- Wochenabschnitte
- Schemot
- Jitro
יִתְרוֹ
Jitro
der Sinai und die Zehn Gebote
- Wochenabschnitt
- 17 von 54
- Verse
- Schemot 18,1–20,23
- Teile
- 8
- Lesezeit
- 1 Std. 53 Min.
- Hörfassung
- 2 Std. 56 Min.
- Aufrufe
markiert Stellen, an denen die Übersetzung bewusst vom russischen Original abweicht. Antippen zeigt den Hinweis.
Jitro ist der Wochenabschnitt über die Begegnung Mosches mit seinem Schwiegervater und die Gabe der Tora am Sinai. Alex Blend bespricht den Rat über die Richter, die Vorbereitung des Volkes, die Tafeln und die Zehn Gebote. Das Stenogramm enthält den Text auf Hebräisch, eine Transliteration, eine Übersetzung und die Kommentare des Autors über die Beziehungen zwischen dem Menschen, der Gesellschaft und dem Höchsten.
Jitro: Guten Tag, ich bin euer Schwiegervater
Schemot 18,1–12
Mit Gottes Hilfe beginnen wir, den Wochenabschnitt Jitro zu lesen, ab Vers 1 von Kapitel 18 des Buches Schemot. Im letzten Wochenabschnitt haben wir davon gelesen, dass die Söhne Israels, kaum aus Ägypten ausgezogen, von der größten Bande der Umgebung überfallen wurden, dem gefährlichsten bewaffneten Bandenverband – dem Volk Amaleks. Und Israel, beflügelt von Mosche, vom Höchsten, errang einen glänzenden Sieg über diesen Bandenverband. Der Höchste enthüllte Mosche ein Stück weit, dass dies der Anfang einer langen, andauernden Feindschaft ist und dass der Höchste selbst sich verpflichtet, schwört, das Andenken Amaleks unter dem Himmel hinweg auf ewig auszulöschen. Amalek ist nicht einfach irgendein „Ganove“, der Israel unerwartet überfallen hat. Er ist im Grunde das ideologische Urbild, der Inspirator aller späteren Antisemiten, der Gründervater der Überfälle, der Anfeindungen gegen das Volk Israel.
Der Wochenabschnitt Jitro ist ein wenig symmetrisch zu dem, was im letzten Wochenabschnitt geschah. Israel hat, gerade erst aus Ägypten ausgezogen, in Amalek die ersten Feinde bekommen, aber es bekommt auch die ersten Freunde. Wenn wir uns erinnern: Jitro, das ist der Name von Mosches Schwiegervater, von dem wir lange nichts gehört haben, und jetzt kehrt die Tora zu ihm zurück.
וַיִּשְׁמַע יִתְרוֹ כֹהֵן מִדְיָן חֹתֵן מֹשֶׁה אֵת כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה אֱלֹהִים לְמֹשֶׁה וּלְיִשְׂרָאֵל עַמּוֹ כִּי־הוֹצִיא יְהוָה אֶת־יִשְׂרָאֵל מִמִּצְרָיִם׃
wajischmá jitró chohén midján chotén mosché et kol-aschér assá elohím lemosché uljisraél ammó ki-hozí adonáj et-jisraél mimmizrájim
1 Und Jitro, der midjanitische Priester, der Schwiegervater Mosches, hörte alles, was der HERR mit Mosche und mit seinem Volk, mit Israel, getan hatte, dass der Höchste Israel aus Ägypten herausgeführt hatte.
Wenn Mosche in Kapitel 4 der Schwiegersohn Jitros genannt wurde, weil Jitro eine Berühmtheit und ein örtlicher Star war, so ist jetzt Mosche bekannter, und nun wird Jitro der Schwiegervater Mosches genannt.
Wir erinnern uns: Als Mosche sich von Jitro, von seinem Schwiegervater, verabschiedete, sagte er: „Ich gehe und sehe nach, wie es dem Volk Israel geht.“ Seit jener Zeit ist unbekannt, ob sie einander geschrieben haben; telefonieren konnten sie jedenfalls ganz sicher nicht (mangels Telefon). Überhaupt war die Nachrichtenübermittlung in jenen Zeiten schlecht eingerichtet, die Menschen hörten jahrelang nichts voneinander, aber von irgendwelchen gewaltigen Ereignissen drangen natürlich Gerüchte durch. So drangen auch zu Jitro Gerüchte davon, dass der Höchste mit starker Hand das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt hatte. Wovon konnte er denn gehört haben? Vom Auszug aus Ägypten, von den Plagen Ägyptens, von den Ereignissen am Meer; vielleicht vom Sieg über Amalek, der vielleicht auch in Midjan vorbeigeschaut und dort Pogrome veranstaltet hatte. Viele Nachrichten, denke ich, brachten Karawanenleute und zufällige Wanderer zum midjanitischen Priester. Und nun hörte er davon, was der Höchste mit Mosche und mit seinem Volk getan hatte. Gute Neuigkeiten erreichten Jitro.
Die ganze Zeit lebte bei ihm Zippora, die Frau Mosches, die Mutter der beiden Enkel Jitros. Wenn wir uns in die Lage dieser Frau versetzen, verstehen wir, dass sie ohne Gewissheit lebte: Der Mann ist fortgegangen (wie Stirlitz, zu irgendeiner gefährlichen Mission, höchstens im Café sieht man ihn mal), und es ist unbekannt, was mit ihm geschehen kann: Vielleicht kommt er um, vielleicht scheitert die Mission, vielleicht taucht er in zehn Jahren auf, vielleicht aber auch erst in fünfzehn. Und sie lebt eben in solch einem Zustand angespannten Wartens. Vielleicht hört sie, da Jitro viele Töchter hat, allerlei Getuschel, Gerede ihrer anderen Schwestern hinter ihrem Rücken, oder vielleicht unterstützen die Schwestern sie und vertreiben sich mit ihr die langen Abende in der Wüste. Jedenfalls lebt es sich für diese Frau namens Zippora sehr schwer, verheiratet-unverheiratet im Elternhaus.
וַיִּקַּח יִתְרוֹ חֹתֵן מֹשֶׁה אֶת־צִפֹּרָה אֵשֶׁת מֹשֶׁה אַחַר שִׁלּוּחֶיהָ׃
wajikkách jitró chotén mosché et-zipporá éschet mosché achár schilluchéha
2 Und Jitro, der Schwiegervater Mosches, nahm Zippora, die Frau Mosches, die er fortgeschickt hatte,
Hier sagen viele, dass man fortgeschickt verstehen kann als gab den Get, als Scheidung. Mosche, der zu einem schwierigen Kampfeinsatz aufbrach, gab seiner Frau im Voraus den Get. Das ist nicht so leicht. Wir wissen, welche Einstellung heute viele Gläubige zur Scheidung haben. Ein Mensch zog in den Krieg. Wenn er nicht zurückkehrte, dann konnte die Frau einerseits ohne jeden Lebensunterhalt dastehen, keine Möglichkeit haben, einen anderen zu heiraten. Andererseits ist sie vielleicht schon Witwe, aber niemand weiß davon. Ein Mensch ist verschollen, und die Frau ist zur Einsamkeit verurteilt, zum Warten, zum Leiden, zur Abhängigkeit von anderen. Deshalb war es üblich – wenn ein Soldat in die Schlacht zog, wenn jemand zu irgendeiner Mission aufbrach –, der Frau einen Get zu geben, einen Scheidebrief. Das heißt: Wenn ich verschollen bleibe, wenn ich nach einer gewissen Zeit nicht auftauche, dann betrachte dich als Witwe und frei.
Mosche konnte die Frau auch einfach fortschicken, sie vorübergehend zu Besuch zu den Eltern schicken, während er tut, was der Höchste ihm befohlen hat. Und dieses Wort schillucheha (die er fortgeschickt hatte) bringt einen auf den Gedanken, dass Mosche den Aufenthalt Zipporas im Haus ihres Vaters Jitro doch irgendwie festgelegt hatte, und sie wartete, unter anderem auch auf die Klärung ihrer Stellung. Jetzt, da Jitro hört, dass der Höchste das Volk Israel herausgeführt hat, dass der Höchste so vieles für Mosche getan hat, wird klar, dass Zippora – sie ist die Frau Mosches, dass er der Schwiegervater Mosches ist, dass Mosche lebt, und deshalb nimmt er Zippora. Aber nicht nur sie.
וְאֵת שְׁנֵי בָנֶיהָ אֲשֶׁר שֵׁם הָאֶחָד גֵּרְשֹׁם כִּי אָמַר גֵּר הָיִיתִי בְּאֶרֶץ נָכְרִיָּה׃
we'ét schené wanéha aschér schem ha'echád gereschóm ki amár ger hajíti be'érez nochrijá
3 Und ihre zwei Söhne, von denen der Name des einen Gerschom ist, denn er hatte gesagt: „Ein Fremdling war ich in einem fremden Land“,
וְשֵׁם הָאֶחָד אֱלִיעֶזֶר כִּי־אֱלֹהֵי אָבִי בְּעֶזְרִי וַיַּצִּלֵנִי מֵחֶרֶב פַּרְעֹה׃
weschém ha'echád eli'éser ki-elohé awí be'esrí wajazziléni mechérew par'ó
4 Und der Name des zweiten – Elieser, weil Mosche gesagt hatte, (als er ihn benannte): „Der Gott meines Vaters war für mich und hat mich vor dem Schwert des Pharao gerettet“.
Außer Zippora nimmt Jitro ihre zwei Söhne. Wir erinnern uns, wie die Söhne Mosches hießen: Der Name des einen ist Gerschom, das bedeutet ein Fremdling sein in einem fernen Land, so wird der Name übersetzt; und der Name des zweiten – Elieser, das bedeutet mein Gott ist mein Helfer. Den Satz vom Schwert des Pharao kann man einfach verstehen: Mosche gelang die Flucht aus Ägypten, als er den Ägypter erschlug, seinen Leichnam im Sand vergrub und der Pharao es nicht schaffte, ihn einzuholen. Es gibt einige schöne Midraschim, die davon erzählen, dass der Pharao einen Steckbrief für Mosche verschickte, man versuchte überall, ihn zu fangen. Und da stieg ein Engel des HERRN herab, der die Gestalt Mosches annahm, und der Pharao wollte ihm den Kopf abschlagen. Aber sein Hals war wie aus Eisen, die Schwerter zerbrachen, prallten ab, töteten die Henker selbst, viele Wunder geschahen. Das ist ein schöner Midrasch, warum sollte man ihn nicht erwähnen. Aber man kann auch den einfachen Sinn verstehen, dass der Höchste Mosche vor dem Zorn des Pharao auf diese Weise gerettet hat, dass Mosche seinerzeit eine Zuflucht fand, dass ebenderselbe Jitro beschloss, ihn zu verstecken, und damit eine außergewöhnliche Tat vollbrachte.
וַיָּבֹא יִתְרוֹ חֹתֵן מֹשֶׁה וּבָנָיו וְאִשְׁתּוֹ אֶל־מֹשֶׁה אֶל־הַמִּדְבָּר אֲשֶׁר־הוּא חֹנֶה שָׁם הַר הָאֱלֹהִים׃
wajawó jitró chotén mosché uwanáw we'ischtó el-mosché él-hammidbár ascher-hú choné scham har ha'elohím
5 Und Jitro, der Schwiegervater Mosches, kam, und seine Söhne und seine Frau, sie kamen zu Mosche in die Wüste, wo das Lager Mosches aufgeschlagen ist, am Berg Gottes.
Also, Jitro hörte davon, dass der Höchste viele Wunder für Mosche gewirkt hatte, dass Mosche nicht nur lebt, sondern, Gott sei Dank, auch erfolgreich ist. Und deshalb nimmt er seine Tochter, seine zwei Enkel und kommt zu Mosche. Wir haben im letzten Abschnitt gelesen (17,8): „…und Amalek kam (wajawó amalék)“, Amalek kam von weit her, um Feindschaft zu führen. Und deshalb habe ich gesagt, dass diese Abschnitte symmetrisch sind. Wenn sich jemand findet, der die Wahl trifft, mit dem Volk Israel verfeindet zu sein, mit dem Volk, durch das der Höchste wirkt, dann findet sich auch jemand, der Gott segnet und wählt, befreundet zu sein, zu unterstützen, sich dem Volk anzuschließen, durch das der Höchste wirkt. Und wie es heißt „und Amalek kam (wajawó amalék)“, er kam mit Krieg, genauso heißt es „und Jitro, der Schwiegervater Mosches, kam (wajawó jitró chotén mosché)“, er kam mit Frieden.
וַיֹּאמֶר אֶל־מֹשֶׁה אֲנִי חֹתֶנְךָ יִתְרוֹ בָּא אֵלֶיךָ וְאִשְׁתְּךָ וּשְׁנֵי בָנֶיהָ עִמָּהּ׃
wajomer el-mosché aní chotenchá jitró ba elécha we'ischtechá uschné wanéha immá
6 Und er sagte zu Mosche: „Ich, dein Schwiegervater Jitro, bin zu dir gekommen, und deine Frau und ihre zwei Söhne mit ihr.“
Das klingt, auf den ersten Blick, sehr unerwartet. Jitro kam, kam zu Mosche und sagte: „Ich bin Jitro, dein Schwiegervater, bin zu dir gekommen, und mit mir deine Frau und ihre zwei Söhne“, als ob Mosche sie nicht erkennen könnte. Aber hier ist es am wahrscheinlichsten, dass Jitro nach der Tradition des Ostens, bevor er herantritt, bevor er sich nähert, Boten vorausschickt, irgendwelche Diener, um mitzuteilen: „Meldet mich an“, so eine Art Butler, der hereinkommt und sagt: „Sir Mosche, zu Euch kommt Euer Schwiegervater mit Eurer Gemahlin und ihren zwei Kindern.“ Das sehen wir daraus, was weiter in Vers 7 gesagt wird:
וַיֵּצֵא מֹשֶׁה לִקְרַאת חֹתְנוֹ וַיִּשְׁתַּחוּ וַיִּשַּׁק־לוֹ וַיִּשְׁאֲלוּ אִישׁ־לְרֵעֵהוּ לְשָׁלוֹם וַיָּבֹאוּ הָאֹהֱלָה׃
wajezé mosché likrát chotenó wajischtáchu wajischak-ló wajisch'alú isch-lere'éhu leschalóm wajawóu ha'óhela
7 Und Mosche ging hinaus, seinem Schwiegervater entgegen, und verneigte sich vor ihm, und küsste ihn, und sie fragten einander nach dem Frieden (nach dem Schalom), nach ihren Angelegenheiten, und gingen ins Zelt.

Mosche erweist Jitro Ehre als einem angeseheneren Menschen, das heißt, er geht ihm entgegen. Das Wort schalóm bedeutet überhaupt Frieden, das heißt Abwesenheit von Krieg, es stammt von der Wurzel schalém – vollständig, ganz, schlemút – Ganzheit. Und wenn wir zum Beispiel einen Menschen fragen wollen: „Wie ist deine Gesundheit?“, sagen wir: „Ma schlomcha?“, was auf Hebräisch klingt wie: „Worin liegt der Sinn, worin liegt der Kern, worin liegt das Wesen deines Friedens?“ So eine nicht einfache Frage wird da gestellt. Sie erzählten einander, was ihnen in dieser Zeit widerfahren war, und so, ein Wort gab das andere, kamen sie ins Zelt.
וַיְסַפֵּר מֹשֶׁה לְחֹתְנוֹ אֵת כָּל־אֲשֶׁר עָשָׂה יְהוָה לְפַרְעֹה וּלְמִצְרַיִם עַל אוֹדֹת יִשְׂרָאֵל אֵת כָּל־הַתְּלָאָה אֲשֶׁר מְצָאָתַם בַּדֶּרֶךְ וַיַּצִּלֵם יְהוָה׃
wajsappér mosché lechotenó et kol-aschér assá adonáj lefar'ó ulmizrájim al odót jisraél et kol-hattela'á aschér meza'átam baddérech wajazzilém adonáj
8 Und Mosche erzählte seinem Schwiegervater alles, was der HERR dem Pharao und Ägypten um Israels willen getan hatte, von all den Abenteuern (oder Missgeschicken), die ihnen in der Wüste widerfahren waren und in denen der HERR sie gerettet hatte.
Das Wort tla'ót – das sind Windungen, irgendwelche Schleifen, man kann es tatsächlich als Abenteuer übersetzen.
וַיִּחַדְּ יִתְרוֹ עַל כָּל־הַטּוֹבָה אֲשֶׁר־עָשָׂה יְהוָה לְיִשְׂרָאֵל אֲשֶׁר הִצִּילוֹ מִיַּד מִצְרָיִם׃
wajíchad jitró al kol-hattowá ascher-assá adonáj lejisraél aschér hizziló mijád mizrájim
9 Und Jitro freute sich über all das Gute, das der HERR Israel getan hatte, darüber, dass es aus der Hand Ägyptens gerettet worden war.
Der Ausdruck wajíchad jitró – ist erstaunlich. Man kann jichad von der Wurzel chad (scharf) oder von der Wurzel echád (eins) her übersetzen und es dann so sagen: seine Haut wurde zu Stückchen – Stückchen. Einige der alten Übersetzer sagen, dass Jitro gleichsam eine „Gänsehaut“ bekam, vor Entsetzen, vor Aufregung, vor Ergriffenheit. Andere Übersetzer deuten jichad vom Wort chadá her, von dem außerdem das hebräische Wort chedwá (Freude, Jubel) stammt – und Jitro freute sich. Nun, das eine schließt das andere nicht aus. Vielleicht erschrak Jitro, war bis zur „Gänsehaut“ ergriffen und freute sich zugleich.
וַיֹּאמֶר יִתְרוֹ בָּרוּךְ יְהוָה אֲשֶׁר הִצִּיל אֶתְכֶם מִיַּד מִצְרַיִם וּמִיַּד פַּרְעֹה אֲשֶׁר הִצִּיל אֶת־הָעָם מִתַּחַת יַד־מִצְרָיִם׃
wajomer jitró barúch adonaj aschér hizzíl etchém mijád mizrájim umijád par'ó aschér hizzíl et-ha'ám mittáchat jad-mizrájim
10 Und Jitro sagte: „Gesegnet ist der HERR, Der euch aus den Händen der Ägypter und aus den Händen des Pharao gerettet hat, Der das Volk aus der ägyptischen Hand gerettet hat.
Wir sehen hier wieder das direkte Gegenteil dessen, was mit Amalek geschieht: Jitro segnet den Höchsten. Der erste Feind – Amalek, und der erste Freund – Jitro, der erste, kann man sagen, der allererste Proselyt, der sich dem Volk angeschlossen hat.
In diesem Fall kann man sagen, dass der HERR das Volk nicht nur vor der Kraft des ägyptischen Heeres gerettet hat, sondern auch vor der ganzen Macht der Zauberei, die bei Ägypten Wache hielt. Der HERR Gott ist stärker als jede Zauberei, als alle Wundertäter, und Er hat das Volk aus der Hand Ägyptens herausgezogen.
Und weiter bezeugt Jitro und sagt:
עַתָּה יָדַעְתִּי כִּי־גָדוֹל יְהוָה מִכָּל־הָאֱלֹהִים כִּי בַדָּבָר אֲשֶׁר זָדוּ עֲלֵיהֶם׃
attá jadá'ti ki-gadól adonáj mikkol-ha'elohím ki waddawár aschér sadú alehém
11 Jetzt weiß ich, dass der HERR größer, erhabener ist als jeder Gott, als jenes Böse, das all diese Götter gegen euch ersannen.
Der HERR hat alle Pläne der heidnischen Götter besiegt. Jitro hat sich davon überzeugt, und er bezeugt es. Und im nächsten Vers lesen wir das Ergebnis dieses Zeugnisses:
וַיִּקַּח יִתְרוֹ חֹתֵן מֹשֶׁה עֹלָה וּזְבָחִים לֵאלֹהִים וַיָּבֹא אַהֲרֹן וְכֹל זִקְנֵי יִשְׂרָאֵל לֶאֱכָל־לֶחֶם עִם־חֹתֵן מֹשֶׁה לִפְנֵי הָאֱלֹהִים׃
wajikkách jitró chotén mosché olá uswachím lelohím wajawó aharón wechól sikné jisraél le'echol-léchem im-chotén mosché lifné ha'elohím
12 Und Jitro, der Schwiegervater Mosches, nahm ein Ganzopfer und Opfer für Gott. Und Aharon kam und alle Ältesten Israels, sie kamen, um mit dem Schwiegervater Mosches vor Gott Brot zu essen.
Worin liegt der Unterschied zwischen dem Ganzopfer und dem Opfer? Das Ganzopfer (olá) – dieses Opfer wird vollständig auf dem Altar verbrannt. Séwach – das ist ein Opfer, von dem ein Teil dem Höchsten dargebracht wird und einen Teil die Teilnehmer der Opferdarbringung essen, das ist eine Art gemeinsames Mahl mit dem Höchsten. Also, Jitro, der Schwiegervater Mosches, schlachtet zum Zeichen des Anschlusses an das Volk Israel, des Anschlusses an den Bund mit Israel, Opfer, bringt ein Ganzopfer und Opfer dar.
Aharon ist, wie wir wissen, nicht einfach ein Schwager Jitros, er ist außerdem gleichsam ein Fürsprecher, ein Vertreter des Volkes Israel, der künftige Priester. Er ist noch nicht im Priesteramt, aber er ist schon Aharon, er bereitet sich schon auf diese Rolle vor, ohne es selbst schon zu wissen.
Als wir diesem Ausdruck begegnet sind, le'echol-léchem, haben wir gesagt, dass er eine Frau nehmen bedeutet. Wir haben auch davon gelesen, dass Jaakow, als er das Erstgeburtsrecht kauft, Esaw Brot gibt. In beiden Fällen, sowohl hier als auch im Fall mit Jaakow, merkt der Kommentar an, dass sie auch Wein nahmen, sie hatten Wein. Sie aßen Brot und tranken Wein. Wir haben auch davon gelesen, dass Melchisedek Awraham Brot und Wein herausbrachte. Deshalb ist verständlich, dass jede Mahlzeit von Wein begleitet war, und das muss man nicht erklären, weil die Leute Wein auf den Weg mitnahmen, Wein war ein Bestandteil jeder festlichen Mahlzeit.
Worin liegt das Wesen von Brot und Wein? Das hängt mit der Ehe zusammen, mit der Eheschließung, das heißt mit dem Schließen eines Bundes zwischen Bräutigam und Braut. In einem weiteren Sinn wissen wir, dass auch die Beziehung zwischen Israel und dem Höchsten die Beziehung von Bräutigam und Braut ist. Das Symbol des Bundesschlusses aber sind Brot und Wein. Brot, léchem (Weizenbrot), bedeutet Fleisch. Das Wort chitá (Weizen) klingt außerdem an das Wort chet (Sünde) an, auch das ist wichtig. Jajin (Wein) symbolisiert Blut, den Wein nennt man „Blut der Weinbeeren“. Man kann sagen, dass léchem das Fleisch des Weizens ist, jajin das Blut der Trauben. So sind léchem und jajin, Brot und Wein – Fleisch und Blut, das sie aßen, und das ist Symbol und Grundlage jedes Bundes.
Interessant ist, dass man, wenn die Weisen darüber streiten, was für eine Frucht jene Frucht war, die Chawa aß, gewöhnlich vom Apfel spricht. Aber der Apfel ist ein Mythos, vom Apfel ist nirgends die Rede. Die Sache ist die, dass das Böse auf Latein malum (malum) heißt und Apfel auf Griechisch mήλα (milja), und es ist durchaus möglich, dass sich die Versionen vermischt haben und der Baum unerwartet zum Apfelbaum wurde.
Noch früher, als es weder Latein noch Griechisch gab, nannten die Weisen Varianten: Weizen, Weintraube, Feige und Etrog. Aber die zwei Hauptvarianten sind Weizen (Brot) und Weintraube (Wein). Und es gibt Mystiker, Kabbalisten, Chassidim, die sagten, dass dort eine solche besondere Frucht war – „Weizenweintraube“, zugleich Brot und Wein. Das ist das, was Chawa gekostet hat, und deswegen kam ein sehr übler Bund zustande, nicht mit dem, mit dem es nötig war – übrigens ist das schon ein Abschweifen in die Mystik.
Und dennoch lesen wir hier, und die Kommentatoren sagen das – und zwar nicht nur die klassischen jüdischen Kommentatoren, sondern auch die Erforscher der Schriften –, dass höchstwahrscheinlich, wenn es heißt „sie aßen Brot“, gemeint ist „sie aßen Brot und tranken Wein“ vor dem Höchsten, das heißt, sie schlossen mit dem Höchsten einen Bund.

Ich sag dir ein kluge Sache
Schemot 18,13–27
Mit Gottes Hilfe lesen wir den Wochenabschnitt Jitro weiter. Wir sind dabei stehen geblieben, dass Jitro, sein Schwiegervater, nachdem er die Frau Mosches, Zippora, und seine zwei Kinder, Gerschom und Elieser, genommen hatte, ins Lager Israels kam und sich mit Mosche traf. Es war so ein warmes verwandtschaftliches Treffen, ein freundschaftliches Gespräch, in dem sie Neuigkeiten austauschten, und Mosche erzählte Jitro alles, was der Höchste mit dem Volk Israel getan hatte, von der Befreiung und von all jenen Wundern, die der Höchste gewirkt hatte, und wie der Höchste Israel aus Ägypten herausgeführt hatte. Jitro war sehr stark ergriffen, und diese Erzählung ging ihm so nahe, so sehr war er beeindruckt, dass er den Gott Israels als den stärksten Gott annahm, Ihm Opfer darbrachte und mit Ihm einen Bund schloss in Gegenwart von Mosche, Aharon und den Ältesten Israels, indem er Ihn zu seinem Gott ausrief. So wurde er der erste Proselyt, der Erste, der sich aus anderen Völkern Israel anschloss. Davon haben wir schon gelesen. Aber es gibt etwas, wovon wir nicht gelesen haben. Wir haben nicht davon gelesen, wie Mosche seinen Söhnen begegnete. Warum nicht erzählen, wie Mosche, als er Elieser sah, buchstäblich die Worte von Gogols Taras Bulba wiederholte: „Na, dreh dich mal um, Söhnchen!“ Warum nicht erzählen, wie er seine Söhne umarmte und sagte: „Wie habe ich mich nach euch gesehnt, wie seid ihr zu Männern geworden, wie seid ihr gewachsen!“ Oder vielleicht auch so: „Wie seid ihr erwachsen geworden, wie habt ihr euch verändert!“ Warum nicht erzählen, wie er seine Frau umarmte? Warum verschweigt die Tora all das?
Viele Kommentatoren sagen, dass Mosche so sehr mit dem Dienst beschäftigt ist, so sehr in den Dienst für den Höchsten versunken, dass die Familie bei ihm in den Hintergrund gerät, und das ist sein großer „Patzer“. So wird er zum ersten Vater von „Kindern gläubiger Eltern“, und es entsteht der erste Konflikt in der Familie eines religiösen Führers. Andere sagen (und auch das kann man so verstehen und auffassen), dass die Tora den Vorhang der Bescheidenheit über das persönliche Leben dort herablässt, wo es sich nicht lohnt, es zu beschreiben. Es ist verständlich, dass Mosche sich über seine Frau freute, verständlich, dass er sich über seine Kinder freute, aber das persönliche Leben Mosches überlassen wir Mosche, lassen auch wir den Vorhang der Bescheidenheit über diese Begegnung herab. Und davon, was weiter nach dem Gespräch zwischen Jitro und Mosche geschah, nach dem Anschluss Jitros an das Volk Israel, werden wir ab Vers 13 von Kapitel 18 lesen.
וַיְהִי מִמָּחֳרָת וַיֵּשֶׁב מֹשֶׁה לִשְׁפֹּט אֶת־הָעָם וַיַּעֲמֹד הָעָם עַל־מֹשֶׁה מִן־הַבֹּקֶר עַד־הָעָרֶב׃
wajhí mimmachorát wajéschew mosché lischpót et-ha'ám waja'amód ha'ám al-mosché min-habbóker ad-ha'árew
13 Und es war am nächsten Tag, und Mosche setzte sich, um das Volk zu richten, und das Volk stand über Mosche, vor Mosche, vom Morgen bis zum Abend.
Daraus ist nicht verständlich, ob Mosche das Volk jeden Tag richtete, ob diese Gerichtsverfahren vom Morgen bis zum Abend stattfanden oder ob Mosche sich, sagen wir, zweimal in der Woche hinsetzte, um das Volk zu richten, montags und donnerstags. Nun, so oder so, in genau so ein Verfahren geriet Jitro buchstäblich am nächsten Tag nach seiner Ankunft im Lager Israels.
Also, Mosche befasst sich mit Gerichtssachen, und das Volk steht vom Morgen bis zum Abend Schlange. Wer sich früher angestellt hat, der kam auch früher dran. Ihr könnt fragen: „Was sind denn das für Gerichtssachen? Womit kommt überhaupt ein Volk, das in der Wüste lebt, Wüstenbewohner, die doch das Essen auf Kosten des Höchsten haben, und Zelte, und Probleme mit Immobilien gibt es nicht, womit kommen sie vor Gericht?“ Schwer zu sagen. Vielleicht waren das irgendwelche zänkischen Geschichten: „Die haben sich bei uns ein Maß für den Omer geliehen und geben es nicht zurück!“ – „Der hat sich bei mir ein Buch von Turgenjew zum Lesen genommen und nicht zurückgegeben!“ – „Und der führt auf unserem Hof Hunde aus, und dann fällt dort das Manna hin, und wir sammeln es dort, wo ihre Hunde alles verschmutzen. Ergreift Maßnahmen!“
Zu den heutigen Rabbinatsgerichten kommen Menschen oft nicht, um zu klären, wer recht hat und wer schuldig ist, sondern wie man den Willen Gottes erfährt. Ich bin einem Fall mit zwei Brüdern begegnet, von denen jeder dem Vater eine Niere geben wollte. Der Vater brauchte eine Nierentransplantation. Einer der Brüder sagte: „Ich habe schon zwei Kinder, ich habe sie großgezogen. Aber mein Bruder hat keine Kinder, er muss noch Kinder bekommen, ich gebe die Niere!“ Der andere entgegnete: „Er hat zwei Kinder, die muss man ernähren, die muss man versorgen, ich dagegen muss niemanden versorgen, die Niere gebe ich!“ Sie stritten, und um zu verstehen, wie man richtig handelt, was der Höchste will, kamen sie zum Rabbiner. Es gibt weniger pathetische Geschichten. Da ist eine Geschichte, wo im oberen Stockwerk eine Familie mit Kindern wohnt, und die Kinder lärmen, rennen, springen. Unten wohnen betagte Leute, die manchmal Kopfschmerzen haben, die sich manchmal ausruhen wollen. Diese Leute sagen: „Wir verstehen, dass Kinder springen, rennen, und wir wollen sie nicht daran hindern, zu rennen, zu springen, aber wir wollen uns ausruhen!“ Und die Familie sagt: „Wir verstehen, dass sie Alte sind, manchmal haben sie Kopfschmerzen, manchmal fällt es ihnen schwer, aber wir wollen nicht die ganze Zeit unsere Kinder anzischen, damit sie nicht rennen. Wie finden wir die goldene Mitte?“ Auch mit solchen Fragen kommt man. Als Lösung dieses Falls kann man zum Beispiel zusammenlegen und einen dicken, flauschigen Teppich für das Kinderzimmer kaufen, und sollen sie doch auf dem Teppich rennen, und es wird keinerlei Lärm geben. Sehr, sehr viele verschiedene Gerichtsverfahren finden statt, es gibt viele verschiedene Geschichten, lustige und seltsame, nicht immer sind das Streitereien. Manchmal ist es tatsächlich der Wunsch der Menschen zu verstehen, wie man richtig handelt. Aber in jedem Fall kostet das Zeit, und wenn Mosche als Einziger so beim Gericht sitzt, dann hat er es wirklich schwer.
וַיַּרְא חֹתֵן מֹשֶׁה אֵת כָּל־אֲשֶׁר־הוּא עֹשֶׂה לָעָם וַיֹּאמֶר מָה־הַדָּבָר הַזֶּה אֲשֶׁר אַתָּה עֹשֶׂה לָעָם מַדּוּעַ אַתָּה יוֹשֵׁב לְבַדֶּךָ וְכָל־הָעָם נִצָּב עָלֶיךָ מִן־בֹּקֶר עַד־עָרֶב׃
wajár chotén mosché et kol-ascher-hú ossé la'ám wajomer ma-haddawár hassé aschér attá ossé la'ám maddúa attá joschéw lewaddécha wechol-ha'ám nizzáw alécha min-bóker ad-árew
14 Und der Schwiegervater Mosches sah alles, was er dem Volk tut, und
sagte: „Was ist das, was du dem Volk tust? Warum sitzt du allein, und das ganze Volk drängt sich, steht vor dir, vom Morgen bis zum Abend?“
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה לְחֹתְנוֹ כִּי־יָבֹא אֵלַי הָעָם לִדְרֹשׁ אֱלֹהִים׃
wajomer mosché lechotenó ki-jawó eláj ha'ám lidrósch elohím
15 Und Mosche sagte zum Schwiegervater: „Weil das Volk zu mir kommt, um den Willen Gottes zu erforschen!
In irgendwelchen Konflikten, in irgendwelchen Situationen bittet das Volk darum, dass man ihm sagt, wie man richtig handelt. Vielleicht sieht das Volk von außen jemanden, der am Sabbat Zweige sammeln gegangen ist, und man muss verstehen: Darf man denn so etwas tun? Vielleicht noch etwas anderes, vielleicht die Beispiele, die ich schon angeführt habe. Das Volk sucht in verschiedenen Streitigkeiten, in Meinungsverschiedenheiten, wie man richtig handelt: Etwas ist mit dem Essen passiert, etwas wurde am Sabbat getan – was tun, wie macht man es so, dass man den Menschen nicht kränkt? Wir haben einen Menschen angestellt, und er hat die halbe Arbeit gemacht. Ihm den vollen Preis zahlen, die Hälfte zahlen, gar nicht zahlen? Ein Mensch hat uns irgendeinen Schaden zugefügt, wie handeln? Und so ein Haufen, Haufen, Haufen Fragen, die man klären musste.
כִּי־יִהְיֶה לָהֶם דָּבָר בָּא אֵלַי וְשָׁפַטְתִּי בֵּין אִישׁ וּבֵין רֵעֵהוּ וְהוֹדַעְתִּי אֶת־חֻקֵּי הָאֱלֹהִים וְאֶת־תּוֹרֹתָיו׃
ki-jihjé lahém dawár ba eláj weschafattí ben isch uwén re'éhu wehoda'tí et-chukké ha'elohím we'et-torotáw
16 Wenn sie irgendeine Sache haben, kommen sie zu mir, und ich richte sie: zwischen einem Menschen und zwischen seinem Nächsten, und erkläre ihnen die Gesetze Gottes und Seine Tora“.
Also, Mosche war Richter. Jene Menschen, ebenjene Israeliten, die mit ihm durch die Wüste zogen, kannten zu jenem Zeitpunkt die Tora nicht, kannten die Gesetze Gottes nicht, konnten sie nicht anwenden. Bei jedem Problem wandten sie sich an Mosche als an die einzige Quelle. Und Mosche musste vom Morgen bis zum Abend das Volk „richten und schlichten“.
וַיֹּאמֶר חֹתֵן מֹשֶׁה אֵלָיו לֹא־טוֹב הַדָּבָר אֲשֶׁר אַתָּה עֹשֶׂה׃
wajomer chotén mosché eláw lo-tów haddawár aschér attá ossé
17 Und der Schwiegervater Mosches sagte zu ihm: „Nicht gut handelst du!
Das ist sehr interessant und bezeichnend, dass ein Ger, ein Mensch, der sich Israel angeschlossen hat, erst gestern, schon Mosche Vorschriften macht und sagt: „Du handelst nicht gut!“ Nun, es ist klar, dass das sein Schwiegervater ist, dass das ein angesehener Mensch ist. Aber kaum hat er sich dem jüdischen Volk angeschlossen, belehrt er schon die Juden, wie man richtig Jude ist, und diese Tendenz hat sich häufig bis zum heutigen Tag erhalten. Eine solche Kühnheit ist dem Proselyten Jitro gegeben – Mosche zu sagen, dass er nicht gut handelt.
נָבֹל תִּבֹּל גַּם־אַתָּה גַּם־הָעָם הַזֶּה אֲשֶׁר עִמָּךְ כִּי־כָבֵד מִמְּךָ הַדָּבָר לֹא־תוּכַל עֲשֹׂהוּ לְבַדֶּךָ׃
nawól tibból gam-attá gam-ha'ám hassé aschér immách ki-chawéd mimmechá haddawár lo-tuchál assóhu lewaddécha
18 Mit Welken wirst du verwelken (mit Dürre verdorren), sowohl du als auch dieses Volk, das mit dir ist, denn schwer ist für dich diese Sache, du kannst sie nicht allein tun!
Das heißt, Jitro sagt zu Mosche: „Diese Mission ist unerfüllbar. Du kannst nicht allein dasitzen, alle richten und schlichten, das ist nicht richtig, dir werden die Kräfte ausgehen. Und auch das Volk wird vom Morgen bis zum Abend stehen. Ihr werdet euch nur noch mit Jurisprudenz beschäftigen und mit der Klärung, wer recht hat, wer schuldig ist.“ Und außer Kritik hat Jitro auch einen konstruktiven Vorschlag:
עַתָּה שְׁמַע בְּקֹלִי אִיעָצְךָ וִיהִי אֱלֹהִים עִמָּךְ הֱיֵה אַתָּה לָעָם מוּל הָאֱלֹהִים וְהֵבֵאתָ אַתָּה אֶת־הַדְּבָרִים אֶל־הָאֱלֹהִים׃
attá schemá bekolí i'azechá wihi elohim immách hejé attá la'ám mul ha'elohím wehewetá attá et-haddewarím el-ha'elohím
19 Jetzt aber höre auf meine Stimme, und ich werde dir raten, und Gott wird mit dir sein: Und du wirst im Namen Gottes vor dem Volk stehen, und du wirst für das Volk vor Gott stehen.
Das heißt, wenn es irgendwelche Probleme, Fragen gibt, dann wird Mosche sie zu den Füßen des Höchsten bringen, und wenn das Volk nach dem Willen des Höchsten fragt, dann wird Mosche ihn dem Volk übermitteln. Genau das versucht Mosche jetzt zu tun.
וְהִזְהַרְתָּה אֶתְהֶם אֶת־הַחֻקִּים וְאֶת־הַתּוֹרֹת הוֹדַעְתָּ לָהֶם אֶת־הַדֶּרֶךְ יֵלְכוּ בָהּ וְאֶת־הַמַּעֲשֶׂה אֲשֶׁר יַעֲשׂוּן׃
wehishartá ethém et-hachukkím we'et-hattorót wehoda'tá lahém et-haddérech jélechu wa we'et-hamma'assé aschér ja'asún
20 Und du lehre sie die Gesetze und die Tora und zeige ihnen den Weg, auf dem sie gehen sollen, und die Taten, die sie tun werden.
Das Wort lehashír bedeutet warnen, anleiten, sehirút – das ist Vorsicht, aber das Wort sóhar bedeutet Glanz (vom Verb lisgór – glänzen, strahlen). Du musst das Volk „beglänzen“, erleuchten, gleichsam Warnschilder aufstellen, in sie einbauen, damit sie die Gesetze (chukkím) und die Tora verstehen.
Das heißt: „Du musst sie, sagen wir es so, die Fahrtheorie lehren, ihnen von den Warnzeichen erzählen, von den Verkehrsregeln, und ihnen den Weg kennzeichnen, auf dem sie gehen werden. Die vollständigen Straßenverkehrsregeln der geistigen Welt musst du ihnen mitteilen.“
Man kann kein Verkehrspolizist sein dort, wo die Fahrer keine Vorstellung vom Straßenverkehr haben und ständig fragen: „Und darf ich links abbiegen? Darf ich geradeaus fahren? Darf ich den Rückwärtsgang einlegen?“ Jitro sagt: „Lehre das Volk! Bevor du deinem Volk Richter bist, versuche, deinem Volk Lehrer zu sein, unterweise es in der Tora. Mach es so, dass sie die Gesetze kennen, damit sie in den meisten Fällen auch ohne dich klarkommen und die Fragen beantworten könnten.“
וְאַתָּה תֶחֱזֶה מִכָּל־הָעָם אַנְשֵׁי־חַיִל יִרְאֵי אֱלֹהִים אַנְשֵׁי אֱמֶת שֹׂנְאֵי בָצַע וְשַׂמְתָּ עֲלֵהֶם שָׂרֵי אֲלָפִים שָׂרֵי מֵאוֹת שָׂרֵי חֲמִשִּׁים וְשָׂרֵי עֲשָׂרֹת׃
we'attá techesé mikkol-ha'ám ansche-chájil jir'é elohím ansché emét soné'e wáza wessamtá alehém saré alafím saré me'ót saré chamischím wessaré assarót
21 Du aber wähle (sieh, erschaue) aus dem ganzen Volk flinke Leute (tatkräftige Leute), gottesfürchtige, Leute der Wahrheit, die den Eigennutz hassen, und setze über das Volk Vorsteher über Tausend, Vorsteher über Hundert, Vorsteher über Fünfzig und Vorsteher über Zehn.
Das Wort lachasót – sehen, vorhersehen, eine Art besondere Sicht einschalten, nach aufmerksamer Betrachtung finden.
Dem heutigen Leser fällt es schwer, sich das ganze Revolutionäre des Programms vorzustellen, das Jitro vorschlägt.
Erstens: Die Gesellschaft des Volkes Israel ist eine Gemeinde mit einer Sippen-, einer Familienordnung. In jeder Sippe, in jedem der Stämme Israels gibt es eigene Älteste. Sie werden niemals ernannt, sie treten im Lauf der sozusagen natürlichen Entwicklung des Lebens hervor, gewöhnlich ist das das älteste, das angesehenste Mitglied der Familie. Und kraft dieses Ansehens regierten die Ältesten das Volk. Revolutionär ist schon die Idee selbst, eine Herrschaft einzusetzen, irgendwelche Leiter zu wählen, irgendwelche Leute, die lehren oder Probleme lösen können. Das ist völlig neu für das Volk Israel, völlig neu, nicht einen einzigen „Alleswisser“ zu haben, einen einzigen Fachmann, der alles entscheiden, mit allen sein Wissen teilen und die Menschen die Tora lehren würde.
Zweitens: Noch revolutionärer ist die hierarchische Struktur. Es kommt vor, dass ein Mensch begabt ist, stark, aber er ist noch nicht bereit, „Mosche“ zu werden, nicht bereit, einer der Obersten Richter zu werden. Er kann Vorsteher über Zehn sein, kann für irgendwelche kleinen Angelegenheiten zuständig sein, und mit großen Angelegenheiten muss man sich an den Vorsteher über Fünfzig wenden und höher. Hier gibt es außerdem den Vorgang, begabte, fähige Menschen zu entdecken und sie zum Dienst für den Höchsten heranzuziehen – damit der Dienst für den Höchsten zu einem Dienst des ganzen Volkes wird. Das ist sehr wichtig für die Struktur jeder Gemeinde. Wir begegnen oft einer Gemeinde, die einen Anführer hat, und der hat eine Vision, und nach dieser seiner Vision richtet er, er hat darauf ein Monopol. Manchmal steht bei ihm das Volk von morgens bis abends, aber meistens hat er Helfer, an ihn selbst kommt man gar nicht heran, und auf diese Weise richtet er. Er spielt die Rolle des Mosche der Zeit „vor Jitro“, der nur Richter und keineswegs Lehrer ist. Was Jitro lehrt – das ist, wie man Lehrer ist, wie man es so macht, dass das ganze Volk Tora lernen kann. Es wird einen kleinen Grundschullehrer geben, einen Vorsteher über Zehn, der vielleicht zehn einfache Menschen einfache Grundsätze lehrt. Vielleicht wächst aus diesen zehn ein Vorsteher über Fünfzig heran, oder vielleicht wird auch der Vorsteher über Zehn selbst mit der Zeit Vorsteher über Fünfzig. Aber zur Arbeit, zum Dienst an der Tora, sind viele, viele Menschen herangezogen, die miteinander in Verbindung stehen, gemeinsam die Wahrheit suchen, das Angesicht des Höchsten suchen können. Diese kleinen Anführer werden dem Volk näher sein, werden tiefer verstehen, was geschieht. Es ist viel einfacher zu wissen, was in deinem Zehner geschieht, als was in deinem Volk geschieht. Man braucht viel weniger Zeit, um es zu durchschauen, und manchmal ist auch sofort alles klar. Und weiter entwickelt Jitro seinen Gedanken:
וְשָׁפְטוּ אֶת־הָעָם בְּכָל־עֵת וְהָיָה כָּל־הַדָּבָר הַגָּדֹל יָבִיאוּ אֵלֶיךָ וְכָל־הַדָּבָר הַקָּטֹן יִשְׁפְּטוּ־הֵם וְהָקֵל מֵעָלֶיךָ וְנָשְׂאוּ אִתָּךְ׃
weschafetú et-ha'ám bechol-ét wehajá kol-haddawár haggadól jawí'u elécha wechol-haddawár hakkatón jischpetu-hém wehakél me'alécha wenasse'ú ittách
22 Und sie werden das Volk die ganze Zeit richten. Und es wird sein: Jede schwierige Sache werden sie zu dir bringen (mit jeder schwierigen Sache werden sie sich an dich wenden), aber jede kleine Sache werden sie selbst richten. Und sie werden dein Los erleichtern, dir die Arbeit erleichtern und werden deine Mitarbeiter sein.
Mit anderen Worten, Jitro schlägt vor, das Volk in den Dienst einzubinden. Mosche dient nicht allein, mit ihm zusammen kann das ganze Volk dienen. Eine wirklich sehr gute Idee. Ich wiederhole: Sie ist auch für viele, viele heutige Gemeinden aktuell, in denen eine solche Arbeit nicht eingerichtet ist. Nicht genug, dass eine solche Arbeit nicht eingerichtet ist, da sitzt auch noch kein „Mosche“ von morgens bis abends.
אִם אֶת־הַדָּבָר הַזֶּה תַּעֲשֶׂה וְצִוְּךָ אֱלֹהִים וְיָכָלְתָּ עֲמֹד וְגַם כָּל־הָעָם הַזֶּה עַל־מְקֹמוֹ יָבֹא בְשָׁלוֹם׃
im et-haddawár hassé ta'assé weziwwechá elohím wejacholtá amód wegám kol-ha'ám hassé al-mekomó jawó weschalóm
23 Und Gott wird dich anleiten, und du wirst bestehen können, dann wird auch dieses ganze Volk mit Frieden an seinen Ort kommen.“
Jitro sagt zu Mosche: „Du sorgst dich, kümmerst dich um das Göttliche – dem Volk das Wort Gottes nahezubringen, aber darüber siehst du womöglich das Volk nicht.“ Jitro kommt, sieht das, sieht das Volk und spricht mit Mosche darüber.
וַיִּשְׁמַע מֹשֶׁה לְקוֹל חֹתְנוֹ וַיַּעַשׂ כֹּל אֲשֶׁר אָמָר׃
wajischmá mosché lekól chotenó wajá'as kol aschér amár.
24 Und Mosche hörte auf die Stimme seines Schwiegervaters, und Mosche tat alles, was der Schwiegervater ihm gesagt hatte.
Mosche sagte nicht: „Hör mal, Jitro, du bist hier überhaupt ein Proselyt, und du hast dir in den Kopf gesetzt, den Gesalbten Gottes, mich, der mit dem Stab auf den Nil geschlagen hat, mit dem Stab auf den Felsen geschlagen hat, mit dem Stab das Heer Amaleks auseinandergetrieben hat, zu belehren?! Gleich zieh ich dir mit diesem Stab eins über, und all deine schädlichen, revolutionären, reformistischen Ideen fliegen dir aus dem Kopf! Da nehm ich keine Rücksicht darauf, dass du mein Schwiegervater bist!“ Nein, Mosche ist der demütigste der Menschen, konstruktive Kritik weiß er konstruktiv anzunehmen.
וַיִּבְחַר מֹשֶׁה אַנְשֵׁי־חַיִל מִכָּל־יִשְׂרָאֵל וַיִּתֵּן אֹתָם רָאשִׁים עַל־הָעָם שָׂרֵי אֲלָפִים שָׂרֵי מֵאוֹת שָׂרֵי חֲמִשִּׁים וְשָׂרֵי עֲשָׂרֹת׃
wajiwchár mosché ansche-chájil mikkol-jisraél wajittén otám raschím al-ha'ám saré alafím saré me'ót saré chamischím wessaré assarót
25 Und Mosche wählte flinke, kämpferische Leute aus ganz Israel und setzte sie als Häupter über das Volk, als Vorsteher über Tausend, Vorsteher über Hundert, Vorsteher über Fünfzig und Vorsteher über Zehn.
Wir haben gesagt, nach welchem Grundsatz Jitro die Leute auszuwählen hieß. Er sagte: „Wählt kämpferische, tätige Leute, jir'é elohím (gottesfürchtige), ansché emét (Leute der Wahrheit), die den Eigennutz hassen.“ Oft ist es so, und das ist aktuell für ein Gerichtswesen mit einer Ordnung nach Stämmen: Ein Mensch wird geneigt sein, im Interesse seines Verwandten, seines Stammes, seines Vorteils zu richten. Und es ist nötig, dass der Richter Gott mehr fürchtet als irgendwelche seiner Sippengrundsätze, dass er den Eigennutz hasst, dass er nicht sein eigenes Interesse sucht, nicht das Interesse seiner Sippe und nicht das Interesse seiner Verwandtschaft oder seines Standes, sondern nur den Willen Gottes.
וְשָׁפְטוּ אֶת־הָעָם בְּכָל־עֵת אֶת־הַדָּבָר הַקָּשֶׁה יְבִיאוּן אֶל־מֹשֶׁה וְכָל־הַדָּבָר הַקָּטֹן יִשְׁפּוּטוּ הֵם׃
weschafetú et-ha'ám bechol-ét et-haddawár hakkasché jewi'ún el-mosché wechol-haddawár hakkatón jischputú hem
26 Und sie richteten das Volk zu aller Zeit. Schwierige Dinge brachten sie, trugen sie zu Mosche, aber alle kleinen Dinge richteten sie selbst.
Das heißt, schwierige Angelegenheiten wurden im Obersten Gericht entschieden, in dem Mosche saß, einfache Angelegenheiten wurden in den Bezirksgerichten entschieden, vor Ort.
Und während diese Reform durchgeführt wurde, blieb Jitro bei Mosche, war bei seinem Schwiegersohn zu Gast. Und nun, als die Reform durchgeführt ist, Mosche alles getan hat, was Jitro gesagt hat, und das System funktioniert, schickt Mosche den Schwiegervater auf den Weg.
וַיְשַׁלַּח מֹשֶׁה אֶת־חֹתְנוֹ וַיֵּלֶךְ לוֹ אֶל־אַרְצוֹ׃
wajschallách mosché et-chotenó wajélech lo el-arzó
27 Und Mosche entließ seinen Schwiegervater, und er ging für sich in sein Land.
Obwohl der Schwiegervater, wie wir schon gesagt haben, Opfer dargebracht, einen Bund geschlossen und sich dem Glauben an den Gott Israels angeschlossen hat, geht er nicht nach Israel. Er ging seinen Weg und befand sich dabei im Bund mit dem Höchsten. Und man kann sagen, dass das der erste Jude ist, jehudí. Dieses Wort stammt vom Namen Jehudá, der seinerseits, nach einer der Bedeutungen, vom Wort lehodot – danken stammt. Jitro ist der erste „Danksager“ Gottes außerhalb des Volkes Israel, der nicht mit dem Volk Israel nach Israel ging. Viele sagen dazu, dass er in Wirklichkeit kein Proselyt geworden sei, dass er das nur so, in einer Aufwallung, getan habe. Überlassen wir diese Überlegung dem Gewissen solcher Kommentatoren.
Die Parade kommandiere Ich
Schemot 19,1–19
Mit Gottes Hilfe lesen wir weiter den Wochenabschnitt Jitro. Wir haben schon davon gesprochen, dass Jitro, nachdem er beobachtet hatte, wie Mosche sitzt und das Volk vom Morgen bis zum Abend richtet und das Volk vor ihm steht, Mosche riet, das Gerichtssystem aufzuteilen, man kann sagen, die richterliche Gewalt zu delegieren, an Tausendschaftsführer, Hundertschaftsführer, Fünfzigschaftsführer und Zehnschaftsführer. Das heißt, das ganze Gerichtssystem in kleine Teile aufzuteilen und dadurch einerseits viel Zeit freizumachen, andererseits viele neue, talentierte Menschen in das Gerichtssystem einzubeziehen. Und manche haben das mit Multi-Level-Marketing verglichen und sich gefragt: Inwieweit ist es rechtmäßig von Seiten Mosches, auf den Rat Jitros zu hören, ohne die Erlaubnis vom Höchsten erhalten zu haben? Nun, erstens wissen wir nicht, ob Mosche sich mit dem Höchsten beraten hat und ob er Seine Zustimmung zu einer solchen Aufteilung des Gerichtssystems erhalten hat. Aber es ist wichtig, Folgendes festzuhalten: Diese Ereignisse geschehen in unmittelbarer Nähe zur Gabe der Tora. Die Tora ist dem Volk Israel gegeben als Frucht des prophetischen Umgangs zwischen Mosche und dem Höchsten. Aber die Besonderheit der Tora liegt darin, dass sie eine Lehre ist und keine Prophetie, darin, dass ein Mensch diese Lehre selbst erlernen kann, ohne Prophet zu sein, und andere darin unterweisen kann, die ebenfalls keine Propheten sind. Das ist ein für viele Jahre, für Epochen im Voraus gegebenes prophetisches Wissen, ein prophetisches Verständnis des Weltalls, eine Vorstellung vom Zusammenwirken der Dinge. Einmal prophetisch empfangen, wird es zur Lehre im Mund der Menschen, und man kann lehren, viele Lehrer der Tora hervorbringen, die keine Propheten sind. Und gerade deshalb ist es bezeichnend, dass die prophetische Funktion Mosches als Mittler zwischen dem Höchsten und dem Menschen in verschiedenen Gerichtssachen gleichsam in den Hintergrund tritt und der Lehre Platz macht, der Offenbarung des Höchsten, die schon gegeben ist. Erinnert euch: Als der Reiche bat, jemanden auf die Erde zu senden, antwortete man ihm: „Sie haben das Gesetz und die Propheten.“ Eben dieses Gesetz wird, noch vor den Propheten, schon als Lehre gegeben, die man lehren kann, auch wenn du kein Prophet bist. Einen Schüler lehren, auch wenn er kein Prophet ist, ihm das Wissen über den Aufbau der Welt weitergeben. Und deshalb wurde eine solche Aufteilung möglich, aber, wie wir weiter sehen werden, wirkt sie nicht so weitreichend, wie wir denken könnten. Also, beginnen wir ganz vom Anfang von Kapitel 19 an zu lesen.
בַּחֹדֶשׁ הַשְּׁלִישִׁי לְצֵאת בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם בַּיּוֹם הַזֶּה בָּאוּ מִדְבַּר סִינָי׃
bachódesch haschelischí lezét bene-jisraél me'érez mizrájim bajom hassé báu midbár sináj
1 Im dritten Monat nach dem Auszug des Volkes Israel aus dem ägyptischen Land, an diesem Tag (gemeint ist der Neumond) kamen sie in die Wüste Sinai.
Lasst uns nachrechnen, welcher dritte Monat das ist, vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten an. Der erste Monat war der Monat nissán, im Monat Nissan zogen sie aus. Der zweite Monat – ijar, die Zeit des Streits um die Wachteln und um das Wasser. Und es beginnt der dritte Monat, der Monat siwan, der Neumond (rósch chódesch) des Siwan, der Anfang des dritten Monats nach dem Auszug aus Ägypten. Das ist eine wichtige Rechnung, um auch den Tag der Auferstehung Jeschuas zu berechnen. Wir sagen: „Auferstanden am dritten Tag.“ Und viele fragen: „Wo sind da drei Tage? Und wo passen da noch drei Nächte hinein?“ Und sie versuchen, es auf verschiedene Weise mathematisch nachzurechnen, oder einfach alles zu leugnen. Seht, wie die Tora vom dritten Monat spricht: Es sind noch nicht einmal 45–46 Tage vergangen, aber schon beginnt der dritte Monat. Und die Ereignisse, die hier beschrieben werden, sind Ereignisse, die im dritten Monat geschahen, und das ist durchaus symbolisch, und das ist durchaus eine Parallele.
וַיִּסְעוּ מֵרְפִידִים וַיָּבֹאוּ מִדְבַּר סִינַי וַיַּחֲנוּ בַּמִּדְבָּר וַיִּחַן־שָׁם יִשְׂרָאֵל נֶגֶד הָהָר׃
wajis'ú merefidím wajawóu midbár sináj wajachanú bammidbár wajichan-schám jisraél néged hahár
2 Und sie zogen aus von Refidim, und sie kamen in die Wüste Sinai, und sie machten Halt in der Wüste, und Israel machte dort Halt gegenüber dem Berg.
Wir sehen hier eine gewisse Wiederholung von Sätzen: wajachanú bammidbár – und sie machten Halt in der Wüste und wajichan-schám jisraél – und Israel machte Halt. Sie machten Halt als ein einziges Volk, wie ein Mensch, sie kamen zum Berg im Zustand innerer Einheit. Deshalb einerseits wajachanú (und sie machten Halt), weil das Volk zahlreich war, andererseits wajichán (und er machte Halt), weil sie wie ein Mensch waren. Wenn es heißt néged (gegenüber) hahar, bedeutet das östlich des Berges.
וּמֹשֶׁה עָלָה אֶל־הָאֱלֹהִים וַיִּקְרָא אֵלָיו יְהוָה מִן־הָהָר לֵאמֹר כֹּה תֹאמַר לְבֵית יַעֲקֹב וְתַגֵּיד לִבְנֵי יִשְׂרָאֵל׃
umosché alá el-ha'elohím wajikrá eláw adonáj min-hahár lemór ko tomár lewét jaaków wetaggéd liwné jisraél
3 Mosche stieg hinauf zum HERRN, stieg hinauf zu Gott, und Gott rief ihn vom Berg an und sprach: „So sage dem Haus Jaakows und übermittle den Söhnen Israels.
Viele Kommentatoren sagen: „Er stieg ohne besondere Einladung hinauf, kam, um Bericht zu erstatten.“ Mosche hört die Anrede auf halber Höhe des Berges.
Warum bezieht sich tomár (sage) auf bejt Jaakow (das Haus Jaakows), und tagíd (übermittle) – auf bnéj jisraél? Wir haben schon gesagt, dass das Wort bájt (Haus) eine Bezeichnung für die Frauen ist, bejt Jaakow – das sind alle Frauen, alle Ehefrauen des Volkes Jaakows, deshalb wird für die Frauen das Wort tomár verwendet, das heißt sprich mit ihnen sanft. Bnej jisraél – das sind die Söhne Israels, das sind die Männer. Das Wort tagíd ist hier, das einzige Mal im ganzen Tanach, mit dem Buchstäbchen Jud geschrieben, und in dieser Schreibung kann man es mit dem Wort gíd (Sehne) verbinden. Und so ist tagíd – sprich streng, spanne die Saite gegenüber den Männern. Das heißt: Was du sagen wirst, sage den Frauen sanft und den Männern – streng. Und das ist es, was gesagt werden muss:
אַתֶּם רְאִיתֶם אֲשֶׁר עָשִׂיתִי לְמִצְרָיִם וָאֶשָּׂא אֶתְכֶם עַל־כַּנְפֵי נְשָׁרִים וָאָבִא אֶתְכֶם אֵלָי׃
attém re'itém aschér assíti lemizrájim wa'essá etchém al-kanfé nescharím wa'awí etchém eláj
4 Ihr habt gesehen, was ich mit Ägypten gemacht habe, euch aber habe Ich auf den Flügeln des Adlers getragen und euch zu Mir gebracht.
Es gibt ein solches Verständnis, dass der Adler seine Jungen nimmt, sie auf seine Flügel legt und sie so trägt. Ornithologen, Fachleute für die Erforschung der Vögel, kennen eine solche Erscheinung nicht, aber so wird es in den Geschichten des Ostens überliefert. Möglicherweise gab es einmal irgendeine Adlerart, die das tat. Möglicherweise ist das einfach so eine Metapher. Néscher – das ist Adler oder Geier, ein großer Vogel. Der Höchste beginnt damit zu sagen: „Erinnert ihr euch, wie Ich mit Ägypten verfahren bin, wie Ich Ägypten mit Plagen geschlagen habe und wie zärtlich Ich mit euch umgegangen bin?“
וְעַתָּה אִם־שָׁמוֹעַ תִּשְׁמְעוּ בְּקֹלִי וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־בְּרִיתִי וִהְיִיתֶם לִי סְגֻלָּה מִכָּל־הָעַמִּים כִּי־לִי כָּל־הָאָרֶץ׃
we'attá im-schamóa tischmeú bekolí uschmartém et-berití wijítem li sgulá mikkol-ha'ammím ki-lí kol-ha'árez
5 Und nun, wenn ihr hören oder gehorchen werdet (wörtlich – mit dem Gehör Meine Stimme hören werdet), und Meinen Bund bewahren würdet, dann werdet ihr Mir eine Schatzkammer sein. Ihr seid dazu aus allen Völkern erwählt, denn Mir gehört die ganze Erde.
Ein für die Übersetzung sehr erstaunliches Wort ist sgúla. Sgulá – das ist einerseits das, was die Möglichkeit gibt, die Fähigkeit gibt. Fähig, etwas zu tun heißt messugál. Gewohnheit, Anpassung an etwas heißt histaglút. Man kann sagen, wenn man in der Sprache des Programmierens spricht, dass das Volk Israel ein Treiber sein wird, ein Werkzeug für die Verbindung zwischen dem Höchsten und der Welt. Andererseits bedeutet das Wort sgulá Schatzkammer, das heißt der Ort, an dem der wichtigste Schatz aufbewahrt wird. Und man kann es so verstehen: „Ihr werdet Träger von Mir sein, Träger Meines Heiligen Geistes auf der Erde. Ich werde euch aus allen Völkern erwählen, Ich habe das Recht, das zu tun, und Ich werde es tun. Und um die ganze Erde zu regieren, werde Ich das tun. Ich werde euch mit Möglichkeiten ausstatten, Mittler zu sein zwischen Mir und dem Weltall.“ Und in Vers 6 lesen wir eine noch grandiosere Zusage, eine Verheißung des Höchsten:
וְאַתֶּם תִּהְיוּ־לִי מַמְלֶכֶת כֹּהֲנִים וְגוֹי קָדוֹשׁ אֵלֶּה הַדְּבָרִים אֲשֶׁר תְּדַבֵּר אֶל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל׃
we'attém tihju-lí mamléchet kohaním wegój kadósch élle haddewarím aschér tedabbér el-bené jisraél
6 Und ihr werdet Mir ein Königreich (ein Staat) von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du zum Volk Israel sagen wirst.“
Das Wort mamlachá (mamléchet) kann Regierung, Staatsordnung bedeuten, das heißt: „Ihr werdet ein Regierungsapparat von Priestern sein, ihr werdet die Priester der ganzen Welt sein.“
Das Wort Kohanim (Priester) kann man natürlich auch als Prinzen übersetzen und als Minister am Hof. Über David heißt es, dass seine Söhne Kohanim waren, das heißt Prinzen, königliche Erben. Und in diesem Sinn kann man sagen, dass das Volk Israel das Umfeld ist, in dem der Erbe des Königreichs geboren wird. Aber der Höchste sagt mehr: „Ihr werdet das Volk sein, durch das Ich Meinen Plan, Meinen Willen zu den Völkern der ganzen Welt bringen werde. Die Tora, die Ich euch geben werde, der Heilige Geist, den Ich euch geben werde, werden euch zu Meiner Schatzkammer machen und euch mit Möglichkeiten, Fähigkeiten und Kraft ausstatten, Mir zu dienen.“ Später, nach dem Fall des Volkes, dem geistlichen Fall, wird das Volk Israel dessen verlustig gehen. Aber in Kapitel 3 des Buches des Propheten Malachi lesen wir davon, dass das Volk Israel wieder sgulá werden wird, wieder das Volk werden wird, durch das der Höchste regieren wird, wieder ein Volk der Priesterschaft werden wird, wenn der Heilige Geist Gottes auf das Volk Israel zurückkehrt. Das heißt, von diesem Moment an, von dem Moment an, in dem das Volk Israel zum am-sgulá (Volk-Schatzkammer) wird, beginnt der Dienst, und ohne dies ist der Dienst unmöglich.
וַיָּבֹא מֹשֶׁה וַיִּקְרָא לְזִקְנֵי הָעָם וַיָּשֶׂם לִפְנֵיהֶם אֵת כָּל־הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה אֲשֶׁר צִוָּהוּ יְהוָה׃
wajawó mosché wajikrá lesikné ha'ám wajássem lifnehém et kol-haddewarím ha'élle aschér ziwwahu adonáj
7 Und Mosche kam, und er versammelte die Ältesten des Volkes Israel, und legte ihnen all diese Dinge vor, die der HERR ihm geboten hatte.
Achtet darauf, wovon ich am Anfang gesprochen habe. Mosche versammelt hier nicht die Tausendschaftsführer, Hundertschaftsführer, Fünfzigschaftsführer, Zehnschaftsführer, versammelt nicht dieses ganze Gerichtssystem, das er geschaffen hat. Er versammelt die alten, guten Ältesten des Volkes Israel, die eingesetzt, gewählt, erwählt sind aus der Mitte der Menschen selbst. In dem Maße, wie die Sippe voranzog, nahmen sie dieses Amt ein als die Ältesten in der Sippe, die Weisesten in der Sippe. Mosche versammelt gerade sie und gerade ihnen legt er all das dar. Die Ältesten regieren das Volk nach wie vor und treffen Entscheidungen im Namen des Volkes. Das heißt, Mosche spricht nicht sofort zum ganzen Volk, wendet sich nicht an eine riesige Versammlung von mehreren Millionen Menschen, sondern spricht mit den Ältesten, die die Vollmachten des Volkes besitzen.
וַיַּעֲנוּ כָל־הָעָם יַחְדָּו וַיֹּאמְרוּ כֹּל אֲשֶׁר־דִּבֶּר יְהוָה נַעֲשֶׂה וַיָּשֶׁב מֹשֶׁה אֶת־דִּבְרֵי הָעָם אֶל־יְהוָה׃
waja'anú chol-ha'ám jachdáw wajomerú kol ascher-dibbér adonáj na'assé wajáschew mosché et-diwré ha'ám el-adonáj
8 Und das ganze Volk antwortete gemeinsam, und sie sagten: „Alles, was der HERR sagt, werden wir tun!“ Und Mosche kehrte mit den Worten des Volkes zum HERRN zurück.
Auch ein interessantes Detail, achten wir darauf: Sicherlich hat der HERR gehört, was das Volk gesagt hat. Aber Mosche kehrt mit den Worten zum HERRN zurück, weil der Höchste die Beziehungen zu Israel so eingerichtet hat. Nur das, was über offizielle Kanäle übermittelt ist, gilt als Antwort. Das ist eine Gnade des Höchsten gegenüber dem Volk Israel.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה הִנֵּה אָנֹכִי בָּא אֵלֶיךָ בְּעַב הֶעָנָן בַּעֲבוּר יִשְׁמַע הָעָם בְּדַבְּרִי עִמָּךְ וְגַם־בְּךָ יַאֲמִינוּ לְעוֹלָם וַיַּגֵּד מֹשֶׁה אֶת־דִּבְרֵי הָעָם אֶל־יְהוָה׃
wajomer adonáj el-mosché hinné anochí ba elécha be'áw he'anán ba'awúr jischmá ha'ám bedabberí immách wegam-bechá ja'amínu le'olám wajaggéd mosché et-diwré ha'ám el-adonáj
9 Und der HERR sprach zu Mosche: „Siehe, Ich werde zu dir kommen in der Dichte der Wolke, damit das Volk hört, wenn Ich zu dir rede (wenn Ich mit dir rede), damit sie auch an dich für immer glauben.“ Und Mosche sagte die Worte des Volkes dem HERRN.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵךְ אֶל־הָעָם וְקִדַּשְׁתָּם הַיּוֹם וּמָחָר וְכִבְּסוּ שִׂמְלֹתָם׃
wajomer adonáj el-mosché lech el-ha'ám wekiddaschtám hajom umachár wechibbesú simlotám
10 Und der HERR sprach zu Mosche: „Geh zum Volk und heiligt euch heute und morgen, und sie werden ihre Kleider auswaschen, abwaschen (das bedeutete die Mikwe und das Waschen der Kleider, um sich zu reinigen).
וְהָיוּ נְכֹנִים לַיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי כִּי בַּיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי יֵרֵד יְהוָה לְעֵינֵי כָל־הָעָם עַל־הַר סִינָי׃
wehajú nechoním lajom haschelischí ki bajom haschelischí jeréd adonáj le'ené chol-ha'ám al-hár sináj
11 Und sie sollen bereit sein für den dritten Tag, denn am dritten Tag wird der HERR erscheinen, herabsteigen vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai.
Wir zählen jetzt gemeinsam noch einmal nach. Der erste Tag – sie kamen an und schlugen ihr Lager auf. Am zweiten Tag stieg Mosche hinauf, und der Höchste redete mit ihm. Am dritten Tag erhielt Mosche die Antwort des Volkes, und er bringt die Antwort des Volkes zurück, das heißt, hier findet das Gespräch am dritten Tag des Monats Siwan statt. Und der Höchste sagt: „Und sie sollen bereit sein für den dritten Tag“, das heißt für den sechsten Tag des Monats Siwan, und das ist das Fest Schawuot (der Pfingsttag, der Tag, an dem die Zählung der sieben Wochen abgeschlossen wird).
וְהִגְבַּלְתָּ אֶת־הָעָם סָבִיב לֵאמֹר הִשָּׁמְרוּ לָכֶם עֲלוֹת בָּהָר וּנְגֹעַ בְּקָצֵהוּ כָּל־הַנֹּגֵעַ בָּהָר מוֹת יוּמָת׃
wehigbaltá et-ha'ám sawíw lemór hischamerú lachém alót bahárIn der russischen Umschrift steht hier versehentlich „bagár“; die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen: „bahár“ (auf den Berg). ungó'a bekazéhu kol-hannogé'a bahar mot jumát.
12 Und warne (begrenze) das Volk ringsum und sage: „Hütet euch, dass ihr nicht auf den Berg hinaufsteigt und auch nur seinen Rand berührt – jeder, der den Berg berührt, wird des Todes sterben.“
לֹא־תִגַּע בּוֹ יָד כִּי־סָקוֹל יִסָּקֵל אוֹ־יָרֹה יִיָּרֶה אִם־בְּהֵמָה אִם־אִישׁ לֹא יִחְיֶה בִּמְשֹׁךְ הַיֹּבֵל הֵמָּה יַעֲלוּ בָהָר׃
lo-tiggá bo jad ki-sakól jissakél o-jaró jijaré im-behemá im-ísch lo jichjé bimschóch hajowél hémma ja'alú wahár
13 Und nicht einmal eine Hand soll ihn berühren, denn er wird mit Steinen erschlagen oder mit Pfeilen erschossen werden; sei es ein Vieh oder ein Mensch – er wird nicht leben. Wenn sie den lang gezogenen Ton der Trompete hören, dann werden sie auf den Berg hinaufsteigen.“
Viele Kommentatoren sagen, dass das Wort jijaré hier wird hinabgestürzt werden bedeutet. Man kann es auch so übersetzen, aber in vielen Targumim und Übersetzungen steht wörtlich: oder er wird mit einem Pfeil erschossen werden (vom Verb lehijarót).
וַיֵּרֶד מֹשֶׁה מִן־הָהָר אֶל־הָעָם וַיְקַדֵּשׁ אֶת־הָעָם וַיְכַבְּסוּ שִׂמְלֹתָם׃
wajéred mosché min-hahár el-ha'ám wajkaddésch et-ha'ám wajchabbesú simlotám
14 Und Mosche stieg vom Berg hinab zum Volk und heiligte das Volk, und sie reinigten ihre Kleider.
וַיֹּאמֶר אֶל־הָעָם הֱיוּ נְכֹנִים לִשְׁלֹשֶׁת יָמִים אַל־תִּגְּשׁוּ אֶל־אִשָּׁה׃
wajomer el-ha'ám hejú nechoním lischlóschet jamím al-tiggeschú el-ischá.
15 Und er sprach zum Volk: „Seid bereit am dritten Tag, im Lauf von drei Tagen geht nicht zu einer Frau ein.“
Welcher Zusammenhang besteht da, und warum darf das Volk nicht zu einer Frau eingehen? Die Kommentatoren erklären es so: Der Samen, der nach der Vereinigung mit einem Mann in ihr geblieben ist, kann aus ihr herausfließen. Und wenn bei der Frau ein Ausfluss von Samen geschieht, dann wird sie unrein und kann sich dem Berg nicht nähern. Das heißt, damit die Frau rein bleibt, darf man drei Tage lang nicht zu ihr eingehen. Das betrifft auch die Fälle des Tempeldienstes, wenn es darum geht, sich dem Heiligen zu nähern. Heute kann eine Frau im Zustand ritueller Unreinheit – während der Monatsblutung, nach einem Ausfluss von Samen, nach der Vereinigung mit ihrem Mann und in jedem anderen Zustand – natürlich zum Gottesdienst kommen, am Lobpreis und an allen übrigen Gottesdiensten teilnehmen, solange es nicht um den Tempeldienst geht. Mosche warnt hier vor einer besonderen Stufe der Reinheit, die für den direkten Umgang, von Angesicht zu Angesicht, mit dem Höchsten erforderlich ist.
וַיְהִי בַיּוֹם הַשְּׁלִישִׁי בִּהְיֹת הַבֹּקֶר וַיְהִי קֹלֹת וּבְרָקִים וְעָנָן כָּבֵד עַל־הָהָר וְקֹל שֹׁפָר חָזָק מְאֹד וַיֶּחֱרַד כָּל־הָעָם אֲשֶׁר בַּמַּחֲנֶה׃
wajhí wajom haschelischí bihjot habbóker wajhí kolót uwrakím we'anán kawéd al-hahár wekól schofár chasák me'ód wajecherád kol-ha'ám aschér bammachané
16 Und es geschah am dritten Tag, am Anfang, sobald der Morgen anbrach, da waren Donner und Blitze und eine schwere Wolke auf dem Berg und die Stimme des Schofars sehr stark, und es erschrak das ganze Volk, das im Lager war.
וַיּוֹצֵא מֹשֶׁה אֶת־הָעָם לִקְרַאת הָאֱלֹהִים מִן־הַמַּחֲנֶה וַיִּתְיַצְּבוּ בְּתַחְתִּית הָהָר׃
wajozé mosché et-ha'ám likrát ha'elohím min-hammachané wajit'jazzewú betachtít hahár
17 Und Mosche führte das Volk aus dem Lager hinaus, Gott entgegen, und sie stellten sich am Fuß des Berges auf.
וְהַר סִינַי עָשַׁן כֻּלּוֹ מִפְּנֵי אֲשֶׁר יָרַד עָלָיו יְהוָה בָּאֵשׁ וַיַּעַל עֲשָׁנוֹ כְּעֶשֶׁן הַכִּבְשָׁן וַיֶּחֱרַד כָּל־הָהָר מְאֹד׃
wehár sináj aschán kulló mippené aschér jarád aláw adonáj ba'ésch wajá'al aschanó ke'éschen hakkiwschán wajecherád kol-hahár me'ód
18 Und der Berg Sinai – alles ist mit Rauch bedeckt, weil der HERR im Feuer auf ihn herabgestiegen war, und sein Rauch stieg auf wie der Rauch aus einem riesigen Ofen, und es erbebte, erzitterte der ganze Berg.
Das Wort jecherád hat hier die Bedeutung erzitterte, erbebte, und in Vers 16, wo es um das Volk geht, wird es in der Bedeutung erschrak gebraucht. Übrigens stammt auch das moderne Wort charedí (orthodox, gottesfürchtig zitternd) von eben dieser Wurzel Chet-Resch-Dalet, die die Bedeutung sich fürchten, sich ängstigen, vor Angst zittern hat.
וַיְהִי קוֹל הַשּׁוֹפָר הוֹלֵךְ וְחָזֵק מְאֹד מֹשֶׁה יְדַבֵּר וְהָאֱלֹהִים יַעֲנֶנּוּ בְקוֹל׃
wajhí kol haschofár holéch wechasék me'ód mosché jedabbér weha'elohím ja'anénnu wekól
19 Und es geschah: Die Stimme des Schofars geht und wird sehr stark; Mosche redet, und der HERR antwortet ihm mit einer Stimme.
Mosche redet, und es gibt ein Echo, es gibt so einen besonderen Effekt. Das ist etwas Erstaunliches, und wir werden weiter darüber lesen.
Die erste Tafel
Schemot 19,20–20,12
Wir sind dabei stehen geblieben, dass die Söhne Israels sich auf die feierliche Begegnung mit dem Höchsten vorbereitet haben. Höchstwahrscheinlich wissen sie noch nicht, wie wichtig, wie historisch entscheidend diese Begegnung mit dem Höchsten für sie sein wird, denn es wird die Gabe der Tora geschehen, der Abschluss des Bundes, und noch vieles wird sich ändern. Und die Geschichte Israels wird sich in ein „Davor“ und ein „Danach“ teilen. Aber noch wissen sie nichts von alledem. Das Volk trat heran und stellte sich am Fuß des Berges auf. Und wir lesen die Fortsetzung ab Vers 20 von Kapitel 19.
וַיֵּרֶד יְהוָה עַל־הַר סִינַי אֶל־רֹאשׁ הָהָר וַיִּקְרָא יְהוָה לְמֹשֶׁה אֶל־רֹאשׁ הָהָר וַיַּעַל מֹשֶׁה׃
wajéred adonáj alhár sináj el-rósch hahár wajikrá adonáj lemosché el-rósch hahár wajá'al mosché
20 Und der HERR stieg auf den Berg Sinai herab, auf den Gipfel des Berges, und der HERR rief Mosche, auf den Gipfel des Berges hinaufzusteigen, und Mosche stieg hinauf.
Selbstverständlich ist der HERR nicht über eine Leiter herabgestiegen, nicht mit dem Fallschirm abgesprungen und hat sich nicht einmal dorthin begeben. Es ist nicht so, dass der HERR, Dessen Herrlichkeit die ganze Welt erfüllt, sich plötzlich auf dem Berg Sinai befand. Aber Er offenbarte Seine Herrlichkeit und enthüllte Sich in vollem Maß auf dem Berg Sinai. Dort hat Er Sich eben offenbart, dort konnte man Seine Gegenwart sehen.
Zum Berg Sinai gibt es ziemlich viele verschiedene historische Versionen. Der Autor jeder dieser Versionen, ein Archäologe oder Forscher, führt viele Beweise gerade für seine Version an. Es gibt Argumente zur Verteidigung jeder von ihnen, es gibt auch Gegenargumente der Opponenten. Dieser Streit ist endlos, lang, und da wir kein Geografiebuch lesen, werden wir uns nicht darauf einlassen. Ich kann nur sagen, dass meine Lieblingsversion ist, dass der Berg Sinai der Ort ist, der Ar-Sun-Bisser heißt (etwa 50 Kilometer vom heutigen Sueskanal entfernt). Sun (in der mündlichen Überlieferung) – das ist wie der Name Sinai, Bisser – wie Frohbotschaft, man kann es auch als Evangelium übersetzen. Es gibt so einen Berg, der ebenfalls galt, seit alters verehrt wurde als eine der Versionen des Berges Sinai. Und noch einmal wiederhole ich, dass das einfach ein gewisses Ergebnis meiner Suche ist, ganz und gar nicht grundsätzlich; keinerlei Streit darüber unterstütze ich, und ich werde mich auch nicht darauf einlassen.
Wir lesen gemeinsam diesen Vers, und alles erscheint uns ziemlich einfach. Aber Mosche ist schon etwas über achtzig, möglicherweise ist er noch ein rüstiger Greis, doch der Aufstieg auf den Berg Sinai (nach jeder der Versionen) dauert für einen geübten Menschen etwa dreieinhalb Stunden, sodass Mosche einen nicht einfachen Weg hatte. Mosche steigt auf den Berg Sinai hinauf, und es geschieht etwas Erstaunliches.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה רֵד הָעֵד בָּעָם פֶּן־יֶהֶרְסוּ אֶל־יְהוָה לִרְאוֹת וְנָפַל מִמֶּנּוּ רָב׃
wajomer adonáj el-mosché red ha'éd ba'ám pen-jehersú el-adonáj lir'ót wenafál mimménu raw
21 Und der HERR spricht zu Mosche: „Steig hinab und bezeuge es dem Volk (das heißt, wiederhole es für besonders volkstümliche Elemente), damit sie nicht losstürmen (nicht die Grenze zwischen ihnen und dem Heiligen überschreiten, zwischen ihnen und dem Ort der Gegenwart des HERRN) aus dem Wunsch zu schauen, und es werden viele von ihm (vom Volk) fallen.“
Man kann diesen Ausdruck so verstehen: Selbst wenn einer umkommt, ist das sehr viel. Man kann sagen, dass diejenigen, die bescheiden sind und sich enthalten wollen, irgendwohin zu klettern und sich etwas anzuschauen, von Enthusiasten mitgerissen werden und ebenfalls umkommen können. Wir haben schon gelesen (19,12), dass der Höchste Mosche geboten hat, das Volk zu warnen, damit das Volk sich nicht nähert. Und obwohl wir nicht gelesen haben, wie Mosche dieses Gebot erfüllt hat (wir haben nicht gelesen, dass Mosche dem Volk davon erzählt hat), kann man dennoch annehmen, dass er es getan hat. Aber jetzt sagt der Höchste wieder: „Erinnere daran, bemühe dich noch einmal.“ Das heißt, obwohl der Höchste das Gebot schon gegeben hat und man weiter sagen könnte, dass „Unkenntnis des Gesetzes nicht von der Verantwortung befreit“, man könnte es so sagen, ist das doch nicht der Weg unseres HERRN. Deshalb wiederholt der HERR: „Geh, steig hinab und warne das Volk, damit sie nicht umkommen.“
וְגַם הַכֹּהֲנִים הַנִּגָּשִׁים אֶל־יְהוָה יִתְקַדָּשׁוּ פֶּן־יִפְרֹץ בָּהֶם יְהוָה׃
wegám hakkohaním hanniggaschím el-adonáj jitkaddáschu pen-jifróz bahém adonáj
22 Und sogar jene Kohanim, die vor dem Höchsten stehen, sollen sich heiligen (sich absondern), damit der HERR nicht in ihre Reihen einbricht.
„Und was für Kohanim?“, werdet ihr fragen. „Woher sind hier jetzt Kohanim gekommen? Na ja, es gab so einen Kohen, Malki-Zedek, von ihm haben wir gelesen; es gab noch Jitro, den midjanitischen Kohen; aber woher sind sie denn hier gekommen, die Kohanim?“ Einige Kommentatoren sagen, dass das Nadaw und Awihu waren, die Söhne Aharons, die schon in gewissem Maß mit der Vorbereitung auf den Dienst der Kohanim begonnen hatten. Andere sagen: „Nein, das sind die Erstgeborenen, die Erstgeborenen, die dem Höchsten geweiht sind.“ Sie, die Erstgeborenen, können kraft ihrer Berufung gewissermaßen als eine Art „Himmelsbewohner“ gelten, denn sie sind zum Heiligen bestimmt. Und sie können sagen: „Wenn mit irgendjemandem etwas passiert, dann mit uns ganz bestimmt nicht!“ Und deshalb spricht der Höchste so.
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה אֶל־יְהוָה לֹא־יוּכַל הָעָם לַעֲלֹת אֶל־הַר סִינָי כִּי־אַתָּה הַעֵדֹתָה בָּנוּ לֵאמֹר הַגְבֵּל אֶת־הָהָר וְקִדַּשְׁתּוֹ׃
wajomer mosché el-adonáj lo-juchál ha'ám la'alót el-hár sináj ki-attá ha'edóta bánu lemór hagbél et-hahár wekiddaschtó
23 Und Mosche spricht zum HERRN: „Das Volk wird ja auch nicht auf den Berg Sinai hinaufsteigen, denn Du hast uns doch bezeugt und gesagt: ‚Begrenze den Berg und heilige ihn‘.“
וַיֹּאמֶר אֵלָיו יְהוָה לֶךְ־רֵד וְעָלִיתָ אַתָּה וְאַהֲרֹן עִמָּךְ וְהַכֹּהֲנִים וְהָעָם אַל־יֶהֶרְסוּ לַעֲלֹת אֶל־יְהוָה פֶּן־יִפְרָץ־בָּם׃
wajomer eláw adonáj lech-réd we'alíta attá we'ahrón immách wehakkohaním weha'ám al-jehersú la'alót el-adonáj pen-jifroz-bám
24 Und der HERR antwortete ihm: „Geh, steig hinab und bring Aharon mit dir, aber die Kohanim und das Volk sollen es nicht wagen, zum HERRN hinaufzusteigen, damit Er nicht gegen sie in Zorn gerät.“
Es gibt einen interessanten Midrasch. Mosche sagt zum Höchsten: „Du hast verschiedene Organe im Körper des Menschen geschaffen. Es gibt Augen, Ohren und die Nase, die der Mensch nicht steuern kann, er ist ihnen gegenüber machtlos. Es gibt Hände, Füße und die Zunge, die der Mensch steuern kann und muss. Und deshalb, wie soll man es hier machen? Die Menschen können schauen, sie können mit den Augen so hängen bleiben, dass auch die Augen sie ziehen werden.“ Der Höchste sagt: „Geh, sag ihnen, schauen darf man. Sollen sie schauen (aber von Weitem) und sich nicht nähern.“
וַיֵּרֶד מֹשֶׁה אֶל־הָעָם וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם׃
wajéred mosché el-ha'ám wajomer alehém
25 Und Mosche stieg hinab zum Volk und sprach zu ihnen.
Hier endet Kapitel 19, und wir beginnen Kapitel 20 zu lesen, in dem eigentlich die Zehn Gebote stehen werden (ab Vers 2).
Das Thema der Zehn Gebote ist, wie man wieder einmal sagen muss, ein endloses, tiefes Thema. Die Gebote kann man unter sehr verschiedenen Blickwinkeln und auf verschiedenen Ebenen der Tiefe betrachten. Wir bewegen uns auf der einfachsten, auf der allerersten Ebene. Dennoch denke ich, dass vieles interessant sein wird.
וַיְדַבֵּר אֱלֹהִים אֵת כָּל־הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה לֵאמֹר׃
wajdabbér elohím et kol-haddewarím ha'élle lemór
1 Und Gott redete alle diese Aussprüche und sprach:
אָנֹכִי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ אֲשֶׁר הוֹצֵאתִיךָ מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם מִבֵּית עֲבָדִים׃
anochí adonáj elohécha aschér hozetícha me'érez mizrájim mibbét awadím
2 „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Sklaverei.
Mehrmals wurde ich gefragt, worin der Unterschied besteht zwischen aní (ich) und anochí (ich), das hier gebraucht wird. Natürlich klingt anochí feierlicher, sogar für ein Ohr, das mit dem Hebräischen nicht vertraut ist. Und dennoch, worin liegt der Unterschied? Anochí – das ist gerade ich. Das heißt – ich und niemand anders, das ist mein Erfolg, das habe ich getan, das bin ich. Wenn ich sage: „Ich (aní) gehe zur Schule“, dann gehe sowohl ich zur Schule, als auch geht noch jemand anders zur Schule. Wenn ich sage: „Ich (anochí) bin Nobelpreisträger geworden“, dann liegt die Betonung darauf, dass gerade ich es bin, dass ich etwas erreicht habe. Er nennt sich hier anochí: „Ich habe das getan, Ich und niemand anders. Ich bin der HERR, dein Gott, sowohl mit dem Maß der Gnade als auch mit dem Maß des Gerichts. Ich bin Der, Der dir Gnade erweist, und Ich bin Der, Der dich richtet. Es gibt nicht zwei Ursprünge, alles geht von Mir aus.“
Der HERR sagt: „Ich bin nicht einfach irgendein Hochstapler, der gekommen ist, um über dich zu herrschen. Mein Ausweis ist, dass Ich herausgeführt habe, Ich habe es schon getan, Ich habe schon befreit, und deshalb bin Ich zum Herrn geworden. Ich bin nicht als Eroberer gekommen, um dich zu versklaven, nicht, um dich als Sklaven zu stehlen. Ich bin gekommen, um dich aus dem Haus der Sklaverei herauszuführen, und erst danach werde Ich zum HERRN, deinem Gott. Das alles habe Ich (anochí) getan.“ Die Betonung liegt hier auf Ich, und deshalb lesen wir weiter:
לֹא יִהְיֶה־לְךָ אֱלֹהִים אֲחֵרִים עַל־פָּנָיַ׃
lo-jihjé lechá elohím acherím al-panáj
3 Es soll bei dir keine anderen Götter geben vor Mir.
Der HERR sagt: „Ich habe das für dich getan, Ich habe dich befreit, Ich bin dein Befreier, Ich bin der Schöpfer der Welt, Ich bin dir Gericht, Ich bin dir Gnade. Wende dich nicht an andere Götter, suche nicht irgendwelche Kräfte, irgendwelche Stützen irgendwo an einem anderen Ort. Schaffe dir keine Werte außer mir.“ Die erste Bedeutung des Ausdrucks elohím acherím kann andere Götter bedeuten, wie die Götter der Nachbarvölker, die anzubeten Mode sein wird. Es gibt nicht wenige Menschen, die originell sein wollen, und sie suchen sich allerlei seltsame Götter und Götzen heraus: vom aztekischen Quetzalcoatl bis zur tschuktschischen Mutter-Walrossin – und beten sie an. Und der Höchste sagt: „Vielleicht wird dich irgendwann die Lust ankommen, es wird dich zur Originalität ziehen, es wird dich zur Mutter-Walrossin ziehen. Aber denk daran, dass nicht die Mutter-Walrossin dich aus Ägypten herausgeführt hat, nicht die Mutter-Walrossin dich die ganze Zeit behütet hat, und die Mutter-Walrossin hat keine solchen Errungenschaften.“ Das ist der erste Gedanke: sich nicht an andere Götter zu wenden.
Das zweite Verständnis des Ausdrucks andere Götter – das sind Götter mit einer anderen Natur, jene Götter, die nicht zuhören können. Das heißt: „Ich bin der HERR, Ich höre dich, und die anderen Götter, sie sind fremde Götter, sie funktionieren nicht, sie können die nicht hören, die sich an sie wenden. Und es sollen bei dir vor Meinem Angesicht keine solchen Götter sein.“
לֹא תַעֲשֶׂה־לְךָ פֶסֶל וְכָל־תְּמוּנָה אֲשֶׁר בַּשָּׁמַיִם מִמַּעַל וַאֲשֶׁר בָּאָרֶץ מִתָּחַת וַאֲשֶׁר בַּמַּיִם מִתַּחַת לָאָרֶץ׃
lo ta'asse-lechá féssel wechol-temuná aschér baschamájim mimmá'al wa'aschér ba'árez mittáchat wa'aschér bammájim mittáchat la'árez
4 Mach dir keine Statue und keinerlei Abbild, das du sehen wirst in den Himmeln oben und auf der Erde unten und im Wasser, das unter der Erde ist.
Vom Himmelsgewölbe bis zur Tiefe des Ozeans gibt es eine unendliche Zahl lebender Organismen. Und einige dieser Organismen, muss man sagen, sind märchenhaft schön, sie sind wunderbar, sie ziehen den Blick an. Andere aber sind sehr stark oder besitzen irgendwelche besonderen Eigenschaften. Der Adler kann fliegen (und auf den Flügeln des Adlers hat der Höchste uns getragen), der Gepard ist sehr schnell, das Känguru hat da einen Beutel, der Wal ist sehr groß; es gibt viele starke Tiere, wie zum Beispiel den Löwen. Und Abbilder von ihnen allen zu machen ist verboten. Man darf die Abbilder des Schöpfers nicht auf irgendeine konkrete Eigenschaft, auf irgendein konkretes Abbild reduzieren. Wenn wir etwas lernen wollen, was der Löwe, das Krokodil, die Schwalbe hat, dann können wir uns an Den wenden, Der uns Kräfte gibt, Der fähig ist, uns zu verändern, der der Hausherr dieser Welt ist. Wir müssen dafür keine Abbilder machen, keine Objekte der Meditation. Man muss auch Gott selbst nicht in Gestalt irgendeiner Kraft darstellen, wie groß, wie grandios diese Kraft uns auch erscheinen mag. Und es kann uns scheinen, wenn wir ihn nicht zu einem Frosch machen, wie die dummen Ägypter, sondern ihn zu einem Blauwal machen, einem coolen, riesigen Tier – dann wird es richtig sein. Aber wie sehr wir uns auch irren mögen – kein Bild gibt das Bild Gottes wieder. Nichts von den Geschöpfen veranschaulicht in Wirklichkeit den Schöpfer. Selbst wenn wir vom Menschen sprechen, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist, so ist das nur ein Bild: es antwortet nicht auf Gebete, hört keine Gebete und ist nicht fähig zu retten. Deshalb sollte man keine Statuen, Bildchen und sonstiges allerlei Volkskunstschaffen machen.
לֹא־תִשְׁתַּחְוֶה לָהֶם וְלֹא תָעָבְדֵם כִּי אָנֹכִי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ אֵל קַנָּא פֹּקֵד עֲוֹן אָבֹת עַל־בָּנִים עַל־שִׁלֵּשִׁים וְעַל־רִבֵּעִים לְשֹׂנְאָי׃
lo-tischtachawé lahém weló ta'owdém ki anochí adonáj elohécha el kanná pokéd awón awót al-baním al-schilleschím we'al-ribbe'ím lessone'áj
5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht (gemeint ist der Opferdienst, kein Darbringen von Opfern)In der Klammer steht im Original wörtlich „nicht das Darbringen von Opfern“. Ob damit ein Gegensatz oder ein Verbot gemeint ist, bleibt offen, deshalb ist die Stelle wörtlich übersetzt., denn Ich habe dir schon gesagt, dass Ich der HERR bin, dein Gott, ein eifernder Gott, Der die Sünde der Väter an den Söhnen nachzählt (anrechnet), an den dritten und an den vierten, die Mich hassen.
Was bedeutet eifernder Gott? Ein hochgestellter römischer Genosse fragte einen Weisen: „Da steht doch über euren Gott geschrieben, dass Er ein Eiferer ist. Wie kann das sein, ist Er etwa eifersüchtig wie ein eifersüchtiger Kerl? Gewöhnlich ist ein General eifersüchtig auf einen anderen General, ein Fürst – auf einen anderen Fürsten. Auf wen ist euer Gott eifersüchtig, wenn Er Gott ist und Ihm niemand gleich ist? – Auf Seinen Namen, – antwortete ihm der Weise. – Stell dir einen Menschen vor, der einen Sohn hatte, und dieser Sohn schaffte sich einen Hund an und nannte ihn nach dem Namen seines Vaters. Wird der Vater eifersüchtig sein? – Natürlich wird er das!“, antwortete der hochgestellte römische Genosse. Und siehe, auch der Höchste ist eifersüchtig, wenn wir irgendwelchen Hunden, irgendwelchen Geschöpfen das zuschreiben, was Ihm zugeschrieben werden muss, wenn wir sie mit einer Wichtigkeit ausstatten, mit der Er ausgestattet sein muss, wenn wir ihnen die Herrlichkeit geben, die Ihm gegeben werden muss. Deshalb nennt der HERR Sich el kanná (eifernder Gott).
Es gibt noch einen tóar (Titel), den der HERR Sich hier, in diesem Vers, gibt – pokéd awón (der nachzählt oder die Sünde anrechnet). Wenn ein Mensch etwas tut, sich gegenüber dem Höchsten nicht gut verhält, kann es uns von außen scheinen: er hat es getan, und es ist ihm „durchgegangen“. Also begnadigt der HERR möglicherweise eher die Menschen, deren Familienname auf -stein endet, oder die Menschen, deren Familienname auf -ewski endet, oder nach irgendwelchen anderen Merkmalen. Der Höchste sagt: „Drei, vier Generationen, wenn sie ihre Taten nicht lassen.“ Womit ist das vergleichbar? Und es wird folgendes Gleichnis angeführt. „Ein gewisser König hatte einen Knecht, und der Knecht sagte zum König: ‚Leih mir tausend Denare.‘ Der König lieh ihm tausend Denare, aber der Knecht gab sie nicht zurück, verschwand irgendwohin. Nach einiger Zeit tauchte der Sohn dieses Knechts am Horizont auf und sagte: ‚Mein Vater war in Not, er war in einer schwierigen Lage, leih mir noch tausend Denare.‘ Er nahm die tausend Denare – und war ebenfalls auf und davon. Und das Gleichnis sagt: Wenn der dritte und der vierte kommen und um tausend Denare bitten, wie wird ein König aus Blut und Fleisch handeln? Er wird nichts geben.“ Genauso sagt auch hier der Höchste: „Ich warte drei, vier Generationen, bis irgendeine Veränderung geschieht, bis irgendeine Umkehr kommt. Wenn die Umkehr nicht kommt – nun ja, dann schreiben wir den Menschen in dieser Frage zu den Sündern, beginnen ihn entsprechend zu behandeln und von ihm Rechenschaft zu fordern.“ Wenn es also jemandem irgendwo „durchgegangen“ ist, dann wird es möglicherweise seinen Kindern nicht „durchgehen“. Also, der Höchste sagt, dass Er Sich an die Sünde von drei oder vier Generationen erinnert, und sagt dann weiter:
וְעֹשֶׂה חֶסֶד לַאֲלָפִים לְאֹהֲבַי וּלְשֹׁמְרֵי מִצְוֹתָי׃
we'ósse chéssed la'alafím le'ohawáj ulschomeré mizwotáj
6 Aber Ich erweise Gnade tausenden Generationen, denen, die Mich lieben und Meine Gebote halten.
Bei den Hassern behält der HERR die Sünde drei, vier Generationen lang im Gedächtnis, bei denen aber, die Seine Gebote lieben, tausend Generationen lang. Wenn irgendein Ur-ur-…urgroßvater von euch zedaká gegeben, einen Menschen aus der Not gerettet, Arme gespeist, Menschen die Tora gelehrt, eine Armenküche unterhalten oder einer Bettlerin bei der Geburt geholfen hat, dann kann euch das gutgeschrieben werden. Und wenn in einem Menschen ein Fünkchen von etwas Gutem aufkommt, wenn ein Mensch, der Gott längst verlassen hat, in der Not Wege zur Reue sucht und in ihm ein Fünkchen von etwas Gutem aufkommt, dann rechnet der Höchste es ihm als Verdienst an und sagt: „Siehe, Ich glaube an diesen Menschen, daran, dass er fähig ist, Gutes zu tun, denn vor tausend Generationen hat er so gehandelt, Ich behalte tausend Generationen zurück im Gedächtnis.“ Das ist Gottes Gnade im Rahmen des Gerichts. Wir sprechen hier jetzt nicht über den Maschiach, hier geht es überhaupt nicht um den Maschiach, nicht um seine Rettung, nicht um seine Reinigung. Hier geht es darum, wie das göttliche Gericht geschieht. Deshalb sagt der Höchste: „Du sollst keine anderen Götter haben! Denke niemals, dass Ich Kraft verlieren könnte, damit diese Gedanken dich nicht dazu bringen, nach irgendeinem anderen zu suchen – einem aktuelleren, einem loyaleren, einem stärkeren, einem liberaleren, einem mehr irgendwem, einem mehr anderen. Denke nicht so.“
In Vers 7 – das nächste Gebot, das dritte.
לֹא תִשָּׂא אֶת־שֵׁם־יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לַשָּׁוְא כִּי לֹא יְנַקֶּה יְהוָה אֵת אֲשֶׁר־יִשָּׂא אֶת־שְׁמוֹ לַשָּׁוְא׃
lo tissá et-schem-adonáj elohécha lascháw ki lo jenakké adonáj et ascher-jissá et-schemó lascháw
7 Trage nicht (sprich nicht aus) den Namen des HERRN, deines Gottes, vergeblich; Ich werde es dem nicht nachsehen, nicht durchgehen lassen, der Meinen Namen vergeblich gebrauchen wird.
Man fragt: Sprich nicht aus oder doch trage nicht? Das russische Wort aussprechen ist ebenfalls mit dem Verb tragen verbunden, sagt es euch selbst vor und hört hin. Und das Wort tissá (lassét) kann man als tragen übersetzen, man kann es als auf den Lippen tragen sagen, das heißt äußern. Sprich nicht aus, sage nicht den Namen Deines Gottes unnütz, vergeblich.
Was bedeutet dieses Gebot? Die einen verstanden es einst als Schwur. Das heißt: schwöre nicht leichtfertig beim Namen des HERRN. Was kannst du tun, wenn dein Schwur beim Namen des HERRN vergeblich sein wird? Für rhetorische Zwecke, für größere Überzeugungskraft willst du schwören? Weißt du, wo der Schemel Seines Thrones ist? Weißt du, wo Sein Gipfel in den Himmeln ist? Was kannst du tun? Darum schwöre nicht bei Seinem Namen. Andere beschlossen später, überhaupt darauf zu verzichten, diesen Namen auszusprechen, weil es furchterregend ist, weil das Aussprechen des Namens des Höchsten vergeblich, in Unreinheit, in einem unpassenden geistlichen Zustand dazu führen kann, dass der Höchste, wie hier auch gesagt wurde, den nicht verschont, nicht reinigt, dem nicht vergibt, der Seinen Namen vergeblich ausspricht. Und all das sind bestehende Varianten, diesen Vers zu verstehen.
Und dennoch will ich noch über eine weitere Variante sprechen: benutze den Namen des Höchsten nicht als Ausweis. Wenn ihr etwas sagen wollt, irgendeinen eigenen Gedanken, dann schreibt ihn nicht dem Höchsten zu. Oft bekommen wir irgendeinen Gedanken, uns kommt irgendein Gedanke in den Kopf, und wir sprechen: „So spricht der HERR!“, aber der HERR hat uns das nicht gesagt. Irgendwelche eigenen Offenbarungen, eigenen Gedanken, eigenen Ideen, eigenen Auffassungen, eigenen Einfälle schreiben wir dem Höchsten zu und trumpfen gleichsam mit dem Ausweis des Volkes Gottes auf, dort, wo das manchmal wie Amtsmissbrauch aussieht. Davon spricht der HERR hier in erster Linie: Benutze den Namen Gottes nicht für Manipulationen, um eigenen Vorteil herauszuschlagen, um dich selbst zu verherrlichen, etwas für dich selbst zu bekommen oder einfach in jemandes Augen besser dazustehen. Nimm Gott nicht als Mitstreiter für deine Ideen, stelle Gott nicht unter deine Fahnen, schreibe Ihn nicht in deine Parteien ein, sondern stelle dich im Gegenteil unter Seine Fahnen und schreibe dich in Seine Parteien ein. So ein furchterregendes Gebot ist das.
Das nächste Gebot. Oh, wie viel Streit um dieses Gebot!
זָכוֹר אֶת־יוֹם הַשַּׁבָּת לְקַדְּשׁוֹ׃
sachór et-jom haschabbát lekaddeschó
8 Gedenke des Sabbattages, um ihn zu heiligen.
Jom haschabbát – das ist der siebte Tag, an dem der HERR, wie wir uns erinnern, Seine Schöpfung vollendete, von all seinen Mühen ruhte. Der Höchste vermacht das hier, gebietet das dem Volk Israel. Und so klingt das.
שֵׁשֶׁת יָמִים תַּעֲבֹד וְעָשִׂיתָ כָּל־מְלַאכְתֶּךָ׃
schéschet jamím ta'awód we'assíta kol-melachtechá
9 Sechs Tage arbeite und tue all deine Arbeit.
Wisst ihr, es gibt solche Genossen auf der Welt – teure, geliebte, feurige –, die sagen: „Was soll der Sabbat? Was hängt ihr mir mit diesem Sabbat in den Ohren?! Ich? Ich weihe doch alle sieben Tage Gott!“ Gott aber sagt hier so: „Sechs Tage arbeite und tue deine Arbeit. Ich will eine solche Ordnung, dass Menschen zu Mir kommen, die sechs Tage arbeiten, dass sie am siebten Tag zu Mir kommen, dass das Verhältnis eins zu sechs ist. Das ist es, was Ich will, du musst Mir nicht alles weihen. Schaffe du es, Mir diese sechs Tage Arbeit in der alltäglichen Welt zu weihen, wenn du deine Arbeit tust.“
Hier muss man auf das Wort melachtechá (deine Arbeit) achten. Das Wort melachá (Arbeit) wurde zum Stein, zum Eckstein aller Gesetze über den Schabbat. Am Sabbat ist es verboten, gerade melachá zu tun – nicht einfach Arbeit, nicht einfach eine Tätigkeit, sondern das, was mit dem Wort melachá, bezeichnet wird, ein bestimmtes Wort unter vielen Synonymen. Manchmal sagt man: „Am Sabbat darf man keinerlei Arbeit tun.“ Ich frage: „Wollt ihr in Joule, in physikalischen Einheiten, keinerlei Arbeit verrichten? Ihr verrichtet doch schon Arbeit in Joule, wenn sich bei euch der Brustkorb beim Atmen bewegt oder wenn ihr euch am Hinterkopf kratzt. Oder: „Verrichtet keinerlei Tätigkeit.“ Na, sich am Hinterkopf kratzen, das ist auch eine Tätigkeit.
Was ist denn nun melachá? Dieses Wort stammt von der Wurzel Lamed-Alef-Kaf, einer sehr seltenen Wurzel. Und mit ihm wurzelverwandt ist das Wort mal'ách (Engel, Bote). Ein Beruf heißt auf Hebräisch mischlóach jad (Ausstrecken der Hand). Das heißt, man kann es so verstehen: „Übe keinerlei berufliche Tätigkeit aus, beschäftige dich nicht mit deinen beruflichen und alltäglichen, routinemäßigen Angelegenheiten.“
Es gibt noch eine andere Möglichkeit, dieses Wort zu verstehen: nachzusehen, wo es sonst noch im Tanach erwähnt wird. Und erwähnt wird es erstens bei der Erschaffung der Welt (Bereschit 2,2). Dort heißt es, dass der Höchste am siebten Tag all melachtó vollendete, Seine ganze melachá, und von aller melachtó ruhte, und von all Seinen Werken ruhte. Und zweitens beim Bau des Tempels (das erste Buch Melachim). Beim Bau des Tempels wurde eine Reihe von Arbeiten verrichtet, von denen jede melachá heißt, und man kann auf diese Weise sagen, dass melachá das ist, was bei der Schöpfung war, und das, was bei der Errichtung des Tempels war. Wenn wir sagen, dass melachá das ist, was war, als der Höchste die Welt erschuf, dann entstehen für uns einige Schwierigkeiten: Von allem, was der Höchste bei der Erschaffung der Welt tat, können wir allenfalls nur das Feuer erschaffen. Wenn wir aber sagen, dass es die Arbeiten im Tempel sind, dann werden die Gesetze des Sabbats zu einem Berg, der an einem Haar hängt, denn die 39 Tempelarbeiten bringen andere Arbeiten hervor und so weiter. Oft kommt es vor, dass es schwer ist, den Sabbat zu halten (besonders für „Neuanfänger“), weil er sich in lauter, lauter Verbote verwandelt und die Leute darauf warten, dass er möglichst bald zu Ende ist. Und ich sage, dass der Sabbat sich den Menschen allmählich erschließt, und die Bedeutung des Wortes melachá erschließt sich allmählich. Nehmt nicht auf euch, was euch zur Bürde wird, nehmt nicht auf euch, was euch zur Last wird, geht allmählich voran, lebt euch ein, macht euch mit dem Sabbat vertraut, damit das nicht zu irgendwelchen Zerwürfnissen in der Familie führt. Man kann immer hoch in die geistliche Welt springen und von dort mitleidig den Kopf schütteln, weil der Mann oder die Frau nicht nachkommen können. Möge der Sabbat für die ganze Familie sein, möge er für alle in dem geringen Tempo sein, in dem man vorankommen kann. Zuerst natürlich – gedenke des Sabbattages und sechs Tage tue jede Arbeit.
וְיוֹם הַשְּׁבִיעִי שַׁבָּת לַיהוָה אֱלֹהֶיךָ לֹא־תַעֲשֶׂה כָל־מְלָאכָה אַתָּה וּבִנְךָ־וּבִתֶּךָ עַבְדְּךָ וַאֲמָתְךָ וּבְהֶמְתֶּךָ וְגֵרְךָ אֲשֶׁר בִּשְׁעָרֶיךָ׃
wejom haschewi'í schabbát ladonáj elohécha lo ta'assé chol-melachá attá uwinchá uwittécha awdechá wa'amatechá uwhemtécha wegerechá aschér bisch'aréchaIn der russischen Umschrift steht im letzten Wort versehentlich ein m-Laut statt „sch“; nach dem Hebräischen heißt es „bisch'arécha“ (in deinen Toren).
10 Aber der siebte Tag, der Schabbat – dem HERRN, deinem Gott; tue keinerlei melachá (Arbeit), du und dein Haus, dein Knecht und deine Magd, und dein Vieh, und der Fremdling, der in deinen Toren ist.
Tue keinerlei Arbeiten für dich selbst, alles, was du tust, tue für den HERRN. Was den Fremdling betrifft – gemeint ist natürlich nicht irgendein Tourist, nicht ein durchreisender Bewohner, sondern der, der deine Rechtssprüche auf sich genommen hat. Man kann sich nicht eigenmächtig in die Tore setzen, es geht um Fremdlinge, die man aufgenommen hat, die das Volk auf irgendeine Weise aufgenommen hat. Das ist so eine Besonderheit des Sabbatgebots. Aber das ist ein großer Segen – die Entscheidung, einen Tag gemeinsam mit dem Höchsten zu verbringen.
In Vers 11 spricht der Höchste weiter über das Sabbatgebot:
כִּי שֵׁשֶׁת־יָמִים עָשָׂה יְהוָה אֶת־הַשָּׁמַיִם וְאֶת־הָאָרֶץ אֶת־הַיָּם וְאֶת־כָּל־אֲשֶׁר־בָּם וַיָּנַח בַּיּוֹם הַשְּׁבִיעִי עַל־כֵּן בֵּרַךְ יְהוָה אֶת־יוֹם הַשַּׁבָּת וַיְקַדְּשֵׁהוּ׃
ki scheschet-jamím assá adonáj et-haschamájim we'et-ha'árez et-hajám we'et-kol-ascher-bám wajánach bajom haschewi'í al-kén berách adonáj et-jom haschabbát wajkaddeschéhu
11 Denn sechs Tage machte der HERR den Himmel und die Erde und das Meer und alles, was in ihnen ist, und rastete (ruhte) am siebten Tag; darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.
Das wird auch für diejenigen interessant zum Merken sein, die den Sabbat auf irgendeinen anderen Tag verlegen wollen. Einen freien Tag kann man auf Dienstag legen, auch auf Donnerstag, und auf jeden dritten Montag im Oktober. Aber der Höchste hat von Anfang an den Sabbattag gesegnet und geheiligt, das heißt, der Sabbattag ist von Anbeginn, von den Grundfesten der Schöpfung an, gesegnet und geheiligt. Wir können irgendwelche anderen Tage wählen, aber gesegnet, geheiligt wird der Sabbattag sein. Deshalb gebietet uns der Höchste, gerade den Sabbattag zu halten.
In Vers 12 – das nächste Gebot, das letzte in diesem Gespräch.
כַּבֵּד אֶת־אָבִיךָ וְאֶת־אִמֶּךָ לְמַעַן יַאֲרִכוּן יָמֶיךָ עַל הָאֲדָמָה אֲשֶׁר־יְהוָה אֱלֹהֶיךָ נֹתֵן לָךְ׃
kabbéd et-awícha we'et-immécha lemá'an ja'arichún jamécha al ha'adamá ascher-adonáj elohécha notén lach
12 Achte, ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage verlängert werden auf dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt.
Eines der wenigen Gebote, neben dem der Lohn für seine Erfüllung aufgeschrieben ist. Wenn wir dieses Gebot halten, Vater und Mutter ehren, dann werden auch unsere Tage auf der Erde verlängert werden. Was heißt ehren? Ehren heißt ein würdiges Dasein schaffen. Im allereinfachsten Verständnis: Wo auch immer eure Eltern leben, sorgt dafür, dass sie würdig leben, eine würdige Wohnung haben, Nahrung haben. Das im materiellen Sinn. Außerdem wahrt ihre Würde, brecht sie nicht, redet nicht schlecht über sie, widersprecht ihnen nicht vor anderen Leuten, droht ihnen nicht. Es gibt sehr viele schöne, leuchtende Geschichten, man kann sagen, heldenhafte Geschichten über die Achtung vor den Eltern, und das ist sehr wichtig. Das ist ein sehr wichtiges Gebot, denn es ist ja sogar auf der ersten Tafel gelandet. Wenn wir die erste und die zweite Tafel vergleichen, dann handelt die erste Tafel von den Beziehungen des Menschen zu Gott. Die zweite – von den Beziehungen zwischen Menschen. Und nun, in die Beziehungen des Menschen zu Gott sind die Beziehungen des Menschen zu den Eltern hineingelegt, denn sehr oft bauen wir die Beziehungen zum Höchsten nach dem Muster der Beziehungen zu unseren Vätern, zu unseren Müttern, und umgekehrt. Und auch noch deshalb, weil der Höchste an unserer Erschaffung mitbeteiligt war. Die Eltern haben, indem sie uns geboren haben, für uns den Höchsten offenbart, deshalb ist dieses Gebot sehr wichtig. Unabhängig von der Situation, der Zeit, der Epoche, den Ansprüchen der Eltern und vielem anderen – es gibt keine Grenze, es gibt kein irgendwie geartetes Minimum, sodass man sagen könnte: „Da, das habe ich für dich getan, und jetzt lass mich in Ruhe.“ Die Hauptsache ist, dass die Eltern ein würdiges Leben haben, dafür gibt es keine Grenze. Das ist eines der Gebote des HERRN, bei dessen Erfüllung in dieser Welt der Mensch schon Lohn empfängt; doch den größeren Teil des Lohnes empfängt er in der kommenden Welt. So ist das auch ein sehr wichtiges Gebot, und für viele, ich will es nicht verbergen, ist es eines der schwersten.
Denk du nur an Mich
Schemot 20,13–23
Mit Gottes Hilfe lesen wir gemeinsam weiter den Wochenabschnitt Jitro. Wir sind mitten in der Rede des Höchsten und Seiner Ansprache an das Volk Israel stehen geblieben. Wenn man vorgreift, kann man sagen, dass wir zwischen zwei Tafeln stehen geblieben sind, der ersten und der zweiten, oder in der Mitte des Zehnworts. Aber weder die Beteiligten des Geschehens noch ein Mensch, der zum ersten Mal die Tora liest, weiß schon, dass das das Zehnwort ist, dass das zwei Tafeln sein werden. Wir sind genau in der Mitte stehen geblieben, als der Höchste über die Achtung vor Vater und Mutter sprach. Damit endet, wieder vorgreifend kann man sagen, die erste Tafel, und es beginnt die zweite Tafel.
Es gibt einen Unterschied, auf den wir achten müssen: Auf der ersten Tafel waren die Gebote mit dem Namen des Höchsten verbunden, der Höchste fügt hinzu und sagt: „Ich bin der HERR.“ Im zweiten Teil wird der Name des HERRN nicht erwähnt werden. Erstens, weil diese Gebote den Bereich der Beziehungen zwischen Mensch und Mensch betreffen, der Pflichten des Menschen gegenüber einem anderen Menschen. Zweitens, weil diese Gebote unreine, niedrige Zustände der Menschen beschreiben, und so wie wir die Porträts der Eltern oder uns lieber Menschen nicht im Badezimmer oder in der Toilette aufhängen, genauso schreiben wir an unreinen Orten den Namen des Höchsten nicht hinein, es gibt eine solche Auslegung dazu. Wir beginnen mit Vers 13 von Kapitel 20, der gleich mehrere Gebote aufzählt.
לֹא תִּרְצָח לֹא תִּנְאָף לֹא תִּגְנֹב לֹא־תַעֲנֶה בְרֵעֲךָ עֵד שָׁקֶר׃
lo tirzách lo tin'áf lo tignów lo-ta'ané were'achá ed scháker
13 Töte nicht (du sollst nicht töten); brich nicht die Ehe; stiehl nicht; erhebe keine falsche Anschuldigung gegen deinen Nächsten.
Das Gebot lo tirzách (töte nicht) hat dieselbe Wurzel wie das Wort rézach (Mord) und bezieht sich nur auf den Menschen, es bedeutet nicht das Töten eines Tieres. Man kann nicht lirzóach (einen Mord begehen) an einem Igel, einem Krokodil oder einem Nilpferd, töten kann man nur einen Menschen. Dieses Verb wird im ganzen Tanach nur in Bezug auf einen Angehörigen des eigenen Stammes gebraucht, bezeichnet größtenteils einen böswilligen Mord und nur in einem Fall eine unbeabsichtigte Tötung. Nirgends bezieht sich lirzóach auf einen Angehörigen eines fremden Stammes, auf das Töten im Krieg, auf irgendeine Hinrichtung oder auf irgendeine fahrlässige Tötung. Das heißt, rézach ist der vorsätzliche Mord am Nächsten aus irgendwelchen eigennützigen Zielen, vielleicht politischen, vielleicht um Besitz, egal aus welchen, also der vorsätzliche Mord an einem konkreten Menschen, dem Nächsten. Das heißt nicht, das heißt keineswegs, dass man den Fernen töten darf, das heißt nicht einmal, dass man einen Igel oder ein Krokodil oder ein Nilpferd töten darf; nein, es gibt andere Gebote der Tora, die das verbieten, man darf nicht einmal eine Katze treten. Aber in diesem Fall sprechen wir vom ersten Gebot der zweiten Tafel, das lautet: „Du sollst nicht töten, treib nichts Böswilliges, enthalte dich des böswilligen Mordes am Nächsten, zu welchen Zielen auch immer.“ Es gibt die Erlaubnis, Tiere zum Essen zu töten, für irgendwelche anderen Bedürfnisse, es gibt den Befehl, manchmal bestimmte Verbrecher zu töten, es gibt die Erlaubnis, im Krieg zu töten, aber dieses Gebot, lo tirzách, ist ein ganz anderes Gebot. Die Tora und der Höchste Selbst, der Autor der Tora, messen dem menschlichen Leben eine enorme Bedeutung bei. Man darf einen Menschen nicht einfach so töten, und dieses Gebot spricht vom schrecklichsten aller Morde, vom böswilligen, eigennützigen Mord an einem Stammesgenossen.
Das zweite Gebot der Liste ist lo tin'áf (brich nicht die Ehe). Bei den Geboten, bei den Verbrechen, bei den Sünden sexueller Art gibt es eine große Verwirrung. Das Wort lin'óf (die Ehe brechen) bedeutet die Verbindung eines Mannes mit einer verheirateten Frau, die nicht seine Frau ist, also die Verletzung des Bundes eines anderen Mannes mit einer Frau, ein Verbrechen gegen den Bund zwischen der Frau und dem Mann, die ein Fleisch geworden sind. Wenn, Gott bewahre, ein Mensch eine Verbindung mit einer verheirateten Frau eingeht, eine verheiratete Frau eine Verbindung mit einem Mann eingeht, der nicht ihr Mann ist, – das ist ein schreckliches Verbrechen.
Es gibt andere Verbrechen sexueller Art, zum Beispiel snut (eine zufällige sexuelle Verbindung), die Unzucht ist. Es gibt auch eine Übertretung, es gibt so eine Sünde, die man prizot (Ausschweifung) nennen kann – das ist, wenn ein Mann und eine Frau, sagen wir, Mann und Ehefrau, etwas zur Schau, öffentlich treiben; oder es kommen drei, vier Paare zusammen, jeder mit seiner eigenen Frau, aber alles geschieht öffentlich, pervers; auch die Beziehungen von Mann und Frau haben ihre Grenzen, und wenn die Grenzen verletzt werden, dann ist das eben prizot, Verletzung der Grenzen, Ausschweifung. Es gibt noch so ein Verbrechen, das kdeschá – Prostitution heißt, eine Verbindung für Geld. Es gibt ein Verbrechen, das giljuj arajot heißt, die Verletzung sexueller Verbote, eine Verbindung zwischen Verwandten und dergleichen. Es gibt noch mischkáw sachár – das ist eine Verbindung mit Personen des eigenen Geschlechts, sie ist hier ebenfalls nicht festgeschrieben, aber das heißt nicht, dass eine solche Verbindung nicht verboten ist. Es gibt viele verschiedene sexuelle Verbote. In diesem Fall steht auf der Tafel lo tin'áf (brich nicht die Ehe) geschrieben, die schrecklichste der Formen der Verbote, die Verbindung eines Mannes mit der Frau eines anderen, die Verbindung einer verheirateten Frau mit einem fremden Mann.
Das nächste Gebot ist, so scheint es, ziemlich einfach – lo tignów (stiehl nicht), und es meint, dass man keinen Geldbeutel stehlen darf, keine Uhr stehlen darf, also gar nichts stehlen darf. Aber außerdem bedeutet es, dass man keine Menschen stehlen darf. Für die damaligen Zeiten war das im Orient eine verbreitete Erscheinung: Menschen wurden gestohlen, in die Sklaverei gestohlen, auch in die sexuelle, für beliebige niedrige Bedürfnisse gestohlen. Leider ist diese Erscheinung auch in der heutigen Welt verbreitet. Sehr viele Kinder sind in die Sklaverei entführt worden, zur Ausschweifung, für irgendwelche schweren Arbeiten, noch zu irgendwelchen anderen verbrecherischen Zwecken. Und nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene werden entführt – Frauen, Männer, unabhängig von Geschlecht und Alter. Menschen werden Opfer des Handels mit lebender Ware, des Sklavenhandels. Und dieses Gebot meint, in seiner höchsten Bedeutung, in seiner strengsten Bedeutung, auch Menschen nicht zu entführen. Der Diebstahl von Menschen ist viel schrecklicher als der Diebstahl von Besitz. So ist das Gebot lo tignów (du sollst nicht stehlen).
Das nächste Gebot ist lo-ta'ané were'achá ed scháker (erhebe keine falsche Anschuldigung gegen deinen Nächsten). Man kann, Gott bewahre, einen Menschen töten, man kann einen Menschen in die Sklaverei entführen, oder man kann eine falsche Anschuldigung gegen ihn erheben, ihn irgendeiner Sünde beschuldigen, ihn vor Gericht bringen, vielleicht ihn sogar zur Todesstrafe bringen, ihm das Leben verderben, ihm die Familienbeziehungen verderben, also einen Menschen töten oder ihm das Schicksal brechen durch fremde Hände. All das geschieht und kann geschehen, Gott bewahre, durch die Hände des Gerichts, durch die Hände eines jüdischen Gerichts, zu dem „bezahlte“ Leute kommen oder Leute, die von irgendeiner Ideologie getrieben sind, und einen Menschen verleumden, Lügen über ihn verbreiten. Schlimme Zeiten waren es vor 80–90 Jahren in der Sowjetunion, als viele Denunziationen geschrieben wurden und sehr viele Menschen umkamen. Aber diese Praxis selbst, getrieben von niedrigen menschlichen Eigenschaften, das Gericht, die Verleumdung zu benutzen, um irgendwelche persönlichen Rechnungen zu begleichen, – ist eine ziemlich alte Sache und zur Zeit der Gabe der Tora schon bekannt. Man muss gleich sagen, dass die Menschen, die diese Gebote empfingen, das Volk Israel, das all das hörte: „Du sollst nicht töten, brich nicht die Ehe, du sollst nicht stehlen, lege kein falsches Zeugnis ab“ – nicht plötzlich zu sich kamen und sagten: „Sieh einer an, so ist das also, das ist, wie sich herausstellt, nicht gut, und wir dachten schon…“ Nein, natürlich war es nicht so. Das heißt, die Menschen dachten nicht so: „Hoppla! Stehlen ist, wie sich herausstellt, gar nicht gut, und die Ehe brechen ist, wie sich herausstellt, zwar angenehm, aber Gott zuwider!“ Nein, die Menschen dachten nicht so. Diese Gebote, wenn wir vor dem Verb die Partikel lo (nicht) aussprechen, kann man auf zweierlei Weise übersetzen: sowohl als „du sollst nicht töten“ als auch als „du wirst nicht töten“, „du wirst nicht ehebrechen“, „du wirst nicht stehlen“, „du wirst nicht falsches Zeugnis ablegen“. Wenn du die ersten fünf Gebote erfüllst, wenn dein HERR – Er wirklich dein HERR ist, wenn du vom Höchsten geboren bist, wenn du den Höchsten zu deinem HERRN hast, dann sündigst du nicht. Diese Erscheinungen hier – wenn du plötzlich getötet hast, die Ehe brichst, stiehlst, falsches Zeugnis ablegst – sind ein Anzeichen dafür, dass du die erste Tafel schon verloren hast, du hast keinen HERRN mehr, der dir Herr ist. Es gibt noch so eine Einteilung, bei der man sagt, dass die ersten fünf Gebote „liebe Gott“ sind, die zweiten fünf Gebote „liebe den Nächsten“, so kann man es auch verstehen. Wenn du den Nächsten liebst (wenn du alle deine Nächsten liebst), dann wirst du ihn natürlich nicht töten, du wirst nicht mit seiner Frau die Ehe brechen, du wirst deinen Mann nicht betrügen, wenn du eine Ehefrau bist, du wirst ihn nicht bestehlen und erst recht wirst du keine falsche Anschuldigung gegen ihn erheben, das Gericht heranziehen, um ihn durch die Hände des Gerichts zu töten, – wenn du den Nächsten liebst. Aber die Gebote der Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Nächsten, meine Pflichten gegenüber dem Nächsten – das sind auch meine Pflichten gegenüber Gott. Darum ist es nicht so, als ob die Menschen sagten: „So ist das also, das ist etwas Neues für uns, und wir wussten es nicht.“ Nein. Obwohl man das in Bezug auf manche Gebote sagen könnte, aber nicht in Bezug auf diese Gebote. Mit anderen Worten, sie sind ein Maßstab, ein Anzeichen der Beziehungen zum Höchsten.
Vers 14 schließt die Rede, die Ansprache des Höchsten an das Volk ab, und der HERR sagt so:
לֹא־תַחְמֹד בֵּית רֵעֶךָ לֹא־תַחְמֹד אֵשֶׁת רֵעֶךָ וְעַבְדּוֹ וַאֲמָתוֹ וְשׁוֹרוֹ וַחֲמֹרוֹ וְכֹל אֲשֶׁר לְרֵעֶךָ׃
lo-tachmód bet re'écha lo-tachmód éschet re'écha we'awdó wa'amató weschoró wachamoró wechól aschér lere'écha
14 Begehre nicht das Haus deines Nächsten, trachte nicht nach der Frau deines Nächsten und nach seinem Knecht und nach seiner Magd und nach seinem Rind und nach seinem Esel und nach allem, was bei deinem Nächsten ist.
Ich würde versuchen, eine genauere Übersetzung zu geben: giere nicht. Die Wörter mit derselben Wurzel wie das Verb lachmód klingen im modernen Ivrit überhaupt sehr schön: jaldá chamudá – das ist ein schönes, liebes Mädchen, obwohl es im Original begehrt bedeutet, diejenige, die wir bekommen wollen. Heute wird das in einer sehr neutralen Bedeutung gesagt. Über einen kleinen Jungen kann man sagen: „Wie lieb er ist, ejse chamud!“ Im biblischen Ivrit bedeutet das Wort lachmód zielgerichtete Handlungen vornehmen, trachten, gieren nach dem Besitz eines anderen Menschen. Wiederum kann man das erreichen, indem man einen Menschen zum Schuldner macht, einen Menschen betrügt, ihn vor Gericht zieht oder irgendwelche anderen Methoden anwendet, koschere oder nicht koschere. Und der Höchste sagt: „Es gibt keinerlei koschere Methoden, den Besitz des Nächsten wegzunehmen, man darf nicht nach dem Besitz des Nächsten trachten, begehre nicht, strebe nicht danach, den Besitz des Nächsten zu bekommen.“ Denn in demselben Maß, wie der Höchste für deinen Nächsten sorgt, sorgt er auch für dich, und wenn deiner Ansicht nach dein Nächster das bekommt, was er braucht, dann bekommst auch du das, was du brauchst. Die Kommentatoren fragen: „Wie kann man einen Menschen dazu zwingen, etwas nicht zu wollen?“ Gut, wir können uns enthalten, uns zurückhalten, nicht auf das Haus des Nächsten schauen, auf sein Auto, auf seine Jacht, auf seine Villa, wir können uns weigern, sie zu begehren, den Menschen segnen, uns über das freuen, was er hat. Aber wie kann man sich im Herzen zwingen, nicht zu wollen? Und die Kommentatoren führen verschiedene Beispiele an. Zum Beispiel sagt derselbe Ibn Esra: „Das ist wie bei einem Menschen, der eine schöne Schwester hat, aber er fühlt sich nicht zu der Schwester hingezogen, bei ihm gibt es auf der Ebene eines Reflexes ein Verbot, und er hat kein Verlangen nach der Schwester.“ Und er führt ein Beispiel an, wie ein Bewohner eines fernen Dorfes, wenn er eine Prinzessin sieht, versteht, dass sie für ihn unerreichbar ist, sie ist aus einer anderen Welt, nicht aus seiner Welt, in der er lebt. Und genauso können wir sagen: Was nicht meins ist, das ist nicht meins, es gehört einer anderen Welt an, keiner besseren und keiner schlechteren, einfach einer anderen, und meins – das ist in meiner Welt. Das ist wahrscheinlich das schwierigste der Gebote.
Woher und wozu auf einmal in der knappen Rede des Höchsten eine solche Aufzählung des Besitzes? Und wonach darf man denn trachten? Seinerzeit sah mein Sohn bei einem Mädchen (in Israel war das eine Seltenheit) einen kleinen Plüsch-Tscheburaschka an der Tasche, ein Püppchen, an die Tasche gebunden. Er wollte diese Puppe sehr, und er fragte mich, ob man nach dem Tscheburaschka trachten darf, es steht hier doch nicht geschrieben: „Trachte nicht nach dem Tscheburaschka deines Nächsten“? Und hier ist die Antwort. Der Höchste sorgt für den Menschen, für jeden Menschen, auch für deinen Nächsten, Er sorgt bis zur Ebene des Esels, bis zur Ebene der Katze, bis zur allerkleinsten Ebene. Überall, auf jeder, jeder kleinen Ebene, wenn dein Nächster etwas hat, dann ist das die Fügung des Höchsten, und diese Fügung gibt es auch in Bezug auf dich. Und wenn an der Tasche des Mädchens ein Tscheburaschka angebunden ist, dann ist es der Wille des Höchsten, dass der Tscheburaschka bei ihr ist, und die Aufzählung beweist nur, dass man endlos aufzählen kann. Das ist eben nicht „Nichtzutreffendes streichen“, sondern „Fehlendes eintragen“. Wenn du dort den Tscheburaschka nicht gefunden hast, trag ihn in Gedanken für dich dort ein, und auch ihn darf man nicht auf irgendeinem Weg bekommen wollen, auch nach ihm darf man nicht gieren.
Damit, mit diesem Ton endet die Ansprache des Höchsten an das Volk Israel, der Höchste hört auf zu reden.
Somit sind die Zehn Gebote erklungen, die sozusagen zum Eckstein der jüdischen Gesetzgebung geworden sind, zur Grundlage der moralischen Prinzipien der Existenz der ganzen, nicht nur der jüdischen Welt, einige der wichtigsten Worte in der ganzen Offenbarung des Höchsten an das Volk.
וְכָל־הָעָם רֹאִים אֶת־הַקּוֹלֹת וְאֶת־הַלַּפִּידִם וְאֵת קוֹל הַשֹּׁפָר וְאֶת־הָהָר עָשֵׁן וַיַּרְא הָעָם וַיָּנֻעוּ וַיַּעַמְדוּ מֵרָחֹק׃
wechol-ha'ám ro'ím et-hakkolót we'et-hallappidím we'ét kol haschofár we'et-hahár aschén wajár ha'ám wajanú'u wajamdú merachók
15 Und das ganze Volk sieht die Stimmen, die Flammenzungen und die Stimme des Schofars, und der Berg bedeckte sich mit Rauch; und das Volk erschrak, und sie wichen zurück und stellten sich in der Ferne auf.
Ein erstaunlicher Satz: das ganze Volk sieht die Stimmen. Das Wort kol, Stimme (Plural kolót, Stimmen) ist auch mit dem Wort kahal (Menge, Versammlung) verbunden. Die Stimme drückt das ganze innere Wesen des Sprechenden aus, spiegelt es wider, deshalb folgen wir nicht dem Äußeren, sondern, wie es heißt: „Sie folgen Mir, weil sie Meine Stimme kennen. Sie kennen Mein Äußeres nicht, nicht einer Gestalt folgen sie – Meiner Stimme folgen sie.“ Und weiter heißt es: „Wenn du auf Meine Stimme hörst.“ Die Stimme ist das, was aus dem Inneren des Menschen hervorgeht, das ist der Geist, der aus dem Menschen ausgeht. Dementsprechend ist die Stimme des Höchsten die Offenbarung des Inneren, dessen, was in den Tiefen des Höchsten ist, in den Tiefen des Vaters vom Anfang an, eine Offenbarung nach außen (soweit wir natürlich auf primitive Weise über Inneres und Äußeres beim Höchsten reden können). Das ganze Volk sah die Stimmen, das heißt, das ganze Volk nahm sowohl mit dem Gehör als auch mit dem Sehen wahr, und das sichtbare Bild legte sich über die Tonfolge, und das ganze Volk sah, konnte die Stimme des Höchsten klar empfinden und sich einprägen, um sie erkennen zu können. Erinnert ihr euch, wir haben gelesen, dass der Höchste das Volk aufrief, beim Klang der Trompete auf den Berg zu steigen. Der Höchste hörte auf zu reden, und alle hörten, sahen die Stimme des Höchsten, hörten die Stimme des Schofars, die Stimme der Trompete. Wir haben mehrfach gesagt, dass die Stimme des Schofars an jenen symbolischen Laut erinnert, mit dem der Höchste dem Menschen die Seele einhauchte, den allerersten Laut, den der Mensch bei der Geburt hörte (es gibt eine solche Überlegung).
וַיֹּאמְרוּ אֶל־מֹשֶׁה דַּבֵּר־אַתָּה עִמָּנוּ וְנִשְׁמָעָה וְאַל־יְדַבֵּר עִמָּנוּ אֱלֹהִים פֶּן־נָמוּת׃
wajomerú el-mosché dabber-attá immánu wenischmá'a we'al-jedabbér immánu elohím pen-namút
16 Und sie sprachen zu Mosche: „Rede doch du mit uns, und wir werden hören, was du uns sagen wirst, Gott aber soll nicht mit uns reden, damit wir nicht sterben!“
Man hat mich schon gefragt: Es gab doch eine Abmachung (19,13), dass das Volk beim Klang der Trompete gehen wird. Warum ist das nicht geschehen, was ist schiefgegangen? Dem Volk wurde angst, angst, weil so vieles gesagt, so vieles gesehen worden war! Wahrscheinlich war es, wenn man in sich hineinschaute, auf sich selbst schaute, unmöglich, nicht zu erschrecken, unmöglich, nicht vor dieser großen Kraft zu erschrecken, die sich auf dem Berg offenbart hatte. Und das Volk erschrak. Ich könnte das Volk verurteilen oder sagen: „Und ich hätte anders gehandelt!“ Mir fällt es natürlich leicht, das zu sagen, da ich in einem warmen, gemütlichen Raum sitze und vor mir kein rauchender Berg ist; vor einem rauchenden Berg aber wäre ich, gut möglich, auch erschrocken.
וַיֹּאמֶר מֹשֶׁה אֶל־הָעָם אַל־תִּירָאוּ כִּי לְבַעֲבוּר נַסּוֹת אֶתְכֶם בָּא הָאֱלֹהִים וּבַעֲבוּר תִּהְיֶה יִרְאָתוֹ עַל־פְּנֵיכֶם לְבִלְתִּי תֶחֱטָאוּ׃
wajomer mosché el-ha'ám al-tirá'u ki lewa'awúr nassót etchém ba ha'elohím uwa'awúr tihjé jir'ató al-penechém lewiltí techetá'u
17 Und Mosche sprach zum Volk: „Fürchtet euch nicht, denn um euch zu prüfen, ist Gott gekommen, und damit Seine Furcht auf euren Gesichtern sei, damit ihr nicht sündigt.“
Der HERR hat gezeigt, wie groß die Kraft ist, der daran gelegen ist, dass der Mensch richtig lebt. Das ist in Wirklichkeit erstaunlich: Der Große, Allgewaltige, Allmächtige Schöpfer, Der ferne und nahe Planeten lenkt, Der die winzigsten Mikroorganismen und die gewaltigsten Prozesse im Universum lenkt, eben Dieser Gott will, dass wir auf eine bestimmte Weise leben. Ihm ist es nicht gleichgültig, wie irgendein Haufen Moleküle namens Alex lebt oder irgendein anderer Haufen Moleküle. Und wie soll dieser Haufen Moleküle da nicht erschrecken, wenn diese große Kraft plötzlich anfängt, ihn eindringlich anzuschauen? Das ist wirklich furchterregend.
וַיַּעֲמֹד הָעָם מֵרָחֹק וּמֹשֶׁה נִגַּשׁ אֶל־הָעֲרָפֶל אֲשֶׁר־שָׁם הָאֱלֹהִים׃
waja'amód ha'ám merachók umosché niggásch el-ha'arafél ascher-schám ha'elohím
18 Und das Volk stand in der Ferne, Mosche aber trat an das Dunkel heran (trat in das Dunkel ein), in dem der Höchste weilte.
Der Höchste offenbart sich im Rauch und im Feuer, und zugleich verhüllt Er Seine Offenbarung mit Dunkel. Oft sehen wir: Obwohl gesagt wird, dass der HERR Licht ist, und das ist unbedingt so, Er ist Licht, und in Ihm ist keinerlei Finsternis, kann Er doch in Seiner Offenbarung Sein Licht mit Dunkel verhüllen.
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה כֹּה תֹאמַר אֶל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל אַתֶּם רְאִיתֶם כִּי מִן־הַשָּׁמַיִם דִּבַּרְתִּי עִמָּכֶם׃
wajomer adonáj el-mosché ko tomár el-bené jisraél attém re'itém ki min-haschamájim dibbárti immachém
19 Und der HERR sprach zu Mosche: „So sage zu den Söhnen Israels: ‚Ihr habt gesehen, dass Ich vom Himmel her mit euch geredet habe.
Mit anderen Worten: „Denkt nicht, dass Ich irgendwo am Wald, am Waldrand wohne, oder dass Ich auf dem Berg Olymp wohne, oder sogar, dass Ich auf dem Berg Sinai wohne. Obwohl ihr gesehen habt, dass die Wolke auf den Berg herabkam, auf den Gipfel des Berges, habt ihr gesehen, dass Ich vom Himmel her mit euch geredet habe. Und prägt euch das ein.“
לֹא תַעֲשׂוּן אִתִּי אֱלֹהֵי כֶסֶף וֵאלֹהֵי זָהָב לֹא תַעֲשׂוּ לָכֶם׃
lo ta'asún ittí elóhe chéssef welohé saháw lo ta'asú lachém
20 Macht Mich nicht aus silbernen Göttern, aus goldenen Göttern macht es auch nicht.
Das heißt: „Weder durch kunstvolle Arbeit noch um einen teuren Preis werdet ihr eine Verbindung mit Mir bekommen; dafür ist weder eine goldene Antenne nötig noch eine silberne, noch eine diamantene, noch irgendeine ausgeklügelte. Nichts Kompliziertes, keinerlei Supertechnologien braucht ihr, um mit Mir in Verbindung zu treten.“
מִזְבַּח אֲדָמָה תַּעֲשֶׂה־לִּי וְזָבַחְתָּ עָלָיו אֶת־עֹלֹתֶיךָ וְאֶת־שְׁלָמֶיךָ אֶת־צֹאנְךָ וְאֶת־בְּקָרֶךָ בְּכָל־הַמָּקוֹם אֲשֶׁר אַזְכִּיר אֶת־שְׁמִי אָבוֹא אֵלֶיךָ וּבֵרַכְתִּיךָ׃
misbách adamá ta'asse-lí wesawachtá aláw et-olotécha we'et-schelamécha et-zonechá we'et-bekarécha bechol-hammakóm aschér askír et-schemí awó elécha uwerachtícha
21 Einen Altar aus Erde macht mir, und du wirst auf ihm Opfer darbringen, deine Ganzopfer und deine Friedensopfer, von deinem Vieh und von deinem Großvieh, und an jedem Ort, wo der Name erwähnt werden wird, werde Ich zu dir kommen und dich segnen.
Ein Altar aus Erde ist der allereinfachste Altar. Der HERR hätte sagen können: „Macht Mir einen Altar mit den Maßen des ‚Goldenen Schnitts‘, damit sein unterer Teil aus Silber ist, der obere aus Gold und der alleroberste aus Platin, und schmückt ihn mit drei Reihen Smaragden, mit vier Reihen Topasen, oder stellt Mir auf Halbleitern Verstärker für die Verbindung auf, oder wendet irgendwelche Hightech-Technologien an.“ Nein, der Höchste sagt: „Den allereinfachsten Altar stellt mir auf, damit ihr nicht denkt, dass irgendwelche Technologien nötig sind, um Mich zu erreichen.“
Sehr, sehr wichtige Worte sagt der Höchste: „An jedem Ort, wo der Name erwähnt werden wird, werde Ich zu dir kommen und dich segnen.“ Das bedeutet wiederum: „Meine Adresse ist kein Haus und keine Straße, Meine Adresse ist nicht der Berg Sinai, Ich wohne nicht hier, ihr müsst nicht ständig hierher zurückkehren, um euch an Mich zu wenden. Ihr werdet gehen und weggehen, ihr werdet weiter durch die Wüste ziehen, ihr werdet in das Land Israel kommen, und zu seiner Zeit werdet ihr über die Welt zerstreut werden. An jedem Ort, wo ihr Mich anrufen werdet, dorthin werde Ich kommen. Dafür ist es nicht nötig, dass dort das Grab eines Gerechten ist, ein heiliger, ‚durchbeteter‘ Ort, eine nach Jerusalem ausgerichtete Synagoge, eine Kirche mit einem Kreuz oder etwas Ähnliches (obwohl Synagogen gut sind). Ich werde zu euch an jeden Ort kommen, an dem Mein Name erwähnt werden wird, und mehr noch, der allereinfachste Altar aus Erde taugt dazu, Mir Opfer darzubringen. Es ist nicht schwer, Mich zu erreichen.“
וְאִם־מִזְבַּח אֲבָנִים תַּעֲשֶׂה־לִּי, לֹא־תִבְנֶה אֶתְהֶן גָּזִית; כִּי חַרְבְּךָ הֵנַפְתָּ עָלֶיהָ וַתְּחַלְלֶהָ׃
we'im-misbách awaním ta'asse-lí lo-tiwné ethén gasít ki charbechá henáfta aléha wattechaleléha
22 Und wenn du Mir einen steinernen Altar machen wirst, mache sie (die Steine) nicht bearbeitet und abgehobelt, denn wenn du dein Schwert, deine Spitzhacke auf ihn ausstreckst, auf diesen Stein, wirst du ihn verderben.
Für den Altar eignen sich die allergewöhnlichsten Steine: „Wenn Ich hier die Steine erschaffen habe, dann habe Ich sie in einer genügend guten Form erschaffen, man muss Mir nicht hinterhergehen und Meine Schöpfungen mit der Feile nachbearbeiten, Ich habe sie vollkommen erschaffen. Wenn es dir scheint, dass so ein Stein nicht für den Altar taugt, na, dann leg einen anderen hin, aber bearbeite ihn nicht nach, damit der Altar schön ist. Das Allereinfachste, alles Allereinfachste – das ist es, was für die Verbindung mit Mir nötig ist.“
וְלֹא־תַעֲלֶה בְמַעֲלֹת עַל־מִזְבְּחִי אֲשֶׁר לֹא־תִגָּלֶה עֶרְוָתְךָ עָלָיו׃
welo-ta'alé wema'alót al-misbechí aschér lo-tiggalé erwatechá aláw
23 Und steig nicht mit schnellen Schritten zum Altar hinauf, damit deine Blöße sich ihm nicht enthüllt.“
Eine sehr interessante Anmerkung. Es gab Zeiten, als das Volk Israel, überhaupt alle Völker, keine Unterwäsche trugen, und wenn ein Mann schnell zum Altar hinaufstieg, dann wurde seine Blöße enthüllt, breitete sich über dem Altar aus. Nicht ganz davon spricht der HERR, obwohl Er auch davon spricht. Es gibt so ein russisches Sprichwort: „Wenn man breit ausschreitet, kann man sich die Hose zerreißen.“ Das heißt: Flieg nicht hinauf, steig nicht zum Altar hinauf, wie Kraftakrobaten oder Zauberkünstler auf die Bühne hinausfliegen, sei vorsichtig, steig mit Ehrfurcht hinauf, geh zum Altar hinauf, damit sich deine Blöße nicht zeigt, damit dieser dein Wagemut nicht deine Blöße enthüllt, auch deine geistliche Blöße, nicht nur die körperliche. Und wenn du mit Begeisterung und mit Enthusiasmus beginnst, zum Altar hinaufzusteigen, kannst du dich im geistlichen Sinn blamieren, zum Beispiel, indem du die Menschen aufrufst und sagst: „Jetzt bringen wir so ri-i-i-chtig Opfer dar und stürmen so ri-i-i-chtig los auf Berlin, auf Damaskus, auf Oman oder auf Kairo, gehen wir mutig in den Kampf!“ Es braucht keine überflüssige Hitzigkeit und keinen überflüssigen Enthusiasmus. Der Höchste sagt: „Ja, Ich werde dir überall antworten, ja, Ich werde immer zu dir kommen, aber denk auch an die Ehrfurcht, an die Notwendigkeit, deine Blöße zu bedecken, sei nicht stolz, aber vergiss sie auch nicht.“
Auf den Flügeln des Adlers
Lasst uns Vers 4 von Kapitel 19 unseres Wochenabschnitts Jitro lesen. Der Höchste sprach zu Mosche:
„Ihr alle habt gesehen, was Ich Ägypten getan habe, und habe euch auf den Flügeln der Adler emporgetragen und euch zu Mir erhoben.“
Viele Weise haben diesen Vers ausgelegt. Wozu sagt der Höchste das? Darüber, dass die Juden gesehen haben, was er Ägypten getan hat? Unter den Ägyptern gab es viel Unrecht. Man kann sagen, dass das ägyptische Volk ein Volk war, das in der Sünde versunken war. Vielleicht natürlich nicht mehr als andere Völker, aber doch. Schon für diese Sünden selbst, für seine Taten verdiente das ägyptische Volk eine Strafe. Aber der Höchste spricht hier von der Bestrafung Ägyptens um Israels willen. Das heißt, nicht für die zahlreichen Sünden hat der Höchste Ägypten bestraft, sondern dafür, dass Ägypten Israel unterdrückt hat, nur für diese Sünde. Und wäre Ägypten für seine anderen Sünden bestraft worden, dann hätte man nicht so väterlich zu Israel davon sprechen müssen.
Im zweiten Teil des Verses sagt der Höchste, dass Er Israel emporgetragen hat wie auf den Flügeln eines Adlers. Einen ähnlichen Satz lesen wir in Vers 11 von Kapitel 32 des Buches Dewarim: „Wie ein Adler sein Nest bewacht, über seinen Jungen schwebt, seine Flügel ausbreitet, jedes nimmt, es auf seinem Flügel trägt.“
Wie soll man diese Metapher der Tora verstehen? Vögel tragen ihre Jungen gewöhnlich in den Krallen, weil sie fürchten, dass andere Vögel über sie herfallen könnten. Aber der Adler fürchtet sich nicht vor anderen Vögeln. Ähnlich sagt die Tora, dass der Höchste das Volk Israel so aus Ägypten herausführte, dass man sich vor keinerlei Feinden ringsum fürchten musste. Außerdem ist in unserem Vers nicht von einem Adler die Rede, sondern von vielen Adlern: „… und habe euch auf den Flügeln der Adler emporgetragen.“ Die Weisen zeichnen ein solches Bild, als wäre der ganze Himmel einfach voller Adler. Das heißt volle Unterstützung, eine riesige Menge himmlischer Kräfte, die auf die Hilfe für Israel gerichtet sind. Der Höchste sagt, dass alle diese Anstrengungen darauf gerichtet waren, das Volk Israel zu Sich zu bringen.
Um diesen Vers als Ganzes zu verstehen, kann man ihn ein wenig von der jüdischen Geschichte trennen. Die Juden selbst sagen, dass die Erlösungen des Maschiach und des Höchsten einander ähnlich sind. Deshalb können wir den Auszug aus Ägypten getrost mit der Erlösung, der Rettung durch den Maschiach vergleichen.
Der Höchste zerstört die Welt, die uns versklavt. Und jemand kann von einer Drogenabhängigkeit befreit werden, jemand von einer weniger ins Auge fallenden schlechten Gewohnheit. Der Kern ist, dass der Höchste die sündige Natur zerstört, die sündigen Fesseln des Menschen. Darin liegt der Kern des ersten Satzes: „… was Ich Ägypten getan habe.“ Der Höchste tut das auf die offenste Weise, ohne jemanden ringsum zu fürchten, und offenbart sich als die größte, die höchste Kraft, die es überhaupt gibt. Und all das geschieht nicht nur deshalb, weil der Höchste dem Bösen widersteht: Das ist die Vernichtung der Fesseln. Sie geschieht nicht aus Hass gegen das Böse, sondern aus Liebe zu uns. Ägypten zu zerstören ist nicht das Ziel an sich, das Ziel ist, uns zum Höchsten zu führen.
Hier ist es sehr wichtig zu verstehen, wozu der Höchste uns zu Sich bringt, was bedeutet „… euch zu Mir erhoben“? Und dafür kann man sich der Tora zuwenden und schauen, in welchem Kontext dieser Vers gesagt ist. Der Höchste sagt das zu Mosche im Vorfeld des Dienstes am Berg Sinai: Er hat uns von unserer sündigen Natur befreit, uns auf den Flügeln der Adler emporgetragen und uns zu Sich gebracht, um uns einen bestimmten Gehorsam zu geben, damit wir Ihm dienen. Das „Bringen von uns zum Höchsten“ an sich – es dient dazu, uns das Gesetz zu schenken.
Wie kann man das, wovon in unserem Vers die Rede ist, im Leben eines messianischen Gläubigen sehen? Oft hören wir das Zeugnis eines Menschen, der davon erzählt, was Gott für ihn getan hat. Der Mensch sagt, dass er, sagen wir, drogensüchtig war und geheilt wurde, und jetzt ist er frei von dieser Abhängigkeit, er rührt überhaupt keine Drogen mehr an. Und der Mensch sagt: „Mich hat Gott befreit, jetzt habe ich Gott.“ Und hier sehen wir ein solches Verständnis des Verses: Er hat gesehen, dass der Höchste sein eigenes Ägypten zerstört und ihn auf dem Adler zu Sich gebracht hat, aber er hat noch nicht gesehen, wozu. Das heißt, der Mensch hat entschieden, dass er Frieden mit dem Höchsten hat, aber dabei ist unbekannt, ob er dem Höchsten dient.
Unsere Befreiung ist nur die Einleitung zum Bund mit dem Höchsten. Das Ziel der Zerstörung Ägyptens und das Ziel, uns auf den Flügeln der Adler emporzutragen, ist im Grunde der Abschluss des Bundes zwischen uns und dem Höchsten. Es ist sehr wichtig, den Abschluss des Bundes nicht mit dem Bund selbst zu verwechseln, das ist noch nicht der Bund selbst. Deshalb lohnt es sich für einen gläubigen Menschen, sich selbst, den Befreiten, zu prüfen: Hat er nicht nur den Bund mit dem Höchsten, sondern auch den Dienst für den Höchsten – den Gehorsam? Erfüllt der Gläubige Seinen Willen?
Digest
Unser Wochenabschnitt trägt den Namen Jitro. Man muss sagen, dass bei weitem nicht jeder der Helden der Tora gewürdigt wird, dass ein Wochenabschnitt nach seinem Namen benannt ist. Wir haben keinen Wochenabschnitt Awraham, keinen Wochenabschnitt Jizchak oder Jaakow. Nur Pinchas und Jitro, das sind die wenigen, die jeder seines eigenen Wochenabschnitts gewürdigt wurden. Worin besteht denn die Besonderheit Jitros?
Jitro ist, wie wir uns erinnern, ein midjanitischer Priester, der Schwiegervater Mosches, der, als er von den zahlreichen Wundern hörte, die der Höchste durch Mosche für das Volk Israel vollbracht hatte, kam, um seinen Schwiegersohn zu besuchen. Er kam, um mit eigenen Augen zu sehen, was mit Israel geschehen war, und mit eigenen Ohren aus unmittelbaren Quellen, kann man sagen, von jenen Wundern zu hören, die der Höchste vollbracht hatte.
Es gibt in den Midraschim ein sehr verbreitetes Motiv über einen Dialog zwischen dem Höchsten und Mosche. Hier muss man einen kleinen Exkurs machen und über die Midraschim im Allgemeinen sprechen. Sehr oft erhebt ein Midrasch keineswegs den Anspruch auf die Glaubwürdigkeit dessen, was er beschreibt. Ein Midrasch ist eine für uns verständliche, für uns zugängliche Erklärung dessen, was im Kopf Mosches mit seiner inneren Vorstellung vom Höchsten vor sich gegangen sein könnte, oder gleichsam ein bestimmtes, kann man sagen, Ereignis: ein mentales, geistliches, das sich im Dialog zwischen einem Menschen, in diesem Fall Mosche, und dem Höchsten abspielt. Es gibt Midraschim über ein vermutetes Gespräch Josefs mit seinen Brüdern und viele andere Dialoge: Dialoge Mosches mit dem Höchsten darüber, ob er in das Land Israel hineinkommen wird oder nicht, und so weiter. Oft sagen Gläubige aus den Christen: „Da, die Juden haben sich das alles ausgedacht, nichts von alledem hat es in Wirklichkeit gegeben, und deshalb ist das alles Geflunker, und es gibt keinen Grund zuzuhören.“ Selbstverständlich: Ein Midrasch, das sind keine wahren Geschichten, das ist Erfindung. Aber diese Erfindung ist ein Gleichnis, das uns etwas lehren will. Willst du – lerne, willst du nicht – dann nicht.
Genauso sehen wir in der Tora und im Tanach, dass der Höchste eine Hand, eine Nüster, Augen, ein Herz, Fußsohlen und so weiter hat. Wenn wir den Tanach lesen, finden wir dort fast keine Beschreibung eines körperlosen Gottes, Er hat immer etwas, beinahe einen Bart. Und dabei verstehen wir, dass diese Beschreibung dazu bestimmt ist, uns den absolut unzugänglichen, absolut transzendentalen Gott verständlich zu machen, Den, Der über unserem Verstand steht, Der sagt, dass Seine Gedanken nicht unsere Gedanken sind. Niemand wird sagen: „Diese Tora lügt, denn Gott hat in Wirklichkeit keine Augen und keine Nüstern, und Er kann nicht bereuen und so weiter.“ Genauso kann man sich auch zum Midrasch verhalten. Das ist ein Versuch der Weisen, das für uns Unverständliche zu etwas Verständlichem zu machen. Ja, das ist menschliche Erfindung, das sind menschliche Worte, aber es gibt unter uns keine solchen, die absolut auf niemanden hören, absolut keinem von den Menschen zuhören. Es wäre dumm, ein solcher Mensch zu sein, denn selbst das Alphabet, mit dem wir die Bibel lesen, gleich in welcher Sprache, haben wir von anderen Menschen gelernt. Damit ist der Exkurs beendet.
Es gibt also einen Midrasch, Streitgespräche Mosches und des Höchsten über die Nichtjuden, die sich Israel angeschlossen hatten, von denen die Tora spricht. Sie werden érew raw (vielfache Mischung) genannt oder an anderer Stelle assafsuf (Gesindel). Gesindel hat hier nicht unbedingt eine negative Konnotation. Der Höchste (wiederum sprechen wir sehr abstrakt) oder, sagen wir, eine Stimme, eine Seite im Kopf Mosches spricht davon, dass dieses Volk von den Wundern beeindruckt war und deshalb Israel gefolgt ist, und in ihm gibt es keinen echten Glauben, sondern nur Anbetung und Gier nach Wundern. Die andere Seite spricht davon, dass es doch Awraham gibt, zu dem die Menschen in sein Zelt kamen. Und es ist gesagt, dass die Seelen, die Awraham in Charan geschaffen hatte (Bereschit 12,5), eben die Seelen von Proselyten sind, die Awraham zum Höchsten geführt hat, sie kamen dank der Gastfreundschaft Awrahams. Am Ende werden wir dann hören, dass der Höchste zu Mosche sagen wird: „Steh auf und steig hinab, denn das Volk, das du herausgeführt hast, ist vor Mir verdorben.“ Und so stellte es sich tatsächlich heraus, dass viele von denen, die mit Israel ausgezogen waren, in Wirklichkeit nach Wundern gierten und nach nichts weiter. Und als Mosche verschwand, als er nicht in dem von ihnen erwarteten Moment erschien, verdarben sie sich und begannen, ein gegossenes Bild zu suchen, damit Gott, der sie aus Ägypten herausgeführt hatte, ihnen offensichtlich wäre, das heißt, das ist praktisch ein Götze.
Jitro ist ein Gegenbeispiel. Die Midraschim sagen, dass Jitro für eine solche Hinwendung zum Eingottglauben von seinem Posten als Kohen gestürzt wurde, Proselyt wurde, sich dem jüdischen Volk anschloss und den angestammten midjanitischen Glauben verließ. Das ist ein Beispiel dafür, dass ein Proselyt tatsächlich nach Israel kommen kann, sich Israel aus aufrichtigem Glauben anschließen und am Schicksal des jüdischen Volkes teilhaben kann, sogar einen wertvollen Rat zur Führung des Volkes geben kann.
Der Rat, den Jitro Mosche gab, ist ebenfalls sehr wichtig. Wir sehen darin manchmal einfach einen gewissen managerhaften, verwaltungstechnischen Rat darüber, dass Mosche nicht sitzen und verwalten soll, sondern Stellvertreter nehmen soll – Vorsteher über zehn, Vorsteher über hundert, Vorsteher über tausend und so weiter, das heißt, wir nehmen das einfach als einen Rat zur Führung des Volkes wahr. Aber darin liegt etwas Größeres. Denn Mosche besaß eine besondere Seele und besondere Kräfte, er war vom Höchsten für eine besondere Mission erwählt. Und natürlich hätte das ganze Volk gewollt, dass gerade Mosche es richtet. Dann hätten die Menschen mit dem Tod Mosches gesagt: „Wir haben keinen mehr wie Mosche, wer wird uns jetzt richten?“ oder: „Da, Mosche hätte uns anders gerichtet, aber du richtest uns so oder so.“ Und auf diese Weise wäre Mosche als der einzige Erwählte ein unerreichbarer Richter geblieben, und ein gerechtes Gericht, das Vertrauen genießt, wäre einfach unmöglich geworden. Aber Jitro gibt einen Rat, der zeigt, dass einer von zehn sich als würdig erweisen kann zu richten, und einer von hundert sich als würdig erweisen kann zu richten, und einer von tausend sich als würdig erweisen kann zu richten. Es gibt viele Würdige im Volk, die dank bestimmter Eigenschaften dazu erwählt werden können, Richter im Volk zu werden. Und das Gericht wurde zu einer Sache, die praktisch jedem Menschen zugänglich ist, wenn er bestimmte Eigenschaften besitzt. Und ebenso sind wir, da wir in Jeschua die Gerechtigkeit haben, die jeder empfangen kann, indem er Ihn nachahmt und von Ihm lernt, fähig, den Zustand eines Richters zu erreichen. Aber das bedeutet nicht, dass jeder, der an Jeschua gläubig geworden ist und sich hat taufen lassen, automatisch heilig wird: Er beginnt nur, auf dem Weg zu gehen, auf dem das Erreichen der Heiligkeit für jeden möglich wird. Und darin liegt der Hauptbestandteil des Rates, den Jitro Mosche gab.
Ein anderer sehr wichtiger Teil des Wochenabschnitts sind zweifellos die Zehn Gebote, die in Wirklichkeit gar keine Gebote sind, da hier das Wort mizwót (Gebote) fehlt. Sie werden asséret haddibrót genannt, was wörtlich zehn Aussprüche, zehn Worte bedeutet. Das Wort ist eigentlich eines, es ist in zehn zerteilt, weil es das Gesetz des Einen Gottes ist. Und natürlich kommt einem sofort der Anfang des Evangeliums nach Jochanan in den Sinn: „Im Anfang war das Wort.“ Also, das sind die Zehn Worte, die Zehn Aussprüche, mit denen der Höchste die Natur des Menschen festlegt. Das sind keine Gebote, das ist das, wie Gesetze, Gebote den Menschen verändern werden. Und zugleich kann man diese Zehn dibrót, diese Zehn Aussprüche in zwei Teile teilen.
Der erste Teil betrifft die Beziehungen zwischen dem Höchsten und dem Menschen, und hierher gehört auch das Gebot, die Eltern zu ehren. Der zweite Teil bestimmt die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, zwischen dem Menschen und seinem Nächsten. Hierher gehört: stiehl nicht, töte nicht, brich nicht die Ehe, leg kein falsches Zeugnis ab, begehre nicht.
Wie im jüdischen Gesetz, so auch im Brit chadaschá, lassen sich diese Zehn Gebote auf zwei zurückführen. Das erste ist liebe deinen Gott von ganzem Herzen. Das zweite – liebe deinen Nächsten. Wenn wir Gott lieben, werden wir Seine Gebote nicht übertreten, werden nicht grob zu den Eltern sein, werden sie nicht ohne Unterhalt lassen. Wenn wir Gott lieben, werden wir Seinen Sabbat halten. Wenn wir den Nächsten lieben, werden wir nicht von ihm stehlen, werden nicht ehebrechen, uns nicht an seiner Frau vergreifen und nicht seinen Computer begehren. Auf diese Weise lassen sich alle zehn Gebote im Grunde auf zwei Gebote zurückführen – liebe Gott und liebe den Nächsten. Wir können anhalten und sozusagen ein wenig hineinzoomen, auf drei Gebote des Zehnworts.
Das erste Gebot, bei dem wir verweilen werden, ist das Gebot sprich den Namen des Höchsten nicht unnütz aus. Wir wissen, dass man in der jüdischen Tradition heute den vierbuchstabigen Namen Gottes nicht ausspricht, sondern ihn durch HaSchém oder durch Elokím ersetzt – nicht Elohim, mit dem Buchstaben he, sondern eben Elokím, mit dem Buchstaben kuf. Und sogar den Namen Elijahu (und dergleichen), die mittelbar den Namen Gottes enthalten, sprechen viele orthodoxe Juden als Elijáku aus, das heißt, sie vermeiden jedes Aussprechen des Namens Gottes. Der Wunsch an sich, sich vom Heiligen fernzuhalten, das Heilige zu fürchten und, indem man sich selbst einschätzt, Furcht zu haben und das Verständnis, dass der Mensch unwürdig ist, das Heilige zu berühren – das ist eine lobenswerte Erscheinung. Zugleich kann die Anweisung (der Ausspruch), den Namen Gottes nicht auszusprechen, etwas anders verstanden werden. In unseren eigenen Unannehmlichkeiten, in Krankheiten, die uns widerfahren, in Krankheiten unserer Kinder fragen wir den Höchsten oft: „Wofür?!“, und nehmen das Geschehen so wahr, als ob der Höchste uns irgendeine Strafe schickt oder uns durch irgendeinen Schmerz und, kann man sagen, durch „Schläge“ hindurchführt. Das findet seine Bestätigung auch im Brief an die Hebräer (12,6), in dem gesagt wird: „Der HERR, wen Er annimmt, den schlägt Er auch, und alle, die Er annimmt, bestraft Er; wen Er liebt, den schlägt Er auch, und alle, die Er annimmt, bestraft Er.“ Aber diese Strafe, diese „Schläge“ wurden von gerechten Menschen in Freude und mit Begeisterung aufgenommen. Wir sehen in der Schrift oft, dass sie Gott für das Leiden dankten, das sie zu ertragen hatten. Auf diese Weise nahmen sie das Leiden selbst nicht als Leiden wahr, das ist eine sehr hohe geistliche Stufe. Und wenn diese Leiden und diese Krankheiten uns als Versuch geschickt sind, uns zu bessern, geschickt, um uns wie mit einem Hobel abzuhobeln, etwas Überflüssiges aus uns zu entfernen, dann müssen wir sehen, dass das Leiden oder das, was wir Böses oder Schmerz nennen, nicht die Willensbekundung des Höchsten ist, sondern das Ergebnis unseres Unvermögens, Beziehungen zum Höchsten aufzubauen und Beziehungen zur uns umgebenden Welt aufzubauen. Und je größere Gerechtigkeit wir erreichen, desto weniger nehmen wir Leiden als Leiden und Prüfung als Prüfung wahr.
Bekannt ist die Geschichte von Rabbi Suscha aus Anipol, der im Leben viel erlitten hat. Sein Haus ist abgebrannt, seine Familie ist umgekommen. Und als Leute zum Baal Schem Tow kamen und ihn fragten: „Wie überwindet man Leiden?“, sagte er: „Fragt Suscha, er ist ein Meister in dieser Sache. So viele Leiden hatte dieser Mensch im Leben, so vieles ist ihm zuteilgeworden …“ Als sich diese Leute aber an Rabbi Suscha wandten, sagte er: „Ihr seid umsonst zu mir gekommen: Bei mir ist im Leben nichts Besonderes passiert.“ Denn er nahm sein Leiden als Korrektur vom Höchsten wahr, und das half ihm, nicht zu leiden. Ich selbst kann von mir nicht bezeugen, dass ich mich auf einer solchen Stufe befinde. Aber das ist die Stufe, zu der uns das Zehnwort aufruft. Mit anderen Worten: Beschuldige nicht den Höchsten für deine Leiden, die Quelle des Bösen ist nicht der Höchste. Sprich Seinen Namen nicht aus: „Gott, wofür bestrafst du mich?!“, sondern verstehe, dass das die Folge deiner Unrichtigkeit ist, irgendeiner Verkrümmung, von etwas Überflüssigem in dir oder von etwas, das dir fehlt, was der Höchste zu korrigieren versucht. Und darin liegt noch ein Verständnis des Gebots sprich den Namen des Höchsten nicht vergeblich aus.
Ein sehr wichtiges Gebot, bei dem wir ebenfalls verweilen werden: brich nicht die Ehe (lo tin'áf). Die Institution der Ehe ist für die Tora sehr wichtig. Und es gibt eine Geschichte, die davon spricht, dass wegen der Zerstörung gerade der Institution der Familie, deswegen, dass die Haltung zur Familie, genauer gesagt die Haltung zur Ehefrau, geringschätzig wurde, und deswegen der Tempel zerstört wurde.
Eine talmudische Geschichte erzählt von einem Zimmermann und seinem Schüler. Es war einmal ein Zimmermann, der hatte einen Schüler, vielleicht einen guten und gütigen Schüler. Und dieser Zimmermann hatte eine wunderschöne Frau. Und der Schüler wollte heimlich diese Frau für sich gewinnen, wollte sie, man kann sagen, dem Zimmermann ausspannen. Es kam die Zeit, und der Zimmermann geriet in Geldnot. Der Schüler schlug vor: „Lass mich dir das Geld leihen, das du brauchst. Schick morgen Abend deine Frau wegen des Geldes zu mir, ich werde ihr dieses Geld geben.“ Und der Zimmermann schickte seine Frau zu ihm, um das Geld abzuholen, unterdessen aber sperrte der Schüler sie bei sich ein. Nachdem er eine Zeit lang gewartet hatte, kam der Zimmermann selbst zum Schüler und fragte: „Hast du nicht meine Frau gesehen, ich habe sie zu dir geschickt?“ Worauf der Schüler sagte: „Ich habe ihr das Geld gegeben, ich habe sie gehen lassen und habe gesehen, dass irgendwelche Burschen sie vergewaltigt haben.“ Achtet darauf, wie die Handlung jetzt klingt: „Ich habe gesehen, dass sie vergewaltigt wurde, und ich bin nicht für sie eingetreten.“ Er kann ruhig darüber sprechen, obwohl das eine Erfindung ist. Er konnte auch ruhig die fremde Frau bei sich einschließen, und wir hören nicht, dass die Frau irgendwie widersprochen hätte. Und der Zimmermann fragte den Schüler: „Was soll ich denn jetzt mit dieser Frau machen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden ist?“ Der Schüler sagte: „Na, jag sie einfach fort!“ Der Zimmermann wandte darauf ein: „Aber ich habe eine sehr große Summe in der Ketubá, das heißt, wenn ich sie einfach fortjage, werde ich ihr viel Geld geben müssen.“ Worauf der Schüler sagte: „Ich leihe dir mit Vergnügen auch diese Summe.“ Und der Schüler lieh dem Zimmermann noch mehr Geld, und der Zimmermann jagte seine Frau fort. Die arme Frau wusste nicht, wohin sie gehen sollte, und sie heiratete den Schüler. Einige Zeit später kam der Schüler zum Zimmermann und sagte: „Ich habe dir Geld gegeben, das ich dir über deine Frau geliehen habe, und ich habe dir Geld gegeben, das ich dir für die Scheidung von deiner Frau geliehen habe, jetzt gib mir das Geld zurück.“ Der Zimmermann hatte kein Geld. Und da sagte der Schüler: „Dann verdinge dich bei mir als Diener, um dieses Geld abzuarbeiten.“ Und so saß der Schüler mit der früheren Frau des Zimmermanns, jetzt seiner Frau, und der Zimmermann bediente sie und weinte. Und der Midrasch erzählt, dass mit diesen Tränen das Urteil über die Zerstörung des Tempels unterschrieben wurde. Das heißt, endgültig kam das Urteil nicht wegen des Götzendienstes zustande, nicht wegen des grundlosen Hasses, sondern wegen der Zerstörung der Familienwerte, der Autorität der Familie. So hoch schätzen die Mündliche Tora und die Tora die Institutionen der Familie. Deshalb ist das Verbot des Ehebruchs als Zerstörung der Familie in den Zehn Geboten festgeschrieben.
Noch ein Gebot, über das wir sprechen werden, ist das Gebot begehre nicht (lo-tachmód). Man sollte meinen: Wie kann man dem Herzen vorschlagen, nicht zu begehren? Seine Gedanken nicht zu steuern, das ist für den Menschen natürlich. Wir wissen nicht immer, wann und warum irgendein Gedanke zu uns kommt, deshalb können wir unsere Gedanken gleichsam nicht steuern. Die Weisen sagen, dass der Mensch sich in einer solchen Situation einen einfachen Bauern vorstellen kann, der auf die Königstochter schaut und versteht, dass sie für ihn unerreichbar ist, er kann sie nicht heiraten. Genauso kann ein Mensch nicht davon träumen, dass ihm Flügel wachsen oder dass ihm ein Rüssel wächst wie einem Elefanten, weil er versteht, dass Gott ihm das nicht gegeben hat (obwohl der Traum vom Fliegen selbstverständlich erreichbar und erfüllbar ist). Das heißt, jeder Mensch muss sich bewusst sein, dass Gott ihm das gibt, was ihm zusteht. Und wenn wir das nicht vergessen, dann werden wir verstehen: Das, was uns nicht gegeben ist, das brauchen wir einfach nicht, und es widerspricht unserer Natur. Wieder sprechen wir von einer sehr hohen Messlatte, die die Tora für uns setzt und die nicht so leicht zu erreichen ist. Indem wir prüfen, wie sehr wir tatsächlich nicht begehren, was unser Nächster hat, können wir verstehen, wie sehr wir uns dabei dem Höchsten nähern, uns jener Messlatte nähern, die uns die Tora setzt – der Erfüllung der Zehn Gebote.
Noch eine interessante Stelle, bei der ich verweilen möchte, ist Vers 19 von Kapitel 19, wo es heißt: „… und der Höchste antwortete ihm (Mosche) mit einer Stimme.“ Natürlich fragt man: Warum ist gesagt, dass der Höchste antwortete? Denn in allen Dialogen, die wir lesen, ist es der Höchste, der sich an Mosche wendet, und Mosche antwortet Ihm. Und hier sehen die Weisen eine sehr ungewöhnliche Lesart und eine für unser Verständnis sehr wichtige Erscheinung. Mosche spricht, und der Höchste antwortet ihm wie ein Echo. Der Höchste, kann man sagen, verdoppelt, wiederholt oder verstärkt die Worte Mosches. Mosche befindet sich in einem solchen geistlichen Zustand, in dem seine Worte in Resonanz mit den Worten des Höchsten klingen. Und der Höchste antwortet ihm im selben Ton, weil Mosche und der Höchste auf einer Wellenlänge sind. Das ist eine sehr hohe Stufe der Heiligkeit.
Wiederum ist das eine Messlatte für uns, das ist ein Maßstab für uns, damit jeder von uns prüfen kann, ob der Höchste uns antwortet, ob wir die Stimme des Höchsten hören. Wenn wir von der Kanzel predigen oder wenn ich zum Beispiel eine Lektion aufnehme – hören wir jedes Mal, dass wir mit dem Höchsten auf einer Wellenlänge sind, antwortet uns der Höchste mit einer Stimme? Oder, anders gesagt: Sind wir in der Tora, stehen wir in der Lehre des Höchsten? Das ist ein sehr wichtiger Punkt für die Beobachtung seiner selbst.
Und der letzte Punkt im Wochenabschnitt, eigentlich der Abschluss des Wochenabschnitts, ist das Gebot über den Altar aus Erde. Wir sagen oft, dass sich in der Gestalt Jeschuas der Höchste offenbart hat, dass „in Ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte“. Das heißt, durch Jeschua ist es am leichtesten, die Göttlichkeit zu erfassen, die Natur Gottes näher kennenzulernen. Gott hat seine leibliche Offenbarung auf die Erde herabgebracht, und zugleich gibt es eine Anstrengung, die von uns verlangt wird: das Irdische bis zum Himmel zu erheben. Der Erdaltar erhebt sich dem Himmel entgegen und erhebt die irdische Natur des Menschen bis zur Stufe der himmlischen. Genauso hat Jeschua das Göttliche in diese Welt herabgebracht, nicht damit wir auf der Erde bleiben, sondern damit wir (wie ich schon gesagt habe) eine Brücke zwischen dem Höchsten und der Erde sind, damit auch wir das Irdische bis zur Stufe des Himmlischen erheben. Und die Zehn Gebote sind ein Kriterium für die Selbstprüfung: wie sehr wir tatsächlich das Irdische zum Himmlischen emporheben und wie sehr das Himmlische in uns eingedrungen ist. Diese gegenseitige Durchdringung erlaubt jedem von uns, ein isch elohim (Mann Gottes) zu werden, wie über Mosche gesagt ist, oder die Fülle der Gottheit leibhaftig in sich aufzunehmen, wie es über Jeschua gesagt ist. Wenn auch nicht die Fülle, so doch wenigstens ein Krümchen der göttlichen Offenbarung aufleuchten zu lassen und zu zeigen, der Welt zu offenbaren. Wie der Altar das Irdische zum Himmlischen erhebt, so ist auch unsere Aufgabe, die Menschen um uns herum zu erheben, Jünger aus allen Völkern zu machen, damit sie ihre Leiber als gottgefälliges Opfer darbringen. Und der Leib des Menschen, das ist ja ursprünglich jener Staub, aus dem Gott den Menschen geschaffen hat. Das heißt, indem wir Jünger zu Jeschua führen, bewegen wir sie dazu, ihre Leiber als gottgefälliges Opfer darzubringen und dadurch die Erde bis zum Himmel zu erheben, wie es der Erdaltar am Ende unseres Wochenabschnitts tut.
Zum Abschluss möchte ich uns allen ganz fest wünschen, in all dem Vervollkommnung zu erreichen, um dem Höchsten zu gefallen, indem wir unseren Leib dem Geist als Opfer darbringen, mit göttlichem Inhalt erfüllt zu werden, die Zehn göttlichen Gebote zu erfüllen und auserwählt zu werden, um die Möglichkeit zu haben zu richten, um sich würdig zu erweisen in den Augen Gottes und der Menschen.
Wünsche nicht.
Das zehnte Gebot in unserem Wochenabschnitt Jitro (20,14) sagt: lo-tachmód oder begehre nicht, trachte nicht danach. Es ist schwer, ein russisches Wort für das Verb zu finden, das hier verwendet wird, deshalb sagen die meisten russischen Übersetzungen hier: „Wünsche nicht“Die russischen Bibelübersetzungen geben das zehnte Gebot mit einem Verb wieder, das von „wünschen“ abgeleitet ist, und der Autor grenzt sich davon ab. Damit dieser Gedanke verständlich bleibt, steht hier und in der Überschrift „Wünsche nicht“ statt des im Deutschen üblichen „Du sollst nicht begehren“.. Aber in Wirklichkeit geht es hier nicht um das Wünschen, obwohl wir über das Wünschen auch noch sprechen werden.
Das erste Gebot ist das Gebot des Glaubens. Weiter sehen wir Gebote der Tat. Und nun hängt das zehnte Gebot mit dem zusammen, was im Inneren des Menschen geschieht und was man von außen nicht mit bloßem Auge sehen kann, etwas Inneres, eine Eigenschaft der Seele – begehre nicht oder beneide nicht. Und die Kommentatoren sagen, dass dieses zehnte Gebot der Schlüssel zu allem Übrigen ist. Wenn ein Mensch mit dem zufrieden ist, was er hat (nicht selbstzufrieden, nicht mit sich selbst zufrieden, sondern zufrieden mit dem, was er hat), damit in Einklang lebt, dann wird er jene Vergehen nicht begehen, von denen alle zehn Gebote sprechen. Die Übertretung dieses Gebots kann nach dem Dominoprinzip die Einhaltung aller übrigen Gebote umwerfen.
Im Buch Mischle (14,30) heißt es: „Leben für den Leib ist ein sanftes Herz, aber Fäulnis der Knochen ist der Neid.“ Der Neid dringt in die Knochen ein und lässt sie faulen. Das ist natürlich eine Metapher. Das Wort ézem (Knochen) ist mit dem Wort ézem, azmí (selbst, selbst-) verbunden, das ist gleichsam das „Selbst“ des Menschen, aní beazmí – das ist ich selbst (myself). Und eben mein Selbst, meine Eigenständigkeit zerstört der Neid.
Was geschieht mit einem Menschen, der neidisch ist? Es fällt ihm schwer, sein eigenes Leben zu leben, er schaut darauf, wie und wovon andere leben, und lebt ein fremdes Leben. Oder er kann sich nicht damit abfinden, dass jemand etwas hat, worum er ihn beneidet, und er verwendet sein Leben darauf, diese Welt des anderen zu zerstören. Er zerstört Fremdes, er baut nicht das Eigene, er baut überhaupt nichts – weder das Eigene noch das Fremde.
Es gibt eine andere Situation, vielleicht sogar eine verbreitetere, wenn ein Mensch sagt: „Hätte ich doch, was mein Nachbar hat, was mein Nächster hat.“ Er verzichtet wieder auf das Seine, schaut nicht auf all das, was er hat, will bekommen, was der Nächste hat. Aber das, was der Nächste hat, ist für den Nächsten bestimmt. Und selbst wenn der Mensch bekommt, was der Nächste hatte, und oft geschieht es so, dass es gelingt, einen Menschen aus seinem Haus zu vertreiben, einem Menschen die Frau wegzunehmen, Gott bewahre… Aber das bringt kein Glück, weil das – Fremdes ist. Und die Knochen (das Selbst) faulen weiter.
So seltsam es ist, in der jüdischen, mystischen Auslegung der Sprache ist das Antonym (das Wort mit entgegengesetzter Bedeutung) des Wortes Eifersucht (kin'á) – das Wort Wunsch (razón), und das bedeutet, dass ich zufrieden bin (do-wolen, das heißt bis zu meinem Willen)Das russische Wort für „zufrieden“ lässt sich in „bis zu“ und „Wille“ zerlegen; der Autor liest es als „bis zu meinem Willen“. Weil sich dieses Wortspiel im Deutschen nicht nachbilden lässt, steht das russische Wort in der Klammer in lateinischer Umschrift.. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe, ich bin zufrieden mit den Werkzeugen, die mir der Höchste für den Dienst gegeben hat, zufrieden mit den Möglichkeiten, die ich habe. Ich lebe mit ihnen, ich will diese Möglichkeiten verwirklichen, will das Potenzial entfalten, das ich habe. Ich will – endlich, endlich nach allem – ich will das, was meins ist. Ich will das, was mir helfen wird. Ich will das, was Gott mir geben will. Ich bin zufrieden mit meinen Gefäßen, ich will sie mit göttlichem Licht füllen. Das ist mein Wunsch, das Empfinden eines Mangels an göttlichem Licht in meinen Gefäßen, mit denen ich zufrieden bin, und das ist das Antonym der Eifersucht: sich selbst verwirklichen, sein eigenes Leben leben, für sich leben. Und wenn ein Mensch weiß, was er will, wenn ein Mensch versteht, wer er ist, dann ist sein Wunsch der Eifersucht entgegengesetzt. Sich seiner selbst bewusst werden, vor allem sich selbst annehmen – das ist der Anfang des Widerstands gegen das Gefühl der Eifersucht. Und wenn das geschieht, dann kann sich auch die Eifersucht im guten Sinn zeigen.
Der Midrasch erzählt, dass Awraham Noach „beneidete“. Es fand (nach dem Midrasch) ein solches Gespräch zwischen ihnen statt. Awraham fragt Noach: „Wie bist du einer solchen Barmherzigkeit gewürdigt worden – aus der Arche herauszugehen?“ Und Noach sagt: „Das ist, weil wir für die Tiere gesorgt haben, den Tieren Barmherzigkeit erwiesen haben.“ Awraham sagte: „Ich will auch Barmherzigkeit erweisen.“ Und wenn er dem Weg des Neides gefolgt wäre, dann hätte er so eine Art Doktor Aibolit werden müssen, der unter einem Baum säße, und zu ihm kämen, um sich heilen zu lassen, „die Kuh und die Wölfin“, und so weiter nach der Liste. Aber Awraham beschloss, Barmherzigkeit nicht den Tieren, sondern den Menschen zu erweisen. Er sah, was Noach tut, setzte das in Beziehung zu seinen Werkzeugen, wandte es in seinem Leben an und begann, Gäste aufzunehmen, begann, Menschen einzuladen. Und in der ganzen Welt war seine Gastfreundschaft bekannt, denn ohne es zu wissen, nahm er Engel als Gäste auf.
Und genauso ist das auch für uns aktuell. Wenn wir jemandes glückliches Familienleben sehen, können wir sagen: „Wie wunderbar ist es, ein glückliches Familienleben zu haben! Auch ich werde für mich, mit meinem geliebten Menschen (mit meiner Liebsten oder mit meinem Liebsten) mein Familienleben aufbauen.“ Wenn ich sehe, wie ein Mensch glücklich, freudig zur Arbeit geht, zu irgendeinem Dienst, kann ich sagen: „Ich will auch eine Arbeit finden, will auch mich in Glück und in Freude verwirklichen.“ Und jedes Werkzeug kann man erwerben wollen, aber erwerben in Übereinstimmung mit den eigenen Wünschen, die eigenen Werkzeuge gebrauchen, die eigene Familie – das gebrauchen, was Gott mir gegeben hat, um Ihm zu dienen, um das zu verwirklichen, was Gott von mir will. Und in diesem Sinn ist der Wunsch, ich wiederhole es noch einmal, ebenfalls das Antonym der Eifersucht. Und wenn es so sein wird, dann wird darin Verwirklichung sein, und es wird Glück geben, und es wird keinen Platz mehr für Neid geben. Das sind solche kurzen Überlegungen zum Gebot lo-tachmód – begehre nicht, sei nicht eifersüchtig.
Lest auch: Beschalach, Mischpatim, Jitro im Audioformat und die Wochenabschnitte der Tora.