigung an, das heißt, der Traubensaft verwandelt sich im Becher des Pharao in Wein. Na, übrigens ist das ein Detail, auf dem ich überhaupt nicht bestehe, und es hat für uns wenig Bedeutung. Also, alles, was der Mundschenk sieht, sieht er in beschleunigter Form. Das ist also der Traum, den der Mundschenk sah.

Ab dem 12. Vers lesen wir, wie Josef diesen Traum deutet.


וַיֹּאמֶר לוֹ יוֹסֵף זֶה פִּתְרֹנוֹ שְׁלֹשֶׁת הַשָּׂרִגִים שְׁלֹשֶׁת יָמִים הֵם׃

wajomer lo josséf se pitronó schelóschet hassarigím schelóschet jamím hem

12 und Josef sagte zu ihm: „Das ist die Deutung dieses Traumes: drei Zweige – das sind drei Tage;

בְּעוֹד שְׁלֹשֶׁת יָמִים יִשָּׂא פַרְעֹה אֶת-רֹאשֶׁךָ וַהֲשִׁיבְךָ עַל-כַּנֶּךָ וְנָתַתָּ כוֹס-פַּרְעֹה בְּיָדוֹ כַּמִּשְׁפָּט הָרִאשׁוֹן אֲשֶׁר הָיִיתָ מַשְׁקֵהוּ׃

be'ód schelóschet jamím jissá far'ó et-roschécha wahaschiwechá al-kannécha wenatattá chos-par'ó bejadó kammischpát harischón aschér hajíta maschkéhu

13 in drei Tagen wird der Pharao dein Haupt erheben und dich an deinen Platz zurückbringen, und du wirst den Becher des Pharao in seine Hände geben, wie es früher festgelegt war, als du sein Mundschenk warst.

כִּי אִם-זְכַרְתַּנִי אִתְּךָ כַּאֲשֶׁר יִיטַב לָךְ וְעָשִׂיתָ-נָּא עִמָּדִי חָסֶד וְהִזְכַּרְתַּנִי אֶל-פַּרְעֹה וְהוֹצֵאתַנִי מִן-הַבַּיִת הַזֶּה׃

ki im-sechartáni ittechá ka'aschér jítaw lach we'assita-ná immadí chássed wehiskartáni el-par'ó wehozetáni min-habbájit hassé

14 aber wenn ich von dir zusammen mit dir erwähnt werde, wenn es dir gut gehen wird, erweise mir eine Gnade, und erwähne du mich vor dem Pharao, und er wird mich aus diesem Haus herausholen,

Den 14. Vers kann man als Fortsetzung der Deutung verstehen, obwohl nicht alle ihn so verstehen. ki im-sechartáni ittechá – aber wenn ich von dir zusammen mit dir erwähnt werde. Ein sehr interessanter Satz. Wenn dieser Traum ein Traum ist, der auch für mich ein Traum ist.

כִּי-גֻנֹּב גֻּנַּבְתִּי מֵאֶרֶץ הָעִבְרִים וְגַם-פֹּה לֹא-עָשִׂיתִי מְאוּמָה כִּי-שָׂמוּ אֹתִי בַּבּוֹר׃

ki-gunnów gunnáwti me'érez ha'iwrím wegam-pó lo-assíti me'úma ki-samú otí babbór

15 denn durch Raub geraubt worden bin ich aus dem Land der Iwrim, und auch hier habe ich nichts getan, dass man mich in die Grube setzte.

Rabbi Schlomo Jizchaki, ein bekannter Kommentator der Tora, erklärt und legt so aus: „Josef zeigte hier eine Schwäche in seinem Glauben und vertraute auf die Gnade des Mundschenks, indem er zu ihm sagte: ‚Na, setz du dich dort für mich ein.‘“ Dafür, dafür, dass er nicht auf den Höchsten vertraute, sondern auf den Mundschenk vertraute, wurden Josef nach Meinung von Rabbi Schlomo Jizchaki 2 Jahre Gefängnishaft hinzugefügt, er wird noch 2 Jahre im Gefängnis sein. Das ist nicht die einzige Auslegung. Es gibt Kommentatoren, die sagen: „Warum sich nicht einsetzen, warum nicht Beziehungen nutzen, was ist daran schlecht?“ Und außerdem können wir diese seltsame sprachliche Konstruktion am Anfang des 14. Verses sehen: im-sechartáni ittechá – wenn ich von dir erwähnt bin zusammen mit dir, wenn du diesen Traum auch über mich gesehen hast. Das heißt, Josef sieht, dass das ein Traum von der Befreiung ist. Und er sagt: „Möglicherweise geht es auch um meine Befreiung, und auch mich wird Gott an meinen Platz zurückbringen, wie auch dich. Deshalb setz du dich dort für mich ein. Vielleicht ist das ein Traum über uns beide.“ Warum Josef so dachte, darüber sprechen wir später noch. Das ist die Deutung, die Josef diesem Traum gibt.

Man kann sagen, dass es sehr ähnlich auch bei der Deutung des Traums des Pharao später klingt, wenn Josef von sieben fetten Jahren und sieben mageren Jahren erzählen und sogleich irgendeinen praktischen Rat geben wird, als Teil der Traumdeutung. Auch hier sagt Josef, als Teil der Traumdeutung, möglicherweise: „Wenn ich zusammen mit dir erwähnt bin.“ Interessant ist, dass Josef hier (das haben wir im 40. Kapitel gelesen, und wir wissen, wie alles enden wird) die Deutung des Traums über den Bäcker nicht abwartet. Warum wartet er nicht ab? Vielleicht ahnt er schon voraus, wovon der Bäcker geträumt hat. Darüber sprechen wir noch.

Als der Bäcker eine so gute Deutung sieht, fasst er Mut und sagt:


וַיַּרְא שַׂר-הָאֹפִים כִּי טוֹב פָּתָר וַיֹּאמֶר אֶל-יוֹסֵף אַף-אֲנִי בַּחֲלוֹמִי וְהִנֵּה שְׁלֹשָׁה סַלֵּי חֹרִי עַל-רֹאשִׁי׃

wajár sar-ha'ofím ki tow patár wajomer el-josséf af-aní bachalomí wehinné scheloschá sallé chorí al-roschí

16 und der Bäcker sah, dass Josef diesen Traum gut gedeutet hatte, und er sagte zu Josef: „Da, auch ich in meinem Traum, und siehe, drei geflochtene Körbe auf meinem Kopf,

וּבַסַּל הָעֶלְיוֹן מִכֹּל מַאֲכַל פַּרְעֹה מַעֲשֵׂה אֹפֶה וְהָעוֹף, אֹכֵל אֹתָם מִן-הַסַּל מֵעַל רֹאשִׁי׃

uwassál ha'eljon mikkól ma'achál par'ó ma'assé ofé weha'óf ochél otám min-hassál me'ál roschí

17 im allerobersten Korb (das heißt, er hat einen Korb im anderen, und die zwei unteren Körbe sind völlig nutzlos, und im dritten, obersten Korb…) die Speise des Pharao – das Werk der Hände des Bäckers, und die Vögel fressen dieses Brot, dieses Gebäck aus dem Korb über meinem Kopf.

Sehr kurz erzählte er seinen Traum nach.

וַיַּעַן יוֹסֵף וַיֹּאמֶר זֶה פִּתְרֹנוֹ שְׁלֹשֶׁת הַסַּלִּים שְׁלֹשֶׁת יָמִים הֵם׃

wajá'an josséf wajomer se pitronó schelóschet hassallím schelóschet jamím hem

18 und Josef antwortete ihm und sagte zu ihm: „dies ist seine Deutung: drei Körbe – das sind drei Tage,

בְּעוֹד שְׁלֹשֶׁת יָמִים יִשָּׂא פַרְעֹה אֶת-רֹאשְׁךָ

be'ód schelóschet jamím jissá far'ó et-roschechá …

19 in drei Tagen wird der Pharao DEINEN Kopf erheben (genau mit denselben Worten, wie er auch zum Mundschenk gesagt hatte – der Pharao wird deinen Kopf erheben).

מֵעָלֶיךָ

me'alécha

… von dir.

Wenn es dort heißt – zusammen mit dir wird er erheben, dich wird er erheben, so hier – wird er dir den Kopf abreißen. Aber dieser sehr gemessene Text trifft den Bäcker unerwartet. Alles klang genau so wie beim Mundschenk, und plötzlich – er wird deinen Kopf erheben, aber nicht so, wie du denkst, sondern er wird dir den Kopf abreißen, abhauen.

וְתָלָה אוֹתְךָ עַל-עֵץ וְאָכַל הָעוֹף אֶת-בְּשָׂרְךָ מֵעָלֶיךָ׃

…wetalá otechá al-éz we'achál ha'óf et-besarechá me'alécha

…und er wird dich an einem Baum aufhängen, und der Vogel des Himmels wird dein Fleisch fressen.

So ist die Deutung der zwei Träume. Wahrscheinlich wird es nicht nur mir allein so vorkommen, dass das grausam gegenüber dem Bäcker ist. Genau so zu deuten anzufangen wie für den Mundschenk. Den Menschen schon auf diese Freude vorzubereiten, dass, siehe, auch er freigelassen wird. Und plötzlich so etwas – bumm! Der Pharao wird den Kopf von deinen Schultern herunter erheben, und man wird dich aufhängen, und die Vögel werden dein Fleisch fressen. Es braucht nicht nur viel Mut, viel Kühnheit für eine solche Deutung, viel Entschlossenheit, viel innere Ehrlichkeit, denn, wie wir sehen werden, versteht Josef diesen Traum als einen Traum auch über sich selbst. Auch sich selbst deutet er diesen Traum, spricht diesen Traum aus, wie auch im Fall mit dem ersten Traum, mit dem Traum des Mundschenks.

Den ersten Traum deutet Josef in allem wörtlich. Der erste Traum, den der Mundschenk sieht, ist ein Traum, der den Mundschenk in Aktion sieht. Da ist er, da ist die Weinrebe, da ist die Hand des Pharao (vielleicht ist der Pharao selbst noch nicht zu sehen, aber da ist sie, die Hand des Pharao). Und der Mundschenk sieht sich selbst bei der Arbeit, und praktisch sagt Josef zu ihm: „Der Traum wird wahr. Was du gesehen hast, das wird auch sein.“ Es gibt fast keine symbolische Deutung. Das Einzige, was im Traum des Mundschenks symbolisch gedeutet wird, sind die drei Reben, die drei Tage sind. Wenn man annimmt, dass der Mundschenk und der Bäcker ihre Träume im Speisesaal des Gefängnisses erzählten, oder im Schachklub des Gefängnisses, oder beim Spiel mit anderen Häftlingen, Tischtennis oder Backgammon, dann hätte jeder der Häftlinge die drei Reben genauso gedeutet, genauso hätte er die drei Körbe gedeutet. Warum? Weil das ganze Gefängnis weiß, dass in drei Tagen der Geburtstag des Pharao ist. Alle warten darauf, weil es möglicherweise eine Amnestie geben wird. Deshalb sind drei Tage eine im Grunde verständliche Deutung, und alles andere im Traum des Mundschenks ist verständlich. Ein sehr klarer Traum.

Im Traum des Bäckers wird alles symbolisch gedeutet, außer vielleicht dem Vogel. Der Bäcker selbst sieht sich selbst. Hier gibt es keine Bewegung, keine Handlung, außer dem Bäcker, der mit drei Körben wie mit einer Krone aus Brot über seinem Kopf dasteht – es gibt nichts. Hier ist der Bäcker stolz darauf, dass er Bäcker ist, dass er für sich selbst ein stolzer Bäcker in stolzer Einsamkeit ist, er ist trotzdem Bäcker.

Die Ägypter (die heutige Wissenschaft sagt das, natürlich später, dass das eine historische Entdeckung ist) waren die Ersten, die begannen, Hefebrot zu machen. Sie sind Hersteller von Hefebrot, und sie waren stolz darauf. Im Judentum (natürlich in späterer Zeit und ebenfalls im Rahmen der Geschichte des Auszugs aus Ägypten) wird Chamez, Hefebrot, Brot, das aufgeht, mit dem jezer hara (dem bösen Trieb des Menschen). verglichen. Aber hier ist der Mensch stolz auf seine Kunst, der Mensch ist stolz darauf, dass er Bäcker ist. Er hat drei Körbe, nur einer von ihnen hat irgendeinen Nutzen, nur in einem von ihnen ist Brot. Übrigens, auf verschiedenen Zeichnungen (ich habe mir Bilder angesehen, die den Traum des Bäckers und den Traum des Mundschenks darstellen) wird sehr oft dargestellt, dass der Bäcker in allen drei Körben Brot hat und sie einer auf dem anderen auf seinem Kopf stehen, aber das alles ist nicht so.

Tatsächlich ist Ägypten der erste Ort, wie die Historiker annehmen, und ganz sicher der erste Ort in der Region, wo man begann, Hefebrot herzustellen. Ägypten war sehr stolz auf das Hefebrot. Im Jahr 2016 hat der Ägyptologe und kecke Wissenschaftler Seamus Blackley aus Hefeüberresten (irgendwelchen Hefen, die gefunden wurden) das altägyptische Brot wiederhergestellt. Ich hatte keine Gelegenheit, es zu probieren, aber man sagt, sie hatten gutes Brot.

Der Bäcker ist für sich selbst Bäcker. Er steht in keinem Dienst. Ja, in seinem Korb ist die Speise des Pharao, aber der Pharao ist dort nicht in der Nähe. Er steht für sich selbst, ganz sein eigener. Warum deutet Josef das Brot als das Fleisch des Bäckers. Brot als Fleisch – das sind sehr christliche Bilder. Natürlich kann man auf christliche Weise hier sehr viel Interessantes entfalten. Das ist so ein gutes Zeugnis dafür, dass Brot das Fleisch symbolisieren kann, aber darum geht es hier nicht. Das Brot symbolisiert eben dieses Ego, eben diese Besonderheit des Dienstes. Warum deutet Josef den einen Traum wörtlich und den anderen Traum symbolisch? Man hätte sagen können: „In drei Tagen wirst du dem Pharao Brot bringen, und im Hof werden Raben über dich herfallen, aber die Palastwache wird sie verjagen.“

Josef selbst hatte früher auch zwei verschiedene Träume gesehen. Im ersten Traum waren die Brüder, waren die Garben, war die Sorge um die Nahrung, alle verneigten sich vor ihm. Das alles ist verständlich. Er musste verstehen, dass man, siehe, mit Josefs Hilfe irgendwelche finanziellen Probleme lösen wird. Die Besonderheit des ersten Traums ist, dass dort alle auf dem Feld arbeiteten. Jeder tat seinen Dienst, und Josef selbst war im Dienst. Das ist kein irgendwie statischer Traum. Dort waren die Leute mit Arbeit beschäftigt, auch Josef war bei der Arbeit. Im zweiten Traum, den Josef sah (der zweite Traum hat eine symbolische Deutung, und es gibt keine Handlung in ihm, nichts tut Josef in ihm), verneigen sich die Sonne, der Mond und elf Sterne vor ihm, und er nimmt in diesem Traum offenbar nur die Verneigung entgegen.

Das heißt, wenn man die zwei Paare von Träumen nimmt, worin sind sie ähnlich? Dass der erste eine direkte Bedeutung hat – da sind die Brüder, da sind die Garben. Alles ist verständlich. Im zweiten – Sterne, Sonne, Mond, und Jaakow gibt diesem Traum eine symbolische Deutung. Es ist verständlich, dass der erste Traum wörtlich gedeutet wird, der zweite Traum – symbolisch. Und hier ist ein ähnliches Paar.

Es ist verständlich, dass man symbolisch deuten muss, aber warum gerade auf den Tod hin deuten? Auch Josef hat zwei Wahlmöglichkeiten, gleichsam zwei Träume (diese beiden Träume – sie sind in gewissem Maße auch Josefs Träume): entweder du dienst mit deiner ganzen Erfahrung, mit deinem ganzen Können, du reichst dem Pharao den Becher, du schaust auf den Pharao (na ja, auf deinen Herrn, natürlich, eine Parallele für Josef); oder du bist der Sternen-Josef, der sich, wie der Bäcker, selbst daran berauscht, dass sich alle vor ihm verneigen, und das ist der Weg zum Tod. Das ist ein Josef, der sterben kann, weil dort auch seine Mutter unter denen ist, die sich verneigen, möglicherweise, weil das schon eine andere Welt ist, schon eine tote. Dort kann Josef sterben. Das ist der Weg des Lebens, das ist der Weg des Todes. Entweder du dienst, du bist im Dienst. Oder du bist stolz auf deine Stellung als Diener, auf deine Stellung als Bäcker stolz, und dann führt dieser Weg natürlich zum Tod.

Das sind solche zwei Deutungen, zwei Varianten, diesen Traum zu verstehen. Jetzt die Frage: Und wie steht es dann mit jenem Teil der Deutung, als Josef zum Mundschenk sagt: „Wenn du mich zusammen mit dir gesehen hast“? Warum hat der Mundschenk Josef vergessen? Doch lasst uns bis zum Ende lesen.

וַיְהִי בַּיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי יוֹם הֻלֶּדֶת אֶת-פַּרְעֹה וַיַּעַשׂ מִשְׁתֶּה לְכָל-עֲבָדָיו;

WAJHÍ BAJOM HASCHELISCHÍ JOM HULLÉDET ET-PAR'Ó WAJÁ'AS MISCHTÉ LECHOL-AWADÁW

20 und es war am dritten Tag, es war der Geburtstag des Pharaos, und er machte ein Festmahl für alle seine Diener, für alle seine Arbeiter…

Nun, es ist wieder klar, dass alle im Gefängnis davon wussten.

וַיִּשָּׂא אֶת-רֹאשׁ שַׂר הַמַּשְׁקִים וְאֶת-רֹאשׁ שַׂר הָאֹפִים בְּתוֹךְ עֲבָדָיו׃

WAJISSÁ ET-RÓSCH SAR HAMMASCHKÍM WE'ET-RÓSCH SAR HA'OFÍM BETÓCH AWADÁW

…erhob er die Köpfe sowohl des Mundschenks als auch des Bäckers inmitten seiner Sklaven,


וַיָּשֶׁב אֶת-שַׂר הַמַּשְׁקִים עַל-מַשְׁקֵהוּ וַיִּתֵּן הַכּוֹס עַל-כַּף פַּרְעֹה׃

WAJÁSCHEW ET-SÁR HAMMASCHKÍM AL-MASCHKÉHU WAJITTÉN HAKKÓS AL-KÁF PAR'Ó

21 und er brachte den Mundschenk zu seinem Wein zurück, und er gab den Becher in die Hände des Pharaos,


וְאֵת שַׂר הָאֹפִים תָּלָה; כַּאֲשֶׁר פָּתַר לָהֶם יוֹסֵף׃

WE'ÉT SAR HA'OFÍM TALÁ KA'ASCHÉR PATÁR LAHÉM JOSSÉF

22 den Obersten der Bäcker aber hängte er, wie Josef es ihnen entschlüsselt (gedeutet) hatte.


וְלֹא-זָכַר שַׂר-הַמַּשְׁקִים אֶת-יוֹסֵף וַיִּשְׁכָּחֵהוּ׃

WELO-SACHÁR SAR-HAMMASCHKÍM ET-JOSSÉF WAJISCHKACHÉHU

23 und der Oberste der Mundschenke erinnerte sich nicht an Josef und vergaß ihn.

Hat Josef sich geirrt? Was wäre gewesen, wenn der Oberste der Mundschenke zum Pharao gekommen wäre und zu ihm gesagt hätte: „Genosse Pharao, wissen Sie, da im Gefängnis war ein Mann, der mir einen Traum gedeutet hat. Ein guter Mann sitzt für nichts und wieder nichts“? Na ja, alle sitzen für nichts und wieder nichts. Und die Deutung des Traums ist so lala eine Deutung. Aber selbst wenn der Pharao sich eingemischt hätte, dann hätte man Josef tatsächlich an seinen Arbeitsplatz zurückgebracht, ins Haus Potifars. Man hätte ihn freigesprochen, und der Pharao hätte ihm eine Bescheinigung über seine Unschuld ausgestellt. Vielleicht hätte Potifar sich mit seiner Frau zerstritten. Egal, aber die Geschichte wäre damit zu Ende gewesen. Oder vielleicht hätte man Josef in die Freiheit entlassen. Er wäre richtig in Fahrt gekommen, hätte irgendein Geschäft angefangen, bei seinem Unternehmungsgeist.

Die Sache ist die, dass der Mundschenk tatsächlich einen Traum gesehen hat, und zwar auch über Josef. Auch Josef soll zum Pharao aufsteigen. Jetzt, dank dem Mundschenk und dem Bäcker, ist Josef mit dem Pharao bekannt, wie man heute sagt, über einen einzigen Händedruck. Und tatsächlich sagt der Traum, dass Josef wiederhergestellt werden wird, dass er in das Haus des Pharaos erhoben werden wird. Und Josef hat alles richtig verstanden, und völlig zu Recht hat der Mundschenk ihn vorübergehend vergessen. Er wird sich an ihn erinnern, tatsächlich, er wird sich erinnern, genau dann, wenn für Josef die Zeit kommt, im Haus des Pharaos zu erscheinen. Und davon handelt der Traum Josefs. Gerade im Haus des Pharaos, und davon handelt der Traum des Mundschenks in dem Sinn, in dem er auch Josef betrifft. Er wird zurückkehren, er wird sich im Haus des Pharaos wiederfinden, er wird nicht in das Haus Potifars zurückkehren.

Und welche Schlussfolgerung gibt es für uns? Die Schlussfolgerung: Was die Träume Josef lehren, das lehren sie auch uns. Wenn du im Dienst stehst, wenn du an irgendeinem Handeln beteiligt bist, mitwirkst, wenn deine Stellung dazu gebraucht wird, mit dem Dienst zu dienen, der deiner Stellung entspricht, dann bist du auf dem richtigen Weg. Wenn du einfach stolz bist auf deinen „Ausweis“, auf deinen Titel, auf deinen Status, dann ist das ein Weg des Todes. Wenn du ein Starmensch bist, dann kannst du dich als toter Mensch wiederfinden. Das ist natürlich nur einer der möglichen Blickwinkel auf die Träume des Mundschenks und des Bäckers. Ich bestehe keineswegs darauf, dass das die einzige richtige Version ist. Ich lege nur Holz ins kleine Feuer der Gedanken nach.

Haftara

Bereschit Amos 2,6–3,8

Wir werden einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Amos lesen, vom 6. Vers des 2. Kapitels bis zum 8. Vers des 3. Kapitels dieses Buches. Um besser zu verstehen, wovon Amos in unserem Abschnitt spricht, erinnern wir uns, wovon der Prophet Amos von Anfang an spricht. Der Höchste spricht durch den Propheten Amos davon, dass Sein Zorn über die Völker, die Israel umgeben, unabwendbar ist (über Damesek, über Asa, über Aschdod, über Tejman). In Bezug auf jedes der Völker sagt der Höchste, wofür Sein Zorn über diesem Volk unabwendbar ist. Aber der Höchste hat den Propheten Amos nicht gesandt, um zu diesen Völkern zu reden. All diese Worte sind an das Volk Israel gerichtet. Möglicherweise dazu, dass solche für den Mund Israels guten Worte, Balsam für die Seele des Israeliten, die Aufmerksamkeit der Menge auf sich ziehen. Allen ist es angenehm, sich zu versammeln und zuzuhören, was für Fieslinge und Buhmänner um uns herum leben, wie der Höchste über unsere bösen Nachbarn zürnt und wie Er sie bestrafen wird. Und wenn sich dann um den Propheten eine Menge versammelt, die ihm mit offenem Mund zuhört und sich vielleicht auch vor Freude die Hände reibt, dann ertönt die Prophezeiung des Propheten über das Volk Israel. Und genau sie werden wir lesen.

כֹּה אָמַר יְהוָה עַל-שְׁלֹשָׁה פִּשְׁעֵי יִשְׂרָאֵל וְעַל-אַרְבָּעָה לֹא אֲשִׁיבֶנּוּ עַל-מִכְרָם בַּכֶּסֶף צַדִּיק וְאֶבְיוֹן בַּעֲבוּר נַעֲלָיִם׃

koh amar adonaj al schloscha pischej jisra'el we al arba'a lo aschiwennu al michram bakkessef zaddik we'ewjon ba'awur na'alajim

6 So hat der HERR gesprochen: „Für drei Verbrechen Israels und für vier werde Ich es nicht zurückbringen (nicht abwenden), dafür, dass sie den Gerechten für Geld verkauft haben (verkaufen) und den Armen – für Sandalen.“

Fast jeder Satz verlangt seine eigene Erklärung. Was bedeutet עַל-שְׁלֹשָׁה פִּשְׁעֵי יִשְׂרָאֵל וְעַל-אַרְבָּעָה לֹא אֲשִׁיבֶנּוּ? Manche übersetzen es so: „Wegen drei und vier Verbrechen Israels werde Ich meinen Zorn von ihm nicht abwenden.“ Das Wort אֲשִׁיבֶנּוּ (aschiwennu) wird hier als ich werde es abwenden übersetzt und bezieht sich auf den Zorn, auf die Strafe Gottes. Andere verstehen es so: „Wegen drei, vier Verbrechen werde Ich aufhören, es zu mir zurückzubringen.“ Rabbi Jossi bar Jehuda sagt im Traktat Joma im Babylonischen Talmud (Traktat Joma 86b) so: „Hat ein Mensch gesündigt – vergibt man ihm.“ Das heißt, wenn ein Mensch irgendein Vergehen begeht, schickt der Höchste ihm irgendwelche Menschen und irgendwelche Umstände ins Leben, um diesen Menschen zu sich zurückzubringen. Wenn er, nachdem der Mensch sich wiederhergestellt hat, ein zweites Mal sündigt, tut der Höchste ein zweites Mal dasselbe. Und wenn der Mensch zum dritten Mal sündigt, schafft der Höchste wieder Umstände um ihn herum und Menschen um ihn herum, um diesen Menschen zurückzubringen. Wenn der Mensch es zum vierten Mal tut, dann schickt der Höchste keine Menschen mehr in sein Leben. Wenn der Mensch selbst erwacht, wenn er einen inneren Antrieb haben wird zurückzukehren, dann kehrt er natürlich zurück, und der Höchste nimmt ihn an. Das klingt zusammen mit dem, was im Buch Ijow gesagt wird: „Das alles tut Gott zweimal, dreimal mit einem Menschen“ (das sind die Worte Elihus aus dem Buch Ijow 33,29).

Es gibt zwei Auffassungen dieses Satzes. Die erste: für drei, vier Verbrechen, das heißt, wenn irgendwelche Verbrechen zur Natur geworden sind, Teil des Volkes geworden sind, zu allgemein üblichem Verhalten geworden sind, wird der Höchste schon unabwendbar seinen Zorn über dieses Volk ausgießen. Die andere Auffassung ist, dass der Höchste nach drei, vier Malen aufhört, sein Volk zur Umkehr zu rufen. Sowohl das eine als auch das andere ist sehr schwer zu verstehen und anzunehmen, weil ich (was mich betrifft) an die bedingungslose Gnade des Höchsten glaube, daran, dass Er immer die Umkehr des Sünders will.

Wovon ist weiter die Rede?

עַל-מִכְרָם בַּכֶּסֶף צַדִּיק וְאֶבְיוֹן בַּעֲבוּר נַעֲלָיִם

al michram bakkessef zaddik we'ewjon ba'awur na'alajim

…dafür, dass sie den Gerechten für Geld verkaufen und den Armen für Sandalen.

Man kann das in der einfachen Bedeutung verstehen, auf verschiedenen Wegen. Erstens kann man es so sagen: Da ist irgendein Gerechter, ein Armer, der ein gerechter Mensch ist, aber nicht reich an Geld, und es hat sich so ergeben, dass er Schulden bekommen hat. Für diese Schuld, selbst wenn es eine ganz unbedeutende Schuld ist, nicht mehr als der Preis von Sandalen, verkauft man ihn in die Sklaverei.

Ein anderes Verständnis betrifft die Richter. Der Höchste spricht sehr oft vom wahren Gericht. Und man kann es so verstehen: Die Richter neigen sich beim Fällen des Urteils gegen den armen Menschen und gegen den gerechten Menschen für ein kleines Bestechungsgeld, für ein Bestechungsgeld, das alles in allem gerade mal Sandalen wert ist. Das heißt, sie sind nicht nur bestechlich, sondern ihre Bestechlichkeit ist so gewohnt, dass nicht einmal mehr ein großes Schmiergeld nötig ist, so natürlich ist die Korruption in Israel geworden.

Es gibt ein drittes Verständnis. Um es zu verstehen, erinnern wir uns, was im Buch Rut (4,7) gesagt wird: „Und so war es in Israel von alters her Brauch: Beim Loskauf und beim Tausch zog zur Bestätigung jeder Sache der eine seinen Schuh aus und gab ihn dem anderen. Und das war in Israel ein Zeugnis.“ Das heißt, wenn etwas verkauft oder gekauft wurde, damit die Leute sehen: genommen-angenommen, verkauft-gekauft – wurde ein Schuh von Hand zu Hand weitergegeben. Und hier sagt der Prophet, dass man den Gerechten verkauft, den Armen verkauft, ohne jede Gewissensregung, öffentlich, ohne sich zu schämen, ohne Gewissensregung, nach allen Traditionen und Bräuchen des Volkes. Was man, wenn es denn schon, Gott bewahre, sein muss, heimlich und mit Scham tun müsste, das tut man, als ob es in der Ordnung der Dinge wäre und als ob es völlig legalisiert wäre.

Ich bringe ein solches Beispiel. Vor vielen Jahren suchte ich für meine Familie eine Mietwohnung in der Stadt Be'er-Schewa. Be'er-Schewa besteht aus vielen verschiedenen Vierteln, in denen auch die Bevölkerung verschieden ist. In einem der Viertel der Stadt bot man eine sehr billige Wohnung an. Der Preis war sehr verlockend. Ich sah sie mir an und zweifelte nach der Besichtigung noch, ob ich sie mieten sollte oder nicht. Die Wohnung ist irgendwie nicht besonders, aber der Preis … Und da ging ich in einen Laden, um mir etwas zu kaufen. Es war ein kleines Lädchen im Hof. Da stand eine Schlange von drei, vier Leuten, und während ich in der Schlange stand, kamen plötzlich zwei Männer herein und sagten: „Entschuldigung, bei uns ist es dringend.“ Sie legten ein Tütchen mit Hanf auf die Waage, und der eine sagte: „Na, siehst du, da sind 15 Gramm. Worüber hast du dich aufgeregt?“ Sie sagten dem Verkäufer danke und gingen. Und ich begriff: Wenn man in diesem Viertel so frei, ohne sich zu schämen, ohne Furcht einander Drogen verkaufen kann, dann muss ich wohl nicht in diesem Viertel wohnen. Dasselbe, aber in viel härterer Form, gab es offenbar in Israel, und dort verkaufte man ohne Furcht nicht Drogen, sondern Menschen, und zwar gerechte Menschen.

Kehren wir zu unserem Vers zurück. Jedes dieser drei Verständnisse spiegelt im Grunde ein und denselben Gedanken wider: die Geringschätzung des Menschen gegenüber seinem Nächsten.

Eine alte Tradition verbindet diesen Vers aus dem Propheten mit dem Verkauf Josefs. Es gibt ein Apokryph, das „Testament der Patriarchen“ heißt. Nach diesem Apokryph unterwies jeder der 12 Söhne Jaakows vor seinem Tod seine Kinder, teilte seine Erinnerungen mit ihnen und gab ihnen eine Unterweisung auf dem Sterbebett. Sewulun, einer der Söhne Jaakows, sagt zu seinen Söhnen über den Verkauf Josefs: „Denn am Preis hatte ich keinen Anteil, meine Kinder, aber Schimon und Dan und Gad und die Kinder nahmen seinen Preis und kauften Schuhe für sich und für ihre Frauen und für ihre Kinder.“ Es gibt eine ziemlich alte Tradition darüber, dass unsere Patriarchen, als sie ihren Bruder Josef verkauften, sich für dieses Geld Sandalen kauften. Dafür gibt es sehr viele verschiedene Erklärungen. Gut möglich, dass dem Propheten Amos diese Tradition bekannt war. Jedenfalls war diese Tradition in der Zeit der griechischen Herrschaft, als man dieses Kapitel dem Wochenabschnitt über den Verkauf Josefs gegenüberstellte, höchstwahrscheinlich schon bekannt. Die Midraschim sagen, dass Kaiser Hadrian seinerzeit, als er die Texte des Tanach las (es gibt eine solche Vorstellung, dass er die Texte des Tanach las), nachdem er diese Geschichte gesehen hatte, die Weisen des Sanhedrin zu sich rief und sagte: „Steht nicht geschrieben, dass, wer seinen Bruder verkauft, sterben wird? Nehmt die Strafe dafür an, dass ihr euren Bruder Josef für Sandalen verkauft habt.“ Obwohl das viele Jahrhunderte später war und es nicht dieselben Menschen waren, ordnete er es so an. Das brachte eine andere Überlieferung hervor, die von den zehn zur Sühne der Sünde Getöteten.

Eine andere Tradition sagt, dass Josef in Wirklichkeit nicht für 20 Silberlinge verkauft wurde, das heißt nicht einfach für 20 Silberstücke, sondern, wie man sagt, für 20 Silberlinge für jeden. Jeder der 10 Söhne bekam 20 Silberlinge, und alle zusammen bekamen sie 200 Silberlinge. 200 ist nach der Gematria na'alajim – Sandalen. Dieser Midrasch berücksichtigt nicht, dass nicht alle Brüder am Verkauf Josefs beteiligt waren. Erstens war Re'uwen nicht dort. Zweitens waren dort höchstwahrscheinlich die Söhne der Sklavinnen nicht, mit denen Josef gewöhnlich weidete. Und Josef wurde zu den anderen Söhnen geschickt. Es ist unklar, wie viele Söhne dort waren. Vielleicht sechs. Aber es gibt verschiedene Midraschim, es gibt eine alte Tradition, die diesen Vers mit der Geschichte vom Verkauf Josefs verbindet. Und das ist wichtig im Gedächtnis zu behalten, denn wir lesen ihn im Kontext unseres Wochenabschnitts über den Verkauf Josefs.

Wir machen mit dem 7. Vers weiter.

הַשֹּׁאֲפִים עַל-עֲפַר-אֶרֶץ בְּרֹאשׁ דַּלִּים וְדֶרֶךְ עֲנָוִים יַטּוּ וְאִישׁ וְאָבִיו יֵלְכוּ אֶל-הַנַּעֲרָה לְמַעַן חַלֵּל אֶת-שֵׁם קָדְשִׁי׃

hascho'afim al afar erez berosch dallim wederech anawim jattu we'isch we'awiw jelchu el hanna'ara lema'an challel et schem kodschi

Diesen Satz kann man auf zweierlei Weise verstehen. Man kann es so sagen: הַשֹּׁאֲפִים עַל-עֲפַר-אֶרֶץ – der nach dem Staub Strebende, das heißt die, die sinken, und mit allem, mit Vergnügen so tief sinken, dass es tiefer nicht geht, den Boden durchschlagen, noch unter die Fußleiste sinken, in den Dreck sinken. Man kann beliebige Ausdrücke zum Verständnis verwenden. Und sie stehen an der Spitze, gehen voran in einer Gesellschaft ebensolcher armer und nichtiger Leute. Man kann es so verstehen, dass es ihnen gefällt, wenn die Armen sich Asche auf ihre Köpfe streuen. Es ist nämlich so, dass man בְּרֹאש (berosch) als an der Spitze verstehen kann, man kann es aber auch als auf dem Kopf verstehen. Auf dieser Grundlage ändert sich die Bedeutung des ganzen Satzes. Und wiederum, wie man es auch versteht, es weist auf den moralischen Verfall derer hin, um die es geht.

וְדֶרֶךְ עֲנָוִים יַטּוּ

we derech anawim jattu

Das kann man so verstehen: sie beugen, sie neigen das Recht in Bezug auf arme Menschen, man kann es aber auch so verstehen: sie sind vom Weg der Bescheidenheit abgekommen, haben jede Scham verloren, und deshalb

וְאִישׁ וְאָבִיו יֵלְכוּ אֶל-הַנַּעֲרָה

we'isch we'awiw jelchu el hanna'ara

…ein Mann geht mit seinem Vater zu dem Mädchen (das heißt, er geht zur HURE),

Das heißt, die Menschen haben ihre Scham, jede Hemmung, jedes Gewissen so sehr verloren, dass ein Mann zusammen mit seinem Vater zur Hure geht.

חַלֵּל אֶת-שֵׁם קָדְשִׁי׃

challel et schem kodschi

…um Meinen heiligen Namen zu entweihen.

Man kann es hier so verstehen, dass sie zur Hure gehen und nicht so sehr Vergnügen am Umgang mit der Hure haben als vielmehr am Gefühl, dass sie den Heiligen Namen entweihen. Darin liegt eine Erbitterung gegen den Höchsten selbst.

וְעַל-בְּגָדִים חֲבֻלִים יַטּוּ אֵצֶל כָּל-מִזְבֵּחַ

we'al bgadim chawulim jattu ezel kol misbeach

8 auf jeden Altar stützen sie sich in beschlagnahmten Kleidern...

Wieder geht es um das Ausplündern der Bedürftigen und der Armen. Jemandem hat man für Schulden, für etwas nicht Getanes und nicht Erfülltes seine Kleidung weggenommen. Und sie gehen darin umher, und an jeden Altar, an den sie im Dienst für den Höchsten selbst herantreten, treten sie hin und schämen sich nicht, in beschlagnahmten Kleidern zu gehen.

וְיֵין עֲנוּשִׁים יִשְׁתּוּ בֵּית אֱלֹהֵיהֶם׃

wejn anuschim jischtu bejt elohejhem

...UND DEN WEIN AUSGEPLÜNDERTER MENSCHEN TRINKEN SIE IM HAUS IHRES GOTTES.

Der Höchste spricht vom außerordentlichen moralischen Verfall des Volkes, davon, dass Sein Zorn auf dieses Volk natürlich nicht erlöschen wird. Der Höchste erinnert an all die Wohltaten, die Er für sein Volk getan hat.

וְאָנֹכִי הִשְׁמַדְתִּי אֶת-הָאֱמֹרִי מִפְּנֵיהֶם אֲשֶׁר כְּגֹבַהּ אֲרָזִים גָּבְהוֹ וְחָסֹן הוּא כָּאַלּוֹנִים

we'anochi hischmadti et ha'emori mippnejhem ascher kegowa arasim gawhu wechasson hu ka'allonim

9 UND ICH HABE VOR IHNEN DEN AMORITER VERNICHTET, der hoch war wie die Zedern, UND STARK WAR ER (geschützt) WIE EINE EICHE...

Ich habe sie in dieses Land gebracht, habe ihnen dieses Land bereitet.

וְחָסֹן הוּא כָּאַלּוֹנִים – stark war er oder man kann sagen geschützt (das Wort chassún bedeutet heute Immunität, Geschütztheit), er war geschützt wie eine Eiche.

וָאַשְׁמִיד פִּרְיוֹ מִמַּעַל וְשָׁרָשָׁיו מִתָּחַת׃

Wa'aschmid piro mimma'al wescharaschaw mittachat

...aber Ich vernichtete seine Früchte oben und seine Wurzeln unten.

Ich rodete ihn aus, Ich rodete diese Eiche aus und fällte diese Zeder. Ich vernichtete dieses starke Volk vor ihnen. Ich bereitete ihnen den Weg in dieses Land, um zu leben, ruhig zu leben und zu gedeihen in diesem Land.

וְאָנֹכִי הֶעֱלֵיתִי אֶתְכֶם מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם וָאוֹלֵךְ אֶתְכֶם בַּמִּדְבָּר אַרְבָּעִים שָׁנָה לָרֶשֶׁת אֶת-אֶרֶץ הָאֱמֹרִי׃

we'anochi he'eleti etchem me'erez mizrajim wa'olech etchem bammidbar arba'im schana lareschet et erez ha'emori

10 UND ICH HABE EUCH AUS DEM LAND ÄGYPTEN HERAUFGEFÜHRT, und 40 JAHRE GING ICH MIT EUCH DURCH DIE WÜSTE. ICH WAR STÄNDIG MIT DIESEM VOLK, DAMIT SIE DAS LAND DES AMORITERS ERBEN.

„Und wozu das alles, wenn sie sich so benehmen in dem Land, in das Ich sie gebracht habe?“ Der Höchste spricht auch davon, auch im Land ständig Lehrer und Beschützer dieses Volkes gewesen zu sein.

וָאָקִים מִבְּנֵיכֶם לִנְבִיאִים וּמִבַּחוּרֵיכֶם לִנְזִרִים

wa'akim mibbnechem linwi'im umibbachurejchem linsirim

11 Ich ließ aus euren Söhnen Propheten erstehen und richtete aus euren Jünglingen mir Nasiräer auf....

Hier sind nicht so sehr Menschen gemeint, die den Schwur der Nasiräer auf sich genommen haben, als vielmehr Menschen, die wie Schimschon vom Mutterleib an dazu bestimmt waren, Diener zu sein.

הַאַף אֵין-זֹאת בְּנֵי יִשְׂרָאֵל נְאֻם-יְהוָה׃

ha'af ejn sot bnej jisra'el ne'um adonaj

„...ist es nicht so, ihr Söhne Israels?“ – spricht der Höchste.

„Ist es nicht so, Genossen Juden?“ – spricht der HERR. „Habe Ich das alles nicht für euch getan? Wie könnt ihr euch rechtfertigen? Ich habe alles getan, damit ihr gerecht lebt und in Gerechtigkeit lebt. Ich habe euch Nasiräer und Propheten gesandt. Was habt ihr getan?“

וַתַּשְׁקוּ אֶת-הַנְּזִרִים יָיִן

wattaschku et hannesirim jajin

12 „Ihr habt die Nasiräer mit Wein getränkt...

Dort, wo ihre Kraft darin lag, keinen Wein zu trinken, sich des Weines zu enthalten, um im Dienst zu sein, dort habt ihr sie verführt und ihnen Wein zu trinken gegeben.

וְעַל-הַנְּבִיאִים צִוִּיתֶם לֵאמֹר לֹא תִּנָּבְאוּ׃

we'al hannewi'im ziwwitem lemor lo tinnawu

...UND DEN PROPHETEN HABT IHR DEN MUND GESTOPFT (IHNEN BEFOHLEN, NICHT ZU PROPHEZEIEN).

Ihr habt sie nicht dienen lassen. Das scheint eine Tat längst vergangener Tage zu sein, eine Überlieferung aus tiefem Altertum. In Wirklichkeit auch heute, wenn ein Mensch irgendeinen Dienst, irgendeine Funktion auf sich nimmt (mag sie nicht nasiräisch sein, mag sie nicht prophetisch sein), ein Mensch fastet zum Beispiel, oder ein Mensch hat plötzlich für sich den Schabbat kennengelernt, hat die Einhaltung des Sabbats auf sich genommen. Wie viele Leute versuchen, einen Menschen vom Weg der Einhaltung des Sabbats abzubringen! Wenn ein Mensch für sich entdeckt hat, dass er dem Höchsten dienen will, indem er sich unreiner Speise enthält, wenn ein Mensch entschieden hat, dass der Höchste will, dass er sich unreiner Speise enthält, und der Mensch sagt zu seiner Umgebung: „Ich will kein unreines Fleisch essen, ich will kein Schweinefleisch essen.“ Wie viele wird es um ihn herum geben, die ihn mit diesem Schweinefleisch füttern wollen! In dieser Hinsicht hat sich bis heute nichts geändert. Nun, der Mensch isst es nicht, der Mensch dient so, Gott sei Dank. Übrigens betrifft das auch die völlig säkulare Welt. Sag säkularen Menschen, völlig ungläubigen, dass du keinen Fisch isst oder keine Leber oder keine Zwiebeln, und du wirst auf einen ganzen Wettbewerb von Hausfrauen treffen, die dich mit essbarer Leber, essbaren Zwiebeln oder essbarem Fisch füttern wollen. Dieser jézer, diese Versuchung lebt in allen Menschen. Aber hier richtete man ihn gegen die Diener des Höchsten. Wenn es einen nasír gab, musste man ihn mit Wein tränken, damit er ein Sünder sei wie wir. Wenn es einen Propheten gab, dann wollen wir nicht auf ihn hören, damit er uns, Gott bewahre, nicht irgendwie bessert. Und der Höchste sagt: „Mein Zorn wird sich über euch ergießen.“

הִנֵּה אָנֹכִי מֵעִיק תַּחְתֵּיכֶם כַּאֲשֶׁר תָּעִיק הָעֲגָלָה הַמְלֵאָה לָהּ עָמִיר׃

hinne anochi me'ik tachtejchem ka'ascher ta'ik ha'agala hamle'a lah amir

13 SIEHE, ICH WERDE EUCH BELADEN, WIE EIN WAGEN MIT GARBEN BELADEN IST.

Und wieder ist das ein schwer zu übersetzender Satz. Manche übersetzen ihn, indem sie sagen: „Ich werde euch überfahren, wie ein Wagen mit Garben über jemanden fährt.“ Aber das lässt sich schwer mit der Bedeutung des Wortes me'ik – Last, Bürde – vereinbaren. Man kann sagen: „Ich werde euch so beladen, wie man einen Wagen mit Garben belädt, damit es unmöglich wäre, von der Stelle zu rücken, um euch in diesem eurem Wettlauf zur Sünde, in eurem Streben, euch im Dreck zu wälzen, irgendwie aufzuhalten. Ich werde euch beladen, wie man einen Wagen mit Garben belädt, so dass ihr euch nirgendwohin bewegen könnt. Ich werde euch aufhalten, wenn Ich euch belade.“

וְאָבַד מָנוֹס מִקָּל וְחָזָק לֹא-יְאַמֵּץ כֹּחוֹ וְגִבּוֹר לֹא-יְמַלֵּט נַפְשׁוֹ׃

we'awad manos mikkal wechasak lo je'ammez kocho wegibbor lo jemallet nafscho

14 Und dem Leichten ging die Rettung verloren (ging die Möglichkeit zu fliehen verloren), und der Starke wird seine Kräfte nicht sammeln, und der Held wird seine Seele nicht retten,

וְתֹפֵשׂ הַקֶּשֶׁת לֹא יַעֲמֹד וְקַל בְּרַגְלָיו לֹא יְמַלֵּט וְרֹכֵב הַסּוּס לֹא יְמַלֵּט נַפְשׁוֹ׃

wetofes hakkeschet lo ja'amod wekal beraglaw lo jemallet werochew hassus lo jemallet nafscho

15 UND DER BOGENSCHÜTZE WIRD NICHT AUFSTEHEN (WIRD SICH NICHT ERHEBEN KÖNNEN), UND DER SCHNELLFÜSSIGE WIRD NICHT ENTKOMMEN, UND DER AUF DEM PFERD REITENDE WIRD SEINE SEELE AUCH NICHT RETTEN.

וְאַמִּיץ לִבּוֹ בַּגִּבּוֹרִים עָרוֹם יָנוּס בַּיּוֹם-הַהוּא נְאֻם-יְהוָה׃

we'ammiz libbo baggibborim arom janus bajom hahu ne'um adonaj

16 vielleicht wird der im Herzen Stärkste unter den Helden an jenem Tag nackt entkommen“, – spricht der HERR.

Nun, mit nackt ist nicht gemeint, dass er unbedingt unbekleidet fliehen wird, sondern er wird fliehen in dem, was er anhat, er wird nicht einmal seine Habe herausholen können. Wenn irgendeiner von den Helden an jenem Tag entkommt, dann wird er vielleicht überhaupt nur in dem entkommen, was er anhat, in dem, was ihm gerade in die Hände fällt.

Damit endet das zweite Kapitel. Wir beginnen, das dritte Kapitel zu lesen.

שִׁמְעוּ אֶת-הַדָּבָר הַזֶּה אֲשֶׁר דִּבֶּר יְהוָה עֲלֵיכֶם בְּנֵי יִשְׂרָאֵל עַל כָּל-הַמִּשְׁפָּחָה אֲשֶׁר הֶעֱלֵיתִי מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם לֵאמֹר׃

schimu et haddawar hasse ascher dibber adonaj alejchem bnej jisra'el al kol hammischpacha ascher he'eleti me'erez mizrajim lemor

1 „Hört, dieses Wort, das der HERR zu euch redet, ihr Söhne Israels, zu der ganzen Familie, die Ich aus dem Land Ägypten heraufgeführt habe, mit den Worten:

Warum wird das Volk Israel hier Familie genannt? Eine Familie ist eine Gruppe von Menschen, die durch verwandtschaftliche oder Bundesbeziehungen verbunden sind. Das sind entweder Verwandte oder im Bund. Und der Höchste sagt: „Zu der ganzen Familie, zu eurem ganzen Geschlecht, zu allen, die durch verwandtschaftliche Bande verbunden sind, zu der ganzen Familie, die sich ja auch familiär hätte verhalten sollen, an diese ganze Familie wende Ich Mich.“

רַק אֶתְכֶם יָדַעְתִּי מִכֹּל מִשְׁפְּחוֹת הָאֲדָמָה

rak etchem jadati mikkol mischpechot ha'adama

2 „Ich kenne nur euch von allen Familien der Erde...

Was bedeutet das? Hat Gott so enge Horizonte? Hat Er nicht von anderen Völkern gehört? Das Wort יָדַעְתִּי (jadáti) bedeutet völlige Nähe, das gegenseitige Erkennen. Wenn man es auf die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch überträgt, zwischen Mann und Frau, gibt es vier Ebenen der Verbindung: der Blick (wenn die Menschen einander nur ansehen), die Berührung (wenn es auch taktilen Umgang gibt), der Kuss (wenn diese Berührungen sinnlich werden) und die Vereinigung, das Erkennen (wenn diese Gefühle, die Verschmelzung vollständig verwirklicht sind, wenn die Verschmelzung vollständig ist). Der Höchste sagt: „Ich kenne nur euch. Nur euch bin Ich nahe, näher als irgendeinem der Völker der Erde, näher als irgendeiner der irdischen Familien.“

עַל-כֵּן אֶפְקֹד עֲלֵיכֶם אֵת כָּל-עֲוֹנֹתֵיכֶם׃

al ken efkod alejchem et kol awonotejchem

…Darum werde Ich euch für alle eure Sünden zur Rechenschaft ziehen.“

Das heißt, von euch als Verwandten wird auch mehr verlangt. Nun, nehmen wir ein Beispiel. Wenn ihr Kinder im Haus habt (eure Kinder oder Kinder von Gästen) und jemand hat übermütig herumgetobt, dann könnt ihr euer eigenes Kind stärker bestrafen als ein fremdes Kind. Einem fremden Kind könnt ihr einfach sagen: „Komm nicht hierher.“ Oder eurem Kind sagen: „Sei nicht mit ihm befreundet.“ Gerade das eigene Kind kann man stärker bestrafen.

Und hier sagt der Höchste weiter:

הֲיֵלְכוּ שְׁנַיִם יַחְדָּו בִּלְתִּי אִם-נוֹעָדוּ׃

hajelchu schnajim jachdaw bilti im no'adu

3 gehen etwa zwei miteinander, wenn sie sich nicht verabredet haben?

Das heißt, als ihr mit mir aus Ägypten gezogen seid, hatten wir eine Vereinbarung, wir haben eine Entscheidung getroffen. Ihr seid zusammen mit Mir ausgezogen – das heißt, ihr seid mit mir im Bund, ihr seid Mein Volk. Ich kenne euch nicht einseitig.

הֲיִשְׁאַג אַרְיֵה בַּיַּעַר וְטֶרֶף אֵין לוֹ

hajisch'ag arje baja'ar weteref ejn lo

4 aber kann es denn sein, dass ein Löwe im Wald brüllt und keine Beute hat?..

„Ihr denkt, dass Ich einfach so rede, dass Ich bloß Rauschen des Windes bin? Nein, wenn Ich rede, dann ist, wie beim Löwen im Wald, die Beute schon in Meinen Händen. Ihr seid schon in Meinen Händen.“

הֲיִתֵּן כְּפִיר קוֹלוֹ מִמְּעֹנָתוֹ בִּלְתִּי אִם-לָכָד׃

hajitten kefir koloDie russische Umschrift schreibt das Wort für „seine Stimme“ so, dass es wie „koljo“ klingt. Nach dem hebräischen Text steht hier kolo. mimme'onato bilti im lachad

…Gibt etwa ein junger Löwe aus seinen Wohnungen seine Stimme von sich, wenn er keine Beute gefangen hat?

Wieder sagt der Höchste hier: „Wenn Ich rede, wenn Ich brülle, sogar ein junger Löwe brüllt nicht einfach so. Dieses mein Brüllen ist eine sehr ernste Warnung.“

הֲתִפֹּל צִפּוֹר עַל-פַּח הָאָרֶץ וּמוֹקֵשׁ אֵין לָהּ

hatippol zippor al pach ha'arez umokesch ejn lah

5 gerät etwa ein Vogel in die Falle, und sie hat keinen Schnappverschluss?..

„Denkt ihr etwa, dass ihr hinauslaufen könnt, wenn ihr schon in die Falle gegangen seid, wenn ihr schon gepackt seid?“

הֲיַעֲלֶה-פַּח מִן-הָאֲדָמָה וְלָכוֹד לֹא יִלְכּוֹד׃

haja'ale pach min ha'adama welachod lo jilkod

…wird sich etwa das Netz über der Erde zu heben beginnen, wenn der Vogel nicht hineingeraten ist?

Hier muss man sich wohl den Aufbau der Falle vorstellen, um zu verstehen, was geschieht. Aber im Großen und Ganzen ist es nicht so schwer, sich das vorzustellen.

אִם-יִתָּקַע שׁוֹפָר בְּעִיר וְעָם לֹא יֶחֱרָדוּ אִם-תִּהְיֶה רָעָה בְּעִיר וַיהוָה לֹא עָשָׂה׃

im jittaka schofar be'ir we'am lo jecheradu im tihje ra'a be'ir wa adonaj lo assa

6 kann es denn sein, dass in der Stadt der Schofar ertönt und das Volk sich nicht fürchtet? Wenn Unglück in der Stadt ist, und der HERR hat es nicht getan?

„Hört, der Schofar ertönt, warum empfindet ihr denn keine Furcht? Vor dem Brüllen des Löwen fürchten sich die Tiere. Das bedeutet, dass er schon gefangen hat. Trotzdem ist es beängstigend. Warum fürchtet ihr euch nicht, wenn in der Stadt der Schofar ertönt? Ich sende Propheten zu euch. Bevor Ich die Beute fange, bevor Ich schreie wie ein Löwe, sende Ich den Schofar, sende meine Propheten. Warum fürchtet ihr euch nicht? Warum denkt ihr nicht, dass die Unglücke, die in der Stadt geschehen werden, nicht von Mir sind?“

Weiter spricht der Höchste von seiner Gnade gegenüber den Propheten und gegenüber seinem Volk, von einer Gnade, die nicht zu nutzen dumm wäre.

כִּי לֹא יַעֲשֶׂה אֲדֹנָי יְהוִה דָּבָר כִּי אִם-גָּלָה סוֹדוֹ אֶל-עֲבָדָיו הַנְּבִיאִים׃

ki lo ja'asse adonaj adonaj dawar ki im gala sodo el awadaw hannewi'im

7 denn der HERR wird nichts tun, als wenn er sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten, offenbart.

Der Höchste sagt hier: „Ich werde euch nicht unversehens ereilen. Ich werde nicht angreifen, Ich werde euch nicht ohne Warnung bestrafen, wenn Ich dieses mein Geheimnis nicht meinen Propheten offenbare. Dann könnte man denken, dass die Propheten vielleicht sagen werden: ‚Aha, verstanden, ich habe es zur Kenntnis genommen. Danke, HERR! Ich nehme meine Familie und reise ab.‘“

Weiter sagt der Höchste:

אַרְיֵה שָׁאָג מִי לֹא יִירָא אֲדֹנָי יְהוִה דִּבֶּר מִי לֹא יִנָּבֵא׃

arje scha'ag mi lo jira adonaj adonaj dibber mi lo jinnawe

8 JEDER FÜRCHTET SICH, WENN DER LÖWE BRÜLLT. WENN DER HERR ZUM PROPHETEN REDET, WIRD DER PROPHET PROPHEZEIEN (WENN DER HERR GESPROCHEN HAT, WER WIRD NICHT PROPHEZEIEN)? Das heißt, der Höchste sagt: „Ich sende euch absichtlich Propheten, lasse Propheten erstehen, obwohl es manchmal nutzlos scheint. Manchmal ist es beängstigend. Ich sende euch Propheten, weil Ich nichts ohne Warnung tun will. Mögen diese Propheten wie ein Schofar sein, wie eine Posaune in der Stadt, damit ihr euch fürchtet, damit ihr euch vor diesem Schofar fürchtet, damit ihr euch später nicht vor dem Brüllen des Löwen fürchten müsst. Hört auf die Stimme des Propheten, der euch warnt.“

Lest auch: Wajischlach, Mikez und die Wochenabschnitte der Tora.

Russisches Original: alexblend.com
Diese Übersetzung wurde mit Unterstützung von KI erstellt und bedarf einer weiteren sprachlichen Bearbeitung und Korrektur durch Muttersprachler.

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    9. 9Josef und der Maschiach 3:44:16
    10. 10Jeder hat seinen eigenen Traum 3:49:51
    11. 11Haftara Amos 2,6–3,84:20:05

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