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וַיִּגַּשׁ
Wajigasch
Jehuda, Josef und die Begegnung der Familie
- Wochenabschnitt
- 11 von 54
- Verse
- Bereschit 44,18–47,27
- Teile
- 10
- Lesezeit
- 2 Std. 10 Min.
- Hörfassung
- 3 Std. 28 Min.
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Wajigasch ist der Wochenabschnitt über die Rede Jehudas und die Begegnung der Familie Josefs. Alex Blend behandelt die Verteidigung Binjamins, die Rückkehr der Brüder zum Vater, den Umzug nach Ägypten und die Wirtschaft der Hungersnot. Das Stenogramm enthält Hebräisch, Transliteration, Übersetzung und Kommentare zur Tora und zur Haftara aus Jecheskel.
Wajigasch: zur Verteidigung des Vaters
Bereschit 44,18–34
Wir haben unsere Helden in dem Moment verlassen, als in Binjamins Sack der untergeschobene Becher Josefs gefunden wurde. Die Brüder kehren in Josefs Haus zurück, Binjamin wird des Diebstahls beschuldigt. Jehuda schlägt vor, dass alle Brüder Josefs Knechte werden. Josef lehnt diese Idee ab und sagt: „Nein, das wäre ungerecht, soll Binjamin, soll derjenige, in dessen Sack der Becher gefunden wurde, der soll mein Knecht sein, ihr aber geht in Frieden, gegen euch gibt es keine Vorwürfe.“ Und in diesem Moment wendet sich Jehuda an Josef mit einer Rede, die wir nun lesen werden. Man muss bedenken, dass Jehuda versteht, dass er wenig Zeit hat, niemand wird ihn eine lange Rede halten lassen wie die eines Cicero. Man muss kurz sprechen, eindringlich und so, dass es für den Dolmetscher bequem zu übersetzen ist (wir erinnern uns, dass sie über einen Dolmetscher miteinander sprechen). Diese Rede Jehudas hat viele verschiedene Kommentare hervorgebracht, die sich sehr weit vom einfachen Sinn entfernen und in denen man sieht, dass Jehuda Josef ständig angreift, ihm von Ungerechtigkeit spricht, davon, dass er von Anfang an ungerecht ist, und ihn auf jede Weise beschuldigt, ja ihn beinahe zur Reue bringt. Aber wenn wir den einfachen Sinn lesen, diese Rede einfach lesen, dann sieht man, dass es eine fein aufgebaute, kluge Rede eines Menschen ist, der vom Herrscher Gnade erlangen will.
וַיִּגַּשׁ אֵלָיו יְהוּדָה וַיֹּאמֶר בִּי אֲדֹנִי יְדַבֶּר־נָא עַבְדְּךָ דָבָר בְּאָזְנֵי אֲדֹנִי וְאַל־יִחַר אַפְּךָ בְּעַבְדֶּךָ כִּי כָמוֹךָ כְּפַרְעֹה׃
wajiggásch eláw jehudá wajomer bi adoní jedabber-ná awdechá dawár be'osné adoní we'al-jíchar appechá be'awdécha ki chamócha kefar'ó
18 Und Jehuda trat zu ihm heran und sprach: „Bei mir, mein Herr, Lass doch deinen Knecht ein Wort reden in die Ohren meines Herrn Und dein Zorn entbrenne nicht Gegen deinen Knecht, Denn du bist wie der Pharao.
Herangetreten ist er natürlich an Josef. Das Wort wajiggásch (trat heran) bedeutet nicht einfach herantreten, sich nähern, sondern herantreten, um ein Gespräch zu beginnen. So sagt man auch im modernen Russisch: „Tritt morgen an mich heran“ oder „Ich trete in dieser Frage an ihn heran“, das heißt, herantreten wegen irgendeiner Entscheidung.
Bei mir, mein Herr bedeutet zwei Dinge zugleich. Erstens ist es ein Schwur: „Ich schwöre bei mir selbst, ich schwöre bei meinem Leben: Was ich jetzt sagen werde, ist wahr, ist die Wahrheit, ich stehe dafür ein.“ Und zweitens: „Mit mir, mein Herr, mit mir verhandle.“ Jehuda ist nicht der Erstgeborene, der Erstgeborene ist Re'uwen, danach kommen Schimon und Lewi. Jehuda ist der vierte Sohn, und eigentlich hätte doch Re'uwen sprechen müssen oder, wenn es schon darauf ankommt, der auf frischer Tat ertappte Binjamin. Aber Jehuda beginnt dieses Gespräch, weil gerade er die Verantwortung für Binjamin übernommen hat. Er hat die Verantwortung übernommen, also muss er auch Rechenschaft ablegen.
Du bist wie der Pharao ist eine feine Schmeichelei: „Wir begegnen dir wie dem Pharao, mit aller Hochachtung, aber das verlangt Selbstbeherrschung. Du bist ein großer Politiker, und dich einfach so Gefühlen hinzugeben, das ist ganz und gar nicht deine Ebene. Darum sage ich es dir, und du befiehl nicht, mich hinzurichten, befiehl, mich ein Wort sprechen zu lassen, zürne nicht, denn es steht dir nicht an, wegen Kleinigkeiten über irgendwelche Kanaaniter zu zürnen, auch wenn sie versucht haben, dir etwas zu stehlen.“
אֲדֹנִי שָׁאַל אֶת-עֲבָדָיו לֵאמֹר הֲיֵשׁ-לָכֶם אָב אוֹ-אָח׃
adoní scha'ál et-awadáw lemór hajesch-lachém aw o-ách
19 Der Herr fragte seine Knechte und sprach: „Habt ihr einen Vater oder einen Bruder?“
Jehuda erinnert Josef scheinbar daran, was gewesen ist, aber in Wirklichkeit war alles ganz anders. Josef hatte sie beschuldigt, Kundschafter zu sein, Spione zu sein, und da erzählten sie ihm selbst, dass sie einen Bruder und einen Vater haben. Aber jetzt hat Jehuda nicht so viel Zeit, er hat zehn Minuten oder 16 Verse der Tora für die ganze Rede, und er will nicht an den früheren Konflikt erinnern, damit in Josef nicht die alte Idee erwacht: „Vielleicht seid ihr ja wirklich Spione? Und habt den Becher auch zu Spionagezwecken (Technologiespionage) gestohlen?“
וַנֹּאמֶר אֶל־אֲדֹנִי יֶשׁ־לָנוּ אָב זָקֵן וְיֶלֶד זְקֻנִים קָטָן וְאָחִיו מֵת וַיִּוָּתֵר הוּא לְבַדּוֹ לְאִמּוֹ וְאָבִיו אֲהֵבוֹ׃
wannómer el-adoní jesch-lánu aw sakén wejéled sekuním katán we'achíw met wajiwwatér hu lewaddó le'immó we'awíw ahewó
20 und Wir sagten zu unserem Herrn: Wir haben einen alten Vater, der einen kleinen Sohn des Alters hat, Und dessen Bruder ist gestorben (die Rede ist natürlich von Josef), Und er ist allein übrig geblieben von seiner Mutter, Und der Vater liebt ihn.
Der kleine Sohn des Alters, das ist Binjamin. Er ist 31–32 Jahre alt, er hat 10 Kinder. Aber wir wollen uns nicht an Kleinigkeiten festbeißen, er ist für seinen Vater tatsächlich ein ná'ar (Jüngling). Der jüngste Sohn bleibt als Diener beim Vater, seine Frau steht auf der Stufe einer Hausmagd, so ist die Tradition des Orients. Und ein ná'ar ist er nicht dem Alter nach, sondern dem Status nach. Diese Regel, diese Sprache hat sich bis in die altgriechische Zeit erhalten, und in jüdisch-griechischen Texten lesen wir Ähnliches.
Das alles hatten sie Josef nicht erzählt, das sagt Jehuda jetzt. Stellt euch vor, was Jehuda durchmacht. Jehuda ist der vierte Sohn Leas. Den ersten Sohn nannte sie Re'uwen: „Jetzt wird er, jetzt wird er, der liebe Jaakow, sehen, dass ich ihm einen Sohn geboren habe, und dann wird er mich lieben.“ Ein Jahr später wurde Schimon geboren: „Der HERR hat mich erhört, hat mir einen Sohn gegeben, und endlich wird Jaakow mich lieben.“ Dann wurde Lewi geboren, und sie nannte ihn so: „Jetzt wird er mit mir gehen, jetzt wird er jitlawéle (mein Begleiter sein), denn ich habe ihm drei Kinder geboren.“ Die ganze Geschichte der Beziehung zwischen Lea und Jaakow, die ganze Tragödie Leas lag in den Namen ihrer Söhne. Darin wuchs Jehuda auf, und er sah, dass es eine Tante gibt, die sein Papa mehr liebt. Dieser Tante wird Josef geboren, den sein Papa ebenfalls mehr liebt, und das ist schwer zu verkraften. Und uns scheint jetzt, wie leicht es doch ist zu sagen: „Er hat da einen Sohn des Alters, den er liebt, und wir? Was ist mit uns, was ist mit mir?“ Das ist doch sehr schwer zu verkraften. Und diese Worte kosten Jehuda sehr viel.
וַתֹּאמֶר אֶל־עֲבָדֶיךָ הוֹרִדֻהוּ אֵלָי וְאָשִׂימָה עֵינִי עָלָיו׃
wattómer el-awadécha horidúhu eláj we'assíma ení aláw
21 Und du sagtest zu deinen Knechten: „Bringt ihn zu mir herab (zu mir bringt den Jungen herab, nicht den Vater, natürlich), Und ich will mein Auge auf ihn legen.“
Das Auge auf ihn legen (einen ähnlichen Gedanken lesen wir bei Jirmejahu (39,12): „Nimm ihn und sieh nach ihm und tu ihm nichts Böses an“) heißt ich werde hier auf ihn aufpassen. Das heißt, Jehuda sagt: „Du hast ihn gerufen, und teilweise, in gewissem Maß hast du die Verantwortung für ihn übernommen, du hast versprochen, auf ihn aufzupassen.“ Das alles hatte Josef Jehuda nicht gesagt und den Brüdern nicht gesagt. Jehuda schmückt die Information ein wenig aus. Josef wird doch nicht wegen Kleinigkeiten mit ihm streiten? Und das Bild, das sich ergibt, ist ziemlich schön.
וַנֹּאמֶר אֶל-אֲדֹנִי לֹא-יוּכַל הַנַּעַר לַעֲזֹב אֶת-אָבִיו וְעָזַב אֶת-אָבִיו וָמֵת׃
wannómer el-adoní lo-juchál hanná'ar la'asów et-awíw we'asáw et-awíw wamét
22 Und wir sagten zu unserem Herrn: „Dieser Junge kann seinen Vater nicht verlassen. wenn er seinen Vater verlässt, stirbt er.“
Hier ist unklar: Stirbt der Vater oder stirbt der Sohn? Aber Jehuda erinnert Josef einfach daran, wie es in Wirklichkeit nicht gewesen ist.
וַתֹּאמֶר אֶל-עֲבָדֶיךָ אִם-לֹא יֵרֵד אֲחִיכֶם הַקָּטֹן אִתְּכֶם לֹא תֹסִפוּן לִרְאוֹת פָּנָי׃
wattómer el-awadécha im-ló jeréd achichém hakkatón ittechém lo tossifún lir'ót panáj
23 Und du sagtest zu deinen Knechten: „Wenn euer jüngster Bruder nicht mit euch herabkommt, Werdet ihr mein Gesicht nicht mehr sehen.“
Nun, und wozu müssen sie sein Gesicht sehen? Sein Gesicht braucht man, um ständig die Lizenz für den Kauf von Weizen zu bekommen. Das heißt: „Wenn ihr den Jüngling nicht mit euch bringt, dann bekommt ihr nicht nur mein Gesicht nicht zu sehen.“ Das Gesicht, in Gottes Namen, aber auch Weizen bekommt ihr nicht zu sehen, Essen bekommt ihr nicht zu sehen, und das heißt, dass man womöglich auch vor Hunger sterben muss.
וַיְהִי כִּי עָלִינוּ אֶל-עַבְדְּךָ אָבִי וַנַּגֶּד-לוֹ אֵת דִּבְרֵי אֲדֹנִי׃
wajhí ki alínu el-awdechá awí wannagged-ló et diwré adoní
24 Und es geschah: Als wir hinaufzogen zu deinem Knecht, meinem Vater, Und ihm die Worte unseres Herrn sagten, das heißt deine,
וַיֹּאמֶר אָבִינוּ שֻׁבוּ שִׁבְרוּ-לָנוּ מְעַט-אֹכֶל׃
wajomer awínu schúwu schiwru-lánu me'at-óchel
25 Und unser Vater sagte: „Zieht wieder hinab und kauft uns ein wenig Essen.“
וַנֹּאמֶר לֹא נוּכַל לָרֶדֶת אִם-יֵשׁ אָחִינוּ הַקָּטֹן אִתָּנוּ וְיָרַדְנוּ כִּי-לֹא נוּכַל לִרְאוֹת פְּנֵי הָאִישׁ וְאָחִינוּ הַקָּטֹן אֵינֶנּוּ אִתָּנוּ׃
wannómer lo nuchál larédet im-jésch achínu hakkatón ittánu wejarádnu ki-ló nuchál lir'ót pené ha'ísch we'achínu hakkatón enénnu ittánu
26 Und wir sagten zu ihm: „Wir können nicht hinabziehen. Nur wenn der kleine Bruder mit uns ist, dann ziehen wir hinab. Wir werden das Gesicht des Herrn nicht sehen können, wenn unser jüngster Bruder nicht bei uns ist.“
וַיֹּאמֶר עַבְדְּךָ אָבִי אֵלֵינוּ אַתֶּם יְדַעְתֶּם כִּי שְׁנַיִם יָלְדָה-לִּי אִשְׁתִּי׃
wajomer awdechá awí elénu attém jeda'tém ki schenájim jaleda-lí ischtí
27 Und dein Knecht, mein Vater, sagte zu uns: „Ihr wisst, dass mir meine Frau nur zwei geboren hat.
Denkt über diese schrecklichen Worte nach, die Jehuda sagt: „Mein Vater sagte zu uns – zu uns, den zehn Brüdern: ‚Ihr wisst doch, dass mir die Frau nur zwei geboren hat, und das seid nicht ihr.‘“ So etwas über den Vater zu sagen, so etwas vom Vater zu hören, das ist sehr schwer. Mit anderen Worten: „Ich habe in Wirklichkeit nur zwei Kinder, und ihr – ihr, nun, ihr seid eben einfach so geboren; ihr seid da, aber lieben tue ich nur zwei. Einer ist verschwunden, und jetzt nehmt ihr mir auch noch den zweiten.“ Und Jehuda sagt das nicht mit Verurteilung, obwohl es etwas zu verurteilen gab, es genug zu erleiden gab, es Anlass gab zu sagen: „Dieser Binjamin zusammen mit Josef ist uns ständig wie ein Knochen im Hals, und unser Papa ist die ganze Zeit bei ihrer Mutter, weil unsere Mama ihm mit Gewalt aufgedrängt wurde. Wir haben, wissen Sie, Genosse Ägypter, so eine Familientragödie.“ Schreckliche Dinge sagt Jehuda. Stellt euch vor, dass er diesen Schmerz nicht Josef, seinem Bruder, erzählt, sondern einem ägyptischen Beamten über einen Dolmetscher. Und er sagt es schon nicht mehr mit Kränkung: „Da gibt es in unserer Familie geliebte Brüder und ungeliebte“, er sagt es mit Milde und mit Mitgefühl für den Vater. Das ist eine sehr große innere Heldentat – die Vergebung und die Annahme dessen, dass man ein ungeliebter Sohn ist. Er zitiert Jaakow weiter und sagt:
וַיֵּצֵא הָאֶחָד מֵאִתִּי וָאֹמַר אַךְ טָרֹף טֹרָף וְלֹא רְאִיתִיו עַד-הֵנָּה׃
wajezé ha'echád me'ittí wa'omár ach taróf toráf weló re'itíw ad-hénna
28 Und einer von ihnen ging von mir fort, Und ich sagte, dass ein Tier ihn zerrissen hat, mit Zerreißen ihn zerrissen hat, ich habe ihn nicht mehr gesehen.
Das sagt Jehuda, und hier hört Josef zum ersten Mal davon, was der Vater über sein Verschwinden denkt. Erstens: „Ich sagte, dass ein Tier ihn zerrissen hat.“ Zweitens deutet dieses „und ich habe ihn nicht mehr gesehen“ darauf hin, dass Jaakow vielleicht irgendwo noch hofft, dass sein Sohn lebt. Menschen warten auf ihre Söhne, Töchter, Männer, Väter, und das ist, leider oder zum Glück, dem Menschen eigen. Und Josef hört hier zum ersten Mal diesen Teil der Geschichte, das, was er natürlich nicht wissen konnte. Ein ganzer Abgrund von Gefühlen muss sich vor Josef auftun.
Was für ein Umdenken des Lebens auf Seiten Jehudas! In diesen Jahren hat er es, muss man sagen, geschafft zu heiraten, zwei Kinder zu begraben, Enkel zu sehen, zwei, und das verändert einen Menschen natürlich sehr. Möglicherweise ist Jehuda nach dem Tod von Er und Onan, seinen zwei Kindern, ergraut, gealtert, das ist alles möglich. Aber was sicher ist – er hat viele Lektionen gelernt und die familiären Bande vielleicht mehr zu schätzen begonnen. Hier sieht man einen ganz anderen Menschen, der vergibt, sich damit abfindet, dass er – der ungeliebte Sohn in der Familie ist, und die Liebe des Vaters zu dem Geliebten schätzt, der „nicht er selbst“ ist. Das ist eine sehr schreckliche Tragödie im Herzen eines Menschen, eine sehr gewaltige Kraft der Vergebung.
Jaakow spricht weiter, in der Nacherzählung Jehudas:
וּלְקַחְתֶּם גַּם-אֶת-זֶה מֵעִם פָּנַי וְקָרָהוּ אָסוֹן וְהוֹרַדְתֶּם אֶת-שֵׂיבָתִי בְּרָעָה שְׁאֹלָה׃
ulkachtém gam-et-sé me'ím panáj wekaráhu asón wehoradtém et-sewatí bera'á sche'óla
29 Wenn ihr auch diesen von meinem Angesicht nehmt Und ihm ein Unglück zustößt, Und ihr meine Seele, im Bösen, ins Grab hinabbringt“.
Jaakow sagte (42,38) bejagón (in Kummer) sche'óla, aber hier sagt Jehuda bera'á (im Bösen) sche'óla. Vielleicht, weil er versucht, ein einfacheres Hebräisch zu sprechen, vielleicht, weil er das Gespräch so nacherzählt. Er beendet die Nacherzählung dessen, was der Vater gesagt hat, und fügt hinzu:
וְעַתָּה כְּבֹאִי אֶל-עַבְדְּךָ אָבִי וְהַנַּעַר אֵינֶנּוּ אִתָּנוּ וְנַפְשׁוֹ קְשׁוּרָה בְנַפְשׁוֹ׃
we'attá kewo'í el-awdechá awí wehanná'ar enénnu ittánu wenafschó keschurá wenafschó
30 Jetzt, wenn ich zu deinem Knecht komme, dem Vater des Jungen, Und der Junge ist nicht da, Und seine Seele ist mit seiner Seele verbunden.
Das heißt: „Er liebt Binjamin, unser Leben – es ist kostenlos, es ist nichts wert. Er liebt Binjamin, und selbst wenn wir jetzt zu zehnt zu ihm kommen, dann wird ihn das nicht trösten, es wird ihn trotzdem umbringen, weil seine Seele mit der Seele des Jungen verbunden ist, ihre Seelen sind verbunden.“
וְהָיָה כִּרְאוֹתוֹ כִּי-אֵין הַנַּעַר וָמֵת וְהוֹרִידוּ עֲבָדֶיךָ אֶת-שֵׂיבַת עַבְדְּךָ אָבִינוּ בְּיָגוֹן שְׁאֹלָה׃
wehajá kir'otó ki-én hanná'ar wamét wehorídu awadécha et-sewát awdechá awínu bejagón sche'óla
31 sobald er sieht, dass der Jüngling nicht bei uns ist, Und er wird sterben, Und es bringen deine Knechte Das graue Haar deines Knechtes, unseres Vaters, Mit Gram ins Grab hinab.
Hier zitiert er Jaakow schon vollständig: bejagón sche'óla – mit Gram, mit Trauer ins Grab.
Der Kern der Rede Jehudas liegt nicht darin, dass: „Wissen Sie, Binjamin ist ein häuslicher Junge, ich weiß nicht, wie das mit ihm passiert ist; er wird bei der Arbeit gut beurteilt, aber vielleicht haben wir gestern getrunken, und er hat diesen Becher gestohlen?“ oder: „Wissen Sie was? Bei Binjamin ist das so eine Vererbung: Seine Mama hat auch einmal Wahrsagegeräte gestohlen. Er ist einfach Monotheist, und wo er etwas Wahrsagerisches sieht, da stiehlt er es sofort.“ Man hätte eine dritte Strategie nehmen und sagen können: „Dieser Junge leidet so sehr um seinen Bruder, dass er dachte, er würde ihn mithilfe Ihres Bechers finden, und deshalb hat er ihn gestohlen. Haben Sie Erbarmen!“ Man hätte über alles Mögliche sprechen können, aber Jehuda wählte die Variante, dass „unser Vater sterben wird, wenn wir den Jüngling nicht zurückbringen“. Warum wählte Jehuda diese Linie? Offenbar, weil er gehört hatte, wie sich der ägyptische Beamte für den Vater interessiert, warm nach ihm fragt. Und Jehuda beschloss, über das zu sprechen, was Josef interessiert. Es ist unklar, warum sich Josef für ihren Vater interessiert, aber wenn er sich schon dafür interessiert hat, dann musste man zuerst sagen: „Großartig, dass du so feinfühlig bist, großartig, dass du Empathie für den Alten hast. Jetzt begreif, dass er, Gott bewahre, sterben kann, wenn wir kommen und der Jüngling nicht bei uns ist.“
כִּי עַבְדְּךָ עָרַב אֶת-הַנַּעַר מֵעִם אָבִי לֵאמֹר אִם-לֹא אֲבִיאֶנּוּ אֵלֶיךָ וְחָטָאתִי לְאָבִי כָּל-הַיָּמִים׃
ki awdechá aráw et-hanná'ar me'ím awí lemór im-ló awi'énnu elécha wechatáti le'awí kol-hajamím
32 Denn dein Knecht (hier spricht er von sich selbst) hat sich für den Jüngling beim Vater verbürgt, Indem er sprach: „Wenn ich ihn nicht zu dir bringe, Habe ich gegen meinen Vater gesündigt alle Tage.“
Zuerst wechselt Jehuda die Person, zuerst sagt er: „Wenn ich ihn nicht zu dir bringe, habe ich gegen den Vater gesündigt.“ Das alles ist die Kunst der Nacherzählung. Sehr schön erzählt Jehuda das alles nach.
וְעַתָּה יֵשֶׁב-נָא עַבְדְּךָ תַּחַת הַנַּעַר עֶבֶד לַאדֹנִי וְהַנַּעַר יַעַל עִם-אֶחָיו׃
we'attá jeschew-ná awdechá táchat hanná'ar éwed ladoní wehanná'ar já'al im-echáw
33 So soll nun dein Knecht (das heißt ich) anstelle dieses Jünglings Knecht meines Herrn sein, Und der Jüngling soll zusammen mit seinen Brüdern gehen.
Was schlägt Jehuda vor? Jehuda sagt: „Was soll man machen, mein Vater liebt am meisten nicht mich, sondern Binjamin. Wenn ich ohne Binjamin zurückkehre, werde ich in den Augen meines Vaters mein ganzes Leben lang schuldig sein. Und ein Leben werde ich sowieso nicht haben, aber auch er wird kein Leben haben, weil er mit der Seele an die Seele Binjamins gebunden ist. Darum lass mich an seiner Stelle als Knecht bleiben. Der Vater liebt ihn mehr, erbarme dich über den Vater.“ Das ist leicht zu sagen, leicht noch einmal zu lesen, aber es ist ein schrecklicher innerer Kampf eines Menschen.
כִּי-אֵיךְ אֶעֱלֶה אֶל-אָבִי וְהַנַּעַר אֵינֶנּוּ אִתִּיפֶּן אֶרְאֶה בָרָע אֲשֶׁר יִמְצָא אֶת-אָבִי׃
ki-éch e'elé el-awí wehanná'ar enénnu ittí pen er'é wará aschér jimzá et-awí
34 Denn wie soll ich zu meinem Vater kommen, Und der Jüngling ist nicht bei mir? Damit ich nicht das Böse sehe, das mit meinem Vater geschehen wird“.
Ich weiß nicht, wir wissen nicht, ob Jehuda wirklich glaubt, dass Binjamin diesen Becher gestohlen hat. Hier gibt es keine Rechtfertigung für ihn, wir hören keine Rechtfertigung für ihn. Bis zum Ende wird Binjamin kein einziges Wort sagen, und Josef wird es den Brüdern höchstwahrscheinlich nicht sagen. Und im Bewusstsein dessen, vielleicht sogar in Binjamin einen Verbrecher sehend, aber verstehend, dass der Vater ihn mehr liebt, sagt Jehuda: „Wie soll ich zum Vater zurückkehren, wenn der Knabe nicht bei mir ist?“ Dieser Satz wurde zum Symbol, zur Devise des Chassidismus. Die Chassidim – Lehrer, die ins Volk gingen, zu den einfachsten Menschen – zu den Fuhrleuten, zu den Schankwirten, zu denen, die die einfachsten Arbeiten verrichteten und sich vielleicht vom Höchsten entfernten. Sie gingen zu ihnen, dienten ihnen, predigten und brachten sie zur Tora zurück mit dem Gedanken: „Wie soll ich zum Vater kommen, wie kann ich zum Vater (zum himmlischen, ist gemeint) kommen, zu den Gebeten, zum Dienst, wenn der Jüngling nicht bei mir ist?“
So viel Sorge um den Vater, so viel Demut vor jener schweren Ungleichheit, die es in ihrer Familie gibt. So viel ruhige, gute Liebe zum Vater, Selbstvertrauen und die Bereitschaft, sein ganzes Leben lang Knecht zu bleiben, seine Kinder nicht zu sehen, – alles nur dazu, dass der geliebte Sohn des Vaters, der Liebling des Vaters, den man böse hätte beneiden können, zum Vater zurückkehrt. Eine tragische, in ihrer Tiefe schreckliche Rede.
Wir haben dort aufgehört, wo Jehuda eine eindringliche Rede hielt, in deren Verlauf er sagte, dass Binjamin – was soll man machen – der geliebte Sohn des Vaters ist, ohne den der Vater sterben wird. Er, Jehuda, kann auf keinen Fall ohne diesen Jüngling zum Vater zurückkehren. Und darum schlug er Josef vor, dass er selbst ihm als Knecht bleibt, anstelle Binjamins. Ein vorteilhaftes Geschäft. Jehuda ist ein erfahrener Mann, man sieht die schwieligen Hände. Binjamin ist im Unterschied zu ihm ein häuslicher Junge, und der Tausch lohnt sich. Jehuda beendete die Rede und erstarrte in Erwartung. Dort haben wir aufgehört, und wir lesen weiter vom Anfang des 45. Kapitels.
וְלֹא־יָכֹל יוֹסֵף לְהִתְאַפֵּק לְכֹל הַנִּצָּבִים עָלָיו וַיִּקְרָא הוֹצִיאוּ כָל־אִישׁ מֵעָלָי וְלֹא־עָמַד אִישׁ אִתּוֹ בְּהִתְוַדַּע יוֹסֵף אֶל־אֶחָיו׃
welo-jachól josséf lehit'appék lechól hannizzawím aláw wajikrá hozí'u chol-ísch me'aláj welo-ámad isch ittó behitwaddá josséf el-echáw
1 Und Josef konnte sich nicht mehr beherrschen vor allen, die ihm beigestellt waren, Und rief: „Schafft alle von mir hinaus!“ Und niemand war bei ihm, Als Josef sich den Brüdern offenbarte.
Josef ist kein einfacher Mensch, er hat einen hohen Status. Neben ihm sind ein Dolmetscher, ein Sekretär, ein Stabssekretär, ein Hausvorsteher, ein Ordonnanzoffizier, ein Adjutant und wer weiß wer noch, neben ihm ist eine Menge Dienerschaft. Und Josef versteht, dass jetzt alle die Erzählung Jehudas hören, aber nur er weiß, dass von seinem Vater die Rede ist. Die Tragödie der Familie ist vor der ägyptischen Dienerschaft ausgeschüttet, und man kann in die Gesichter schauen: Der eine hat Mitleid, der andere ist betrübt, der dritte ist neugierig. All das kann Josef nicht ertragen. Und nicht nur das. Wir werden später verstehen, werden versuchen zu verstehen, was Josef fühlt, als er sich den Brüdern offenbart. Hier enthüllt uns die Tora schon ein wenig, dass Josef sich jetzt den Brüdern offenbaren wird.
וַיִּתֵּן אֶת-קֹלוֹ בִּבְכִי וַיִּשְׁמְעוּ מִצְרַיִם וַיִּשְׁמַע בֵּית פַּרְעֹה׃
wajittén et-koló biwchí wajischme'ú mizrájim wajischmá bet par'ó
2 Und er gab seine Stimme den Tränen, Und die Ägypter hörten es, und das Haus des Pharao hörte es.
Alles, was er zurückgehalten hatte, dieses ganze Weinen brach heraus, und er ließ den Tränen freien Lauf.
Es ist klar, dass die Ägypter nicht einfach hinausgingen. Man kann sich vorstellen, dass viele von ihnen sich an den Wänden die Ohren wund gerieben haben, um zu verstehen, was dort hinter der Tür vor sich geht. Und wenn die Rede, die auf Hebräisch sein wird, nur der Dolmetscher verstehen wird, so versteht das Weinen jeder, und morgen werden alle Papyrus-Boulevardblätter drucken: „Josef weint. Unser Wirtschaftsminister, die rechte Hand und sogar der Kopf des Pharao weint.“ Ganz Ägypten wird sofort von diesem Ereignis erfahren.
וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל-אֶחָיו אֲנִי יוֹסֵף הַעוֹד אָבִי חָי וְלֹא-יָכְלוּ אֶחָיו לַעֲנוֹת אֹתוֹ כִּי נִבְהֲלוּ מִפָּנָיו׃
wajomer josséf el-echáw aní josséf ha'ód awí chaj welo-jachelú echáw la'anót otó ki niwhalú mippanáw
3 Und Josef sagte zu seinen Brüdern: „Ich bin Josef! Lebt mein Vater noch?“. Und die Brüder konnten ihm nicht antworten, Denn sie erschraken vor ihm.
Und hier ist der Leser ratlos: Was geschieht mit Josef? Hat Josef denn vorher nicht gehört, dass Jehuda in seiner Rede 14 Mal den Vater erwähnte und sagte: „Ich habe einen armen Vater, er wird sterben, er wird es nicht aushalten“? Und auch davor fragte Josef die Brüder ständig nach der Gesundheit des Vaters. Was bewegt Josef, wenn er als Allererstes eine solche Frage stellt?
Manche Kommentatoren sagen: „Diesen Schrei der Seele hat Josef lange vorbereitet. Er stellte sich vor, wie er die Brüder sehen wird, wie er sie danach fragen wird. Darum bricht der Schrei instinktiv aus ihm heraus, überhaupt ohne jeden Zusammenhang mit dem Kontext: ‚Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch?‘“
Andere sagen, dass Josef hier vielleicht ein wenig zynisch und ironisch ist: „Ihr habt hier davon gesprochen, dass mein Vater den Tod Binjamins nicht aushalten wird, weil er ihn liebt, und wie schwer es für ihn sein wird, und wie seine grauen Haare mit Kummer ins Grab hinabfahren werden. Wie hat er denn, wie hat Papa denn meinen Tod überstanden? Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch? Meinen Tod hat er ja überlebt, vielleicht wird er auch den Tod Binjamins überleben.“ Und so kann man es natürlich auch verstehen, das ist eine der Auffassungen. Aber es passt ein wenig nicht zu den Tränen, zum Weinen. Wird Josef, nachdem er das Bekenntnis des ungeliebten Jehuda gehört hat, von irgendeiner Eifersucht gegenüber Binjamin sprechen? Schwierig. Alles ist möglich, denn kompliziert ist die menschliche Seele, aber es ist schwer, sich so etwas vorzustellen.
Noch eine Variante: Josef glaubt überhaupt nicht an die Aufrichtigkeit Jehudas. Und er denkt: „Nun, Jehuda hat verstanden, dass das eine schwache Stelle ist, dass mich das interessiert, und darum drückt er auf die Geschichte vom Vater, aber vom Vater ist in Wirklichkeit schon lange keine Spur mehr.“ Und darum sagt er so: „Ich bin Josef. Jetzt sagt mir die Wahrheit, lebt mein Vater noch“? Auch das ist eine mögliche Auffassung.
Man muss sagen, dass ich Josef im Laufe meines Lebens verschieden verstanden habe, vielleicht weil ich selbst verschieden war. Und vor Kurzem erinnerte ich mich, was mich ein alter Chassid gelehrt hat, wie er diese Stelle der Tora auslegte, wovon Josef spricht: „Da erzählt ihr mir jetzt das alles, ihr erzählt, wie Papa bekümmert war, als ich verschwand und unbekannt war, was mit mir ist. Und mit welchem Kummer er Binjamin fortschickte, und wie er vielleicht sagte: ‚Und wen ich begrabe, den begrabe ich.‘ Und jetzt, da ihr alle elf hier seid, da er nicht weiß, was mit euch geschieht, lebt er jetzt? Vielleicht ist er vor Kummer und Sorgen gestorben, bei all den Verzögerungen, die ihr hier hattet? Vielleicht hat ihm im Traum etwas geträumt. Lebt er jetzt? Gerade in dieser Minute? Nicht damals, als ihr fortgingt, sondern gerade jetzt?“ Josef wurde von Sorge um den Vater erfüllt.
Ich erinnere mich, im Kindergarten meines Sohnes gab es eine Aufführung, und er spielte einen der Brüder, und ein anderer Junge spielte Josef. Er saß auf dem Thron und hörte Jehuda an, und im anderen Teil der Bühne saß sein Papa, der Papa dieses Jungen, der zugleich die Rolle von Josefs Vater spielte und den weinenden Jaakow darstellte: gleichsam in der Erzählung Jehudas sitzt Jaakow da und weint. Und dieser Papa weinte so theatralisch, stellte den weinenden Jaakow so schön dar, dass Josef auf dem Thron es nicht aushielt und mit dem Ruf: „Papi!“ zu seinem Vater lief. Ein kindlicher Eindruck. Vielleicht hat genau diese Unruhe Josef überwältigt. Er erinnerte sich an den Vater, er fühlte nicht nur den Kummer Jehudas, sondern auch die Liebe des Vaters, bei dem jetzt alle zwölf Kinder wer weiß wo sind. Und darum stellt er eine solche, scheinbar unsinnige Frage: „Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch?“
… denn sie erschraken vor ihm. Die Kommentatoren sagen darüber so: „Wenn der Höchste kommen wird, um uns zurechtzuweisen, wie furchtbar wird es uns da sein!“ Andererseits sagt Rawua: „Wenn sich der Maschiach offenbaren und uns sagen wird: ‚Ich bin der Maschiach‘, dann werden weder Worte noch irgendwelche Erklärungen noch Vorwürfe nötig sein.“ Einerseits wird es furchtbar sein, andererseits wird sich sofort alles einrenken.
Also stehen die Brüder erschrocken da, stehen offenbar noch am anderen Ende des Saals, in dem Josef sie empfängt, und Josef versteht auch, dass sie dort belauscht werden. Josef versteht auch die Bestürzung, die die Brüder ergriffen hat.
וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל-אֶחָיו גְּשׁוּ-נָא אֵלַי וַיִּגָּשׁוּ וַיֹּאמֶר אֲנִי יוֹסֵף אֲחִיכֶם אֲשֶׁר-מְכַרְתֶּם אֹתִי מִצְרָיְמָה׃
wajomer josséf el-echáw geschu-ná eláj wajiggáschu wajomer aní josséf achichém ascher-mechartém otí mizrajmá
4 Und Josef sagte zu den Brüdern: „Tretet heran zu mir.“ Und sie traten zu ihm heran, Und er sagte zu ihnen (noch einmal): „Ich bin Josef, euer Bruder, Den ihr nach Ägypten verkauft habt.
Teilweise ist es wieder eine instinktive Unterordnung unter eben jenen ägyptischen Beamten, der gerade eben mit ihnen gesprochen hat. Andererseits stellen wir uns vor, dass im Haus des Pharao, wenn nicht überall Kameras und Mikrofone aufgehängt sind, so doch überall Ohren. Und tatsächlich klebten viele Ohren an den Wänden, darum sagt Josef zu den Brüdern: „Tretet heran zu mir.“ Es gibt Kommentatoren und Midraschim, die sagen: „Die Brüder wollten sich auf ihn stürzen und ihn töten, aber die Engel ließen sie nicht, und da sagte Josef zu ihnen: ‚Tretet heran zu mir.‘“ Andere sagen: „Josef rief sie, um ihnen die Brit Mila zu zeigen, als Beweis seines ‚Josefseins‘.“ Nun, mir scheint, das sind so ein wenig theatralische Midraschim. Und einfach um die Brüder zu beruhigen, sagt er zu ihnen: „Tretet heran zu mir.“
„Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt.“ Das brauchte man nicht über den ganzen Hof zu schreien, damit man nicht hört: „Ah, die sind nicht einfach so gekommen, so eine Sippschaft hat also Josef. Da sind eben jene Brüder gekommen, die ihn verkauft haben.“ Diese Zurechtweisung bringt Josef so vor, dass sie ja niemand hört. Josef fährt fort und sagt:
וְעַתָּה אַל־תֵּעָצְבוּ וְאַל־יִחַר בְּעֵינֵיכֶם כִּי־מְכַרְתֶּם אֹתִי הֵנָּה; כִּי לְמִחְיָה שְׁלָחַנִי אֱלֹהִים לִפְנֵיכֶם׃
we'attá al-te'azewú we'al-jichar be'enechém ki-mechartém otí hénna ki lemichjá schelacháni elohím lifnechém
5 Jetzt aber Seid nicht traurig, verzagt nicht, Und es sei das kein Ärger, es sei das kein Zorn in euren Augen, Dass ihr mich verkauft habt, Denn um des Lebens willen, um der Ernährung willen hat Gott mich vor euch hergesandt.
Aber warum sollte man sich hier denn erzürnen? Auch damit werden wir uns noch befassen. Das heißt: „Verzweifelt nicht und ärgert euch nicht über euch selbst, dass ihr mich verkauft habt: Denkt daran, Jungs, dass alles in Gottes Händen liegt, was auch immer ihr vorhattet. Wozu jetzt noch auf euch böse sein, wozu sich jetzt noch Vorwürfe machen? Alles hat Gott zur Ernährung getan.“
כִּי-זֶה שְׁנָתַיִם הָרָעָב בְּקֶרֶב הָאָרֶץ וְעוֹד חָמֵשׁ שָׁנִים אֲשֶׁר אֵין-חָרִישׁ וְקָצִּיר׃
ki-sé schenatájim hara'áw bekérew ha'árez we'ód chamésch schaním aschér en-charísch wekazzír
6 Schon zwei Jahre ist Hunger im Land, Und noch sieben Jahre wird es kein Pflügen und Ernten geben.
וַיִּשְׁלָחֵנִי אֱלֹהִים לִפְנֵיכֶם לָשׂוּם לָכֶם שְׁאֵרִית בָּאָרֶץ וּלְהַחֲיוֹת לָכֶם לִפְלֵיטָה גְּדֹלָה׃
wajischlachéni elohím lifnechém lasúm lachém sche'erít ba'árez ulhachajot lachém lifletá gedolá
7 Und der HERR sandte mich vor euch her, Um euch einen Rest auf der Erde zu schaffen, Damit euch eine große Zuflucht sei.
Josef sagt: „Der HERR hat alles vorhergesehen, das alles ist zum Guten, fürchtet euch nicht.“
וְעַתָּה לֹא-אַתֶּם שְׁלַחְתֶּם אֹתִי הֵנָּה כִּי הָאֱלֹהִים וַיְשִׂימֵנִי לְאָב לְפַרְעֹה וּלְאָדוֹן לְכָל-בֵּיתוֹ וּמֹשֵׁל בְּכָל-אֶרֶץ מִצְרָיִם׃
we'attá lo-attém schelachtém otí hénna ki ha'elohím wajsiméni le'áw lefar'ó ul'adón lechol-betó umoschél bechol-érez mizrájim
8 Und nun, Nicht ihr habt mich hierher gesandt, Sondern Gott, Und machte mich dem Pharao zum Vater Und zu seinem Herrn über sein ganzes Haus, das des Pharao, Und zum Herrscher über das ganze Land.
Das Wort Vater steht hier in der Bedeutung Patron, das heißt älterer Partner bei der Arbeit, der für die Geschäfte verantwortlich ist. Obwohl wir davon gesprochen haben, dass viele Pharaonen in Ägypten sehr jung regierten, und das kann so ein Fall sein, wird hier aber höchstwahrscheinlich das Wort aw (Vater) im übertragenen Sinn verwendet. Heute heißt dort, wo es irgendwelche Wohnheime gibt, wo viele Menschen wohnen, in Jeschiwot und Internaten, der Leiter aw bajt (Vater des Hauses) oder em bajt (Mutter des Hauses).
Josef hat jetzt Folgendes gesagt: „Nicht ihr habt mich hier zum König gemacht – Gott hat mich hier zum König gemacht.“ Erinnert ihr euch an seinen Traum? Als er ihnen den ersten Traum von den Ähren erzählte, fragten die Brüder: „Willst du über uns König sein?“ oder „Willst du über uns herrschen?“ Das heißt, König sein – das bedeutet „wir selbst werden dich zum König machen“, herrschen – das bedeutet „du wirst mit Gewalt die Herrschaft über uns an dich nehmen“. Auf diese Frage antwortet Josef ihnen hier bewusst (oder unbewusst): „Nicht ihr und nicht ich, Gott hat es so entschieden, von Gott kommt die Deutung der Träume.“
מַהֲרוּ וַעֲלוּ אֶל-אָבִי וַאֲמַרְתֶּם אֵלָיו כֹּה אָמַר בִּנְךָ יוֹסֵף שָׂמַנִי אֱלֹהִים לְאָדוֹן לְכָל-מִצְרָיִם רְדָה אֵלַי אַל-תַּעֲמֹד׃
maharú wa'alú el-awí wa'amartém eláw ko amár binchá josséf samáni elohím le'adón lechol-mizrájim redá eláj al-ta'amód
9 Eilt, zieht hinauf zu meinem Vater Und sagt ihm: „So hat dein Sohn Josef gesagt: ‚Mich hat Gott zum Herrn über ganz Ägypten gesetzt, Ohne Verzug komm herab zu mir.
מַהֲרוּ וַעֲלוּ אֶל־אָבִי וַאֲמַרְתֶּם אֵלָיו כֹּה אָמַר בִּנְךָ יוֹסֵף שָׂמַנִי אֱלֹהִים לְאָדוֹן לְכָל־מִצְרָיִם רְדָה אֵלַי אַל־תַּעֲמֹד׃
wejaschawtá we'erez-góschen wehajíta karow eláj attá uwanécha uwné wanécha wezonechá uwkarechá wechol-ascher-lách
10 Und du wirst im Land Goschen wohnen, Und wirst nahe bei mir sein, Du und deine Söhne, Und die Söhne deiner Söhne, Dein Kleinvieh und dein Großvieh – Alles, was du hast.
Das Land Goschen liegt im Osten Ägyptens, es ist der östlichste Teil, das Nildelta. Es begann an einem Ort, der Fogas heißt: fo – das ist so ein Artikel in der ägyptischen Sprache (wie im Deutschen das, oder im Englischen the, oder im Hebräischen ha); gas – das ist eine Abkürzung der Namen gesem, oder geschem, oder goschen, oder gesen – das ist die Überschwemmung des Nildeltas, fruchtbare, grüne Wiesen im Osten Ägyptens. Auf der anderen Seite, im Nordosten, endete es an einem Ort, der Per-Ramses heißt, das ist die heutige Provinz asch-Scharkija in Ägypten, sehr fruchtbare Wiesen, Weideplätze. Übrigens existiert die Stadt Fakús, von der wir oben gesprochen haben, bis in unsere Zeit. Allerdings haben die Araber diesem Namen eine arabische Etymologie ausgedacht. Na, aber was ändert das schon? Und alle wissen, dass das Land Goschen – fruchtbares Land ist. Und Jaakow weiß das sicherlich, deshalb muss man ihm darüber nicht ausführlich erzählen.
וְהָיִיתָ קָרוֹב אֵלַי אַתָּה וּבָנֶיךָ וּבְנֵי בָנֶיךָ וְצֹאנְךָ וּבְקָרְךָ וְכָל-אֲשֶׁר-לָךְ׃
wechilkaltí otechá scham ki-ód chamésch schaním ra'áw pen-tiwwarésch attá uwetechá wechol-ascher-lách
11 Und dort werde ich dir Nahrung geben, Denn noch fünf Jahre wird Hunger sein, Damit du nicht verarmst, du und dein Haus, von allem, was du hast.
Das ist es, was Josef den Brüdern gebietet: sofort zum Vater zu fahren und zu erzählen.
וְהִנֵּה עֵינֵיכֶם רֹאוֹת וְעֵינֵי אָחִי בִנְיָמִין כִּי-פִי הַמְדַבֵּר אֲלֵיכֶם׃
Wehinné enechém ro'ót we'ené achí winjamín ki-fí hamdabbér alechém
12 Denn siehe, Eure Augen sehen Und die Augen meines Bruders Binjamin sehen, Dass es mein Mund ist, der zu euch redet.
Beinahe der amerikanische Ausdruck read my lips (lies es mir von den Lippen ab), aber hier: „Ihr selbst werdet dem Vater bezeugen, dass ihr mich gesehen habt, der ich euch das auf Hebräisch, in unserer häuslichen Sprache, gesagt habe. Und ihr, Brüder, die ihr vielleicht weit von mir entfernt wart, und Binjamin, der vielleicht, obwohl er klein war, mir näher war und sich besser an mich erinnert, ihr werdet Zeugen sein, dass es mein Mund ist, der euch das gesagt hat, dass ich es bin, der euch das versprochen hat.“
וְהִגַּדְתֶּם לְאָבִי אֶת-כָּל-כְּבוֹדִי בְּמִצְרַיִם וְאֵת כָּל-אֲשֶׁר רְאִיתֶם וּמִהַרְתֶּם וְהוֹרַדְתֶּם אֶת-אָבִי הֵנָּה׃
wehiggadtém le'awí et-kol-kewodí bemizrajim we'ét kol-aschér re'itém umihartém wehoradtém et-awí hénna
13 Und sagt meinem Vater Von all der Ehre, mit der ich in Ägypten umgeben bin, Und von allem, was ihr gesehen habt, Und eilt, und bringt meinen Vater hierher herab‘“.
Josef ist offenbar doch besorgt, er sorgt sich gerade darum, was jetzt mit seinem Vater geschieht. Ist er gesund? Wird er diese ganze Reise überstehen, diese ganze Reise seiner Söhne nach Ägypten, die Abwesenheit seiner Söhne? Darum sorgt sich Josef offenbar, und um ihn zu überzeugen, zu ihm herabzukommen, sagt er: „Erzählt ihm alles, was ihr gesehen habt. Gewinnt ihn, bringt ihm diese Geschichte schön dar, damit er sich nicht fürchtet, nach Ägypten herabzuziehen.“ Kurz gesagt: „ihr seid doch hier begabte Redner, ihr werdet ihn überzeugen.“ Und erst nachdem er wieder das Wirtschaftsprogramm dargelegt hat (erinnert euch, als er dem Pharao die Träume deutete, legte er ohne Emotionen das Wirtschaftsprogramm dar und sagte, was zu tun ist), lässt er seinen Gefühlen freien Lauf.
וַיִּפֹּל עַל-צַוְּארֵי בִנְיָמִן-אָחִיו וַיֵּבְךְּ וּבִנְיָמִן בָּכָה עַל-צַוָּארָיו׃
wajippól al-zawweré winjamin-achíw wajéwk uwinjamín bacha al-zawwaráw
14 Und er fiel Binjamin, seinem Bruder, um den Hals, Und weinte, Und Binjamin weinte an seinem Hals.
Viele achten auf die Form des Ausdrucks al zawwere – auf die Hälse seines Bruders. Die Sache ist die, dass das Wort Hals heute zum Wort zawar geworden ist (Einzahl). Im alten Hebräisch existierten die rechte und die linke Seite des Halses als getrennte Teile, wie zum Beispiel die Wangen: die eine – léchi, die zweite – léchi, zusammen lechajájim – paarige Mehrzahl; ebenso auch zawwaráim oder zawwarím – wie Mündungen des Halses. Er fiel also nicht auf die Hälse Binjamins (Binjamin hatte einen einzigen Hals).
וַיְנַשֵּׁק לְכָל-אֶחָיו וַיֵּבְךְּ עֲלֵיהֶם וְאַחֲרֵי כֵן דִּבְּרוּ אֶחָיו אִתּוֹ׃
wajnaschék lechol-echáw wajéwk alehém we'acháre chen dibberú echáw ittó
15 und Küsste jeden seiner Brüder, und weinte mit ihnen (an jedem von ihnen, kann man sagen, indem er jeden von ihnen umarmte), Und danach redeten die Brüder mit ihm.
Sehr wenig von dem, was die Brüder sagen, wissen wir. Wir sehen Re'uwen, Jehuda in dieser Geschichte. Wir wissen vielleicht, dass dort irgendwo Schimon und Lewi im Hintergrund sind. Die übrigen Brüder: Dan, Ascher, Jissachar, Naftali, Gad und Sewulun hören wir in dieser Geschichte nicht. Aber offenbar haben die Brüder alle mit ihm gesprochen, von ihrem Leben und Treiben erzählt. Jehuda konnte von den zwei Kindern erzählen, die er begraben hatte, von der Geschichte mit der Schwiegertochter. Binjamin – von den zehn Kindern, die er gezeugt hatte. Und jeder hatte etwas zu erzählen, jeder hatte ein ganzes gelebtes Leben hinter sich, obwohl die Leute noch jung sind.
וְהַקֹּל נִשְׁמַע בֵּית פַּרְעֹה לֵאמֹר בָּאוּ אֲחֵי יוֹסֵף וַיִּיטַב בְּעֵינֵי פַרְעֹה וּבְעֵינֵי עֲבָדָיו׃
wehakkól nischmá bet par'ó lemór báu aché josséf wajitáw be'ené far'ó uw'ené awadáw
16 Und das Gerücht drang zum Haus des Pharao, dass Gekommen sind die Brüder Josefs. Das gefiel dem Pharao und seinen Knechten.
Alle freuten sich für Josef. Warum steht geschrieben „und seinen Knechten“? Keiner von den Knechten sagte: „Dieser Jude hier hat uns schon allein bedrängt, jetzt werden es zwölfmal mehr sein, wenn nicht gar siebzigmal. Und wie wird das enden? Diese Juden haben Ägypten verkauft und betrunken gemacht, verdorben.“ Nichts dergleichen. Offenbar verstand es Josef, sich so zu stellen, dass sich die Knechte des Pharao über seine Freude mitfreuen konnten.
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל-יוֹסֵף אֱמֹר אֶל-אַחֶיךָ זֹאת עֲשׂוּ טַעֲנוּ אֶת-בְּעִירְכֶם וּלְכוּ-בֹאוּ אַרְצָה כְּנָעַן׃
wajomer par'ó el-josséf emór el-achécha sot asú ta'anú et-be'irechém ulchu-wóu arza kená'an
17 Und der Pharao sprach zu Josef: „Sag deinen Brüdern: Dies tut: Beladet jetzt euer Vieh, Und geht in das kanaanäische Land.
וּקְחוּ אֶת-אֲבִיכֶם וְאֶת-בָּתֵּיכֶם וּבֹאוּ אֵלָי וְאֶתְּנָה לָכֶם אֶת-טוּב אֶרֶץ מִצְרַיִם וְאִכְלוּ אֶת-חֵלֶב הָאָרֶץ׃
ukchú et-awichém we'et-battechém uwóu eláj we'ettená lachém et-túw érez mizrájim we'ichlú et-chelew ha'arez
18 Nehmt euren Vater Und eure Häuser Und kommt zu mir (jetzt haben sie eine persönliche Einladung des Pharao), Und ich werde euch Das Beste geben, was es im Haus gibt, im ägyptischen Land, Und sie werden essen vom Fett des Landes“.
וְאַתָּה צֻוֵּיתָה זֹאת עֲשׂוּ קְחוּ-לָכֶם מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם עֲגָלוֹת לְטַפְּכֶם וְלִנְשֵׁיכֶם וּנְשָׂאתֶם אֶת-אֲבִיכֶם וּבָאתֶם׃
we'attá zuwwéta sot asú kechu-lachém me'érez mizrájim agalót letappechém welinschechém unsatém et-awichém uwatém
19 Und du, gebiete, dass sie so tun: Nehmt euch aus dem ägyptischen Land Wagen Für eure Kinder und für eure Frauen, Und bringt auf ihnen euren Vater her.
וְעֵינְכֶם אַל-תָּחֹס עַל-כְּלֵיכֶם כִּי-טוּב כָּל-אֶרֶץ מִצְרַיִם לָכֶם הוּא׃
we'enechém al-tachós al-kelechém ki-túw kol-érez mizrájim lachém hu
20 Und eure Augen sollen nicht bedauern irgendwelchen Kleinkram, Gefäße, seid nicht kleinlich beim Packen, Denn alle Güter des ägyptischen Landes werden euch gehören“.
וַיַּעֲשׂוּ-כֵן בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וַיִּתֵּן לָהֶם יוֹסֵף עֲגָלוֹת עַל-פִּי פַרְעֹהוַיִּתֵּן לָהֶם צֵדָה לַדָּרֶךְ׃
waja'asu-chén bené jisraél wajittén lahém josséf agalót al-pí far'ó wajittén lahém zedá laddárech
21 Und so taten die Söhne Israels, Und Josef gab ihnen Wagen, nach dem Mund des Pharao, Und gab ihnen Proviant für den Weg.
Die Wagen sind die Spitzentechnologie Ägyptens, Josef hat nicht das Recht, selbst über sie zu verfügen, deshalb gab er die Wagen „nach dem Mund des Pharao“.
לְכֻלָּם נָתַן לָאִישׁ חֲלִפוֹת שְׂמָלֹת וּלְבִנְיָמִן נָתַן שְׁלֹשׁ מֵאוֹת כֶּסֶף וְחָמֵשׁ חֲלִפֹת שְׂמָלֹת׃
lechullám natán la'ísch chalifót semalót ulwinjamín natán schelósch me'ót késsef wechamésch chalifót semalót
22 Allen gab er, Jedem gab er ein Ober- und ein Untergewand, Binjamin aber gab er dreihundert Silberlinge Und fünf Wechselkleider.
Die Kommentatoren sagen: „Warum gab er Binjamin? Und warum gerade dreihundert Silberlinge?“ Und es wird so gesagt: „Jeder, der einen jüdischen Knecht an Heiden verkauft, der wird mit einer Strafe belegt (das ist der Talmud, Traktat Gittin, und obwohl dieses Gesetz spät ist, wird es uns hier aktuell und interessant sein). Ihm steht eine zehnfache Strafe zu. Der Preis eines jüdischen Knechts sind 30 Silberlinge, deshalb sind von jedem der zehn Brüder, von ihrer Prämie von 300 Silberlingen, 300 Silberlinge abgezogen. Sie bekommen null, und Binjamin bekommt die zehnfache Bezahlung dafür, dass er nicht am Verkauf Josefs beteiligt war.
וּלְאָבִיו שָׁלַח כְּזֹאת עֲשָׂרָה חֲמֹרִים נֹשְׂאִים מִטּוּב מִצְרָיִם וְעֶשֶׂר אֲתֹנֹת נֹשְׂאֹת בָּר וָלֶחֶם וּמָזוֹן לְאָבִיו לַדָּרֶךְ׃
ul'awíw schalách kesót assará chamorím nosse'ím mittúw mizrájim we'ésser atonót nosse'ót bar waléchem umasón le'awíw laddárech
23 Und dem Vater sandte er zehn Esel, beladen mit allen Gütern Ägyptens, Und zehn Eselinnen, Die Weizen trugen, und Brot, Und Proviant für den Vater auf den Weg.
וַיְשַׁלַּח אֶת-אֶחָיו וַיֵּלֵכוּ וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם אַל-תִּרְגְּזוּ בַּדָּרֶךְ׃
wajschalláchDie russische Umschrift gibt das erste Wort als „wajischlach“ wieder; im hebräischen Text steht hier aber die Form „wajschallach“ (er entließ). Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. et-echáw wajeléchu wajomer alehém al-tirgesú baddárech
24 Und er entließ seine Brüder, Und sie gingen, Und er sagte zu ihnen: „streitet nicht, zankt nicht auf dem Weg“.
Streitet nicht darüber, wer wen wohin verkauft hat, wer woran schuld ist, wer was bekommen hat. Das heißt, bewahrt den Frieden, geht in Frieden, streitet nicht, zürnt nicht. So entließ Josef also seine Brüder.
Wir sind dabei stehen geblieben, dass Josef sich von den Brüdern schon als Josef verabschiedete und ihnen einschärfte, unterwegs nicht zu streiten. Der Pharao segnete die von Josef organisierte Operation zur Umsiedlung Israels nach Ägypten, versah die Brüder mit Wagen, und auf einer prächtigen Straße, mit Wagen, mit beladenem Vieh, ziehen sie hinauf ins Land Israel, um Jaakow nach Ägypten zu holen und ihm die freudigen Nachrichten zu erzählen.
וַיַּעֲלוּ מִמִּצְרָיִם וַיָּבֹאוּ אֶרֶץ כְּנַעַן אֶל-יַעֲקֹב אֲבִיהֶם׃
waja'alú mimmizrájim wajawóu érez kena'án el-jaaków awihém
25 Und sie zogen hinauf aus Ägypten, Und sie kamen in das kanaanäische Land Zu Jaakow, ihrem Vater.
Als Erstes, ohne nach Hause zu gehen, ohne die Schuhe auszuziehen, im Wunsch, die gute Nachricht zu teilen, stürzten die Brüder zu ihrem Vater. So kann man es verstehen. Elf Brüder – jeder hat seine Familie, sein Haus, seinen Ort, wo man auf Brot wartet – fahren geradewegs, als Karawane, auf Wagen, man kann sagen, in einer prächtigen Kolonne vor und parken am Zelt Jaakows.
וַיַּגִּדוּ לוֹ לֵאמֹר עוֹד יוֹסֵף חַי וְכִי-הוּא מֹשֵׁל בְּכָל-אֶרֶץ מִצְרָיִם וַיָּפָג לִבּוֹ כִּי לֹא-הֶאֱמִין לָהֶם׃
wajaggídu lo lemór od josséf chaj wechi-hú moschél bechol-érez mizrájim wajáfog libbó ki lo-he'emín lahém
26 Und sie sagten zu ihm und sprachen: „Josef, Josef lebt ja noch! Und außerdem herrscht er über das ganze ägyptische Land.“ Und das Herz Jaakows blieb stehen, erstarrte, Denn er glaubte ihnen nicht.
Und da, „weder Hallo noch guten Morgen“, platzten die Söhne herein und sagen so etwas.
Jaakow fällt, man kann sagen, bewusstlos um, fast in Ohnmacht bei einem solchen Gedanken. Er wird schwach, nein, er verliert nicht das Bewusstsein, aber er wird schwach und fällt, sein Herz blieb stehen. Das Wort lafúg im Sinn von afugá – Aufhören, Anhalten, Erstarren des Herzens. Er glaubte ihnen nicht – offenbar hecken sie wieder etwas aus. Die Kommentatoren sagen: „Nun ja, so ist das Schicksal eines kleinen Lügners: Selbst wenn er die Wahrheit sagt, glaubt ihm niemand.“ Dieselben Brüder, die ihm das mit Blut gewaschene, mit Blut gefärbte Gewand Josefs gezeigt hatten, sagen jetzt, dass Josef lebt. Nicht nur das, er herrscht auch noch über Ägypten. Wie, auf welche erstaunliche Weise? Natürlich ist das schwer zu glauben.
וַיְדַבְּרוּ אֵלָיו אֵת כָּל-דִּבְרֵי יוֹסֵף אֲשֶׁר דִּבֶּר אֲלֵהֶם וַיַּרְא אֶת-הָעֲגָלוֹת אֲשֶׁר-שָׁלַח יוֹסֵף לָשֵׂאת אֹתוֹ וַתְּחִי רוּחַ יַעֲקֹב אֲבִיהֶם׃
wajdabberú eláw et kol-diwré josséf aschér dibbér alehém wajár et-ha'agalót ascher-schalách josséf lassét otó wattechí rúach jaaków awihém
27 Und sie erzählten ihm alle Abenteuer Josefs, die er ihnen erzählt hatte, alles, was er ihnen zu erzählen befohlen hatte, Und er sah all die Wagen, die Josef geschickt hatte, um ihn zu fahren, Und da lebte der Geist Jaakows, ihres Vaters, auf.
Die Wagen (ich habe schon davon gesprochen) sind die Spitzentechnologie Ägyptens. In der ganzen Umgebung hat sie nur Ägypten, und auch Ägypten hat nicht so viele davon. Einfache Ägypter haben solche Wagen nicht, das ist königliche Ausrüstung. Und deshalb konnte natürlich nur auf das Wort des Pharao hin ein solches königliches Taxi für Jaakow geschickt werden. Das ist es, was Jaakow überzeugt hat. Es gibt Kommentatoren, die etwas anderes erzählen: dass Jaakow mit Josef ein bestimmtes Kapitel des Talmud gelernt hatte, und als er die Wagen sah, waren das Assoziationen zu jenem Kapitel. Aber es gibt doch den einfachen Sinn, und aus dem einfachen Sinn ist klar, dass Jaakow diesen Luxus sah und verstand: Wagen zu stehlen, um ihn so zu betrügen, das ist etwas anderes, als ein Gewand mit Blut zu färben. Und da lebte der Geist Jaakows auf, Jaakow lebte auf, kam zu sich. Man kann sagen (und auch das wird bemerkt, es gibt darin eine solche Nuance), dass in diesem Moment der Geist Gottes auf ihn herabkam.
וַיֹּאמֶר יִשְׂרָאֵל רַב עוֹד־יוֹסֵף בְּנִי חָי אֵלְכָה וְאֶרְאֶנּוּ בְּטֶרֶם אָמוּת׃
wajomer jisraél raw od-josséf bení chaj ELÉCHA WE'ER'ÉNNU BETÉREM AMÚTIn der russischen Umschrift fehlt beim letzten Wort das t am Ende. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: amút („ich sterbe“).
28 Und Israel sprach: „Großes! Noch lebt mein Sohn, Josef.
In der russischen Übersetzung ist raw gleich genug. Nein, nicht genug. Raw – das ist viel, das ist Großes. Man kann es so sagen: „Wie groß ist die Gnade, die der Höchste mir erwiesen hat!“ Eine erstaunliche Reaktion Jaakows, vom Standpunkt eines gläubigen Menschen aus. Ein anderer hätte angefangen zu sagen: „Ehre sei dem HERRN! Groß sind Deine Werke, HERR! Wie viel hast Du getan! Gott sei Dank! Baruch haSchem! Jischtabach Schemo!“, und hätte viele andere Segenssprüche gesprochen. Aber im Haus Jaakows wird der Glaube nicht immer zur Schau gestellt, und so drückt sich das Gebet Jaakows in seinem reinen Herzen in einem einzigen Wort aus: „Großes!“ Das heißt: „Was für eine große Sache, was für eine große Gnade hat der Höchste an mir getan!“ Auch diesen Satz, dieses Wort legen die Kommentatoren wiederum unterschiedlich aus. Manche sagen: „Unser Josef ist ja, oho, was für ein toller Kerl, wie hoch er aufgestiegen ist!“, und das ist nicht dasselbe wie: „Sieh an, mein Josef lebt!“ Und höchstwahrscheinlich wird dieses Wort raw auch weiterhin, in Tehillim zum Beispiel, sehr oft zum Lobpreis des Höchsten verwendet. Hier ist ein wunderbarer Ausruf der Freude, der zugleich auch ein Gebet ist. Wir beten manchmal mit unausgesprochenen Ausrufen, manchmal mit ausgesprochenen Ausrufen, und auch das kann ein Gebet sein. Achtet darauf: Wenn Kinder einander Geschenke machen, sagen sie nicht danke, keine Ursache, bitte – sie freuen sich. Es gibt die Emotion der Freude, die das Kind als Antwort teilt, und mit seiner Freude drückt es Dankbarkeit aus. Und wenn wir uns über das freuen, was der Höchste uns gibt, dann kann die Freude, dass wir einen so fürsorglichen Vater haben, die Freude, dass Er so für uns sorgt – sie kann für sich genommen mehr sein als die Worte danke, Ehre sei Dir, Groß ist Deine Gnade, denn Er weiß, dass die Ehre Ihm gebührt und dass Seine Gnade groß ist, aber die Freude des Herzens, die Aufrichtigkeit, die ist schwer zu erreichen. Deshalb kann man hier sehen, dass Jaakow mit diesem Wort raw zum Höchsten betet.
Wir haben Kapitel 45 beendet und fahren mit Vers 1 von Kapitel 46 fort:
וַיִּסַּע יִשְׂרָאֵל וְכָל־אֲשֶׁר־לוֹ וַיָּבֹא בְּאֵרָה שָּׁבַע וַיִּזְבַּח זְבָחִים לֵאלֹהֵי אָבִיו יִצְחָק׃
wajissá jisraél wechol-ascher-ló wajawó be'éra scháwa wajisbách sewachím
1 Und Israel fuhr los, Israel machte sich auf Und alles, was er hat (beachtet, er machte sich nicht auf den Wagen auf), Und er kam nach Be'er-Schewa, Und brachte dem Gott seines Vaters, Jizchak, ein Opfer dar.
Opfer wurden natürlich auch schon vor Jaakow dargebracht. Man brachte sie dar, angefangen mit Kajin und Hewel, und Noach, und Awraham, und Jizchak. Zum ersten Mal wird hier nicht eine olá (Ganzopfer), sondern ein séwach (Friedensopfer) dargebracht. Die Zahl der Söhne Jaakows ist wieder auf zwölf hergestellt; folglich verwirklicht sich die Verheißung des Bundes, die Jizchak gegeben wurde, bereits, und Jaakow bringt das Opfer séwach dar. Der Unterschied zwischen dem Opfer séwach (Friedensopfer, zur Versöhnung) und dem Opfer olá (Ganzopfer) besteht darin, dass das Ganzopfer ganz verbrannt wird, es gehört ganz dem Höchsten, das Versöhnungsopfer aber ist ein Opfer, von dem auch derjenige isst, der es darbringt. Es ist ein gemeinsames Mahl mit dem Höchsten. Und hier, im Moment des Bundesschlusses, der Verwirklichung des Bundes zwischen Israel und dem Höchsten, hier bringt Jaakow ein solches Opfer dar.
Warum steht geschrieben: dem Gott Jizchaks, nicht dem Gott Awrahams? Nun, erstens ist der Mensch verpflichtet, seinen Vater mehr zu ehren als seinen Großvater, so sagt die Mehrheit der Kommentatoren. Es gibt noch ein wichtiges Detail: Auch Jizchak wollte seinerzeit wegen des Hungers nach Ägypten hinabziehen. Der Höchste erschien ihm und sagte, er solle nicht hinabziehen. Jaakow kommt nach Be'er-Schewa, an einen Ort, der sehr bedeutsam ist für das Volk, für ihn, für Jizchak, für Awraham, an einen Ort, an dem es sicher auch alte Altäre gibt, die sie dort errichtet hatten. Und Jaakow bringt dort ein Opfer dar mit der Frage: Soll er eigentlich nach Ägypten hinabziehen oder nicht? Vielleicht ist diese ganze Begeisterung von ihm ja völlig unangebracht?
וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים לְיִשְׂרָאֵל בְּמַרְאֹת הַלַּיְלָה וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב יַעֲקֹב וַיֹּאמֶר הִנֵּנִי׃
wajomer elohím lejisraél bemar'ót hallájla wajomer jaaków jaaków wajomer hinnéni
2 Und Gott sprach zu Israel in einer nächtlichen Vision, Und sagte zu ihm: „Jaakow, Jaakow!“ Und er sprach: „hier bin ich“.
וַיֹּאמֶר אָנֹכִי הָאֵל אֱלֹהֵי אָבִיךָ אַל־תִּירָא מֵרְדָה מִצְרַיְמָה כִּי־לְגוֹי גָּדוֹל אֲשִׂימְךָ שָׁם׃
wajomer anochí ha'él elohé awícha al-tirá meredá mizrájma ki-legój gadól assimechá scham
3 Und sprach zu ihm: „Ich bin der Gott deines Vaters, Fürchte dich nicht, nach Ägypten hinabzuziehen, Denn Ich werde dort aus dir ein großes Volk machen. Ich werde dich dort als großes Volk hinstellen.
„Fürchte dich nicht“ sagt man gerade dem, der sich fürchtet. Es ist hier ja nicht so, dass Jaakow sagen wird: „Ich fürchte mich doch gar nicht! Uns ist alles egal!“ Nein, gerade deshalb hat er die Opfer sewachím dargebracht, gerade deshalb sagt der Höchste zu ihm: „Fürchte dich nicht! Ich werde dich dort machen, dein Potenzial eines großen Volkes verwirklichen.“
אָנֹכִי אֵרֵד עִמְּךָ מִצְרַיְמָה וְאָנֹכִי אַעַלְךָ גַם-עָלֹה וְיוֹסֵף יָשִׁית יָדוֹ עַל-עֵינֶיךָ׃
anochí eréd immechá mizrájma we'anochí a'alchá gam-aló wejosséf jaschít jadó al-enécha
4 Ich werde mit dir nach Ägypten hinabziehen, Ich werde dich hinaufführen und dein Volk hinaufführen, Und Josef wird schließen, wird die Hände auf deine Augen legen“.
Sehr wichtig ist das, was der Höchste hier sagt. Natürlich, der HERR – Er ist überall, Er kann nicht von Jerusalem nach Ägypten umziehen. Er spricht davon: „Ich werde mit dir in Ägypten sein, Meine Vorsehung, Mein Plan, Meine Augen werden in Ägypten ständig auf dir sein.“ Das heißt, alles ist durchdacht, alles ist im Plan: „Ich habe alles für dich vorgesehen. Ich gehe mit dir. Ich führe dich an der Hand. Also, was auch geschieht, Ich werde dich hinaufführen, du wirst nach Israel zurückkehren (wirst in diesem Fall in Israel begraben werden), und deine Söhne hinaufführen.“
„Josef wird deine Augen schließen“ – ein alter Brauch, es gibt ihn bei allen Völkern, auch beim Volk Israel: Wenn jemand stirbt, schließt ein ihm nahestehender Mensch seine Augen.
וַיָּקָם יַעֲקֹב מִבְּאֵר שָׁבַע וַיִּשְׂאוּ בְנֵי-יִשְׂרָאֵל אֶת-יַעֲקֹב אֲבִיהֶם וְאֶת-טַפָּם וְאֶת-נְשֵׁיהֶם בָּעֲגָלוֹת אֲשֶׁר-שָׁלַח פַּרְעֹה לָשֵׂאת אֹתוֹ׃
wajákom jaaków mibbe'ér scháwa wajis'ú wene-jisraél et-jaaków awihém we'et-tappám we'et-neschehém ba'agalót ascher-schalách par'ó lassét otó
5 Und Jaakow erhob sich aus Be'er-Schewa, Und die Söhne Israels fuhren Jaakow, ihren Vater, Und ihre Kinder, Und ihre Frauen Auf jenen Wagen, Die der Pharao geschickt hatte, um ihn zu fahren.
Es wird bemerkt, dass der Pharao gerade um Jaakows willen, um seiner Ehre willen die Wagen geschickt hat. Die Kinder und Frauen fuhr man natürlich auch – sie sollten ja nicht zu Fuß gehen. Aber erst in dem Moment, als Jaakow den Segen des Höchsten empfangen hat, setzt er sich auf die, sagen wir mal, „exterritorialen“ Wagen. Er betritt das Gebiet Ägyptens, indem er sich in die Wagen setzt. Vorher ist nirgends gesagt, dass er sich auf diesen Wagen fortbewegt hätte.
וַיִּקְחוּ אֶת-מִקְנֵיהֶם וְאֶת-רְכוּשָׁם אֲשֶׁר רָכְשׁוּ בְּאֶרֶץ כְּנַעַן וַיָּבֹאוּ מִצְרָיְמָה יַעֲקֹב וְכָל-זַרְעוֹ אִתּוֹ׃
wajikchú et-miknehém we'et-rechuschám aschér racheschú be'érez kená'an wajawóu mizrájima jaaków wechol-sar'ó ittó
6 Und sie nahmen ihr Vieh, Und ihre Habe, Alles, was sie im kanaanäischen Land erworben hatten, Und sie kamen nach Ägypten, Jaakow und sein ganzer Same mit ihm.
Was haben sie nicht mitgenommen? Warum steht geschrieben: „alles, was sie im kanaanäischen Land erworben hatten“? Sie nahmen das Vieh nicht mit, das sie gekauft hatten, das sie in Charan erworben hatten. Jaakow war doch mit großen Herden aus Charan gekommen. Und er hat offenbar das ausgesondert, was von den Früchten des Landes Israel aus Israel nach Ägypten hinabzieht. Alles aus Charan konnte man verkaufen, in Geld umwandeln. Aber der wahre Segen, den Jaakow nach Ägypten hinabbringt, ist nicht der Segen Charans, es ist der Segen des kanaanäischen Landes, des Landes, das das Land Israel ist. Deshalb vermerkt die Tora auch ein solches Detail, dass sie das mitnahmen, was sie im kanaanäischen Land erworben hatten.
בָּנָיו וּבְנֵי בָנָיו אִתּוֹ בְּנֹתָיו וּבְנוֹת בָּנָיו וְכָל-זַרְעוֹ הֵבִיא אִתּוֹ מִצְרָיְמָה׃
banáw uwné wanáw ittó benotáw uwnót banáw wechol-sar'ó hewí ittó mizrájma
7 Die Söhne, und die Söhne seiner Söhne mit ihm, Und seine Töchter, und die Töchter seiner Söhne, Und seinen ganzen Samen Brachte er mit sich nach Ägypten.
Die Töchter der Söhne sind, was das Erbe betrifft, wie Söhne, die Söhne der Töchter aber erben nicht so, denn die Tochter geht in das Haus ihres Mannes, und dort erbt sie schon für das Haus ihres Mannes. Deshalb stehen die Söhne der Töchter gesondert, die Töchter der Söhne aber bleiben im Haus des Vaters, im Haus des Sohnes, und folglich erben sie auch anders.
Also, Jaakow und seine ganze Familie ziehen nach Ägypten hinab. Weiter wird die Tora die Namen aller Söhne aufzählen, und wir werden mit Gottes Hilfe versuchen nachzuverfolgen, wie und welche Namen die Söhne Jaakows seinen Enkeln gaben. Wir haben gesagt, dass Namen Gebete sind, Namen sind Hoffnungen, Namen sind Zeichen. Und vielleicht erfahren wir, wenn wir die Namen betrachten, noch etwas über sie. Denn im Grunde wissen wir sehr wenig über die meisten Söhne Jaakows, von denen manchmal einfach nur erwähnt wird, dass sie geboren wurden, und mehr ist über sie nicht bekannt. Vielleicht können wir gerade, indem wir die Namen studieren, etwas verstehen.
Wir sind dabei stehen geblieben, die Tora hat uns erzählt, wie Jaakow und seine ganze Familie mit Söhnen und Enkeln nach Ägypten hinabzieht. Und in unserem Abschnitt wird die Tora die Namen der ganzen Familie Jaakows aufzählen, aller, die mit ihm nach Ägypten hinabziehen. Mit diesen Namen werden wir versuchen, uns ein wenig auseinanderzusetzen.
וְאֵלֶּה שְׁמוֹת בְּנֵי-יִשְׂרָאֵל הַבָּאִים מִצְרַיְמָה יַעֲקֹב וּבָנָיו בְּכֹר יַעֲקֹב רְאוּבֵן׃
we'élle schemót bene-jisraél habba'ím mizrájima jaaków uwanáw bechór jaaków re'uwén
8 Dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten hinabziehen: Jaakow und die Söhne, Der Erstgeborene Jaakows – Re'uwen.
וּבְנֵי רְאוּבֵן חֲנוֹךְ וּפַלּוּא וְחֶצְרוֹן וְכַרְמִי׃
uwné re'uwén chanóch ufallú wechezrón wecharmi
9 Und die Söhne Re'uwens: Chanoch, Palju, Chazran, Karmi.
Re'uwen hat vier Söhne, und sie heißen Chanoch, Palju, Chazran und Karmi. Der Name Chanoch ist den meisten Lesern sicherlich in der Lautung Henoch bekannt. So hieß der erste Sohn Kajins, des Erstgeborenen Adams, der Erstgeborene des Erstgeborenen, das heißt, Adam hatte einen Erstgeborenen, und der Erstgeborene hatte einen Sohn, er hieß Chanoch. Auch der Erstgeborene der siebten Generation, den „der HERR von der Erde nahm“, hatte den Namen Chanoch, diesen Chanoch nennt man „den Siebten von Adam“. Auch Jaakow hat einen Erstgeborenen, und auch dieser Erstgeborene hat einen Erstgeborenen, und auch er heißt Chanoch. Chanoch bedeutet erneuert, Initiator, Anfang von etwas Neuem. Zum Beispiel heißt Einzugsfeier auf Hebräisch chanukát-bajt. Und das Fest der Erneuerung (Chanuká) stammt von derselben Wurzel.
Palju ist ein Name, der für das heutige Ohr ungewöhnlich klingt, das ist der zweite Sohn Re'uwens. Sein Name stammt von der Wurzel פלה (pej-lamed-hej) – einer, der zu unterscheiden versteht, der sich in Feinheiten auskennt, der fein zu urteilen versteht, der fähig ist, zwischen den Dingen zu unterscheiden.
Der dritte Sohn Re'uwens heißt Chazran. Eines der Verständnisse dieses Namens hängt ebenfalls mit der Bedeutung kundig, sich auskennend, fähig, die Dinge voneinander abzugrenzen, die Grenzen zwischen den Dingen kennend – so ein erfahrener, „ausgekochter“ Jurist zusammen. Die zweite Bedeutung dieses Wortes ist einfacher, von der Wurzel chazér (Hof), und bezeichnet einfach einen sesshaften Menschen, einen Menschen, der zur sesshaften Lebensweise übergegangen ist.
Der Name des vierten Sohnes ist Karmi, was ich bin der Weinberg des Höchsten oder der HERR ist mein Winzer bedeutet, auch so kann man es übersetzen, oder der im Weinberg Geborene (wenn schon ganz alltäglich), von der Wurzel kérem – Weinberg.
Was kann man über diese Namen sagen? Wenn man berücksichtigt, dass sowohl Palju als auch Chazran juristische, eigentümliche Begriffe sind, dann kann man sagen, dass es um irgendeinen Kampf um Rechte geht. Und dann kann man im Namen Karmi – mein Erbteil vom Höchsten, mein Weinberg – erkennen, dass Re'uwen in gewissem Maß versucht, seine Erstgeburtsrechte zu verteidigen, um seine Erstgeburt zu kämpfen. Und dann ist sein Weinberg sein Anteil, erhalten als Anteil des Erstgeborenen oder schon nicht mehr als Erstgeborener, man kann verschieden darüber nachdenken. Das sind also die vier Söhne Re'uwens.
וּבְנֵי שִׁמְעוֹן יְמוּאֵל וְיָמִין וְאֹהַד וְיָכִין וְצֹחַר וְשָׁאוּל בֶּן-הַכְּנַעֲנִית׃
uwné schim'ón jemu'él wejamín we'óhad wejachín wezóchar wescha'úl ben-hakkana'anít
10 Dies sind die Söhne Schimons: Jemu'el, und jamin, und ohed, und jachin, und jizchar, und scha'ul, der Sohn der Kanaaniterin.
Also, Jemu'el, der älteste Sohn Schimons, sein Name bedeutet der HERR ist meine Rechte, der HERR ist meine Kraft.
Jamin, der zweite Sohn, – stark oder der, der mir Kraft gibt. Seht, wie viel Gewicht bei Schimon auf der Kraft liegt. Wir wissen, dass Schimon und Lewi die Hauptverteidiger mit dem Schwert in der Familie Jaakows sind, im Guten wie im Schlechten.
Der dritte Sohn ist Ohed. Ohed ist der, der unterstützt, begeistert, der, der „Hurra“ ruft. Im modernen Hebräisch sind ohadím – Fans, ohed ist ein Fan – ein Fußballfan, ein Sportfan, einer, der unterstützt, der bestärkt.
Jachin, noch ein Name, bedeutet: der, der sich im Zustand der Kampfbereitschaft befindet.
Zchor, noch ein Sohn, bedeutet: der, der die Lage klar sieht, der, der das Feld erleuchtet, den Tag erleuchtet.
Und unter den Söhnen Schimons gibt es noch Scha'ul, den Sohn der Kanaaniterin. Darüber, wer das ist, kann man wenig sagen. Aus irgendeinem Grund wird es so aufgefasst, dass Dina – dass sie die Kanaaniterin ist, und möglicherweise hat Schimon gerade den Sohn Dinas als Sohn einer Fremden adoptiert, und so ergab sich dieser Scha'ul. Im Ganzen, wenn man hinsieht, sind bei den Söhnen Schimons alle Namen in der Familie an die Kraft geknüpft, an die Verwirklichung von Kraft. Schimon legt ständig Gewicht auf die Kraft, und da – Scha'ul, der Sohn der Kanaaniterin, der sich hier irgendwie dazwischengemogelt hat, überhaupt unklar, wer, und die Geschichte mit Dina sieht hier vielleicht gar nicht so seltsam aus.
וּבְנֵי לֵוִי גֵּרְשׁוֹן קְהָת וּמְרָרִי׃
uwné lewí gereschón kehát umrarí
11 Die Söhne Lewis: Gerschon, Kehat und Merari.
Gerschon ist der Fremdling, der Verbannte, der, der kein eigenes Erbteil im Land hat.
Kehat ist der, der ein ruhiges Leben führt, nicht hektisch, sondern von allem entfernt, er verbirgt sich fern von den Augen, wie Menschen, die Verfolgungen überstanden, indem sie in der Provinz saßen.
Und Merari ist der Ausdauernde, der Durchhaltende oder der Abwartende, der abseits Sitzende. Eine sehr interessante Zusammenstellung von Namen, ähnlich wie: „Verbirg dich, warte ab, sitz im Hinterhalt.“
וּבְנֵי יְהוּדָה עֵר וְאוֹנָן וְשֵׁלָה וָפֶרֶץ וָזָרַח וַיָּמָת עֵר וְאוֹנָן בְּאֶרֶץ כְּנַעַן וַיִּהְיוּ בְנֵי־פֶרֶץ חֶצְרוֹן וְחָמוּל׃
uwné jehudá er we'onán weschelá waférez wasárach wajámot er we'onán be'érez kená'an wajihjú wene-férez chezrón wechamúl
12 Die Söhne Jehudas: Er, Onan, Schela, Perez, Serech (das sind alles Namen, die wir vorher kennengelernt und besprochen haben); Er und Onan starben im kanaanäischen Land, Und die Söhne des Perez Chezron Und Chamuel.
Wiederum Chezron, über den wir schon gesprochen haben, bedeutet möglicherweise Jurist, und möglicherweise – der erste sesshafte Mensch.
Chamul bedeutet der, den der Höchste begnadigt hat, dem der Höchste Gnade erwiesen hat, vom Wort chemlá (begnadigen). Nachdem Jehuda die Söhne gestorben waren, gab er seinem Sohn offenbar einen Namen wie mit Gnade, mit der Bitte um Gnade, deshalb ist er Chamul.
וּבְנֵי יִשָׂשכָר תּוֹלָע וּפֻוָּה וְיוֹב וְשִׁמְרוֹן׃
uwné jissachár tolá ufuwwá wejow weschimrón
13 Die Söhne jissachars: Tola, und Puwa, und Jow, und Schamron.
Der Name Tola stammt von der Bezeichnung des Farbstoffs schení tola'át (Scharlach) – leuchtend rot.
Der Name Puwa ist die Bezeichnung einer Pflanze (Färberkrapp im heutigen Russisch), die ebenfalls zum Färben von Stoffen verwendet wird. Das heißt, zwei Söhne sind mit Namen benannt, die mit dem Färben von Textilien zusammenhängen, teilweise vielleicht, weil sie rotwangig sind, rot von Haut, aber durchaus wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass die Familie sich mit dem Färberhandwerk beschäftigte.
Joschuw (oder Jow) ist eine Abkürzung des Namens Joschuwel – der, den der Höchste bewahrt, oder der, den der Höchste behütet, oder der Höchste achtet darauf, dass er sitzt, nicht aufsteht, oder der, für den der Höchste sorgt.
Und Schimron, der letzte Name, ebenfalls mit Bewahren verbunden – er wird bewahrt werden. Man sieht, dass es in der Familie Jissachars irgendeine Industrie gibt, irgendeine berufliche Erfahrung, und es gibt den Wunsch, alles so zu bewahren, wie es ist, damit alles so weitergeht, wie es läuft. Gut laufen die Geschäfte bei Jissachar.
וּבְנֵי זְבוּלֻן סֶרֶד וְאֵלוֹן וְיַחְלְאֵל׃
uwné sewulún séred we'elón wejachle'él
14 Die Söhne Sewuluns: Sered, Olon und Jachle'el.
Sered bedeutet – er wird überleben, so ein survivor, ein überlebender Mensch.
Elon – ein Mensch, stark wie eine Eiche, das Wort olón – bedeutet Eiche.
Und der Name des letzten, dritten Sohnes – Jachle'el – der Höchste wird versüßen.
אֵלֶּה בְּנֵי לֵאָה אֲשֶׁר יָלְדָה לְיַעֲקֹב בְּפַדַּן אֲרָם וְאֵת דִּינָה בִתּוֹ כָּל-נֶפֶשׁ בָּנָיו וּבְנוֹתָיו שְׁלֹשִׁים וְשָׁלֹשׁ׃
élle bené le'á aschér jaledá lejaaków befaddán arám we'ét diná wittó kol-néfesch banáw uwnotáw scheloschím weschalósch
15 Das sind die Söhne Leas, Die sie Jaakow in Padan-Aram gebar; Und Dina, seine Tochter. Und aller Seelen mit ihm, seiner Söhne und seiner Töchter: dreiunddreißig.
Weiter lesen wir über die Söhne Gads. Gad ist der siebte Sohn. Die Gematrie des Namens Gad – גד (gimel – dalet) – ist sieben, und er hat sieben Söhne. Vielleicht ist das kein Zufall.
וּבְנֵי גָד צִפְיוֹן וְחַגִּי שׁוּנִי וְאֶצְבֹּן עֵרִי וַאֲרוֹדִי וְאַרְאֵלִי׃
uwné gad zif'jon wechaggí schuní we'ezbón erí wa'arodí we'ar'elí
16 Die Söhne Gads: Zifjon und Chagi, Schuni und Ezbon, Eri, und Arodi, und Ar'eli.
Zifjon ist der älteste Sohn, der Name bedeutet der Nördliche.
Chagi – der, der an einem Fest geboren wurde.
Schuni – der, der am Ort Schuni geboren wurde. Und der Ort Zifjon liegt im Tal Sukkot, das ist der nördliche Teil des Tals Sukkot, der nördlichste Teil des Erbteils Gads, obwohl es das Erbteil Gads damals noch nicht gab. Und auch Schuni ist mit dem Erbteil Gads verbunden.
Ezbon ist der vierte Sohn, vom Wort ezbá, was Finger nach oben bedeutet (das kann der Daumen sein, wie man ihn heute mit der Geste „alles super“ zeigt, oder ein Finger, der nach oben zeigt, zum Höchsten, mit Dankbarkeit). Das heißt: „Bei mir ist alles gut, prima“, so eine Bedeutung des Namens.
Der fünfte Sohn ist Eri, das bedeutet (wie auch bei Er, dem Sohn Jehudas) der Wachende oder der fest Stehende.
Arodi – beladen, oder aufgepumpt, oder gebeugt, der, der reiche Beute auf sich schleppt.
Ar'eli – das ist der, der den Höchsten auf sich trägt, das ist, kann man sagen, ein Keruw. In einer der semitischen Sprachen (eine der altsemitischen Formen für Keruw) – der, der Gott auf sich trägt, der Mensch als Gottesträger, ein Mensch, auf dem der Segen des Höchsten ruht. Gad sagt durch seine Söhne, dass er sie zuerst nach dem Ort ihres Aufenthalts benennt, zuerst ist das – Geografie, und dann gibt es den Segen des Höchsten, verbunden mit dem Wohlstand, der in die Familie Gads gekommen ist.
וּבְנֵי אָשֵׁר יִמְנָה וְיִשְׁוָה וְיִשְׁוִי וּבְרִיעָה וְשֶׂרַח אֲחֹתָם וּבְנֵי בְרִיעָה חֶבֶר וּמַלְכִּיאֵל׃
uwné aschér jimná wejischwá wejischwí uwri'á wesérach achotám UWNÉ weri'Á chéwer umalki'él
17 Die Söhne Aschers: Jimna, Jischwa, Jischwi, Beria, Und Serach, ihre Schwester, und die Söhne berias – chewer und malki'el.
Jimna vom Wort limnót – Gott wird zählen oder es wird keine Zahl geben, nur Gott wird zählen können. Wenn das erste Kind geboren wird, ist einer der möglichen Namen, die man ihm geben kann, dass es nicht das erste, sondern ein unendliches sein wird, das heißt eines aus der Unendlichkeit, so eine Bedeutung des Namens.
Jischwa und Jischwi sind zwei sehr ähnliche Namen, sodass manche Forscher und Kommentatoren sagen, das sei eine Wiederholung ein und desselben Namens – Jischwa, Jischwuchen, eine zärtliche Wiederholung. Es können auch die Namen von Zwillingsbrüdern sein, Jischwa und Jischwi – würdig und mein Würdiger. Jischwa – das bedeutet würdig, wertvoll, passend, also so ein ganz Wunderbarer.
Beria bedeutet Ruhm des Mannes, Ruhm des Gatten, der den Vater rühmt.
Sie haben eine Schwester, Serach, deren Namen man auf viele verschiedene Weisen übersetzen kann. Eine der Bedeutungen ist die sich Rankende, die, die sich um die Familie rankt.
Die Söhne Berias: Chewer, was der Verbindende oder der sich Verabredende bedeutet (ähnlich wie der Name der Schwester), und Malchi'el, was Gott ist mein König bedeutet. Nun, mit diesem Namen ist wohl alles klar.
אֵלֶּה בְּנֵי זִלְפָּה אֲשֶׁר-נָתַן לָבָן לְלֵאָה בִתּוֹ וַתֵּלֶד אֶת-אֵלֶּה לְיַעֲקֹב שֵׁשׁ עֶשְׂרֵה נָפֶשׁ׃
élle bené silpá ascher-natán lawán lele'á wittó wattéled et-élle lejaaków schesch esré náfesch
18 Das waren die Söhne Silpas, Die Lawan Lea, seiner Tochter, gab, Und sie gebar diese dem Jaakow; insgesamt sechzehn Seelen.
בְּנֵי רָחֵל אֵשֶׁת יַעֲקֹב יוֹסֵף וּבִנְיָמִן׃
bené rachél éschet jaaków josséf uwinjamín
19 Und die Söhne Rachels, der Frau Jaakows: Josef und Binjamin.
Wenn wir, als es um die Namen der vorherigen Söhne ging, zuerst die Liste und dann die Erwähnung der Mutter gelesen haben, so steht hier zuerst die Erwähnung der Mutter, dann die Erwähnung der Kinder, und das ist ein Hinweis auf den besonderen Status Rachels, auf das besondere Verhältnis Jaakows zu Rachel. Wir haben gelesen, dass Jaakow zu seinen Söhnen sagt: „Ihr wisst, dass mir meine Frau nur zwei Kinder geboren hat.“
וַיִּוָּלֵד לְיוֹסֵף בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם אֲשֶׁר יָלְדָה-לּוֹ אָסְנַת בַּת-פּוֹטִי פֶרַע כֹּהֵן אֹן אֶת-מְנַשֶּׁה וְאֶת-אֶפְרָיִם׃
wajiwwaléd lejosséf be'érez mizrájim aschér jaleda-ló asenát bat-póti féra kohén on et-menasché we'et-efrájim
20 Das sind die, die dem Josef im ägyptischen Land geboren wurden, Die ihm Asnat gebar, die Tochter Poti-Feras, des Kohen, des Priesters aus der Stadt on: Menasche und Efrajim.
Das ist der Zweig Josefs. Über die Namen Menasche und Efrajim haben wir gesprochen, als wir von ihrer Geburt erzählten (41,51–52).
וּבְנֵי בִנְיָמִן בֶּלַע וָבֶכֶר וְאַשְׁבֵּל גֵּרָא וְנַעֲמָן אֵחִי וָרֹאשׁ מֻפִּים וְחֻפִּים וָאָרְדְּ׃
uwné winjamín béla wawécher we'aschbél gerá wena'amán echí warósch muppím wechuppím wa'árd
21 Und die Söhne Binjamins: Bela, und Bechor, und Eschbal, Geraa, und Na'aman, Echi, und Rosch, Mupim, und Chupim, und Ard.
Jener Binjamin, von dem die Tora sagt, dass er ein Jüngling ist, dass er ein ganz junger Mensch ist, er hat von allen seinen Brüdern die meisten Kinder, er hat zehn Kinder. Und seine Kinder heißen so: Bela, was bedeutet Sehnsucht, oder Trauer, oder Sehnen nach jemandem, sich nach jemandem sehnen.
Bechor – das bedeutet der Ältere oder des Älteren; der, der dem Älteren folgen wird. Vielleicht spricht, wiederum, wie auch der erste, dieser Name von der Sehnsucht, von der Trauer um den älteren Bruder, um Josef.
Eschbal – das ist ein ungewöhnlicher Name, er bedeutet der, der die Lippen zusammenpresst – der, der in Trauer, im Weinen die Lippen zusammenpresst, so ein weinender, mimischer Gesichtsausdruck.
Geraa, der nächste Name – Wanderer Gottes.
Na'aman – der, der in Traurigkeit und Sehnsucht verweilt.
Echi – mein Bruder.
Rosch bedeutet eigentlich Kopf. Dieser Name kann viele Bedeutungen haben. Die Kommentatoren sagen, dass im Licht aller übrigen Namen, die Binjamin seinen Söhnen gab, Rosch sich an den Kopf greifen bedeuten kann.
Weiter lesen wir: Mupim – das ist das Gesicht abwischen, Chupim – das ist das Gesicht mit den Händen bedecken.
Über den Namen Ard haben wir schon gesprochen: das ist der, der gebeugt ist; der, der eine Last auf sich schleppt (vielleicht Beute, vielleicht aber auch einfach Trauer, im Fall Binjamins). Viele Kommentatoren vermerken, dass Binjamin allen seinen zehn Söhnen Namen gab, die mit der Trauer um Josef verbunden sind.
אֵלֶּה בְּנֵי רָחֵל אֲשֶׁר יֻלַּד לְיַעֲקֹב כָּל-נֶפֶשׁ אַרְבָּעָה עָשָׂר׃
élle bené rachél aschér jullád lejaaków kol-néfesch arba'á assár
22 Das sind die Söhne Rachels, die dem Jaakow geboren wurden, aller Seelen vierzehn.
וּבְנֵי-דָן חֻשִׁים׃
uwne-dán chuschím
23 Die Söhne Dans: Chuschim.
Dan hat nur einen Sohn, er heißt Chuschim. Chuschim bedeutet eilend, sich beeilend oder Eile, Hast, Hastigkeit. Wer sich sputet, dem gelingt es (auch so kann man es sagen) – das ist chuschim, im guten Sinn. Viele chassidische Lehrer sagen, dass es prima ist, diesen Vers für den Wohlstand zu wiederholen, um Wohlstand zu erreichen, denn später sehen wir einen sehr stark angewachsenen Stamm Dan. Obwohl er einen Sohn hatte, ging von ihm der größte Stamm in Israel hervor, mit einem sehr ungewöhnlichen Schicksal. Aber so oder so sah Dan zu Lebzeiten gerade von seinem Sohn Chuschim die meisten Nachkommen. Es stellt sich die Frage: Wohin verschwindet der Stamm Dan später? Wir werden vorerst nicht darüber sprechen, es ist unpassend, darüber zu sprechen, wenn wir den Pschat der Tora besprechen, wenn wir den Pschat des Wochenabschnitts besprechen, deshalb lasse ich diese Frage „für später“.
וּבְנֵי נַפְתָּלִי יַחְצְאֵל וְגוּנִי וְיֵצֶר וְשִׁלֵּם׃
uwné naftalí jachze'el weguní wejézer weschillém
24 Die Söhne Naftalis: Jachze'el, und Guni, und jezer, und Schilem.
Naftali hat vier Söhne: Jachze'el – bedeutet Gott wird mich teilen, wird mich in zwei Hälften zerbrechen. Guni bedeutet meine Hälfte, Jezer – wird aus zweien formen, wird zu einem verbinden, wird ausformen. Schilem bedeutet das Ganze. Man kann eine interessante Tendenz sehen: Zuerst wird Gott mich zerbrechen und dann heilen. Was das im Leben Naftalis bedeutet, ist schwer zu sagen, aber offenbar hat Naftali bestimmte Wechselfälle durchlebt, und solche Namen gab er seinen Söhnen.
אֵלֶּה בְּנֵי בִלְהָה אֲשֶׁר-נָתַן לָבָן לְרָחֵל בִּתּוֹ וַתֵּלֶד אֶת-אֵלֶּה לְיַעֲקֹב כָּל-נֶפֶשׁ שִׁבְעָה׃
élle bené wilhá ascher-natán lawán lerachél bittó wattéled et-élle lejaaków kol-néfesch schiw'á
25 Das sind alle Söhne Bilhas, die Lawan Rachel, seiner Tochter, gab, Und sie gebar sie dem Jaakow; insgesamt sieben Seelen.
כָּל-הַנֶּפֶשׁ הַבָּאָה לְיַעֲקֹב מִצְרַיְמָה יֹצְאֵי יְרֵכוֹ מִלְּבַד נְשֵׁי בְנֵי-יַעֲקֹב כָּל-נֶפֶשׁ שִׁשִּׁים וָשֵׁשׁ׃
kol-hannéfesch habba'á lejaaków mizrájima joze'é jerechó millewád nesché wene-jaaków kol-néfesch schischím waschésch
26 Alle Seelen, die mit Jaakow nach Ägypten hinabzogen, Alle, die aus seinen Lenden hervorgingen, Außer den Frauen der Söhne Jaakows, Insgesamt sechsundsechzig Seelen.
וּבְנֵי יוֹסֵף אֲשֶׁר-יֻלַּד-לוֹ בְמִצְרַיִם נֶפֶשׁ שְׁנָיִם כָּל-הַנֶּפֶשׁ לְבֵית-יַעֲקֹב הַבָּאָה מִצְרַיְמָה שִׁבְעִים׃
uwné josséf ascher-jullad-ló wemizrájim néfesch schenájim kol-hannéfesch lewet-jaaków habba'á mizrájimaIn der russischen Umschrift fehlt beim zweiten Wort für Ägypten die Endung -a der hebräischen Richtungsform („nach Ägypten“). Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: mizrájima. schiw'ím
27 Und die Söhne Josefs, die in Ägypten geboren wurden, zwei Seelen (in Ägypten wurden dem Josef zwei geboren); und aller Seelen, die mit Jaakow nach Ägypten hinabziehen – siebzig (das ist selbstverständlich einschließlich Jaakows selbst).
Solche Namen also, von denen uns die Tora berichtet. Etwas eröffnen sie uns (wenn auch nur wenig) über die Söhne Jaakows. Es ist sehr interessant, wie die Menschen ihren Söhnen Namen gaben, was sie in sie hineinlegten und wie anders wir heute für unsere Kinder Namen auswählen. Für die Eltern waren die Namen wie Notizen, wie ein Tagebuch über ihre Träume oder über das, was mit ihnen geschieht. Die Kinder wurden meistens danach benannt, was sie für die Eltern bedeuten werden, in ihrem Schicksal, oder was sie als schon Geschehenes bedeuten, oder was die Eltern durch sie erhalten wollen. Ein eigentümliches Dankgebet oder Wunschgebet lag im Namen des Kindes.
Wir sind dabei stehen geblieben, dass Jaakow mit seiner ganzen großen Familie, nicht mehr und nicht weniger als siebzig Menschen, nach Ägypten hinabzieht. Und wir sind die Liste dieser Menschen Namen für Namen durchgegangen. Die Tora hat sich von der Beschreibung der Ereignisse abgewandt, um die Namen all derer aufzuzählen, die nach Ägypten hinabziehen, und wir haben versucht, diese Namen aufmerksamer zu studieren. Jetzt kehrt die Tora zur Nacherzählung der Handlung zurück, wie Jaakow mit seiner Familie nach Ägypten hinabzieht.
וְאֶת-יְהוּדָה שָׁלַח לְפָנָיו אֶל-יוֹסֵף לְהוֹרֹת לְפָנָיו גֹּשְׁנָה וַיָּבֹאוּ אַרְצָה גֹּשֶׁן׃
we'et-jehudá schalách lefanáw el-josséf lehorót lefanáw góschna wajawóu árza góschen
28 Und Jehuda schickt er vor sich her zu Josef, Um alle nach Goschen zu weisen, Damit sie in das Land Goschen gelangten.
Nach der Tradition schickt ein vornehmer Mensch, wenn er irgendwohin reist, Gesandte vor sich her, die seinen Besuch oder seinen Umzug organisieren. Jaakow kann nicht (es entspricht nicht seinem Rang und nicht seinem Status) einfach an einen leeren Ort umziehen, deshalb muss man alles für seinen Umzug vorbereiten. Man muss den Ort auswählen, wo er sich niederlässt, wie er sich niederlässt, er und sein ganzer großer Haushalt. Also, sie gelangen in das Land Goschen.
וַיֶּאְסֹר יוֹסֵף מֶרְכַּבְתּוֹ וַיַּעַל לִקְרַאת-יִשְׂרָאֵל אָבִיו גֹּשְׁנָה וַיֵּרָא אֵלָיו וַיִּפֹּל עַל-צַוָּארָיו וַיֵּבְךְּ עַל-צַוָּארָיו עוֹד׃
waje'sór josséf merkawtó wajá'al likrat-jisraél awíw góschna wajerá eláw wajippól al-zawwaráw wajéwk al-zawwaráw od
29 Und Josef bereitete den Wagen vor, setzte sich in den Wagen. Und er zog hinauf, seinem Vater entgegen, nach Goschen, Und zeigte sich ihm, Und fiel ihm um den Hals, Und fiel ihm um den Hals und weinte, und fiel ihm wieder um den Hals, und weinte wieder.
Die Kommentatoren sehen das unterschiedlich. Die einen sagen: „Es steht direkt geschrieben: Josef lenkte seinen Wagen selbst.“ Das zeigt, dass die Liebe die Rangordnung verletzt. Wenn ein Mensch im Rahmen der Liebe handelt, von Liebe bewegt, achtet er nicht auf seinen Status und kann Dinge tun, die seinem Status nicht entsprechen. Der Hass – genauso, denn auch der Pharao spannt (das wird später gesagt) selbst seinen Wagen an.
Andere Kommentatoren sagen: „Nein, Josef nimmt die Dienste von Sklaven in Anspruch, und die Sprache der Tora ist so, dass Josef selbst fuhr, aber in Wirklichkeit sind es die Sklaven.“ Mich interessiert Folgendes: Tatsächlich gilt die Regel, dass ein Mensch, der von Liebe oder Hass bewegt ist, oft nicht auf seinen Status schaut, gegen Status, Rangordnung, Gefüge usw. handelt. Und das ist wichtig im Gedächtnis zu behalten. Wir wissen nicht, wie es da mit Josef war, aber es ist durchaus möglich, dass er seinem Vater selbst entgegenfuhr.
Israel ist ein nicht mehr junger Mensch, und die Begegnung mit Josef ist für ihn außerordentlich wichtig und aufwühlend. Man kann sich nur vorstellen, welche Gefühle Jaakow zerreißen, ihn zerfetzen, und deshalb heißt es: „zeigte sich ihm“. Man kann verstehen, dass Josef sich von Weitem zeigte und näher kam, und alle sahen es und sagten: „Schau, da kommt er, Josef!“ Und Israel spähte: Ist er es oder ist er es nicht? Er hatte sich von Josef getrennt, als Josef 17 war – ein junger Bursche, jetzt kommt ihm ein vierzigjähriger Mann entgegen und gibt sich ihm offenbar nicht sofort zu erkennen. Es gibt so eine szenische Vorbereitung, damit Israel, Gott bewahre, nicht das Bewusstsein verliert.
…und fiel ihm wieder um den Hals und weinte wieder – hier sagen die Kommentatoren: „Warum weinte denn Israel nicht, sondern nur Josef weinte?“ Aber in Wirklichkeit ist aus dem Text nicht klar, wer hier weinte, wer hier um den Hals fiel. Man kann verstehen, dass, als Josef herankam, Jaakow, Israel, ihm um den Hals fiel und weinte, und an seinem Hals noch weiter weinte. Oder Josef fiel Jaakow um den Hals und weinte, und Jaakow weinte auch. Man muss diese Szene nicht auf irgendeine psychologische Analyse zurückführen. Und manche Kommentatoren führen sie noch dazu auf eine theologische zurück und sagen: „Gerade zu dieser Zeit betete Jaakow das Gebet ‚Schma‘, und deshalb weinte er nicht und umarmte seinen Sohn nicht.“ Ich denke, dass die Szene ziemlich einfach ist, und hier gibt es nichts theologisch aufzutürmen: Zwei Menschen begegnen sich nach zwanzig Jahren der Trennung – eine herzzerreißende, rührende Szene, und es ist dumm zu schauen, wer da weint und wer nicht. Am wahrscheinlichsten, so können wir es verstehen, weinen beide.
וַיֹּאמֶר יִשְׂרָאֵל אֶל-יוֹסֵף אָמוּתָה הַפָּעַם אַחֲרֵי רְאוֹתִי אֶת-פָּנֶיךָ כִּי עוֹדְךָ חָי׃
wajomer jisraél el-josséf amúta happá'am acharé re'otí et-panécha ki odechá chaj
30 Und Israel sprach zu Josef: „Ich werde nun sterben, Nachdem ich dein Gesicht gesehen habe, und du lebst ja.“
Das bedeutet nicht: „Jetzt werde ich daran sterben, dass ich dein Gesicht gesehen habe.“ Jaakow bereitete sich auf den Tod vor, Jaakow spricht ständig zu seinen Kindern vom Tod, dass er gleich sterben wird, und für ihn ist es eine Frage, wie er sterben wird. Und er sagt: „Ich will nicht, dass ihr in Kummer mein Gesicht hinabbringt, in Tränen mein Gesicht ins Grab hinabbringt. Ich will nicht, dass meine grauen Haare in Kummer sterben!“ Jetzt sagt Jaakow im Grunde: „Ich kann jetzt ruhig sterben, denn ich habe gesehen, dass du lebst!“
In dieser ganzen Szene stellen sich viele eine logische Frage: Hat Jaakow wirklich bis zu seinem Tod nicht erfahren, was damals dort, unweit von Sch'chem, in Datan geschah? Was mit der Grube war, mit den Jischmaelitern, mit den Midjanitern, die ganze Geschichte des Verkaufs? Und die Tora gibt uns keine eindeutige Antwort. An manchen Stellen kann man aus Andeutungen verstehen, dass „ja“, er wusste es, an anderen Stellen umgekehrt, dass „nein“, er wusste es nicht. Aber höchstwahrscheinlich ist Jaakow, wie wir gesagt haben, ein alter, empfindsamer Mensch, der sich nicht aufregen darf. Es ist durchaus möglich, dass ihm alles zu erzählen und nicht nur an den Verkauf Josefs zu erinnern, der vielleicht höchstens innerhalb von drei Tagen geschah (nach den allerlängsten Versionen dauerte er drei Tage), sondern auch an die Geschichte des geliebten, erwählten Sohnes und der ungeliebten Frau, und an das, was die Kinder fühlten, und alle vor zwanzig Jahren vergessenen Gefühle aufzukratzen, aufzurollen – möglicherweise haben die Brüder entschieden, dass das nicht nötig ist. Möglicherweise blieb für Jaakow die Geschichte so, dass Josef sich verirrt hatte, irgendwo mit einem Tier gekämpft hatte, irgendwo aufgelesen und als Sklave verkauft worden war, und wir wissen nicht, ob Jaakow die Wahrheit erfahren hat.
Es wird noch eine Geschichte geben, schon nach dem Tod Jaakows, wenn die Brüder erzählen werden, was Jaakow gesagt oder nicht gesagt hat. Wir werden diese Geschichte noch besprechen. Aber es bleibt so unbekannt, ob Jaakow die Wahrheit erfahren hat. Wir können überlegen, jeder selbst in seiner Situation, ob wir einem betagten, geliebten, wenn auch nicht immer gerecht handelnden Vater diese ganze schreckliche und traurige Geschichte erzählen würden.
Nun, so sehr wortkarg beschreibt die Tora diese Begegnung. Es ist klar, dass es in einem Hollywoodfilm allein an freudiger Musik zehn Minuten gäbe. Aber die Tora ist ein lakonisches Buch. Josef geht sofort zur Sache über. Wir haben über diese Fähigkeit Josefs gesprochen, sofort Programme vorzulegen: Er antwortete dem Pharao sofort mit einem Wirtschaftsprogramm, und sobald er den Brüdern bekannt hatte, wer er ist, hatte er sofort einen geschäftlichen Vorschlag. Und auch hier lässt Josef der romantischen Szene nicht freien Lauf, obwohl es möglich gewesen wäre. Josef redet sofort zur Sache.
וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל-אֶחָיו וְאֶל-בֵּית אָבִיו אֶעֱלֶה וְאַגִּידָה לְפַרְעֹה וְאֹמְרָה אֵלָיו אַחַי וּבֵית-אָבִי אֲשֶׁר בְּאֶרֶץ-כְּנַעַן בָּאוּ אֵלָי׃
wajomer josséf el-echáw we'el-bét awíw e'elé we'aggída lefar'ó we'omerá eláw acháj uwet-awí aschér be'erez-kená'an báu eláj
31 Und Josef sprach zu seinen Brüdern Und zum Haus seines Vaters: „Ich werde hingehen und es dem Pharao sagen. Und ich werde ihm sagen: Meine Brüder und das Haus meines Vaters, sind zu mir gekommen.
Warum spricht Josef darüber nicht mit dem Vater, sondern mit den Brüdern? Weil die Brüder allmählich beginnen, die Situation zu lenken. Das haben wir schon im Fall mit Dina gesehen. Und jetzt klingt das noch deutlicher. Josef wendet sich an die Brüder und an das Haus seines Vaters.
Das Haus des Vaters – das sind die Frauen, die mit dem Vater leben, das heißt sowohl die Ehefrauen der Brüder als auch die Ehefrauen des Vaters, wenn sie noch leben. Die Ehefrau wird mit dem Wort bajt (Haus) bezeichnet. Das Haus Jaakows – das sind die Frauen des Hauses Jaakows. Im Hebräischen, auch im modernen, ist bei religiösen Juden das Wort Haus oft ein Synonym des Wortes Ehefrau. Die Ehefrau – das ist das Haus. Und das Haus Jaakows – das sind die Frauen des Hauses Jaakows.
וְהָאֲנָשִׁים רֹעֵי צֹאן כִּי-אַנְשֵׁי מִקְנֶה הָיוּ וְצֹאנָם וּבְקָרָם וְכָל-אֲשֶׁר לָהֶם הֵבִיאוּ׃
weha'anaschím ro'é zon ki-ansché mikné hajú wezonám uwkarám wechol-aschér lahém hewíu
32 Und diese Leute – sie sind Hirten, Denn sie waren Viehhändler, Und ihr Kleinvieh, und das Großvieh, und alles, was sie haben, haben sie mit sich hergetrieben.
Warum ist es wichtig, das zu wiederholen: nicht einfach Hirten, sondern auch Viehhändler? Weil es auch arme Hirten gab, die sich bei anderen verdingten und nur fremde Herden weideten, aber keine eigenen Herden hatten. Das ist nicht das, was Josef dem Pharao sagen will. Einerseits bedeutet das, dass man vom Pharao im Grunde nichts erwartet. Alles haben sie mit sich gebracht. Und andererseits sagt das, dass sie ziemlich reich sind, dass sie erfolgreiche Hirten sind. Sogar im Hungerjahr haben sie wenigstens irgendwelches Vieh, und das bedeutet, dass man ihnen Land für Weiden geben sollte. Davon wird auch Ägypten Wohlstand haben. Das ist es, was Josef verspricht, dem Pharao zu erzählen. Und weiter bereitet er seine Brüder auf die Begegnung mit ihm vor.
וְהָיָה כִּי-יִקְרָא לָכֶם פַּרְעֹה וְאָמַר מַה-מַּעֲשֵׂיכֶם׃
wehajá kijikrá lachém par'ó we'amár ma-ma'assechém
33.Und es wird sein, wenn der Pharao euch ruft und fragt, was ihr für eine Beschäftigung habt, was ihr von Beruf seid?
וַאֲמַרְתֶּם אַנְשֵׁי מִקְנֶה הָיוּ עֲבָדֶיךָ מִנְּעוּרֵינוּ וְעַד-עַתָּה גַּם-אֲנַחְנוּ גַּם-אֲבֹתֵינוּ בַּעֲבוּר תֵּשְׁבוּ בְּאֶרֶץ גֹּשֶׁן כִּי-תוֹעֲבַת מִצְרַיִם כָּל-רֹעֵה צֹאן׃
wa'amartém ansché mikné hajú awadécha minne'urénu we'ad-átta gam-anáchnu gam-awoténu ba'awúr teschewú be'érez góschen ki-to'awát mizrájim kol-ró'e zon
34 und ihr werdet ihm sagen: „Wir waren Viehhändler, ‚Viehbeschäftiger‘ von unserer Jugend an Und bis heute, Sowohl wir, Als auch unsere Brüder“, Damit er euch im Land Goschen ansiedle (die schwarzerdigste und für Weiden fruchtbarste Zone Ägyptens, aber weit von der Hauptstadt), Denn ein Gräuel für den Ägypter sind alle Hirten des Viehs, alle die, die Vieh weiden“.
Das heißt: „Eine so abscheuliche und unangenehme Sache wird der Pharao nicht in der Nähe der Hauptstadt zulassen. Und wir gewinnen gleich zwei Dinge. Erstens werdet ihr weiter von der Hauptstadt entfernt sein, eure Methoden des Gottesdienstes werden niemandem ins Auge stechen, wie auch ihre, die ägyptischen, Methoden, da ihr in der tiefen Provinz leben werdet. Und zweitens werden die Ägypter nicht aktiv ihre Abscheu vor dem äußern, womit ihr euch beschäftigt, und ihr werdet frei Viehzucht treiben können.“ Im Voraus wollte Josef, dass der Pharao sie im Land Goschen unterbringt. Der Pharao weiß noch nicht, dass er so entschieden hat, aber Josef hat alles sehr gut vorbereitet.
An dieser Stelle beginnen wir das 47. Kapitel.
וַיָּבֹא יוֹסֵף וַיַּגֵּד לְפַרְעֹה וַיֹּאמֶר אָבִי וְאַחַי וְצֹאנָם וּבְקָרָם וְכָל-אֲשֶׁר לָהֶם בָּאוּ מֵאֶרֶץ כְּנָעַן וְהִנָּם בְּאֶרֶץ גֹּשֶׁן׃
wajawó josséf wajaggéd lefar'ó wajomer awí we'acháj wezonám uwkarám wechol-aschér lahém báu me'érez kená'an wehinnám be'érez góschen
1 Und Josef kam und sagte es dem Pharao, Und sagte: „Mein Vater und meine Brüder, und ihr Kleinvieh und ihr Großvieh, und alles, was mit ihnen aus dem kanaanäischen Land gekommen ist, Und siehe, sie sind ganz zufällig im Land Goschen.
וּמִקְצֵה אֶחָיו לָקַח חֲמִשָּׁה אֲנָשִׁים וַיַּצִּגֵם לִפְנֵי פַרְעֹה׃
umikzé echáw lakách chamischá anaschím wajazzigém lifné far'ó
2 Und er nahm fünf von seinen Brüdern und stellte sie dem Pharao vor.
Es gibt in den Midraschim, in der Überlieferung zwei verschiedene Listen. Nach der ersten Liste stellte er dem Pharao Sewulun, Gad, Dan, Naftali und Ascher vor, das heißt die Söhne der Mägde. Nach der zweiten Version stellte er dem Pharao Re'uwen, Schimon, Lewi, Jissachar und Binjamin vor. Warum ein solcher Unterschied, und woher kommen diese Listen überhaupt? Es steht geschrieben: umikzé echáw lakách – vom Rand der Brüder nahm er, das heißt, die fünf äußersten Brüder stellte Josef dem Pharao vor. Die äußersten – das können die äußersten der Herkunft nach sein, das heißt die von niedrigster Herkunft. In der zweiten Version stellte er die schwächsten, die so ganz und gar nicht muskelbepackten Brüder dem Pharao vor. Fünf, weil fünf die Zahl ist, die den Segen für Ägypten symbolisiert, und die Schwachen – damit sie nicht, Gott bewahre, in die ägyptische Armee eingezogen würden. Die Lage ist nicht einfach. Das ägyptische Vaterland ist selbstverständlich in Gefahr, denn es ist das einzige, in dem es Brot gibt. Andere Länder hungern, der Hunger treibt die Menschen (nicht nur schlechte) zum Raub. Und selbstverständlich gibt es viele Länder, die mit Ägypten Krieg führen wollen, und in die ägyptische Armee wollen die Juden aus dem Haus Jaakows nicht so gern. Und deshalb gibt es eine Version, dass Josef die einfachsten, die schwächlichsten von allen Brüdern vorstellte. Warum Lewi und Schimon unter die Schwächlichen geraten sind, das ist eine strittige Frage. Aber so ein Midrasch, so eine Lesart existiert. Der einfache Sinn – die Tora sagt nicht, welche fünf Brüder Josef zum Pharao brachte.
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל-אֶחָיו מַה-מַּעֲשֵׂיכֶם וַיֹּאמְרוּ אֶל-פַּרְעֹה רֹעֵה צֹאן עֲבָדֶיךָ גַּם-אֲנַחְנוּ גַּם-אֲבוֹתֵינוּ׃
wajomer par'ó el-echáw ma-ma'assechém wajomerú el-par'ó ro'é zon awadécha gam-anáchnu gam-awoténu
3 Und der Pharao sagte zu den Brüdern: „Worin besteht eure Beschäftigung?“ Und sie sagten zum Pharao: „Hirten sind wir, deine Knechte, sowohl wir selbst als auch unsere Väter (als hätte Josef es geahnt, er sah voraus, dass der Pharao genau das fragen würde)“.
וַיֹּאמְרוּ אֶל-פַּרְעֹה לָגוּר בָּאָרֶץ בָּאנוּ כִּי-אֵין מִרְעֶה לַצֹּאן אֲשֶׁר לַעֲבָדֶיךָ כִּי-כָבֵד הָרָעָב בְּאֶרֶץ כְּנָעַן וְעַתָּה יֵשְׁבוּ-נָא עֲבָדֶיךָ בְּאֶרֶץ גֹּשֶׁן׃
wajomerú el-par'ó lagúr ba'árez bánu ki-én mir'é lazzón aschér la'awadécha ki-chawéd hara'áw be'érez kená'an we'attá jeschewu-ná awadécha be'érez góschen
4 Und sie sagten zum Pharao: „Wir sind gekommen, um eine Weile im Land zu leben, Denn jetzt gibt es keine Weiden für das Vieh, das deine Knechte haben, Denn der Hunger ist groß im kanaanäischen Land, Und nun lass sie dauerhaft im Land Goschen leben.“
Es gibt einen Unterschied: eine Weile leben im Land konnte man zu jener Zeit ohne besondere Genehmigungen – das ist Tourismus, man darf ihn nicht mit Emigration verwechseln. Und selbst Arbeitstourismus ist doch keine Emigration. Das heißt: „Wir sind gekommen, um hier eine Weile zu leben“, lagúr – vorübergehend leben. Danach erscheint schon das Wort laschéwet – dauerhaft leben, sich im Land Goschen niederlassen.
Worüber sprechen die Brüder, und warum ein so gewundener Ansatz? Sie sagen: „Ohne deine Erlaubnis sind wir hergekommen, um hier ein wenig Vieh zu weiden. Es hat uns hier sehr gefallen. In diesem Land Goschen ist alles so wunderbar, dass wir dich um den Daueraufenthalt bitten wollen. Und das liegt schon nicht mehr in Josefs Macht, uns das zu geben, und das geht schon nicht mehr einfach so, deshalb erlaube du, Pharao, uns, im Land Goschen zu leben.“
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל-יוֹסֵף לֵאמֹר אָבִיךָ וְאַחֶיךָ בָּאוּ אֵלֶיךָ׃
wajomer par'ó el-josséf lemór awícha we'achécha báu elécha
5 Und der Pharao sagte zu Josef und sprach: „Dein Vater und deine Brüder sind zu dir gekommen.
אֶרֶץ מִצְרַיִם לְפָנֶיךָ הִוא בְּמֵיטַב הָאָרֶץ הוֹשֵׁב אֶת-אָבִיךָ וְאֶת-אַחֶיךָ יֵשְׁבוּ בְּאֶרֶץ גֹּשֶׁן וְאִם-יָדַעְתָּ וְיֶשׁ-בָּם אַנְשֵׁי-חַיִל וְשַׂמְתָּם שָׂרֵי מִקְנֶה עַל-אֲשֶׁר-לִי׃
érez mizrájim lefanécha hi bemetáw ha'árez hoschéw et-awícha we'et-achécha jeschewú be'érez góschen we'im-jadá'ta wejesch-bám ansche-chájil wessamtám saré mikné al-ascher-lí
6 Das ägyptische Land liegt ganz vor dir, Und im besten Teil des Landes siedle deine Brüder und deinen Vater an, Lass sie dauerhaft im Land Goschen leben. Und wenn du zufällig weißt, dass Es unter ihnen erfolgreiche, begabte Jungs gibt, Setzt sie als Hirten ein, in der Rolle von Hirten auch über das, was bei mir ist.“
Der Pharao macht ein solches Angebot und sagt: „Nicht nur sollen sie hier leben, sondern wenn unter ihnen wirklich begabte Hirten sind – ihr sagt doch, dass ihr Hirten seid, schon über viele Generationen –, dann vertraue ich euch sofort, und setzt sie ein: Wenn du welche kennst, dann ernenne sie selbst zu Hirten über mein Vieh.“ Ein Angebot, das man… Wir wissen nicht, ob die Brüder zugestimmt haben oder nicht, aber allem Anschein nach – nein. Und politisch war es richtig, nicht zuzustimmen: Je weniger die Juden während des Hungers in das politische und wirtschaftliche Leben Ägyptens eingeflochten sind, desto sicherer ist es für die Juden. Obwohl, wie wir später erfahren werden, auch das nicht geholfen hat.
וַיָּבֵא יוֹסֵף אֶת-יַעֲקֹב אָבִיו וַיַּעֲמִדֵהוּ לִפְנֵי פַרְעֹה וַיְבָרֶךְ יַעֲקֹב אֶת-פַּרְעֹה׃
wajawé josséf et-jaaków awíw waja'amidéhu lifné far'ó wajwárech jaaków et-par'ó
7 Und Josef brachte Jaakow, seinen Vater, und stellte ihn vor den Pharao, Und Jaakow segnete den Pharao.
Segnete – das heißt hier nicht unbedingt so, wie seinerzeit Jizchak Jaakow segnete: „Und Gott gebe dir…“. Segnete – das kann sein: „König, lebe ewig!“ oder „Lieber, verehrter Pharao! Wir, die jüdischen Hirten, und…“ – weiter Auslassungspunkte, Applaus. Jaakow segnete den Pharao. Aber es ist interessant festzuhalten, dass es Midraschim gibt, die sagen, welchen Segen Jaakow dem Pharao gab: dass der Nil ihm entgegensteigen möge. Eine der interessanten Eigenschaften des Hirten Jaakow, die die Midraschim und die Überlieferung der Midraschim Jaakow zuschreiben, ist, dass das Wasser ihm entgegensteigt. Er braucht keinen Eimer, um Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Niemand sonst kann aus seinem Brunnen Wasser nehmen. Jaakow tritt heran, das Wasser steigt von selbst, fließt über die Ränder des Brunnens und strömt durch die Rinnen, die neben dem Brunnen für das Vieh angelegt werden. So eine wunderbare, wundersame Eigenschaft besitzt Jaakow. Über diese Eigenschaft wird später, tausend Jahre später, die Samariterin sprechen, die sagen wird: „Bist du etwa wie unser Vater Jaakow, der ohne Becher, ohne Eimer, ohne Krug und ohne Pumpe Wasser holen kann? Der uns diesen Brunnen gegeben hat und selbst daraus getrunken hat, und seine ganze Familie?“ Gerade über diese Eigenschaft gingen offenbar auch in Samaria zur Zeit des Maschiach Legenden um. Also, Jaakow segnete den Pharao. Wie segnete er ihn? Wir können es nicht wissen, aber es gibt eine solche interessante Version.
וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה אֶל-יַעֲקֹב כַּמָּה יְמֵי שְׁנֵי חַיֶּיךָ׃
wajomer par'ó el-jaaków kammá jemé schené chajécha
8 Und der Pharao sagte zu Jaakow: „Wie viele Tage der Jahre deines Lebens?“
Das ist so eine klassische Lehnübersetzung aus den alten gemeinsemitischen Sprachen – „Tage der Jahre deines Lebens“.
וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אֶל-פַּרְעֹה יְמֵי שְׁנֵי מְגוּרַי שְׁלֹשִׁים וּמְאַת שָׁנָה מְעַט וְרָעִים הָיוּ יְמֵי שְׁנֵי חַיַּי וְלֹא הִשִּׂיגוּ אֶת-יְמֵי שְׁנֵי חַיֵּי אֲבֹתַי בִּימֵי מְגוּרֵיהֶם׃
wajomer jaaków el-par'ó jemé schené meguráj scheloschím um'át schaná me'át wera'ím hajú jemé schené chajáj weló hissígu et-jemé schené chajé awotáj bimé megurehém
9 Jaakow antwortet dem Pharao und sagt: „Die Tage der Jahre meines Umherziehens Dreißig und hundert Jahre. Gering und schlecht waren die Jahre meines Lebens Und sie erreichten nicht die Langlebigkeit meiner Väter in den Tagen ihrer Wanderschaft.“
Das Wort meguráj – das ist dasselbe Wort lagúr, das wir vor kurzem gelesen haben, in der Bedeutung umherziehen, vorübergehend auf der Erde leben. Jaakow sagt gleichsam: „Ich bin nicht von dieser Welt“ oder „Ist das etwa ein Leben, wonach du fragst?“ Das passendste Verständnis: „Ist denn das ein Leben? Das ist bloß so ein Umherziehen!“
130 Jahre ist Jaakow alt, als er dem Pharao begegnet. Daraus kann man errechnen, dass Jaakow 91 Jahre alt war, als Josef geboren wurde. Eine ganze lange Chronologie wird aus diesem Datum abgeleitet.
Möglicherweise entstand die Frage des Pharaos daraus, dass der Pharao Jaakows Alter nicht nach seinem Aussehen bestimmen konnte. Jaakow sah wohl zu alt für seine hundertdreißig aus, oder etwas anderes hat den Pharao verwundert. Aber Jaakow antwortet, und aus seiner Antwort wird klar, dass er vor der Zeit gealtert ist. Er sagt: „Entschuldige, das ist bei uns nicht die Genetik. Das Leben war bei mir schwer, und ich konnte nicht so leben, wie meine Väter gelebt haben, denn…“. Nun, tatsächlich ist das Leben Jaakows alles andere als einfach. Wir wissen schon sehr viel über ihn, wir wissen, wie viel Umherziehen und wie viele Wechselfälle es im Leben dieses Menschen gibt, und vielleicht ist er für seine hundertdreißig Jahre früh ergraut. Im Ganzen war das Gespräch offenbar kurz, rein offiziell.
וַיְבָרֶךְ יַעֲקֹב אֶת-פַּרְעֹה וַיֵּצֵא מִלִּפְנֵי פַרְעֹה׃
wajwárech jaaków et-par'ó wajezé millifné far'ó
10 Und Jaakow segnete den Pharao und ging vom Angesicht des Pharaos hinaus.
Natürlich segnet man den König, den Pharao, den Fürsten, den Kaiser, den Bai, den Khan, den Kalifen beim Eintreten und beim Hinausgehen. Und Jaakow ist keine Ausnahme. Hier sehen wir einen Teil der höfischen Etikette.
וַיּוֹשֵׁב יוֹסֵף אֶת־אָבִיו וְאֶת־אֶחָיו וַיִּתֵּן לָהֶם אֲחֻזָּה בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם בְּמֵיטַב הָאָרֶץ בְּאֶרֶץ רַעְמְסֵס כַּאֲשֶׁר צִוָּה פַרְעֹה׃
wajoschéw josséf et-awíw we'et-echáw wajittén lahém achussá be'érez mizrájim bemetáw ha'árez be'érez ra'messés KA'ASCHÉR ZIWWÁ FAR'Ó
11 Und Josef siedelte seinen Vater und seine Brüder an, Und gab ihnen ein Erbteil, ein Gut (vom Wort le'echós – etwas, das man festhalten kann), einen Besitz im ägyptischen Land, Im besten Teil des Landes, Im Land Ramses, wie der Pharao geboten hatte.
Ramses liegt an der südlichen Grenze des Landes Goschen, es ist seine Hauptstadt. Dort werden später Städte gebaut werden, aber zu jenem Zeitpunkt ist das tatsächlich ein Provinznest, die vierundzwanzigste Provinz des alten Ägypten. Tatsächlich eine Einöde, jeder kann nach seinem eigenen Land verstehen, was das für eine Einöde ist – eine abgelegene Einöde, mit schlechten Verkehrswegen, aber mit fruchtbaren landwirtschaftlichen Flächen.
וַיְכַלְכֵּל יוֹסֵף אֶת-אָבִיו וְאֶת-אֶחָיו וְאֵת כָּל-בֵּית אָבִיו לֶחֶם לְפִי הַטָּף׃
wajchalkél josséf et-awíw we'et-echáw we'ét kol-bét awíw léchem lefí hattáf
12 Und Josef ernährte, „verköstigte“ seine Brüder, und seinen Vater, Und das ganze Haus seines Vaters Mit Brot, wie Kinder.
Erstens ist unklar: Wenn er sie dort angesiedelt hat, dann hätten sie doch ihr Vieh weiden und sich selbst ernähren können. Aber tatsächlich, Hunger, tatsächlich, eine schwere Zeit. Und Josef muss sie ernähren und unterstützen, denn das Vieh gibt ja kein Brot, vom Vieh kommen Fleisch und Milchprodukte. Josef half ihnen mit Brot. Was bedeutet lefí hattáf (wie Kindern)? Die Kommentatoren sagen: „Kinder, die zerkrümeln ja mehr, als sie essen“, das heißt, er gab ihnen mit freigebiger Hand. Überhaupt kann man hier innehalten und sagen, dass Ägypten sich nicht satt aß, die Ägypter haben auch in den satten Jahren nicht üppig geschlemmt, und die Speise der einfachen Leute war immer einfach. Und in den Jahren des Hungers, als es nicht nur sich selbst versorgen, sondern auch noch Brot an andere Länder verkaufen musste, schränkte es sich überhaupt aufs Minimum ein, und es ist schwer, sich vorzustellen, wie viel bescheidener die Kost der Menschen des Altertums war als unsere und mit wie wenig sie sich begnügen konnten. Heute gibt es eine Konsumkultur (zu der ich auch mich selbst zähle), eine Kultur von Leuten, die gern essen. Man kann sie an der Menge des weggeworfenen Mülls bestimmen, an der Menge der Essensreste, die übrig gelassen werden. All das war jener Welt nicht eigen oder, sagen wir, wenig eigen. Deshalb sagt die Tora: „Josef gab ihnen wie Kindern“, das heißt, sie konnten noch etwas zerkrümeln, und für jene Zeiten war das ein Wunder.
Wir sind dabei stehen geblieben, dass Josef die Familie seines Vaters und alle seine Brüder in einer abgelegenen, aber sehr fruchtbaren Gegend Ägyptens angesiedelt hat, im Land Goschen, das sich sehr gut für die Viehzucht eignet. Jetzt macht die Tora wieder einen Exkurs und erzählt eine gewisse Vorgeschichte der Ereignisse, darüber, wie sich die Lage während des Hungers im ägyptischen Land entwickelte.
וְלֶחֶם אֵין בְּכָל-הָאָרֶץ כִּי-כָבֵד הָרָעָב מְאֹד וַתֵּלַהּ אֶרֶץ מִצְרַיִם וְאֶרֶץ כְּנַעַן מִפְּנֵי הָרָעָב׃
weléchem en bechol-ha'árez ki-chawéd hara'áw me'ód wattéla érez mizrájim we'érez kena'án mippené hara'áw
13 Und es gibt kein Brot im ganzen Land, Denn der Hunger ist sehr stark, Und erschöpft ist das ägyptische Land Und das kanaanäische Land Vom Hunger.
Es gibt kein Brot, das Land ist erschöpft, das Land kann keine Nahrung geben, es lässt den Samen nicht wachsen.
וַיְלַקֵּט יוֹסֵף אֶת-כָּל-הַכֶּסֶף הַנִּמְצָא בְאֶרֶץ-מִצְרַיִם וּבְאֶרֶץ כְּנַעַן בַּשֶּׁבֶר אֲשֶׁר-הֵם שֹׁבְרִים וַיָּבֵא יוֹסֵף אֶת-הַכֶּסֶף בֵּיתָה פַרְעֹה׃
wajlakkét josséf et-kol-hakkéssef hannimzá we'erez-mizrájim uw'érez kená'an baschéwer ascher-hém schowerím wajawé josséf et-hakkéssef béta far'ó
14 Und Josef sammelte alles Silber, das im ägyptischen Land und im kanaanäischen Land war, Für die Bezahlung, die sie zahlten, Und Josef brachte dieses Geld in das Haus des Pharao.
Josef handelte mit Weizen, und er handelte für Silber, und er handelte so gewinnbringend und gut, dass alles Silber aus Ägypten und Kanaan in die Kasse Josefs abwanderte. Die Vorräte an Modeschmuck und Juwelierwaren in Ägypten und in Kanaan versiegten, das Silber in Barren ebenfalls: Alles landete im Haus beim Pharao, praktisch schon am Ende des ersten Jahres. Aber das Jahr war noch nicht zu Ende.
וַיִּתֹּם הַכֶּסֶף מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם וּמֵאֶרֶץ כְּנַעַן וַיָּבֹאוּ כָל-מִצְרַיִם אֶל-יוֹסֵף לֵאמֹר הָבָה-לָּנוּ לֶחֶם וְלָמָּה נָמוּת נֶגְדֶּךָ כִּי אָפֵס כָּסֶף׃
wajittóm hakkéssef me'érez mizrájim ume'érez kená'an wajawóu chol-mizrájim el-josséf lemór hawa-lánu léchem welámma namút negdécha ki afés kássef
15 Und das Silber ging zu Ende im ägyptischen Land und im kanaanäischen Land, Und alle Ägypter versammelten sich zu Josef und sprachen: „Gib uns Brot! Sollen wir etwa deswegen, weil wir kein Geld haben, vor dir sterben? Denken wir uns etwas aus.“
וַיֹּאמֶר יוֹסֵף הָבוּ מִקְנֵיכֶם וְאֶתְּנָה לָכֶם בְּמִקְנֵיכֶם אִם-אָפֵס כָּסֶף׃
wajomer josséf hawu-miknechém we'ettená lachém bemiknechém im-afés kássef
16 Und Josef sprach: „Bringt euer Vieh, Wenn ihr kein Geld habt. Ich nehme es, meinetwegen, von euch in Vieh an.“
Josef ist immer bereit, dem Volk entgegenzukommen, er ist in diesem Fall ein wahrer Demokrat (das ist natürlich Ironie).
Und tatsächlich, wenn es kein Geld gibt, wenn die Lage sehr schlecht ist, dann hat man nichts, womit man das Vieh füttern kann. Natürlich ist das ein doppelter Vorteil: einerseits das Vieh loswerden, es geht nicht zugrunde; andererseits Brot bekommen. Ich habe als Beispiel aus den Papyri den Briefwechsel der hethitischen Königin mit dem ägyptischen Pharao angeführt, dass sie bittet, möglichst schnell das Vieh abzuholen, das man ihr als Mitgift gegeben hat, weil sie nichts hat, womit sie es füttern kann. Josef macht den Ägyptern ein sehr vorteilhaftes Angebot. Wir sehen, dass Josef ein talentierter Manager und Marketingfachmann ist und Getreide zu verkaufen versteht, besonders in den Jahren, in denen es knapp ist. Er sagt: „Lasst uns Getreide gegen Vieh tauschen!“
וַיָּבִיאוּ אֶת-מִקְנֵיהֶם אֶל-יוֹסֵף וַיִּתֵּן לָהֶם יוֹסֵף לֶחֶם בַּסּוּסִים וּבְמִקְנֵה הַצֹּאן וּבְמִקְנֵה הַבָּקָר וּבַחֲמֹרִים וַיְנַהֲלֵם בַּלֶּחֶם בְּכָל-מִקְנֵהֶם בַּשָּׁנָה הַהִוא׃
wajawíu et-miknehém el-josséf wajittén lahém josséf léchem bassussím uwmikné hazzón uwmikné habbakár uwachamorím wajnahalém balléchem bechol-miknehém baschaná hahí
17 Und sie brachten ihr ganzes Vieh zu Josef, Und Josef gab ihnen Brot Für die Pferde, Und für die Herden des Kleinviehs, Und für die Herden des Großviehs, Und für ihre Esel, Und er leitete sie mit Brot Für all ihr Vieh in jenem Jahr.
Das heißt, Josef verstand es, die Brotpreise für jenes Jahr so zu verteilen, dass das ganze Vieh bei ihm landete, und die Ägypter hatten nur gerade genug Brot. Was bedeutet es, sie mit Brot lenahel – zu leiten? Josef führte, kann man sagen, eine Art Kartensystem strenger Einkäufe ein, bei dem man nicht im Voraus einkaufen konnte und ständig Vieh gegen Brot tauschen musste. Und die Preise stiegen: Wenn du jedes Mal für einen, zwei, drei, vier Tage Nahrung bezahlen musst, dann steigen die Preise entsprechend sehr stark.
וַתִּתֹּם הַשָּׁנָה הַהִוא וַיָּבֹאוּ אֵלָיו בַּשָּׁנָה הַשֵּׁנִית וַיֹּאמְרוּ לוֹ לֹא-נְכַחֵד מֵאֲדֹנִי כִּי אִם-תַּם הַכֶּסֶף וּמִקְנֵה הַבְּהֵמָה אֶל-אֲדֹנִי לֹא נִשְׁאַר לִפְנֵי אֲדֹנִי בִּלְתִּי אִם-גְּוִיָּתֵנוּ וְאַדְמָתֵנוּ׃
wattittóm haschaná hahi wajawóu eláw baschaná haschenít wajomeru lo lo-nechachéd me'adoní ki im-tám hakkéssef umikné habbehemá el-adoní lo nisch'ár lifné adoní biltí im-gewijaténu we'admaténu
18 Und jenes Jahr ging zu Ende, Und sie kamen zu ihm im zweiten Jahr. „Wir werden nicht sterben vor unserem Herrn, Wenn uns das Kleinvieh ausgegangen ist, und das Großvieh, und das Silber, Und nichts ist uns mehr geblieben vor unserem Herrn außer unseren Leibern und unserem Land.
Offenbar geht es um das zweite Jahr des Hungers. Richtig ist es so zu verstehen, dass die Tora nicht ab dem Moment der Ankunft Jaakows zu zählen beginnt, dass es nicht um das vierte Jahr geht, sondern um das zweite Jahr, wenn Jaakow nach Ägypten kommt. Ungefähr zur selben Zeit geschieht das, was die Tora jetzt beschreibt. Also, das Silber ist zu Ende, das Vieh ist zu Ende, die Ägypter haben schon nichts mehr zu verkaufen, und zu Beginn des zweiten Jahres kommen sie zu Josef.
לָמָּה נָמוּת לְעֵינֶיךָ גַּם-אֲנַחְנוּ גַּם אַדְמָתֵנוּ וְנִהְיֶה אֲנַחְנוּ וְאַדְמָתֵנוּ עֲבָדִים לְפַרְעֹה וְתֶן-זֶרַע וְנִחְיֶה וְלֹא נָמוּת וְהָאֲדָמָה לֹא תֵשָׁם׃
lámma namút le'enécha gam-anáchnu gam-admaténu wenihjé anáchnu we'admaténu awadím lefar'ó weten-séra wenichjé weló namút weha'adamá lo teschám
19 Warum sollen wir vor dir sterben, sowohl wir als auch unser Land? Kaufe uns und unser Land für Brot, Und wir und unser Land werden Knechte des Pharao sein, Und gib uns Saatgut, Und wir werden leben, und nicht sterben, und das Land wird nicht veröden.“
Warum, interessant, spricht die Tora hier davon, dass „wir sterben werden, sowohl wir als auch unser Land“? Nun, klar ist, dass sie sterben können, aber was hat hier, so scheint es, ihr Land damit zu tun? Und zwar, weil die Tora sagt: „Wenn es keinen Menschen gibt, der das Land bearbeitet, dann stirbt in gewissem Sinn auch das Land.“
Jetzt denken sie schon, dass sie es sind, die Josef ein vorteilhaftes Angebot machen, und sagen zu ihm: „Gib uns Brot für unser Land, und wir werden leben, und nicht sterben, und auch mit unserem Land wird alles gut sein!“ Ein sehr gutes und richtiges Angebot, und Josef kann natürlich nicht anders, als zuzustimmen.
וַיִּקֶן יוֹסֵף אֶת-כָּל-אַדְמַת מִצְרַיִם לְפַרְעֹה כִּי-מָכְרוּ מִצְרַיִם אִישׁ שָׂדֵהוּ כִּי-חָזַק עֲלֵהֶם הָרָעָב וַתְּהִי הָאָרֶץ לְפַרְעֹה׃
wajíken josséf et-kol-admát mizrájim lefar'ó ki-macherú mizrájim isch sadehu ki-chasák alehém hara'áw wattehí ha'árez lefar'ó
20 Und Josef kaufte Das ganze ägyptische Land für den Pharao, Denn die Ägypter verkauften jeder sein Feld, Denn stark war bei ihnen der Hunger, Und das ganze Land begann dem Pharao zu gehören.
אֶת-הָעָם הֶעֱבִיר אֹתוֹ לֶעָרִים מִקְצֵה גְבוּל-מִצְרַיִם וְעַד-קָצֵהוּ׃
we'et-ha'ám he'ewír otó le'arím mikzé gewul-mizrájim we'ad-kazéhu
21 Das Volk aber siedelte Josef um, jeden, von einem Ende des ägyptischen Landes bis zum anderen, von einer Grenze bis zur anderen.
Wozu tut Josef das? Wenn ein Mensch auf seinem eigenen Land lebt, auf seinem Erbteil, kann er sagen: „Irgendwie kann ich mich nicht erinnern, dass ich dieses Land verkauft hätte. Lang ist's her und gar nicht wahr, das ist mein Land, ich habe hier jeden Stein umgedreht, hier gibt es kein Sandkorn, das ich nicht berührt hätte. Deshalb – nein, ich habe nicht verkauft!“ Wenn ein Mensch aber umgesiedelt wird, dann ist klar, dass er ein Neusiedler ist. Auf dem neuen Land hat er weder Dokumente noch Beziehungen. Und um diese Tradition zu unterbrechen, um dem Menschen nicht die Möglichkeit zu geben zu sagen: „Das ist mein Land und das Land meiner Vorfahren“, organisiert Josef eine Umsiedlung der Völker. Man muss sagen, dass dieser Kunstgriff übernommen wurde. Vielleicht hat ihn auch nicht Josef selbst erfunden, wir wissen es nicht, aber in der Folge sehen wir sowohl bei den Persern als auch bei anderen Völkern, sogar bei den Bolschewiken ähnliche Maßnahmen, wenn es ihnen nötig war.
רַק אַדְמַת הַכֹּהֲנִים לֹא קָנָה כִּי חֹק לַכֹּהֲנִים מֵאֵת פַּרְעֹה וְאָכְלוּ אֶת-חֻקָּם אֲשֶׁר נָתַן לָהֶם פַּרְעֹה עַל-כֵּן לֹא מָכְרוּ אֶת-אַדְמָתָם׃
rak admát hakkohaním lo kaná ki chok lakkohaním me'ét par'ó we'achelú et-chukkám aschér natán lahém par'ó al-kén lo macherú et-admatám
22 Nur das Land der Priester kaufte Josef nicht, Denn den Priestern war vom Pharao eine Ration zugeteilt, Und sie aßen das, was ihnen zugeteilt war, Das, was ihnen der Pharao gab. Deshalb verkauften sie ihr Land nicht.
Und wie war die Situation mit den Priestern? Ihnen wurde ohnehin eine staatliche Ration ausgegeben, Brot. Brot hatten sie genug. Vielleicht hungerten sie auch, aber nicht so sehr, dass sie ihr Land verkauften. Nach Abschluss dieser tugendhaften Aktion sagt Josef zum Volk:
וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל-הָעָם הֵן קָנִיתִי אֶתְכֶם הַיּוֹם וְאֶת-אַדְמַתְכֶם לְפַרְעֹה הֵא-לָכֶם זֶרַע וּזְרַעְתֶּם אֶת-הָאֲדָמָה׃
wajomer josséf el-ha'ám hen kaníti etchém hajom we'et-admatchém lefar'ó he-lachém séra usra'tém et-ha'adamá
23 Und Josef sprach zum Volk: „Ich habe heute euch und euer Land für den Pharao gekauft. Hier habt ihr Saatgut, und besät das Land.
וְהָיָה בַּתְּבוּאֹת וּנְתַתֶּם חֲמִישִׁית לְפַרְעֹה וְאַרְבַּע הַיָּדֹת יִהְיֶה לָכֶם לְזֶרַע הַשָּׂדֶה וּלְאָכְלְכֶם וְלַאֲשֶׁר בְּבָתֵּיכֶם וְלֶאֱכֹל לְטַפְּכֶם׃
wehajá battewu'ót untattém chamischít lefar'ó we'arbá hajadót jihjé lachém leséra hassadé ul'ochlechém wela'aschér bewattechém wele'echól letappechém
24 Und ihr werdet, wenn es eine Ernte gibt, Den fünften Teil dem Pharao abgeben, Und vier Fünftel werden euch gehören, um das Feld zu besäen, Und für eure Speise, Und für die Speise eurer Knechte, Und um eure Kinder zu ernähren.“
Josef macht in Wirklichkeit ein großzügiges Angebot unter den Bedingungen der frühen ägyptischen Leibeigenschaft, und er setzt eine ziemlich niedrige Abgabe fest – der fünfte Teil der ganzen Ernte soll dem Pharao abgegeben werden. Und das ist wirklich großzügig, denn in anderen Ländern und in anderen Kulturen kam es vor, dass man sogar vier Fünftel wegnahm.
וַיֹּאמְרוּ הֶחֱיִתָנוּ נִמְצָא-חֵן בְּעֵינֵי אֲדֹנִי וְהָיִינוּ עֲבָדִים לְפַרְעֹה׃
wajomerú hechejitánu nimza-chén be'ené adoní wehajínu awadím lefar'ó
25 Und sie sagten zu ihm: „Du hast uns lebendig gemacht. Aber möchten wir doch Gnade finden in den Augen unseres Herrn Und dem Pharao Sklaven sein.“
Die Wendung echejiténu, echejiténi – du hast uns lebendig gemacht, du hast mich lebendig gemacht wird im Hebräischen bis heute als Höflichkeitsformel verwendet. Wenn ich im Kummer irgendeine freudige Nachricht erhalte, wenn man mich in der Traurigkeit tröstet, kann ich sagen: „Echejiténi (du hast mich lebendig gemacht)!“ Sie sehen darin wirklich eine freudige Nachricht, das ist für sie ein sehr gutes Angebot. Und sie bitten: „Großartig wäre es, wenn wir die ganze Zeit Sklaven des Pharao wären, zu so vorteilhaften Bedingungen, das ist viel besser, als zu hungern.“ Das Volk bittet, und Josef kommt ihm entgegen.
וַיָּשֶׂם אֹתָהּ יוֹסֵף לְחֹק עַד-הַיּוֹם הַזֶּה עַל-אַדְמַת מִצְרַיִם לְפַרְעֹה לַחֹמֶשׁ רַק אַדְמַת הַכֹּהֲנִים לְבַדָּם לֹא הָיְתָה לְפַרְעֹה׃
wajássem otá josséf lechók ad-hajom hassé al-admát mizrájim lefar'ó lachómesch rak admát hakkohaním lewaddám lo hajetá lefar'ó
26 Und Josef setzte dieses Gesetz fest bis auf diesen Tag Für alle ägyptischen Ländereien: dem Pharao – der fünfte Teil. Und nur das Land der Priester gehörte nicht dem Pharao.
Gewöhnlich sagen die Kommentatoren gern, dass jedes Mal, wenn in der Tora geschrieben steht: „…bis auf diesen Tag“, es auch wirklich so ist – bis auf diesen Tag, das heißt bis heute. Im heutigen Ägypten gibt es völlig andere Gesetze. Die heutigen Ägypter sind nicht die Nachkommen, größtenteils, jener Ägypter. Aber das Gesetz, nach dem in Ägypten der fünfte Teil dem Pharao abgegeben wird, bestand sehr, sehr lange, sogar noch die griechischen Autoren schaffen es, es zu erwähnen, sodass das Gesetz tatsächlich lange Bestand hatte.
וַיֵּשֶׁב יִשְׂרָאֵל בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם בְּאֶרֶץ גֹּשֶׁן וַיֵּאָחֲזוּ בָהּ וַיִּפְרוּ וַיִּרְבּוּ מְאֹד׃
wajéschew jisraél be'érez mizrájim be'érez góschen waje'achasú wa wajifrú wajirbú me'ód
27 Die Israeliten aber wohnten im ägyptischen Land, im Land Goschen, Und hielten es, Und vermehrten sich, und mehrten sich sehr stark.
Was ist geschehen? Die Ägypter blieben ohne ihr Land. Man nahm ihnen zwar nur den fünften Teil, aber die Zeit war ja noch eine Hungerzeit, die Ernte war karg. Die Israeliten aber blieben in dieser Zeit erstens die einzigen (außer den Priestern) Besitzer von Ländereien, zweitens lebten sie in verhältnismäßiger Sattheit und mehrten sich deshalb außerordentlich, so etwas kommt auch vor.
Sehr viel ist darüber gesagt worden, wie Josef sich seinen Brüdern offenbart, über eines der dramatischsten Ereignisse des Buches Bereschit, über dieses herzzerreißende Ereignis. Und jeder Kommentator versuchte, seinen Beitrag zum Verständnis dessen zu leisten, was dort geschah, und wie es dort geschah? Was veranlasste Josef, sich gerade in diesem Moment seinen Brüdern zu erkennen zu geben? Was ging im Herzen Josefs vor, was ging in den Herzen der Brüder vor? Kurz, dieser Abschnitt gibt viel Stoff zum Nachdenken, und viele Weise haben ihre Überlegungen dazu geteilt. Wir schauen uns gemeinsam an, wie Rabbi Scholom Noach Beresowski, auch bekannt als der Rebbe von Slónim, diesen Abschnitt gesehen hat. Er lenkt die Aufmerksamkeit darauf, was im ersten Vers des 45. Kapitels geschrieben steht. Josef befahl allen Fremden hinauszugehen, und es steht geschrieben: „Und es gab keinen Menschen, der neben ihm stand, als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gab.“
וְלֹא-עָמַד אִישׁ אִתּוֹ בְּהִתְוַדַּע יוֹסֵף אֶל-אֶחָיו׃
welo-ámad isch ittó behitwaddá josséf el-echáw
Und es gab keinen Menschen, der neben ihm stand, Als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gab.
Und wenn der Rebbe von Slónim diesen Abschnitt liest, erinnert er sich, sieht er eine Parallele zu einem anderen Abschnitt, aus dem Buch Wajikra (16,17), wo davon erzählt wird, wie der kohen gadól in das Allerheiligste hineingeht:
וְכָל-אָדָם לֹא-יִהְיֶה בְּאֹהֶל מוֹעֵד בְּבֹאוֹ לְכַפֵּר בַּקֹּדֶשׁ
wechol-adám lo-jihjé be'óhel mo'éd bewo'ó lechappér bakkódesch…
Und keinerlei Mensch wird im Zelt des Zeugnisses sein, Wenn (der kohen gadól) dort hineingeht, Um Sühne zu erwirken im Heiligtum…
„Was bedeutet das“, fragen die Kommentatoren, wenn sie diesen Abschnitt im Buch Wajikra lesen, „niemand wird da sein? Und der Kohen gadól selbst wird dort sein? Wie kann man sagen, dass dort niemand sein darf, wenn dort der Kohen gadól sein muss?“ Und sie antworten: „In diesem Moment hört der Kohen gadól auf, einfach ein Mensch zu sein.“ Nachdem er die Sühne für sein Haus, und für sich, und für das Volk vollzogen hat, steht er da als etwas Größeres als einfach ein Mensch. Er steht da als etwas Übermenschliches, Gottmenschliches (man kann es wagen, es so zu nennen), als ein Mensch, der „zubereitet“ ist und seine Begegnung mit Gott eingerichtet hat. Gerade in diesem Zustand muss er sich im Allerheiligsten befinden. Die „Gottmenschheit“ – das ist das, was sich beim Kohen gadól im Allerheiligsten einschaltet. Und das, was bei der Begegnung der Brüder und Josefs geschieht, als Josef sich zu erkennen gibt, ist dem sehr ähnlich, was wir im Allerheiligsten sehen.
Was ist mit Jehuda geschehen? Wir haben vorher gelesen, dass die Brüder schon gesagt hatten, Jehuda hatte schon für alle gesagt: „Wir alle werden dir Sklaven sein.“ Aber das ist nicht das, was Josef dazu brachte, sich den Brüdern zu offenbaren. Josef antwortete: „Nein-nein-nein! Bei uns hier gibt es ein gerechtes Gericht! Wer den Becher gestohlen hat, der wird mir Sklave sein.“ Was ist also hier geschehen?
Stellt euch vor, Jehuda ist ein Anführer, man kann in moderner Sprache sagen, self made (self made – einer, der sich selbst gemacht hat). Nicht der Erstgeborene dem Blut nach, sondern derjenige unter den Brüdern, der dank seiner Talente zum Erstgeborenen wurde, dank seiner Führungsqualitäten. Und er sagt jetzt: „Ich werde Sklave sein!“ Er sagt es irgendeinem rätselhaften Zafenat-Paneach, irgendeinem rätselhaften Menschen in Ägypten. Es ist eine Sache zu sagen: „Wir alle werden Sklaven sein.“ Wenn die Strafe kollektiv ist, ist sie nicht so schlimm. Wahrscheinlich erinnert sich jeder daran, was geschah, wenn die ganze Klasse bestraft wurde, die ganze Kompanie, die ganze Abteilung, die ganze Gruppe und so weiter. Wenn du zusammen mit irgendeinem Kollektiv bestraft wirst, dann vereint das das Kollektiv, das schafft so ein großes, starkes „Wir“ und erlaubt es, die Strafe mit größerer Leichtigkeit zu ertragen. Eine andere Sache ist es, wenn du der Anführer unter den Brüdern bist. Wenn du Jehuda bist, ein Mensch mit Talent, einem Talent, das schon verwirklicht werden konnte, mit Ambitionen, Ambitionen, die schon verwirklicht werden konnten. Und jetzt wirst du deinen Brüdern mit dem Taschentuch nachwinken, die zum Vater fahren werden, nach Kanaan, und du wirst hier als Sklave bleiben.
Das ist die Ebene des Dienstes, die Ebene der Sicht, möglicherweise, auf Gottes Plan, der Sicht auf die Gerechtigkeit. Und er sagt: „Nein! Ich werde nicht aufhören, Jehuda zu sein. Meine Talente, meine Ambitionen, meine Fähigkeiten gehen nirgendwohin verloren.“ Genauso haben wir vorher gesehen, was mit Josef geschah, der zum Sklaven geworden war. Er hörte nicht auf, ein erfolgreicher Mensch zu sein, und alle um ihn herum sahen, dass Gott mit ihm ist. Jehuda entschließt sich jetzt freiwillig zu so etwas. Nein, das ist kein Verzicht auf sich selbst, das ist kein Verzicht auf die Ambitionen, sondern Jehuda sagt: „All meine Talente, all meine Fähigkeiten bin ich bereit, hier einzusetzen. Ich bleibe Jehuda, aber ich werde diesem, wiederum, rätselhaften Ägypter hier Sklave sein.“ Eine furchtbare Entscheidung, eine unglaubliche Hingabe seiner selbst an den Plan.
Und in genau diesem Moment gibt sich auch Josef zu erkennen, als ein Mensch, der Anteil am Plan hat. Und wenn er sagt: „Ich bin Josef, den ihr verkauft habt (ascher-mechartém)“ – ist das keine Anklage. Wir sehen, dass Josef auch weiterhin die Brüder nicht anklagt, Josef weint an der Schulter jedes der Brüder, Josef tröstet die Brüder. Gerade Josef tröstet sie, und nicht umgekehrt. Josef weint an ihrer Schulter, und nicht umgekehrt. Und deshalb, wenn Josef sagt: „Ich bin der, den ihr verkauft habt“, ist das keine Anklage. Das ist eine Beschreibung von Erfahrung: „Ich bin Josef, und zwar bin ich der verkaufte Josef. Ich bin Josef, und diese Erfahrung, die Jehuda jetzt durchlebt hat, die habe ich schon durchlebt. Ich hatte schon so ein Erleben, mir ist das bekannt – wie es ist, verkauft zu sein, und wie es ist, Josef zu bleiben, wenn du verkauft bist. Und jetzt durchlebt dasselbe Jehuda.
Hier gibt es keine Persönlichkeiten, hier gibt es keine persönliche, eigene Sicht auf den eigenen Weg. Josef hat sich seine Zukunft ja auf eine Weise vorgestellt, Jehuda auf eine andere Weise. Jeder sah seine Zukunft anders, und hier ist ein völliges Sich-Anvertrauen in Gottes Hände. Wiederum – ein Sich-Anvertrauen. Kein Verzicht auf sich selbst, kein Verzicht auf die eigenen Eigenschaften, denn Josef und Jehuda waren und bleiben verschiedene Menschen. Josef hat seine Aufgaben, Jehuda – seine Aufgaben. Aber die Bereitschaft, als Anführer, als einer, der zu etwas sehr Hohem berufen ist, es nicht für eine Erniedrigung zu halten, nicht für Gebrochenheit zu halten, Sklave zu werden – das ist das Erheben auf jene Ebene im Geist, wo der Mensch sich über sein Menschliches erhebt, über sein menschliches Prinzip, und es in ein „gottmenschliches“ Prinzip verwandelt. Deshalb kann man verstehen, wie der Rebbe von Slónim das sieht, dass dort keine Menschen waren, dort haben alle die Gegenwart des göttlichen Plans in ihrer Welt, ihre Teilhabe am göttlichen Plan so sehr erkannt, dass es dort einen Aufstieg auf die „gottmenschliche“ Ebene gab, ein Hinaufsteigen auf eine völlig andere, auf eine höhere Ebene.
Noch einmal: Das ist selbstverständlich keineswegs das einzig richtige Verständnis, und vielleicht erscheint jemandem eine andere Variante des Verständnisses aktueller, eine, die mehr zu ihm spricht. Ich zeige bloß nur ein paar wenig bekannte Sichtweisen auf den Wochenabschnitt und werfe ein bisschen Brennholz ins Feuer eures Nachdenkens.
Jaakow beim Pharao
Wir sprechen über ein kurzes Gespräch, das zwischen dem Stammvater Jaakow und dem ägyptischen Pharao stattfand. Wir lesen davon im 47. Kapitel des Buches Bereschit ab Vers 8: „Und der Pharao sagte zu Jaakow: Wie viele sind die Jahre deines Lebens?“ Und Jaakow sagte zum Pharao: „Die Tage meines Lebens sind hundertdreißig Jahre. Wenig und unglückselig waren die Tage meines Lebens, und sie reichten nicht an die Lebensjahre meiner Väter in der Zeit ihres Lebens heran.“
Eine sehr seltsame Antwort gibt Jaakow auf die Frage des Pharao. Der Pharao fragte ihn, wenn man es in moderner Sprache ausdrückt: „Wie alt bist du, Jaakow?“ Und statt zu sagen: „Ich bin 130 Jahre alt, Genosse Pharao!“, antwortet Jaakow ihm ausführlicher, und weitschweifiger, und sagt: „Gering und unglückselig waren die Tage meines Lebens, und sie reichten nicht an jene Jahre heran, die meine Vorfahren lebten.“ Ein ganz unverständliches Ende des Satzes. Jaakow ist ja noch nicht gestorben, und er weiß vorerst noch gar nicht, wie lange er leben wird. Wie kann man da sagen: „Ich habe das Alter meiner Väter noch nicht erreicht“, „ich werde das Alter meiner Väter nicht erreichen“? Oder was bedeutet das? Und auf jeden Fall, wozu sich beim ägyptischen Monarchen über die Kümmernisse seines Lebens beklagen? Kurz, ziemlich viele Fragen zu nur einem einzigen kurzen Vers. Wie kann man das verstehen?
Der Pharao sieht einen uralten Greis vor sich. Möglicherweise einen so uralten Greis, so alt sieht Jaakow aus, dass es scheint, vielleicht ist er Awraham, oder vielleicht ist das sogar adám rischón (der erste Adam)? Wer bist du, Greis? Wie alt bist du, dass du so alt aussiehst? Das ist es, was der Pharao Jaakow möglicherweise fragt. Und Jaakow antwortet ihm: „Die Tage meines Lebens sind 130 Jahre. Ich bin 130 Jahre alt. Und weißt du, Pharao, ich sähe viel jünger aus, wenn das Leben mich nicht so mitgenommen hätte. Gering und unglückselig waren die Tage meines Lebens. Das kommt daher, dass ich so ein schlechtes Leben hatte, davon bin ich alt geworden. Frag nicht, was für reine Bergluft ich atme, welche Diät ich eingehalten habe, um ein so ehrwürdiges Alter zu erreichen, und welche Creme ich für das Gesicht benutze, damit ich so wenige Falten habe. Nein! Ich bin so alt, weil das Leben mich mitgenommen hat, sonst sähe ich noch jünger aus.“
Und darin liegt möglicherweise nicht einfach eine Begegnung Jaakows und des Pharao. Das ist eine Begegnung der jüdischen Zivilisation mit der ägyptischen Zivilisation, des jüdischen Volkes mit dem ägyptischen Volk, wo Israel sagt: „Du kannst mich schwer mitnehmen, du kannst mich schwer quälen, sodass mein Leben unglückselig ist. Ich werde wie ein alter und mitgenommener Jude aussehen, aber ich bin lebendig. Ich bin lebendig! Wie sehr du dir vielleicht auch das Gegenteil wünschen magst.“ Na ja, wobei, sagen wir nichts Schlechtes über den Pharao, er fragt einfach. Und deshalb sagt Jaakow weiter: „Meine Vorfahren aber, Awraham und Jizchak, lebten noch länger. Und ich habe, mit Gottes Hilfe, noch nicht das Alter erreicht, in dem ich sterben müsste. In meiner Familie gibt es überhaupt lauter Langlebige. Das sollst du wissen, Pharao!“ Und diese Worte werden als gutes Handeln Jaakows verstanden, so, dass Jaakow dem Pharao eine gute Antwort gibt.
In der traditionellen Sammlung von Midraschim Bereschit Rabba gibt es eine Besprechung dieses Gesprächs, im 95. Kapitel. Die Weisen sagen: „Der Pharao begann, Jaakow Fragen zu stellen. Er fragte: ‚Wie alt bist du denn?‘ Und Jaakow sagte zum Pharao: ‚Die Tage meines Lebens sind 130 Jahre. Wenig und unglückselig waren die Tage meines Lebens.‘ Rabbi Aba bar Kahana sagte: ‚Zwischen Dir und mir bin ich nicht würdig‘, das heißt: ‚Als du mit Gott sprachst, im 32. Kapitel, vor der Begegnung mit Esaw, sagtest du: So viel Gnade war in meinem Leben. So gnädig warst Du zu mir, dass katónti (ich bin gering) für all Deine Gnadenerweise, ich bin all Deiner Gnadenerweise nicht würdig, ich bin dessen nicht würdig, was Du getan hast. Das ist, wenn du allein mit Mir sprichst, mit Gott. Wenn du aber mit anderen sprichst, sagst du: Ach, was für ein trauriges, was für ein bitteres Leben ich habe.‘“ Und man kann wieder sagen, dass diese Worte zur Verteidigung Jaakows gesagt sind. Wenn Jaakow mit dem Höchsten spricht, sagt er: „Ich bin all jener Gnadenerweise nicht würdig, die Du an mir getan hast. Denn sieh, ich bin allein über den Jordan gegangen, nur mit einem Stab. Sieh, was jetzt aus mir geworden ist.“ Wenn er mit anderen spricht, prahlt er nicht und sagt nicht: „Seht, wie gnädig der HERR zu mir ist, wie gerecht ich bin oder wie viele Gnadenerweise ich verdient habe“, oder: „Was für ein unwürdiger Knecht ich bin, und wie viele Gnadenerweise hat der HERR an mir getan.“ Er rühmt sich dieser Gnadenerweise nicht.
Es kommt ja nicht selten vor: Ein Mensch will scheinbar Gott verherrlichen und will mit jenen Gnadenerweisen prahlen, die Gott an ihm getan hat, aber in Wirklichkeit lobt er sich selbst. Er sagt: „Seht, meine frühere Frau hat schlecht gehandelt, und sie hat so etwas getan, aber seht, was Gott in meinem Leben tut, ich bin gerecht. Ich bin gerecht, und seht, wie Gott mir das vergilt!“ Oder sogar: „Ich bin ein unwürdiger Knecht, aber ich bin mit dem HERRN! Ich bin mit dem HERRN, wie bin ich da unwürdig? Ich bin würdig! Und deshalb vergilt Er mir das, ihr aber seid nicht mit dem HERRN. Ihr habt falsch gebetet, ihr habt falsch gehandelt, aber Er vergilt mir!“ Und die Betonung liegt nicht auf „Er“, sondern auf „mir“, und so etwas kommt sehr oft vor. Aber manchmal rühmt sich ein Mensch nicht dessen, wie viele Gnadenerweise er – sei es durch Glauben, sei es durch Vertrauen, sei es durch Gebete – vom Höchsten erbeten hat, und rühmt sich auf diese Weise nicht seiner selbst. Sondern er sagt: „Ja, auch in meinem Leben gibt es Probleme. Mit Gottes Hilfe bemühe ich mich, ich lebe irgendwie, ich bemühe mich, ich überwinde.“ So kann man darüber sprechen. Und ich erkläre es noch einmal: Ich meine, Gott bewahre, nicht, dass man Gott nicht verherrlichen soll, indem man von den Gnadenerweisen erzählt, die Er uns tut. Aber man muss, wenn man erzählt, Ihn verherrlichen und nicht sich selbst, denn das ist eine Falle, in die man sehr leicht gerät.
Man kann es auch anders verstehen: „Wenn du vor Mir bist, dann erkennst du alle Gnadenerweise an, wenn du aber bei anderen bist, heuchelst du und fängst an zu jammern. Entscheide dich, Jaakow, wo sagst du die Wahrheit? Bin Ich gnädig zu dir, oder hast du unglückselige Tage, Tag für Tag, dein ganzes Leben lang?“ Und dann kann man diese Worte als Verurteilung Jaakows auslegen.
Strenger geht Rabbi Schimon bar Jochai an die Besprechung dieser Worte heran, ein sehr angesehener Rabbiner, der sagt: „Wenig und unglückselig. Weil Jaakow murrte, weil er jammerte, sich in 33 Wörtern beklagte, wurden ihm 33 Lebensjahre genommen.“ Hier zählt Rabbi Schimon bar Jochai alle Wörter im ausgelegten Vers: Es sind 33. Und er sagt, dass das ein Ausdruck der Schwäche Jaakows war, und zur Strafe dafür wurden ihm 33 Lebensjahre genommen. Eine sehr strenge Herangehensweise an die Worte Jaakows.
Welche Schlussfolgerung können wir aus dieser Geschichte für uns ziehen? Vielleicht, dass wir mitgenommen sind, aber leben. Dass Unglück, Widrigkeiten, Nöte, wenn wir sie in unserem Leben gesehen haben, uns mitgenommen haben und wir vor der Zeit alt geworden sind. Oder jemandem alt erscheinen, aber wir leben, und darin liegt ein Ausdruck der Gnade. Der Gnade darin, dass wir diese Nöte und Unglücke überwinden konnten, und wir selbst, unser Leben, sind der Beweis dafür, dass Gott gnädig zu uns ist. Weniger klagen, vielleicht. Vielleicht sich bemühen, jene Gnadenerweise zu sehen und von ihnen zu sprechen, die der Höchste an uns getan hat, sich an jene Gnadenerweise zu erinnern, die der Höchste an uns getan hat. Und wenn wir schon klagen, wenn wir schon unsere Seele ausschütten, dann vor Demselben, Den wir für die Gnadenerweise preisen, die Er an uns vollbracht hat.
Man kann aus dieser Geschichte viele andere Schlussfolgerungen ziehen, sie gibt sehr viel Stoff zum Nachdenken, und ich werde mich freuen, wenn sie euch Stoff zum Nachdenken gibt.
Wovon spricht Jehuda?
In diesem Gespräch möchte ich noch einmal in das Haus des „Beinahe“-Pharao zurückkehren, des Herrschers Ägyptens namens Zafenat-Paneach, von dem wir (und vielleicht nur wir), die Leser des Buches Bereschit, wissen, dass das Josef ist. Am frühen Morgen fuhren die Brüder aus seinem Haus ab, waren beinahe schon in Frieden aus Ägypten ins kanaanäische Land aufgebrochen. Doch weit gefehlt. Der Verwalter von Josefs Haus holt sie ein und beschuldigt sie, seinem Herrn die Gastfreundschaft mit schwarzem Undank vergolten und seinen Wahrsagebecher gestohlen zu haben. Natürlich wissen die Brüder nicht, dass der Becher im Voraus in Binjamins Tasche geschoben worden ist. Sie weigern sich zuzugeben, was sie nicht getan haben. Weiter, das wissen alle, durchsucht der Herrscher die Taschen, der Becher findet sich in Binjamins Tasche. Wissen die Brüder, dass er untergeschoben ist? Vielleicht ahnen sie es, denn dort hatte man ja auch noch bei jedem das Geld in den Säcken gefunden. Kurz, man kann denken, was man will. Es gibt einen Midrasch, der davon spricht, dass die Brüder Binjamin beschimpften oder ihn sogar zu schlagen begannen und sagten: „Dieb, Sohn einer Diebin! Wie deine Mutter seinerzeit die Terafim gestohlen hat, so hast auch du jetzt gestohlen! Wie lange soll man dieses schlechte Blut noch ertragen?“ Es gibt solche Midraschim, und man kann sie jetzt beiseitelegen, das steht nicht direkt geschrieben. Die Brüder kehren mit gesenktem Kopf in das Haus des Herrschers zurück, zu seinem Gericht.
Was weiter geschieht und vielleicht, warum es geschieht, darüber lasst uns ab Vers 14 des 44. Kapitels lesen.
וַיָּבֹא יְהוּדָה וְאֶחָיו בֵּיתָה יוֹסֵף וְהוּא עוֹדֶנּוּ שָׁם וַיִּפְּלוּ לְפָנָיו אָרְצָה׃
wajawó jehudá we'echáw béta josséf wehú odénnu scham wajippelú lefanáw arzá
14 Und Jehuda und seine Brüder kamen in das Haus Josefs, Josef war noch dort, Und sie fielen vor ihm nieder.
Es ist verständlich, warum die Tora hier „Jehuda und die Brüder“ sagt und nicht einfach „und die Brüder kamen“, Jehuda eingeschlossen. Jehuda ist schon der gefestigte Anführer der Brüder, obwohl er nicht der Erstgeborene ist, der Erstgeborene ist Re'uwen. Jehuda ist hier auch deshalb Anführer, weil Jaakow Jehuda beauftragt hat, diese Delegation oder diese Expedition zu leiten. Josef beginnt mit ihnen zu sprechen (wiederum: für uns ist das Josef, für sie der ägyptische Herrscher).
וַיֹּאמֶר לָהֶם יוֹסֵף מָה־הַמַּעֲשֶׂה הַזֶּה אֲשֶׁר עֲשִׂיתֶם הֲלוֹא יְדַעְתֶּם כִּי־נַחֵשׁ יְנַחֵשׁ אִישׁ אֲשֶׁר כָּמֹנִי׃
wajomer lahém josséf ma-hamma'assé hassé aschér assitém haló jedatém ki-nachésch jenachésch isch aschér kamóni
15 Und Josef sagte zu ihnen: „Was ist das für eine Tat, die ihr getan habt? ihr habt doch verstanden, dass ein Mensch wie ich, er wird erraten, wer das getan hat?“
Und Jehuda, der nicht weiß, dass der Becher Binjamin untergeschoben wurde, sagt:
וַיֹּאמֶר יְהוּדָה מַה־נֹּאמַר לַאדֹנִי מַה־נְּדַבֵּר וּמַה־נִּצְטַדָּק הָאֱלֹהִים מָצָא אֶת־עֲוֹן עֲבָדֶיךָ הִנֶּנּוּ עֲבָדִים לַאדֹנִי גַּם־אֲנַחְנוּ גַּם אֲשֶׁר־נִמְצָא הַגָּבִיעַ בְּיָדוֹ׃
wajomer jehudá ma-nomár ladoní ma-nedabbér uma-niztaddák ha'elohím mazá et-awón awadécha hinnenú awadím ladoní gam-anáchnu gam ascher-nimzá haggawíja bejadó
16 Und Jehuda sagte: „Was sollen wir denn dem Herrn sagen? Wovon sollen wir reden und wie uns rechtfertigen (diese Worte sind Teil eines Gebets geworden, das wir im Lauf der Buße lesen)? Gott der HERR hat die Schuld gefunden, hat die Sünde deiner Sklaven gefunden. Siehe, wir sind nun Sklaven des Herrn, sowohl wir, alle zehn, als auch der, bei dem der Becher gefunden wurde.“
Eine solche Lösung, um aus dem Konflikt herauszukommen, schlägt Jehuda vor. Er sagt: „Soll der Herr jetzt elf Sklaven haben. Einer für den Diebstahl, na, und wir gleich mit, weil darin offenbar auch unsere Sünde liegt.“
וַיֹּאמֶר חָלִילָה לִּי מֵעֲשׂוֹת זֹאת הָאִישׁ אֲשֶׁר נִמְצָא הַגָּבִיעַ בְּיָדוֹ הוּא יִהְיֶה־לִּי עָבֶד וְאַתֶּם עֲלוּ לְשָׁלוֹם אֶל־אֲבִיכֶם׃
wajomer chalíla li me'assót sot ha'ísch aschér nimzá haggawíja bejadó hu jihje-lí áwed we'attém alú leschalóm el-awichém
17 aber jener sagte: „Gott bewahre mich davor, das zu tun. Der Mensch, in dessen Händen der Becher gefunden wurde, wird mir Sklave sein, Ihr aber geht in Frieden zu eurem Vater.“
Josef sagt: „Gott behüte mich! Wofür soll ich unschuldige Menschen versklaven? Hier gibt es ein gerechtes Gericht, hier gibt es keine kollektive Strafe, und nur der, der gestohlen hat, der wird Sklave sein.“ Gerecht? Gerecht!
Und Jehuda beginnt eine Rede, eine Rede, die zum Mittelpunkt unseres Gesprächs werden wird, eine Rede, an deren Ende er, wie wir wissen, einen Vorschlag macht: „Ich bleibe anstelle Binjamins.“ Was geschieht hier? Lasst uns mit den Augen Jehudas schauen, der das Buch Bereschit nicht gelesen hat, nicht weiß, wie alles enden wird, nicht weiß, dass vor ihm Josef steht, und mit dem Herrscher Ägyptens spricht. Jehuda beginnt und beendet seine Rede mit einem Vorschlag. Der erste Vorschlag, den der Herrscher abgelehnt hat, war: elf Sklaven. Jehuda schließt mit dem Vorschlag: ein Sklave. Das heißt, wenn vorher dem Herrscher Ägyptens angeboten wurde, Jehuda und noch zehn Sklaven zu bekommen, so wird ihm das letzte Mal angeboten, nur Jehuda zu bekommen. Also, die erste Frage: Warum ist der letzte Vorschlag besser als der erste? Die zweite Frage: Wozu hält Jehuda eine lange Rede, einen langen geschichtlichen Exkurs? Man hätte gleich den Vorschlag sagen können, mit dem er schließt. Und die dritte Frage, wahrscheinlich die wichtigste: Warum erzählt Jehuda gerade das, was er erzählt? Er aber erzählt das, was es überhaupt nicht gegeben hat. Und Josef weiß, größtenteils, dass es das nicht gegeben hat.
וַיִּגַּשׁ אֵלָיו יְהוּדָה וַיֹּאמֶר בִּי אֲדֹנִי יְדַבֶּר-נָא עַבְדְּךָ דָבָר בְּאָזְנֵי אֲדֹנִי וְאַל-יִחַר אַפְּךָ בְּעַבְדֶּךָ כִּי כָמוֹךָ כְּפַרְעֹה׃
wajiggásch eláw jehudá wajomer bi adoní jedabber-ná awdechá dawár be'osné adoní we'al-jíchar appechá be'awdécha ki chamócha kefar'ó
18 Und Jehuda trat an ihn heran und begann zu sprechen: „Bei mir, Herr, bei mir schwöre ich, bei meinem Leben, Es rede dein Sklave (das sagt er über sich), gib mir, erlaube mir zu sprechen Ein Wort in die Ohren meines Herrn, Und es entbrenne nicht dein Zorn gegen deinen Sklaven, Denn du bist wie der Pharao. Denn du bist beinahe wie der Pharao.
Wenn dein Zorn entbrennt, dann kann das alles mit einer Massenhinrichtung enden. Das heißt, du kannst uns ja im Prinzip auch alle töten. Deshalb erlaube mir zu sprechen, zürne nicht, heiß mich nicht hinrichten, heiß mich ein Wort sprechen. Und hier ist das Wort, das Jehuda spricht:
אֲדֹנִי שָׁאַל אֶת-עֲבָדָיו לֵאמֹר הֲיֵשׁ-לָכֶם אָב אוֹ-אָח׃
adoní scha'ál et-awadáw lemór hajesch-lachém aw o-ách
19 Der Herr hat seine Sklaven gefragt (das heißt, du hast uns gefragt) und gesagt: „habt ihr einen Vater oder einen Bruder?“
Aber Josef hat das nicht gefragt. Es war so: Als die Brüder kamen, beschuldigte Josef sie, Kundschafter zu sein, und sie erzählten, dass sie Söhne eines Mannes sind und dass sie noch einen Bruder haben, es gab noch einen, aber er ist nicht mehr. Josef hat ihnen nie die Frage gestellt: „Habt ihr einen Vater oder einen Bruder?“ Warum spricht Jehuda davon, obwohl er weiß, dass Josef sich erinnert, dass es nicht so war? Wann ist denn diese Idee aufgekommen, dass Josef gefragt habe, ob sie einen Vater oder einen Bruder haben? Sie kam auf, als die Brüder sich nach Ägypten aufmachen wollten und zu Jaakow sagten: „Ohne Binjamin gibt es für uns keinen Weg dorthin.“ Jaakow fragte: „Wozu habt ihr denn davon gesprochen, dass ihr einen Bruder habt? Wozu habt ihr ihm das überhaupt erzählt?“ Da sagt Jehuda: „Der Herrscher hat uns ausgefragt“, gleichsam als versuche er zu rechtfertigen, warum sie zu viel geschwätzt hatten. Wozu sagt Jehuda das hier zu Josef? Lasst uns vorerst bei dieser Frage bleiben.
וַנֹּאמֶר אֶל־אֲדֹנִי יֶשׁ־לָנוּ אָב זָקֵן וְיֶלֶד זְקֻנִים קָטָן וְאָחִיו מֵת וַיִּוָּתֵר הוּא לְבַדּוֹ לְאִמּוֹ וְאָבִיו אֲהֵבוֹ׃
wannómer el-adoní jesch-lánu aw sakén wejéled sekuním katán we'achíw met wajiwwatér hu lewaddó le'immó we'awíw ahewó
20 Und wir sagten zum Herrn: „Wir haben einen alten Vater Und einen kleinen Sohn seines Alters (Binjamin ist zu diesem Zeitpunkt schon über dreißig Jahre alt, aber reden wir nicht davon). Sein Bruder aber ist gestorben, Und er ist allein übrig geblieben Von seiner Mutter, Und sein Vater liebt ihn.“
Nichts davon haben sie Josef natürlich erzählt. Sie haben ihm einfach erzählt, dass einer der Brüder verschwunden ist. Jetzt erzählt Jehuda das, was er fühlt, das, was hinter jenen Worten stand, die er damals kurz zu Josef sagte. Denn wenn wir sagen: „Ein Bruder ist gestorben, und ein Bruder ist geblieben“, stellen wir uns diesen Bruder vor, wir wissen viel mehr, als wir sagen. Hier spricht Jehuda davon, was er damals fühlte, als er sprach. In Vers 21 sagt Jehuda wieder das, was nicht gewesen ist.
וַתֹּאמֶר אֶל־עֲבָדֶיךָ הוֹרִדֻהוּ אֵלָי וְאָשִׂימָה עֵינִי עָלָיו׃
wattómer el-awadécha horidúhu eláj we'assíma ení aláw
21 Und du hast zu deinen Sklaven gesagt: Bringt ihn zu mir herab, führt ihn zu mir, Ich werde mein Auge auf ihn richten, werde hier auf ihn achtgeben (oder ich werde ihn mir ansehen, oder ich werde mich an ihm erfreuen).
Irgendwie so kann man diese Worte verstehen, aber wie wir sie auch übersetzen, es sind nicht die Worte, die Josef jemals zu den Brüdern gesagt hat. Und wozu Josef davon erzählen, der sich gut erinnert, wie es gewesen ist? Aber hier, in diesen Worten, liegt das, woran Jehuda dachte. Er dachte: „Da erzählen wir ihm von unserem Bruder. Wozu bittet er, den Bruder herzubringen?“ Deshalb sagt er hier: „Wir haben es so verstanden, dass du ihn rufen willst, um ihn anzusehen. Hätten wir gedacht, dass du ihn uns wegnehmen willst, oder ins Gefängnis werfen, oder ihm etwas Schlimmes antun, hätten wir ihn nicht hergebracht. Wir haben ihn hergebracht, weil du in uns Vertrauen erweckt hast, weil wir sahen, dass du ein gnädiger Mensch bist. Wir dachten, dass du ihn rufst, um ihn einfach anzusehen.“ Das heißt, Jehuda gibt Josef nicht die Fakten wieder, das ist kein Protokoll, das ist das Urteil Jehudas selbst, Jehuda erzählt das, was er fühlte.
וַנֹּאמֶר אֶל-אֲדֹנִי לֹא-יוּכַל הַנַּעַר לַעֲזֹב אֶת-אָבִיו וְעָזַב אֶת-אָבִיו וָמֵת׃
wannómer el-adoní lo-juchál hanná'ar la'asów et-awíw we'asáw et-awíw wamét
22 Und Wir sagten: „dieser Junge kann seinen Vater nicht verlassen, denn wenn er den Vater verlässt, wird jener sterben.“
Auch das ist etwas, was Jehuda nie gesagt hat, aber man kann ähnliche Schlüsse aus ihrem Gespräch ziehen.
וַתֹּאמֶר אֶל-עֲבָדֶיךָ אִם-לֹא יֵרֵד אֲחִיכֶם הַקָּטֹן אִתְּכֶם לֹא תֹסִפוּן לִרְאוֹת פָּנָי׃
wattómer el-awadécha im-ló jeréd achichém hakkatón ittechém lo tossifún lir'ót panáj
23 Und du hast zu deinen Sklaven gesagt: „Wenn euer jüngster Bruder nicht mit euch herabkommt, Werdet ihr mein Angesicht nicht mehr sehen können.“
Auch das ist nicht etwas, was Josef jemals gesagt hat. Obwohl man natürlich aus allen Ereignissen verstehen konnte, Jehuda konnte verstehen, die Brüder, jeder vernünftige Mensch hätte verstanden, dass sie ohne Binjamin besser gar nicht erst nach Ägypten zurückkehren.
וַיְהִי כִּי עָלִינוּ אֶל-עַבְדְּךָ אָבִי וַנַּגֶּד-לוֹ אֵת דִּבְרֵי אֲדֹנִי׃
wajhi ki alínu el-awdechá awí wannagged-ló et diwré adoní
24 Und es geschah, als wir uns deinem Sklaven, unserem Vater, näherten, Und ihm von den Worten unseres Herrn erzählten.
וַיֹּאמֶר אָבִינוּ שֻׁבוּ שִׁבְרוּ-לָנוּ מְעַט-אֹכֶל׃
wajomer awínu schúwu schiwru-lánu me'at-óchel
25 Und unser Vater sagte: „geht mal hin und besorgt uns ein wenig Essbares.“
וַנֹּאמֶר לֹא נוּכַל לָרֶדֶת אִם-יֵשׁ אָחִינוּ הַקָּטֹן אִתָּנוּ וְיָרַדְנוּ כִּי-לֹא נוּכַל לִרְאוֹת פְּנֵי הָאִישׁ וְאָחִינוּ הַקָּטֹן אֵינֶנּוּ אִתָּנוּ׃
wannómer lo nuchál larédet im-jésch achínu hakkatón ittánu wejarádnu ki-ló nuchál lir'ót pené ha'ísch we'achínu hakkatón enénnu ittánu
26 Und wir sagten: „Wir werden so nicht hinabziehen können, Aber wenn unser kleiner Bruder mit uns ist, dann werden wir hinabziehen können, Denn wir werden das Angesicht des Mannes nicht sehen können, Wenn unser jüngster Bruder nicht mit uns ist.“
Wieder ist das nicht das, was Josef gesagt hat, sondern das ist das, was Jehuda Jaakow erzählt hat, weil er diese Situation so verstand. Hier spricht Jehuda, aufgewühlt, von Gefühlen überwältigt, aus dem Herzen, er sagt das, was er fühlte. Das ist das, was Jehuda dem Herrscher Ägyptens vermitteln will. Und weiter sagt Jehuda eine furchtbare Sache:
וַיֹּאמֶר עַבְדְּךָ אָבִי אֵלֵינוּ אַתֶּם יְדַעְתֶּם כִּי שְׁנַיִם יָלְדָה-לִּי אִשְׁתִּי׃
wajomer awdechá awí elénu attém jeda'tém ki schenájim jaleda-lí ischtí
27 Und dein Knecht, unser Vater, sagte zu uns: „Ihr wisst, dass mir meine Frau nur zwei geboren hat.
Stellt euch vor, was für eine furchtbare Sache. Jaakow sagt zu seinen Söhnen, zu seinen zehn Söhnen: „Ihr wisst, dass ich nur zwei Kinder habe, und das seid nicht ihr.“ Jaakow hat das nicht gesagt, jedenfalls lesen wir nicht, dass Jaakow das gesagt hat, aber das ist das, was Jehuda hinter der Antwort Jaakows sieht: dass es Jaakow nicht sehr beunruhigt, dass irgendwo dort Schimon verhaftet ist (obwohl Jaakow in Wirklichkeit von Schimon gesprochen hat, aber jetzt, in den Erinnerungen und im Erleben Jehudas, ist das nicht da). Stellt euch vor, was für eine Haltung gegenüber den anderen Söhnen in dieser Familie herrscht, wenn Re'uwen zu Jaakow sagt: „Wenn ich Binjamin nicht zurückbringe, kannst du meine zwei Söhne töten.“ Das ist das, was Jehuda fühlt. Jehuda lebt mit dem Gefühl, dass Jaakow zehn ungeliebte Kinder hat und zwei geliebte. Und davon spricht er hier: „Und unser Vater sagte: ‚Ihr wisst, dass mir meine Frau nur zwei geboren hat.‘“ Es ist schwer, mit so einem Gefühl zu leben.
וַיֵּצֵא הָאֶחָד מֵאִתִּי וָאֹמַר אַךְ טָרֹף טֹרָף וְלֹא רְאִיתִיו עַד-הֵנָּה׃
wajezé ha'echád me'ittí wa'omár ach taróf toráf weló re'itíw ad-hénna
28 Und einer von ihnen ging von mir weg, Und ich sagte mir: „wahrscheinlich ist er von einem Tier zerrissen worden, Und bis jetzt habe ich ihn nicht gesehen.“
Was bedeuten diese Worte, die Jehuda Jaakow zuschreibt? Sehr oft hatte man Gelegenheit, so etwas bei Menschen anzutreffen, die den Holocaust überlebt hatten, die die Katastrophe überlebt und viele ihrer Verwandten verloren hatten. Bis zu den allerletzten Tagen ihres Lebens hofften sie, dass diese verlorenen Verwandten irgendwo am Leben sind und irgendwann auftauchen. Wenn man den Leichnam nicht gesehen hatte, wenn man nicht buchstäblich den Tod seiner Verwandten gesehen hatte, dann wartete man weiter. Mein Großvater ist bei Kiew am 7. November 1943 verschollen. Bis in die späten Siebziger ging meine Großmutter hinaus und schaute auf die Straße. Jeden Abend saß sie da und schaute auf die Straße, ob nicht ihr Mann aus dem Krieg kommt. Sehr viele, sehr viele solche Situationen, wo Frauen Tag für Tag zum Bahnhof kommen, um vielleicht ihren verschollenen Mann, ihren verschollenen Sohn zu treffen. Wir haben gelesen: Als man Jaakow die blutigen Kleider Josefs brachte, weigerte sich Jaakow, sich trösten zu lassen. So versteht das Jehuda. Im Unterschied zu Jaakow weiß Jehuda, dass Josef nicht so ganz umgekommen ist, deshalb Jaakow, der sich weigert, sich trösten zu lassen, Jaakow, der diesen von Tieren zerrissenen Leib ja doch nicht gesehen hat, und von dem Jehuda weiß, dass er seinen Sohn noch nicht verloren hat – in den Augen Jehudas wartet er immer noch bis heute auf Josef. Und dabei wird einem einfach sehr angst. Und wie ist es für Jehuda, damit zu leben? Jehuda weiß nicht, dass vor ihm nicht der ägyptische Herrscher steht, dass vor ihm Josef steht. Und Josef hört jetzt diese ganze Geschichte, die, wenn man sie mit seinen Augen betrachtet, noch schrecklicher ist. Jehuda versteht, dass Jaakow irgendwo in der Tiefe seiner Seele immer noch auf Josef wartet, und er wird nicht bereit sein, sein Herz wird es nicht aushalten, wenn Jaakow mit demselben Schmerz auch noch auf Binjamin warten wird. Jehuda versteht, wie viel Schmerz er dem Vater gebracht hat, wie sehr der Vater seinetwegen leidet. Jehuda erzählt, ohne sich zu verbergen, in Gegenwart vieler Menschen, und dazu noch durch einen Dolmetscher, sein Empfinden seiner selbst in dieser Familie, das Empfinden des ungeliebten Sohnes. Er erzählt davon schon ohne Schmerz und sagt: „So hat es sich eben gefügt, solche Beziehungen haben wir eben mit dem Vater, das ist eben unsere Familie.“ Das ist kein bisschen schlecht, er liebt den Vater genau so, wie er ist, und genau davon spricht er. Hier gibt es keine Verurteilung, hier gibt es weder Klage noch Gejammer. Hier gibt es einen einzigen durchgehenden Schmerz, die Sorge um den Vater, der immer noch auf seinen Sohn wartet. Warum sonst sagt er: „Ich habe ihn seitdem nicht gesehen?“ Hier ist sehr viel Liebe zum Vater, sehr viel Demut, sehr viel Versöhnung und Annahme des geliebten Vaters.
וּלְקַחְתֶּם גַּם-אֶת-זֶה מֵעִם פָּנַי וְקָרָהוּ אָסוֹן וְהוֹרַדְתֶּם אֶת-שֵׂיבָתִי בְּרָעָה שְׁאֹלָה׃
ulkachtém gam-et-sé me'ím panáj wekaráhu asón wehoradtém et-sewatí bera'á sche'óla
29 Und ihr werdet auch noch diesen von meinem Angesicht nehmen, Und wenn ihm irgendein Unglück zustößt, Und ihr werdet meine grauen Haare im Bösen, im Kummer in die Unterwelt hinabbringen.“
Jaakow sprach davon, dass Schimon nicht da ist und Josef nicht da ist, und jetzt wird auch noch mit Binjamin etwas geschehen, und „das alles wird auf mich fallen“. Jaakow sprach nicht von der Unterwelt, aber wieder versteht Jehuda, spürt zwischen den Zeilen das, was geschieht.
וְעַתָּה כְּבֹאִי אֶל-עַבְדְּךָ אָבִי וְהַנַּעַר אֵינֶנּוּ אִתָּנוּ וְנַפְשׁוֹ קְשׁוּרָה בְנַפְשׁוֹ׃
we'attá kewo'í el-awdechá awí wehanná'ar enénnu ittánu wenafschó keschurá wenafschó
30 Und nun, Wenn ich zu deinem Knecht, meinem Vater, komme, Und dieser Junge nicht bei mir ist, Und seine Seele ist mit seiner Seele verbunden, ihre Seelen sind verbunden.
וְהָיָה כִּרְאוֹתוֹ כִּי-אֵין הַנַּעַר וָמֵת וְהוֹרִידוּ עֲבָדֶיךָ אֶת-שֵׂיבַת עַבְדְּךָ אָבִינוּ בְּיָגוֹן שְׁאֹלָה׃
wehajá kir'otó ki-én hanná'ar wamét wehorídu awadécha et-sewát awdechá awínu bejagón sche'óla
31 Und wenn er sieht, dass dieser Jüngling nicht da ist, Wird er sterben, Und es ergibt sich, dass deine Knechte die grauen Haare unseres Vaters in die Unterwelt hinabbringen.
כִּי עַבְדְּךָ עָרַב אֶת-הַנַּעַר מֵעִם אָבִי לֵאמֹר אִם-לֹא אֲבִיאֶנּוּ אֵלֶיךָ וְחָטָאתִי לְאָבִי כָּל-הַיָּמִים׃
ki awdechá aráw et-hanná'ar me'ím awí lemór im-ló awi'énnu elécha wechatáti le'awí kol-hajamím
32 Denn dein Knecht hat für diesen Jüngling vor seinem Vater gebürgt, Indem er sagte: Wenn wir ihn nicht zu dir bringen, Werde ich schuldig sein vor meinem Vater alle Tage meines Lebens.
Wieder ist das nicht ganz das, was wirklich war, aber das ist das, was Jehuda empfindet, was Jehuda versteht. Diesen Satz Jehudas kann man auf zweierlei Weise verstehen. Erstens: „Wir werden schuld daran sein, dass der Vater stirbt, wir sind es, die seine grauen Haare in die Unterwelt hinabbringen werden, weil ich gebürgt habe. Und da ich gebürgt habe, werde ich schuldig sein, und auf mir wird die Schuld an seinem Tod liegen. Und zweitens: Man kann es so verstehen, dass dieses „denn“ am Anfang des Verses die Einleitung zu dem Vorschlag ist, den Jehuda im Weiteren machen wird. Da er gebürgt hat, soll es so sein, wie Jehuda weiter sagen wird:
וְעַתָּה יֵשֶׁב-נָא עַבְדְּךָ תַּחַת הַנַּעַר עֶבֶד לַאדֹנִי וְהַנַּעַר יַעַל עִם-אֶחָיו׃
we'attá jeschew-ná awdechá táchat hanná'ar éwed ladoní wehanná'ar já'al im-echáw
33 Und nun also, Soll dein Knecht anstelle dieses Jünglings Knecht meines Herrn werden, Und der Jüngling soll mit seinen Brüdern hinaufziehen.
כִּי-אֵיךְ אֶעֱלֶה אֶל-אָבִי וְהַנַּעַר אֵינֶנּוּ אִתִּי פֶּן אֶרְאֶה בָרָע אֲשֶׁר יִמְצָא אֶת-אָבִי׃
ki-éch e'elé el-awí wehanná'ar enénnu ittí pen er'é wará aschér jimzá et-awí
34 Denn wie soll ich zu meinem Vater hinaufziehen, Und der Junge ist nicht bei mir? Damit ich nicht das Unglück sehe, das meinen Vater treffen wird.
Wovon sprach Jehuda? Warum sagte er etwas, das es nicht gab, oder, sagen wir so, sagte er das, was nur in seinem Verständnis existierte?
Das ist eine Lehre auch für uns. Wir legen oft das dar, was wir gesehen und gefühlt haben, und das sind nicht immer Fakten. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Unwahrheit gesagt haben, das bedeutet nicht, dass Jehuda hier hemmungslos gelogen hat. Wozu sollte er einen Menschen anlügen, der sich erinnert, wie alles war? Er spricht so, wie er es verstanden und wie er es gefühlt hat. Er sagt: „Wir haben dir überhaupt vertraut, wir haben gesehen, dass du kein schlechter Mensch bist, dass du, abgesehen davon, dass du ein Herrscher bist, der dem Pharao in allem gleich ist, Gnade hast, wir haben gesehen, dass du ein guter und gerechter Mensch bist. Und gerade weil wir dir geglaubt, weil wir uns dir anvertraut haben, haben wir diesen Jungen, unseren Bruder, zu dir gebracht. Wenn wir dir nicht vertraut hätten, wenn wir dich für einen bösen Menschen gehalten hätten, der keinerlei Gnade hat, hätten wir diesen Jungen nicht zu dir gebracht. Und wir haben gesehen, dass du ein guter Mensch bist. Und als du ihn gesegnet hast, und als du Fürsorge gezeigt und gefragt hast, ob unser Vater noch lebt, haben wir verschiedene Seiten deiner Gnade gesehen.“ Möglicherweise sahen die Brüder, wie Josef aus dem Zimmer herauskam, in das er zum Weinen gegangen war, und es waren irgendwelche Tränen auf seinem Gesicht. In den Taten Josefs, in den Taten des ägyptischen Herrschers, gab es sowohl viel Gnade als auch einen Erweis von Gerechtigkeit.
Und jetzt, als dieser ägyptische Herrscher gesagt hat: „So zu handeln ist ungerecht. Nur er wird mir Sklave sein“, legt Jehuda dem Herrscher ein anderes Bild dar, beschreibt es ihm. Ein solches Bild, wie er es sieht, damit der Herrscher gleichsam auch die andere Seite anhört: „Du willst gerecht handeln? Bist du gerecht oder willst du gerecht erscheinen? Hier hast du zusätzliche Information über unsere Sicht, über meine, Jehudas, Sicht auf die Gerechtigkeit. Nicht auf die Fakten, nein, auf ihr Wesen.“
Das Ziel Jehudas ist nicht, dass Josef sich seinen Brüdern offenbart. Er weiß nicht, dass das Josef ist. Und er ist, wie man von den Königen sagt, „ausgezogen, Esel zu suchen, und hat ein Königreich gefunden“. Er wollte mit seinem Gespräch ein Ergebnis erreichen, und erreicht ein anderes. Aber er vermittelt den ganzen Schmerz, all die Bitterkeit, die es in seiner Familie gibt, eine Bitterkeit, an der auch er schuld ist, die Gefühle ihres Vaters und das, wie auch sie selbst sich fühlen. Und er sagt: „In dieser ganzen Situation, in diesem ganzen Unglück haben wir uns darauf eingelassen, unser Brüderchen zu dir zu bringen, weil wir verstanden haben, dass du gnädig bist, und jetzt erweise Gnade.“
Deshalb besteht der Vorschlag Jehudas an den Herrscher Ägyptens nicht darin: „Du warst nicht einverstanden, elf Sklaven zu nehmen, nimm mich“, sondern darin, dass Jehuda zum Herrscher Ägyptens sagt: „Erweise Gnade, zeige, dass du ein guter Mensch bist.“ Jehuda erweckt in ihm Gnade, das Gefühl für Gerechtigkeit, das Gefühl für Anstand. Sehr offen, man kann sagen, der Gipfel der Offenheit. Er legt den ganzen Schmerz offen, den es in seiner Familie gibt, den Schmerz des ungeliebten Sohnes, den Schmerz des Vaters, der einen Sohn verloren hat und immer noch auf ihn wartet, hofft, ihn doch noch zu sehen. Jehuda spricht außerdem als der Einzige von den Kindern Jaakows, dem auch Kinder gestorben sind. Und da Josef ja nicht gestorben ist, sagt Jehuda: „Und verstehe, was es heißt, wirklich Söhne zu verlieren.“ Jehuda ist der Einzige, dem im Land Israel Söhne gestorben sind. Und aus diesem Schmerz heraus hält Jehuda seine Rede und wendet sich dabei an die allermenschlichsten Gefühle des ägyptischen Herrschers. Jehuda, ich erinnere noch einmal daran, sprach nicht mit Josef, er sprach mit dem Herrscher Ägyptens. Und seine Aufgabe war es, das zu erreichen, was er vom ägyptischen Herrscher will. Nicht von Josef, er hatte nicht das Ziel, dass Josef sich offenbart.
Und so kann man von diesem Gesichtspunkt aus erstens verstehen, wozu Jehuda eine so lange Rede hält. Zweitens verändert er die Fakten nicht, er spricht über seine innere Welt, er legt sein inneres Wesen offen, seine inneren Erlebnisse, stellt euch vor, in Anwesenheit vieler Menschen und durch einen Dolmetscher. Wie stark diese Tat ist. Und indem er das Menschliche in sich offenlegt, erwartet er, dass als Resonanz die menschliche Saite im ägyptischen Herrscher anklingt und der ägyptische Herrscher ihm entgegenkommt und es so macht, dass er selbst, Jehuda, anstelle Binjamins Sklave ist.
So eine Sicht kann es, aus einem etwas anderen Blickwinkel, auf die Rede Jehudas vor Josef geben.
Zusammen mit dem Wochenabschnitt Wajigasch wird ein prophetischer Abschnitt aus dem Buch Jecheskel gelesen.
וַיְהִי דְבַר-יְהוָה אֵלַי לֵאמֹר׃
wajhí dewar-adonáj eláj lemór
15 Und es war das Wort des HERRN zu mir, sprechend:
וְאַתָּה בֶן-אָדָם קַח-לְךָ עֵץ אֶחָד
we'attá wen-adám kach-lechá ez echád
16 Und du, Mensch, nimm dir einen BaumDas russische Wort bedeutet hier, wie das hebräische ez, sowohl „Baum“ als auch „Holz“. Weil der Autor sich im Folgenden für die Bedeutung „Baum“ ausspricht, steht hier und weiter unten „Baum“.
Lasst uns hier innehalten, denn an dieser Stelle gibt es Abweichungen in den Übersetzungen.
Viele russische, russischsprachige Ausgaben übersetzen das Wort ez als Stab. In Wirklichkeit hat das Wort ez eine solche Bedeutung nicht. Für das Wort Stab gibt es das Wort makél und das Wort maté. Und es ist nicht ganz verständlich, warum hier gerade der Stab aufgetaucht ist. Möglicherweise in Analogie zu anderen biblischen Erzählungen. Eine andere Übersetzungsvariante spricht von einem Täfelchen. Tatsächlich hat das Wort ez eine solche Bedeutung – nimm dir ein Täfelchen. Täfelchen, kleine quadratische Brettchen, wurden mit Wachs überzogen und zum Schreiben verwendet – dort, wo kurzzeitige Aufzeichnungen nötig waren, zum Beispiel in der Schule oder bei irgendeiner Buchführung und so weiter, das heißt, man verwendete Wachstäfelchen, auf die man schrieb. Und möglicherweise geht es gerade um so ein Täfelchen. Noch ein Verständnis, und meiner Meinung nach das richtigste, ist das wörtliche Verständnis des Wortes ez als Baum – nimm dir ein kleines Bäumchen.
וּכְתֹב עָלָיו לִיהוּדָה וְלִבְנֵי יִשְׂרָאֵל חֲבֵרוֹ (חֲבֵרָיו) וּלְקַח עֵץ אֶחָד וּכְתוֹב עָלָיו לְיוֹסֵף עֵץ אֶפְרַיִם וְכָל-בֵּית יִשְׂרָאֵל חֲבֵרוֹ (חֲבֵרָיו)׃
uchtów aláw lihudá weliwné jisraél chaweráw ulkách ez echád uchtów aláw lejosséf ez efrájim wechol-bét jisraél chaweráw
…und schreibe darauf: Für Jehuda und für die Söhne Israels, die sich ihm angeschlossen haben. Und nimm einen Baum, Und schreibe darauf, auf den zweiten Baum: für Josef, der Baum Efrajims Und das ganze Haus Israel, das sich ihnen angeschlossen hat.
Das Südreich heißt Jehuda, weil seine Grundlage der Stamm Jehuda bildet. Dem Stamm Jehuda schlossen sich die Stämme Schimon und Binjamin an (zum Zeitpunkt der Teilung des Reiches), und deshalb richtet sich die Anrede hier nicht nur an Jehuda, sondern auch an die Söhne Israels, die sich ihm angeschlossen haben. Das heißt, der Baum symbolisiert das Südreich, und dieses Reich besteht aus den Söhnen Jehudas, Schimons und Binjamins.
Achtet darauf: Weiter sagt der Höchste nicht: „Nimm einen zweiten Baum.“ Diese zwei Bäume, jeder ist für sich, jeder ist einer. Sie werden nicht durchgezählt, sie stehen nicht in einer Reihe, sie wetteifern hier weder der Menge noch der Güte nach miteinander.
Warum eine so seltsame Aufschrift auf dem zweiten Baum? In der Familie unseres Stammvaters Jaakow gab es zwei Erstgeborene: den Erstgeborenen von Lea und den Erstgeborenen von Rachel. Ursprünglich war Re'uwen dazu bestimmt, der Erstgeborene von Lea zu sein. Aber wir wissen: Es geschah, was geschah, und Re'uwen verlor die Erstgeburt. Auch Schimon und Lewi verloren sie, und Erstgeborener wurde, so seltsam es auch ist, der Vierte in der Reihe – Jehuda. Und fortan ist er der Erstgeborene durch Erwählung. Der Erstgeborene von Rachel ist Josef. Deshalb ergab es sich symbolisch so, dass das Südreich das Reich Jehudas ist, das Nordreich das Reich Josefs. Das Reich teilte sich zur Zeit Jerobeams in zwei Teile. Jerobeam ben Nawat, der erste israelitische König, der erste König des Nordreiches, stammte aus dem Stamm Efrajim. Deshalb wurden auch das Nordreich, alle diese Stämme, Efrajim genannt. Darum also eine so schwer verständliche Aufschrift. Also, der Prophet nahm (wenn wir das Wort ez in der Bedeutung Bäumchen annehmen) zwei Bäumchen. Eines davon – für den Stamm Jehuda und die, die sich ihnen angeschlossen haben, für das südliche Reich, das andere – für das nördliche Reich.
וְקָרַב אֹתָם אֶחָד אֶל-אֶחָד לְךָ לְעֵץ אֶחָד וְהָיוּ לַאֲחָדִים בְּיָדֶךָ׃
wekaráw otám echád el-echád lechá le'éz echád wehajú la'achadím bejadécha
17 Und bringe sie einander nahe, einen an den anderen, Und sie werden bei dir ein Baum sein, Und sie werden eins sein in deinen Augen.
Das Wort achadím ist das Wort eins im Plural: Sie werden zu einem einzigen, vereinten Baum in deiner Hand.
Hier muss man einen sehr kurzen Exkurs machen und sagen: Das ist ein sehr häufiges Prinzip der Prophetie bei Jecheskel. Sehr oft befiehlt der Höchste dem Propheten, irgendwelche symbolischen Handlungen auszuführen, manchmal sehr seltsame, damit die Umstehenden ihn fragen: „Was bedeuten diese Handlungen?“ Und hier ist gerade so ein Fall. Der Höchste sagt zum Propheten: „Nimm zwei Bäume, verbinde sie, und sie werden ein Baum werden.“ Vom Standpunkt des israelitischen Durchschnittsbürgers ist die Handlung eigentlich verständlich. Das Kreuzen zweier Bäume, das Aufpfropfen eines Baumes auf einen anderen – das ist ein wichtiger landwirtschaftlicher Vorgang. Es verbessert die Qualität der Bäume, das heißt, wenn ein Baum auf einen anderen gepfropft wird, ist das Ergebnis besser als zwei Bäume einzeln. Das ist etwas, das dazu bestimmt ist, die Qualität des Baumes zu verbessern, etwas, das dazu bestimmt ist, den Ertrag oder die Qualität der Früchte oder die Widerstandsfähigkeit zu verbessern – es gibt verschiedene Gründe. Aber in jedem Fall ist das irgendeine landwirtschaftliche chirurgische Operation zur Verbesserung des Baumes, und im Großen und Ganzen eine Operation, die allen verständlich ist. Unverständlich ist es, wenn das so zauberhaft schnell vor den Augen des ganzen Volkes geschieht.
וְכַאֲשֶׁר יֹאמְרוּ אֵלֶיךָ בְּנֵי עַמְּךָ לֵאמֹר הֲלוֹא-תַגִּיד לָנוּ מָה-אֵלֶּה לָּךְ׃
wecha'aschérDie russische Umschrift beginnt hier mit „weha'aschér“; im hebräischen Text steht „wecha'aschér“ (und wenn). Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. jomerú elécha bené ammechá lemór halo-taggíd lánu ma-élle lach
18 Und wenn die Söhne deines Volkes zu dir sagen, sprechend: „Nun, sag uns doch, was ist das bei dir?“
דַּבֵּר אֲלֵהֶם כֹּה-אָמַר אֲדֹנָי יְהוִה הִנֵּה אֲנִי לֹקֵחַ אֶת-עֵץ יוֹסֵף אֲשֶׁר בְּיַד-אֶפְרַיִם וְשִׁבְטֵי יִשְׂרָאֵל חֶבְרוֹ (חֲבֵרָיו) וְנָתַתִּי אוֹתָם עָלָיו אֶת-עֵץ יְהוּדָה וַעֲשִׂיתִם לְעֵץ אֶחָד וְהָיוּ אֶחָד בְּיָדִי׃
dabbér alehém ko-amár adonáj elohím hinné aní lokéach et-éz josséf aschér bejad-efrájim weschiwté jisraél chaweráw wenatattí otám aláw et-éz jehudá wa'assitím le'éz echád wehajú echád bejadí
19 Sage ihnen: „So sprach der Gebieter, der HERR: Siehe, Ich nehme den Baum Josefs, der unter der Leitung Efrajims ist, Und die Stämme Israels, die sich ihm angeschlossen haben, Und pfropfe auf ihn, auf diesen Baum, den Baum Jehudas, Und mache sie zu einem Baum, Und sie werden eins sein in Meiner Hand.“
וְהָיוּ הָעֵצִים אֲשֶׁר-תִּכְתֹּב עֲלֵיהֶם בְּיָדְךָ לְעֵינֵיהֶם׃
wehajú ha'ezím ascher-tichtów alehém bejadechá le'enehém
20 Und diese Hölzer, auf die du die Inschrift machen wirst, werden in deiner Hand sein vor ihren Augen.
Hier erklärt der Höchste vielleicht rückwirkend, dass diese ganze Handlung mit den zwei Hölzern vor dem Angesicht des ganzen Volkes vollzogen werden muss. Das heißt, aussehen soll es so: Der Prophet tritt mit zwei Hölzern heraus, auf dem einen steht geschrieben: dem Jehuda, auf dem anderen steht geschrieben: für Josef, und das Volk fragt: „Was hast du da? Was willst du uns diesmal zeigen?“ Und der Prophet sagt: „Ich werde sie verbinden, und sie werden ein Holz sein.“ Das alles muss vor den Augen des ganzen ehrenwerten Volkes geschehen.
וְדַבֵּר אֲלֵיהֶם כֹּה-אָמַר אֲדֹנָי יְהוִה הִנֵּה אֲנִי לֹקֵחַ אֶת-בְּנֵי יִשְׂרָאֵל מִבֵּין הַגּוֹיִם אֲשֶׁר הָלְכוּ-שָׁם וְקִבַּצְתִּי אֹתָם מִסָּבִיב וְהֵבֵאתִי אוֹתָם אֶל-אַדְמָתָם׃
wedabbér alehém ko-amár adonáj elohim hinné aní lokéach et-bené jisraél mibbén haggojím aschér halechu-schám wekibbaztí otám missawíw wehewetí otám el-admatám
21 Und sage ihnen: „So sprach der Gebieter, der HERR: Siehe, Ich werde die Söhne Israels aus der Mitte der Heiden nehmen, Wohin sie gegangen sind, Und werde sie von überall sammeln, Und werde sie in ihr Land bringen.
וְעָשִׂיתִי אֹתָם לְגוֹי אֶחָד בָּאָרֶץ בְּהָרֵי יִשְׂרָאֵל וּמֶלֶךְ אֶחָד יִהְיֶה לְכֻלָּם לְמֶלֶךְ וְלֹא יִהְיֶה- (יִהְיוּ-) עוֹד לִשְׁנֵי גוֹיִם וְלֹא יֵחָצוּ עוֹד לִשְׁתֵּי מַמְלָכוֹת עוֹד׃
we'assíti otám legój echád ba'árez beharé jisraél umélech echád jihjé lechullám lemélech weló jihju-ód lischné gojím weló jecházu od lischté mamlachót od
22 Und Ich werde sie zu einem Volk machen im Land, Auf den Bergen Israels, Und ein König wird allen König sein, Und sie werden nicht mehr zwei Völker sein, Und sie werden sich nicht mehr in zwei Königreiche teilen, nie mehr.
Achtet darauf, wie oft sich hier das Wort wiederholt: echad (eins). Das Holz wird zu einem. Der Höchste sagt: „Ich werde sie in ihr Land bringen, sie werden ein Volk sein, sie werden einen König haben.“ Das heißt, wenn wir früher andere Propheten gelesen haben, andere Propheten gehört haben, die davon sprachen, dass Israel zurückkehren und neben Judäa leben wird, und zwischen ihnen Frieden, Freundschaft und Eintracht sein wird wie bei guten Nachbarn, dann spricht hier der Prophet von einer größeren Gnade. Und in Wirklichkeit (wir verstehen das ja jetzt aus unserem 21. Jahrhundert nicht so recht), in Wirklichkeit sagt der Prophet etwas Revolutionäres: Zwei Völker vereinigen sich zu einem Volk und werden ein Volk werden.
Am Ende des Verses gleichsam eine Verstärkung, ein sehr emotionaler Ausdruck. Nie mehr werden sie in zwei Königreiche geteilt sein. Nur der Eine Herrscher, der Eine Gott kann die Verheißung der Einheit geben. Nur der Eine Gott kann versprechen, dass es keinerlei Teilung mehr geben wird, gerade deshalb, weil Er der Einzig Eine ist.
וְלֹא יִטַמְּאוּ עוֹד בְּגִלּוּלֵיהֶם וּבְשִׁקּוּצֵיהֶם בְכֹל פִּשְׁעֵיהֶם וְהוֹשַׁעְתִּי אֹתָם מִכֹּל מוֹשְׁבֹתֵיהֶם אֲשֶׁר חָטְאוּ בָהֶם וְטִהַרְתִּי אוֹתָם וְהָיוּ-לִי לְעָם וַאֲנִי אֶהְיֶה לָהֶם לֵאלֹהִים׃
weló jitamme'ú od begillulehém uwschikkuzehém uwchól pisch'ehém wehoscha'tí otám mikkól moschewotehém aschér chate'ú wahém wetihartí otám wehaju-lí le'ám wa'aní ehjé lahém lelohím
23 Und sie werden sich nie mehr verunreinigen mit ihren Götzen und mit ihrer Verunreinigung, Und mit all ihren Verbrechen. Und Ich werde sie retten, sie befreien von allen Listen, von allen Betrügereien, von allen Sünden, mit denen sie gesündigt haben, Und werde sie reinigen, Und sie werden Mir ein Volk sein, Und Ich werde ihnen Gott sein.
Ich habe schon mehrmals über das Wort gilúl gesprochen. Das Wort elíl bedeutet Götze oder Götzenbild; das Wort gilúl bedeutet Mistkügelchen. Und der Höchste nennt die Götzen oft Mistgötter, so ein verächtliches, sagen wir mal, Wort, ein Wortspiel. Und sie werden sich nicht mehr verunreinigen mit ihren Götzen und mit ihren Gräueln.
Der Höchste sagt: „Nachdem Ich sie von allem gereinigt habe, werden sie selbst Mein Volk sein wollen, und dann werde Ich ihnen Gott sein. Der Grund wird darin liegen, dass sie wollen, dass Ich als Gott über sie König werde, und Ich werde als Gott über sie König werden, nachdem Ich sie gereinigt habe.
וְעַבְדִּי דָוִד מֶלֶךְ עֲלֵיהֶם וְרוֹעֶה אֶחָד יִהְיֶה לְכֻלָּם וּבְמִשְׁפָּטַי יֵלֵכוּ וְחֻקֹּתַי יִשְׁמְרוּ וְעָשׂוּ אוֹתָם׃
we'awdí dawíd mélech alehém wero'é echád jihjé lechullám uwmischpatáj jeléchu wechukkotáj jischmerú we'asú otám
24 Und Mein Knecht David wird König über sie sein. Und ein Hirte wird für alle sein, Und nach Meinen Rechtssprüchen werden sie wandeln, Und Meine Gesetze werden sie halten, Und werden sie tun.
Selbstverständlich ist nicht David selbst gemeint, gemeint ist der Maschiach – der Sohn Davids. Hier ist es Zeit, sich an das Wort Maschiach zu erinnern – Gesalbter, oder Salbender, oder derjenige, der fähig ist, die Salbung weiterzugeben. Gewöhnlich wurde der König gesalbt, seine Nachkommen konnten ohne Salbung kraft der Salbung ihres Vaters herrschen, genauso wie die Priester. Nachdem das Königtum Davids auf dem Thron abgebrochen war, erwartete das Volk eben den König Maschiach, Den, Der nicht nur mit der wiederhergestellten Salbung kommen wird, sondern auch fähig ist, die Salbung an andere weiterzugeben. Und das wird die Salbung Davids sein. Das heißt, der Höchste verheißt hier einen König, einen Gesalbten aus dem Geschlecht Davids, der über das vereinte Israel herrschen wird. Das ist eine sehr tiefe messianische Prophezeiung. Das ist die Antwort auf die Frage, wer den Maschiach salbt. Der Maschiach kommt mit der wirksamen Salbung von König David her, weil Er ein Nachkomme König Davids ist. Dem Wesen seiner Abstammung von David nach ist Er auch Träger der Salbung Davids.
וְיָשְׁבוּ עַל-הָאָרֶץ אֲשֶׁר נָתַתִּי לְעַבְדִּי לְיַעֲקֹב אֲשֶׁר יָשְׁבוּ-בָהּ אֲבוֹתֵיכֶם וְיָשְׁבוּ עָלֶיהָ הֵמָּה וּבְנֵיהֶם וּבְנֵי בְנֵיהֶם עַד-עוֹלָם וְדָוִד עַבְדִּי נָשִׂיא לָהֶם לְעוֹלָם׃
wejaschewú al-ha'árez aschér natátti le'awdí lejaaków aschér jaschewu-wá awotechém wejaschewú aléha hémma uwnehém uwné wenehém ad-olám wedawíd awdí nassí lahém le'olám
25 Und sie werden in dem Land wohnen, das Ich Meinem Knecht Jaakow gegeben habe, In dem ihre Väter wohnten, Und sie werden darin wohnen, sie, Und ihre Söhne, Und die Söhne ihrer Söhne ewig, Und David, Mein Knecht, wird über sie Gebieter sein ewig.
Man kann das auch so verstehen: „und sie werden zurückgebracht werden in das Land, das Ich Meinem Knecht Jaakow gegeben habe“.
Und wieder sprechen wir vom König Maschiach, dessen Königtum kein Ende haben wird, der aus dem Geschlecht Davids sein wird. Und da wir le'olám (auf ewig) sagen, kann man hier verstehen, dass es natürlich um die himmlische Königsherrschaft des Maschiach geht. Und was ist hier wichtig zu verstehen? Als wir sagten, dass nur der Eine Einheit verheißen kann, muss man sich hier daran erinnern, dass nur der Ewige Ewigkeit verheißen kann, nur Der, Der ewig bleibt, kann die Garantie geben, dass etwas ewig sein wird. Das ist ein Zeugnis dafür, dass der Gott Israels der Eine Gott und der Ewige Gott ist, und das wird sich im Volk Israel offenbaren.
וְכָרַתִּי לָהֶם בְּרִית שָׁלוֹם בְּרִית עוֹלָם יִהְיֶה אוֹתָם וּנְתַתִּים וְהִרְבֵּיתִי אוֹתָם וְנָתַתִּי אֶת-מִקְדָּשִׁי בְּתוֹכָם לְעוֹלָם׃
wecharattí lahém berít schalóm berít olám jihjé otám untattím wehirbetí otám wenatattí et-mikdaschí betochám le'olám
26 Und Ich werde mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, Ein ewiger Bund wird das mit ihnen sein, Und Ich werde ihnen dieses Land geben, und werde sie mehren, Und Ich werde Mein Heiligtum in ihre Mitte geben auf ewig.
Achtet darauf, der Höchste spricht sehr oft davon, und wir bemühen uns auch, oft daran zu erinnern, und es wird nicht überflüssig sein, noch einmal daran zu erinnern. Der Höchste sagt: „Baut Mir einen Tempel, baut Mir ein Heiligtum, und Ich werde in euch wohnen. Ich werde nicht im Tempel wohnen – Ich werde in euch wohnen. Und hier sagt der Höchste: „Sie werden im Heiligen Land wohnen, sie werden zurückkehren. Über sie wird der Maschiach, der Sohn Davids, herrschen. Ewig wird der Maschiach, der Sohn Davids, herrschen. Und Ich werde ewig unter ihnen wohnen.“ Diese Prophezeiung ist wirklich tief-tief messianisch. Und wenn wir auf die zwei Hölzer schauen, die aufeinander gepfropft sind, und wenn wir auf die ewige Königsherrschaft Davids schauen, können wir sehen, welche messianische Tiefe in dieser Prophezeiung liegt.
וְהָיָה מִשְׁכָּנִי עֲלֵיהֶם וְהָיִיתִי לָהֶם לֵאלֹהִים וְהֵמָּה יִהְיוּ-לִי לְעָם׃
wehaja mischkaní alehém wehajíti lahém lelohím wehémma jihju-lí le'ám
27 Und Meine Wohnung wird über ihnen sein, und mein Heiligtum wird auf ihnen sein, Ich werde ihnen Gott sein, und sie werden Mir ein Volk sein.
Achtet wieder darauf: nicht mit ihnen, sondern auf ihnen. Auf ihrer Heiligkeit, auf ihrem Wunsch, dass Ich herrsche. Das klingt auch mit dem 31. Kapitel von Jirmejahu zusammen, wenn die Gebote auf das Herz geschrieben sein werden, wenn das Volk selbst den Höchsten zum König machen wird, und Sein Heiligtum wird verweilen, und Er wird im Volk durch den Maschiach herrschen, den Sohn Davids, der hier einfach David genannt wird.
Und hier ist schon die umgekehrte Reihenfolge. Wie zwei Verliebte, die mit ihrer Liebe die Gefühle des anderen erwärmen, so auch hier: Zuerst wünscht das Volk die Nähe des Höchsten, und der Höchste antwortet auf diesen Wunsch, und dann offenbart der Höchste Seinen Wunsch nach dem Volk, und nun antwortet das Volk auf diesen Wunsch. Solch warme Beziehungen, Beziehungen der Liebe und der Heiligkeit verheißt der Höchste, wenn sich der König Maschiach, der Sohn Davids, am Volk Israel offenbaren wird.
וְיָדְעוּ הַגּוֹיִם כִּי אֲנִי יְהוָה מְקַדֵּשׁ אֶת-יִשְׂרָאֵל בִּהְיוֹת מִקְדָּשִׁי בְּתוֹכָם לְעוֹלָם׃
wejade'ú haggojím ki aní adonáj mekaddésch et-jisraél bihjót mikdaschí betochám le'olám
28 Und die Heiden werden erkennen, dass Ich der HERR bin, Der Israel heiligt, Weil Mein Heiligtum in ihnen sein wird ewig.“
Die Völker, die ins Exil gingen, gingen zugrunde. Man kann wenige Beispiele finden (vielleicht kenne ich die Geschichte nicht gut genug), es gibt nicht gar so viele Völker, die das Exil überleben konnten, ein langes Exil überleben konnten. Hier sagt der HERR: „Ich habe sie vertrieben, Ich werde sie zurückbringen. Ich werde das Königtum Davids zurückbringen, und nicht einfach das Königtum Davids. Das wird natürlich nicht der auferstandene David sein, das wird der Maschiach sein, der Sohn Davids, den wir schon kennen, Er wird zurückkehren und König werden. Und sie werden einen König haben, ein Volk, einen Gott, sie werden eins sein im Geist. Und das bedeutet, dass die Rückkehr nicht nur aus dem geografischen Galút, aus dem geografischen Exil sein wird, sondern das Volk wird auch aus dem geistlichen Exil zurückgebracht werden. Sie werden sich nicht mehr verunreinigen, sie werden nicht mehr zu ihren Sünden zurückkehren. Und alle Völker werden erkennen, dass Ich Gott bin, weil Ich sie heiligen werde, weil Ich dieses Volk heiligen werde. Durch dieses Volk wird allen verkündet werden, dass Ich der HERR bin und dass Meine Heiligkeit in ihnen wohnt, dass Ich in Menschen in diesem Volk wohnen kann. Und das wird allen ein Zeugnis sein, dass Ich der HERR bin!“
Eine sehr starke, eine sehr freudige messianische Botschaft ist hier beim Propheten Jecheskel über die zwei Hölzer, die miteinander verbunden werden. Hier kann man sich auch an die zwei Ölbäume erinnern und an viele andere Parallelen. Und dabei bleiben wir stehen und lassen den Lesern Stoff zum Nachdenken.
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