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- Schemot
- Mischpatim
מִשְׁפָּטִים
Mischpatim
Gesetze, Gerechtigkeit und Bund
- Wochenabschnitt
- 18 von 54
- Verse
- Schemot 21,1–24,18
- Teile
- 12
- Lesezeit
- 3 Std. 2 Min.
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Mischpatim ist der Wochenabschnitt über die Gesetze der Tora und das Leben der Gesellschaft. Alex Blend behandelt Verantwortung, Gerechtigkeit, die Beziehungen zwischen Menschen und den Abschluss des Bundes. Das Stenogramm enthält den hebräischen Text, eine Transliteration, eine Übersetzung, Kommentare des Autors und die Haftara aus Jirmejahu.
Mischpatim: Womit beginnen wir?
Schemot 21,1–19
Mit Gottes Hilfe beginnen wir gemeinsam, einen neuen Wochenabschnitt zu studieren, den Abschnitt Mischpatim. Er beginnt mit Kapitel 21 des Buches Schemot. Dieser Abschnitt ist ungewöhnlich. Anders als in den anderen Abschnitten, in denen wir irgendeine Erzählung gelesen haben, einen Bericht über irgendwelche Ereignisse, die den Erzvätern, den Vätern oder dem Volk Israel widerfahren, werden wir hier im Grunde eine Sammlung lesen, eine Liste göttlicher Gesetze. Manchem wird diese Liste ungeordnet erscheinen, aber wir werden das ganz allmählich klären. Das Zehnwort ist schon gegeben, aber die zwei Tafeln sind noch nicht entstanden, auf ihnen ist noch nichts aufgeschrieben. Das ist der allererste Anfang des Umgangs Gottes mit dem Volk und die allerersten Gesetze (nicht Gebote, sondern Gesetze, da gibt es einen Unterschied), die der Höchste dem Volk Israel gibt. Lasst uns lesen und nach und nach verstehen.
וְאֵלֶּה הַמִּשְׁפָּטִים אֲשֶׁר תָּשִׂים לִפְנֵיהֶם׃
we'élle hammischpatím aschér tassím lifnehém
1 Und dies sind die mischpatím, die du ihnen vorlegen wirst.
Das Wort mischpatím ist der Plural des Wortes mischpát (Gericht), im heutigen Verständnis gerade Gerichtsverfahren oder Satz. Ein Satz als Einheit der Sprache kann ein Fragesatz, ein Ausrufesatz, ein Aussagesatz sein, ein literarischer Satz oder ein abgeschlossener, ausformulierter Gedanke. Was sagt der Höchste hier zu Mosche? Er sagt: „Hier sind Beispiele von Gesetzen, Beispiele von Satzungen und Entscheidungen irgendwelcher konkreter Situationen, die du dem Volk Israel vorlegen wirst, durch die du sie lehren wirst, überhaupt zu erkennen, was das göttliche Gesetz ist.“ Wenn man einem Computer beibringen will, Gesichter zu erkennen, männliche oder weibliche, zeigt man ihm viele, viele Gesichter durcheinander und markiert: Dies hier ist ein männliches, dies hier ist ein weibliches. Allmählich bildet sich bei ihm ein neuronales Netz, und der Computer lernt (so entsteht künstliche Intelligenz), Gesichter zu erkennen. Ich sage das sehr vereinfacht. Genauso arbeitet auch das menschliche Gehirn, das Gehirn eines Kindes. Wir, ihr und ich, jeder von uns, unterscheidet ein männliches Gesicht von einem weiblichen auf der Grundlage von Erfahrung, auf der Grundlage dessen, dass wir viele Gesichter gesehen haben. Wenn wir zum Beispiel irgendeinen Apfel sehen, können wir sagen, dass das ein Apfel ist. Oder andererseits, wenn wir eine Aubergine sehen, werden wir sie bestimmt nicht für einen Apfel halten. Und hier sagt der Höchste: „Hier sind Beispiele, hier sind Muster von Gesetzen, auf deren Grundlage das Volk Israel lernen wird, sie später anzuwenden.“ Wir werden weiter untersuchen, wie das funktioniert. Und so beginnt der Höchste, seine Gesetze aufzuzählen, Gesetze, die als Muster und zum Vorzeigen dienen.
כִּי תִקְנֶה עֶבֶד עִבְרִי שֵׁשׁ שָׁנִים יַעֲבֹד וּבַשְּׁבִעִת יֵצֵא לַחָפְשִׁי חִנָּם׃
ki tikné éwed iwrí schesch schaním ja'awód uwaschewi'ít jezé lachofschíDie russische Umschrift hat hier „lachowschi“ mit w. Im Hebräischen steht ein f, daher lachofschí, so wie der Autor das Wort in Vers 5 selbst schreibt. chinnám
2 Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, sechs Jahre wird er arbeiten, im siebten Jahr wird er umsonst in die Freiheit hinausgehen.
Es ist erstaunlich, dass der Höchste beschlossen hat, mit diesem Gesetz zu beginnen. Nicht mit „Einheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, nicht mit irgendwelchen Losungen, nicht mit „wenn du Borschtsch kochst, gib dem Nachbarn etwas ab; wenn du beim Nachbarn den Duft von Pilaw gerochen hast, schnapp dir einen Teller und geh zu ihm“ – nein, mit „wenn du einen jüdischen Sklaven kaufst“. Die Rede wird von der sozial am wenigsten geschützten Bevölkerungsgruppe sein, von den Sklaven. Was geschah in der Welt? Ein Mensch konnte sich selbst in die Sklaverei verkaufen oder als Sklave weiterverkauft werden (wir sprechen nicht von Sklaven, die im Krieg gefangen genommen wurden). Ein Mensch, der in Schulden geraten war, der in eine schwierige Lage geraten war, in tiefe Not, konnte sich in die Sklaverei verkaufen. Er kam zum Besitzer, zu seinem möglichen Herrn, und sagte: „Ich will mich in die Sklaverei verkaufen.“ Man zahlte ihm irgendeine Summe aus, sagen wir 600.000 Rubel (ein ungefähres Äquivalent), und er ging für das ganze Leben in die Verfügung des Besitzers über. Von diesem Moment an verrichtete er jede Arbeit, die der Besitzer wünschte, im Austausch gegen Obdach, Nahrung und Kleidung, im Austausch gegen Unterhalt. So war es in der ganzen Welt, so wurden Sklaven gekauft. Viele Menschen nutzten die Not, nutzten die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihrer Nachbarn, Nächsten, Stammesgenossen aus, kauften sie als Sklaven und wurden auf diese Weise durch fremde Not reich. In der ganzen Welt wurden Sklaven für das ganze Leben zu Sklaven, aber sie konnten etwas Geld ansparen und sich freikaufen. Wir lesen über römische Sklaven, dass sie sich oft für sehr viel Geld freikauften. Aber hier – du kannst ihn kaufen, doch nach sechs Jahren wird er umsonst in die Freiheit hinausgehen. Du kannst ihm zahlen, aber du nimmst ihn und schließt mit ihm einen Vertrag: „Du, Sklave, erhältst einmalig eine gewisse Geldsumme, gehst in meine unbeschränkte Verfügung über, aber nur für sechs Jahre.“ In Wirklichkeit ist es nicht ganz so. Einen Sklaven darf man nicht körperlich bestrafen, man muss ihn wirtschaftlich unterhalten. Wenn du ein Kissen für zwei hast, dann musst du es dem Sklaven geben, und es gibt noch viele, viele Gesetze, die das festlegen. Einen Sklaven darf man nicht zwingen, dir die Füße zu waschen oder irgendeine entwürdigende Arbeit zu verrichten; der Sklave hat eine ganze Reihe von Rechten, mit diesem Vers fängt alles erst an. Aber das Wichtigste: Er wird dir nur für sechs Jahre zum Sklaven. Das ist vor allem ein Schutz des Sklaven: Ein Mensch, sogar ein Sklave, muss wissen, dass seine Sklaverei ein Ende hat.
אִם־בְּגַפּוֹ יָבֹא בְּגַפּוֹ יֵצֵא אִם־בַּעַל אִשָּׁה הוּא וְיָצְאָה אִשְׁתּוֹ עִמּוֹ׃
im-begappó jawó begappó jezé im-bá'al ischá hu wejaze'á ischtó immó
3 Wenn er allein gekommen ist, geht er allein hinaus, und wenn er der Mann einer Frau ist – dann ging die Frau mit ihm hinaus.
Es kommt vor, dass ein verheirateter Mann sich selbst in die Sklaverei verkauft, seine Frau aber natürlich nicht verkauft. Die mündliche Tora sagt: „In diesem Fall muss der Besitzer Obdach, Kleidung und Nahrung auch noch der Frau und ihren Kindern gewähren: Wenn sie fünf Kinder hat, dann fünfen, wenn sechs, dann sechsen. Er hat das Recht, von ihnen zu verlangen, irgendeine Arbeit zu verrichten, sich mit irgendeiner Handarbeit zu beschäftigen und so weiter, aber das dann wie von Lohnarbeitern.“ Das heißt, wenn der Besitzer einen verheirateten Sklaven mit Familie kauft, dann handelt er sich eine ganze Menge Probleme ein: Er muss seine ganze große Familie ernähren, und nach sechs Jahren geht die ganze Familie von ihm weg. Ganz zu schweigen davon, dass die Frau, die Ehefrau, auch schon vorher weggehen kann, wenn es ihr beliebt, denn sie hat er nicht gekauft. Und es gibt noch eine Variante:
אִם־אֲדֹנָיו יִתֶּן־לוֹ אִשָּׁה וְיָלְדָה־לוֹ בָנִים אוֹ בָנוֹת הָאִשָּׁה וִילָדֶיהָ תִּהְיֶה לַאדֹנֶיהָ וְהוּא יֵצֵא בְגַפּוֹ׃
im-adonáw jitten-ló ischá wejaleda-ló waním o wanót ha'ischá wiladéha tihjé ladonéhaDie russische Umschrift hat hier „ladonécha“ (deinem Herrn). Das Hebräische lautet ladonéha (ihrem Herrn), dem folgt die deutsche Umschrift. wehú jezé wegáppo
4 Und wenn sein Herr ihm eine Frau gibt und sie ihm Söhne oder Töchter gebiert, bleiben die Frau und die Kinder beim Besitzer, und er geht allein hinaus.
Das ist ein Fall, der uns nicht sehr verständlich ist, vom Standpunkt unserer heutigen Moral aus. Das ist der Fall, wenn der Herr zum Sklaven sagt: „Solange du hier Sklave bist, hier, heirate diese Fremde (das ist keinesfalls eine Jüdin, denn eine Jüdin darf man nicht auf diese Weise verheiraten). Wenn du willst – hab Kinder von ihr (der Besitzer hat davon Gewinn: seine Sklaven vermehren sich). Aber wenn die sechs Jahre deiner Sklaverei zu Ende sind, dann gehst du hinaus, sie aber lässt du zurück.“ Das ist in Wirklichkeit ein Dilemma von unglaublicher Schwere. Wir sagen hier: „Und wenn er sagt: Ich liebe meine Frau?“ Es ist gar nicht so einfach, in die Freiheit hinauszugehen und seine Frau zurückzulassen, auch wenn sie eine Fremde ist. Das heißt: Selbst wenn er allein gekommen ist und der Besitzer ihn verheiratet hat, geht er trotzdem allein hinaus. Und obwohl, natürlich, wir wissen, die Tradition einen Menschen verurteilt, der unter solchen Umständen in der Sklaverei bleibt, bedenkt trotzdem, dass es gar nicht so einfach ist, Frau und Kinder zurückzulassen.
וְאִם־אָמֹר יֹאמַר הָעֶבֶד אָהַבְתִּי אֶת־אֲדֹנִי אֶת־אִשְׁתִּי וְאֶת־בָּנָי לֹא אֵצֵא חָפְשִׁי׃
we'im-amór jomár ha'éwed aháwti et-adoní et-ischtí we'et-banáj lo ezé chofschí
5 Und wenn der Sklave sagt: „Ich liebe meinen Herrn oder meine Frau oder meine Söhne, ich werde nicht in die Freiheit gehen.“
Das heißt: „Mir passt in dieser Situation alles, hier gibt man mir zu essen, zu trinken, man kleidet mich. Es ist nicht gesagt, dass ich in der Freiheit so viel verdiene, und hier habe ich noch dazu eine Frau und Kinder, die ich liebe (das kann völlig wahr sein), ich hänge an ihnen, ich will nicht in die Freiheit.“ Und was dann?
וְהִגִּישׁוֹ אֲדֹנָיו אֶל־הָאֱלֹהִים וְהִגִּישׁוֹ אֶל־הַדֶּלֶת אוֹ אֶל־הַמְּזוּזָה וְרָצַע אֲדֹנָיו אֶת־אָזְנוֹ בַּמַּרְצֵעַ וַעֲבָדוֹ לְעֹלָם׃
wehiggischó adonáw el-ha'elohím wehiggischó el-haddélet o el-hammesusá werazá adonáw et-osnó bammarzéa wa'awadó le'olám
6 Sein Herr soll ihn zu den Richtern (oder zum Höchsten) heranführen, und man führte ihn an das Tor oder an den Türpfosten, und sein Herr wird ihm das Ohr mit einem Pfriem durchbohren, und er wird ihm Sklave sein (bis zum Jubeljahr).
Hier kann man das Wort elohím in der direkten Bedeutung verstehen – Gott, oder als Richter dieses Ortes. Das heißt, dieser Mensch muss vor dem Höchsten bezeugen: „Ich verstehe genau, was ich sage, ich nehme alle Folgen meiner Entscheidung genau an.“ Oder man führt ihn zu den Richtern, und er bezeugt es, und danach geschieht das, was geschieht. Das Wort lirzóa bedeutet durchbohren, marzéa ist der Pfriem, das „Durchbohrding“. Das Wort le'olám (auf ewig) bedeutet in diesem Fall bis zum Jubeljahr. Im Jubeljahr gehen alle in die Freiheit hinaus, da werden keine Verzichtserklärungen angenommen.
Wenn ein Mensch beschlossen hat zu bleiben, führt man ihn an den Türpfosten und bringt ein Kennzeichen an. Das Kennzeichen bleibt am Ohr, das Kennzeichen bleibt am Türpfosten. Wenn der Mensch seine Entscheidung geändert hat, beschlossen hat zu fliehen, kann man ihn zurückholen und als Erkennungszeichen zeigen: Hier, seht, hier ist seine Größe, hier ist sein Ohr, hier ist das Loch, hier sind die Spuren des Lochs am Türpfosten. Und man braucht keinen Ausweis, man braucht kein Fingerabdruckgutachten: Es gibt den Abdruck des Ohrs, das auf diese Weise markiert wird. Viele Kommentatoren fragen: „Warum gerade das Ohr?“ und sagen: „Das ist genau das Ohr, das schon am Sinai gehört hat: Ihr seid Meine Kinder, gehört hat: Ich habe euch aus der Sklaverei herausgeführt, und der Mensch wollte zurück in die Sklaverei.“ Nun bitte sehr, Ohr, leide. Wenn aus deinem Hören ein solcher Glaube geboren wird, dann kennzeichnen wir dich eben so. Aber es gibt auch ein einfaches Verständnis: Das Ohr lässt sich sehr bequem als Beweis vorzeigen. Bei allen östlichen Völkern bringt man auch den Tieren die Kennzeichen an den Ohren an. Wenn in Israel ein Autounfall passiert, an dem ein Kamel beteiligt ist, taucht sofort irgendein vorbeikommender Beduine auf, schneidet dem Kamel die Ohren ab – und den Besitzer des Kamels kann man nicht mehr finden und nicht bestrafen. Hier geht es natürlich nicht um ein Kamel, sondern um einen Menschen, und viele tausend Jahre sind vergangen, aber das Prinzip ist dasselbe: Gekennzeichnet wird das Ohr.
In Vers 7 gibt es noch eine für unsere Zeit erstaunliche Situation.
וְכִי־יִמְכֹּר אִישׁ אֶת־בִּתּוֹ לְאָמָה לֹא תֵצֵא כְּצֵאת הָעֲבָדִים׃
wechi-jimkór isch et-bittó le'amá lo tezé kezét ha'awadím
7 Wenn ein Mensch seine Tochter als Sklavin verkauft, wird sie nicht hinausgehen, wie die Sklaven hinausgehen.
Das kann man unterschiedlich verstehen. Bei den Kommentatoren gibt es ein Verständnis: „Sie wird nicht außerhalb des Hauses arbeiten, man darf sie nicht in den Wald nach Brennholz schicken, man darf sie nicht zum Fischen schicken, man darf sie nicht nachts nach Bier schicken, denn das Mädchen ist klein“, amá ist in diesem Fall ein minderjähriges Mädchen. Ein minderjähriges Mädchen wurde in die Sklaverei verkauft, damit sie ein wenig im Haushalt hilft, jemanden hütet, sich vielleicht mit irgendeiner Handarbeit beschäftigt. Aber der Sinn liegt ja darin, dass sie im Grunde dazu bestimmt ist, später mit ihrem Besitzer die Ehe einzugehen, und die Tora spricht davon. Man kann sich an den Kopf fassen und sagen: Das ist doch schrecklich, das ist sexuelle Sklaverei! Das klingt tatsächlich schrecklich, das ist tatsächlich eine schreckliche Situation, aber hier muss man verstehen, dass die Tora nicht einem Volk von Gerechten gegeben wird. Die Tora ist gegeben, wird gegeben ehemaligen Sklaven, einer noch nicht besonders entwickelten Gemeinschaft mit bestimmten Ansichten über das Leben. Und heute ist es sowohl bei den Arabern als auch bei vielen Völkern Zentralasiens eine ganz verständliche Sache, eine junge Frau an einen Reichen zu verheiraten, damit sie ihre Angelegenheiten oder die Angelegenheiten der Familie in Ordnung bringt. Und man verheiratet sie, das geschieht auch in den Ländern Osteuropas, überhaupt geschieht das immer in armen Ländern. Die Tora wird nicht einer Gesellschaft von Engeln gegeben, nicht einer Gesellschaft heiliger Menschen, die mit dieser Welt nichts zu tun haben, sondern sie wird der Gesellschaft gegeben, wie sie damals war. Das Wesen, der Sinn und die geheime Kraft der Tora liegen darin, dass die Gesellschaft sich verändert. Gott sei Dank haben wir die Zeit erlebt, in der man im Volk Israel die Töchter nicht verkauft, es keine Sklaven gibt, das Volk gewachsen ist. Aber damit es wachsen konnte, hat sich die Tora auf seine Ebene herabgelassen, und der Höchste hat das Volk auf der Ebene, auf der es damals existierte, nicht verschmäht.
Also konnte ein Mensch seine minderjährige Tochter in die Sklaverei geben. Ein Sklave (éwed) – das ist der, der arbeitet (owéd), ein Arbeiter. Amá ist im Unterschied zu éwed eher ein Kindermädchen, menschliche Hände, die, die etwas mit den Händen tut. Aber der Sinn ist, dass das Mädchen, wenn es in ein fremdes Haus kommt, vor Übergriffen auf seine Person geschützt sein muss. Und man kann sie schon nicht mehr so einfach gehen lassen. Und in Vers 8 lesen wir so:
אִם־רָעָה בְּעֵינֵי אֲדֹנֶיהָ אֲשֶׁר־לֹא )לוֹ( יְעָדָהּ וְהֶפְדָּהּ לְעַם נָכְרִי לֹא־יִמְשֹׁל לְמָכְרָהּ בְּבִגְדוֹ־בָהּ׃
im-ra'á be'ené adonéha ascher-ló je'adá wehefdá le'ám nochrí lo-jimschól lemochrá bewigdo-wá
8 Wenn sie sich in den Augen des Herrn, für den sie bestimmt war, als ungeeignet erwiesen hat, hat er nicht das Recht, sie an einen Ausländer zu verkaufen, indem er sie verrät.
Das heißt, das Mädchen ist herangewachsen, sie wird 12 Jahre alt, oder bei ihr zeigen sich weibliche Merkmale: Haare an den Fingern, am ersten Fingerglied, nirgendwo sonst am Körper prüft man bei ihr die Haare natürlich nicht. Wenn sie herangewachsen ist und es für sie Zeit ist zu heiraten (ja, ja, damals heiratete man so früh, mit 12 und mit 13 und mit 14 Jahren), sie dem Besitzer aber nicht gefallen hat, kann er sich an die Familie wenden und sagen: „Versucht, sie freizukaufen, ich mache einen Nachlass, kauft sie frei.“ Aber wenn das nicht gelingt, kann er sie, seine Sklavin, nicht verraten, indem er sie an einen Ausländer verkauft. Obwohl sie ihm als Sklavin verkauft worden ist, muss er ihr die Treue halten, er hat nicht das Recht, sie an einen Ausländer zu verkaufen.
וְאִם־לִבְנוֹ יִיעָדֶנָּה כְּמִשְׁפַּט הַבָּנוֹת יַעֲשֶׂה־לָּהּ׃
we'im-liwnó ji'adénna kemischpát habbanót ja'asse-lá
9 Wenn er aber beschließt, sie seinem Sohn zu bestimmen, soll er es nach den Regeln für junge Frauen tun.
Das heißt, wenn er beschließt, dass diese junge Frau besser zu seinem Sohn passt, dann muss er ihr eine Mitgift geben, ihr ein Kleid kaufen und alles Nötige tun, was einer jungen Frau in einer solchen Situation zusteht, alles, was die Eltern getan hätten.
אִם־אַחֶרֶת יִקַּח־לוֹ שְׁאֵרָהּ כְּסוּתָהּ וְעֹנָתָהּ לֹא יִגְרָע׃
im-achéret jikkach-ló sche'erá kesutá we'onatá lo jigrá
10 Und wenn er noch eine nehmen will, darf er ihr Nahrung, Bedeckung und onatá nicht entziehen, er wird sie nicht im Mangel lassen.
Das heißt, wenn der Besitzer sich noch eine Frau nehmen will, dann wird er drei Bedingungen einhalten müssen: sche'erá – dieses Wort bedeutet festliche Fleischspeise, das heißt eine angemessene Ernährung für sie; kesutá – nach vielen Versionen ist das festliche Kleidung für sie; onatá kann man verstehen als ihre Zeit, das heißt er wird nicht aufhören, ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Einige Kommentatoren sprechen darüber in einem sehr vereinfachten, in einem sehr natürlichen Sinn – er muss sie in geschlechtlicher Hinsicht befriedigen. Andere Kommentatoren sagen: „Nein, hier geht es um Aufmerksamkeit, darum, dass er ihr Zeit widmen muss, Zeit finden muss, um ihr zuzuhören und bei ihr zu sein, obwohl er sich eine zweite Frau genommen hat.“ Wieder andere Kommentatoren sagen, dass die Zeit hier ihre Freizeit ist, das ist die Zeit, die sie für sich aufwendet, und das bedeutet Kosmetik, Öl (Salbmittel), Schmuck und so weiter. Dafür gibt es Parallelen in Texten, in Gesetzen anderer Völker, wo gesagt wird, dass ein Mensch, der seine Frau verlässt, ihr Nahrung, Obdach, Kleidung und Öl (Öl im Sinne von Kosmetik) erhalten muss. Auch hier wird gesagt, dass selbst wenn ein Mensch beschlossen hat, sich eine zweite Frau zu nehmen, er der ersten all das nicht entziehen darf.
וְאִם־שְׁלָשׁ־אֵלֶּה לֹא יַעֲשֶׂה לָהּ וְיָצְאָה חִנָּם אֵין כָּסֶף׃
we'im-schelosch-élle lo ja'assé la wejaze'á chinnám en kássef
11 Wenn er ihr diese drei nicht tut, wird sie umsonst hinausgehen, ohne Geld.
Was diese drei sind, können wir nicht recht verstehen. Möglicherweise bezieht sich das auf den allerersten Anfang des Gesprächs: Wenn er sich nicht von ihr loskaufen kann, sie dem Sohn geben oder zur Frau nehmen, dann geht sie umsonst hinaus, er ist verpflichtet, sie gehen zu lassen. Oder möglicherweise ist gemeint, dass er nicht einwilligt, nicht die Verpflichtung auf sich nimmt, sie ständig nach den drei Kennzeichen zu unterhalten, von denen wir gesprochen haben: sie satt ernähren, schön kleiden, mit Schmuck beschenken oder ihr Aufmerksamkeit schenken. Ich erinnere daran, dass wir hier von einer jungen Frau aus einer sehr, sehr armen Familie sprechen. Nach der mündlichen Tora hat ein Mensch nicht das Recht, seine Tochter zu verkaufen, seine Tochter in die Sklaverei zu geben, selbst wenn er nur eine Decke hat; wenn er wenigstens eine Decke hat, darf man die Tochter nicht verkaufen. Man muss schon ganz ohne alles dastehen, um die Tochter zu verkaufen. Der Höchste sagt, dass das Gericht selbst eine junge Frau aus einer solchen Familie, in einem solchen Zustand schützt. Dieses Mädchen und dieser Sklave sind dem Höchsten so wichtig, dass er das erste Gespräch mit dem Volk Israel um dies herum beginnt; er spricht nicht von den Gesetzen des Königs, von den Gesetzen der Achtung vor den Obrigkeiten und so weiter, sondern beginnt das Gespräch mit den allereinfachsten, allerniedrigsten Schichten der Gesellschaft.
מַכֵּה אִישׁ וָמֵת מוֹת יוּמָת׃
makké isch wamét mot jumát
12 Wenn jemand einen anderen (den Nächsten) schlägt und dieser infolgedessen stirbt, verdient dieser, der getötet hat, den Tod.
Die Strafe für den Tod ist der Tod. Der Höchste ist nicht gegen die Todesstrafe, wie ihr vielleicht denken könntet, wenn ihr in Kapitel 20 das Gebot lo tirzách (töte nicht) lest. Nein, einen Mörder darf man töten und, wie der Höchste hier sagt, muss man ihn sogar töten. Aber in Vers 13 lesen wir:
וַאֲשֶׁר לֹא צָדָה וְהָאֱלֹהִים אִנָּה לְיָדוֹ וְשַׂמְתִּי לְךָ מָקוֹם אֲשֶׁר יָנוּס שָׁמָּה׃
wa'aschér lo zadá weha'elohím inná lejadó wesamtí lécha makóm aschér janús schámma
13 Und der, der nicht töten wollte, Gott aber gab es ihm unter die Hand, Ich habe dir einen Ort vorgesehen, wohin er fliehen kann (wo er sich verstecken kann).
Zum Beispiel hat ein Mensch zufällig einen Stein fallen lassen, ein Mensch hat geschossen in der Meinung, er schieße auf einen Bären, und hat einen anderen Menschen getroffen – wer weiß, was es noch für Gründe geben kann. Es gibt einen interessanten Midrasch darüber, dass es im Land Israel unter den Wegweisern nur Wegweiser zu den Zufluchtsstädten gab, das heißt, alle göttlichen Wegweiser weisen zu Orten der Rettung, Orten, an denen man sich retten kann: Gott führt den Menschen zur Rettung. Wenn ein Mensch unabsichtlich getötet hat, kann er sich vor dem Tod, vor den rächenden Verwandten in den Zufluchtsstädten retten.
וְכִי־יָזִד אִישׁ עַל־רֵעֵהוּ לְהָרְגוֹ בְעָרְמָה מֵעִם מִזְבְּחִי תִּקָּחֶנּוּ לָמוּת׃
wechi-jasíd isch al-re'éhu lehorgó we'ormá me'ím misbechí tikkachénnu lamút
14 Und wenn ein Mensch gegen seinen Nächsten Böses ersonnen hat, ihn mit List zu töten, selbst von Meinem Altar darf man ihn zum Tod wegholen.
Wir lesen im Tanach ähnliche Geschichten: Der böswillige Mörder wird bestraft, selbst wenn er um Begnadigung fleht, selbst wenn er gekommen ist und sich an die Hörner des Altars klammert und sagt: „HERR, rette und hilf!“ So sagt hier der HERR.
וּמַכֵּה אָבִיו וְאִמּוֹ מוֹת יוּמָת׃
umakké awíw we'immó mot jumát
15 Wer die Hand erhebt, seinen Vater oder seine Mutter schlägt, wird des Todes sterben.
Der Kommentator sagt: „Wenn er ihnen irgendeine Körperverletzung zugefügt hat.“ Gibt es einen blauen Fleck? Gibt es, Gott bewahre, einen Knochenbruch? Das war's, der Mensch verdient den Tod, unabhängig davon, ob sie gestorben sind oder nicht, denn es gibt das Gebot, Vater und Mutter zu ehren. Familienwerte sind sehr wichtig, deshalb gibt es eine sehr strenge Strafe dafür, dass ein Mensch Vater oder Mutter schlägt. Vater oder Mutter stehen über dem Gesetz in dem Sinne, dass ein Mensch für einfache Schläge nicht mit dem Tod bestraft wird, für Schläge gegen Vater oder Mutter aber – des Todes sterben wird. Man könnte meinen, umgekehrt, man könnte sagen: Na ja, Mutter und Vater werden verzeihen, wer schlägt, der liebt … Nein, nicht umgekehrt, auch wenn es jemandem logisch erscheinen mag, so zu reden, aber wer Vater oder Mutter schlägt, der wird des Todes sterben.
וְגֹנֵב אִישׁ וּמְכָרוֹ וְנִמְצָא בְיָדוֹ מוֹת יוּמָת׃
wegonéw isch umcharó wenimzá wejadó mot jumát
16 Wer einen Menschen gestohlen hat, um ihn zu verkaufen, und sie wurden in seiner Hand gefunden, wird des Todes sterben.
Ein Mensch, der sich mit der Entführung von Glaubensgenossen befasst, um sie in die Sklaverei zu verkaufen, wird des Todes sterben. Wir haben darüber ausführlich bei 20,13 gesprochen, als wir das Gebot lo tignów (stiehl nicht) behandelt haben.
וּמְקַלֵּל אָבִיו וְאִמּוֹ מוֹת יוּמָת׃
umkallél awíw we'immó mot jumát
17 Wer seinen Vater und seine Mutter verflucht (schmäht), wird des Todes sterben.
Was bedeutet das? Das ist, wenn ein Mensch sagt: „Dass es euch so ergehe! Es soll euch so und so ergehen!“ Oder etwas gegen seinen Vater und seine Mutter redet, sie verleumdet. Das heißt, so stark ist die Achtung vor dem Vater und vor der Mutter, dass ein Mensch selbst für einen Fluch mit Worten, für irgendwelche bösen Worte trotzdem den Tod verdient. Beachtet, dass die Gebote gleichsam unsystematisch angeordnet sind, man hätte dieses Gesetz gleich nach wer den Vater schlägt … stellen können. Der Höchste ordnet das anders an, gleichsam von Thema zu Thema springend, damit wir nicht dem Thema folgen, sondern der Stimme, man kann sagen, der allgemeinen Handschrift des Höchsten.
וְכִי־יְרִיבֻן אֲנָשִׁים וְהִכָּה־אִישׁ אֶת־רֵעֵהוּ בְּאֶבֶן אוֹ בְאֶגְרֹף וְלֹא יָמוּת וְנָפַל לְמִשְׁכָּב׃
wechi-jeriwún anaschím wehikka-ísch et-re'éhu be'éwen o we'egróf weló jamút wenafál lemischkáw
18 Wenn Menschen streiten werden und einer den anderen mit einem Stein oder mit der Faust geschlagen hat und dieser nicht gestorben, sondern aufs Lager gefallen ist (krank geworden ist),
אִם־יָקוּם וְהִתְהַלֵּךְ בַּחוּץ עַל־מִשְׁעַנְתּוֹ וְנִקָּה הַמַּכֶּה רַק שִׁבְתּוֹ יִתֵּן וְרַפֹּא יְרַפֵּא׃
im-jakúm wehithalléch bachúz al-misch'antó wenikká hammakké rak schiwtó jittén werappó jerappé
19 Wenn er aufsteht und draußen (außerhalb des Hauses) umhergeht, selbst wenn er sich stützt, wird der Schlagende rein gesprochen (freigesprochen), nur für die vorübergehende Arbeitsunfähigkeit wird er ihm zahlen und auch die Heilung.
Das heißt, er wird das Krankengeld zahlen, sozusagen das Arbeitslosengeld, aber er wird nicht mit dem Tod oder mit irgendwelchen anderen Strafen bestraft werden. Warum? Weil das im Streit geschehen ist, so hat ein Mensch gehandelt, der vom Streit mitgerissen, ergriffen war.
Das sind die ersten Gesetze des Höchsten, die wir hier sehen, die ersten Gesetze, mit denen wir hier bekannt werden. Und wir werden noch dazu kommen, welchen Schluss das Volk Israel aus all dem ziehen wird. Jedes dieser Gesetze, denke ich, hat auch mit uns zu tun. Obwohl wir natürlich keine Töchter in die Sklaverei verkaufen, begegnen wir jungen Frauen, deren Schutz und Obhut uns übertragen sind; Menschen, die sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befinden und deren Obhut uns auferlegt ist. Und wir müssen selbst Entscheidungen treffen, wie wir mit diesen Menschen umgehen sollen, wenn wir mit ihnen nach Gottes Gesetzen umgehen.
Es geht ein Öchslein und stößt (21,20–22,3)
Wir haben also gesagt, dass der Wochenabschnitt Mischpatim darin ungewöhnlich ist, dass er keine Beschreibung von Ereignissen enthält. Er besteht aus verschiedenen juristischen Beispielen, verschiedenen Gerichtsentscheidungen, auf deren Grundlage jeder Leser sich eine Vorstellung davon machen kann, wie die Gerichte des Höchsten im Verhältnis zwischen den Menschen auf allen Ebenen der Existenz des Volkes Gottes eingerichtet sind.
וְכִי־יַכֶּה אִישׁ אֶת־עַבְדּוֹ אוֹ אֶת־אֲמָתוֹ בַּשֵּׁבֶט וּמֵת תַּחַת יָדוֹ נָקֹם יִנָּקֵם׃
wechi-jakké isch et-awdó o et-amató baschéwet umét táchat jadó nakóm jinnakém
20 Wenn ein Mensch seinen Sklaven oder seine Sklavin mit einem Stock schlägt (oder mit einem Stab, oder mit einer Rute: Das Wort kann man verschieden übersetzen, wörtlich ist es ein Zweig mit einem Ast), und der Sklave oder die Sklavin unter seiner Hand gestorben sind, wird mit Rache gerächt werden.
Dieser Mensch verdient den Tod, wenn der Sklave und die Sklavin sofort unter seiner Hand gestorben sind.
אַךְ אִם־יוֹם אוֹ יוֹמַיִם יַעֲמֹד לֹא יֻקַּם כִּי כַסְפּוֹ הוּא׃
ach im-jom o jomájim ja'amód lo jukkám ki chaspó hu
21 Aber wenn er danach weiterlebt (danach durchsteht, danach aushält), einen Tag oder zwei, wird es für diesen Menschen (der den Sklaven getötet hat) keine Vergeltung geben (er wird den Tod nicht verdienen), denn das ist sein Geld.
Viel Unverständliches auf einmal in einem Vers. Erstens, warum steht geschrieben „lebt einen Tag oder zwei weiter“? Wenn er einen Tag weiterlebt, ist schon klar, dass er auch zwei weiterleben wird. Wozu „oder zwei“ schreiben? „Einen Tag oder zwei“ – das bedeutet mehr als einen Tag, also etwas mehr als einen Tag, wie ein Jahr und ein Tag. Wenn er länger als vierundzwanzig Stunden lebt, das heißt, nicht sofort stirbt. Worin liegt hier der Kern? Ein Mensch hat mit einem Stab geschlagen, und wenn man mit einem Stab schlägt, weiß man, dass man mit ihm versehentlich töten kann. Der Stab ist so ein Werkzeug, mit dem man leicht schlagen kann, der Hand tut es nicht weh, wenn man mit einem Stab schlägt. So lehrt man in vielen Schulen östlicher Kampfkünste zuerst, mit einem Stock zu schlagen, damit der Mensch keine Angst hat zuzuschlagen, keine Angst hat, seiner Hand wehzutun. Wenn ein Mensch mit einem Stab schlägt – ist es für die Hand nicht beängstigend, es tut nicht weh, er spürt keinen Unterschied in der Kraft und kann eine größere Verletzung zufügen. Man kann so zuschlagen, an eine solche Stelle, dass man den Menschen sofort tötet. Wenn er ihn sofort getötet hat, dann unterliegt er dem Gericht. Wenn derjenige, der geschlagen wurde, länger als vierundzwanzig Stunden gelebt hat, das heißt, dem Organismus keine Verletzungen zugefügt wurden, die den sofortigen Tod nach sich gezogen haben (das ist eine Besonderheit der Rechtswissenschaft: Sofortiger Tod ist ein Tod innerhalb von weniger als vierundzwanzig Stunden), wenn kein sofortiger Tod vorliegt, dann unterliegt der Schlagende nicht der Todesstrafe. Warum? Es steht geschrieben: ki chaspó – das ist sein Geld. Interessant, was bedeutet das ist sein Geld? Für diesen Ausdruck gibt es zwei Verständnisse. Das erste Verständnis sagt: „Weil ein Mensch einen Sklaven schlagen kann, um seinen wirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Er braucht den Sklaven, und wenn der Sklave faul ist, sich weigert zu arbeiten, irgendetwas sabotiert, muss man den Sklaven irgendwie lenken, und deshalb kann man irgendwelche rechtfertigenden Umstände darin finden, dass ein Mensch seinen Sklaven geschlagen hat.“ Obwohl das auch keine Erlaubnis ist, ist es doch eine gewisse Rechtfertigung, ein mildernder Umstand. Die zweite Variante: Die Tötung des Sklaven fügt dem Besitzer selbst einen Verlust zu, das heißt, ein Mensch wird nicht einen Sklaven schlagen, der sein Eigentum ist. In jenen Zeiten war der Sklave Eigentum des Besitzers. Und genauso wie ein Mensch heute nicht absichtlich sein Auto zu Schrott fahren will, wollte er in jener Zeit nicht absichtlich seinen Sklaven töten. Und in einem solchen Fall spricht die Tötung von einer gewissen Unabsichtlichkeit der Ereignisse. Unser Abschnitt (diese zwei Verse) spricht von gewissen mildernden Umständen und vom Fehlen der Absicht zu töten. In Vers 22 haben wir eine völlig andere Geschichte vor uns:
וְכִי־יִנָּצוּ אֲנָשִׁים וְנָגְפוּ אִשָּׁה הָרָה וְיָצְאוּ יְלָדֶיהָ וְלֹא יִהְיֶה אָסוֹן עָנוֹשׁ יֵעָנֵשׁ כַּאֲשֶׁר יָשִׁית עָלָיו בַּעַל הָאִשָּׁה וְנָתַן בִּפְלִלִים׃
wechi-jinnazú anaschím wenagefú ischá hará wejazeú jeladéha weló jihjé asón anósch je'anésch ka'aschér jaschít aláw bá'al ha'ischá wenatán biflilím
22 Wenn sie miteinander gestritten und eine Frau gestoßen haben, und sie ist schwanger, und sie hat eine Fehlgeburt erlitten, sie selbst aber ist nicht umgekommen, wird der, der die Frau gestoßen hat, mit einer Strafe bestraft werden, die ihm der Mann der Frau vor den Richtern geben wird (vor den Gerichtsvollziehern, vor den Vollstreckungsbeamten).
Das Wort nez bedeutet Adler oder Habicht. Zwei Menschen haben sich geschlagen, geprügelt, sind aneinandergeraten und haben im Kampf unabsichtlich eine zufällig vorbeigehende Frau gestoßen. Sie haben sich gerauft, sind so tief gesunken, dass sie eine schwangere Frau gestoßen haben. Wir sprechen von jenem Zeitalter, in dem eine Frau, die eine Fehlgeburt erlitt, durch Blutverlust umkommen konnte. Hier hat sie eine Fehlgeburt erlitten, sie selbst aber ist nicht umgekommen. Was ist vom juristischen Standpunkt aus geschehen? Zu diesem Zeitpunkt ist das Kind, das sich im Körper der Frau befindet, ein kleiner Embryo, – wie ihr inneres Organ: Denn es befindet sich in der Gebärmutter, ist mit ihr durch die Plazenta verbunden und ist im Grunde eines der Organe ihres Organismus bis zum Moment der Geburt. Somit ist es, wenn der Frau unabsichtlich Schaden zugefügt wurde, wie eine Körperverletzung gegenüber der Frau. Wir betrachten jetzt nicht, die Tora betrachtet jetzt nicht, was im Hinblick auf das Kind geschieht. Wenn das absichtlich begangen würde, würden wir von der Tötung eines Fötus sprechen, aber das Ereignis, um das es geht, betrachtet das Gerichtsverfahren als Körperverletzung gegenüber der Frau. Und die Pflicht des Gerichts ist es, von einem solchen Menschen Geld einzutreiben. Ein Mensch kann sagen: „Ich wollte sie doch nicht stoßen“ oder „Ich habe sie nicht so stark gestoßen, dass sie eine Fehlgeburt hatte, und vielleicht ist sie überhaupt eine Frau, die oft Fehlgeburten hat …“ Nein, hier wird gesagt, dass das Gerichtssystem selbst eingreifen und den Menschen zwingen muss zu zahlen, was der Vater fordert. Wie kann man Geld fordern, wie kann man eine Fehlgeburt bewerten? Und hier, so grausam das auch klingt, wirkt das Prinzip der „Preisliste für Menschen“. Wir lesen in der Tora viel darüber, dass das Lösegeld für eine Seele von Alter und Gesundheit abhängt. Zum Beispiel, um wie viel teurer wurde eine schwangere Sklavin verkauft als eine nicht schwangere? Viele ähnliche Beispiele.
Also kann der Mann den Schaden bewerten, der zugefügt wurde, und dieser Schaden wird finanziell ersetzt. Wenn wir sagen würden, dass man diesen Menschen, der der Frau solche Verletzungen zugefügt hat, töten, erschießen, ins Gefängnis stecken, ihm Arm und Bein amputieren, ein Auge ausstechen oder noch etwas anderes tun müsse, hätte die Familie keinerlei Ersatz des Schadens. Die Familie bekäme nichts, und sie bekäme keine Erleichterung, wenn jener Mensch eine Strafe erlitte, und die Tora, kann man sagen, führt alles auf Geld zurück, regelt alles auf verständliche Weise.
Dieses Gericht, dieses Gerichtsverfahren, das muss man unbedingt sagen, – ist Gnade auch gegenüber dem Verbrecher. Der Verbrecher hat die Möglichkeit, diese Schuld von sich abzuwischen, in die Gesellschaft zurückzukehren, denn auch er ist ein Geschöpf des Höchsten. Und wir haben kein Interesse, wie auch der Höchste kein Interesse hat, am Untergang des Sünders. Man kann dazu stehen, wie man will, aber so formuliert die Tora dieses Gesetz.
וְאִם־אָסוֹן יִהְיֶה וְנָתַתָּה נֶפֶשׁ תַּחַת נָפֶשׁ׃
we'im-asón jihjé wenatattá néfesch táchat náfesch
23 Aber wenn ein Unglück geschieht, dann wird er Seele für Seele geben.
Und weiter folgen allgemeine Regeln. Regeln, die, kann man sagen, unter den Streitern mit der Tora, unter den Gegnern der Tora zum Sprichwort unter den Völkern geworden sind (bei den Heiden im wörtlichen Sinn dieses Wortes).
עַיִן תַּחַת עַיִן שֵׁן תַּחַת שֵׁן יָד תַּחַת יָד רֶגֶל תַּחַת רָגֶל׃
ájin táchat ájin schen táchat schen jad táchat jad régel táchat rágel
24 Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß,
כְּוִיָּה תַּחַת כְּוִיָּה פֶּצַע תַּחַת פָּצַע חַבּוּרָה תַּחַת חַבּוּרָה׃
kewijá táchat kewijá péza táchat páza chabburá táchat chabburá
25 Verbrennung für Verbrennung, Wunde für Wunde, Bruch für Bruch.
Solche Regeln werden hier also aufgezählt, und man kann das so verstehen, viele verstehen es auch so, dass, wenn ein Mensch seinem Nächsten ein Auge ausgestochen hat, man auch ihm ein Auge ausstechen darf. Und so bis zu zweimal. Nach dem dritten Mal, wenn er einem Dritten ein Auge ausgestochen hat, ist er schon nicht mehr strafbar. Hände gibt es auch zwei und Beine auch zwei. Verbrennungen kann man einem Menschen natürlich unendlich zufügen. Und wahrscheinlich gäbe es dann das Amt eines „Verbrenners“ – eines Menschen, der für Verbrennungen vergelten würde, er hätte Brandeisen, und mit ihnen würde er brennen. Und brennen müsste man genau so viele Male, wie viele Verbrennungen der Mensch dem Geschädigten zugefügt hat. Das hätte wahrscheinlich eine Goldschmiedekunst sein müssen. Genauso auch der „Knochenbrecher“. Da gäbe es so einen Meister-Henker, der auf Bestellung Rippen, Oberschenkel, den Oberschenkelhals oder den kleinen Finger brechen würde. So kann man das alles verstehen, und so wird es oft verstanden. Welchen Nutzen der Geschädigte von diesem Vorgang hätte – das ist völlig unverständlich. Dabei hat der geschädigte Mensch, der ein Auge oder ein Bein verloren hat, auch die Arbeitsfähigkeit verloren, hat im Grunde die Möglichkeit verloren, für sich und seine Familie den Lebensunterhalt zu sichern. In jenen Zeiten gab es keine Invalidenrente, gab es keine Sozialleistungen. Im ersten Buch Melachim in Kapitel 20 gibt es eine erfundene Geschichte von einem Sklaven, den man zur Obhut zurückgelassen hatte, und dort ist das Verständnis genau dieses Wortes táchat, das wir mit für übersetzt haben, völlig klar ausgedrückt. Es bedeutet auch anstelle. Das heißt, ich muss dem Menschen ein Auge anstelle des Auges geben, nicht mein Auge, sondern irgendeine Entschädigung dafür. Und wir wissen, dass schon in der Zeit des Zweiten Tempels diese Verse genau so ausgelegt wurden. Und wir wissen auch, dass die Weisen das nicht für einen Midrasch hielten, die Weisen hielten das für den einfachen Sinn der Tora. Die Grundlage dafür seht euch in Kapitel 20 des Buches Melachim an: Ganz am Ende des Kapitels gibt es eine Geschichte darüber, dass „deine Seele anstelle seiner Seele sein wird, so wirst du Seele für Seele geben“, das heißt, du wirst es abdienen, wirst anstelle dieses Menschen dienen, und dein Volk wird anstelle seines Volkes sein.
Man muss also verstehen, dass das Wort táchat sehr selten verwendet wird, es bedeutet anstelle von etwas sein, anstelle von etwas geben. Das heißt, der Wert eines Auges anstelle des Auges, der Wert einer Hand anstelle der Hand. Wieder einmal sagen wir: „Hoppla! Hier läuft alles aufs Geld hinaus.“ Ja, oft läuft alles aufs Geld hinaus. Und wieder ist das Gnade gegenüber dem Verbrecher und in diesem Fall Gnade gegenüber dem Geschädigten, denn wenn man dem Verbrecher einfach ein Auge aussticht, könnte der Geschädigte nicht weiter von dem ausgestochenen Auge des Verbrechers leben. Das Gericht, im jüdischen Verständnis des Rechtsprechens, ist immer Gnade sowohl gegenüber dem Verbrecher (der sich von seiner Schuld vor der Gesellschaft, vor dem, dem er Schaden zugefügt hat, befreien kann, für sich den Kreis schließen kann) als auch gegenüber dem Geschädigten. Natürlich zeigt sich Gnade in verschiedener Form, aber man muss sich daran erinnern, dass auch ein Gericht Gnade sein kann, und die Regeln über den Ersatz finanziellen Schadens sind die allgemeine Regel für den ganzen Kanon, der Nesekin heißt – die Gesetze über Schäden im Judentum.
In Vers 26 lesen wir die Weiterentwicklung dieses Gedankens. Wir haben zum Beispiel letztes Mal gesagt, dass, wenn ein Mensch seinen Nächsten schlägt, er des Todes schuldig ist. Aber wenn dieser Schlag einem Sklaven zugefügt wird, wie wir am Anfang dieses Kapitels gelesen haben, dann gibt es bestimmte mildernde Umstände, und der Mensch ist nicht des Todes schuldig. Die Beziehungen zwischen Nächsten und die Beziehungen zwischen Besitzer und Sklave unterscheiden sich ein wenig voneinander. Das bedeutet keineswegs, dass der Sklave keinerlei Rechte hat, aber nachdem die Tora die Situation im Allgemeinen erklärt hat, spricht sie erneut und erklärt es am Beispiel des Sklaven:
וְכִי־יַכֶּה אִישׁ אֶת־עֵין עַבְדּוֹ אוֹ־אֶת־עֵין אֲמָתוֹ וְשִׁחֲתָהּ לַחָפְשִׁי יְשַׁלְּחֶנּוּ תַּחַת עֵינוֹ׃
wechi-jakké isch et-én awdó o-et-én amató weschichatá lachofschí jeschallechénnu táchat éno
26 Und wenn ein Mensch seinem Sklaven oder seiner Sklavin ins Auge schlägt (das ist wie jener Vers, mit dem wir begonnen haben: eine Ausnahme für Sklaven, ein besonderer Fall im Verhältnis zu Sklaven) und es beschädigt hat, wird der Sklave für diese Beschädigung sofort von seiner Sklaverei befreit und geht in die Freiheit hinaus.
וְאִם־שֵׁן עַבְדּוֹ אוֹ־שֵׁן אֲמָתוֹ יַפִּיל לַחָפְשִׁי יְשַׁלְּחֶנּוּ תַּחַת שִׁנּוֹ׃
we'im-schén awdó o-schén amató jappíl lachofschí jeschallechénnu táchat schínno
27 Und wenn er einen Zahn seines Sklaven oder einen Zahn seiner Sklavin ausschlägt, so wird er (sie) für seinen Zahn in die Freiheit hinausgehen.
Interessant ist, dass sich im Hebräischen der Ausdruck „mit Mühe aus etwas herauskommen“ herausgebildet hat, das heißt „für Zahn und für Auge hinausgehen“, sozusagen mit letzter Kraft hinausgehen, sich aus etwas losreißen. Warum das Auge gesondert und der Zahn gesondert? Weil es nur zwei Augen gibt und die Beschädigung eines Auges eine sehr ernste Beschädigung ist. Ein Zahn ist eine kleinere Beschädigung. Ein Mensch wird als Arbeiter nicht einmal nach der Anzahl seiner Zähne bewertet. Für den Besitzer macht es keinen besonderen Unterschied, wie viel er isst. Ein Zahn unterscheidet sich doch im Ausmaß des Schadens, und es lohnt sich hier zu sagen, dass der Besitzer sogar wegen eines kleinen Schadens, der dem Sklaven zugefügt wurde, verpflichtet ist, ihn in die Freiheit zu entlassen. Der Preis jedes Organs: eines Fingers, eines Ohrs, eines Zahns – das ist die Freiheit. Der Sklave hat ein Recht auf seinen Körper. Wenn sein Körper irgendwie beschädigt wird, dann geht er in die Freiheit hinaus. Und wir sprechen jetzt über das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, über vorsätzliche Verbrechen, über nicht vorsätzliche Verbrechen, darüber, wann der Mensch es beabsichtigte und es geschah, oder es versehentlich geschah.
Die Tora beschreibt verschiedene Situationen, aber die Welt besteht nicht nur aus Menschen, in der Welt gibt es auch das Eigentum der Menschen, auch Eigentum kann Schaden anrichten, und davon lesen wir weiter:
וְכִי־יִגַּח שׁוֹר אֶת־אִישׁ אוֹ אֶת־אִשָּׁה וָמֵת סָקוֹל יִסָּקֵל הַשּׁוֹר וְלֹא יֵאָכֵל אֶת־בְּשָׂרוֹ וּבַעַל הַשּׁוֹר נָקִי׃
wechi-jiggách schor et-ísch o et-ischá wamét sakól jissakél haschór weló je'achél et-besaró uwá'al haschór nakí
28 Wenn ein Stier einen Mann oder eine Frau stößt und dieser Mann oder diese Frau gestorben sind, wird der Stier mit Steinen erschlagen werden und nicht gegessen werden (sein Fleisch wird nicht gegessen werden), und der Besitzer des Stiers wird rein sein.
Der Stier hat einen Besitzer, und durch eine Unachtsamkeit des Besitzers oder vielleicht durch eine Unachtsamkeit des Mannes oder der Frau, gleichgültig durch wessen Schuld das geschehen ist, hat der Stier einen Menschen gestoßen, und der Mensch ist gestorben. Hier gibt es keine böse Absicht eines Menschen, es gibt nicht einmal eine unvorsätzliche Tötung seitens des Besitzers des Stiers, man kann sagen, dass das eine Naturerscheinung ist, aber die Tora sagt: Der Stier wird mit Steinen erschlagen werden, das heißt, er wird so getötet werden, dass man ihn nicht essen kann, und der Besitzer des Stiers wird rein sein. Er hat als Strafe erhalten, dass er den Stier verloren hat. Ein Stier ist ein ziemlich teures Eigentum, er konnte alles sein, was ein Mensch hat. Man kann sich diese Geschichte auch anders vorstellen: Wenn ein Mensch wegen eines Defekts seines Autos, eines unerwarteten Defekts, einen Unfall verursacht hat, dann erfolgt der ganze Schadenersatz auf Kosten der Versicherungsgesellschaft, im Grunde kann man sagen, „auf Kosten des Autos“, wenn es ein zufälliger Defekt ist, auf den der Mensch wirklich nicht achten konnte. Ich vereinfache sehr, ich vergleiche einfach, damit die Gesetze verständlich sind. Die Tora spricht nicht nur von Stieren, aber das, was sie sagt, ist im Großen und Ganzen auch auf einen Hund anwendbar. Und wenn wir sagen: „Wenn er mit einem Stab geschlagen hat“, dann ist klar, dass, wenn man mit einer Armierungsstange oder mit Nunchakus schlägt, die Regel des Stabes hier ebenfalls anwendbar ist. Die Tora führt uns konkrete Gerichtsfälle an, damit wir das Gesamtbild sehen. Genauso ist es auch mit dem Stier.
וְאִם שׁוֹר נַגָּח הוּא מִתְּמֹל שִׁלְשֹׁם וְהוּעַד בִּבְעָלָיו וְלֹא יִשְׁמְרֶנּוּ וְהֵמִית אִישׁ אוֹ אִשָּׁה הַשּׁוֹר יִסָּקֵל וְגַם־בְּעָלָיו יוּמָת׃
we'ím schor naggách hu mittemól schilschóm wehu'ád biw'aláw weló jischmerénnu wehemít isch o ischá haschór jissakél wegam-be'aláw jumát
29 Und wenn es ein stößiger Stier ist, gestern und vorgestern und vor drei Tagen, und man den Besitzer gewarnt hat (wenn man ihm gesagt hat: „Hör mal, pass auf deinen Stier auf, er ist zu aggressiv“), und er danach nicht auf ihn aufgepasst hat, und dieser Stier einen Mann oder eine Frau getötet hat – so wird der Stier mit Steinen erschlagen werden, und auch sein Besitzer wird sterben.
Wieder einmal: Wenn ein Mensch weiß, dass sein Auto defekt ist, irgendeine seiner Maschinen defekt ist, und er nicht darauf geachtet hat, sich nicht darum gekümmert hat, das zu reparieren, obwohl man ihn gewarnt hat, obwohl dieser Defekt sich schon bemerkbar gemacht hat, dann verliert er nicht nur sein Eigentum, sondern unterliegt auch einer Strafe. In diesem Fall beginnen wir scheinbar von der Todesstrafe zu sprechen, aber in Vers 30 lesen wir:
אִם־כֹּפֶר יוּשַׁת עָלָיו וְנָתַן פִּדְיֹן נַפְשׁוֹ כְּכֹל אֲשֶׁר־יוּשַׁת עָלָיו׃
im-kófer juschát aláw wenatán pid'jon nafschó kechól ascher-juschát aláw
30 Wenn ihm ein Lösegeld auferlegt wird, wird er ein Lösegeld für seine Seele geben.
Und wieder: Wir wollen nicht den Tod eines Menschen, selbst wenn er manchmal den Tod verdient, deshalb ist ihm die Möglichkeit gegeben, für sich ein Lösegeld zu geben. Wenn man ihn schon wegen seines Stiers gewarnt hatte, wenn man ihn schon gewarnt hatte, dass seine Handlungen zu einem Unglück führen können, er aber nichts getan hat, um für die Sicherheit der Menschen um ihn herum zu sorgen. Hier sprechen wir davon, wenn bei Unfällen, bei irgendwelchen Unglücken etwas oder jemand beteiligt ist, dessen Willen wir nicht überwachen können, sondern nur ihn selbst überwachen können, darauf achten, dass er funktioniert, dass er sicher existiert.
Es entsteht noch eine interessante Frage: Wenn ein Stier, der stößt, sofort mit Steinen erschlagen und nicht gegessen wird, woher kommt dann bei uns in Vers 29 so ein Wiederholungstäter von Stierchen, der es fertigbringt, sowohl seit gestern als auch seit vorgestern stößig zu sein, und den Besitzer warnt man bloß? Nun, das ist der Fall, wenn der Stier jemanden gestoßen hat oder zu stoßen versucht hat, aber ohne schwere Folgen, oder jemandem gedroht hat. Oder man hat diesen Stier bloß verdächtigt und wusste nicht, ob es wirklich dieser Stier war, und hat mehrere Besitzer gewarnt. Es gibt verschiedene Varianten. Nun, es gibt ja Warnungen darüber, dass zum Beispiel in irgendwelchen Autos irgendein defektes System ist, dass man bei irgendwelchen Geräten auf etwas Besonderes achten muss, und in unserem Fall ist es ungefähr so eine Situation. Was tun, wenn nicht alles von uns abhängt? Wir müssen in diesem Fall das tun, was von uns abhängt.
אוֹ־בֵן יִגָּח אוֹ־בַת יִגָּח כַּמִּשְׁפָּט הַזֶּה יֵעָשֶׂה לּוֹ׃
o-wén jiggách o-wát jiggách kammischpát hassé je'ásse lo
31. Wenn er einen Sohn stößt oder eine Tochter stößt, wird ihm getan werden wie dieser Rechtsspruch.
Wozu ist uns das geschrieben? Das ist uns dazu geschrieben, damit wir das, was wir jetzt gelernt haben, auch auf Kinder ausdehnen. Kinder können, man kann sagen, wie Rowdys, unerwartet auf die Straße springen, sich unter die Räder werfen, wer weiß, was sie sonst noch anstellen. Vielleicht haben sie vor diesem Stier mit einer roten Revolutionsfahne gewedelt, und der Stier ist auf sie losgegangen. Ja, ich weiß, dass Stiere keine Farben unterscheiden, das ist nur eine Metapher. Das heißt, vielleicht hat das Kind den Stier gereizt … Egal. Ob Junge, ob Mädchen, ob ein Schwarzer vorgerückten Alters – das spielt keine Rolle, dieses Gericht wird über den Besitzer des Stiers gehalten, und man kann zum Fußgänger, zum Passanten oder zum Jungen nicht sagen: „Du bist selbst schuld.“
אִם־עֶבֶד יִגַּח הַשּׁוֹר אוֹ אָמָה כֶּסֶף שְׁלֹשִׁים שְׁקָלִים יִתֵּן לַאדֹנָיו וְהַשּׁוֹר יִסָּקֵל׃
im-éwed jiggách haschór o amá késsef scheloschím schekalím jittén ladonáw wehaschór jissakél.
32 Und wenn ein Stier einen Sklaven oder eine Sklavin stößt, soll man ihrem Herrn dreißig Schekel in Silber geben, und der Stier wird gesteinigt werden.
In diesem Fall ist mit Sklave und Sklavin ein Fremder gemeint, das heißt ein Sklave oder eine Sklavin aus anderen Völkern, denn für „sowjetische Sklaven“Im Russischen steht hier wörtlich „sowjetische Sklaven“. Vermutlich ist das ein Hörfehler der Mitschrift und gemeint sind die eigenen, israelitischen Sklaven; wir haben den Wortlaut beibehalten. kann es ein solches Gericht nicht geben: Sie haben Verwandte. Ein Sklave aber, der aus den Fremdstämmigen genommen ist, vielleicht ist er infolge eines Krieges irgendwo gefangen genommen worden, hat keine Verwandten, niemand ist auf seinen Unterhalt angewiesen, und außer dem Besitzer hat er niemanden. 30 Schekel sind der Standardpreis für einen statistisch durchschnittlichen Sklaven. Wenn sich plötzlich herausstellt, dass er Chinesisch kann, Cello spielen oder auf dem Seil gehen kann, steigt sein Preis, aber im Durchschnitt ist der Standardpreis eines Sklaven, ohne Berücksichtigung seiner Fähigkeiten, 30 Schekel. Und 30 Schekel sind 30 Maß Silber: der Verkaufspreis eines Sklaven und nicht nur der Verkaufspreis eines Sklaven.
Und der Stier wird trotzdem gesteinigt. Das heißt, wenn das einem Sklaven geschieht, der nur Eigentum des Besitzers ist, dann wird dem Besitzer der Schaden ersetzt. Entsprechend, wenn es ein Auto ist, das nicht in den Sklaven des Besitzers gefahren ist, sondern in seinen Karren, in irgendein Eigentum von ihm, wenn es eine Beschädigung von Eigentum ist, dann wird der Wert des Eigentums ersetzt. Woraus wird es ersetzt? Nun, wiederum aus der Autoversicherung, wenn man das in die heutige Sprache überträgt.
In Vers 33 ist wieder von Situationen die Rede, in denen der Tod nicht vorsätzlich, sondern aus Fahrlässigkeit eintritt. Also:
וְכִי־יִפְתַּח אִישׁ בּוֹר אוֹ כִּי־יִכְרֶה אִישׁ בֹּר וְלֹא יְכַסֶּנּוּ וְנָפַל־שָׁמָּה שּׁוֹר אוֹ חֲמוֹר׃
wechi-jiftách isch bor o ki-jichré isch bor weló jechassénnu wenafal-schámma schor o chamór
33 Wenn ein Mensch eine Grube öffnet (eine schon fertige Grube öffnet) oder ein Mensch eine Grube gräbt und sie nicht zudeckt, und ein Stier oder ein Esel fällt hinein,
Das heißt, fahrlässige Schädigung von Eigentum.
בַּעַל הַבּוֹר יְשַׁלֵּם כֶּסֶף יָשִׁיב לִבְעָלָיו וְהַמֵּת יִהְיֶה־לּוֹ׃
bá'al habbór jeschallém késsef jaschíw liw'aláw wehammét jihje-ló
34… der Besitzer der Grube wird Geld bezahlen (derjenige, der sie geöffnet hat), und das umgekommene Tier wird ihm gehören.
Das heißt, der Besitzer der Grube zahlt den Besitzern des Esels oder des Stiers den vollen Wert dieses Tieres, und das Tier selbst bleibt bei ihm. Wenn durch unsere Schuld bei einem Menschen irgendein Eigentum beschädigt worden ist, dann bezahlen wir ihm den vollen Wert, und das Eigentum selbst bleibt uns. Wenn wir versehentlich jemandes Handy zerbrochen haben, müssen wir den Wert dieses Handys auszahlen, und das zerbrochene Handy selbst bleibt uns. Nun, selbstverständlich berücksichtigen wir jetzt den Datenschutz nicht.
וְכִי־יִגֹּף שׁוֹר־אִישׁ אֶת־שׁוֹר רֵעֵהוּ וָמֵת וּמָכְרוּ אֶת־הַשּׁוֹר הַחַי וְחָצוּ אֶת־כַּסְפּוֹ וְגַם אֶת־הַמֵּת יֶחֱצוּן׃
wechi-jiggóf schor-ísch et-schór re'éhu wamét umacherú et-haschór hacháj wechazú et-kaspó wegám et-hammét jechezún
35 Wenn zwei Stiere aneinandergeraten sind und einer den anderen gestoßen hat und (dieser) gestorben ist, wird man den lebenden Stier verkaufen, das Geld teilen, und den toten Stier wird man auch teilen.
Zwei Stiere haben sich gerauft. Da sind zwei Stiere, die beide unlenkbar sind, beide haben keinen Verstand, weder irgendwelche Absichten noch irgendwelche Befürchtungen. Alles wird geteilt. Also, wenn irgendein Schaden dem Eigentum halb und halb zugefügt ist, dann wird also auch der Schaden zur Hälfte geteilt. Wenn dieser Schaden mit Stieren, mit Hunden oder mit etwas zusammenhängt, das wir nicht lenken können. Aber wiederum, wie wir auch das letzte Mal gesagt haben:
אוֹ נוֹדַע כִּי שׁוֹר נַגָּח הוּא מִתְּמוֹל שִׁלְשֹׁם וְלֹא יִשְׁמְרֶנּוּ בְּעָלָיו שַׁלֵּם יְשַׁלֵּם שׁוֹר תַּחַת הַשּׁוֹר וְהַמֵּת יִהְיֶה־לּוֹ׃
o nodá ki schór naggách hu mittemól schilschóm weló jischmerénnu be'aláw schallém jeschallém schor táchat haschór wehammét jihje-lo.
36 Wenn bekannt ist, dass einer der Stiere stößig ist und sein Besitzer ihn nicht bewacht hat, dann wird er für den umgekommenen Stier den vollen Wert bezahlen, und der Kadaver wird ihm gehören.
In Vers 37 ist es schon eine ganz andere Geschichte:
כִּי יִגְנֹב־אִישׁ שׁוֹר אוֹ־שֶׂה וּטְבָחוֹ אוֹ מְכָרוֹ חֲמִשָּׁה בָקָר יְשַׁלֵּם תַּחַת הַשּׁוֹר וְאַרְבַּע־צֹאן תַּחַת הַשֶּׂה׃
ki jignow-ísch schor o-sé utwachó o mecharó chamischá wakár jeschallém táchat haschór we'arba-zón táchat hassé
37 Wenn ein Mensch einen Stier oder ein Lamm stiehlt und ihn schlachtet oder ihn verkauft, wird er fünf Werte eines Stiers für den Stier bezahlen und vier Werte eines Schafes oder Böckchens für das Schaf oder Böckchen bezahlen.
Warum ein solcher Unterschied? Dazu gibt es eine sehr interessante Bemerkung. Wenn ein Mensch einen Stier stiehlt, treibt er ihn mit einer Gerte und führt ihn irgendwohin. Meistens, wenn ein Mensch einen Widder stiehlt, trägt er ihn auf sich. Darin liegt ein Element der Schande, der Angst. Der Mensch erleidet irgendwelche Leiden, er läuft mit diesem Widder, mit diesem Schaf oder mit dieser Ziege herum, das ist ihm sehr unangenehm, er schämt sich, und dafür hat er einen mildernden Umstand. Für den Stier, den der Mensch treibt, wird fünffach vergolten, und für das Schaf, das er auf sich trägt, vierfach, weil darin die Schande liegt, die der Mensch schon erlitten hat.
Wir lesen noch ein kleines Stückchen des zweiundzwanzigsten Kapitels, das mit einem ganz anderen Fall beginnt, man kann sagen, mit einem Fall von Selbstverteidigung:
אִם־בַּמַּחְתֶּרֶת יִמָּצֵא הַגַּנָּב וְהֻכָּה וָמֵת אֵין לוֹ דָּמִים׃
im-bammachtéret jimmazé haggannáw wehukká wamét en lo damím
1 Wenn ein Dieb beim Durchbruch entdeckt wird und so geschlagen wird, dass er stirbt, dann liegt auf dem, der ihn getötet hat, keine Schuld für sein Blut.
In der Nacht überprüfte ein Mensch seinen Keller, entdeckte im Keller einen Durchbruch, entdeckte, dass dort ein Dieb ist, und bekam Angst vor ihm: Der Dieb kann ihn töten, wer weiß, was man von einem Dieb zu erwarten hat. Und aus Angst um sein Leben, zum Zweck der Selbstverteidigung, tötete der Besitzer diesen Dieb. Und er unterliegt keiner Strafe, da er zum Zweck der Selbstverteidigung getötet hat.
אִם־זָרְחָה הַשֶּׁמֶשׁ עָלָיו דָּמִים לוֹ שַׁלֵּם יְשַׁלֵּם אִם־אֵין לוֹ וְנִמְכַּר בִּגְנֵבָתוֹ׃
im-sarechá haschémesch aláw damím lo schallém jeschallém im-én lo wenimkár bignewató
2 Wenn aber über dem Dieb die Sonne aufgegangen ist, liegt auf dem, der ihn getötet hat, Schuld für sein Blut. Wenn der Dieb am Leben geblieben ist, dann muss er bezahlen, und wenn er nichts hat, womit er bezahlen kann, dann soll man ihn verkaufen für den Diebstahl, den er begangen hat.
Das heißt, wenn das aber bei Tageslicht geschieht und wir sehen, dass das einfach ein Dieb ist, der uns etwas stehlen will, uns aber nicht töten will, unser Leben nicht bedroht, dann darf man ihn nicht töten, von ihm kann man alles Gestohlene eintreiben. Wir wissen ja, dass es ein Durchbruch ist, und vielleicht ist nicht nur das abhandengekommen, was der Dieb jetzt hat (das, was er bei sich hat), sondern die ganze Summe des Gestohlenen, die Summe des Schadens kann man ihm anrechnen. Und wenn er das nicht hat, stülpt er die Taschen um und sagt: „Na ja, versoffen habe ich es, versoffen habe ich das, verjubelt oder für die kranke Mama ausgegeben“, dann wird er in diesem Fall für seinen Diebstahl in die Sklaverei verkauft, und hier ist das Motiv nicht wichtig.
אִם־הִמָּצֵא תִמָּצֵא בְיָדוֹ הַגְּנֵבָה מִשּׁוֹר עַד־חֲמוֹר עַד־שֶׂה חַיִּים שְׁנַיִם יְשַׁלֵּם׃
im-himmazé timmazé wejadó haggenewá mischór ad-chamór ad-sé chajím schenájim jeschallém
3 Wenn du bei ihm das Gestohlene findest, vom Ochsen bis zum Esel (oder Widder), wird er mit zwei lebenden Widdern bezahlen.
Das heißt, wenn man beim Dieb einen Widder oder eine Ziege oder einen Stier gefunden hat (lebendig, nicht lebendig – egal), zahlt er den doppelten Preis als einer, der auf frischer Tat ertappt wurde. Wenn ein Mensch, der mit dem Gestohlenen geflohen ist, eine Summe auszahlt, die vier- oder fünfmal größer ist, haben wir gelesen, dann zahlt er hier beim Durchbruch, wenn man den Dieb gefasst hat, wenn er es geschafft hat, etwas wegzuschleppen, den doppelten Preis in lebenden Widdern, lebenden Schafen, lebenden Ziegen. Zum Preis von lebenden.
Wir haben also einen ziemlich großen Abschnitt mit verschiedenen Rechtssprüchen gelesen. Und darin ist nicht von konkreten Fällen die Rede, die Tora spricht nicht nur vom Dieb beim Durchbruch, nicht nur von dem Menschen, der seinen Sklaven getötet hat, wir müssen dahinter rekonstruieren, versuchen, das allgemeine Schema zu sehen, die allgemeinen Prinzipien der Rechtsprechung des Höchsten.
Das war nicht ich, und überhaupt aus Versehen
Schemot 22,4–26
Wir lesen weiter ab Vers 4 von Kapitel 22. Ich wiederhole, was ich schon gesagt habe: Dieser Wochenabschnitt enthält keine Beschreibung von Ereignissen, sondern besteht aus einer Liste von Gesetzen, die Beispiele sind, Muster für den Aufbau eines Gesetzgebungssystems, für den Aufbau des Rechts in der Gesellschaft des Volkes Gottes. Und wir lesen Gesetz um Gesetz, Beispiel um Beispiel, damit sich bei uns ein allgemeines Verständnis bildet, wie und warum das alles eingerichtet sein muss.
כִּי יַבְעֶר־אִישׁ שָׂדֶה אוֹ־כֶרֶם וְשִׁלַּח אֶת־בְּעִירָה (בְּעִירוֹ) וּבִעֵר בִּשְׂדֵה אַחֵר מֵיטַב שָׂדֵהוּ וּמֵיטַב כַּרְמוֹ יְשַׁלֵּם׃
ki jaw'er-ísch sadé o-chérem weschillách et-be'iró uwi'ér bisdé achér metáw sadéhu umetáw karmó jeschallém
4 Wenn ein Mensch ein Feld oder einen Weinberg zertrampelt (zum Zertrampeln bringt) und seine Trampler losgeschickt hat, dann wird er mit einem anderen Feld aus seinen besten Feldern und aus seinen besten Weinbergen bezahlen.
Wer sind die Trampler? Das ist Kleinvieh, größtenteils Schafböcke; sie zertrampeln alles, was sie nicht fressen, stampfen den Boden hinter sich sehr fest, er wird schwer zu bearbeiten, die Saaten gehen zugrunde, und den Feldern wird ein nicht wiedergutzumachender Schaden zugefügt. Dasselbe tun auch die Wildschweine, aber die Wildschweine sind natürlich nicht in der Gewalt des Menschen. Das heißt, wenn ich meine Schafböcke (aus Unvorsichtigkeit oder absichtlich) auf ein fremdes Feld getrieben und es verdorben habe, muss ich mit gleichwertigem Land entschädigen. Aber ich kann zu dem Menschen nicht sagen: „Ich habe ein Grundstück ein bisschen südlich von Salechard, dort kannst du dir einen Weinberg anlegen, ich gebe es dir von ganzem Herzen als Entschädigung.“ Nein, ich muss bezahlen und meinen besten Weinberg oder mein bestes Feld hergeben, selbst wenn dieses Feld von der Qualität her besser ist als das, welches ich beschädigt habe. Denn ein Mensch muss für seine Unaufmerksamkeit bezahlen.
Das zweite Beispiel handelt ebenfalls von Unaufmerksamkeit oder Unvorsichtigkeit:
כִּי־תֵצֵא אֵשׁ וּמָצְאָה קֹצִים וְנֶאֱכַל גָּדִישׁ אוֹ הַקָּמָה אוֹ הַשָּׂדֶה שַׁלֵּם יְשַׁלֵּם הַמַּבְעִר אֶת־הַבְּעֵרָה׃
ki-tezé esch umazeá kozím wene'echál gadísch o hakkamá o hassadé schallém jeschallém hammaw'ír et-habbe'erá
5 Wenn ein Feuer ausbricht und es Dornen entzündet, und ein Schober verbrennt oder der ungeschnittene Teil der Ernte oder ein ganzes Feld, wird derjenige, der den Brand herbeigeführt hat, als Bezahlung den Wert des Angezündeten bringen.
Das heißt, man muss irgendein Geldäquivalent (nach Schätzung der Richter) für den Marktwert des Weizens oder des Heuschobers oder dessen, was beschädigt ist, bezahlen. Hier gibt es keine Überzahlung, das ist keine doppelte Bezahlung, keine vierfache Bezahlung, sondern eine Bezahlung des vollen Äquivalents. Feuer ist natürlich viel weniger beherrschbar als Stiere oder als Vieh, das Felder zertrampelt, aber auch mit ihm ist Vorsicht gefordert, für Unvorsichtigkeit muss man bezahlen. Wenn ich unvorsichtig ein Lagerfeuer gemacht habe und das Feld des Nachbarn in Brand geraten ist, kann ich zum Nachbarn nicht sagen: „Na, entschuldige, das ist höhere Gewalt, das hängt nicht von mir ab.“ Es hängt von mir ab. Eine ungefähr ähnliche Situation ist es, wenn ich die Wohnung des Nachbarn überflutet oder versehentlich in Brand gesteckt habe.
כִּי־יִתֵּן אִישׁ אֶל־רֵעֵהוּ כֶּסֶף אוֹ־כֵלִים לִשְׁמֹר וְגֻנַּב מִבֵּית הָאִישׁ אִם־יִמָּצֵא הַגַּנָּב יְשַׁלֵּם שְׁנָיִם׃
ki-jittén isch el-re'éhuDie russische Umschrift hat in diesem Wort ein g statt eines h. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: re'éhu. késsef o-chelím lischmór wegunnáw mibbét ha'ísch im-jimmazé haggannáw jeschallém schenájim
6 Wenn ein Mensch seinem Nächsten Silber oder Gefäße gibt, zum Aufbewahren dagelassen hat, und dieses Geld dem Menschen gestohlen wurde, und wenn in dieser Zeit der Dieb gefunden wird, dann wird er den doppelten Wert bezahlen.
Das heißt, eine Situation, in der jemand, als er in ferne Länder verreiste, den silbernen Krug seines Großvaters, ein Set silberner Löffel und 500 Dollar in bar bei einem seiner Freunde gelassen und gebeten hat: „Bewahre es bitte auf, ich komme zurück und hole es ab, denn auf die Reise kann ich es nicht mitnehmen“, und all das wurde aus seinem Haus gestohlen. Eine sehr unangenehme Situation. Ich stelle mich an die Stelle jedes der Helden dieser Geschichte: Ich habe bei jemandem etwas für mich Wertvolles gelassen, irgendwelche Sachen, die silbernen Leuchter meiner Urgroßmutter, ich komme zurück, und man sagt mir: „Die Leuchter wurden gestohlen.“ Andererseits stelle ich mich auch an die Stelle des Menschen, bei dem diese Leuchter aufbewahrt wurden; man hat sie ihm gestohlen, und er muss sich irgendwie rechtfertigen. Er wollte doch eigentlich eine gute Tat tun, und nun steht er als Schuldiger da.
אִם־לֹא יִמָּצֵא הַגַּנָּב וְנִקְרַב בַּעַל־הַבַּיִת אֶל־הָאֱלֹהִים אִם־לֹא שָׁלַח יָדוֹ בִּמְלֶאכֶת רֵעֵהוּ׃
im-ló jimmazé haggannáw wenikráw ba'al-habbájit el-ha'elohím im-ló schalách jadó bimléchet re'éhu
7 Und wenn sich der Dieb nicht gefunden hat, dann wird man den Hausherrn heranbringen, ihn vor den Richtern (oder vor dem Höchsten, hier kann man es auf zweierlei Weise verstehen) zum Schwur führen, damit er schwört, dass er seine Hand nicht nach der Arbeit des Nächsten ausgestreckt hat.
Was bedeutet hier Arbeit des Nächsten? Das bedeutet, dass er diesen Gegenstand nicht nur nicht genommen, nicht gestohlen, sondern auch nicht benutzt hat. Das heißt, wenn ich bei jemandem meine Leuchter oder meinen Hobel lasse, dann gibt es einen Unterschied, ob dieser Mensch sie im Haushalt benutzen wird oder nicht. Wenn er angefangen hat, meinen Hobel zu benutzen, ihn irgendwo liegen gelassen hat und der Hobel gestohlen wurde, dann liegt hier schon offensichtlich eine Nachlässigkeit vor. Der Mensch hat nicht daran gedacht, meine Bitte vollständig zu erfüllen.
עַל־כָּל־דְּבַר־פֶּשַׁע עַל־שׁוֹר עַל־חֲמוֹר עַל־שֶׂה עַל־שַׂלְמָה עַל־כָּל־אֲבֵדָה אֲשֶׁר יֹאמַר כִּי־הוּא זֶה עַד הָאֱלֹהִים יָבֹא דְּבַר־שְׁנֵיהֶם אֲשֶׁר יַרְשִׁיעֻן אֱלֹהִים יְשַׁלֵּם שְׁנַיִם לְרֵעֵהוּ׃
al-kol-dewar-péscha al-schór al-chamór al-sé al-salmá al-kol-awedá aschér jomár ki-hu se ad ha'elohím jawó dewar-schenehémDie russische Umschrift hat in diesem Wort ein g statt eines h. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: schenehém. aschér jarschi'ún elohím jeschallém schenájim lere'éhu
8 Für jedes Vergehen: für einen Stier, für einen Esel, für einen Ziegenbock, für ein Kleid, für jeden Verlust, wenn ein Zeuge kommt und sagt, dass es jener war, und die Sache der beiden vor die Richter gelangt, und wer schuldig gesprochen wird, der wird seinem Nächsten den doppelten Teil bezahlen.
Nehmen wir an, ich bin zu dem Menschen gekommen und sage zu ihm: „Gib meine Leuchter heraus.“ Und er sagt: „Alex, verzeih, deine Leuchter wurden gestohlen, verzeih, ich habe nicht aufgepasst.“ Nehmen wir an, ich habe dem Freund nicht geglaubt und sage: „Gehen wir zu den Richtern, du wirst schwören“, und er hat geschworen. Dann taucht ein Zeuge auf und sagt: „Ich habe gesehen, wie dieses ‚Radieschen‘, dieser üble Mensch, deine Leuchter bei sich unter der Scheune vergraben hat.“ So eine Situation ist das hier. Das heißt, es gibt einen Zeugen, es gibt einen Ankläger, die Richter hören zu, schauen hin. Wenn der Ankläger recht hatte, wenn dieser Mensch, der den Diebstahl gemeldet hat, tatsächlich schuldig gesprochen wird, dann wird er seinem Nächsten den doppelten Teil bezahlen. Und wenn der Zeuge auf einen anderen Menschen zeigt, auf den Dieb, der wirklich gestohlen hat, nicht auf den Hausherrn, Gott vergib, dann wird hier schon derjenige, der gestohlen hat, den doppelten Teil bezahlen. Aber der direkte Sinn ist: Wenn man doch den Hausherrn, in dessen Haus meine Sachen aufbewahrt wurden, schuldig spricht, dann wird er in diesem Fall den doppelten Teil bezahlen. Wenn sie ihm aber aus dem Haus gestohlen wurden, aber bewiesen wird, dass er sie nicht genommen hat, nicht daran beteiligt ist, dann ist das ein Fall höherer Gewalt.
Noch ein Beispiel, das sich, so scheint es, durch nichts vom vorigen Beispiel unterscheidet:
כִּי־יִתֵּן אִישׁ אֶל־רֵעֵהוּ חֲמוֹר אוֹ־שׁוֹר אוֹ־שֶׂה וְכָל־בְּהֵמָה לִשְׁמֹר וּמֵת אוֹ־נִשְׁבַּר אוֹ־נִשְׁבָּה אֵין רֹאֶה׃
ki-jittén isch el re'éhu chamór o-schór o-sé wechol-behemá lischmór umét o-nischbár o-nischbá en ro'é
9 Wenn ein Mensch seinem Nächsten einen Esel oder einen Stier oder ein Schäfchen und jedes Stück Vieh zur Aufbewahrung gibt, und das Tier ist gestorben oder verkrüppelt oder in Gefangenschaft weggeführt worden, und es gibt keinen Zeugen –
שְׁבֻעַת יְהוָה תִּהְיֶה בֵּין שְׁנֵיהֶם אִם־לֹא שָׁלַח יָדוֹ בִּמְלֶאכֶת רֵעֵהוּ וְלָקַח בְּעָלָיו וְלֹא יְשַׁלֵּם׃
schewu'át adonáj tihjé ben schenehém im-ló schalách jadó bimléchet re'éhu welakách be'aláw weló jeschallém
10 Ein Schwur vor dem HERRN wird zwischen ihnen sein: Wenn er seine Hand nicht nach dem Gut des Besitzers (nach diesem Tier) ausgestreckt hat, wird er nicht bezahlen.
Wieder gibt es keinen Zeugen, aber ich habe diesem Menschen ja vertraut, zwischen uns war Vertrauen; deshalb, wenn es schon mit Vertrauen begonnen hat, lasst uns auch mit Vertrauen enden – ein Schwur Gottes wird zwischen den beiden sein.
וְאִם־גָּנֹב יִגָּנֵב מֵעִמּוֹ יְשַׁלֵּם לִבְעָלָיו׃
we'im-ganów jigganéw me'immó jeschallém liw'aláw
11 Wenn man ihm dieses Tier gestohlen hat, dann wird er seinem Besitzer bezahlen.
אִם־טָרֹף יִטָּרֵף יְבִאֵהוּ עֵד הַטְּרֵפָה לֹא יְשַׁלֵּם׃
im-taróf jittaréf jewi'éhu ed hatterefá lo jeschallém
12 Und wenn es bei ihm gerissen wurde und er ein Zeugnis vorlegt, dann wird er für das Gerissene nicht bezahlen.
Worin liegt der Unterschied? Warum heißt es im einen Fall, wenn gestohlen wurde – na gut, gestohlen, Entschuldigung, und im anderen Fall, wenn gestohlen wurde – wird er bezahlen. Der Unterschied liegt hier darin, dass ich im ersten Fall den Menschen gebeten habe: „Mein Freund, bewahre mir bitte unentgeltlich, als Gefälligkeit, bewahre mir meine Sache auf.“ Im zweiten Fall habe ich dem Menschen mein Stierkalb, mein Schäfchen gegeben, damit er es weidet, habe ihm einen Monatslohn dafür festgesetzt, dass er Hirte ist, und er erweist mir keinen Gefallen, sondern bekommt von mir Geld. Das ist ein großer Unterschied. Deshalb, wenn man ihm gestohlen hat, bedeutet das, er hat schlecht aufgepasst und es nicht im Auge behalten. Wenn man es ihm aber weggenommen und gerissen hat und er das beweisen kann, dann muss er mir dafür nicht bezahlen, er muss es mir nicht ersetzen. Warum ist das so? Ich erwarte nicht, dass der Hirte, den ich angestellt habe, sich mit der Brust auf ein Rudel Wölfe wirft, die zu ihm gekommen sind, um einen Schafbock zu holen. Und ich erwarte nicht, dass er sich in die Kugeln von Banditen stürzt, die gekommen sind, um ihm ein Zicklein wegzunehmen. Deshalb, wenn er einfach aus Unaufmerksamkeit oder aus Nachlässigkeit einen Diebstahl zugelassen hat – das ist das eine. Aber wenn er nicht sein Leben riskiert hat, irgendwo den Räubern nachgegeben hat, dann ist das etwas völlig anderes, und er ist in diesem Fall natürlich nicht verpflichtet zu bezahlen. Ich selbst würde mich auch nicht immer für ein Schäfchen in fremde Kugeln stürzen, um so weniger kann ich von meinem Lohnarbeiter verlangen, das zu tun.
וְכִי־יִשְׁאַל אִישׁ מֵעִם רֵעֵהוּ וְנִשְׁבַּר אוֹ־מֵת בְּעָלָיו אֵין־עִמּוֹ שַׁלֵּם יְשַׁלֵּם׃
wechi-jisch'ál isch me'ím re'éhu wenischbár o-mét be'aláw en-immó schallém jeschallém
13 Und wenn ein Mensch sich bei seinem Nächsten etwas geliehen hat, und wenn das gestorben ist (oder zerbrochen ist), und der Besitzer (des Tieres oder des Gegenstands) nicht dabei war, dann muss der, der es genommen hat, dafür bezahlen.
Hier ist die Situation so: Ein Mensch will sich bei mir etwas leihen und sagt: „Alex, gib mir den Rasenmäher (zum Beispiel), ich will den Rasen mähen.“ Das heißt, mein Nachbar ist zu mir gekommen und hat gesagt: „Nachbar, gib her.“ Ich habe ihn ihm gegeben, er ist gegangen, ist Rasen mähen gegangen, hat versehentlich versucht, einen Ziegelstein zu mähen, und der Rasenmäher hat „alle viere von sich gestreckt“. Also muss dieser Mensch mir bezahlen. Wenn ich aber selbst mit meinem Rasenmäher gegangen bin, um beim Nachbarn den Rasen zu mähen – ihn nicht einfach verliehen habe, sondern dabei war, als mein Rasenmäher kaputtgegangen ist –, dann schuldet er mir nichts, muss keine Entschädigung bezahlen. Davon lesen wir in Vers 14:
אִם־בְּעָלָיו עִמּוֹ לֹא יְשַׁלֵּם אִם־שָׂכִיר הוּא בָּא בִּשְׂכָרוֹ׃
im-be'aláw immó lo jeschallém im-sachír hu ba bischaró
14 Wenn aber sein Besitzer bei ihm (dem Tier oder dem Gegenstand) ist, muss er nicht bezahlen; wenn es gemietet ist, dann ist es für seinen Lohn gekommen.
Das heißt, wenn ich, Alex, mit meinem Rasenmäher gegangen bin, wird man mir die Beschädigung des Geräts nicht bezahlen. Aber wenn man mich für Geld angestellt und gesagt hat: „Geh und mäh den Rasen, und du bekommst etwas dafür“ – ich weiß nicht einmal, wie viel ich für das Mähen eines Rasens nehmen würde, aber glaubt mir, teuer –, dann muss man mir dieses „teuer“ bezahlen. So geht es in einer Gesellschaft anständiger Menschen zu.
Jetzt sprechen wir über Fälle, die völlig aus der Reihe fallen.
וְכִי־יְפַתֶּה אִישׁ בְּתוּלָה אֲשֶׁר לֹא־אֹרָשָׂה וְשָׁכַב עִמָּהּ מָהֹר יִמְהָרֶנָּה לּוֹ לְאִשָּׁה׃
wechi-jefatté isch betulá aschér lo-orássa weschacháw immá mahór jimharénna lo le'ischá
15 Wenn ein Mensch eine Jungfrau verführt, die nicht verlobt ist, und sich zu ihr gelegt hat, – wird er ihren vollen Wert bezahlen.
Mahór (Brautpreis), Brautgeld oder Brautgabe – das ist irgendeine Summe, die der Bräutigam seinem künftigen Schwiegervater für dessen Tochter bezahlt. Selten kommt das Wort im Tanach vor, aber trotzdem gibt es es. Der Schwiegervater kann jede Summe verlangen, jeden Preis, aber für den Brautpreis gab es doch gewisse, sagen wir es so, übliche Marktpreise. Die Situation ist schrecklich: Im Grunde ist das Mädchen ein einziges Mal ausgerutscht, hat sich darauf eingelassen. Beachtet: Es geht hier nicht um Gewalt, sondern um Verführung, darum, dass ein Mensch das Mädchen mit irgendwelchen süßen Reden überredet hat. Aber jetzt ist er für sie verantwortlich, muss dem Vater den mahór (Brautpreis) bezahlen und sie heiraten. Er ist verpflichtet zu heiraten, es sei denn, es geschieht das, wovon wir in Vers 16 lesen:
אִם־מָאֵן יְמָאֵן אָבִיהָ לְתִתָּהּ לוֹ כֶּסֶף יִשְׁקֹל כְּמֹהַר הַבְּתוּלֹת׃
im-ma'én jema'én awíha letittá lo késsef jischkól kemóhar habbetulót
16 Und wenn der Vater sich weigert, sie ihm zu geben, muss man dem Vater den Brautpreis trotzdem bezahlen.
Das heißt, der Vater weigert sich und sagt: „Du bist mir kein Bräutigam, vom Stand her reichst du nicht heran“, oder aus irgendeinem anderen Grund, aber genau diesen mahór muss man ihm trotzdem bezahlen. Nach einigen Angaben, die auf uns gekommen sind, waren das damals ungefähr 40 Schekel in Silber. Die Zeiten änderten sich, und es gab Fälle, dass manche Mädchen für weniger als einen Sack Gold nicht einwilligten, die Heiligung (Kidduschin) zu vollziehen, das lesen wir im Talmud, im gleichnamigen Traktat Kidduschin, und dann war für solche Mädchen auch die Brautgabe entsprechend größer. So ist diese Situation und so ihre Lösung.
Wieder sehen wir, dass der Ansatz des Tanach, und das heißt auch der Ansatz des Höchsten, darin besteht, nach jedem Vergehen (wie bitter und traurig es auch sein mag) den Menschen nicht aus der Stadt hinauszuwerfen, indem man ihn einfach steinigt, sondern das Problem irgendwie zu lösen, damit die Menschen in der Gesellschaft weiter bestehen, vollwertige Glieder der Gesellschaft sein und zum Volk Gottes zurückkehren können.
Aber nicht bei allen gelingt das so, deshalb lesen wir in Vers 17:
מְכַשֵּׁפָה לֹא תְחַיֶּה׃
mechaschefá lo techajé
17 Eine Hexe (Wahrsagerin, Zauberin) sollst du nicht am Leben lassen.
Was bedeutet mechaschefá? Wer ist eine Wahrsagerin? Die Wurzel des Wortes, Kaf-Schin-Pe, ist dieselbe wie beim Wort kischúf (Zauberei, Magie). Im Grunde kann man das Wort kischúf in der heutigen Sprache als Korruption verstehen. Magier, Zauberer sagten, dass es sehr viele Kräfte gibt, sehr viele Arbeiter, Beamte in der göttlichen Welt. Tatsächlich gibt es viele Engel und viele Kräfte, durch die Gott handelt. Und statt sich oben zu einigen, alles nach dem Gesetz und nach den gesetzlichen Preislisten zu machen, kann man (auf niedriger Ebene) jemandem Bestechungsgeld geben, einen Polizisten anheuern, damit man einen Unschuldigen verhaftet, dem Gefängniswärter Bestechungsgeld geben, damit man einen Schuldigen freilässt. Das ist eine Parallele zur geistlichen Welt. Eine mechaschefá ist ein Bestecher, der die „Schliche“ in der geistlichen Welt kennt, eine Art Hacker, also ein Mensch, der versucht, die Gesetze Gottes zu knacken, am Gesetz vorbei. Es gibt Dinge, die existieren, wirken, aber es ist verboten, sie zu benutzen. Sie gehen von vornherein davon aus, dass Gottes Wille geändert wird, die göttliche Macht wird verleugnet. Höhere Kräfte und das Recht zu entscheiden werden denen gegeben, die kein Recht haben zu entscheiden. Daher kommt alle Zauberei, Beschwörungen, Verwünschungen, das Verhängen des bösen Blicks, das Lösen eines Schadenzaubers und anderes. All das kann kischúf sein, wenn es nicht an den Höchsten gerichtet ist. Jede Handlung, die an geistliche Kräfte außer dem Höchsten gerichtet ist, ist Magie, und eine solche Handlung ist verboten.
Worin liegt der Unterschied, sagen wir, zur Medizin? Gott hat auf irgendeine Weise festgelegt, dass, wenn wir einen bestimmten Stoff einnehmen, dieser so auf unser Gehirn wirkt, dass unsere Kopfschmerzen vergehen. Er hat das festgelegt und erlaubt, es zu tun. Die Biochemie des Gehirns ist keine Kraft, sie besitzt keinen eigenständigen Willen, wir statten sie nicht mit einem Willen aus. Wir bitten nicht: „Kopfschmerz, geh weg!“, wir wenden uns nicht an den Engel des Kopfschmerzes. Wir wirken auf bestimmte Prozesse im Gehirn ein, chemisch genauso, wie wir essen oder trinken.
Hierher gehört, sagen wir, auch die Massage. Wir wirken auf die Muskeln ein, entspannen sie physisch und dergleichen. Wenn wir uns dabei an Götter der Kraft oder an sonst jemanden wenden würden, wäre das Götzendienst, und das wäre kischúf, das wäre Magie. Deshalb ist eine Wahrsagerin oder mechaschifá diejenige, die die göttlichen Gesetze verletzt, die Schlupflöcher in der göttlichen Welt sucht. Meistens ist das ein Mythos, die meisten von ihnen haben keinerlei reale Wirkung, und all das ist Betrug. Aber es verbreitet den Glauben, dass man die göttlichen Server irgendwie knacken kann, dass man in den göttlichen Speicher auf ungesetzlichem Weg eindringen kann.
Außerdem lohnt es sich, darauf zu achten, dass das Wort mechaschifá im weiblichen Geschlecht steht. Einige Kommentatoren sagen, dass sich meistens Frauen mit dieser Sache beschäftigt hätten, aber das ist nicht so. Es gibt sehr viele Traktate über Magie, darunter auch jüdische Traktate über Magie, die von Männern geschrieben wurden. Die Magier beim Pharao waren Männer, die Magier bei Newuchadnezar waren Männer. Und im Großen und Ganzen ist es schwer, diese Sache den Frauen anzulasten. Das Wort mechaschifá ist in diesem Fall eine Sammelform der Sprache, wie man sagt: Der Fisch zieht, der Fisch beißt – nicht ein Fisch beißt, sondern viel Fisch beißt, oder: Der Vogel fliegt nach Süden, so sagt man auch in der heutigen russischen Sprache.
כָּל־שֹׁכֵב עִם־בְּהֵמָה מוֹת יוּמָת׃
kol-schochéw im-behemá mot jumát
18 Jeder, der sich zu einem Tier legt, wird des Todes sterben.
Das betrifft sowohl Männer als auch Frauen. Vielen wird das als völlig unrealer, fantastischer Fall erscheinen, aber selbst in unseren Tagen ist diese Erscheinung nicht ausgerottet, sie ist verbreitet (ich weiß nicht, ob in allen Ländern, aber von vielen Fällen habe ich mehrfach gehört). Manche Völker schämen sich übrigens nicht einmal, offen darüber zu erzählen. Offenbar war das in den Zeiten, als die Tora gegeben wurde, eine noch verbreitetere Erscheinung. Wir lesen sowohl kanaanäische Gesetze als auch assyrische Gesetze, die das verbieten. Zugleich gibt es einige Basreliefs, einige Zeichnungen, die das darstellen. Offenbar wurde über die Sittlichkeit dieser Tat im Orient gestritten.
זֹבֵחַ לָאֱלֹהִים יָחֳרָם בִּלְתִּי לַיהוָה לְבַדּוֹ׃
sowéjach la'elohím jachorám biltí ladonáj lewaddó
19 Wer einem anderen Gott ein Opfer darbringt, wird vernichtet werden, außer wenn es ein Opfer des HERRN ist.
Das heißt, keinem Gott außer dem HERRN darf man ein Opfer darbringen, das ist ein ziemlich verständlicher Satz. Warum steht gerade vom Opfer geschrieben? Um den Akzent darauf zu setzen, dass das Darbringen von Opfern eigentlich so ein Dienst der Anbetung anderer Götter ist, und dafür gibt es die Todesstrafe – chérem. Und das ist nicht einfach die Todesstrafe, das ist die Todesstrafe, die von einem Fluch begleitet wird. Dieser Mensch ist mit dem Bann belegt, mit ihm kann man nicht verkehren, er ist ein Fluch für seine ganze Umgebung, allein die Tatsache seines „Nicht-Todes“ legt sich als Fluch auf die Gesellschaft. Das heißt, das Wort chérem bedeutet nicht einfach ein Todesurteil oder einen Fluch, sondern einen Fluch, der auf alle fällt, die ringsum sind, und auf alle, die nahe sind.
וְגֵר לֹא־תוֹנֶה וְלֹא תִלְחָצֶנּוּ כִּי־גֵרִים הֱיִיתֶם בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wegér lo-toné weló tilchazénnu ki-gerím hejitém be'érez mizrájim
20 Und den Fremdling bedränge nicht, quäle ihn nicht, denn Fremdlinge seid ihr im Land Ägypten gewesen.
Manche Verdrehungen der Rechtsprechung können richtig oder erhaben erscheinen. Zum Beispiel, wenn es ein Gericht gibt, irgendeinen Rechtsstreit zwischen einem der Eigenen und einem Fremdling, wäre es schöner, menschlich, „auf unsere Art“ zugunsten des Eigenen zu entscheiden und den Fremdling zu übergehen. Und der Höchste sagt: „Dein Gericht soll gerecht sein, richte nicht voreingenommen gegen ihn, zögere sein Verfahren nicht hinaus, übergehe ihn nicht, denn du selbst bist ein Fremdling gewesen.“ Das heißt: Denk daran, wie es dir ergangen ist. Genauso auch in Vers 21:
כָּל־אַלְמָנָה וְיָתוֹם לֹא תְעַנּוּן׃
kol-almaná wejatóm lo te'annún
21 Keine Witwe und keine Waise sollt ihr quälen (zieht ihr Gerichtsverfahren nicht in die Länge).
Es gibt ein Gleichnis von einem schlechten Richter, einem ungerechten Richter, der das Verfahren einer Witwe in die Länge zog. Die Witwe bringt kein Geschenk, die Witwe hat keine reichen Verwandten, die einen irgendwie im Dienst befördern könnten. Und sich mit ihr zu beschäftigen ist eine undankbare Arbeit, manchmal sind ihre Klagen kleinlich, ihre Forderungen sind Pfennigbeträge, auch wenn sie für sie wichtig sind. Und der Richter möchte sich mit größeren, grandioseren Fällen beschäftigen, die mehr Ruhm bringen, die einen mit interessanten Menschen zusammenführen. Und der Höchste sagt: „Quäle nicht, behandle die Witwe und die Waise nicht so.“
אִם־עַנֵּה תְעַנֶּה אֹתוֹ כִּי אִם־צָעֹק יִצְעַק אֵלַי שָׁמֹעַ אֶשְׁמַע צַעֲקָתוֹ׃
im-anné te'anné otó ki im-za'ók jiz'ák eláj schamóa eschmá za'akató
22 Wenn du sie quälen wirst und wenn sie zu Mir aufschreit, dann werde Ich sie mit Hören hören.
Das heißt: „Wenn du sie mit Quälen quälen wirst und sie zu Mir mit Schreien schreien wird, dann werde Ich sie mit Hören hören.“ Es ist eine zunehmende Steigerung.
וְחָרָה אַפִּי וְהָרַגְתִּי אֶתְכֶם בֶּחָרֶב וְהָיוּ נְשֵׁיכֶם אַלְמָנוֹת וּבְנֵיכֶם יְתֹמִים׃
wechará appí weharagtí etchém bechárew wehajú neschechém almanót uwnechém jetomím
23 Und Ich werde zornig werden, und Ich werde euch mit dem Schwert töten, und eure Frauen werden Witwen sein, und eure Söhne werden Waisen sein.
In Vers 24 wird es schon um etwas anderes gehen.
אִם־כֶּסֶף תַּלְוֶה אֶת־עַמִּי אֶת־הֶעָנִי עִמָּךְ לֹא־תִהְיֶה לוֹ כְּנֹשֶׁה לֹא־תְשִׂימוּן עָלָיו נֶשֶׁךְ׃
im-késsef talwé et-ammí et-he'aní immách lo-tihjé lo kenosché lo-tessimún aláw néschech
24 Wenn du jemandem aus dem Volk Geld leihst, dem Armen deines Volkes, sei ihm nicht zur Last (mach es ihm nicht zur Schuldknechtschaft, zum Joch) und beiße ihn nicht, lege ihm keine Bisse auf.
Selbstverständlich geht es hier um Zinsen, aber nicht nur um Zinsen in Geldform. Es gibt einen solchen Begriff wie awák ribít (Staub der Zinsen). Zum Beispiel, wenn ein Mensch mir Geld schuldet (und ich weiß, dass er mir die Schuld eine Zeit lang nicht zurückgeben kann, oder ich habe ihm gerade erst geliehen), kann ich sofort anfangen, ihn zu bitten: „Fahr mich dahin und dahin, hilf mir, zu Hause ein Bild aufzuhängen, hilf meiner Frau, die Taschen vom Markt zu tragen.“ Ich verlange von ihm kleine Dienste, die er aufgrund seiner Verpflichtung mir gegenüber nicht ablehnen kann. Das sind auch Zinsen. Wenn er mich früher nicht mit „Sie“ angeredet hat, es jetzt aber tut, oder sich bei der Begegnung verbeugt – das sind auch Zinsen, und so darf man es auch nicht machen, ganz zu schweigen davon, dass man dem armen Nächsten kein Geld auf Zinsen geben darf.
אִם־חָבֹל תַּחְבֹּל שַׂלְמַת רֵעֶךָ עַד־בֹּא הַשֶּׁמֶשׁ תְּשִׁיבֶנּוּ לוֹ׃
im-chawól tachból salmát re'écha ad-bó haschémesch teschiwénnu lo
25 Wenn du das Kleid deines Nächsten ergreifst, es für irgendeine Schuld als Pfand nimmst, gib es ihm bis zum Sonnenuntergang zurück.
Das heißt, wenn du von einem Menschen für Schulden einen Mantel als Pfand genommen hast, behalte ihn nicht über Nacht bei dir, gib ihn ihm vor der Nacht zurück, denn das ist das Kleidungsstück, mit dem er sich nachts zudecken wird; du kannst ihm nicht seine letzte Decke nehmen. Am Morgen nimmst du ihn wieder, und so jedes Mal: Für die Nacht wirst du ihn herausgeben, am Morgen wegnehmen, so ein Pfand wirst du haben.
כִּי הִוא כְסוּתָה (כְסוּתוֹ) לְבַדָּהּ הִוא שִׂמְלָתוֹ לְעֹרוֹ בַּמֶּה יִשְׁכָּב וְהָיָה כִּי־יִצְעַק אֵלַי וְשָׁמַעְתִּי כִּי־חַנּוּן אָנִי׃
ki hi chesutó lewaddá hi simlató le'oró bammé jischkáw wehajá ki-jiz'ák eláj weschama'tí ki-channún áni
26 Denn das ist seine einzige Decke und das Kleid auf seiner Haut (seinem Leib), worauf soll er denn schlafen? Wenn er zu Mir schreit, werde Ich ihn hören, und Ich bin ein gnädiger Gott.
In diesem Fall wird die Gnade ihm gegenüber sein, nicht dir gegenüber, denn du bist nicht gnädig.
Damit endet unser Gespräch; sehr viel Verschiedenes steckt in diesen zusammengelegten Teilen des Mosaiks, damit wir lernen, den Plan der Wahrheit des Höchsten tiefer verstehen.
Erniedrigt euch nicht
Schemot 22,27–23,5
Dieser Abschnitt ist ganz klein, und er enthält Gebote, die die Reinheit des Volkes Israel betreffen, die Reinheit seines Gerichtssystems. Wir werden hier keine, praktisch keine Strafen für die Übertretung dieser Gesetze und keine Bußen für die Übertretung dieser Gesetze sehen, denn die Strafe für das Abweichen von der UnreinheitIm Russischen steht wörtlich „Abweichen von der Unreinheit“; gemeint ist vermutlich das Abweichen von der Reinheit. Wir haben den Wortlaut beibehalten. ist die Unreinheit selbst. Die Strafe für den Verlust der Würde ist das Fehlen der Würde. Und diese Gebote sprechen davon, wie man die Heiligkeit bewahrt, wie man würdig ist, zugehörig zum Volk Israel. Und wir beginnen mit Vers 27 von Kapitel 22.
אֱלֹהִים לֹא תְקַלֵּל וְנָשִׂיא בְעַמְּךָ לֹא תָאֹר׃
elohím lo tekallél wenassí we'ammechá lo tá'or
27 Verfluche Gott nicht (oder verfluche den Richter nicht), und über den Anführer, den Vorsteher deines Volkes, rede nicht übel.
Man kann sagen: „Verfluche nicht den richter oder den Richter“, mit kleinem oder mit großem Anfangsbuchstaben. Selbstverständlich ist nicht von jedem beliebigen Richter und nicht von jedem beliebigen Anführer die Rede, die Rede ist von denen, die Gottes Gesetz in die Gesellschaft hineintragen.
Als wir den vorigen Abschnitt (22,26) beendeten, sprachen wir von einem Menschen, dem man für Schulden tagsüber den Mantel wegnimmt, und er kann sich empören und sagen: „Wie kann das sein, was sind das für Gesetze? Na gut, ich schulde etwas, aber was ist jetzt mit mir – tagsüber nicht auf die Straße gehen? Und was für eine Schande, das ist eine Beschneidung meiner Rechte!“ Der andere Mensch, der ihm das Geld geliehen hat, kann sagen: „Ich gebe ihm jede Nacht den Mantel, und deswegen kann er mir jahrelang das Geld nicht zurückgeben?“ Beide empören sich und schimpfen auf das Justizsystem. Und dieses Gebot, das, welches in Vers 27 geschrieben steht, besteht gleichsam aus zwei Teilen: Schimpfe nicht auf die Richter, die die Gerichtsurteile fällen; schimpfe nicht auf den Vorsteher im Volk, der für die Einhaltung der Gesetzlichkeit in deinem Land verantwortlich ist. Das ist nicht immer einfach.
Ein guter Bekannter von mir arbeitete bei einer Elektrizitätsgesellschaft in Israel. Und er hatte so eine Arbeit, dass er kam, um den Strom abzustellen, wenn ein Mensch lange die Rechnung nicht bezahlt hatte. Und er war buchstäblich, man kann sagen, jeden Tag zahlreichen Flüchen all derer ausgesetzt, zu denen er kam. Obwohl, wenn man nachdenkt, wozu wurde der Strom abgestellt? Damit die anderen, diejenigen, die bezahlten, ihn zum selben Preis bekommen konnten. Und oft sind wir gezwungen, für etwas zu bezahlen, uns von irgendwelchem Geld, von irgendwelchem Besitz, von irgendeiner Freiheit zu trennen, um der Wahrung der Gesetzlichkeit willen, um der Wahrung der Rechtsordnung willen oder einfach der Ordnung in der Welt, in der uns umgebenden Welt. Das kann uns dazu bringen, auf die Regierung zu schimpfen.
Das bedeutet nicht, dass man keinen Richter kritisieren darf, wenn er bestechlich ist, denn wir wissen, dass es solche Kritik gibt, sie kam auch durch die Propheten. Das bedeutet nicht, dass man nicht auf die Obrigkeit schimpfen darf, und Zurechtweisungen der Obrigkeit gibt es im Tanach sehr viele. Aber wenn das Volk sich am Justizsystem vergreift, am wahren, normal funktionierenden Justizsystem, wenn das Volk diejenigen kritisiert, die es aufrufen und sein Leben nach dem Gesetz Gottes regeln, dann kommt der Hunger. Wir lesen davon im Buch Rut: „Und das war die Zeit, als man die Richter richtete, und es war Hunger im Land.“ Davon handelt das Gebot in Vers 27.
מְלֵאָתְךָ וְדִמְעֲךָ לֹא תְאַחֵר בְּכוֹר בָּנֶיךָ תִּתֶּן־לִּי׃
mele'atechá wedim'achá lo te'achér bechór banécha titten-lí
28 Deine gefüllten Körner (deine prallen Körner) und deine Spenden (die Teruma) halte nicht zurück; den Erstgeborenen von deinen Söhnen gib Mir.
Man kann so sagen: „Na, wozu soll ich mich beeilen, Ihm mein Gemüse, mein Obst und die übrigen Erzeugnisse zu geben, Er hungert nicht, Ehre sei Ihm, Er hat an nichts Mangel. Und was macht das für Ihn für einen Unterschied? Bei Ihm ist ein Tag wie tausend Jahre, tausend Jahre wie ein Tag. Was macht es für Ihn für einen Unterschied, ob ich Ihm meine Erstlinge, meine ersten Früchte heute bringe oder in drei Wochen?“ Und der Höchste sagt: „Nein, halte nicht zurück. Halte nicht zurück, was Mir zusteht. Halte deinen Ausdruck der Dankbarkeit Mir gegenüber nicht zurück.“ Dankbarkeit – das ist eine der Säulen unserer ganzen Unterordnung unter den Höchsten, unserer Zusammenarbeit mit Ihm, Dankbarkeit für das, was der Höchste uns gibt. In allem, was wir haben, sehen wir Seine Hand, und unter anderem durch die Teruma, durch die Erstlinge, durch die Spenden drücken wir dem Höchsten Dankbarkeit aus. Und es geht nicht darum, dass Er mit der Uhr und einem leeren Teller dasteht und wartet, wann wir Ihm unsere zwei Melönchen bringen. Er erwartet von uns Dankbarkeit. Die Dankbarkeit leert gleichsam unseren vollen Becher, damit man neuen Wein der Segnungen in ihn gießen kann.
Der zweite Teil des Verses ist das Gebot über die Erstgeborenen. Wir haben schon über dieses Gebot gesprochen. Weiter wird der Höchste in größerem Maße über das Vieh sprechen.
כֵּן־תַּעֲשֶׂה לְשֹׁרְךָ לְצֹאנֶךָ שִׁבְעַת יָמִים יִהְיֶה עִם־אִמּוֹ בַּיּוֹם הַשְּׁמִינִי תִּתְּנוֹ־לִי׃
ken-ta'assé leschorechá lezonécha schiw'át jamím jihjé im-immó bajom hascheminí titteno-lí
29 So mach es mit deinem Stier, mit deinem Kleinvieh:
sieben Tage wird er bei seiner Mutter sein, und am achten Tag gebt ihn Mir.
Das bedeutet nicht, dass man den Erstgeborenen genau am achten Tag geben muss. Das bedeutet, dass der Erstgeborene nach dem achten Tag zur Weihe kommt. Wenn wir ihn nicht sofort geben können oder ihn noch auffüttern, kräftigen wollen, können wir das tun. Aber der Erstgeborene wird schon dem Höchsten geweiht. Und vor dem achten Tag darf man ihn nicht von der Mutter wegreißen.
וְאַנְשֵׁי־קֹדֶשׁ תִּהְיוּן לִי וּבָשָׂר בַּשָּׂדֶה טְרֵפָה לֹא תֹאכֵלוּ לַכֶּלֶב תַּשְׁלִכוּן אֹתוֹ׃
we'ansche-kódesch tihjún li uwassár bassadé terefá lo tochélu lakkélew taschlichún otó
30 Seid mir heilige Menschen und esst kein Fleisch, das auf dem Feld gerissen wurde, dem Hund gebt es.
Eine sehr seltsame Aussage. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Heiligkeit und gerissenem Fleisch? Zwischen den Heiligen – denen, die „als Anteil genommen“ sind, die dem Höchsten gehören, den Dienern des Höchsten – und Fleisch, das man nach Wölfen, Löwen, Tigern, Hyänen, Schakalen aufessen kann, und … wer streift da sonst noch herum? Der Höchste sagt, in heutiger Sprache ausgedrückt: „Sucht nicht nach Essensresten auf Müllhalden, esst nicht aus Mülltonnen auf.“ Warum steht denn geschrieben „gebt es dem Hund“? Das bedeutet, dass man irgendein Fleisch, das wir gefunden haben, verarbeiten, verwenden kann, aber unsere Nahrung kann das nicht sein.
Es gibt in der jüdischen Tradition zwei Arten von Verboten in Bezug auf irgendwelche Gegenstände. Die erste ist issúr achilá (Verbot als Speise), wenn etwas als Speise verboten ist, man es aber verkaufen darf. Die zweite ist issúr ana'á (Verbot der Nutzung), das, was zu verkaufen verboten ist, woraus man keinerlei Nutzen ziehen darf, nicht einmal den Ofen darf man damit anheizen. Zum Beispiel ist Chamez (Gesäuertes) an Pessach verboten, und nicht einmal ein trockenes Brötchen dürfen wir verbrennen, um uns zu wärmen: An Pessach darf man Chamez auf keinerlei Weise verwenden. Und es gibt viele verschiedene Fälle der einen und der anderen Art. Wenn wir hier lesen: „gebt es dem Hund“, dann bedeutet das, dass es uns verboten ist, es zu essen, aber benutzen dürfen wir es.
Damit endete Kapitel 22, und wir beginnen ab Vers 1 von Kapitel 23 zu lesen.
לֹא תִשָּׂא שֵׁמַע שָׁוְא אַל־תָּשֶׁת יָדְךָ עִם־רָשָׁע לִהְיֹת עֵד חָמָס׃
lo tissá schéma schaw al-táschet jadechá im-raschá lihjot ed chamás
1 Trage keine falschen Gerüchte, verbreite keine Lüge; und gib deine Hand nicht dem Bösewicht zu falscher Anklage, zur Verleumdung.
Wenn du nicht weißt, was für eine Information dich erreicht hat, Lüge oder Wahrheit, fang nicht an, sie zu verbreiten. Angenommen, es hat dir gefallen, dass man von irgendeinem Menschen zu schlecht oder zu gut denkt, du hast dieser Information sofort geglaubt und fängst an, sie überall zu verbreiten. Heute, wo man ein Gerücht mithilfe eines Reposts verbreiten kann, reposten sehr viele Leute, teilen fremde Beiträge auf Facebook, in anderen sozialen Netzwerken. Sie teilen einen Haufen ungeprüfter Informationen über diese oder jene Menschen, die ihnen nicht gefallen und von denen man leicht glaubt, dass sie irgendein schreckliches-schreckliches Verbrechen begangen haben.
Schon viele Monate geistert zum Beispiel so eine Information durchs Netz, dass der Papst gesagt habe, man müsse die Bibel ändern, und niemand macht sich die Mühe zu prüfen: Was ist das denn für eine Information, irgendwo dort auf der Website des Vatikans, und was hat der Papst wirklich gesagt und was hat er nicht gesagt.
Also, verbreite keinen falschen Klatsch. Was ist die Strafe dafür? Keine. Die Strafe dafür ist so, dass du in einer Gesellschaft leben wirst, in der Menschen falschen Klatsch verbreiten.
Was bedeutet „dem Bösewicht seine Hand geben“? Wiederum: Wenn Menschen jemanden, den sie hassen, durch Verleumdung falsch beschuldigen, ihn von der Macht entfernen, ihm seine Möglichkeiten nehmen, irgendwelche seiner Pläne stoppen wollen, darf man dann einen Menschen verleumden, den wir auf andere Weise nicht loswerden und den wir – na ja, wirklich gar nicht mögen? Und die Antwort: Nein, das darf man nicht. Man darf solche Bündnisse nicht schließen. Dein Gerichtssystem soll sich ausschließlich auf die Wahrheit stützen.
לֹא־תִהְיֶה אַחֲרֵי־רַבִּים לְרָעֹת וְלֹא־תַעֲנֶה עַל־רִב לִנְטֹת אַחֲרֵי רַבִּים לְהַטֹּת׃
lo-tihjé achare-rabbím lera'ót welo-ta'ané al-ríw lintót acharé rabbím lehattót
2 Bewege dich nicht der Mehrheit nach zum Bösen und schließe dich nicht der Mehrheit an, um dich nach der Mehrheit zu neigen.
Manchmal wollen wir mit der Mehrheit sein, eigentlich wollen wir fast immer mit der Mehrheit sein. Und wenn wir lesen, dass eine Milliarde Chinesen sich nicht irren, und wenn wir die sozialen Umfragen vor den Wahlen sehen, dann wollen sich sehr viele der Mehrheit anschließen, das ist ein natürlicher Wunsch. Aber wenn es eine massenhafte Verurteilung von jemandem für etwas gibt: Solschenizyn habe ich nicht gelesen, aber ich verurteile ihn, dann ist es verboten, sich dem anzuschließen. Es ist verboten, der Mehrheit zur Verurteilung von jemandem zu folgen.
Andererseits, wenn wir jemanden retten wollen, ihn von der Strafe befreien, ihn freisprechen wollen, und es gibt so eine Welle, dann darf man sich dieser Welle anschließen. Die Barmherzigkeit erhebt sich über das Gericht.
Im jüdischen Gerichtssystem war es so eingerichtet, dass zuerst die Richter oder Teilnehmer des Gerichtsverfahrens sprachen, die am weitesten vom Richter entfernt sitzen. Das heißt, die Geringsten unter den Teilnehmern des Gerichtsverfahrens beginnen zu sprechen, dann etwas Ältere, etwas Ältere, etwas Ältere, bis die Sache beim Richter ankommt. Wozu wird das gemacht? Damit es keine, sozusagen, solchen yes-men gibt, einfach „Jasager“. Wisst ihr, wie man die Volksbeisitzer im sowjetischen Gericht nannte? Man nannte sie „Abnicker“, weil sie nur nickten, und das war ihre ganze Funktion. Also, sei kein „Abnicker“ im Gericht, unterwirf dich nicht der Mehrheit. Wenn du Teilnehmer einer Gerichtsverhandlung geworden bist, Teilnehmer eines Gerichtsverfahrens geworden bist, dann geh der Sache auf den Grund, bemühe dich, sie zu verstehen, deine Meinung zu äußern, schau nicht auf die Meinungen anderer Menschen, anderer Prozessteilnehmer.
וְדָל לֹא תֶהְדַּר בְּרִיבוֹ׃
wedál lo tehdár beriwó
3 Und bevorzuge den Armen nicht in seinem Rechtsstreit.
Nehmen wir an, ein armer Mensch prozessiert gegen einen reichen. Und vielleicht ist der arme Mensch ganz und gar nicht im Recht, aber wie leid er uns tut! Na und, dem Reichen geht doch nichts ab, was sind ihm schon 250 Schekel? Für einen armen Menschen aber ist das ein ganzes Vermögen. Und wir können das Gericht irrtümlich zum Armen neigen, weil uns der Arme sympathischer ist. Wir können das Gericht auch zum Reichen neigen, weil der Reiche – die Aussicht ist, ein Bestechungsgeld zu bekommen, aber auch das Umgekehrte ist sehr schlecht. Dein Gericht soll ein Gericht sein, schau auf das, was die Menschen getan haben, richte sie nach ihren Taten. Nicht danach, wer mehr weint, nicht danach, wer ärmer ist, sondern danach, wer im Recht ist und auf wessen Seite das Gesetz steht.
Weiter wird die Rede von Angehörigen eines Volkes sein, Stammverwandten, Nachbarn, zwischen denen ein Gerichtsverfahren stattfindet.
כִּי תִפְגַּע שׁוֹר אֹיִבְךָ אוֹ חֲמֹרוֹ תֹּעֶה הָשֵׁב תְּשִׁיבֶנּוּ לוֹ׃
ki tifgá schor ojiwchá o chamoró to'é haschéw teschiwénnu lo
4 Wenn du den Esel deines Feindes oder den Stier deines Feindes triffst, bring ihn zurück.
Wenn dein Feind etwas verloren, irgendeinen Schaden erlitten hat, dann bedeutet das nicht, dass man sich ihm gegenüber nicht gemäß dem allgemein anerkannten Gesetz, nach den allgemein anerkannten Regeln verhalten muss. Wenn es geboten ist, Verlorenes zurückzugeben, wenn es geboten ist, einem Menschen zu helfen, der in Not geraten ist, dann muss man das tun, unabhängig davon, welche komplizierten gerichtlichen Beziehungen dich und diesen Menschen verbunden haben. Das Gericht ist eine Sache für sich, und die Zugehörigkeit zum Volk Gottes steht völlig für sich.
כִּי־תִרְאֶה חֲמוֹר שֹׂנַאֲךָ רֹבֵץ תַּחַת מַשָּׂאוֹ וְחָדַלְתָּ מֵעֲזֹב לוֹ עָזֹב תַּעֲזֹב עִמּוֹ׃
ki-tir'é chamór sona'achá rowéz táchat massaó wechadaltá me'asów lo asów ta'asów immó
5 Wenn du den Esel deines Hassers siehst, dass er unter der Schwere seines Gewichts zusammenbricht, wirst du dich etwa weigern, ihn abzuladen? Hilf und lade ihn ab.
Das heißt, obwohl neben dir dein Hasser ist, musst du ihm genauso helfen, wie du einfach deinem Mitbürger helfen würdest. Gerichtliche Angelegenheiten, alle Streitereien, allen Hass lass für das Haus des Gerichts. Trotz der Gerichtsverfahren zwischen euch bleibt ihr Brüder, darum verhaltet euch wie Brüder. Das ist eines der Unterpfänder der Reinheit und Heiligkeit des Volkes.
Sehr erfreut, Gott!
Schemot 23,6–19
Mit Gottes Hilfe setzen wir gemeinsam das Studium des Wochenabschnitts Mischpatim fort. Da es in diesem Abschnitt keine Handlung gibt, keine bestimmte Abfolge von Ereignissen, besteht keine Notwendigkeit, zum Inhalt der vorigen Gespräche zurückzukehren, und wir beginnen mit Vers 6 von Kapitel 23 zu lesen, in dem der Höchste sich an die Richter des Volkes Israel wendet und ihnen folgende Anweisung gibt.
לֹא תַטֶּה מִשְׁפַּט אֶבְיֹנְךָ בְּרִיבוֹ׃
lo tatté mischpát ewjonechá beriwó
6 Richte den Armen nicht voreingenommen in seinem Rechtsstreit.
Wir haben schon das Gesetz erwähnt, dass man das Urteil nicht aus Mitleid zugunsten des Armen neigen darf (23,3). Das heißt, wenn wir wissen, dass der Arme in seinem Rechtsstreit nicht im Recht ist, aber er wird Schaden leiden, und dem Reichen, so scheint es, was für ein Schaden entsteht ihm schon? Aber der Arme tut uns leid, und wir werden aus Mitleid das Gericht verdrehen wollen. Die Tora verbietet, das zu tun. Wovon handelt unser jetziges Gebot? Das Gebot spricht davon, dass wir denken könnten: „Dieser Arme, dieser Bettler, natürlich hat er die Uhr gestohlen, natürlich konnte er seinem Nachbarn keine 100 Dollar leihen – woher sollte er 100 Dollar haben?“ Und indem wir auf den Armen schauen, auf seine Armut, auf seine Notlage, entscheiden wir schon irgendwie, wer im Recht ist, wer schuldig ist. Und die Tora sagt: „Tu das nicht, richte den Menschen nicht voreingenommen, selbst wenn es ein Armer ist, selbst wenn es ein bettelarmer Mensch ist. Du kennst nicht alle Umstände, untersuche die Sache des Armen gründlich, genauso wie du alle anderen Sachen untersuchst.“ Und ganz genauso muss man sich zu einer Sache verhalten, wenn zwei Arme gegeneinander prozessieren und du sagen kannst: „Eine Stunde meiner Arbeit im Gericht ist teurer als der Grund ihres Gezänks, das fehlte noch, ich habe keine Zeit zu klären, wer wem das Nudelholz gestohlen hat.“ Nein, kläre es, denn du arbeitest nicht für Geld, du bist ein Diener des Höchsten, geh den Sachen der Armen auf den Grund.
מִדְּבַר־שֶׁקֶר תִּרְחָק וְנָקִי וְצַדִּיק אַל־תַּהֲרֹג כִּי לֹא־אַצְדִּיק רָשָׁע׃
middewar-schéker tirchák wenakí wezaddík al-taharóg ki lo-azdík raschá
7 Entferne dich von Worten der Lüge. Den Unschuldigen und Gerechten töte nicht (verurteile ihn nicht), denn Ich werde den Übeltäter nicht rechtfertigen.
Selbstverständlich geht es hier um das Gericht. Aber um welche Fälle genau? Zum Beispiel wird bei uns die Sache eines gewissen Menschen verhandelt, der des Diebstahls verdächtigt wird. Und es gibt den Verdacht, dass er ein Übeltäter ist, dass er in irgendwelchen anderen Dingen schuldig ist, und wir können sagen: „Aber dort können wir ihn nicht hinter Gitter bringen, dort haben wir keine Beweise, hier aber können wir Falschzeugen rufen und ihn anklagen.“ Die Tora sagt: „Weiche den Worten der Lüge aus, entferne dich von der Lüge“, selbst wenn du ihn nicht verurteilen kannst und es dir wie ein großes Versäumnis vorkommt, einen Menschen freizulassen, den man nach einem untergeschobenen Paragrafen verurteilen könnte, wenn er schon wegen seiner eigentlichen Sünde nicht zu fassen ist. Der Höchste sagt: „Lüge nicht vor Gericht, Ich werde mit jedem Ungerechten abrechnen und den Übeltäter nicht rechtfertigen.“ Es gibt sehr viele Überlegungen zu der Frage, ob man überhaupt lügen darf. Und es geht so weit, dass Menschen sagen: „Wenn ein Mensch eine jüdische Familie versteckt, und die Deutschen sind gekommen und fragen: Gibt es Juden? – Na, entschuldige, Bruder, lügen kann ich nicht, deshalb sage ich, dass es welche gibt. Und, verzeih, es wäre nicht christlich, zu lügen.“ Die jüdische Tradition sagt: Nicht nur, dass man manchmal lügen darf, sondern manchmal muss man auch lügen. Zum Beispiel, wenn wir zu einer Hochzeit kommen und an der Lobpreisung der Braut teilnehmen. Und wir dürfen ihr nicht sagen: „Na, die Beine krumm, dafür die Augen blau“, wahrheitsgetreu und treffend. Oder so: „Die Beine krumm und die Augen schief – na, entschuldige, ich werde dir die nackte Wahrheit ins Gesicht sagen.“ Nein, man muss die Braut preisen, denn wir gehen davon aus, dass sie in den Augen ihres Bräutigams wunderschön ist. Hier ein anderer Fall. Wir treffen einen Menschen, und er sagt: „Schau, was für ein großartiges T-Shirt ich im Ausverkauf gekauft habe, 5 für 100.“ Und wir antworten ihm: „Na, du Trottel, hier um die Ecke werden diese T-Shirts 6 für 100 verkauft, da bist du reingefallen.“ Nein, wenn ein Mensch Freude an einem Kauf hat, muss man ihm nicht sagen, dass er etwas nicht sehr Gutes gekauft hat. Oder die Frau fragt: „Nicht wahr, ich sehe heute hässlich aus, ich bin schrecklich dick geworden und ganz aufgedunsen?“ – überlegt, lohnt es sich wirklich, ihr die Wahrheit zu sagen? Manchmal ist das gefährlich für den Frieden in der Familie.
וְשֹׁחַד לֹא תִקָּח כִּי הַשֹּׁחַד יְעַוֵּר פִּקְחִים וִיסַלֵּף דִּבְרֵי צַדִּיקִים׃
weschóchad lo tikkáchIn der russischen Umschrift sind in diesem Wort zwei Laute vertauscht („tichák“). Das Hebräische liest tikkách („nimm“), dem folgt die deutsche Umschrift. ki haschóchad je'awwér pikchím wissalléf diwré zaddikím
8 Nimm keine Bestechung an, denn Bestechung blendet die Sehenden und verdreht richtige Worte.
Selbst wenn wir wissen, dass man uns eine Bestechung gibt, damit wir einen Unschuldigen freisprechen, damit Gerechtigkeit geschieht, darf man trotzdem keine Bestechung annehmen. Das ist ein sehr strenges Verbot, denn schon die Tatsache, dass Bestechung angenommen wird, schon die Tatsache, dass es, sagen wir so, Korruption im Gerichtssystem gibt, verzerrt bereits das Gerichtssystem. Es gibt eine Geschichte über Rabbi Jischmael, das war ein Rabbiner der dritten Generation der Epoche der Tannaim, der im Gericht saß. Er hatte einen Arbeiter, einen Menschen, der von ihm irgendein Stück Land pachtete und als Bezahlung jeden Freitag die Früchte dieses Landes brachte. Nun, einmal kam der Mensch am Donnerstag und brachte Rabbi Jischmael die Früchte. Rabbi Jischmael sagte: „Warum hast du sie am Donnerstag gebracht und nicht am Freitag?“ Der Mensch sagte: „Ich habe einfach heute einen Prozess, ich gehe zu dir zum Gericht, und ich dachte, dass ich dir bei der Gelegenheit gleich auch einen Korb deines eigenen Obstes vorbeibringe.“ Hier nimmt Rabbi Jischmael nicht einmal irgendeine Bestechung an: Es ist sein eigenes Obst, das man ihm gebracht hat – einen Tag früher, einen Tag später, das spielt keine Rolle. Rabbi Jischmael sagte: „Ich denke, dass ich dich nicht richten kann, ich werde dich vor andere Richter stellen.“ Und er erzählt, dass er hinging und zuhörte, wie sich denn dort der Prozess entschied, weil sogar dieser Korb mit Obst ihn voreingenommen gemacht hatte. Das zeigt, dass Bestechungen im Gerichtssystem gefährlich sind, sie verzerren das ganze Gerichtssystem. Sobald sie auftauchen, verschwindet überhaupt die Wahrheit in der Gesellschaft. Das soziale Gesetz, die gesellschaftlichen Gesetze stehen auf der Unbestechlichkeit der Richter.
וְגֵר לֹא תִלְחָץ וְאַתֶּם יְדַעְתֶּם אֶת־נֶפֶשׁ הַגֵּר כִּי־גֵרִים הֱיִיתֶם בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם׃
wegér lo tilcház we'attém jedatém et-néfesch haggér ki-gerím hejitém be'érez mizrájim
9 Und unterdrücke nicht (bedränge nicht) den Fremdling, und ihr kennt die Seele des Fremdlings, denn ihr wart Fremdlinge im ägyptischen Land.
Was meint ihr, welches Gebot wird in der Tora am häufigsten wiederholt? Das ist nicht das Gebot über den Sabbat, das sind nicht die Gebote du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen: Das ist das Gebot bedränge den Gér nicht. Mehr als zehnmal wiederholt uns die Tora in verschiedenen Variationen dieses Gebot und verweist darauf, dass wir die Seele des Gér kennen, wir waren in Ägypten, wir erinnern uns, was in Ägypten war, wir erinnern uns, wie es ist, ein Fremdling zu sein. Wer weiß, irgendwann einmal lebten meine Vorfahren in Ungarn, in Polen, in Spanien, und ich erinnere mich, wie es sich dort lebte, ich erinnere mich, wie es sich am Ufer des Rheins lebt und wonach die Morgenluft von Budapest riecht, obwohl ich mich wohl kaum in Wirklichkeit daran erinnere. Aber da wir jedes Jahr, jeden Tag, jede Stunde, in jeder Generation aus Ägypten ausziehen, spüren wir diesen Druck, diesen Wunsch, aus dem Rahmen des Gewohnten auszubrechen. Das ist ein Gefühl, das wir bewahren müssen; und als Kompass, als Zeugnis dafür dürfen wir den Fremdling nicht bedrängen.
Es gibt verschiedene Meinungen darüber, wer dieser Fremdling ist. Ist das derjenige, der Proselyt geworden ist, der sich dem jüdischen Volk angeschlossen hat, oder derjenige, der sich in unserer Nachbarschaft niedergelassen hat? In Israel leben viele verschiedene Nationalitäten. Es gibt die tscherkessische Gemeinde, die Roma-Gemeinde, die armenische Gemeinde und viele verschiedene andere Gemeinden, nicht jüdische. Wie soll man sich zu ihnen verhalten, wie musste man sich zur Zeit des Tempels zu ihnen verhalten? Und in jedem Fall sagt die Tora in Bezug auf alle Fremdlinge: „Bedränge nicht, beuge nicht das Recht in Bezug auf den Fremdling, richte nicht gegen den Fremdling, denn du musst dich an die Seele des Fremdlings erinnern. Vergiss den Fremdling in dir nicht, nicht nur dich selbst, der aus Ägypten auszieht, sondern auch den Fremdling vergiss nicht.“
וְשֵׁשׁ שָׁנִים תִּזְרַע אֶת־אַרְצֶךָ וְאָסַפְתָּ אֶת־תְּבוּאָתָהּ׃
weschésch schaním tisrá et-arzécha we'assaftá et-tewu'atá
10 Im Lauf von sechs Jahren besäe dein Land und sammle seine Ernte ein.
וְהַשְּׁבִיעִת תִּשְׁמְטֶנָּה וּנְטַשְׁתָּהּ וְאָכְלוּ אֶבְיֹנֵי עַמֶּךָ וְיִתְרָם תֹּאכַל חַיַּת הַשָּׂדֶה כֵּן־תַּעֲשֶׂה לְכַרְמְךָ לְזֵיתֶךָ׃
wehaschewi'ít tischmeténna untaschtá we'achelú ewjoné ammécha wejitrám tochál chaját hassadé ken-ta'assé lecharmechá lesetécha
11 Im siebten Jahr aber lass es aufgegeben und zurückgelassen, und die Armen deines Volkes werden essen, und die Reste wird das Tier des Feldes fressen. So verfahre auch mit deinen Weinbergen und mit deinen Olivenbäumen.
Heute gibt es viele Betriebe in Israel, im wiederhergestellten Israel, die dieses Gebot halten. Beim Flughafen Ben Gurion gibt es eine große Mandarinenplantage. Sie steht im siebten Jahr voller Mandarinen da, weil die Bäume Früchte tragen, aber niemand sie erntet. Jeder kann kommen, ein armer Mensch kann anhalten, hineingehen und von den Früchten nehmen. Einige Kibbuzim im Norden organisieren Busse, damit Leute hinfahren und in diesen Kibbuzim die Kirschen pflücken, weil man selbst nicht für den Verkauf ernten darf, das Land muss ruhen. Natürlich tun das nicht alle Kibbuzim, nicht alle Betriebe. Deshalb kann man in der Diaspora, im Ausland, außerhalb Israels, im siebten Jahr eine erstaunliche Szene sehen, wenn ein Jude fragt: „Ist das israelischer Sellerie?“ Man antwortet ihm: „Ja, israelischer.“ Und er sagt: „Dann kaufe ich ihn nicht.“ Denn die Leute fürchten, dass jemand dort in Israel das siebte Jahr nicht hält und man nicht von seinen Früchten kaufen darf. Diejenigen, die es halten, schreiben: „Wir halten die Schmita (das siebte Jahr)“, und dann haben sie natürlich in diesem Jahr einfach keine Früchte. Überhaupt sind viele, viele schöne Geschichten damit verbunden, und ich kann sagen, dass die Betriebe, die ihre Arbeit für ein ganzes Jahr einstellen, keine damit verbundenen Verluste melden, und ihre Geschäfte laufen normal.
שֵׁשֶׁת יָמִים תַּעֲשֶׂה מַעֲשֶׂיךָ וּבַיּוֹם הַשְּׁבִיעִי תִּשְׁבֹּת לְמַעַן יָנוּחַ שׁוֹרְךָ וַחֲמֹרֶךָ וְיִנָּפֵשׁ בֶּן־אֲמָתְךָ וְהַגֵּר׃
schéschet jamím ta'assé ma'assécha uwajom haschewi'í tischbót lemá'an janúach schorechá wachamorécha wejinnafésch ben-amatechá wehaggér
12 Sechs Tage verrichte deine Werke, am siebten Tag aber halte inne („versabbate dich“), damit dein Stier ruhe und dein Esel und die Seele deines Knechtes und deiner Magd und der Fremdling in deinem Haus.
Man könnte sagen: Da bei uns ja schon das ganze siebte Jahr Sabbat ist, werden wir in diesem Jahr den Sabbat nicht besonders begehen, es ist ohnehin Sabbat, wozu darin noch Sabbat halten. Wenn wir irgendwelche Bau- oder Reparaturarbeiten betreiben, hier Gewächshäuser flicken, dort Keller flicken, dann arbeiten wir ohne Unterbrechung, auf Hochtouren, weil es erstens nur ein Jahr ist, zweitens ohnehin Sabbat ist und ohnehin alle ringsum Faulpelze sind. Nein, sagt die Tora, das befreit dich nicht, Sabbat befreit nicht vom Sabbat, und selbst wenn bei dir das siebte Jahr ist, ist der Sabbat für dich aktuell.
וּבְכֹל אֲשֶׁר־אָמַרְתִּי אֲלֵיכֶם תִּשָּׁמֵרוּ וְשֵׁם אֱלֹהִים אֲחֵרִים לֹא תַזְכִּירוּ לֹא יִשָּׁמַע עַל־פִּיךָ׃
uwchól ascher-amárti alechém tischaméru weschém elohím acherím lo taskíru lo jischamá al-pícha
13 Alles, was ich euch gesagt habe, haltet; die Namen anderer Götter erwähnt nicht, und sie werden nicht zu hören sein aus eurem Mund.
Eine seltsame Bitte, ja? Wovon ist hier die Rede? Der Höchste sagt: „Das hier sind Meine Gesetze; wenn jemand zu euch kommt und sagt: Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber zum Beispiel in Dänemark … aber zum Beispiel in Norwegen … aber zum Beispiel in den Staaten … aber in der liberalen Gemeinschaft … aber die ganze fortschrittliche Menschheit … aber bei uns in Nordkorea … – hört auf niemanden. Das hier sind Meine Gesetze, die haltet, denkt nicht einmal daran, die Gesetze irgendwelcher anderen Götter zu halten. Warum? Weil Ich euch gezeigt habe, wer Ich bin, was Ich für euch getan habe, worin das Wesen Meines Bundes mit euch besteht. Deshalb, wenn euch jemand in eine andere Gesetzgebung lockt, lasst das, denkt nicht einmal daran, zieht nicht einmal den Namen dieser Götter in Betracht.“
שָׁלֹשׁ רְגָלִים תָּחֹג לִי בַּשָּׁנָה׃
schalósch regalím tachóg li baschaná
14 Dreimal versammle dich zum Fest im Jahr.
Das Wort régel wird wörtlich als Fuß übersetzt, aber hier ist schalósch regalim – das sind drei Schläge, drei Tritte, drei Male. Es geht um die Feste, wie wir aus den nächsten Versen verstehen werden, an denen man vor das Angesicht Gottes kommen muss. Wir haben mit Gott einen Vertrag geschlossen, Gott hat uns viele Gesetze gegeben, die wir entfalten, anwenden können, auf deren Grundlage wir uns Ihm nähern, in der Heiligkeit wachsen müssen. Dreimal im Jahr gibt es eine Kontrollbegegnung, gibt es eine Parade, bei der wir schauen: „Ah, da ist er, Gott – erkannt? Erkannt. Da ist er, Alex – erkannt? Erkannt.“ Lasst uns lesen, was der Höchste sagt.
אֶת־חַג הַמַּצּוֹת תִּשְׁמֹר שִׁבְעַת יָמִים תֹּאכַל מַצּוֹת כַּאֲשֶׁר צִוִּיתִךָ לְמוֹעֵד חֹדֶשׁ הָאָבִיב כִּי־בוֹ יָצָאתָ מִמִּצְרָיִם וְלֹא־יֵרָאוּ פָנַי רֵיקָם׃
et-chág hammazzót tischmór schiw'át jamím tochál mazzót ka'aschér ziwwitícha lemo'éd chódesch ha'awíw ki-wó jazáta mimmizrájim welo-jera'ú fanáj rekám
15 Das Fest der ungesäuerten Brote halte; sieben Tage iss ungesäuerte Brote, wie Ich dir geboten habe, zur Zeit des Monats Awiw (des Frühlingsmonats, des Monats der Knospen), denn in diesem Monat bist du aus Ägypten ausgezogen, und sie kommen nicht zu Mir, sie werden Mein Angesicht nicht mit leeren Händen sehen.
Das heißt, wenn ihr zum Höchsten kommt, dann bringt eine Opfergabe dar, bringt ein Dankopfer dar. An Pessach, wie auch an den anderen zwei Festen im Jahr, wenn das Volk Israel vor dem Angesicht des Höchsten vorüberziehen musste, öffneten sich die Tore des Tempels (als es den Tempel gab), und alles öffnete sich direkt bis zum Allerheiligsten. Das ganze Volk konnte vorüberziehen und von weitem in das Allerheiligste hineinschauen, auf die göttliche Gegenwart schauen, auf die Lade des Bundes, auf den Altar, auf den Stein – auf alles, was in jenem Moment dort war. Die göttliche Gegenwart schaute aus dem Allerheiligsten auf die neugierigen, verwunderten, fröhlichen und nicht so fröhlichen Gesichter der Juden, die vor ihr vorüberzogen, und so begegneten wir dreimal im Jahr dem Höchsten. Und der Höchste sagt: „Kommt nicht mit leeren Händen zu Mir.“
וְחַג הַקָּצִיר בִּכּוּרֵי מַעֲשֶׂיךָ אֲשֶׁר תִּזְרַע בַּשָּׂדֶה וְחַג הָאָסִף בְּצֵאת הַשָּׁנָה בְּאָסְפְּךָ אֶת־מַעֲשֶׂיךָ מִן־הַשָּׂדֶה׃
wechág hakkazír bikkuré ma'assécha aschér tisrá bassadé wechág ha'assíf bezét haschaná be'ospechá et-ma'assécha min-hassadé
16 Und das Fest der Ernte (Schawuot), der Tag der Erstlinge deiner Werke, die du auf deinem Feld gesät hast; und das Fest der Einbringung der Ernte (Sukkot) am Ende des Jahres, wenn du alle Früchte deiner Werke vom Feld eingesammelt hast.
Achtet auf die Wendung bezét haschaná (am Ende des Jahres). Es gibt so einen Streit: Warum, heißt es, haben die Juden den Kalender verfälscht, und Rosch haSchana (Neujahr) ist bei uns am Anfang des siebten Monats und nicht im ersten Monat, wie es sich gehört? Und die Genossen feiern das biblische Neujahr losgelöst vom jüdischen Neujahr und trennen das Jüdische vom Biblischen. Es gibt bezét haschaná (das Ende des Jahres), es gibt das Fest Sukkot (das Fest der Einbringung der Ernte), den Abschluss des Jahres. Der Abschluss des Jahres und der Anfang des Jahres überlagern sich ein wenig, deshalb endet und beginnt das Jahr gerade im siebten Monat.
שָׁלֹשׁ פְּעָמִים בַּשָּׁנָה יֵרָאֶה כָּל־זְכוּרְךָ אֶל־פְּנֵי הָאָדֹן יְהוָה׃
schalósch pe'amím baschaná jera'é kol-sechurechá el-pené ha'adón adonaj
17 Dreimal im Jahr wird sich zeigen (und sehen) jeder männlichen Geschlechts vor dem Angesicht des HERRN, Gottes.
Dreimal im Jahr haben wir eine Begegnung, wir gleichen die Uhren unserer inneren Heiligkeit mit dem Höchsten ab. Der Höchste überprüft sein Volk wie ein König bei einer Parade, vor dem die Armee vorüberzieht. Alle diese Gesetze sind uns gegeben, damit wir einen bestimmten Zustand bewahren, und wir müssen ihn an diesen Festen vorweisen. Ein eigenes und sehr tiefes Thema sind die Feste des HERRN.
לֹא־תִזְבַּח עַל־חָמֵץ דַּם־זִבְחִי וְלֹא־יָלִין חֵלֶב־חַגִּי עַד־בֹּקֶר׃
lo-tisbách al-chaméz dam-siwchí welo-jalín chelew-chaggí ad-bóker
18 Gieße das Blut meines Opfers nicht auf Gesäuertes, und das Fett meiner Festopfer lasst nicht über Nacht bis zum Morgen liegen.
Das bedeutet, im einfachen Verständnis: An Pessach entferne zuerst allen Chamez aus dem Haus und bringe erst danach das Opfer dar. Warum so, worum geht es hier? Wir können sagen: Gut, in der Gesellschaft gibt es eine Ordnung, ich kann den Nachbarn Chaim kränken, ich kann versehentlich das Feld des Nachbarn Witja verbrennen, aber wie kann ich Gott kränken? Sehr oft hört man von Leuten: „Na, was macht es Ihm schon aus? Was macht es Gott schon aus, was ich esse, oder was macht es Ihm aus, ob ich das Opfer auf Gesäuertem darbringe oder ob ich es mit saurer Sahne darbringe? Hauptsache, von ganzem Herzen.“ Der Höchste sagt: „Bei den Opfern für Mich muss Ordnung herrschen.“ Das heißt, erinnert euch einfach, wisst, dass es eine Tempelordnung gibt, man muss sie bewahren.
Zum verbotenen Fett möchte ich Folgendes sagen. Wenn Leute in der Tora vom Verbot des Fettes lesen, sagen sie: „Na, das war’s, Fettes darf man nicht essen, die Tora verbietet es.“ Die Tora verbietet das Fett, das um die inneren Organe liegt, das Nierenfett, das beim männlichen Stier oder Schafbock die Nieren und die Hoden verbindet und beim Weibchen die Nieren und das Geschlechtssystem verbindet. Das ist ein riesiges Stück Fett, das man abschneiden muss, man darf es nicht essen. Das Fett, das an den Rippen ist, das Fett, das im Fleisch vom Lamm oder vom Rind ist, darf man essen, dieses Fett wurde als Ganzopfer dargebracht. Das Nierenfett wurde auf den Altar gebracht, und wenn es neben dem Altar übrig blieb, musste man es bis zum Morgen verbrennen. Jetzt hat es keinen Sinn, auf Einzelheiten einzugehen, sie sind in diesem Fall mehr für die Priester. Hier muss man einfach verstehen, dass der Höchste sagt: „Auch in Meinem Tempel gibt es Gesetze, und in der Beziehung zu Mir darf man nicht in allem improvisieren, das wird nicht immer gut sein.“
רֵאשִׁית בִּכּוּרֵי אַדְמָתְךָ תָּבִיא בֵּית יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לֹא־תְבַשֵּׁל גְּדִי בַּחֲלֵב אִמּוֹ׃
reschít bikkuré admatechá tawí bet adonáj elohécha lo-tewaschél gedí bachaléw immó
19 Den Anfang der Erstlinge deines Landes bringe in das Haus des HERRN, deines Gottes. Koche nicht das Zicklein in der Milch seiner Mutter.
Hier ist noch ein Vers, der für viele ein Stein des Anstoßes ist. Was bedeutet er denn im einfachen Sinn? Nun, in der einfachen Bedeutung kann man es genau so sagen: „Koche nicht das Zicklein in der Milch seiner Mutter.“ Das heißt, man soll keine Milch in einen Topf gießen, Ziegenfleisch hineinlegen und das kochen; das ist es, was verboten ist. Andere Kommentatoren sagen: „Ja, das ist es, was verboten ist, das hängt damit zusammen, dass es bei den Heiden solche Opferdarbringungen gab, bei denen man ein Zicklein in Milch opferte.“ Und es geht hier nicht nur (wenn auch unter anderem) um das Kochen eines Zickleins in der Milch seiner Mutter, sondern überhaupt um alle heidnischen Formen von Opferdarbringungen. Die jüdische klassische Tradition sagt heute, dass es verboten ist, Milchiges und Fleischiges zusammen zu kochen, Milchiges und Fleischiges zusammen zu essen, dass man nach Fleischigem nicht sofort Milchiges essen darf, sondern erst nach sechs Stunden, dass man das Geschirr trennen muss, und es gibt noch einige andere Trennungen. Das ist schon die heutige Halacha. Und man kann darüber streiten, ob das Pschat ist, der einfache Sinn.
Noch eine Variante, den Pschat zu verstehen, den einfachen Sinn zu verstehen, lässt sich mit einem anderen Verständnis des Wortes lewaschél (kochen) begründen. Dieses Wort bedeutet nicht nur kochen, sondern auch zur Reife bringen, ausreifen lassen. Das heißt, man kann ein Zicklein lange, lange mit der Milch seiner Mutter halten, es zwingen, die Milch zu saugen, und dann wird sein Fleisch weicher und zarter, es wird mehr davon geben, und auf diese Weise bekommen wir eine Delikatesse, ähnlich wie man durch eine besondere Art der Fütterung von Gänsen ihre Leber größer macht. Das heißt, das ist eine Art Eingriff in die Natur, in die Veränderung der Anatomie des Tieres, eine gewisse Quälerei gegenüber dem Tier, damit der Geschmack seines Fleisches besser wird. Das ist auch ein Verständnis des Pschat, und höchstwahrscheinlich ist dieses Verständnis das richtigste.
Was ist nun mit dem Gesetz über die Trennung von fleischiger und milchiger Speise? Hier würde ich es so sagen: Man muss verstehen, dass jeder Mensch, der in eine Gesellschaft hineingeboren wurde, in ihre Gesetze hineinwächst, und heute ist es für das Volk Gottes allgemein üblich, um des Höchsten willen Milchiges und Fleischiges zu trennen. Das ist Teil des Dienstes für den Höchsten geworden, und wer sind wir überhaupt, darauf zu verzichten? Es gibt zwei Gründe, das nicht einzuhalten. Der erste ist die Liebe zu etwas Fleischig-Milchigem, seien es Cheeseburger oder Pelmeni mit saurer Sahne (jeder, was er mag), und die Versuchung ist groß, da gebe ich euch recht. Der zweite ist der Wunsch, heiliger zu sein und zu sagen, dass ich so auf göttliche Weise handle und nicht gemäß der jüdischen Tradition. Aber eine solche Haltung (Cheeseburger oder Pelmeni mit Milch zu essen, um sich der jüdischen Tradition entgegenzustellen) fügt keine Heiligkeit hinzu. Für mich gibt es darin keinerlei Dilemma, obwohl ich verstehe, dass das Verständnis der Weisen höchstwahrscheinlich nicht der Pschat ist, aber es ist für mich besser, es ist für mich bequemer, es scheint mir in den Augen des Höchsten wohlgefälliger, in dieser Hinsicht mit dem Volk zu sein und fleischige und milchige Speise zu trennen (soweit möglich, versteht sich).
Hat jemand einen Engel gerufen?
Schemot 23,20–33
Mit Gottes Hilfe setzen wir gemeinsam das Studium des Wochenabschnitts Mischpatim fort. Und das, was wir heute lesen werden, wird erstaunlich sein und wird sich sehr stark von allem unterscheiden, was wir in diesem Wochenabschnitt bisher gelesen haben. Alles, was wir früher gelesen haben, waren Beispiele göttlicher Gesetze und Weisungen darüber, wie man juristisch, auf göttliche Weise, die eine oder andere Situation lösen muss, in die wir geraten können. Ab Vers 20 von Kapitel 23 lesen wir etwas völlig anderes, die Ansprache des Höchsten ändert sich vollständig.
הִנֵּה אָנֹכִי שֹׁלֵחַ מַלְאָךְ לְפָנֶיךָ לִשְׁמָרְךָ בַּדָּרֶךְ וְלַהֲבִיאֲךָ אֶל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר הֲכִנֹתִי׃
hinné anochí scholéach mal'ách lefanécha lischmorchá baddárech welahawi'achá el-hammakóm aschér hachinóti
20 Siehe, Ich sende einen Engel vor dir her, um dich auf dem Weg zu behüten und um dich an den Ort zu bringen, den Ich bereitet habe.
So viel Erstaunliches auf einmal in diesem einen kurzen Vers. Wer ist dieser Engel? Warum sendet der Höchste, Der das Volk Israel mit starker Hand aus Ägypten herausgeführt hat, Der dafür gepriesen wird, dass Er Selbst, Gott Selbst sein Volk herausgeführt hat, plötzlich einen Engel? Und wenn es so ernste, schwierige Fragen gibt, ist klar, dass im Laufe der langen Geschichte des Kommentierens und Durchdenkens der Tora viele verschiedene Versuche entstehen, sie zu beantworten.
Zur ersten Frage – wer dieser Engel ist – sagen einige Kommentatoren, dass man das Wort Engel hier nicht wörtlich verstehen muss. Möglicherweise geht es um die Tora, eigentlich um das Buch der Tora, das der Wegweiser Israels über ihre ganze Geschichte hinweg sein wird. Möglicherweise geht es um die Lade des Bundes. Die Lade des Bundes ist wie ein Panzer, der vor der Infanterie herfährt und, wie die Midraschim beschreiben, das Abschüssige ebnet und das Bergige ebnet und alles in eine Ebene verwandelt, so ein mächtiges Gerät. Außerdem sagt man, dass es um den guten Trieb (jezer ha-tow) geht, der in den Menschen gesät ist, der in ihm wirkt und den Menschen antreibt, das Gute zu wählen.
Einige Kommentatoren sagen: „Warum es nicht wörtlich verstehen? Wenn das Wort mal'ach, Engel geschrieben steht, dann muss man es auch verstehen als Engel“. An vielen Stellen des Tanach, in anderen Quellen handelt der Höchste durch einen Engel. Nur muss das nicht irgendein einfacher Engel sein, kein gewöhnlicher Engel. Das muss ein Engel des unteren AntlitzesDas russische Wort, hier mit „Antlitz“ übersetzt, kann in der Engellehre auch „Rang“ oder „Chor“ der Engel bedeuten. Wir haben wörtlich übersetzt. nach der Hierarchie der Engel sein, zum Beispiel Metatron. Metatron ist das Oberhaupt der ganzen Engelskanzlei des Höchsten. Das Wort Metatron kann man in gewissem Sinn so auslegen, dass es mit dem Verb lintór (bewachen), oder lischmór (behüten), verbunden ist, wie hier lischmorchá (dich behüten) geschrieben steht. Genau deshalb sehen die Kommentatoren hier Metatron. Was Metatron ist oder wer Metatron ist – das ist eine eigene Geschichte, es sind sogar mehrere Bücher darüber geschrieben worden, darunter auch auf Russisch. Aber wir können nicht darauf eingehen: Wenn wir in dieses Thema eintauchen, werden wir so bald nicht wieder daraus auftauchen.
Noch ein Kommentar, der die Version mit dem Engel stützt, sagt, dass der Engel hier der Erzengel Michael ist. Der Erzengel Michael ist, wie er auch im Buch Daniel genannt wird, der Minister für die Angelegenheiten Israels in der Himmlischen Kanzlei des Höchsten. Eben dieser Erzengel ist, wie die Kommentatoren sagen, auch Jehoschua, dem Sohn Nuns, vor seiner Schlacht bei Jericho erschienen. Wenn es viele Versionen gibt, dann ist klar, dass nichts klar ist.
Die zweite Frage – warum sendet der Höchste, der Israel mit starker Hand herausgeführt hat und der dafür gepriesen wird, Selbst gehandelt zu haben und nicht durch Mittler, hier einen Engel? Erinnern wir uns (20,18–19): Als der Posaunenschall ertönte, der lange Posaunenschall, und das Volk Israel auf den Berg steigen und sich mit dem Höchsten vereinigen sollte, Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen, auf eine völlig andere Ebene der Beziehung zum Höchsten aufsteigen sollte, da fürchtete sich das Volk. Das Volk fürchtete sich und sagte zu Mosche: „Sei du der Mittler zwischen uns und dem Höchsten. Alles, was Ihm von uns übermittelt werden muss, übermittle du. Alles, was uns von Ihm übermittelt werden muss, übermittle du, wir vertrauen dir. Vorwärts, Mosche! Wir selbst fürchten uns, dass wir nicht etwa sterben an einem so engen Kontakt, an einer solchen Nähe zum Höchsten.“ Jemand kann sagen, dass das Feigheit ist, dass das eine Art Unentschlossenheit und Kleinglaube ist, aber wenn ein Mensch sagt: „Geh aus meinem Boot, denn ich bin ein sündiger Mensch“, dann ist das nicht ganz ein Ausdruck von Unglauben, das ist auch ein Ausdruck von Demut, von Furcht. Wenn wir Gott nicht fürchten, dann sind auch wir in großer Not. Darum kann man nicht eindeutig sagen, dass diese Furcht da so ein großes Laster des Volkes Israel ist; beeilt euch nicht, Steine auf die Juden des Stehens am Sinai zu werfen, sie hatten wirklich Angst. Und der barmherzige Höchste sagt, dass vom Anfang der Zeiten an, seit der Erschaffung der Welt, noch eine weitere Art der Führung vorgesehen ist: „Ich kann in den Propheten reden, Ich kann im Sohn reden, Ich kann durch den Heiligen Geist reden. Ich werde nach Meiner Gnade durch offenbare und nicht offenbare Mittler handeln, die mit euch zusammenwirken werden, und ihr werdet unter ihrer Führung sein, und sie werden euch behüten. Und wenn ihr nicht bereit seid, dass Ich gehe, dann werde Ich einen Engel senden, der euch behüten und euch an den Ort bringen wird, den Ich bereitet habe.“
Dieses ganze Kapitel ist grundlegend für die Mystik, für die Angelologie. Und man kann endlos über diese Stelle reden, darüber, was das für ein Engel ist, wo und wie wir diesen Engeln in unserem Leben begegnen. Aber wir versuchen jetzt, knapp zu lernen, deshalb schlage ich jedem vor, selbstständig tiefer über dieses Thema nachzudenken. Und weiter gebietet der Höchste:
הִשָּׁמֶר מִפָּנָיו וּשְׁמַע בְּקֹלוֹ אַל־תַּמֵּר בּוֹ כִּי לֹא יִשָּׂא לְפִשְׁעֲכֶם כִּי שְׁמִי בְּקִרְבּוֹ׃
hischámer mippanáw uschmá bekoló al-tammér bo ki lo jissá lefisch'achém ki schemí bekirbó
21 Hüte dich vor seinem Antlitz und höre auf seine Stimme, lehne dich nicht gegen ihn auf (oder widersprich ihm nicht, rebelliere nicht gegen ihn), weil er eure Sünden nicht tragen wird, denn Mein Name ist in ihm.
Das heißt, wenn ihr euch auflehnt, diesen Engel lästert, in dem Mein Name ist, dann wird er eure Sünden nicht tragen. Nur der Höchste kann Sünden vergeben. Wenn wir durch einen Engel verkehren, entsteht für uns ein Problem. Der Engel ist ein Leiter des Willens des Höchsten, aber er ist ein „Halbleiter“. Er kann uns einen Tonbrief vom Höchsten überbringen, irgendeine Botschaft vom Höchsten, aber wir können uns nicht mit einem Gebet an ihn wenden. Er ist ein Engel, er ist nicht der Höchste, und in den Gebeten müssen wir uns gerade an den Höchsten selbst wenden. Der Engel kann auch keine Sünden vergeben, so wie ein angestellter Verkäufer nicht das Recht hat, einen Rabatt zu geben. Um einen Rabatt zu bitten, muss man sich an die Vorgesetzten wenden, denn der Verkäufer – er ist bloß ein Verkäufer, obwohl er alle Informationen über die Preise und alles Derartige kennt. Und obwohl der Engel eine gewaltige Kraft, gewaltige Vollmachten besitzt, und das, was er sagt, die Worte Gottes sind, ist er doch nicht die Ohren Gottes, nur der Mund Gottes.
כִּי אִם־שָׁמֹעַ תִּשְׁמַע בְּקֹלוֹ וְעָשִׂיתָ כֹּל אֲשֶׁר אֲדַבֵּר וְאָיַבְתִּי אֶת־אֹיְבֶיךָ וְצַרְתִּי אֶת־צֹרְרֶיךָ׃
ki im-schamóa tischmá bekoló we'assíta kol aschér adabbér we'ajawtí et-ojewécha wezartí et-zorerécha
22 Wenn du mit Hören auf seine Stimme hörst und alles tust, was Ich sage (beachtet: Der Engel – er ist nur eine Box, ein Lautsprecher, durch den der Höchste spricht), werde Ich deinen Feinden feind sein und deine Bedränger bedrängen.
כִּי־יֵלֵךְ מַלְאָכִי לְפָנֶיךָ וֶהֱבִיאֲךָ אֶל־הָאֱמֹרִי וְהַחִתִּי וְהַפְּרִזִּי וְהַכְּנַעֲנִי הַחִוִּי וְהַיְבוּסִי וְהִכְחַדְתִּיו׃
ki-jeléch mal'achí lefanécha wehewi'achá el-ha'emorí wehachittí wehapperissí wehakkena'aní hachiwwí wehajwussí wehichchadtíw
23 Wenn der Engel vor dir hergeht und dich zu den Amoritern und den Hethitern und den Perisitern und den Kanaanitern und den Hiwitern und den Jebusitern bringt und sie vernichtet (die Völker, deren Land ihr erbt),
לֹא־תִשְׁתַּחֲוֶה לֵאלֹהֵיהֶם וְלֹא תָעָבְדֵם וְלֹא תַעֲשֶׂה כְּמַעֲשֵׂיהֶם כִּי הָרֵס תְּהָרְסֵם וְשַׁבֵּר תְּשַׁבֵּר מַצֵּבֹתֵיהֶם׃
lo-tischtachawé lelohehém weló ta'owdém weló ta'assé kema'assehém ki harés teharessém weschabbér teschabbér mazzewotehém
24 Bete ihre Götter nicht an und diene ihnen nicht und tue nicht nach ihren Taten, sondern zerbrich alle ihre Kultbauten, zerschlage alle ihre Stelen.
Ihr könnt in ihre Tempel hineingehen, irgendwelche grandiosen Bauten sehen, riesige steinerne irgendwelche Wesen sehen, riesige Götzen, und ihr könnt, Gott bewahre, denken, dass sie eine gewisse Kraft besitzen. Auf dem Gebiet Israels finden Archäologen ständig Spuren irgendwelcher heidnischer Tempel, und obwohl das heute wie so klägliche Ruinen aussieht, kann man sich vorstellen, welchen Eindruck das auf einen Menschen zu jener Zeit machen konnte. Jeder Mensch, der in ein anderes Land umzieht, schaut, wie die Bewohner jenes Landes handeln, wie sie leben, beobachtet ihre Traditionen. Und manchmal wird es für ihn interessant, dasselbe auszuprobieren, auszuprobieren, es genauso zu machen wie sie. Und der Höchste sagt: „Tut nicht, handelt nicht nach ihren Taten, übernehmt nicht ihre Bräuche.“ Aber bete sie nicht nur nicht an, sondern sage auch nicht, dass das das kulturelle Erbe des Landes ist – lassen wir es, das ist ein Teil der Geschichte. Nein, in diesem Fall erbst du das Land, und auf dir liegt das Gebot, keine kulturelle Spur zu hinterlassen, keinerlei Kontinuität der Traditionen zwischen ihnen und dir.
וַעֲבַדְתֶּם אֵת יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם וּבֵרַךְ אֶת־לַחְמְךָ וְאֶת־מֵימֶיךָ וַהֲסִרֹתִי מַחֲלָה מִקִּרְבֶּךָ׃
wa'awadtém et adonáj elohechém uwerách et-lachmechá we'et-memécha wahassirotí machalá mikkirbécha
25 Ihr werdet dem HERRN, eurem Gott, dienen, und Er wird dein Brot und dein Wasser segnen, und Ich werde jede Krankheit von dir wegnehmen.
Wasser meint nicht nur Wasser, sondern alle Getränke – sowohl Wein als auch Öle; alles wird der Höchste segnen und wird die Krankheiten aus deiner Mitte wegnehmen.
לֹא תִהְיֶה מְשַׁכֵּלָה וַעֲקָרָה בְּאַרְצֶךָ אֶת־מִסְפַּר יָמֶיךָ אֲמַלֵּא׃
lo tihjé meschakkelá wa'akará be'arzécha et-mispár jamécha amallé
26 Es wird keine geben, die ihre Kinder verloren hat, und keine Unfruchtbare in deinem Land, und die Zahl deiner Tage werde Ich füllen.
Das heißt: „Ihr werdet eine gesunde Gesellschaft von Langlebigen sein, mit gesunden Kindern, mit einer großen Schicht junger Leute, wenn ihr nicht fremden Göttern dient, wenn ihr nicht zu diesen Platten, zu diesen Götzenbildern, zu diesen Götzen geht. Und Ich verspreche, dass Ich das tun werde, darum muss man sich nicht an sie wenden, Ich bin der Garant. Obwohl der Engel euch hergeführt hat und der Engel gewisse Vollmachten hat, in gewissem Sinn weitreichende, aber nicht grenzenlose, verspreche Ich euch, dass Ich euch segnen werde. Auch wenn Ich durch einen Engel handle, denkt daran, dass da Ich handle, dass die Quelle des Segens Ich bin, der Segnende, der Unendliche, der Allmächtige, der Höchste.“
אֶת־אֵימָתִי אֲשַׁלַּח לְפָנֶיךָ וְהַמֹּתִי אֶת־כָּל־הָעָם אֲשֶׁר תָּבֹא בָּהֶם וְנָתַתִּי אֶת־כָּל־אֹיְבֶיךָ אֵלֶיךָ עֹרֶף׃
et-ematí aschallách lefanécha wehammotí et-kol-ha'ám aschér tawó bahém wenatattí et-kol-ojewécha elécha óref
27 Meinen Schrecken (Meine Furchtbarkeit) werde Ich vor dir hersenden, und Ich werde jedes Volk verwirren, Ich werde es irreführen, in Bestürzung versetzen, wenn du zu ihnen kommst, und Ich werde alle Völker mit dem Rücken zu dir wenden (das heißt, sie werden vor dir fliehen).
וְשָׁלַחְתִּי אֶת־הַצִּרְעָה לְפָנֶיךָ וְגֵרְשָׁה אֶת־הַחִוִּי אֶת־הַכְּנַעֲנִי וְאֶת־הַחִתִּי מִלְּפָנֶיךָ׃
weschalachtí et-hazzir'á lefanécha wegereschá et-hachiwwí et-hakkena'aní we'et-hachittí millefanécha
28 Ich werde vor dir Insekten hersenden, und diese Insekten werden den Hiwiter, den Kanaaniter oder den Hethiter von dir vertreiben.
Das Wort zir'á ist auch ziemlich erstaunlich, im modernen Hebräisch bedeutet das Wespe. Man kann es auch übersetzen als Hummel, als Bremse, als irgendein Insekt, das sticht und zugrunde richtet. Zugleich kann man es als Hautkrankheit übersetzen, als irgendwelche Ekzeme, Geschwüre, die heranfliegen, über den Gegner herfallen, aber in größerem Maß geht es hier um Hummeln, um irgendeine kleine, aber sehr lästige Kraft. Hummeln sind natürlich, als Insekten, nicht klein, aber im Vergleich zum Menschen ziemlich kleine Wesen.
Drei Völker, ja? Hier sind schon nicht mehr sieben Völker erwähnt, weil das diejenigen sind, die vom östlichen Teil des Jordan her leben; die Kanaaniter leben auf beiden Seiten des Jordan. Das heißt, eben diese Hummeln, Bremsen, was auch immer, werden nicht über den Jordan gehen. Zugleich sagt der Höchste so:
לֹא אֲגָרְשֶׁנּוּ מִפָּנֶיךָ בְּשָׁנָה אֶחָת פֶּן־תִּהְיֶה הָאָרֶץ שְׁמָמָה וְרַבָּה עָלֶיךָ חַיַּת הַשָּׂדֶה׃
lo agareschénnu mippanécha beschaná echát pen-tihjé ha'árez schemamá werabbá alécha chaját hassadé
29 Nicht in einem Jahr werde Ich sie vertreiben, damit das Land nicht leer wird und dich nicht das Tier des Feldes ergreift (dass das Getier des Feldes dich überwältige).
Der Höchste, obwohl Er der Höchste, der Allmächtige, der Allgewaltige ist, sagt: „Ich werde handeln, man kann sagen, mit deiner Geschwindigkeit. Ich werde dieses Land allmählich entleeren, in dem Maß, wie du es erobern wirst, damit das Land nicht leer wird, damit um dich herum kein leeres Land ist, in dem das Tier des Feldes herrscht.
מְעַט מְעַט אֲגָרְשֶׁנּוּ מִפָּנֶיךָ עַד אֲשֶׁר תִּפְרֶה וְנָחַלְתָּ אֶת־הָאָרֶץ׃
me'át me'át agareschénnu mippanécha ad aschér tifré wenachaltá et-ha'árez
30 Ein bisschen, ein bisschen (nach und nach) werde Ich sie vor dir vertreiben, bis du dich ausbreitest und das Land erbst (oder besiedelst).
Der Höchste sagt: „In dem Maß, wie du vorankommst, wird der Engel vor dir hergehen. Du wirst nicht durch Gestrüpp, durch Gräben hinter ihm herlaufen müssen, er wird mit der Geschwindigkeit gehen, mit der du gehen kannst. Ich werde sie allmählich vertreiben.“
וְשַׁתִּי אֶת־גְּבֻלְךָ מִיַּם־סוּף וְעַד־יָם פְּלִשְׁתִּים וּמִמִּדְבָּר עַד־הַנָּהָר; כִּי אֶתֵּן בְּיֶדְכֶם אֵת יֹשְׁבֵי הָאָרֶץ וְגֵרַשְׁתָּמוֹ מִפָּנֶיךָ׃
weschattí et-gewulechá mijam-súf we'ad-jám pelischtím umimmidbár ad-hannahár ki ettén be'edchém et joschewé ha'árez wegeraschtámo mippanécha
31 Und Ich werde deine Grenzen festsetzen vom Roten Meer bis zum Meer der Plischtim und von der Wüste bis zum Fluss, denn Ich werde die Bewohner dieses Landes in eure Hände geben, und Ich werde sie von deinem Angesicht vertreiben.
לֹא־תִכְרֹת לָהֶם וְלֵאלֹהֵיהֶם בְּרִית׃
lo-tichrót lahém welelohehém berít
32 Schließe nicht mit ihnen und mit ihren Göttern einen Bund.
Wovon spricht der Höchste hier? Wenn die Vertreibung nicht sofort geschieht, wenn wir sehen, dass der Höchste die Völker nicht sofort vertreibt – und da sind sie scheinbar, die sogenannten Palästinenser, die es als Volk überhaupt gar nicht gibt, da haben sie sich ein Volk genannt, leben hier neben uns. Und man möchte sehr gern sagen: „Lasst uns mit ihnen irgendwo in Norwegen ein Abkommen über ein friedliches Leben schließen, lasst uns uns einigen.“ Der Höchste sagt: „Selbst wenn diese Vertreibung allmählich geschieht, Ich werde sie vertreiben, schließe mit ihnen keinen Bund, schließe keinen Bund mit ihren Göttern. Dass dieser Prozess langsam geschieht, das ist gesetzmäßig, das ist für deine Sicherheit, für dein Selbstvertrauen und teilweise natürlich zur Prüfung deines Glaubens. Darum schließe mit ihren Göttern kein Abkommen, eile nicht.“ Sehr viel Unglück Israels geschah deswegen, weil sie ein klein wenig, ein klein wenig nicht abgewartet haben, sei es der vorzeitige Auszug eines Teils des Volkes aus Ägypten (nach der Überlieferung, über die wir im Kommentar zu 13,17 gesprochen haben), oder die Geschichte mit dem goldenen Kalb, als sie es leid wurden, auf Mosche zu warten, oder die Opferdarbringung Scha'uls, als er den Propheten nicht abwartete. Irgendwo hat man einen unnötigen Frieden geschlossen, irgendwo noch etwas anderes. Der Höchste sagt hier: „Beeilt euch nicht, mit ihnen ein Friedensabkommen zu schließen, Ich werde sie vertreiben.“
לֹא יֵשְׁבוּ בְּאַרְצְךָ פֶּן־יַחֲטִיאוּ אֹתְךָ לִי כִּי תַעֲבֹד אֶת־אֱלֹהֵיהֶם כִּי־יִהְיֶה לְךָ לְמוֹקֵשׁ׃
lo jeschewú be'arzechá pen-jachatíu otechá li ki ta'awód et-elohehém ki-jihjé lechá lemokésch
33 Sie werden nicht in deinem Land wohnen, damit sie dich nicht zur Sünde verleiten. Wenn du ihren Göttern dienst, wird dir das eine Mine sein, wird dir das eine ständige Versuchung sein.
Darum eile nicht, eile nicht, einen Bund zu schließen, eile nicht, dich irgendwelchen Bedingungen dieser Welt anzupassen, dort, wo die Erfüllung der Verheißung Gottes sich verspätet oder wenn es uns scheint, dass sie sich verspätet. Dort, wo wir nicht die offene Hand des Höchsten sehen, sondern einen Engel Gottes, eile nicht, nicht zu vertrauen.
Wir sind eines Blutes, du und ich
Schemot 24,1–18
Also, in den vorherigen Teilen unseres Wochenabschnitts haben wir die Weisungen gelesen, die der Höchste durch Mosche dem Volk Israel in Bezug auf die Grundlagen des Gerichtswesens übermittelte, in Bezug auf die Prinzipien der Lösung verschiedener Streitsituationen, und wir haben auch die Verheißung des Höchsten über den Engel gelesen, den Er vor dem Volk Israel herzusenden versprach. In Kapitel 24 spricht der Höchste zu Mosche über die Vorbereitung auf den Aufstieg auf den Berg.
וְאֶל־מֹשֶׁה אָמַר עֲלֵה אֶל־יְהוָה אַתָּה וְאַהֲרֹן נָדָב וַאֲבִיהוּא וְשִׁבְעִים מִזִּקְנֵי יִשְׂרָאֵל וְהִשְׁתַּחֲוִיתֶם מֵרָחֹק׃
we'el-mosché amár alé el-adonáj attá we'aharón nadáw wa'awihu weschiw'ím missikné jisraél wehischtachawitém merachók
1 Und (der Höchste) sprach zu Mosche: „Steig hinauf zum HERRN, du und Aharon, Nadaw und Awihu (Nadaw und Awihu – das sind zwei Söhne Aharons), und 70 Älteste Israels, und verneigt euch vor Mir von fern.
וְנִגַּשׁ מֹשֶׁה לְבַדּוֹ אֶל־יְהוָה וְהֵם לֹא יִגָּשׁוּ וְהָעָם לֹא יַעֲלוּ עִמּוֹ׃
weniggásch mosché lewaddó el-adonáj wehém lo jiggáschu weha'ám lo ja'alú immó
2 Mosche wird allein (auf den Berg) zum HERRN hinaufsteigen. Sie werden nicht herantreten (sich nicht nähern), und das Volk wird nicht mit ihm gehen (nicht mit ihm hinaufsteigen).
Nicht alle werden auf den Berg steigen. Das Volk wird hauptsächlich im Lager bleiben, wie das Volk es auch erbeten hatte: Es wollte nicht hinaufsteigen, wollte nicht auf den Berg aufsteigen. Mosche, Aharon, seine zwei Söhne und die 70 Ältesten werden gehen, sie werden sich vor dem Höchsten von fern verneigen. Dann wird Mosche, wie wir sehen werden, die Ältesten ins Lager zurückschicken und nur in Begleitung von Jehoschua ben Nun hinaufsteigen. Jehoschua wird bis zur Mitte des Berges hinaufsteigen. Darüber werden wir noch alles lesen. Also, Mosche hat im Großen und Ganzen die Audienz beim Höchsten beendet.
וַיָּבֹא מֹשֶׁה וַיְסַפֵּר לָעָם אֵת כָּל־דִּבְרֵי יְהוָה וְאֵת כָּל־הַמִּשְׁפָּטִים וַיַּעַן כָּל־הָעָם קוֹל אֶחָד וַיֹּאמְרוּ כָּל־הַדְּבָרִים אֲשֶׁר־דִּבֶּר יְהוָה נַעֲשֶׂה׃
wajawó mosché wajsappér la'ám et kol-diwré adonáj we'ét kol-hammischpatím wajá'an kol-ha'ám kol echád wajomerú kol-haddewarím ascher-dibbér adonáj na'assé
3 Mosche erzählte dem Volk alle Worte des HERRN und alle Seine Satzungen (alle Seine Gesetze). Und das ganze Volk antwortete mit einer Stimme und sprach: „Alle Befehle, die der HERR befohlen hat, werden wir ausführen.“
Alle Worte – das kann man auch auf die Prophezeiung über den Engel beziehen. Alle Gesetze – das sind eigentlich die Gesetze Mischpatim, genau so heißt auch unser Wochenabschnitt. Und alle 600 000 Menschen antworteten ihm in geschlossenem Chor, als hätten sie zwei Wochen lang geprobt: „Alle Prinzipien, die der HERR festgelegt hat, werden wir erfüllen.“Hier wird der Begriff dawar – Wort verwendet, von dem gesagt ist: „Im Anfang war das Wort“: das Wort als Befehl, das Wort als Weisung. Ein Gegenstück zum griechischen Logos.
וַיִּכְתֹּב מֹשֶׁה אֵת כָּל־דִּבְרֵי יְהוָה וַיַּשְׁכֵּם בַּבֹּקֶר וַיִּבֶן מִזְבֵּחַ תַּחַת הָהָר וּשְׁתֵּים עֶשְׂרֵה מַצֵּבָה לִשְׁנֵים עָשָׂר שִׁבְטֵי יִשְׂרָאֵל׃
wajichtów mosché et kol-diwré adonáj wajaschkém babbóker wajíwen misbéach táchat hahár uschtém esré mazzewá lischném assár schiwté jisraél
4 Und Mosche schrieb alle Worte des HERRN auf. Und er erwachte früh am Morgen und baute einen Altar unter dem Berg und zwölf Stelen (zwölf Monumente) für die zwölf Stämme Israels.
Alle aufgezählten Gesetze schrieb Mosche auf. Eigentlich ist das Buch des Bundes ein Vertrag zwischen Israel und dem Höchsten. Hier lesen wir einen erstaunlichen Tagesablauf Mosches am Vorabend seines Aufstiegs auf den Berg. Beachtet: Mosche ist 80 Jahre alt, er ist nicht jung, er ist natürlich noch ein rüstiger Alter, der Höchste hat ihm Rüstigkeit und die Fülle der Kräfte bewahrt, und dennoch vollbringt er erstaunliche Dinge. Also, er stand am Morgen auf und baute einen Altar unter dem Berg. Den Altar konnte er entweder aus unbehauenen Steinen bauen, das heißt, er musste eine ausreichende Menge unbehauener Steine sammeln, oder den Altar aus Erde aufschütten. In jedem Fall ist das eine langwierige Arbeit. Das ist es, was Mosche, so kann man sagen, vor dem Frühstück getan hat, als er früh am Morgen aufwachte. Wie viel Zeit das bei mir in Anspruch nehmen würde, kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin natürlich kein Steinmetz, kein Mensch körperlicher Arbeit, aber Mosche ist auch kein Steinmetz. Außerdem, und das ist interessant, tut Mosche das selbst. Mosche ist der Leiter einer riesigen religiösen Gemeinde, der Rabbiner einer Synagoge, in der es 600 000 Männer gibt. Und er sagte nicht: „Mordechai, Chaim, Izik, morgen früh bis 5 Uhr morgens baut mir 12 Altäre nach ingenieurtechnischem System, damit wir auf ihnen ein Opfer darbringen können.“ Mosche steht selbst früh am Morgen auf und baut diese Altäre.
וַיִּשְׁלַח אֶת־נַעֲרֵי בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וַיַּעֲלוּ עֹלֹת וַיִּזְבְּחוּ זְבָחִים שְׁלָמִים לַיהוָה פָּרִים׃
wajischlách et-na'aré bené jisraél waja'alú olót wajisbechú sewachím schelamímDie russische Umschrift hat hier „schelaschim“. Im Hebräischen steht schelamím (Friedensopfer), dem folgt die deutsche Umschrift. ladonáj parím
5 Und er sandte Jünglinge – Söhne Israels. Und sie brachten Ganzopfer hinauf und brachten dem HERRN Friedensopfer (Stiere) dar.
Die Kommentatoren sagen, dass diese Jünglinge die Erstgeborenen der Ältesten sind, die Erstgeborenen der vornehmen Geschlechter, denn zu jener Zeit gab es noch kein Zelt der Begegnung, gab es keinen Dienst der Kohanim, und es dienten, wie wir verstehen, die Erstgeborenen. Höchstwahrscheinlich wurden 24 Stiere als Opfer dargebracht: Für jeden Stamm wurde bei jedem Monument, bei jeder Stele, ein Stier als Ganzopfer und ein Stier als Friedensopfer dargebracht. Also, schreiben wir das in diesen gewissermaßen Terminkalender Mosches, den wir zusammenstellen: am Morgen aufwachen, einen Altar bauen, 12 Monumente, Jünglinge nach Stieren schicken, 12 Stiere als Opfer darbringen. Und wie viel Zeit würdet ihr euch für eine solche Sache einräumen?
וַיִּקַּח מֹשֶׁה חֲצִי הַדָּם וַיָּשֶׂם בָּאַגָּנֹת וַחֲצִי הַדָּם זָרַק עַל־הַמִּזְבֵּחַ׃
wajikkách mosché chazí haddám wajássem ba'agganót wachazí haddám sarák al-hammisbéach
6 Und Mosche nahm die Hälfte des Blutes und tat sie in Schalen. Die Hälfte des Blutes goss er auf den Altar.
Das Wort aggan bedeutet großes Becken, riesige Schale. Wir wissen aus der ugaritischen Chronik, dass dieses Gefäß selbst 30 Kilogramm wog. Das war so eine riesige Zisterne, und sie wurde tatsächlich für das Ausgießen des Blutes auf den Altar verwendet. Man musste sie schnell mit Blut füllen, da Blut ein sehr leicht verderbliches Produkt ist, mit ihm muss man sehr flink handeln. Also, Mosche füllte zwei Schalen.
וַיִּקַּח סֵפֶר הַבְּרִית וַיִּקְרָא בְּאָזְנֵי הָעָם וַיֹּאמְרוּ כֹּל אֲשֶׁר־דִּבֶּר יְהוָה נַעֲשֶׂה וְנִשְׁמָע׃
wajikkách séfer habberít wajikrá be'osné ha'ám wajomerú kol ascher-dibbér adonáj na'assé wenischmá
7 Und er nahm das Buch des Bundes und las es dem Volk laut vor, und sie sagten zu ihm: „Alles, was der HERR geredet hat, werden wir tun und hören.“
Welches Buch des Bundes? Das, was er am Abend zuvor geschrieben hatte. Das heißt, der nächste Punkt im Programm (außer dass Mosche das Blut geteilt, es in die Schalen gegossen und das ganze Volk versammelt hatte) war, dass er dem ganzen Volk noch das Buch des Bundes vorlas und auslegte.
Und das Volk antwortete: „Wir werden tun und hören.“ Eine sehr interessante Formulierung. Über sie wird sehr viel gesprochen, es gibt sehr viele Kommentare zu diesem Thema, wiederum sowohl mystische als auch einfache. Na'asse – das ist das, was der Mensch tut, sein Mittel des Gesprächs mit dem Höchsten. Wir sprechen, wir übermitteln, senden irgendeine Information, wenn wir etwas tun. Wir hören zu, wenn wir Information aufnehmen, wir sind untätig, wenn wir zuhören. Das heißt, unser Handeln, unser Drang zum Höchsten wird früher geboren als Sein Befehl. Wir drücken mit unserer ersten Handlung die Bereitschaft aus, uns selbst in den Bund mit dem Höchsten zu übergeben. Und der Höchste sagt: „Wenn ihr mit Hören hören werdet …“ Zuerst entscheiden wir uns zuzuhören, werden ganz Ohr und hören dann, was Er sagt.
וַיִּקַּח מֹשֶׁה אֶת־הַדָּם וַיִּזְרֹק עַל־הָעָם וַיֹּאמֶר הִנֵּה דַם־הַבְּרִית אֲשֶׁר כָּרַת יְהוָה עִמָּכֶם עַל כָּל־הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה׃
wajikkách mosché et-haddám wajisrók al-ha'ám wajomer hinné dam-habberít aschér karát adonáj immachém al kol-haddewarím ha'élle
8 Und Mosche nahm das Blut und warf es auf das Volk (besprengte das Volk damit) und sprach zu ihm: „Siehe, das Blut des Bundes, den der HERR mit euch geschlossen hat nach all diesen Worten.“
Es gibt Kommentatoren, die sagen: „Warf auf das Volk kann man verstehen als warf für das Volk.“ Tatsächlich kann man es so verstehen. Man kann verstehen, dass Mosche den zweiten Teil des Blutes für das Volk auf den Altar goss. Warum? Was stört an dem Verständnis, dass Mosche das Volk mit Blut besprengte? Eigentlich stört es überhaupt nicht. Wir lesen, dass auch die Kohanim mit Blut besprengt werden. Aber das Volk zählt 600 000 Menschen, und 600 000 mit Blut zu besprengen – das ist technisch sehr schwer vorstellbar. Dennoch sprechen wir von wundersamen Ereignissen, deshalb wollen wir nicht vom einfachen Sinn abweichen. Mosche besprengte das Volk mit Blut. Und alle Worte, die wir im Wochenabschnitt Mischpatim gelernt haben – das ist ein Vertrag, der Text eines Vertrags zwischen dem Höchsten und dem Volk Israel, der in diesem Fall mit Blut besiegelt ist.
Die Kommentatoren sagen: „Der Vertrag wird in drei Teilen geschlossen und besiegelt durch die Beschneidung, die Waschung (wir sprachen früher davon, dass das Volk sich waschen und vorbereiten musste) und die Besprengung mit Blut, denn die Besprengung kann es nicht ohne Waschung geben, besprengt wird nur ein reiner Mensch.“
Worin besteht das Wesen dieses Bundes? Verstehen kann man das auf verschiedene Weise. Die einen sagen: „Das Wesen des Bundes liegt in einer Beschwörung. Wie dieses Blut vergossen ist, so wird auch mein Blut vergossen werden, wenn ich diesen Bund breche.“ Das heißt, der Mensch spürte, wie seine Kleidung sich mit Blut bedeckt, und sagte: „Wenn ich den Bund breche, dann soll, wie dieses Blut vergossen wurde, so auch mein Blut vergossen werden.“ Mit anderen Worten, das ist ein Schwur. Andere sagen: „Das ist eine Heiligung. Durch die Besprengung mit Blut ist das Volk Israel auf eine besondere Stufe der Heiligkeit erhoben, auf der zu verweilen notwendig ist, um dem Höchsten zu dienen.“ Und die einfachste, sich am meisten aufdrängende Variante, diesen Text zu verstehen: So wurde es im Orient überhaupt gemacht, und im allgemein üblichen Kontext ist das eine Art des Verwandtwerdens. Durch dieses Blut, von dem ein Teil auf den Altar gegossen ist und mit einem Teil davon das Volk Israel besprengt ist, ist ein Blutbund geschlossen: Israel ist mit dem Höchsten verwandt geworden – wir sind mit Ihm eines Blutes. Und auf diese Weise wurde der Bund geschlossen. Vor uns liegt eines der wichtigsten Ereignisse in der jüdischen Geschichte: in der Geschichte Israels und in der Geschichte des Volkes Gottes.
וַיַּעַל מֹשֶׁה וְאַהֲרֹן נָדָב וַאֲבִיהוּא וְשִׁבְעִים מִזִּקְנֵי יִשְׂרָאֵל׃
wajá'al mosché we'aharón nadáw wa'awihu weschiw'ím missikné jisraél
9 Und es stiegen hinauf (im Original steht es im Singular: und es stieg hinauf (sie stiegen hinauf wie einer)) Mosche, Aharon, Nadaw, Awihu und siebzig Älteste Israels.
וַיִּרְאוּ אֵת אֱלֹהֵי יִשְׂרָאֵל וְתַחַת רַגְלָיו כְּמַעֲשֵׂה לִבְנַת הַסַּפִּיר וּכְעֶצֶם הַשָּׁמַיִם לָטֹהַר׃
wajir'ú et elohéj jisraél wetáchat ragláw kema'assé liwnát hassappír uch'ézem haschamájim latóhar
10 Und sie sahen den Gott Israels, und unter Seinen Füßen wie ein polierter Ziegel aus Lapislazuli, rein wie die Tiefe des Himmels.
Natürlich beeilen sich die Kommentatoren sofort, uns zu versichern, dass die Gekommenen nur ein Bild des Gottes Israels gesehen haben, eine gewisse Herrlichkeit des Gottes Israels.
Polierter Ziegel aus Lapislazuli – das ist eine der Übersetzungsvarianten. Andere Kommentatoren sagen: „Sapir ist weiß, deshalb steht geschrieben ‚Weiße des Saphirs, weiß wie Saphir‘“, und vergleichen die Weiße des Saphirs mit der Weiße der Perle. Wieder andere sagen: „Nein, der Saphir ist in Wirklichkeit rot“, und führen ebenfalls Beispiele für seine Beschreibung an. Deshalb entsteht immer eine Schwierigkeit mit der Übersetzung. Und sehr oft fragt man mich: „Alex, welche Übersetzung ist besser?“ Und oft, wenn man vom Blatt übersetzt, denkt man: „Und welche Übersetzung ist besser?“ Ich kann mir den Luxus erlauben, drei Übersetzungsvarianten stehen zu lassen. Ein Übersetzer, der eine schriftliche Übersetzung macht, kann sich einen solchen Luxus nicht leisten, hat nicht das Recht, hat nicht die Möglichkeit dazu. Er ist gezwungen, irgendeine der Varianten auszuwählen. Und das ist nicht immer möglich, manchmal sind die Varianten gleichwertig. Das werden wir noch praktisch in eben diesen Versen sehen. Also, was ist liwnat sapir? Bedeutet das Weiße des Saphirs? Oder bedeutet das Wort liwna in diesem Fall bearbeiteter, polierter Stein? Eindeutig sagen kann man es nicht. Verschiedene Kommentatoren führen völlig berechtigte Argumente für die eine oder für die andere Seite an. Und selbst die Erläuterung, die danach folgt – rein wie die Tiefe des Himmels – hilft uns nicht, da der Himmel bei der Morgenröte rot sein kann, der Himmel weiß sein kann, hell, der Himmel tatsächlich die Farbe von Lapislazuli haben kann, hellblau, und das lässt uns in einer gewissen Ratlosigkeit zurück. Gerade an der interessantesten Stelle (es ist ja sehr spannend, einen Blick zu erhaschen und zu sehen, wie das aussah) bleiben wir in einer solchen sprachlichen Ratlosigkeit zurück.
וְאֶל־אֲצִילֵי בְּנֵי יִשְׂרָאֵל לֹא שָׁלַח יָדוֹ וַיֶּחֱזוּ אֶת־הָאֱלֹהִים וַיֹּאכְלוּ וַיִּשְׁתּוּ׃
we'el-aziléj benéj jisraél lo schalách jadó wajechesú et-ha'elohím wajochelú wajischtú
11 Aber gegen die Edlen unter den Söhnen Israels (das heißt gegen die Ältesten) streckte Er die Hand nicht aus. Und sie sahen Gott. Und sie aßen und tranken.
Das Wort azil – edel, hochgeboren – ist ein erstaunliches Wort, es wird, glaube ich, nur hier verwendet, wenn man die ganze Schrift betrachtet. Worum geht es hier? Die Menschen hatten tatsächlich Angst, dass sie sterben könnten, wenn sie Gott sehen. Hier sehen wir, dass der Höchste aus Gnade die Hand nicht gegen diejenigen ausstreckte, die mit Mosche waren, obwohl sie Sein Bild sahen. Und sie sahen Gott. Und sie aßen und tranken. Und hier geraten wir wieder in die Falle einer schwierigen Übersetzung. Einige Kommentatoren sagen: „Sie sahen das Bild Gottes, und sie aßen und tranken es. Sie versuchten, es zu essen und zu trinken, so sehr hatten sie sich mit den Augen daran festgesogen, dass sie es trinken und essen wollten.“ Andere Kommentatoren sagen, dass sie das Bild Gottes sahen, aber trotzdem (im Unterschied zu Mosche, der 40 Tage auf dem Berg nicht essen und trinken wird, gleichsam in die Engelswelt mit himmlischen Gesetzen versetzt) bei den irdischen Gesetzen blieben, bei denen Essen und Trinken notwendig sind. Und dann bedeuten Essen und Trinken einfaches Essen und einfaches Trinken. Wieder lässt uns der Text mit verschiedenen Varianten des Verständnisses zurück, und wie man übersetzt – das zu wählen ist Sache des Übersetzers, wie man versteht – das zu wählen ist Sache des Verstehenden. Mir näher ist das Verständnis, dass sie das Bild des Höchsten selbst tranken und aßen, weil es dafür auch neutestamentliche Parallelen gibt.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה עֲלֵה אֵלַי הָהָרָה וֶהְיֵה־שָׁם וְאֶתְּנָה לְךָ אֶת־לֻחֹת הָאֶבֶן וְהַתּוֹרָה וְהַמִּצְוָה אֲשֶׁר כָּתַבְתִּי לְהוֹרֹתָם׃
wajomer adonáj el-mosché alé eláj hahára wehje-schám we'ettená lechá et-luchót ha'éwen wehattorá wehammizwá aschér katáwti lehorotám
12 Und der HERR sprach zu Mosche: „Steig zu Mir auf den Berg und sei dort, und Ich werde dir die steinernen Tafeln geben und die Tora und das Gebot, die Ich aufgeschrieben habe, um sie zu unterweisen.“
Die Wörter Torá und lehorotám – sie unterweisen – sind Wörter mit derselben Wurzel. Das Wort Torá kann schießen, lenken bedeuten (wenn ein Mensch schießt, verleiht er etwas eine Beschleunigung und gibt eine Bewegung in eine bestimmte Richtung vor). Das Wort Torá kann auf einen Faden auffädeln, in eine Reihe stellen, auf diese oder jene Weise jemanden einrichten bedeuten. Manche (man kann das als Midrasch betrachten) deuten das Wort Torá vom Wort or – Licht her, auch das ist möglich. Der Höchste sagt: „Ich werde die Unterweisung geben, die Ich zu ihrer Unterweisung geschrieben habe.“
וַיָּקָם מֹשֶׁה וִיהוֹשֻׁעַ מְשָׁרְתוֹ וַיַּעַל מֹשֶׁה אֶל־הַר הָאֱלֹהִים׃
wajákamIn der russischen Umschrift hat das erste Wort in der letzten Silbe ein o statt a. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: wajákam. mosché wihoschúa mescharetó wajá'al mosché el-hár ha'elohím
13 Und Mosche stand auf und Jehoschua, sein Diener, und Mosche stieg hinauf zum Berg Gottes.
Mosche und Jehoschua sondern sich hier ab, sie werden auf den Berg Gottes hinaufsteigen.
וְאֶל־הַזְּקֵנִים אָמַר שְׁבוּ־לָנוּ בָזֶה עַד אֲשֶׁר־נָשׁוּב אֲלֵיכֶם וְהִנֵּה אַהֲרֹן וְחוּר עִמָּכֶם מִי־בַעַל דְּבָרִים יִגַּשׁ אֲלֵהֶם׃
we'el-hassekením amár schewu-lánu wasé ad ascher-naschúw alechém wehinné aharón wechúr immachém mi-wá'al dewarím jiggásch alehém
14 Und zu den Ältesten sagte er: „Bleibt in diesem (die meisten Varianten des Verständnisses sagen: ‚Nicht hier, auf halbem Weg, sondern im Lager: Kehrt ins Lager zurück‘), bis wir zu euch zurückkehren, und siehe, Aharon und Chur werden bei euch sein, und wer Rechtsfragen hat, soll zu ihnen hinaufgehen (herantreten).“
Das heißt, Mosche verlässt das Lager, offenbar für 40 Tage, und lässt an seiner Stelle Aharon und Chur als Stellvertreter zurück. Für Mosche ist es sehr wichtig, lasst uns das verstehen, dass im Lager das Gericht erhalten bleibt, die Möglichkeit erhalten bleibt, sich an das Gericht zu wenden, die Möglichkeit, sich um irgendwelche göttlichen Antworten zu wenden, um eine Entscheidung vom Höchsten. Mosche überlässt das Gericht nicht einmal denen, die ihm, wie wir uns erinnern, Jitro geraten hat: den Obersten über Tausend, über Hundert, über Fünfzig, über Zehn. Nein, Mosche hat die Hauptverantwortlichen zurückgelassen, das heißt, das Gericht geht nicht in die Ferien, weil der Richter Urlaub hat. Für Mosche ist es wichtig, dass eine handlungsfähige Obrigkeit zurückbleibt, die mit Befugnissen ausgestattet ist.
וַיַּעַל מֹשֶׁה אֶל־הָהָר וַיְכַס הֶעָנָן אֶת־הָהָר׃
wajá'alIn der russischen Umschrift ist das erste Wort verkürzt. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: wajá'al. mosché el-hahár wajchás he'anán et-hahár
15 Und Mosche stieg auf den Berg, und die Wolke bedeckte den Berg.
Die Wolke verbarg Mosche, aber seine Begegnung mit dem Höchsten beginnt noch nicht, Mosche wird warten.
וַיִּשְׁכֹּן כְּבוֹד־יְהוָה עַל־הַר סִינַי וַיְכַסֵּהוּ הֶעָנָן שֵׁשֶׁת יָמִים וַיִּקְרָא אֶל־מֹשֶׁה בַּיּוֹם הַשְּׁבִיעִי מִתּוֹךְ הֶעָנָן׃
wajischkón kewod-adonáj al-hár sináj wajchasséhu he'anán schéschet jamím wajikrá el-mosché bajom haschewi'í mittóch he'anán
16 Und es ließ sich nieder (wohnte vorübergehend) die Herrlichkeit des HERRN auf dem Berg Sinai, und die Wolke bedeckte ihn sechs Tage lang, und am siebten Tag rief Er Mosche aus der Wolke.
Beachtet: Hier gibt es bestimmte Parallelen dazu, dass etwas am siebten Tag vollbracht wird, angefangen mit der Erschaffung der Welt. Auch die Gabe der Tora geschieht mit einer sechstägigen Vorbereitung. Mosche bereitet sich sechs Tage lang vor, am siebten Tag ruft der Höchste ihn, auf den Gipfel des Berges hinaufzusteigen, in die Gegenwart Gottes einzutreten.
וּמַרְאֵה כְּבוֹד יְהוָה כְּאֵשׁ אֹכֶלֶת בְּרֹאשׁ הָהָר לְעֵינֵי בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
umar'é kewód adonáj ke'ésch ochélet berósch hahár le'ejnéj benéj jisraél
17 Und der Anblick der Herrlichkeit des HERRN, wie ein verzehrendes Feuer, auf dem Gipfel des Berges vor den Augen der Söhne Israels.
Die Söhne Israels sahen gleichsam eine Flamme auf dem Gipfel des Berges, auf den Mosche hinaufgestiegen war. Wahrscheinlich hat ihnen das Furcht, Grauen, Beben hinzugefügt, es ist schwer, sich an ihre Stelle zu versetzen.
Die Tora in 5 Minuten
Im Wochenabschnitt Jitro haben wir davon gelesen, wie das Volk Israel die Tora empfing und aufstieg, sich auf eine sehr hohe Stufe der Heiligkeit erhob. Man könnte meinen, mit dieser Stufe der Heiligkeit kann man ein Himmelsbewohner sein und für immer in das himmlische Land übersiedeln, neben den Engeln leben auf einer solchen Stufe der Heiligkeit. Aber unser Wochenabschnitt Mischpatim beginnt uns darin zu unterweisen, dass man diese Heiligkeit in unserem irdischen Leib tragen muss, sie in unserer Welt verwirklichen muss, im Alltagsleben, in den allereinfachsten Fragen.
Der Wochenabschnitt beginnt mit Fragen des Erwerbs eines Knechtes, des Umgangs mit dem Knecht, des Umgangs mit dem, der von dir abhängt, über den du Vorgesetzter bist. Wie soll man mit einem Menschen verfahren, der gestohlen hat, wie soll man mit den Bedürfnissen der Ehefrau umgehen (bis hin zu ihrer Befriedigung). In jedem Detail des weltlichen, alltäglichen Lebens muss die Heiligkeit der Tora sichtbar werden. Alles ist durch das Gesetz beschrieben, und in jedem Moment unseres Lebens können wir sehen, wie wir nach der Tora handeln sollen, wie wir in Übereinstimmung mit der Offenbarung der Heiligkeit in dieser Welt handeln sollen.
Und wenn wir das lesen, kann eine solche Befürchtung oder Sorge entstehen, dass alle gleich sein müssen. Wenn die Gesetze für alle Standard sind, die Gesetze für alle gleich sind, dann müssen auch die Menschen gleich sein. Sie müssen sich gleich kleiden, gleich sprechen, gleich denken. Das Gesetz ist ja gleich, also muss alles gleich sein.
In Kapitel 23, in Vers 2 lesen wir:
לֹא־תִהְיֶה אַחֲרֵי־רַבִּים לְרָעֹת וְלֹא־תַעֲנֶה עַל־רִב לִנְטֹת אַחֲרֵי רַבִּים לְהַטֹּת׃
lo-tihjé achare-rabbím lera'ót welo-ta'ané al-ríw lintót acharé rabbím lehattót
2 Folge nicht der Mehrheit zum Bösen, und wenn man dich nach deiner Meinung fragt, gib keine ausweichende Antwort.
Diesen Vers kann man in zwei Teile teilen.
Folge nicht der Mehrheit zum Bösen. Es gibt eine Situation, in der es uns scheint, dass die Mehrheit der Menschen nicht so denkt wie wir. Aber sie sind die Mehrheit, sie sind klug, sie sind gebildet, und obwohl das Herz sagt: „Sie irren sich, sie tun Böses“, kann man sich selbst überreden und sagen: „Wer bin ich denn, dass ich mit ihnen streite? Wer bin ich, wozu brauche ich das?“ – und ihnen folgen, denn eine Milliarde Chinesen irrt sich nicht, tausend Rabbiner können sich nicht irren, ich werde ihnen folgen. Die Tora aber sagt: „Nein, folge nicht der Mehrheit, wenn du denkst, dass sie sich irren.“ Der Talmud spricht darüber, wie das im Gericht angewendet wird: Man darf einen Menschen nicht mit einer Mehrheit von einer Stimme zum Tode verurteilen, mit einfacher Mehrheit kann man das nicht entscheiden. Um ein Todesurteil zu fällen, muss es eine Mehrheit von drei Stimmen geben. Wir sollen der Mehrheit nicht zustimmen, nur weil sie die Mehrheit ist, sollen uns nicht einem bestimmten Standard anpassen, wir sollen nicht denken wie die Mehrheit.
Aber unser Vers hat auch eine Fortsetzung.
Und wenn man dich nach deiner Meinung fragt, gib keine ausweichende Antwort. Das heißt, denke nicht: Da ist sie, die Mehrheit, und was wird man jetzt über mich denken, was wird man jetzt mit mir machen … Wenn man dich nach deiner Meinung gefragt hat und deine Meinung der Meinung der Mehrheit entgegengesetzt ist, schäme dich nicht, fürchte dich nicht: Du bist verpflichtet, deine Meinung zu äußern. Du bist verpflichtet, du selbst zu sein, verpflichtet, deinen Glauben, deine Meinung zu zeigen, denn du bist ein Geschöpf Gottes, und wenn etwas in dich hineingelegt ist, irgendein anderes Verständnis, dann hat der Höchste es in dich hineingelegt.
Die Einheit des Volkes ist nur dann möglich, wenn du deine Meinung äußern kannst, ohne zu fürchten, dass man sie jetzt nicht hört, vielleicht wird man sie später hören. Sei nicht wie alle, passe dich nicht allen an, du bist verpflichtet, du musst du selbst sein. Sowohl in Gedanken als auch in Gesprächen sollst du niemanden fürchten, aber auch dem anderen Menschen bist du verpflichtet, das Recht zu geben, er selbst zu sein. Du musst verstehen, dass sich ein anderer Mensch finden kann – klug, aufrichtig, unbestechlich, gebildet, der nicht so denkt wie du und sogar nicht so wie die Mehrheit deiner Glaubensgenossen, die Mehrheit deiner Freunde.
Die Tora lehrt, dass die Einheit heiliger Menschen die Einheit verschiedener heiliger Menschen ist. Genau diese Verschiedenheit, die innere Wahrheit, die eigene innere Wahrheit, die eigene Offenbarung der Heiligkeit muss man bewahren.
Eine Leiter, um zurückzukehren
Überhaupt muss man, wenn man vom Wochenabschnitt Mischpatim spricht, sagen, dass dies der Lieblingsabschnitt der jüdischen Weisen ist. In diesem Abschnitt gibt es sehr viele verschiedene Gesetze: über den Dieb beim Einbruch, über Darlehen, über Schadenersatz … Einfach zahlreiche Gesetze. Viele Weisen äußern sich, wenn sie darüber sprechen, in dem Sinne: „Wie wunderbar ist unsere Tora.“ Und tatsächlich kann man hier vieles sehen, was für die Zeit der Gabe der Tora ein revolutionäres Gesetz war; vieles, worin sich die Gesetze der Tora von den Gesetzen der umliegenden Völker unterschieden. So gab es zum Beispiel in den Gesetzen der umliegenden Völker einen Unterschied, gegen wen ein Verbrechen begangen wurde. Das Urteil über einen Menschen, der einem Priester oder König eine Ziege gestohlen hatte, war ein anderes als über einen Menschen, der einem einfachen Mann einen Widder oder ein Schaf gestohlen hatte. So war es bei allen Völkern, und nur die Tora macht darin keinen Unterschied. Die Tora ist auch das einzige Gesetz, das verbietet, Geld auf Zins zu verleihen. Und zugleich, während man versteht, dass diese Gesetze sich stark von den Gesetzen der umgebenden Welt unterscheiden, kann man die Freude der Weisen nicht in allem teilen.
Im Brief an die Galater sagt Paulus, dass das Gesetz um der Übertretungen willen gegeben wurde. Worin besteht der Kern dessen, was Paulus sagt? Wenn ein Mensch in der Liebe zum Höchsten lebt, wenn der Höchste für ihn König ist, dann braucht ein solcher Mensch kein Gesetz darüber, was zu tun ist, wenn er ein Schaf gestohlen hat: er wird es einfach nicht stehlen. Wenn ein Mensch den Höchsten liebt, wird er kein Geld auf Zins verleihen, man muss es ihm nicht verbieten.
Darum ist die Tora eben das Gesetz, das um der Übertretungen willen gegeben wurde. Das heißt, der Mensch erwies sich als unfähig, in jener Heiligkeit zu stehen, zu der er berufen ist. Das Volk Israel war nicht einmal bereit, direkt mit dem Höchsten zu reden. Das Volk Israel bat, dass Mosche Mittler sei. Das Volk Israel konnte den Höchsten nicht als König annehmen. Wir sehen, dass Israel ständig bald über das eine, bald über das andere murrt. Und wenn wir jetzt davon sprechen, dass das mit Israel geschah, müssen wir verstehen, dass das im Grunde ein Beispiel für die ganze Natur der Menschheit ist, für die Natur jedes Menschen.
Und weil das Volk auf diese Weise abgefallen ist (und in der Person des Volkes sprechen wir wieder nicht von der jüdischen Natur, sondern von der allgemein menschlichen Natur; nicht Israel ist abgefallen, die Menschheit ist abgefallen), war es notwendig, eine Leiter zu geben, auf der man zurück zum Höchsten hinaufsteigen kann. In diesem Sinn ist das Gesetz gut, weil es dem Menschen, der gesündigt hat, erlaubt, wieder in die Heiligkeit zurückzukehren. Wenn ein Mensch, der die Liebe Gottes vergessen hat, ein Schaf gestohlen hat, dann ist er nicht zur ewigen Lossagung vom Höchsten verurteilt, er kann durch Schadenersatz zurückkehren. Darum sagt Paulus, dass das Gesetz gut ist.
Was aber ist nicht gut? Was ist schlecht an dieser ganzen Geschichte? Das ist die menschliche Natur. Die menschliche Natur, die Gott nicht erlaubt hat, im Menschen zu wohnen, erwies sich als nicht bereit, mit Gott Gemeinschaft zu haben. Und aus diesem Grund wurden Übertretungen begangen.
Welcher ist nun der Weg für einen gläubigen Menschen? Es ist klar, dass ein gläubiger Mensch besser nicht in eine Situation gerät, in der er den Schaden für ein Schaf ersetzen muss. Dafür genügt das Gebot „Du sollst nicht stehlen“. Selbst seit dem Moment, in dem sich uns der Maschiach offenbart hat, können wir an uns feststellen, dass wir manchmal vom Höchsten abfallen. Und der Apostel Paulus sagt, dass wir viel sündigen. Dank dem Opfer Jeschuas müssen wir heute keine Opferdarbringung für die Sünde im Tempel suchen. Gleichwohl bleibt Sünde nach wie vor Sünde. In einem sündigenden Menschen wohnt Gott nicht. Ein solcher Mensch kann die göttliche Gegenwart durch Buße wiederherstellen. Aber da es bei uns, den heutigen Gläubigen, immer noch Übertretungen gibt, ist für uns Gläubige das Gesetz nach wie vor aktuell. Denn wir vollbringen unsere Rettung erst noch. In uns wird erst noch der Krieg gegen die Sünde geführt. Darum ist das Gesetz für uns nach wie vor gut, wie auch Paulus darüber schreibt.
Aber wenn wir unseren Wochenabschnitt lesen und die Weisheit dieser Gesetze bewundern, müssen wir verstehen, dass die Gabe dieser Gesetze eine Gnade des Höchsten ist, die uns zum Sieg über die sündige Natur erwiesen wurde, eine Gnade für die Sünder. Wenn die Gnade des Höchsten wirklich Bewunderung hervorruft, dann ruft die Sündhaftigkeit des Menschen, die auch wir bis heute nicht in allem überwunden haben, Trauer und Bedauern hervor. Der Plan des Höchsten hat sich dennoch erfüllt – der Maschiach ist auf diese Erde gekommen und hat sich selbst als Opfer dargebracht. Aber zugleich haben wir unseren Teil noch nicht getan. Das heißt, unsere Natur ist noch nicht endgültig verändert. Darum kann man die Gnade des Höchsten bewundern.
Digest
Der Wochenabschnitt Mischpatim (21,1–24,18) ist voll von Geboten, die mit der jüdischen Rechtsprechung zusammenhängen. In ihm gibt es etwas mehr als fünfzig Gebote, und er steht unter allen vierundfünfzig Wochenabschnitten der Tora nach der Zahl der Gebote an vierter Stelle, eben der praktischen Gebote.
Dieser Wochenabschnitt beginnt mit den Worten des Höchsten, der sich an Mosche wendet und sagt: „Dies sind die Gebote, die du vor sie legen wirst, tassím lifnehém – du wirst vor ihre Angesichter legen“. Wovon spricht das? Und warum sagt der Höchste nicht: „Ich lege vor ihre Angesichter“, sondern spricht buchstäblich von der Vermittlung Mosches? Im Volk, im Volk Gottes – zuerst im jüdischen Volk, dann in einem weiteren Sinn – gibt es zwei Arten von Seele, zwei Ebenen der Seele. Und bevor wir uns in dieses Thema vertiefen, sage ich, dass wir nicht von höheren Seelen und niedrigeren Seelen sprechen. Jede Seele kann in ihrem Wachstum jede Ebene erreichen. Der Midrasch Tana Dewej Elijahu sagt, dass der Letzte der Heiden anfangen kann zu wachsen und den Hohepriester an Heiligkeit übertreffen kann. Aber vom Standpunkt des Wachstums aus gibt es zwei Ebenen von Seelen. Die einen Seelen, und es sind sehr wenige, erreichen eine solche Ebene der Erkenntnis des Höchsten, dass sie nicht nur wissen, dass der Höchste die Welt lenkt, die Welt regiert, sondern ihnen ist buchstäblich gegeben, die Gegenwart zu spüren, mit Ihm in Kontakt zu treten, sich mit Ihm zu verbinden. Der andere Teil der Seelen befindet sich in dem Zustand, dass sie vom Höchsten wissen, sie wissen genauso, dass Er die Welt lenkt, aber ihnen ist dieses Sehen und Erkennen des Höchsten noch nicht gegeben, durch das man mit dem Höchsten einen direkten Kontakt erreichen kann. Und gerade für solche „neu anfangenden“ Menschen ist die Führung Mosches notwendig. Das lehrt zugleich zwei Dinge: Einerseits kann ein Mensch wachsen und aufsteigen, von jeder Ebene aus beginnend, und andererseits gibt uns keine Ebene das Recht, uns über andere zu erheben. Und Mosche reicht diese Gebote so dar, wie man Menschen Essen serviert. Mosche bedient wie ein Kellner die Geringeren, damit sie die Gebote sehen, er dient als Werkzeug, damit sie den Lebendigen Gott erkennen. Davon (Mt. 20,26) spricht auch Jeschua: „Der Größere unter euch sei euer Diener.“
Die Mischna sagt, dass Mosche die Tora an Jehoschua ben Nun weitergab, dieser gab sie an die Ältesten weiter, und dann hat eine lange, lange Tradition für uns sowohl die Mischna als auch den Talmud und die zahlreichen Midraschim bewahrt. Es kommt oft vor, dass Leute aus messianischen Gemeinden diese verlassen und in die Synagoge gehen und sagen: „Dort bei ihnen, bei den Juden, gibt es Antworten auf alle Fragen, und hier bei uns antwortet man uns auf unsere Fragen nicht.“ Warum geschieht das? All die Jahre, angefangen von den Zeiten der Mischna, haben die Weisen die Erfahrung des Umgangs mit Gott aufgeschrieben. Diese Erfahrung hat sich zuerst zur Mischna gefügt, dann zum Talmud, dann zu zahlreichen Büchern zum Verständnis des Talmud. Auf diese Weise sprechen wir, wenn wir kommen, um uns mit einem Rabbiner auszutauschen, nicht mit einem einzigen Menschen, sondern mit vielen, vielen Generationen von Menschen, die Gott gesucht und erkannt haben. Aber das ist ein zweischneidiges Schwert: Seit der Zeit, als die Weisen begannen, die Tora aufzuschreiben, haben sie die Erfahrung der Gotteserkenntnis systematisiert, aber die Gotteserkenntnis selbst hat aufgehört. Stellt euch vor, dass ihr euch für Puschkin interessiert. Ihr geht in einen Laden und kauft das Buch „Puschkin in den Erinnerungen seiner Zeitgenossen“. Und ihr lest die Erinnerungen all seiner Freunde (sowohl Küchelbeckers als auch vieler anderer), und es kann sich bei euch ein gewisses Bild von Puschkin ergeben. Aber Puschkin ist längst gestorben, der Höchste aber lebt. Die jüdische Tradition bewahrt eine riesige Erfahrung des Umgangs mit Gott, aber größtenteils ist diese Erfahrung für viele Rabbiner schon Vergangenheit. Auf der Grundlage vergangener Begegnungen bewahren die Weisen die Eindrücke von dieser Erfahrung und das Wissen über Gott. Gott bewahre, das gering zu achten, das ist ein sehr wichtiges und nützliches Wissen, auf ihm gründet ja die Tradition, darum wird es auch von Generation zu Generation weitergegeben. Und es ist wertvoll und unendlich wichtig, von Rabbinern zu lernen, die jüdische Sichtweise kennenzulernen. Besonders wichtig sind die Methodik und die Logik – die Art, wie wir erkennen, wie wir die Welt wahrnehmen. Aber zugleich ist uns durch Jeschua ein riesiger Vorzug gegeben. Ja, einerseits (so sagt es auch Paulus) ist es ein riesiger Vorzug, Jude zu sein, denn sie sind Hüter, Hüter der Erfahrung. Andererseits gibt uns der Glaube an Jeschua die Möglichkeit, näherzukommen und den Höchsten kennenzulernen. Um das Beispiel mit Puschkin zu verwenden: Das ist so, als ob ihr den lebendigen Puschkin gekannt hättet und als ob ihr in den Erinnerungen der Zeitgenossen über Puschkin gelesen hättet. Durch Jeschua, durch den Glauben an Ihn, können wir mit Gott lebendigen Umgang haben, zu den Ebenen Seiner Erkenntnis aufsteigen und können (ohne Überhebung, Gott bewahre) mit großer Fürsorge denen dienen, die Ihn noch nicht erkannt haben. Aber andererseits bedeutet das nicht, dass wir, weil wir an Jeschua glauben, Gott schon automatisch erkennen und Gott in uns spricht. Die Begegnung mit Gott ist eine riesige, lange, schwere Arbeit an sich selbst, die Verwandlung seiner selbst in ein Gefäß, in dem Gott wohnen wird und das in Gott eindringen wird. Wie man sagt: „Nicht nur ihr kennt Gott, sondern auch Gott kennt euch.“ Das ist sehr wichtig.
Und ungefähr diese Aufgabe wurde Mosche auferlegt. Aber wenn Mosche isch elohim, Menschgott, genannt wird, so hat sich in Jeschua der Gottmensch verkörpert. Das ist eine völlig andere Ebene der Gegenwart des Göttlichen im Menschen, das heißt, durch Jeschua hat sich eine viel größere Offenbarung des Höchsten aufgetan. Und das Wichtige, das wir aus der Kreuzigung, dem Tod und der Auferstehung Jeschuas, aus dem Opfer Jeschuas, gewinnen können, ist eben dies: dass wir durch Ihn (wenn wir mit Ihm gekreuzigt sind, mit Ihm gestorben sind und mit Ihm auferstehen werden) Zugang zum Höchsten erhalten und mit Ihm lebendigen Umgang haben können.
Wenn ein Mensch, der keinen solchen Umgang hat und vom Höchsten keine Antwort auf seine Fragen erhält, sich an die Synagoge wendet und dort tatsächlich Antworten auf seine Fragen findet, dann fällt es ihm nicht schwer, diesen, in Anführungszeichen gesagt, „nicht funktionierenden“ Jeschua zu verlassen und in die Synagoge zu gehen. Aber wenn wir das Opfer Jeschuas richtig begreifen, dann haben wir lebendigen Umgang mit Gott. Und indem wir diesen Umgang haben, können wir den geringeren Brüdern dienen – denen, die nach diesem Umgang erst streben. Und davon handelt eigentlich der Wochenabschnitt.
Jetzt ein wenig über die Gebote selbst. Ganz am Anfang des Wochenabschnitts spricht die Tora von der Sklaverei, und das ist für uns erstaunlich. Gegenwärtig ist die Sklaverei offiziell in der ganzen Welt abgeschafft. Aber keine Gesellschaft wird an einem Tag aufgebaut, wird an einem Tag geboren. Die Tora ist kein revolutionäres Dokument, das den Menschen und die Menschheit sofort verwandelt. Die Tora ist uns zur Arbeit an uns selbst gegeben. Die Tora erzieht uns, damit wir uns selbst erziehen, damit eine Gesellschaft, die sich selbst erzogen hat, auf die Sklaverei verzichtet. Man kann sagen, dass die Gesetze über die Sklaverei uns gegeben wurden, damit sie später abgeschafft würden, denn der Wunsch des Höchsten ist die Abschaffung der Sklaverei in der Welt. Worum geht es? Jeschua sagt, als er auf die Frage nach der Scheidung antwortet, so: „Mosche (das Gesetz Mosches) hat euch wegen eurer Herzenshärte erlaubt, euch scheiden zu lassen.“ Wie wir am Anfang gesagt haben, war Mosche wie ein Kellner, und er musste denen, die nicht verstehen, denen, die nicht heranreichen, den Sinn der Tora nahebringen. Und weil sie noch hartherzig waren, hat er ihnen manche Dinge erlaubt. Und ähnlich wurde die Sklaverei erlaubt.
Noch ein wichtiges, revolutionäres Detail, das die Tora in diesem Wochenabschnitt verkündet, ein wichtiges Gebot, ist die Todesstrafe: Die Tora sagt, dass jeder, der tötet, getötet werden muss, wenn er vorsätzlich getötet hat. Warum ist das revolutionär? Wir können sagen: Schon viel früher (oder nicht viel früher) war doch in den Gesetzen Hammurapis die Todesstrafe für Mord festgeschrieben. Aber die Gesetze Hammurapis unterschieden zwischen Reichen und Armen, sie teilten die Menschen nach Ständen ein. Darum konnte derjenige, der einen Menschen aus dem Stand der Bettelarmen getötet hatte, einfach mit einer Geldstrafe davonkommen. Genauso ersetzte auch der, der einen fremden Sklaven getötet hatte, dem Besitzer des Sklaven einfach den Schaden. In diesem Fall sagt die Tora, dass völlig unabhängig vom Stand, völlig unabhängig von der finanziellen Lage ein Mensch für die Tötung eines anderen Menschen einsteht, mit seinem Leben einsteht. Die Tora nimmt ein sehr hohes Niveau und sagt, dass man sogar einen Kohen vom Altar wegholen kann, das heißt sogar einen Kohen Gadol, obwohl das zu jener Zeit der höchste Status im Volk Israel ist. Man kann ihn aus dem Allerheiligsten herausziehen, um ihn der Todesstrafe zu übergeben, wenn er jemanden getötet hat.
Es gibt in unserem Wochenabschnitt ein Gebot, an dem viele Anstoß nehmen: Das ist das Gebot Zahn um Zahn, Auge um Auge. Dieses Gebot ruft sehr viel Streit hervor. Anfangs scheint es den Leuten, dass es im buchstäblichen Sinn darum geht, dass, wenn ein Mensch jemandem ein Auge ausgestochen hat, ihm ein Auge ausgestochen wird, hat er ein Ohr abgerissen – wird ihm ein Ohr abgerissen, abgeschnitten, und so weiter. Nach dieser Logik ergibt sich, dass, wenn ein Mensch jemandem zwei Augen ausgestochen hat und zur Strafe selbst ohne Augen geblieben ist, er schon ein Abonnement für die Zukunft hat und ruhig jedem Beliebigen und beliebig oft die Augen ausstechen kann. Wie in einem Werbeslogan: Buy two, get one free (Kauf zwei und bekomm das dritte gratis). Aber zum Glück ist das nicht so. Die Tora spricht in diesem Gebot vom Ersatz des Schadens. Ein Mensch, der ohne Auge geblieben ist, kann seine Arbeit verlieren, das heißt einen Schaden erleiden, er kann seinen Lebensunterhalt verlieren, er und seine Familie. Darum sagt Gott, dass ein Mensch, der eine Verletzung erlitten hat, eine finanzielle Entschädigung erhalten muss. Was nützt es einem Menschen, dem man ein Auge ausgestochen hat, wenn man dem Täter auch ein Auge aussticht? Das hilft ihm nicht, den Lebensunterhalt nach Hause zu bringen, hilft ihm nicht, seine Familie zu ernähren, und hilft ihm nicht einmal, sich ein wenig behandeln zu lassen. Genau deshalb spricht die Tora von einer Geldentschädigung.
Hier ist ein Anlass zu bemerken, dass viele sagen: „Da habt ihr es, heißt es, das jüdische Gesetz, bei ihm dreht sich alles um Geld und um Geld.“ Die Sache ist die, dass das Geld in unserer Welt dem Element der Barmherzigkeit des Höchsten entspricht. Wenn alle freiwillig arbeiten, wie soll dann die Arbeit bewertet werden? Die Gnade des Höchsten besteht darin, dass man sich mithilfe des Geldes, über die Finanzen als gemeinsamen Maßstab, als gemeinsame Übereinkunft, über den Wert der Arbeit einigen kann. Wie jede Gnade, wie jede gute Sache kann man auch diese Sache zum Schaden verwenden, und sie wird oft zum Schaden verwendet, sagen wir es so, für eine alternative Gnade. Aber dennoch ist das Geld ein Ausdruck der Barmherzigkeit. Es gibt kein Verbot, es ist nichts Schlechtes daran, eine Entschädigung zu fordern, Geld für seine Arbeit zu fordern, Geld für seine Arbeit zu bekommen, einen besseren Lohn zu suchen, Erfolg für sein Geschäft zu suchen, reich zu werden, zu gedeihen und so weiter. Der Höchste kümmert sich darum. Das Einzige, woran man denken muss, ist, dass die Quelle des Geldes – sie ist beim Höchsten, die Quelle der Gnade – sie ist beim Höchsten. Und selbstverständlich sich auf Gott verlassen und nicht auf das Geld, wovon auch Jeschua im Beispiel vom Reichen, vom Kamel und vom Nadelöhr spricht. Übrigens, in Klammern bemerkt: In Jerusalem gab es nie ein Nadelöhr-Tor, darüber gibt es keinerlei historische Nachrichten, das ist einfach so ein altes Märchen, und Jeschua gebraucht tatsächlich diese unerträgliche Metapher vom Kamel und von den Nadelöhren.
Noch ein wichtiges Gebot, über das wir mit euch sprechen werden, ist das Gebot, der Mehrheit nicht zum Bösen zu folgen. Was bedeutet das? Oft wollen wir nach unserer menschlichen Natur nicht in der Minderheit sein. Etwas scheint uns gerecht, aber wenn wir sehen, wie die Mehrheit entscheidet, wollen auch wir so entscheiden wie sie. Besonders schwer ist es, seine Position allein zu verteidigen. Die Tora sagt, dass ein Mensch sich nicht der Mehrheit anschließen soll, nur weil sie die Mehrheit ist. Man darf sich nicht nur deshalb für im Unrecht halten, weil die Mehrheit der Menschen anders denkt. Aber das ist eine allgemeine Weisung für das Leben. In unserem Abschnitt aber spricht die Tora vom Gericht.
Worin besteht die Situation, worin besteht die Besonderheit im Fall des Gerichts? Ein jüdisches Gericht kann aus dreiundzwanzig (das Kleine Gericht) oder aus einundsiebzig Personen (das Große Gericht) bestehen. Und wenn das Gericht beschließt, einen Menschen zum Tod zu verurteilen, ein Urteil mit Stimmenmehrheit zu fällen – zum Beispiel zwölf gegen elf –, dann wird das mit einer solchen Mehrheit nicht entschieden. Um einen Menschen wirklich zur Todesstrafe zu verurteilen, muss es dreizehn gegen zehn im Kleinen Gericht oder siebenunddreißig gegen vierunddreißig im Großen Gericht stehen. Das ist die sogenannte qualifizierte Mehrheit. Einfach mit einem Übergewicht von einer Stimme kann man einen Menschen nicht des Lebens berauben, denn auch das wäre ein Folgen der Mehrheit zum Bösen. Und was geschieht, wenn in irgendeinem Gericht, das aus dreiundzwanzig oder aus einundsiebzig besteht, alle einstimmig beschließen, einen Menschen zu verurteilen? In diesem Fall wird der Mensch für unschuldig erklärt und freigelassen. Warum ist das so? Weil eine solche Verteilung bedeutet, dass die Richter nicht aufmerksam darauf geachtet haben, den Menschen freizusprechen. Stellt euch vor, dass bei Gericht Jurastudenten anwesend sind. Wenn einer dieser Studenten eine Meinung zur Verteidigung des Angeklagten äußert, dann wird er sofort in das Gericht aufgenommen, denn das Gericht zieht die Barmherzigkeit der Strafe vor. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt freizusprechen, dann erhält der Mensch, der das tun kann, die Möglichkeit, sofort in das Gericht einzutreten. Und das ist sehr wichtig.
Andererseits sagt die Tora gleich hier, das Recht nicht um des Armen willen zu verändern. Es gibt immer die Versuchung, das Recht um eines reichen Menschen willen zu verändern, um einem reichen Menschen zu gefallen. Es ist klar, dass das schlecht ist, und auch davon spricht die Tora, wenn sie gebietet, auf Bestechung zu verzichten. Aber es gibt auch die Gefahr, Mitleid mit einem Menschen zu haben, mit einem Armen, der von einem Reichen gestohlen hat, und ihm zu vergeben, zu sagen, dass der Reiche ohnehin viel hat. Die Tora verbietet das. Aber auch in Alltagssituationen begehen wir oft genau solche Fehler. Man hat mir eine Anekdote erzählt, eine Geschichte, sagen wir es so, über eine Familie, die aus Russland nach Belgien gezogen ist. Sie hatten einen Jungen von drei bis fünf Jahren, der schnell die Sprache lernte, sich eingewöhnte und in den Kindergarten ging. Im Licht der Besonderheiten der russischen oder familiären Erziehung schlug er bei einem Konflikt die Gegner sofort ins Gesicht, zum Entsetzen der belgischen Erzieherinnen. Natürlich wurden jedes Mal die Eltern gerufen, und irgendwann führten die Eltern ein Gespräch mit ihm. Es verging einige Zeit, und die Erzieher riefen die Eltern wieder in den Kindergarten und sagten: „Ihr Junge, er leidet unter allen, alle schlagen ihn, und so weiter. Vielleicht hat er sich ja gebessert, aber irgendwie hat er sich zu sehr gebessert.“ Die Eltern begannen, mit dem Jungen zu sprechen, und der Junge antwortete ihnen: „Ich habe verstanden“, sagte er, „dass die Belgier sich immer auf die Seite dessen stellen, der am meisten schreit. Deshalb gebe ich bei Streitigkeiten dem Gegner wie früher eins ins Gesicht, aber ich fange sofort an zu schreien, als der am meisten Gekränkte, und sie stellen sich auf meine Seite.“ So eine dumme menschliche Gewohnheit – mit dem zu sympathisieren, der am meisten schreit – kann dazu führen, dass wir mit einem Menschen einfach deshalb sympathisieren, weil er arm ist oder sich als arm darstellt. Unsere Gegner und die Gegner Israels im Friedensprozess stellen ebenfalls gern ihre Armut zur Schau, und Europa begnadigt sie ganz genauso. Gott ist kein Pazifist, und Gott ist barmherzig zu den Gerechten und nicht zu den Bettelarmen. Auch zu den Bettelarmen barmherzig, sie versorgend, aber nicht in Fragen des Gerichts. Auf einen Menschen werden unabhängig vom Stand, unabhängig vom Status die gleichen Gesetze angewandt.
Dasselbe betrifft auch Mischpatim 22,20: und den Fremdling bedränge nicht und bedrücke ihn nicht. Das bedeutet nicht, wie es heute oft ausgelegt wird, dass die Fremdlinge sofort alles halten müssen, wie die Juden es halten. Es bedeutet, dass wir bei Gericht den Fremdling nicht bedrängen. Wenn ein Fremdling gestohlen hat, bekommt er nicht mehr als andere. Wenn man einem Fremdling etwas gestohlen hat, kommt man damit genauso wenig ungestraft davon, wie wenn man einem Juden etwas gestohlen hat. Das heißt, in jeder Hinsicht ein gerechtes Gericht. Das Gericht forscht nach und stützt sich nur auf die Aussagen von Zeugen, die vertrauenswürdig, angesehen und ehrlich sind und einen guten Ruf haben. Es müssen mindestens zwei sein, um einen Menschen zu verurteilen. Mehr noch, um an einem Menschen die Todesstrafe zu vollziehen, müssen diese Leute zuerst zu dem potenziell zu Verurteilenden kommen und ihm sagen: „Das, was du tust, verdient die Todesstrafe.“ Das nennt man „Warnung“. Wenn sie ihn nicht gewarnt haben, dann unterliegt er keiner Strafe. Die Gerichte bemühen sich maximal, die Todesstrafe zu vermeiden. Die Gerichte versuchen maximal, die Weisungen der mündlichen Tora, der Weisen, zu erfüllen: jedes Mal einen Menschen in Richtung Freispruch zu richten, jedes Mal zu versuchen, eine Rechtfertigung zu finden. Die Position eines Menschen zu erklären, ihn zu verstehen und zu versuchen, ihn nicht zu verurteilen – das ist die Haltung, die die Tora gebietet. Darum hat auch Jeschua uns geboten zu beten: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben.“ Und zugleich muss die Todesstrafe, wenn sie nötig ist, angewandt werden. Wie wir schon gesagt haben, müssen es mindestens zwei Zeugen sein, aber das können keine Frauen sein, das Gericht nimmt kein Zeugnis von Frauen an. Und einer der Gründe besteht darin, dass derjenige, der gegen einen Menschen Zeugnis ablegt, selbst an seiner Hinrichtung teilnimmt. Und um die Frauen davon zu befreien, denen nach Ansicht der Weisen die Hinrichtung ihrer ganzen Natur widersprach (das ist dasselbe, als würde man sich eine Frau als Totengräberin vorstellen), haben die Weisen die Frauen vom Zeugnis befreit. Das heißt, nicht weil sie so leichtfertig ist, nicht weil sie so dumm ist, sondern weil sie so zart ist und größeren Schutz braucht. Und das alles haben wir jetzt über die Gebote für das Gericht gesagt.
Noch ein Gebot, das wir betrachten können, ist das Gebot eine Zauberin sollst du nicht am Leben lassen (mechaschefá lo techajjé). Wen nennen wir eine Zauberin? Worin besteht der Sinn der Zauberei? Heute gibt es sehr viele Zauberinnen oder Hexen oder Menschen, die man dessen verdächtigen kann. Wenn ihr zu einem Menschen gekommen seid, ihn etwas gefragt habt und er euch irgendein Kräutlein gegeben hat, dann ist er möglicherweise ein Arzt. Wenn wir zu einem Menschen um Rat gekommen sind und er uns einen Rat gegeben hat, dann ist er möglicherweise ein Rabbiner, möglicherweise ein Lehrer, möglicherweise ein Psychologe. Wer ist eine Zauberin? Wo liegt die Grenze zwischen Hexerei und Weisheit, zwischen Hexerei und, sagen wir, Feinfühligkeit, wenn ein Mensch den Höchsten spürt (darüber haben wir am Anfang gesprochen), zwischen Hexerei und Prophetie? Das Wort mechaschefá (Zauberin, Hexe) geht semantisch, vom Standpunkt der jüdischen Auslegung aus, zurück auf das Wort lehachchisch (leugnen). Wenn ein Mensch, der uns Ratschläge gibt, an den wir uns um Hilfe wenden, uns vom Höchsten wegführt, die Lenkung der Welt durch Gott leugnet und von dieser Position aus sagt: „Gott hat dich bestraft, und ich werde dir helfen“ oder „Wir können hier den Willen des Höchsten lenken“, dann wird genau dieser Mensch Hexer genannt. Das Wort mechaschefá ist im weiblichen Geschlecht in Sammelbedeutung gebraucht, wie zum Beispiel das Wort Fisch: nicht ein Fisch, sondern eben Fisch in der Mehrzahl, viel Fisch. So kann man im Hebräischen mechaschefá in Bezug auf alle Hexer und alle diejenigen sagen, die sich mit solchen Dingen befassen.
Noch ein Gebot, das die Feministen sehr empört, ist das Gebot über das Mädchen, das verführt wurde und das danach nach dem Beschluss des Vaters verheiratet wird. Die Empörung der Feministen, und nicht nur ihre, ist natürlich. Jeder Mensch wird sich wundern und sagen: „Und warum entscheidet der Vater für die junge Frau?“ Und wenn wir aufmerksam lesen, dann sehen wir, dass die junge Frau schon verführt wurde, sie ist schon verführt, und in diesem Zustand kann sie manchmal nicht vernünftig entscheiden, sie ist nicht objektiv, sie ist schon, kann man sagen, von jemandem bezaubert. Ja, natürlich ist ihr Freiheit gegeben, und sie kann für sich selbst entscheiden. Aber es wird richtiger sein, wenn sich der Vater in die Sache einmischt, der mit ihrem potenziellen Bräutigam ein wenig anders sprechen kann als sie selbst. Er kann jedenfalls objektiver sein. Und die junge Frau selbst ist dadurch, dass sie verführt ist, eben damit der Willensfreiheit beraubt, um für sich zu entscheiden.
Zum Abschluss möchte ich darüber sprechen, wie der Höchste mit Mosche spricht und ihm verspricht, einen Engel vor dem Volk her zu senden. Es gibt ein vielfältiges Spektrum von Meinungen, welcher Engel genau das ist. Manche meinen, das sei der Engel Michael, manche meinen, das sei Elijahu, andere sagen, das seien die Tora und das Gesetz, manche sagen, das sei Metatron. Als ich in den Kommentaren nach einer Antwort suchte, habe ich etwa zehn verschiedene Meinungen gefunden. Und wir werden jetzt nicht darüber sprechen, was das für ein Engel ist. Man kann in die Mystik abgleiten, man kann irgendeine einfache Erklärung geben – zum Beispiel, dass das die Kohanim sind. Darum geht es nicht. Folgendes verspricht Gott dem, der auf den Engel hören wird: „Wenn das Volk dem Engel folgt, wenn das Volk auf seine Stimme hört, dann wird es in deinem Land keine vorzeitig Gebärenden und keine Unfruchtbaren geben, die Zahl deiner Tage werde ich voll machen.“ Das heißt, der Höchste sagt, dass Er uns von der Geburt bis ins tiefste Alter begleiten und uns mit Gesundheit segnen wird, von der Empfängnis an, wenn noch von der Gefahr einer Fehlgeburt die Rede sein kann, bis ins tiefe Alter. Heute sehen wir diesen Segen des Höchsten, wir sehen viele Menschen, die ein tiefes Alter erreichen. Wenn früher ein Mensch vierzig Jahre, fünfzig Jahre alt werden konnte (zu Puschkins Zeiten galt ein Fünfzigjähriger schon als altes Männlein), so sehen wir heute, in unseren Zeiten, auch Achtzigjährige, die Basketball spielen. Und wir können sagen: „Na also, so weit ist der Fortschritt gekommen, so weit ist die Wissenschaft gekommen …“ Aber über alldem dürfen wir nicht vergessen, dass Gesundheit, langes Leben, Kraft im Alter und erfolgreiche Geburten – dass all das vom Segen des Höchsten abhängt. Das ist der Sinn dessen, was die Tora hier sagt. Und für Seine Heilung und für die Gesundheit, die Er gibt, müssen wir vor allem Ihn Selbst preisen und erst danach die Medizin. Unsichtbar hilft Er uns, und sichtbar wirkt hier die Hand des Mediziners. Wenn ich von mir spreche, kann ich sagen, dass ich in letzter Zeit einen sehr großen Segen vom Höchsten gesehen habe, als ich mich nach langer Krankheit vom Bett erheben konnte. Noch vor einigen Jahren sagten israelische Ärzte, dass mir nur noch einige Tage zu leben blieben. Aber ich kann bis heute hier sein, bei euch, mit euch reden, und ihr könnt mir zuhören, und dafür sei dem Höchsten Ehre.
Wenn wir den Wochenabschnitt zusammenfassen und dieses Gespräch abschließen, was können wir sagen? Die Tora sagt, dass der Größere unter uns dem Kleineren ein Diener sein muss, denn die Quelle unseres „Mehr“ ist unser Umgang, unser Wissen, unser Erkennen Gottes. Die Tora wird uns gegeben, damit wir wachsen. Sie wird nicht den geistlich Erwachsenen gegeben, sie wird geistlichen Kindern gegeben, damit sie heranwachsen können. Die Tora führt die Todesstrafe nicht deshalb ein, weil sie das Leben des Menschen nicht schätzt, sondern im Gegenteil, weil sie das Leben des Menschen schätzt. Die Tora sagt, dass der Mensch, da er fähig ist, unter Einfluss zu geraten, nicht der Mehrheit folgen darf und immer, bis zum allerletzten Moment, eine Rechtfertigung für den anderen Menschen suchen muss. Die Tora sagt, dass auch der, der einen Menschen vom Höchsten wegführt, die Todesstrafe verdient. Beachtet, dass die Tora niemals die Todesstrafe für irgendwelche wirtschaftlichen Verbrechen festsetzt. Die Todesstrafe wird nur für die eingeführt, die einen Menschen zugrunde richten, seinen Leib oder seine Seele. Die Tora sagt, dass der Mensch Entscheidungen im Zustand geistlicher Gesundheit treffen muss, darum kann ein verführtes Mädchen nicht selbst für sich entscheiden. Und die Tora sagt, dass nicht nur das finanzielle Wohlergehen, nicht nur der Wohlstand, sondern auch unsere Gesundheit, das Niveau unserer Wissenschaft – dass all das vom Höchsten abhängt, Ehre sei Ihm in Ewigkeit.
Volle Tage
Der Wochenabschnitt spricht darüber, wie man nach der Gabe der Tora leben soll, wie man die Gesetze in der neuen Gesellschaft aufbauen soll, wie man die Beziehungen zwischen dem Menschen und seinem Nächsten, zwischen dem Menschen und dem Schöpfer nach der Gabe der Tora aufbauen soll. Wahrscheinlich sind zwei oder drei Traktate des Talmud der Untersuchung jener Gebote gewidmet, die in diesem Wochenabschnitt dargelegt sind.
Wir werden nur über zwei Verse (25 und 26) aus Kapitel 23 des Buches Schemot sprechen: „Und dient dem HERRN, eurem Gott, und Er wird dein Brot und dein Wasser segnen; und ich werde die Krankheit aus deiner Mitte abwenden. Es wird keine Fehlgebärende und keine Unfruchtbare in deinem Land geben, die Zahl deiner Tage werde ich voll machen.“ Diese zwei Verse möchte ich gern untersuchen, sie unter verschiedenen Blickwinkeln aus chassidischer Sicht betrachten und sehen, wie aktuell sie in unserem heutigen Leben sind.
Viele stellen sich die Frage: Warum beginnt der Vers damit, dass Gott sich wendet und sagt: „Dient dem HERRN, eurem Gott“? Die logische Fortsetzung wäre zu lesen: „Und Er wird euer Brot und euer Wasser segnen, und ich werde die Krankheit aus eurer Mitte abwenden. Es wird bei euch keine Fehlgebärende und keine Unfruchtbare in eurem Land geben, und die Zahl eurer Tage werde ich voll machen.“ Nun, oder dass alles im „Du“ stünde. Warum lesen wir einen so seltsamen Übergang: „Dient dem HERRN, und Er wird dein Brot segnen“?
Es gibt einen sehr wichtigen Aspekt im gemeinsamen Dienst, denn es ist unmöglich, dem Höchsten zu dienen, ohne sich um all jene zu kümmern, die neben dir dem Höchsten dienen, oder um jene, die dem Höchsten vielleicht noch nicht dienen. Ganz Israel – das sind Bürgen füreinander. Ganz Israel, das ganze Volk Gottes ist füreinander verantwortlich. Und darum ist der Dienst Israels ein Dienst als Gemeinde. Das bedeutet nicht, dass man irgendwohin gehen und unbedingt in irgendeiner Gemeinde dienen muss. Das bedeutet, dass im Dienst eines Menschen die Sorge um das Volk Gottes sein muss und nicht nur um sich selbst.
Es gibt in der geistlichen Arbeit jedes Menschen ein so großes Übel wie die Selbstzufriedenheit oder das Zufriedensein mit sich selbst. Ein Mensch kann sagen: „Na, was ist mit mir? Ich lerne genug, ich höre ganze drei Lektionen am Tag, ich lese viel in der Schrift, ich tue viele gute Werke, ich habe verschiedene Dienste, und im Großen und Ganzen bin ich mit meiner Beziehung zum Höchsten zufrieden.“ Die Frage ist, ob es neben dir Menschen gibt, die deine Hilfe brauchen und es brauchen, dass du dich um sie kümmerst. Wenn du mit dir zufrieden bist, tu etwas für andere, und das wird zu dem werden, was Segen in dein Haus bringt. Das heißt, der gemeinsame Dienst bringt Segen in das persönliche Leben, in die persönlichen Angelegenheiten des Menschen. Die Anteilnahme und die Sorge um die Nöte des Volkes (nicht unbedingt, ich wiederhole, das Erscheinen soundso oft pro Woche in irgendeiner Gemeinde), die Teilnahme am Dienst des Volkes, das Heranführen des Volkes an den Dienst – das ist eine wichtige Bedingung für den persönlichen Segen des Menschen.
Hier gibt es wahrscheinlich auch noch einen solchen Aspekt, von dem der bekannte Kommentator Kli Jakar spricht (Rabbi Efrajim-Schlomo bar Aharon aus Luntschiza, der im 16. Jahrhundert lebte). Er sagt, dass die gemeinsame Arbeit, der gemeinsame Dienst für den Höchsten gut ist. Es ist gut, gemeinsam, als große Gemeinde, zum Gebet aufzustehen, wenn das nötig ist. Aber zugleich müssen Brot, Wasser, das Essen zu Hause, der häusliche Lebensunterhalt, der Alltag familiär sein. Hier müssen Grenzen gesetzt werden, das heißt, das Leben kann nicht ausschließlich gemeinschaftlich sein.
In Israel, ganz am Anfang des Bestehens des Staates Israel, gab es Kibbuzim (Kolchose, Kolonie), in denen oft darüber gestritten wurde, ob ein Mensch zu Hause einen elektrischen Wasserkocher haben darf. So sehr war alles gemeinsam! Die Kinder wuchsen in einem besonderen Wohnheim für Kinder auf, und die Kibbuzniks aßen nur in den Speisesälen. Private, häusliche Küchen hatten sie nicht. Aber dieses Projekt ist eine Utopie. Ja, es ist wirklich gut, gemeinsam zu arbeiten, es ist gut, dem Höchsten gemeinsam zu dienen, aber zugleich sind Brot, Wasser, Gesundheit eine Art persönlicher Raum, den wir aufbauen müssen und in den wir den Segen aus diesem Dienst in der Gemeinschaft hineinbringen.
Me Schiloach, ein anderer chassidischer Kommentator, sagt, dass man in seinem Dienst für den Höchsten auf andere Rücksicht nehmen muss, und es gibt dazu zwei Ansätze. Wenn ein Mensch in etwas unvollkommen ist und er überlegt und sich scheut und manchmal sagen kann: „Lohnt es sich denn, dass ich spreche, vielleicht sagt es jemand besser als ich? Soll es jemand sagen, der besser ist als ich. Soll es jemand tun, der es besser tun kann. Vielleicht muss ich mich nicht beeilen, auf alle Fragen zu antworten, sondern warten, vielleicht gibt es noch jemanden, der antworten wird?“ Das ist die eine Eigenschaft. Es gibt auch eine andere Eigenschaft. Wenn ich verstehe, dass ich auf irgendeinem Gebiet wirklich kundig und erfolgreich bin, wenn man mich einlädt, die Gebete zu leiten oder zu predigen oder irgendwelche Lehren vorzutragen, und ich wirklich spüre: „Ja, ich bin gut, ich habe Erfolg auf diesem Gebiet, ich kann das gut machen, und das Volk erwartet, dass gerade ich das mache“, dann gibt es auch hier eine Äußerung einer Art von Gottesfurcht, der Sorge darum, dass sich auch andere entwickeln. Darum muss man, selbst wenn du, wenn man so sagen kann, auf irgendeinem Gebiet spitze bist, anderen Raum geben, damit die Geschickten zum Vorschein kommen. Man muss denen Gelegenheit geben, sich zu zeigen, die vielleicht nicht so denken wie du, die vielleicht völlig anders denken können. Jemandem Raum geben, der jung ist, der nicht so klug ist, der nicht so geschickt ist, vielleicht nicht so begabt (oder dir scheint es so, dass er nicht so geschickt und nicht so begabt ist). Man muss anderen Raum geben, sich zu entwickeln. Die Sorge um die Entwicklung anderer, die Sorge um das geistliche Wachstum anderer – auch das ist ein Teil dessen, wovon die Tora hier spricht, wie Me Schiloach es versteht.
Wenn geschrieben steht wa'awádtem (und dient gemeinsam), ist damit gemeint, diejenigen in den Dienst einzubeziehen und zum Dienst zu ermutigen, die vielleicht nicht so begabt und nicht so fähig sind, in ihnen keine Bedrohung zu sehen, sondern in ihnen eine Hilfe zu sehen, in ihnen Potenzial zu sehen. Warum ist das ein Teil der Gottesfurcht? Weil wir uns nicht um unseren eigenen Erfolg kümmern, sondern um den Erfolg des göttlichen Plans. Und der Erfolg des göttlichen Plans besteht darin, dass die Tora, dass unsere Fertigkeiten, dass unser Wissen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wie man sagt: „Man kann sehr schnell laufen, aber allein laufen, und man kann langsamer laufen, aber alle zusammen laufen.“ Und dieses wa'awádtem (und dient) sagt, dass man dem Höchsten gemeinsam dienen muss, indem man die Schwachen mitzieht, manchmal um der Schwachen willen stehen bleibt, manchmal die Schwachen vorangehen lässt, damit sie stärker werden. Und wenn ein Mensch diesem Gemeinsamen begegnet, sich um dieses Gemeinsame kümmert, dann wird er persönlich gesegnet.
Das betrifft nicht nur den alltäglichen Dienst, wie wir ihn sehen, irgendwo in irgendwelchen Angelegenheiten, bei denen offensichtlich ist, dass es ein Dienst für Gott ist. Aber das kann auch auf der Autobahn sein: zum Beispiel, wenn wir auf der Straße fahren und das Auto lenken, können wir so fahren, dass wir überhaupt auf niemanden Rücksicht nehmen, als wären wir die wichtigste Person auf der Autobahn; das ist auch das Verhalten in der Familie und überhaupt überall. Darum die allgemeine Regel: „Willst du Segen empfangen – denk an den anderen.“
Weiter sagt die Tora: „Es wird keine Fehlgebärende und keine Unfruchtbare in deinem Land geben.“ Das ist interessant. Wenn wir vom einfachen Sinn dieser Verse sprechen, dann muss man verstehen, dass es sehr oft so vorkommt, dass zu irgendeinem Ehepaar, das keine Kinder bekommen kann, „Ratgeber“, „Wohlmeinende“ kommen und sagen: „Vielleicht hast du irgendeine Sünde, vielleicht habt ihr da etwas nicht richtig gemacht, vielleicht verhaltet ihr euch irgendwie falsch?“ Das ist manchmal wahrscheinlich nützlich, wenn die Leute selbst danach fragen. Aber wir sehen, hier ist gesagt, dass das vom gemeinsamen Dienst abhängt, vom allgemeinen Zustand der Gesellschaft, nicht von irgendeinem persönlichen Stand. Vielleicht auch vom persönlichen, aber es ist gesagt: „Wenn in der Gesellschaft Unordnung herrscht, dann wird es eine Fehlgebärende und Unfruchtbare in deinem Land geben.“
Die chassidischen Lehrer lesen die Wörter nicht immer so, wie sie geschrieben sind. Wenn wir das Wort Land (érez) lesen, verbinden wir es mit dem Wort razón (Wunsch). Warum heißt das Land (érez) so? Weil es den Wunsch (razón) seines Herrn tut. Wenn ihr einen Kirschkern in die Erde werft, wächst eine Kirsche; wenn ihr Tomatensetzlinge in sie pflanzt, werden Tomaten wachsen. Der Mensch, das Volk Gottes, wird ebenfalls Land (érez) genannt. Im Buch des Propheten Malachi (3,12) lesen wir: „Und alle Völker werden sagen, dass ihr glücklich seid, und ihr werdet ein Land Meines Begehrens sein (ein Land Meines Wunsches)“, – so spricht der HERR. Das heißt, der Dienst für den Höchsten ist mit unseren Wünschen verbunden.
Was ist eine Unfruchtbare? Unfruchtbar – das ist, wenn wir nicht wollen, wir haben überhaupt keine Wünsche. Wir verstehen anscheinend gar nicht, wofür wir leben. Wir leben zwar, aber verstehen nicht, wofür. Die Fehlgebärende – das ist, wenn wir etwas wollen, aber es uns nicht gelingt, dieses Etwas zu erfüllen. Und der Höchste sagt: „Wenn du diese Regel hier einhältst, dem Höchsten zusammen mit dem Volk dienst, am gemeinsamen Dienst teilnimmst, dann wird sich auch das erfüllen. Bei dir wird es keine Unfruchtbare geben, bei dir wird es keine Fehlgebärende geben. Du wirst voller Wunsch sein, wirst voll vom Wunsch zu leben sein, von irgendwelchen Ideen, irgendeiner Motivation, deine Wünsche werden sich verwirklichen.“
Und was bedeutet die Zahl deiner Tage werde Ich voll machen? Man kann sagen, dass das einfachste Verständnis davon ist: Du wirst so lange leben, wie dir zugemessen ist. Aber das Zugemessene kann man auf verschiedene Weise leben. Wenn einem Menschen fünfundsiebzig Jahre zugemessen sind, ist klar, dass er schläft, isst, sich noch mit etwas anderem beschäftigt. Aber es gibt Brutto und es gibt Netto, das heißt: Wie effektiv lebt ein Mensch diese seine Tage? Und wenn ein Mensch einige Jahre krank ist, im Koma liegt, gelähmt sein wird – das ist doch auch die zugemessene Zahl der Tage. Wie nützlich, wie effektiv verbringen wir unsere Tage, wie leben wir sie?
Es kommt vor, dass ein Mensch beschlossen hat, loszufahren und sich zum Beispiel Schuhe zu kaufen. Und der Bus kam pünktlich, der Laden hatte geöffnet, im allerersten Laden passte ihm gleich das allererste Paar, das er anprobieren wollte, alles passte, und er hat den Schuhkauf in einer Stunde erledigt. Die einfachste Alltagssituation. Und es kommt vor, dass er sich einen halben Tag abmüht, herumläuft, alles umsonst, es gelingt ihm nicht, eine scheinbar so einfache Sache zu erledigen. Der Begründer des Chassidismus, der Baal Schem Tow, gab den Menschen einen Segen, einen Segen in der Zeit: „Deine Zeit sei gesegnet. Gott gebe, dass du alles rechtzeitig schaffst, damit keine Minuten, Stunden deines Lebens umsonst vergeudet werden.“ Das ist sehr aktuell für unsere Zeit, in der uns die Zeit durch die Finger rinnt.
Ein anderer chassidischer Kommentator, der Sfat Emet, der Admor, der Lehrer aus Gur, sagt: „Im Wort mispár (Zahl) kann man die Wurzel sapír (Leuchten) sehen. Mögen deine Tage mit Leuchten erfüllt sein.“ Jeden Tag wird es in deinem Leben irgendeine Entdeckung geben, du wirst etwas Neues erfahren. Du hast irgendeine kleine Belehrung gehört, irgendeinen Vers gelesen und ihn neu verstanden. Es kommt vor, dass du jahrelang ein und dasselbe liest, und plötzlich, unerwartet, fängst du an, es neu zu betrachten. Du hast irgendein Lied gehört, und plötzlich hat es zu dir gesprochen, hast irgendeine Belehrung gehört und für dich etwas Neues bekommen. Jeden Tag für sich etwas Neues erfahren, für sich etwas Neues sehen.
Tag kann man hier als Gefäß verstehen, das man mit irgendeinem Licht füllen kann. Was hast du heute erfahren? Heute ist ein Tag, der nur ein einziges Mal in der Geschichte geschieht. Nur ein einziges Mal in der Geschichte gibt es diesen Tag, und der Höchste hat für dich ein besonderes Geschenk für diesen Tag, ein besonderes Leuchten, ein besonderes Verständnis, das du für dich empfangen sollst. Eine besondere Lektion, die du lernen, bemerken kannst. Vielleicht etwas Neues in deiner Stadt sehen.
Man kann es sich zur guten Gewohnheit machen zu beobachten, womit dich der HERR an diesem Tag erfreuen will und erfreut. Du gehst auf die Straße hinaus, und manchmal ist die Stimmung trüb, schlimmer geht es nicht, aber du hast gehört, gesehen (jeder etwas Eigenes): der eine das Rascheln des Laubes, der andere ein Sonnenstrählchen Licht, das durch das Laub dringt... Und bemerke das, was dich freut! Geh und zähle das, was dich freut, versuche darin eine Begegnung mit dem Höchsten zu sehen, in dem, was dich gefreut hat, in irgendwelchen kleinen, kleinen Ereignissen. Kinder zeigen das sehr gut, wenn es für jemanden eine Freude ist, durch eine Pfütze zu patschen. Irgendwelche kleinen Freuden sehen, die der Höchste dir schickt, sehen, wie oft am Tag der Höchste für dich gesorgt hat, und mit diesen Fünkchen, diesen kleinen Strahlen wie mit Licht dein Gefäß füllen.
Ein Rabbiner erzählte, dass er jeden Tag zur Arbeit fährt und jeden Tag sieht, was in Jerusalem Neues gebaut wird, wie Jerusalem wächst. Schaut, was es bei euren Arbeitskollegen Neues gibt. Vielleicht hat jemand etwas Neues gekauft, jemand etwas Neues gemacht. Freut euch für ihn, segnet ihn. Sucht eine solche Weise, etwas Neues zu finden. Mögen eure Tage mit solchem Licht erfüllt sein!
Rabbi Nachman spricht darüber von einer anderen Seite: „Das Leben gleicht so einem Regalbrett oder einem endlosen, endlosen Kerzenhalter, den man mit Kerzen füllen kann. Jeder Tag ist wie einer der Kerzenhalter in diesem großen, großen Leuchter. Wie viele Kerzenhalter werden ungefüllt bleiben? Wirst du in jeden Kerzenhalter eine Kerze stellen können? Jeden deiner Tage mit irgendeinem Licht füllen, mit dem du für andere geleuchtet hast? Mit deinem Licht etwas für andere tun. Etwas Neues in der Tora entdecken, etwas Neues im Verständnis der Schrift.“
Der Höchste sagt: „Ich gebiete dir heute.“ Sehen, was dir der Höchste heute geboten hat, was du für Seinen Dienst tun kannst, für die Verbreitung Seines Lichts, was du dafür heute tun kannst? Wir schauen manchmal auf irgendwelche erfolgreichen, bekannten Menschen, bekannte Lehrer. Wir können auf sie schauen und denken: „Wie haben sie das alles bloß geschafft? Wie haben sie es geschafft, und dabei hatten sie noch keinen Computer, hatten keine Verkehrsmittel. Sie haben noch etwas anderes zu tun geschafft, außer dass sie Bücher schrieben, sich mit Menschen trafen, Fragen beantworteten, Bücher lasen, studierten. Manche schafften es auch noch, gut zu schlafen!“ Zum Beispiel Schlomo ben Aderet: Außer dass er sich mit einer Menge Menschen traf, einen Haufen Bücher schrieb, schaffte er es noch, jeden Tag eine Stunde spazieren zu gehen! Er hatte sich eine solche Regel gesetzt.
Es gibt eine bekannte Anekdote über einen Professor, der in ein Glas zuerst große Steine legte und fragte: „Ist es voll?“ Dann noch kleine Steine, dann noch Sand, dann noch Wasser. Wie effektiv füllst du deinen Tag, wie effektiv füllst du dein „Gläschen“, wie effektiv gießt du Öl in deinen Leuchter? Das ist auch eine sehr wichtige Frage.
Und worin liegt hier der Kern? Warum haben wir mit der Selbstzufriedenheit zu sprechen begonnen? Wenn du dir selbst dienst, fällt es dir leicht zu sagen: „Na, mir reicht es zum Leben. Ich habe schon erreicht, ich habe schon verdient, so viel ich wollte, und die Gebote habe ich auch schon gehalten, wie ich wollte. Ich habe schon eine gewisse geistliche Stufe erreicht! Wunderbar, wie ich es erträumt habe!“ Einmal kam zum Lubawitscher Rebbe (Menachem Mendel Schneerson), als er gerade erst Rebbe geworden war, ein Mann aus Brasilien und sagte: „Ich möchte eine Million Dollar für die Verbreitung eurer Lehre in Brasilien spenden.“ Er kam mit seinem Sohn, um einen Segen zu erhalten. Der Rebbe sagte: „Nun, ich hoffe, du erwartest nicht, dass ich damit zufrieden sein werde. Du hast eine Million gegeben, möge dein Sohn heranwachsen und zwei Millionen geben.“ Es geht nicht darum, dass der Rebbe Geld für chabád wollte. Es ging nicht darum, sondern darum, dass ein Mensch, selbst wenn er etwas getan hat (und da ist so ein sehr trügerischer Gedanke, man kann träumen: „Da, eines Tages werde ich kommen und geben, werde hinlegen meinem Rabbiner, meinem Lehrer, in meine Gemeinde, meinen Freunden, denen, die es brauchen, werde hinlegen eine Million Dollar!“), und man scheinbar zufrieden sein kann, sogar irgendein Traum hier in Erfüllung gegangen ist – aber der Rebbe sagt: „Nein! Strebe nach Größerem, denn so befriedigst du nicht deine Träume, du befriedigst nicht deine Wünsche, du dienst vor dem König der Könige!“
Genauso dienst du auch im Familienleben ständig vor dem König der Könige. Man kann sagen: „Ich habe meiner Frau das hier geschenkt“, und sie fragt mich noch: „Liebst du mich?“ Ich habe noch das hier getan, und sie fragt mich: „Liebst du mich noch?“ Das ist so ein Prozess, bei dem ich nicht sagen kann: „Ich habe schon gut gesorgt, ich habe es erfüllt“, denn ich sorge hier nicht für mich selbst.
Und ein Mensch, der sich wirklich mit dem Dienst beschäftigt, beschäftigt sich mit dem, wozu er gesandt ist. Nein, das betrifft nicht die Erfüllung der Gebote, es wird nicht in ein Büchlein eingetragen, wie viele Gebote ich erfüllt habe, wie viel ich vollbracht habe; inwieweit ich das erfülle, wozu der Höchste mich geschaffen hat, inwieweit ich meine Sendung in dieser Welt erfülle – das ist die Fülle meiner Tage, das ist jener wahre Genuss des Umgangs mit dem Höchsten, den der Höchste in meinem Leben gibt. Das Nicht-Nachahmende, nicht wenn ich andere nachahme, sondern gerade mein Dienst, gerade das, was ich tun muss.
Ich schließe mit einer solchen chassidischen Geschichte. Der Rebbe von Tschertkowo räumte einmal nach dem Sabbat bei sich zu Hause auf. Er hatte einen kleinen Besen und eine kleine Kehrschaufel. Die Chassidim sahen das und sagten: „Rebbe, ist das irgendeine chassidische Handlung? Ist das ein Segen für etwas?“ Der Rebbe sagte: „Darin ist nichts Wunderbares, ich helfe einfach meiner Frau.“ Sehr lange Zeit danach nahm jeder Chassid noch am Ende des Sabbats einen Besen, schlug nach dem Sabbat damit auf die Kehrschaufel und sagte: „Darin ist nichts, ich helfe einfach meiner Frau.“ Es gibt eine solche nachahmende Handlung, wenn du nicht das erfüllst, was der Höchste von dir verlangt, sondern es bei jemandem gesehen und angefangen hast, jemanden nachzuahmen.
Durch diese Nachahmung von etwas, das vor dir aufgezeichnet ist, weichst du dem aus, wozu du selbst berufen bist. Und der Segen besteht darin, dass das, wozu du berufen bist, deine Berufung, deine Talente, deine „Lichter“, dass sie alle der Welt leuchten, dass dein ganzes Potenzial sich in dieser Welt entfaltet! Das ist das Geheimnis des Segens: „die Zahl deiner Tage werde Ich füllen“. Der Höchste sitzt gleichsam da und füllt die Tage des Gerechten. Es gibt Hilfe, alles wirkt zum Gelingen für einen Menschen, der sich in einem solchen Dienst befindet: Der Bus kommt rechtzeitig, und die Schuhe finden sich rechtzeitig, und alles andere geschieht. Von einem solchen Segen spricht die Tora hier.
Es gibt natürlich auch andere Sichtweisen und andere Verständnisse. Ich habe nur, sozusagen, wieder, um „Holz ins Feuerchen der Gedanken nachzulegen“, die Verständnisse einiger chassidischer Lehrer angeführt.
Entlade dich selbst
Im 23. Kapitel des Buches Schemot, im 5. Vers, lesen wir eine erstaunliche Aufzeichnung. Der Vers selbst ist etwas schwierig zu übersetzen und zu verstehen, obwohl das Gebot sehr einfach ist. Darum werden wir einige verschiedene Verständnisse dieses Verses anführen. Also:
כִּי־תִרְאֶה חֲמוֹר שֹׂנַאֲךָ רֹבֵץ תַּחַת מַשָּׂאוֹ וְחָדַלְתָּ מֵעֲזֹב לוֹ עָזֹב תַּעֲזֹב עִמּוֹ׃
ki-tir'é chamór sona'achá rowéz táchat massaó wechadaltá me'asów lo asów ta'asów immó
5 Wenn du einen Esel siehst, der einem Menschen gehört, den du hasst, und dieser Esel nur mit knapper Not damit fertig wird, seine Last zu tragen, unter seiner Last zusammenbricht, und du dich irgendwie davon zurückhältst, ihn zu entladen, so entlade mit Entladen entlade zusammen mit ihm.
So ein Vers ist das. Eine der Übersetzungen, die der Wahrheit am nächsten kommen, würde ich sagen, lautet so:
5. Wenn du siehst, dass der Esel deines Feindes unter seiner Last gefallen ist, so lass ihn nicht allein entladen. Entlade zusammen mit ihm.
In den meisten Übersetzungen dieses Verses wird das Wort hilf gebraucht. Aber im Original gibt es, wie wir sehen, kein Verb la'asór (helfen), und das ganze Gespräch dreht sich um das Entladen. Mehrmals kommt in unserem Vers das Verb la'asów (entladen, verlassen, losbinden, hinwerfen) vor.
Eine der ältesten Übersetzungen der Tora, die aramäische Übersetzung des Onkelos, legt es so aus:
5. …entlade das, was du in deinem Herzen gegen diesen Menschen hast, und dann entlade zusammen mit ihm.
Das heißt: Man darf nicht, es lohnt sich nicht, einem Menschen zu helfen, wenn du ihn hasst. Wenn du einem Menschen zusammen mit deinem Hass helfen wirst, ihn überwindend, ihm irgendwie durch den Hass hindurch helfen wirst, dann wird das bestenfalls so aussehen, dass du ihn gleichsam belehrst und sagst: „Schau, wie du zu mir bist und wie ich zu dir bin. Schau, wie ich dir helfe, weil ich nicht so bin wie du. Ich hasse dich auch, aber ich liebe Gott. Und um des Höchsten willen tue ich das für dich. Schau, wie viel besser ich bin als du!“ Oder es wird eine Hilfe mit einem solchen Gesicht sein, dass es natürlich schwer sein wird, sie anzunehmen. Das Verständnis des Onkelos hat folgenden Sinn: Bevor du hilfst, den Esel zu entladen, der einem Menschen gehört, den du hasst, entledige dich des Hasses, befreie dich vom Hass, und dann kannst du mit ihm zusammen sein. Dann wirst du mit ihm mitfühlen, mit seinem Unglück, mit seinem Esel, und dann kannst du zusammen mit ihm entladen. Bevor du den Esel entlädst, entlade dich selbst.
Andere Kommentatoren richten die Aufmerksamkeit auf drei Wörter in diesem Vers, die ziemlich schwer zu übersetzen sind: wechadaltá me'asów lo. Im Menschen gibt es gleichsam einen inneren Kampf – helfen oder nicht helfen. Da ist er – ein Mensch. Einerseits ist doch klar, dass er in Not ist, sein Esel wird kaum mit seiner Last fertig, und man müsste ihm eigentlich helfen. Andererseits kann ich diesen Menschen doch nicht ausstehen. Und so hast du diesen Menschen gesehen und bist schon vorbeigefahren, auf deinem Esel vorbeigeritten. Oder, wenn wir uns in der Sprache unserer Zeit ausdrücken, du hast einen Menschen getroffen, dessen Reifen zerstochen sind, hast ihn auf der Fernstraße getroffen – und bist schon vorbeigefahren. Natürlich hätte man helfen müssen, obwohl er eben so ein Soundso ist. Aber was soll man machen? Ich bin schon vorbeigefahren, ich kann jetzt nicht, gegen die Spurordnung verstoßend, über die doppelte durchgezogene Linie wenden. Das ist gefährlich für alle Fahrer. Das ist überhaupt gefährlich. Na gut, Gott wird ihm helfen, außerdem hasse ich ihn. Und wenn auch nicht, dann geschieht es ihm recht. Nach diesem Verständnis, nach diesem Kommentar, richtet sich dieses Gebot an einen Menschen, der den unter der Last zusammenbrechenden Esel seines Hassers gesehen hat und schon vorbeigefahren ist. Und die Tora sagt diesem Menschen: Kehr um, halte an und hilf ihm beim Entladen. Als du auf diesen Menschen geschaut hast, den du hasst, hast du es nicht geschafft, dich zu zwingen, anzuhalten und ihm zu helfen, so etwas kommt vor. Wenn du in die Tora schaust, kannst du ihm helfen. Die Tora stellt den Frieden zwischen den Menschen wieder her. Wenn du in die Tora schaust, verstehst du, dass letzten Endes die geistliche Wurzel dieses Menschen dieselbe ist wie bei dir. Und du kannst sehen, wie der Höchste ihn erschaffen hat. Und der Höchste hat ihn nicht dazu erschaffen, dass du ihn hasst. Der Höchste hat ihn zum Dienst erschaffen. Und vielleicht, wenn du ihm hilfst und ihn irgendwie zum Dienst zurückbringst, ist auch das ein Weg, selbst wenn du schon vorbeigefahren bist, wenn du schon vorbeigerast bist.
Die Weisen des Talmud stellen sich die Frage: Woher konnte überhaupt ein Mensch kommen, den du hasst, und sein Esel? Wie kann man überhaupt einen Menschen hassen? Du hast doch das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das Gebot, den Nächsten zu lieben, für den Nächsten zu sorgen. Und der ganze Wochenabschnitt Mischpatim ist, wenn man es so nimmt, übervoll von Fürsorge für den Nächsten. Woher kam plötzlich der Hass? Und Antworten auf diese Frage gibt es zwei, klassische Antworten – zwei.
Die erste Antwort lautet so: Ja, natürlich darf man den Nächsten nicht hassen; aber was soll man machen, viele, wenn nicht alle, versuchen ja damit fertigzuwerden, ihn NICHT zu hassen. Ja, wir hassen, obwohl man es nicht darf. Auch in Städten, in denen das Fahren bei Rot verboten ist, fahren die Leute bei Rot. Und Menschen, die wissen, dass man nicht lügen darf, lügen. Und Menschen, die wissen, dass man nicht hassen darf, hassen. Was soll man machen, er lebt schon in deinem Herzen, dieser Hass, der dich ja dazu treibt, nicht zu helfen. Aber selbst wenn du diesen Menschen hasst, halte trotzdem an und hilf ihm. Wieder kann man es so sagen: Wenn du auf ihn schaust, willst du ihm nicht helfen. Aber wenn du in die Tora schaust, verschwindet vielleicht der Hass.
Es gibt auch eine andere Variante. Die andere Variante ist, sagen wir so, ein ideologischer Hass. Es kommt vor, dass ein Mensch, der auf der Straße fährt, einen anderen Menschen sieht, von dem er weiß, dass jener ein Verbrecher ist – ein Bösewicht, ein Mörder, vielleicht ein Vergewaltiger, ein Pädophiler, ein Dieb. Aber nur er allein weiß es, einen anderen Zeugen gibt es nicht. Er kann nichts beweisen. Er weiß, dass dieser Mensch vorerst ungestraft Verbrechen begeht. Und einen solchen Menschen darf man nach Meinung der Weisen hassen. Natürlich gibt es einen gewissen Hass, ein gewisses schlechtes Gefühl gegenüber dem Verbrecher. Und wieder sagt hier die Tora: Ungeachtet dessen ist es nicht an dir, ihn zu bestrafen, nicht an dir, ihm die Hilfe zu entziehen, nicht an dir, diesem Menschen die Fürsorge zu entziehen.
Außerdem ist in diesem Vers der Ausdruck ki-tir'é (wenn du siehst) sehr wichtig. Wie leicht fällt es uns überhaupt, das Leid eines Menschen zu sehen, den wir hassen? Er ist uns doch völlig gleichgültig! Und wenn irgendein Hitler an Zahnschmerzen leidet, dann tut er mir aufrichtig nicht leid, und es scheint, es geschieht ihm recht. Ich bleibe dabei, dass es ihm recht geschieht und dass er mir nicht leidtut. Hitler ist so ein radikales Beispiel. Aber es gibt einen Nächsten, der scheinbar überhaupt kein Hitler ist. Aber wir können ihn nicht sehen. Was können wir sehen? Wir können den Esel sehen. Wir können sehen, dass dieser Mensch einen Esel hat, der eigentlich in dieser Geschichte derjenige ist, der leidet. Nicht der Mensch selbst, den wir hassen, sondern sein Esel. Und wegen unseres Hasses kann er sich nicht von seinen Leiden befreien, kann umkommen. Und genauso kann es geschehen, dass nicht der Esel leidet, sondern die Frau, die Kinder dieses Menschen leiden. Wie grenzenlos kann unser Hass sein, wie sehr kann er auf die Nächsten dieses Menschen überspringen, auf seine Esel, auf seine Kater? So etwas ist vorgekommen, dass jemand den Hund einer zänkischen Nachbarin oder die Katze einer bösen Nachbarin getötet hat. Wie sehr können wir damit konfrontiert werden, dass unser Hass unkontrollierbar ist? Wie sicher können wir sagen, dass wir irgendwelche negativen Gefühle gerade gegenüber diesem Menschen empfinden, aber nichts Schlechtes empfinden, weder gegenüber seiner Frau noch gegenüber seinem Papa noch gegenüber seiner Tochter? Wie genau können wir das Objekt des Hasses auswählen und sagen, dass wir nur diesen Menschen nicht mögen? Aber der Esel hat hier gerade nichts damit zu tun. Und vielleicht kommen wir durch die Hilfe für den Esel diesem Menschen irgendwie näher. In Wirklichkeit ist es kein großes Unglück, einem Bösewicht zu helfen oder einen Bösewicht zu unterstützen. Ein Unglück ist es, von einem Bösewicht zu lernen. Wenn man ihm einfach hilft, dann liegt darin kein Schaden.
Ich muss (in Klammern) gleich etwas sehr Wichtiges sagen. Das Wort sin'aá, das man mit Hass übersetzt (die feststehende Übersetzung dieses Wortes als Hass), bedeutet nicht einen so radikalen Hass, wie es in der russischen Sprache klingt. Die Bedeutung dieses hebräischen Wortes ist am ehesten, einen solchen Menschen nicht recht zu mögen. Als Beispiel kann man 21,15 im Buch Dewarim lesen: „Wenn ein Mann zwei Frauen hat, die eine wird er lieben und die zweite hassen...) Hassen ist natürlich weniger lieben, nicht recht mögen. Aber lasst uns über den Hass sprechen. In Wirklichkeit spricht die Tora nicht von einem so radikalen, wilden, ungezügelten Gefühl, wie es in der russischen Sprache gebraucht wird. Aber … was soll man machen? Wir können nicht sagen, dass uns dieses Gefühl völlig fremd ist. Es kommt vor, dass uns buchstäblich Hass im Sinne von Hass ergreift, und dann ist die Fürsorge für den an nichts schuldigen Esel des von uns gehassten Menschen aktuell, und dennoch bleibt das Gebot.
Außerdem ist es natürlich wichtig, daran zu erinnern, dass es eine solche Auslegung des Wortes chamór (Esel) gibt, die mit dem Wort chómer (materielle Welt) verbunden ist. Und ein Mensch kann sagen: „Natürlich würde ich ihm geistlich helfen. Eine Predigt würde ich diesem Kerl halten, damit er Buße tut, damit er den wahren Gott erkennt, damit er all den Dingen absagt, derentwegen ich ihn nicht recht mag. Aber in der materiellen Welt will ich ihm nicht helfen. Er hat geistliche Probleme, und soll er zuerst seine geistlichen Probleme in Ordnung bringen.“
Und es gibt ein solches Verständnis, eine solche Auslegung dieses Gebots: „Nein, sorge trotzdem für das Materielle, selbst wenn du diesen Menschen aus geistlichen Gründen nicht recht magst, selbst wenn er in der geistlichen Welt, im geistlichen Bereich zu berichtigen, zu berichtigen und zu berichtigen hat. Und es gibt auch ein anderes Verständnis: „Lass das Materielle, lass deine Anhänglichkeit an das Materielle, deinen fleischlichen Hass. Überwinde diesen Hass, genauer gesagt, lass diesen Hass los, wirf diesen Hass hin, wirf ihn ab, entlade dich von diesem Hass. Geh und hilf dem Esel deines Nächsten, und durch den Esel hilf deinem Nächsten, der vielleicht schon nicht mehr ein von dir wenig geliebter Mensch sein wird, und du wirst wirklich einen Nächsten gewinnen.“
Solche verschiedenen Ebenen öffnen sich im Verständnis dieses Gebots.
Haftara. Jirmejahu
Schemot 34,8–22
Zusammen mit dem Wochenabschnitt Mischpatim wird traditionell ein prophetischer Abschnitt aus Kapitel 34 des Buches des Propheten Jirmejahu gelesen, ab Vers 8 bis zum Ende des Kapitels. Um besser zu verstehen, worum es geht, ist eine historische Vorbemerkung nötig.
Also, die erste Hälfte des VI. Jahrhunderts v. Chr. Das Königreich Israel ist bereits untergegangen, viele Juden, ehemalige Bewohner des Königreichs Israel, sind geflohen (ein Teil nach Judäa), sind verarmt, sind gezwungen, Sklaven zu sein. In Judäa ist die Lage auch nicht erfreulich. Newuchadnezar, der babylonische König, belagert Jerusalem und viele Städte Judäas. Judäa ist unter den irdischen Königen ein einziger, wenig verlässlicher Verbündeter geblieben – das ist der Pharao Háfra, auch Iachébre genannt. Zu dieser Zeit regiert in Jerusalem König Zidkijahu, und er denkt darüber nach, was er wohl unternehmen könnte, wie er einen Ausweg aus der schrecklichen Lage finden könnte, in der sich Judäa befand. Höchstwahrscheinlich wird er keine militärische Mission unternehmen können, und er sucht, wo und wie er die Beziehungen zum Höchsten etwas zurechtrücken, Gnade in den Augen des Höchsten finden und vielleicht durch diese Gnade Befreiung erlangen könnte, sowohl von den Babyloniern als auch von Ägypten – von allen Abgaben, all jenen Steuern, die die Ägypter fordern, und was die Belagerung wegnimmt, und alles Übrige. Und der König beschließt, die Sklaven freizulassen. Nach dem jüdischen Gesetz (wir lesen gerade im Wochenabschnitt Mischpatim (21,2) davon) muss ein jüdischer Sklave nach sieben Jahren Sklaverei freikommen. Er muss es nach dem Gesetz, aber offenbar wurde das fast nie eingehalten. Und jetzt lasst uns die Geschichte ab Vers 8 von Kapitel 34 lesen.
הַדָּבָר אֲשֶׁר־הָיָה אֶל־יִרְמְיָהוּ מֵאֵת יְהוָה אַחֲרֵי כְּרֹת הַמֶּלֶךְ צִדְקִיָּהוּ בְּרִית אֶת־כָּל־הָעָם אֲשֶׁר בִּירוּשָׁלִַם לִקְרֹא לָהֶם דְּרוֹר׃
haddawár aschér-haja el-jirmejáhu me'ét adonáj acharé kerót hammélech zidkijáhu berít et-kol-ha'ám aschér biruschaláim likró lahém derór
8 Dies ist das Wort, das an Jirmejahu vom HERRN erging, nachdem König Zidkijahu mit dem ganzen Volk in Jerusalem einen Bund geschlossen hatte, die Sklaven freizulassen (damit es im Volk Israel keine Sklaven mehr gäbe),
לְשַׁלַּח אִישׁ אֶת־עַבְדּוֹ וְאִישׁ אֶת־שִׁפְחָתוֹ הָעִבְרִי וְהָעִבְרִיָּה חָפְשִׁים לְבִלְתִּי עֲבָד־בָּם בִּיהוּדִי אָחִיהוּ אִישׁ׃
leschallách isch et-awdó we'ísch et-schifcható ha'iwrí weha'iwrijá chofschím lewiltí awód-bam bihudí achíhu isch
9 Damit jeder seinen Sklaven freilasse und jeder seine Sklavin freilasse, einen Juden und eine Jüdin, in die Freiheit; damit es so etwas in Israel nicht gäbe, dass ein Bruder, ein Jude, für einen Juden arbeitet.
So eine wunderbare Idee kam Zidkijahu. Zidkijahu ist ein nicht besonders angesehener König, aber hier hörte man auf seinen Rat.
וַיִּשְׁמְעוּ כָל־הַשָּׂרִים וְכָל־הָעָם אֲשֶׁר־בָּאוּ בַבְּרִית לְשַׁלַּח אִישׁ אֶת־עַבְדּוֹ וְאִישׁ אֶת־שִׁפְחָתוֹ חָפְשִׁים לְבִלְתִּי עֲבָד־בָּם עוֹד וַיִּשְׁמְעוּ וַיְשַׁלֵּחוּ׃
wajischmeú chol-hassarím wechól-ha'ám aschér-báu wabberít leschallách isch et-awdó we'ísch et-schifcható chofschím lewiltí awód-bam od wajischmeú wajschalléchu
10 Und es hörten alle Fürsten (Würdenträger) und das ganze Volk, das in den Bund eingetreten war, dass jeder seinen Sklaven und jeder seine Sklavin in die Freiheit entlassen sollte, damit er ihnen nicht mehr als Sklave diente; und sie hörten es und entließen sie.
Warum auf einmal solche Einmütigkeit im Volk? Erstens ist diese Sache tatsächlich natürlich gottgefällig. Aber es gibt noch zwei Gründe. Der erste – ein Sklave wird gebraucht, wenn es landwirtschaftliche Arbeiten gibt; er arbeitet auf den Feldern, in den Gärten, in den Olivenpflanzungen, dort, wo etwas zu tun ist, dort, wo diese Arbeit gebraucht wird. Da Babylon die Stadt belagert, gibt es für die Sklaven keine Arbeit, Sklaven aber gibt es sehr viele, man muss sie irgendwie ernähren. Und wozu soll man Sklaven ernähren, die nicht arbeiten können? Es gibt noch einen Grund. In der Stadt muss man Schutzanlagen bauen, allerlei Befestigungen, die einer Belagerung standhalten würden, und wenn die Sklaven sie bauen, dann müssen die Herren diese Sklaven unterhalten, ihre Arbeit bezahlen. Wenn man sie aber freilässt, dann bekommen sie Geld, bekommen den Lohn aus der Hand des Staates. Wiederum ist es in diesem Moment vorteilhafter, die Sklaven loszuwerden. Das heißt, hier gibt es drei Gründe, infolge derer das Volk, die Sklavenhalter, einwilligten, die Sklaven freizulassen. Wir werden etwas später erfahren, wie sie das vor Gott getan haben.
Was geschieht zu dieser Zeit? Zu dieser Zeit beschloss der Pharao Háfra, auch Iachébre genannt, den wir vorhin als Verbündeten Zidkijahus erwähnt haben, zur Unterstützung Jerusalems aufzubrechen. Und die babylonische Aufklärung meldete es genau, die Babylonier erfuhren, dass Iachébre mit irgendeiner Armee nach Jerusalem zieht. Sie beschlossen, dass Jerusalem nirgendwohin weglaufen wird, hoben die Belagerung auf und zogen nach Süden, dem Pharao entgegen. In Jerusalem feierte man beinahe schon den Sieg und beschloss: Na, das war's, jetzt ist die Belagerung weg! Wisst ihr, es gibt so eine Anekdote, eine Geschichte, die in zahlreichen Varianten erzählt wird, wie ein Mensch, sagen wir mal, einen Parkplatz sucht, und lange herumkurvt und versucht, einen Parkplatz zu finden, und sagt: „HERR, wenn Du mir jetzt hilfst, dann will ich... Ah, halt! Schon gut, ich habe schon einen gefunden“, und parkt. Ungefähr dieselbe Situation ergab sich hier: Die Leute sahen, dass die Belagerung ja aufgehoben ist, und wir haben dummerweise die Sklaven freigelassen. Und die Leute schritten zu einer üblen Tat. Wir lesen das in Vers 11:
וַיָּשׁוּבוּ אַחֲרֵי־כֵן וַיָּשִׁבוּ אֶת־הָעֲבָדִים וְאֶת־הַשְּׁפָחוֹת אֲשֶׁר שִׁלְּחוּ חָפְשִׁים וַיַּכְבִּישׁוּם (וַיִּכְבְּשׁוּם) לַעֲבָדִים וְלִשְׁפָחוֹת׃
wajaschúwu acharé-chen wajaschíwu et-ha'awadím we'ét-haschefachót aschér schillechú chofschím wajichbeschúm la'awadím welischfachót
11 Danach aber kehrten sie um und holten sich die Sklaven und Sklavinnen zurück, die sie in die Freiheit entlassen hatten, und zwangen sie wieder, Sklaven und Sklavinnen zu sein.
Das heißt: „Wie gut, wir haben Glück gehabt, dass die Belagerung weg ist! Aber jetzt, nachdem die Belagerung aufgehört hat, brauchen wir gerade Arbeiter, und wir Dummköpfe haben sie freigelassen!“ Und da Gott ihnen ohnehin geholfen hatte, oder da sie auch ohne Gott gut zurechtgekommen waren, beschlossen sie, diese Sklaven in die Sklaverei zurückzuholen. Und holten sie zurück. Das ist eigentlich die Vorgeschichte zu dem Wort, mit dem sich der Höchste an den Propheten Jirmejahu wendet.
וַיְהִי דְבַר־יְהוָה אֶל־יִרְמְיָהוּ מֵאֵת יְהוָה לֵאמֹר׃
wajhí dewár-adonáj el-jirmejáhu me'ét adonáj lemór
12 Und es erging das Wort des HERRN an Jirmejahu vom HERRN, mit den Worten:
כֹּה־אָמַר יְהוָה אֱלֹהֵי יִשְׂרָאֵל אָנֹכִי כָּרַתִּי בְרִית אֶת־אֲבוֹתֵיכֶם בְּיוֹם הוֹצִאִי אוֹתָם מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם מִבֵּית עֲבָדִים לֵאמֹר׃
ko-amár adonáj elohé jisraél anochí karátti werít et-awotechém bejom hozi'í otám me'érez mizrájim mibbét awadím lemór
14 So sprach der HERR, der Gott Israels: „Ich habe mit euren Vätern einen Bund geschlossen, als Ich sie aus Ägypten herausführte, aus dem Haus der Sklaverei, mit den Worten:
Der Höchste sagt: „Denkt daran, ganz am Anfang habe Ich euch aus dem Haus der Sklaverei herausgeführt, und damals habe Ich mit euch einen Bund geschlossen, mit den Worten...“ – und hier werden wir einen Verweis darauf sehen, was eigentlich in unserem Wochenabschnitt Mischpatim gesagt wird:
מִקֵּץ שֶׁבַע שָׁנִים תְּשַׁלְּחוּ אִישׁ אֶת־אָחִיו הָעִבְרִי אֲשֶׁר־יִמָּכֵר לְךָ וַעֲבָדְךָ שֵׁשׁ שָׁנִים וְשִׁלַּחְתּוֹ חָפְשִׁי מֵעִמָּךְ וְלֹא־שָׁמְעוּ אֲבוֹתֵיכֶם אֵלַי וְלֹא הִטּוּ אֶת־אָזְנָם׃
mikkéz schéwa schaním teschallechú isch et-achíw ha'iwrí aschér-jimmachér lechá wa'awadechá schesch schaním weschillachtó chofschí me'immách weló-schameú awotechém eláj weló hittú et-osnám
14 Nach Ablauf von sieben Jahren entlasst jeder seinen Bruder, den Juden, der dir verkauft wurde und der dir sechs Jahre gedient hat, entlass ihn frei von dir. Aber eure Väter hörten nicht auf Mich und neigten Mir ihr Ohr nicht zu.
Wie geriet ein Mensch in die Sklaverei? Wenn er mittellos wurde, gar nichts mehr hatte, konnte er in irgendeinen Haushalt kommen, wo er sechs Jahre arbeitete, man musste ihm Verpflegung und notwendige, ziemlich gute soziale Bedingungen gewährleisten. Nach Ablauf von sieben Jahren musste er mit einem Geschenk entlassen werden, mit einer Art „Startgeld“. So sollte es sein, so hat es der Höchste geboten. Sklaverei konnte es geben, sie war zulässig, aber sie sollte den Menschen irgendwie bessern und ihn schließlich auf die Beine stellen. Und der Höchste sagt, dass dieses Gesetz nicht so recht eingehalten wurde.
וַתָּשֻׁבוּ אַתֶּם הַיּוֹם וַתַּעֲשׂוּ אֶת־הַיָּשָׁר בְּעֵינַי לִקְרֹא דְרוֹר אִישׁ לְרֵעֵהוּ וַתִּכְרְתוּ בְרִית לְפָנַי בַּבַּיִת אֲשֶׁר־נִקְרָא שְׁמִי עָלָיו׃
wattaschúwu attém hajom watta'asú et-hajaschár be'enáj likró derór isch lere'éhu wattichretú werít lefanáj babbájit aschér-nikrá schemí aláw
15 Ihr aber seid heute umgekehrt und habt das Gerade in Meinen Augen getan, indem ihr Freiheit ausgerufen habt, jeder seinem Nächsten, und habt einen Bund vor Mir geschlossen, in dem Haus, über dem Mein Name ausgerufen ist.
Das heißt, daraus sehen wir, dass sie es nicht einfach so beschlossen haben, sie haben im Tempel einen Bund geschlossen, haben eine solche Abmachung untereinander geschlossen, dass alle die Gefangenen freilassen. Das wurde vor dem Angesicht des Höchsten getan, im Tempel des Höchsten.
וַתָּשֻׁבוּ וַתְּחַלְּלוּ אֶת־שְׁמִי וַתָּשִׁבוּ אִישׁ אֶת־עַבְדּוֹ וְאִישׁ אֶת־שִׁפְחָתוֹ אֲשֶׁר־שִׁלַּחְתֶּם חָפְשִׁים לְנַפְשָׁם וַתִּכְבְּשׁוּ אֹתָם לִהְיוֹת לָכֶם לַעֲבָדִים וְלִשְׁפָחוֹת׃
wattaschúwu wattechallelú et-schemí wattaschíwu isch et-awdó we'ísch et-schifcható aschér-schillachtém chofschím lenafschám wattichbeschú otám lihjot lachém la'awadím welischfachót
16 Aber ihr seid wieder umgekehrt und habt Meinen Namen entweiht und habt jeder seinen Sklaven und jeder seine Sklavin zurückgeholt, jene, die ihr frei ihres Weges entlassen hattet, und ihr habt sie erobert (gezwungen), damit sie euch Sklaven und Sklavinnen seien.
Mit anderen Worten: „Ihr habt auf Mich gehört, habt das Gerade in Meinen Augen getan, aber es stellt sich heraus, dass das nicht ganz gerade ist, das ist so etwas Krummes: Kaum war die Belagerung aufgehoben, da habt ihr sofort eure Sklaven und Sklavinnen gewaltsam zurückgeschleppt.“
לָכֵן כֹּה־אָמַר יְהוָה אַתֶּם לֹא־שְׁמַעְתֶּם אֵלַי לִקְרֹא דְרוֹר אִישׁ לְאָחִיו וְאִישׁ לְרֵעֵהוּ הִנְנִי קֹרֵא לָכֶם דְּרוֹר נְאֻם־יְהוָה אֶל־הַחֶרֶב אֶל־הַדֶּבֶר וְאֶל־הָרָעָב וְנָתַתִּי אֶתְכֶם לִזְוָעָה (לְזַעֲוָה) לְכֹל מַמְלְכוֹת הָאָרֶץ׃
lachén ko-amár adonáj attém lo-schema׳tém eláj likró derór isch le'achíw we'ísch lere'éhu hinení koré lachém derór ne'úm-adonáj el-hachérew el-haddéwer we'él-hara'áw wenatattí etchém lesa'awá lechól mamlechót ha'árez
17 Darum spricht der HERR so: „Ihr habt nicht auf Mich gehört, als Ich euch aufrief, Freiheit zu geben, jeder seinem Bruder und jeder seinem Nächsten. Siehe, Ich rufe über euch die Freiheit aus, Freiheit wird sein dem Schwert, Freiheit der Pest und dem Hunger. Und Ich werde euch zum Schrecken machen für alle Königreiche der Erde,
Jetzt werden über euer Land, über euch frei, ohne Furcht das Schwert und die Pest und der Hunger herfallen.
וְנָתַתִּי אֶת־הָאֲנָשִׁים הָעֹבְרִים אֶת־בְּרִתִי אֲשֶׁר לֹא־הֵקִימוּ אֶת־דִּבְרֵי הַבְּרִית אֲשֶׁר כָּרְתוּ לְפָנָי הָעֵגֶל אֲשֶׁר כָּרְתוּ לִשְׁנַיִם וַיַּעַבְרוּ בֵּין בְּתָרָיו׃
wenatattí et-ha'anaschím ha'owerím et-berití aschér lo-hekímu et-diwré habberít aschér karetú lefanájIn der russischen Umschrift ist dieses Wort verschrieben. Nach dem Hebräischen heißt es lefanáj („vor Mir“), so steht es hier. ha'égel aschér karetú lischnájim waja'awrú ben betaráw
18 Und Ich werde jene Leute hingeben, die Meinen Bund brechen, die den Bund mit Mir gebrochen haben, die vor Mir ein Kalb zerteilt haben und zwischen seinen beiden Hälften hindurchgegangen sind, –
Wir wissen aus der Geschichte mit Awraham, dass so oft ein Bund geschlossen wird. Das symbolisiert: Wenn ich diesen Bund breche, dann zerteilt mich in zwei Hälften wie dieses Kalb. Die Leute haben nicht einfach so versprochen, sie haben im Tempel vor dem Höchsten ein Gelübde abgelegt, dass sie die Gefangenen freilassen werden, und sind durch die Hälften des Kalbes gegangen, das heißt, sie haben es zeremoniell, pompös vor dem Höchsten getan.
שָׂרֵי יְהוּדָה וְשָׂרֵי יְרוּשָׁלִַם הַסָּרִסִים וְהַכֹּהֲנִים וְכֹל עַם הָאָרֶץ הָעֹבְרִים בֵּין בִּתְרֵי הָעֵגֶל׃
saré jehudá wesaré jeruschaláim hassarissím wehakkohaním wechól am ha'árez ha'owerím ben bitré ha'égel
19 Die Würdenträger Jehudas und die Würdenträger Jerusalems und die Kohanim und das ganze Volk, das zwischen den Hälften des Kalbes hindurchging, –
Das Wort sarís (ich halte mich oft dabei auf) bedeutet in der modernen Sprache Eunuch, das Verb lesarés bedeutet kastrieren. Aber im alten Hebräisch kann es bedeuten: Leibwächter – derjenige, der den Kopf trägt oder den Kopf bewahrt, „Kopfwächter“, oder Silowik (im russischen politischen Vokabular).
וְנָתַתִּי אוֹתָם בְּיַד אֹיְבֵיהֶם וּבְיַד מְבַקְשֵׁי נַפְשָׁם וְהָיְתָה נִבְלָתָם לְמַאֲכָל לְעוֹף הַשָּׁמַיִם וּלְבֶהֱמַת הָאָרֶץ׃
wenatattí otám bejád ojewehém uw'jád mewaksché nafschám wehajetá niwlatám lema'achál le'óf haschamájim ulwehemát ha'árez
20 Und Ich werde sie in die Hände ihrer Feinde geben und in die Hände derer, die ihre Seelen suchen, und ihr Aas wird dem Vogel des Himmels und dem Tier der Erde zur Speise sein.
וְאֶת־צִדְקִיָּהוּ מֶלֶךְ־יְהוּדָה וְאֶת־שָׂרָיו אֶתֵּן בְּיַד אֹיְבֵיהֶם וּבְיַד מְבַקְשֵׁי נַפְשָׁם וּבְיַד חֵיל מֶלֶךְ בָּבֶל הָעֹלִים מֵעֲלֵיכֶם׃
we'ét-zidkijáhu mélech-jehudá we'ét-saráw ettén bejád ojewehém uw'jád mewaksché nafschám uw'jád chel mélech bawél ha'olím me'alechém
21 Und Zidkijahu, den judäischen König, und seine Obersten werde Ich auch in die Hände ihrer Feinde geben, in die Hände derer, die nach ihren Seelen verlangen, in die Hände des Heeres des babylonischen Königs, der gegen euch heraufzieht.
Und das ist, sozusagen, ein Wunder, eine Überraschung, die der Höchste denen bereitet, die gehofft hatten, er habe schon „einen Parkplatz gefunden“.
הִנְנִי מְצַוֶּה נְאֻם־יְהוָה וַהֲשִׁבֹתִים אֶל־הָעִיר הַזֹּאת וְנִלְחֲמוּ עָלֶיהָ וּלְכָדוּהָ וּשְׂרָפֻהָ בָאֵשׁ וְאֶת־עָרֵי יְהוּדָה אֶתֵּן שְׁמָמָה מֵאֵין יֹשֵׁב׃
hinení mezawwé ne'úm-adonáj wahaschiwotím el-ha'ír hassót wenilchamú aléha ulchadúha usrafúha wa'ésch we'ét-aré jehuda ettén schemamá me'én joschéw
22 Siehe, Ich gebiete, – spricht der HERR, – Ich werde das Heer Babylons in diese Stadt zurückbringen, und sie werden um diese Stadt kämpfen und sie einnehmen und sie mit Feuer verbrennen, und die Städte Judäas werde Ich wüst und leblos machen. Eine solche Anrede des Höchsten an die, die gehofft hatten, man könne einfach sagen: „Wir haben Glück gehabt, die Belagerung ist aufgehoben! Und jetzt müssen wir die Sklaven nicht zurückgeben, können auch das Gelübde vor dem Höchsten nicht erfüllen.“ Hier liegt eine Unterweisung für uns, wie wichtig dem Höchsten die Freiheit des Menschen ist, wie der Höchste die Freiheit schätzt, wie der Höchste uns lehrt, die Freiheit zu schätzen, und wie eifernd der Höchste über die Erfüllung der Gelübde wacht, die Ihm gegeben werden.
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