1. Wochenabschnitte
  2. Bereschit
  3. Wajechi

וַיְחִי

Wajechi

die Segnungen Jaakows und seiner Söhne

Illustration: alexblend.com
Wochenabschnitt
12 von 54
Verse
Bereschit 47,28–50,26
Teile
15
Lesezeit
3 Std. 44 Min.
Hörfassung
5 Std. 52 Min.

markiert Stellen, an denen die Übersetzung bewusst vom russischen Original abweicht. Antippen zeigt den Hinweis.

Wajechi ist der abschließende Wochenabschnitt des Buches Bereschit. Im Stenogramm behandelt Alex Blend die letzten Tage Jaakows, die Segnungen der Kinder und der Stämme Israels, den Schwur Josefs und den Abschied der Familie. Der hebräische Text, die Transliteration und die Übersetzung werden von den Kommentaren des Autors zur Tora und zur Haftara begleitet.

Wajechi: nicht in Ägypten

Bereschit 47,28–48,9

Wir sind dabei stehen geblieben, dass dank der Umsetzung des Wirtschaftsplans Josefs die gesamte Bevölkerung Ägyptens zu Sklaven des Pharao geworden ist. Die gesamte Bevölkerung, mit Ausnahme zweier Gruppen. Die erste Gruppe, die nicht zu Sklaven wurde, sind die Kohanim (Priester), denen der Pharao eine besondere Ration zuteilt, eine besondere Lebensmittelhilfe, und sie sind nicht auf Lebensmittel angewiesen, verkaufen ihr Land nicht. Und man muss sagen, dass zu diesen Kohanim unter anderem die ganze Verwandtschaft Josefs über die weibliche Linie gehört, denn er ist mit der Tochter Potifars verheiratet, des Priesters aus der Stadt On. Der zweite Teil der Bevölkerung, der ebenfalls nicht zu Sklaven wurde, sind die Verwandten Josefs über die Linie Josefs, sein Vater und seine Brüder, das Volk Israel, das ebenfalls durch die Gnade des Pharao im Land Góschen angesiedelt wurde und sich selbst ernährte, seine Herden unterhielt und ebenfalls kein Brot brauchte. Und auch die Juden wurden nicht zu Sklaven des Pharao.

Wir haben auch davon gelesen, dass Jaakow nach zweiundzwanzig Jahren der Trennung endlich Josef wiedergetroffen hat, er weinte, beide weinten, und Jaakow sagte, dass ich jetzt also ruhig sterben kann. Jaakow ist alt, er ist hundertdreißig Jahre alt, und er sagt dem Pharao, dass die Jahre seines Lebens schwere Jahre waren, und genau an dieser Stelle haben wir uns von Jaakow getrennt. Es ist Zeit, die Geschichte unserer Helden weiterzulesen.

וַיְחִי יַעֲקֹב בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם שְׁבַע עֶשְׂרֵה שָׁנָה

wajchí jaaków be'érez mizraíim schewá esré schaná

28 Und Jaakow lebte im Land Ägypten siebzehn Jahre…

Obwohl Jaakow schon alt ist und er sich aufs Sterben vorbereitet, hat der Höchste seine eigenen Pläne. Jaakow lebt 17 Jahre im Land Ägypten; er hat die 5 Jahre der Hungersnot überlebt, und die sind schon seit 12 Jahren vorbei, und Jaakow lebt weiter im Land Ägypten.

Die Kommentatoren merken an, dass Jaakow ihn 17 Jahre lang (bis zu Josefs siebzehntem Lebensjahr) versorgt hat. Jetzt versorgt Josef 17 Jahre lang Jaakow. Darin liegt eine gewisse mathematische Genauigkeit, die zum Teil von der Entfremdung spricht, die zwischen Jaakow und Josef eingetreten ist. Als ob Josef Jaakow die Schuld „jahresweise“ zurückzahlt. Irgendein Schatten ist zwischen Vater und Sohn gefallen, das ist ganz sicher, denn Josef behält Jaakow nicht in seiner Nähe, siedelt ihn nicht bei sich zu Hause an, sondern schickt ihn zusammen mit seinen Verwandten ins Land Góschen, und in der Familie Jaakows ist nicht alles so einfach.

וַיְהִי יְמֵי-יַעֲקֹב שְׁנֵי חַיָּיו שֶׁבַע שָׁנִים וְאַרְבָּעִים וּמְאַת שָׁנָה׃

wajhí jeme-jaaków schené chajáw schéwa schaním we'arba'ím um'át schaná

…und es waren die Jahre des Lebens Jaakows, und es waren die Tage seines Lebens hundertsiebenundvierzig Jahre.

Diese Aufzählungen des Lebens der Patriarchen sind nicht zufällig. Wir wissen, dass Awraham 175 Jahre lebte, Jizchak lebte 180 Jahre, und nun lebt Jaakow 147 Jahre. Man könnte meinen, darin gibt es keine Folge, keine Logik, aber wenn man ein klein wenig Mathematik anwendet, zeichnet sich ein ziemlich strenger Plan ab.

175 Lebensjahre Awrahams – das ist das Quadrat der Zahl 5, 5x5 und mal 7=175. Zusammen ergeben die Faktoren 5, 5 und 7 die 17, 5+5+7=17.

Die Lebensjahre Jizchaks – das ist das Quadrat der Zahl 6, 6x6=36, und der Faktor wird um 2 kleiner, schon 5, das heißt 6x6x5=180. Wiederum ist die Summe der Faktoren 6+6+5=17. Man kann es nachrechnen, das ist ziemlich einfache Arithmetik.

Nach dieser Logik müsste herauskommen, dass das Lebensalter Jaakows das Quadrat der Zahl 7 ist, mit einem Faktor, der um 2 kleiner ist, also 7x7x3; und so ist es auch, 7x7 = 49, mal 3 = 147. Und wiederum ist die Summe der Faktoren 7+7+3=17.

Und solche Berechnungen, wozu werden sie gemacht? Um zu sehen, zu erkennen, dass diese Ereignisse, diese Lebensjahre nicht zufällig sind, sie sind durch einen klaren göttlichen Plan bestimmt und lassen sich sogar durch irgendwelche Formeln berechnen.

Andere Kommentatoren sagten, dass, weil Jaakow sich beim Pharao mit dreiunddreißig Buchstaben über sein bitteres Leben und Dasein beklagt hat, 33 Buchstaben von dem Alter 180 abfielen, das er hätte erreichen können, und deshalb lebte er 33 Jahre weniger als Jizchak.

Wie dem auch sei, die Kommentatoren versuchen, eine Logik darin zu finden, dass die Tora das Alter der Gerechten nennt, und eine Logik darin, warum sie gerade so lange lebten.

Gewöhnlich alles, was wir bisher gelesen haben: und Awraham lebte, und Adam lebte, und Jizchak lebte so und so viele Jahre – immer, wenn das Alter eines Menschen erwähnt wird, kann man sagen: na gut, dann geht es also darum, dass die Jahre des Todes nahen. Danach wird geschrieben stehen, dass der Held der Erzählung starb. Bei Jaakow ist es ein bisschen anders, die Tora weicht von der Handlung ab. Jaakow lebt außerhalb des Landes Israel, Jaakow hat viele Sorgen. Die Tora sagt, dass die Krankheit (Jaakow wurde krank) einem Menschen geschickt wird, damit er irgendwelche häuslichen Angelegenheiten regeln kann. Wenn ein Mensch plötzlich stirbt, bleiben alle seine Angelegenheiten im „Durcheinander“, im „Kuddelmuddel“; hier aber kann ein Mensch, der krank wird, der das Nahen des Todes spürt, anfangen, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Und es sieht so aus, als ob Jaakow das tut.

וַיִּקְרְבוּ יְמֵי-יִשְׂרָאֵל לָמוּת וַיִּקְרָא לִבְנוֹ לְיוֹסֵף וַיֹּאמֶר לוֹ אִם-נָא מָצָאתִי חֵן בְּעֵינֶיךָ שִׂים-נָא יָדְךָ תַּחַת יְרֵכִי וְעָשִׂיתָ עִמָּדִי חֶסֶד וֶאֱמֶת אַל-נָא תִקְבְּרֵנִי בְּמִצְרָיִם׃

wajikrewú jeme-jisraél lamút wajikrá liwnó lejosséf wajomer lo im-ná mazáti chen be'enécha sim-na jadechá táchat jerechí we'assíta immadí chéssed we'emét al-ná tikberéni bemizrájim

29 Und es nahten die Tage für Israel zu sterben (Israel, Jaakow, spürte, dass er sich dem Tag des Todes nähert, dass er schon krank ist und bald wirklich sterben wird), und er rief seinen Sohn Josef und sagte zu ihm: „Wenn ich Gnade gefunden habe in deinen Augen (er spricht nicht einfach mit dem Sohn, mit dem Sohn würde er vielleicht einfacher sprechen; aber vor ihm steht auch noch ein ägyptischer Beamter, man muss wenigstens den Anschein der Rangordnung wahren), lege die Hand unter meine Hüfte (das heißt auf den Brít Milá, die Stelle der Beschneidung), und erweise mir Gnade und Wahrheit (erfülle deinen Schwur mir gegenüber, erfülle das Versprechen mir gegenüber, tu das, was dir nach meinem Tod obliegt): begrabe mich bitte nicht im Land Ägypten.

Jaakow will nicht im Land Ägypten begraben werden. Man könnte meinen, was macht das für ihn für einen Unterschied? (Josef wird in Ägypten begraben werden). Jaakow versteht, dass er der Patriarch der Generationen ist, und wenn er in Ägypten begraben bleibt, bleiben vielleicht alle seine Söhne dort und wollen nirgendwohin vom Grab des Papas weggehen. Jaakow versteht auch, dass die Verheißung ihm in Bezug auf das Land Israel gegeben ist. Später wird sich eine Tradition darüber entwickeln, wie wichtig es ist, im Land Israel begraben zu werden, dass das bedeutsam ist. Jaakow, so denke ich, ließ sich von anderen Beweggründen leiten. Er wollte im Land Ägypten keine Gedenkstätte schaffen, wollte kein Mausoleum Jaakows in Ägypten, deshalb wollte er bei seinen Vätern in der Höhle Mearát ha Machpelá begraben werden.

וְשָׁכַבְתִּי עִם-אֲבֹתַי וּנְשָׂאתַנִי מִמִּצְרַיִם וּקְבַרְתַּנִי בִּקְבֻרָתָם וַיֹּאמַר אָנֹכִי אֶעֱשֶׂה כִדְבָרֶךָ׃

weschachawtí im-awotáj unsatáni mimmizrájim ukwartáni bikwuratám wajomár anochi e'essé chidwarécha

30 Und ich werde mich zu meinen Vätern legen, und du wirst mich aus Ägypten bringen und mich an ihrer Grabstätte begraben.“ Und Josef sagte: „Ich werde tun, wie du sagst.“

Das ist kein Begräbnis, das ist ein Bild des Todes: sich zu den Vätern legen – das ist ein Bild, ein Euphemismus für den Tod.

וַיֹּאמֶר הִשָּׁבְעָה לִי וַיִּשָּׁבַע לוֹ וַיִּשְׁתַּחוּ יִשְׂרָאֵל עַל-רֹאשׁ הַמִּטָּה׃ 

wajomer hischawe'á li wajischawá lo wajischtáchu jisraél al-rósch hammittá

31 Und Jaakow sagte: „Schwöre mir!“ Und er schwor ihm, und Israel lehnte sich auf das Bett zurück.

Das heißt, Israel, Jaakow, nahm seine letzten Kräfte zusammen, um mit Josef über dieses wichtige Thema zu sprechen. Warum bittet Jaakow Josef zu schwören, warum ist es ihm wichtig, dass Josef schwört? Nicht weil er Josef nicht aufs Wort glaubt. Die Sache ist die, dass schon 17 Jahre seit der Zeit der Hungersnot vergangen sind, seit der Zeit, als die neue Wirtschaftspolitik Josefs den Pharao stark bereichert hat, und der Wert Josefs in den Augen des Pharao hat sich verändert. Josef ist nicht mehr eine solche Autorität, nicht mehr ein so wertvoller Mitarbeiter, die Beziehungen sind kompliziert. Außerdem muss Josef ständig seine Treue zum ägyptischen Volk beweisen, und Josef hat offensichtlich ziemlich viele Feinde. Wir haben gesagt, dass Josef alle zu Sklaven gemacht hat, außer seinen Verwandten von der einen und von der anderen Seite, und es ist klar, dass das nicht allen gefällt, viele wollen an seinem Stuhl sägen. Und wenn er mit der Bitte „ich will den Vater begraben“ zum Pharao kommt, kann er sagen: „Na ja, das ist eine Laune des Alten. Ich habe ihm geschworen. Und nicht, weil ich es will, nicht weil unsere Religion so ist, sondern der Vater hat mir einen Schwur abgenommen. Du hattest doch auch einen Vater, bring meinem Schwur gegenüber dem Vater Achtung entgegen.“ So wird der Pharao letzten Endes auch handeln. Deshalb ist es Jaakow wichtig, dass Josef später sagen kann: „Ich habe geschworen.“ Beide verstehen ein bisschen etwas von der ägyptischen Politik.

Und wir werden Kapitel 48 lesen.

וַיְהִי אַחֲרֵי הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה וַיֹּאמֶר לְיוֹסֵף הִנֵּה אָבִיךָ חֹלֶה וַיִּקַּח אֶת-שְׁנֵי בָנָיו עִמּוֹ אֶת-מְנַשֶּׁה וְאֶת-אֶפְרָיִם׃

wajhí acharé haddewarim ha'elle wajomer lejosséf hínne awícha cholé wajikkách et-schené wanáw immo et-menasché we'et-efrájim

1 Und es war nach diesen Worten, da wurde Josef gesagt: „Siehe, dein Vater ist krank.“ Und er nahm seine zwei Söhne mit sich, Menasche und Efrajim.

Wir erinnern uns, dass Jaakow weit weg wohnt, im Land Góschen. Offenbar hat Josef, nachdem er Jaakow besucht und ihm den Schwur geleistet hatte, irgendwelche Leute bei Jaakow eingesetzt, oder sie waren von Anfang an eingesetzt. Sie teilen Josef mit: „Dein Vater ist krank.“ Das bedeutet nicht, dass er Fieber und Grippe hat, das bedeutet, dass es schon Zeit ist zu kommen und vielleicht Abschied zu nehmen, das ist eine solche Krankheit, bei der man den Kranken besuchen muss.

וַיַּגֵּד לְיַעֲקֹב וַיֹּאמֶר הִנֵּה בִּנְךָ יוֹסֵף בָּא אֵלֶיךָ וַיִּתְחַזֵּק יִשְׂרָאֵל וַיֵּשֶׁב עַל-הַמִּטָּה׃

wajaggéd lejaaków wajomer hinné binchá josséf ba elécha wajitchassék jisraél wajeschew al-hammitta

2 Und man sagte zu Jaakow: „Siehe, dein Sohn Josef ist zu dir gekommen.“ Und Israel nahm seine Kräfte zusammen und setzte sich auf das Bett (offenbar kostet ihn das wirklich viel Mühe).

Und man sagte zu Jaakow – das heißt, wiederum öffnet niemand Jaakow die Tür und tritt ein; dieses und man sagte ihm bedeutet, dass er jemanden wie einen Butler hat, und Dienerschaft, und eine Pflegerin, die bei ihm sitzt und nach ihm sieht, und das zeigt, dass Josef ihn mit ausreichender Ehre umgibt.

וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב אֶל-יוֹסֵף אֵל שַׁדַּי נִרְאָה-אֵלַי בְּלוּז בְּאֶרֶץ כְּנָעַן וַיְבָרֶךְ אֹתִי׃

wajomer jaaków el-josséf el schaddáj nir'a-eláj belús be'érez kena'án wajwárech otí

3 Und Jaakow sagte zu Josef: „Gott Schaddaj hat sich mir in Lus offenbart (hier erinnert sich Jaakow an die Geschichte, als er den Traum mit der Leiter sah, und an das letzte Mal, als er dorthin zurückkehrte), im kanaanäischen Land, und hat mich gesegnet.“

וַיֹּאמֶר אֵלַי הִנְנִי מַפְרְךָ וְהִרְבִּיתִךָ וּנְתַתִּיךָ לִקְהַל עַמִּים וְנָתַתִּי אֶת-הָאָרֶץ הַזֹּאת לְזַרְעֲךָ אַחֲרֶיךָ אֲחֻזַּת עוֹלָם׃

wajomer eláj hinení mafrechá wehirbitícha untattícha likhál ammím wenatattí et-ha'árez hassót lesar'achá acharécha achussát olám

4 Und er sagte zu mir (Gott Schaddaj sagte zu mir): „Siehe, Ich werde dich fruchtbar machen und dich mehren und dich zu einer Versammlung von Völkern machen; und Ich gab dieses Land deinem Samen nach dir zum ewigen Besitz.“

Jaakow erinnert an sein Recht, an seinen, im Grunde, Kaufbrief für das Land Israel, das nach seinem Namen benannt werden wird, für das kanaanäische Land, und sagt: „Der HERR hat mir dieses Land versprochen.“ Und wozu er jetzt daran erinnert:

וְעַתָּה שְׁנֵי-בָנֶיךָ הַנּוֹלָדִים לְךָ בְּאֶרֶץ מִצְרַיִם עַד-בֹּאִי אֵלֶיךָ מִצְרַיְמָה לִי-הֵם אֶפְרַיִם וּמְנַשֶּׁה כִּרְאוּבֵן וְשִׁמְעוֹן יִהְיוּ-לִי׃

we'attá schene-wanécha hannoladím lechá be'érez mizrájim ad-bo'í elécha mizrájma li-hém efrajím umnasché kir'uwén weschim'ón jihju-lí

5 „Jetzt aber deine zwei Söhne, die dir im Land Ägypten geboren wurden, bevor ich zu dir nach Ägypten kam, mir gehören sie, Efrajim und Menasche. sie werden meine Söhne sein, so wie Re'uwen und Schimon;

Interessant: Wenn man die Gematrien überprüft, dann unterscheiden sie sich bei den Namenspaaren Efrajim-Menasche und Re'uwen-Schimon um eins. Das heißt, wenn man die Zahlenwerte der Buchstaben in den Namen Re'uwen-Schimon berechnet und mit dem Zahlenwert der Buchstaben der Namen Efrajim-Menasche vergleicht, ergibt sich ein Unterschied von eins: 735 – 736. Zwei verschiedene Gematrien, aber sie unterscheiden sich um eins. In der Lehre von der Gematrie sagt man, dass das im akolel heißt, wenn man den Ausdruck selbst als ein einziges Ganzes zählen kann und die Gematrien als gleich annehmen kann. Aber das ist so eine Anmerkung in Klammern.

Was meint Jaakow? Er sagt, dass sie jeder ein Erbteil in seinem Land bekommen werden. Und obwohl das Land Israel, wie man so sagt, „nach Köpfen“ aufgeteilt werden wird, das Los geworfen werden wird, und es Namen der Erbteile gibt, es bestimmte Erbteile gibt, werden dennoch Efrajim und Menasche jeder sein eigenes Erbteil bekommen. Das bedeutet praktisch, dass Jaakow die Kinder Josefs adoptiert. Warum er das tut, darüber sprechen wir später.

וּמוֹלַדְתְּךָ אֲשֶׁר-הוֹלַדְתָּ אַחֲרֵיהֶם לְךָ יִהְיוּ עַל שֵׁם אֲחֵיהֶם יִקָּרְאוּ בְּנַחֲלָתָם׃

umoladtechá ascher-holádta acharehém lechá jihjú al schém

achehém jikkare'ú benachalatám

6 Und die, die du nach ihnen gezeugt hast, werden dir gehören, und nach dem Namen ihrer Brüder werden sie in ihren Erbteilen genannt werden.

Mit anderen Worten: „Ich adoptiere deine zwei Söhne; wenn du nach ihnen noch jemanden zeugst, werden sie dir gehören. Das heißt, wenn du einen dritten, vierten und, so Gott will, siebten oder zehnten zeugst – bekommen sie keine eigenen Erbteile mehr wie Re'uwen, sie werden zum Erbteil Efrajims oder Menasches gehören, werden sich den schon bestehenden Stämmen deiner Söhne anschließen.“ Josef bekommt auf diese Weise zwei Erbteile seiner Söhne als Erstgeborener im Erbe.

Weiter fährt Jaakow fort oder fährt nicht fort, sondern schweift ab und sagt Folgendes:

וַאֲנִי בְּבֹאִי מִפַּדָּן מֵתָה עָלַי רָחֵל בְּאֶרֶץ כְּנַעַן בַּדֶּרֶךְ בְּעוֹד כִּבְרַת-אֶרֶץ לָבֹא אֶפְרָתָה וָאֶקְבְּרֶהָ שָּׁם בְּדֶרֶךְ אֶפְרָת הִוא בֵּית לָחֶם׃

Wa'aní bewo'í mippaddán méta aláj rachél be'érez kená'an baddérech be'ód kiwrat-érez lawó efráta wa'ekberéha scham bedérech efrát hi bet láchem

7 Ich aber, als ich aus Padan zurückkehrte, starb mir Rachel im kanaanäischen Land, unterwegs, in einer Entfernung von mehr als einer Meile bis zum Rastplatz, bis Efrata. Und ich begrub sie dort am Weg nach Efrata, das ist Bejt-Lechem.

Die Kommentatoren versuchen zu verstehen, warum Jaakow abschweift und auf diese Geschichte umschwenkt. Manche sagen: „Jaakow entschuldigt sich dafür, dass er einerseits bittet, ihn sogar aus Ägypten ins Land Israel zu bringen und ihn im Land Israel zu begraben, er selbst aber die Mama Josefs unterwegs begraben hat. Andererseits wäre es angebracht gewesen, dass Jaakow sich dafür entschuldigt (wenn er sich dafür entschuldigt hätte), als er bat, ihn nicht in Ägypten zu begraben, bei der ersten Begegnung. Jetzt aber spricht er nicht über das Begräbnis, er spricht über das Erbteil, und am wahrscheinlichsten geht es hier um Folgendes: „Du, Josef, bist hier ein Höfling, du hast einen sehr hohen Rang erreicht, und deine Söhne leben am Hof, und sie sind fast Prinzen, hier sind sie die Elite der ägyptischen Gesellschaft. Denk daran, denk daran, woher du genommen bist, denk daran, wo das Grab deiner Vorfahren ist. Obwohl du in Ägypten lebst und zu hohen Höhen aufgestiegen bist, denk daran: Das Grab deiner Mutter ist dort, am Weg nach Efrata, dorthin strebe auch du selbst.“

וַיַּרְא יִשְׂרָאֵל אֶת-בְּנֵי יוֹסֵף וַיֹּאמֶר מִי-אֵלֶּה׃

wajár jisraél et-bené josséf wajomer mi-élle

8 Und Israel sah die Söhne Josefs und fragte: „wer ist das?“

Jetzt hat er gleichsam zu Ende gesagt, was für ihn das Wichtigste war, er schaut sich um und sieht: Neben Josef stehen seine Söhne. Sie wurden noch vor der Ankunft Jaakows geboren, das heißt, sie sind jeweils etwa achtzehn-neunzehn Jahre alt, vielleicht zwanzig. Vielleicht haben die Söhne Josefs den Großvater im Land Góschen nicht besucht; vielleicht ist es einfach die Dunkelheit im Zimmer, in dem er liegt, und die Schwäche seiner Augen (wir werden weiter noch von der Schwäche seiner Augen lesen). So oder so, Jaakow erkennt seine Enkel nicht, die er gerade adoptiert hat. Oder vielleicht wartet er darauf, dass man ihm sagt: „Das sind deine Kinder, Efrajim und Menasche.“ Josef sagt zu ihm:

וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל-אָבִיו בָּנַי הֵם אֲשֶׁר-נָתַן-לִי אֱלֹהִים בָּזֶה וַיֹּאמַר קָחֶם-נָא אֵלַי וַאֲבָרֲכֵם׃

wajomer josséf el-awíw banáj hem ascher-natan-lí elohím basé wajomar kachem-ná eláj wa'awarechém

9 Und Josef sagte zu seinem Vater: „Das sind meine Söhne, die Gott mir hier gegeben hat.“ Und Jaakow sagte zu ihm: „Bring sie her zu mir, und ich werde sie segnen.“

Eine sehr interessante Passage in diesem Wochenabschnitt. Wir werden uns praktisch von allen Helden des Buches Bereschit verabschieden. Im Ganzen wird es ein sehr trauriger Wochenabschnitt sein.

Beim Großvater Jaakow (48,10–22)

Also, Josef besucht mit seinen Söhnen, Efrajim und Menasche, den kranken Jaakow, seinen kranken Vater. Jaakow verspricht Josef, dass Efrajim und Menasche, die Söhne Josefs, für Jaakow wie Re'uwen und Schimon sein werden, er adoptiert sie. Danach richtet Jaakow seine Aufmerksamkeit auf irgendwelche zwei Gestalten, die etwas abseits hinter Josef stehen, und fragt: „Wer ist das?“ Josef antwortet ihm: „Das sind meine Söhne, die Gott mir hier gegeben hat.“ Jaakow sagt: „Bring sie her zu mir, und ich werde sie segnen.“

וְעֵינֵי יִשְׂרָאֵל כָּבְדוּ מִזֹּקֶן לֹא יוּכַל לִרְאוֹת

we'ené jisraél kawedú missóken lo juchál lir'ót

10 Die Augen Israels aber waren schwer geworden vom Alter, und er konnte nicht sehen;

Die Lider wurden schwer. Wenn die Lider schwer werden und es einem Menschen schwerfällt, die Augen zu heben, sagt man, dass seine Augen schwer geworden sind. Und deshalb konnte Jaakow nur ausmachen, dass dort irgendwelche zwei Menschen stehen, er konnte seine eigenen Enkel nicht erkennen. Und damit er sie identifizierte und wiedererkannte:

וַיַּגֵּשׁ אֹתָם אֵלָיו וַיִּשַּׁק לָהֶם וַיְחַבֵּק לָהֶם׃

wajaggésch otám eláw wajischák lahém wajchabbék lahém

…und er führte sie zu ihm, und er küsste sie, und er umarmte sie.

Jaakow hält sich kaum noch, er hat seine Kräfte zusammengenommen, um Josef zu empfangen, aber er umarmt und küsst die Söhne-Enkel, die Enkel, die zu Söhnen geworden sind; das gibt ihm zusätzlich Kraft.

וַיֹּאמֶר יִשְׂרָאֵל אֶל-יוֹסֵף רְאֹה פָנֶיךָ לֹא פִלָּלְתִּי וְהִנֵּה הֶרְאָה אֹתִי אֱלֹהִים גַּם אֶת-זַרְעֶךָ׃

wajomer jisraél el-josséf re'ó fanécha lo fillálti wehinné her'á otí elohím gam et-sar'écha

11 Und Israel sagte zu Josef: „Ich hatte schon nicht mehr gehofft, auch nur dein Gesicht zu sehen; und siehe, der HERR hat mir auch deinen Samen gezeigt.“

Ein erstaunlicher Satz. Natürlich hatte Jaakow, als er dachte, dass Josef gestorben ist, nicht mehr gehofft, sein Gesicht zu sehen. Hier sagt er: „Der HERR hat mir auch deinen Samen gezeigt.“ Und es stellt sich die Frage: 17 Jahre leben Josef und Jaakow in Ägypten, 17 Jahre wissen sie schon, dass beide leben, und Jaakow weiß, dass Josef Söhne hat. Und was? 17 Jahre haben sie sich nicht gesehen? Das sind keine kleinen Kinder mehr, sie sind 20 Jahre alt, Efrajim und Menasche. Worum geht es hier? Und wenn wir uns an die Traditionen der Adoption erinnern, dann musste der Vater, nachdem ein Mensch für lange Zeit verschwunden war, wenn er zurückkehrte, sozusagen ein offizielles Verfahren der Identifizierung durchführen, ihn anerkennen, ihn umarmen, ihn aufnehmen, manchmal ein Festmahl veranstalten (an das Gleichnis vom verlorenen Sohn erinnern wir uns auch). Wenn Jaakow seine Enkel, die Söhne Josefs, adoptiert, muss er sie auch aufnehmen und identifizieren. Und hier läuft eine Art Verfahren der Identifizierung ab. Jaakow sagt: „Ja, das ist dein Same. Ich hatte nicht gehofft, dich als meinen Sohn zu sehen, dich zu identifizieren und dich anzuerkennen, deine Rückkehr zu bezeugen, und siehe, ich sehe sogar deine Nachkommenschaft.“

וַיּוֹצֵא יוֹסֵף אֹתָם מֵעִם בִּרְכָּיו

wajozé josséf otám me'ím birkáw

12 Und Josef führte sie von den Knien Jaakows weg…

Warum hier Knie? Erinnert euch, die ganze Zeit, wenn es um Geburten geht, gebiert man auf die Knie. Sara sagt: „Diese Hagar wird mir auf die Knie gebären.“ Hiob sagt später: „Der, auf dessen Knie ich geboren wurde, die Knie, die mich aufgenommen haben.“ Das war Jaakow, der seine Enkel-Söhne auf den Knien hielt, wie uns die Tora jetzt enthüllt. Oder mit dem Nehmen auf die Knie ist einfach das Verfahren der Adoption selbst benannt.

וַיִּשְׁתַּחוּ לְאַפָּיו אָרְצָה׃

wajischtáchu le'appáw árza

…sie traten von ihm weg und verneigten sich vor ihm bis zum Boden.

Das heißt, damit war das Verfahren der Adoption beendet. Aber Jaakow hatte ja vor, sie nicht nur zu adoptieren, sondern sie auch zu segnen.

וַיִּקַּח יוֹסֵף אֶת-שְׁנֵיהֶם אֶת-אֶפְרַיִם בִּימִינוֹ מִשְּׂמֹאל יִשְׂרָאֵל וְאֶת-מְנַשֶּׁה בִשְׂמֹאלוֹ מִימִין יִשְׂרָאֵל וַיַּגֵּשׁ אֵלָיו׃

wajikkách josséf et-schenehém et-efrájim biminó missemól jisraél we'et-menasché wismolóIn der russischen Umschrift steht das Betonungszeichen in diesem Wort versehentlich auf einem Konsonanten. Die deutsche Umschrift setzt es nach dem Hebräischen auf die letzte Silbe. mimín jisraél wajaggésch eláw

13 Und Josef nahm beide. Efrajim nahm er in die rechte Hand, zur linken Hand Israels; Menasche nahm er in seine linke Hand, zur rechten Hand Israels.

Das heißt, Josef führt seine Söhne so heran, dass es für Jaakow bequemer ist, sie zu segnen: Menasche – mit der rechten Hand, Efrajim – mit der linken Hand, weil Menasche der Ältere ist, Efrajim der Jüngere. Damit Jaakow sie nicht versehentlich verwechselt, weil er nicht sehr gut sieht, damit er nicht anfängt, die Söhne umzustellen, damit niemand gekränkt wird. Man sieht, dass Josef alles gut durchdacht hat, und da gibt es auch nicht viel zu durchdenken. Aber es geschieht etwas Unerwartetes.

וַיִּשְׁלַח יִשְׂרָאֵל אֶת-יְמִינוֹ וַיָּשֶׁת עַל-רֹאשׁ אֶפְרַיִם וְהוּא הַצָּעִיר וְאֶת-שְׂמֹאלוֹ עַל-רֹאשׁ מְנַשֶּׁה שִׂכֵּל אֶת-יָדָיו כִּי מְנַשֶּׁה הַבְּכוֹר׃

wajischlách jisraél et-jeminó wajáschet al-rósch efrájim wehú hazza'ír we'et-semoló al-rósch menasché sikkél et-jadáw ki menasche habbechór

14 Jaakow legt (erstaunlicherweise) die rechte Hand auf den Kopf Efrajims und die linke Hand auf den Kopf Menasches (und kreuzt so die Hände), indem er seine Hände kreuzte, denn Menasche ist der Erstgeborene.

Jaakow musste die Hände kreuzen, um sie umgekehrt zu segnen. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes schikél (oder schchol) – kreuzen oder bekreuzigenDas russische Wort an dieser Stelle bedeutet sowohl „taufen“ als auch „das Kreuzzeichen machen“. Übersetzt ist es mit „bekreuzigen“, weil der Absatz vom kreuzweisen Auflegen der Hände spricht.. Aber das mit ihm wurzelverwandte Wort séchel – Verstand, Vernunft, die Fähigkeit, Dinge zu überkreuzen, zu vermischen, einander gegenüberzustellen. Und die Kommentatoren im Mittelalter sind im Gegensatz zur christlichen Auslegungstradition von der Vorstellung abgerückt, dass Jaakow da irgendwo irgendetwas kreuzte und die Hände kreuzweise auf die Köpfe der Kinder legte. Sie sagten, dass Jaakow den Verstand angewandt, seine Hände vernünftig gebraucht, sie irgendwie so raffiniert gelegt hat: die Kinder umzustellen war unbequem, deshalb bediente er sich der Weisheit der Hände. Aber all diese Kommentare entstehen auf dem Boden der Apologetik in den Diskursen gegen das Christentum, wo man keine Argumente sehen wollte, die Wasser auf die christlichen Mühlen gießen würden. Und beeilt euch nicht, hier die Juden der Heuchelei zu beschuldigen, denn das geschah im Schatten des Autodafé und weil in jener Zeit die einen die anderen im Verlauf der Disputationen auf dem Scheiterhaufen verbrennen konnten. Deshalb ist alles nicht so einfach.

Jaakow kreuzte also die Hände und segnet mit gekreuzten Händen seine Enkel-Söhne, das heißt, er erhebt den Jüngeren über den Älteren, setzt den Älteren vor dem Jüngeren herab, einerseits; andererseits stehen sie nach Rang, das heißt, beide erhalten einen einander ergänzenden Segen.

וַיְבָרֶךְ אֶת-יוֹסֵף וַיֹּאמַר הָאֱלֹהִים אֲשֶׁר הִתְהַלְּכוּ אֲבֹתַי לְפָנָיו אַבְרָהָם וְיִצְחָק הָאֱלֹהִים הָרֹעֶה אֹתִי מֵעוֹדִי עַד-הַיּוֹם הַזֶּה׃

wajwárech et-josséf wajomár ha'elohím aschér hithallechú awotáj lefanáw awrahám wejizchák ha'elohím haro'é otí me'odí ad-hajom hassé

15 Und er segnete Josef (das heißt, nachdem er die Hände auf die Köpfe seiner Enkel gelegt hat, segnet Jaakow noch nicht sie, sondern Josef) und sagt so: „Gott, mit dem meine Väter gingen, Awraham und Jizchak, Gott, der mich von meinem allerersten Anfang an bis zum heutigen Tag geweidet hat,

הַמַּלְאָךְ הַגֹּאֵל אֹתִי מִכָּל-רָע יְבָרֵךְ אֶת-הַנְּעָרִים וְיִקָּרֵא בָהֶם שְׁמִי וְשֵׁם אֲבֹתַי אַבְרָהָם וְיִצְחָק וְיִדְגּוּ לָרֹב בְּקֶרֶב הָאָרֶץ׃

hammal'ách haggo'él otí mikkol-rá jewaréch et-hanne'arím wejikkaré wahém schemí weschém awotáj awrahám wejizchák wejidgú larów bekérew ha'árez

16 der Engel, der mich vor allem Bösen bewahrt hat, er wird diese Kinder segnen. Und es wird in ihnen mein Name genannt werden und der Name meiner Väter, Awrahams und Jizchaks. Und sie werden sich auf der Erde sehr ‚wie Fische vermehren‘.“

Das Wort jadgú kommt von der Wurzel dag – Fisch. Der Fisch zieht in Schwärmen, er vermehrt sich, deshalb wird hier das Wort jadgú in der Bedeutung sie werden sich vermehren gebraucht. Es werden ihrer viele sein, wie Fische, aber sie werden auf der Erde sein. Ein sehr unverständlicher Segen. Er beginnt mit „Gott, vor dem unsere Väter gingen, meine Väter, Awraham und Jizchak, Gott, der mich bis zu diesem Tag geweidet hat“. Und hier ist alles verständlich. Und weiter: „Und der Engel, der mich vor allem Bösen bewahrt hat, er wird diese Jungen segnen, und es wird in ihnen mein Name genannt werden und der Name meiner Väter.“ Und auf Anhieb ist es nicht sehr verständlich: Wer denn nun, Gott oder ein Engel? Er hat mit Gott angefangen, hat anscheinend mit einem Engel aufgehört, was hat hier ein Engel damit zu tun? Und es gibt viele Kommentare dazu.

Manche sagen, dass er hier Gott einen Engel genannt hat. Es kommt oft vor, dass Gott Engel genannt wird oder durch einen Engel handelt. Andere sagen, dass das irgendwelche alten Überlieferungen darüber sind, dass Jaakow seinen Schutzengel weitergibt. Und man kann beiden Kommentaren zustimmen, in dem Sinne, dass Jaakow von Anfang an (auch in seinem ersten Traum, an der Leiter) Engel sieht und dann, als er ins Land Israel zurückkehrt, Lager von Engeln sieht. Die Engel sind ein ständiges Werkzeug des Handelns des Höchsten im Leben Israels (Jaakows). Und Israel gibt seinen Enkel-Kindern auch diesen ganzen Mechanismus weiter, das ganze System der Obhut Gottes über das Volk, und spricht davon, dass sie gedeihen können, dass sie sich auf der Erde vermehren werden, das heißt, sie werden Behagen und Wohlstand haben, Er wird sie vor allem Bösen bewahren. Hier gibt es keine Einzelheiten, wie genau Er sie segnen wird, Er wird sie einfach segnen, und fertig. Wir werden etwas weiter klären, wie und warum, und warum es hier keine konkrete Bracha gibt: ob sie finanziell, materiell, mit dem Talent zum Klavierspielen oder mit dem Talent für Sprachen gesegnet werden.

וַיַּרְא יוֹסֵף כִּי-יָשִׁית אָבִיו יַד-יְמִינוֹ עַל-רֹאשׁ אֶפְרַיִם וַיֵּרַע בְּעֵינָיו

wajár josséf ki-jaschít awíw jad-jeminó al-rósch efrájim wajéra be'enáw

17 Und Josef sah, dass der Vater die rechte Hand auf den Kopf Efrajims gelegt hatte, und es wurde schlecht in seinen Augen (es erschien ihm als eine ungute Sache) …

Wir haben in Kapitel 21 gelesen, dass es Awraham ungut erschien, als er Jischmael wegschicken musste. Wir erinnern uns an diese Geschichte, als Sara zu ihm sagte: „Jag endlich diese Hagar mit diesem Jischmael fort, die hier ständig über mich spotten und mich verhöhnen.“ Awraham stand auf, und es steht geschrieben: „Und das war ihm sehr schwer.“ Es war ihm sehr traurig, sie fortzujagen; das in der Familie Awrahams, in der Familie Jizchaks, in der Kindheit Jizchaks. Dann hat Jaakow selbst Schwierigkeiten mit Esaw, Probleme mit dem Erstgeburtsrecht, als er dann selbst fliehen musste. Und auch Josef hat Probleme, denn er ist der Erstgeborene von der geliebten Frau, aber es gibt auch noch die ungeliebten Frauen. Bei Jaakow gibt es vier Kategorien von Kindern von vier verschiedenen Frauen, Schwierigkeiten mit der Erstgeburt und überhaupt Schwierigkeiten in der Familie. Und unaufhörlich das Fehlen von Frieden zwischen den Brüdern, von Generation zu Generation.

Und Josef packt vielleicht sogar das Entsetzen darüber, dass er sieht, wie Jaakow wieder irgendein Durcheinander in die natürliche Ordnung der Dinge bringt – dass Menasche der Ältere ist, Efrajim der Jüngere. Jaakow verschiebt das alles, und der erschrockene Josef nimmt die Hand Jaakows, so steht es geschrieben:

וַיִּתְמֹךְ יַד-אָבִיו לְהָסִיר אֹתָהּ מֵעַל רֹאשׁ-אֶפְרַיִם עַל-רֹאשׁ מְנַשֶּׁה׃

wajitmóch jad-awíw lehassír otá me'ál rosch-efrájim al-rósch menasché

…und er stützte, er packte den Vater an der Hand, um sie vom Kopf Efrajims weg auf den Kopf Menasches zu legen.

וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל-אָבִיו לֹא-כֵן אָבִי כִּי-זֶה הַבְּכֹר שִׂים יְמִינְךָ עַל-רֹאשׁוֹ׃

wajomer josséf el-awíw lo-chén awí ki-sé habbechór sim jeminechá al-roschó

18 Und Josef sagte zum Vater: „Nicht so, Papa, dieser hier ist der Erstgeborene, auf seinen Kopf lege die Hand.“

Vielleicht sieht der Papa nicht nur schlecht, sondern denkt auch schon schlecht, vielleicht hat der alte Alzheimer seinen fernen Vorfahren Jaakow besucht, und Jaakow kann schon nicht mehr sehr gut denken. Ich weiß nicht, was Josef durch den Kopf ging, aber er erschrak, erschrak, dass noch eine Generation von Brüdern verfeindet sein wird, das Buch Bereschit geht schon zu Ende, es wäre schon Zeit, sich zu versöhnen; und das Erschrecken Josefs ist verständlich.

וַיְמָאֵן אָבִיו וַיֹּאמֶר יָדַעְתִּי בְנִי יָדַעְתִּי גַּם-הוּא יִהְיֶה-לְּעָם וְגַם-הוּא יִגְדָּל וְאוּלָם אָחִיו הַקָּטֹן יִגְדַּל מִמֶּנּוּ וְזַרְעוֹ יִהְיֶה מְלֹא-הַגּוֹיִם׃

wajma'én awíw wajomer jadá'ti wení jadá'ti gam-hú jihje-le'ám wegam-hú jigdál we'ulám achíw hakkatón jigdál mimménnu wesar'ó jihjé melo-haggojím

19 Aber der Vater weigerte sich (der Vater hielt die Hand fest) und sagte: „Ich weiß, mein Junge, ich weiß, auch er wird zu einem Volk werden, und auch er wird groß werden, aber sein jüngerer Bruder wird größer werden als er, und sein Same wird die Fülle der Heiden sein.“

Wenn wir den vollständigen Segen am Ende des nächsten Kapitels durchnehmen, werden wir noch klären, was diese Fülle der Völker oder Fülle der Heiden bedeutet.

וַיְבָרֲכֵם בַּיּוֹם הַהוּא לֵאמוֹר בְּךָ יְבָרֵךְ יִשְׂרָאֵל לֵאמֹר יְשִׂמְךָ אֱלֹהִים כְּאֶפְרַיִם וְכִמְנַשֶּׁה וַיָּשֶׂם אֶת-אֶפְרַיִם לִפְנֵי מְנַשֶּׁה׃

wajwarechém bajom hahú lemór bechá jewaréch jisraél lemór jesimechá elohím ke'efrájim wechimnasché wajássem et-efrájim lifné menasché

20 Und er segnete sie an jenem Tag und sprach: „Mit dir wird Israel segnen und sagen: ‚Der HERR mache dich wie Efrajim und Menasche‘“.

Jeden Schabbat, wenn der Papa aus der Synagoge nach Hause kommt, und auch zum ersten Mal bei der Beschneidung, segnet man das Kind so: „Der HERR mache dich wie Efrajim und Menasche“, mit dem Namen dieser beiden Jungs. Und natürlich stellt sich die Frage: Warum nicht wie Mosche und Aharon, warum nicht wie Schimon und Lewi, warum nicht wie Awraham und Jizchak, warum nicht wie Awraham, Jizchak und Jaakow? Wenn wir doch die Mädchen segnen, sagen wir: wie Sara, Riwka, Rachel und Lea. Warum kann man hier nicht segnen wie Awraham, Jizchak und Jaakow? Aber wir segnen die Kinder wie Efrajim und Menasche. Und dafür gibt es mehrere Gründe.

Der erste Grund: Efrajim und Menasche sind die ersten Kinder des Galut (des Exils); sie sind fern von der jüdischen Kultur aufgewachsen. Inwieweit haben sie die Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben bewahrt? Das sind Kinder, die fähig sind, den jüdischen Glauben unter den Bedingungen des Galut zu bewahren, fähig, das Licht durch die Finsternis zu tragen. Das ist eine wichtige Eigenschaft für das ganze jüdische Volk, denn sie wird zu einer der Hauptfunktionen des jüdischen Volkes werden.

Die zweite Bedeutung besagt, dass Efrajim und Menasche verschiedene Jungs sind. Efrajim neigt mehr zur Tora, zum Lernen, er ist so ein „Streber“, so sagen es die Midraschim. Menasche ist ein Mann des öffentlichen Lebens, er kann alles Nötige organisieren, damit Efrajim lernt. Efrajim ist ein Gelehrter, Menasche ist ein Sozialarbeiter, hilft allen, ein Arbeiter für die Gemeinschaft. Und auch im Leben haben die Menschen unterschiedliche Neigungen: Introvertierte und Extrovertierte, Geisteswissenschaftler und Physiker – und so weiter, die verschiedensten Unterschiede zwischen den Menschen. Wenn wir ein Kind sehen, das gerade erst geboren ist, ist es dumm, es zu segnen und zu sagen: Möge er ein guter Zahnarzt werden, oder möge er Cellist werden, oder möge er Juwelier werden. Wenn sich seine innere Welt zeigt, sich seine Talente dort öffnen, wo Gott ihn beschenkt hat, dort werden wir ihn auch segnen. Und deshalb segnen wir ke'efrájim und kemenasché (wie Efrajim und wie Menasche): den Geisteswissenschaftler oder den Physiker, den Physiker oder den Lyriker, den Gelehrten oder den tugendhaften Menschen – jeden nach seiner Natur. Alles, was es davor gab – die Segnungen waren nicht auf einen konkreten Menschen abgestimmt. Zum ersten Mal segnet Jaakow (der erste Vater, der erste Großvater) seine Kinder und Enkel jeden nach seiner Natur, ohne alle über einen Kamm zu scheren. Darin liegt ein erstaunliches Wesen, und darin spiegeln sich die göttlichen Segnungen wider, dass Er uns nicht alle gleich macht. Das ist die zweite Version, warum wir segnen wie Efrajim und wie Menasche.

Die dritte Version hängt damit zusammen, dass hier eigentlich der Segen des Großvaters ist, die dritte Generation. Zum ersten Mal in der ganzen Tora segnet ein Großvater seine Enkel, davor segneten die Väter die Söhne. Viele sagen: „Ein Jude ist der, dessen Enkel Juden sein werden“, das heißt, dessen Kinder ihre Kinder so erziehen wollen, wie man sie erzogen hat. Das gelingt nicht jedem, und für jeden Menschen gibt es die Sorge, ob seine Kinder gläubig werden, von den Enkeln ganz zu schweigen. Was für eine Freude ist es, wenn die Enkel in unseren Fußstapfen gehen und nicht nur die Kinder.

Und die vierte der verbreiteten Versionen, warum Jaakow vom Segen ke'efrájim und kemenasché spricht: weil das der erste Fall friedlicher, ruhiger Brüder ist. Die ganze Erzählung des Buches Bereschit ist eine Geschichte der Konfrontation zwischen Brüdern. Hier, selbst wenn man sie mit den Segnungen durcheinanderbringt und den jüngeren Efrajim wie den älteren segnet und den älteren Menasche wie den jüngeren, werden sie sich deswegen nicht zerstreiten. Sie haben den Frieden bewahrt. Das ist sehr wichtig – dem Höchsten zu folgen und Sein Schüler zu sein, diese Einheit zu bewahren, die Liebe zueinander zu bewahren; das ist wichtig für die Bewahrung der Einheit des Volkes, der Gemeinde, und deshalb ist auch das ein wichtiger Segen.

וַיֹּאמֶר יִשְׂרָאֵל אֶל-יוֹסֵף הִנֵּה אָנֹכִי מֵת וְהָיָה אֱלֹהִים עִמָּכֶם וְהֵשִׁיב אֶתְכֶם אֶל-אֶרֶץ אֲבֹתֵיכֶם׃

wajomer jisraél el-josséf hinné anochí met wehajá elohím immachém weheschíw etchém el-érez awotechém

21 Und Israel sagte zu Josef: „Siehe, ich sterbe. Der HERR sei mit euch, und Er wird euch in das Land eurer Väter zurückbringen.

Ein Segen wie der HERR mit euch – das ist statt dessen, was man heute zu sagen pflegt: bei der Begegnung – Schalom! und beim Abschied – Schalom! oder Lihitra'ot (auf Wiedersehen). Im Buch Rut lesen wir, dass es üblich war zu segnen – Der HERR mit euch – Adonaj immachem, und die Antwort darauf war – Der HERR segne dich. Wenn wir einem Menschen begegnen und uns von einem Menschen verabschieden, wünschen wir ihm, dass der HERR mit ihm sei, das ist das Wichtigste, alles Übrige wird hinzugefügt werden.

וַאֲנִי נָתַתִּי לְךָ שְׁכֶם אַחַד עַל-אַחֶיךָ אֲשֶׁר לָקַחְתִּי מִיַּד הָאֱמֹרִי בְּחַרְבִּי וּבְקַשְׁתִּי׃ 

wa'aní natátti lechá schechém achád al-achécha aschér lakáchti mijád ha'emorí becharbí uwkaschtí

22 Und ich habe dir Sch'chem gegeben (und Ich habe dir in Sch'chem einen Ort gegeben), zusätzlich zu dem Anteil inmitten deiner Brüder, den ich von den Amoritern mit meinem Schwert und meinem Bogen genommen habe.

Wir wissen, dass Jaakow ein Erbteil in Sch'chem hat, ein Erbteil, das er dort gekauft hat, für Geld gekauft (wir wissen, dort gab es dann den demonstrativen Auftritt von Schimon und Lewi, mit der Vernichtung der Bevölkerung einer ganzen Stadt als Rache für Dina). Aber Jaakow sagt hier, dass er „mit seinem Schwert und seinem Bogen diesen Ort erworben hat“. Die Kommentatoren sagen, dass chérew (Schwert) das Gebet ist und késchet (Bogen) die Bitte, dass „ich mit Gebeten und Bitten erworben habe“. Das ist natürlich ein schöner Drasch, eine schöne Auslegung, aber offenbar geht es darum, dass man ihm das Land verkauft hat und Jaakow es dank militärischer Macht halten konnte. Das ist der Ort, an dem später Josef selbst begraben werden wird, dieser Ort ist das Grab Josefs in Sch'chem. Jetzt befindet es sich in einer schwierigen politischen Situation, aber der Ort ist bis in unsere Tage erhalten geblieben.

Der Beginn der Segnungen

Bereschit 49,1–18

In diesem Kapitel wendet sich Jaakow mit einer Rede vor seinem Tod, mit Segnungen vor seinem Tod an alle seine Söhne, und man muss einige Bemerkungen machen, bevor wir anfangen, es zu lesen. Vor allem müssen wir uns erinnern, wissen, dass dieses Kapitel das schwierigste ist vom Standpunkt der Sprache und vom Standpunkt des Verständnisses, das schwierigste Kapitel im ganzen Buch Bereschit. Hier gibt es viele Wörter, deren genaue Bedeutung unbekannt ist und die dabei wichtig für das Verständnis des Textes sind. Das ist dadurch entstanden, dass hier viele poetische Begriffe, erhabene, man kann sagen prunkvolle, solche schwülstigen Aussagen gesagt werden; und die Facetten dieses Hebräisch sind uns nicht erhalten geblieben. Die Symbolik selbst, die Jaakow hier verwendet, war seinen Söhnen vielleicht immer verständlich, aber uns ist sie unverständlich. Und man muss sagen, dass wir alles, was hier geschrieben steht, nur mit großen Vorbehalten verstehen können. Und deshalb besteht bei Menschen, die danach streben, alles zu verstehen, die Versuchung, eine Art megaprophetische oder eschatologische (noch besser), mit dem Ende der Welt verbundene Auslegung dieses ganzen Textes zu geben, gestützt auf irgendwelche eigenen Deutungen von Symbolen, manchmal biblischen, manchmal nicht. Es ist eine sehr gefährliche Sache, in den Text „hineinzulesen“, was nicht darin steht; besser ein bisschen nicht ganz verstehen. Wir werden versuchen, auseinanderzunehmen, worum es geht.

וַיִּקְרָא יַעֲקֹב אֶל-בָּנָיו וַיֹּאמֶר הֵאָסְפוּ וְאַגִּידָה לָכֶם אֵת אֲשֶׁר-יִקְרָא אֶתְכֶם בְּאַחֲרִית הַיָּמִים׃

wajikrá jaaków el-banáw wajomer he'asefú we'aggída lachém et ascher-jikrá etchém be'acharít hajamím

1 Und Jaakow rief seine Söhne und sagte zu ihnen: „Versammelt euch, und ich werde euch alles sagen, was mit euch geschehen wird in den folgenden Tagen.“

Viele Kommentatoren klammern sich an zwei Wörter, be'acharít hajamím, und sagen: „Das ist am Ende der Tage. Das ist ganz und gar Eschatologie, das ist das Ende der Welt. Jaakow wollte schon darüber sprechen, aber der Höchste ließ es ihn nicht, die prophetische Gabe verließ ihn, und deshalb hat Jaakow einfach, als zweite Ersatzvariante, da er die Kinder nun schon versammelt hatte, mit ihnen über ihre nächste Zukunft gesprochen.“ Es gibt, so seltsam es ist, eine Masse solcher Kommentare. Aber die Wendung acharít hajamím selbst kann man verstehen – auch als in den folgenden Tagen. Wir wissen nicht, inwieweit die Brüder glaubten, wussten, verstanden, dass es irgendein Ende der Welt geben wird; sie standen eigentlich am Anfang der WeltIm Russischen bedeutet das Wort für „Welt“ zugleich „Licht“: Die Brüder standen am Anfang der Welt und des Lichts und warteten nur auf das Ende der Finsternis. Dieses Wortspiel lässt sich im Deutschen nicht nachbilden. und warteten vielleicht nur auf das Ende der Finsternis. Jaakow fährt fort, sie zu rufen, und sagt:

הִקָּבְצוּ וְשִׁמְעוּ בְּנֵי יַעֲקֹב וְשִׁמְעוּ אֶל-יִשְׂרָאֵל אֲבִיכֶם׃

hikkawezú weschim'ú bené jaaków weschim'ú el-jisraél awichém

2 Versammelt euch und hört, Söhne Jaakows, und hört auf Israel, euren Vater.

Le'ikawéz – das heißt sich eng versammeln. „Versammelt euch zusammen, versammelt euch nicht einfach, sondern tretet näher heran. Ihr versammelt euch als Brüder; ich werde sprechen als Israel, als Vater eines ganzen Volkes, als Vater des ganzen Ganzen.“

Es ist sehr wichtig festzuhalten: Jaakow hält keine persönlichen Sprechstunden ab, wie es ein Arzt tun würde, wie es ein Psychologe tun würde, wie es Menschen anderer Berufe tun würden. Jaakow lädt das ganze Volk ein, und er spricht zum ganzen Volk. Das bedeutet auch – „und am Tisch ist bei uns niemand überflüssig“. Niemand wird aus dem Volk Israel ausgeschlossen werden, was auch immer er da in der Vergangenheit getan hat. Das Volk Israel ist ganzheitlich, und als ganzheitliches Volk erhält es irgendwelche ganzheitlichen Weisungen, die ihm dann helfen können, als ein aus verschiedenen komplizierten Teilen bestehendes, aber ganzheitliches Volk zu existieren.

רְאוּבֵן בְּכֹרִי אַתָּה כֹּחִי וְרֵאשִׁית אוֹנִי יֶתֶר שְׂאֵת וְיֶתֶר עָז׃

re'uwén bechóri attá kochí wereschít oní jéter se'ét wejéter as

3 Re'uwen, du bist mein Erstgeborener, meine Kraft und der Anfang meiner Manneskraft, mehr an Fähigkeiten (fähig), auf sich zu tragen.

In der Tradition des Ostens wurde dem ersten Tropfen, dem ersten Samen des Mannes sehr große Bedeutung beigemessen. Man glaubte, dass derjenige, der vom ersten Tropfen geboren wurde, besonders stark, besonders wichtig ist und in höchstem Maße die Eigenschaften des Vaters übernimmt.

Das Wort se'ét kann man unterschiedlich auslegen, hier habe ich die Auslegung auf der Grundlage des Verbs nassá; nassá – auf sich nehmen angewandt, auf sich laden, verbunden mit dem Dienst des Kohen. Der Kohen nimmt auf sich, übernimmt die Sühne der Sünden. Und hier spricht Jaakow davon, dass reschít on – das der Dienst des Erstgeborenen ist, jéter se'ét – das ist der Dienst des Kohen, der nächste, der letzte – jéter as, das ist der mächtigere, stärkere – das ist der königliche Dienst.

Der Abstammung nach ergibt sich, dass Re'uwen sowohl die Königsherrschaft als auch das Priestertum als auch die Erstgeburt zustanden, aber wir wissen, dass Re'uwen leider all das verloren hat.

פַּחַז כַּמַּיִם אַל-תּוֹתַר כִּי עָלִיתָ מִשְׁכְּבֵי אָבִיךָ

páchas kammájim al-totár ki alíta mischkewé awícha

4 Unaufhaltsam, zügellos, spontan, schnell wie Wasser, wirst du keinen Vorzug haben (oder: lass nicht zu, dass du einer bist, der den Vorzug besitzt, dräng dich nicht vor, setze diese Vorzüge nicht um; warum das so ist – hier hast du ein Beispiel), denn du bist auf das Lager des Vaters gestiegen…

Wir haben diese Geschichte vor einigen Kapiteln gelesen. Nach dem Tod Rachels erwartete Lea vielleicht, dass Jaakow in ihrem Zelt leben würde. Aber Rachel hat kleine Kinder hinterlassen, und Jaakow bleibt im Zelt der Nebenfrau, der Magd Bilha, und das empört Re'uwen natürlich sehr, und er sagt: „Wenn unsere Mutter zuerst wenigstens die Konkurrentin ihrer Schwester war, so lassen wir sie jetzt nicht im Stich, sie soll nicht die Konkurrentin einer Magd sein.“ Und deshalb hat er die Magd entweiht, hat so einen spontanen, zügellosen Schritt getan. Und Jaakow sagt weiter:

אָז חִלַּלְתָּ יְצוּעִי עָלָה׃

as chillálta jezu'í alá

…du hast das Bett meines Lagers entweiht – das, was dir in den Kopf gekommen ist.

Das ist deine Methodik, deine Methoden, Fragen zu lösen. Wir erinnern uns noch, wie Re'uwen Fragen löst, wenn er zum Beispiel sagt: „Wenn ich Binjamin nicht bringe, töte meine drei Kinder.“ Als Josef versucht, Schimon im Gefängnis festzuhalten, sagt Re'uwen: „Das ist alles wegen des Knaben, ich habe es euch gesagt.“ Selten bietet er praktische Lösungen an, und sie funktionieren nicht, wie es zum Beispiel mit der Grube war. Als man aber Binjamin brachte, der mit dem Becher festgehalten worden war, fand Re'uwen überhaupt nichts zu sagen. Deshalb kann der flinke, schnelle, spontane, hitzige Re'uwen nicht besonnen sein und kann keine wirkliche Macht besitzen – weder die kohanische noch die königliche noch die Macht des Erstgeborenen. Das ist es, wovon Jaakow spricht.

In Vers 5 geht er zu Schimon und Lewi über, zwei anderen Brüdern, und das ist es, was er sagt:

שִׁמְעוֹן וְלֵוִי אַחִים

schim'ón welewí achím

5 Schimon und Lewi sind Brüder…

Es ist klar, dass sie Brüder sind, aber auch Re'uwen und Schimon sind Brüder. Warum hebt Jaakow Schimon und Lewi hervor? Weil sie gleich sind, weil sie nicht nur Brüder sind, sie sind Träger der Idee der Brüderlichkeit. Sie sind diejenigen, die für die Schwester eingetreten sind. Sie sind diejenigen, die (wir haben darüber gesprochen) die Brüder beschützten, indem sie, so seltsam das auch ist, versuchten, Josef zu verkaufen, und dabei von Sicherheit sprachen, von brüderlicher Einheit, von so einem brüderlichen Bündnis. Hier sagt Jaakow, indem er mit dem Positiven beginnt, dass Schimon und Lewi Brüder sind, aber:

כְּלֵי חָמָס מְכֵרֹתֵיהֶם׃

kelé chamás mecherotehém

…aber ihre Gefäße, ihr Werkzeug – das ist ein Werkzeug des Bösen.

Aus ihm nehmen sie ihre Nahrung, wie aus einem Bergwerk, gewinnen für sich Brennstoff. Ein sehr schwer (wir haben gesagt, dass es schwierige Wörter geben wird) zu übersetzendes Wort ist mecherotehém. Man kann sagen, dass es von dem Wort limkór – verkaufen herkommt, und es geht darum, dass sie seinerzeit die Stadt ausgeplündert haben. Es gibt auch das Verständnis, dass das Wort mecherót von dem Wort leakír – erforschen gebildet wird: Es ist ihnen gut vertraut, sie haben es gut gemeistert, es ist ihr Beruf, mit Werkzeugen der Grausamkeit zu kämpfen, mit Werkzeugen des ungerechtfertigten Bösen. Noch ein Verständnis – von dem Wort likrót – das ist das, was sie vereint, das, was zur Grundlage des Bundes zwischen ihnen geworden ist, und das, was sie nährt, ihr Bergwerk, das, was sie belebt, wenn sie sich zusammentun. Dieses Verständnis scheint mir am nächsten zu sein.

בְּסֹדָם אַל-תָּבֹא נַפְשִׁי בִּקְהָלָם אַל-תֵּחַד כְּבֹדִי

besodám al-tawó nafschí bikhalám al-techád kewodí ki we'appám háregu isch uwirzonám ikkeru-schór

6 In ihren geheimen Rat wird meine Seele nicht eintreten (der geheime Rat – das ist ein Rat, eine Beratung, die das Haupt des Stammes oder das Haupt der Sippe sozusagen im Hauptquartier, im Kommandostab abhält), und in ihrer Menge, in ihrer Gemeinschaft, möge meine Herrlichkeit nicht mit ihnen verbunden werden…,

Das heißt mit dem, was sie anzetteln, worüber sie sich in geheimen Kammern beraten. Sagt nicht: „Wo zwei versammelt sind in meinem Namen, da bin auch ich mitten unter euch. Ich bin nicht mit euch in euren Beratungen, denn wenn ihr euch gerade als Brüder miteinander verbindet, schaltet ihr den Modus des Zorns ein, und ich kann nicht in eurem Rat sein, ich kann nicht in einer Menge sein, die aus Schimons und Lewis besteht, denn gerade ihr Zusammenwirken bringt das Böse hervor.“

כִּי בְאַפָּם הָרְגוּ אִישׁ וּבִרְצֹנָם עִקְּרוּ-שׁוֹר׃

ki we'appám háregu isch uwirzonám ikkeru-schór

…denn in ihrer Wut töteten sie Menschen, und nach ihrem Willen…

Und da begegnen wir wieder einem schwer übersetzbaren Ausdruck. Ikkéru kann bedeuten: kastrierten, machten unfruchtbar. Es kann ebenso bedeuten: durchschnitten die Kniesehnen, machten es so, dass man nicht mehr gehen konnte. Schor symbolisiert Josef, aber bis zu dieser Symbolik sind wir noch nicht gekommen. Schor, das kann ein Hinweis auf einen Stier sein, auf Schädigung (eigentlich symbolisiert ja auch der Stier Josef), ein Hinweis auf die Schädigung des Viehs in Sch'chem. Wir wissen darüber nichts. Ikkeru-schór – das kann auch zerschlugen, rissen die Mauern ein bedeuten. Das heißt, insgesamt kann man den Ausdruck haregú isch ikkeru-schór so verstehen, dass sie getötet und die Hand zum Raub ausgestreckt haben. Deshalb sagt Jaakow weiter:

אָרוּר אַפָּם כִּי עָז וְעֶבְרָתָם כִּי קָשָׁתָה אֲחַלְּקֵם בְּיַעֲקֹב וַאֲפִיצֵם בְּיִשְׂרָאֵל׃

arúr appám ki as we'ewratám ki kascháta achallekém bejaaków wa'afizém bejisraél.

7 Verflucht sei ihr Zorn, denn er ist groß, und verflucht sei ihr Grimm (und welches Rezept wird es geben?). Ich werde sie in Jaakow teilen und in Israel zerstreuen.

Verflucht ist das, was sich aus ihnen ergießt, was aus ihnen hervordrängt. Das Wort aworá ist mit dem Wort überfließen verbunden, über den Rand fließen; ki kascháta – sehr schwer, erstarrt wie Lava.

Ich werde in Jaakow teilen – wir werden später sehen, dass der Stamm Schimon, seine ganze achalá, sein ganzes Erbteil, sich innerhalb des Stammes Jehuda befindet, von allen Seiten vom Stamm Jehuda umgeben ist. Es gibt so einen Staat in Afrika – Lesotho, er ist ebenfalls von allen Seiten von einem einzigen Staat umgeben; na, und der Vatikan genauso. Aber das ist überhaupt nicht Lesotho und nicht der Vatikan, das ist ein Erbteil, das vollständig von Jehuda isoliert sein wird. Es wird sich in der Folge so ergeben, dass die Söhne Schimons im Land Israel umherwandern werden, weil sie Lehrer der Kinder sein werden, „umherziehende“ Kinderlehrer, und davon werden sie leben, das heißt leben, indem sie dem Volk Heiligkeit bringen. Und genauso werden die Leviten, die Nachkommen Lewis, kein Erbteil haben. Schimon hat ein Erbteil, aber er lebt nicht dort; die Leviten werden kein Erbteil haben, und auch sie werden davon leben, dass sie das Volk Heiligkeit lehren. Diese „Verstreutheit“ ist keine Strafe, sondern eine funktionale Nutzung. Man muss sie ganz voneinander trennen, damit sie gut arbeiten. Und gerade deshalb, kraft dieser Besonderheit, dass ganz Israel sie gleichsam wird aufnehmen müssen und dass sie in Zukunft über ganz Israel verteilt sein müssen – gerade deshalb spricht Jaakow (im Unterschied zu allen anderen Söhnen, die er segnen wird) über sie in der dritten Person: nicht „ihr, Schimon und Lewi“, nicht „du, Schimon, und du, Léwi“, sondern „Schimon und Lewi – sie“. Jaakow spricht in ihrer Gegenwart, höchstwahrscheinlich sind sie gekommen, aber Jaakow gibt ganz Israel ein solches Zeugnis, dass man diese zwei – nicht zusammenbringen soll.

Mit Vers 8 beginnt der Segen Jehudas, ein sehr interessanter und ebenso unverständlicher Segen.

יְהוּדָה אַתָּה יוֹדוּךָ אַחֶיךָ יָדְךָ בְּעֹרֶף אֹיְבֶיךָ יִשְׁתַּחֲוּוּ לְךָ בְּנֵי אָבִיךָ׃

jehudá attá jodúcha achécha

8 Jehuda, dich haben deine Brüder „betraut“…

Das Wort jodúcha kann sie werden danken bedeuten, bedeutet aber auch per Hand bestimmt, das heißt, sie haben für dich gestimmt. Im modernen Hebräisch heißt abstimmen leazbía, vom Wort – Finger; aber hier – haben die Brüder gleichsam die Hände auf dich gelegt. Nicht nach dem Willen Jaakows, sondern es hat sich so ergeben, dass Jehuda in Ägypten die Führung übernommen hat. Spontan fing Jehuda an, Entscheidungen zu treffen, und die Brüder – friedlich, ruhig – übergaben ihm diese Macht. Eine Macht, die Jaakow vielleicht auch für Josef bewahren wollte, ebenfalls ein glänzender Politiker. Aber der von den Brüdern allgemein anerkannte Herrscher ist Jehuda, und Jaakow übergibt ihm im Grunde sein königliches Erbe, sein königliches Vermächtnis.

יָדְךָ בְּעֹרֶף אֹיְבֶיךָ יִשְׁתַּחֲוּוּ לְךָ בְּנֵי אָבִיךָ׃

jadechá be'óref ojewécha jischtachawú lechá bené awícha

…deine Hand auf dem Nacken deiner Feinde (das heißt, du wirst ein hervorragender Krieger sein), und die Söhne deines Vaters werden sich vor dir verneigen.

Wieder so ein Wortspiel – Jehuda jodúcha achécha jadechá. Überhaupt, wenn eine brachá, ein Segen, gesprochen wird, ist es gut, ihn schön zu sprechen; und es ist oft sehr wichtig und interessant, mit dem Namen zu spielen. Das sind nicht einfach Spielereien, das ist eine Verstärkung: Denn der Mensch wird jedes Mal, wenn sein Name ausgesprochen wird, darin neue und neue Melodien der Segnungen hören, die ihm zugesprochen werden.

Oft begegne ich einer solchen Frage – Menschen, die die Tradition nicht verstehen oder einfach nicht gelesen haben, sagen: „Wie konnte man sich dort verneigen, man darf sich doch nur vor dem HERRN Gott verneigen“? Es ist ja klar, dass man sich nur vor dem HERRN Gott verneigen darf. In diesem Fall geht es um Etikette. Man verneigt sich, wird sich verneigen, weil man mit wirtschaftlichen Bitten kommen wird, mit Bitten, diese oder jene Probleme zu lösen.

Jaakow setzt den Segen Jehudas fort, er ist ziemlich lang, und in Vers 9 sagt Jaakow sehr poetisch:

גּוּר אַרְיֵה יְהוּדָה מִטֶּרֶף בְּנִי עָלִיתָ כָּרַע רָבַץ כְּאַרְיֵה וּכְלָבִיא מִי יְקִימֶנּוּ׃

gur ar'jé jehudá mittéref bení alíta kará rawáz ke'ar'jé uchlawí mi jekiménnu

9 Ein Welpe, ein Junges des Löwen ist Jehuda. du bist von der Beute aufgestanden und hast dich breit hingesetzt, hast dich hingelagert wie ein Löwe und wie eine Löwin. Wer wird ihn aufstehen lassen?

Wisst ihr, wie ein junger Löwe seine erste Beute erlegt? Er greift sie zuerst an, zerfleischt sie und tritt dann zurück, das heißt, er reißt sie nicht bis zum Ende, reißt die Beute nicht bis zum Ende, stürzt sich nicht darauf, verliert sich nicht, benimmt sich mit Würde. Und auch ein satter Löwe benimmt sich mit Würde. Es geht um einen Löwen, der manchmal gar keine Gewalt anwenden muss: Ihm genügt es zu brüllen, damit alle erschrecken, und es ist nicht nötig, jemanden zu schlagen, wenn es um die Errichtung von Herrschaft geht, um die Festlegung von Grenzen. Wenn ein Löwe jemanden angreift, um diesen Jemand zu fressen, dann greift er an, beißt tot und zieht sich ohne Eifer zurück; ohne Grausamkeit zerreißt er die Beute. Wenn ein Löwe satt ist, ist er überhaupt faul, und man kann ihn ziemlich leicht fangen. Viele prahlen damit, dass sie Löwen jagen, aber Löwen sind in Wirklichkeit tatsächlich ziemlich leicht zu jagen, weil sie, wenn sie satt sind, sich praktisch im Zustand „komm her und töte“ befinden.

Wir lesen beim Propheten Jecheskel (19,2–4) über Löwen als Bild Israels. Wir lesen so: „Und du wirst sagen: ‚Was ist mit deiner Mutter, der Löwin? Zwischen Löwen lag sie, unter jungen starken Löwen zog sie ihre Jungen groß. Und sie zog eines ihrer Jungen auf, ein junger starker Löwe wurde (er) und lernte, Beute zu reißen, fraß Menschen. Und die Völker hörten von ihm; in ihrer Grube wurde er gefangen, und man führte ihn in Ketten ins Land Mizrajim“

Nun, und noch ein paar ähnliche Geschichten hier. Das heißt, der Kern des Segens gur ar'jé (junger Löwe) liegt darin, dass er anzugreifen versteht, aber am allermeisten versteht er es, nicht anzugreifen, er weiß, wo man nur „brüllen“ kann, wo man nicht unbedingt zerfleischen muss. Der König muss ein bescheidener König sein, darf die Streitwagen, die Frauen nicht vermehren, das wissen wir; er darf gegenüber den Feinden nicht grausam sein, man muss keine Grausamkeit zeigen. Einschüchtern kann man, ohne Grausamkeit anzuwenden, der König muss ein furchteinflößendes Brüllen haben. Deshalb: Greif die Beute an, töte sie nicht ganz, wenn man nicht ganz töten muss, töte nicht die, die du nicht fressen willst, versteh es, Kraft zu zeigen, versteh es, die Kraft des Gegners zurückzuhalten, ohne deine eigene einzusetzen.

Im 10. Vers fährt Jaakow fort, Jehuda zu segnen, und sagt:

לֹא-יָסוּר שֵׁבֶט מִיהוּדָה וּמְחֹקֵק מִבֵּין רַגְלָיו עַד כִּי-יָבֹא שִׁילֹה (שִׁילוֹ) וְלוֹ יִקְּהַת עַמִּים׃

lo-jassúr schéwet mihudá umchokék mibbén ragláw ad ki-jawó schiló weló jikkehát ammím

10 Nicht wird das Zeichen der Herrschaft (manchmal sagt man – das Zepter) beim Stamm Jehuda beendet werden, und aus seinen Lenden werden nicht aufhören, Gesetzgeber geboren zu werden, bis Schilo kommt und zu ihm die Schmähung, die Verfinsterung der Völker.

Wer ist dieser schiló, und was ist dieses schiló? Es gibt mindestens 14–15 Versionen. Und wenn es eindeutig keine einheitliche Version gibt und es so schön passt, möchte man sehr gern sagen – bis der Maschiach kommt. Aber hier ist nicht sehr klar, was für ein Maschiach das ist, der kommen wird. Vom Maschiach war bisher keine Rede, wir wissen überhaupt nicht, woran die Brüder glauben. Und hier kann man verstehen, dass schiló den Friedensstifter bedeutet – den, der Frieden bringt, das sind im Grunde ebenfalls Funktionen des Maschiach. Aber über den Maschiach ist gesagt weló jikkehát ammím, und zu diesem Maschiach – die Schmähung, die Verfinsterung der Völker. Entweder wird er so leuchten, dass alle Völker sich verfinstern, oder er wird den Völkern irgendeine solche Bedrängnis zufügen, dass ihr Licht erlischt. Das heißt, es sieht so aus, dass dieses Königtum Jehudas und die von ihm geborenen Gesetzgeber sich vorwärtsbewegen werden, bis sie ihren Höhepunkt erreichen und die Reaktion der Völker der Welt auf die Herrschaft Jehudas sehen; Verfinsterung – das kann bedeuten, dass von dort das Licht ausgehen wird. In jedem Fall ist das ein Segen für die Macht, für lange Jahre. Es gibt historische Analysen dazu, dass das selbstverständlich nicht nur die königliche Macht ist, das ist die gesetzgebende Macht, andere Arten von Macht. So eine Verheißung haben wir also.

אֹסְרִי לַגֶּפֶן עִירֹה (עִירוֹ)

osserí laggéfen iró

11 Er bindet den jungen Esel an den Weinstock…

Was kann man hier sagen? Man muss erstens sehr viele Trauben haben, um den jungen Esel an den Weinstock zu binden. Er frisst doch sehr viel. Wer füttert denn einen Esel mit Trauben, wenn man ihn mit Heu füttern kann – da muss man Trauben haben wie Heu. Außerdem geht es möglicherweise darum, dass „du den jungen Esel an den Weinstock binden und ihn direkt vom Weinstock aus beladen wirst“. Das heißt, so wird es für dich bequem sein – so viele Trauben werden bei dir wachsen. Und weiter lesen wir, dass es anscheinend tatsächlich so ist.

וְלַשֹּׂרֵקָה בְּנִי אֲתֹנוֹ כִּבֵּס בַּיַּיִן לְבֻשׁוֹ

welassoreká bení atonó kibbésIn der russischen Umschrift steht das Betonungszeichen in diesem Wort versehentlich auf einem Konsonanten. Die deutsche Umschrift setzt es auf den Vokal. bajájin lewuschó

…und an die Ranken wirst du auch kleine Esel binden. du wirst dein Gewand in Wein waschen…

Nun, in Wirklichkeit waschen nur wenige ihr Gewand in Wein. Es gab Kommentatoren, die sagten, dass der Wein so viel kosten wird wie Wasser, dass er später ohnehin verdunstet… Ich habe natürlich kein Experiment gemacht, ich kann es nicht sagen, aber es sieht so aus, dass Wein ein schlechtes Mittel zum Waschen von Kleidung ist. Und hier ist höchstwahrscheinlich bildlich gemeint, dass du Trauben treten wirst: Wenn man Wein macht, wenn man in die Trauben springt, und wenn die Gefäße tief sind, dann wird die Kleidung schmutzig, die Kleidung färbt sich rot. Im 66. Kapitel des Buches des Propheten Jeschajahu fragt man deshalb einen Menschen, der ebenfalls ein Vorbild des Messias sein kann, man fragt ihn: „Warum sind deine Gewänder rot?“

וּבְדַם-עֲנָבִים סוּתֹה (סוּתוֹ)׃

uwdam-anawím sutó

…und wirst du übergossen sein, vom Blut der Trauben triefen.

Wieder – das Wort sutó kann niemand eindeutig übersetzen, es gibt sehr viele verschiedene Auslegungen. Zum Beispiel sagt man: „Hier fehlt irgendwo ein Buchstäbchen) כ kaf(, und das ist kasutó- und im Blut der Trauben wird deine Bedeckung sein“. Aber auch sutó in einer solchen Bedeutung wie sickern, reichlich nass werden passt ebenfalls hierher. Das ist ein Segen für eine Fülle an Wein. Wein ist nicht einfach ein Bild der Traube; Wein ist natürlich auch die Tora, und man kann noch vieles sagen. Und Jaakow beendet den Segen Jehudas:

חַכְלִילִי עֵינַיִם מִיָּיִן וּלְבֶן-שִׁנַּיִם מֵחָלָב׃

chachlilí enájim mijájin ulwen-schinnájim mechaláw

12 Die Augen wurden röter als Wein, und die Zähne wurden weißer als Milch.

Das heißt, von gesunden, guten Lebensmitteln wird der Anhänger einer gesunden Lebensweise, der „Gesundheitsfreak“ Jehuda, schöne gesunde Zähne bekommen – wie Milchzähne, weißer als Milchzähne oder weißer als Milch – und schöne Augen von der Farbe dunklen Weines. Das ist ein voller Segen, und man kann es so sagen: Du wirst überströmen von Wein und Milch. Wein ist ein landwirtschaftliches Produkt, ein Produkt der Erde, und Milch ist ein Produkt der Viehzucht; hier wie dort wird Jehuda Erfolg haben. Das ist ein sehr großer Segen.

Es gibt viele mystische Kommentare und Midraschim dazu, Dutzende davon. Und bei jedem dieser Segen kann man in diesen Ozean der Midraschim eintauchen, aber ihr und ich „schlagen uns durch“ auf der Suche nach dem einfachen Sinn. Nicht um die Midraschim zu verwerfen, sondern vielleicht, damit es euch später bequemer und einfacher fällt, die Midraschim zu verstehen, wenn auch der einfache Sinn bekannt ist.

Vers 13 – der Segen Sewuluns. Eigentlich wurde Jissachar früher als Sewulun geboren, aber hier hat man sie vertauscht, und nicht nur hier. Auf die Frage, warum das so geschehen ist, kann niemand eine Antwort geben.

זְבוּלֻן לְחוֹף יַמִּים יִשְׁכֹּן וְהוּא לְחוֹף אֳנִיּוֹת וְיַרְכָתוֹ עַל-צִידֹן׃

sewulún lechóf jammím jischkón wehú lechóf onijot wejarcható al-zidón

13 Sewulun wird an den Ufern der Meere wohnen, und er wird an den Schiffsufern wohnen, und der Rand seines Dienstleistungsbereichs wird bis Zidon sein (das heißt in Richtung Syrien, nach Norden).

Der Stamm Sewulun hat seltsamerweise (wenn wir auf die Karte schauen) kein Erbteil am Meer erhalten, sein Erbteil liegt im Inneren, in der Mitte der Stämme. Aber wir wissen, dass die Jungs aus dem Stamm Sewulun selbst Seefahrt betrieben – sie heuerten in den Häfen an, reisten und trieben Handel und gewannen außerdem tchélet (Farbe) für die Zizit. Es gab, wie ich verstanden habe, sogar irgendwelche inneren Flüche, Beschränkungen oder Warnungen, damit man gerade über Sewulun Handel treibt und keine alternativen Handelsplätze schafft. Jedenfalls erzählt der Midrasch Agadat Bereschit eine solche Geschichte, dass der Höchste Sewulun gewarnt, ihm versprochen hat, dass man nur über ihn wird handeln können.

יִשָּׂשכָר חֲמֹר גָּרֶם

jissachár chamór gárem

14 Jissachar…

Chamór gárem – das kann knochiger Esel bedeuten oder starker Esel, ein Zugesel, der viel ziehen kann; das kann auch noch erregter Esel bedeuten. Hier muss man sich wieder daran gewöhnen, dass wir überhaupt nicht nur hier, sondern im ganzen Tanach auf seltsame Segen stoßen werden. Wenn mir jemand „Esel“ sagt, werde ich darin nicht immer irgendeinen Segen sehen. Aber diese Bilder schienen ihnen verständlich und nahe. Man kann sagen, dass das ein arbeitsfähiger, gesunder, sehniger Esel ist.

רֹבֵץ בֵּין הַמִּשְׁפְּתָיִם׃

rowéz ben hammischpetájim

… wälzt sich von einer Seite auf die andere (oder liegt entspannt auf der Seite, ausgestreckt, sozusagen in die Breite);

Und hier kann man es so verstehen, dass er zwischen den Säcken steht, das heißt, er ist so beladen, so arbeitsfähig, dass er rechts und links Säcke hat, und er steht so zwischen ihnen. Nun, so ein schwieriger Segen, würde ich sagen, ein umstrittener.

Eine andere Bedeutung – dass er (es gab solche Umzäunungen für das Vieh) in einer Art, man kann sagen, Starenkasten liegt, einem „Eselskasten“. Er liegt an einem solchen Ort, an dem es für ihn bequem ist, sich aufzuhalten, und von zwei Seiten schützen ihn vor dem Wind eben diese mischpetájim, von denen wir nicht recht wissen, was das ist.

Wenn man sich ein solches Bild vorstellt, kann man versuchen, weiterzulesen.

וַיַּרְא מְנֻחָה כִּי טוֹב וְאֶת-הָאָרֶץ כִּי נָעֵמָה וַיֵּט שִׁכְמוֹ לִסְבֹּל וַיְהִי לְמַס-עֹבֵד׃

wajár menuchá ki tów we'et-ha'árez ki na'éma wajét schichmó lisból

wajhí lemas-owéd

15 Und er sah, dass die Erholung gut ist, dass Ruhe, Erholung eine gute Sache ist, und das Land sah er, dass es herrlich ist, und er neigte seine Schulter, um zu ertragen, und wurde ein Arbeiter der Abgabe, oder ein Zinspflichtiger, oder ein Tributpflichtiger.

Worum geht es hier? Man kann es so auslegen: Jissachar hat begriffen, dass er als Krieger nichts taugt, sein Land aber gut ist, und mit kleinen Anstrengungen kann man großen Wohlstand erreichen; so eine Art Schweiz – langweilig, aber sicher. Einmal hat die BBC eine Umfrage gemacht und die Schweizer Stadt Basel zur langweiligsten Stadt der Welt erklärt, worauf die Schweizer sagten: „Wir haben lange daran gearbeitet, dass sie die langweiligste Stadt der Welt ist.“ Jissachar will Langeweile, deshalb lebt er so vor sich hin, arbeitet. Und er beschließt: Wie herrlich das ist – friedlich zu leben. Wenn jemand für mich Krieg führen muss, dann bezahle ich entweder die Brüder, oder ich einige mich mit den Feinden. Er hat so einen Weg der Neutralität und des wirtschaftlichen Wohlstands gewählt. Es wurde erzählt, dass Menschen ins Heilige Land kamen, gerade in das Erbteil Jissachars kamen und sahen, wie entwickelt bei Jissachar die Landwirtschaft ist, was für wunderbare Früchte es gibt, und dann vereinbarten sie mit Sewulun, diese Früchte bei Jissachar zu kaufen. So lief bei ihnen der Handel. Außerdem lernte Jissachar auch noch Tora. Und hier gibt es so ein Verständnis: Jissachar lernte Tora, und gerade dieses Glück – Tora zu lernen, so kann man es verstehen –, das sah er in der Ruhe, und deshalb teilte er den Lohn für seine Tora mit dem Stamm Sewulun, und der Stamm Sewulun brachte ihm aus dem Ausland ausländische leckere Leckereien. Mehrere verschiedene Verständnisse, aber ich denke, dass (aus der weiteren Geschichte ist das zu sehen) Jissachar nicht in den Krieg ziehen wollte, das Problem mit Geld lösen wollte, mit Finanzierung, im Hinterland leben wollte, und daran ist eigentlich nichts Schlechtes.

Der Letzte, über den wir in diesem Abschnitt sprechen werden – Dan.

דָּן יָדִין עַמּוֹ כְּאַחַד שִׁבְטֵי יִשְׂרָאֵל׃

dan jadín ammó ke'achád schiwté jisraél

16 Dan wird sein Volk richten, wie einer der Stämme Israels.

Warum sagt Jaakow das? Weil er anfängt, mit den Söhnen der Mägde zu sprechen, und obwohl Dan der Sohn einer Magd ist und jemand sagen könnte, dass er ein Brüderchen zweiter Klasse ist, korrigiert Jaakow das alles hier. Er sagt, dass Dan richten wird, an der Regierung teilnehmen wird. Richten – das ist nicht unbedingt Gericht als Gerichtssitzung, das ist Gesetzgebung und Regierung. Dan ist zur Regierung des Landes genauso zugelassen wie auch alle anderen Brüder. In Bezug auf Dan kommt immer die Frage auf (man fragt mich): Warum fehlt er im Buch der Offenbarung? Die Söhne Dans, ich verrate euch ein Geheimnis, werden schon im Buch Diwre haJamim nicht aufgezählt. Das heißt, obwohl der Stamm Dan eine Zeit lang sehr groß war (er begann mit einem Menschen, einem Sohn Dans namens Chuschim, und wuchs dann an), ist der Stamm am Ende fast verschwunden, und er ist schon in Diwre haJamim nicht da, er wird nicht überall erwähnt, dieser Stamm. Aber hier sagt Jaakow, dass er richten wird wie einer der Stämme seines Volkes.

יְהִי-דָן נָחָשׁ עֲלֵי-דֶרֶךְ שְׁפִיפֹן עֲלֵי-אֹרַח

jehi-dán nachásch ale-dérech schefifón ale-órach

17 Und Dan wird eine Schlange am Wegesrand sein, eine Schlange am Weg, eine Hornviper bei den Vorüberziehenden…

Die Schlange am Wegesrand, die hier erwähnt wird, – das ist so eine Art palästinensischer Schlange, sie heißt Hornviper. Die Hornviper versteckt sich tatsächlich im Sand, am Weg. Die Schlange kommt im Erbteil des Stammes Dan häufig vor, ihr Biss ist sehr stark, sie ist sehr giftig. Wenn sie ein Pferd oder ein Kamel beißt, dann reicht das nicht, um das Pferd oder das Kamel zu töten, geschweige denn einen Elefanten, aber das Tier fällt im Moment des Bisses nach hinten. Das ist es, was Jaakow hier gleich auch beschreiben wird. Also, das ist die Hornviper, oder, wie man sie auf Latein auch nennt, Cerastes cerastes (kérastes kérastes) – nicht einmal kérastes, sondern eben zweimal wiederholt. Interessant ist, dass das Wort schefifón, oder, wie wir gesagt haben, kérastes, sowohl den Griechen als auch den Ägyptern bekannt war (eigentlich nannten es die Ägypter schefifón ). Von diesem Tier, wie von einem zusammengerollten Schlänglein, stammt das ägyptische Buchstäbchen fi, ab, das wir hier auch lesen würden, wenn das mit ägyptischen Bezeichnungen geschrieben wäre. Und der griechische Buchstabe fi stammt ebenfalls von diesem Buchstaben ab, und der russische Buchstabe Ef stammt ebenfalls von der Bezeichnung des am Weg zusammengerollten Schlängleins ab (fifón), das böswilligen Wanderern auflauert. Der Stamm Dan hat ein Erbteil im Norden, wird ein Erbteil im Norden bekommen (und vom Norden her wird Israel ständig angegriffen werden). Und der Stamm Dan ist dort aufgestellt, zweihundertfünfzig bis dreihundert Werst von Tel Aviv entfernt, um einen festen Riegel vorzuschieben, eine Sperre gegen jeden Feind, der versuchen wird, uns anzugreifen. Und das ist die Aufgabe Dans, und über ihn ist weiter gesagt:

הַנֹּשֵׁךְ עִקְּבֵי-סוּס וַיִּפֹּל רֹכְבוֹ אָחוֹר׃

hannoschéch ikkewe-sús wajippól rochewó achór

…er wird die Fersen der Pferde beißen (Pferde haben nicht ganz Fersen, aber es gibt eine Stelle, wohin man beißen kann), und die Streitwagen werden nach hinten stürzen.

Das heißt, die Pferde werden sich selbst aufbäumen und nach hinten fallen und die Streitwagen mit sich umreißen. Dort, wo es Dan an physischer Kraft fehlen wird, werden Listen, Technologien, möglicherweise Biotechnologien bei der Verteidigung des Landes Israel angewandt werden.

Jaakow schließt den Segen oder die Verheißung an Dan mit den Worten:

לִישׁוּעָתְךָ קִוִּיתִי יְהוָה׃

lischu'atechá kiwwíti adonáj

18 Auf die Hoffnung auf Deine Rettung hoffe ich, HERR.

Seht, was für verschiedene Söhne Jaakow hat: der erste – ein Revolutionär; der zweite und dritte – Partisanen, Meister der Selbstverteidigung; der vierte – ein künftiger König, aber doch mit seinen Schwierigkeiten. Also, jeder der Söhne ist besonders, für jeden von ihnen kann man besonders beten. Gerade in Bezug auf Dan hat Jaakow eine besondere Sorge, und er schließt den Segen Dans mit einem Gebet der Rettung: „Auf Deine Rettung allein hoffe ich, Höchster.“ Das heißt, obwohl Dan so „knallhart“ sein wird und er Tiere stechen können wird, hofft Jaakow doch nur auf die Rettung des Höchsten.

Jaakows Abschied (49,19–33)

Letztes Mal haben wir begonnen, den Segen zu lesen, mit dem Jaakow fast unmittelbar vor seinem Tod seine Söhne segnet. Wir haben gelesen, dass Jaakow alle seine Söhne ohne Ausnahme versammelt und zu seinen Söhnen spricht wie zu einer Gemeinde von Menschen, wie zu einem neugeborenen Volk, jedem Stamm, jedem seiner Söhne den Segen weitergibt.

Er beginnt mit Re'uwen und sagt, dass, obwohl Re'uwen alle rechtlichen Ansprüche hat, die Führung zu übernehmen, er nicht führen soll, weil er Hast hat, Impulsivität in der Reaktion, und Schaden von seiner Führung kommen wird.

Dann sagt Jaakow über zwei andere seiner Söhne, Schimon und Lewi, dass sie gute Brüder sind, aber gut jeder für sich. Wenn sie zusammen sind, kann Jaakow nicht unter ihnen sein, Jaakow kann sich weder mit ihrem Rat auf der Ebene der Überlegungen, der Pläne, noch mit ihrem Handeln auf der Ebene der Umsetzung dieser Pläne verbinden, weil sie jähzornig und grausam sind, wenn sie zusammen sind.

Der vierte Sohn, Jehuda, erhält einen besonderen Segen. Jaakow sagt, dass auch die Brüder selbst die Hände ihres Segens auf ihn gelegt haben, ihn als König über sich eingesetzt haben, und von oben ist er dazu gesegnet. Jehuda erhält das Königtum als Erbe, erhält alle möglichen Segnungen des Überflusses, und das ist so ein sehr schöner, poetischer Segen, den Jehuda erhält.

Als Nächstes erhält Sewulun den Segen. Über Sewulun ist gesagt, dass er am Meer wohnen wird, vom Seehandel leben wird, und viele Geschäfte, alles, was mit dem Seehandel verbunden ist, wird über Sewulun abgewickelt werden.

Über Jissachar ist gesagt, dass er einen besonderen Segen hat – ein reiches, prächtiges Land, und er liebt diese Ruhe, arbeitet lange, um ein ruhiges, langweiliges Land zu haben, ein ruhiges, langweiliges Leben. Deshalb, wenn jemand Krieg führen will, ist es für Jissachar besser und einfacher zu bezahlen, als in den Krieg einzutreten.

Dan, der erste von den erwähnten Söhnen, der Sohn einer Magd ist, und Jaakow sagt sofort, dass Dan wie einer von allen sein wird, das heißt, diese Teilung in Söhne der Mägde und Söhne der Frauen wird aufgehoben, verschwindet. Dan wird wie einer von allen, Dan erhält einen Segen. Jaakow weist auf seine Fähigkeit hin, mit solchen taktischen Manövern über viele Züge zu handeln. Jaakow vergleicht ihn mit einem Tier, das auf Hebräisch schefifón, heißt, oder Hornviper, die, ohne viel Kraft zu haben, ein Pferd mit ihrem Biss zu töten, das Pferd beißt, sodass es nach hinten fällt und seinen Reiter tötet. Und genau bei diesem Segen, beim Segen Dans, haben wir letztes Mal aufgehört, jetzt können wir fortfahren.

Ab Vers 19 – der Segen Gads. Er klingt auf Hebräisch sehr schön, das ist ein unübersetzbares Wortspiel, man kann es hören und fühlen.

גָּד גְּדוּד יְגוּדֶנּוּ וְהוּא יָגֻד עָקֵב׃

gad gedúd jegudénnu wehú jagúd akéw

19 Gegen ihn wird sich eine Heerschar zusammenscharen, und er wird ihnen die Fersen zertreten.

Gad gedúd jegudénnu – das ist ein Wortspiel. So eine unerwartete Eigenschaft hat Gad – den Krieg im letzten Moment zu gewinnen, sich im letzten Moment zu wehren, die Situation im letzten Moment zu korrigieren. Das betrifft nicht nur den Krieg, das betrifft die Situation, wenn wir etwas auf später verschieben, mit etwas nicht fertig werden, die Hektik sich gegen uns zusammenschart und wir im letzten Moment, in der letzten Nacht etwas fertig machen. Gad als Teil des jüdischen Volkes – das ist ein Werkzeug, die Fähigkeit, im letzten Moment zu korrigieren, irgendwelche Handlungen zu vollbringen; so einen ungewöhnlichen Segen hat er.

In Vers 20 – der Segen Aschers.

מֵאָשֵׁר שְׁמֵנָה לַחְמוֹ וְהוּא יִתֵּן מַעֲדַנֵּי-מֶלֶךְ׃

me'aschér schemená lachmó wehú jittén ma'adanne-mélech

20 Aus dem Land Aschers öliges Brot, und er wird Delikatessen liefern.

Öliges Brot – Brot, das mit Öl getränkt ist. Tatsächlich wird Ascher sich mit der Herstellung von Oliven befassen, sein Erbteil wird reich an Oliven sein, und alles, was mit der Herstellung von Öl, von Produkten aus Oliven, der Verarbeitung von Olivenöl zusammenhängt – alles wird im Anteil Aschers sein.

Delikatessen – das ist ein Teil des kulinarischen Luxus, des kulinarischen Überflusses, den das Land Israel gibt: nicht das, was eben Sättigung gibt, sondern das, was Geschmack gibt; nicht das, was einfache Leute sättigt, sondern das, was feine, verwöhnte Könige sättigt. Das heißt, das Land Israel gibt nicht einfach Brot, Kohlsuppe und Brei, sondern durch Ascher, im Erbteil Aschers (Ascher ist auch mit dem Wort óscher, Glück, verbunden) gibt es Schönheit, gibt es die Delikatessen des Königs.

Eines der Verständnisse (und da wir schon darüber gesprochen haben, dass das Wort Brot oft an Fleisch oder an eine Frau erinnert) – ist, dass es im Stamm Ascher schöne junge Männer und schöne junge Mädchen geben wird. Wir erinnern uns, als Ascher geboren wurde, segnete ihn die Mutter und sagte: „Was für ein Hübscher, alle Töchter der Welt werden mich segnen“, das heißt, auch die Schönheit, die Ästhetik, das alles wird mit Ascher verbunden sein. Einen solchen Segen erhält er.

Naftali. Der Segen Naftalis zeichnet sich dadurch aus, dass es über jedes der Wörter, die darin verwendet werden, einen Streit gibt.

נַפְתָּלִי אַיָּלָה שְׁלֻחָה הַנֹּתֵן אִמְרֵי-שָׁפֶר׃

naftalí ajalá scheluchá hannotén imre-scháfer

21 Naftali – das ist eine freie Hindin (oder Naftali – das ist eine sich entfaltende Terebinthe),

Ajalá scheluchá kann Hirschkuh bedeuten oder eine in die Freiheit entlassene Hindin, oder eine freie Hindin. Ebenso kann es auch sich entfaltende Terebinthe, den Terpentinbaum, bedeuten, einen Baum aus der Familie der Pistaziengewächse, einen sehr schönen Baum, aus dem man balsamische Heilmittel machte. Im Wesentlichen sehen wir, dass Jaakow in seinem Segen Namen von Tieren verwendet, deshalb kann man sagen, dass hier doch gerade die Hindin gemeint ist. Aber vielleicht ist Jaakow auch von dieser Tradition abgewichen und hat hier einen schönen, wohlriechenden Baum erwähnt.

Hier kann man verstehen: Imre-scháfer, imra – das kann ein schöner Trieb sein, wie Triebe an einem Zweig, oder es kann ein schöner Ausdruck sein, von dem Wort lemór, schöne Sätze sagen. Imre-scháfer – das sind geflügelte Worte, das ist schöne Rede. Und die Kommentatoren sagen, dass er möglicherweise Wohlgerüche geben wird, die die Menschen salben werden, und die Menschen werden sich an das Schöne erinnern, gute Gefühle werden durch die Leier und durch die Düfte geweckt werden, die von Naftali hervorgebracht werden. Aber vielleicht ist es eine Hindin, anmutig, schön, die Entzücken hervorruft. Man kann sagen, dass nach Ascher auch Naftali mit einer gewissen Ästhetik verbunden ist, mit dem Hineintragen von Ästhetik in die Welt.

Mit Vers 22 beginnt der Segen Josefs. Auch er ist in einer sehr schwierigen Sprache geschrieben, und einige Ausdrücke sind umstritten. Jaakow beginnt also und sagt:

בֵּן פֹּרָת יוֹסֵף בֵּן פֹּרָת עֲלֵי-עָיִן בָּנוֹת צָעֲדָה עֲלֵי-שׁוּר׃

ben porát jossef ben porát ale-ájin banót za'adá ale-schúr

22 (ben porat) Josef, (ben porat) an der Quelle, und hinter ihm gehen in Reihen, ziehen sich die Mädchen hin.

Ben porát kann man als Wildesel übersetzen, im Licht dessen, was wir schon über die Tiere gesagt haben; eine andere Bedeutung von ben porát ist fruchtbarer Sohn, ein Sohn, der die größten, die reichsten Früchte gibt; die dritte Variante, ben porát – das ist Sohn des Flusses Prat, bedeckt vom Fluss Prat, verborgen vor jedem bösen Blick, vor jeder magischen Einwirkung, geschützt vor dem Neid der Menschen. Und der Ausdruck ale-ájin kann an der Quelle bedeuten.

Ein Liebling der Mädchen, Josef. Und wir haben das gesehen, und wir wissen, haben gelesen, dass über Josef als einzigen Jungen geschrieben steht, dass er ein schöner Junge ist (Gott schreibt nicht umsonst). Tatsächlich war Josef offenbar bei den Mädchen beliebt, und das war nicht sehr gut. Schönheit ist nicht immer ein Segen, und wir lesen in Vers 23:

וַיְמָרֲרֻהוּ וָרֹבּוּ וַיִּשְׂטְמֻהוּ בַּעֲלֵי חִצִּים׃

wajmarerúhu warobbú wajistemúhu ba'alé chizzím

23 Und sie betrübten ihn, und verdarben ihm das Leben, und stritten, und missachteten ihn, es wollten ihn zugrunde richten die Schützen (die, die Pfeile haben; die, die Macht haben).

Vielleicht gibt es hier eine Anspielung auf, eigentlich, den Wachdienst Potifars; aber höchstwahrscheinlich ging Josef selbst die ganze Zeit mit Leibwache, nachdem er die rechte Hand des Pharao geworden war. Um ihn herum waren die ganze Zeit irgendwelche Leute, die ihn auf jede Weise von seinem Posten verdrängen, seinen Platz einnehmen wollten, und Verschwörungen gegen ihn wurden viele geschmiedet, angefangen mit der Verschwörung der Frau Potifars selbst bis hin zu Verschwörungen, von denen wir gar nichts wissen; aber so ist das Schicksal der Politiker.

וַתֵּשֶׁב בְּאֵיתָן קַשְׁתּוֹ וַיָּפֹזּוּ זְרֹעֵי יָדָיו מִידֵי אֲבִיר יַעֲקֹב מִשָּׁם רֹעֶה

אֶבֶן יִשְׂרָאֵל׃

wattéschew be'etán kaschtó wajjafózzu sero'é jadáw midé awír jaaków mischám ro'é éwen jisraél

24 Aber sein Bogen blieb fest (seine Kraft blieb bei ihm, man hat ihn nicht zugrunde gerichtet), und man stützte ihm die Hände (stützte seinen Muskel, Stütze erhielten seine Muskeln) vom Starken Jaakows, von dem, der der Pastor ist, der Stein Israels.

Vielleicht ist der Stein Israels (éwen jisraél) nicht nur ein Stein, eine Stütze Israels. Vielleicht auch so, wie die Kommentatoren sagen: „Ewen – das ist aw u ben, die Verbindung von Vater und Sohn, die Sohnesverbindung von Sohn und Vater. Das Wort éwen, Stein besteht gleichsam aus zwei Wörtern, die überlappend geschrieben sind: aw (Vater) und ben (Sohn). Wenn man den ersten und den zweiten Buchstaben liest, ergibt sich aw; wenn man den zweiten und den dritten liest, ergibt sich ben“. Die Verbindung Josefs mit dem Vater, mit Jaakow, hat ihn nach dieser Meinung gestärkt. Man kann sagen, auch éwen, als Stein – das ist das, was die Verbindung von Vater und Sohn symbolisiert, von Israel und dem Höchsten, später auch von Maschiach und dem Höchsten. Das heißt, die Treue, die Einheit mit dem Vater – das ist das, was möglicherweise auch den Bogen Josefs bewahrt hat, die Muskeln Josefs fest erhalten hat. Er erhielt von dort seine Stütze, die Stütze erhielt er von jenem Stein. Man kann das auch mit dem Stein verbinden, den Jaakow als Mazewa aufstellte, als er die Leiter sah, und als er nach Lus zurückkehrte, in dem dieser Stein aufgestellt ist. Selbstverständlich hat nicht der Stein an sich ihm geholfen, und selbstverständlich wird Gott nicht im wörtlichen Sinn des Wortes Stein genannt.

מֵאֵל אָבִיךָ וְיַעְזְרֶךָּ וְאֵת שַׁדַּי וִיבָרְכֶךָּ בִּרְכֹת שָׁמַיִם מֵעָל בִּרְכֹת תְּהוֹם רֹבֶצֶת תָּחַת בִּרְכֹת שָׁדַיִם וָרָחַם׃

me'él awícha weja'serékkaIn der russischen Umschrift fehlt in diesem Wort ein Laut (das s in „weja'serékka“, „und Er wird dir helfen“). Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text. we'ét schaddáj wiwarechékka birchót schamájim me'ál birchót tehóm rowézet táchat birchót schadájim warácham

25 von dem Gott deines Vaters; und es wird dir helfen der allmächtige Gott, Gott Schaddaj, und wird dich segnen mit überhimmlischem Segen und mit dem Segen des tiefen Abgrunds, mit dem Segen der Brust und des Mutterleibs.

Das heißt, das ganze Universum wird von oben bis unten für Josef ein Segen sein, kein Teil des Universums wird sich ihm entgegenstellen. Überall, wo sich die Kraft des Höchsten offenbart, dort gibt Jaakow Josef den Segen; das ist ein sehr starker, allumfassender Segen.

Der Segen der Brust und des Mutterleibs – der Segen dessen, was hervorbringen kann, und dessen, was nähren kann, der schöpferischen Kraft und der ordnenden, zurechtbringenden Kraft. All das gibt Jaakow Josef durch den Segen. In einigen Fällen werden wir später réchem weschadájim, Mutterleib und Brust, lesen; aber hier – Brust und Mutterleib, weil es sich so poetisch schöner fügt, so bleibt der Rhythmus erhalten: die Fähigkeit zu nähren und die Fähigkeit zu gebären; die Fähigkeit, das zu ernähren, was existiert, und die Fähigkeit, das Existierende zur Welt zu bringen. Denn Josef ist, so heißt es, der, der hinzufügen wird, der, der Neues hineinbringen wird, und das ist eine der Facetten des Namens Josef.

בִּרְכֹת אָבִיךָ גָּבְרוּ עַל-בִּרְכֹת הוֹרַי

birchót awícha gawerú al-birchótDie russische Umschrift schreibt das zweite „birchót“ (Segnungen) mit a statt o, obwohl im Hebräischen beide Male dasselbe Wort steht. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text. horáj

26 Die Segnungen deines Elternteils, deines Vaters (das heißt „ich“, in diesem Fall spricht Jaakow von sich selbst), haben die Segnungen meiner Eltern übertroffen…

So kann man übersetzen. Aber die Targumim übersetzen so: „Die Segnungen…werden sich anschließen (wiederum jitwasfú, nach dem Namen Josefs) an die Segnungen meiner Eltern“. Nicht nur im Raum, von oben bis unten (nicht nur die Anatomie der Erde, die Kraft der Erde, die gebärende Kraft und die nährende Kraft), sondern auch in der Zeit werden sich alle Segnungen der Väter meinem Segen anschließen.

עַד-תַּאֲוַת גִּבְעֹת עוֹלָם תִּהְיֶיןָ לְרֹאשׁ יוֹסֵף וּלְקָדְקֹד נְזִיר אֶחָיו׃

ad-ta'awát giw'ót olám tihjéna lerósch josséf ulkodkód nesír echáw

…und wie nach der Leidenschaft der Hügel der Erde, zum Neid der irdischen Hügel, wird dieser Segen auf dem Haupt Josefs sein, auf dem Scheitel des Auserwähltesten unter den Brüdern.

Den schönsten Segen, den tiefsten, erhält hier Josef. Das ganze Universum segnet Josef, alles ist auf seinen Segen eingestimmt. Wir wissen, dass das auch ein Vorbild des Maschiach ist, der sein wird, „der Auserwählteste unter den Brüdern“.

Das ist das Ende von Vers 26. In Vers 27 lesen wir den Segen Binjamins. Binjamin ist der jüngste der Söhne Jaakows, und über ihn ist gesagt:

בִּנְיָמִין זְאֵב יִטְרָף בַּבֹּקֶר יֹאכַל עַד וְלָעֶרֶב יְחַלֵּק שָׁלָל׃

binjamín se'éw jitráf babbóker jochal ad wela'érew jechallék schalál

27 Binjamin – ein Wolf, er wird am Morgen reißen und fressen, und bis zum Abend wird er die Beute teilen.

Binjamin lebt von kleinen militärischen Operationen, von täglicher Arbeit, aber andererseits überarbeitet er sich nicht. Früh am Morgen wird er hinausgehen und Beute erbeuten.

Viele Historiker sagen, dass der Stamm Binjamin am Karawanenweg wohnte und sich unter anderem mit Überfällen auf Karawanen oder mit dem Schutz von Karawanen befasste – wie es sich gerade ergab, und sich auch mit allerlei Ausplünderungen der Ausplünderer befasste, und so weiter. Das heißt, der Stamm Binjamin lebt vom Krieg, von kurzfristiger Söldnerarbeit, verdient aber ziemlich gut. Das sehen wir, und weiter in der Schrift werden wir sehen, dass über den Stamm Binjamin (obwohl er klein ist, obwohl es, so scheint es, na, wen von den Brüdern sollte man hier einen Wolf nennen, Binjamin wirkt doch im ganzen Buch Bereschit wie so ein Schwächling), gerade über ihn spricht Jaakow, offenbart in ihm die Wolfskraft, den wölfischen Zugriff, gerade seine Nachkommen werden Krieger sein.

Und damit endet eigentlich der Segen Jaakows, und wir lesen:

כָּל-אֵלֶּה שִׁבְטֵי יִשְׂרָאֵל שְׁנֵים עָשָׂר וְזֹאת אֲשֶׁר-דִּבֶּר לָהֶם אֲבִיהֶם וַיְבָרֶךְ אוֹתָם אִישׁ אֲשֶׁר כְּבִרְכָתוֹ בֵּרַךְ אֹתָם׃

kol-élle schiwté jisraél scheném assár wesót ascher-dibbér lahém awihém wajwárech otám isch aschér kewircható berách otám

28 All dies – die Stämme Israels, zwölf. das ist das, was ihr Vater zu ihnen geredet hat, und er segnete sie, jeden, nach seinem Segen segnete er sie.

Ich habe schon darüber gesprochen, dass es unmöglich ist, alle Söhne, alle Menschen gleich zu segnen. Was dem einen als Segen erscheint, wird für den anderen ganz und gar kein Segen sein. Jaakow zeigt hier – vielleicht schien es uns, dass er von seiner Familie abgerückt ist, seine Söhne nicht beobachtet –, Jaakow zeigt uns hier, dass er die Natur seiner Söhne gut kennt, und er ist beseelt vom Geist jedes seiner Söhne, und er unterweist mit einem Segen, der jedem entspricht.

וַיְצַו אוֹתָם וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם אֲנִי נֶאֱסָף אֶל-עַמִּי קִבְרוּ אֹתִי אֶל-אֲבֹתָי אֶל-הַמְּעָרָה אֲשֶׁר בִּשְׂדֵה עֶפְרוֹן הַחִתִּי׃

wajzáw otám wajomer alehém aní ne'essáf el-ammí kiwrú otí el-awotáj el-hamme'ará aschér bisdé efrón hachittí

29 Und er befahl ihnen und sagte zu ihnen: „Ich schließe mich meinem Volk an (das heißt, das bedeutet – ich werde sterben; es gibt viele Metaphern für den Tod in der Tora). Begrabt mich bei meinen Vätern, in der Höhle, die bei Efron, dem Hethiter, ist (wir erinnern uns, wie Awraham diese Höhle kaufte),

בַּמְּעָרָה אֲשֶׁר בִּשְׂדֵה הַמַּכְפֵּלָה אֲשֶׁר עַל-פְּנֵי-מַמְרֵא בְּאֶרֶץ כְּנָעַן אֲשֶׁר קָנָה אַבְרָהָם אֶת-הַשָּׂדֶה מֵאֵת עֶפְרֹן הַחִתִּי לַאֲחֻזַּת-קָבֶר׃

bamme'ará aschér bisdé hammachpelá ascher-al-pené mamré be'érez kená'an aschér kaná awrahám et-hassadé me'ét efrón hachittí la'achussat-káwer

30 in der Höhle, die im Feld Machpela ist, die in Mamre ist, im Land Kanaan, die Awraham von Efron, dem Hethiter, gekauft hat als Besitz zum Begräbnis.

שָׁמָּה קָבְרוּ אֶת-אַבְרָהָם וְאֵת שָׂרָה אִשְׁתּוֹ שָׁמָּה קָבְרוּ אֶת-יִצְחָק וְאֵת רִבְקָה אִשְׁתּוֹ וְשָׁמָּה קָבַרְתִּי אֶת-לֵאָה׃

schámma kawerú et-awrahám we'ét sará ischtó schámma kawerú et-jizchák we'ét riwká ischtó weschámma kawárti et-le'á

31 Dort begrub man Awraham und seine Frau Sara; dort begrub man Jizchak und seine Frau Riwka; dort begrub ich auch Lea,

מִקְנֵה הַשָּׂדֶה וְהַמְּעָרָה אֲשֶׁר-בּוֹ מֵאֵת בְּנֵי-חֵת׃

mikné hassadé wehamme'ará ascher-bó me'ét bene-chet

32 dort, auf dem erworbenen Feld mit der Höhle, die von den Söhnen Chets ist.“

In Vers 33 verabschieden wir uns von Jaakow. Den größeren Teil des Buches Bereschit war er bei uns; der größere Teil des Buches Bereschit ist der Geschichte Jaakows gewidmet. Aber wir lesen:

וַיְכַל יַעֲקֹב לְצַוֹּת אֶת-בָּנָיו וַיֶּאֱסֹף רַגְלָיו אֶל-הַמִּטָּה וַיִּגְוַע וַיֵּאָסֶף אֶל-עַמָּיו׃

wajchál jaaków lezawwót et-banáw waje'essóf ragláw el-hammittá wajigwá waje'ássef el-ammáw

33 Und Jaakow hörte auf, seinen Söhnen zu gebieten, und hob seine Füße auf das Bett, und er gelangte ans Ziel (oder: kam an), und schloss sich seinem Volk an.

Es gibt so ein seltsames Verb, beendete seinen Weg, beendete seine Leiden, und schloss sich seinem Volk an. Das Buch Bereschit nähert sich fast ganz seinem Ende, und wir beginnen den traurigen Abschied von seinen Helden.

Epilog

Bereschit 50,1–26

Wir beenden das Studium des Wochenabschnitts Wajechi. Zusammen mit ihm beenden wir auch das Studium des ganzen Buches Bereschit, des ersten Buches der Tora. Wir sind dabei stehen geblieben, dass Jaakow seine Kinder gesegnet hat, jedes mit seinem besonderen Segen, die Füße auf dem Bett zusammengelegt hat und gestorben ist.

וַיִּפֹּל יוֹסֵף עַל-פְּנֵי אָבִיו וַיֵּבְךְּ עָלָיו וַיִּשַּׁק-לוֹ׃

wajippól josséf al-pené awíw wajéwk aláw wajischak-ló

1 Und Josef fiel auf das Gesicht seines Vaters, Jaakows, und weinte um ihn und küsste ihn.

Viele Kommentatoren sind verlegen, weil es in der modernen jüdischen Tradition keinen Brauch gibt, Tote zu küssen. Man hält dafür, dass ein toter Mensch, wie gerecht er auch gewesen sein mag, unrein ist, und das ist eine Berührung mit Unreinem, und es wird die Frage gestellt, warum Josef ihn küsste. Die Tradition sagt, dass Jaakow als Gerechter nicht ganz gestorben ist, dass der Körper eines Gerechten nicht ganz verunreinigt. Aber man kann auch sagen, dass die Menschen in jenen Zeiten noch nicht absolut nach der Tora lebten. Josef küsst in einer Aufwallung der Gefühle seinen gerade erst gestorbenen, noch warmen Vater, und etwas Erstaunliches sollte man darin wahrscheinlich nicht suchen.

וַיְצַו יוֹסֵף אֶת-עֲבָדָיו אֶת-הָרֹפְאִים לַחֲנֹט אֶת-אָבִיו וַיַּחַנְטוּ הָרֹפְאִים אֶת-יִשְׂרָאֵל׃

wajzáw josséf et-awadáw et-harofe'ím lachanót et-awíw wajachantú harofe'ím et-jisra'él

2 Und Josef gebot, Josef befahl seinen Knechten – den Ärzten –, seinen Vater zu mumifizieren (oder einzubalsamieren), und die Ärzte balsamierten ein, mumifizierten Israel.

Das Wort chanút bedeutet Mumie. Wörtlich bedeutet lachanót aufblühen, eine Knospe bilden. Wenn die Ägypter Mumien machten, machten sie entsprechend etwas, woraus dann neues Leben aufblühen wird, sie machten einen Körper, der zu neuem Leben bestimmt ist. Daher ein gewisser Anklang, obwohl das Wort nicht semitisch ist. Viele Kommentatoren sagen, dass lachanót – eben ein Blütenknöspchen vorbereiten oder ein Triebknöspchen heißt. Aber dennoch bleibt auch der direkte, einfache Sinn der Tora, dass chanitá – die Vorbereitung der Mumie ist.

Die Kommentatoren sagen, und darin liegt eine gewisse historische Wahrheit, dass man gewöhnlich, wenn man den Körper des Verstorbenen für die Mumifizierung vorbereitete, die inneren Organe herausnahm: Zuerst zog man durch die Nasenlöcher das Gehirn heraus, dann machte man einen Einschnitt und nahm die inneren Organe der Körperhöhle heraus, füllte den Raum mit allerlei Arzneien und so weiter. Die Kommentatoren sagen: „Da dies dem Geist des Judentums selbst widerspricht, den Juden fremd ist, und da Josef sicher an die Auferstehung der Toten glaubte, verlief die Einbalsamierung Jaakows nach einer besonderen Tradition, seine inneren Organe wurden nicht herausgenommen.“ Eine solche Frage wird gestellt, und es fällt uns schwer anzunehmen, dass Jaakow, der Patriarch des Volkes Israel, eine ägyptische Mumie war und wurde. Gewöhnlich möchte man, dass es keine gewöhnliche Mumie war, daher solche Ideen. Es ist durchaus möglich, dass es so war. Es gibt sehr viele verschiedene Angaben über verschiedene Arten der Mumifizierung in Ägypten; sie sind bruchstückhaft, aber es gibt viele, und umso schwerer ist es, sie zu verstehen.

וַיִּמְלְאוּ-לוֹ אַרְבָּעִים יוֹם כִּי כֵּן יִמְלְאוּ יְמֵי הַחֲנֻטִים

wajimle'u-ló arbá'im jom ki ken jimle'ú jemé hachanutím

3 Und es erfüllten sich vierzig Tage, denn so erfüllen sich die Tage der Mumifizierung…

Herodot berichtet, dass man siebzig Tage lang mumifizierte; andere nennen die Zahl fünfzig Tage, neunzig Tage. In einer ziemlich späten Periode schreibt der Historiker, Autor der ersten Bücher zur Weltgeschichte, ein Mann namens Diodor von Sizilien, der, wie nicht schwer zu erraten ist, auf Sizilien lebte, in der Geschichte Ägyptens, dass man vierzig bis zweiundvierzig Tage mumifizierte (das ist das, was hierher passt) und die Mumie dann liegen ließ und sie noch für dreißig Tage der Beweinung übergab. Und wenn wir weiterlesen:

וַיִּבְכּוּ אֹתוֹ מִצְרַיִם שִׁבְעִים יוֹם׃

wajiwkú otó mizrájim schiw'ím jom

…und die Ägypter beweinten ihn siebzig Tage

Man kann sagen, dass es vierzig und dreißig Tage Trauer sind. Dreißig Tage, wir erinnern uns, weinte man um Mosche und um Aharon, das ist eine bekannte Tradition. Zusammen ergibt das siebzig Tage Trauer.

וַיַּעַבְרוּ יְמֵי בְכִיתוֹ וַיְדַבֵּר יוֹסֵף אֶל-בֵּית פַּרְעֹה לֵאמֹר

waja'awrú jemé wechitó wajdabbér josséf el-bét par'ó lemór

4 Und die Tage seiner Beweinung gingen vorüber, und Josef begann zu reden, Josef wandte sich an das Haus des Pharao und sprach…

Man kann sich fragen: Warum kommt Josef nicht persönlich zum Pharao? Offenbar hat er früher ruhig – na, nicht gerade mit einem Fußtritt die Tür zum Pharao aufgestoßen, aber er hatte Zutritt zum Pharao. Warum spricht Josef jetzt mit dem Haus des Pharao? Vielleicht, weil nach der Hungersnot schon 12 Jahre vergangen sind, Josef ist kein so nötiger Mensch mehr im Haus des Pharao, und die Verbindung ist schwächer geworden. Möglich ist auch ein anderer Grund, dass Josef noch in Trauerkleidern ist, er trägt ein härenes Gewand, und es gehört sich nicht für ihn, in diesem Aufzug vor dem Pharao zu erscheinen. Deshalb sucht er, durch wen er sprechen kann, und wendet sich an die Diener, an das Sekretariat des Hauses des Pharao, und sagt zu ihnen:

אִם-נָא מָצָאתִי חֵן בְּעֵינֵיכֶם דַּבְּרוּ-נָא בְּאָזְנֵי פַרְעֹה לֵאמֹר׃

im-ná mazáti chen be'enechém dabberu-ná be'osné far'ó lemór

… wenn ich Gnade in euren Augen gefunden habe, sagt dem Pharao ins Ohr und sprecht (das heißt, bringt dem Pharao Folgendes zu Gehör):

אָבִי הִשְׁבִּיעַנִי לֵאמֹר הִנֵּה אָנֹכִי מֵת בְּקִבְרִי אֲשֶׁר כָּרִיתִי לִי בְּאֶרֶץ כְּנַעַן שָׁמָּה תִּקְבְּרֵנִי וְעַתָּה אֶעֱלֶה-נָּא וְאֶקְבְּרָה אֶת-אָבִי וְאָשׁוּבָה׃

awí hischbi'áni lemór hinné anochí met bekiwrí aschér karíti li be'érez kená'an schámma tikberéni we'attá e'ele-ná we'ekberá et-awí we'aschúwa

5 Mein Vater hat mich beschworen, mich einem Schwur unterworfen, indem er sagte: „Und siehe, ich sterbe; im Grab, in der Höhle, die für mich im kanaanäischen Land erworben ist, dort begrabe mich.“ Und jetzt erlaube mir doch, dass ich hinaufziehe und meinen Vater begrabe und zurückkehre.

Wir haben das letzte Mal gesagt, dass Jaakow seinen Sohn Josef nicht einfach gebeten oder ihm aufgetragen hat, ihn nicht in Ägypten, sondern in der Höhle Machpela zu begraben, die Awraham gekauft hatte, und ihn einem Schwur unterworfen hat. Jetzt ist genau die Zeit, davon Gebrauch zu machen. Zum Pharao sagt Josef: „Ich habe meinem sterbenden Vater geschworen.“ Das ist ein triftiger Grund, um zu sagen: Na ja, der Vater wollte es so, und deshalb begraben wir ihn nicht in Ägypten. Was soll man da machen, der Pharao ist doch ein Mensch, der Traditionen achtet, und auch die alten Beziehungen zu Josef verpflichten, und Jaakow hat er gesehen, und Jaakow hat ihn seinerzeit gesegnet.

וַיֹּאמֶר פַּרְעֹה עֲלֵה וּקְבֹר אֶת-אָבִיךָ כַּאֲשֶׁר הִשְׁבִּיעֶךָ׃

wajomer par'ó ale ukwór et-awícha ka'aschér hischbi'écha

6 Und der Pharao sagte: „Zieh hinauf und begrabe deinen Vater, wie er dir den Schwur abgenommen hat, wie er dich beschworen hat.“

וַיַּעַל יוֹסֵף לִקְבֹּר אֶת-אָבִיו וַיַּעֲלוּ אִתּוֹ כָּל-עַבְדֵי פַרְעֹה זִקְנֵי בֵיתוֹ וְכֹל זִקְנֵי אֶרֶץ-מִצְרָיִם׃

wajá'al josséf likbór et-awíw waja'alú ittó kol-awdé far'ó sikné wetó wechól sikné erez-mizrájim

7 Und Josef zog hinauf, um seinen Vater zu begraben, und mit ihm zogen hinauf alle Knechte des Pharao (selbstverständlich sind nicht absolut alle Knechte des Pharao mit ihm hinaufgezogen, sondern mit ihm zog das ganze Gefolge hinauf, alle die, die den Pharao gewöhnlich begleiten), die Ältesten des Hauses (alle ehrenwerten Höflinge, die Akademie der Wissenschaften des Pharao, eben jene Lehrer, vielleicht jene Priester, die einige Jahrhunderte später mit Mosche streiten werden), alle Ehrenbürger Ägyptens, alle ägyptischen Alten, alle zogen zusammen mit ihm hinauf.

וְכֹל בֵּית יוֹסֵף וְאֶחָיו וּבֵית אָבִיו

wechól bet josséf we'echáw uwét awíw

8 Und das ganze Haus Josefs und seine Brüder und das ganze Haus seines Vaters…

Das Haus des Vaters, wir haben gesagt, das sind die Frauen der Söhne. Es zogen also hinauf: Josef, das ägyptische Gesinde, die ägyptischen Ältesten, alle ägyptischen Werktätigen und die Intelligenz, die Brüder Josefs und ihre Frauen.

רַק טַפָּם וְצֹאנָם וּבְקָרָם עָזְבוּ בְּאֶרֶץ גֹּשֶׁן׃

rak tappám wezonám uwkarám asewú be'érez góschen

…nur ihre Kleinen und ihr Kleinvieh und ihr Großvieh ließen sie im Land Goschen zurück.

Wir können hier sehen, dass sie nach wie vor im Land Goschen wohnen. Wenn wir anfangen, das Buch Schemot zu studieren, wird uns das wichtig und interessant sein. Interessant ist, dass die Pharaonen die Hauptstadt allmählich nach Ramses verlegten, näher zum Land Goschen. Gerade deshalb lief Mirjam, wie wir im Buch Schemot lesen werden, nicht lange am Ufer des Nil hinter dem Kästchen her. Wenn sie das Kästchen im Land Goschen ausgesetzt hätten, die Hauptstadt aber die alte gewesen wäre, dann hätte die arme Mirjam etwa zweihundert Kilometer laufen müssen. Die Juden sind so im Land Goschen geblieben, aber die Hauptstadt ist umgezogen. Na, das hat jetzt nicht ganz mit der Sache zu tun, da greife ich vor.

וַיַּעַל עִמּוֹ גַּם-רֶכֶב גַּם-פָּרָשִׁים וַיְהִי הַמַּחֲנֶה כָּבֵד מְאֹד׃

wajá'al immó gam-réchew gam-paraschím wajhí hammachané kawéd me'ód

9 Und auch Wagen zogen mit ihm hinauf (aber nicht merkawót, nicht jene großen Wagen, die der Pharao seinerzeit geschickt hatte), und Reiter (und das ist alles die Wache); und es war ein sehr schweres, sehr reich mit Ausrüstung versehenes Lager.

Das heißt, Josef nimmt nicht einfach einen kleinen Sarg mit Jaakow und zieht ins Land Israel hinauf, um ihn zu begraben. Es zieht eine riesige Prozession mit schwerer Ausrüstung, mit Reitern und offenbar mit einer großen Menge an Kostbarkeiten. All das bewegt sich in Richtung des Landes Israel.

וַיָּבֹאוּ עַד-גֹּרֶן הָאָטָד אֲשֶׁר בְּעֵבֶר הַיַּרְדֵּן

wajawó'u ad-góren ha'atád aschér be'éwer hajardén

10 Und sie kamen zur Tenne von Oted, beim Übergang über den Jordan …

Die Tenne – das ist nicht einfach ein Ort, an dem man Getreide siebt, das ist nur eine der Bedeutungen. Das ist ein weiter Ort im Tal, immer der weiteste Ort im Tal, ein sehr bequemer Ort. Viele Forscher, Historiker, sagen, dass das in der Gegend des heutigen Jericho ist (und wir werden danach noch ein klein wenig darüber sagen).

Hier ist nicht sehr klar, ob sie über den Jordan gezogen sind und das von ihnen aus jenseits des Jordan war, oder ob der Autor, der sich im Land Israel befindet, uns schreibt, dass es beim Übergang über den Jordan war. Aber höchstwahrscheinlich das Erste. Sie zogen über den Jordan und hatten gerade erst das Land Israel betreten, und die Trauer setzte sich fort. Warum? Weil sich höchstwahrscheinlich, nach den damaligen Traditionen, die Jischmaeliten anschlossen, und die Nachkommen Esaws, und alle jene, die nicht in Ägypten gewesen waren, sich dem Trauerzug anschlossen. Wenn sich jemand einem Trauerzug anschließt, wird die Trauer erneuert, manche zerreißen sogar noch einmal die Kleider. Es gibt solche bewegenden Momente bei Beerdigungen, wenn alle wieder ein sich steigernder Schmerz ergreift. Sie zogen also über den Jordan:

וַיִּסְפְּדוּ-שָׁם מִסְפֵּד גָּדוֹל וְכָבֵד מְאֹד וַיַּעַשׂ לְאָבִיו אֵבֶל שִׁבְעַת יָמִים׃

wajispedu-schám mispéd gadól wechawéd me'ód wajá'as le'awíw éwel schiw'át jamím

…und dort hielten sie eine Trauer, eine Beweinung, eine große und schwere, und er hielt Trauer um den Vater sieben Tage.

Sieben Tage – das sind bis heute die Trauertage, die ein gläubiger Jude um nahe Menschen sitzt: um den Vater, um die Frau, um die Mutter, um den Sohn, um die Tochter, Gott bewahre. Das ist sowohl mit den sieben Tagen der Schöpfung verbunden als auch einfach mit der symbolischen Zahl Sieben, dafür gibt es viele verschiedene Auslegungen. Und wenn wir heiraten, halten wir ebenfalls sieben Tage des Segens. Die naheliegendste Parallele ist, wie ich gesagt habe, die zu den sieben Tagen der Schöpfung.

וַיַּרְא יוֹשֵׁב הָאָרֶץ הַכְּנַעֲנִי אֶת-הָאֵבֶל בְּגֹרֶן הָאָטָד וַיֹּאמְרוּ אֵבֶל-כָּבֵד זֶה לְמִצְרָיִם עַל-כֵּן קָרָא שְׁמָהּ אָבֵל מִצְרַיִם אֲשֶׁר בְּעֵבֶר הַיַּרְדֵּן׃

wajár joschéw ha'árez hakkena'aní et-ha'éwel begóren ha'atád wajomerú ewel-kawéd se lemizrájim al-kén kará schemá awél mizrájim aschér be'éwer hajardén

11 Und die Bevölkerung des kanaanäischen Landes sah die Trauer auf dieser Tenne, und sie sagten: „Das ist eine schwere Trauer für die Ägypter.“ und deshalb nannten sie ihren Namen (den Namen dieser Gegend) „ägyptische Trauer“, die jenseits des Jordan liegt.

Tatsächlich gibt es im Land Israel einige Dutzend Orte, in deren Namen das Wort awél (Trauer) vorkommt. Meistens enthalten sie Friedhöfe, und in diesem Gebiet, das die Historiker als Awél Mizrájim bestimmt haben, und in einigen anderen Gebieten in der Nähe gibt es Begräbnisstätten von Ägyptern. Ägypten hielt das Land Israel eine Zeit lang besetzt, und sie begruben ihre Bediensteten nicht, brachten sie nicht nach Ägypten hinab, begruben sie nicht in „Gräbern des unbekannten Soldaten“, sondern bauten ihnen kleine Begräbnisstätten, und solche gibt es einige im Land Israel, darunter auch dort, bei Jericho. Möglicherweise ist später nach dem Namen dieses Ortes dort auch der ägyptische Friedhof entstanden.

וַיַּעֲשׂוּ בָנָיו לוֹ כֵּן כַּאֲשֶׁר צִוָּם׃

waja'asú wanáw lo kén ka'aschér ziwwám

12 Und die Söhne taten ihm alles, wie er es ihnen geboten hatte.

וַיִּשְׂאוּ אֹתוֹ בָנָיו אַרְצָה כְּנַעַן וַיִּקְבְּרוּ אֹתוֹ בִּמְעָרַת שְׂדֵה הַמַּכְפֵּלָה אֲשֶׁר קָנָה אַבְרָהָם אֶת-הַשָּׂדֶה לַאֲחֻזַּת-קֶבֶר מֵאֵת עֶפְרֹן הַחִתִּי עַל-פְּנֵי מַמְרֵא׃

wajis'ú otó wanáw árza kena'án wajikberú otó bim'arát sedé hammachpelá aschér kaná awrahám et-hassadé la'achusát-kéwer me'ét efrón hachittí al-pené mamré

13 Und seine Söhne brachten ihn in das kanaanäische Land und begruben ihn in der Höhle des Feldes Machpelá, an eben jenem Ort, den Awraham als Begräbnisbesitz gekauft hatte, der von Efron, dem Hethiter, in Mamré gekauft worden ist.

Warum ist das jetzt wichtig? Und wir haben damals darüber gesprochen. Awraham wollte, dass es keine landwirtschaftliche Nutzfläche wäre, die von der Bearbeitung des Bodens abhinge, sondern eben eine Begräbnisstätte. Und deshalb konnte man es die ganze Zeit über erhalten, solange Israel diesen Boden nicht bearbeitete und überhaupt in Chewron abwesend war.

וַיָּשָׁב יוֹסֵף מִצְרַיְמָה הוּא וְאֶחָיו וְכָל-הָעֹלִים אִתּוֹ לִקְבֹּר אֶת-אָבִיו; אַחֲרֵי קָבְרוֹ אֶת-אָבִיו׃

wajaschów josséf mizrájma hu we'echáw wechol-ha'olím ittó likbór et-awíw acharé kowró et-awíwIn der russischen Umschrift steht das Betonungszeichen beim letzten Wort hinter dem letzten Buchstaben. Nach dem Hebräischen und wie beim ersten Vorkommen desselben Wortes steht es hier auf dem i.

14 Und Josef kehrte nach Ägypten zurück, er und seine Brüder und alle, die mit ihm hinaufgezogen waren, um den Vater zu begraben, nach dem Begräbnis des Vaters.

Das heißt, Josef kehrte, wie er es dem Pharao versprochen hatte, nach Ägypten zurück. Nicht als Geiseln ließen sie natürlich die Kinder und das Vieh zurück, sondern weil es für sie schwer war, mit den Kindern hinaufzuziehen. Und es stellt sich die Frage (sie stellt sich überhaupt nicht nur hier, sie stellt sich auch schon früher): Warum sind sie denn nicht gleich hinaufgezogen, sobald die Hungersnot zu Ende war? Die Hungersnot war zu Ende, man hätte ins Land Israel zurückkehren können, sie hatten dort sogar einigen Besitz, den man irgendwie hätte nutzen können. Dennoch bleibt das Volk, es hat sich in Ägypten eingelebt, und darin liegen der Plan und die Vorsehung des Höchsten.

In Vers 15 lesen wir etwas Seltsames:

וַיִּרְאוּ אֲחֵי-יוֹסֵף כִּי-מֵת אֲבִיהֶם

wajir'ú ache-josséf ki-mét awihém

15 Und die Brüder Josefs sahen, dass ihr Vater gestorben war…

Nun, sie haben das ja nicht erst jetzt gesehen, sie sind doch hingefahren, um ihn zu begraben. Gemeint ist, dass sie, sobald sie sahen, dass er gestorben war, das dachten, wovon jetzt erzählt wird.

וַיֹּאמְרוּ לוּ יִשְׂטְמֵנוּ יוֹסֵף וְהָשֵׁב יָשִׁיב לָנוּ אֵת כָּל-הָרָעָה אֲשֶׁר גָּמַלְנוּ אֹתוֹ׃

wajomerú lu jisteménu josséf wehaschéw jaschíw lánu et kol-hara'á aschér gamálnu otó

…und sie sagten, sie sagten sich: „Jetzt also wird Josef uns hassen, und für all das Schlechte, das wir ihm angetan haben, jetzt also wird er mit uns abrechnen.“

Wir erinnern uns, dass schon Esaw taktvoll genug war und sagte: „Wenn Papa stirbt und wenn wir ihn beweint haben, dann werde ich Jaakow töten.“ Und die Brüder verstehen: Ja, Josef konnte sich zurückhalten, um nicht zu Papas Lebzeiten eine Vendetta in der Familie zu beginnen, aber jetzt wird er sich ganz sicher an ihnen rächen. Die Brüder haben wohl lange nachgedacht, und das ist es, was sie sich ausgedacht haben.

וַיְצַוּוּ אֶל-יוֹסֵף לֵאמֹר

wajzawú el-josséf lemór

16 Und sie geboten Josef, indem sie sagten:…

Was bedeutet: sie geboten Josef? Sie sind doch eigentlich nicht in der Lage, Josef zu gebieten. Höchstwahrscheinlich sprachen sie über Bilhá, das heißt, sie fanden irgendein Mittel, auf Josef einzuwirken, und begannen, ihm über Bilhá das zu übermitteln, was Jaakow nie gesagt hatte, das ist ihre eigene Initiative.

אָבִיךָ צִוָּה לִפְנֵי מוֹתוֹ לֵאמֹר׃

awícha ziwwá lifné motó lemór

… „dein Vater hat vor seinem Tod versprochen, indem er sagte:

כֹּה-תֹאמְרוּ לְיוֹסֵף אָנָּא שָׂא נָא פֶּשַׁע אַחֶיךָ וְחַטָּאתָם כִּי-רָעָה גְמָלוּךָ וְעַתָּה שָׂא נָא לְפֶשַׁע עַבְדֵי אֱלֹהֵי אָבִיךָ וַיֵּבְךְּ יוֹסֵף בְּדַבְּרָם אֵלָיו׃

ko-tomerú lejosséf anná sa na péscha achécha wechattatám ki-ra'á

gemalúcha we'attá sa na leféscha awdé elohé awícha wajéwk josséf

bedabberám eláw

17 „So sagt zu Josef: ‚bitte, trage die Missetat deiner Brüder und ihre Sünde, denn Böses haben sie dir angetan. nun aber trage, bitte (zum dritten Mal na; dieses Partikelchen na – so ein zuredendes Partikelchen – trage doch, trage, bitte) die Missetat der Knechte des Gottes deines Vaters‘.“ Und Josef weinte, als man ihm das übermittelte.

Worüber weinte er? Weinte er darüber, dass er ahnte, dass Jaakow so etwas nicht gesagt hatte? Vielleicht dachten sie, dass Jaakow es ihm erzählt hatte, aber er hatte es ihm nicht erzählt. Und hier sieht man, dass die Brüder dieses Argument hervorgeholt haben, weil sie fürchteten, dass Josef sich an ihnen rächen würde, und höchstwahrscheinlich hat Jaakow nichts dergleichen verfügt. Oder Josef weinte, weil er verstand, dass die Brüder immer noch so über ihn denken. Oder Josef weinte einfach, weil er sich an all das erinnerte, was in seiner Familie überhaupt vor sich gegangen war, und es gab, es gab für Josef Grund genug zu weinen.

וַיֵּלְכוּ גַּם-אֶחָיו וַיִּפְּלוּ לְפָנָיו וַיֹּאמְרוּ הִנֶּנּוּ לְךָ לַעֲבָדִים׃

wajelechú gam-echáw wajippelú lefanáw wajomerú hinnénnu lechá la'awadím

18 Und dann kamen seine Brüder (ich habe gesagt, dass sie höchstwahrscheinlich nicht selbst sprachen, sondern über, möglicherweise, Bilha; Bilha drängt sich einfach als einer der wenigen Kandidaten auf, über die man sprechen konnte), und fielen vor ihm nieder und sagten: „Siehe, wir sind deine Knechte.“

וַיֹּאמֶר אֲלֵהֶם יוֹסֵף אַל-תִּירָאוּ כִּי הֲתַחַת אֱלֹהִים אָנִי׃

wajomer alehém jossef al-tiráu ki hatáchat elohím ani

19 Und Josef sagte zu ihnen: „Fürchtet euch nicht, bin ich denn an Gottes Stelle?

Er sagte denselben Satz, den seinerzeit sein Vater zu seiner Mutter gesagt hatte, als die Mutter bat, sagte: „Gib mir Kinder, oder ich sterbe.“ Und Jaakow sagte damals: „Ich bin nicht an Gottes Stelle, der deinen Mutterleib verschlossen hat.“ Josef wiederholt denselben Satz und sagt: „Ich bin nicht an Gottes Stelle, um euch zu bestrafen. Gott lenkt diese Welt, ihm gehören Rache und Vergeltung. Ich werde euch in keiner Weise weder bestrafen noch richten.“

וְאַתֶּם חֲשַׁבְתֶּם עָלַי רָעָה אֱלֹהִים חֲשָׁבָהּ לְטֹבָה לְמַעַן עֲשֹׂה כַּיּוֹם הַזֶּה לְהַחֲיֹת עַם-רָב׃

we'attém chaschawtém aláj ra'á elohím chaschawá letowá lemá'an assó kajom hassé lehachajot am-ráw

20 Ihr habt Böses über mich gedacht (oder ihr habt Böses gegen mich ersonnen), Gott aber hat es zum Guten ersonnen, damit man heute eine große Menge Volkes ernähren konnte.

וְעַתָּה אַל-תִּירָאוּ אָנֹכִי אֲכַלְכֵּל אֶתְכֶם וְאֶת-טַפְּכֶם וַיְנַחֵם אוֹתָם וַיְדַבֵּר עַל-לִבָּם׃

we'attá al-tiráu anochí achalkél etchém we'et-tappechém wajnachém otám wajdabbér al-libbám

22 Fürchtet euch nicht, dass ich euch töte (und außer dass ich euch nicht töten werde, werde ich mich auch nicht an euch rächen), ich werde euch versorgen, ich werde mich um eure Wirtschaft kümmern, ich werde mich um eure Ernährung und die eurer Kinder kümmern.“ Und Josef tröstete sie und redete zu ihrem Herzen.

Die Wurzel óchel – Essen, ernähren; daher auch die Wurzel kalkalá – Wirtschaft.

Welche Höhe des Geistes Josef hat, dass er den Brüdern nicht einfach großmütig vergibt, sondern sie auch noch überzeugt, dass er ihnen vergeben hat. Von ihm kann man die Kraft der Vergebung lernen, sowohl wann es nötig ist als auch wann es angebracht ist als auch wann die Vergebung von Gott ist.

וַיֵּשֶׁב יוֹסֵף בְּמִצְרַיִם הוּא וּבֵית אָבִיו וַיְחִי יוֹסֵף מֵאָה וָעֶשֶׂר שָׁנִים׃

wajéschew josséf bemizrájim hu uwét awíw wajchí josséf me'á wa'ésser schaním

22 Und Josef wohnte in Ägypten, er und das Haus seines Vaters, und Josef lebte hundertzehn Jahre.

וַיַּרְא יוֹסֵף לְאֶפְרַיִם,בְּנֵי שִׁלֵּשִׁים גַּם בְּנֵי מָכִיר בֶּן-מְנַשֶּׁה יֻלְּדוּ עַל-בִּרְכֵּי יוֹסֵף׃

wajár josséf le'efrájim bené schilleschím gam bené machír ben-menasché julledú al-birké josséf

23 Und Josef sah bei Efrájim die vierte Generation, Söhne der dritten Generation, und Urenkel von Menasché, auch sie wurden auf die Knie Josefs geboren.

וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל-אֶחָיו אָנֹכִי מֵת

wajomer josséf el-echáw anochí met

24 Und Josef sagte zu seinen Brüdern: „Siehe, ich sterbe“ …

Beachtet: Die Menschen jener Zeit verteilten Testamente, gaben Anweisungen mit warmer Hand, waren sich des Herannahens des Todes bewusst, waren darauf vorbereitet und regelten ihre Angelegenheiten, bevor sie starben. Deshalb sagt Josef, wie auch Jaakow:

וֵאלֹהִים פָּקֹד יִפְקֹד אֶתְכֶם וְהֶעֱלָה אֶתְכֶם מִן-הָאָרֶץ הַזֹּאת אֶל-הָאָרֶץ

אֲשֶׁר נִשְׁבַּע לְאַבְרָהָם לְיִצְחָק וּלְיַעֲקֹב׃

welohím pakód jifkód etchém wehe'elá etchém min-ha'árez hassót el-ha'árez aschér nischbá le'awrahám lejizchák ulja'ákow

…aber der HERR wird euch mit Heimsuchung heimsuchen, wird euch bewahren und wird euch aus diesem Land hinaufführen in jenes Land, das er Awraham, Jizchak und Jaakow geschworen hat.

וַיַּשְׁבַּע יוֹסֵף אֶת-בְּנֵי יִשְׂרָאֵל לֵאמֹר פָּקֹד יִפְקֹד אֱלֹהִים אֶתְכֶם וְהַעֲלִתֶם אֶת-עַצְמֹתַי מִזֶּה׃

wajaschbá josséf et-bené jisraél lemór pakód jifkód elohím etchém weha'alitém et-azmotáj missé

25 Und Josef beschwor die Söhne Israels, indem er sagte: „Gott wird euch mit Heimsuchung heimsuchen, und ihr werdet meine Gebeine aus diesem Land hinaufbringen.“

Josef sagt oft (er hat es auch dem Vater gesagt, als Jaakow fragte: „Wer ist das?“): „Das sind meine Kinder, die mir der HERR gegeben hat in diesem, hier, in diesem Land“. Und hier sagt er: „Bringt meine Gebeine hinauf ‚von hier‘, kann man in einfacher Sprache sagen, ohne Ägypten zu erwähnen, und sagt damit, dass es irgendein Zwischenort ist, irgendein Rastplatz, den man auch nicht erwähnen muss, obwohl Josef in Ägypten eine wichtige Figur ist.

Der letzte Vers des Buches Bereschit:

וַיָּמָת יוֹסֵף בֶּן-מֵאָה וָעֶשֶׂר שָׁנִים וַיַּחַנְטוּ אֹתוֹ וַיִּישֶׂם בָּאָרוֹן בְּמִצְרָיִם׃

wajámot josséf ben-me'á wa'ésser schaním wajachantú otó wajíssem ba'arón bemizrájim

26 Und Josef starb im Alter von hundertzehn Jahren, und man balsamierte ihn ein und legte ihn in einen Sarg in Ägypten.

So ein schnelles Ende hat eine lange Geschichte. Die ganze Geschichte des Universums und danach die Geschichte der Entstehung des jüdischen Volkes, das ganze Leben der Väter – im Buch Bereschit.

Über den Schwur Josefs

Wir werden beim Gespräch zwischen Jaakow und Josef verweilen. Jaakow bittet Josef, ihn nicht in Ägypten zu begraben. Jaakow sagt zu ihm: „Lege deine Hand unter meine Hüfte.“ Das bedeutet, zu schwören. Und als Josef ihm antwortet, sagt Josef einfach: „Ich werde tun, wie du gesagt hast.“ Da wiederholt Jaakow die Bitte zu schwören, sagt: „Schwöre.“ Und Josef schwört.

In der Tora gibt es etwas früher eine ähnliche Bitte Awrahams. Im 24. Kapitel des Buches Bereschit sagt Awraham zu Elieser: „Lege deine Hand unter meine Hüfte, und ich werde dir einen Schwur vor dem HERRN abnehmen.“ Und was tut der Knecht? Im 9. Vers desselben Kapitels steht geschrieben: „Der Knecht legte seine Hand unter die Hüfte Awrahams und leistete ihm den Schwur.“ Wir sehen einen gewissen Unterschied. Der Knecht Awrahams, Elieser, leistet sofort den Schwur. Im Unterschied zu ihm sagt Josef zuerst einfach: „Ich werde tun, wie du gesagt hast.“ Erst danach, auf die Bitte des Vaters hin, leistet Josef doch den Schwur. Warum ein solcher Unterschied?

Die jüdischen Kommentatoren sagen, dass das der Unterschied zwischen einem Knecht und einem Sohn ist. Ein Knecht ist ein unfreier Mensch. Man muss ihn binden, wie mit Fesseln, durch das Versprechen eines Schwurs. Er kann nichts aus freien Stücken tun. Im Unterschied zu ihm ist ein Sohn ein freier Mensch und kann selbst Gehorsam üben, dem Vater gehorchen. Deshalb genügte es Josef, einfach zu antworten: „Ich werde nach deinem Wort tun.“ Er musste nicht schwören. Und doch ist dann unverständlich, warum Jaakow auf dem Schwur besteht.

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, muss man sich dem späteren Gespräch zwischen Josef und dem Pharao zuwenden. Josef, der vor dem Pharao steht, ist ein unfreier Mensch. Er besitzt sehr große Macht, ist aber vorerst noch ein Knecht. Josef sagt zum Pharao, beginnt seine Ansprache an den Pharao mit den Worten: „Der Vater hat mich durch einen Schwur gebunden.“ Josef konnte nicht zum Pharao kommen und sagen: „Der Vater hat mich gebeten.“ Er konnte nicht einmal sagen: „Ich habe es versprochen.“ Das ist wichtig, aber das ist kein ausreichendes Argument für den Pharao. Deshalb kommt Josef zum Pharao und sagt: „Ich bin jetzt schon unfrei. Der Vater hat mich durch einen Schwur gebunden.“ Dem Pharao ist das sehr verständlich. Das ist noch ein wichtiges Argument für den Pharao. Neben allem, was Josef später sagen wird, damit der Pharao zustimmt. Das heißt, der Schwur, den Jaakow von Josef erbeten hat, ist für die Beziehung Josefs zum Pharao nötig und nicht für den Vater.

Darin kann man eine Parallele sehen, von der Jeschua spricht. Jeschua spricht von Knechten und Söhnen. Ein Knecht ist ein unfreier Mensch, ein Sohn ist ein freier Mensch. Beide gehorchen ihrem Herrn, ihrem Vater. So hat Elieser getan, worum Awraham ihn gebeten hatte, und Josef hat getan, worum sein Vater gebeten hatte. Und genau dasselbe Verhältnis besteht zu dem vom Höchsten gegebenen Gesetz. Als das Volk im Zustand von Knechten war, war es durch einen Schwur gebunden. In Jeschua gibt es Sohnschaft und keinen Schwur. Aber das hebt den Gehorsam nicht auf, das hebt die Notwendigkeit nicht auf, das Gesetz zu halten. Nur hält der Sohn das Gesetz freiwillig, ohne durch einen Schwur gebunden zu sein.

Was hat sich seit dem Moment geändert, als Jeschua kam? Paulus spricht darüber. Der Mensch war ein Knecht der Sünde und war deshalb der sündigen Natur untergeordnet, so wie auch Josef dem Pharao untergeordnet war. Um seine sündige Natur überwinden zu können, musste man ihr sagen: „Ich bin durch einen Schwur gebunden.“ Der Tod und die Auferstehung Jeschuas haben diese Abhängigkeit zerstört, und die Beziehungen wurden zu Beziehungen zwischen Gott und Söhnen. Deshalb ist kein Schwur mehr erforderlich. Es genügen einfach Versprechen. Wie Josef sagt: „Ich werde nach deinen Worten tun.“ Aber das bedeutet nicht, dass es keine Notwendigkeit des Gehorsams gibt. Deshalb sind wir, auch ohne durch einen Schwur gebunden zu sein, trotzdem verpflichtet, das Gesetz zu erfüllen, weil es der Wille des Vaters ist, den wir lieben

Über die Segnungen

Dieser Wochenabschnitt enthält besonders viele Segnungen. Er ist fast ganz den Segnungen gewidmet. Zuerst lesen wir, dass Jaakow Josef, Efrajim und Menasche segnet. Dann lesen wir, dass Jaakow alle seine schon nicht mehr jungen Söhne versammelt. Das sind keine Kinder, das sind schon erwachsene Söhne. Man kann sagen, er beruft die erste Versammlung des Volkes Israel ein und segnet jeden Stamm mit seinem eigenen Segen.

Aber diese Segnungen, wenn wir sie uns ansehen, ähneln nicht sehr den Segnungen, die wir zu sehen gewohnt sind. Das ist kein Segen wie: „Bleib gesund, ich wünsche dir Glück im Privatleben, mögest du viel Geld haben, damit du gedeihst oder damit dir die Zähne nicht wehtun.“ Solche Segnungen gibt es fast nicht. Die Segnungen, die Jaakow gibt, sind gewisse Werkzeuge, Ratschläge, die er seinen Söhnen gibt, um ihr positives Potenzial zu entfalten oder umgekehrt, um ihr negatives Potenzial nicht zu entfalten. Denn die Fähigkeit eines Menschen, sich selbst nicht zu schaden, ist auch ein großer Segen.

Jaakow beginnt damit, dass er Efrajim und Menasche segnet. Das ist nicht einfach ein Segen. Jaakow sagt: „In allen Generationen des Volkes Israel wird man die Söhne immer segnen: ‚Der Höchste setze dich wie Efrajim und wie Menasche.‘“ Und bis heute ist es so. Wenn ich nach Hause komme und mein Sohn zu mir kommt, segne ich ihn: „Der Höchste segne dich und setze dich wie Efrajim und wie Menasche.“ Die Mädchen segnen wir und sagen: „Mögest du sein wie Sara, Riwka, Rachel und Lea. Möge der Höchste dich so machen.“ Wir sagen über die Söhne nicht: „Sei wie Awraham, Jizchak und Jaakow, wie Aharon und Mosche, wie König David.“ Nichts dergleichen. Wir sagen, wie es der Stammvater Jaakow verfügt, wie er die Tradition festgelegt hat: „Sei wie Efrajim und Menasche.“ Worin besteht eine solche Besonderheit Efrajims und Menasches, dass man mit ihrem Namen, sagt Jaakow zu Josef, in Israel segnen wird?

Wir wissen sehr wenig über diese Menschen, fast nichts. Was wissen wir über Efrajim und über Menasche? Dass sie Kinder Josefs sind, dass sie in Ägypten aufgewachsen sind. Das ist der erste Grund. Die Fähigkeit, Kinder großzuziehen, die sogar in fremder Umgebung, sogar unter Ungläubigen, Andersgläubigen, Gegnern ihren Glauben bewahren, ihre Erziehung bewahren. Die Stärke Efrajims und Menasches ist die Fähigkeit, Fremde zu sein und Fremde zu bleiben, die eigene Kultur, den eigenen Glauben, den Glauben des eigenen Volkes zu bewahren, selbst wenn du ein Höfling in Ägypten bist. Die ägyptische Kultur ist so anziehend, und es ist so toll, in sie einzutauchen und endlich einer von ihnen zu werden.

Noch ein Grund für den Segen wie Efrajim und Menasche, den die Weisen erklären, ist, dass zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt und im Buch Bereschit ein Großvater die Enkel segnet. Man sagt, und ich habe es mehrfach zu hören bekommen: „Der Jude, dessen Enkel Juden sein werden, der ist wahrhaft gläubig; derjenige, der es vermag, nicht nur seine Kinder mit dem Stock oder irgendwie zu Gläubigen zu erziehen, sondern dessen Kinder es auch vermögen, ihre Kinder zu Gläubigen zu erziehen.“ Jaakow sieht seine gläubigen Enkel. Natürlich sind das nicht seine ersten Enkel. Wir wissen, als Jaakow nach Ägypten hinabzieht, wird auch die zahlreiche Nachkommenschaft Jaakows aufgezählt. Aber das sind wiederum diejenigen, die den Glauben unter Fremden bewahrt haben. Das ist die Fähigkeit einer Generation, sich zu erhalten, die Fähigkeit des Enkels, zum Großvater zu kommen und die Tradition zu übernehmen. Und auch das ist eine der Facetten des Segens, warum wir segnen wie Efrajim und Menasche.

Noch eine interessante Sichtweise, die besagt, dass Efrajim und Menasche verschiedene Menschen sind. Es gibt Physiker, es gibt Lyriker, es gibt Geisteswissenschaftler, es gibt Techniker, Menschen sind von verschiedener Art. Wenn ein Kind zu uns kommt, wissen wir noch nicht, wer es ist, wir wissen nicht, was für eine Seele in ihm lebt, mit welchen Talenten der Höchste es ausgestattet hat. Deshalb, wenn mein dreijähriges Kind zu mir kommt und ich zu ihm sage: „Der Höchste möge dich zu einem Zahnarzt oder zu einem Geiger oder zu einem Schriftsteller machen“, weiß ich nicht, ob der Höchste das will. Ob ich die Blume gieße, die tatsächlich in der Seele meines Sohnes wächst. Efrajim und Menasche sind gerade zwei Gegensätze. Der eine ein „Streber“, derjenige, der fähig ist, Tora zu lernen, ganz in die Welt der Wissenschaft versunken. Der andere ist in die Verwirklichung der Idee in dieser Welt versunken. Er befasst sich mit Wohltätigkeit, mit Almosen, bei ihm laufen soziale Programme. Und wir segnen unsere Kinder: „Wenn du Efrajim bist, mögest du gesegnet werden wie Efrajim. Wenn du Menasche bist, dann mögest du gesegnet werden wie MenascheIm Russischen steht der Segenswunsch ohne ausdrückliches Subjekt, etwa „möge dich segnen wie Efrajim“. Er ist hier passiv wiedergegeben, um kein Subjekt hinzuzufügen, das im Original nicht steht..“ Jeden nach seinem eigenen Segen. Jaakow ist der Erste, der Kindern verschiedene Segnungen gibt, entsprechend ihrer Natur, entsprechend der Natur jedes Einzelnen von ihnen, und das lehrt er auch uns. Wenn wir segnen, segnen wir nicht einfach: „Sei glücklich.“ Wir geben einen Segen, einen Rat, an den sich unser Sohn (oder unsere Tochter) mit Gottes Hilfe halten wird und der ihm (oder ihr) im Leben helfen wird.

Und noch ein, ein vierter Grund. Vielleicht der wichtigste. Während der ganzen Geschichte des Buches Bereschit haben wir gelesen, wie Brüder einander befeinden, angefangen mit Kajin und Hewel. Dann haben wir gelesen, wie man Jischmael weit weg von Jizchak schicken musste, wie Jaakow vor Esaw floh und sich vor ihm versteckte. Wir haben gelesen, wie die Brüder Josef verkauften. Das ganze Buch Bereschit ist durchdrungen vom Neid der Brüder aufeinander, von der Schwierigkeit anzunehmen (es ist sehr schwer anzunehmen), dass jemand mehr geliebt wird als du. Vielleicht hat das als Erster Jehuda getan, der, vor dem ägyptischen Beamten stehend, ohne zu wissen, dass es Josef ist, sagte: „Da ist unser Vater, und da hat er einen geliebten Sohn. Und wir sind nicht sehr geliebt, aber wir lieben den Vater trotzdem. Wir nehmen an, dass der Vater die Kinder nicht gleich liebt.“ Efrajim und Menasche sind die ersten zwei Brüder, die untereinander Frieden bewahrt haben, zwischen denen es keinerlei Zwistigkeiten, keinerlei Spaltungen gibt. Das ist die erste Generation von Menschen, die nicht miteinander verfeindet sind. Die ersten wahren Israeliten, die ersten wahren Jünger, die Liebe untereinander haben und keine Feindschaft untereinander haben.

Wenn wir die Kinder segnen, sage ich zu meinem Sohn: „Der Höchste möge dich zu Efrajim und Menasche machen, der es versteht, mit seinen Brüdern nicht verfeindet zu sein, seine Brüder nicht zu beneiden.“ Das ist ein sehr wichtiger Rat.

Es gibt auch Segnungen, die uns auf den ersten Blick wie Flüche erscheinen. Zum Beispiel lesen wir den Segen Re'uwens. Jaakow sagt zu ihm: „Du bist der Erstling meiner Kraft, du bist mein Erstgeborener, du bist meine Stärke, aber du bist spontan, voreilig, impulsiv, unbeherrscht in deinen Taten, deshalb führe nicht, nimm keine Führungspositionen ein. Siehst du, wie viel Zerstörung du in Führungspositionen anrichten kannst?“ Auch das ist ein Segen. Ein Segen ist nicht nur, wenn man einem Menschen sagt, womit er sich befassen sollte, sondern auch, wenn man ihm sagt, womit er sich nicht befassen sollte. Und in diesem Fall hat man Re'uwen gesagt: „Du kannst kein Anführer sein.“

Wir haben über zwei Brüder gesprochen, Efrajim und Menasche. Wie toll ist es, wenn Brüder zusammen sind! Aber wir lesen im selben Wochenabschnitt den Segen (jemand wird dieses Wort jetzt in Zweifel ziehen) Schimons und Lewis. Jaakow sagt: „Schimon und Lewi sind Brüder, in ihren Rat wird meine Seele nicht eintreten, denn sie sind ein Werkzeug des Zorns in ihren Händen, denn …“ Und so weiter. Jeder erinnert sich sicher an diese Worte. Jaakow sagt: „Schimon und Lewi sind Brüder. Ihr seid prächtige Jungs, gerade als Brüder, aber wenn ihr zusammen seid, seid ihr füreinander gefährlich. An euren gemeinsamen Unternehmungen will ich mich nicht beteiligen, ich werde euch zerstreuen, ich werde euch trennen.“ Wie ein Lehrer zwei gute Jungen trennt, die zusammen Unfug treiben. Letztlich ist Lewi gar nicht so schlecht, er hat einen gewaltigen, wichtigen Dienst erhalten. Ich selbst kann das als Kohen, als Nachkomme Lewis sagen. Aus der Tradition wissen wir, dass die Nachkommen Schimons sich damit befassten, Kinder zu unterrichten. Auch sie zogen umher und wanderten durch die Stämme Israels. Der Stamm Schimon ist auf der Karte von allen Seiten vom Stamm Jehuda umgeben. Er ist gleichsam von allen isoliert. Prächtige Jungs, jeder für sich. Tut euch bitte nicht zusammen. Seid Brüder, aber fangt keine gemeinsamen Unternehmungen an. Auch das ist ein wichtiger Rat, eine wichtige Empfehlung fürs Leben. Das ist jener Teil der Segnungen, in denen Jaakow sagt, wie man eigentlich gesegnet bleibt, wie man diesen Segen bewahrt.

Und erst zu seinem vierten Sohn Jehuda sagt Jaakow:

יְהוּדָה אַתָּה יוֹדוּךָ אַחֶיךָ

JEHUDA ATTA JODÚCHA ACHÉCHA

8 ...Dich haben die Brüder durch Handauflegung eingesetzt...

Das Wort Jehuda verbindet Jaakow durch ein Wortspiel mit dem Wort יַד(jad) die Hand auf jemanden legen. „Dich haben die Brüder zum Anführer bestimmt. Du hast dich selbst als Anführer aus der Menge hervorgetan.“ Das ist nicht nur ein Hinweis an Jehuda. Das ist in diesem Fall ein Hinweis an alle Brüder, an ganz Israel, dass nach seinen Führungsqualitäten, nach seinen Fähigkeiten, Verantwortung zu übernehmen, in kritischen Situationen der Anführer bestimmt wird. Der Segen ist also nicht die Übersetzung, wenn wir das Wort „Segen“ lesen, die Übersetzung des russischen Wortes, die Übersetzung des lateinischen Wortes benediction: segnen, gute Worte sagen. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, wir wünschen dir Glück im Privatleben. Pu.“Ein bekanntes Zitat aus dem sowjetischen Zeichentrickfilm „Winnie Puuh“: So steht es auf dem Geburtstagsgeschenk für den Esel I-Aah. Das ist Segen auf Russisch. Der Segen auf Hebräisch ist das Wort בְּרָכָה(bracha), das Wort verbinden, ein Gelenk sein. Das ist das, was dem Menschen Werkzeuge gibt, mit dem Höchsten verbunden zu sein.

Wenn für Efrajim und Menasche das Wichtigste die Einheit ist, das Fehlen von Feindschaft, so gibt es zwischen Schimon und Lewi keine Feindschaft, sie verstehen sich bestens miteinander, aber das ist nicht gut für die Umgebung. Deshalb sagt Jaakow: „Euch, die ihr so einträchtig seid, werde ich trennen.“ Und auch das ist ein Segen.

Und die Natur des Segens besteht darin, dass nicht alle gleich gesegnet werden. Die einen sollen zusammen sein, die anderen getrennt. Die Autorität des Vaters, die Führung durch den Geist, die Jaakow hatte, hat das offenbart.

Und dieser Wochenabschnitt enthält nicht nur Segnungen, die wichtig, nützlich, interessant sind, sondern auch solche, die rätselhaft und unverständlich sind, denn, ich gebe es ehrlich zu, nicht nur ich, sondern jeder, der dieses Buch gelesen hat, kann sagen, dass die Segnungen in einer unverständlichen, sehr schönen poetischen Sprache geschrieben sind. Wenn man sie liest, stockt einem der Atem, aber nicht alles, was darin geschrieben steht, ist verständlich. Der Segen ist unsere Sicht auf jedes der Kinder, die Entfaltung seiner Natur, nicht unserer, sondern seiner Natur. Das ist das, was wir in ihm gesehen haben, das ist eine Hilfe für ihn zu erkennen, was er ist. Und es ist eine Erzählung nicht darüber, was für einer man sein soll, sondern darüber, wie man sein soll, darüber, wie man mit Gott lebt, wie man die Beziehung zu Gott bewahrt und was man dafür braucht, in sehr, sehr praktischen Dingen auf der Ebene: zusammen sein oder Abstand halten, führen oder nicht führen. Die praktischsten Ratschläge, die im Mund Jaakows zu Segnungen werden. Das ist also eine der wichtigen Lehren unseres Wochenabschnitts.

Die Segnung der Töchter

Eines der Hauptthemen des Wochenabschnitts Wajechi sind die Segnungen. Und das ist wohl ein guter Anlass, über Segnungen zu sprechen. Wir alle mögen es, wenn man uns segnet. Wir segnen gern, wir wollen vom Höchsten gesegnet sein. Als glücklicher Vater von Kindern will ich auch noch Vater glücklicher Kinder sein. Und ich glaube, dass der Segen des Höchsten der Schlüssel zu ihrem Glück ist.

In einer jüdischen Familie ist es üblich, die Kinder jeden Schabbat zu segnen. Wenn sich die Familie am Abend an den Schabbattisch setzt, kommen die Kinder zum Vater, und der Vater segnet sie.

Wenn wir die Jungen segnen, sagen wir: „Der Höchste richte dich auf wie Efrajim und Menasche.“ Das ist die Erfüllung einer Art Gebot, das Jaakow-Israel vor seinem Sohn Josef gegeben hat. Wir lesen darüber in Bereschit (48,20):

בְּךָ יְבָרֵךְ יִשְׂרָאֵל לֵאמֹר יְשִׂמְךָ אֱלֹהִים כְּאֶפְרַיִם וְכִמְנַשֶּׁה

bechá jewaréch jisraél lemór jesimechá elohím ke'efrájim wechimnasché

20 …mit dir oder mit deinen Namen wird Israel segnen und sagen wie Efrajim und wie Menasche…

Unser Stammvater Jaakow sagte, dass wir so unsere Söhne segnen werden, mit dem Wunsch, dass der Höchste sie setze wie Efrajim und Menasche.

Wenn wir die Töchter segnen, sagen wir: „Der Höchste richte dich auf wie Sara, Riwka, Rachel und Lea.“ Wie unsere vier Stammmütter.

Eigentlich wird gerade das Leben unserer Stammmütter im Buch Bereschit beschrieben. Gerade ihr Familienleben wird mit den meisten Einzelheiten beschrieben. Sonst sehen wir im ganzen Tanach keine so große Aufmerksamkeit für das Familienleben. Mosche spricht fast nicht mit Zippora. Und das Eheleben können wir nirgends sonst so genau beobachten wie im Buch Bereschit. Und es ist nicht verwunderlich, dass der Segen sich auf das Leben der Stammmütter gründet.

Wir wollen, dass unsere Kinder wie Sara, Riwka, Rachel und Lea sind. Wie alle vier gleichzeitig. Wie soll das gehen?

Einmal fragte mich meine Tochter, die schon herangewachsen war: „Papa, also wirklich, Sara ist eine Frau mit einem sehr schweren Leben, sie war lange unfruchtbar. Und mit Awraham ist nicht alles einfach. Riwka, Rachel, Lea: Sind diese Frauen so glücklich? Willst du wirklich, dass ich ihr Schicksal in irgendetwas wiederhole?“ Und man möchte ein wenig den Sinn des Segens erschließen, wenn wir die Töchter segnen und wollen, dass sie wie Sara, Riwka, Rachel und Lea sind. Wir wollen natürlich nicht, dass sie lange unfruchtbar sind, oder dass man sie dem Pharao übergibt, oder dass sie irgendeine Intrige gegen ihren Mann einfädeln müssen, oder dass man sie durch Betrug verheiratet, oder dass ihnen noch irgendetwas dergleichen widerfährt.

Worum geht es hier also eigentlich?

Jede Frau, jeder Mensch durchläuft in seinem Familienleben Etappen, Situationen, die mit der Verbindung Saras, Riwkas, Rachels und Leas zusammenhängen. Man kann es so formulieren: Vor jedem Mädchen können sich im Familienleben die Aufgaben Saras, Riwkas, Rachels und Leas stellen. Und wir wollen ihr einen Segen für die Erfüllung dieser Aufgaben geben.

Lasst uns anfangen und ansehen, was das Familienleben Saras ist. Worin besteht die Besonderheit des Familienlebens Saras? Nun, natürlich die Unfruchtbarkeit, das lange Warten auf ein Kind. Sara folgte Awraham. Und die Weisen sagen, dass Awraham eine Verheißung hatte, der Höchste sprach mit ihm. Sara ging auch ohne Verheißung. Sara ging aus rein weiblicher Intuition.

Der Höchste sagt zu Awraham (Bereschit 21,12):

כֹּל אֲשֶׁר תֹּאמַר אֵלֶיךָ שָׂרָה שְׁמַע בְּקֹלָהּ

kol aschér tomár elécha sará schemá bekolá

12 Alles, was Sara dir sagt, höre auf ihre Stimme.

Die Weisen sagen: „Sara, die Stammmutter, ist größer als Awraham in der Prophetie.“ In dem Sinne, dass Awraham tatsächlich Prophetie empfing und der Höchste mit ihm sprach. Sara hat ein Gespür, sie ist gleichsam, wie die Weisen sagen, mit dem Heiligen Geist gesalbt. Das ist ein Zitat aus jüdischen Quellen. Sie wird vom Geist geleitet und spürt aus rein weiblicher Intuition, was der Höchste will. In diesem Sinne ist sie größer als Awraham in der Prophetie.

Noch ein interessantes Detail können wir bemerken, als der Höchste den Eheleuten neue Namen gibt. (Bereschit 17,5):

וְלֹא־יִקָּרֵא עוֹד אֶת־שִׁמְךָ אַבְרָם וְהָיָה שִׁמְךָ אַבְרָהָם כִּי אַב־הֲמוֹן גּוֹיִם נְתַתִּיךָ׃

welo-jikkaré od et-schimchá awrám wehajá schímcha awrahám ki aw-hamón gojím netattícha

5 und dein Name soll nicht mehr Awram genannt werden, und dein Name wird Awraham sein. denn Ich werde dich machen, werde dir geben, Vater vieler Völker zu sein.

Über Sara ist es etwas anders gesagt (Bereschit 17,15).

וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים אֶל־אַבְרָהָם שָׂרַי אִשְׁתְּךָ לֹא־תִקְרָא אֶת־שְׁמָהּ שָׂרָי כִּי שָׂרָה שְׁמָהּ׃

wajomer elohím el-awrahám saráj ischtechá lo-tikrá et-schemá saráj ki sará schemá

15 und Gott sprach zu Awraham: „nenne Saraj, deine Frau, nicht Saraj. denn ihr wahrer Name ist Sara“.

Sie ist schon Sara. Dass du sie Saraj nennst, ist ein Irrtum. Saraj klingt ein wenig mit einem besitzanzeigenden Fürwort: meine Prinzessin. Man kann es auch als Verkleinerungssuffix verstehen: Prinzesschen. Und manche leiten es überhaupt von einer anderen Wurzel ab: Nörglerin, Wählerische.

Sara ist die Herrscherin. Sie hat schon Macht. Nenne sie nicht Saraj. Das ist nicht ihr Name, das ist eine optische Täuschung des Auges, dass sie Saraj ist, das scheint dir nur so. Sie ist Sara.

Du wirst erst Awraham sein, du bist vorerst Awram. Du wirst Awraham sein, du wirst zu Awraham, sie war schon Sara. Das ist die Besonderheit Saras. Sie ist stärker als ihr Mann. Wie man oft sagt: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Die starke Frau, das ist diese Sara, fähig, in verschiedenen Situationen standzuhalten, fähig, ihrem Mann in verschiedenen Situationen Unterstützung zu leisten, wenn man ihn zu irgendeiner Handlung anstoßen muss. Der Preis dieser Stärke ist, wie es oft so ist, Einsamkeit. Ich denke, dass einer der charakteristischen Züge der Beziehung zwischen Sara und Awraham ist: Sara ist eine einsame Frau. Sie ist oft gezwungen, ganz allein bald dem Pharao, bald Awimelech die Stirn zu bieten.

In Bereschit 23,2 lesen wir, dass Sara starb:

וַתָּמָת שָׂרָה בְּקִרְיַת אַרְבַּע הִוא חֶבְרוֹן בְּאֶרֶץ כְּנָעַן וַיָּבֹא אַבְרָהָם לִסְפֹּד לְשָׂרָה וְלִבְכֹּתָהּ׃

wattámot sará bekirját arbá hi chewrón be'érez kená'an wajawó awrahám lispód lesará weliwkotá

2 Und Sara starb in Kirjat Arba, das ist Chewron, im kanaanäischen Land. und Awraham kam, um Sara zu betrauern und sie zu beweinen.

Es gibt Midraschim darüber, dass Awraham zu dieser Zeit bei der Opferung Jizchaks war. So oder so war Sara allein, als sie starb. Allein. Die Einsamkeit ist ein untrennbarer Teil ihres Lebens.

Was bedeutet das für uns, für unsere Töchter? Ist das überhaupt ein Segen oder ein Fluch? Manchmal ist es nötig, muss man etwas allein tun, damit dein Mann Erfolg hat. Manchmal muss man für den Erfolg allein sein, muss stark sein, ein verlässlicher Rückhalt sein, wenn der Mann sich im richtigen Krieg befindet. Und es ist nötig, dass der Höchste segnet, damit es nicht heißt: „Uff, schon wieder bin ich allein.“ Damit es in Liebe zum Mann geschieht und im Streben, in seinem Erfolg den eigenen Erfolg zu sehen. Das ist eine sehr schwierige Situation, in die jede Frau geraten kann, und auch jeder Mann kann hineingeraten.

Im Talmud, im Traktat Bawa Batra, wird eine erstaunliche Geschichte über Rabbi Bana erzählt, der sich damit befasste, Höhlen zu tünchen. Wie man sagt: getünchte Gräber. Er tünchte die Gräber, damit diejenigen, die aus Babylon und aus anderen Ländern nach Jerusalem zur Anbetung gehen, nicht an einen unreinen Ort gerieten und sich nicht verunreinigten. Man tüncht sie. Sie sind schön, aber er tüncht sie, damit man sich ihnen nicht nähert, sie warnen vor der Unreinheit. Und dieser Mensch, Rabbi Bana, tünchte also Gräber und ging einmal in die Höhle Me´arát a-Machpelá, wo Awraham und Sara sind. Und da ist die Szene, die er beschreibt, nach den Worten Eliesers, des Knechtes Awrahams, den er dort sieht. Er fragt ihn, was Awraham und Sara in jener Welt tun. Und Elieser sagt zu ihm: „Awraham liegt an Saras Brust, und Sara untersucht ihm den Kopf.“ Den Kopf untersuchen – das ist so eine alte Szene, als es Pedikulose (Läuse) gab und man einander die Läuse aus dem Kopf holte. Eine sehr eigentümliche Zärtlichkeit. Aber wovon spricht dieser Midrasch durch ein solches sehr grobes irdisches Bild? Sara befreit Awraham von allerlei Kleinigkeiten. Sie sorgt dafür, dass sein Kopf nicht mit allerlei Kleinigkeiten vollgestopft ist, damit Awraham, ihr Mann, eben jenen, sagen wir, richtigen Krieg führen konnte, sich mit jener richtigen Sache befassen konnte, von der wir sprechen. Das ist natürlich ein Midrasch und eine Anekdote, aber sie illustriert gut die Beziehung zwischen Awraham und Sara. Eine starke Frau, die gerade dank ihrer Stärke fähig ist, in der zweiten Rolle zu sein.

Ganz andere Beziehungen haben Riwka und Jizchak. Wir wissen eigentlich sehr wenig über sie. Die Tora erzählt uns spärlich von ihnen, aber einiges können wir sehen. Ganz am Anfang lesen wir von der Begegnung Riwkas und Jizchaks (Bereschit 24,64):

וַתִּשָּׂא רִבְקָה אֶת־עֵינֶיהָ וַתֵּרֶא אֶת־יִצְחָק וַתִּפֹּל מֵעַל הַגָּמָל׃

wattissá riwká et-enéha wattére et-jizchák wattippól me'ál haggamál

64 und Riwka erhob ihre Augen und sah Jizchak und fiel vom Kamel.

Oder, kann man sagen, sie sprang ab, sprang vom Kamel herunter. Wieder gibt es Midraschim, die beschreiben, wie sie vom Kamel fiel. Es gibt schöne, es gibt nicht so schöne. Wir werden jetzt nicht darauf eingehen.

וַתֹּאמֶר אֶל־הָעֶבֶד מִי־הָאִישׁ הַלָּזֶה הַהֹלֵךְ בַּשָּׂדֶה לִקְרָאתֵנוּ

wattómer el-ha'éwed mi-ha'ísch hallasé haholéch bassadé likraténu…

65 Und sie sagte zum Knecht: „Wer ist das, was ist das für ein Mensch, so einer?“

Wenn man mi-ha'ísch hallasé wörtlich übersetzt – was ist das für ein Mensch, so einer, der über das Feld uns entgegengeht.

וַיֹּאמֶר הָעֶבֶד הוּא אֲדֹנִי וַתִּקַּח הַצָּעִיף וַתִּתְכָּס׃

wajomer ha'éwed hu adoní wattikkách hazza'íf wattitkás

und der Knecht sagte: „Das ist mein Herr.“ und sie nahm den Schal und bedeckte sich.

Sie nahm ein Tuch, kann man sagen, und bedeckte sich. Das Bedecken ist ein sehr wichtiges Element. Das wird von niemand anderem gesagt. Man kann hier natürlich die Gedanken in Richtung der Halacha lenken, in Richtung des Gesetzes, und sagen: „Da habt ihr ein Beispiel dafür, dass eine Frau sich bedeckt, wenn sie heiratet.“

Aber dieses Bedecken hat symbolisch ein sehr wichtiges Element. Es gibt eine Einheit, gleichsam ein „Eingehülltsein“ des Ehepaares Jizchak und Riwka in seiner inneren Welt. Jizchak führt Riwka in das Zelt seiner Mutter. Man kann sagen, an den liebsten, an den intimsten Ort für sich. Gerade dort gewann er sie lieb, dort wurde seine Liebe zu ihr geboren. Durch die Öffnung des Inneren nach außen. Die Midraschim sagen darüber schön, dass Jizchak begann, die äußeren Erscheinungen in der Welt als Erscheinung seiner Mutter Sara zu erkennen, dass die Kerze nicht erlosch und die Challa nicht altbacken wurde. Das alles sind nur Bilder, alles war so vertraut, so nah, so intim.

Wir lesen weiter (Bereschit 25,21):

וַיֶּעְתַּר יִצְחָק לַיהוָה

waje'tár jizchák ladonáj

21 und Jizchak rief zum HERRN.

Ich habe oft über das Wort iater gesprochen – mit der Heugabel aufgewühlt in den Himmeln, versucht, die Situation in den Himmeln zu ändern.

לְנֹכַח אִשְׁתּוֹ כִּי עֲקָרָה הִוא

lenóchach ischtó ki akará hi

(wörtlich) in Gegenwart seiner Frau, gleichsam bei seiner Frau, denn sie ist unfruchtbar.

Was bedeutet: in Gegenwart seiner Frau? Man kann es verschieden verstehen. Man kann sagen, dass sie also zu ihm kam, er legte ihr die Hand auf den Kopf und betete: „HERR, hab bitte Erbarmen mit Riwka!“ Man kann sagen, Jizchak betete in Sorge um Riwka. Aber wenn man ein wenig weiter blickt. Jizchak spürte ständig in seiner Welt, in seinem Herzen die Gegenwart Riwkas. Und in diesem Zustand betete er und rief zum Höchsten.

Weiß jeder von uns Ehemännern um die Gedanken unserer Frau und kann verstehen, worum sie betet, wenn sie in ihr Zimmer geht, um zu beten? Kennen wir ihre geheimen, verborgenen Gebete? Oder sind sie für uns gerade deshalb Geheimnisse, weil ihre innere Welt fern von unserer inneren Welt ist?

Jizchak und Riwka haben in diesem Moment eine Einheit in ihrer inneren Welt. Die Kommentatoren sagen, dass Jizchak zum Höchsten sagte: „Von keiner Frau der Welt will ich Kinder, nur von dieser Frau.“ Und in diesem Moment sagte Riwka einstimmig mit ihm: „Ich will von niemandem Kinder, nur von Jizchak.“ Sie sprachen mit einer Stimme. Sie hatten untereinander eine geistige Einheit. Die geistige Einheit ist ein Schlüsselbestandteil der Ehe Jizchaks und Riwkas.

Wenn wir unsere Tochter segnen, wie Riwka zu sein, segnen wir ihre Fähigkeit, ihre innere Welt vor dem Mann zu öffnen und die innere Welt ihres Mannes zu sehen, um mit ihm in geistiger Einheit zu sein. Das ist eine sehr wichtige Eigenschaft. Das bedeutet nicht, dass man dem Mann in allem zustimmen und sich dem Mann unterordnen muss, wie wir das in der Geschichte mit den Segnungen sehen, als Riwka, wenn man so sagen kann, gegen Jizchak intrigiert. Aber wie sehr sie ihn in allem versteht, wie sehr sie ihn spürt, das sehen wir doch, dieses Gefühl ist da. Vielleicht ist das nicht ganz der richtige Gebrauch dieses Gefühls, und wir sehen, dass unsere Stammmütter und Stammväter nicht immer der Herausforderung entsprachen, die vor ihm standIm Russischen steht „die vor ihm stand“ in der Einzahl, obwohl von den Stammmüttern und Stammvätern die Rede ist. Die Übersetzung gibt das wörtlich wieder.. Und doch sehen wir, wie sehr Riwka Jizchak hier spürt.

Unser Stammvater Jaakow hatte familiäre Beziehungen zu zwei Frauen. Da möchte man sich wahrlich an den Kopf fassen. Das Familienleben des Patriarchen Jaakow – wem, scheint es, würde man so etwas wünschen?

Da ist die Beziehung Jaakows zu Rachel. Jaakow liebt Rachel. Es scheint, zwischen ihnen gibt es gegenseitige Liebe. Alles ist gut. Das ist dem sehr ähnlich, wie eine Ehe in unserer Zeit aussieht. Ein junger Mann liebt ein Mädchen, sie heiraten und beginnen zusammenzuleben. Aber im Fall des Patriarchen Jaakow haben sie keine Kinder. Ihre Herausforderung, die diese Ehe stellt, die Herausforderung, die das Ziel dieser Ehe ist, die Lektion, die sie in dieser Ehe lernen müssen, – das sind die Kinder.

Wenn ein Mann und eine Frau einander lieben und zusammenleben, ist eine sehr wichtige Aufgabe für sie, das Potenzial ihres Ehepartners zu entfalten, ein Katalysator zu sein, den Ehepartner bei der Entfaltung seines Potenzials zu unterstützen.

Wenn ein Jude eine Frau heiratet, schließen sie einen Vertrag, verkünden vor allen einen bestimmten Vertrag, und nach diesem Vertrag verspricht der Mann, der Frau Essen, Trinken, Obdach, Kleidung und Unterhalt zu geben. Was bedeutet Unterhalt? Parnassá lifornéssota – ihr Speisung geben, ihr Leben erhalten. Ist denn all das Aufgezählte nicht Parnassá, nicht der Unterhalt, den der Mann gibt? Natürlich. Aber hier ist gemeint, ihr Potenzial zu entfalten, ihren Inhalt zu entfalten, ihr Leben mit Sinn zu füllen. Die Pflicht des Mannes ist, das Leben der Frau mit Sinn zu füllen, das heißt, ihre Kreativität zu entfalten, ihre Fähigkeiten zu entfalten, ihr Potenzial, zur Entfaltung ihres Potenzials beizutragen.

Das ist sehr schwer. Einfacher ist es zu sagen: Sitz zu Hause, das Geld bringe ich; sitz zu Hause und schau Serien; lies Bücher oder bring da mal einen ganzen Sack Kinderchen zur Welt. Scheinbar eine gesegnete Sache, und eine gute, und eine gerechte. Und Gebote. Für manche ist das die Entfaltung des Potenzials. Aber nicht immer geht das eine mit dem anderen einher.

Das ist die Beziehung zwischen Jaakow und Rachel. Deshalb kommt Rachel zu Jaakow und sagt (Bereschit 30,1):

הָבָה־לִּי בָנִים וְאִם־אַיִן מֵתָה אָנֹכִי׃

hawa-lí wanim we'im-ájin metá anóchi

1 Gib mir Kinder, und wenn nicht, sterbe ich.

Gib mir irgendwelche Früchte, oder ich sterbe, gib mir die Verwirklichung meiner selbst, oder ohne das kann ich nicht leben. Das sind die Aufgaben Jaakows und Rachels.

Deshalb, worin segnen wir die Tochter? Dass ihr Ehemann ihr hilft, ihr Potenzial zu entfalten, und dass sie entsprechend hilft, das Potenzial ihres Ehemannes zu entfalten.

Das vierte Paar ist wieder der Stammvater Jaakow und Lea. Und hier sollte man meinen, Lea sei ein Fehler, ein Betrug. Was fühlte Jaakow, als er am Morgen die ungeliebte Lea in seinem Bett entdeckte? Ich spreche gar nicht davon, was Lea fühlen konnte, was Rachel fühlen konnte. Das alles ist eine sehr traurige Situation. Und der erste Gedanke: „Ach, diese Lea! Das ist ein Fehler, das ist ein Betrug. Ein untergeschobenes Kind in meinem Leben.“

Wenn die Weisen sagen wollen, dass ein Mensch ständig bestimmte Gedanken im Kopf behalten muss, führen sie als Beispiel Zettel in der Tasche an. Ein Mensch muss Zettel in der Tasche haben. Zum Beispiel sagt einer der chassidischen Lehrer: „Ein Mensch muss zwei Zettel in der Tasche haben. Auf dem einen steht ‚Die Welt ist für mich erschaffen‘, auf dem anderen ‚Ich bin Staub und Asche‘. Und man muss wissen, wann man welchen benutzt.“ Zum Beispiel müssen von dem, was der Mensch im Kopf hat, irgendwelche Gedanken, irgendwelche Begriffe, irgendwelche Ideen da sein. In Bezug auf das Familienleben sagen die chassidischen Lehrer, dass ein Mensch sogar drei Zettel in der Tasche haben muss. Drei Fragen, auf die sich der Mensch im Familienleben ständig eine Antwort geben muss. Die erste: Wozu habe ich diese Frau geheiratet? Nun, und entsprechend: Wozu habe ich diesen Mann geheiratet? Die zweite: Wozu hat diese Frau mich geheiratet? Oder entsprechend: Wozu hat dieser Mensch mich geheiratet? Und die dritte, für alle gemeinsame: Wozu hat der Höchste uns verbunden? Was will der Höchste von uns? Das ist ein Geheimnis. Ein Geheimnis.

Denn wenn ich auf die Frage, wozu ich geheiratet habe, irgendwie antworten kann. Wenn ich auf die Frage, wozu sie mich geheiratet hat, auch irgendwie antworten kann. Auf die dritte Frage bekommen wir die Antwort das ganze Leben lang.

Im Fall Jaakows wusste er überhaupt nicht, wozu er diese Frau geheiratet hatte. Das war eine böse Absicht Lawans. Der Höchste hatte seinen eigenen Plan. Und wie viele Kinder Lea Jaakow gebar. Und was für Kinder werden das sein? Welche Rolle werden sie im Erbe, im Volk Israel haben? Welchen Plan hat der Höchste in Bezug auf Jaakow und Lea? Das ist eine Frage, so lang wie ein Leben. Man wünscht sich sehr, dass wir alle eine Antwort auf diese Frage finden.

Das ist der Segen, mit dem wir die Tochter segnen, wenn wir sagen: „Und der Höchste setze dich wie Lea.“

Das sind vier Aufgaben, die man im Familienleben mit Nutzen zu erfüllen lernt, nützlich für das Glück. Manchmal schwierig, manchmal angenehm. Aber das ist das, was nach Meinung der Weisen einen glücklichen Menschen formt.

Das ist natürlich ausschließlich meine Sicht, als Vater. Das ist das, was ich von anderen Lehrern gehört und übernommen habe. Das sind alles nicht meine Ideen, sondern das, was mir als Vater von Töchtern nahe ist, das, was ich in diesen Segen hineinlege. Selbstverständlich ist wiederum jeder frei, zu segnen und etwas Eigenes hineinzulegen.

Ich fasse zusammen, stelle die vier Facetten des Segens zusammen. Das ist die Fähigkeit, in die zweite Rolle zurückzutreten, die Wichtigkeit der Familie, des Bundes im Ganzen manchmal größer zu sehen als die eigene Wichtigkeit. Die Kenntnis der inneren Welt des eigenen Ehepartners und die Fähigkeit, ihm die eigene innere Welt zu öffnen, ihm die eigene innere Welt anzuvertrauen. Die Bereitschaft, gemeinsam mit dem Ehepartner das eigene Potenzial zu entfalten und dem Ehepartner zu helfen, sein Potenzial zu entfalten. Und schließlich: Ein richtiger Bund ist ein Bund, in dem Mann und Frau nicht einander anschauen, sondern auf den Höchsten. Das allergrößte Geheimnis, die allerwichtigste Aufgabe ist zu verstehen, wozu der Höchste uns verbunden hat, wozu der Höchste zwei Leiber zu einem verbunden hat.

Das ist das Wesen des Segens der Töchter: wie Sara, Riwka, Rachel und Lea.

Außerdem segnen wir die Töchter mit dem Segen der Priester. In diesem Fall ist der Vater – er ist Priester, wird ihn seiner Tochter geben.

Und natürlich beten wir auch mit eigenen Worten für unsere Tochter, für jede der Töchter, so wie wir sehen, wie wir verstehen, worin sie gesegnet werden muss.

Der Segen der Söhne

Im Anschluss an den Segen der Töchter werden wir versuchen zu verstehen, was der väterliche Segen der Söhne ist, wie man überhaupt Kinder segnet und was in diesen Segen hineingelegt wird.

Wie segnen wir die Söhne? Mit den Worten unseres Stammvaters Jaakow: „Der Höchste mache dich wie Efrajim und wie Menasche!“ Efrajim und Menasche sind das Vorbild, das wir unseren Kindern vor Augen stellen. Wenn es für die Töchter Sara, Riwka, Rachel und Lea sind, unsere Stammmütter, über die wir viel wissen, über die wir vieles sagen können. Dann sind es für die Söhne Efrajim und Menasche.

Wenn einer der Söhne euch, mich fragt: „Papa, Mama, warum eigentlich wie Efrajim und Menasche, warum nicht wie Awraham, Jizchak, Jaakow, Josef, Mosche, Aharon, David? Worin wollt ihr, dass ich ihnen nacheifere? Worin seht ihr das Glück und den Segen dieser Kinder? Erzählt mir von ihnen!“

Über Efrajim und Menasche können wir sehr wenig erzählen, aber dennoch können wir etwas. Und wir wollen gemeinsam versuchen, hinzuschauen und zu verstehen, warum wir die Kinder wie Efrajim und Menasche segnen, warum wir wollen, dass unsere Kinder wie Efrajim und Menasche sind. Um das zu verstehen, werden wir ab dem 8. Vers des 48. Kapitels des Buches Bereschit lesen. Das ist, ich gebe es zu, ein anderer Wochenabschnitt, das ist der Wochenabschnitt Wajechi. Aber da das Thema der Segnungen mit unserem Wochenabschnitt zu tun hat, werden wir ihn lesen.

וַיַּרְא יִשְׂרָאֵל אֶת־בְּנֵי יוֹסֵף

wajár jisraél et-bené josséf

8 Und Israel sah die Söhne Josefs.

Israel, das ist Jaakow

וַיֹּאמֶר מִי־אֵלֶּה׃

wajomer mi-élle

und fragte: „wer sind diese Kinder?“

Warum erkennt Israel die Kinder nicht? Er lebt zu diesem Zeitpunkt offenbar schon 17 Jahre in Ägypten. Er musste die Söhne Josefs gesehen haben. Entweder sind das Probleme der Beleuchtung oder ein Problem mit dem Sehvermögen Israels, von denen die Tora weiter unten spricht. Oder die Kinderchen sind in der Zeit, in der sie sich nicht gesehen haben, sehr stark gewachsen. Und Jaakow sagt so: „Wer ist das denn? Wer ist denn so gewachsen?“ Aber dann ist unverständlich, wozu uns die Tora diese Worte anführt. Oder das alles stimmt: sowohl die Beleuchtung als auch dass die Kinder gewachsen sind, als auch dass Jaakows Sehkraft schwach geworden ist. Aber die Tora führt uns das an, um zu zeigen, dass es durch diese Kinder einen großen Anschluss der Völker an Israel geben wird. Darüber werden wir noch sprechen.

Und Jaakow sagt mi-élle, verwundert, eine solche Menge seiner Kinder zu sehen. Eine etwas prophetische Frage bei Jaakow. Also, Jaakow sieht jemanden neben Josef und fragt: „Wer ist das?“

וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל־אָבִיו בָּנַי הֵם אֲשֶׁר־נָתַן־לִי אֱלֹהִים בָּזֶה וַיֹּאמַר קָחֶם־נָא אֵלַי וַאֲבָרֲכֵם׃

wajomer josséf el-awíw banáj hem ascher-natan-lí elohím basé wajomer kachem-ná eláj wa'awarechém

9 und Josef sagte zu seinem Vater: „das sind meine Söhne, die mir Gott an diesem Ort gegeben hat“. und er sagte zu ihm: „Bring sie zu mir, und ich werde sie segnen“.

וְעֵינֵי יִשְׂרָאֵל כָּבְדוּ מִזֹּקֶן לֹא יוּכַל לִרְאוֹת וַיַּגֵּשׁ אֹתָם אֵלָיו וַיִּשַּׁק לָהֶם וַיְחַבֵּק לָהֶם׃

we'ené jisraél kawedú missóken lo juchál lir'ót wajaggésch otám eláw wajischákIn der russischen Umschrift fehlt im Wort für „und er küsste“ ein Laut (sch). Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text. lahém wajchabbék lahém

10 und die Augen Israels waren schwach geworden vom Alter. und Josef brachte sie nahe zu ihm. und er küsste sie, und umarmte sie.

וַיֹּאמֶר יִשְׂרָאֵל אֶל־יוֹסֵף רְאֹה פָנֶיךָ לֹא פִלָּלְתִּי וְהִנֵּה הֶרְאָה אֹתִי אֱלֹהִים גַּם אֶת־זַרְעֶךָ׃

wajomer jisraél el-josséf re'ó fanécha lo fillálti wehinné her'á otí elohím gam et-sar'écha

11 Und Israel sagte zu Josef: „ich hatte nicht einmal gehofft, dein Gesicht zu sehen. Siehe, der HERR hat mich sogar deinen Samen sehen lassen.“ (was für ein großer Segen)

וַיּוֹצֵא יוֹסֵף אֹתָם מֵעִם בִּרְכָּיו וַיִּשְׁתַּחוּ לְאַפָּיו אָרְצָה׃

wajozé josséf otám me'ím birkáw wajischtáchu le'appáw árza

12 und Josef nahm sie von seinen Knien, und sie verneigten sich vor ihm bis zur Erde.

Josef nahm sie von seinen Knien. Die Kinderchen hatten sich dem Großvater auf die Knie gesetzt, die Kinder sind offensichtlich älter als 17 Jahre. Und höchstwahrscheinlich hat dieses Auf-die-Knie-Setzen und der Segen die Bedeutung einer Adoption. Wir sehen hier, dass Jaakow adoptiert, die Söhne Josefs als Söhne annimmt. Eigentlich spricht Jaakow auch darüber im 5. Vers unseres 48. Kapitels, wenn er sagt: „Efrajim und Menasche werden mir sein wie Re'uwen und Schimon.“

וַיִּקַּח יוֹסֵף אֶת־שְׁנֵיהֶם אֶת־אֶפְרַיִם בִּימִינוֹ מִשְּׂמֹאל יִשְׂרָאֵל וְאֶת־מְנַשֶּׁה בִשְׂמֹאלוֹ מִימִין יִשְׂרָאֵל

wajikkách josséf et-schenehém et-efrájim biminó missemól jisraél we'et-menasché wismoló mimín jisraél

13 Und Josef nahm sie beide. Efrajim zu seiner rechten Hand zur linken von Israel und Menasche stellte er zu seiner linken Hand rechts von Israel.

Damit Israel die rechte Hand auf den Erstgeborenen Menasche legt, die linke Hand auf Efrajim.

וַיַּגֵּשׁ אֵלָיו׃

Wajaggésch eláw

und er führte sie zu ihm heran.

Aber Jaakow handelt entgegen den Erwartungen Josefs.

יִּשְׁלַח יִשְׂרָאֵל אֶת־יְמִינוֹ וַיָּשֶׁת עַל־רֹאשׁ אֶפְרַיִם וְהוּא הַצָּעִיר וְאֶת־שְׂמֹאלוֹ עַל־רֹאשׁ מְנַשֶּׁה שִׂכֵּל אֶת־יָדָיו כִּי מְנַשֶּׁה הַבְּכוֹר׃

wajischlách jisraél et-jeminó wajaschet al-rósch efrájim wehú hazza'ír we'et-semoló al-rósch menasché sikkél et-jadáw ki menasché habbechór

14 Und Israel streckte seine rechte Hand aus und legte sie auf den Kopf Efrajims. und er ist jung, der kleinere der beiden Brüder. Und die linke Hand auf den Kopf Menasches. er kreuzte seine Hände, Denn Menasche ist der Erstgeborene.

Obwohl Menasche der Erstgeborene ist, will Jaakow den jüngeren Efrajim wie einen Erstgeborenen segnen; eigentlich ist die Situation für das Buch Bereschit gar nicht neu und, man kann sagen, der Normalfall.

Wir springen hier zum 17. Vers und lesen weiter.

וַיַּרְא יוֹסֵף כִּי־יָשִׁית אָבִיו יַד־יְמִינוֹ עַל־רֹאשׁ אֶפְרַיִם וַיֵּרַע בְּעֵינָיו וַיִּתְמֹךְ יַד־אָבִיו לְהָסִיר אֹתָהּ מֵעַל רֹאשׁ־אֶפְרַיִם עַל־רֹאשׁ מְנַשֶּׁה׃

wajár josséf ki-jaschít awíw jad-jeminó al-rósch efrájim wajéra be'enáw wajitmóch jad-awíw lehassír otá me'ál rosch-efrájim al-rósch menasché

17 und Josef sah, dass der Vater die rechte Hand auf den Kopf Efrajims gelegt hatte. und das war schlecht in seinen Augen. und er hob die Hand des Vaters an, um sie vom Kopf Efrajims wegzunehmen und sie auf den Kopf Menasches zu legen.

וַיֹּאמֶר יוֹסֵף אֶל־אָבִיו לֹא־כֵן אָבִי כִּי־זֶה הַבְּכֹר שִׂים יְמִינְךָ עַל־רֹאשׁוֹ׃

wajomer jossef el-awíw lo-chén awí ki-sé habbechór sim jeminechá al-roschó

18 und Josef sagte zu seinem Vater: „nicht so, Papa. das ist der Erstgeborene. Lege deine rechte Hand auf ihn“.

Vielleicht sieht Papa schlecht, und er hat es in seiner Blindheit verwechselt. Es wäre ärgerlich, wenn die Söhne falsche Segnungen bekämen.

וַיְמָאֵן אָבִיו וַיֹּאמֶר יָדַעְתִּי בְנִי יָדַעְתִּי גַּם־הוּא יִהְיֶה־לְּעָם וְגַם־הוּא יִגְדָּל וְאוּלָם אָחִיו הַקָּטֹן יִגְדַּל מִמֶּנּוּ

Wajma'én awíw wajomer jadá'ti wení jadá'ti gam-hú jihje-le'ám wegam-hú jigdál we'ulám achíw hakkatón jigdál mimménnu

19 aber der Vater weigerte sich, es so zu tun, und sagte: „ich weiß, mein Sohn, ich weiß. Auch er wird zu einem Volk werden, und auch er wird wachsen, aber sein jüngerer Bruder wird größer sein als er“.

Jaakow spricht weiter eine Prophezeiung über Efrajim. Und über die Erfüllung dieser Prophezeiung haben wir viel gesprochen. Jetzt werden wir uns nicht darauf konzentrieren. Jaakow sagt:

וְזַרְעוֹ יִהְיֶה מְלֹא־הַגּוֹיִם׃

wesar'ó jihjé melo-haggojím

und sein Same wird die Fülle der Völker sein.

Möglicherweise ist das Nichterkennen der Söhne durch Jaakow am Anfang gerade ein Hinweis auf diese Fülle der Völker, auf die vielen, die sich angeschlossen haben. Obwohl Fülle der Völker hier auch nicht die einzige mögliche Übersetzung ist. Und hier kommen wir zum eigentlichen Kern des Segens, dazu, woher der Segen der Söhne stammt, mit dem wir heute segnen.

וַיְבָרֲכֵם בַּיּוֹם הַהוּא לֵאמוֹר בְּךָ יְבָרֵךְ יִשְׂרָאֵל לֵאמֹר יְשִׂמְךָ אֱלֹהִים כְּאֶפְרַיִם וְכִמְנַשֶּׁה

wajwarechém bajom hahú lemór bechá jewaréch jisraél lemór jesimechá elohím ke'efrájim wechimnasché

20 Und er segnete sie an jenem Tag und sagte: „Mit dir wird Jisrael segnen (mit dir – das heißt mit Josef) und sagen: Möge der Höchste dich setzen oder möge er dich machen wie Efrajim und wie Menasche“

Das ist genau der Segen, von dem wir sprechen. Und als Erster sprach ihn der Stammvater Jaakow aus, der Großvater Efrajims und Menasches

וַיָּשֶׂם אֶת־אֶפְרַיִם לִפְנֵי מְנַשֶּׁה׃

wajássem et-efrájim lifné menasché

und er setzte Efrajim vor Menasche

Das ist eigentlich die Geschichte des ersten Falles, als man segnete wie Efrajim und wie Menasche. So ist dieser Segen entstanden, den es auch in unseren Tagen gibt.

Was können wir daraus für uns lernen, ableiten? Und wie sollen wir verstehen, was wir denn in diesen Segen hineinlegen sollen?

Erstens beginnt alles damit, dass Israel seine Enkel gleichsam in der Ferne sieht. Und Josef sagt zu ihm: „Das sind die Kinder, die Gott mir hier, in Ägypten, gegeben hat.“ Efrajim und Menasche sind in Ägypten geboren, aber sie können sich Jaakow nähern. Sie sind nicht in anderen Völkern aufgegangen, sie haben ihre Identität bewahrt. Welche Namen sie auch trugen, wo sie auch lebten, sie haben ihre Zugehörigkeit zu Israel bewahrt. Das ist ein großer Segen.

Wenn wir unsere Kinder segnen, wollen auch wir, dass sie, ungeachtet jeder beliebigen Umgebung, ungeachtet all dessen, was ringsum ist, ihren Glauben bewahren. Das ist sehr wichtig.

Der zweite Teil desselben. Der Großvater sieht seine Enkel. Wenn wir unsere Kinder erziehen, wollen wir, dass unsere Kinder gläubig bleiben, dass sie dieselbe Beziehung zu Gott haben wie wir. Oder sogar eine bessere als wir. Dass sie sich dem Höchsten nähern, dass sie unseren Glauben bewahren. Und die beste Frucht, die wir sehen können, sind gläubige Enkel. Man sagt: der Jude, dessen Enkel Juden sein werden. Das ist sehr aktuell für den Segen, dass der Glaube nicht nur bewahrt, sondern auch an die Kinder weitergegeben wird. Das sind Efrajim und Menasche. Dass wir hinter unseren Kindern unsere Efrajim und Menasche sehen. Das ist ein großer Segen. Efrajim und Menasche sind die ersten Enkel, die ein Großvater segnet.

Noch eine wichtige Eigenschaft Efrajims und Menasches. Das sind die ersten zwei Brüder im ganzen Buch Bereschit, die nicht miteinander streiten. Zwischen Brüdern, angefangen mit Hewel und Kajin, Feindschaft. Und in der Familie Awrahams ist das die Feindschaft zwischen Jischmael und Jizchak, weiter – Jaakow und Esaw, und die Brüder, die Josef verkaufen. Und hier, in den Söhnen Josefs, sehen wir Brüder, die in Frieden miteinander leben. Das friedliche Zusammenleben mit Menschen, die uns nahestehen, ist sehr wichtig. Ebenfalls ein großer Segen – die Fähigkeit, mit den Brüdern in Frieden zu sein. Einer der Bestandteile davon ist, als Jaakow die Brüder vertauscht. Ein wunder Punkt im Buch Bereschit, wenn der Jüngere zum Älteren wird. Was sehen wir? Menasche hat keinen Neid gegenüber Efrajim. Er hegt keinen heimlichen Groll, er beneidet Efrajim nicht. Vielleicht freut er sich sogar über seinen Erfolg, wie wir später im Fall von Aharon und Mosche sehen werden, als Aharon voller Freude darüber geht, dass Mosche höher als er gestellt ist. Vielleicht ist hier der Anfang. Bei Efrajim andererseits gibt es keinen Stolz, „weil ich toller bin“. Sich nicht seiner Erfolge rühmen, nicht in Stolz verfallen wegen des eigenen Gedeihens und den nicht beneiden, der erfolgreicher ist als du. Auch das ist eine sehr wichtige Eigenschaft.

Naftali Zwi Berlin sagt noch eine sehr wichtige Sache. Nunmehr schon gemäß dem Midrasch sind Efrajim und Menasche verschiedene Kinder. Der eine lernt Tora und ist stark in der Tora, der andere ist Unternehmer und lebt in der materiellen Welt und hat materiell Erfolg, ohne den Höchsten zu vergessen. Wenn wir die Kinder segnen. Wir müssen das segnen, was in sie hineingelegt ist, jene Talente, die in sie hineingelegt sind. Wenn unser Sohn musikalisches Talent hat, sein musikalisches Talent segnen, wenn kaufmännisches Gespür – sein kaufmännisches Gespür segnen, alles, was vom Höchsten gegeben ist. Der Segen muss sich auf das legen, worin das Kind schon gesegnet ist. Und hier sagen wir ki Efrajim und ki Menasche. Wenn du nach deiner Seele Efrajim bist, sei gesegnet wie Efrajim. Wenn du Menasche bist – wie Menasche, empfange den Segen, den der Höchste gerade dir geben will, gerade auf jenem Gebiet, gerade dort, wo der Höchste dich segnen will, wo Er schon gesegnet hat, wo Er in dich Reichtum zur Selbstverwirklichung hineingelegt hat, dort sei gesegnet. Das ist ein sehr wichtiger Teil des Segens. Und deshalb segnen wir auch wie Efrajim und wie Menasche.

Noch einen Grund führt Sfat Emet an. Efrajim und Menasche waren Enkel und wurden Söhne. So kann man es mit einem Menschen vergleichen, der aus der finsteren Einöde in die Hauptstadt gezogen ist und ein hauptstädtisches Leben begonnen hat. Menschen, die nicht aus einer gläubigen Familie kamen, die von fern zum Höchsten kamen, als Fremde. Und es scheint, es gibt das, was man eine gläserne Decke nennt, über die man nicht hinaufkommt. Wenn du ein Enkel bist, wirst du niemals ein Sohn werden. Aber nein, du wirst es! Du kannst alle natürlichen Begrenzungen überwinden, indem du dich dem Höchsten näherst. Unüberwindliche Barrieren auf dem Weg zum Höchsten überwinden. Auch das ist der Segen Efrajims und Menasches. Zwei Brüder, die das Unmögliche getan haben, waren Enkel und wurden Söhne.

Solche Bedeutungen können wir für den Anfang im Segen der Kinder erschließen, wenn wir sie segnen: „Der Höchste mache dich wie Efrajim und wie Menasche.“

Der Schabbat-Segen der Kinder schließt gewöhnlich mit dem Segen Aharons. Der Vater segnet die Söhne mit dem Segen Aharons, und auch die Mutter kann segnen, wenn der Vater nicht da ist. Und außerdem gibt es auch ein Gebet für die Kinder (ebenfalls ein sehr wichtiges Gebet), das wir sprechen. Natürlich kann und soll jeder mit eigenen Worten für die Kinder beten. Nur empfangen wir in unserem Herzen Anweisungen über das Gebet für die Kinder. Dennoch gibt es auch ein Gebet, mit dem man im ganzen Volk Israel zu beten pflegt.

Gebet für die Kinder

Möge es Dein Wille sein, HERR, unser Gott und Gott unserer Väter, dass wir gewürdigt werden, unsere Söhne und Töchter auf dem würdigsten und gütigsten Weg zu erziehen. Jeden von ihnen auf dem Weg, der für ihn am geeignetsten ist. Dass wir in die Tiefen ihrer Seele eindringen können, um ihre Fähigkeiten und Charakterzüge zu erforschen und sie dementsprechend zu erziehen. Hilf uns, uns in keiner Kleinigkeit bei der Erziehung der Kinder zu irren. Und mögen wir gewürdigt werden, alle unsere Nachkommen ohne Ausnahme auf dem geraden Weg gehen zu sehen, auf dem Weg, den unsere Väter uns gebahnt haben. So sei es! Und nachdem die Kinder aus unserer Gewalt und aus unserem Haus hinausgegangen sind, sind unsere Augen zu Dir in die Höhe gerichtet, mit dem Gebet, dass Du uns Gelingen gibst bei ihrer Erziehung. Denn Dir ist bekannt, wie schwer die Erziehung unschuldiger und argloser Kinder ist und wie schwer es ist, sie davor zu bewahren, dass fremdes Feuer sie berührt, Gott bewahre! Und Dir ist bekannt, wie viele Prüfungen unsere Kinder durchmachen.

Darum bitten wir Dich, unser himmlischer Vater, der jedem seiner Kinder Gutes wünscht, uns zu lehren, ihnen ein Vorbild im frömmsten Leben zu sein. Und auch darum, dass es in unseren Kräften stehe, uns an ihr Herz zu wenden, und zwar so, dass wir von ihnen gehört werden. Wenn wir sie in Deiner Tora nach Deinem Gebot unterweisen, damit sie keiner Strenge bedürfen, sondern wir Einfluss auf sie haben, sie dazu zu bewegen, auf alles zu hören, was wir sagen. Und lass uns das große Gut erkennen, das in der Erziehung der Kinder in der Tora verborgen ist. Denn jeder von ihnen ist ein Glied in der Kette der Bewahrung unserer Tora, der Kette des Dienstes für Dich. Dass jede unserer Anstrengungen bei der Erziehung der Kinder mit unendlicher Liebe geschehe, mit unaufhörlichem Dank an Dich und mit dem Bewusstsein, wie groß Deine Gnade uns gegenüber ist.

Würdige uns und gib uns, Kinder zu haben, gesund an Leib und Geist, dass alle ihre Organe, ihre Glieder gesund und intakt sind und dass ihre Seele gesund und standhaft ist. Und stille alle ihre Bedürfnisse an Unterhalt, an Würde und an Wohlwollen, damit sie nicht auf Gnade angewiesen sind, sondern sich von Deiner freigebigen Hand nähren.

Das ist das traditionelle Gebet, mit dem man für die Kinder zu beten pflegt. Ich weiß nicht, ob alle amen dazu sagen können, aber ich sage mutig und überzeugt amen dazu.

Re'uwen – der Erstgeborene Israels

Zum Abschluss des Studiums des Buches Bereschit möchte ich versuchen, einige seiner Helden genauer anzuschauen, die Söhne Jaakows. Versuchen, einige von ihnen anzuschauen und in ihnen lebendige Menschen zu sehen, ihren Charakter zu verstehen, darüber nachzudenken, wofür sie lebten, wie sie waren. Ich habe beschlossen, darüber zu sprechen, weil ich bemerke, dass sie für uns allzu gesichtslos wirken – sei es wegen ihres Heldentums, sei es, weil karge Beschreibungen ihre Geschichte erzählen. Trotzdem können wir etwas verstehen, etwas können wir rekonstruieren oder wenigstens Stoff zum Nachdenken bekommen.

Und beginnen möchte ich mit dem Erstgeborenen Jaakows, mit dem Jungen namens Re'uwen. Die Geschichte seiner Geburt ist folgende. Wie wir wissen, wurde Lea unfreiwillig verheiratet. Das ist das Ergebnis eines Betrugs, das wollte weder Jaakow noch Lea selbst, das wollte Rachel nicht. Infolgedessen wurde Lea zur überflüssigen Dritten, zur verachteten, ungeliebten Frau. Und man kann sich vorstellen, wie bitter es für sie war. Das blieb den liebenden Augen des Höchsten nicht verborgen. Wir lesen in Bereschit (29,31–32):

Der HERR sah, dass Lea ungeliebt war, und öffnete ihren Mutterleib, Rachel aber war kinderlos. Und Lea wurde schwanger und gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Re'uwen, denn sie sagte: „Weil der HERR auf mein Leid gesehen hat, jetzt endlich wird mein Mann mich lieben.“

Der Name Re'uwen bedeutet in wörtlicher Übersetzung: re'ú – seht, vom Verb lir'ót – schauen, sehen im Imperativ Plural – seht ihr; ben – Sohn. Das heißt: seht, da habe ich einen Sohn.

Einige Kommentatoren, hauptsächlich mittelalterliche Midraschim, versuchen, diesem Namen eine gewisse prophetische Bedeutung zu geben, zu sagen: „Seht, das ist mein Erstgeborener. Er wird nicht wie der Erstgeborene meines Schwiegervaters Jizchak sein, er wird Esaw nicht ähneln, er wird sein Erstgeburtsrecht nicht verkaufen, er wird viele jener Dummheiten nicht machen, die Esaw gemacht hat. Mein Erstgeborener ist nicht so wie sein Erstgeborener.“ Damit tragen die Kommentatoren einen gewissen Geist des Wettbewerbs in die Familie Jaakows hinein, schon sogar auf der Ebene der GeburtenDer russische Ausdruck kann sowohl „auf der Ebene der Geburt“ als auch „auf der Ebene der Sippe“ bedeuten. Übersetzt ist er mit „Geburten“, weil es hier um die Namensgebung bei der Geburt geht.. Aber wenn man unmittelbar auf den einfachen Sinn schaut, dann ist klar, dass Lea sich freut, dass ihr ein Sohn geboren wurde. Ich denke, dass sehr viele Mütter sich beeilen, die Freude über die Geburt ihres ersten Kindes mit der Welt zu teilen, und viele Mütter möchten rufen: „Seht, seht, ich habe einen Sohn! Seht meinen Sohn an, wie wunderbar er ist!“ Meiner Meinung nach ist das ein völlig natürlicher Impuls einer jungen Mutter. Außerdem konnte seit alters her (und wir sprechen ja von alten Zeiten) eine Frau, die einen Sohn geboren hatte, auf größere Liebe ihres Mannes rechnen. Das ist es, woran Lea denkt, das ist es, worüber sie sich freut.

Jaakow wurde ein Erstgeborener geboren – Re'uwen. Ein Erstgeborener bedeutete für die Familie im Altertum, ach, was soll man sagen, auch heute noch, sehr viel. Re'uwen ist der Erstgeborene in einer großen Familie, in der Familie unserer Patriarchen. Er ist der Erstgeborene von zwölf. Sogar im Segen Jaakows, ganz am Ende des Buches Bereschit (49,3), sagt Jaakow: „Du bist der Erstling meiner Kraft, du bist mein Erstgeborener!“, der biologische Erstgeborene. Aber außer dem Begriff bechorá (Erstgeburt, Erstgeburtsrecht) gibt es noch einen sehr ähnlichen, sehr gleichklingenden Begriff bechirá (Erwählung). Das heißt, Anführer der Familie kann man auf zwei Wegen werden: durch das Erstgeburtsrecht, weil du der älteste Sohn bist, wenn du diesen Vorrang verwirklichen kannst, und durch Erwählung, weil das Leben nicht immer der Biologie folgt. Deshalb kann der Vater seinerseits entscheiden und die Führung, das Zepter in der Familie nicht dem ältesten Sohn übergeben, und das ist dann schon nicht bechorá (Erstgeburtsrecht), sondern bechirá (Erwählung). Und nun, da Re'uwen der Erstgeborene ist, wird sich für ihn, kann man sagen, die Frage der Erwählung in aller Schärfe stellen. Wird er sich der Erstgeburt würdig erweisen? Und heute, aus unserer Zeit betrachtet, sehen wir, dass der Stamm Re'uwen nichts irgendwie Bedeutendes in der jüdischen Geschichte getan hat, außer einigen kleinen Details, über die wir sprechen werden. Re'uwen wird sich als Erstgeborener nicht bewähren, und es wäre für uns interessant zu verstehen, wie das geschehen wird.

Aber sein Leben, seine Kindheit oder frühe Jugend beginnt mit einem sehr interessanten Ereignis. Re'uwen ging in den Tagen der Weizenernte (das ist also ungefähr das Fest Schawuot) und fand Alraunen auf dem Feld (Bereschit 30,14–16). Es ist sehr interessant, warum hier erwähnt wird, in welcher Zeit das war. Alraunen findet man in dieser Zeit sehr selten, das ist das Erste. Zweitens, wenn das Schawuot ist, dann ist das die Nacht der Gabe der Tora oder der Vorabend der Nacht der Gabe der Tora, und auch darin liegt möglicherweise ein besonderer Sinn. Also, Re'uwen findet in den Tagen der Weizenernte eine Alraunwurzel. Die Alraunwurzel ist ein Würzelchen, das sehr ungewöhnlich aussieht, und sich deshalb dafür eignet, dass sogar ein kleiner Junge es seiner Mama bringt, um es zu zeigen: „Mama, schau, was ich gefunden habe!“ So tat es auch Re'uwen und brachte es Lea, seiner Mutter. Offenbar zeigte er es allen und sagte: „Seht, was ich der Mama bringe!“, denn auch Rachel erfuhr davon.

 Die Alraunwurzel galt als Mittel gegen Unfruchtbarkeit. Moderne Untersuchungen sagen dazu Unterschiedliches. Ob es wirklich so ist oder nicht, man glaubte es jedenfalls. Und Rachel hörte davon, dass Lea ein so berühmtes Heilmittel hat. Sie kam natürlich zu ihr, wie zu einer Schwester, und bat: „Gib mir von den Alraunen deines Sohnes!“ Aber jene sagte zu ihr: „Ist es dir zu wenig, meinen Mann zu nehmen, und willst du auch noch die Alraunen meines Sohnes nehmen?“ Was sagt Lea? „Nicht genug damit, dass auch mein Mann die ganze Zeit bei dir ist, willst du mir auch noch die Alraunen meines Sohnes wegnehmen?“ Lea ist gekränkt über Rachel, weil ihr, Leas, Mann ständig bei Rachel ist. Wie dem auch sei, Lea hat ihn als Erste geheiratet. Es gibt sogar Kommentatoren, die sagen: „Lea wusste überhaupt nichts von den Plänen Jaakows und Rachels. Lea dachte, dass der Vater eben beschlossen hat, sie zu verheiraten, das geschah oft ohne Zustimmung. Lea wusste überhaupt nicht, dass hier jemand jemanden betrügt, und ist zufällig in diese Geschichte geraten.“ Auch einen solchen Ansatz gibt es.

Wie dem auch sei, hier ist die Geschichte sehr tragisch, und Rachel entschließt sich und sagt: „So soll er, das heißt Jaakow, in dieser Nacht bei dir liegen für die Alraunen deines Sohnes.“ Das ist Lea sehr recht. Es ist Lea vor allem deshalb sehr recht, weil Rachel damit Lea den Segen gibt, mit Jaakow zusammen zu sein. Das ist jetzt kein Betrug mehr, keine Täuschung. Wie dem auch sei, mit ihrer eigenen Zunge hat Rachel gesagt: „Er soll heute bei dir liegen.“

Und wieder bemerken die Kommentatoren, dass die Ehe Leas und Jaakows sich jetzt in einem völlig anderen Stadium befindet. Das ist keine gestohlene Ehe mehr, sondern eine Ehe mit Zustimmung und Segen. Als Jaakow zurückkehrt, geht Lea ihm entgegen, wie eine Braut dem Bräutigam entgegengeht.

Und sie sagte: „Zu mir sollst du kommen, denn ich habe dich gedungen für die Alraunen meines Sohnes“, und er lag bei ihr in jener Nacht.

Die Tradition sagt, dass dieser Verzicht Rachels auf Jaakow der Grund dafür wurde, dass Rachel nicht zusammen mit Jaakow begraben ist. Dafür, dass sie die Nacht mit Jaakow, die Nacht mit ihrem Mann so gering geachtet hat, ist sie nicht neben ihm begraben.

Was hat Re'uwen hier getan, welche Rolle spielt Re'uwen in alldem? Warum wird überhaupt davon gesprochen, dass Re'uwen das getan hat? Der Erstgeborene Leas, Re'uwen, hat die Beziehung zwischen seiner Mutter und seinem Vater verändert, das ist das Erste. Zweitens hat Rachel die Alraunen bekommen und ist auch dadurch schwanger geworden. Das heißt, der Erstgeborene Leas hat eine wichtige Rolle bei der Geburt des Erstgeborenen Rachels gespielt, auch das ist sehr wichtig. Durch Re'uwen, sei es auch durch den ganz kleinen Re'uwen, geschieht etwas in der Familie Jaakows, denn Zufälle gibt es nicht. Und danach trennen wir uns von Re'uwen für Jahre, kann man sagen. Wir wissen nicht, was mit ihm geschieht.

Nach dem Tod Rachels, als Jaakow in ihrer Magd, seiner Nebenfrau Bilha, eine Art Fortsetzung Rachels sieht und fast endgültig umzieht, um in ihrem Zelt zu leben, geschieht ein sehr unangenehmer Vorfall (Bereschit 35,22):

Es geschah, während Israel in jenem Land weilte, da ging Re'uwen hin und lag bei Bilha, der Nebenfrau seines Vaters, und Israel hörte es.

Die Kommentatoren sind natürlich entsetzt über dieses Ereignis. Das ist sehr schwer irgendwie zu erklären, deshalb gibt es Auslegungen, die sagen: „Nein, natürlich, Gott bewahre, er ist nicht unmittelbar zu Bilha eingegangen. Er hat dort einfach das Lager durcheinandergewühlt.“ Einige sagen: „Er hat das Bett Jaakows genommen und in ein anderes Zelt getragen.“ Aber der Sinn der Tora ist einfach und unerbittlich: Re'uwen ging zur Nebenfrau seines Vaters ein. Was bedeutet das also? Möglicherweise ist das so eine verzweifelte, kühne Tat, ein Versuch, irgendwie für seine verlassene Mutter einzutreten, eine spontane Handlung eines hilflosen Gerechtigkeitsgefühls. Vielleicht sehr jugendlich und deshalb sehr spontan. Ein im Zorn geführter Kampf für Gerechtigkeit.

 Man kann darin auch etwas anderes sehen: den Anspruch, seine Erstgeburt, das Recht auf das Erbe zu bestätigen. Wir sehen mehrere ähnliche Beispiele im Tanach. Man kann das Beispiel der Geschichte von Schlomo und Adonijahu nehmen (1. Melachim 2,12–22), als David stirbt und das Königtum seinem Sohn Schlomo hinterlässt – nicht dem Erstgeborenen, sondern dem Erwählten. Und der gekränkte Erstgeborene Adonijahu, der sich schon eine Livree hatte nähen lassen und schon seine Beinahe-Thronbesteigung kraft des Rechts des Erstgeborenen gefeiert hatte und nicht kraft des Rechts des Erwählten, sagt zu Bat Schewa: „Mir hätte das Königtum zufallen sollen, du verstehst doch.“ Das heißt, Adonijahu sagt: „Nach der Erstgeburt ist das Königtum mein“, aber es kam so, dass es bechirá (nach Wahl) war, und das Königtum fällt Schlomo zu. Aber worum bittet Adonijahu? Er bittet Bat Schewa, sich für ihn beim soeben auf den Thron gekommenen König Schlomo zu verwenden, damit dieser ihm Awischag, die Schunamitin, gibt, er bittet, ihm die Nebenfrau Davids zur Frau zu geben. Und als Schlomo von dieser Bitte hört, versteht er, worauf Adonijahu hinauswill, und sagt zu seiner Mutter: „Erbitte für ihn dann gleich auch das Königtum, denn er ist mein älterer Bruder, für ihn und für Ewjatar, den Kohen, und für Jo'aw, den Sohn Zerujas.“ Wenn Adonijahu um Awischag, die Schunamitin, bittet, dann greift er nach dem Königtum, versucht so seine Erstgeburt zu bestätigen. Also wieder bechorá (Erstgeburtsrecht) gegen bechirá (Erwählung).

Im Kampf um die Macht wendet dieselbe Methode zuvor Awschalom an, ein anderer Sohn Davids. Folgendes lesen wir darüber im 2. Buch Schmu'el (16,2–22):

Und er sprach (Awschalom zu Achitofel): „Gebt euren Rat, was sollen wir tun?“ Und Achitofel sprach zu Awschalom: „Geh ein zu den Nebenfrauen deines Vaters, die er zurückgelassen hat, um das Haus zu bewachen, und ganz Israel wird hören, dass du deinem Vater verhasst geworden bist, und die Hände derer, die mit dir sind, werden stärker werden.“

Das heißt: Verkünde deine Macht, tritt in offene Konfrontation mit deinem Vater im Kampf um den Vorrang, im Kampf um die Nachfolge in der Macht.

Und noch eine Geschichte kennen wir, als Ischboschet, der Sohn Scha'uls, zu Awner, dem Sohn Ners, sagt: „Warum bist du zur Nebenfrau meines Vaters Scha'ul eingegangen?“ Scha'ul hatte eine Nebenfrau, die Rizpa hieß, die Tochter Ajjas. Und Awner tat, was er tat.

Man kann die Tat Re'uwens hier als Anspruch auf die Festigung seiner Erstgeburt verstehen, da er fühlt, dass seine Autorität völlig verloren geht. Jaakow trauert um die verstorbene Rachel, er hat sich mit seiner Seele an Bilha gehängt, und wir wissen, dass er Josef mehr liebte als alle seine Söhne. Und wir wissen, dass die Tora später ein besonderes Gebot gerade über diese Situation geben wird, wenn ein Mann zwei Frauen hat: Die eine liebt er, die andere hasst er, und von der ungeliebten hat er einen Erstgeborenen (wie Re'uwen). Die Tora wird verbieten, dem Sohn der ungeliebten Frau das Erstgeburtsrecht zu nehmen. Re'uwen fürchtet, dass Jaakow ihm wegen der Liebe zu Josef möglicherweise das Erstgeburtsrecht nehmen wird. Deshalb (möglicherweise deshalb) entschließt er sich zu einem solchen verzweifelten Schritt. Wieder ein hilfloser Versuch, für Gerechtigkeit zu kämpfen, eine hilflose Rebellion.

Aber wie in allen anderen Fällen, die wir aufgezählt haben, haben weder Awner noch Awschalom noch Adonijahu durch eine solche Tat irgendetwas erreicht. Re'uwen hat sich in den Augen seines Vaters mit Schande bedeckt. Wir haben davon erfahren, als wir den Segen Jaakows lasen. Irgendeine überstürzte Tat, irgendein Versuch, vielleicht eines Kampfes für Gerechtigkeit, der sich nicht Bahn brechen, sich nicht auf dem richtigen Weg ausdrücken kann – das ist es, was hinter den Taten Re'uwens hier steht. Vielleicht hat ihn die Unfähigkeit im Stich gelassen, innezuhalten und drei tiefe Atemzüge zu nehmen, innezuhalten und nachzudenken.

Die nächste Episode, die wir sehen, ist der Verkauf Josefs. Die allen bekannte Episode, als Re'uwen hört, wie die Brüder (höchstwahrscheinlich sind das Schimon und Lewi) untereinander verabreden, Josef zu töten. Re'uwen will Josef vor dem Tod bewahren, Re'uwen will Josef retten, und er ist der Älteste. Aber Re'uwen, der ein Gewissen hat, der Gewissenhaftigkeit hat, wagt nicht, diese Gewissenhaftigkeit zu zeigen. Er fürchtet, in den Augen der Brüder möglicherweise zu gut auszusehen, oder hält die Brüder für unwürdig, sein Gewissen zu verstehen. Aber so oder so, seine Führungsqualitäten, seine Führung der Erstgeburt zeigt Re'uwen hier nicht. Er sagt: „Lasst uns ihm keine tödlichen Wunden zufügen, vergießt kein Blut. Werft ihn in jene Grube, die in der Wüste ist, aber legt nicht Hand an ihn (Bereschit 37,21–22)“. Mit anderen Worten: „Lasst uns ihn in die Grube werfen, und er wird dort von selbst sterben, von der Sonne, vom Durst, von den wilden Tieren, von den Skorpionen, von den Schlangen. Er stirbt von allein, lasst uns ihn nicht töten.“ Uns, den Lesern, enthüllt die Tora ein wenig, dass Re'uwen sich verstellt, er will Josef retten und ihn nach Hause zurückbringen. Die Absicht ist gut, aber er fürchtet sich, das zu sagen. Deshalb wird Re'uwen nicht ernst genommen, seine Gewissenhaftigkeit ergießt sich nicht in wahrhaftige Worte, er konnte nicht sagen und nicht einmal aus sich herauspressen: „Brüder, lasst uns ihn nicht töten. Lasst uns ihn ruhig aufnehmen, mit ihm zusammen essen, erzählen, wie es uns geht, und ihn nach Hause zum Papa schicken. Lasst uns ihm nichts Böses tun.“ Das ist es, was er selbst wollte, aber nicht zu sagen wagte, sei es aus Angst, zu gut zu erscheinen, sei es aus Angst vor seinen Brüdern. Und wie wir uns erinnern, hörten die Brüder auf Jehuda, der sagte: „Und was nützt es uns denn, ihn einfach so hinzuwerfen? Lasst uns ihn an die Jischmaeliter verkaufen (Bereschit 37,26–27)“.

Unbekannt ist weiter, wohin Re'uwen für eine gewisse Zeit verschwindet. Es gibt Kommentatoren, die sagen: „Re'uwen verbrachte die Zeit mit Fasten und Gebet für das, was er mit Bilha getan hatte, und deshalb setzte er sich, als die Brüder sich zum Essen setzten, nicht mit ihnen hin, sondern ging beiseite, um zu beten.“ Es gibt auch Kommentatoren, die sagen: „Re'uwen ging zum Vater nach Hause, weil es Zeit war, den Vater zu pflegen.“ Das ist sehr seltsam, weil der Weg dorthin sehr weit ist, und es ist unverständlich, wie Kommentatoren, die im Land Israel lebten, es sich erlauben konnten, so etwas zu schreiben. Aber wovon sprechen beide Versionen? Stellt euch vor, dass die Zeit gekommen ist, Josef zu retten, die Zeit, in der man etwas tun und ihn aus der Grube ziehen kann. Aber Re'uwen beschließt: „Gleich beende ich mein Gebet, gleich trage ich mein Sackgewand zu Ende, gleich faste ich zu Ende und gehe sofort.“ Wie setzt er die Prioritäten? Und selbst wenn man annimmt, dass er um der Ehrerbietung gegenüber dem Vater willen gehen und dem Vater Ehre erweisen musste, wieder: Wie sind hier die Prioritäten gesetzt? Was wählt Re'uwen? Und wozu geht er, selbst wenn man eine dieser Versionen annimmt. Beide Versionen erzählen gut von Re'uwen, von seinem Charakter, von eben dieser Gewissenhaftigkeit, die keine angemessene Anwendung findet und ihn, statt zu irgendeiner Rechtschaffenheit anzutreiben, an unverständliche Orte führt, weil er sich vor dieser Gewissenhaftigkeit fürchtet. So oder so war Re'uwen auf irgendeine unbegreifliche Weise (vielleicht sagt auch das irgendwie etwas über ihn) nicht zur rechten Zeit am rechten Ort. Und als er zur Grube kommt, Josef dort nicht findet und, ohne die ganze Geschichte zu kennen, höchstwahrscheinlich meint, dass Josef einfach umgekommen ist, da zerreißt er seine Kleider, weint und sagt: „Und wo soll ich jetzt hin?“

Die Kommentatoren sagen: „Das ist der erste Fall, in dem ein Mensch Teschuwa (Reue) tut, nicht deshalb, weil der Höchste ihm gesagt hat: ‚Na-na-na!‘, nicht aus Angst vor etwas, sondern aus dem Wunsch, gut zu sein, aus dem Wunsch, richtig zu sein.“ Midrasch Rabba, eine Sammlung von Midraschim, sagt zu diesem Thema so: „Es sprach zu ihm der Heilige, gepriesen sei Er: ‚Noch nie ist ein Mensch, der vor Mir gesündigt hat, reuig umgekehrt, du aber hast als Erster bereut. Bei deinem Leben sei geschworen, dass dein Nachkomme mit der Reue beginnen wird‘, das heißt mit der Predigt der Reue. Und wer ist das? Das ist der Prophet Hoschea, der sagt: ‚Kehre um, Israel, zum HERRN, deinem Gott …‘.“ Die Kommentatoren sagen: „Es wird ein Prophet aus den Nachkommen Re'uwens sein. Der Höchste wird diesen seinen Impuls nicht ohne Lohn lassen. Mag er auch so hilflos sein, mag er auch so harmlos sein, ein Impuls, der nichts mehr in Ordnung bringen konnte, aber der Höchste wird ihn ihm nach vielen Generationen anrechnen, wenn aus seinen Nachkommen Hoschea aufstehen wird, der die Menschen zur Reue rufen wird. Re'uwen vermochte zu bereuen, diese seine Gewissenhaftigkeit zu öffnen, zu zeigen, als er allein mit dem Schöpfer an der leer gewordenen Grube zurückblieb. Er konnte niemandem die Tür zu eben dieser seiner Rechtschaffenheit auch nur einen Spalt öffnen. Und dafür, für seine Reue vor dem Höchsten, ist ihm verheißen, dass jemand kommen wird, der das zu Ende führt, ein Prophet aus seinen Nachkommen, der zur Rechtschaffenheit rufen und einfach im Herzen trauern wird mit seiner hilflosen Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit. Re'uwen ist ein guter Mensch, aber so hilflos, dass es einen kränkt.

Nach einiger Zeit sehen wir Re'uwen wieder: wie Re'uwen zusammen mit den Brüdern zu Josef nach Ägypten gelangt, wie die Brüder sagen: „Da hat uns doch das Unglück ereilt!“. Re'uwen bemerkt (wie eine polnische Mama): „Ich habe es doch gesagt, ich habe es ja gesagt, versündigt euch nicht an dem Jungen. Aber ihr habt nicht gehört, da wird nun sein Blut gefordert.“ Dieser Satz „Ich habe es doch gesagt, ich habe es euch doch gesagt“ (wahrscheinlich waren viele schon sowohl in der Rolle derer, die ihn hören, als auch in der Rolle derer, die ihn sagen) – das ist ein sinnloser Satz. Ein Satz, der zur eigenen Rechtfertigung gesagt wird: „Ich habe es doch versucht, ich wollte doch, in mir war doch eine solche Absicht.“ Das ist ein Versuch, sich irgendwie zu rechtfertigen.

Wenn man ein wenig tiefer in diesen Text geht, sagen die Brüder: „Wir haben sein Schreien gehört und nicht reagiert.“ In Wirklichkeit haben sie es nicht gehört, sie setzten sich wahrscheinlich irgendwo, nicht bei der Grube, jedenfalls steht nicht geschrieben, dass sie irgendwelche Schreie Josefs gehört hätten. Aber im Rückblick scheint es ihnen schon, dass sie sie gehört haben. Ebenso rekonstruiert auch Re'uwen, wenn er zurückblickt, die Vergangenheit auf seine Weise und setzt dort einen Re'uwen ein, der den Brüdern so etwas gesagt hat (dabei hat er den Brüdern etwas völlig anderes gesagt). Aber an das, was er wirklich gesagt hat, will er sich nicht erinnern. Er denkt in seiner eingebildeten Rolle, dass er alles, was er sagen wollte, alles, was er sich zu sagen fürchtete, wirklich gesagt hat. So existiert es in seinen Erinnerungen. Obwohl es wieder eine solche Meinung gibt: „Damit erinnert Re'uwen daran, dass er die Brüder damals zur Teschuwa aufrief, die Brüder zur Reue aufrief.“

Nun ja, ich liebe Re'uwen auch sehr, und man möchte ihn rechtfertigen, aber eben diese Harmlosigkeit und Hilflosigkeit hindert ihn sehr stark daran, so rechtschaffen zu sein, wie er sein will. Ich erkenne in Re'uwen oft mich selbst. Auch mir ist manchmal bange, etwas zu sagen. Ich fürchte manchmal, dass ich nicht verstanden werde, manchmal denke ich im Voraus: „Nein, diese Leute sind unwürdig, sie werden mich nicht verstehen, sie werden nicht einwilligen, etwas Gutes zu tun.“ Ich fürchte mich oft, gut zu sein, fürchte mich oft, gewissenhaft zu sein, etwas zu sagen und so „brav“ zu erscheinen. Es gibt diese Angst, sie überkommt einen manchmal, zum Glück immer weniger. Und dennoch kenne ich Re'uwen in mir, und das hilft mir, Re'uwen zu lieben.

Es vergeht einige Zeit, und man müsste nach Ägypten fahren, um Essen zu holen. Wie wir uns erinnern, hat Josef, der für die Brüder einfach irgendein vornehmer ägyptischer Würdenträger ist, verlangt, Binjamin herzubringen. Jaakow willigt nicht ein, die Brüder beginnen, mit ihm zu verhandeln. Immer noch teilweise als Erstgeborener beginnt Re'uwen als Erster das Gespräch.

Und Re'uwen sprach zu seinem Vater und sagte: „Meine zwei Söhne magst du töten, wenn ich ihn (Binjamin) nicht zu dir bringe. Gib ihn in meine Hände, und ich werde ihn dir zurückbringen. (Bereschit 42,37).

Einen interessanten Vorschlag macht Re'uwen: „Wenn ich ihn nicht zurückbringe, dann töte meine zwei Söhne.“ Wird es Jaakow davon leichter werden? Wenn, sagen wir, Binjamin in Ägypten etwas zustößt, wird Jaakow sich freuen und sich zum Trost die zwei Söhne Re'uwens töten. Nun, so etwas ist schwer zu glauben, es ist überhaupt schwer zu glauben, dass das ein ernsthafter Vorschlag ist. Und die Kommentatoren sagen: „Das ist so eine Rhetorik. Hier will Re'uwen sagen: ‚Binjamin ist mir teurer als meine zwei Söhne. Binjamin ist mir wichtiger als meine zwei Söhne.‘“ Natürlich reagiert Jaakow nicht darauf, denn kein praktischer Nutzen, kein Gedanke, kein Plan steht dahinter.

In praktische Sprache übersetzt, sagt Re'uwen: „Ich liebe Binjamin sehr.“ Und das ist alles, was er sagen kann. Und das ähnelt dem, wie wir zu einem Menschen sagen: „Gott liebt dich.“ Das ist wahr, Gott liebt, aber wir selbst zeigen diese Liebe in keiner Weise, darauf folgt keinerlei praktisches Handeln von uns, und bei Re'uwen ist die Lage ähnlich. Er nimmt sich Gutes vor, aber er wagt nicht, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dieses Gute zu tun. Wieder hat er dasselbe Problem: Er will Gutes, aber es gelingt ihm nicht. Derjenige, der Jaakow überreden kann, ist derjenige, der schon beginnt (vielleicht unwillkürlich), mit Re'uwen den Kampf um das künftige Erstgeburtsrecht zu führen, um den künftigen Vorrang.

Und Jehuda sprach zu Israel, seinem Vater: „Lass den Knaben mit mir ziehen, wir wollen uns aufmachen und gehen und leben und nicht sterben – wir, du und unsere Kinder. Ich bürge für ihn. Aus meinen Händen sollst du ihn fordern. Wenn ich ihn nicht zu dir bringe und ihn nicht vor dein Angesicht stelle, so will ich vor dir schuldig sein alle Tage (Bereschit 43,8–9).

Was unterscheidet die Worte Jehudas von den Worten Re'uwens? Nun, erstens ist Jehuda beharrlicher, und er versteht es, mit Einwänden zu arbeiten (wie man heute sagen würde), um Jaakow zu überzeugen. Zweitens übernimmt Jehuda die Verantwortung und sagt: „Ich werde für ihn verantwortlich sein.“ Nicht einfach „ich liebe ihn“, sondern „wenn ihm etwas zustößt, dann wirst du dies und das tun“. Jehuda sagt: „Ich! Ich werde ihn beschützen. Ich bin für ihn verantwortlich! Das heißt, ich werde in der Praxis auf ihn aufpassen, und wenn ihm etwas zustößt, werde ich vor dir mein ganzes Leben lang schuldig sein.“ Re'uwen kann das nicht sagen, weil er vor Jaakow schon schuldig ist. Nach der Geschichte mit Bilha, die Jaakow ihm bis zum Ende seines Lebens nicht vergeben hat, hat er nichts zu verlieren, er hat nicht diesen Ruf, den Jehuda hat. Deshalb übernimmt hier wieder Jehuda den Vorrang, und man kann sagen, von diesem Moment an tritt Re'uwen ganz in den Hintergrund.

Als das Volk schon aus Ägypten zurückkehrt, sieht der Stamm Re'uwen die Auwiesen noch vor dem Einzug in das Land Israel und sagt wieder hastig: „Ich will! Ich werde mich hier niederlassen!“ Und so schneidet er sich gleichsam teilweise vom Land Israel ab. Die gute Seite dieser Hast war, dass noch zu Lebzeiten Mosches zum ersten Mal gerade auf dem Gebiet des Stammes Re'uwen Zufluchtsstädte entstanden. Und mir scheint, das passt sehr gut zur Persönlichkeit Re'uwens. Andererseits geriet dieser Stamm, abgeschnitten vom Hauptland Israel, vom Hauptteil des Landes Israel, auch als Erster unter den Schlag der Zerstreuung. Alles hat zwei Seiten.

Im Buch Schoftim werden wir das Lied der Debora nach dem Sieg über die Kanaaniter lesen. Debora sagt: „Der Stamm Re'uwen aber ist doch nicht in den Kampf ausgezogen. Er hätte kommen können, aber er kam nicht“ (Schoftim 5,15–16). Die Trennung geschieht, und der Stamm Re'uwen entfernt sich immer mehr und mehr und mehr.

Und davor, als er die Söhne segnete, sagte Jaakow zu Re'uwen so: „Re'uwen, mein Erstgeborener bist du, meine Stärke und der Erstling meiner Kraft“ (Bereschit 49,3–4). Der Ausdruck reschít oní (Erstling meiner Kraft) ist ein Ausdruck, der immer dem Erstgeborenen entspricht. Das heißt, Jaakow bestätigt, dass Re'uwen der biologische Erstgeborene ist, der Anspruch auf das Erstgeburtsrecht erhob, er hatte das Erstgeburtsrecht – bechurá, aber er konnte von diesem Erstgeburtsrecht keinen Gebrauch machen, konnte nicht zum Erstgeborenen werden, die Rolle des Erstgeborenen erfüllen. Und deshalb nahm statt bechurá (Erstgeburtsrecht) nach dem Prinzip bechirá (Erwählung) Jehuda seinen Platz ein. Jaakow sagt über das Potenzial Re'uwens so: „Gipfel der Würde, Gipfel der Macht.“ Was bedeutet das alles überhaupt?

In der Tradition glaubte man, dass der Erstgeborene tatsächlich alle Kräfte in sich sammelt. Als ob der Körper des Menschen für die Geburt des ersten Kindes einen Schatz anspart. Und das erste Kind konnte (nach damaligen Zeiten) geboren werden, wenn der Papa vierzehn, vielleicht fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahre alt sein konnte. Aber eine riesige Menge Zeit vergeht, bis sich die Kräfte für das erste Kind ansammeln, und danach wird der Zeitraum schon kürzer. Reschít oní – der erste Schuss, mein erster Erstling der Kraft. Das wichtigste Kind in der Familie – der Erstgeborene, das ist bis heute so (das sage ich euch als jüngster Sohn einer großen Familie).

Aber gleich darauf sagt Jaakow: „Ungestüm (pachás – fahrig) wie Wasser, du wirst keinen Vorrang haben, denn du bist auf das Lager deines Vaters gestiegen. Du hast damit den entweiht, der auf mein Lager stieg. Mit anderen Worten: wegen deiner Hast, weil du die Ereignisse zu überstürzen suchst, wirst du nicht der Erstgeborene sein können. Du wirst nicht der Anführer unserer Familie sein, du wirst unsere Familie nicht leiten, du wirst es nicht schaffen.“ Jaakow sagt, dass das Hauptunglück Re'uwens seine Hast ist. Voller guter Absichten, beeilt sich Re'uwen so sehr, diese guten Absichten zu verwirklichen, dass er alle um sich herum vergisst, diejenigen, denen er eigentlich dieses Gute tun will. Und deshalb wird es ihm nicht gelingen, die Familie zu leiten, es wird ihm nicht gelingen, Anführer zu sein. Ein guter Mensch, Re'uwen. Höchstwahrscheinlich werden wir nicht sehen, dass er irgendwo irgendetwas wirklich schlecht machen wollte, er wollte es immer „im Guten“, aber immer – allein. Er konnte neben sich keine anderen guten Menschen erkennen, ihnen nicht anvertrauen, gemeinsam etwas Gutes zu tun, und das hinderte ihn daran, gut zu sein, und hinderte ihn erst recht daran, ein guter Leiter, ein guter Anführer für die Familie zu sein. Daher auch diese Hast, von der Jaakow spricht. Wenn du der einzige Gute bist und alles nur von dir abhängen kann, dann muss man sich natürlich beeilen. Man wollte das Beste, und heraus kam es wie immer. Das kenne ich auch von mir selbst, aus meinem Leben.

Nicht einfach ist es mit Re'uwen gelaufen. Nun, so ist eben sein Leben. Das ist Re'uwen. Ich bitte, ihn zu lieben und zu ehren. Genau das eine wie das andere: Ich bitte, ihn zu lieben und zu ehren.

Schimon – der zweite Sohn Jaakows

Ich möchte über den zweiten Sohn Jaakows und Leas sprechen, über Schimon. Als wir über Re'uwen sprachen, den Erstgeborenen Jaakows und Leas, haben wir gelesen, dass der Höchste sah, dass Lea verachtet war, und ihren Mutterleib öffnete. Lea gebar den Erstgeborenen und nannte ihn Re'uwen, was bedeutet: seht, da habe ich einen Jungen. Sie war voller Hoffnungen, dass Jaakow, da sie ihm einen Erstgeborenen gebären konnte, sie jetzt endlich bemerken und lieben würde und ihre Beziehung sich bessern würde. Und alle ihre Hoffnungen legte sie in diesen Namen, in diese Freude über die Geburt des Erstgeborenen.

Und nun vergeht die Zeit, vielleicht ein, anderthalb Jahre nach der Geburt Re'uwens, und Schimon kommt zur Welt. Das lesen wir über die Geschichte seiner Geburt: „Und sie wurde wieder schwanger und gebar einen Sohn und sagte: ‚Der HERR hat gehört, dass ich ungeliebt bin, und hat mir auch diesen gegeben.‘ Und sie gab ihm den Namen Schimon.“ (Bereschit 29,33)

So erzählt die Tora in wenigen Worten von der Geburt Schimons. Die Tora selbst sagt nicht, dass Lea gebar, weil der HERR hörte, dass sie ungeliebt war: Das wurde über Re'uwen gesagt. Aber gerade damit verbindet Lea selbst die Geburt Schimons. Dabei hat der HERR hier nicht gesehen, sondern gehört, ist also in die allertiefsten Tiefen eingedrungen, in das Flüstern des Herzens Leas, in diese ihre Herzensbitterkeit, und hat ihr einen Jungen namens Schimon gegeben. Hier gibt es schon keine Hoffnung und keine Zuversicht mehr darauf, dass der Mann sieht, oder darauf, dass sich die Beziehung irgendwie ändert. „Hat mir auch diesen gegeben“ – kann man so verstehen: damit Er mich tröste in diesem Hass, in dieser Verachtung mir gegenüber, in diesem meinem Nichtanerkanntsein, meiner Entfremdung, meinem Ungeliebtsein... So eine erstaunliche, nicht einfache Prophetie, so eine nicht einfache Aufgabe, ein Programm legt Lea in die Geburt Schimons. Das ist ein Beschützer-Junge. Ein Junge, der die unverdient gekränkte, unverdient gehasste Mama Lea beschützen soll. Nun, und nicht nur die Mama Lea, sondern alle, die bei ihr sind. Die Midraschim sagen, dass Schimon als sehr großer und starker Junge heranwuchs, was wiederum dem allgemeinen Gang der Erzählung entspricht.

Was bedeutet der Name Schimon? Das einfachste und richtigste Verständnis ist, dass der Name Schimon vom Verb schma (hören), abstammt und Hören oder der Hörende bedeutet, das heißt das Hören Gottes, die Antwort auf meine Gebete oder der Hörende. Der Hörende – hier ist das Verständnis natürlich weit. Vor allem ist das wahrscheinlich der auf den Vater hört, der auf Gott hört. Aber möglicherweise liegt hier auch die Bedeutung: derjenige, der mich anhören wird, derjenige, der diese meine Bitterkeit hören und mich beschützen wird. Das sind die Deutungen, die die unmittelbare Bedeutung des Namens betreffen.

Die Weisen in den Midraschim sagten, ausgehend von der Geschichte des Stammes Schimon, dass Schimon auch sam awón – derjenige, durch den die Sünde kommen wird bedeutet. Gemeint ist hier, dass später der Stamm Schimon durch Simrí ben Salú sündigte, zu der Zeit, als Israel in der Wüste mit den Midjaniterinnen Unzucht trieb. Ein anderes Verständnis – sam ajn, das heißt das neidische Auge, und hier deuteten die Weisen auf den Neid Schimons gegenüber Josef hin. All das sind Kommentare und Midraschim, und natürlich kann das ein Versuch sein, die Wurzeln der Taten Schimons im Namen zu finden, aber das ist nicht die unmittelbare Bedeutung des Namens. Im christlichen Umfeld gibt es noch eine Deutung, dass der Name Schimon mit Schilfrohr zusammenhängt. Diese Deutung entstand durch einen Irrtum. Die Sache ist die, dass einer der Apostel Schimon Zelot genannt wird (oder Kaná – Eiferer). Das Wort kaná (Eiferer), klingt tatsächlich ähnlich wie das Wort kané (Schilfrohr). Daher kommt auch die Übersetzung des Namens Schimon als Schilfrohr. Aber eine solche Bedeutung hat der Name nicht.

Also, Schimon – derjenige, der hört, feinfühlig, der jedem antwortet, der die Mutter kränkt, vielleicht scharf auf jede Kränkung reagierend, ein Beschützer; ein Junge, der zu einem sehr starken Menschen heranwächst.

Wir lesen gleich die erste Geschichte aus seiner Biografie, das ist die Geschichte mit Dina. Über Dina haben wir gelesen, dass dieses Mädchen die Tochter Jaakows ist, die einzige Tochter in der Familie, die Tochter Leas, höchstwahrscheinlich ein Lieblingskind, „Papas süßes Töchterchen“. Sie ging hinaus spazieren, wurde vergewaltigt, wurde nach Sch'chem entführt, und die Brüder erreichten durch Betrug, dass die Bewohner von Sch'chem sich beschneiden ließen. Und weiter lesen wir eine Geschichte, die wir schon kennen, aber wir lesen sie noch einmal.

„Und es geschah am dritten Tag, als sie (das heißt die Bewohner von Sch'chem) Schmerzen litten, da nahmen zwei Söhne Jaakows, Schimon und Lewi, die Brüder Dinas, jeder sein Schwert und griffen die Stadt zuversichtlich an und töteten alle Männer. Chamor und Sch'chem, seinen Sohn, töteten sie ebenfalls mit dem Schwert und nahmen Dina aus dem Haus Sch'chems und gingen hinaus. Die Söhne Jaakows aber kamen zu den Erschlagenen und plünderten die Stadt dafür, dass sie ihre Schwester entehrt hatten. Sie nahmen ihr Kleinvieh und Großvieh und ihre Esel und das, was in der Stadt, und das, was auf dem Feld war, und ihren ganzen Reichtum, und alle ihre Kinder und ihre Frauen führten sie gefangen weg und plünderten alles, was in den Häusern war.“ (Bereschit, Kap. 34)

Als Antwort auf die abscheuliche Tat Sch'chems wird Schimon, der Verteidiger der gekränkten Mama, der gekränkten Familie, von Gerechtigkeitsgefühl und Zorn überwältigt. Zusammen mit seinem Bruder Lewi überfällt er die Stadt Sch'chem. Man muss sagen, dass das eine sehr mutige Tat ist. Die Brüder sind zu diesem Zeitpunkt Jugendliche. Vielleicht sind sie 13–14 Jahre alt. Vielleicht sind sie auch etwas älter – Jugendliche, die eine ganze Stadt überfallen, eine ganze Stadt niedermetzeln. Dann kommen offenbar die anderen Brüder und plündern alles. Aber außer dass die Stadt geplündert wurde, wurde auch die ganze Umgebung geplündert. Wie ein Bekannter von mir sagte: „Wo Holz gehackt wird, da fliegen Späne.“

Das ruft die Empörung Jaakows hervor: „Und Jaakow sagte zu Schimon und Lewi: ‚Ihr habt mich angeschwärzt, indem ihr mich bei den Bewohnern dieses Landes verhasst gemacht habt.‘“ Wörtlich sagt Jaakow ewíschu – ihr habt mich stinkend gemacht (bo'ésch im modernen Hebräisch ist Stinktier, Stinker): „Ihr habt mich übelriechend gemacht für alle Bewohner dieses Landes und verhasst bei den Kanaanitern, bei den Perisitern. Sie werden jetzt kommen, und ich habe wenige Leute, und sie können mich vernichten.“ Und die Brüder sagen: „Soll man etwa mit unserer Schwester wie mit einer Hure umgehen?!“ Höchstwahrscheinlich war es nicht die Verteidigung Dinas durch die Brüder, was Jaakow empörte, was seinen Zorn hervorrief.

Wir erinnern uns: Als Jaakow Schimon und Lewi segnet, sagt er arúr appám, verflucht ist ihr Zorn (wir werden noch darüber sprechen). Wenn einen Rächer, wenn einen Menschen, der für Gerechtigkeit kämpft, gerechter Zorn überwältigt, dann kann der Zorn den Menschen unrein machen. Als Folge werden auch seine Taten unrein. Ich kann sagen, dass mir Schimon und Lewi sehr nahe sind, auch ich hätte vielleicht manchmal gern ein Schwert in die Hand genommen (na ja, eine ganze Stadt niedermetzeln kann ich nicht, ich bin kein großer Krieger), und ihr Wunsch ist mir nahe und verständlich.

Also, der junge Schimon ist stark, gerecht, hitzig, liebevoll, fürsorglich. Aber diese seine Hitzigkeit ist dadurch gefährlich, dass er sich dabei als jähzornig erweisen kann. In der Familie von Re'uwen, Schimon, Lewi, allen Brüdern, gibt es noch einen jungen Burschen namens Josef, über den wir schon gesprochen haben und noch sprechen werden. Und es ist klar, dass Josef Schimon vielleicht mehr erzürnen wird als irgendjemand sonst. Erstens ist er der geliebte Sohn der geliebten Frau, im Vergleich zu Schimons ungeliebter Mama. Zweitens, während Schimon und Lewi im Jugendalter schon auf dem Feld waren, strengt sich Josef viel weniger an, er hat ein Festtagshemd, er steht dem Vater nahe, und er ist auch noch ein Träumer.

Kurz, Schimon hat allen Grund für sehr „unbrüderliche“ Gefühle gegenüber Josef. Und wenn wir vom Verkauf Josefs lesen, sagt die Tora nichts über die Rolle Schimons in dieser Geschichte. Obwohl es klar ist, wenn man überlegt: In Dotan hüten höchstwahrscheinlich nur die Söhne Leas. Die Söhne der Sklavinnen hüten getrennt, und die Söhne Rachels, Josef und Binjamin, die sind, versteht sich, beim Vater in Kanaan. Re'uwen und Jehuda, die zwei anderen Söhne Leas, stehen, wie wir sehen, diesem Vorhaben (Josef zu töten) nicht sehr wohlwollend gegenüber, und es wird verständlich, dass (und auch die Midraschim sagen das) gerade Schimon und Lewi höchstwahrscheinlich diese ganze Geschichte mit dem Gedanken, Josef zugrunde zu richten, angeführt haben. Einer der Midraschim sagt, dass Schimon derjenige war, der sich entschloss und, sagen wir so, Josef mit eigenen Händen in die Grube stieß. Im Grunde passt das zu Schimon.

Im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte ein unbekannter, aber sehr interessanter Mensch, der alle Materialien über die Söhne Jaakows, über die zwölf Patriarchen, sammelte und einen solchen Midrasch schrieb, ein solches Werk, das „Das Testament der zwölf Patriarchen“ heißt. Nach dem Text dieses Midraschs versammelt jeder der Söhne Jaakows, von Re'uwen bis Binjamin, vor dem Tod seine Söhne. Jeder erzählt seinen Söhnen sein Leben, irgendwelche eigenen Probleme, irgendwelche eigenen Schwierigkeiten in den Beziehungen zum Höchsten, in den Beziehungen zu den Brüdern, die Schwierigkeiten seines Lebens, und gibt ihnen eine Unterweisung. In Bezug auf Schimon sagt dieser Midrasch etwas Erstaunliches. Er sagt, dass Schimon seinen Kindern erzählt, dass er Josef hasste, und so sehr hasste, dass er (das sagt auch die Tora) nicht friedlich mit ihm reden konnte, nichts mit ihm tun konnte und ihn töten wollte. Es geschah so, dass in dem Moment, als Josef nach Dotan kam, Schimon nach Sch'chem geschickt worden war, um Salben für die Schafe zu kaufen, und inzwischen wurde Josef verkauft, und Schimon konnte sich daran nicht beteiligen. Schimon wollte ihn töten, hätte ihn vielleicht in die Grube gestoßen (nach diesem Midrasch), aber Gott hat ihn bewahrt. Wir sehen hier zwei Ansätze für den Blick auf die jüdische Geschichte, zwei Sichtweisen auf die jüdische Geschichte. Die einen sagen: „Der Höchste handelt durch Menschen, durch Re'uwen, durch Jehuda. Und Josef wurde durch Re'uwen und Jehuda vor dem sofortigen Mord gerettet.“ Die anderen sagen: „Der Höchste handelt unmerklich, und deshalb hat der Höchste Schimon – und ihn hätte man nicht aufgehalten, er ist doch stark, er ist voller Hass, voller Zorn, er hätte Josef getötet – weggeschickt.“ Daraus, dass Josef später gerade Schimon als Geisel nehmen wird (Bereschit 42,24), kann man den Schluss ziehen (und das wird auch so gemacht), dass gerade Schimon Josef in die Grube gestoßen hat. Und wenn wir die Geschichte erzählen, wie Schimon in Geiselhaft war, dann sehen wir, dass Jaakow es nicht sehr eilig hatte, ihn freizubekommen, vielleicht wiederum deshalb, weil er der Geschichte mit Dina und mit Lewi gedachte. Damit, so scheint es, endet die ganze Geschichte über Schimon, die in der Tora erzählt wird.

Wir haben die Segnungen Jaakows vor seinem Tod schon gelesen. Jaakow segnet seine Kinder – ja, wir erinnern uns, er segnet eben, das heißt, er verflucht keinen von ihnen und bestraft keinen. Und alles, was dabei gesagt wird, selbst wenn es scharf und schmerzhaft aufgenommen wird, ist Segen. Und das sagt Jaakow zu den Brüdern, Schimon und Lewi: „Schimon und Lewi sind Brüder, die Waffe des Raubes ist ihnen eigen.“ (Bereschit 49,5–7).

Man kann das so übersetzen: Die Werkzeuge, die sie besitzen, ihr ganzes Hab und Gut, das ist geraubtes Gut. Und man kann es anders verstehen: Sie handeln in dieser Welt räuberisch. Das heißt, sie neigen zum Raub, zur Gewaltanwendung, dazu, mit Dreistigkeit oder mit Gewalt zu nehmen, mag es auch auf dem Gerechtigkeitsgefühl beruhen. Und weiter: „In ihren Rat komme meine Seele nicht. Mit ihrer Versammlung vereinige dich nicht, meine Ehre.“

Das heißt, wenn irgendwelche gemeinsamen Sachen Schimon und Lewi verbinden, sagt Jaakow: „Ich bin für sie nicht verantwortlich.“ Und wir werden später in der Tora sehen, dass, wenn irgendwelche Geschichten beschrieben werden, zum Beispiel über Korach aus dem Stamm Lewi, nicht gesagt wird, dass er ein Sohn Jaakows ist. Wenn die Geschichte über Simri ben Salu aus dem Stamm Schimon kommt – auch dort wird nicht gesagt, dass er ein Sohn Jaakows ist. Das heißt, Jaakow sagt: „Ich will meinen Namen nicht mit irgendwelchen Taten dieser Leute verbinden.“ Und weiter sagt Jaakow: „Verflucht ist ihr Zorn, denn er ist gewaltig, und ihr Grimm, denn er ist schwer.“ Das Wort appám (Zorn) ist, wenn man es wörtlich übersetzt, ihre Nase. Das Wort af (Nase) hat außerdem die Bedeutung Zorn oder Nasenlöcher. Weite Nasenlöcher, langer Atem, wer lange atmen kann – érech appáim (langmütiger Gott, Gott mit langen Nasenlöchern). Hier aber – weite, vom Zorn geblähte Nasenlöcher, die mit Luft überfüllt sind, und dieser Sauerstoff klingt so, dass er den Menschen nicht atmen lässt, dieser Zorn raubt dem Menschen den Verstand.

Weiter werden wir sehen, dass es zwischen Schimon und Lewi zu einer Trennung kommen wird. Einer von ihnen, Lewi, der zum Stammvater des priesterlichen Geschlechts, des levitischen Geschlechts wurde, wird eine sehr wichtige Fähigkeit lernen: Unreinheit zu sehen und selbst nicht unrein zu werden. Zu sehen, wenn etwas Unreines geschieht, sich darüber zu empören, darauf zu reagieren, sich dem entgegenzustellen, aber nicht in Zorn zu geraten, nicht selbst unrein zu werden. Das ist wichtig, das ist eine wichtige Eigenschaft für einen Kohen. Mit irgendwelchen Schwächen des Menschen Mitleid zu haben und sich nicht über sie zu empören, den Menschen nicht ihretwegen fertigzumachen, das heißt, sich zu empören, aber ohne Zorn. Bei Schimon gelingt das viel schlechter, und das werden wir später gerade in der Geschichte mit den Midjanitern sehen. Aber lasst uns den Segen Jaakows zu Ende lesen.

 Jaakow sagt: „Ich werde sie in Jaakow teilen und sie in Israel zerstreuen.“ Das heißt, die Leviten – das werden wir später sehen – werden kein Erbteil haben, sie werden zerstreut sein, ohne eigenes Land zu haben; der Stamm Lewi hat kein Erbteil. Das Los des Stammes Schimon, davon lesen wir im Buch Jehoschua ben Nun, fiel inmitten des Stammes Jehuda, und die Söhne Schimons, der ganze Stamm Schimon wird im südlichen Teil des Gebiets des Stammes Jehuda leben, im langweiligen, langweiligen Süden Israels (Be'er-Schewa und Ruchama – auch das sind heutige Gegenden), deshalb haben manche den Namen Schimon vom Wort schi'amúm – Langeweile, Schwermut; hergeleitet: der langweilige Stamm.

Beide Stämme verlieren eine gewisse Selbstständigkeit. Die Leviten werden, versteht sich, umhergehen und Israel lehren, sie werden von Israel abhängig sein. Einerseits Lehrer Israels, andererseits abhängig von der Gnade der Israeliten. Über den Stamm Schimon wird folgendes Beispiel angeführt, dass sie zu Lehrern der Kleinen und zu Schreibern wurden, das heißt, das sind Gewerbe, die keinen besonderen Reichtum bringen und ständigen, ständigen Kontakt mit Menschen erfordern.

Wenn ein Mensch jähzornig ist oder wenn ein Mensch eifrig bis zum Zorn ist, so eifrig, dass es über den Rahmen des gerechten Eifers hinausgeht, dann ist es für einen solchen Menschen gut, keinen Reichtum zu haben, keinen Einfluss zu haben, keine Macht zu haben, sonst verbrennt er einfach alles um sich herum. Hätte ein solcher Mensch irgendein Gut, irgendein Land, wo er Arbeiter anstellen würde, er würde diese Arbeiter mit seinen Nörgeleien und seinem Zorn zermürben. Um den Zorn zu besänftigen, müssen die Stämme (so wird das erklärt) zerstreut werden, müssen in Abhängigkeit von Menschen geraten. Das ist keine Strafe für den Zorn, das ist ein Weg der Berichtigung eben dieses Zorns, dieser Wut, dieser Hast vielleicht. Seinerzeit haben Schimon und Lewi sich nicht mit Jaakow beraten, sich nicht mit dem Vater beraten, sie griffen eilig zu den Waffen. Der Zorn bläht den Menschen wiederum auf und stellt ihn als eine Art Herrscher dar, Gott gleich, deshalb sagt man oft: „Wer zürnt, gleicht einem Götzendiener.“

Und damit endet die Geschichte Schimons im Buch Bereschit. Und weiter können wir natürlich nur noch vom Stamm Schimon lesen. Und was lesen wir vom Stamm Schimon? Wir lesen eine Geschichte, eine sehr traurige Geschichte davon, dass der Stamm Schimon in eine der schrecklichsten Sünden verwickelt war, die in der Wüste geschahen, in die Sünde mit den Midjanitern. Wir lesen über Simri ben Salu: „Der Name des Getöteten aber, der mit der Midjaniterin getötet wurde, desjenigen, den Pinchas tötete – Simri ben Salu, Oberhaupt eines Vaterhauses Schimons.“ (Bemidbar 25,14).

Gerade das Oberhaupt eines Vaterhauses Schimons, der Anführer des Stammes Schimon, wurde von Pinchas aus dem Stamm Lewi getötet. Achtet darauf, wie sich hier die Wege der Brüder trennen: Er wurde von Pinchas aus dem Stamm Lewi getötet. Wir werden, um den Ereignissen nicht vorzugreifen, diese ganze Situation wohl dann besprechen, wenn wir über Lewi und über Pinchas sprechen – sowohl wie Schimon in sie hineingeraten ist als auch wie Pinchas in sie hineingeraten ist, und vorerst halten wir das einfach als historisches Ereignis fest. Und von hier stammt eben diese Deutung des Namens Schimon als „derjenige, durch den die Sünde kommen wird“. Derjenige, durch den die Sünde über das Volk Israel kommen wird, die Sünde durch die Midjaniter. Der ganze Stamm Schimon war höchstwahrscheinlich darin verwickelt. Das können wir aus dem Buch Bemidbar (1,22–23) sehen. Ganz am Anfang lesen wir, dass die Gezählten aus dem Stamm Schimon 59 300 waren, und nach der Geschichte mit Simri lesen wir, dass es im Stamm Schimon 22 200 Seelen sind (Bemidbar 26,12–14). Das heißt, die einfache Arithmetik sagt, dass mehr als 27 000 Menschen aus dem Stamm Schimon wegen eben dieser Sünde mit den Midjanitern umkamen, der ganze Stamm war zerstört.

Und wieder sagen die Kommentatoren: „Wenn irgendein Mensch von gerechtem Zorn erfüllt ist, wenn sich der Rechtschaffenheit Zorn beimischt, dann werden er und seine Nachkommen darin geprüft werden.“ Ich kann von mir sagen, dass ich sehr oft irgendwelche Sünden und irgendwelche Probleme bei anderen Menschen mit Schaum vor dem Mund angeprangert habe, übervoll von gerechtem Zorn. Aber danach war es schwer, selbst in denselben Situationen standzuhalten, bei sehr ähnlichen Problemen. So etwas kommt oft vor. Und vielleicht werdet auch ihr in euch sowohl den gerechten Zorn finden als auch die Rechenschaft, die man für eben diesen gerechten Zorn ablegen muss, für einen Zorn, der, ohne gerecht zu sein, auf dem Gefühl der Rechtschaffenheit reitet. Deshalb gibt es eine gewisse solche Gesetzmäßigkeit in der Fortsetzung der Geschichte des Stammes Schimon. Und es kam zu einer Trennung, als Pinchas aus dem Stamm Lewi diesmal gerade reinen Eifer ohne Beimischung von Zorn zeigen konnte (offenbar so, denn danach wird mit ihm ein priesterlicher Bund geschlossen), Simri aus dem Stamm Schimon aber das nicht tun konnte.

Im Weiteren, im Segen Mosches, der den Stämmen gegeben wird, begegnen wir dem Stamm Schimon schon nicht mehr. Einige Kommentatoren sagen, dass der Stamm Schimon hier in den Stamm Jehuda eingeschlossen ist (wie wir gesagt haben, wird das Los des Stammes Schimon später inmitten des Stammes Jehuda liegen). Und im Großen und Ganzen kann man sich das so vorstellen, dass der Segen Jehudas auch den Segen Schimons einschließt. Aber wie dem auch sei, Mosche hat dieses Vergehen des Stammes Schimon nicht vergeben, nicht ausgelöscht, und der Stamm Schimon blieb ohne den Segen Mosches, das heißt, er erhielt keine eigene, besondere Mission beim Einzug in das Land Israel. Lange Zeit lebten die Vertreter dieses Stammes neben Jehuda. Wir wissen, dass zur Zeit der Teilung des Königreichs, wie das Buch Diwre haJamim sagt, viele aus dem Stamm Schimon zu Jehuda übergingen, und deshalb überlebten sie das Exil, das heißt, nicht der ganze Stamm Schimon wurde vertrieben, nicht der ganze ging in den Galut. Später sehen wir, dass sich der Stamm allmählich sowohl in den Nachbarvölkern als auch im Stamm Jehuda auflöst. Und heute gibt es den Stamm Schimon als solchen nicht.

Es gab noch eine Geschichte, als ein Vertreter des Stammes Schimon für einige Zeit auf den Thron gelangte. Dieser Mensch hieß Simri. Folgendes erzählt der Tanach darüber: „Im sechsundzwanzigsten Jahr der Regierung Asas, des Königs von Jehuda, wurde Ela, der Sohn Baschas, König über Israel in Tirza und regierte zwei Jahre.“ (1. Melachim 16,8–20). Das heißt, als in Jehuda Asa König war, im sechsundzwanzigsten Jahr seiner Regierung, kam im Nachbarland, in Israel (das sind leider schon zwei verschiedene Königreiche), Ela auf den Thron und regierte in Tirza zwei Jahre. Und weiter: „Und es verschwor sich gegen ihn sein Knecht Simri.“ Simri aus dem Stamm Schimon, ein Knecht eben dieses Königs Ela, zettelte eine Verschwörung gegen seinen Herrn an. Und er war nicht einfach ein Knecht, also kein Putzmann, kein Hausmeister, kein Koch, sondern er verwaltete die Hälfte aller Streitwagen, das heißt, das war ein hochgestellter Mann, wenn auch ein Knecht. „Und als Ela, der König Israels, sich in Tirza sinnlos betrunken hatte (er trank im Haus seines Vorstehers – des Hofverwalters, der Arza hieß), da kam Simri herein und schlug ihn und tötete ihn im siebenundzwanzigsten Jahr der Regierung Asas, des Königs von Jehuda, und wurde König an seiner Stelle.“ Das heißt, durch eine Verschwörung erhob sich der Knecht gegen seinen Herrn. Dieser Knecht ist aus dem Stamm Schimon, und er wurde König. Aber das dauerte nicht lange. Es steht geschrieben, dass das Volk bei Gibton lagerte, bei den Plischtim: „Als das Volk, das sich im Lager niedergelassen hatte, hörte, dass Simri eine Verschwörung angezettelt und den König getötet hatte, da machten am selben Tag im Lager alle Israeliten Omri, den Heerführer, zum König, und Omri zog mit ihnen allen hinauf, und sie belagerten Tirza.“ Sie drangen ein, und Simri wurde in seinem Palast lebendig verbrannt für all das Böse, das er in den Augen des HERRN getan hatte. Nur eine Woche lang konnte Simri aus dem Stamm Schimon regieren.

Sonst ist aus dem Stamm Schimon in der ganzen Geschichte niemand Herausragendes hervorgegangen. Wenn die Weisen sagen: „Niemand aus dem Stamm Schimon war unter den Richtern, unter den Propheten oder unter den Königen“, wendet man ihnen ein: „Na, da war doch Simri!“ Aber Simri war nur eine Woche, und was ist schon eine Woche für eine Regierung, das zählt sozusagen überhaupt nicht.

Kann man sagen, dass Simri irgendwie die Natur Schimons widerspiegelt? Man möchte sagen, nein, dass das eine zufällige Gestalt ist und es sich eben unbeabsichtigt so ergeben hat, dass er aus dem Stamm Schimon ist. Aber eben dieser Zorn, diese Hast, dieser Eifer zeigt sich hier bei Simri doch, und deshalb ist dieser Mensch nicht zufällig aus dem Stamm Schimon, und diese Eigenschaft bleibt im Stamm Schimon.

Damit es klar ist: Wir wollen damit nicht sagen, dass Schimon ein jähzorniger, eifernder, so ein böser Mensch ist. Das ist ein gläubiger Mensch, ein Mensch, der sich bemüht, dem Höchsten zu dienen, aber er begeht charakteristische, ihm eigene Fehler, und das ist das, was ihm nicht gelingt. Das ist das, was auch uns misslingen kann, auch wir können an seine Stelle geraten. Das heißt, man muss daraus nicht den Schluss ziehen, dass Schimon irgendwie schlecht, unwürdig, böse ist. Aber die Mama gab ihm eine bestimmte Aufgabe, und in dieser Aufgabe gibt es verschiedene Enden, verschiedene Seiten. Und manchmal kann Schimon, übervoll vom Gefühl der Kränkung für die Mama, für die Gerechtigkeit, für die Heimat, für das Königreich, im Zorn Taten begehen, über die Jaakow eben sagte: „Verflucht ist sein Zorn.“

Das ist das, was Schimon uns lehren kann oder was wir zusammen mit Schimon lernen können: wenn wir Sorge tragen um die Gerechtigkeit, um das Gesetz, um die Rechtschaffenheit, um die Reinheit, nicht zu zürnen, uns nicht mit unserem eigenen, menschlichen Zorn zu füllen, unseren Atem nicht aus dem Takt geraten zu lassen, nicht zu einem Gehässigen zu werden. Das ist wohl das, was für Schimon gefährlich war, und das, was für uns gefährlich sein kann. Das ist also die Geschichte des zweiten Sohnes unseres Stammvaters Jaakow und der Stammmutter Lea.

Der Segen Jehudas

In diesem Gespräch versuchen wir, den Segen Jaakows für Jehuda auf neue Weise zu betrachten. Folgendes lesen wir in der Tora im 49. Kapitel des Buches Bereschit. Jaakow sagt zu seinem Sohn:

Jehuda, junger Löwe, eben noch standest du über deiner Beute, und schon hast du dich gestreckt und hingelagert wie ein Löwe, und wer wagt es, ihn aufzustören?

So ein Segen, und er wäre wahrscheinlich viel verständlicher, wenn Jaakow in der Mitte aufgehört hätte, wenn Jaakow gesagt hätte: „Jehuda, du zerreißt die Beute wie ein Löwe“, und Jehuda als einen Löwen dargestellt hätte, der seine Beute zerreißt oder die Pranke auf ein soeben getötetes Tier setzt, wie das manchmal sehr schön gemalt wird. Aber Jaakow sagt etwas anderes, er fügt zwei wichtige Dinge hinzu. Erstens: Du bist גּוּר אַרְיֵה (gur arjé), du bist das Junge eines Löwen, du bist erst noch ein Löwenjunges, alle Löweneigenschaften sind in dir sichtbar, aber sie müssen noch wachsen und wachsen. Zweitens beendet Jaakow seinen Segen nicht damit, dass der Löwe die Beute zerreißt, sondern danach legt sich der Löwe noch hin und streckt sich aus wie ein Löwe. Warum und wozu fügt Jaakow das hinzu? Hier ist eine der Facetten des Verständnisses, aber um sie zu verstehen, versuchen wir zuerst abzuschweifen und ein wenig über etwas anderes zu sprechen.

Auf dem Armaturenbrett der meisten Autos gibt es so ein Gerät, das fast niemand benutzt. Dieses Gerät heißt Drehzahlmesser. Er zeigt, wie viele Umdrehungen pro Minute die Kurbelwelle des Autos macht. Im Grunde zeigt er, wie sehr sich das Auto verausgabt, wie sehr es mit voller Kraft arbeitet. Viele Drehzahlmesser haben einen roten Bereich, der zeigt, dass das Auto mit sehr hohen Drehzahlen arbeitet, bis zum Verschleiß arbeitet. Es kann in diesem Modus arbeiten, aber wenn es lange in diesem Modus arbeitet, dann geht das nicht gut aus. Auch wir Menschen haben irgendeinen unsichtbaren Drehzahlmesser. Und obwohl heute niemand auf die Drehzahlmesser in den Autos schaut, gibt es in unserer Sprache Ausdrücke, die aus jenen Zeiten geblieben sind: auf vollen Touren, oder die Drehzahl drosseln, oder kommt auf Touren, wenn wir bis zum Verschleiß arbeiten, wenn wir auf vollen Touren arbeiten, wenn wir für uns Gefahr spüren, wenn wir für uns selbst kämpfen, wenn wir eine Welle spüren, wenn wir predigen, lehren, reden, feiern, wenn wir im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, wenn man auf uns schaut, wenn man uns bewundert, wenn wir spüren, dass der Höchste durch uns irgendein gutes Werk tut, sei es auch das allerkleinste. Da ist für uns die Zeit, auf vollen Touren zu arbeiten, und unser Drehzahlmesser ist im roten Bereich, da kämpfen wir wie ein Löwe. Es gibt Situationen, in denen wir jemanden gekränkt haben, irgendeine Sünde begangen haben, vielleicht eine schwere Sünde, und es ist Zeit, zu kommen und um Vergebung zu bitten. Wenn wir gesündigt haben, wenn wir diese Handlung auf vollen Touren begangen haben, wenn die Anschuldigungen, die wir gegen andere Menschen geschleudert haben, auf den ersten Seiten unserer persönlichen Wandzeitung standen, dann wird das, wenn wir um Vergebung bitten, irgendwo auf der letzten Seite im Kleingedruckten stehen. Uns entschuldigen, um Vergebung bitten, an uns selbst arbeiten – das können wir oft, oder wollen es, oder sind dazu bereit, nur auf niedrigen Touren. Und auch das nicht immer.

Jehuda hat eine gewisse andere Eigenschaft. Wir lesen davon, als Jehuda in eine Geschichte gerät und seine Sünde mit seiner eigenen Schwiegertochter Tamar aufgedeckt wird. Wie das 38. Kapitel des Buches Bereschit erzählt, ging Jehuda zu seiner Schwiegertochter Tamar ein, weil er sie für eine Hure hielt. Und so wird davon erzählt, wie sich diese ganze Sache herausstellte: „Und es geschah nach drei Monaten, da sagte man zu Jehuda: „Tamar, deine Schwiegertochter, hat Unzucht getrieben, und siehe, sie ist sogar schwanger von der Unzucht.“ Und Jehuda sagte – hier richtet Jehuda wie ein Löwe und sagt: „Führt sie hinaus, und sie soll verbrannt werden.“ Kurz, klar, emotional, das ist die Entscheidung eines Löwen und nicht eines Löwenjungen. „Doch kaum war sie hinausgeführt, da sandte sie zu ihrem Schwiegervater, um zu sagen: „Von dem Mann, dem diese Sachen gehören, bin ich schwanger geworden.“ Und sie sagte: „Erkenne doch, wessen dieses Siegel und die Schnur und der Stab sind.“ Jehuda erkennt, mit Entsetzen erkennt er, wessen das Siegel und die Schnur und der Stab sind. „Und Jehuda erkannte es und sagte: „Sie ist gerechter als ich, denn ich habe sie Schela, meinem Sohn, nicht gegeben.“ Jehuda kann mit derselben Intonation, vor denselben Leuten, völlig ehrlich, wie ein Löwe, sagen: „Sie ist gerechter als ich.“ Diesen Satz zu sagen ist für einen Menschen sehr schwer. Sehr schwer, ihn laut zu sagen. Man kann ihn irgendwo flüstern, man kann ihn irgendwo vor sich hin brummen. Jehuda sagt ihn völlig deutlich, laut. Er ist ein Löwe, und wenn er liegt, wenn er sich auf die Erde gelegt hat, wenn er gefallen ist, bleibt er trotzdem ein Löwe. Wenn es schon kein Kampf um die Beute mehr ist, sondern wenn es ein Fall ist. Und in diesem seinem Fall liegt er nicht wie ein Dachs, sondern wie ein Löwe. Und ein Löwe wird sich immer von einem Dachs unterscheiden, selbst im Liegen. Darin liegt das Wesen des Segens Jaakows. Jehuda kann ein Löwe sein nicht nur in dem Zustand, wenn er mit Gebrüll die Beute anfällt oder mit Gebrüll die Beute zerreißt, sondern auch, wenn er sich ändern will, wenn er bereut.

Wir haben gesehen, was zwischen David und dem Propheten Natan geschah. Und man kann ebenfalls, in weltlicher Sprache gesprochen, sagen: „Er ist König, wie ein Löwe, der König der Tiere, der sich hingelagert hat. Wer wird ihn aufscheuchen?“ Wer, so scheint es, kann einen Löwen dazu bringen, mit löwenhaftem Eifer etwas zu bereuen, vor wem wird er bereuen? Er ist doch ein Löwe. David hätte eine Anweisung geben können, und den Propheten Natan hätte niemand mehr irgendwo gesehen. David hätte sich empören können, aber David – mit derselben Glut, mit der er sagt: „Ein Sohn des Todes, er verdient den Tod, der Mensch, der getan hat, was du, Prophet Natan, mir erzählt hast“, genau so, mit derselben Glut, mit demselben löwenhaften Eifer spricht David das Bußgebet und sagt: „Ich habe gesündigt vor dem HERRN.“ Die Eigenschaft, die Fähigkeit, ein Löwe zu sein, wenn du sagst: „Sie ist gerechter als ich.“ Oder wenn du sagst: „Ich habe gesündigt vor dem HERRN.“ Die Bereitschaft, das zu sagen, obwohl du König bist und die Ankläger einfach vernichten kannst, und niemand, in der Sprache des Segens Jaakows ausgedrückt, wird dich aufscheuchen.

Das ist eine der Facetten des Segens, den Jaakow Jehuda gibt, und gebe Gott, dass wir alle ihn auch haben. Manchmal sein Unrecht eingestehen können vor den Kindern, vor der Frau, vor den Untergebenen, vor dem, der schwächer ist als wir oder von uns abhängig ist, seine Schuld eingestehen können und sich bemühen, sich zu bessern, gerade nach der eigenen Besserung streben, ohne darauf zu achten, was wer denken wird. Ein Löwe sein, so dass unser Drehzahlmesser über den Anschlag geht. Genau das wünscht man sich als Segen.

Jissachar, mein Sohn, du bist ein Esel

In unserem Wochenabschnitt wird erzählt, wie der Stammvater Jaakow vor seinem Tod alle seine Söhne versammelte, um jeden von ihnen zu segnen. Wie die Tora sagt: „jeden nach seinem Segen“. Das heißt, jeder Sohn erhielt Segen und Unterweisung entsprechend seiner Natur. Das, was seine innere Natur widerspiegelt, sein Potenzial, das, was ihm ermöglichen wird, dieses Potenzial zu entfalten, sich im Dienst zu festigen. Das heißt, Jaakow segnet nicht alle mit einem einzigen Segen, sondern findet für jeden seinen Segen.

Aber wenn wir diesen Segen anschauen, verstehen wir, dass er sich stark davon unterscheidet, wie wir bereit sind, unsere Kinder und unsere Angehörigen zu segnen. Wir wünschen unseren Kindern, unseren Angehörigen irgendwelche konkreten Dinge. Wir sagen: „Sei erfolgreich in deiner Arbeit, gute Gesundheit dir, ein langes Leben, viel, viel Geld dir, Glück an deinen Kindern und so weiter.“ Wir wünschen unseren Kindern, unseren Angehörigen ganz konkrete Dinge. Und die Segnungen Jaakows unterscheiden sich so stark davon, wie wir zu segnen gewohnt sind, dass manchmal nicht ganz klar ist: Ist das überhaupt ein Segen, und worin liegt hier der Segen?

Folgendes sagt Jaakow zu seinem Sohn Jissachar:

יִשָּׂשכָר חֲמֹר גָּרֶם רֹבֵץ בֵּין הַמִּשְׁפְּתָיִם׃

JISSACHÁR CHAMÓR GÁREM ROWÉZ BEN HAMMISCHPETÁIM

14 „Jissachar – ein starker Esel, der sich niederlegte zwischen“.

Man kann übersetzen zwischen den Ballen seiner Last, man kann übersetzen zwischen den Pferchen für das Vieh. Es gibt verschiedene Übersetzungen, aber einen solchen Segen erhält Jissachar.

Zu Jissachar sagte man: „Jissachar, Söhnchen, und du bist ein Esel.“ Bei weitem nicht jedem wird es heute angenehm sein, einen solchen Segen zu hören. Alle wissen, dass wir einen Menschen einen Esel nennen, der glücklos ist, begriffsstutzig, der in verschiedene unangenehme, dumme Geschichten gerät. Und was ist das für ein Segen, zu seinem Sohn zu sagen: „Du bist ein Esel, mein Sohn.“ Worin besteht überhaupt der Dienst des Stammes Jissachar?

Die Tradition sagt, dass der Stamm Jissachar einen besonderen Vertrag mit dem Stamm Sewulun hat. Im Großen und Ganzen spricht auch Mosche im 33. Kapitel des Buches Dewarim von diesem Vertrag. Folgendes wird dort gesagt. Auch Mosche segnet alle Stämme Israels. Und so segnet er den Stamm Sewulun:

וְלִזְבוּלֻן אָמַר שְׂמַח זְבוּלֻן בְּצֵאתֶךָ וְיִשָּׂשכָר בְּאֹהָלֶיךָ׃

WELISWULÚN AMÁR SEMÁCH SEWULÚN BEZETÉCHA WEJISSACHÁR BE'OHALÉCHA

18 Und zu Sewulun sagte er: „Sei gesegnet, freue dich, frohlocke, Sewulun, bei deinem Ausziehen, Jissachar aber sitzt dabei in deinen Zelten.

עַמִּים הַר-יִקְרָאוּ שָׁם יִזְבְּחוּ זִבְחֵי-צֶדֶק

AMMÍM HAR-JIKRÁU SCHAM JISBECHÚ SIWCHE-ZÉDEK

19 UND DIE VÖLKER WERDEN ZUM BERG GERUFEN WERDEN, UND DORT WERDEN SIE GERECHTE OPFER DARBRINGEN“.

Es gibt hier, wie wir sehen, irgendeinen besonderen Vertrag zwischen Sewulun und Jissachar, irgendeine besondere Symbiose zwischen ihnen, die es ermöglicht, die Völker der Welt zum Berg zu führen. Die Weisen sagen, dass Jissachar sitzt, im Heiligen Land arbeitet, die Tora studiert und ihr Wissen für seine Arbeit im Heiligen Land umsetzt. Sewulun reist durch die Welt, treibt Handel und bringt die Errungenschaften und Erzeugnisse Jissachars voran. Und wenn die Völker der Welt jene wunderbaren Raritäten sehen, die Sewulun aus dem Land Israel in andere Länder bringt, geraten sie ins Grübeln, woher diese Ideen kommen, woher diese Früchte, und werden dadurch zum Heiligen Berg hingezogen, wo sie dem Höchsten Opfer darbringen werden.

Im 1. Buch Diwre haJamim (12,33) wird von den Söhnen Jissachars gesagt, dass sie

יוֹדְעֵי בִינָה לַעִתִּים לָדַעַת מַה-יַּעֲשֶׂה יִשְׂרָאֵל

JUDÉJ WINÁ LA'ITTÍM LAADÁT MA-JA'ASSÉ JISRAÉL

33 …verstehen, die Zeiten zu unterscheiden, und wissen durch dieses ihr Wissen, was Israel tun soll…

Das heißt, das sind Menschen, die wissen, was zu tun ist. Deshalb ist die Tradition zu dem Schluss gekommen, dass der Stamm Jissachar der Hauptkern der Torastudierenden ist, jener Menschen, die die Tora studieren, den Willen des Höchsten für das Volk Israel verstehen und diesen Willen dem Volk selbst geben, weitergeben können und durch Sewulun auch anderen Völkern. Das heißt, das ist die Hauptstadt, gleichsam die Hauptstadt des göttlichen Wissens, die Hauptstadt der Tora, das Zentrum der Tora im Volk Israel, das die Tora studiert. Das ist hauptsächlich der Stamm Jissachar. Natürlich ist das ganze Volk berufen, die Tora zu studieren, aber es gibt eben eine solche besondere Akademie, wie das Buch Diwre haJamim es sagt.

Nach der Zerstreuung der zehn Stämme verstehen wir das im geistlichen Sinn, dass diejenigen, die heute die Tora studieren und sich mit dem Studium der Tora beschäftigen, dieselben Werkzeuge brauchen, die der Stamm Jissachar trug, und der Segen Jissachars gilt dem, der im selben Fach arbeitet, der den Staffelstab Jissachars übernommen hat und sein Werk fortsetzt. Natürlich bleibt die Frage in Bezug auf den Stamm Lewi, der Israel als Lehrer dient. Das sind zwei etwas unterschiedliche Dienste. Natürlich ersetzt der Stamm Jissachar nicht den Stamm Lewi, und der Stamm Lewi ersetzt nicht den Stamm Jissachar. Und ihre Dienste sind einander nahe, aber doch verschieden.

Und gerade diesen Jissachar, gerade diesen Akademiker nennt der Stammvater Jaakow einen Esel, und man muss verstehen, warum. Und die Antwort, die gegeben wird, ist folgende. Der Esel ist der, der seine Last trägt, nicht ausschlägt und nicht stößt, seine Herren nicht angreift wie ein anderes Tier. Man hätte doch natürlich ein schöneres Tier finden können, wie zum Beispiel ein Pferd oder einen Löwen. Aber der Löwe unterwirft sich niemandem, und das Pferd kann doch in irgendeinem Moment seine Kraft, seinen Charakter spüren, zeigen. Wer mit Pferden gearbeitet hat, weiß das. Gerade der Esel trägt seine Last und widersetzt sich nicht.

Manche Angaben besagen, dass der Esel dem Gewicht nach sogar mehr tragen kann, als ein Pferd trägt, aber langsam. Das Pferd kann nicht so langsam gehen wie ein Esel mit Last. Der Esel kann langsam gehen, kann in einem Tempo gehen, das für Frauen und Kinder passt. Das heißt, der Esel ist mit dieser Last geduldig genug, kann sie nach und nach tragen. Wie Jaakow zu Esaw sagte: „Wir werden im Tempo unserer Frauen und Kinder gehen.“ Und der Esel kann im Tempo der Frauen und Kinder gehen, er ist geduldig genug, um auch seine Last geduldig zu tragen. Man kann so sagen, dass Jissachar die Tora lehrt, diejenigen, die von ihr zurückgeblieben sind, diejenigen, die aus irgendeinem Grund abgefallen sind, diejenigen, die es langsamer, einfacher, verständlicher brauchen, oder ganz, ganz fernen, ganz fernen Völkern, die weit weg leben, muss man auch vom Höchsten erzählen. Aber manchmal braucht auch Israel im Zustand der Not, im Zustand der Unruhe die Unterweisung Jissachars, und manchmal ist Jissachar der Ratgeber in dem, was Israel tun soll.

Und noch eine Besonderheit des Esels. Der Esel ist ein anspruchsloses Geschöpf. Er kann sich tatsächlich hinlegen, wo es auch sei, deshalb wird der Esel oft geringgeschätzt. Aber in diesem Fall ist der, der zwischen den Pferchen für das Vieh liegt oder sich zwischen den Ballen hingestreckt hat, ein Esel, der sich hingelegt, sich irgendwo ausgeruht hat, und gut, dass er sich hingelegt hat, gut, dass er sich ausgeruht hat. Der Esel ist in dieser Hinsicht nicht wählerisch mit seinen Schlafplätzen. Er braucht nicht immer besonders komfortable Bedingungen. Der Esel sucht diese Ehre nicht. Der Esel trägt einfach seine Last. Deshalb reist auch Awraham auf einem Esel, und Mosche reist auf einem Esel, und der Maschiach reist auf einem Esel.

Über den Esel des Maschiach gibt es einen erstaunlichen Midrasch, der sagt: Wenn der Maschiach in Jerusalem einzieht und die Menge ihn begrüßt, wirft man Palmblätter, jemand wirft ihm Kleider unter die Füße. Der Esel denkt, dass man ihn begrüßt, dass sich alle über ihn freuen. Ein solcher Gedanke kann sich beim Esel einschleichen. Doch eben das ganze Aussehen des Esels, dass er ein Esel ist, erlaubt ihm nicht, sich mit dieser Freude zu freuen. Und jeder Mensch, jeder von uns, wenn wir die Tora, irgendwelches Wissen weitergeben, möchte so gern sagen: „Schaut, ich bin es, der das weitergibt. Mir hören die Leute jetzt zu und sperren dabei vor Staunen den Mund auf. Gerade wenn sie mir zuhören, leuchten ihre Augen. Das ist meins, was sie begeistert.“ Und man kann in den Hinterhalt dieses Eselchens geraten. Nun, deshalb ist das Eselchen wohl auch so unansehnlich, um nicht in diesen Hinterhalt, um nicht in diese Falle zu geraten.

Das ist eine der Facetten des Verständnisses des Segens Jissachars als eines Eselchens, das zwischen den Pferchen des Viehs oder zwischen den Ballen übernachtet.

Wie kann es für dich ein Segen sein, dass man dich einen Esel geschimpft hat? Für einen Menschen, der einfache Leute die Tora lehrt, vielleicht Leute, die der Tora fernstehen, vielleicht Leute, die von der Tora abgefallen sind, ist es manchmal sehr wichtig, ein Esel zu sein, das heißt, eben diese Eigenschaften eines Esels zu haben. Und diese Eigenschaften Jissachars segnet Jaakow. Deshalb, wenn man dich einen Esel geschimpft hat, ist das nicht immer schlecht.

Das Rätsel des Stammes Dan

Ich möchte über den erstaunlichen Stamm Dan sprechen. So segnet Jaakow Dan:

דָּן יָדִין עַמּוֹ

DAN JADÍN AMMÓ

16 Dan wird sein Volk richten,

Wir übersetzen das vorerst als wird richten, aber später werden wir uns noch mit diesem Verb befassen.

כְּאַחַד שִׁבְטֵי יִשְׂרָאֵל׃

KE'ACHÁD SCHIWTÉ JISRAÉL

wie einer der Stämme Israels

יְהִי-דָן נָחָשׁ עֲלֵי-דֶרֶךְ שְׁפִיפֹן עֲלֵי-אֹרַח הַנֹּשֵׁךְ עִקְּבֵי-סוּס וַיִּפֹּל רֹכְבוֹ אָחוֹר׃

jehi-dAn nachÁsch ale-dérech schefifón ale-órach hannoschéchDie russische Umschrift gibt in diesem Wort einen o-Laut wieder; im Hebräischen steht hier ein e, dem die deutsche Umschrift folgt. IKKEWE-SÚS WAJIPPÓL ROCHEWÓ ACHÓR

17 Dan wird eine Schlange am Weg sein, eine Natter (wie man das gewöhnlich übersetzt, oder eine VIPER) auf dem Pfad, die das Pferd in die Ferse beißt, und der Reiter, der auf diesem Pferd ist, fällt rückwärts

לִישׁוּעָתְךָ קִוִּיתִי יְהוָה׃

LISCHU'ATECHÁ KIWWÍTI ADONÁJ

18 Auf deine Rettung hoffe ich, HERR“

So ein Segen, der überhaupt nicht sofort verständlich ist. Lasst uns zuerst das Wort יָדִין (jadin) klären. Die Wurzel יָדִין (jadin) von der Wurzel דִין (din) Gericht, von derselben Wurzel, von der auch der Name דָּן (dan) der Richtende stammt. דָּן יָדִין (dan jadin) – das ist eine Art Wortspiel. Man kann auf Russisch sagen: „Dan wird danen.“ Das Wort יָדִין (jadin) bedeutet jedoch auch kämpfen für, vergelten, Gericht verschaffen für. So zum Beispiel im 135. Psalm (in der masoretischen, jüdischen Zählung): „Denn der HERR wird sein Volk richten und seine Knechte trösten.“ Oder zum Beispiel im 110. Psalm im 6. Vers: „Er wird die Völker richten, mit Leichen füllen, das Haupt einer großen Macht zerschmettern.“ Richten – das ist auch eintreten, Gericht verschaffen, Vergeltung üben für jemanden. Und höchstwahrscheinlich ist hier gerade diese Funktion Dans gemeint.

Was bedeutet כְּאַחַד שִׁבְטֵי יִשְׂרָאֵל (keachád schiwté jisraél) wie einer der Stämme Israels? Obwohl Dan der Sohn einer Magd ist, nicht von einer der Stammmütter abstammt (von Rachel und Lea), wurde er Befehlshaber eines der vier Lager. Im zweiten Kapitel des Buches Bemidbar lesen wir: „Das Banner des Lagers Dans nach Norden, nach ihren Heerscharen, und der Anführer der Söhne Dans Achieser, der Sohn Ammischaddajs.“ Das heißt, Dan ist Befehlshaber eines Lagers, und neben ihm in seinem Lager, unter seinem Kommando, der Stamm Ascher und der Stamm Naftali. Dan ist der Einzige von den Söhnen der Mägde, der in eine solche Führungsstellung gesetzt ist.

Es lohnt sich auch, auf den Anführer der Söhne Dans zu achten, er heißt Achieser. Den Namen Achieser kann man übersetzen als Brüderchen, komm, ich helfe dir, oder Bruder, der immer hilft, Bruder-Helfer, Bruder, bereit, zu Hilfe zu kommen. Eben als Bruder. Nicht von oben herabschauend, sich nicht mit seiner Hilfe brüstend. Ein Bruder, der bereit ist, zu Hilfe zu kommen.

Im 10. Kapitel des Buches Bemidbar lesen wir über das Lager Dans Folgendes: „Dann zog das Lager der Söhne Dans, das alle Lager abschließt.“ Das Wort מְאַסֵּף (me'asséf) ist hier der Abschließende oder der Sammelnde. Und wieder wird Achieser erwähnt, eben dieser Mensch, von dem wir gesagt haben, dass sein Name übersetzt wird Bruder, komm, ich helfe dir. Also: Dan ist der Anführer des Lagers, das als abschließendes zieht. Das Wort abschließend bedeutet hier, wie wir gesagt haben, auch sammelnd.

Im Talmud werden zwei Meinungen angeführt, zwei Ansichten oder zwei Bilder des Abschließens. Die einen sagen: „Er ging wie eine Kiste“, das heißt, er ging und sammelte hinten alle verlorenen Sachen ein. Die anderen sagen: „Er ging wie ein Balken“, wie so ein Balken, der geht und von hinten schiebt, anschiebt, anschiebt alle, die zurückbleiben.

Was kann man unterwegs verlieren? Man kann einen Schuh verlieren, man kann ein Telefon verlieren, man kann einen Regenschirm verlieren. Früher sagte man, dass man häufiger Regenschirme verliert, jetzt verliert man häufiger Telefone. Aber man kann, Gott bewahre (und wir haben diesen Fall letzten Sommer gesehen), ein Kind im Auto vergessen. Man kann sich selbst verlieren, man kann einfach hinter dem Lager zurückbleiben. Und all das liegt in der Zuständigkeit des Stammes Dan, wie einer der Kommentatoren in Daat Sekenim sagt: „Er blieb stehen und hielt sich bei denen auf, die sich verspäten.“ Das spricht von all jenen Lehrern, die mit Kindern arbeiten, die zurückbleiben. Kinder, die beim Lernen nicht so mitkommen wie andere Kinder. Es gibt Lehrer, die ihr Leben dem widmen, zu lernen, sich gerade mit diesen Kindern zu beschäftigen. Da wird es keine Auszeichnungen geben. Sie werden vielleicht nie bei Olympiaden siegen und vielleicht nie eine Goldmedaille bekommen. Aber es gibt Lehrer, die sich gerade mit ihnen beschäftigen, mit ihnen arbeiten. Vielleicht bereiten sie sie auf die Schule vor, bereiten sie auf ein normales Lernen vor. Es gibt Menschen, die mit autistischen Kindern arbeiten. Und wenn früher ein Junge den Löffel nicht in der Hand halten konnte und jetzt hält er den Löffel in der Hand, dann ist das ein großer Sieg. Neulich las ich den Post eines Menschen, der davon erzählte, wie eine ganze Gruppe mit einem autistischen Jungen arbeitete, welche Fortschritte sie sahen und wie enttäuscht die Mutter war. Sehr oft sind die Heldentaten dieser Menschen, die Erfolge dieser Menschen nicht einmal für den Blick sichtbar, nicht sichtbar für das Auge. So unsichtbar sind diese Helden des Stammes Dan. Aber sie sind Achieser, der sagt: „Ich helfe dir, Brüderchen. Komm, ich bleibe zurück, komm, ich bleibe hinter dir stehen.“ Wenn eine Gruppe von Kindern geht und wir erfahren wollen, wer von ihnen sozusagen angenommen ist, wer von ihnen in dieser Gruppe beliebt ist, dann gilt: Wenn ein Junge oder ein Mädchen stehen bleibt, um etwas zurechtzurücken, die Schnürsenkel zu binden, und alle mit ihr (ihm) stehen bleiben, dann ist das der, der in der Gemeinschaft angenommen ist, der, den alle lieben. Wenn man ihn aber auslacht, sagt: „Schon wieder dieser Unansehnliche, Ungeschickte, da ist er schon wieder stehen geblieben.“ Na, das ist eine ganz andere Sache. Und Dan ist der, der hinten geht und mit denen stehen bleibt, die sich verspätet haben, mit den Verlorenen stehen bleibt und ihnen hilft, sich fortzubewegen. Das ist die Berufung Dans, das ist das, wozu er eingesetzt ist, wie wir die Äußerung der Eigenschaft des Stammes Dan in verschiedenen Menschen sehen.

Es gibt eine Geschichte im Talmud über einen Menschen, der Rabbi Preida hieß. Das war ein großer, bekannter, in Babylonien sehr angesehener Rabbiner, aber er bekam einen Schüler, dem es sehr schwerfiel, irgendetwas zu verstehen. Man erzählt (und vielleicht ist das eine Übertreibung, aber es ist so eine lehrreiche Geschichte), dass man diesem Schüler etwas 400 Mal wiederholen musste, damit er es verstand. Und Rabbi Preida, obwohl er so angesehen ist, obwohl er so wichtig und vielleicht so beschäftigt ist, beschäftigte sich mit diesem Schüler und ging mit ihm 400 Mal diese oder jene Texte durch, damit der Schüler verstand. Wir möchten mit Intellektuellen verkehren, möchten uns in unseren kleinen Küchen im engen Kreis unterhalten. Einen Schüler, der beim vierhundertsten Mal versteht, wird bei weitem nicht jeder lieb gewinnen. Einmal geschah es, dass Rabbi Preida ins Lehrhaus kam und zu dem Schüler sagte: „Entschuldige, heute habe ich es eilig, wir gehen diese 400 Mal mit dir durch, aber einfach.“ Und am Ende, als der Rabbi 400 Mal mit dem Schüler gelernt hatte, verstand der Schüler plötzlich gar nichts. Und der Rabbi fragte: „Was ist heute geschehen? Was ist heute Besonderes geschehen?“ Und der Schüler sagte: „Na, ich dachte, dass du es eilig hast. Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass du gehst. Ich habe nur daran gedacht, und deshalb war ich nicht fähig zu verstehen.“ Und Rabbi Preida kehrte zurück und lernte noch einmal mit ihm. Das ist die Besonderheit dessen, was מְאַסֵּף (me'asséf) genannt wird – der hinten Gehende und das Verlorene Zurückbringende, der Sammelnde, der die Verlorenen und Zurückgebliebenen Zurückbringende.

Das ist auch der, der die Verteidigungslinie hält. Als Israel gerade erst aus Ägypten ausgezogen war, noch nicht die Tora empfangen hatte, noch nicht das Land Israel empfangen hatte, noch gerade beim Auszug aus Ägypten, griff Amalek Israel an und, wie gesagt ist: „Er schlug sie in den Schwanz.“ Er schlug sie bei denen, die מְאַסֵּף (me'asséf) gingen, bei denen, die als Sammelnde gingen. Sie wehrten den Angriff ab. Die Verteidigung halten. Die Verteidigung halten für die, die vielleicht hinter der Gesellschaft zurückgeblieben sind, aus der Spur geraten sind, wie man das in der religiösen Welt zu sagen pflegt, vielleicht zu Drogen hingezogen wurden, vielleicht zu irgendeiner schlechten Kultur, zu irgendeiner Gesellschaft. Und hier kommt Dan, der wie eine Schlange den Reiter beißt, der nicht zulässt, dass man gerade an diese herankommt, die vielleicht schon alle aufgegeben haben, für sie eintritt und für sie kämpft. Der Segen Jaakows endet mit einem erstaunlichen Satz:

לִישׁוּעָתְךָ קִוִּיתִי יְהוָה׃

LISCHU'ATECHÁ KIWWÍTI ADONÁJ

18 Auf Deine Rettung hoffe Ich, HERR

Das ist zum ersten Mal seit mehreren Wochenabschnitten, seit sechs, sieben Abschnitten des Buches Bereschit, zum ersten Mal erscheint der Name Adonaj, der Name HERR. Davor steht Elohim geschrieben. Der Name Adonaj spricht traditionell vom Rachem, einer Eigenschaft Gottes – der Barmherzigkeit. Aber das ist nicht ganz die Barmherzigkeit, von der in der russischen Sprache die Rede ist. Das ist eine Eigenschaft Gottes, die von Langmut spricht. Sie kommt von der Wurzel רֶחֶם (rechem) Gebärmutter. Wenn ein Embryo im Leib der Mutter entsteht, braucht er 9 Monate, um zu wachsen, um ein kleines Menschlein zu werden. 9 Monate geduldiger, mühevoller Arbeit an einem winzig-kleinen Embryo, 3 kleine Röhrchen, die zu einem Menschen werden. Diesen Menschen kann, bildlich gesprochen, nur der Mutterleib erkennen, nur er kann für ihn sorgen. Ein langsames, allmähliches, fürsorgliches Nähren derer, die hinter allen zurückbleiben. Das ist eine besondere Art von Führung, und für diese Führung ist nicht umsonst vielleicht ein Mensch eingesetzt, der aus dem Umfeld der MagdIm Russischen steht hier ein Wort für eine Sklavin, das auch ein Schreibfehler für „Sklaven“ sein könnte. Übersetzt ist wörtlich mit „Magd“. hervorgegangen ist.

Ein Zug hat einen Kopfwagen, der den Zug von hinten schieben kann. Bei vielen westlichen Modellen, bei einigen russischen Zugmodellen gibt es einen Wagen, der den Zug von hinten schieben kann. Wenn der Zug wenden muss, fährt er einfach rückwärts. Und man kann sagen: „Dan ist die Lokomotive, die den Zug von hinten schiebt.“

Womit kann man den Stamm Dan noch vergleichen, diese Arbeit, die unsichtbare Arbeit Dans? Welche Station ist die beliebteste, die heldenhafteste in jedem Krankenhaus? Das ist die Entbindungsstation. Dort geschieht die Freude der Geburt von Kindern. Es gibt die Abteilung für Chirurgie. Es gibt Erfolge der Neurochirurgie, die bekannt sind. Es gibt bekannte Operationen. Es gibt die Bauchhöhlenchirurgie. Neurochirurgie. Dort geschehen bemerkenswerte, wunderbare Dinge. Und irgendwo dort gibt es eine Station, wo ein junges Mädchen mit einem Opa arbeitet. Und der Opa muss, um ein bisschen selbstständig zu sein, entschuldigt dieses technische Detail, selbst bis zur Toilette gehen können. Und so arbeitet sie mit dem Opa und sagt fünfmal: „Heb die Arme, heb das Bein, heb das linke Bein, heb das rechte Bein. Gut gemacht!“ Sie schaut ihn mit bewundernden Augen an. Man könnte hier auch aus der Kabbala anführen, dass Dan mit dem rechten Auge verbunden ist, mit dem Auge, das gütig schaut, mit der Fähigkeit, gütig zu schauen. Aber lassen wir die Kabbala. Sie schaut ihn an und sagt: „Gut gemacht!“ Und am Ende eines Monats Arbeit mit diesen kleinen Erfolgen sagt sie: „Euer Fima, der 92-jährige Opa, kann nach Hause zurückkehren, und jetzt wird er selbst bis zur Toilette gehen können, wird sich selbst die Hände waschen können, wird selbst aus dem Bett aufstehen können, sich ins Bett legen, kann in die Küche gehen, sich Essen holen.“ Das ist ihre Leistung, das ist ihr Sieg. Niemand außer vielleicht den Verwandten von Opa Fima wird sich mit ihr über diese Leistung freuen. Man wird sie nicht an die Ehrentafel hängen, man wird sie nicht als Heldin herausstellen. Das ist kleine, mühevolle Arbeit, kleine, mühevolle Arbeiten, ohne die das Bestehen eines Volkes unmöglich ist, ohne die die ganze Medizin nutzlos ist.

Im 52. Kapitel des Buches Jeschajahu steht geschrieben, dass auch Gott selbst ebenfalls ein Sammler ist. Folgendes wird im 12. Vers gesagt: „Denn ohne Hast werdet ihr ausziehen und nicht im Lauf weggehen, denn vor euch her wird der HERR gehen und als Wächter hinter euch.“ Dasselbe Wort, das hier aus irgendeinem Grund und in allen anderen Übersetzungen als Wächter übersetzt wird, aber מְאַסֵּף (me'asséf) der Sammelnde, hinter euch der Gott Israels. Gott offenbart sich vielleicht als der vorne Führende, wie der Stamm Jehuda, vor allen Lagern. Und Gott offenbart sich wie der Stamm Dan, der hinter allen Lagern geht.

Als die Stiftshütte gebaut wurde – wir wissen, dass der HERR Bezalel als obersten Kunsthandwerker und obersten Meister eingesetzt hat, aber es heißt, dass Bezalel auch einen Gehilfen hatte. Es steht geschrieben: „Siehe, ich werde ihm Oholiaw beigeben, den Sohn Achisamachs.“ Achtet darauf: Achisamach aus dem Stamm Dan. Achisamach. Wie wird dieser Name übersetzt? Das ist ein Bruder, auf den man sich verlassen kann. Seht, wie wichtig hier die Namen sind. Ihm wird also Achisamach aus dem Stamm Dan beigegeben, „und in das Herz eines jeden, der weisen Herzens ist, habe ich Weisheit gelegt, und sie werden alles machen, was ich dir geboten habe“. Der HERR ernennt ein Paar von Meistern – Bezalel und Oholiaw, den Sohn Achisamachs aus dem Stamm Dan. Der Stamm Jehuda und der Stamm Dan arbeiten als Paar.

In der Sammlung von Midraschim Midrasch Tanchuma, im Teil zum Wochenabschnitt Ki Tissa, im 13. Absatz heißt es: „Rabbi Chanin ben Pasi sagte: ‚Es gibt keinen größeren Stamm als den Stamm Jehuda. Der Stamm Jehuda ist der berühmteste Stamm. Und es gibt keinen geringer geachteten Stamm als den Stamm Dan.‘ Der Höchste sagte: ‚Damit in ihm, in Jehuda, kein Stolz sei und damit man wisse, dass alle Stämme vor dem Höchsten gleich sind, verbinde ich sie in der Arbeit.‘ Rabbi Chanina sagte: ‚Das ist ein Beispiel dafür, dass man niemals irgendeinen Stamm geringachten darf, denn die Stiftshütte ist von diesem Paar geschaffen worden, und ebenso auch der Tempel.‘“

Was wird über den Tempel gesagt? Über den Tempel wird gesagt, dass Schlomo aus dem Stamm Jehuda ihn baute. Und in Diwre haJamim heißt es: „Und nun habe ich einen kunstfertigen Mann gesandt, der Kenntnisse hat, Churam Awi, den Sohn einer Frau aus den Töchtern Dans. Sein Vater ist ein Zorer.“ Das heißt, Schlomo aus dem Stamm Jehuda hatte beim Bau des Tempels einen Gehilfen aus dem Stamm Dan.

Der Autor des Buches Tiferet Schlomo, der Rabbi aus Radomsk, sagt: Wenn die Mischna sagt: „Beurteile jeden Menschen nach der Seite der Rechtfertigung, bemühe dich, jeden Menschen zu rechtfertigen“, dann kann man das so verstehen: „Sei wie Dan, der jeden Menschen rechtfertigt.“ Das bedeutet nicht, dass er sagt: „Dieser Mensch ist unschuldig, und du bist unschuldig, und du bist unschuldig, und du hast recht.“ Nein, das bedeutet, dass ein Mensch die Vorzüge sucht und einfach davon ausgeht, dass vor ihm ein nicht verlorener Mensch steht. Trotz aller Schuld, aller Taten, allen, vielleicht, Unglücks schaut ein Mensch auf den anderen und sagt: „Dieser Mensch ist nicht verloren.“ Mag es ein Opa von 92 Jahren sein, der einen Schlaganfall erlitten hat, aber wir werden ihm beibringen, aufzustehen und bis zur Küche zu gehen. Mag es ein zurückbleibendes Kind sein, das noch nicht alles versteht, wir halten an und üben zusammen mit ihm. Mag es ein Mensch sein, der stark stottert, wir halten an und hören bis zum Ende zu, was er sagen will, lächeln ihm vielleicht zu, unterstützen ihn, so dass er sogar aufhört zu stottern.

Es gibt auch ein solches Verständnis, dass der richtende Dan einer ist, der seinen Jezer richtet, seinen bösen Trieb, das heißt, der das Gericht auf sich selbst richtet und sagt: „Ich bin doch immerhin einer aus dem Volk. Ich bin wie einer aus dem Stamm Israels. Ich prüfe mich, inwieweit ich einfach einer von allen bin, inwieweit ich nicht irgendein Besonderer bin, der eine besondere Behandlung braucht.“ Wir können uns selbst manchmal auf besondere Weise beurteilen. Hier wird gesagt: „Nein, die Eigenschaften Dans – das ist die Fähigkeit, in sich hineinzuschauen und sich selbst zu sehen.“

Sehr viele Gläubige stellen die Frage, warum im siebten Kapitel des Buches der Offenbarung der Stamm Dan fehlt. Das hat viele Spekulationen hervorgebracht, wie zum Beispiel die Idee, dass der Antichrist aus dem Stamm Dan aufstehen wird, oder zum Beispiel, dass, nun ja, Dan nicht umsonst einer Schlange gleicht: er wird eine Schlange sein, und die Schlange wird der Antichrist sein, und er wird den Reiter angreifen, der Christus symbolisiert. Und sehr viele verschiedene andere Ideen. In Klammern sage ich, dass es gerade in der jüdischen Tradition einen Gedanken gibt, er ist nicht die einzige Meinung, es gab eine solche Meinung, es gab eine solche Erwartung, dass der Vater des Maschiach aus dem Stamm Jehuda sein wird und seine Mama aus dem Stamm Dan. Das heißt, bei den Juden gab es eine genau entgegengesetzte Erwartung.

Und natürlich, wenn wir versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu finden, suchen wir und finden leicht, dass der Stamm Dan trotz all seiner erhabenen Bestimmung, trotz allem, worüber wir gesprochen haben, in den Götzendienst fiel und durch den Götzendienst verdorben wurde und vieles beging, aber man muss bedenken, das betrifft doch auch das ganze Volk Israel. Das ganze Volk Israel war, sagen wir, tief in den Götzendienst verstrickt, da ist nichts zu machen, so war es. Warum wird gerade der Stamm Dan mit jener Bestimmung, von der wir gesprochen haben, mit jenen Aufgaben, die ihm anvertraut waren, von denen wir gesprochen haben, warum wird gerade er auf einmal für den Götzendienst bestraft?

Ich sage immer, dass Kommentare mehr über den Kommentator sagen als über den Text. Und ich verstehe gut, dass gerade jetzt der Moment ist, in dem mein Kommentar, mein Verständnis mehr über mich sagen wird, vielleicht, als über den Text, aber trotzdem ist das mein Verständnis des Textes, ich sehe das im Text, mich in diesem Text, diesen Text in mir. Und ich will sagen, dass in der Offenbarung (7,9) geschrieben steht: „Danach sah ich, und siehe, eine große Menge von Menschen, die niemand zählen konnte, aus allen Geschlechtern und Stämmen und Völkern und Sprachen, stand vor dem Thron und vor dem Lamm in weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen.“ Ich denke, dass diese große Menge von Menschen diejenigen sind, die, nun ja, bildlich gesprochen, Dan in Rollstühlen hergebracht hat, diejenigen, die nicht in die ersten Reihen gekommen sind, diejenigen, die Dan hergeführt hat, diejenigen, die sich verirrt haben, zurückgeblieben sind oder überhaupt nicht in der Nähe standen, oder überhaupt weit weg waren, oder überhaupt nicht kommen konnten. Es gibt diejenigen, die versiegelt sind, gezeichnet, und diejenigen, die eben so hinter dem Lager zurückgeblieben sind, sind gekommen, stehen in großer Menge daneben. Und neben ihm der Stamm Dan. Das ist das Fest des Stammes Dan. Der Stamm, der wie eine Schlange gegen jeden gekämpft hat, der anzugreifen versuchte, der abzutrennen versuchte, der die Schwächsten zu schlagen versuchte. Sehr schwer, sehr schwer ist es, für die Schwächsten zu kämpfen. Aber die Gnade des HERRN auf seine LangmutIm Russischen bleibt offen, ob sich „seine Langmut“ auf den HERRN oder auf Dan bezieht. Das Pronomen ist dort kleingeschrieben und wurde so übernommen., auf seinen Wunsch, auf seine Bereitschaft, sich mit uns abzumühen, uns wie in einen Mutterleib zu legen, uns wie Embryonen heranwachsen zu lassen. Darauf hoffe ich.

Und mit großem Segen an all jene, die vielleicht so ein Lehrer für Kinder mit besonderer Entwicklung werden wollen. An jene Eltern, die autistische Kinder großziehen, an jene, die sich, wie zum Beispiel meine Tochter, mit autistischen Kindern beschäftigen, an all jene, die sich mühen mit Alten, mit Schwachen, mit Abgefallenen, mit Jugendlichen, die auf der Straße gelandet oder in schlechte Gesellschaft geraten sind, mit großem Segen. Ihr tragt das Banner des Stammes Dan!

Haftara. (1. Melachim 2,1–12)

In unserem Wochenabschnitt segnet Jaakow vor seinem Tod seine Söhne und gibt eine letzte Unterweisung. Zusammen mit diesem Wochenabschnitt ist es üblich, einen Abschnitt zu lesen, in dem David vor seinem Tod seinem Sohn Schlomo eine letzte Unterweisung gibt. Das sind die ersten 12 Verse aus dem 2. Kapitel des ersten Buches Melachim. 

Ein wenig muss man über die Nummerierung der Bücher der Königreiche sagen. Im hebräischen Text gibt es zwei Bücher Schmu'el, die in der Synodalübersetzung dem ersten und zweiten Buch der Königreiche entsprechen. Deshalb ist, wenn wir vom ersten Buch der Königreiche in der hebräischen Übersetzung sprechen, das in der Synodalübersetzung das dritte Buch der Königreiche. 

Wir lesen also aus dem ersten Buch Melachim (2,1–12) das Vermächtnis Davids an seinen Sohn Schlomo. 


וַיִּקְרְבוּ יְמֵי־דָוִד לָמוּת וַיְצַו אֶת־שְׁלֹמֹה בְנוֹ לֵאמֹר׃

waikrewu jemej dawid lamut wajezaw et schlomo wno lemor

1 Und es nahten die Tage Davids, zu sterben (David ist schon ganz alt. Wir lesen, dass auch seine Kleidung ihn nicht wärmt. Er ist sehr gealtert, und der Tod nähert sich ihm), Und er gebot seinem Sohn Schlomo und sprach: 


אָנֹכִי הֹלֵךְ בְּדֶרֶךְ כָּל־הָאָרֶץ וְחָזַקְתָּ וְהָיִיתָ לְאִישׁ׃

anochi holech bederech kol ha'arez wechasakta wehajitaIn der russischen Umschrift fehlt in diesem Wort ein Vokal. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text. le'isch

2 „Ich gehe, wie es allen auf der Erde geschieht. (Jeder Mensch ist sterblich, und auch David ist sterblich. Und David spricht ruhig davon, dass er jetzt eben geht). Du aber musst zum Mann werden (dich stärken, erwachsen werden). 

Wir haben vor kurzem gesagt (als wir über das Urteil Schlomos sprachen), dass Schlomo als Halbwüchsiger den Thron bestieg. Und David sagt vor seinem Tod zu ihm: „Du, Söhnchen Schlomo, wirst früh erwachsen werden müssen, früh zum Mann werden müssen, denn auf deinen Schultern wird das Königtum liegen. Du musst ein Mann werden, um Israel zu regieren.“ Und das Erste, was David zu Schlomo sagt: „Werde erwachsen, werde ein Mann.“ 


וְשָׁמַרְתָּ אֶת־מִשְׁמֶרֶת יְהוָה אֱלֹהֶיךָ לָלֶכֶת בִּדְרָכָיו לִשְׁמֹר חֻקֹּתָיו מִצְוֹתָיו וּמִשְׁפָּטָיו וְעֵדְוֹתָיו

weschamarta et mischmeret adonaj elohecha lalechet bidrachaw lischmor chukkotaw mizwotaw umischpataw we'edotaw

3 Und bewahre das, was dir der HERR, dein Gott, anvertraut hat, Geh auf seinen Wegen (das heißt, die Ziele, die du dir setzt, die Adressen, zu denen du gehst, müssen dem Plan des Höchsten entsprechen), Halte seine Gesetze, seine Anordnungen, seine Gerichte, seine Zeugnisse… 

חֻקֹּתָיו (Gesetze) – das Wort chok – etwas, das wir nicht verstehen, aber annehmen. Es gibt bestimmte Gebote, deren Sinn uns unverständlich und unzugänglich ist, aber wir wissen, dass Der, Der sie uns gegeben hat, weiser ist als wir, deshalb halten wir diese Gebote. Diese Gebote gehören zur Kategorie chok. מִצְוֹתָיו (mizwotaw) – Anordnungen, zaw ist ein Befehl. Mizwá – Anordnung. Anordnungen sind das, was die Beziehung zwischen dem Menschen und dem Höchsten betrifft. Zum Beispiel Schabbat, der Zehnte, Kaschrut, Reinheit der Familie und anderes. וּמִשְׁפָּטָיו (umischpatáw) – Seine Gerichte. Gerichte sind das, was die Beziehung des Menschen zu seinem Nächsten betrifft. Das Wort lischpót, schipút – das ist die Fähigkeit zu urteilen. Schofét – das ist der Richter, der, der wiederum zu richten, zu urteilen versteht, der, der das richtige Verhalten in Heiligkeit gegenüber seinem Nächsten wählen kann. Also muss man die Satzungen des Höchsten halten, Seine Gebote Ihm gegenüber, die Gesetze, die Beziehungen in der Gesellschaft und עֵדְוֹתָיו (edotáw) – Seine Zeugnisse. Das, was wir tun, das, was wir halten, halten wir nicht einfach um des Haltens willen, wir sind auch in vielem dazu eingesetzt, Ihm Zeugen zu sein. Bestimmte Gebote, bestimmte Züge unseres Charakters, das, was wir erreichen, die Art, wie wir leben, sollen den anderen Völkern ein Zeugnis davon sein, Wer der Höchste ist, wie Er ist und was Er in seinem Volk tut. Das ist das, woran man sich, wie David zu Schlomo sagt, halten muss. 

 כַּכָּתוּב בְּתוֹרַת מֹשֶׁה לְמַעַן תַּשְׂכִּיל אֵת כָּל־אֲשֶׁר תַּעֲשֶׂה וְאֵת כָּל־אֲשֶׁר תִּפְנֶה שָׁם׃

kakkatuw betorat mosche lema'an taskil et kol ascher ta'asse we'et kol ascher tifne scham

…Wie das alles in der Tora Mosches geschrieben ist, damit du Erfolg hast in allem, was du tust, und in allem, dem du dich zuwendest (wohin du dich wendest). 

Manchmal fängt ein Mensch irgendein Vorhaben an. Er weiß nicht, ob dieses Vorhaben von Gott ist, ob er es wirklich richtig tut. Und hier sagt David zu Schlomo: „Wenn du allem folgst, was ich sage, dann werden auch alle deine Unternehmungen erfolgreich sein.“ Das heißt, du wirst kein Vorhaben anpacken, das dem Höchsten nicht gefällt. 

לְמַעַן יָקִים יְהוָה אֶת־דְּבָרוֹ אֲשֶׁר דִּבֶּר עָלַי לֵאמֹר אִם־יִשְׁמְרוּ בָנֶיךָ אֶת־דַּרְכָּם לָלֶכֶת לְפָנַי בֶּאֱמֶת בְּכָל־לְבָבָם וּבְכָל־נַפְשָׁם לֵאמֹר לֹא־יִכָּרֵת לְךָ אִישׁ מֵעַל כִּסֵּא יִשְׂרָאֵל׃

lema'an jakim adonaj et dwaro ascher dibber alaj lemor im jischmeru wanecha et darkam lalechet lefanaj be'emet bechol lewawam uwechol nafscham lemor lo jikkaretDie russische Umschrift hat bei diesem Wort eine zusätzliche Endsilbe, die im Hebräischen nicht steht. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text. lecha isch me'al kisse jisrael

4 damit der HERR den Schwur erfülle, den er zu mir gesprochen hat, indem er sagte: „Wenn deine Söhne ihren Weg bewahren, um vor mir in Wahrheit zu wandeln, mit ihrem ganzen Herzen und mit ihrer ganzen Seele, – dann schwor Gott und sprach: nicht wird dein Nachkomme vom Thron in Israel verschwinden.“ 

Wenn du all dies Gesagte halten wirst und deine Nachkommen es halten werden, dann wird sich der Schwur des HERRN erfüllen, dass unser Same, unser Geschlecht den Thron Israels nicht verlassen wird. Das gibt David Schlomo als Unterweisung, das ist eine allgemeine Unterweisung darüber, wie man leben und wie man regieren soll. 

Und weiter folgt eine Liste von Aufgaben, eine Liste einzelner Angelegenheiten. 


וְגַם אַתָּה יָדַעְתָּ אֵת אֲשֶׁר־עָשָׂה לִי יוֹאָב בֶּן־צְרוּיָה אֲשֶׁר עָשָׂה לִשְׁנֵי־שָׂרֵי צִבְאוֹת יִשְׂרָאֵל לְאַבְנֵר בֶּן־נֵר וְלַעֲמָשָׂא בֶן־יֶתֶר וַיַּהַרְגֵם וַיָּשֶׂם דְּמֵי־מִלְחָמָה בְּשָׁלֹם

wegam atta jadata et ascher assa li jo'aw ben zruja ascher assa lischnej sarej ziwot jisrael le'awner ben ner wela'amassa wen jeter wajahargem wajassem dmej milchama beschalom

5 Auch weißt du, was mir Jo'aw, der Sohn Zerujas, angetan hat, was er mit den zwei Befehlshabern der Heere in Israel gemacht hat, mit Awner, dem Sohn Ners, und mit Amasa, dem Sohn Jeters, und er hat sie getötet, und er hat das Blut des Krieges seiner Verbündeten vergossen… 

Das heißt, anstatt die zu töten, die gegen uns Krieg führen, hat er das Blut der Verbündeten vergossen. Man kann es auch anders sagen: Er handelte in Friedenszeiten wie im Krieg. Und damit hat er sich mit Blut befleckt. 

וַיִּתֵּן דְּמֵי מִלְחָמָה בַּחֲגֹרָתוֹ אֲשֶׁר בְּמָתְנָיו וּבְנַעֲלוֹ אֲשֶׁר בְּרַגְלָיו׃

wajitten dmej milchama bachagorato ascherIn der russischen Umschrift ist das erste „ascher“ verschrieben. Die deutsche Umschrift folgt dem hebräischen Text. bematnaw uwena'alo ascher beraglaw

…und befleckte mit dem Blut des Krieges den Gürtel, der an seinen Lenden ist, und die Schuhe, die an seinen Füßen sind. 

Darüber gibt es viele Midraschim. Darauf werden wir nicht eingehen. Man kann einfach sagen: Jo'aw ben Zruja hat sich mit Blut befleckt. 

David verschweigt hier noch einen weiteren Mord, den Jo'aw ben Zruja beging, als er den Sohn Davids tötete – Awschalom. Warum spricht David nicht davon? Wir werden versuchen nachzudenken.

Was ist das denn für ein Mensch? Wir lesen von ihm, dass er Heerführer des ganzen Heeres Davids war. Wir lesen davon mehrmals im 2. Buch Schmu'el (8,16 und 20,23), davon, dass Jo'aw über das ganze Heer gesetzt war. Jo'aw zeigte gewaltiges Heldentum. Wir lesen davon im 1. Buch Diwre haJamim (11,6): „Und David sagte: „Wer als Erster die Jebusiter schlägt, der wird sein Haupt und Anführer sein (das heißt Haupt der Armee in Jerusalem). Und Jo'aw ben Zruja zog als Erster hinauf und wurde sein Haupt.“ Das heißt, man kann sagen, dass Jo'aw ben Zruja ein Mitstreiter, ein Kampfgefährte Davids ist, ein Kriegsheld mit Kriegsauszeichnungen. Sehr früh schloss er sich David an. Zruja ist die Halbschwester König Davids, und ihre Kinder werden nach dem Namen der Mutter genannt (ein für die Beschreibung seltener Fall, was darauf hinweist, was für eine starke, willensstarke Frau sie war). Er ist ein naher Verwandter Davids, er schloss sich an, weil Scha'ul anscheinend die Verwandten Davids verfolgte. 

Jo'aw hatte einen Bruder namens Asa'el. Während eines Zusammenstoßes mit Awner, als Awner noch ein Feind Davids war und auf der Seite Scha'uls stand, ereignete sich während des Kampfes folgende Geschichte: „Und Asa'el (das ist der Bruder Jo'aws) jagte Awner nach und wich weder nach rechts noch nach links von den Spuren Awners. Awner blickte sich um und sagte: „Bist du das, Asa'el?“ Und jener sagte: „Ich.“ Und Awner sagte zu ihm: „Biege nach rechts oder nach links ab, und pack dir einen von diesen jungen Männern, und nimm dir seine Rüstung.“ Das heißt, Awner sagte zu ihm: „Rühr mich nicht an, jag jemand anderem nach, warum jagst du ausgerechnet mir nach?“ Aber Asa'el wollte nicht von ihm ablassen. Und wieder sagte Awner zu Asa'el: „Lass von mir ab, wozu soll ich dich tot zu Boden strecken, und wie soll ich mich danach Jo'aw, deinem Bruder, zeigen?“ Aber jener wollte nicht ablassen. Und Awner schlug ihn mit dem hinteren Ende des Speers in den Bauch, und der Speer ging durch ihn hindurch, und er fiel dort und starb an derselben Stelle. Und es geschah: Jeder, der an die Stelle kam, wo Asa'el gefallen und gestorben war, blieb stehen.“ Natürlich zog der Leichnam Asa'els die Aufmerksamkeit der Leute auf sich, alle wussten, wessen Bruder er war, alle kannten diesen Menschen, und das verlangsamte den Verlauf der Schlacht. Wie heute, wenn es einen Unfall auf der Straße gibt, die Schaulustigen stehen bleiben, so blieben auch die Leute, die in den Kampf zogen, stehen und schauten auf Asa'el. 

„Und Jo'aw und Awischaj jagten Awner nach. Die Sonne war schon untergegangen, als sie zum Hügel Amma kamen, der gegenüber von Gech liegt, auf dem Weg zur Wüste von Giwon. Und die Binjaminiten sammelten sich hinter Awner und bildeten eine Schar und stellten sich auf den Gipfel des Hügels. Und Awner rief Jo'aw zu und sagte: „Soll das Schwert ewig töten? Weißt du nicht, dass die Folgen bitter sein werden? Und wie lange willst du den Leuten nicht sagen, dass sie aufhören sollen, ihre Brüder zu verfolgen?“ Und Jo'aw sagte: „So wahr Gott lebt, und wenn du nicht gesprochen hättest, dann hätte schon vom Morgen an jeder dieser Männer aufgehört, seinen Bruder zu verfolgen.“ Und Jo'aw blies den Schofar, und das ganze Volk blieb stehen, und sie verfolgten Israel nicht mehr und kämpften nicht mehr.“ 

Es gab einen Kampf, in dem Asa'el, der Bruder Jo'aws, ausgerechnet Awner verfolgte, entschlossen, gerade ihn zu töten. Aber Awner tötete Asa'el, obwohl er ihn mehrmals gewarnt hatte. Dann, am Ende des Tages, rief Awner Jo'aw mit Frieden an, Jo'aw blies den Schofar, und der Friede wurde wiederhergestellt. 

Nach einiger Zeit geht Awner auf die Seite Davids über. Wir lesen Folgendes: „Awner kam zu David nach Chewron, und mit ihm 20 Mann. Und David veranstaltete ein Festmahl für Awner und für die Leute, die bei ihm waren. Und Awner sagte zu David: „Ich will mich aufmachen und gehen und will zu meinem Herrn, dem König, alle Israeliten versammeln, und sie werden mit dir ein Bündnis schließen, und du wirst regieren nach dem Willen deiner Seele.“ Und David entließ Awner, und er ging in Frieden. Und siehe, die Knechte Davids und Jo'aw kamen von einem Feldzug und brachten reiche Beute mit. Awner aber war nicht bei David in Chewron, denn er hatte ihn entlassen, und er war in Frieden gegangen. Als Jo'aw kam und sein ganzes Heer mit ihm, erzählte man ihm, dass Awner, der Sohn Ners, zum König gekommen sei, und dieser habe ihn entlassen, und er sei in Frieden gegangen.“ Also schloss Awner ein Bündnis mit David, als das Heer Davids irgendwo in Kämpfen war, für David kämpfte. Als Jo'aw kommt, erfährt er, dass Awner hier mit David gefeiert hat und David ihn ruhig entlassen hat. „Und Jo'aw kam zum König und sagte: „Was hast du getan? Awner ist zu dir gekommen. Warum hast du ihn denn entlassen, und er ist gegangen? Du kennst doch Awner, den Sohn Ners. Er ist gekommen, um dich zu betören, um dein Ausgehen und dein Eingehen auszukundschaften, um alles zu erkunden, was du tust.“ Und Jo'aw ging von David hinaus und sandte Boten Awner nach. Und sie brachten ihn vom Bor haSira zurück. David aber wusste das nicht. Und als Awner nach Chewron zurückkehrte, führte Jo'aw ihn ins Innere des Tores, um leise mit ihm zu reden. Und dort schlug er ihn in den Bauch. Und jener starb für das Blut Asa'els, des Bruders Jo'aws. Und David hörte davon und sagte: „Unschuldig bin ich und mein Königreich vor dem HERRN am Blut Awners, des Sohnes Ners.“ 

Im Großen und Ganzen ist die Geschichte verständlich. Jo'aw erfährt, anscheinend nach jenem Kampf, dass Awner seinen Bruder getötet hat. Jetzt kommt Awner, schließt ein Bündnis, und nicht genug damit, dass er ein Bündnis mit David schließt, es besteht die ernste Gefahr, dass jetzt anstelle von Jo'aw dieser Mörder seines Bruders Heerführer wird und Jo'aw sich ihm unterordnen muss. Und Jo'aw hat natürlich Angst. Außerdem ist es möglicherweise die vollkommenste Wahrheit, dass Jo'aw ein David ergebener Kämpfer ist. Und er denkt tatsächlich, dass dieser Awner nicht ehrlich mit David ein Bündnis eingehen kann. Und deshalb beschließt er, auf seine Weise für den König zu entscheiden und zugleich seinen Bruder zu rächen, und tötet Awner. David ist davon erschüttert, wendet sich an den HERRN und sagt: „Ich bin rein von diesem Blut, ich habe davon wirklich nichts gewusst.“ Vor dem Tod sagt er, wie wir sehen, zu Schlomo: „Was Jo'aw ben Zruja mir getan hat.“ Warum mir? Weil diese Leute – sowohl Awner als auch Amassa (von denen wir noch lesen werden) – tatsächlich Gesandte Davids waren, sie waren damit beschäftigt, Aufträge Davids auszuführen. Und deshalb: Wer etwas gegen sie getan hat, der hat auch etwas gegen David getan. 

Der zweite Heerführer, von dem David hier spricht, ist Amassa ben Jeter. Der König sandte ihn mit einem bestimmten Auftrag, Leute zu sammeln, gab ihm drei Tage Frist. Amassa schaffte es in diesen drei Tagen nicht. Und der König, der sich andere Aufträge ausdachte, sandte unter anderem Jo'aw ben Zruja. Und unterwegs trifft Jo'aw ben Zruja und seine Armee, seine Gruppe von Leuten, auf Amassa, und auf hinterlistige Weise, indem er die Scheide fallen lässt, beugt sich Jo'aw ben Zruja hinab, als wolle er den Bart Amassas küssen. Er stößt ihm das Messer unter die fünfte Rippe, und auch Amassa kommt um. Er kommt hier um, anscheinend weil Jo'aw ben Zruja wieder ganz aufrichtig in dieser Verzögerung Amassas, in dem, was Amassa tut, Sabotage und Verrat sieht. Und deshalb tötet er ihn, und derjenige, der Amassa begleitete, sagt sofort: „Wir sind für David, und wir sind für Jo'aw.“ Das heißt, diese seine Handlung findet Unterstützung in den Massen. Tatsächlich denkt nicht er allein so, dass Amassa wegen seiner Verzögerung ein Verräter und Saboteur ist. Das ist der zweite Fall, in dem David jemanden mit einer Mission sendet. Jo'aw ben Zruja – ein treuer Diener, ein treuer Verbündeter Davids – nimmt zu viel auf sich und tötet als Folge den, den man nicht töten darf, und befleckt dadurch wieder die Ehre, befleckt die Würde Davids. 

Dabei sehen wir in allen Texten (wenn der Tanach von Jo'aw ben Zruja spricht), dass dieser Mensch gewaltige Popularität im Heer und im Volk genießt. Ein entschlossener Mensch, der sich zu irgendwelchen ungewöhnlichen Handlungen entschließt. Ein Mensch mit einem Haufen Verdienste, und im Schatten Davids ist er vielleicht nicht so maßgeblich, und seine Autorität bedroht David nicht. Mit Schlomo kann eine völlig andere Geschichte geschehen. Höchstwahrscheinlich ist David klar, dass ein so angesehener, entschlossener, erfahrener Krieger und Politiker wie Jo'aw ben Zruja ein ernster Gegner für Schlomo sein wird und dass er, solange Jo'aw ben Zruja lebt, nicht die Autorität erlangen wird, die er erlangen muss, da er doch im Schatten von Jo'aw ben Zruja steht, im Schatten des erfahrenen Haudegens, des Helden, der zugleich ein spontaner und unkontrollierbarer Mensch ist. Und deshalb geht es hier möglicherweise nicht um Rache. Denn wenn es um die persönliche Rache Davids ginge, dann hätte David vor allem, wie wir gesagt haben, Awschalom erwähnt, seinen Sohn, den Jo'aw getötet hat. Aber David spricht von den Heerführern, David spricht davon, dass Jo'aw ben Zruja eine solche Neigung hat – die Macht an sich zu reißen, die Macht in seine Hände zu nehmen. Und er hat bereits ein Bündnis mit Adonijahu geschlossen, dem Bruder Schlomos und seinem Rivalen im Kampf um den Thron. Deshalb sagt er zu Schlomo: 


וְעָשִׂיתָ כְּחָכְמָתֶךָ וְלֹא־תוֹרֵד שֵׂיבָתוֹ בְּשָׁלֹם שְׁאֹל׃

we'assita kechachmatecha welo tored sejwato beschalom sche'ol

6 Du aber handle nach deiner Weisheit und lass sein graues Haar nicht in Frieden in die Unterwelt hinabsteigen. 

David sagt: „Du bist ein kluger Junge, lass dir etwas einfallen, finde irgendeinen Vorwurf, finde irgendeinen Vorwand gegen Jo'aw ben Zeruja, finde etwas, wofür du ihn umbringen kannst, lass ihn nicht in Ruhe alt werden, denn er wird dir ein Rivale sein. Mach du es so nach deiner Weisheit.“ Das ist die erste Anweisung aus der persönlichen Liste von Aufgaben, die David seinem Sohn Schlomo gibt. 

Es ist natürlich sehr schwer, David hier zu rechtfertigen, und ein Teil dieser Aufträge wirkt einfach wie eine solche menschliche Rache. Nun ja! David ist natürlich ein Mensch, und vielleicht ist das eine Lehre für uns, dass er bis zum Ende seines Lebens ein Mensch bleibt. Irgendwelche menschlichen Eigenschaften, darunter auch das Nachtragendsein, sind ihm eigen. Man kann und muss sich daran erinnern, dass es auch ein solches Verständnis gibt. 

Zugleich kann man auch eine politische Sorge sehen oder, sagen wir, gemischte Gefühle, und die Sorge um die Zukunft Schlomos, und den gegen Jo'aw ben Zeruja angestauten Groll. Und hier nun der zweite Auftrag. 


וְלִבְנֵי בַרְזִלַּי הַגִּלְעָדִי תַּעֲשֶׂה־חֶסֶד וְהָיוּ בְּאֹכְלֵי שֻׁלְחָנֶךָ כִּי־כֵן קָרְבוּ אֵלַי בְּבָרְחִי מִפְּנֵי אַבְשָׁלוֹם אָחִיךָ׃

uliwnej warsillaj haggil'adi ta'asse chessed wehaju be'ochlej schulchanecha ki chen karwu elaj bewarchi mippnej awschalom achicha

7 Den Söhnen Barsillajs aber (Barsillaj der Gil'aditer) erweise Güte, Und sie sollen unter denen sein, die von deinem Tisch essen, denn sie standen mir nahe in der Zeit, als ich vor deinem Bruder Awschalom floh. 

Und tatsächlich, als David mit seinen Leuten vor Awschalom flieht, lesen wir: „Und es geschah, als David nach Machanajim kam, da brachten Schowe, der Sohn Nachaschs aus dem ammonitischen Rawa, und Machir, der Sohn Amiels aus Lo-Dewar, und Barsillaj der Gil'aditer aus Rachli Betten und Schüsseln, Tongeschirr und Weizen und Gerste und Mehl und getrocknete Ähren und Bohnen und Linsen, ebenfalls getrocknete, und Honig und Öl und Schafe und Käse aus Kuhmilch (das heißt, diese Leute brachten sehr viel Essen) zu David und den Leuten, die bei ihm waren, zur Speise, denn sie sagten: ‚Das Volk ist hungrig und erschöpft und vom Durst gequält in der Wüste‘“. Diese wenigen Leute, unter ihnen Barsillaj aus Gil'ad, beschlossen, den Leuten Davids, die sehr zahlreich waren, Güte zu erweisen, und brachten ihnen ziemlich viel Essen, ohne zu geizen, brachten verschiedenartiges Essen.

Nachdem die ganze tragische Geschichte mit Awschalom zu Ende war, als David über den Jordan setzt, lesen wir folgende Geschichte. „Und Barsillaj der Gil'aditer kam herab aus Raglim und ging als Zweiter über den Jordan, um ihn über den Jordan zu geleiten. (Das heißt, Barsillaj erweist David außerdem noch Ehre, erweist ihm Achtung und geht mit ihm über den Jordan.) Barsillaj aber war sehr alt, achtzig Jahre alt, und er hatte den König versorgt während der ganzen Zeit seines Aufenthalts in Machanajim, denn er war ein sehr reicher Mann. Und der König sagte zu Barsillaj: ‚Komm mit mir, und ich werde dich bei mir in Jeruschalajim versorgen.‘ Aber Barsillaj sagte zum König: ‚Wie viele Jahre bleiben mir noch zu leben, dass ich mit dem König nach Jeruschalajim gehen sollte? Achtzig Jahre bin ich heute. Kann ich denn Gutes von Schlechtem unterscheiden? (Hier wörtlich das Erkennen von Gut und Böse, wie im Buch Bereschit.) Wird dein Knecht den Geschmack dessen spüren, was er essen, und dessen, was er trinken wird? Soll ich denn noch die Stimmen der Sänger und Sängerinnen hören? Und wozu soll dein Knecht meinem Herrn, dem König, zur Last fallen? Nur deshalb, weil dein Knecht über den Jordan geht. Wofür sollte der König mich mit einer solchen Belohnung belohnen? Lass mich doch zurückkehren, und ich werde in meiner Stadt sterben, beim Grab meines Vaters und meiner Mutter. Aber siehe, dein Knecht Kimam (hier spricht er von seinem Sohn), er soll mit meinem Herrn, dem König, ziehen, und tu mit ihm, was dir gefällt.‘ Und der König sagte: ‚Kimam soll mit mir gehen, und ich werde für ihn tun, was dir gefällt, und alles, was du auch von mir wünschst, werde ich für dich tun.‘“ David versteht es, dankbar zu sein, und er nimmt die Bitte Barsillajs des Gil'aditers an und sagt: „Dein Sohn Kimam ist mein ewiger Gast, ich werde ihn ewig versorgen und mit allem Notwendigen ausstatten.“ Und dieses Gebot, diesen Auftrag gibt er auch an seinen Sohn Schlomo weiter. 

Einer der drei persönlichen Aufträge, die David Schlomo in der Stunde vor seinem Tod gibt, ist, dankbar zu sein für Gutes, die Dankbarkeit für einst erwiesenes Gutes in den folgenden Generationen zu bewahren. Schon der Sohn Davids wird vielleicht den Nachkommen Barsillajs des Gil'aditers dadurch Gutes tun, dass sie von seinem Tisch essen werden. Nicht nur das Böse im Gedächtnis behalten, sondern auch das Gute. Das ist die zweite Sache, der zweite Auftrag auf der Liste. 

Und wieder kann man fragen: Nun, und wie steht es dann mit Jo'aw ben Zeruja? Dieser Mensch hat doch eine riesige Menge an Verdiensten, er hat viel Gutes für David getan, und man kann sagen, dass David in vielem, in der materiellen Welt, ihm sein Königtum verdankt. Es ist sein Verdienst, dass David König wurde. Warum denn eine solche Undankbarkeit gegenüber Jo'aw ben Zeruja? Weil es bei seinem aufbrausenden Charakter, bei seiner Unbeherrschtheit und dabei, dass er beschlossen hat, sich auf die Seite Adonijahus zu stellen, für David keinen Ausweg gibt. Keinen besonderen Ausweg, wenn er versteht, dass der Wille des Höchsten darin besteht, dass Schlomo König wird. Um das Königtum Schlomos zu bewahren, hat David keinen anderen Ausweg, als nach Wegen zu suchen, Schlomo zu beauftragen, nach Wegen zu suchen, Jo'aw umzubringen. 

וְהִנֵּה עִמְּךָ שִׁמְעִי בֶן־גֵּרָא בֶן־הַיְמִינִי מִבַּחֻרִים וְהוּא קִלְלַנִי קְלָלָה נִמְרֶצֶת בְּיוֹם לֶכְתִּי מַחֲנָיִם וְהוּא־יָרַד לִקְרָאתִי הַיַּרְדֵּן וָאֶשָּׁבַע לוֹ בַיהוָה לֵאמֹר אִם־אֲמִיתְךָ בֶּחָרֶב׃

wehinne immecha schim'i wen gera wen hajemini mibbachurim wehu kilelani klala nimrezet bejom lechti machanaim wehu jarad likrati hajarden wa'eschawa loIn der russischen Umschrift fehlt das Wort „lo“ (ihm), das im hebräischen Text steht. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen. waadonaj lemor im amitecha becharew

8 Und siehe, bei dir ist auch noch Schimi ben Gera, der Sohn haJemini aus der Stadt Bachurim. Und er hat mich mit einem schweren Fluch verflucht, als ich durch Machanajim zog. Und er kam (danach) zu mir herab an den Jordan, und ich schwor ihm beim HERRN und sprach: „Du wirst nicht durch das Schwert sterben“ (und ich schwor ihm beim HERRN, dass ich ihn nicht mit dem Schwert töten werde).

Das ist die Geschichte von Schimi ben Gera. „Und als David nach Bachurim kam, siehe, da kam von dort ein Mann aus dem Geschlecht Scha'uls heraus, mit Namen Schimi ben Gera. Er kam heraus und lästerte und warf Steine auf David und auf alle Knechte des Königs David. Das ganze Volk aber und alle Helden Davids waren zu seiner Rechten und zu seiner Linken (das heißt, sie schützten David). Und so sprach Schimi, indem er lästerte: ‚Hinaus, hinaus mit dir, du Mörder und Schurke. Der HERR hat alles Blut des Hauses Scha'uls gegen dich gewendet, an dessen Stelle du König geworden bist. Und der HERR hat dein Königtum in die Hände Awschaloms, deines Sohnes, gegeben, und siehe, du bist im Unglück, denn du bist ein Mörder.‘ Und Awischaj, der Sohn Zerujas, sagte zum König (wieder sehen wir einen Sohn Zerujas – das ist der Bruder Jo'aws, des Sohnes Zerujas): ‚Warum schmäht dieser tote Hund meinen Herrn? Erlaube, ich gehe hin und nehme ihm den Kopf ab.‘ Und der König sagte: ‚Was habe ich mit euch zu schaffen, ihr Söhne Zerujas? Soll er schmähen. Gewiss hat der HERR ihm befohlen, David zu schmähen. Wer kann denn sagen: Warum tust du so?‘ Und David sagte zu Awischaj und zu allen seinen Knechten: ‚Siehe, wenn mein Sohn, der aus meinem Leib hervorgegangen ist, mir nach der Seele trachten kann, um wie viel mehr jetzt dieser Binjaminiter. Lasst ihn, soll er schmähen. Gewiss hat der HERR es ihm befohlen. Vielleicht wird der HERR meine Erniedrigung ansehen, und der HERR wird mit Gutem vergelten für seine heutigen Lästerungen.‘ Und David und seine Leute gingen ihres Weges, und Schimi ging an der Seite des Berges ihm gegenüber und lästerte und warf Steine auf ihn und bewarf ihn mit Staub.“

Verständlich: David ist in Verfolgung, wird gejagt, mit einer kleinen Gruppe von Leuten zieht er durch die Stadt Bachurim, und da kam ein Mann namens Schimi ben Gera und verhöhnt ihn. Es ist sehr schwer, sich vorzustellen, wie schwer es David ums Herz ist. Er ist gezwungen, vor seinem Sohn zu fliehen. Sein Volk ist gespalten, auch seine Seele ist gespalten, und er sorgt sich um den Sohn und sagt: „Geht doch sanfter mit meinem Sohn um.“ Andererseits versteht er das ganze Grauen dessen, was sein Sohn getan hat, und David versteht, dass es offenbar irgendwelche Schwierigkeiten in seinem Verhältnis zum Schöpfer gibt und dass vielleicht der Schöpfer selbst diese ganze Situation für ihn schafft. Deshalb ist vor diesem ganzen Hintergrund das, was Schimi ben Gera tut, schon nicht so schmerzhaft wie alles andere, was ringsum geschieht.

Als alles so endet, wie es endet, setzt David wieder über den Jordan. Wir haben gesehen, dass Barsillaj aus Gilad kam und was mit ihm geschah. Es kam auch Schimi ben Gera. „Als die Fähre übersetzte, um das Haus des Königs hinüberzubringen und seinen Willen zu tun, fiel Schimi, der Sohn Geras, vor dem König nieder, als dieser über den Jordan setzen sollte, und er sagte zum König: ‚Rechne mir die Schuld nicht an, mein Herr, und gedenke nicht dessen, womit dein Knecht gesündigt hat an dem Tag, als mein Herr aus Jeruschalajim auszog, und nimm dir das nicht, König, zu Herzen, denn ich, dein Knecht, weiß, dass ich gesündigt habe. Und siehe, heute bin ich als Erster vom ganzen Haus Josefs gekommen, um meinem Herrn entgegenzugehen.‘ Und Awischaj, der Sohn Zerujas, antwortete und sagte: ‚Soll etwa nur deshalb Schimi nicht getötet werden, der den Gesalbten des HERRN geschmäht hat?‘ Awischaj, der Sohn Zerujas (wieder ein Sohn Zerujas, die Söhne Zerujas – das sind wilde Burschen), sagt: ‚Willst du ihm etwa nur deshalb vergeben?‘ Und David sagte: ‚Was habe ich mit euch zu schaffen, ihr Söhne Zerujas, dass ihr mir heute hinderlich seid? Soll heute ein Mensch in Israel getötet werden? Ich weiß doch, dass ich heute König über Israel bin.‘ Und er sagte zu SchimiDer russische Satz kann sowohl „Schimi sagte“ als auch „er sagte zu Schimi“ bedeuten, weil der Name dort nicht gebeugt wird. Übersetzt ist nach der Bibelstelle, in der der König zu Schimi spricht.: ‚Du wirst nicht sterben.‘ Und der König schwor.“ David sagt: „Heute ist ein Fest, ich habe gesiegt, ich weiß jetzt auch so, dass ich König bin. Was soll das jetzt, was macht es für einen Unterschied, wie und wann dieser Mensch mich da verflucht hat? Lasst uns das Fest nicht verderben.“

Aber die Verwirrung Davids, der vor Awschalom flieht, und das Fest Davids, der den Sieg feiert, sind zu Ende. Und König Schlomo übernimmt das Königtum, ihn erwartet der königliche Alltag. Vielleicht erinnert sich David deshalb an jene Geschichte und will hier doch Vergeltung. Wieder: Das ist sehr schwer zu verstehen und anzunehmen, wenn man nicht versteht und nicht annimmt, dass David ein Mensch ist wie wir, und er hat seine menschlichen Eigenschaften.

Wieder sagt David zu Schlomo:


וְעַתָּה אַל־תְּנַקֵּהוּ כִּי אִישׁ חָכָם אָתָּה וְיָדַעְתָּ אֵת אֲשֶׁר תַּעֲשֶׂה־לּוֹ וְהוֹרַדְתָּ אֶת־שֵׂיבָתוֹ בְּדָם שְׁאוֹל׃

we'atta al tenakkehu ki isch chacham atta wejadata et ascher ta'asse lo wehoradta et sejwato bedam scheol

9 Du aber lass ihn nicht rein davonkommen, denn du bist weise (du wirst finden, woran du dich festhalten kannst), Du wirst finden, du wirst wissen, was du mit ihm tun sollst. Und blutig wird sein graues Haar in den Scheol (in die Unterwelt) hinabgehen.

Das ist das Ende der Liste der Angelegenheiten, der privaten Angelegenheiten, die David Schlomo vermacht. Jo'aw ben Zeruja, der vernichtet werden muss, die Söhne Barsillajs, die am Tisch des Königs versorgt werden müssen, Schimi ben Gera, den man ebenfalls vernichten muss. Es ist schwer, irgendwie von außen zu beurteilen, worum David in seiner letzten Stunde Schlomo in Bezug auf Jo'aw ben Zeruja bittet. Wir haben gesagt, dass das vielleicht eine politische Notwendigkeit ist. Mit den Söhnen Barsillajs ist alles klar, mit Schimi ben Gera ist alles schwieriger. Aber vielleicht hat das David wirklich lange Jahre zerfressen, ihn band ein Schwur, und hier bittet er Schlomo, für ihn abzurechnen, in Anbetracht dessen, in welcher Lage, in welchem Zustand er den Schlag von Schimi ben Gera erhalten hat.


וַיִּשְׁכַּב דָּוִד עִם־אֲבֹתָיו וַיִּקָּבֵר בְּעִיר דָּוִד׃

wajischkaw dawid im awotaw wajikkawer be'ir dawid

10 Und David legte sich zu seinen Vätern. Und er wurde in der Stadt Davids begraben.

וְהַיָּמִים אֲשֶׁר מָלַךְ דָּוִד עַל־יִשְׂרָאֵל אַרְבָּעִים שָׁנָה בְּחֶבְרוֹן מָלַךְ שֶׁבַע שָׁנִים וּבִירוּשָׁלִַם מָלַךְ שְׁלֹשִׁים וְשָׁלֹשׁ שָׁנִים׃

wehajamim ascher malach dawid al jisrael arba'im schana bechewron malach schewa schanim uwiruschalaim malach schloschim weIn der russischen Umschrift steht hier das russische Wort für „und“ statt der hebräischen Vorsilbe. Die deutsche Umschrift folgt dem Hebräischen (we). schalosch schanim

11 Und die Tage, die David über Israel regierte, waren 40 Jahre: In Chewron regierte er 7 Jahre, Und in Jerusalem regierte er 33 Jahre.

וּשְׁלֹמֹה יָשַׁב עַל־כִּסֵּא דָּוִד אָבִיו וַתִּכֹּן מַלְכֻתוֹ מְאֹד׃

uschlomo jaschaw al kisse dawid awiw wattikkon malchuto me'od

12 Schlomo aber setzte sich auf den Thron Davids, seines Vaters, und festigte sein Königtum überaus.

Das ist also so eine Geschichte vom Vermächtnis Davids an seinen Sohn Schlomo.

Lest auch: Wajigasch, Schemot, die zwölf Stämme Israels und die Wochenabschnitte der Tora.

Russisches Original: alexblend.com
Diese Übersetzung wurde mit Unterstützung von KI erstellt und bedarf einer weiteren sprachlichen Bearbeitung und Korrektur durch Muttersprachler.

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    1. 1Wajechi: nicht in Ägypten 47,28–48,900:33
    2. 2Beim Großvater Jaakow (48,10–22) 22:17
    3. 3Der Beginn der Segnungen 49,1–1845:56
    4. 4Jaakows Abschied (49,19–33) 1:25:54
    5. 5Epilog 50,1–261:47:54
    6. 6Über den Schwur Josefs 2:15:43
    7. 7Über die Segnungen 2:21:04
    8. 8Die Segnung der Töchter 2:35:45
    9. 9Der Segen der Söhne 3:01:22
    10. 10Re'uwen – der Erstgeborene Israels 3:21:47
    11. 11Schimon – der zweite Sohn Jaakows 3:58:44
    12. 12Der Segen Jehudas 4:29:32
    13. 13Jissachar, mein Sohn, du bist ein Esel 4:38:23
    14. 14Das Rätsel des Stammes Dan 4:49:45
    15. 15Haftara. (1. Melachim 2,1–12) 5:14:57

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